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Transparenzportale in der Entwicklungszusammenarbeit: Mehr Wirksamkeit und bessere Kommunikation?

Janus, Heiner,Röthel, Tim

Abstract

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Janus, Heiner; Röthel, Tim Research Report Transparenzportale in der Entwicklungszusammenarbeit: Mehr Wirksamkeit und bessere Kommunikation? IDOS Policy Brief, No. 20/2025 Provided in Cooperation with: German Institute of Development and Sustainability (IDOS), Bonn Suggested Citation: Janus, Heiner; Röthel, Tim (2025) : Transparenzportale in der Entwicklungszusammenarbeit: Mehr Wirksamkeit und bessere Kommunikation?, IDOS Policy Brief, No. 20/2025, German Institute of Development and Sustainability (IDOS), Bonn, https://doi.org/10.23661/ipb20.2025 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/329924 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Heiner Janus & Tim Röthel Zusammenfassung Transparenzportale in der Entwicklungspolitik dienen zwei Kernfunktionen: Rechenschaftslegung gegenüber einem Fachpublikum und Kommunikation mit der breiteren Öffentlichkeit. In diesem Policy Brief zeigen wir anhand eines internationalen Vergleichs, wie Transparenzportale diesen Anforderungen besser gerecht werden können. Geber verfolgen das Ziel höherer Transparenz im Zuge einer umfassenderen Wirksamkeitsagenda. Im Sinne dieser internationalen Agenda soll Transparenz das Lernen befördern, die Vorhersagbarkeit für Partnerländer verbessern, Korruption bekämpfen und Rechenschaftspflichten erfüllen. Insgesamt können diese Faktoren zu einer höheren entwicklungspolitischen Wirksamkeit beitragen. Außerdem erhoffen sich Geber, dass ihre Arbeit mehr Zustimmung erfährt. Indem detaillierte Informationen zur Verfügung gestellt werden, soll die Fachöffentlichkeit die Qualität von Entwicklungsprojekten besser bewerten können. Es soll ein Lernund Verbesserungsprozess angestoßen werden und die breite Öffentlichkeit soll sich davon überzeugen können, dass Steuergelder wirksam eingesetzt werden. Die Bürger*innen können über die Portale Projektinhalte nachvollziehen und sich ein eigenes Bild machen. Aktuelle Debatten lassen jedoch auf komplexere Dynamiken schließen. Das Projekt „Radwege in Peru“ wurde in der deutschen Öffentlichkeit skandalisiert. Im Kontext der Schließung der US-Entwicklungsagentur USAID wurden einzelne Projekte politisiert. Entsprechend können Transparenzportale auch nicht intendierte Folgen auslösen. Wenn etwa Informationen aus dem Zusammenhang gerissen werden, es zu Verständnisproblemen kommt und legitime Kritik an einzelnen Projekten unbeantwortet bleibt. Geber können diese negativen Effekte abmildern, indem sie die Transparenzportale umgestalten. In Zeiten sinkender Zustimmung und Kürzungen der Entwicklungsbudgets sollten sie die Portale dazu nutzen, gezielt zu kommunizieren, und sie sollten mehr Bereitschaft zu einer ehrlicheren Debatte zeigen. Folgende Empfehlungen können dazu beitragen: • Noch mehr Transparenz bei Wirkungsdaten: Obwohl die transparente Berichterstattung über Inhalte und Finanzdaten der Projekte Fortschritte macht, fehlen detaillierte Projektdaten zu Wirkungsmonitoring und -ergebnissen, die u. a. in Wirkungsmatrizen enthalten sind. Mit noch mehr Transparenz könnte hier die entwicklungspolitische Wirksamkeit erhöht werden. • Zusätzliche Investitionen in die Kommunikation: Die nach international vergleichbaren Standards bereitgestellten Informationen müssen aufbereitet werden, da sie für die Bürger*innen nur schwer nachvollziehbar sind. In vielen Geberländern hat ein Großteil der Bevölkerung keine stabile zustimmende oder eine ablehnende Haltung zur Entwicklungszusammenarbeit. Eine zielgruppenorientierte Kommunikation sollte diese Menschen verstärkt ansprechen. • Offenheit für Kritik und Diskurs: In der öffentlichen Debatte wehren sich entwicklungspolitische Akteur*innen oft gegen eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Arbeit. Dabei begegnen sie sowohl pauschaler als auch differenzierter Kritik vielfach mit Abwehr. Informierte Diskussionen aber, die sich auf Projektdaten aus den Portalen stützen, bieten die Chance, unwirksame Projekte offener zu diskutieren und sie im Zweifelsfall durch wirksame Projekte zu ersetzen. IDOS POLICY BRIEF 20/2025 IDOS Policy Brief 20/2025 2 Einleitung: Transparenz in der Entwicklungspolitik Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit für Fahrradwege in Peru (Huser, 2024), ein britischer Zuschuss für eine äthiopische Girlband (BBC, 2017) sowie die vermeintliche Finanzierung von Abtreibungen in Afrika mit Steuergeldern aus den USA (van Dyk, 2023) lösten allesamt kontroverse Debatten zur Entwicklungspolitik in Medien und Politik aus. Online waren auf Transparenzportalen zu den drei Fällen detaillierte Projektinformationen der jeweiligen Geberorganisationen veröffentlicht – der deutschen, der britischen und der US-amerikanischen. Mittels der transparenten Darstellung dieser Informationen kann sich die Öffentlichkeit über Entwicklungsprojekte informieren. Gleichzeitig nutzen voreingenommene Kritiker*innen solche Informationen für ihre einseitige Berichterstattung. Transparenz in der Entwicklungspolitik ist also oft ein Bestandteil, aber nicht notwendigerweise Auslöser einer breiteren gesellschaftspolitischen Politisierung (Hackenesch, Bergmann & Orbi, 2021). In den letzten 15 Jahren haben alle wichtigen Geberländer des Entwicklungsausschusses (Development Assistance Committee – DAC) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) digitale Transparenzportale eingeführt. Sie sollen die Einhaltung internationaler Standards gewährleisten. 2011 wurde beispielsweise beim multilateralen Treffen zur Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit in Busan vereinbart, Informationen über öffentlich finanzierte Entwicklungsmaßnahmen sowie ihren Beitrag zu Entwicklungsergebnissen öffentlich zugänglich zu machen (OECD, 2011, S. 6). Nach unserer Definition macht Transparenz in der Entwicklungspolitik Vorgänge, Entscheidungen und erbrachte Leistungen für die Öffentlichkeit nachvollziehbar. Viele Geberorganisationen hoffen, dass die öffentlich zugänglichen Informationen über Entwicklungsprojekte nicht nur ihre Wirksamkeit steigern, sondern auch ihre Akzeptanz in der Bevölkerung erhöhen. Transparenzportale sollen das Handeln nachvollziehbar machen und die eigenen Ergebnisse präsentieren. Dies erfolgt im Einklang mit nationalen Gesetzen und rechtlichen Vorgaben zur Umsetzung der elektronischen Verwaltung (E-Government). Darüber hinaus verfolgt Deutschland das Ziel, Transparenz und Rechenschaftspflicht als international anerkannte Prinzipien wirksamer Zusammenarbeit umzusetzen, die effiziente Verwendung öffentlicher Mittel nachzuweisen und Missbrauch und Korruption vorzubeugen (BMZ, 2024). In der Praxis bieten die Portale einen Überblick über das Projektportfolio der einzelnen Geberorganisationen und beleuchten einzelne Projekte. Erkenntnisse aus der Transparenzforschung Aus normativer Sicht gilt Transparenz als Kernelement einer funktionierenden Demokratie. In den letzten Jahrzehnten hat sie in politischen Prozessen an Bedeutung gewonnen. Ein adäquater Zugang zu Informationen ermöglicht es Bürger*innen, faktenbasierte Wahlentscheidungen zu treffen und sich an politischen Prozessen zu beteiligen. Bedingt durch die fortschreitende Digitalisierung sind die Erwartungen der Bürger*innen gestiegen, wenn es um eine transparente Beteiligung an der politischen Entscheidungsfindung geht (Von Lucke & Gollasch, 2022). Transparenzportale können eine positive Signalfunktion übernehmen, da ihre bloße Existenz bereits die gesellschaftliche Unterstützung für das Handeln öffentlicher Organisationen erhöhen kann (Heinzel et al., 2024). Wissenschaftliche Studien über einen Zusammenhang zwischen Transparenz und öffentlichem Vertrauen liefern gemischte Ergebnisse. Die Metaanalyse von Wang und Guan (2023) findet einerseits positive Effekte wie eine verbesserte Regierungsführung, erhöhte Rechenschaftspflicht, weniger Korruption, ein effizienteres Finanzmanagement, eine bessere Bereitstellung von Dienstleistungen und ein höheres Vertrauen im Allgemei- IDOS Policy Brief 20/2025 3 nen. Andererseits kann mehr Transparenz auch zu einer übertriebenen Fokussierung auf kleine Fehler, einer Überladung der Bürger*innen mit Informationen und einer Unsicherheit und Verschlechterung des öffentlichen Verwaltungshandelns führen. Digitale Transparenz ermöglicht beispielsweise eine kostengünstige und leicht zugängliche Bereitstellung von Informationen, fördert aber auch die Verbreitung von unsortierten Informationen und Fehlinformationen. Insgesamt überwiegen den Studien zufolge jedoch die positiven Effekte von Transparenz leicht. Transparenzbestrebungen lassen sich konzeptionell auch aus der Perspektive der Kommunikationstheorie betrachten. Ein klassisches Beispiel hierfür ist das sogenannte Sender-Mittler-Empfänger-Modell (Fenster, 2015). Nach diesem Modell bildet das Transparenzportal einer Geberorganisation den Sender der Information. Die korrekte Übertragung der Information ist jedoch kein Selbstläufer, sondern hängt wesentlich von den Mittlern und Empfängern ab. In diesem Zusammenspiel fungieren sowohl traditionelle als auch soziale Medien als Mittler. Idealerweise bereiten diese die Informationen für die Öffentlichkeit in verständlicher Weise auf. In der Realität ist dies jedoch häufig nicht der Fall. Denn Medien, insbesondere soziale Medien, können ein verzerrtes Bild vermitteln. Meist ist die Öffentlichkeit als Empfängerseite aber nicht ausreichend über Entwicklungszusammenarbeit informiert, um verzerrte Berichterstattung zu durchschauen. Somit kann selbst eine transparente Informationsbereitstellung letztlich nicht allein zu einem informierten Diskurs beitragen. In der Entwicklungspolitik wird Transparenz außerdem als notwendige Voraussetzung für mehr Wirksamkeit diskutiert. Neuere empirische Studien zeigen, dass der digitale Zugang zu Informationen die Wirksamkeit von Entwicklungsorganisationen erhöht. Die kritische Fachöffentlichkeit kann mithilfe von Informationen verschiedene Entwicklungsorganisationen vergleichen und so Reformdruck erzeugen (Honig & Weaver, 2019). Auch die internen Dynamiken in Entwicklungsorganisationen spielen eine Rolle. Mitarbeitende von Organisationen verbessern ihre Leistung, wenn sie mit kritischen Informationsanfragen rechnen können (Honig, Lall & Parks, 2023). Somit kann mehr Transparenz der Ausgangspunkt eines Feedback-Mechanismus sein, der über die Informierung der Öffentlichkeit eine stärkere Wirksamkeit der Entwicklungsorganisationen mit sich bringt. Aktuelle Übersicht zu Transparenzportalen Die Transparenzportale der zehn größten OECDDAC-Geberländer wurden in den letzten 15 Jahren eingeführt (siehe Tabelle 1). Also in einer Zeit, die von anhaltenden Grundsatzdiskussionen über Entwicklungszusammenarbeit geprägt war. Das Kernmerkmal aller Portale ist eine doppelte Zielsetzung: Einerseits sollen die Portale internationale Wirksamkeitsstandards erfüllen, anderseits sollen sie die Öffentlichkeit informieren und überzeugen. In Bezug auf das Ziel, die internationale Wirksamkeitsagenda zu erfüllen, zeigt der Vergleich der Transparenzportale insgesamt einen positiven Trend. Den stärksten Beleg hierfür liefert der Aid Transparency Index (ATI). Er vergleicht alle Geberorganisationen, was ihre Einhaltung von Transparenzstandards betrifft. In den letzten Jahren offenbarte der ATI eine schrittweise und kontinuierliche Verbesserung der Transparenz (PWYF, 2024). In der Kategorie „Leistung“ besteht bei allen bilateralen Geberorganisationen jedoch noch Verbesserungspotenzial. Insbesondere veröffentlichen die Geber noch zu wenige Informationen zu Wirkungsdaten (wie Belege für Wirkungshypothesen, Indikatoren, Zielformulierungen, Zwischenergebnisse) sowie zu Evaluierungen. Dies ist zum Teil auf technische Schwierigkeiten bei der Ergebnisberichterstattung zurückzuführen. So sind Evaluierungsberichte oft erst Jahre nach Abschluss eines Projekts verfügbar und bilden aus Kostengründen in der Regel nur einen kleinen Teil der Projekte ab. IDOS Policy Brief 20/2025 4 Tabelle 1: Übersicht der zehn größten bilateralen Geberländer USA DEU JPN GBR FRA KAN NED ITA SWE NOR Organisation USAID BMZ JICA FCDO AFD GAC MFA AICS SIDA Norad ODAVolumen (2023) 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. Portal seit 2010 2023 2020 2013 2017 2022 2023 2014 2010 2020 Sprachen EN DE, EN EN, JP EN FR FR, EN NL, EN IT, EN SW, EN NO, EN ATI-Rang 2024 4. 3. 9. 1. 8. 7. 5. 6. 2. 10. ATIKategorie „Leistung“ 2024 6.1 Gering 7.5 Gering 9.4 Ok 12.5 Gut 7.9 Gering 4.2 Gering 8.0 Gering 2.2 Sehr gering 9.1 Ok 0.0 Sehr gering Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von OECD (2024) und PWYF (2024). Hinweis: In den ATI-Rankings wird jeweils die in der zweiten Spalte genannte Organisation verwendet, außer für Deutschland. Dafür verwenden wir den “BMZ-GIZ”-Wert. Andererseits gibt es auch politische Gründe für eine Zurückhaltung bei der Berichterstattung über Wirkungsdaten. Geber zögern oft, Misserfolge der eigenen Projekte öffentlich zu machen. In einem Sektor, in dem Expert*innen von 80 Prozent an Entwicklungsprojekten, die ihre Ziele nicht erreichen, ausgehen (White, 2019), zeigen die Selbstevaluierungen und öffentlichen Berichte der Geberorganisationen oft genau das Gegenteil: eine 80-prozentige Erfolgsquote. Diese überproportional positive Berichterstattung führt zu einem ständigen politischen Erfolgsdruck. Dieser erschwert eine offene und ehrliche Diskussion über die Wirksamkeit einzelner Entwicklungsprojekte. Davon wird wiederum die Fachöffentlichkeit negativ beeinflusst. Denn sie kann Projekte schwer bewerten, ohne Zugang zu deren Daten der Wirkungsmessung und des Mitteleinsatzes zu haben. Wenn detaillierte Wirkungsdaten transparent offengelegt werden, könnte folglich die Qualität der Projekte verbessert werden. Diese Art der Offenlegung richtet sich jedoch vor allem an die erweiterte Fachöffentlichkeit, also an Politik, Parlament, Geberorganisationen und Forschung. Aufgrund der bestehenden Komplexität eignet sie sich weniger zur Kommunikation mit der breiteren Öffentlichkeit. Neben dem Ziel, internationale Wirksamkeitsstandards einzuhalten, wollen Geberorganisationen mit ihren Transparenzportalen auch die Öffentlichkeit informieren und überzeugen. Dies schließen wir aus der eigenen Zielsetzung der Portale sowie aus einer Reihe weiterer Faktoren. Die jeweiligen Portalsprachen lassen vermuten, dass vor allem die landeseigene Öffentlichkeit adressiert wird. Die Transparenzportale sind fast ausschließlich in der Landessprache der Geber und zusätzlich nur noch auf Englisch verfügbar. In den traditionellen und sozialen Medien werden die Transparenzportale überwiegend in nationalen Kontexten genutzt. Also beschäftigen sich etwa deutsche Medien überwiegend mit dem deutschen Transparenzportal und legen einen starken Fokus auf Rechenschaftslegung. Gleichzeitig nutzen Geberorganisationen ihre jeweiligen Transparenzportale vor allem zur Kommunikation mit der Öffentlichkeit im eigenen Land. IDOS Policy Brief 20/2025 5 Transparenzportale im Kommunikationskreislauf In den letzten Jahren haben Geber vermehrt Informationen auf Transparenzportalen veröffentlicht. Gleichzeitig zeigen Erhebungen zur öffentlichen Meinung in westlichen Geberländern, dass die öffentliche Unterstützung für die Entwicklungszusammenarbeit in vielen Ländern stark abgenommen hat (Oh, 2025). Ein entscheidender Faktor ist dabei, dass die öffentliche Unterstützung stark mit der allgemeinen sozioökonomischen Situation eines Landes korreliert. Insbesondere die Art und Weise, wie die Bevölkerung die aktuelle wirtschaftliche Lage wahrnimmt, spielt eine zentrale Rolle. Auch die Geber können die öffentliche Meinung mitprägen, indem sie sich beispielsweise stärker um Transparenz bemühen, um mehr Vertrauen zu schaffen. Das gegenwärtige Phänomen sinkender Unterstützung hat demnach viele Ursachen. Allein durch mehr Transparenz lässt es sich nicht verändern. Gleichwohl können Transparenzportale im öffentlichen Diskurs relevant werden, wenn etwa Projekte plötzlich mediale Aufmerksamkeit erhalten. Im November 2023 löste das Projekt der Fahrradwege in Peru eine kontroverse Debatte in der deutschen Öffentlichkeit aus. Einige Politiker*innen behaupteten, dass die deutsche Entwicklungszusammenarbeit 315 Millionen Euro für den Bau von Radwegen in Peru aufgewendet habe. Ungeprüft verbreiteten sich diese Behauptungen anschließend in traditionellen und sozialen Medien (Reitz, 2023). Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) aber stellte später klar, dass tatsächlich nur 44 Millionen Euro an Zuschüssen für Radwege in Peru bewilligt worden waren (BMZ, 2024). Diese Informationen waren bereits zuvor über das Transparenzportal öffentlich zugänglich. Warum half das Transparenzportal an dieser Stelle nicht, die Kontroverse schnell und umfassend aufzuklären? In diesem Zusammenhang kann das Sender-Mittler-Empfänger-Modell in Abbildung 1 wichtige Erklärungsansätze liefern (Janus & Röthel, 2025). Demnach werden zunächst auf der Senderseite, dem Transparenzportal des BMZ, allgemeine Informationen zum Projekt „Fahrradwege” bereitgestellt. Das Berichtsformat orientiert sich an dem internationalen Standard IATI (International Aid Transparency Initiative). In sehr komprimierter Form präsentiert es grundlegende Informationen wie den Projekttitel, die Laufzeit und das Finanzierungsvolumen. Dieses Format hat den Vorteil, internationale Vergleiche zu ermöglichen. Es eignet sich jedoch nur begrenzt dazu, die Qualität einzelner Projekte zu bewerten. Projektfortschrittsberichte und Evaluierungen liegen international zum Beispiel nur für wenige Projekte vor. Die verfügbaren Informationen sind zudem in Fachsprache verfasst und für ein Publikum ohne Vorwissen nur schwer nachvollziehbar. Im Kontext der Fahrradwege in Peru war beispielsweise vielen Beobachter*innen der Unterschied zwischen einem Zuschuss (keine Rückzahlung) und einem Darlehen (Rückzahlung) unklar. Abbildung 1: Sender-Mittler-Empfänger-Modell Quelle: Eigene Darstellung IDOS Policy Brief 20/2025 6 Die Gruppe der Mittler besteht im deutschen Kontext vor allem aus traditionellen und sozialen Medien, wobei letztere zunehmend an Bedeutung gewinnen. Hinsichtlich der Fahrradwege in Peru nahmen die meisten traditionellen Medien, mit Ausnahme einiger Boulevardzeitungen, eher eine aufklärende Rolle ein. Die Informationen wurden von ihnen häufig neutral aufbereitet und für die Öffentlichkeit eingeordnet. In den sozialen Medien, vor allem auf X (vormals Twitter), finden sich jedoch mehrere Beispiele, in denen Nutzer*innen Informationen aus dem Transparenzportal bewusst aus dem Kontext gerissen und Falschinformationen über die Fahrradwege in Peru verbreitet haben. Die Empfänger-Seite der Informationen aus dem Transparenzportal sind die Bürger*innen. Wissenschaftler*innen beschreiben deren allgemeines Wissensniveau über die Entwicklungszusammenarbeit als eher niedrig und argumentieren, dass die Einstellungen in der Bevölkerung relativ leicht zu beeinflussen sind (Schneider et al., 2024, S. 27). Darüber hinaus lässt sich die öffentliche Meinung zur Entwicklungszusammenarbeit in drei Kategorien unterteilen. Diese Kategorien werden bei Meinungsumfragen verwendet, um unterschiedliche Einstellungstypen zu beschreiben: Entschiedene Gegner*innen, ambivalent-moderate Befürworter*innen und entschiedene Unterstützer*innen der Entwicklungszusammenarbeit (Schneider et al., 2024). Die Mehrheit der Bevölkerung befindet sich dabei typischerweise in der Mitte zwischen Gegner*innen und Befürworter*innen. Passend dazu liefert unser Sender-Mittler-Empfänger-Modell drei Erklärungsansätze dafür, auf welche Weise die Kommunikation zwischen Politik und Öffentlichkeit gestört sein kann. Erstens ist es für die breite Öffentlichkeit schwierig, sich direkt im Transparenzportal zu informieren, da die Inhalte ohne Vorwissen oft unverständlich sind. Zweitens haben Mittler die Aufgabe, Informationen neutral aufzuarbeiten. Wie etwa in den sozialen Medien können sie aber Falschinformationen verbreiten, ohne dass die Öffentlichkeit dies ohne Weiteres durchschauen kann. Drittens herrschen in der breiten Öffentlichkeit zudem bereits vorgefertigte Meinungen. Je nach Stärke dieser Meinungen können neue Informationen dann keine Wirkung mehr entfalten. Diese drei Bruchstellen des Kommunikationskreislaufs zeigen, dass die Bereitstellung von Informationen über Transparenzportale komplexe Sender-Mittler-EmpfängerBeziehungen erfordert. Auch deshalb führt Transparenz in der breiten Öffentlichkeit nicht automatisch zu einem besseren Verständnis und zu einer höheren Zustimmung zur Entwicklungszusammenarbeit. Politikempfehlungen Alle wichtigen Geberländer der Entwicklungszusammenarbeit nutzen Transparenzportale, um zwei Ziele zu erreichen. Einerseits wollen sie Wirksamkeitsstandards einhalten, andererseits die Öffentlichkeit im eigenen Land informieren. Angesichts sinkender Zustimmung und massiver Kürzungen der Entwicklungsbudgets sollten Geberorganisationen die aktuelle Verwendung von Transparenzportalen jedoch verbessern. Die folgenden Empfehlungen können dazu einen Beitrag leisten: • Noch mehr Transparenz bei Wirkungsdaten: Obwohl die transparente Berichterstattung Fortschritte macht, gibt es nach wie vor Lücken bei der Bereitstellung detaillierter Projektdaten. Insbesondere im Hinblick auf die zugrundeliegende Evidenz für Wirkungshypothesen und Monitoringdaten wie Indikatorenund Zielformulierungen, Monitoringergebnisse und Evaluierungen. Diese Informationen finden sich in Projektanträgen, Zwischenund Abschlussberichten und insbesondere in den Wirkungsmatrizen. Aktuell teilen die meisten Geber diese Dokumente nicht, mit wenigen Ausnahmen wie etwa die Weltbank. Mehr Transparenz in dieser Hinsicht kann zu einer höheren entwicklungspolitischen Wirksamkeit beitragen. Die Fachöffentlichkeit würde besser informiert und könnte Entwicklungsprojekte kritisch begleiten. Außerdem wäre nicht nur die Einhaltung von Qualitätsstandards besser nachzuvollziehen, sondern auch das Ziel und Ambitionsniveau eines Projekts. IDOS Policy Brief 20/2025 7 • Zusätzliche Investitionen in die Kommunikation: Die technische Aufbereitung von Wirkungsdaten allein reicht nicht aus, um effektiv mit der breiten Öffentlichkeit zu kommunizieren. Die nach international vergleichbaren Standards bereitgestellten Informationen sind komplex und für Bürger*innen häufig nur schwer nachvollziehbar. In vielen Geberländern hat ein großer Teil der Bevölkerung keine klare Haltung zur Entwicklungszusammenarbeit. Dieser Teil sollte durch eine zielgruppenorientierte Kommunikation angesprochen werden. Darüber hinaus sollten Geberorganisationen für ihre jeweiligen Transparenzportale Nutzungsdaten erheben und veröffentlichen. So ist es besser nachzuvollziehen, wann und wie oft auf verschiedene Projektinformationen zugegriffen wird. Auf dieser Basis könnten Geber ihre Kommunikation kontinuierlich verbessern. Schließlich sollten Geber überdenken, eine gesonderte Einheit für strategische Kommunikation einzurichten. Kompetenzen und Ressourcen für strategische Kommunikation könnten dann in Geberorganisationen gebündelt werden. Der Europäische Auswärtige Dienst hat beispielsweise solche Sondereinheiten. Sie sind unter anderem für faktenbasierte Kommunikation und die Bekämpfung von Desinformation zuständig. • Offenheit für Kritik und Bereitschaft zum Diskurs: In öffentlichen Debatten verteidigen sich entwicklungspolitische Akteur*innen häufig gegen eine Grundsatzkritik an der Entwicklungszusammenarbeit. Dabei begegnen sie sowohl pauschaler als auch differenzierter Kritik oftmals mit pauschaler Abwehr. Trotz einer sehr wohl existierenden Voreingenommenheit von Kritiker*innen gibt es viele Projekte der Entwicklungszusammenarbeit, die zu Recht kritisiert werden können. Informierte Diskussionen, die sich auf Projektdaten aus den Transparenzportalen stützen, bieten die Chance, unwirksame Projekte offener zu diskutieren und sie im Zweifelsfall einzustellen, um stattdessen wirksamere Projekte zu fördern. Für diese Diskussionen sind geschützte Räume erforderlich. Räume, in denen entwicklungspolitische Akteur*innen Kritik organisationsintern und -übergreifend ehrlich und sanktionsfrei äußern können. Auf dieser Basis kann Entwicklungszusammenarbeit wirksamer werden und das Vertrauen der Öffentlichkeit langfristig erhöht werden. IDOS Policy Brief 20/2025 8 Literatur BBC. (2017). https://www.bbc.com/news/uk-38538631 BMZ. (2024). 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