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Vom "Projekt im Projekt" zur "Stadt in der Stadt"? Probleme der Governance und des Managements großer urbaner Entwicklungsvorhaben am Beispiel der Wissenschaftsstadt Belval, Luxemburg

Leick, Annick,Hesse, Markus,Becker, Tom

Abstract

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Leick, Annick; Hesse, Markus; Becker, Tom Article Vom "Projekt im Projekt" zur "Stadt in der Stadt"? Probleme der Governance und des Managements großer urbaner Entwicklungsvorhaben am Beispiel der Wissenschaftsstadt Belval, Luxemburg Raumforschung und Raumordnung / Spatial Research and Planning Provided in Cooperation with: Leibniz-Forschungsnetzwerk "R – Räumliches Wissen für Gesellschaft und Umwelt | Spatial Knowledge for Society and Environment" Suggested Citation: Leick, Annick; Hesse, Markus; Becker, Tom (2020) : Vom "Projekt im Projekt" zur "Stadt in der Stadt"? Probleme der Governance und des Managements großer urbaner Entwicklungsvorhaben am Beispiel der Wissenschaftsstadt Belval, Luxemburg, Raumforschung und Raumordnung / Spatial Research and Planning, ISSN 1869-4179, Sciendo, Warsaw, Vol. 78, Iss. 3, pp. 249-265, https://doi.org/10.2478/rara-2020-0009 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/225314 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. 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Probleme der Governance und des Managements großer urbaner Entwicklungsvorhaben am Beispiel der Wissenschaftsstadt Belval, Luxemburg https://doi.org/10.2478/rara-2020-0009 Eingegangen: 30 Juni 2019; Angenommen: 23 Januar 2020 *Corresponding author: Dr. Annick Leick, Team ewen, Hügelstraße 19, 64283 Darmstadt, Deutschland, E-Mail: [email protected], ORCID: 0000-0001-5841-6525 Prof. Dr. Markus Hesse, Université de Luxembourg, Département de Géographie et Aménagement du territoire, 11, Porte des Sciences, 4366 Esch-sur-Alzette, Luxemburg, ORCID: 0000-0001-8472-2825 Tom Becker, Université de Luxembourg, Département de Géographie et Aménagement du territoire, 11, Porte des Sciences, 4366 Esch-sur-Alzette, Luxemburg Kurzfassung: Dieser Beitrag behandelt das Thema der urbanen Neubaugebiete aus zwei spezifischen Perspektiven: Zum einen geht es nicht primär um das Wohnen, sondern um Wissenschaft und Forschung als Rahmenthema der Stadterweiterung, insbesondere Hochschulstandorte und Wissenschaftsparks. Zum anderen geht es um die Analyse städtischer Managementund Governance-Praktiken, vor allem die Herauslösung großer Vorhaben aus dem üblichen Kontext der Stadtplanung. Zentral ist hier die Definition dieser Vorhaben als „Projekt“ und ihre Unterordnung unter einen spezifischen Steuerungsansatz. Im Kontext der Diskussion von Großprojekten und urbaner Governance ist die These dieses Beitrags, dass sich Projekte umso mehr als Fremdkörper in der Stadtplanung entfalten können (und damit das Ziel auf urbane Integration unterlaufen), umso weniger sie Gegenstand bewährter Planungsprozesse und regulatorischer Praktiken sind. Zur empirischen Illustration dieses Arguments dient die Wissenschaftsstadt Belval im Süden Luxemburgs, die seit 2003 realisiert wird und deren Entwicklung hier kritisch analysiert wird. Als generelle Schlussfolgerungen werden planerische Anforderungen an den Umgang mit großen Neubauvorhaben formuliert. Schlüsselwörter: Projektmanagement, Großprojekte, Wissenschaftsstandorte, urbane Governance, Luxemburg From the “project within the project” to the “city within the city”? Governance and Management Problems in Large Urban Development Projects Using the Example of the Science City Belval, Luxembourg 250 Annick Leick, Markus Hesse, Tom Becker 1 Einführung Die Entwicklung vollkommen neuer Stadtteile war bereits zu verschiedenen Zeitabschnitten des 20. Jahrhunderts ein bestimmendes Element der Stadtplanung europäischer Länder. New Towns in Großbritannien, die Grands Ensembles de l’urbanisme in Frankreich oder Großwohnsiedlungen in beiden Teilen Nachkriegsdeutschlands zeugen von großmaßstäblicher Expansion des Siedlungsraumes. Dienten solche Vorhaben speziell in der Nachkriegszeit primär der Wohnungsversorgung, sind neue Stadtteile heute Element qualitätsorientierter Strategien. Einen wichtigen Impuls hat hier die Umwandlung von Industriebrachen, Hafenarealen sowie innerstädtischen Bahnanlagen gegeben. Schließlich hat die Konversion von Militärstandorten zusätzliche Potenziale für die Stadtentwicklung gebracht. In der Folge wurden in den letzten drei bis vier Dekaden eine Vielzahl von Projekten der Stadterweiterung bzw. der urbanen Umnutzung realisiert – teilweise spektakulär mit ikonischem Charakter (London Docklands, Bilbao Riverfront, Kop van Zuid Rotterdam), teilweise ambitioniert und kleinmaßstäblich, was vielfach Beachtung fand (Freiburg-Vauban, Französisches Viertel Tübingen). In jüngster Zeit stellen Großvorhaben der Stadterweiterung nicht nur ein Instrument zur physischen Erneuerung bzw. Expansion von Städten dar. Sie werden auch als Chance gesehen, den sozialen und wirtschaftlichen Wandel hin zu einer integrierten Entwicklung der Städte zu unterstützen (vgl. Jones/Evans 2013). Vor allem die Rolle der Wissensökonomie als Motor für Wachstum, Beschäftigung und Innovation hat diesbezüglich in der Vergangenheit zur Entwicklung von zahlreichen neuen Wissenschaftsund Forschungsquartieren in großen und mittelgroßen Städten beigetragen (van Winden 2011). Die Herausforderung des Klimawandels hat die Nachfrage nach neuen Stadtquartieren weiter vorangetrieben, das planerische Anspruchsniveau indes zugleich erhöht. Andererseits ist nicht zu übersehen, dass sich viele dieser Projekte mit zunehmender Größe sehr eigendynamisch entwickelt haben. Ihre Durchsetzung bringt nicht nur hohe Marktrisiken mit sich, sondern ist auch prozedural sehr voraussetzungsvoll. Zielkonflikte zwischen konkurrierenden Akteuren, Themenfeldern und Politiken auf der Ebene von Fachressorts oder Hierarchiestufen sind eher Regel als Ausnahme. Sie bestimmen die Agenda der städtischen Managementund Governance-Praktiken. Für die Klärung dieser Zielkonflikte gibt es indes kaum ein verallgemeinerbares Repertoire. Der vorliegende Beitrag setzt an dem Problem rivalisierender Ziele an. Im Zentrum unseres Erkenntnisinteresses steht der Umgang mit diesen verschiedenen Zielen im Rahmen großer urbaner Neubauprojekte. Im Hinblick auf die Governance-Praxis wird gefragt, wie die beteiligten öffentlichen und privaten Akteure ihre Ziele artikulieren, auf welche Implementationsbedingungen sie stoßen und wie auf immanente Zielkonflikte reagiert wird. Dabei werden in diesem Beitrag zwei spezifische Foki eingenommen: Zum einen geht es hier nicht primär um das Wohnen, sondern um Wissenschaft und Forschung als Rahmenthema der Stadterweiterung, insbesondere Hochschulstandorte und Wissenschaftsparks. Solche Großvorhaben werden zwar als durchmischte Stadtviertel vermarktet, Aspekte wie Wohnraum und Wohnumfeld (Versorgungsstrukturen, FreizeitmöglichAbstract: The paper explores the issue of new urban development areas from two specific perspectives: on the one hand, rather than concentrating on housing, we address the question of science and research, in particular university locations and science parks, as a central guiding principle for urban expansion. On the other hand, the paper focuses on the analysis of urban management and governance practices and, more specifically, the disjoining of large projects from their common urban planning context. Emphasis is put on the fact that such undertakings are defined as ‘projects’ and that they are subordinated to a specific management approach. Amid debates concerning large-scale urban development projects and urban governance, we develop the thesis that the risk for projects to unfold as a sort of ‘foreign matter’ in the urban realm increases as the degree to which they are subject to proven planning processes and regulatory practices diminishes. This argument will be empirically illustrated with Belval, the science city in the south of Luxembourg, which is developed ever since 2003 and whose progress is critically assessed here. The general conclusions include planning requirements for dealing with new large-scale development projects. Keywords: Project management, Large-scale urban development projects, Science locations, Urban governance, Luxembourg Vom „Projekt im Projekt“ zur „Stadt in der Stadt“? Probleme der Governance und des Managements großer urbaner Entwicklungsvorhaben am Beispiel der Wissenschaftsstadt Belval, Luxemburg 251 keiten) stehen dabei aber nicht zwingend im Mittelpunkt. Dadurch entstehen häufig kleine monofunktionale Wohninseln als Teilentwicklung von Großvorhaben oder Büroviertel mit minimalem Wohnanteil. Zum anderen geht es um die Analyse städtischer Managementund Governance-Praktiken, vor allem die Herauslösung großer Vorhaben aus dem üblichen Kontext der Stadtplanung. Zentral ist hier deren Definition als „Projekt“ und Unterordnung unter einen spezifischen Steuerungsansatz. Im Kontext der einschlägigen Literatur zu Großprojekten und urbaner Regierbarkeit ist unsere These wie folgt: Die Realisierung von Wissenschaftsstandorten als Großprojekten impliziert spezifische Probleme, die in zwei Wirkungsfeldern begründet sind: in dem Herauslösen des Vorhabens aus dem üblichen Planungskontext als „Projekt“ und in den besonderen Eigenschaften von Wissenschaft und Forschung als nichtlokalem, sondern transregionalem Handlungsfeld. Letzteres heißt, dass ein Zusammenhang kreiert wird, der internationale Institutionen und Personen an den Standort bringt, wovon die ansässigen oder vorherigen Nutzerinnen und Nutzer (etwa Industriebeschäftigte) aber wenig profitieren. Betrachtet man beide Wirkungsfelder zusammen, erscheint urbane Integration vor diesem Hintergrund als extrem schwierig. In empirischer Hinsicht liegt der Untersuchungsschwerpunkt auf dem Neubauvorhaben Belval, das seit 2003 auf dem Gebiet der Gemeinden Esch-sur-Alzette und Sanem im Süden des Großherzogtums Luxemburg entwickelt wird. Dieses Vorhaben ist nicht nur ein Vorzeigeprojekt für Esch-sur-Alzette, die Südregion und das Großherzogtum Luxemburg insgesamt, sondern auch darüber hinaus. Belval mit seiner Wissenschaftsstadt („Cité des Sciences“) wurde aufgrund seines Umfangs und seines Ansatzes für nachhaltiges Wachstum letztendlich sogar als europäisches Modellprojekt betrachtet (European Commission 2013). Gemessen daran hat sich das Vorhaben indes als zu groß, der urbane Kontext als zu komplex erwiesen, um die zugrunde liegenden Zieldimensionen – Realisierung eines großen Vorhabens unter Berücksichtigung verschiedener gesellschaftlicher Interessen – gleichermaßen erfüllen zu können. Evaluierungen haben bereits gezeigt, dass im Fall der Cité des Sciences wirtschaftliche Innovation sowie die bauliche Realisierung als solche Priorität hatten, während ökologische Nachhaltigkeit und insbesondere Fragen der sozialen Mischung noch ungelöste Herausforderungen bilden (o.V. 2011a; o.V. 2011b).1 1 Vgl. https://www.belval.lu/fr/belval/quartier-labellise/ (17.11.2019). Während die dabei praktizierte Governance für den Kleinstaat Luxemburg zu jener Zeit womöglich wegweisend war und eine relativ effektive Projektrealisierung ermöglicht hat, war ihr Beitrag zur integrierten Standortentwicklung begrenzt. Aus Sicht einer nachhaltigen Steuerungsphilosophie (vgl. Meadowcroft/Farrell/Spangenberg 2005; Grin/Rotmans/Schot 2010) haben die Planung und Umsetzung von Belval zentrale Konflikte aufgeworfen, etwa bezogen auf die Einbindung wichtiger Interessengruppen oder hinsichtlich urbaner Integration. Dies wiederum hat erhebliche Auswirkungen auf die Qualität und Akzeptanz des Projekts. Methodisch stützt sich der Beitrag zum einen auf die Ergebnisse einer Dissertation über Diskurse, Praktiken und soziale Welten in Entscheidungsund Planungsprozessen in Luxemburg, die unter anderem auch eine Fallstudie über das Wissenschaftszentrum Belval beinhaltete (Leick 2016). Die empirische Grundlage dieser Arbeit beruht auf 20 Tiefeninterviews, die zwischen Juli 2013 und März 2015 mit Expertinnen und Experten über eine Dauer von jeweils ein bis drei Stunden geführt wurden. Darüber hinaus wurde eine Vielzahl von Dokumenten, wie z. B. offizielle Berichte der Entwicklungsagenturen oder der Ministerien, sowie Dokumente des nationalen Parlaments analysiert, wie z. B. die Transkriptionen von Parlamentsdebatten. Zudem wurden langjährige Erfahrungen im Kontext des „Observatoire Belval“ genutzt, einer Plattform für den Wissensaustausch zwischen verschiedenen Interessengruppen, die zum Standort Belval zwischen 2010 und 2015 in Forschung und Praxis organisiert wurde. Dies ermöglichte detaillierte Einblicke in die Motivlagen, Problemsichten und Handlungsspielräume auch solcher Akteure, die nicht Teil der Verfahrenssteuerung waren. Auch seit dem Ende der Laufzeit dieser Plattform wird die Entwicklung von Belval weiterhin systematisch wissenschaftlich verfolgt. Dieser Beitrag ist wie folgt strukturiert: Im Kapitel 2 diskutieren wir die einschlägige Literatur zu großen städtebaulichen Neubauvorhaben im Allgemeinen und zur Rolle des Projektmanagements im Besonderen, bevor in Kapitel 3 das Neubauprojekt der Wissenschaftsstadt Belval kurz präsentiert wird. Kapitel 4 ist der Auswertung einiger zentraler empirischer Befunde unserer Forschung gewidmet. In Kapitel 5 nehmen wir vor dem Hintergrund unseres konzeptionellen Blickwinkels eine kritische Bilanz des aktuellen Stands des Neubauvorhabens Belval vor. In Kapitel 6 werden einige generalisierende Schlussfolgerungen zum Umgang mit großen Neubauvorhaben in Wissenschaft und Praxis gezogen. 252 Annick Leick, Markus Hesse, Tom Becker 2 Planung und Management großer urbaner Projekte 2.1 Großprojekte in der Stadtentwicklung Weltweit wurden in den letzten Jahrzehnten schätzungsweise mehrere Hundert urbane Großvorhaben neueren Typs konzipiert und umgesetzt (vgl. Moulaert/Salin/ Werquin 2001; Carrière/Demazière 2002; Swyngedouw/ Moulaert/Rodriguez 2002; Taşan-Kok 2010; Ponzini 2011; Karadimitriou/de Magalhães/Verhage 2013). Zu diesen als Großprojekte titulierten Vorhaben gehören städtebauliche und infrastrukturelle Projekte, die aufgrund ihrer Größe oft auch als Megaprojekt bezeichnet werden. In jüngerer Zeit werden auch temporäre Großprojekte und Events dazu gezählt, wie etwa Olympische Spiele, Sportweltmeisterschaften und Weltausstellungen (vgl. Gold/Gold 2008). Diese Entwicklung findet seit den 1980er-Jahren einen kritischen Niederschlag in Stadtforschung und Stadtplanung. Die Kritik richtet sich sowohl auf die Projekte selbst als auch auf deren Auswirkungen auf die Stadtentwicklung. Flyvbjerg (2014: 11 ff.) hat den Begriff des „Megaproject paradox“ eingeführt, um die Diskrepanz zwischen zunehmender Zahl und Größe von Megaprojekten auf der einen Seite und den problematischen Ergebnissen beim Management auf der anderen Seite zu skizzieren. Zum letzten Punkt zählen Kostenüberschreitungen, verzögerte Umsetzung und Überschätzung der Renditen. Immanente Kostenüberschreitungen seien auf bewusste Fehlinformationen der Projektbefürworter, Planer und Manager zurückzuführen. Im Rahmen eines Forschungsvorhabens wurden 30 Fallstudien zu Mega-Transport-Projekten durchgeführt (Dimitriou/ Ward/Wright 2013). Hauptkritikpunkt war hier die einseitige Profitorientierung des traditionellen Projektmanagements, die eine nachhaltige räumliche Entwicklung kaum möglich mache (Dimitriou/Ward/Wright 2013: 38). Laut Swyngedouw, Moulaert und Rodriguez (2002: 547 ff., 572) verkörpern Großprojekte eine „new urban policy“, deren einseitiges Ziel es sei, Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit zu fördern: durch Aufwertung des bebauten Umfelds und die Anpassung des Stadtgefüges an die Akkumulationsstrategien der Elite. Finanzialisierung hat diese Entwicklung beschleunigt, so Savini, Majoor und Salet (2015: 11 f.). Während Swyngedouw, Moulaert und Rodriguez (2002: 562 ff.) Großprojekte als „elite playing fields“ mit einem Demokratiedefizit verstehen, sprechen Dziomba und Matuschewski (2007: 8) von „Schließungstendenzen“, also Entscheidungsfindung in geschlossenen Gruppen. Nach Simons (2003a: 186) zeichnen sich Großprojekte durch mangelnde Transparenz und eine stark reduzierte Bürgerbeteiligung aus. Ibert (2007) ist sogar der Meinung, dass Großprojekte und Bürgerbeteiligung konzeptionell nicht kompatibel sind. Der Idee der Partizipation liege eine diskursive Rationalität zugrunde, Großprojekte hingegen folgten einer Handlungsrationalität. Bei Großprojekten würden im Grunde die Prinzipien des Projektmanagements übernommen, das heißt, es werde angestrebt, definierte Ziele in einem definierten Rahmen (Zeit und Ressourcen) umzusetzen. Die Eigendynamik und der Zeitdruck sowie die Interdependenzen der einzelnen Teilprojekte würden gute Partizipation quasi ausschließen. Simons (2003b: 35) betont den Druck zur beschleunigten Umsetzung, der „neue Planungsverfahren außerhalb der herkömmlichen Planungsstrukturen und privatrechtlich organisierte Entwicklungsgesellschaften“ voraussetze. Darüber hinaus stehen Großprojekte im Verdacht, sozialräumliche Fragmentierung zu forcieren, da sie sich nicht in übergeordnete Planungsprozesse und Planungssysteme integrieren würden (Swyngedouw/Moulaert/ Rodriguez 2002: 542; Gualini/Majoor 2007: 288 f., 542). Großprojekte schaffen Wohlstandsinseln, da die marktorientierte Planung den Fokus auf wohlhabende Bevölkerungsgruppen sowie höherwertige wirtschaftliche Aktivität lege (Swyngedouw/Moulaert/Rodriguez 2002: 567; Dziomba 2007: 14). Fainstein (2008: 783) sieht in ihrem Vergleich von europäischen und amerikanischen städtebaulichen Großprojekten Analogien zwischen deren Regierbarkeit und public private partnership. Ähnliches gilt in Bezug auf das einseitig marktorientierte städtebauliche Design, bei dem sperrige Gebäude sowie eine spezifische Mischung des Immobilienproduktangebots dominieren, mit Luxusappartements und Hotels, großflächigen Bürohochhäusern und Einkaufszentren. Lehrer und Laidley (2008: 787 ff.) zeigen in ihrer Fallstudie zum „Waterfront Redevelopment“ in Toronto auf, dass Großprojekte auf diskursiver Ebene versprechen, unterschiedliche Interessen zugleich zu bedienen. Tatsächlich verstärken sie jedoch bestehende sozioökonomische Disparitäten. 2.2 Projektmanagement und ‚wilde‘ Governance Das Konzept eines Projektes sowie die Planung anhand von singulären Vorhaben – statt großmaßstäblicher territorialer Pläne – sind nicht neu. Es wird in der Theorie als inkrementelle Praxis verstanden und von der umfassen- Vom „Projekt im Projekt“ zur „Stadt in der Stadt“? Probleme der Governance und des Managements großer urbaner Entwicklungsvorhaben am Beispiel der Wissenschaftsstadt Belval, Luxemburg 253 den regulativen Planung unterschieden (Simons 2003a: 32; Banai 2013: 812). Inwieweit die Entwicklung ganzer Stadtviertel noch als inkrementelle und punktuelle Initiative zu verstehen und das Konzept des Projektes dafür überhaupt geeignet ist, wird selten geklärt. Im Gegenteil: Je größer das Projekt ist, umso mehr Aufmerksamkeit bietet es den involvierten Akteuren. Außerdem erscheint das Konzept des Projektes sehr reizvoll, da es das Selbstbild und Selbstverständnis der unternehmerischen öffentlichen Hand bestärkt und gleichermaßen den Denkmustern und Praktiken der privatwirtschaftlichen Partner entspricht. Aus unternehmerischer Sicht materialisiert sich das Konzept des Projektes im Ansatz des Projektmanagements. Städtebauliche Großprojekte sollen ähnlich gemanagt werden wie Unternehmensprojekte (Simons 2003a: 20, 32; Ibert 2007: 52). Wir argumentieren, dass die bestehenden Probleme bei städtebaulichen Großvorhaben – sprich die Entwicklung von Fremdkörpern in der Stadtplanung außerhalb bewährter Planungsprozesse und regulatorischer Praktiken – unter anderem darauf zurückzuführen sind, dass diese Vorhaben als Projekte im Sinne des traditionellen Projektmanagements konzipiert und gelenkt werden. Um dies auf theoretischer Ebene zu veranschaulichen, greifen wir auf die kritische Projektmanagementliteratur zurück und zeigen auf, welche Probleme mit den klassischen Projektmanagementpraktiken in Verbindung gebracht werden und wie sie den in der Literatur beschriebenen Problemen entsprechen. Per Definition wird mit einem Projekt ein isoliertes Objekt kreiert, das von Kontext und Geschichte losgelöst als steuerbar und kontrollierbar erscheint (Packendorff/ Lindgren 2014: 13). Das traditionelle Projektmanagement hat den Anspruch, universelle und standardisierte Management-Modelle bereitzustellen, die kontextund zeitübergreifend angewendet werden können. Im Rahmen von Großprojekten wird meist ein klar abgegrenzter Projektperimeter definiert, auf den Planung und Management dann standardisierte Methoden anwenden. Ein zentrales Vorgehen des Projektmanagements ist das Festlegen von klar umrissenen Zielen, meist quantitativ definiert (Maylor/Brady/Cooke-Davies et al. 2006: 669; Pollack 2007: 269). Projektmanagement zielt ab auf Komplexitätsreduktion durch Vereinfachung und systematisches Herunterbrechen von Zielen und Wegen dorthin (Williams 2005: 500; Pollack 2007: 268). Diese Ziele werden bei städtebaulichen Großvorhaben primär anhand der geplanten Nutzflächen konkretisiert. Dazu dienen Machbarkeitsstudien anhand von Nutzungskonzepten, Kostenund Ertragsplänen sowie Finanzplänen (Pfnür 2011: 336 f.). Oberstes Ziel ist die Wirtschaftlichkeit des Projektes, wesentliche Treiber sind immobilienwirtschaftliche Erträge. Dieses Vorgehen wird nicht nur für Projekte von einzelnen Gebäuden genutzt, sondern auch bei der Vermarktung großer Areale: Durch den Verkauf der Grundstücke sollen die Erschließungsund Infrastrukturkosten abgedeckt bzw. Gewinne erzielt werden (Dziomba 2007: 18). Verkaufserlöse hängen dann unter anderem davon ab, wie viel Bruttogeschossfläche bei den einzelnen Teilprojekten in welcher Baudichte realisiert werden kann. Die vorzeitige Festlegung und Kontrolle quantifizierbarer Ziele wird in der kritischen Projektmanagementliteratur als maßgeblich für Ambitionen angesehen, die nicht abgesichert bzw. ungerechtfertigt seien (Packendorff/ Lindgren 2014: 14). Die klassischen Projektmanagementtechniken seien für komplexe Projekte mit langen Zeitspannen aber nicht geeignet (Maylor/Brady/CookeDavies et al. 2006: 669; Pollack 2007: 270; Winter/ Smith/Morris et al. 2006: 644). Bei vielen urbanen Großprojekten kamen in der Tat überzogene Preisvorstellungen bei der Veräußerung der einzelnen Grundstücke zur Geltung (Dziomba 2007: 15). Auch wurde kritisiert, dass die vorzeitige Zieldefinition Projekte mit langen Realisierungszeiträumen unflexibel machte (Maylor/Brady/ Cooke-Davies et al. 2006: 669). In der Großprojektliteratur wird in dieser Hinsicht vom point of no return gesprochen (Simons 2003a: 181). Weitere Merkmale des traditionellen Projektmanagements und Folge von starren Zielsetzungen sind ein technokratisches Management sowie die Ausübung von zentralisierter Kontrolle des Projektmanagement-Teams bzw. von Experten (Williams 2005: 501; Cicmil/Williams/ Thomas et al. 2006: 679). Diese Position deckt sich mit einer jüngeren Debatte über technokratische Formen der Wissensproduktion und -anwendung im Kontext urbaner Planung, die zu einer Engführung der Praxis auf Projektrealisierung um nahezu jeden Preis führt (vgl. Raco/Street/Freire-Trigo 2016; Savini/Raco 2019). Hinzu kommt die eher geringe Wertschätzung von Partizipation (Pollack 2007: 270). Die neuen Governance-Strukturen, die im Rahmen von urbanen Großprojekten etabliert werden – Swyngedouw, Moulaert und Rodriguez (2002: 565) bezeichnen diese als „quasi-governmental institutional framework based upon forging synergies between the public sector and the elite fractions of civil society“ –, würden zu einem zentralisierten autokratischen Management führen. Nach Packendorff und Lindgren (2014: 7) verspricht das Konzept des Projektes Kontrollierbarkeit und Singularität als aufgabenspezifische, zeitlich abgegrenzte 254 Annick Leick, Markus Hesse, Tom Becker Arbeitsform. Damit ließen sich klassische Bürokratieprobleme auf kontrollierte Weise umgehen, woraus eine Art „Extraordinarisierung“ resultiere: Projekte werden als außergewöhnliche Gelegenheit konstruiert, als temporärer Ausnahmezustand, in dem Gefahr und Dringlichkeit vorherrschen und normale Regeln nicht gelten (Packendorff/Lindgren 2014: 14, 16). Swyngedouw, Moulaert, Rodriguez (2002), Siebel (2015) sowie Tarazona Vento (2017) beschreiben Großprojekte als Vehikel, um außergewöhnliche Maßnahmen in politischen Verfahren und Planungsprozessen einzusetzen. Beispiele sind das Einfrieren konventioneller Planungsinstrumente, das Umgehen gesetzlicher Vorschriften und institutioneller Organe, die Kreation von Projektorganisationen mit großer Entscheidungsund Handlungsmacht sowie Gesetzesänderungen (Swyngedouw/Moulaert/Rodriguez 2002: 542). Die im Ausnahmezustand eingeleiteten Maßnahmen außerhalb bestehender Regelwerke können als staatlich geduldete, wenn nicht sogar induzierte informelle Praktiken interpretiert werden. Unter Verweis auf Agamben (1998) interpretiert Roy (2005: 149) Souveränität als Macht lenkender Institutionen, wie etwa des Planungsund Justizapparats, den Ausnahmezustand ausrufen zu können und die Gültigkeit von Ordnungen aufzuheben und somit Informalität in ihrem Sinne einzusetzen. Großprojekte ihrerseits zeigen urban informality ebenfalls als allgemeinen Modus von Urbanisierung. Wie das Beispiel Belval zeigen wird, legitimieren die Vertreter der öffentlichen und halböffentlichen Steuerung die außergewöhnlichen Maßnahmen von Großprojekten zum Beispiel oft mit dem Argument der Dringlichkeit, der erforderlichen Schnelligkeit sowie der Notwendigkeit, Investoren entgegenzukommen. Ein weiteres Argument ist die nationale Bedeutung, die der Entwicklung eines Wissensstandortes zugeschrieben wird. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Abgrenzung des Projektes vom Kontext, die Festlegung von quantifizierbaren Zielen, die Einsetzung eines Projektmanagementteams und dessen technokratisches Management sowie die Extraordinarisierung und informelles Handeln Praktiken darstellen, die mit dem Konzept des Projektes und dem Ansatz des Projektmanagements einhergehen. Ihre Anwendung im Rahmen von städtebaulichen Großvorhaben zieht problematische Folgen nach sich. Dies soll im Folgenden anhand des städtebaulichen Großvorhabens Belval illustriert werden. Dieses Vorhaben wird auch deshalb als ein gutes Beispiel betrachtet, weil die skizzierten Probleme in der Planung und Governance großer Neubauvorhaben in besonderer Weise bei solchen Projekten auftreten (können), die zur Lokalisierung von Wissenschaft und Forschung geplant werden. Diese Probleme gehen auf die strukturellen Eigenschaften dieses Sektors zurück (Dienstleistungscharakter, Internationalisierung sowie immanente soziale Polarisierung), die sich im Fall der Konversion alter Industrieflächen in spezifischer Form als Kontrast zu den bestehenden Strukturen herausbilden. Wissenschaftsstädte, Campus-, Technologieund Forschungsstandorte, moderne industrielle Distrikte und Ähnliches haben zwar in der Ökonomie, in den Sozialwissenschaften und auch in der Wirtschaftsgeographie erhebliche Beachtung gefunden (vgl. etwa Benneworth/ Hospers/Jongbloed et al. 2011). Aspekte wie räumliche Nähe oder Agglomerationseffekte werden dabei oft in den Mittelpunkt gerückt, um die avisierten Verflechtungen von Ausstrahlungseffekten oder Ausgliederungen (spillover, spin-off) zu konzeptualisieren. Unklar bleibt, wie die lebensweltlichen Zusammenhänge konstruiert werden, die die gewünschte lokale Integration nach sich ziehen sollen. Vieles spricht dafür, dass hier eher mittelbare Effekte wirksam werden (Mayer 2007). Sie werden zugleich relativiert durch die transregionale Konfiguration von Forschung, die weniger lokal basiert ist und vielmehr als internationaler Netzknoten zu verstehen ist, der sich primär nach externen Logiken organisiert (Addie/Acuto/ Ho et al. 2019). Im Licht dieser komplexen Rahmenbedingungen stellen sich die Ziele des Neubauvorhabens Belval in doppelter Hinsicht als ambitioniert dar: in seiner Eigenschaft als Großprojekt wie auch als strukturund wissenspolitisches Instrument. 3 Das Entwicklungsgebiet Wissenschaftsstadt Belval Das Untersuchungsgebiet um die Gemeinden Eschsur-Alzette und Sanem, am Rande der französischluxemburgischen Grenze im sogenannten „Terre rouge“- Gebiet (Rote Erde) gelegen, hat sich in den letzten zwei Dekaden aufgrund der Deindustrialisierung massiv verändert. Einst ein Industriezentrum mit den besten Stahlproduktionsstandorten des Landes, gilt insbesondere Esch-sur-Alzette heute als Symbol für gelungenen Wandel, nicht zuletzt wegen des großen Stadterneuerungsprojekts in Belval. Als Ergebnis der nationalen Strategien zur Stärkung der wissensbasierten Wirtschaft hat sich die Stadt auf den Weg zu einem Zentrum von Forschung und Lehre gemacht, vor allem durch die Ansiedlung der einzigen Universität des Großherzog- Vom „Projekt im Projekt“ zur „Stadt in der Stadt“? Probleme der Governance und des Managements großer urbaner Entwicklungsvorhaben am Beispiel der Wissenschaftsstadt Belval, Luxemburg 255 tums sowie mehrerer angewandter Forschungseinrichtungen und Inkubatoren. Esch-sur-Alzette ist mit rund 35.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Luxemburgs. Abgesehen von einem moderaten Rückgang zwischen den 1970erund 1990erJahren, der durch den globalen Wirtschaftsabschwung verursacht wurde, verzeichnet die Stadt seit dem späten 19. Jahrhundert ein anhaltendes Bevölkerungswachstum und folgt damit ähnlichen Trends wie die anderen Industriestädte des Südens des Landes (vgl. Tabelle 1). Die Bevölkerung von Esch-sur-Alzette stieg zwischen 1991 und 2019 um 47,31 %. Esch-sur-Alzette ist mit 2.465,6 Einwohnern pro Quadratkilometer und einer Landfläche von 14,35 Quadratkilometern die Stadt mit der höchsten Einwohnerdichte Luxemburgs.3 Diese hohe Bevölkerungsdichte ist vor allem auf die kompakten historischen Innenstadtquartiere der Stadt zurückzuführen. Der wirtschaftliche Wandel Luxemburgs, getrieben durch Niedergang und Diversifizierung der Industrie sowie das starke Wachstum des tertiären Sektors, hat auch zur sozialräumlichen Neuordnung der Stadt beigetragen. Traditionell bestand die Erwerbsbevölkerung aus Luxemburgerinnen und Luxemburgern sowie einem hohen Anteil an Migrantinnen und Migranten aus Italien und Portugal, die in gering qualifizierten Arbeitsverhältnissen arbeiteten und in der Stadt lebten. In jüngerer Zeit sind mehrere Entwicklungen zu beobachten: Erstens arbeiten die besser qualifizierten luxemburgischen Arbeitskräfte tendenziell im Dienstleistungssektor und pendeln täglich nach und von Luxemburg-Stadt. Zwei2 https://statistiques.public.lu/stat/TableViewer/tableView. aspx?ReportId=12861&IF_Language=fra&MainTheme= 2&FldrName=1 (20.11.2019); https://statistiques.public.lu/stat/ TableViewer/tableView.aspx?ReportId=12862&IF_Language= fra&MainTheme=2&FldrName=1 (20.11.2019). 3 www.statistiques.public.lu/stat/ReportFolders/ReportFolder. aspx?IF_Language=fra&MainTheme=2&FldrName=1 (20.11.2019). tens ist der Anteil der gering qualifizierten Grenzgänger aus den Nachbarländern sowie von Wanderarbeitern und Handwerkern aus Südund Osteuropa gestiegen. Drittens sind die Arbeitslosenquoten unter den Wanderarbeitskräften deutlich höher als unter den luxemburgischen Arbeitnehmern.4 Mit der Umsetzung der Cité des Sciences in Belval hat Esch-sur-Alzette als vormals monozentrische Stadt, umgeben von großen industriellen Produktionsstätten, durch den Umbau des ehemaligen Stahlwerks von Belval ein zweites Stadtzentrum bekommen. Im Jahr 2002 wurde ein Masterplan erstellt, der 1.350.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche für Einzelhandel, Wohnen, private und öffentliche Büroflächen vorsah. Rund 50 % der Gesamtfläche sind bis heute fertiggestellt.5 Neben der öffentlichen Verwaltung und rund 100 Privatunternehmen umfasst die Cité des Sciences Forschung, Berufsausbildung und Unternehmensinnovation (vgl. Tabelle 2). Rund 6.000 Studierende und 5.000 Mitarbeiterinnen/ Mitarbeiter arbeiten derzeit auf dem Gelände. Seit 2013 sind zwei der drei Fakultäten der Universität Luxemburg (gegründet 2003) sowie drei Forschungszentren, zwei öffentliche Forschungsinstitute und mehrere spezialisierte Ausbildungsund Wirtschaftsförderungseinrichtungen nach Belval gezogen. Nach seiner Fertigstellung soll Belval bis zu 25.000 Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter, 7.500 Studierende und Forscherinnen/Forscher und 8.000 Einwohnerinnen/Einwohner aufnehmen.6 Die Cité des Sciences grenzt westlich an ein entstehendes Geschäftsviertel mit einer Mischung aus privaten Wohnund Gewerbegebieten, einem weitläufigen Park mit einer Sekundarschule und zwei Wohngebieten 4 www.prosud.lu/documents/download/317/indices-sud-4--- d%C3%89mographie (20.11.209). 5 www.agora.lu/fr/infotheque/ (20.11.2019). 6 www.belval.lu/fr/belval/le-nouveau-belval (20.11.2019). Tabelle 1: Hauptmerkmale der vier größten Städte in Luxemburg Stadt Einwohnerzahl 1991 Einwohnerzahl 2019 Variation 19912019 in % Ausländeranteil in % (2017) Bevölkerungsdichte (Einwohner pro km²) (2019) Stadt Luxemburg 75.833 119.215 50,72 70,7 2.260,5 Esch-sur-Alzette 24.018 35.382 47,31 57,2 2.465,6 Differdingen 16.096 26.796 66,48 55,9 1.180,9 Düdelingen 14.254 21.087 47,94 40,9 976,1 Großherzogtum Luxemburg 384.634 613.900 59,60 47,6 232,8 Quelle: Eigene Zusammenstellung auf der Basis von Klein/Peltier (2017); Statec-Daten2 256 Annick Leick, Markus Hesse, Tom Becker mit einer Mischung aus Einfamilienhäusern sowie Privatund Mietwohnungen (vgl. Abbildung 1). Letztere liegen auf dem Gebiet der Gemeinde Sanem, die rund 15.000 Einwohnerinnen/Einwohner hat. Am östlichen Gebietsrand liegt ein noch in Betrieb befindliches Stahlwerk von ArcelorMittal, das zugleich eine Barriere zwischen Belval und dem Stadtkern von Esch-sur-Alzette bildet. Die weitere Entwicklung der Südregion mit Esch-sur-Alzette Tabelle 2: Wissenszentrum Cité des Sciences in Esch-sur-Alzette Hochschule Wissenschaftliche Institutionen und Forschungszentren Fortbildung und Entwicklung Unterstützung von Innovation Universität Luxemburg (UL) Luxembourg Institute of Socio-Economic Research (LISER) Luxembourg Institute of Science and Technology (LIST) Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C²DH) Luxembourg Centre for System Biomedicine (LCSB) Interdisciplinary Centre for Security, Reliability and Trust (SnT) Institut Universitaire International Luxembourg (IUIL) ‘De Widong’ Centre for professional development in the health sectors Luxinnovation Fonds national de la Recherche Inkubator ‘Technoport’ Quelle: Eigene Darstellung auf der Basis von Agora (www.agora.lu/fr/infotheque/ (20.11.2019)) Place du Rock Rue Jane Adams Rue Harp o Marx Rue Pier Kremer Rue Char ly Gaul Rue Le B ataclan Rue John Lennon Avenue du Blues Rue Jules Ferry Porte de France Avenue du Blues Avenue du Swing Rue Waass ertrap Rue Jean Sibelius Rue Rober t Krieps Rue Jean Sibelius Rue Ema Hamburger Rue Sour ce Belval Boulevar d du Jazz Porte des Sciences Avenue de la Fonte Rue Gust ave Eiffel Rue Sam uel Beckett Place de l'Académie Rue de l'I nnovation Rue Galil eo Galilei Place de l'Université Passage Sean MacBride Avenue du Rock'n Roll Place des Archives Boulevar d des Lumière s Passage Josephine Bake r Avenue des Sidérurgistes Rue Jean -Jacques Rous seau Boulevar d de la Recher che Avenue des Hauts-Fourneau x Place Ma rcelle Lentz-Cor nette CIPA H-FB H-FA CNCI EDIFF AGORA BIL I Biotec BIL II Rockhal P+R Gare Incubateur Massenoire Hotel Ibis Lycée Bel-Val Centre sportif Ecole primaire Fondation H-FC Belval Plaza I Hall des sports Belval Plaza II Maison du Livre Maison du Nombre Maison du Savoir Maison de la Vie Résidence Feierwon Maison des Ma tériaux Halle des Soufflantes Maison de l'Ingénieur Bâtiment Administratif Restaurant Universita ir e Maison de l'Environnement Maison des Sciences Humaines Halles d'essais des Ingénieurs Maison des Arts et des Etudiants V V V I V V V V V V V V V V V V V V XI I I V V V V V V V V V VVV V V V V V V V V V IX V I I X V I V I V V V V I I V I I V IIV V I I V V V V V V V V V V V V V V V V I VV VV V V V V X X I V II IV IV IV II IV IV IV IV II IV IV IV IV IV II II IV II IV VI IV IV IV IV IV VI IV IV IV IV II VI II IV II VI IX IX VI VI VI VI VI VI VI VI VI VI VI VI II VI VI VI VI II II VI II II II II VI VI II II VI VI VI VI IV IV IX VI II IX II VI II VI II II VI VI IX VI VI VI II VI II II VIII II II VI II IIII VI VI II II VI IX IV IV XV IIIX II IX IIIX XV IVVI IX IX IX VI VI VI VI VI VI IV IV IV IV II VI II II II VI II VI VI VI VI III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III VII VII VII XXI III VII VII VII VII VII III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III III VII VII VII VII VII VII VII VII VII VII VII VII VII VIIVII VII VII XVI VII VII VII III III III III XIX VII XIII VIIIVIII VIII VIII I-III XI-XIII XI-XIII XI-XIII XI-XIII XII-XIII 307 307 302 312 310 305 337 314 313 315 314 315 313 314 303 312 310 300 304 305 305 305 304 305 305 301 305 307 306 334 303 299 306 300 315 321.5 304.5 318.5 308.5 308.5 308.5 303.4 318.2 313.5 313.5 313.5 307.4 314.3 305.7 302.5 300.6 303.5 308.5 308.5 304.5 308.5 308.5 308.5 308.5 308.5 304.5 308.5 308.5 308.5 306.5 308.5 305.9 303.4 308.5 298.4 « 9 « 7 « 9 « 2 « 1 « 5 « 6 « 8 « 7 « 3 « 4 « 9 « 1 « 2 « 2 « 3 « 5 « 6 « 1 « 10 « 18 « 11 « 24 « 28 « 23 « 20 « 00 « 36 « 14 « 46 « 48 « 47 « 39 « 38 « 13 « 12 « 11 « 10 « 42 « 49 « 41 « 40 « 26 « 27 « 34 « 28 « 29 « 33 « 30 « 32 « 31 « 19 « 15 « 12 « 17 « 10 « 14 « 11 « 27b Maison de l'Innovation Gare Belval Un iversité 305 305 307 308.5 308.5 305.5 308.5 308.4 « 6 « 5 « 4 « 3 « 2 « 1 « 7 « 9 « 8 « 4 « 26 « 16 « 25 « 12 « 19 « 21 « 35 « 15 « 43 « 44 « 45 « 37 « 21 « 18 « 13 « 20 « 16 « 14b « 14a « 27c « 27a GRAND-DUCHÉ DE LUXEMBOURG GRAND-DUCHÉ DE LUXEMBOURG Parcelle Lippm ann (>2021) Parcelle privée FRANCE FRANCE ! L BELVAL Masterplan vision 2027 Situation au 11.07.2019 Docume nt inform atif non cont ractuel à vo cation informat ive e t commerci ale , réservé à la propr iété d'Agor a et de s organismes c ité s ci-après: Masterpl an: © ORIGINE AGOR A: DRO ITS RESERVES A AGORA S.A R.L. E T CIE (2019) - COPIE ET RE PRODUCTION IN TERDITE S Ortho GD L 2018: © OR IGINE CADAST RE: DR OITS RESERVES A L'ETAT DU GRA ND DUCHE D E LUXEMBOURG (2016) - COP IE E T REPROD UCTION INTER DITES Ortho GD L 2013: © OR IGINE CADAST RE: DR OITS RESERVES A L'ETAT DU GRA ND DUCHE D E LUXEMBOURG (2013) - COP IE E T REPROD UCTION INTER DITES Ortho FR: © ORI GINE IGN FRA NCE: DROIT S RESERVES A L'ETAT DE FRAN CE BD-L-TC: © ORIGINE CADASTRE: DROI TS RESERVES A L’ETAT DU GRA ND DUCHE DE L UXEMBOURG (2008) - COPI E ET REPROD UCTION INTER DITES Carte de l'Europe: © ORI GINE naturalea rt hdata.com - BIBLIOTH EQUE GRATUITE DE CARTES VEC TORISEES B BHNS Oues t - Est BHNS Nord - Sud BHNS Nord - Sud BHNS Oues t - Est THFX Limite communale Esch/Sane m Ligne de BHNS ! ! Frontière FR - GDL Limite AGORA Surfaces étatiques Tunnels d'accès IV Niveaux max. autorisés Parcelle temporaire Parcelle privée Arrêts transports publics Quartier Belval Sud est basé sur le Plan Directeur du 26.06.2019 0 100 200 300 40050 Meters Luxemb ourg Belval Abbildung 1: Masterplan für Belval, Vision 2027 (Version 11. Juli 2019) Quelle: Agora Vom „Projekt im Projekt“ zur „Stadt in der Stadt“? Probleme der Governance und des Managements großer urbaner Entwicklungsvorhaben am Beispiel der Wissenschaftsstadt Belval, Luxemburg 263 entwicklung zunehmend unter Druck geraten ist (vgl. Tosics 2011; Raco 2013; Savini/Raco 2019). Großprojekte haben das klassische Verhältnis zwischen öffentlicher Kontrolle und privaten Interessen gedreht: Die Planung und das Management des großen Vorhabens beeinflussen maßgeblich städtische Ziele und damit die urbane Governance, nicht umgekehrt. Auf diese Weise werden bestehende institutionelle Arrangements aufgebrochen (vgl. Grabher/Thiel 2015: Großprojekte als „selfinduced shocks“), die Handlungsmacht einseitig neu verteilt und Städte somit geschwächt. Im Fall von Belval ist die Umkehrung der Interessenlage weniger durch private Partner als vielmehr durch den Staat erfolgt, vor allem durch technokratische Steuerung. Die Kommunen benötigen jedoch eigene Planungsund Verfahrenskompetenz, um Prozesse und Projekte aktiv mitgestalten zu können. Dabei muss Planungskapazität nicht immer formeller Natur sein. Auch informelle Informationsund Kooperationsprozesse bergen ein großes Potenzial zur Zusammenführung zunächst konkurrierender Interessen zwischen Privatwirtschaft und öffentlicher Hand. Sie würden auch eine Erweiterung der Akteurvielfalt durch bestehende und zukünftige Nutzer des Standorts erlauben. Planungsflexibilität in mittelbis langfristig angelegten Großprojekten andererseits drückt sich nicht nur in der Forderung nach besserer zeitlicher Phasierung und nachjustierbaren Planzahlen aus. Planungsprozesse müssen sich an veränderte Ausgangsbedingungen anpassen können, um auf sich verändernde Bedarfe zu reagieren. Das Neubauprojekt Belval liefert auch wertvolle Erkenntnisse zur Frage nach dem Verhältnis zwischen Kontrolle und Macht der Entwickler über ihr Projekt einerseits und den Umgang mit divergierenden Interessen in Entscheidungsprozessen andererseits. Auch Maß und Zeitpunkt von Partizipation sind hier von Bedeutung. Vor dem Hintergrund der Dringlichkeit des Projektes Belval, seiner raschen Umsetzung und vor allem der prioritären Berücksichtigung von Investoreninteressen war Partizipation kein integrales Projektelement. Es hatte eher den Status des schmückenden Beiwerks zur Legitimierung von spezifischen Anliegen. Mithilfe von exzessiver Projektkontrolle, verschärft durch ‚außergewöhnliche‘ Maßnahmen in politischen Verfahren und Planungsprozessen, wurde versucht, Machtinteressen zu wahren sowie Risiken und Komplexität zu minimieren. Zwar gab man sich offen gegenüber der Einflussnahme von außen – allerdings nur so lange, wie die eigene Handlungsmacht nicht in Frage gestellt oder gar beschnitten wurde. Dabei sind sich die Entscheidungsträger der Potenziale von Partizipation im Umgang mit den der Planung immanenten Konflikten oft nicht bewusst. Mit adäquaten formellen und informellen Beteiligungsprozessen können zu gegebener Zeit durchaus konstruktive Kompromisse gefunden werden, die nicht nur die Größe oder das Investitionsvolumen eines Projekts in Betracht ziehen. Es sollten auch der maßnahmenbedingte Grad der Veränderung sowie die Wirkungen des Vorhabens auf den baulichen, ökologischen und sozioökonomischen Stadtkontext sowie auf die öffentliche Meinungsbildung berücksichtigt werden. Übergreifende Diskurse müssen an den Schnittstellen zwischen der Aktivität der Stadt und ihrer Öffentlichkeit einerseits und den Beteiligungsangeboten der Entwickler und der Verwaltung andererseits geschaffen werden. So könnten diskursive Rationalität und Handlungsrationalität näher zusammengebracht und Neubauvorhaben auf dem Weg zum ‚Projekt im Projekt‘ bzw. zur ‚Stadt in der Stadt‘ vermieden werden. Im skizzierten Fall hat die Definition des Vorhabens als ‚Projekt‘ die institutionellen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass das Neubaugebiet zum isolierten, eben nicht integrierten Bestandteil der beiden Gemeinden wurde. An seiner sinnvollen Einbindung in das urbane, postindustrielle Umfeld dürfte noch eine geraume Zeit gearbeitet werden müssen. Literatur Addie, J.-P. D.; Acuto, M.; Ho, K. C.; Cairns, S.; Tan, H. P. (2019): Perspectives on the 21st Century Urban University from Singapore – A viewpoint forum. In: Cities 88, 252-260. doi: 10.1016/j.cities.2018.11.006 Agamben, G. (1998): Homo sacer: Sovereign power and bare life. Stanford. 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