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Auf dem Weg zur weltanschaulichen Bekenntnisschule: Das wirtschaftspolitische Leitbild der Hochschule Pforzheim

Maurer, Rainer

Abstract

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Full text

Maurer, Rainer Research Report Auf dem Weg zur weltanschaulichen Bekenntnisschule: Das wirtschaftspolitische Leitbild der Hochschule Pforzheim Beiträge der Hochschule Pforzheim, No. 152 Provided in Cooperation with: Hochschule Pforzheim Suggested Citation: Maurer, Rainer (2015) : Auf dem Weg zur weltanschaulichen Bekenntnisschule: Das wirtschaftspolitische Leitbild der Hochschule Pforzheim, Beiträge der Hochschule Pforzheim, No. 152, Hochschule Pforzheim, Pforzheim, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:951-opus-347 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/118633 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Hochschule Pforzheim Tiefenbronner Str. 65 75175 Pforzheim E-Mail: [email protected] Ausgabe: Mai 2015 ISSN 0946-3755 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 2 Rainer Maurer Auf dem Weg zur weltanschaulichen Bekenntnisschule: Das wirtschaftspolitische Leitbild der Hochschule Pforzheim Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 3 Rainer Maurer Tiefenbronner Straße 65 75175 Pforzheim [email protected] Rainer Maurer ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Pforzheim „Le difficile est de ne promulguer que des lois nécessaires, de rester à jamais fidèle à ce principe vraiment constitutionnel de la société, de se mettre en garde contre la fureur de gouverner, la plus funeste maladie des gouvernements modernes.“ Honoré-Gabriel de Mirabeau Travail Sur L'Education Publique (1791, S. 69) „Ich glaube nunmehr für meine Absicht hinlänglich gezeigt zu haben, wie bedenklich jedes Bemühen des Staats ist, irgendeiner – nur nicht unmittelbar fremdes Recht kränkenden – Ausschweifung der Sitten entgegenoder gar zuvorzukommen, wie wenig davon insbesondre heilsame Folgen auf die Sittlichkeit selbst zu erwarten sind und wie ein solches Wirken auf den Charakter der Nation selbst zur Erhaltung der Sicherheit nicht notwendig ist.“ Wilhelm von Humboldt Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen (1792, S. 114) Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 4 Vorwort des Verfassers Dieser Pforzheimer Beitrag diskutiert die von der Leitung der Hochschule Pforzheim zur Durchsetzung der PRME-Verpflichtung angekündigte Aufgabe des Prinzips der weltanschaulichen Neutralität der Hochschule. Es kommt zu dem Ergebnis, dass dieses Projekt nicht nur verfassungsrechtlichen Grundsätzen, wie dem Prinzip der Gewaltenteilung (Art. 1 (3) GG) widerspricht, sondern auch den Erfordernissen einer modernen Forschung und Lehre nicht gerecht wird. Pforzheim, 28.04.2014 Rainer Maurer 5 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 Inhaltsverzeichnis 1. AUF WELCH SELTSAME WEISE DER 3. PRME-BERICHT VERÖFFENTLICHT WURDE ................. 8 2. DAS WIRTSCHAFTSPOLITISCHE LEITBILD DER HOCHSCHULE ................................................ 10 2.1 DIE VERPFLICHTUNGEN DER HOCHSCHULE NACH DEM PRME-KODEX ............................................. 10 2.2 DIE IM DRITTEN PRME-BERICHT ANGEKÜNDIGTEN VORHABEN ...................................................... 15 3. KANN ES ALLGEMEINVERBINDLICHE LEITBILDER GEBEN? ................................................... 20 3.1 WAS IST EIN POLITISCHES LEITBILD? ........................................................................................... 20 3.2 ALLGEMEINVERBINDLICHKEIT EMPIRISCHER ODER NORMATIVER WERTURTEILE? ................................ 21 3.3 DIE LÖSUNG DES PROBLEMS IN FREIHEITLICH VERFASSTEN GESELLSCHAFTEN .................................... 24 4. KANN ES ALLGEMEINVERBINDLICHE WIRTSCHAFTSPOLITISCHE LEITBILDER GEBEN? ........... 25 4.1 ALLGEMEINVERBINDLICHE NACHHALTIGE ENTWICKLUNG? ............................................................. 25 4.1.1 Nachhaltige Entwicklung und Bevölkerungswachstum ............................................... 29 4.1.2 Substituierbarkeit fossiler Brennstoffe ........................................................................ 34 4.1.3 Grund zum Umschalten in den Panikmodus? .............................................................. 44 4.2 ALLGEMEINVERBINDLICHE SOZIALE MINDESTSTANDARDS? ............................................................ 45 4.2.1 Allgemeinverbindliche Umweltstandards? .................................................................. 47 4.2.2 Allgemeinverbindliche Mindestlöhne? ......................................................................... 48 4.2.3 Aber Kinderarbeit gehört doch auf jeden Fall verboten? ............................................. 57 4.3 ALLGEMEINVERBINDLICHE CORPORATE SOCIAL RESPONSIBILITY? .................................................... 61 4.3.1 Die Auswirkung der CSR auf die Eigenkapitalfinanzierung von Unternehmen ............ 61 4.3.2 Vom Coporate Raider zum Activist Investor ................................................................ 63 4.3.3 Die Anreizwirkung der CSR auf das Management von Unternehmen ......................... 66 4.3.4 “Strategische” Corporate Social Responsibility ........................................................... 70 5. DIE RECHTSLAGE ............................................................................................................... 72 5.1 GRUNDGESETZ: GEWALTENTEILUNG, BEKENNTNISFREIHEIT, FREIHEIT VON LEHRE UND FORSCHUNG .... 72 5.2 BADEN-WÜRTTEMBERGISCHES LANDESHOCHSCHULGESETZ: DIE AUFGABE VON HOCHSCHULEN .......... 75 5.3 ANTIDISKRIMINIERUNGSGESETZ: BENACHTEILIGUNG AUS GRÜNDEN DER WELTANSCHAUUNG ............. 76 5.4 STRAFRECHT: DIE VERMÖGENSBETREUUNGSPFLICHT DES MANAGEMENTS ....................................... 77 5.5 WAS HAT DAS ALLES MIT DEM ÜBERGANG VON DER CZUR W-BESOLDUNG ZU TUN? ....................... 78 6. NICHTSDESTOTROTZALLEDEM! – DIE MAGIE GESCHLOSSENER WELTBILDER ....................... 79 6.1 DAS ERLÖSERSYNDROM ........................................................................................................... 79 6.2 DIE ÜBERWINDUNG SUBJEKTIV EMPFUNDENER BEDEUTUNGSLOSIGKEIT IM FUNDAMENTALISMUS ........ 80 7. RESÜMEE: SENDUNGSBEWUSSTSEIN STATT SACHARGUMENTE ......................................... 83 QUELLENVERZEICHNIS ............................................................................................................. 85 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 6 Verzeichnis der Schaubilder Die sechs PRME-Prinzipien ................................................................................................... 11 Die zehn Prinzipien des UN Global Compact ........................................................................... 12 Komponenten eines politischen Leitbildes ............................................................................. 20 Das Begründungstrilemma der Ethik ..................................................................................... 22 Eine Auswahl unterschiedlicher Ethiken ................................................................................ 23 Zusammenhang zwischen Fertilitätsrate und Pro-Kopf-Inlandsprodukt ..................................... 30 Revision der Bevölkerungsprognose der Vereinten Nationen von 2010 auf 2012 ........................ 32 Aktuelle Fertilitätsprognose 2012 der UN Population Division .................................................. 34 Erneuerbare Substitute fossiler Brennstoffe ........................................................................... 35 Entwicklung der Effizienz unterschiedlicher Typen von Solarzellen ........................................... 38 Prognostizierte Entwicklung der Gesamtdurchschnittskosten (LCOE) von Windkraftanlagen im Vergleich zum Basisjahr 2010 ............................................................................................... 40 Arbeitsmarkt mit „Working-Poor-Effekt“ ............................................................................... 49 Arbeitsmarkt mit Mindestlohnarbeitslosigkeit ........................................................................ 50 Nominale Stundenlöhne*) in Dollar 1975 .............................................................................. 52 Reallohnentwicklung 1975 – 2009 Deutschland und südostasiatische „Tigerstaaten“ (Reallohnniveau 1975 = 100%).............................................................................................. 53 Zusammenhang zwischen jährlichem Reallohnwachstum und durchschnittlicher Bruttoinvestitionsquote 1975 - 2009 ..................................................................................... 54 Nominales Jahreslohnniveau in Tsd. Euro 1995 ...................................................................... 55 Reallohnentwicklung 1995 – 2009 Deutschland und osteuropäische Beitrittsländer (Reallohnniveau 1995 = 100%) ..................................................................................................................... 55 Zusammenhang zwischen jährlichem Reallohnwachstum und durchschnittlicher Bruttoinvestitionsquote 1995 - 2009 ..................................................................................... 56 Activist Investment Funds Performance und Kapitalzufluss ...................................................... 64 Das „Levi Strauss Aspirations Statement“ (4. Juni 1999) .......................................................... 67 Verzeichnis der Tabellen Tabelle 1: Eine Auswahl unterschiedlicher Nachhaltigkeitskonzeptionen ................................... 27 Tabelle 2: Fertilitätsprognose 2010 der UN Population Division ................................................ 33 Tabelle 3: Fertilitätsprognose 2012 der UN Population Division ................................................ 33 13 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 schaften gewährleistet. Das Recht Tarifverträge auszuhandeln, ist in Artikel 23 nicht eingeschlossen und bleibt der Regelung in nationalen Gesetzen vorbehalten. 6 Natürlich kann das Management eines privaten Unternehmens solche freiwilligen Selbstverpflichtungen unterschreiben, wenn die Eigentümer des Unternehmens dem zustimmen. 7 Wenn sich jedoch eine staatliche Hochschule dazu verpflichtet, diese wirtschaftspolitische Position gegenüber der Öffentlichkeit zu vertreten und in ihren Curricula zu verankern, legt sie sich in einer wirtschaftspolitischen Frage auf eine ganz bestimmte Position fest. Wie in Abschnitt 4.2 erläutert, gibt es in der wirtschaftswissenschaftlichen Debatte wohlbegründete alternative Auffassungen zum Thema Tarifund Streikrecht. Diese beruhen auf unterschiedlichen empirischen Werturteilen über die Funktionsfähigkeit von Arbeitsmärkten und das Verhalten der Marktteilnehmer. Welche Werturteile tatsächlich zutreffen und welche nicht, ist Gegenstand der wissenschaftlichen Debatte. Wenn die Leitung einer Hochschule sich vor diesem Hintergrund auf eine bestimmte Position festlegt und dies auch noch in ihren Curricula verankert, verkündet sie zumindest nach außen hin aus ihrer Sicht ein Ende der Debatte. Neben der Frage, ob dies tatsächlich die Aufgabe einer Hochschulleitung ist, stellt damit sich auch die Frage, wie die Hochschule mit Dozenten verfahren möchte, die nicht bereit sind, diese Position gegenüber der Öffentlichkeit zu vertreten oder gemäß den Curricula in Lehrveranstaltungen zu propagieren? Werden diese explizit oder implizit unter Druck gesetzt, ihre Meinung zu ändern, oder kassiert die Hochschule ihre gegenüber der Öffentlichkeit eingegangenen Verpflichtungen dann wieder stillschweigend ein? In Abschnitt 5.5 gehe ich der Frage nach, welche neuen Möglichkeiten zur Ausübung von latentem Druck auf Dozenten durch den Übergang von der Czur W-Besoldung entstanden sind. Durch „Principle 8“ des Global Compact verpflichten sich Unternehmen, unabhängig von gesetzlichen Vorgaben, dem sogenannten “Drei-Säulen-Modell der nachhaltigen Entwicklung“ („triple bottom line of sustainable development“), zu folgen, sich dementsprechende Ziele zu setzen und deren Verfolgung öffentlich zu dokumentieren. 8 Der Begriff „triple bot6 In Deutschland ist diese Forderung des Global Compact zwar de facto im Arbeitsrecht und in der daraus entwickelten Rechtsprechung der Arbeitsgerichte verwirklicht, das Bundesverfassungsgericht hat aber klargestellt, dass diese Rechtspraxis nicht die einzig mögliche ist, die von Artikel 9 (3) GG, zugelassen wird (Bundesverfassungsgericht (1996)). Der Gesetzgeber dürfe auch eine andere gesetzliche Ausgestaltung von Artikel 9 (3) GG wählen. Mit anderen Worten, diese vom UN Global Compact eingeforderten Prinzipien werden von unserem Grundgesetz nicht notwendigerweise gefordert und können deshalb auch nicht Gegenstand des Verfassungsvorbehaltes des Prinzips der Freiheit von Forschung und Lehre nach Artikel 5 (3) GG sein. 7 Eine Zustimmung der Kapitaleigner ist in Deutschland notwendig, da das Management von Unternehmen gesetzlich verpflichtet, die Interessen der Kapitaleigner wahrzunehmen (es besteht eine Vermögensbetreuungspflicht, vgl. § 266 Strafgesetzbuch). Vgl. dazu ausführlicher Abschnitt 5.4. 8 “Re-define company vision, policies and strategies to include the 'triple bottom line' of sustainable development – economic prosperity, environmental quality and social equity. Develop sustainability targets and indicators (economic, environmental, social). Establish a sustainable production and consumption programme with clear performance objectives to take the organisation beyond compliance in the long-term. Work with suppliers to improve environmental performance, extending responsibility up the product chain and down the supply chain. Adopt voluntary charters, codes of conduct or practice internally as well as through sectoral and international initiatives to confirm acceptable behaviour and performance. Measure, track and communicate progress in incorporating sustainability principles into business practices, including reporting against global operating standards. Ensure transparency and unbiased dialogue with stakeholders.” Global Compact (2014), Principle 8. Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 14 tom line“ wurde von John Elkington (1999) geprägt. Er bezeichnet eine Erweiterung der Zielfunktion von Unternehmen. Danach sollen Unternehmen nicht nur einen ökonomischen Ertrag anstreben, sondern auch freiwillig sozialund umweltpolitische Ziele verfolgen. Das entspricht zugleich auch der von Elkington (1999) vorgeschlagenen Konzeption einer „Corporate Social Responsibility“ (CSR). Wie stark dabei die drei Ziele Unternehmensertrag, Sozialpolitik und Umweltpolitik dabei zu gewichten sind, bleibt unbestimmt. Nach dem Verständnis von Elkington darf jedoch keines der drei Ziele ein Gewicht von Null haben. Unbestimmt ist auch, was die drei Ziele jeweils konkret bedeuten. So wird unter dem „ökonomischem Ertrag“ häufig nicht nur der Residualgewinn verstanden, der den Eigentümern des Unternehmens zufließt, sondern auch der Teil der Unternehmensumsätze, der an die Arbeiter und den Staat fließt. Das wäre im ökonomischen Sprachgebrauch dann also nicht der „Gewinn“ sondern die „Nettowertschöpfung vor Steuer“. Folgt man dieser Definition – die den „Sustainability Reporting Guidelines” der “Global Reporting Initiative“ entspricht (GRI (2014, S.48) – so wird die Bedeutung des Residualgewinns, der den Eigentümern des Unternehmens zufließt, bei der Gewichtung der Unternehmensziele per Saldo noch weiter reduziert. Die sozialpolitischen Zielsetzungen des Unternehmens beschränken sich nicht notwendigerweise auf seine Arbeitnehmer, sondern können auch Zulieferer oder Menschen und Institutionen in den Regionen der Produktionsstandorte miteinschließen („Stakeholder“). In welcher Weise und in welchem Umfang die Interessen dieser Gruppen berücksichtigt werden sollen, kann je nach Konzeption divergieren. Die Zielsetzungen im Bereich der Umweltpolitik betreffen vor allem das Einhalten von Umweltstandards, die über die gesetzlichen Vorschriften hinausgehen, Reduzierung des Verbrauches erschöpfbarer Ressourcen oder der Implementierung einer ökologischen Lebenszyklusanalyse der hergestellten Produkte. Egal welche Variante des “Drei-Säulen-Modells“ ein Unternehmen konkret auswählt, es darf dabei auf jeden Fall nicht nur die Interessen der Eigentümer berücksichtigen. Denn die Ziele Sozialpolitik und Umweltpolitik dürfen, wie gesagt, kein Gewicht von Null erhalten. Im Fall eines Zielkonfliktes zwischen Gewinnerzielung und einem der anderen beiden Ziele, muss also auf Teil des Gewinnes verzichtet werden. Auch hier gilt wiederum, dass das Management eines Unternehmens natürlich gesetzlich berechtigt ist, derartige Selbstverpflichtungen einzugehen, wenn die Eigentümer des Unternehmens dem zustimmen. Wenn jedoch eine staatliche Hochschule den wirtschaftspolitischen Standpunkt vertritt, dass Unternehmen nicht nur verpflichtet sind die herrschenden Gesetze einzuhalten, sondern darüber hinaus, Umweltuns Sozialpolitik betreiben müssen, gibt sie auch an dieser Stelle das Prinzip der weltanschaulichen Neutralität auf. Wie in Abschnitt 4.3 erläutert, gibt es in der wirtschaftswissenschaftlichen Debatte in dieser Frage sehr unterschiedliche Auffassungen, die wiederum auf unterschiedlichen normativen und empirischen Werturteilen beruhen. Damit sind wir wieder bei der Frage, wie die Hochschule mit Dozenten umgehen wird, die Positionen vertreten möchten, die den von der Hochschule öffentlich eingegangenen Verpflichtungen widersprechen? 15 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 In "Principle 9" des Global Compact verpflichten sich Unternehmen dazu, stets die Technologie einzusetzen, die einen geringeren Verbrauch an Umweltressourcen verursacht, als die zu substituierenden Technologien. 9 Potentielle Zielkonflikte mit den Interessen der Eigentümer werden dabei ebenso wenig diskutiert, wie potentielle Zielkonflikte mit den Interessen der in „Principle 8“ genannten „sozialpolitischen Stakeholder“. Dabei scheint der Global Compact davon auszugehen, dass es stets einen exogen gegebenen „Stand der Technik“ gibt, der den kleinstmöglichen Verbrauch von Umweltressourcen je Produktionseinheit festlegt. Wie in Fällen vorzugehen ist, in denen natürliche Ressourcen z.B. durch menschliche Arbeit oder den Einsatz von Maschinen substituiert werden können, wird nicht berücksichtigt. Ein Konflikt mit dem unter „Principle 8“ propagierten “Drei-Säulen-Modell“ kann also prinzipiell nicht ausgeschlossen werden. Auch hier gilt wiederum, dass das Management eines Unternehmens natürlich gesetzlich berechtigt ist, derartige Selbstverpflichtungen einzugehen, wenn die Eigentümer des Unternehmens dem zustimmen. Wenn staatliche Hochschulen jedoch öffentlich derartige Forderungen gegenüber Unternehmen erheben, resultiert die schon bei den Prinzipien 8 und 9 genannte Konfliktsituation in Bezug auf die weltanschauliche Neutralität der Hochschule und dem Grundrecht auf Freiheit von Forschung und Lehre der betroffenen Dozenten. In den Abschnitten 5.1 und 5.4 wird diese Problematik deshalb wieder auf aufgegriffen und vor dem Hintergrund der gesetzlichen Regelungen in Deutschland nochmals diskutiert werden. 2.2 Die im dritten PRME-Bericht angekündigten Vorhaben Im dritten PRME-Bericht teilen der Rektor der Hochschule Pforzheim und die Dekane der drei Fakultäten mit, dass die PRME-Aktivitäten in Zukunft vertieft und ausgeweitet werden sollen. 10 Dabei soll insbesondere zur Implementierung des PRME-Kodexes eine Änderung der Curricula erfolgen. In dieser Änderung der Curricula soll einer der Schwerpunkte der PRME-Implementierung liegen. 11 Damit folgt die Hochschulleitung zweifelsohne der Verpflichtung, die aus „Principle 2“ der PRME resultiert. 12 Sie begibt sich jedoch gleichzeitig auch in Widerspruch zu § 3 Abs. 3 des baden-württembergischen Landeshochschulgesetzes: „Beschlüsse der zuständigen Hochschulorgane in Fragen der Lehre sind insoweit zu9 „Businesses should encourage the development and diffusion of environmentally friendly technologies. (…) Environmentally sound technologies, as defined in Agenda 21, should protect the environment, are less polluting, use all resources in a more sustainable manner, recycle more of their wastes and products and handle residual wastes in a more acceptable manner than the technologies for which they were substitutes.” Global Compact (2014), Principle 9. 10 „Today, there are activities underway throughout the University which promote the principles of sustainability, responsible leadership, and ethical practice central to PRME. (…) We will continue to deepen and extend our activities according to the PRME principles.” (PRME (2014a, S. 2)). 11 “Curriculum change and the integration of topics related to business ethics, sustainable development and CSR in the curricula of our study-programs are one of our main goals in implementing (PRME (2014a, S.16)”. 12 “We will incorporate into our academic activities and curricula the values of global social responsibility as portrayed in international initiatives such as the United Nations Global Compact.” (PRME (2014b). Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 16 lässig, als sie sich auf die Organisation des Lehrbetriebes und auf die Aufstellung und Einhaltung von Studienund Prüfungsordnungen beziehen; sie dürfen die Freiheit im Sinne von Satz 1 nicht beeinträchtigen.“ Nach bisheriger Praxis enthielten Curricula immer nur eine Beschreibung der Themen, die in den betreffenden Vorlesungsveranstaltungen behandelt werden sollten. Zu welchen Ergebnissen die Dozenten dabei kommen müssen bzw. welche wirtschaftspolitischen Werturteile und Überzeugungen sie dabei vertreten müssen, blieb offen. Dieser Widerspruch zwischen „Principle 2“ der PRME und § 3 Abs. 3 des baden-württembergischen Landeshochschulgesetzes wird später noch ausführlicher behandelt. In seinen Erläuterungen zum dritten PRME-Bericht in der Hochschulzeitschrift Konturen hebt der Autor des Berichtes, der ehemalige Ethikbeauftragte der Hochschule, Jürgen Volkert, noch einmal hervor, dass die Hochschule die wirtschaftspolitische Position vertritt, dass Unternehmen eine „spezielle Verantwortung“ für „nachhaltige Entwicklung und Ethik“ tragen (Volkert (2014)). 13 Gleichzeitig erweitert er jedoch diese PRME-Verpflichtung um die wirtschaftspolitische Forderung, dass eine „theoretisch effiziente Lösung“ „verpflichtende globale Regeln und Mindeststandards für alle Fälle von Marktversagen und daraus folgende Ethikund Nachhaltigkeitsprobleme verlangen“ würde. 14 Welche Art von Theorie sich genau hinter dem von ihm verwendeten Begriff einer „theoretisch effizienten Lösung“ verbirgt, bleibt dabei offen. Kaum bestreitbar ist jedoch, dass in der wirtschaftspolitischen Debatte, die Forderung nach „verpflichtende(n) globale(n) Regeln und Mindeststandards für alle Fälle von Marktversagen“ keinen Konsens darstellt. Ich werde auf dieses Problem in Abschnitt 4.2 deshalb noch näher eingehen. Natürlich ist es Jürgen Volkert völlig unbenommen, persönlich derartige Forderungen zu stellen – auch in seinen Vorlesungen. Da er in diesem Aufsatz jedoch eingangs erklärt, dass er und seine Koautorin darin „erläutern“ möchten „wie die Hochschule Pforzheim“ den Themen „Nachhaltige Entwicklung (NE), Unternehmensverantwortung und Ethik“ „Rechnung trägt“, erhebt er diese Forderungen hier im Namen der Hochschule. 15 Damit stellt sich die Frage nach der Legitimationsbasis auf deren Grundlage Jürgen Volkert wirtschaftspolitische Forderungen im Namen der Hochschule erheben kann. Diese Frage bleibt offen. Der Vertreter der Hochschule in der deutschsprachigen Regionalgruppe der PRME, Rudi Kurz, geht in dem wirtschaftspolitischen Leitbild, das er in seinem Beitrag zu den Konturen für die Hochschule entwirft, noch deutlich weiter (Kurz (2014)). In seinem Beitrag vermischen sich normative Werturteile und empirische Werturteile, ohne dass deren Grundlagen explizit diskutiert oder kritisch reflektiert werden. Er orientiert er sich dabei offensichtlich 13 „Mit der Unterzeichnung der Principles for Responsible Management Education der Vereinten Nationen im Jahr 2008 hat die Hochschule Pforzheim unterstrichen, dass sie die zunehmenden allgemeinen Herausforderungen ebenso wie die speziellen Verantwortlichkeiten von Unternehmen für NE und Ethik ernst nimmt.“ Volkert (2014) 14 „Eine theoretisch effiziente Lösung würde verpflichtende globale Regeln und Mindeststandards für alle Fälle von Marktversagen und daraus folgende Ethikund Nachhaltigkeitsprobleme verlangen.“ Volkert (2014) 15 „Nachhaltige Entwicklung (NE), Unternehmensverantwortung und Ethik rücken in den letzten Jahren immer stärker ins Zentrum gesellschaftlicher Diskussionen. Nicht zuletzt auch Unternehmensverantwortliche müssen sich mehr und mehr mit ethischen Fragen, etwa zu Umweltschäden, Sozialund Arbeitsstandards auseinandersetzen. In unserem Beitrag erläutern wir, wie die Hochschule Pforzheim diesen neuen Themen Rechnung trägt.“ Volkert (2014) 17 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 sehr stark an Positionen, die in der politikwissenschaftlichen Forschung als „Ökologismus“ bezeichnet werden (Kenny (2003), Dobson (2004)). Da er auch beansprucht, im Namen der Hochschule zu sprechen, stellt sich auch hier wieder die Frage nach der Legitimationsbasis für seine Forderungen. Nach Ansicht von Rudi Kurz geht es für die Hochschule im Rahmen der PRME Aktivitäten darum, „gesellschaftliche Aufklärung“ zu leisten, die zu einem angemessenen „Grundverständnis der globalen Herausforderungen, insbesondere (extreme) Armut, Klimawandel, Artensterben, verbunden mit der Erkenntnis, dass diese ausschließlich oder zum großen Teil menschgemacht und durch menschliches Handeln (noch) veränderbar sind“. Nach seiner Einschätzung wissen wir „auch häufig, was getan werden müsste. Warum tun wir es durch unzureichende institutionelle Arrangements aber dennoch nicht. und wie könnte man das ändern? Das ist die Verantwortung, um die es geht.“ Er konstatiert „Und es besteht akuter Handlungsbedarf, die Zeit drängt. Diese schonungslose Diagnose ist (bei allen verbleibenden Unsicherheiten) unverzichtbar - und sie ist nicht defätistisch, sondern mahnt zu entschiedenen Anstrengungen“ (Kurz (2014, S. 130)). Der Glaube an die Gültigkeit seiner Problemanalyse und die Problemlösungskompetenz der Hochschulen ist dabei so stark, dass er ihnen sogar die Rolle der Gedankenführerschaft (,,thought leader") gegenüber Unternehmen und Zivilgesellschaft zuerkennt. 16 Er unterstellt also, dass derzeit ein sicherer Wissensstand verfügbar ist, der einerseits die Ursachen für Armut, Klimawandel und Artensterben eindeutig erklärt und aus dem sich andererseits unstrittige Maßnahmen zur Bewältigung dieser Probleme ableiten lassen, so dass das Hauptproblem nur noch darin besteht, dieses gesicherte Wissen nun in praktische Wirtschaftspolitik umzusetzen. Ich werde in später erläutern, dass es in der wissenschaftlichen Debatte dieser Probleme viele unterschiedlichen Positionen gibt, die vor allem auf unterschiedlichen empirischen Werturteilen beruhen. Die Frage, welche dieser Positionen die richtige ist, kann deshalb nicht von Rudi Kurz oder einem Hochschulgremium allgemeinverbindlich für andere Hochschulmitglieder festgelegt werden. Interessanterweise vertritt Rudi Kurz dabei den Standpunkt, dass zur Bewältigung der von ihm erkannten „globalen Herausforderungen“ die Hauptaufgabe privaten Unternehmen zukommt. Die naheliegende Frage, welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen von staatlicher Seite ergriffen werden müssten, um diese Herausforderungen zu bewältigen, wird gar nicht erst diskutiert. Das ist insofern erstaunlich, als private Unternehmen nach weitverbreiteter Einschätzung nicht unbedingt dem Allgemeinwohl verpflichtete wirtschaftspolitische Ziele verfolgen, sondern normalerweise, unter Berücksichtigung der gesetzlichen Rahmenbedingungen, privatwirtschaftliche Gewinninteressen verfolgen. Dies ist auch die Standardverhaltensannahme in wirtschaftswissenschaftlichen Theorien. Wenn man eine davon 16 „Und schließlich ist die schon eingangs angesprochene Rolle der Hochschulen und des Wissenschaftssystems als ,,thought leader" zu betonen. Stakeholder und Zivilgesellschaft dürfen wie in der Abbildung gezeigt nicht nur als Quelle der Inspiration begriffen werden, sondern auch als Adressat von Erkenntnissen und Forschungsergebnissen. Die Mitwirkung am gesellschaftlichen Diskurs ist Pflicht, nicht nur Publikationen für wissenschaftliche Insider-Zirkel, sondern auch Beiträge für Zeitungen und allgemeinverständliche Vorträge.“ Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 18 abweichende Verhaltensannahme treffen möchte, wäre es eigentlich in einem wirtschaftswissenschaftlichen Beitrag üblich, dafür eine empirisch fundierte Begründung zu liefern. Das gilt umso mehr als der Autor ja in seiner „schonungslosen Diagnose“ zu dem Ergebnis kommt, dass „akuter Handlungsbedarf“ besteht und „die Zeit drängt“. Wenn dem tatsächlich so ist, wäre es natürlich fatal, sich dabei auf eine vermeintliche Bereitschaft privater Unternehmen zu einem dem Gemeinwohl verpflichteten Handeln zu verlassen. In diesem Fall wäre es sicherlich zielführender, wenn der Staat sofort durch entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen private Unternehmen dazu verpflichten würde, die gewünschten sozialund umweltpolitischen Standards auf Fall auch einzuhalten. Ich werde auch auf diese Problematik noch näher eingehen. Obwohl Rudi Kurz keine Gründe dafür nennt, scheint sein Misstrauen in die Problemlösungskompetenz des Staates stark ausgeprägt zu sein. Er geht in seinem Verzicht auf staatliche Eingriffe sogar soweit, dass er bereit ist – trotz des „akuten Handlungsbedarfes“ und der „drängenden Zeit“ – eine erhebliche Verzögerung bei der Bewältigung der „globalen Herausforderungen“ in Kauf zu nehmen. Er schreibt wörtlich: „Wenn es durch PRME gelingt, dass in den kommenden Jahren ein besser auf die aktuellen Herausforderungen der Globalisierung vorbereiteter Management-Nachwuchs auf den Arbeitsmarkt drängt, wird es noch einige Zeit dauern, bis diese Generation Wirkung durch Führung entfaltet. Rechnen wir also damit, dass bis 2030 der ‘Marsch durch die Institutionen‚ gelungen ist und auch unsere Alumni die Corporate World transformieren. Das ist insgesamt allerdings eine unsichere Wirkungskette mit einer langen Zeitverzögerung. Isoliert betrachtet kann man - zynisch gesprochen - nur hoffen, dass Weltklima und bedrohte Arten noch etwas Geduld aufbringen werden“ (Kurz (2014, S. 130). Um diese Verzögerung etwas zu reduzieren, schlägt er dann die Einrichtung von Kursen zur Weiterbildung der „aktiven Management-Generation“ oder „Beratungsund Consulting-Aktivitäten“ durch die Hochschulen vor. 17 Das ist dann doch einigermaßen erstaunlich. Denn, wenn die Probleme tatsächlich so drängend sind, wäre es doch wirklich naheliegend, ein sofortiges staatliches Eingreifen durch entsprechende Gesetze zu fordern. Aus seiner Hypothese einer ausgeprägten Bereitschaft privater Unternehmen zur Verfolgung sozialund umweltpolitischer Ziele leitet er dann auch noch eine starke Nachfrage der Unternehmen nach Studierenden mit PRME-Ausbildung ab. Ohne weitere Belege geht er dann davon aus, dass sich durch die PRME-Ausbildung die Beschäftigungsaussichten der Absolventen der Hochschule verbessern lassen. 18 Eine kritische Diskussion der Annahmen, auf denen diese Schlussfolgerung beruht, erfolgt nicht. Dabei kann die Möglichkeit einer gegenteiligen Wirkung der PRME-Ausbildung keineswegs ausgeschlossen werden. Denn wenn eine hinreichend große Anzahl von Unternehmen sich aufgrund ihres Ge17 „Glücklicherweise hängt der Transformationsprozess nicht alleine von den Hochschulen ab und glücklicherweise haben die Hochschulen und das Wissenschaftssystem insgesamt noch andere Möglichkeiten und müssen sich nicht ausschließlich auf die Zielgruppe der Studierenden konzentrieren. Schneller wirksam wären z.B. die Weiterbildung der aktiven Management-Generation oder Beratungs-/Consulting-Aktivitäten“ (Kurz (2014, S. 130). 18 „Warum? (Begründung): Sensibilisierung der Studierenden für Werte und verantwortbare Einstellungen; Verbesserung der Beschäftigungsaussichten der Absolventen (employability); Unterstützung der zunehmenden Nachfrage der Unternehmen nach Absolventen mit RME-Kenntnissen; (…)“. (Kurz (2014, S. 130). 19 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 winnmaximierungsinteresses sich nicht an sozialund umweltpolitischen Aufgaben beteiligen möchte, werden sie möglicherweise Studierende vorziehen, die sich in ihrer Studienzeit mit anderen, für ihr Unternehmensziel wichtigeren, Fragestellungen beschäftigt haben. Interessanterweise zieht Rudi Kurz an anderer Stelle dann aber doch die Möglichkeit in Betracht, dass Unternehmen in der Praxis nicht an sozialund umweltpolitischen Zielen interessiert sind, sondern primär ein Gewinnziel verfolgen. Eine seiner Antworten auf die Frage „Welche Inhalte und Themen sollten in einem Curriculum für RME enthalten sein?“ lautet „Unternehmen: RME vs. Greenwashing. Wie lässt sich bewerten, ob Unternehmen einen signifikanten Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung leisten?“ Wenn man aber konzediert, dass Unternehmen „Greenwashing“ betreiben, bedeutet dies, dass sie unter dem Deckmantel sozialund umweltpolitischer Ziele lediglich ihren Gewinninteressen nachgehen. Dann kann man aber natürlich nicht mehr widerspruchsfrei behaupten, dass Unternehmen zum Träger sozialund umweltpolitischer Aufgaben prädestiniert sind und deshalb eine starke Nachfrage nach Studierenden mit PRME-Ausbildung haben. Auch in anderer Hinsicht führt dieses Zugeständnis letztlich zu widersprüchlichen Konsequenzen. Wenn eine öffentliche Kontrolle, ob Unternehmen einen signifikanten Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung leisten, notwendig ist, wäre es doch naheliegend, dass der Staat durch entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen private Unternehmen dazu verpflichtet, die gesellschaftlich gewünschten sozialund umweltpolitischen Standards einzuhalten. Damit würde auf die Unternehmen sicherlich ein sehr viel stärkerer Druck zur Einhaltung dieser Standards ausgeübt als durch eine freiwillige Selbstverpflichtung, die nur dann eingehalten wird, wenn der zu erwartende Reputationsschaden des „Greenwashings“ größer ist als der ökonomische Gewinn durch „Greenwashing“. Die von Kurz entwickelte „PRME-Konzeption“ der Hochschule wirft insgesamt die Frage auf, woher die starke Abneigung rührt, dem Staat die Verantwortung für die Setzung und Einhaltung sozialund umweltpolitischer Standards zu lassen? Es drängt sich der Verdacht auf, dass dies vor allen Dingen deshalb nicht gewünscht wird, weil dann die Entscheidung, welche sozialund wirtschaftspolitischen Standards einzuhalten sind, von den zuständigen demokratischen Institutionen – den Parlamenten also – getroffen würde. Dann aber könnten Hochschulen, bzw. Hochschulleitungen, nicht mehr eigene sozialund umweltpolitische Ziele definieren und verfolgen. Sie müssten sich demokratischen Mehrheitsentscheiden der Parlamente unterordnen. In Abschnitt 6 gehe ich der Frage nach, in wieweit möglicherweise auch sozial-psychologische Erklärungsansätze zum Verständnis solcher Denkweisen herangezogen werden können. Wie auch immer das Misstrauen in demokratische Entscheidungsprozesse begründet sein mag, es steht außer Frage, dass Hochschulen Teil der staatlichen Verwaltung sind. Die Propagierung eigener sozialund umweltpolitischer Zielvorstellungen durch Hochschulleitungen steht deshalb in klarem Widerspruch zum Prinzip der Gewaltenteilung (Grundgesetz, Artikel 1 Absatz 3). Auf dieses Problem werde ich in Abschnitt 5 noch ausführlicher eingehen. Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 20 3. Kann es allgemeinverbindliche Leitbilder geben? 3.1 Was ist ein politisches Leitbild? Das PRME-Engagement der Hochschule zielt darauf ab, ein bestimmtes wirtschaftspolitisches Leitbild der Hochschule gegenüber der Öffentlichkeit zu propagieren. Das macht natürlich nur dann Sinn, wenn dieses Leitbild intern auch durchgesetzt wird. Folgerichtig schreibt Volkert in seinen Erläuterungen zum 3. PRME Report: „Dementsprechend wurde nach der Unterzeichnung der PRME an unserer Hochschule besonderes Augenmerk auf eine systematische, substanzielle Umsetzung gelegt.“ Volkert (2014, S.132). Ein Bekenntnis zu einem bestimmten wirtschaftspolitischen Leitbild gegenüber der Öffentlichkeit, das nicht mit einer internen Umsetzung des Leitbilds einherginge, wäre Etikettenschwindel. Eine öffentliche Hochschule, die sich auf einen solchen Etikettenschwindel einließe, würde sich in logische Widersprüche verwickeln und wäre unglaubwürdig. Abgesehen davon, gibt es in Deutschland auch Gesetze, die z.B. „irreführende Werbung“ verbieten. 19 Damit stellt sich dann natürlich aber die Frage, ob es politische Leitbilder geben kann, die für die Mitglieder der Hochschule, die sich intern an der Umsetzung der Leitbilder beteiligen sollen, in irgendeiner Form allgemeine Verbindlichkeit beanspruchen können? Dazu möchte ich zunächst einmal die formale Struktur eines „wirtschaftspolitischen Leitbildes“ (Abbildung 3) diskutieren. Abbildung 3: Komponenten eines politischen Leitbildes Ein wirtschaftspolitisches Leitbild, wie es aus dem PRME-Kodex resultiert, ist letztlich eine wirtschaftspolitische Handlungskonzeption. Es hat in der Regel zwei Komponenten: Zum einen besteht es aus einem Set von Normen, die wirtschaftspolitische Ziele des Handelns 19 Insbesondere §§ 5, 5a, Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, und die daraus abgeleitete Rechtsprechung. 21 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 definieren. Zum anderen besteht es aus Handlungsstrategien, die zum Erreichen dieser Ziele als notwendig erachtet werden. Diese Handlungsstrategien müssen sich dabei zum einen auf empirische Daten stützen, die den Zustand der Welt im relevanten Handlungsbereich beschreiben, und zum anderen auf empirische Theorien 20 , die Hypothesen enthalten über kausale Beziehungen zwischen Variablen, die man wirtschaftspolitisch beeinflussen kann („Instrumentenvariablen“) und den Variablen, die man in den gewünschten Zielbereich steuern möchte („Zielvariablen“). 3.2 Allgemeinverbindlichkeit empirischer oder normativer Werturteile? Für welche Daten, Theorien und wirtschaftspolitischen Ziele man sich dabei entscheidet ist letztlich eine Frage von Werturteilen. Zwar könnte man aus erkenntnistheoretischer Sicht argumentieren, dass es nur eine empirische Realität geben kann, so dass folglich auch nur ein ganz bestimmter Satz von empirischen Daten diese Realität korrekt beschreibt und nur eine ganz bestimmte empirische Theorie zu einem bestimmten Zeitpunkt den durch Beobachtungen und Experimente ermittelten höchsten empirischen Bewährungsgrad besitzen kann. Die wissenschaftliche Praxis zeigt aber, dass es in der Regel sehr schwer ist, über solche Fragen, selbst in einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern einen Konsens herzustellen. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Diese reichen von erkenntnistheoretischen Extrempositionen, die Zweifel an der Existenz einer vom menschlichen Bewusstsein unabhängigen Realität haben (etwa bestimmte Varianten des Solipsismus, Konstruktivismus oder Idealismus) bis hin zu eher praktischen erfahrungswissenschaftlichen Problemen, wie etwa die Abhängigkeit eines Beobachtungssatzes von der damit zu überprüfenden Theorie – ein Problem das auch unter der Hypothese einer vom menschlichen Bewusstsein unabhängigen Realität auftaucht. 21 Häufig sind deshalb nicht nur der Bewährungsgrad von Theorien strittig, sondern auch die Beobachtungsdaten selbst. Vielleicht noch grundsätzlicher sind die Probleme bei der Entscheidung für bestimmte wirtschaftspolitische Ziele. Solche Zielvorstellungen leiten sich aus ethischen Prinzipien ab, die in irgendeiner Form begründet werden müssen. Es herrscht jedoch kein Konsens darüber, wann eine Ethik so gut begründet ist, dass sie Allgemeinverbindlichkeit beanspruchen 20 Kausale Beziehungen zwischen Instrumentenvariablen und Zielvariablen, auf die sich Handlungsstrategien stützen, müssen nicht immer aus empirisch bewährten, axiomatisierten Theorien ableitbar sein. In vielen Wissenschaften, wie etwa der Pharmazeutik oder der Werkstoffwissenschaft, beruht das Wissen über kausale Beziehungen zwischen Instrumentenvariablen und Zielvariablen häufig auf induktiv ermittelten empirischen Regelmäßigkeiten, ohne dass eine Rückführung auf vereinfachende Axiome bereits möglich wäre. 21 Ich kann mir vorstellen, dass letzteres Problem zumindest prinzipiell lösbar ist, wenn man nicht verlangt, dass Beobachtungssätze „objektive“ Beschreibungen der Realität sind, sondern lediglich Interpretationen von Sinneseindrücken auf der Basis der Theorien, die damit überprüft werden sollen. Wenn diese Beobachtungssätze dann den aus der Theorie hergeleiteten Nullhypothesen nicht widersprechen, ist damit dann freilich kein Erkenntnisfortschritt verbunden. Denn die Beobachtungssätze wurden unter der Annahme der Gültigkeit der Theorie hergeleitet und sind somit zugunsten der Theorie verzerrt. Wenn die Beobachtungssätze jedoch trotz dieser Verzerrung der Theorie widersprechen, kann die Theorie als widerlegt gelten. Die Beobachtungssätze müssen also nicht „wahr“ im korrespondenztheoretischen Sinn sein, sie müssen lediglich im logischen Widerspruch zu der Theorie stehen (Maurer (2004b)). Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 22 könnte. Im Gegensatz zu empirischen Hypothesen, deren Ziel es ist empirische Sachverhalte zutreffend zu erklären, kann man ethische Prinzipien nicht durch Vergleich mit empirischen Beobachtungen überprüfen. Denn, ob ein ethisches Prinzip gelten soll oder nicht, kann nicht davon abhängen, ob es empirisch gesehen tatsächlich eingehalten wird oder nicht. Einige Fachphilosophen sprechen deshalb von einem Begründungsproblem, das auf drei, letztlich unbefriedigende Alternativen hinausläuft (Albert (1968)) – das sogenannte Begründungstrilemma der Ethik (Abbildung 4). Die erste Alternative läuft auf einen unendlichen Regress hinaus, der dadurch entsteht, dass ein Argument zur Begründung einer Norm wiederum durch ein oder mehrere andere Argumente begründet wird usw. Die Begründung der Norm findet also kein Ende, wodurch die Norm niemals endgültig begründet ist. Abbildung 4 Das Begründungstrilemma der Ethik Quelle: Maurer (2004a) Die zweite Alternative besteht in einem Zirkelschluss, der daraus resultiert, dass (mindestens) ein zur Begründung bereits herangezogenes Argument mit einem Argument begründet wird, das wiederum direkt oder indirekt mit ersterem Argument begründet wurde. Logisch betrachtet läuft dies also darauf hinaus, dass ein Argument durch sich selbst begründet wird. Man kann aber sicherlich argumentieren, dass ein Argument nicht durch ein Argument begründet werden kann, das nicht mehr Inhalt enthält als das Argument, das begründet werden soll. Damit scheidet dann also auch ein Zirkelschluss als endgültige Begründung einer ethischen Norm aus. Die dritte Alternative besteht im willkürlichen Abbruch des Begründungsprozesses bei einem Argument, dass man als ausreichend erachtet. Dann kann man aber wiederum argumentieren, dass ein Argument nicht durch ein Argument begründet werden kann, das nicht 29 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 nicht-anthropozentrischen Konzeptionen der „Starken Nachhaltigkeit“ und der „Kritischen Nachhaltigkeit“ der Bestand an Naturkapital (= natürliche Ressourcen + Ökosysteme) aber konstant gehalten werden soll, spielt die Frage der Substituierbarkeit erschöpfbarer Ressourcen eigentlich keine Rolle mehr: Auch bei prinzipieller Substituierbarkeit soll der Bestand an natürlichen Ressourcen mindestens konstant gehalten werden – ein Wachstum des Bestandes natürlicher Ressourcen wird dabei, wenn möglich, immer als wünschenswert angesehen. Ökonomisches Wachstum wird von der Konzeption „Starke Nachhaltigkeit“ nur noch dann zu gelassen, wenn technischer Fortschritt Mehrproduktion von Gütern und Dienstleistungen erlaubt, ohne dass Naturkapital verbraucht werden muss. Bei der Konzeption der „Kritischen Nachhaltigkeit“ wird ökonomisches Wachstum aber auch bei technischem Fortschritt grundsätzlich ausgeschlossen, weil man davon ausgeht, dass ökonomisches Wachstum immer irgendwie zu steigendem Ressourcenverbrauch führt (Rebound-Effect, Jevons (1865)). Dieser knappe Überblick verdeutlicht also, dass es eine große Vielfalt höchst unterschiedlicher Nachhaltigkeitskonzeptionen gibt. Während die zugrunde liegenden empirischen Werturteile natürlich prinzipiell durch empirische Forschung überprüft werden können, entziehen sich die ethischen Werturteile aufgrund der schon in Abschnitt 3.2 angesprochenen Problematik einer empirischen Überprüfung. Sie bilden damit den weltanschaulichen Kern der jeweiligen Nachhaltigkeitskonzeption, der nicht allgemeinverbindlich gemacht werden kann. 4.1.1 Nachhaltige Entwicklung und Bevölkerungswachstum Während es in der Literatur eine umfangreiche Diskussion der Pro und Contra der verschiedenen Konzeptionen gibt, wird die Frage der politischen Umsetzbarkeit nicht immer ganz so ausführlich behandelt. Dabei liegt es eigentlich schon auf der Hand, dass die Beendigung von Wirtschaftsund Bevölkerungswachstum, wie sie von einigen Nachhaltigkeitskonzeptionen vorgeschlagen wird, zumindest in demokratisch verfassten Gesellschaftssystemen nicht so ohne weiteres umsetzbar sein dürfte. Gerade eine staatliche Kontrolle der Familienplanung, wie sie etwa zur Steuerung des Bevölkerungswachstums notwendig wäre, würde tief in persönliche Freiheitsrechte eingreifen. Man kann aber auch bezweifeln, ob das Bevölkerungswachstum auf globaler Ebene überhaupt gesteuert werden kann. Welche Faktoren üben Einfluss auf das Bevölkerungswachstum aus? Aus empirischer Sicht kann kaum bestritten werden, dass eine negative Korrelation zwischen Bevölkerungswachstum und Pro-Kopf-Einkommen besteht. Dieses Phänomen wird in der Demographie häufig als „ökonomisch-demographisches Paradox“ bezeichnet. Der Begriff „Paradox“ ist dabei eigentlich nicht gerechtfertigt, denn die negative Korrelation kann plausibel und widerspruchsfrei erklärt werden. Länder mit höherem Pro-Kopf Einkommen haben ein geringeres Bevölkerungswachstum, weil sie eine niedrigere Fertilitätsrate (Kinder pro Frau) haben (Abbildung 6). Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 30 Mehrere Gründe können zur Erklärung dieses Zusammenhangs herangezogen werden: So geht ein höheres Durchschnittseinkommen in der Regel mit höherem Bildungsniveau einher, welches normalerweise die Bereitschaft zur Verwendung von Empfängnisverhütungsmitteln erhöht. Außerdem steigt mit dem Einkommen auch die Ausbildungsdauer der Frauen, so dass Familiengründung und Kinderwunsch häufig erst in einem späteren Lebensalter realisiert werden, was normalerweise ebenfalls zu einer geringeren Kinderzahl führt. Ein weiterer Grund lautet: In unterentwickelten Ländern ohne funktionierende finanzmarktbasierte Altersvorsorgesysteme besteht für Eltern ein starker Anreiz zu einer größeren Kinderzahl, um die Wahrscheinlichkeit einer gesicherten Altersversorgung durch die Kinder zu erhöhen. Abbildung 6: Zusammenhang zwischen Fertilitätsrate und Pro-Kopf-Inlandsprodukt Quelle: CIA (2014) Der Begriff „ökonomisch-demographisches Paradox“ ist darauf zurückzuführen, dass die negative Korrelation zwischen Bevölkerungswachstum und Pro-Kopf-Einkommen der, wissenschaftshistorisch gesehen, sehr einflussreichen Bevölkerungstheorie des englischen Sozialforschers Thomas Malthus widerspricht. Malthus ging in seiner berühmten Abhandlung „An Essay on the Principle of Population“ (Malthus (1826)) davon aus, dass ein höheres Einkommen zu mehr Bevölkerungswachstum führt, weil mit einem höheren Einkommen auch die materiellen Voraussetzungen für die Ernährung größerer Familien gegeben sind. Nach Malthus kommt es deshalb ohne aktive Kontrolle der Familienplanung stets zu Verelendungsprozessen: Ist zu einem bestimmten Zeitpunkt die Produktion von Lebensmitteln so groß, dass größere Familien ernährt werden können, wächst die Bevölkerung an, bis die 31 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 Produktion von Nahrungsmitteln gemessen an der Bevölkerungsgröße wieder zu gering ist. Durch Mangelernährung und Krankheit kommt es dann wieder zum Schrumpfen der Bevölkerungsgröße. Nach der Malthus’schen Bevölkerungstheorie neigt jede Spezies deshalb dazu, stets an der Grenze zur Verelendung zu leben – eine Schlussfolgerung, die starken Einfluss auf die Entwicklung der Darwin’schen Evolutionstheorie hatte. 28 Dass sich die Malthus’sche Bevölkerungstheorie für die menschliche Spezies aber letztendlich nicht empirisch bewährt hat, dürfte im Wesentlichen auf den zu seiner Lebenszeit kaum vorhersehbaren technologischen Fortschritt zurückzuführen sein. So war die Erfindung moderner Empfängnisverhütungsmittel für ihn sicherlich genau so wenig vorstellbar, wie die enormen Produktivitätsfortschritte in der landwirtschaftlichen Produktion, die es seit dem frühen 19. Jahrhundert gegeben hat. 29 Historische Erfahrungen wie diese, bilden die Grundlage für die Nachhaltigkeitskonzeption des „Erkenntnistheoretischen Skeptizismus“, die vom amerikanischen Philosophen Jan Narveson (2012) vertreten wird (Tabelle 1). Eine wichtige Konsequenz aus dem negativen Zusammenhang zwischen Pro-Kopf Einkommen und Bevölkerungswachstum lautet: Zur Begrenzung des Bevölkerungswachstums, könnte es durchaus hilfreich sein, wenn das Pro-Kopf Bruttoinlandsprodukt vor allem in den ärmeren Ländern noch sehr viel stärker wächst. Eine weltweite Begrenzung des BIP-Wachstums, wie sie etwa von der Konzeption der „Strengen Nachhaltigkeit“ oder der „Kritischen Nachhaltigkeit“ gefordert wird, könnte also in Bezug auf eine Begrenzung des Bevölkerungswachstums sogar kontraproduktiv sein. Wie stark der Einfluss der Fertilitätsrate auf das Bevölkerungswachstum ist, zeigt die jüngste Revision der Weltbevölkerungsprognose der Vereinten Nationen (Abbildung 7). Nach der Prognose aus dem Jahr 2010 (United Nations (2011); im Schaubild: „old projection“) sollte die Weltbevölkerung um das Jahr 2070 den Spitzenwert von ungefähr 9 Milliarden erreichen, um danach bis zum Jahr 2199 wieder auf ungefähr 8,4 Milliarden zu sinken. Nach der aktuellen Prognose (United Nations (2013); im Schaubild: „new projection“) wird die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 auf rund 9,6 Milliarden anwachsen und im Jahr 2100 einen Wert von 10,9 Milliarden erreichen. Diese starke Revision der Prognose des Bevölkerungswachstums geht zum größten Teil auf Änderungen der Prognose der Fertilitätsdaten zurück. Die Prognose der Fertilitätsraten beruht auf einer trendmäßigen Fortschreibung der Fertilitätsraten von 1950 bis 2010 (United Nations (2013), S.11). Aufgrund von erhebungsbedingten Revisionen der historischen Fertilitätsraten für Afrika für 1990 - 2010 mussten diese etwas nach oben korrigiert werden (vgl. Tabelle 2 mit Tabelle 3). Dadurch stieg die mittlere Prognose der Fertilitätsrate der 28 „(…) it at once struck me that under these circumstances favorable variations would tend to be preserved, and unfavorable ones to be destroyed. The result of this would be the formation of new Species. Here, then, I had at last got a theory by which to work; (…)“ Darwin (1878, S.120) 29 Was gleichwohl Neo-Malthusianer wie Paul Ehrlich (Ehrlich (1968)) oder William und Paul Paddock (1967) nicht davon abgehalten hat, noch Ende der 60er Jahre stetig wachsende weltweite Hungersnöte für die 70er und 80er Jahre vorherzusagen und es für ausgeschlossen zu halten, dass Länder wie Indien sich jemals selbst ernähren können. Ein interessanter kognitionstheoretischer Erklärungsansatz für das Phänomen und die Popularität defätistischer Expertenprognosen bietet Gardner (2011). Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 32 Welt insgesamt von 2,17 auf 2,24 Kinder je Frau. Damit erklärt sich dann der größte Teil der Revision der Bevölkerungsprognose. Die Revision der UN-Bevölkerungsprognose zeigt, wie relativ kleine Veränderungen von Fertilitätsraten auf Grund des nichtlinearen „Zinseszinseffektes“ langfristig sehr weitreichende Auswirkungen auf die Bevölkerungsentwicklung haben können. Daraus kann man natürlich auch den Umkehrschluss ziehen, dass das zukünftige Bevölkerungswachstum erheblich gesenkt werden kann, wenn es gelingt, die Fertilitätsraten afrikanischer Länder, die in der Projektion noch immer erheblich über dem Weltdurchschnitt liegen (Abbildung 8), schneller zu senken, als es dem bisherigen Trend entspricht. Abbildung 7: Revision der Bevölkerungsprognose der Vereinten Nationen von 2010 auf 2012 Quelle: American Scientific (2014 b) 33 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 Einen wesentlichen Beitrag dazu, könnte aufgrund der negativen Korrelation zwischen Fertilitätsrate und Pro-Kopf-BIP ein höheres Einkommenswachstum in afrikanischen Ländern leisten. Dem langfristig zunehmenden Ressourcenverbrauch durch eine wachsende Weltbevölkerung, könnte also gerade durch mehr Einkommenswachstum in den ärmeren Ländern entgegengewirkt werden. Da das Einkommenswachstum in ärmeren Ländern in der Regel positiv vom Einkommenswachstum in reicheren Ländern beeinflusst wird, könnte auch das Einkommenswachstum in den reicheren Ländern einen reduzierenden Einfluss auf das Bevölkerungswachstum in den ärmeren Ländern haben. Tabelle 2: Fertilitätsprognose 2010 der UN Population Division Tabelle 3: Fertilitätsprognose 2012 der UN Population Division Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 34 Abbildung 8: Aktuelle Fertilitätsprognose 2012 der UN Population Division Quelle: UN Population Division (2012) Es lässt sich also keineswegs mit Sicherheit sagen, dass wachstumsbeschränkende Wirtschaftspolitiken auch zu einer Reduzierung des langfristigen Ressourcenverbrauchs führen. Gute Gründe sprechen dafür, dass zu einer langfristigen Stabilisierung der menschlichen Population und des von ihr verursachten Ressourcenverbrauches, kurzbis mittelfristig ein erhöhter Ressourcenverbrauch notwendig sein könnte. Natürlich lässt sich der Nettoeffekt einer wachstumsorientierten Entwicklungsstrategie im Voraus genau so wenig mit Sicherheit bestimmen wie der Nettoeffekt einer wachstumsfeindlichen „Degrowth“- Strategie. Zu viele Faktoren spielen eine Rolle. Zu komplex ist der Gesamtzusammenhang. Aber gerade deshalb wäre es wissenschaftlich unverantwortlich, so zu tun, als ob in diesen Fragen nur eine Meinung gelten könnte, die zum „Leitbild“ der Hochschule erhoben werden müsste. Gerade wenn es sich um komplexe Phänomene handelt, deren eindeutige Beurteilung schwierig ist, ist ein offener wissenschaftlicher Diskurs – das Ringen um das bessere Argument frei von offener oder latenter Bevormundung – notwendig. 4.1.2 Substituierbarkeit fossiler Brennstoffe Eine ganz ähnliche Problemlage gilt in Bezug auf die Frage der Substituierbarkeit erschöpfbarer Ressourcen. Der von Robert Solow und seinen Anhängern vorgetragene „Substitutionsoptimismus“ (Abbildung 3), kann in der Tat bei vielen Ressourcen, wie etwa Metallen, Mineralien oder dem Naturkapital fragiler Ökosysteme, mit guten Gründen bezweifelt werden. 35 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 Kaum bezweifelt werden kann jedoch, dass fossile Brennstoffe zu 100% durch erneuerbare substituiert werden können. Die grundlegenden technologischen Verfahren dazu existieren bereits. Das „einzige“ Problem, das den massenhaften Einsatz dieser Technologien in der Produktion verhindert, ist die geringere Rentabilität im Vergleich zu fossilen Brennstoffen. Bereits heute könnte diese aber schon mit einer hinreichend hohen Besteuerung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe hergestellt werden – sofern sich dafür politische Mehrheiten fänden. Mittelfristig spricht derzeit alles dafür, dass es durch weitere technologische Verbesserungen schon bald möglich sein wird, die Kosten der Nutzung erneuerbarer Energien unter die heutigen Kosten fossiler Brennstoffe zu senken. Abbildung 9: Erneuerbare Substitute fossiler Brennstoffe Damit würde sich nicht nur das Problem der Erschöpfbarkeit der Atmosphäre als CO2Deponie und der damit einhergehenden Klimaerwärmung von selbst lösen, sondern es würden sich auch ganz neue Möglichkeiten der Schonung anderer erschöpfbarer Ressourcen durch Müll-Recycling ergeben. Abbildung 9 zeigt die derzeit bereits verfügbaren technologischen Möglichkeiten zur Gewinnung erneuerbarer Energien. Im Prinzip kann man zwei Primärquellen für erneuerbare Energien unterscheiden: Erdwärme und Sonnenenergie. 4.1.2.1 Erdwärme Die Erdwärme (geothermische Energie) speist sich zum größten Teil aus einem Wärmestrom, der aus dem Erdinneren kommt, welcher wiederum auf radioaktiven Zerfallsprozessen im Erdmantel (Bereich von 40 - 2900 km unter der Erdoberfläche) beruht. Zu einem kleineren Teil resultiert geothermische Energie auch aus lokalen radioaktiven Zerfallsprozessen in der Erdkruste (Bereich von 0 - 40 km unter der Erdoberfläche)) (Paschen, Oertel, Grünwald (2003)). Derzeit liegt die technisch praktikable Grenze für geothermale Bohrlöcher bei 7 km. Die in einem Quader der Größe 1 x 1 x 7 km³ unter der Erdoberfläche im Durchschnitt enthaltene Gesamtwärmeenergie würde ausreichen, um rund 10% des deut- Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 36 schen Jahreswärmebedarfs zu decken. Alternativ könnte der Energiebedarf an Strom und Wärme einer typischen Kleinstadt für mehrere Jahrhunderte aus solch einem Quader gedeckt werden (Paschen, Oertel, Grünwald (2003, S. 18)). Neben der Nutzung von Erdwärme durch tiefe Bohrungen, die in der Regel kapitalintensive Investitionen erforderlich machen, verbreitet sich mittlerweile auch die sogenannte „oberflächennahe Geothermie“, die eine Nutzung von Erdwärme bereits in einer Tiefe von 5 bis 400 m ermöglicht. Unter geologischen Gesichtspunkten kann bereits heute praktisch jedes Grundstück für eine derartige Erdwärmenutzung verwendet werden. Dabei eignen sich, je nach geologischen Eigenheiten der Lage, unterschiedliche Verfahren wie Erdwärmekollektoren, Erdwärmesonden, Energiepfähle oder Wärmebrunnenanlagen eingesetzt werden (Umweltministerium (2015)). Neuere Entwicklungen laufen auf eine Kombination von Geothermie-Anlagen mit Solarthermie-Anlagen hinaus. Da Solarthermie vor allem im Sommer reichlich verfügbar ist, wenn Wärme weniger gebraucht wird, kann durch die saisonale Einspeicherung dieser Wärme ins lokale Erdreich die Effizienz beider Anlagen häufig erheblich gesteigert werden. Die Geothermie könnte in Zukunft also auch helfen, ein Grundproblem von Sonnenund Windenergie, die diskontinuierliche von Wetter, Tagesund Jahreszeit abhängige Energieverfügbarkeit, intertemporal zu glätten. 4.1.2.2 Sonnenenergie Am vielfältigsten dürften derzeit die Forschungsaktivitäten im Bereich der Sonnenenergie sein. Mit gutem Grund, denn die jährliche Gesamtenergiezufuhr durch die Sonne übertrifft den menschlichen Energieverbrauch um ein Vielfaches. Hier besteht zweifelsohne das größte Potential zur Erschließung einer erneuerbaren Energiequelle. Die Sonne wird vermutlich noch rund 900 Millionen Jahre in einem Temperaturbereich brennen wird, der höhere Lebensformen auf der Erde ermöglicht. 30 Die jährliche Gesamtenergie der Sonne, die von der Atmosphäre, den Ozeanen und Landmassen absorbiert wird, beträgt derzeit rund 3,85 Millionen Exajoules (EJ) 31 (Smil (2006)). Der menschliche Primärenergiebedarf lag im Jahr 2012 bei rund 497 EJ (U.S. Energy Information Administration (2015)). Das bedeutet, dass die pro Stunde auf der Erde ankommende Sonnenenergie 88% des derzeitigen menschlichen Jahresverbrauchs entspricht. Durch pflanzliche Photosyntheseprozesse werden jährlich etwa 3000 EJ der Sonnenenergie in Biomasse umgesetzt (Miyamoto (1997)). Davon könnte, unterschiedlichen Studien zufolge, ein Potential zwischen 100 und 300 EJ pro Jahr durch den Menschen genutzt werden (Herzog, Lipman, Kammen (2001, S. 12)). 30 In rund 900 Millionen Jahren wird die Strahlkraft der Sonne bei ihrem Übergang von einem „normalen“ Hauptreihenstern zu einem „Roten Riesen“ so stark angestiegen sein, dass die Durchschnittstemperatur auf der Erde den für höhere Lebewesen kritischen Wert von 30 Grad überschreiten wird (Bounama, Bloh, Franck (2002)). 31 1 Exajoules pro Jahr = 1 Trillion Joules pro Jahr = 10^18 Joules pro Jahr = ( 10^18 / ((365,24*24*60*60))) / 1000 Kilowatt = 31,68 Millionen Kilowatt. Ein Watt hat die Dimension Joule pro Sekunde. Ein Jahr hat im Durchschnitt 365,24*24*60*60 Sekunden. 37 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 Die von der Sonneneinstrahlung erzeugte Windenergie pro Jahr liegt im bodennahen Bereich bei 12 624 EJ (= 400 TW) und im Bereich von Höhenwinden bei 56 808 EJ (= 1800 TW) (Marvel, Kravitz, Caldeira (2013)), was dem 25fachen bzw. 113fachen des derzeitigen jährlichen Primärenergiebedarfes entspricht. Von einem Mangel an Energie kann also keine Rede sein. Gemessen am menschlichen Bedarf, gibt es erneuerbare Energie im Überfluss. Dass die Menschheit noch immer den größten Teil ihres Energiebedarfes mit fossiler Energie (= fossilierter Sonnenenergie) deckt, wirkt vor diesem Hintergrund einigermaßen erstaunlich. Die Grundprinzipien der Technologien, mit denen die verschiedenen Erscheinungsformen der Sonnenenergie in vom Menschen nutzbare Energie umgewandelt werden können, sind bereits vorhanden. Damit sie unter marktwirtschaftlichen Bedingungen zu einer breiten Anwendung finden, müssen aber die Herstellungskosten noch weiter sinken. Wie der folgende Überblick zeigt, fallen die Herstellungskosten bei allen Technologien derzeit trendmäßig. Einige stehen bereits kurz davor gegenüber fossilen Energieträgern wettbewerbsfähig zu werden. Angesichts der Schwierigkeiten einer zuverlässigen Prognose wissenschaftlichen Fortschritts, könnte es sich als Vorteil erweisen, dass die Erforschung der Transformation von Sonnenenergie in vom Menschen nutzbare Energie derzeit an vielen so unterschiedlichen Ausgangspunkten wie Windenergie, Wasserenergie, Photovoltaik, Bioenergie oder Solartreibstoff ansetzt. Der in den vergangenen Jahrzehnten bereits erzielte technologische Fortschritt ist deutlich erkennbar, wie Abbildung 10 für die Photovoltaik und Abbildung 11 für die Windenergie zeigt. 4.1.2.3 Photovoltaik Die technologische Obergrenze für die Transformation von Sonnenenergie in elektrischen Strom variiert je nach verwendetem Halbleitermaterial und je nach Dicke des Materials. Im Prinzip herrscht hier noch immer das aus der Kostentheorie bekannte „Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag“: Um den Wirkungsgrad bzw. „Effizienz“ (gemessen als Verhältnis von elektrischem Output in Watt zum Input an Sonnenenergie in Watt) immer weiter zu steigern muss in der Regel ein immer größerer Kostenaufwand betrieben werden. So haben monokristalline Siliziumzellen in Dickschicht-Bauweise eine höhere „Effizienz“ als die billigeren polykristallinen Siliziumzellen der gleichen Bauweise, während gleichzeitig die billigere Dünnschicht-Bauweise eine niedrigere „Effizienz“ ergibt als die teurere Dickschicht-Bauweise mit dem gleichen Material. Um in Dünnschichtbauweise einen höhere „Effizienz“ zu erreichen muss man in der Regel auf teurere Materialien wie Indium oder Tellur zurückgreifen (Spektrum (2013)). Den „Effizienzrekord“ von 46% hält derzeit das von staatlicher Seite stark subventionierte deutsch-französische Konsortium Frauenhofer-ISE/Soitec mit einer komplizierten Vierschicht-Solarzelle aus Stapel unterschiedlicher Halbleiter, bei denen optische Linsen das einfallende Sonnenlicht fünfhundertfach vervielfältigen (PV Magazine (2014) und Abbildung 10). Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 38 Abbildung 10: Entwicklung der Effizienz unterschiedlicher Typen von Solarzellen Quelle: National Renewable Energy Laboratory (2015) Allerdings ist „Effizienz“ nach obiger Definition ein technologischer Parameter, der nichts mit ökonomischer Effizienz zu tun hat. Ökonomisch effizient wäre die Solarzelle mit dem niedrigsten Herstellungspreis je erzeugter Watt Leistung. Lange Zeit waren es die Solarzellen des US-amerikanischen Herstellers First Solar (vgl. Abbildung 10), die zu den billigsten der Welt zählten mit einem Herstellungspreis von 0,56 Dollar pro Watt Leistung (Wirtschaftswoche (2014)). Doch seit 2009 befindet sich ein neues und sehr kostengünstiges Halbleitermaterial auf dem Vormarsch: Halbleiter mit einer Perowskit-Gitterstruktur, die sich z.B. aus Stickstoff, Blei und Jod herstellen lässt und damit billiger ist als Silizium. Wie die orangefarbene Linie in Schaubild 8 zeigt, ist die „Effizienzsteigerung je Zeiteinheit“ bei Perowskit die stärkste bisher gemessene. Ende Oktober 2014 konnte das Korean Research Institute of Chemical Technology (KRICT) nun erstmals die Entwicklung einer Perowskit-Solarzelle mit einem Wirkungsgrad von 20,1 Prozent melden (Wirtschaftswoche (2014)). Tsutomu Miyasaka, ein Wissenschaftler der japanischen Toin University of Yokohama legte kürzlich eine Kostenschätzung vor, nach der Perowskit-Solarmodule mit einem Wirkungsgrad von 15 Prozent, sobald sie in Massen produziert werden, zwischen 0,11 und 0,14 Dollar pro Watt Leistung kosten (Wirtschaftswoche (2014)). Sollte sich dies bewahrheiten, würde Solarstrom damit zur billigsten Energiequelle – billiger auch als alle fossile Energien. Dies wäre dann tatsächlich der historische Durchbruch einer erneuerbaren Energie. Allerdings sind derzeit noch nicht alle technischen Probleme gelöst: Die bisher verwendete Perowskit-Verbindung „Stickstoff, Blei, Jod“ ist noch nicht hinreichend wasserbeständig und das verwendete Blei birgt die bekannten Gesundheitsrisiken. Perowskit-Verbindungen können jedoch auch aus anderen Stoffen hergestellt werden, so dass dieses Problem prinzipiell gelöst werden kann. 45 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 Man kann deshalb durchaus den Standpunkt vertreten, dass kein Grund besteht, in einen Panikmodus zu verfallen und per „Notverordnung“ zur „Rettung des Planeten“ politische Grundrechte wie Meinungsfreiheit oder die Freiheit von Forschung und Lehre einzuschränken. Im Gegenteil, die historische Erfahrung zeigt, dass wissenschaftlicher Fortschritt immer dann am besten gedeiht, wenn Vielfalt und der daraus resultierende Wettbewerb der Ideen vorherrscht. Anstatt mit einem bestimmten wirtschaftspolitischen Leitbild Einfluss auf die wissenschaftliche Diskussion zu nehmen, sollten Hochschulleitungen sich auf die Organisation, der für diesen Wettbewerb notwendigen Diskussionsplattformen beschränken. 4.2 Allgemeinverbindliche soziale Mindeststandards? In seinen Erläuterungen zum 3. PRME-Bericht, die in der Hochschulzeitschrift Konturen erschienen sind, erweitert der Autor, Jürgen Volkert, die PRME-Verpflichtungen der Hochschule um die wirtschaftspolitische Forderung, dass eine „theoretisch effiziente Lösung“ „verpflichtende globale Regeln und Mindeststandards für alle Fälle von Marktversagen und daraus folgende Ethikund Nachhaltigkeitsprobleme verlangen“ würde. 38 Wie bereits erwähnt, markiert diese These, keinen Konsens unter Wirtschaftswissenschaftlern. Gerade am Beispiel „sozialer Mindeststandards“ kann man die Kurt Tucholsky zugeschriebene Erkenntnis, dass „gut gemeint“ häufig das Gegenteil von „gut“ ist, demonstrieren. Unter einer „theoretisch effizienten Lösung“ versteht die neoklassische Schule der Wirtschaftswissenschaften normalerweise einen Zustand, in dem der Marktgleichgewichtspreis eines Gutes oder Produktionsfaktors seinen „Herstellungskosten“ oder „Opportunitätskosten“ entspricht. Der Begriff „Kosten“ wird dabei im umfassenden Sinne verwendet: Er schließt sowohl die Kosten, die der individuelle Produzent bei der Herstellung einer zusätzlichen Einheit dieses Gutes tragen muss mit ein, als auch die Kosten der Produktion einer zusätzlichen Einheit, die unbeteiligte Dritte (etwa in Form von Umweltverschmutzung) tragen müssen, abzüglich der Erträge, die durch die Produktion bei unbeteiligten Dritten anfallen. Man spricht deshalb auch von den „sozialen Herstellungskosten“ die definitionsgemäß gleich den „privaten Herstellungskosten“ zuzüglich der „externen Kosten“ abzüglich der „externen Erträge“ sind (Pigou (1920)). Nach der neoklassischen Standardtheorie kommt es zu „Marktversagen“ wenn die privaten Herstellungskosten von den sozialen Herstellungskosten abweichen. Sind die sozialen Herstellungskosten größer als die privaten (= externe Kosten ./. externe Erträge > 0), dann wird auf einem freien Markt zu viel produziert; sind die sozialen Herstellungskosten kleiner als die privaten (=externe Kosten ./. externe Erträge < 0), dann wird auf einem freien Markt zu wenig produziert. Im ersten Fall empfiehlt die neoklassische Wohlfahrtstheorie eine Besteuerung der privaten Produktion um einen Betrag pro Stück, der der Differenz zwischen 38 „Eine theoretisch effiziente Lösung würde verpflichtende globale Regeln und Mindeststandards für alle Fälle von Marktversagen und daraus folgende Ethikund Nachhaltigkeitsprobleme verlangen.“ Volkert (2014) Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 46 externen Kosten und externen Erträgen entspricht; im zweiten Fall empfiehlt sie eine Subventionierung der privaten Produktion um einen Betrag pro Stück, der der Differenz zwischen externen Erträgen und externen Kosten entspricht (Pigou (1920, S. 172)). So bestechend diese Idee, die dieser „neoklassischen Wohlfahrtstheorie“ zugrunde liegt, auch sein mag, sie wird nicht von allen wirtschaftswissenschaftlichen Denkschulen geteilt: Einige Vertreter der Österreichischen Schule, wie Ludwig von Mises oder Murray Rothbard lehnen sie z.B. ab. Während Rothbard dabei auf die Informationsprobleme der Bewertung externer Effekte durch den Staat verweist (Rothbard (1962, S. 890)) 39 , sind für von Mises externe Effekte nur ein Symptom dafür, dass das System der Eigentumsrechte in einer Volkswirtschaft lückenhaft ist (Mises (1966, S. 657-8)) 40 . Nach dieser Argumentation kommt es nur deshalb zu einer Übernutzung von Umweltressourcen, wenn die Umwelt ein Allmende-Gut ist, das niemandem gehört. Statt den Staat mit der Aufgabe zu betrauen, für „theoretisch effiziente Lösungen“ zu sorgen, plädiert Mises dafür, die Lücken im System der Eigentumsrechte zu schließen und alles weitere den Marktmechanismen zu überlassen. Kritik an der neoklassischen Wohlfahrtstheorie kommt aber auch von anderen Denkschulen. So sieht James Buchanan, der Mitbegründer der „Public Choice“ Theorie, vor allem Informationsund Anreizprobleme bei der Bestimmung optimaler Steuern (Buchanan (1969, S. 72)) 41 . In neueren Arbeiten wird z.B. die der neoklassischen Theorie zugrunde liegende Annahme „exogener Präferenzen“ kritisiert und durch Ansätze, die eine Endogenisierung von Präferenzen erlauben, ersetzt (Albert and Hahnel (1990)) oder der statische Charakter der neoklassischen Analyse durch die Berücksichtigung dynamischer Prozesse in Mehrperiodenmodellen aufgebrochen (Dolfsma (2005)). Wie auch immer man zu diesen Einwänden steht, sie zeigen, dass es wohlbegründete abweichende Ansichten zum neoklassischen Effizienzbegriff gibt. Eine Hochschulleitung kann deshalb nicht einfach eine Lehrmeinung herausgreifen und zum Bestandteil ihres „wirtschaftspolitischen Leitbildes“ erklären, wenn die Freiheit von Lehre und Forschung gewährleistet bleiben soll. 39 “As for the recipients, they are being forced by the State to pay for benefits that they otherwise would not have purchased. How can we say that they "benefit"? A standard reply is that the recipients "could not" have obtained the benefit even if they wanted to buy it voluntarily. The first problem here is by what mysterious process the critics know that the recipients would have liked to purchase the "benefit." Our only way of knowing the content of preference scales is to see them revealed in concrete choices. Since the choice concretely was not to buy the benefit, there is no justification for outsiders to assert that B's preference scale was "really" different from what was revealed in his actions.” (Rothbard (1962, S. 890)) 40 “Here a considerable part of the costs incurred are external costs from the point of view of the acting individuals or firms, the economic calculation established by them is manifestly defective and their results deceptive. But this is not the outcome of alleged deficiencies inherent in the system of private ownership of the means of production. It is on the contrary a consequence of loopholes left in this system. It could be removed by a reform of the laws concerning liability for damages inflicted and by rescinding the institutional barriers preventing the full operation of private ownership.” (Mises (1966), S. 657) 41 "In order to estimate the size of the [optimal Pigouvian] tax, however, some objective measurement must be placed on these external costs. But the analyst has no benchmark from which plausible estimates can be made. Since the persons who bear these 'costs'-those who are externally affected-do not participate in the choice that generates the 'costs,' there is simply no means of determining, even indirectly, the value that they place on the utility loss that might be avoided" (Buchanan (1969, S. 72. Eckige Klammer von mir eingefügt). 47 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 Das gilt hier umso mehr, als selbst bei einer Entscheidung für die neoklassische Standardtheorie, nicht notwendigerweise einheitliche „Mindeststandards für alle Fälle von Marktversagen“ resultieren. Nach der neoklassischen Theorie, hängen die Preise von Gütern und Produktionsfaktoren von der relativen Knappheit ab, mit der diese Güterund Produktionsfaktoren in einem Land vorliegen. Diese relative Knappheit kann aber von Land zu Land höchst unterschiedlich sein. Das bedeutet dann auch, dass die Preise von Land zu Land unterschiedlich sein können bzw. sein müssen, wenn es unter den Annahmen des neoklassischen Modells zu einer „theoretisch effizienten Lösung“ kommen soll. Gibt es also z.B. in Land A mehr Umweltressourcen oder mehr Arbeitskräfte als in Land B, dann impliziert eine „theoretisch effiziente Lösung“ im Sinne der neoklassischen Theorie, dass die Preise für Umweltgüter (dazu würden dann auch „Umweltverschmutzungsrechte“ zählen) oder Arbeitskräfte in Land A niedriger sein müssen als in Land B. Die neoklassische Theorie impliziert also nicht, dass es in allen Ländern ein gleiches Mindestlohnniveau oder gleiche Mindestnutzungskosten für Umweltgüter geben muss. Insofern dürfte die Aussage Jürgen Volkerts, dass eine „theoretisch effiziente Lösung“ „verpflichtende globale Regeln und Mindeststandards für alle Fälle von Marktversagen und daraus folgende Ethikund Nachhaltigkeitsprobleme verlangen“ würde, auch bei Anhängern der neoklassischen Theorie auf Erstaunen stoßen. 4.2.1 Allgemeinverbindliche Umweltstandards? Es ist durchaus mit der neoklassischen Theorie zu vereinbaren, dass die Regierungen von Ländern sehr niedrige oder gar keine Nutzungskosten für die Inanspruchnahme der Umwelt durch private Unternehmen veranschlagen. Weil es für die Bewertung von Umweltkosten keine „objektiven“ Preise gibt, müssen diese Preise letztendlich immer auf politischem Wege bestimmt werden. Da durch niedrige Produktionskosten ausländische Investitionen angelockt werden können, die dann in der Folge zu Arbeitsplätzen und Einkommenswachstum führen, ist es durchaus vorstellbar, dass Regierungen in Ländern mit prekärer Einkommenssituation sich in einem normativen Zielkonflikt zwischen Umweltschutz und Einkommenswachstum sehen. Wenn diese Regierungen dann die Nutzungskosten für die Inanspruchnahme der Umwelt auf null setzen, ist dies eine politische Entscheidung, die ethisch durchaus vertretbar sein kann. Viele Länder, die heute ein hohes Pro-Kopf-Einkommen haben und sich deshalb hohe Umweltschutzstandards leisten, hatten früher, als ihr Pro-Kopf-Einkommensniveau noch niedriger war, in der Regel auch deutlich niedrigere Umweltschutzstandards. In den 1970er Jahre wurde der Rhein in Deutschland häufig als „Kloake der Nation“ bezeichnet (Die Zeit (1971)). Noch Ende der 70er Jahre wurde seine Wasserqualität mit der Gewässergüteklasse IV (Güteklasse V entspricht „ökologisch tot“) eingestuft. Heute erreicht der Rhein ebenso wie die meisten anderen Flüsse in Deutschland im Durchschnitt Güteklasse II, was beinahe Trinkwasserqualität entspricht (LfU Baden-Würtemberg (2004)). Diese Beobachtungen sprechen dafür, dass mit steigendem Pro-Kopf-Einkommen, auch das Umweltbewusstsein steigt und damit auch die Nachfrage nach besserem Umweltschutz. Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 48 Im Umkehrschluss gilt dann aber auch, dass entwickelte Länder mit hohen Umweltschutzstandards nicht unbedingt das Recht haben, von unterentwickelten Ländern mit prekärer Einkommenssituation die Einhaltung der gleichen Umweltschutzstandards zu verlangen – es sei denn, sie sind bereit, den unterentwickelten Ländern einen Ausgleich für das geringere Einkommenswachstum zu zahlen, das mit höheren Umweltschutzstandards einhergeht. 42 4.2.2 Allgemeinverbindliche Mindestlöhne? Das gilt natürlich auch, mutatis mutandis, für soziale Mindeststandards, wie z.B. Mindestlöhne. Das theoretische Standardargument für die Einführung von Mindestlöhnen ist der sogenannte „Working-Poor-Effekt“. Dieser droht dann, wenn das Lohnniveau so niedrig ist, dass bei einem weiteren Lohnrückgang, der normale Substitutionseffekt von Arbeitszeit durch Freizeit zum Stillstand kommt und stattdessen die Arbeitszeit ausgeweitet werden muss, weil das Lohnniveau so niedrig ist, dass der zum Überleben notwendige Konsum nur durch mehr Arbeit sichergestellt werden kann. Grafisch drückt sich das darin aus, dass die Steigung der Arbeitsangebotskurve der Haushalte nicht mehr positiv ist (bei höherem Lohn wird mehr gearbeitet bei niedrigerem Lohn wird weniger gearbeitet), sondern negativ wird (bei höherem Lohn wird weniger gearbeitet und bei niedrigerem Lohn wird mehr gearbeitet). In Abbildung 12 kommt dies durch den parabelförmigen Verlauf der Arbeitsangebotskurve LS(w) zum Ausdruck. Im Ergebnis gibt es dann zwei Schnittpunkte zwischen Arbeitsangebotskurve LS(w) und Arbeitsnachfragekurve LD(w), von denen der obere (grüne) Punkt stabil ist und der untere (rote) Punkt instabil ist. Ein stabiles Arbeitsmarktgleichgewicht bedeutet: Wenn ausgehend von diesem Punkt das Lohnniveau steigt (sinkt), entsteht Überschussangebot (Überschussnachfrage), so dass das Lohniveau wieder auf das alte Lohniveau sinkt (steigt). Zufallsbedingte Abweichungen vom ursprünglichen Gleichgewichtspunkt setzen einen Anpassungsprozess in Gang, der wieder zur Rückkehr zum Gleichgewichtspunkt führt. Ein instabiles Arbeitsmarktgleichgewicht bedeutet dagegen, wenn ausgehend von diesem Punkt das Lohnniveau steigt (sinkt), entsteht Überschussnachfrage (Überschussangebot), so dass das Lohniveau weiter ansteigt (sinkt) und sich so immer weiter weg von dem ursprünglichen, instabilen Gleichgewichtspunkt bewegt. Zufallsbedingte Abweichungen vom ursprünglichen Gleichgewichtspunkt setzen einen Anpassungsprozess in Gang, der immer weiter weg vom ursprünglichen Gleichgewichtspunkt führt. 42 Wenn es darauf ankommt, scheint die Bereitschaft, solche Ausgleichzahlungen zu leisten nicht immer stark ausgeprägt zu sein: So hat beispielsweise die Regierung Ecuadors im vergangenen Jahr Genehmigungen für die Förderung von Rohöl im Yasuni Nationalpark, ein Regenwaldreservat mit einem der weltweit höchsten Niveaus an Artenvielfalt, erteilt, nachdem es der „Yasuni ITT Initiative“, trotz einer vielbeachteten internationalen Kampagne, nicht gelungen war, die 3,6 Milliarden Dollar zu sammeln, die den voraussichtlichen Einnahmen aus dem Erdölgeschäft entsprechen. Der Initiative gelang es, lediglich 13 Millionen Dollar von Regierungen, Unternehmen und privaten Spendern aufzutreiben (The Guardian (2014a)). 49 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 Da bei einem zufallsbedingten Anstieg des Lohnniveaus ausgehend vom instabilen (roten) Gleichgewichtspunkt am Ende der stabile (grüne) Gleichgewichtspunkt erreicht wird, ist dieser Fall unproblematisch. Kommt es jedoch ausgehend vom instabilen (roten) Gleichgewichtspunkt zu einem zufallsbedingten Rückgang des Preisniveaus, sinkt das Lohnniveau aufgrund des Working-Poor-Effektes immer weiter ab. Um dies zu vermeiden, ist ein Mindestlohnniveau sinnvoll, das im Prinzip über dem Lohnniveau w1 des instabilen Gleichgewichtspunktes liegen muss. In diesem Fall würde dann eine Überschussnachfrage resultieren, so dass ein weiterer Lohnanstieg erfolgt und am Ende der stabile (grüne) Gleichgewichtspunkt mit dem Lohnniveau w2 erreicht wird. Man kann also unter Berufung auf diese Theorie den Standpunkt vertreten, dass die Einführung eines Mindestlohnes sinnvoll, ist wenn in einem Land die ein „Working-PoorEffekt“ in Gang gekommen ist, der zu einem ständigen Rückgang der Löhne führt bei gleichzeitigem Anstieg der Pro-Kopf-Arbeitszeit. Im Umkehrschluss bedeutet dies dann auch, dass Länder mit trendmäßig steigenden Reallöhnen keinen Mindestlohn brauchen. Die Gefahr bei der Einführung eines Mindestlohnes liegt in der Entstehung von Arbeitslosigkeit, wenn das Mindestlohnniveau über dem Marktgleichgewichtsniveau liegt (Abbildung 13). Global einheitliche Mindestlöhne oder Sozialstandards (die aus Sicht der Unternehmen letztlich auch Lohnkosten darstellen) würde also in Ländern bei denen die Arbeitsnachfrage niedriger und / oder das Arbeitsangebot höher ist als in anderen Ländern, mit einiger Wahrscheinlichkeit zu Arbeitslosigkeit führen. Man kann deshalb durchaus argumentieren, dass ein global vereinheitlichter Mindestlohn vor allem in Entwicklungsländern zu Arbeitslosigkeit führen wird, weil dort aufgrund des niedrigeren Pro-Kopf-Kapitalstocks (Sachkapital und technologisches Wissen) die Arbeitsproduktivität und damit die Arbeitsnachfrage in Relation zum Arbeitsangebot niedriger ist als in entwickelten Ländern. Abbildung 12: Arbeitsmarkt mit „Working-Poor-Effekt“ Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 50 Die Mindestlohn-Problematik ändert sich auch nicht wesentlich, wenn Mindestlöhne nicht von der Regierung festgelegt werden, sondern von Gewerkschaften ausgehandelt werden. Die Wirkung von Tariflohnsystemen auf den Arbeitsmarkt wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. Es gibt Modelle, in denen durch Tariflohnsysteme unter recht plausiblen Annahmen die Gewerkschaften gezwungen sind um ihre Mitglieder zuhalten, einen Lohn anzustreben, der über dem Marktgleichgewichtslohn liegt (Lindbeck und Snower (2001)). Wäre der Lohn gleich dem Marktgleichgewichtslohn, hätten die Mitglieder nämlich keinen Anreiz, Gewerkschaftsbeiträge zu zahlen. Man kann deshalb also durchaus argumentieren, dass Regierungen das Recht haben, ein Tariflohnsystem gesetzlich zu verbieten. Auch wenn "Principle 3" des UN-Global Compact Unternehmen zur Anerkennung des Tarifund Streikrechts von Gewerkschaften in Ländern, die dieses Recht nicht gewähren, verpflichtet und sich die die Hochschule Pforzheim mit der Anerkennung von „Principle 2“ der PRME dazu verpflichtet hat, die Wertvorstellungen des Global Compact ihren Curricula „einzuverleiben“ (vgl. Abschnitt 2.1). Abbildung 13: Arbeitsmarkt mit Mindestlohnarbeitslosigkeit Geht man von den Annahmen der neoklassischen Wachstumstheorie aus (Solow (1956)), so können die langfristigen Folgen zu hoher Mindestlöhne (ebenso die wie zu hoher Umweltstandards) für Entwicklungsländer sogar noch gravierender sein. „Entwicklungsländer“ definieren sich im Wesentlichen dadurch, dass der dort investierte Pro-Kopf-Kapitalstock im Vergleich zu „entwickelten Ländern“ niedrig ist. Um unter marktwirtschaftlichen Bedingungen Investitionen anzulocken, die zu einer Erhöhung des Pro-Kopf-Kapitalstocks und in der Folge zu einer Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens führen, müssen sie unter den Annahme der neoklassischen Wachstumstheorie, eine Sachkapitalrendite bieten, die höher ist 51 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 als die entwickelter Länder. Eine Möglichkeit dies zu erreichen, besteht darin die Preise für Produktionsfaktoren, die reichlich verfügbar sind, auf niedrigeren Niveaus als in entwickelten Ländern zu halten. Relativ niedrige Löhne können also über diesen Mechanismus Investitionen anlocken. Durch die verstärkten Investitionen steigt dann die Kapitalintensität der Produktion der Entwicklungsländer, so dass auch die Arbeitsproduktivität steigt. Die erhöhten Investitionen legen damit die produktionstechnische Basis für höhere Löhne. Im Ergebnis kommt es also zu einem Anstieg von Produktion und Einkommen in den Entwicklungsländern. Wenn der Pro-Kopf-Kapitalstock dann das gleiche Niveau erreicht hat, wie in den entwickelten Ländern kommt der Prozess zum Stillstand. Nach der neoklassischen Wachstumstheorie existiert also ein Marktmechanismus, der zu einem Aufholprozess führt. Dieser Prozess kommt aber nur in Gang, wenn man zulässt, dass die Löhne in der Ausgangsituation in den Entwicklungsländern niedriger sind als in den entwickelten Ländern. Würde man in den Entwicklungsländern das Lohnniveau über einen „globalen Mindeststandard“ an das der entwickelten Länder anpassen, während der Pro-Kopf-Kapitalstock in den Entwicklungsländern noch niedriger ist als in den entwickelten Ländern, wäre die Investitionsrendite in den Entwicklungsländern zu niedrig. Das Ergebnis wären ausbleibende Investitionen und Arbeitslosigkeit (Abbildung 12). Empirische Beobachtungen sprechen dafür, dass es unter marktwirtschaftlichen Bedingungen tatsächlich zu solchen Aufholprozessen kommt. 43 In den siebziger Jahren öffneten sich beispielsweise die sogenannten südostasiatischen "Tigerstaaten" Hong Kong, Südkorea, Singapur und Taiwan für den internationalen Handel mit Gütern und Produktionsfaktoren. Abbildung 14 zeigt das Lohnniveau dieser Länder gemessen in US-Dollar im Vergleich zu dem entwickelter Länder. Die Daten stammen vom US Bureau of Labor Statistics und wurden basierend auf den Definitionen der International Labor Organisation in vergleichbarer Form erhoben. Das Schaubild macht deutlich, dass die Löhne dieser Länder damals nur einen Bruchteil des Lohnniveaus der entwickelten Länder erreichten. Es waren also klassische "Billiglohnländer". 43 Im Folgenden wird der Aufholprozess der südostasiatischen „Tigerstaaten“ und der osteuropäischen EU-Beitrittsländer auf Basis von Reallohndaten beschrieben. Es handelt sich dabei um illustrative Fallbeispiele, deren Repräsentativität man natürlich in Frage stellen kann. Inwieweit es in der Realität tatsächlich zu den von der neoklassischen Wachstumstheorie implizierten Aufholprozessen kommt, ist seit den 80er Jahren Gegenstand einer umfangreichen empirischen Forschung. Insgesamt deuten empirische Untersuchungen auf Basis großer Länderstichproben darauf hin, dass es im Zuge der Öffnung von Güterund Kapitalmärkten, wie von der neoklassischen Theorie impliziert, zur Konvergenz des Pro-Kopf Bruttoinlandsproduktes kommt. So haben z.B. Sachs und Warner (1995) in einer Querschnittsanalyse über 111 Länder für die Jahre von 1970-85 u.a. herausgefunden, dass die durchschnittliche reale jährliche Wachstumsrate des Pro-Kopf BIPs von offenen Entwicklungsländern am höchsten war, an zweiter Stelle lagen die industrialisierten Länder und an dritter Stelle die „geschlossenen“ Entwicklungsländer, die ihre Güterund Kapitalmärkte nicht geöffnet hatten. Sie zeigen mittels verschiedener Regressionsanalysen, dass der Aufholprozess der offenen Entwicklungsländer systematisch und statistisch signifikant ist. Sie zeigen dabei auch, dass die Investitionsquote in Prozent des BIP eine entscheidende Rolle spielt. Die Abhängigkeit des Konvergenzprozesses von Rahmenbedingungen wie die internationale Offenheit von Güterund Kapitalmärkten oder innerer und äußerer Sicherheit oder der Ausstattung eines Landes mit öffentlicher Infrastruktur usw. wird „bedingte Konvergenz“ genannt. Bedingte Konvergenz war bis Ende der 90er Jahre der dominante Konvergenztyp. In einer neueren Analyse zeigen Korotayev et al. (2011), dass seit Beginn dieses Jahrtausends für Länder mit mehr als 50 Millionen Einwohner auch „unbedingte Konvergenz“ gilt. Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 52 Es ist bekannt, dass damals viele Unternehmen aus den entwickelten Ländern die wirtschaftliche Öffnung dieser Länder nutzten, um von diesen niedrigen Lohnniveaus zu profitieren. Ganze Teile der Leichtindustrie, in Deutschland vor allem die Textilindustrie, wurden nach Südostasien verlagert. Abbildung 15 zeigt, dass dieser Prozess mit einem erheblichen Anstieg der Reallohnniveaus in diesen Ländern einhergegangen ist. 44 Es zeigt sich deutlich, dass gerade die Länder, die 1975 das niedrigste Lohnniveau hatten, Südkorea und Taiwan, den stärksten Reallohnzuwachs in diesem Zeitraum erfahren haben. Das Reallohnniveau in Deutschland ist in diesem Zeitraum deutlich langsamer gewachsen. Es ist also in der Folge der wirtschaftlichen Öffnung der südostasiatischen Länder zu einem klaren Aufholprozess bei den Reallöhnen gekommen. Abbildung 14: Nominale Stundenlöhne*) in Dollar 1975 Quelle: US Bureau of Labor Statistics; UN Statistical Division; *) “Hourly compensation costs in manufacturing” (ILO-Definition) 44 Um den Einfluss von Wechselkursschwankungen auszuschließen, wurden in Schaubild 12 die Nominallohnniveaus der Länder in heimischer Währung mit dem jeweiligen Deflator des Bruttoinlandsproduktes deflationiert und durch das jeweilige Niveau des Ausgangsjahres 1975 dividiert 53 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 Abbildung 15: Reallohnentwicklung 1975 – 2009 Deutschland und südostasiatische „Tigerstaaten“ (Reallohnniveau 1975 = 100%). Quelle: US Bureau of Labor Statistics; UN Statistical Division; *) ”Hourly compensation costs in manufacturing” (ILO-Definition) Abbildung 16 zeigt, dass, wie von der neoklassischen Theorie impliziert, eine erhöhte Investitionstätigkeit, hier gemessen an der Investitionsquote in Prozent des Bruttoinlandsproduktes im Durchschnitt der Jahre 1975 bis 2009, diesen Prozess begleitet hat. Natürlich kann man nicht erwarten, dass die Korrelation zwischen Reallohnwachstum und Bruttoinvestitionen bei 100% liegt. Neben den von der Bruttoinvestitionsquote gemessenen Sachkapitalinvestitionen spielen auch immaterielle Investitionen in Humankapital, technologisches Wissen und effizienzsteigernde Institutionen bei solchen Prozessen eine wichtige Rolle. Das Schaubild zeigt aber, dass Unterschiede in der Bruttoinvestitionsquote auch einen wichtigen Teil der Unterschiede im Reallohnwachstum zwischen den entwickelten Ländern erklären können. Ein anderes Beispiel sind die Mitgliedsländer des ehemaligen Ostblocks, die sich Anfang der 90er Jahre für den internationalen Handel mit Gütern und Produktionsfaktoren öffneten. In der ersten Hälfte der 90er Jahre kam es im Gefolge der Transformation dieser Länder von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft zu einer schweren Anpassungsrezession. Ab Mitte der 90er Jahre begann dann aber in den meisten Ländern die wirtschaftliche Erholung. Das statistische Büro der EU-Kommission erfasst die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der EU-Mitglieder unter den ehemaligen Ostblockländern seit 1995 und bietet auf Basis des durchschnittlichen jährlichen Arbeitseinkommens eine standardisierte Vergleichsmöglichkeit der Lohnentwicklung. Abbildung 17 zeigt das Lohnniveau dieser Länder Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 54 im Jahr 1995 gemessen in Euro im Vergleich zu dem entwickelter Länder. Auch hier wird wieder deutlich, dass die Löhne dieser Länder damals nur einen Bruchteil des Lohnniveaus der entwickelten Länder erreichten. Sie repräsentieren also wiederum klassische Billiglohnländer. Abbildung 16: Zusammenhang zwischen jährlichem Reallohnwachstum und durchschnittlicher Bruttoinvestitionsquote 1975 - 2009 Quelle: US Bureau of Labor Statistics; UN Statistical Division; *) ”Hourly compensation costs in manufacturing” (ILO-Definition) Wiederum nutzten viele Unternehmen aus entwickelten Ländern die wirtschaftliche Öffnung dieser Länder, um von den niedrigen Lohnniveaus zu profitieren. Das hohe Ausbildungsniveau der Länder erlaubte jetzt auch eine Verlagerung technologisch anspruchsvollerer Produktionsbereiche und die geografische Nähe zu europäischen Industrieländern begünstigte eine enge Verzahnung von Wertschöpfungsketten. Abbildung 18 zeigt, dass auch dieser Prozess mit einem deutlichen Anstieg der Reallohnniveaus einherging. Der sehr viel geringere Anstieg der Reallohnniveaus in Deutschland und dem Durchschnitt der Gründungsmitglieder der Europäischen Währungsunion (EU-12), zeigt wiederum, dass es wie nach der wirtschaftlichen Öffnung der südostasiatischen Länder zu einem klaren Aufholprozess bei den Reallöhnen gekommen ist. 61 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 gemacht werden können.“ Hinweise, wie Kinder aus Familien mir prekärer Einkommenssituation ihren Lebensunterhalt ohne Kinderarbeit sichern können, finden sich in dieser Pressemitteilung nicht. Auch bietet CDU/CSU-Bundestagsfraktion Kindern, die mit ihrer Arbeit den Schulbesuch finanzieren (Der Spiegel (2014c)), bislang keine Stipendien an. Nach den oben beschriebenen Erfahrungen mit dem indischen Child Labour Act von 1986 besteht Grund zu der Hoffnung, dass durch die Legalisierung von Kinderarbeit in Bolivien die Löhne der Kinder steigen und sie ihre Arbeitszeit reduzieren können. Das Beispiel verdeutlicht einmal mehr, dass man aufgrund von unterschiedlichen normativen und empirischen Werturteilen in solchen Fragen mit guten Gründen unterschiedlicher Meinung sein kann. Die Leitung einer Hochschule wäre deshalb gut beraten, auch bei dem Problem der Kinderarbeit nicht eine bestimmte Position zu ihrem Leitbild zu erklären. 4.3 Allgemeinverbindliche Corporate Social Responsibility? Bisher ging es in den Abschnitten 4.1 und 4.2 um wirtschaftspolitische Leitbilder, die normalerweise in den Aufgabenbereich staatlicher Wirtschaftspolitik fallen: die Einleitung gesetzlicher Maßnahmen zur Verfolgung einer bestimmten Konzeption Nachhaltiger Entwicklung oder die gesetzliche Verankerung bestimmter sozialer und ökologischer Mindeststandards. Die Idee der „Corporate Social Responsibility“ (CSR) sieht nun aber vor, dass Unternehmen, neben ihren in der Regel auf Gewinnmaximierung gerichteten privatwirtschaftlichen Zielen auch freiwillig wirtschaftspolitische Ziele auswählen und umsetzen sollen. Bei der CSR handelt es sich also um einen Sollenssatz, eine ethische Norm also, die man je nach persönlichem Standpunkt für gut oder für falsch halten kann. Mit der Unterzeichnung der Principles of Responsible Mangement Education (PRME) hat sich die Hochschule Pforzheim dazu verpflichtet, diese ethische Norm einer CSR in ihren Curricula zu verankern. Wie in Abschnitt 2.1 erläutert, ist dies vor allem eine Implikation von „Principle 2“ der PRME, das die explizite Verpflichtung enthält, die wirtschaftspolitischen Zielvorstellungen des „United Nations Global Compact“ in die Curricula zu übernehmen. Wie problematisch es ist, wenn eine Hochschule eine ethische Norm, die ihrer Natur nach nicht allgemeinverbindlich begründbar sein kann, auswählt und zu ihrem Leitbild zu erklärt, wurde bereits in Abschnitt 3.2 besprochen. Im Folgenden möchte ich nun auf kritische Einwände eingehen, die vom Standpunkt verschiedener wirtschaftswissenschaftlicher Theorien am Konzept der CSR geltend gemacht werden. 4.3.1 Die Auswirkung der CSR auf die Eigenkapitalfinanzierung von Unternehmen Das Konzept der CSR wirft vom Standpunkt der neoklassischen Kapitalmarkttheorie zunächst einmal die Frage auf, ob Unternehmen unter marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen tatsächlich etwas anders tun können als ihre Eigenkapitalrendite zu maximieren. Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 62 Unter den Annahmen dieser Theorie können bei vollkommenem Wettbewerb nur die Unternehmen Kapitalgeber finden, die eine Eigenkapitalverzinsung erwirtschaften, die mindestens so hoch ist wie die der Konkurrenz. Fällt die Eigenkapitalverzinsung unter die marktübliche Eigenkapitalverzinsung, weil ein Unternehmen, einen relativ größeren Anteil seines Ertrages als andere Unternehmen für Zwecke des Umweltschutzes oder der Sozialpolitik verwendet, sinkt sein Marktwert unter den Substanzwert (= Wiederbeschaffungswert der Vermögensgegenstände). „Tobin’s Q“ (Marktwert / Substanzwert) wäre somit kleiner 1 (Tobin (1969)). Damit bestünde also ein Anreiz, das Unternehmen zum Marktwert zu kaufen und es zu dem höheren Substanzwert seiner Einzelteile zu verkaufen („Asset Stripping“). Ein ähnlicher Mechanismus existiert auch, wenn ein Unternehmen nicht unter den Bedingungen vollkommenen Wettbewerbs operiert. 47 Besitzt ein Unternehmen z.B. monopolistische Marktmacht, weil es Güter oder Dienstleistungen produziert, bei denen es einen nichtbestreitbaren Preisaufschlag auf die Herstellungskosten durchsetzen kann, der höher ist als der der Konkurrenz, steigt auch seine Eigenkapitalrendite über die der Konkurrenz. Auf den ersten Blick erscheint es nun möglich, dass die Differenz zwischen der Eigenkapitalrendite des Unternehmens und der marktüblichen Eigenkapitalrendite zur Finanzierung von freiwilligen sozialund umweltpolitischen Aktivitäten genutzt werden kann. Dieser Anschein trügt jedoch. Denn in diesem Fall würde auf effizienten Kapitalmärkten die Eigenkapitalrendite des Unternehmens sinken und damit sein tatsächlicher Marktwert unter den potentiellen Marktwert fallen. Es wäre also wieder rentabel, das Unternehmen zu dem niedrigen Marktwert zu übernehmen, das Management bzw. die CSR-Konzeption auszutauschen, so dass die Eigenkapitalrendite des Unternehmens und der Marktwert wieder steigen und das Unternehmen dann zum höheren Marktwert zu verkaufen. Vom Standpunkt der neoklassischen Kapitalmarkttheorie können Unternehmen, die sich über Kapitalmärkte finanzieren müssen, also nicht dauerhaft echte CSR betreiben. Natürlich kann man aus theoretischer wie empirischer Sicht die neoklassische Kapitalmarkttheorie in Frage stellen. Kritik an ihren Rationalitätsannahmen („homo oeconomicusHypothese“) kann z.B. ebenso mit guten Gründen vorgebracht werden wie Kritik an der Vernachlässigung von Transaktionskosten. Allerdings könnte man argumentieren, dass der oben beschriebene Mechanismus auch bei nicht vollständig rationalem Verhalten der Akteure und bei Existenz von Transaktionskosten in Gang kommen kann. Letztlich ist dies eine empirische Frage. 47 Bei vollkommenem Wettbewerb kann Tobin’s Q auf effizienten Kapitalmärkten nicht dauerhaft größer als 1 werden, da es in diesem Fall rentabel wäre, das Unternehmen zu dem dann niedrigeren Wiederbeschaffungswert der Vermögensgegenstände zu duplizieren und zum Marktwert zu verkaufen, wodurch der Marktwert wieder auf den Wiederbeschaffungswert der Vermögensgegenstände fiele. Eine einfache Duplikation von Unternehmen scheitert jedoch häufig an monopolisierbarem unternehmensspezifischem Wissen. 63 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 4.3.2 Vom Coporate Raider zum Activist Investor Schaut man auf das Geschehen an realen Kapitalmärkten so findet man durchaus ernstzunehmende Hinweise dafür, dass der Übernahmemechanismus der neoklassischen Kapitalmarkttheorie auch in der Praxis existiert. So kam es beispielsweise in den 80er Jahren zu einigen spektakulären feindlichen Übernahmen. Eine der bekanntesten dürfte wohl die Übernahme der amerikanischen Fluggesellschaft TWA durch den als „Corporate Raider“ bekannten Investor Carl Icahn sein. TWA war Ende der 70er Jahre durch Managementfehler und die Deregulierung des amerikanischen Flugpassagiermarktes in finanzielle Schwierigkeiten geraten (Grant (2006)). Icahn nutzte den niedrigen Aktienpreis, um in das Unternehmen einzusteigen. Entgegen seinem Versprechen, das Unternehmen wettbewerbsfähig zu machen, praktizierte Icahn „Asset Stripping“: Er verkaufte nach und nach wertvolle Vermögensaktiva (Flugrechte und Vermögensanteile) des Unternehmens, um die Kredite, der er zum Kauf des Unternehmens aufgenommen hatte, wieder zurückzuzahlen. Dadurch wurde das Unternehmen weiter geschwächt, meldete zweimal Konkurs an und wurde schließlich 1995 von seinem Konkurrenten American Airlines übernommen. Eine ganze Reihe anderer Investoren wie Thomas Pickens, Brian Beazer und Michael Milken engagierten sich in den 80er Jahren im Übernahmegeschäft. Michael Milkens Investmentbank Drexel Burnham Lambert legte zu diesem Zweck eigens eine Reihe geschlossener Fonds auf, die Kapital für Firmenübernahmen zur Verfügung stellten. In den 90er Jahren ebbte die Übernahmewelle allerdings ab. Ein wesentlicher Grund dafür war der Aktienmarktboom, der den Preis von Unternehmen in Relation zum Marktwert ihrer Vermögensaktiva stark verteuerte. Gegen Ende der 90er Jahre wurde dann ein neuer Typ von Investment-Strategie bekannt, mit der unrentable Aktiengesellschaften unter Druck gesetzt werden: sogenannte „Activist Investment Funds“. Bei dieser Strategie werden Unternehmen nicht komplett übernommen, sondern lediglich Aktienanteile im Bereich von knapp 5 % erworben. Durch öffentlichkeitswirksame Aktionen (Propagierung von Verbesserungsvorschlägen über Pressarbeit und Internet-Plattformen, öffentliche Brandbriefe an das Management, Anträge auf Aktionärsversammlungen, Organisation von Aktionärsinteressen, Kumulation von Vertretungsstimmrechten („Proxy Fights“), Drohung mit Gerichtsverfahren und schließlich Verhandlungen mit dem Management) wird dann versucht, die Profitabilität des Unternehmens zu erhöhen. Gelingt dies, so steigt der Aktienkurs des Unternehmens und damit der Gewinn des Activist Investment Funds. Ein wichtiger Grund für den Erfolg der Activist Investment-Strategie ist interessanterweise ein anderer Typ von Investment-Strategie: die sogenannten „Index-Funds“. Deren Geschäftsmodell besteht darin, wichtige Aktienindizes in ihrem Portfolio nachzubilden, ohne selbst einen Einfluss auf das Management der Aktienunternehmen auszuüben. Diese Strategie erfreut sich seit den 90er Jahren zunehmender Beliebtheit, weil empirische Erfahrung Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 64 gezeigt hat, dass aktiv gemanagte Aktienfonds 48 nur selten in der Lage sind, ihre Managementgebühren zu erwirtschaften. Bei Index-Funds sind die Managementgebühren vernachlässigbar, weil die Anpassung des Portfolios an den gewählten Index im Prinzip von einem Computerprogramm durchgeführt werden kann. Aufgrund ihrer Beliebtheit bei privaten Investoren halten Index-Funds häufig zwischen 20 bis 30 Prozent an großen Aktiengesellschaften. Weil sie nicht am Geschäft der Aktiengesellschaften interessiert sind, hat das Management der Aktiengesellschaften einen großen Entscheidungsspielraum, den es unter Umständen zum eigenen Vorteil missbrauchen kann. Index-Funds vergrößern also prinzipiell das Principal-Agent-Problem, unter dem Aktiengesellschaften ohnehin leiden. In diese Lücke sind nun die Activist Investment Funds vorgestoßen. Sie versuchen die Profitabilitätsdefizite, die durch die Index-Funds entstanden sind, zum eigenen Vorteil zu schließen. Dabei können sie normalerweise auf die Unterstützung der Index-Funds auf Hauptversammlungen bauen. Denn diese haben natürlich nichts dagegen, wenn ActivistFunds mit konstruktivem Druck auf das Management, Aktienkurssteigerungen bewirken. Die Strategien beider Funds-Typen verhalten sich komplementär: Index-Funds profitieren als Trittbrettfahrer von den Aktivitäten der Activist-Funds; Activist-Funds profitieren von der kostenlosen Stimmrechtsverstärkung durch die Index-Funds und können so mit relativ kleinen Anteilspaketen viel Einfluss auf das Management ausüben: Das KapitalmarktPendant zu einer biologischen Symbiose. Untersuchungen der Zeitschrift „The Economist“ zur Folge haben rund 50% aller Aktiengesellschaften des S&P 500 Index in der Zeit von 2009 bis 2014 mindestens einen Activist Investment Fund in ihrem Aktienregister verzeichnet. 15% der S&P 500 Unternehmen standen im gleichen Zeitraum unter dem Druck einer öffentlichen Activist Investor Kampagne (The Economist (2014)). Der Kapitalzufluss zu Activist Investmentfunds ist beachtlich und anhaltend (Abbildung 20). Man kann also davon ausgehen, dass diese Investment-Strategie sich dauerhaft etablieren wird. Abbildung 20: Activist Investment Funds Performance und Kapitalzufluss Quelle: The Economist (2014) 48 Aktiv gemanagte Fonds sind ein dritter Typ von Aktienfond, bei dem versucht wird, durch ständige Optimierung der Portfolio-Zusammensetzung („Stock Picking“), den Ertrag zu maximieren. 65 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 Es lässt sich also mit guten theoretischen und empirischen Gründen bezweifeln, ob Unternehmen unter marktwirtschaftlichen Bedingungen tatsächlich auf freiwilliger Basis einen wünschenswerten und verlässlichen Beitrag zu sozialund umweltpolitischen Zielsetzungen leisten können. Steigen die Ausgaben für CSR-Aktivitäten über das normale Marketingbudget für Öffentlichkeitsarbeit und Sponsoring, drohen Interventionen durch Activist Investment Funds. Dies spricht also dafür, dass ohne gesetzlich verbindliche Rahmenbedingungen für alle Unternehmen die gesellschaftlich gewünschten sozialund umweltpolitischen Ziele nicht erreicht werden können. Bezeichnend für diese Problemlage ist das öffentliche Auftreten von Apple-Chef Tim Cook. Einem Bericht der Financial Times zu Folge regierte er bei einem Aktionärstreffen im Februar vergangenen Jahres auf die kritische Nachfrage eines Aktionärs bezüglich der Profitabilität von Apples Umweltinvestitionen mit einer regelrechten Beschimpfung: “We do things for other reasons than a profit motive, we do things because they are right and just (…) I don’t think about the bloody ROI (…) Just to be very straightforward with you, if that’s a hard line for you . . . then you should get out of the stock” (The Financial Times (2014)). Offensichtlich reagiert Tim Cook aber nicht immer so schroff auf eigennützige Investorenwünsche. Im April 2014 hat Apple angekündigt, sein Aktienrückkaufprogramm bis Ende 2015 auf ein Niveau von nicht weniger als 130 Mrd. Dollar aufzustocken (Apple (2014)). Dahinter stehen intensive Bemühungen bekannter Activist Investment Funds Manager, wie David Einhorn und Carl Icahn (sic!), die schon seit Jahren einen solchen Aktienrückkauf fordern und mit denen, Presseberichten zufolge, Tim Cook nicht nur des Öfteren telefoniert sondern sich sogar zum Essen trifft (Bloomberg (2013)). Ein Aktienrückkauf führt eigentlich nur dann zu einem Kursanstieg, wenn die Märkte davon ausgehen müssen, dass im Aktienunternehmen selbst keine so profitablen Investitionsmöglichkeiten für das zum Rückkauf verwendete Kapital existieren, wie außerhalb des Unternehmens. So gesehen ist ein Aktienrückkauf also nicht gerade ein Ausdruck von Innovationskraft. Dass Tim Cook trotzdem einem Aktienrückkaufprogramm in dieser historisch einmaligen Größenordnung zugestimmt hat, lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass er bisweilen doch über Profitabilitätskennziffern wie den Return on Investment (ROI) nachdenkt – bzw. nachdenken muss. Die CSR-Performance von Apple ist bei kritischen Beobachtern ohnehin höchst umstritten. So sendete die BBC im vergangenen Jahr eine Undercover-Recherche, in der Arbeitsbedingungen bei chinesischen Apple-Lieferanten dokumentiert wurden, die erheblich von den Standards abweichen, die Apple in seinen CSR-Jahrbüchern verspricht (The Guardian (2014b)). Ein Bericht des Magazins Der Spiegel vom Januar dieses Jahres zitiert einen Unterausschuss des US-Senats, der Apples Steuersparmodell analysiert hatte, mit dem Urteil: "Apple war nicht damit zufrieden, Gewinne in ein Niedrigsteuerparadies zu verlegen. Apple hat den Heiligen Gral der Steuervermeidung gesucht" (Der Spiegel (2015)). Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 66 4.3.3 Die Anreizwirkung der CSR auf das Management von Unternehmen Man kann also sowohl aus theoretischer als auch aus empirischer Sicht mit guten Gründen behaupten, dass Unternehmen, die sich über Kapitalmärkte finanzieren müssen, nicht dauerhaft echte CSR betreiben können. Das bedeutet aber nicht, dass Unternehmen, die sich dem Druck von Kapitalmärkten entziehen können, das Konzept der CSR ohne weiteres problemlos umsetzen können. Wenn Unternehmen neben dem Gewinn auf freiwilliger Basis auch sozialund umweltpolitische Ziele verfolgen sollen, dann muss festgelegt werden, wie diese drei Komponenten gewichtet werden. Ansonsten existiert keine wohldefinierte Zielfunktion für das Management (Jensen (2001)). Mit anderen Worten: Es ist nicht mehr klar, was das Unternehmensmanagement überhaupt tun soll. Mit dem Verweis auf seine Ziele im Bereich Umweltund Sozialpolitik kann sich das Management sehr einfach den Interessen seiner Kapitalgeber entziehen – und mit Verweis auf seine Verpflichtungen gegenüber den Kapitalgebern kann es sich sehr einfach den Ansprüchen seiner Stakeholder aus dem Bereich Umwelt und Soziales entziehen. Das Management wird so zum Diener „multipler Herren“, die es prinzipiell gegeneinander ausspielen kann – um dann am Ende eigenen Interessen nachzugehen. Ein bekanntes historisches Beispiel für ein Management, dem es gelungen ist, sich der Kontrolle seiner Kapitaleigner weitgehend zu entziehen, um dann ein groß angelegtes Unternehmens-Ethik-Experiment zu starten, ist der amerikanische Kleiderfabrikant Levi Strauss & Co. Gegründet wurde Levi Strauss & Co von Löb Strauss, gebürtig im oberfränkischen Buttenheim, der nach dem Tod seines Vaters 1847 aus wirtschaftlicher Not mit seinen Geschwistern und seiner Mutter in die USA auswanderte. Dort eröffnete er in San Francisco einen Handel mit Kleidung und Kurzwaren für die Bedürfnisse der Goldgräber während des kalifornischen Goldrauschs. Da er schon bald feststellte, dass die von ihm angebotenen Segeltuch-Arbeitshosen nicht stabil genug waren und deshalb bei den Goldgräbern keinen Absatz fanden, lies er eine Idee des aus Lettland stammenden Schneiders Jacob Davis, die Hosennähte durch Kupfernieten zu verstärken, patentieren. Das Patent wurde 1873 gewährt mit einer Laufzeit bis 1908. Damit wurden Levi Strauss und Jacob Davis zu den Erfindern der modernen „Jeans“. Die so verstärkten Baumwollhosen fanden schnell großen Absatz, auch außerhalb der ursprünglichen Zielgruppe der Goldgräber und bildeten die Grundlage für das Entstehen des bald weltweit operierenden Familienunternehmens Levi Strauss & Co. 1971 ging Levi Strauss & Co an die Börse. Anfang der 80er Jahre geriet das Unternehmen unter starken Konkurrenzdruck durch neue Wettbewerber. Von 1980 bis 1984 ging der Umsatz um 80 % zurück. 14 amerikanische Produktionsstandorte wurden daraufhin geschlossen; rund 15 000 amerikanische Arbeitnehmer wurden entlassen (Encyclopedia of Business (2015)). Der damalige Chief Executive Officer (CEO), Robert Haas, ein Ur-UrGroßneffe des Firmengründers Löb Strauss, machte daraufhin den Börsengang von 1971 wieder rückgängig und organisierte 1985 eine mit Fremdkapital finanzierte Übernahme des 67 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 Unternehmens (Leveraged-Buy-Out) durch den weiteren Familienkreis der Nachfahren von Löb Strauss. Abbildung 21: Das „Levi Strauss Aspirations Statement“ (4. Juni 1999) Quelle: Allio (1999, S. 59) Durch das Leveraged-Buy-Out der Familie wurde das Unternehmen dem Druck des Kapitalmarktes entzogen. Robert Haas startete sein Unternehmens-Ethik-Experiment. Im Jahr 1987 präsentierte er das „Levi Strauss Aspirations Statement“, ein Dokument, das normative Grundsätze in den Bereichen Verhalten, Vielfalt, Wertschätzung, Kommunikation und ethische Führung festlegte (Abbildung 21). Alle Mitarbeiter mussten an Kursen teilnehmen, in denen eine neue Kooperationskultur auf Basis dieser Werte propagiert wurde. 1989 We all want a Company that our people are proud of and committed to, where all employees have an opportunity to contribute, learn, grow and advance based on merit, not politics or background. We want our people to feel respected, treated fairly, listened to and involved. Above all, we want satisfaction from accomplishments and friendships, balanced personal and professional lives, and to have fun in our endeavors. When we describe the kind of LS&CO. we want in the future, what we are talking about is building on the foundation we have inherited: affirming the best of our Company's traditions, closing gaps that may exist between principles and practices, and updating some of our values to reflect contemporary circumstances. What Type of Leadership Is Necessary To Make Our Aspirations a Reality? New Behaviors: Leadership that exemplifies directness, openness to influence, commitment to the success of others, willingness to acknowledge our own contributions to problems, personal accountability, teamwork and trust. Not only must we model these behaviors, but we must coach others to adopt them. Diversity: Leadership that values a diverse work force (age, sex, ethnic group, etc.) at all levels of the organization, diversity in experience, and a diversity in perspectives. We have committed to taking full advantage of the rich backgrounds and abilities of all our people and to promote a greater diversity in positions of influence. Differing points of view will be sought; diversity will be valued and honesty rewarded, not suppressed. Recognition: Leadership that provides greater recognition—both financial and psychic—for individuals and teams that contribute to our success. Recognition must be given to all who contribute: those who create and innovate and also those who continually support the day-to-day business requirements. Ethical Management Practices: Leadership that epitomizes the stated standards of ethical behavior. We must provide clarity about our expectations and must enforce these standards through the corporation. Communications: Leadership that is clear about Company, unit, and individual goals and performance. People must know what is expected of them and receive timely, honest feedback on their performance and career aspirations. Empowerment: Leadership that increases the authority and responsibility of those closest to our products and customers. By actively pushing responsibility, trust and recognition into the organization, we can harness and release the capabilities of all our people. Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 68 etablierte Haas ein Entlohnungsmodell, nach dem Gehaltserhöhungen, Beförderungen und Bonuszahlungen davon abhingen, wie ein Mitarbeiter von den anderen Mitarbeitern auf Basis der Kriterien des Aspirations Statements bewertet wurde. Haas wurde dadurch zum gefeierten Erneuerer der Unternehmenskultur und gab der „Harvard Business Review“ unter der Überschrift „Values Make the Company“ ein vielbeachtetes Interview (Howard (1990)). Mit dem Beginn der 90er Jahre geriet das Unternehmen erneut unter starken Konkurrenzdruck. Neue Nachfragetrends waren zu spät erkannt worden: Auf dem Markt für Herrenfreizeithosen, wo Levis mit seinen 1986 eingeführten „Dockers Khakies“ lange Zeit den größten Marktanteil hielt, war der Trend zu bügelfreien Stoffen übersehen worden. Im klassischen Jeans-Segment war es Konkurrenten wie Tommy Hilfiger, Lee und Gap sehr schnell gelungen, sich an die rasch wandelnden Modevorstellungen der Jugend anzupassen. Diese jungen und zunehmend kaufkräftigen Kunden verlangten – in dem Bestreben, sich von der Jeansmode ihrer Eltern abzugrenzen – nach immer größeren Beinweiten. Eine Entwicklung, die schließlich zu den berüchtigten „Baggy Pants“ führte, die mit dem von Levis einst kreiertem Jeans-Archetyp – der „Levis 501“ – nur noch den Stoff gemeinsam hatte. Offensichtlich blockierte das von Haas in bester Absicht etablierte konsensorientierte Entlohnungsmodell die Anpassung des Unternehmens an Marktveränderungen. Da Gehalt und Karriere des mittleren Managements von der Zustimmung ihres Umfeldes abhing, traute sich dort niemand Entscheidungen zu treffen, die von anderen Veränderungen abverlangten (Encyclopedia of Business (2015)). Als das Problem offensichtlich wurde, reagierte CEO Robert Haas mit einer monströsen „Customer Service Supply Chain Initiative“, die das Ziel verfolgte, die Kundenorientierung des Unternehmens zu erhöhen. Ohne Rücksicht auf resultierende Kosten wurde dabei versucht, den Zeitraum von der Entwicklung eines neuen Produktes bis zur Auslieferung an den Einzelhandel von 15 Monaten auf 3 Tage zu reduzieren (Munk (1999)). Rund 200 Mitarbeiter des oberen und mittleren Managements wurden monatelang im 3. Stock der Firmenzentrale versammelt – und fehlten in ihren Abteilungen. Sie sollten, verstärkt durch ca. 100 Berater der Unternehmensberatung Arthur Anderson, eine „Revolution“ in Gang setzen. Was am Ende dabei herauskam, waren Parolen wie „Readiness for a changing environment: Let yourself feel the loss, then let go and move on!” (Munk (1999)). Außerdem wurden rund 600 Arbeitsplatzbeschreibungen umgeschrieben und die entsprechenden Mitarbeiter mussten sich für ihre Arbeitsplätze neu bewerben. Die resultierende allgemeine Störung der eigentlichen Arbeitsabläufe führte schließlich dazu, dass das Projekt 1995 vom Aufsichtsrat gestoppt wurde. Es verschlang zu diesem Zeitpunkt bereits einen Jahresetat von 850 Millionen Dollar (Munk (1999)). CEO Robert Haas reagiert darauf mit einem zweiten Leveraged Buyout im Jahr 1986, bei dem die Macht im Unternehmen auf nur noch 4 Personen konzentriert wurde: Ihn selbst, einen Onkel und zwei Cousins. Die anderen Familienmitglieder hatten zwei Optionen: Entweder alle Mitspracherechte im Unternehmen für 15 Jahre zugunsten des Vierergremiums ruhen zu lassen oder ihre Anteilsrechte zu verkaufen. Die meisten Familienmitglieder 69 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 entschieden sich für Ersteres. Diejenigen, die aussteigen wollten, handelten mit Haas einen Preis von 265 Dollar je Aktie aus. Im Vergleich zu dem Aktienkurs von 2,53 Dollar, zu dem das Leveraged Buyout von 1985 abgewickelt worden war, implizierte dies einem Kursanstieg um den Faktor 105. Der Firmenwert des Jahres 1996 hätte demnach einem Betrag von rund 14 Milliarden US-$ entsprochen (Munk (1999)). Dem Papier nach durften sich die Familienmitglieder, die ihre Anteile nicht verkauft hatten, nun sehr reich fühlen. Die, die verkauft hatten, waren es. Im Verlauf des Jahres 1997 traten dann wieder Probleme außerhalb des Unternehmens auf. Die Konkurrenten von Levis hatten bereits in den 80er Jahren mit einer zunehmenden Verlagerung ihrer Produktionsstätten ins Ausland begonnen. Dort ließen sie ihre Bekleidung zu Niedriglöhnen herstellen und zu – aus amerikanischer Perspektive – zweifelhaften Arbeitsbedingungen. Ein Schritt, den CEO Robert Haas aus ethischen Gründen bewusst nicht vollzogen hatte. Nun sah sich Haas gezwungen, es der Konkurrenz gleich zu tun, um konkurrenzfähig zu bleiben: 11 der 37 Fabriken in den USA wurden noch 1997 geschlossen. Die Produktion wurde an Niedriglohnstandorte verlagert. 1998 wurden auch die Nähereien in Belgien und Frankreich geschlossen. Mehr als 16 000 Mitarbeiter wurden in den beiden Jahren entlassen. Von 1991 bis 1999 sank der Marktanteil von Levis in den USA von 32 Prozent auf rund 17 Prozent (Spiegel (1999)). Schätzungen des amerikanischen Wirtschaftsmagazins Fortune lag der Marktwert von Levis Strauss & Co. im Jahr 1999 noch bei 8 Milliarden US-$. Sein ebenfalls von San Francisco aus operierender börsennotierter Konkurrent Gap erhöhte in Zeit von 1996 bis 1999 seinen Marktwert von 7 auf 40 Milliarden US-$ (Munk (1999)). 1999 kapitulierte Haas und übergab sein Amt an Philip Marineau, der bis dahin CEO von Pepsi-Cola Nord Amerika gewesen war. Die Verlagerung von Produktionsstätten aus den USA an Niedriglohnstandorte ging weiter. Im Jahr 2004 schloss Levis dann den letzten Produktionsstandort in den USA. Der Umsatzrückgang, der 1997 einsetzte dauerte bis in das Jahr 2005. Der Versuch, die Marke Dockers zu verkaufen, um mit dem Erlös die vor allem durch das zweite Leveraged Buyout stark angestiegene Unternehmensverschuldung zu begleichen, misslang im gleichen Jahr (Sarkar (2005)). In seiner Untersuchung „Levi's Children: Coming to Terms with Human Rights in the Global Marketplace” zieht der Wirtschaftsjournalist Karl Schoenberger aus dem Fallbeispiel Levis Strauss & Co. die Schlussfolgerung, dass Unternehmen, die sich tatsächlich um die Einhaltung ethischer Standards in der Unternehmenspraxis bemühen, unter den herrschenden Marktbedingungen zum Scheitern verurteilt sind (Schoenberger (2001)). Nach seiner Einschätzung ist es ein „moralisches Dilemma”, dass Unternehmen wie Levis aus Wettbewerbsgründen gezwungen sind, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern, dort aber aufgrund des Konkurrenzdrucks nicht die gleichen Sozialstandards einhalten können, wie an ihrem Heimatstandort. Was Schoenberger dabei nicht berücksichtigt ist der in Abschnitt 4.2.2 am Beispiel der südost-asiatischen Tigerstaaten und der osteuropäischen Reformländer dokumentierte Mechanismus, dass das am reinen Gewinnstreben von Unternehmen orientierte Ausnutzen von Lohndifferenzen zwischen unterschiedlichen Ländern zu einem Aufholprozess der Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 70 Einkommen unterentwickelter Länder führen kann. Ein Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung dieser Länder, der, wie gesagt, durch Entwicklungshilfe und Spenden nur sehr schwer aufzubringen wäre. Das Beispiel Levis Strauss & Co. macht deutlich, was es bedeutet, wenn ein Unternehmen keine klar definierte Zielfunktion besitzt und der Kontrolle durch die Eigentümer weitgehend entzogen wird. Robert Haas ist ein literarisch gebildeter und moralisch integrer und nicht am materiellen Eigennutz orientierter Mensch. In seinem „Levi Strauss Aspirations Statement“ kommen all diese Charaktermerkmale zum Ausdruck. Aber es enthält keinen Hinweis auf die eigentliche Geschäftsidee von Levis Strauss & Co. Löb Strauss und sein Geschäftspartner Jacob Davis wären wahrscheinlich nicht in der Lage gewesen, ein solches „Aspirations Statement“ zu verfassen. Aber sie taten instinktiv, was Menschen tun, die als Unternehmer unter marktwirtschaftlichen Bedingungen, ihren Lebensunterhalt sichern müssen: Sie erfanden ein Produkt, das ihren Kunden im Vergleich zu den Konkurrenzprodukten einen Vorteil brachte, der aus Sicht der Kunden mindestens so viel wert war wie der Preisaufschlag, den sie für die höheren Produktionskosten zahlen mussten. Baumwollhosen mit Kupfernieten waren unkonventionell, aber stabil, und deshalb praktisch und entwickelten sich so über die Zeit zu einem Symbol des amerikanischen „Way of Live“. Ein Markenartikel mit einer Strahlkraft, der Levis Strauss & Co sogar erlaubte, das große Unternehmens-Ethik-Experiment des Philanthropen Bob Haas zu überleben. 4.3.4 “Strategische” Corporate Social Responsibility Man kann also durchaus mit einer ganzen Reihe von theoretischen und empirischen Gründen den Standpunkt vertreten, dass „echte CSR“ unter markwirtschaftlichen Bedingungen für Unternehmen nicht praktikabel ist. Dies hat bei einigen Befürwortern der CSRIdee dazu geführt, das Konzept abzuändern (PRME (2011, S. 4)). Das Ergebnis nennt sich „strategische CSR“. Strategische CSR bedeutet, dass nur solche sozialund umweltpolitischen Ziele verfolgt werden, die die Eigenkapitalrendite des Unternehmens erhöhen bzw. zumindest nicht senken. Also z.B. Investitionen in Technologien, die die Ressourceneffizienz steigern und dadurch die Produktionskosten senken oder die Zahlung von Effizienzlohnzuschlägen, die über ihre Motivationswirkung die Arbeitsproduktivität erhöhen (Shapiro and Stigliz (1984)) oder vermeintliche Preissenkungen für einkommensschwache Gruppen, die durch das Abschöpfen unterschiedlicher Kaufkraftstärken eine Erhöhung des monopolistischen Preisaufschlags erlauben (Phillips (2005)) oder Investitionen in sozialoder umweltpolitische Vorzeigeprojekte, die über ihren Reputationseffekt die emotionale Produktbindung der Kunden erhöhen und auf diese Weise eine Erhöhung des monopolistischen Preisaufschlags erlauben. Es kann sicherlich kaum bestritten werden, dass sich viele Unternehmensaktivitäten in diesem strategischen Sinne als CSR darstellen und verkaufen lassen. Ein Unternehmen, 77 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 werber nachweist, dass er sich öffentlich zu einer anderen Weltanschauung bekannt hat als die Hochschule (Indiz 2). Diese müsste dann dem Bewerber nachweisen, dass bei der Ablehnung kein Verstoß gegen die Bestimmungen zum Schutz vor Benachteiligung nach § 1 AGG vorgelegen hat. Dies dürfte dann gerade bei der Einstellung von Hochschuldozenten nicht einfach sein. 5.4 Strafrecht: Die Vermögensbetreuungspflicht des Managements Wie in Abschnitt 2 diskutiert, resultiert aus der Unterzeichnung der PRME durch die Hochschule aufgrund von „Principle 2“ (Abbildung 1) die Verpflichtung, die wirtschaftspolitischen Zielvorstellungen des „United Nations Global Compact“ in den Curricula zu verankern. Der Global Compact verlangt unter „Principle 3“, „Principle 8“ und „Principle 9“, wie in Abschnitt 2.1 erläutert, dass das Management von Unternehmen nicht nur die Interessen der Eigentümer des Unternehmens verfolgt, sondern auch die Einhaltung von Umweltund Sozialstandards, die über die Gesetze am jeweiligen Produktionsstandort hinausgehen. Dabei muss bei Vorliegen von Zielkonflikten (vgl. Abschnitt 4.3) auch in Kauf genommen werden, dass der Residualgewinn, der den Eigentümern des Unternehmens zufällt, sinkt. Für das Management von Unternehmen besteht in Deutschland jedoch eine Vermögensbetreuungspflicht nach § 266 Strafgesetzbuch (StGB). Würde das Management ohne Einwilligung der Eigentümer des Unternehmens die wirtschaftspolitischen Zielvorstellungen des „United Nations Global Compact“ verfolgen, wäre damit nach § 266 StGB der Tatbestand der Untreue erfüllt. Nur dann wenn die Kapitaleigner neben ihren Gewinninteressen anderen Zielsetzungen aus dem Bereich der Umweltund Sozialpolitik zustimmen, darf das Management der Unternehmen diese Ziele auch verfolgen. Wenn die Kapitaleigner unternehmenspolitische Zielsetzungen verfolgen, die dem Konzept der CSR widersprechen, ist das Management des Unternehmens unter Berücksichtigung der geltenden gesetzlichen Rahmenbedingungen grundsätzlich verpflichtet, dieser Zielsetzung durch die Kapitaleigner nachzukommen. Die Leitung der Hochschule Pforzheim darf also im Rahmen ihre PRME-Engagements nicht öffentlich dazu aufrufen, dass das Management von Unternehmen auch dann umweltund sozialpolitische Ziele verfolgen soll, wenn dies den Interessen der Eigentümer eines Unternehmens zuwider läuft, ohne dabei darauf hinzuweisen, dass das Management dazu vorher die Erlaubnis des Eigentümer des Unternehmens einholen muss. Ansonsten käme dies dem Aufruf zu einer Straftat gleich, was wiederum nach § 111 StGB ebenfalls einen Straftatbestand erfüllt: „Wer öffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) zu einer rechtswidrigen Tat auffordert, wird wie ein Anstifter (§ 26) bestraft. Bleibt die Aufforderung ohne Erfolg, so ist die Strafe Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe.“ Damit sind natürlich auch der von - Kurz (2014) entwickelten „PRME-Konzeption“ der Hochschule (vgl. Abschnitt 2.2) enge Grenzen gesetzt: „Wenn es durch PRME gelingt, dass in den kommenden Jahren ein besser auf die aktuellen Herausforderungen der Glo- Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 78 balisierung vorbereiteter Management-Nachwuchs auf den Arbeitsmarkt drängt, wird es noch einige Zeit dauern, bis diese Generation Wirkung durch Führung entfaltet. Rechnen wir also damit, dass bis 2030 der ,,Marsch durch die Institutionen" gelungen ist und auch unsere Alumni die Corporate World transformieren“ (Kurz (2014, S. 130). Eine Transformation der „Corporate World“ ohne Einwilligung der Unternehmenseigentümer verstößt in Ländern, die den Straftatbestand der Untreue kennen, gegen geltendes Recht. Wäre es vor diesem Hintergrund nicht zielführender, wenn der Staat durch eine entsprechende Rahmengesetzgebung im Bereich der Umweltund Sozialpolitik dafür sorgt, dass Unternehmen die gesellschaftlich gewünschten Standards einhalten? Eine „große Transformation“ der „Corporate World“ wäre dann natürlich nur möglich, wenn sich dafür auch eine parlamentarische Mehrheit fände, die bereit ist, die entsprechenden Gesetze zu verabschieden. Für verbeamtete Hochschullehrer, die bei ihrem Diensteid geschworen haben, dass sie ihr „Amt nach bestem Wissen und Können führen, das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, die Landesverfassung und das Recht achten und verteidigen“ 56 werden, sollte diese Einschränkung aber kein Problem darstellen. 5.5 Was hat das Alles mit dem Übergang von der Czur W-Besoldung zu tun? Wie schon in Abschnitt 5.1 beschrieben, besteht für Hochschulleitungen, die sich öffentlich dazu verpflichten bestimmte weltanschauliche Positionen zu propagieren, ein Anreiz, latenten Druck auf Hochschullehrer auszuüben, Inhalte von Lehrveranstaltungen nach Maßgabe der PRME-Verpflichtung der Hochschule auszurichten. Dieses Anreizproblem ist umso ernster zu nehmen, als der Übergang von der C-Besoldung zur W-Besoldung der Hochschulleitung deutlich mehr Mitspracherechte bei der Besoldung einzelner Hochschullehrer einräumt. Damit sind also die Möglichkeiten, latenten Druck auszuüben, erheblich gestiegen. So hat das Rektorat der Hochschule Pforzheim aufgrund von § 9 Abs. 1 der Leistungsbezügeverordnung (LBVO) eine Richtlinie erlassen, wonach über Leistungszulagen für gute, sehr gute oder herausragende Leistungen bei der Wahrnehmung der Dienstaufgaben nach Stellungnahme des Fakultätsvorstandes durch das Rektorat gewährt werden (Richtlinie des Rektorats der Hochschule Pforzheim über das Verfahren und die Vergabe von Leistungsbezügen sowie Forschungsund Lehrzulagen, III. Leistungszulagen, §§ 4,5,6). Gegen die Entscheidung des Rektorats, kann zwar Widerspruch beim Rechtsamt der Hochschule eingelegt werden. Über diesen entscheidet letztlich aber wiederum das Rektorat der Hochschule im Benehmen mit dem Fakultätsvorstand (VI. Sonstige Bestimmungen, § 11 Widerspruch). Nach lebenspraktischer Erfahrung besteht bei derartigen Entscheidungen der Hochschulleitung immer ein Ermessensspielraum, gegen den rechtlich nur schwer vorgegangen werden kann. Auf einen Hochschullehrer, der der W-Besoldung unterliegt, kann deshalb immer ein latenter Druck ausgeübt werden, Inhalte von Lehrveranstaltungen nach Maßga56 Landesbeamtengesetz Baden-Württemberg: § 71 (1) Diensteid. 79 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 be der PRME-Verpflichtung der Hochschule auszurichten. Da dieser Druck ohne PRMEVerpflichtung der Hochschule nicht gegeben wäre, spricht auch der Übergang zur WBesoldung dafür, dass Hochschulen auf eine PRME-Verpflichtung ebenso verzichten sollten wie auf Bekenntnisse zu anderen politischen „Leitbildern“. 6. Nichtsdestotrotzalledem! – Die Magie geschlossener Weltbilder 6.1 Das Erlösersyndrom Man sollte meinen, dass die bisher vorgebrachten Argumente erkenntnistheoretischer, erfahrungswissenschaftlicher und juristischer Art, die gegen ein weltanschauliches Engagement von Hochschulen sprechen, eigentlich ausreichen müssten, um ein solches Vorhaben aufzugeben. Wer aber die Art, wie dieses Thema bislang von der Hochschulleitung betrieben worden ist, und die kognitive Ignoranz, mit der alle Befürworter eines weltanschauliches Engagement von Hochschulen auf Argumente reagieren, erlebt hat, der ahnt, dass hier ein Sendungsbewusstsein am Werk ist, das sich an die normalen Spielregeln nicht mehr gebunden fühlt. Man wähnt sich offensichtlich zu Größerem berufen. Es steht zu befürchten, dass es dabei um die Konstruktion eines Realitätsverständnisses geht, welches der eigenen Existenz dann eine tiefere Bedeutung verleiht – eine Art „Erlösersyndrom“. Das Grundmuster ist einfach. Der Topos des „Erlösers“ ist in der Literatur wohlbekannt und erfreut sich noch immer großer Beliebtheit. Ob Jesus von Nazareth, Harry Potter, Neo, Anakin Skywalker oder John Connor, das Strickmuster ist immer das gleiche: Ein Mensch der in einfachen Verhältnissen lebt, macht ungewöhnliche Erfahrungen und glaubt ungeahnte Fähigkeiten zu entdecken. Er erkennt ein Problem, für das gewöhnliche Menschen aufgrund ihrer moralischen oder intellektuellen Unzulänglichkeiten blind sind und leitet daraus die Pflicht ab, die Welt zu retten. Es gelingt ihm, mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten zum Anführer einer Gruppe von Unterstützern zu werden, die glauben ähnliche Fähigkeiten zu besitzen und das Erlösungswerk kann beginnen. Da man dem übrigen Teil der Menschheit moralisch und intellektuell überlegen ist, darf man dabei selbstverständlich auch, wenn nötig, die herrschenden Spielregeln außerkraftsetzen. Wenn es durch die Führungsstärke der Erleuchteten dann gelungen ist, die Welt zu retten, wird die alte Ordnung durch eine neue ersetzt. Die Macht liegt dann in den Händen der Erleuchteten, die mit ihrem Expertenwissen den Fortbestand der Welt ein für alle Mal sicherstellen. Dieses Strickmuster ist ebenso einfach wie erfolgreich: Bestseller, Hollywood Blockbuster, sogar Weltreligionen lassen sich darauf begründen. Wahrscheinlich ist es die Wirkung als Identifikationsvorlage, die den Topos des „Erlösers“ für ein breites Publikum so attraktiv macht: Er stammt aus einfachen Verhältnissen, wie die überwiegende Mehrheit des Publikums auch. 57 Dann wird er völlig unerwartet aus seinem Alltagleben gerissen und von der Vorsehung zum „Erlöser“ bestimmt. Mit anderen Worten, jeder Leser oder Zuschauer 57 Diese Existenz als „Durchschnittsmensch“ ist es auch, die den „Erlöser“ vom Heldenbild der klassischen Antike – etwa Perseus oder Herakles – unterscheidet. Der antike Held ist göttlicher oder adliger Herkunft – und eignet sich als solcher nicht so gut als Identifikationsvorlage für „Durchschnittsmenschen“. Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 80 könnte im Grunde auch zum „Erlöser“ bestimmt sein. Ein Gedanke, mit dem man gerne spielt, weil er der eigenen Existenz eine ungeahnte Bedeutung zu verleihen vermag und dem Alltagsleben mit seinen vielen kleinen und großen Problemen plötzlich eine neue Richtung geben könnte. So unterhaltsam solche Alltagsfluchten und Gedankenspielereien auch sein mögen, wenn sie uns als Buch oder Film begegnen – der psychologische Mechanismus, der dahintersteht, kann leicht missbraucht werden. Die Idee, dass es ein elitäres „Wissen“ geben kann, das eine Gruppe von Auserwählten dazu berechtigt, sich über die unwissende Mehrheit hinwegzusetzen und nach eigenen Spielregeln die Welt zu retten, findet sich nicht nur in den fundamentalistischen Ablegern der großen Weltreligionen und Ideologien. Diese Idee bildet in der Regel auch den intellektuellen Überbau von Terrororganisationen. Ob KuKlux-Klan, RAF, NSU oder IS, immer glauben die Mitglieder dieser Organisationen, dass sie zu den Auserwählten zählen, die aufgrund ihrer geistig-moralischen Überlegenheit über ein Wissen verfügen, das sie berechtigt mit den zivilisatorischen Spielregeln zu brechen, und das „Recht“ und die „Macht“ in die eigenen Hände zu nehmen. 6.2 Die Überwindung subjektiv empfundener Bedeutungslosigkeit im Fundamentalismus Die Mitglieder dieser Organisationen bringen große Opfer und gehen große persönliche Risiken ein. Sie verlassen in der Regel ihr gewohntes soziales Umfeld und riskieren ihr Leben – bisweilen opfern sie es auch bewusst. Sie tun all dies aus ideellen Gründen, sie streben nicht nach persönlichem Gewinn. Ihrem Selbstverständnis nach sind Terrororganisationen Non-Profit-Unternehmen im Dienste für das, was sie unter „Gemeinwohl“ verstehen. Die Währung, mit der sie ihre Mitglieder bezahlen, lautet „Gewissheit“ und „Auserwähltsein“. Hat man genügend „Auserwähltsein“ angehäuft, kann man unsterblich werden – im Jenseits oder in den Erinnerungsritualen der überlebenden Auserwählten. „Gewissheit“ ist die Belohnung durch das geschlossene Weltbild der Organisation. Die in Abschnitt 3.2 angesprochene „doppelte Ungewissheit“, die aus den Problemen empirische oder normative Werturteile allgemeinverbindlich zu begründen, resultiert, ist nicht immer leicht zu ertragen. Möglicherweise läuft sie einem instinktiven menschlichen Streben nach „Gewissheit“ zuwider. So wie man ein Glas als „halbleer“ oder „halbvoll“ beschreiben kann, kann man diese „doppelte Ungewissheit“ als eine Quelle von „fundamentaler Unsicherheit“ oder „schöpferischer Freiheit“ betrachten. Wer zu ersterem neigt, wird den Verlockungen eines geschlossenen Weltbildes zugetan sein; wer zu letzterem neigt, wird den Reiz der Chancen einer offenen Gesellschaft vorziehen. Prinzipiell können alle Probleme menschlichen Zusammenlebens so interpretiert werden, dass sich daraus ein „geschlossenes Weltbild“ formen lässt. So wie der MarxismusLeninismus die im ausgehenden 18. Jahrhundert aufgekommene soziale Frage und die dahinter stehenden ökonomischen Mechanismen so interpretiert hat, dass eine Lösung der Probleme nicht durch sukzessive Reformen innerhalb des bestehenden Systems möglich war, sondern nur durch einen Umsturz der bestehenden Verhältnisse unter Führung 81 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 einer mit neuem Bewusstsein ausgestatteten „proletarischen Elite“ (Lenin (1902)), so lässt sich auch die im vergangenen Jahrhundert aufgekommene „ökologische Frage“ so interpretieren, dass eine Lösung nur durch einen Umsturz der bestehenden Verhältnisse unter Führung einer mit dem richtigen Bewusstsein ausgestatteten „ökologischen Elite“ möglich wird. Überspitzt formuliert: man braucht sich die Welt bloß so definieren, dass sie erlöst werden muss – dann darf man den Erlöser spielen. Wie das in Bezug auf die „ökologische Frage“ geht, zeigen die Australier David Shearman 58 und Joseph Smith in ihrem Buch „The Climate Change Challenge and the Failure of Democracy” (Shearman und Smith (2007)). Nach ihrer Diagnose steht der Planet Erde bereits kurz vor dem ökologischen Kollaps. Es verbleiben der Menschheit noch ein oder zwei Generationen, um dies zu verhindern. Technologischer Fortschritt als eine potentielle Möglichkeit zur Lösung der Probleme wird kategorisch ausgeschlossen. 59 Ihre Metapher für den Ernst der Lage ist die „Intensivstation“ der Unfallchirurgie. Der Planet Erde leidet bereits an multiplem Organversagen. Er gehört deshalb in die Hände eines „Führers“, der durch „Führerschaft“ und „Expertenwissen“ die notwendigen Maßnahmen zur Rettung des Planeten einleitet. Und zwar ohne auf lästige Meinungsumfragen, Wiederwahlchancen oder gar das wirtschaftliche Umfeld zu achten. 60 Sie halten deshalb demokratische Gesellschaftssysteme für ein ähnliches Übergangsphänomen wie kommunistische Gesellschaftssysteme. 61 Ziel der Entwicklung muss deshalb die Überwindung der Demokratie durch einen „autoritär geführten Expertenstaat“ sein, der sich am platonischen Ideal der Philosophenherrschaft orientiert. 58 Professor David Shearman, ist Emeritus Professor der Medizin an der University of Adelaide. Er war offiziell bestellter UNGutachter des „Intergovernmental Panel on Climate Change“ (IPCC) und hat dort am 3. und 4. Klimabericht mitgearbeitet. Joseph Smith ist Forschungsmitarbeiter an der School of Law, University of Adelaide. 59 “This political attitude also explains the obsession with technological development. It offers a fix without having to make difficult and unpopular decisions. Climate change, like all other problems that humanity has encountered, will be solved by technology – pump the carbon dioxide underground and launch space ships with mirrors to reflect sunlight. This solution fits the paradigm of development and progress and more importantly absolves us from any sacrifice of our profligacy. But it won’t work this time because there are so many interlocking problems that cannot respond to a technological fix (Shearman und Smith (2007, S. XV)).” 60 „Can we draw lessons from the human patient in the intensive care unit? The patient’s resuscitation is in the hands of a leader, the expert doctor in intensive care, and a team of nurses and scientists, which combines leadership with expert knowledge, decision making, speed, dedication, and compassion. The leader does not explore the public opinion polls to see what can be tolerated or is popular. He or she does not act to preserve their position at the next election and is not influenced by corporatism or the perceived state of the economy. There is one collective, unsullied goal, to recognize the emergency, to make a skilled diagnosis based upon scientific assessment and to restore health before the situation becomes irreversible (Shearman und Smith (2007, S. 7)).“ 61 „We predict that democracy, like communism, will be but a moment in human history (Shearman und Smith (2007, S. 15)).” Merkwürdigerweise stützen sie sich dabei auf die gleiche dialektische Argumentation die Karl Marx für seine Vorhersage der endgültigen Überwindung des Kapitalismus durch den Kommunismus genutzt hat: ”Liberal capitalism, we will argue, is a force acting to produce an authoritarian rule by corporate elites. Although enmeshed with liberal democracy its ultimate goals are antagonistic to it, and in the long term act to undermine it. (Shearman und Smith (2007, S. 15))“. Warum sich am Ende des Kommunismus wieder der Kapitalismus durchgesetzt hat, und ob das nicht möglicherweise systemische Gründe hat, die z.B. in der Überlegenheit dezentraler Entscheidungsstrukturen gegenüber zentralisierten Entscheidungsstrukturen liegen könnten, diskutieren sie nicht. Im Grunde ist das verständlich, denn es würde ihrem platonischen Ideal eines „autoritär geführten Expertenstaats“ zuwider laufen. Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 82 Was das Weltbild von Shearman und Smith gerade für Akademiker und akademisch geschultes Managementpersonal so attraktiv macht, ist eine gedankliche Anleihe, die sie beim Marxismus machen und in ihr System übertragen: Bei Marx ist es die Arbeiterklasse, die aufgrund ihrer Lebenserfahrung ein überlegenes Bewusstsein gewinnt, das sie berechtigt und befähigt die herrschenden Verhältnisse zu überwinden. Es zählt zum dialektischen Geschichtsverständnis von Marx, dass die vom Kapitalismus bewirkte Verelendung der Arbeiterklasse zugleich die Voraussetzung für die Überwindung des Kapitalismus schafft (Marx und Engels (1848)). Bei Shearman und Smith ist es die akademische Klasse, die aufgrund ihres Informationsvorsprungs ein überlegenes Bewusstsein gewinnt, das sie berechtigt und befähigt die herrschenden Verhältnisse zu überwinden und die Führung der neuen Gesellschaft zu übernehmen. 62 Eine Idee, die der Verbreitung der von Shearman und Smith vertretenden Variante des Ökologismus im akademischen Milieu sehr förderlich ist. Keine Frage, David Shearman und Joseph Smith leiden geradezu exemplarisch am Erlöser-syndrom. Sie leben in einer komplexen, unübersichtlichen Welt und möchten diese, soweit es geht, vereinfachen. Dazu wird die „ökologische Frage“ zum alles entscheidenden Problem schlechthin aufgepumpt. Die vielen anderen Probleme, zur deren Handhabung demokratische Rechtsstaaten komplexes Geflecht von sich gegenseitig kontrollierenden Institutionen aufgebaut haben, spielen keine Rolle. Fakten und ihre Interpretation durch empirische Theorien sind nicht Gegenstand eines wissenschaftlichen Diskurses – sie sind eindeutig und liegen fest. 63 Auch normative Werturteile können dank der „platonischen Methode“ eindeutig und allgemeinverbindlich gelöst werden. 64 Es besteht also kein Grund, in normativen Fragen eine andere Meinung zu vertreten als die zur Führung auserwählten Expertenherrscher. Man weiß nicht genau, worüber man mehr erstaunt sein soll: Die Naivität der Argumente von Shearman und Smith oder die Rigorosität mit der sie daraus weitreichende politische Forderungen ableiten. Im Grunde spielt das aber auch keine Rolle. Das Beispiel Shearman und Smith (2007)) demonstriert, wie leicht sich auch die ökologische Frage zur Konstruktion eines geschlossenen Weltbildes instrumentalisieren lässt. Wie lange wird es noch dauern, bis die ersten „Ökologisten“ in den Untergrund abtauchen und mit Argumen62 „Chapter 9 will describe in more detail how we might begin the process of constructing such real universities to train the ecowarriors to do battle against the enemies of life. We must accomplish this education with the dedication that Sparta used to train its warriors. As in Sparta, these natural elites will be especially trained from childhood to meet the challenging problems of our times (Shearman und Smith (2007, S.134)).” 63 So steht aufgrund “sorgfältig durchgeführter Prognosen” schlicht fest, dass der Planet Erde ohne fossile Energien auf Dauer maximal 2 Milliarden Menschen ernähren kann: „This is because oil has been the fundamental resource for fertilizers, mechanized farming, and transport that has supported the world’s burgeoning population. There are carefully researched predictions that a world without oil can support only 2 billion people (Shearman und Smith (2007, S. 8)).” 64 „For Plato statements are true or false by virtue of reality not by convention. Thus a true definition of justice, for example, is one which is in every respect fully just and does not vary from place to place. It is timelessly true, does not change, and is not located in any particular time or place. Plato refers to this reality of timeless truth as the "Forms" It is the philosophers who have primary access to the timeless truths of the Forms because philosophers by definition are lovers of wisdom ("philos" meaning "loving," and "sophia" meaning wisdom). Philosophers seek the truth and thus attain knowledge rather than mere belief. Philosophers love the truth and hate falsehood. (Shearman und Smith (2007))“ 83 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 ten, wie sie Shearman und Smith (2007) liefern, für den gewaltsamen Umsturz der bestehenden Verhältnisse kämpfen werden? Was wäre angesichts dieser Gefahren für den demokratisch verfassten Rechtsstaat die Aufgabe von Hochschulen? Geht es tatsächlich darum, den „Management-Nachwuchs“ generalstabsmäßig wie eine Armee für den ,,Marsch durch die Institutionen" zu trimmen, damit er zur Rettung von „Weltklima und bedrohten Arten“ die „Corporate World transformiert“? 65 Oder geht es darum, den wissenschaftlichen Nachwuchs so zu qualifizieren, dass er lernt, eigenständig und ergebnisoffen empirische Kausalzusammenhänge zu erforschen und in der Lage ist, daraus in Abhängigkeit von unterschiedlichen normativen Zielvorstellungen, Handlungsstrategien zu entwickeln? Programmieren Hochschulen „Weltenretter“ oder qualifizieren sie zum wissenschaftlichen Arbeiten? 7. Resümee: Sendungsbewusstsein statt Sachargumente Zu den originären Aufgaben von Hochschulen zählt die Organisation von Forschung und Lehre. Forschung und Lehre setzen aber den freien Diskurs über empirische Daten und ihre Interpretation durch Theorien voraus. Aus diesem Diskurs besteht der Kern des erfahrungswissenschaftlichen Erkenntnisprozesses. Wenn eine Hochschule ausgerechnet in diesem Kernbereich ansetzt und bestimmte empirische Einschätzungen zu ihrem Leitbild erklärt und andere nicht, behindert sie das, was sie ihrem eigentlichen Auftrag nach ermöglichen soll. Im Grunde also ein völlig absurdes Projekt. Das Gleiche gilt für das Vorhaben, bestimmte normative Zielvorstellungen im Leitbild der Hochschule zu verankern und andere nicht. Da normative Zielvorstellungen nicht allgemeinverbindlich begründet werden können, schreiben freiheitlich verfasste Gesellschaftsordnungen ihren Bürgern keine Ethik oder Religion vor, sondern gewähren möglichst weitgehende individuelle Freiheit beim Entwurf ihres persönlichen Bekenntnisses. Hochschulen haben überhaupt kein Mandat, sich in diesen Prozess einzumischen. Wenn es darum geht, welche Zielvorstellungen von der Gesellschaft gemeinsam verfolgt werden sollen und welche nicht, dann sind die Parlamente der Ort, an dem die Diskussion und die Entscheidung stattfindet. Und selbst Parlamente dürfen keine Entscheidungen treffen, die die diesbezüglichen Grundrechte der Bürger einschränken. Es ist eine absurde Vorstellung, dass ausgerechnet staatliche Verwaltungseinheiten wie Hochschulen bei der Entscheidung, welche Zielvorstellungen von der Gesellschaft verfolgt werden sollen und welche nicht, das Prinzip der weltanschaulichen Neutralität aufgeben dürfen und ein Mitspracherecht besitzen sollen, das sogar noch über das der Parlamente hinausgeht. 65 „Wenn es durch PRME gelingt, dass in den kommenden Jahren ein besser auf die aktuellen Herausforderungen der Globalisierung vorbereiteter Management-Nachwuchs auf den Arbeitsmarkt drängt, wird es noch einige Zeit dauern, bis diese Generation Wirkung durch Führung entfaltet. Rechnen wir also damit, dass bis 2030 der ,,Marsch durch die Institutionen" gelungen ist und auch unsere Alumni die Corporate World transformieren. Das ist insgesamt allerdings eine unsichere Wirkungskette mit einer langen Zeitverzögerung. Isoliert betrachtet kann man - zynisch gesprochen - nur hoffen, dass Weltklima und bedrohte Arten noch etwas Geduld aufbringen werden (Kurz (2014, S. 130).“ Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 84 Die Diskussion der verschiedenen Vorstellungen von Nachhaltiger Entwicklung in Abschnitt 4.1 hat gezeigt, wie schwierig es ist, den Einfluss von Politik und Gesellschaft auf zukünftige Entwicklungen zu prognostizieren. Ökologie und Ökonomie sind hochkomplexe Systeme. Wenn es um die Steuerung ihres Zusammenspiels geht, sind Fehler kaum zu vermeiden – wie das Beispiel Biotreibstoff (vgl. Abschnitt 4.1) zeigt. Die Idee, dass nur die „richtigen Experten“ am Steuer sitzen müssen, um ein Gelingen zu gewährleisten, ist illusorisch. Gerade angesichts der vielen Quellen von Unsicherheit dürften offene Systeme, die über eingebaute Fehlerkorrekturmechanismen verfügen, sehr viel besser geeignet sein, Steuerungsaufgaben zu bewältigen als „Expertokratien“, die in einem von Unsicherheit geprägten Umfeld sehr schnell zum Opfer der eigenen Pfadabhängigkeiten werden. Fehlerkorrektur setzt freien Diskurs voraus. Hochschulen sind ihrer originären Aufgabe nach Plattformen, auf denen ein wichtiger Teil dieses Diskurses stattfindet. Das setzt aber voraus, dass Hochschulen und insbesondere Hochschulleitungen nicht selbst steuernd in den Diskurs eingreifen. Der Diskurs findet zwischen Forschern und Lehrenden statt, die als Staatsbürger insbesondere das Grundrecht der Freiheit von Forschung und Lehre genießen. Hochschulen selbst sind als Teil der staatlichen Exekutive nicht grundrechtsfähig. Sie stellen nur die nötige Infrastruktur zur Verfügung, die Voraussetzung für den freien Diskurs ihrer Forscher und Lehrenden ist. Diese Dinge sind in der deutschen Gesetzgebung erfreulich klar und eindeutig geregelt (vgl. Abschnitt 5). Es gibt keinen Grund daran zu rütteln. Es ist auch nicht so, dass nach der geltenden Rechtslage Hochschulen keinen Gestaltungsspielraum besäßen. Hochschulen können im Rahmen ihrer Budgetverantwortung Forschungsschwerpunkte setzen. Auf diese Weise können sie ein eigenes Profil entwickeln und mit anderen Hochschulen in Konkurrenz treten. Aber das Setzen von Forschungsschwerpunkten muss dem Prinzip der wissenschaftlichen Ergebnisoffenheit genügen. Es darf nicht dazu missbraucht werden, den Forschern bestimmte Vorgaben empirischer oder normativer Art hinsichtlich ihrer Ergebnisse zu machen. All diese Dinge sind nicht neu. Sie haben lange Jahre die Entwicklung von Lehre und Forschung in Deutschland geprägt. Es gibt keinen Grund, an diesen bewährten institutionellen Verfahren etwas zu ändern. Es herrscht auch kein irgendwie gearteter sozialer oder ökologischer „Notstand“, der dafür eine Rechtfertigung böte. Umso erstaunlicher, dass die Hochschule Pforzheim seit einigen Jahren versucht, mit diesen Traditionen zu brechen und das Prinzip der weltanschaulichen Neutralität aufzugeben. Es ist zu vermuten, dass hinter diesen Bestrebungen ein Sendungsbewusstsein am Werk ist, gegen das schlichte Sachargumente nichts mehr ausrichten können. Das Projekt „Weltanschauliche Bekenntnisschule Pforzheim“ wird wohl nur noch auf dem Rechtsweg aufzuhalten sein. 85 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 Quellenverzeichnis Albert (1968), Hans Albert, Traktat über kritische Vernunft, UTB für Wissenschaft, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen. Albert and Hahnel (1990), Michael Albert, Robin Hahnel, Quiet Revolution in Welfare Economics, Princeton University Press. 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Prof. Dr. Dr. h.c. Tibor Karpati (Universität Osijek in Kroatien) zum siebzigsten Geburtstag. Mit einem Vorwort von R. Huth und Beiträgen von H.-J. Hof, H. Löffler, D. Pflaum, B. Runzheimer und U. Wagner 59. Hartmut Eisenmann Okt. 1991 Dokumentation über die Tätigkeit einer Industrieund Handelskammer – Dargestellt am Beispiel der IHK Nordschwarzwald 60. Ursula Hoffmann-Lange Dez. 1991 Eliten und Demokratie: Unvereinbarkeit oder notwendiges Spannungsverhältnis? 61. Werner Pepels Dez. 1991 Elemente der Verkaufsgesprächsführung 62. Wolfgang Berger Dez. 1991 Qualifikationen und Kompetenzen eines Europamanagers 63. Günter Staub Jan. 1992 Der Begriff „Made in Germany“ – Seine Beurteilungskriterien 64. Martin W. Knöll, Hieronymus M. Lorenz Mai 1992 Gegenstandsbereich und Instrumente der Organisationsdiagnose im Rahmen von Organisationsentwicklungs (OE)-Maßnahmen 65. Werner Lachmann Juni 1992 Ethikversagen – Marktversagen 66. Paul Banfield Juni 1993 Observations On The Use Of Science As A Source Of Legitimation In Personnel Management 67. Bernd Noll Aug. 1993 Gemeinwohl und Eigennutz. Wirtschaftliches Handeln in Verantwortung für die Zukunft – Anmerkungen zur gleichnamigen Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland aus dem Jahre 1991 68. Siegfried Kreutzer, Regina Moczadlo Aug. 1993 Die Entdeckung der Wirklichkeit – Integrierte Projektstudien in der Hochschulausbildung 69. Sybil Gräfin Schönfeldt Aug. 1993 Von Menschen und Manieren. Über den Wandel des sozialen Verhaltens in unserer Zeit. Vortrag gehalten im Rahmen des Studium Generale der Hochschule Pforzheim, Wintersemester 1992/93 70. Hartmut Löffler Dez. 1993 Geldund währungspolitische Grundsatzüberlegungen für ein Land auf dem Weg zur Marktwirtschaft – Das Beispiel Kroatien 71. Hans-Georg Köglmayr, Kurt H. Porkert Nov. 1994 Festlegen und ausführen von Geschäftsprozessen mit Hilfe von SAP-Software 72. Alexa Mohl Febr. 1995 NLP-Methode zwischen Zauberei und Wissenschaft. Vortrag gehalten im Rahmen des Studium Generale der Hochschule Pforzheim, Wintersemester 1994/95 73. Bernd Noll Mai 1995 Marktwirtschaft und Gerechtigkeit: Anmerkungen zu einer langen Debatte 74. Rudi Kurz, Rolf-Werner Weber Nov. 1995 Ökobilanz der Hochschule Pforzheim. 2. geänderte Auflage, Jan. 1996 75. Hans Lenk Mai 1996 Fairneß in Sport und Wirtschaft. Vortrag gehalten im Rahmen des Studium Generale der Hochschule Pforzheim, Wintersemester 1995/96 76. Barbara Burkhardt-Reich, Hans-Joachim Hof, Bernd Noll Juni 1996 Herausforderungen an die Sozialstaatlichkeit der Bundesrepublik 77. Helmut Wienert März 1997 Perspektiven der Weltstahlindustrie und einige Konsequenzen für den Anlagenbau 78. Norbert Jost Mai 1997 Innovative Ingenieur-Werkstoffe 79. Rudi Kurz, Christoph Hubig, Ortwin Renn, Hans Diefenbacher Sept. 1997 Ansprüche in der Gegenwart zu Lasten der Lebenschancen zukünftiger Generationen 80. Björn Engholm Okt. 1997 Ökonomie und Ästhetik. Vortrag gehalten im Rahmen des Studium Generale der Hochschule Pforzheim, Wintersemester 1996/97. 2. geänderte Auflage. Jan. 1998 Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 98 81. Lutz Goertz Sept. 1998 Multimedia quo vadis? – Wirkungen, Chancen, Gefahren. Vortrag gehalten im Rahmen des Studium Generale der Fachhochschule Pforzheim, Wintersemester 1996/97 82. Eckhard Keßler Nov. 1998 Der Humanismus und die Entstehung der modernen Wissenschaft. Vortrag gehalten im Rahmen des Studium Generale der Hochschule Pforzheim, Wintersemester 1996/97 83. Heinrich Hornef Febr. 1998 Aufbau Ost – Eine Herausforderung für Politik und Wirtschaft. Vortrag gehalten im Rahmen des Studium Generale der Fachhochschule Pforzheim, Wintersemester 1997/98 84. Helmut Wienert Juli 1998 50 Jahre Soziale Marktwirtschaft – Auslaufmodell oder Zukunftskonzept? Vortrag gehalten im Rahmen des Studium Generale der Hochschule Pforzheim, Sommersemester 1998 85. Bernd Noll Sept. 1998 Die Gesetzliche Rentenversicherung in der Krise 86. Hartmut Löffler Jan. 1999 Geldpolitische Konzeptionen - Alternativen für die Europäische Zentralbank und für die Kroatische Nationalbank 87. Erich Hoppmann Juni 1999 Globalisierung. Vortrag gehalten im Rahmen des Studium Generale der Hochschule Pforzheim, Sommersemester 1999 88. Helmut Wienert (Hrsg.) Dez. 1999 Wettbewerbspolitische und strukturpolitische Konsequenzen der Globalisierung. Mit Beiträgen von Hartmut Löffler und Bernd Noll 89. Ansgar Häfner u.a. (Hrsg.) Jan. 2000 Konsequenzen der Globalisierung für das internationale Marketing. Mit Beiträgen von Dieter Pflaum und Klaus-Peter Reuthal 90. Ulrich Wagner Febr. 2000 Reform des Tarifvertragsrechts und Änderung der Verhaltensweisen der Tarifpartner als Voraussetzungen für eine wirksame Bekämpfung der Arbeitslosigkeit 91. Helmut Wienert April 2000 Probleme des sektoralen und regionalen Wandels am Beispiel des Ruhrgebiets 92. Barbara Burkhardt-Reich Nov. 2000 Der Blick über den Tellerrand – Zur Konzeption und Durchführung eines „Studium Generale“ an Fachhochschulen 93. Helmut Wienert Dez. 2000 Konjunktur in Deutschland - Zur Einschätzung der Lage durch den Sachverständigenrat im Jahresgutachten 2000/2001 94. Jürgen Wertheimer Febr. 2001 Geklonte Dummheit: Der infantile Menschenpark. Vortrag gehalten im Rahmen des Studium Generale der Hochschule Pforzheim, Wintersemester 2000/01 95. Konrad Zerr März 2001 Erscheinungsformen des Online-Research – Klassifikation und kritische Betrachtung 96. Daniela Kirchner April 2001 Theorie und praktische Umsetzung eines Risikomanagementsystems nach KontraG am Beispiel einer mittelständischen Versicherung 97. Bernd Noll Mai 2001 Die EU-Kommission als Hüterin des Wettbewerbs und Kontrolleur von sektoralen und regionalen Beihilfen Peter Frankenfeld EU Regionalpolitik und Konsequenzen der Osterweiterung 98. Hans Joachim Grupp Juni 2001 Prozessurale Probleme bei Beschlussmängelstreitigkeiten in Personengesellschaften 99. Norbert Jost (Hrsg.) Juli 2001 Technik Forum 2000: Prozessinnovationen bei der Herstellung kaltgewalzter Drähte.Mit Beiträgen von Peter Kern, Wilhelm Bauer, Rolf Ilg; Heiko Dreyer; Johannes Wößner und Rainer Menge 100. Urban Bacher, Mikolaj Specht Dez. 2001 Optionen – Grundlagen, Funktionsweisen und deren professioneller Einsatz im Bankgeschäft 101. Constanze Oberle Okt. 2001 Chancen, Risiken und Grenzen des M-Commerce 102. Ulrich Wagner Jan. 2002 Beschäftigungshemmende Reformstaus und wie man sie auflösen könnte Jürgen Volkert Flexibilisierung durch Kombi-Einkommen? Die Perspektive der Neuen Politischen Ökonomie 103. Mario Schmidt, René Keil März 2002 Stoffstromnetze und ihre Nutzung für mehr Kostentransparenz sowie die Analyse der Umweltwirkung betrieblicher Stoffströme 104. Kurt Porkert Mai 2002 Web-Services – mehr als eine neue Illusion? 105. Helmut Wienert Juni 2002 Der internationale Warenhandel im Spiegel von Handelsmatrizen 106. Robert Wessolly, Helmut Wienert Aug. 2002 Die argentinische Währungskrise Verzeichnis der bisher erschienenen Beiträge 107. Roland Wahl (Hrsg.) Sept. 2002 Technik-Forum 2001: Weiterentwicklungen an Umformwerkzeugen und Walzdrähten. Mit Beiträgen von Roland Wahl, Thomas Dolny u.a., Heiko Pinkawa, Rainer Menge und Helmut Wienert 108. Thomas Gulden April 2003 Risikoberichterstattung in den Geschäftsberichten der deutschen Automobilindustrie 109. Günter Altner Mai 2003 Lasset uns Menschen machen – Der biotechnische Fortschritt zwischen Manipulation und Therapie. Vortrag gehalten im Rahmen des Studium Generale der Hochschule Pforzheim, Sommersemester 2003 110. Norbert Jost (Hrsg.) Juni 2003 Technik-Forum 2002: Innovative Verfahren zur Materialoptimierung. Mit Beiträgen von Norbert Jost, Sascha Kunz, Rainer Menge/Ursula Christian und Berthold Leibinger 111. Christoph Wüterich Februar 2004 Professionalisierung und Doping im Sport. Vortrag gehalten im Rahmen des Studium Generale der Hochschule Pforzheim, Sommersemester 2003 112. Sabine Schmidt Mai 2004 Korruption in Unternehmen – Typologie und Prävention 113. Helmut Wienert August 2004 Lohn, Zins, Preise und Beschäftigung – Eine empirische Analyse gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge in Deutschland 114. Roland Wahl (Hrsg.) Sept. 2004 Technik-Forum 2003: Materialentwicklung für die Kaltumformtechnik. Mit Beiträgen von Andreas Baum, Ursula Christian, Steffen Nowotny, Norbert Jost, Rainer Menge und Hans-Eberhard Koch 115. Dirk Wenzel Nov. 2004 The European Legislation on the New Media: An Appropriate Framework for the Information Economy? 116. Frank Morelli, Alexander Mekyska, Stefan Mühlberger Dez. 2004 Produktund prozessorientiertes Controlling als Instrument eines erfolgreichen Informationstechnologie-Managements 117. Stephan Thesmann, Martin Frick, Dominik Konrad Dez. 2004 E-Learning an der Hochschule Pforzheim 118. Norbert Jost (Hrsg.) Juni 2005 Technik-Forum 2004: Innovative Werkstoffaspekte und Laserbehandlungstechnologien für Werkzeuge der Umformtechnik 119. Rainer Gildeggen Juni 2005 Internationale Produkthaftung 120. Helmut Wienert Oktober 2005 Qualifikationsspezifische Einkommensunterschiede in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung von Universitätsund Fachhochschulabsolventen 121. Andreas Beisswenger, Bernd Noll Nov. 2005 Ethik in der Unternehmensberatung – ein vermintes Gelände? 122. Helmut Wienert Juli 2006 Wie lohnend ist Lernen? Ertragsraten und Kapitalendwerte von unterschiedlichen Bildungswegen 123. Roland Wahl (Hrsg.) Sept. 2006 Technik-Forum 2005: Umformwerkzeuge - Anforderungen und neue Anwendungen. Mit Beiträgen von Edmund Böhm, Eckhard Meiners, Andreas Baum, Ursula Christian und Jörg Menno Harms 124. Mario Schmidt Dez. 2006 Der Einsatz von Sankey-Diagrammen im Stoffstrommanagement 125 Norbert Jost (Hrsg.) Okt. 2007 Technik-Forum 2006: Innovative neue Techniken für Werkzeuge der Kaltverformung. Mit Beiträgen von Franz Wendl, Horst Bürkle, Rainer Menge, Michael Schiller, Andreas Baum, Ursula Christian, Manfred Moik und Erwin Staudt. 126 Roland Wahl (Hrsg.) Okt. 2008 Technik-Forum 2007: Fortschrittsberichte und Umfeldbetrachtungen zur Entwicklung verschleißreduzierter Umformwerkzeuge. Mit Beiträgen von Klaus Löffler, Andreas Zilly, Andreas Baum und Paul Kirchhoff. 127. Julia Tokai, Christa Wehner Okt. 2008 Konzept und Resultate einer Online-Befragung von Marketing-Professoren an deutschen Fachhochschulen zum Bologna-Prozess 128 Thomas Cleff, Lisa Luppold, Gabriele Naderer, Jürgen Volkert Dez. 2008 Tätermotivation in der Wirtschaftskriminalität 129 Frank Thuselt Juni 2009 Das Arbeiten mit Numerik-Programmen. MATLAB, Scilab und Octave in der Anwendung. 130 Helmut Wienert Wachstumsmotor Industrie? Zur Bedeutung des verarbeitenden Gewerbes für die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts 131 Sebastian Schulz Nutzung thermodynamischer Datensätze zur Simulation von Werkstoffgefügen (aus der Reihe „Focus Werkstoffe“, Hrsg. Norbert Jost). 132 Hanno Beck; Kirsten Wüst Gescheiterte Diäten, Wucherzinsen und Warteprämien: Die neue ökonomische Theorie der Zeit. Beiträge der Hochschule Pforzheim Nr. 152 100 133 Helmut Wienert Was riet der Rat? Eine kommentierte Zusammenstellung von Aussagen des Sachverständigenrats zur Regulierung der Finanzmärkte und zugleich eine Chronik der Entstehung der Krise 134 Norbert Jost (Hrsg.) Norbert Jost (Hrsg.): Werkstoffe und Technologien zur Kaltverformung 135 Frank Morelli Geschäftsprozessmodellierung ist tot – lang lebe die Geschäftsprozessmodellierung! 136 T. Cleff, L. Fischer, C. Sepúlveda, N. Walter How global are global brands? An empirical brand equity analysis 137 Kim Neuer Achieving Lisbon – The EU’s R&D Challenge The role of the public sector and implications of US best practice on regional policymaking in Europe 138 Bernd Noll Zehn Thesen zur Corporate Governance 139 Pforzheim University Communication on progress. PRME Report 2008 140 Rainer Maurer Unternehmensverantwortung für soziale und ökologische Nachhaltigkeit – darf man auch anderer Meinung sein? Einige kritische Anmerkungen zum PRME-Report der Hochschule 141 Barbara Reeb; Malte Krome Arm trotz Arbeit? Zum Für und Wider von Mindestlöhnen 142 B. Eng. Daniel Wyn Müller Titanschäume als Knochenimplantat (aus der Reihe „Focus Werkstoffe“, Hrsg. Norbert Jost). 143 Alexander Martin Matz, Norbert Jost Fouling an offenporigen zellulären Werkstoffen auf Al-Basis unter beheizten wässrigen Bedingungen (aus der Reihe „Focus Werkstoffe“, Hrsg. Norbert Jost). 144 Norbert Jost, Roman Klink (Hrsg.) Tagungsband zum 1. Pforzheimer Werkstofftag 145 Norbert Jost, Roman Klink (Hrsg.) Tagungsband zum 2. Pforzheimer Werkstofftag. Aus der Reihe „Leichtbau“, Hrsg.: N. Jost, R. Klink. 146 Helmut Wienert Zur Entwicklung der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (Fachhochschulen) in Deutschland 147 Jürgen Antony Technical Change and the Elasticity of Factor Substitution 148 Stephanie Görlach Ressourceneffizienz in Deutschland 149 Norbert Jost (Hrsg.) Focus Werkstoffe. Tagungsband zum 3. Pforzheimer Werkstofftag 150 Bernd Noll Unternehmenskulturen – entscheidender Ansatzpunkt für wirtschaftsethisches Handeln? 151 Human Ressources Competence Center 50 Jahre Personalmanagement an Der HochschuleJubiläumsband 152 Rainer Maurer Auf dem Weg zur weltanschaulichen Bekenntnisschule: Das wirtschaftspolitische Leitbild der Hochschule Pforzheim