Der relative Einfluß des Zinssatzes auf die Kreditnachfrage
Abstract
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Full text
Gischer, Horst Article Der relative Einfluß des Zinssatzes auf die Kreditnachfrage Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Gischer, Horst (1992) : Der relative Einfluß des Zinssatzes auf die Kreditnachfrage, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 112, Iss. 2, pp. 187-200, https://doi.org/10.3790/schm.112.2.187 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291777 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Zeitschrift für Wirtschaftsu. Sozialwissenschaften (ZWS) 112 (1992), S. 187 - 200 Duncker & Humblot, Berlin 41 Der relative Einfluß des Zinssatzes auf die Kreditnachfrage Von Horst Gischer* Die Theorie der Kreditmärkte hat sich in jüngerer Zeit beträchtlich gewandelt. Unter dem Stichwort „Kreditrationierung" werden immer häufiger nicht-zinsgeräumte Märkte analysiert. Es gibt zahlreiche Gründe für eine nur bedingt zinsabhängige Kreditangebotsfunktion. Für die Kreditnachfrage hingegen bleibt der Zinseinfluß weitgehend unbestritten. Der vorliegende Beitrag überprüft diese Zinshypothese für die kurzfristige Kreditnachfrage in der Bundesrepublik Deutschland. 1. Problemstellung In der Literatur werden verschiedene Determinanten der privaten Kreditnachfrage diskutiert. Neben anderen Einflußgrößen steht vor allem die Preiskomponente, d.h. der Zins, im Mittelpunkt der ökonomischen Modelle. In den herkömmlichen mikround makrotheoretischen Darstellungen ist die typisch negativ geneigte Kreditnachfragefunktion in Abhängigkeit vom Zinssatz regelmäßig anzutreffen1. Sie wird abgeleitet unter der ceteris-paribus-Klausel, also der unterstellten Prämisse, daß alle weiteren denkbaren Determinanten der Kreditnachfrage konstant bleiben. Grundlagen dieser traditionellen Argumentation sind die impliziten Annahmen, daß in marktwirtschaftlich organisierten Systemen der Preis die dominierende Einflußgröße für private Verhaltenskalküle darstellt, und dieses Aktionsmuster auch für Finanzmärkte gültig ist. Dabei wird indes häufig nicht berücksichtigt, daß sich die Theorie der Kreditvergabeentscheidung von der lange Zeit unbestrittenen Annahme zinsgeräumter Finanzmärkte zunehmend entfernt. Unter dem Stichwort „Kreditrationierung" finden vor allem informationstheoretische Argumente Eingang in die Diskussion, die den Einfluß des Zinssatzes auf das Verhalten der Akteure modifizieren und die streng positiv geneigte Kreditangebotsfunktion * Der Verfasser dankt Walter Krämer für umfangreiche und konstruktive Beratung bei einer früheren Fassung dieses Beitrages. Dank gebührt auch zwei anonymen Gutachtern für wertvolle Hinweise und Anregungen. Verbliebene Unzulänglichkeiten gehen selbstverständlich zu Lasten des Autors. 1 Als Belege dienen hier die gängigen Lehrbücher, bspw. Ciaassen (1980), 219; Fuhrmann (1987), 139ff.; Issing (1990), 80f. oder Jarchow (1987), 147ff. ZWS 112 (1992) 2 13' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.112.2.187 | Generated on 2023-04-04 12:16:35
188 Horst Gischer bestreiten. In diesem Kontext wird die Markträumung über den Preis bereits als Ausnahme angesehen2. Wenngleich die neuere Kreditmarkttheorie insbesondere die Angebotsseite beleuchtet, finden sich auch für die Erklärung der Kreditnachfrage durchaus Argumente, die eine geringere Bedeutung der Zinskomponente plausibel erscheinen lassen. Hinter jeder (aktuellen) Nachfrage steht eine entsprechende „Verwendungshypothese". So wie der Konsumnachfrage die Nutzenmaximierung zugrundegelegt wird, die sich bei existierenden Finanzmärkten darüber hinaus intertemporal formulieren läßt, findet die Kreditnachfrage in Finanzierungsdefiziten ihre Begründung. Dabei wird einzelwirtschaftlich offensichtlich, daß eine negative Beziehung zwischen Kreditnachfrage und Zinssatz keineswegs notwendig ist. Ein einfaches Beispiel mag dies belegen. Besteht für einen Unternehmer die Möglichkeit, ein Investitionsobjekt mit einer (erwarteten) Verzinsung von 10% durchzuführen und reicht sein Eigenfinanzierungsspielraum hierfür nicht aus, so wird der Investor (genau) den fehlenden Betrag als Kredit nachfragen, solange der Zinssatz unterhalb von 10% liegt. Ohne zusätzliche rentable Anlagemöglichkeiten wird er nicht mehr und nicht weniger als die Finanzierungslücke als Kredit aufnehmen, gleichgültig ob der Zinssatz 2, 6 oder 8 Prozent beträgt. Erst die Aggregation individueller Nachfragepläne und die Annahme (beliebig) zahlreicher Anlageobjekte führt zur typischen negativ geneigten (gesamtwirtschaftlichen) Kreditnachfragefunktion. Im folgenden wird versucht, die empirisch feststellbare Bedeutung des Zinseinflusses für die Kreditnachfrage zu ermitteln. Wir analysieren dabei ausschließlich das Verhalten privater Unternehmen und begründen zunächst, warum ein negativer Zusammenhang zwischen Zinshöhe und Fremdkapitalnachfrage kaum zu erwarten ist. Ferner werden alternative bzw. ergänzende Bestimmungsgründe untersucht. Im Anschluß daran soll auf der Basis spezieller Statistiken der Deutschen Bundesbank eine empirische Überprüfung der herkömmlichen Zins-Hypothese vorgestellt werden. Die Interpretation der Ergebnisse bildet den Abschluß des Beitrages. 2. Der Zinssatz als Determinante der Kreditnachfrage Die Zinsabhängigkeit der Fremdkapitalnachfrage wird häufig mit der (makroökonomischen) Investitionshypothese begründet. Nicht zuletzt bei Keynes3 geht mit sinkendem Zinssatz eine zunehmende Investitionstätigkeit einher. 2 Exemplarisch etwa Clemenz (1986), Stiglitz (1987), Gischer (1988) oder Gischer (1991). 3 Keynes (1936), 135ff., vgl. aber auch Wickseil (1898), 93ff. ZWS 112 (1992) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.112.2.187 | Generated on 2023-04-04 12:16:35
Der relative Einfluß des Zinssatzes auf die Kreditnachfrage 189 Der behauptete Einfluß des Zinses auf die Investitionsnachfrage gilt jedoch empirisch als weitgehend widerlegt (Kromphardt 1978, 254). Überdies wird in der herrschenden Investitionstheorie den - hier implizit betrachteten - monokausalen Erklärungsansätzen nur noch wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Modifizierungen der Investitionshypothesen unter besonderer Berücksichtigung mehrerer Determinanten greifen zwar ebenfalls auf den Zins als Bestimmungsgröße zurück, relativieren aber seinen Einfluß beträchtlich (Krelle 1978, 280). Übliche Modelle des Kreditmarktes nehmen diese (empirischen) Ergebnisse nur selten zur Kenntnis, sondern stützen sich - wie Möller/ Jarchow 1982, 212 - vielmehr auf Plausibilitätsüberlegungen: „Zwischen Kreditzinssatz und Kreditnachfrage wird ein negativer Zusammenhang vermutet, weil bei sinkendem Zinssatz ein steigender Finanzierungsbedarf zu erwarten ist." Für Unternehmen, die in von konjunkturellen Zyklen geprägten Volkswirtschaften agieren, wird die Kreditnachfrage von anderen Größen dominiert. Die Sicherung der Zahlungsfähigkeit in Phasen des Abschwunges bestimmt die Fremdkapitalbeschaffung, die Zinslast wird zwar zweifellos erkannt und berücksichtigt, findet aber in der Regel in der Fristigkeit des Kreditkontraktes Niederschlag4. Weniger die Konditionen des hereingenommenen Darlehens sind ausschlaggebend als vielmehr die Erreichbarkeit des Fremdkapitals5. Sich ändernde Finanzierungsstrukturen im Konjunkturzyklus spiegeln dieses unternehmerische Verhalten wider. Man kann daher sehr wohl vermuten, daß in bestimmten konjunkturellen Phasen die Kreditnachfrage auf Zinsänderungen - in der herkömmlichen Terminologie - atypisch reagiert. Auch in der umfangreichen Untersuchung von Spahn sind Belege für eine anomale Zinsreagibilität der Kreditnachfrage zu finden6. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen die Analysen von Wojnilower 1980, 1985 für amerikanische Finanzmärkte: „No doubt there exist interest rate levels high enough to curb private credit demand, but the experience of the 1980's to date, featuring good times and bad, and intervals of double digit as well as zero inflation, suggests they lie well above the ränge of recent Observation" (Wojnilower 1985, 352). Auch hier wird die (negative) Zinselastizität der Kreditnachfrage gering eingeschätzt. Die ökonometrische Überprüfung alternativer Hypothesen zum Einfluß des Zinses auf die private Kreditnachfrage ist allerdings nicht unproblematisch. Folglich sind nur wenige empirische Tests auf der Basis von Regres4 Inverse Zinsstrukturen in Hochzinsphasen belegen dieses Verhaltenshypothese, vgl. Deutsche Bundesbank (1983), 22. 5 Ausführlich begründet bei Gischer (1988), 115ff., ähnlich auch bei Blinder (1987). Eine konträre Position bezieht Spahn (1988), 148. 6 Vgl. Spahn (1988), 228; die Existenz von Rationierungsphänomenen wird vom Autor indes nicht als nachgewiesen angesehen (146ff.). ZWS 112 (1992) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.112.2.187 | Generated on 2023-04-04 12:16:35
190 Horst Gischer sionsansätzen in der Literatur bekannt. Eine ausführliche Analyse für die Bundesrepublik Deutschland stammt von Möller/Jarchow 1982. Ihre Untersuchung ermöglicht indes nicht die isolierte Beobachtung der Kreditnachfrage, sondern lediglich die Schätzung des aus dem realisierten Kreditvolumen abgeleiteten Zinseinflusses. Möller/ Jarchow 1982, 225, ermittelnentgegen ihrer Hypothese - „eine zwar negative, kurzfristig aber nicht gesicherte Zinsreagibilität der Kreditnachfrage". 3. Stilisierte Fakten der kurzfristigen Kreditnachfrage Die Statistiken der Deutschen Bundesbank ermöglichen grundsätzlich eine isolierte Betrachtung der Kreditnachfrage privater Wirtschaftssubjekte. Seit Ende 1976 erfaßt die Deutsche Bundesbank monatliche Angaben über die Kreditzusagen der Kreditinstitute an inländische Unternehmen und Privatpersonen7. Diese sogenannte „Kreditzusagenstatistik" beinhaltet u. a. Angaben zum Gesamtvolumen der Kreditzusagen, zum Ausnutzungsgrad sowie zum Stand der offenen Zusagen. Insbesondere die bis zum Juni 1987 erhobenen Daten für Kredite mit wechselnder Inanspruchnahme, d.h. im wesentlichen Kontokorrentund Wechselkredite, können die Grundlage für eine ökonometrische Untersuchung des Zinseinflusses auf die Kreditnachfrage darstellen. Dies ist auf zwei Wegen zu erreichen. Zum einen kann überprüft werden, wie sich der Ausnutzungsgrad der eingeräumten Kreditlinien in Abhängigkeit vom jeweils gültigen Zinssatz verändert. Die zweite Möglichkeit besteht in der Gegenüberstellung von Zinssatz und offenen Zusagen bzw. der tatsächlichen Inanspruchnahme. Diese Variante trägt dem Umstand Rechnung, daß sich die offenen Zusagen nicht nur durch zusätzliche Kreditzusagen erhöhen, sondern auch durch Verringerung der Nettoinanspruchnahme die eingeräumten Kreditlimits geringer ausgenutzt werden8. Bei den Krediten mit wechselnder Inanspruchnahme handelt es sich um (vorwiegend) kurzfristige Finanzierungskontrakte, mit deren Hilfe Unternehmen einen großen Teil ihres Zahlungsverkehrs abwickeln (Deutsche Bundesbank 1979, 12). Diese Mittel stellen indes nur einen relativ kleinen Anteil am gesamten inländischen Kreditvolumen dar. Die Schwankungen der Inanspruchnahme eingeräumter Betriebsmittelkredite können nur dann eine aussagefähige Indikatorfunktion erfüllen, wenn das Gewicht der kurzfristigen Kredite innerhalb der gesamten Kreditvergabe im Zeitablauf weitgehend unverändert bleibt. Der entscheidende Vorteil der Kreditzusagenstatistik liegt in der Möglichkeit, über einen beträchtlichen Zeitraum mit monatlich erhobenen Daten die isolierte Entwicklung der Kreditnachfrage 7 Ausführlich Deutsche Bundesbank (1979) und (1981). 8 In diesem Sinne auch Deutsche Bundesbank (1979), 13 f. ZWS 112 (1992) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.112.2.187 | Generated on 2023-04-04 12:16:35
Der relative Einfluß des Zinssatzes auf die Kreditnachfrage 191 in einem abgegrenzten Marktsegment zu untersuchen. Unser spezielles Augenmerk gilt hierbei dem Einfluß des Zinses. Die nachfolgenden Abbildungen sollen einen ersten Überblick verschaffen. In Abbildung 1 sind für den Zeitraum von Januar 1977 bis Juni 1987 sowohl der Verlauf der Zinsentwicklung als auch der Anteil der kurzfristigen Kredite am gesamten Kreditbestand des privaten Sektors dargestellt. Man erkennt zunächst, daß Nominalund Realzinsen9 bis Mitte 1985 weitgehend parallel verlaufen. Der Anteil der kurzfristigen Kredite am gesamten Kreditvolumen betrug im Betrachtungszeitraum mindestens 21,2 % und höchstens 24,2 %. Die Struktur der Kreditlaufzeiten reagiert - wie beschrieben - auf Zinsniveauänderungen: in Hochzinsphasen nimmt der Anteil kurzfristiger Fremdmittel zu, während in Zeiträumen relativ niedriger Zinssätze der Anteil der kurzfristigen Verschuldung tendenziell abnimmt. Insgesamt gesehen bleibt die Fremdfinanzierungsstruktur vergleichsweise konstant. Jahr» Abbildung 1: Finanzierungsstruktur und Zinssätze Quelle: Monatsberichte der Deutschen Bundesbank, lfde. Jahrgänge In Abbildung 2 ist das Streudiagramm zwischen Kreditinanspruchnahme einerseits und Sollbzw. Realzinsen andererseits wiedergegeben. Bei beiden Gegenüberstellungen ist kein offensichtlicher Zusammenhang zwischen 9 In unserem Beispiel: Sollzinsen für Kontokorrentkredite unter 1 Mio. DM abzüglich Veränderungsrate des Preisindex für die Lebenshaltung. ZWS 112 (1992) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.112.2.187 | Generated on 2023-04-04 12:16:35
192 Horst Gischer Zinshöhe und Inanspruchnahme erkennbar, ebensowenig in Abbildung 3, in der die Veränderungen der jeweiligen Variablen gegenübergestellt werden. Die theoretisch so häufig behaupteten gegenläufigen Beziehungen zwischen Zinssatz und Kreditnachfrage können für unser spezielles Marktsegment ohne weiteres nicht bestätigt werden. NomlMlzln* On %) RMlzln« (In %) i/" *— RMITIii—n 130 —I— 160 170 100 Mrd. DM —I— 210 230 260 Abbildung 2: Streudiagramm I: Inanspruchnahme und Zinsen (KK) Quelle: Monatsberichte der Deutschen Bundesbank, lfde. Jahrgänge Prozantpunkte (Nominalzins) Prozentpunkte (Realzins) RMlzInMfi + + Nomlnalzlntm ++ + # + + « ' ' H+1* * * + + * + -1 -8-0-4 -2 0 2 4 Mrd. DM T 6 -6 -10 -15 8 10 Abbildung 3: Streudiagramm II: Veränderungen von Inanspruchnahme und Zinsen (KK) Quelle: Monatsberichte der Deutschen Bundesbank, lfde. Jahrgänge ZWS 112 (1992) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.112.2.187 | Generated on 2023-04-04 12:16:35
Der relative Einfluß des Zinssatzes auf die Kreditnachfrage 193 4. Zusätzliche Bestimmungsgründe der Kreditnachfrage Neben der Preiskomponente werden in der Literatur10 weitere Determinanten der Kreditnachfrage diskutiert. Unter Berücksichtigung der Bedeutung für den gewerblichen Kreditnehmer wird grundsätzlich folgende allgemeine Kreditnachfragefunktion unterstellt: (1) Kn = KN{i,pe, Y, 7ie). In Gleichung (1) steht i für den Kreditzinssatz, wobei zwischen Nominalund Realzinssatz differenziert werden kann, pe repräsentiert die (erwartete) Inflationsrate, Y bezeichnet das laufende Einkommen und JT6 gibt die erwartete Ertragsrate auf Realkapital wieder. Für den Einfluß von Inflationsrate, Einkommen und Ertragsrate auf Realkapital werden die üblichen Annahmen unterstellt: 3KN/dpe, dKN/3Y, 3KN/djze > 0. Für die spezielle Analyse des kurzfristigen Kreditmarktsegmentes werden wir die allgemeine Nachfragefunktion allerdings modifizieren. Da es sich bei den von uns untersuchten Fremdmitteln in großem Umfang um Betriebsmittelkredite handelt, wird ihr Volumen in einem engen Zusammenhang zur Investitionstätigkeit des Unternehmens stehen. Anstelle des laufenden Einkommens werden daher die Bruttoinvestitionen der privaten Unternehmen als erklärende Variable verwendet. Wie bereits in Abschnitt 1 dargestellt, hängt die Nachfrage nach Fremdmitteln zudem vom Eigenfinanzierungsspielraum der Unternehmen ab. Von Bedeutung sind hierbei im wesentlichen die nicht ausgeschütteten Gewinne, sie werden als weitere exogene Variable betrachtet. Schließlich gilt es zu beachten, daß Kontokorrentkredite in der Regel zwar kurzfristig vereinbart, aber häufig am Ende der ursprünglichen Laufzeit immer wieder verlängert werden (vgl. etwa Hein 1981, 51). Damit ist die Inanspruchnahme eines Betriebsmittelkredites in einer Periode aber nicht mehr unabhängig von der Inanspruchnahme der Vorperiode, denn ein Abbau der Kreditverbindlichkeit, also ihre Tilgung, wird nicht sofort, sondern erst nach und nach erfolgen. Demgemäß wird die Höhe der beanspruchten Kredite der jeweiligen Vorperiode in den Katalog der exogenen Variablen aufgenommen. Die theoretisch begründete Funktion der Inanspruchnahme zugesagter Kredite in der Periode t lautet dann 10 Exemplarisch etwa Brunner/Meitzer (1974), 244, Kath (1990), 197 oder Möller/ Jarchow (1982), 211ff. ZWS 112 (1992) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.112.2.187 | Generated on 2023-04-04 12:16:35
194 Horst Gischer Modell I: (2) KIt = KIt(i, P, BI, Jte, G, KIt-i) mit KI = Stand der Inanspruchnahme zugesagter Kredite i = nominaler Kreditzinssatz P = Preisniveau BI = Bruttoinvestitionen Jte = erwartete Ertragsrate auf Realkapital G = nicht entnommene Gewinne. Nach der herkömmlichen Argumentation sind folgende Ergebnisse zu erwarten: (2.1.) 3KIt/dP, dKIt/dBIf dKIt/djze, dKIt/3KIt_! > 0 bzw. (2.2.) dKIt/di,3KIt/BG< 0. Darüber hinaus wollen wir alternative Modellvarianten berücksichtigen. Zum einen wird der nominale Kreditzinssatz durch den Realzins ir ersetzt, zum zweiten verwenden wir als zusätzliche Variable die Zinserwartungen E(i). Zu testen sind damit weiterhin: Modell II: (3) KIt = KIt(ir, P, BI, ne, G, KIt-i) mit den Hypothesen (3.1.) dKIt/dP, BKIt/dBI, dKIt/d7ie, 3KIt/dKIt-i > 0, (3.2.) dKIt/dir, dKIt/dG < 0. Modell LA: (4) Kit = KIt{i, P, BI, ;re, Kt.uE(i)) mit (4.1.) 3KIt/dE(i) < 0 bzw. ZWS 112 (1992) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.112.2.187 | Generated on 2023-04-04 12:16:35