Minerva Potenziale und Produktvision
Abstract
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Full text
Gutzmann, Jan Christoph; Dossena, Gian Luca; Weber, Verena; Rüdel, Thomas; Prilla, Michael Article — Published Version Minerva Potenziale und Produktvision HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Gutzmann, Jan Christoph; Dossena, Gian Luca; Weber, Verena; Rüdel, Thomas; Prilla, Michael (2024) : Minerva Potenziale und Produktvision, HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik, ISSN 2198-2775, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Wiesbaden, Vol. 61, Iss. 6, pp. 1490-1504, https://doi.org/10.1365/s40702-024-01120-0 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/316237 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de
SCHWERPUNKT https://doi.org/10.1365/s40702-024-01120-0 HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik (2024) 61:1490–1504 Minerva Potenziale und Produktvision Jan Christoph Gutzmann · Gian Luca Dossena · Verena Weber · Thomas Rüdel · Michael Prilla Eingegangen: 20. Juni 2024 / Angenommen: 26. September 2024 / Online publiziert: 4. November 2024 © The Author(s) 2024 Zusammenfassung Die vorliegende Arbeit beschreibt eine Infrastruktur zur Virtualisierung des Handwerks. Gemeinsam mit Anwendern aus den Bereichen Sanitär, Heizung, Klima, Elektrik und Malerund Lackierarbeiten wurden Anforderungen und Ziele eruiert. Ziel des hier beschriebenen Virtualisierungskonzepts ist die räumliche und zeitliche Flexibilisierung von Handwerksdienstleistungen. Technologien wie Augmented Reality (AR) und KI-Assistenten (Chatbots) können dazu beitragen, indem sie die Bearbeitung von Kundenanfragen und Beratungsgesprächen verbessern und indem Absprachen vor Ort durch Fernunterstützung flexibilisiert werden. Erfahrene Fachkräfte können bspw. ortsunabhängig Mitarbeitende vor Ort unterstützen. Eine erste Feldstudie zeigt hierzu sowohl akzeptanzfördernde als auch hemmende Faktoren. Die Fernunterstützung durch AR unterstützt Fragen auf Baustellen effizient zu klären und fördert den Informationsaustausch zwischen Durchführung und Planungsbüro. Das System bietet neben Flexibilisierung und Zeitersparnis Chancen für Mitarbeitende mit gesundheitlich besonderen Anforderungen, Wissen und Erfahrungen weiterzugeben. Ein hemmender Faktor ist die oft sperrige Hardware in Jan Christoph Gutzmann · Gian Luca Dossena · Michael Prilla Interaktive Systeme, Fakultät für Informatik, Abteilung für Human-Centered Computing and Cognitive Science, Universität Duisburg-Essen, Duisburg, Deutschland E-Mail: [email protected] Gian Luca Dossena E-Mail: [email protected] Michael Prilla E-Mail: [email protected] Verena Weber · Thomas Rüdel Kauz GmbH, Erasmusstraße 15, Düsseldorf, Deutschland Verena Weber E-Mail: [email protected] Thomas Rüdel E-Mail: thomas.[email protected] K
Minerva Potenziale und Produktvision 1491 Kombination mit den besonderen Eigenschaften der Arbeitsorte. Entwicklungsarbeiten werden sich daher zukünftig auf mobilere Systeme konzentrieren. Zusätzlich verbessern Chatbots die zeitliche Flexibilisierung. Ein Praxiseinsatz zeigt eine gute Antwortqualität von Kundenanfragen und Potenzial in der Neukundenakquise sowie einer vereinfachteren Terminfindung. Beide Technologien sollen zukünftig ineinandergreifen, um eine ganzheitliche Flexibilisierung von Auftragsanfrage bis Abschluss zu erreichen. Schlüsselwörter Handwerk · Augmented Reality · ChatBot · Flexibilisierung · Virtualisierung Minerva Potentials and Product Vision Abstract This paper describes an infrastructure for the virtualization of the craft sector. Requirements and objectives were determined together with users from the plumbing, heating, air conditioning, electrical and painting sectors. The aim of the virtualization concept described here is to make skilled crafts services more flexible in terms of space and time. Technologies such as augmented reality (AR) and chatbots can contribute to this by improving the processing of customer inquiries and consultations and by making on-site arrangements more flexible through remote support. Experienced specialists can, for example, support employees on site, regardless of location. An initial field study shows both acceptance-promoting and inhibiting factors in this regard. Remote support through AR helps to clarify questions on construction sites efficiently and promotes the exchange of information between the implementation and the planning office. In addition to flexibility and time savings, the system offers opportunities for employees with special health requirements to pass on knowledge and experience. One inhibiting factor is the often bulky hardware in combination with the special characteristics of the work locations. Development work therefore focus on more mobile systems in the future. Chatbots also improve time flexibility. Practical use shows a good response quality to customer inquiries and potential in the acquisition of new customers as well as simplified appointment scheduling. In the future, both technologies are to be interlinked in order to achieve holistic flexibilization from order inquiry to completion. Keywords Crafts sector · Augmented reality · ChatBot · Flexibilization · Virtualization 1 Einleitung Der Fachkräftemangel im deutschen Handwerk ist hoch und seit mehreren Jahren ein Problem (Schirner et al. 2021). Hinzu kommen bei einigen Betrieben saisonal bedingte Lastspitzen, die Handwerksbetriebe vor eine hohe Belastungsprobe stellen. Diese beiden Faktoren gekoppelt mit einer hohen Nachfrage nach handwerklichen K
1492 J. C. Gutzmann et al. Dienstleistungen führt oft zu hohen Wartezeiten von Auftragsdurchführungen und dementsprechend zu Frust bei Kundinnen und Kunden1, was sich bei Umfragewerten zur Zufriedenheit im Handwerk widerspiegelt (Lebensmittel Zeitung 2019). Eine Strategie zur Verbesserung dieses Problems wird oft in der Digitalisierung gesehen. Damit werden meistens die Auftragsplanung oder nachgeschaltete Prozesse, wie die Abrechnung von Aufträgen verstanden (Bischoff und Thonipara 2022). Des Weiteren betrachten Forschungsarbeiten in diesem Bereich mehrheitlich lediglich einzelne Prozessschritte der handwerklichen Wertschöpfungskette oder nur spezifische Branchen. Dies schafft nur bedingt eine Effizienzsteigerung, da ein großes Potenzial außer Acht gelassen wird: Die Virtualisierung von Auftragsdurchführungen und die damit verbundene Entkopplung von Raum und Zeit. Handwerkliche Prozesse erfordern in den meisten Fällen die physische Anwesenheit von Fachkräften, allerdings lässt sich durch die virtuelle Unterstützung die räumliche Anwesenheit bei bestimmten Tätigkeiten mithilfe von Fernunterstützungslösungen durch Augmented Reality (AR) entkoppeln. Eine zeitliche Flexibilisierung kann erreicht werden, indem im operativen Kundenbereich zeitunabhängige Kundendienstleistungen angeboten werden können. Dazu eignen sich KI-Assistenten (im Folgenden Chatbots), die bei einer hohe Anfragenrate im Handwerksbereich unterstützend wirken können. Durch dieses Vorgehen können Handwerksbetriebe nicht nur Kundenanfragen effizienter betreuen, sondern auch die eigentliche Auftragsdurchführung wesentlich zeitsparender gestalten. Aufbauend auf diesen Problemstellungen und Potenzialen wird hier ein Ansatz zur integrierten Lösung der Virtualisierung des Handwerks vorgestellt. Das Ziel ist es Lösungen zur Virtualisierung des Handwerks zu finden, die mit einem geringen Aufwand in viele Branchen des Handwerks integrierbar sind. Daher werden die hier vorgestellten Lösungen in den repräsentativen Bereichen Sanitär, Heizung und Klima, Malerarbeiten und Lackiererei sowie Elektrik evaluiert. Dabei werden im hier beschriebenen Ansatz AR und Chatbots als zentrale technische Komponenten betrachtet. Erste Erfahrungen aus der Praxis zeigen dabei sowohl akzeptanzfördernde als auch akzeptanzhemmende Faktoren in Handwerksbereiche wie Sanitär, Heizung und Klima sowie Elektrik und Malerarbeiten und Lackiererei. Diese Faktoren können ein erstes Fundament für Gestaltungsempfehlungen einer prozessintegrierten Lösung bieten. Zunächst wird ein Einblick in den aktuellen wissenschaftlichen Stand zur Virtualisierung im Handwerk gegeben (Abschn. 2), um dann flankiert durch Design Thinking Workshops mit Handwerksbetrieben Potenziale und Anwendungsszenarien ableiten zu können (Abschn. 3). Anschließend wird ein Einblick erste Erkenntnisse aus Praxiseinsätzen beschrieben (Abschn. 4). Abschließend wird ein Ausblick über weitere Arbeitsschritte und Themenfelder gegeben (Abschn. 5). 1Im Folgenden wird zur besseren Lesbarkeit die männliche Form verwendet. Es sind jedoch stets alle Geschlechter gemeint. K
Minerva Potenziale und Produktvision 1493 2 Wissenschaftlicher Stand zur Virtualisierung im Handwerk In Bezug auf die Digitalisierung gibt es bereits verschiedene innovative Forschungsansätze, wie bspw. die Nutzung von Drohnen (Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks e.V. o.J.) oder in Bereichen wie Marketing, 3D Druck und Building Information Management (BIM) (forum handwerk digital 2021). Allerdings konzentrieren sich diese Ansätze in den meisten Fällen speziell auf einzelne Bereiche und betrachten weniger die praktischen Arbeiten im Handwerk und klammern den Gesamtprozess, überwiegend die Auftragserbringung, aus (Hofer 2020)DasForschungsprojekt Athene (BMBF 2018) ging daher dem Ziel nach, durch eine digitale Plattform sowohl die ganzheitliche Auftragsabwicklung als auch die Vernetzung mit dem Kunden zu fördern (BMBF 2018). Die Software unterstützt Prozesse von der Auftragserfassung, über die Auftragsplanung, dem Erstellen von Dokumenten auf der Baustelle, bis hin zur digitalen Archivierung der Aufträge. So wird der Informationsaustausch und die Organisation auf der Baustelle erleichtert. Die Betriebe können auf eine Vielzahl papierbasierter Prozesse verzichten und sich so auf Kernaufgaben konzentrieren (BMBF 2018). Der Nutzen von AR ist im Handwerk bisher nur zur Bereitstellung von Informationen während der Tätigkeitsdurchführung erforscht worden (Palmarini et al. 2018; BIBA 2020; Geier et al. 2020). Ein weiterer Bereich ist die Ausund Weiterbildung indem AR für Schulungszwecke betrachtet worden ist (Koch und Dreikauß 2020; dikraft 2022). Des Weiteren werden die Potenziale der Flexibilisierung von Raum und Zeit durch AR (Virtualisierung), bisher kaum im Zusammenhang von Leistungen im Handwerk betrachtet. Erste Feldstudien untersuchten den Einsatz von AR-Brillen für die digitale Visualisierung von Markierungsarbeiten bspw. zur Rohrverlegung (Dallasega et al. 2021; Revolti et al. 2023). Obwohl Potenziale zur Steigerung der Effizienz festgestellt wurden, betonen die Autoren, dass das System eine komplexe Bedienung erfordert und bisher eine menschzentrierte Gestaltungsperspektive fehlt. Hinzu kommt die o.g. Betrachtung in nur einem kleinen Bereich der handwerklichen Tätigkeiten (Dallasega et al. 2021). Eine intuitive Benutzbarkeit setzt dabei Instrumente zum Zeigen und die Wahrnehmung der Blickrichtung von entfernten Akteuren voraus (Piumsomboon et al. 2019; Teo et al. 2019; Prilla 2019). Dafür sollte die Anwendung so gestaltet sein, dass die Wahrnehmung von entfernten Akteuren für den Nutzer vor Ort gegeben ist. Dies kann durch Hinweisfunktionen, wie bspw. durch virtuelle Zeigegesten oder die Möglichkeit etwas einzuzeichnen erreicht werden (Osmers et al. 2021). In Bereich Chatbots ist durch ChatGPT ein regelrechter Boom ausgelöst worden. Im Handwerk gibt es dazu allerdings bisher keine (langfristigen) Erprobungen. Durch Chatbots kann die Flexibilisierung von Raum und Zeit durch das autonome Beantworten von (einfachen) Kundenanfragen unterstützt werden (Heinemann 2017; Nuruzzaman und Hussain 2018). Dabei ist das Potenzial gegeben, gerade wiederkehrende Anfragen kosteneffizient zu gestalten, indem diese als erster Platzhalter für menschliche Berater dienen und erste (einfache) Kundenanfragen übernehmen (Green und Chen 2019). Gerade GPT-basierte Chatbots haben dabei aus Expertensicht das Potenzial die Anforderungen nach einem Platzhalter für einen menschliK
1494 J. C. Gutzmann et al. chen Akteur für gewisse Inhalte und/oder bis zu einer gewissen Zeit Beratungen im Handwerk zu übernehmen (Proeger et al. 2023). Zusammenfassend lassen sich durch die Potenziale beider technologischen Komponenten ein Einsatz im Handwerk erkennen. Allerdings sollten Ansätze zur Virtualisierung im Handwerk prozessintegrativ konzipiert werden und gleichzeitig für unterschiedliche Bereiche des Handwerks eröffnet werden. Ein Vorgehen auf die hier vorgestellten Gestaltungsempfehlung bzgl. AR und Chatbot kann dabei die Grundlage bilden. Im Folgendem werden die mit Handwerkern gemeinsam eruierten Potenziale von AR und Chatbots im Handwerk dargestellt und damit die grundlegende Infrastruktur dargestellt. 3 Vorstellung der Potenziale Im Folgenden wird das methodische Vorgehen und die abgeleiteten Potenziale für das Handwerk vorgestellt. Aus diesen Potenzialen geht hervor, warum sich gerade AR und Chatbots für eine Virtualisierung des Handwerks eignen. 3.1 Methodisches Vorgehen Gemeinsam mit drei Handwerkspartnern aus den Bereichen Sanitär, Heizung und Klima, Malerarbeiten und Lackiererei sowie Elektrik wurden Workshops durchgeführt. Ziel dieser Workshops war es, gemeinsame Anwendungsszenarien für die unterschiedlichen Fachbereiche zu erarbeiten, um daraus Potenziale für die Bereiche AR und Chatbots abzuleiten. Im ersten Schritt wurden in den jeweiligen Bereichen Design Thinking Workshops durchgeführt. Teilnehmende waren neben Meistern und Geschäftsführern auch andere Handwerker, die für die Durchführung der einzelnen Aufträge und Arbeitstätigkeiten vor Ort zuständig sind. In einem abschließenden Workshop wurden dann die Ergebnisse gemeinsam den jeweiligen anderen Bereichen präsentiert. In diesem Workshop wurden Überschneidungen innerhalb der Bereiche diskutiert und geclustert. Im Folgenden werden die daraus abgeleiteten Potenziale für die Produktvision Minerva vorgestellt. Ferner wurden erste Prototypen der beiden Bereiche in einem ersten Feldeinsatz getestet (siehe Abschn. 4). 3.2 Potenziale der Flexibilisierung der Handwerksleistung durch Augmented Reality AR ist eine Technologie, mit der virtuelle Inhalte wie Informationen und Objekte im realen Sichtfeld von Nutzenden eingeblendet und mit realen Objekten verbunden werden (Azuma 1997). Oft wird AR mit sogenannten „Head Mounted Devices“ (HMD) erzeugt und genutzt. Dies sind Brillen, in deren Sichtfeld die virtuellen Inhalte angezeigt werden. Hochwertige Brillen können überdies den Raum dreidimensional erfassen (scannen) und somit bspw. 3D-Objekte in diesem Raum platzieren. Diese Technologie hat viele spezifische Vorteile. So bleiben die Hände von Nutzenden frei, während diese digitalen Informationen wahrnehmen (Johnson et al. K
Minerva Potenziale und Produktvision 1495 2015; Prilla et al. 2019) und durch die in der Brille einbaute Kameras können örtlich entfernte Dritte Hilfestellung geben (Ens et al. 2019; Brown und Prilla 2020). Ein zentrales Potenzial dieser Technologie für das Handwerk liegt in der Virtualisierung von Handwerksleistungen, also in der virtuellen Ausführung von Arbeiten, die eigentlich physische Anwesenheit erfordern. So sind bspw. regelmäßige Baustellenbesuche durch leitende Angestellte und Geschäftsführer notwendig, um sich einen Überblick über den aktuellen Zustand der Baustelle zu verschaffen oder mit Mitarbeitenden Fragen zu besprechen. Gleichzeitig sind sie jedoch durch lange Anreisewege kostenund zeitintensiv. Die virtuelle Durchführung solcher Baustellenbesuche kann hier Abhilfe schaffen. Hierzu kann die oben erwähnte Kamera der Brillen verwendet werden, um Video und Audio aus der Perspektive eines Mitarbeitenden aufzunehmen und zu übertragen. Zusätzlich kann die Raumerfassung der Brille entfernten Nutzenden eine 3D-Abbildung des Raumes geben, die diese wiederum zur Hilfestellung in bestimmten Fragen nutzen können (Kahrl et al. 2020). Diese Funktionalität kann genutzt werden, um ortsunabhängige Unterstützung zu ermöglichen. So können Mitarbeitende aus der Ferne virtuell vor Ort sein und damit Mitarbeitende auf der Baustelle durch virtuelle Zeigegesten anweisen und beraten (Teo et al. 2018). Dabei ist von Nutzen, dass die Verwendung von AR-HMDs den Trägern ermöglicht beidhändig zu arbeiten und sich während der Nutzung frei zu bewegen (Johnson et al. 2015). Dies ist neben den genannten Vorteilen auch besonders hilfreich für Mitarbeiter mit körperlichen Beeinträchtigungen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, und so ihre Erfahrung einbringen können, ohne zu einer Baustelle zu reisen. Neben dem oben genannten Szenario sind die daraus entstehenden Vorteile auch in anderen Szenarien für Handwerksbetriebe attraktiv. So kann AR auch bei Kundenbesuchen, die oft zeitaufwendig sind und bei denen die Terminfindung oft schwierig ist, AR-HMDs eingesetzt werden, um virtuelle Besuche durchzuführen. Handwerker können so bspw. virtuell bei der Beratung bezüglich Bauvorhaben mit Kunden in Kontakt treten und diese gemeinsam mit ihnen planen. Ebenfalls eignen sich AR-HMDs, um Kunden bei Kleinreparaturen, wie etwa Störmeldungen von Geräten, ortsunabhängig anzuleiten. Darüber hinaus ist auch denkbar, die Absprache mit Gewerken aus anderen Bereichen bei der Durchführung von Bauarbeiten virtuell durchzuführen. Hier ist es von Nöten, dass alle Parteien den aktuellen Stand der Bauarbeiten kennen und über den gleichen gemeinsamen Sachverhalt sprechen. Mithilfe von AR-HMDs können sich Vertreter von einzelnen Gewerken virtuell von und auf Baustellen zuschalten, um bereits erfolgte Arbeiten zu besprechen und noch anstehende Arbeiten gemeinsam zu planen. 3.3 Chatbots als Potenzial der zeitlichen Flexibilisierung im Handwerk Die Unterstützung von Chatbots kann im Hinblick der Virtualisierung den Zeitund Kostenaufwand im Handwerksbetrieb weiter reduzieren. So können Chatbots bspw. immer dann eingesetzt werden, wenn Personal für die Betreuung nicht zur Verfügung steht. Häufig gestellte Kundenfragen und Terminanfragen können von Chatbots beantwortet werden, was normalerweise zeitaufwändig durch persönliche Rücksprachen erledigt werden muss. Dadurch ist weniger Aufwand für die BeantK
1496 J. C. Gutzmann et al. wortung von Fragen und Terminanfragen notwendig. Zudem ermöglicht der Einsatz von Chatbots eine zeitliche Flexibilisierung, da Kunden unabhängig von Arbeitszeiten oder bei Kapazitätsgrenzen Beratung erhalten können. Ein weiterer Anwendungsfall für Chatbots ist das automatisierte Ausgeben von Anleitungen und Produktinformationen. Bei Kleinreparaturen können Kunden zunächst durch den Chatbot angeleitet werden, die Reparatur selbst durchzuführen. Sollte trotz dessen persönliche Beratung notwendig sein, kann über den Chatbot eine automatisierte Terminbuchung durchgeführt werden. Dabei wird erfasst, welche Schritte bereits unternommen wurden, und diese Informationen werden an den Handwerksbetrieb weitergeleitet. Eine zeitliche Flexibilisierung ist dabei nicht nur auf Unternehmensseite zu betrachten. Personen können Kleinreparaturen sofort und jederzeit durchführen oder kleinere Probleme selbst lösen. Somit sind Kunden nicht durch die Öffnungszeiten und der personellen Verfügbarkeit von Handwerksbetrieben beschränkt. AR und Chatbots bieten nicht nur separat Potenziale, sondern können auch zusammen genutzt werden, um Handwerksleistungen zu virtualisieren. Chatbots können in einem AR-HMD angezeigt werden und bieten so eine Schnittstelle, über die einfach und intuitiv mit ihnen interagiert werden kann, ohne andere Tätigkeiten zwingend unterbrechen zu müssen. Die Informationen, die durch Chatbots bereitgestellt werden, können so direkt im Sichtfeld der Nutzer angezeigt werden. Ein weiterer Use Case ist der Einsatz für anleitende Tätigkeiten während der Ausbildung. Auszubildende könnten mithilfe einer Chatbotund AR-basierten Anwendung wiederholende und standardisierte Tätigkeiten lernen. Die Anwendung ist dabei begleitend der Ausbildung zu betrachten und kann bei personellen Engpässen von erfahrenen Mitarbeitenden unterstützend wirken. Zusammenfassend lassen sich mehrere und unterschiedliche Potenziale durch die Vorteile der jeweiligen Technologien im Handwerk identifizieren. Sowohl eine ARals auch eine Chatbot-Integration fördern eine Flexibilisierung im Handwerk und bieten dadurch ein großes Potenzial in der effizienteren Abwicklung von handwerksorientierten Dienstleistungen. 4 Fallbeispiele und Praxiserfahrung Im Folgenden wird ein erster Einblick in die Praxis durch Fallbeispiele dargestellt. 4.1 Methodisches Vorgehen Um die in Abschn. 3 genannten Potenziale und Anwendungsszenarien in ein Praxiseinsatz erster Prototypen einfließen zu lassen, wurde in gemeinsamer Abstimmung mit den Handwerksunternehmen aus den Bereichen Sanitär, Heizung und Klima, Malerarbeiten und Lackiererei sowie Elektrik konkrete Anforderungen besprochen. Durch Workshops wurde sich im Bereich AR auf eine Fernanleitung für Mitarbeitende vor Ort konzentriert sowie im Bereich Chatbots auf den Einsatz zur Beantwortung von häufig auftretenden Fragen und Terminabstimmungen. Die jeweiligen PraxiseK
Minerva Potenziale und Produktvision 1497 insätze der Prototypen ähnelten dem Vorgehen eines Feldeinsatzes. Der Bereich AR wurde dabei wissenschaftlich begleitet und es wurden qualitative Daten erhoben. 4.2 Remote Unterstützung auf der Baustelle In einer ersten Feldstudie wurde der gemeinsam eruierte Anwendungsfall „Unterstützung aus der Ferne für Mitarbeitende“ mit Hilfe der AR-Anwendung in der Praxis erprobt. Feldtests werden den genannten Handwerksbetrieben durchgeführt. Insgesamt wurde die Anwendung von ca. acht Mitarbeitern vor Ort und vier Mitarbeitern im Büro über einen Zeitraum von zwei bis drei Wochen genutzt. Der Feldeinsatz wurde mit einer vorab durchgeführten Schulung bei den jeweiligen Gewerken mit den beteiligten Mitarbeitern durchgeführt. In der Schulung wurde das Forschungsprojekt und die Forschungsziele erklärt. Abschließend wurde der Umgang mit der Anwendung und Hardware mit einer kurzen Übung gefestigt. Danach erfolgte der Einsatz im Feld. Es wurden qualitative Daten erhoben, indem ein Wissenschaftler wöchentlich eine Feldbeobachtung durchgeführt hat sowie die Mitarbeiter am Ende der drei Wochen interviewt wurden, um somit erste Erfahrungen zu sammeln. Die erhobenen Aspekte konzentrierten sich dabei auf Akzeptanzfaktoren der Unified Theory of Acceptance and Use of Technology 2 (UTAUT 2) (Venkatesh et al. 2012). Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Beitrages steht eine vollständige Auswertung noch aus. Diese erfolgt durch eine qualitative Analyse mithilfe der Erstellung eines Affinity Diagramms durch zwei Forschende. Im Folgenden wird daher ein erster Einblick durch ein Fallbeispiel gegeben. Die Anwendung umfasst zum Zeitpunkt des Feldeinsatzes einen Video-Livestream mit Sprachfunktion, Einblendung eines Zeigeelements durch den erfahrenen Mitarbeiter (meistens Meister) im Büro sowie eine Microsoft Hololens 2 als HMD für den Mitarbeiter auf der Baustelle. Durch das Zeigeelement wird zum einen die ab c Abb. 1 a Die Ausgangssituation der durchzuführenden Arbeit Wechsel eines Seitenfüllventils. bDer Mitarbeitende führt unter Anleitung die Tätigkeit aus; der Meister navigiert mit virtuellen Elementen (roter Kreis). cDer Mitarbeitende überprüft die vom Meister gewünschten Informationen K
1504 J. C. Gutzmann et al. Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks e.V. Das Moderne Dachdeckerhandwerk. In: Dachdecker dein Beruf: Suchbegriff „Drohne“ https://dachdeckerdeinberuf.de/ausbildung/modernesarbeiten. Zugegriffen: 20. Juni 2024 Hinweis des Verlags Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral. K