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Nachhaltige Digitalisierung oder Nachhaltigkeit durch Digitalisierung?

Winkler, Stefan,Günther, Jochen,Pfennig, Roland

Abstract

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Full text

Winkler, Stefan; Günther, Jochen; Pfennig, Roland Article — Published Version Nachhaltige Digitalisierung oder Nachhaltigkeit durch Digitalisierung? HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Winkler, Stefan; Günther, Jochen; Pfennig, Roland (2023) : Nachhaltige Digitalisierung oder Nachhaltigkeit durch Digitalisierung?, HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik, ISSN 2198-2775, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Wiesbaden, Vol. 60, Iss. 4, pp. 815-836, https://doi.org/10.1365/s40702-023-00987-9 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/308122 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Eine qualitative Analyse Stefan Winkler · Jochen Günther · Roland Pfennig Eingegangen: 20. Februar 2023 / Angenommen: 4. Mai 2023 / Online publiziert: 12. Juni 2023 © Der/die Autor(en) 2023 Zusammenfassung Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind Megatrends des 21. Jahrhunderts mit hoher transformativer Kraft, die sich potenziell gegenseitig verstärken können. Bisher wurden beide Themen meist nur separat diskutiert und keine Strategien erarbeitet, die sich auf die inhaltliche Schnittmenge beziehen. Der Beitrag strukturiert die Korrelation beider Themen aus einer Unternehmensperspektive in eine nachhaltige Gestaltung der Digitalisierung (Stichwort „Green IT“ als Ressourceneffizienz, Energiesparsamkeit, etc.) sowie in den Einsatz der Digitalisierung für mehr Nachhaltigkeit (Stichwort „Green through IT“ in Form von Smart Services, Prozesseffizienz, Ressourcenschonung, etc.). Auf Basis der Auswertung von Unternehmensbeispielen aus verschiedensten Branchen im deutschen Raum wird in einem induktiven Ansatz ein praxisnahes Modell mit vier strategischen Handlungsoptionen mit Bezug auf die Twin Transformation für Unternehmen entwickelt (Corporate Digital Responsibility, Digitale Sozialprojekte, Geschäftsmodelle für eine nachhaltigere Digitalisierung, Digitale Geschäftsmodelle für mehr Nachhaltigkeit). Schlüsselwörter Digitale Transformation · Digitalisierung · Twin Transformation · Nachhaltigkeit · Fallstudie Stefan Winkler · Jochen Günther · Roland Pfennig Hochschule Heilbronn, Max-Planck-Str. 39, 74081 Heilbronn, Deutschland E-Mail: [email protected] K 816 S. Winkler et al. Sustainable digitalisation or sustainability through digitalisation? A qualitative analysis Abstract Digitalisation and sustainability are megatrends of the 21st century with high transformative power that can potentially reinforce each other. So far, both topics have mostly been discussed separately and no strategies have been developed that relate to the intersection in terms of these topics. This article structures the correlation of both topics from a company perspective into a sustainable design of digitalisation (resource efficiency, energy saving, etc.) and the use of digitalisation for more sustainability (smart services, process efficiency, resource conservation, etc.). Based on the evaluation of company examples from various sectors in Germany, a practical model with four strategic options for action with regard to twin transformation for companies is developed in a inductive approach (corporate digital responsibility, digital social projects, business models for more sustainable digitalisation, digital business models for more sustainability). Keywords Digital transformation · Digitalisation · Twin transformation · Sustainability · Case study 1 Digitalisierung und Nachhaltigkeit als organisationale Herausforderungen Befasst man sich mit den beiden Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit, so kommt man um den Begriff „Megatrend“ nicht herum. Geprägt wurde dieser Begriff in einem Bestseller-Buch von John Naisbitt aus dem Jahr 1982 mit einer Millionenauflage und Übersetzung in 50 Sprachen (Naisbitt 1982). Nachhaltigkeit wird grob verstanden als der schonende Umgang mit Ressourcen aus ökologischer, ökonomischer, und sozialer Sicht (Deutscher Bundestag 1998); Digitalisierung wird verstanden als zunehmende Vernetzung und Algorithmisierung von Prozessen, Produkten und Geschäftsmodellen. Ohne Zweifel erhalten sowohl Digitalisierung als auch Nachhaltigkeit mindestens seit den letzten ein bis zwei Jahrzehnten große Aufmerksamkeit in der Gesellschaft. Gleichzeitig wird immer stärker deutlich, dass man ihre transformative Kraft für den weiteren Verlauf des 21. Jahrhunderts kaum unterschätzen kann. Während sich der Einfluss des Themas Nachhaltigkeit auf das gesellschaftliche und unternehmerische Leben trotz hoher medialer Aufmerksamkeit aber noch in einer frühen Phase befindet, hatte und hat die Digitalisierung bereits starke Auswirkungen. Die Zielsetzungen von Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind sehr unterschiedlich. Im Unternehmensumfeld birgt die Digitalisierung eine Reihe an Potenzialen, u.a. aufgrund der (intelligenten) Vernetzung von Menschen, Maschinen und Prozessabläufen. Hierzu gehören etwa eine effizientere Prozesssteuerung, ein effizienterer Ressourceneinsatz, ein geringerer Energieverbrauch sowie eine höhere (Produkt-) Qualität (Rüter und Fink 2021). Meist ist dies mit einem Effizienzgewinn und daher mit Kostenreduzierungen und Gewinnsteigerungen verbunden. Eine Erlangung eines konkreten Zielzustands der Digitalisierung ist dabei selten primäres Ziel. Stattdessen K Nachhaltige Digitalisierung oder Nachhaltigkeit durch Digitalisierung? 817 ist Digitalisierung Teil und andauernder Motor eines technologischen Fortschritts, der relativ unaufhaltsam voranschreitet. Für Arbeitnehmer brachte die Digitalisierung spürbare Veränderungen durch die Nutzung von Computern und des Internets hin zu einem „papierlosen Büro“. Dabei nutzten noch im Jahr 2001 63% der Menschen in Deutschland kein Internet (Statista 2023). Automatisierung und Verbesserungen von Prozessabläufen durch Informationsund Kommunikationstechnik führten beispielsweise zu klaren Effizienzsteigerungen und der Reduktion von Fehlern. Digitale Abbilder realer Abläufe ersparen heute Material, Energie und Ressourcen durch die Möglichkeit digital durchgeführter Tests (Frondel 2021). Mit Nachhaltigkeit auf der anderen Seite wird heute oft ein notwendiges Gebot für das 21. Jahrhundert verbunden, das von Institutionen wie der UN, G20 und verschiedenen wissenschaftlichen Organisationen unterstützt wird (Kiron und Unruh 2018). Der Begriff Nachhaltigkeit an sich enthält dabei verschiedene Facetten, die im Wesentlichen dafür stehen, im Kontext von endlichen Ressourcen nicht auf Kosten zukünftiger Generationen zu leben. Bereits 1972 wies der Club of Rome in einer bekannten und aufrüttelnden Studie auf die Grenzen des Wachstums hin (Meadows et al. 1972). Nachhaltigkeit und Digitalisierung bieten ein umfangreiches Themengebiet mit beträchtlichen Herausforderungen und ebenso großen Chancen. In den allermeisten Fällen wird die Aufmerksamkeit aber jeweils nur einem der beiden Themen zuteil. Selten werden die Eigenschaften beider Bereiche analysiert und Strategien erarbeitet, die sich auf die inhaltliche Schnittmenge beziehen (Del Río Castro et al. 2021). Dabei verdienen Nutzeraktivitäten wie beispielsweise Online-Shopping oder Videokonferenzen durchaus die Abwägung, ob die Möglichkeiten der Digitalisierung eher positive oder eher schädliche Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft haben. Dabei ist es zur Erzielung eines nachhaltigen Wettbewerbsvorsprungs, der Bewältigung der Herausforderungen des globalen Klimawandels und der Verknappung natürlicher Ressourcen empfehlenswert, beide transformatorischen Kräfte in einem koordinierten Prozess zusammenzuführen, um hierdurch eine Wertsteigerung zu erzielen (Posch 2021). Der vorliegende Beitrag stellt die Thematik der so genannten „Twin Transformation“ im Überblick dar. Hierfür werden zuerst die Themen Nachhaltigkeit sowie Digitalisierung dargestellt, gefolgt von einer Zusammenführung der beiden Themen. Anhand von Praxisbeispielen wird anschließend ein Modell strategischer Handlungsoptionen für die Twin Transformation im Unternehmen von Unternehmen entwickelt. Der Beitrag schließt mit einer Betrachtung dazu, wie der Übergang in die neue Arbeitswelt gestaltet werden sollte. 2 Inhaltliche Grundlagen zu Digitalisierung und Nachhaltigkeit 2.1 Digitalisierung Trotz der enormen Bedeutung und intensiven Diskussionen zum Thema Digitalisierung gibt es keine einheitliche begriffliche Grundlage. Heute wird mit Digitalisierung oder digitaler Transformation der durch die Informationstechnik hervorgerufeK 818 S. Winkler et al. ne Wandel bezeichnet, welcher in den meisten Lebensbereichen zu beobachten ist (Jacob 2019). In manchen Publikationen wird deswegen auch von einer soziotechnischen Transformation gesprochen (Sühlmann-Faul und Rammler 2018). Die Corona-Pandemie hat über die vergangenen drei Jahre die Bedeutung der Digitalisierung weiter verstärkt. Für die Art wie wir arbeiten, kommunizieren, konsumieren und leben wurden für zahlreiche Einsätze in kürzester Zeit digitale Ersatzwerte geschaffen. Die Krise hat hierbei bereits zahlreiche Branchen nachhaltig verändert und neue Geschäftsmodelle hervorgebracht. Dabei bringt die Digitalisierung aber keineswegs nur positive Effekte mit sich: Je nach Sichtweise gefährdet das Internet vorhandene Geschäftsmodelle, langfristig aufgebaute Kundenbeziehungen und etablierte Wertschöpfungsprozesse. Ein weitere, oft unberücksichtigte Herausforderung sind Umweltaspekte. Für jede digitale Aktivität wird Energie benötigt. Die Durchführung einer simplen Google-Suche erzeugt CO2durch den notwendigen Energieeinsatz der Datenzentren. Bis 2030 könnten digitale Technologien bis zu 5% der globalen CO2-Emissionen verursachen (Andrae 2020). Eine Begriffsdefinition für Digitalisierung liefert das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz: „Digitalisierung bedeutet die Verwendung von Daten und algorithmischen Systemen für neue oder verbesserte Prozesse, Produkte und Geschäftsmodelle.“ (BMWK 2022). Um als Unternehmen somit aktiv die digitale Transformation voranzutreiben, bieten sich im Wesentlichen vier Dimensionen an: die Digitalisierung von Geschäftsmodellen, die Digitalisierung von Geschäftsprozessen und sowie Auswirkungen auf funktionale Bereiche in Unternehmen, wie beispielsweise die Digitalisierung von Produkten, sowie eine Management-Perspektive, die den organisationalen Umgang, Gestaltung und die Steuerung der Auswirkungen der Digitalisierung auf die Organisation beschäftigt (Fend und Hofmann 2022). Nach Appelfeller und Feldmann (2018) kommt dabei der Technologie eine zentrale Rolle zu, da sie in der Regel Ausgangspunkt für organisationale aber ebenso weitere technische Innovationen darstellt. Zum einen transformieren IT-Systeme analoge Daten zu digitalen Daten und verarbeiten und speichern diese. Zum anderen verbindet die digitale Vernetzung digitale Elemente und schafft die Voraussetzung für digitale Prozesse, so dass IT-Systeme (auch unternehmensübergreifend) miteinander kommunizieren und Daten austauschen können. Leimeister (2021) nennt weitere Punkte, wobei auch hier beachtet werden muss, dass diese sowohl Treiber der Digitalisierung sind als auch durch diese vorangetrieben werden: Daten sind die Grundlage für die meisten Verbesserungen, sei es, um Kunden zielgerichteter ansprechen zu können, oder um Prozesse analysieren und verbessern zu können. Während es vor einigen Jahren noch darum ging, möglichst viele Daten zu sammeln, geht es heute eher darum, die unendlichen Fluten an Daten systematisch und sinnvoll auszuwerten und zusammenzufassen. Der Ausbau der digitalen Infrastruktur, etwa die Breitbandkapazität durch Glasfaserkabel, ermöglicht, dass Maschinen zuverlässig miteinander kommunizieren können („Internet of Things“) und die Steuerung ganzer Produktionsstraßen hierauf aufgebaut werden kann. K Nachhaltige Digitalisierung oder Nachhaltigkeit durch Digitalisierung? 819 Die Zahl genutzter mobiler Endgeräte steigt stetig an – hierdurch werden gleichzeitig auch mehr Daten produziert und konsumiert. Das Nutzungsverhalten hat sich stark verändert – digitale Nutzer sind nie offline und erwarten überall digitale Services in Anspruch nehmen zu können. Die Miniaturisierung von IT-Hardware ermöglicht mehr Leistungsfähigkeit von Servern, Notebooks und Smartphones bei gleicher Größe. Hierfür wurde jahrelang das so genannte Moore’sche Gesetz herangezogen, nach dem sich die Transistoren je Fläche auf einem Halbleiterelement alle 1–2 Jahre verdoppelt. Dies erwies sich zwar lange Zeit als richtig – seit etwa 2015 jedoch kann dies nicht mehr erreicht werden. 2.2 Nachhaltigkeit Die erste globale Aufmerksamkeit für die menschenverursachten Umweltauswirkungen gab es vor rund 50 Jahren, als der Club of Rome in einer in Auftrag gegebenen Studie erstmalig die Grenzen des Wachstums definierte (Meadows et al. 1972). Basierend auf einer Computersimulation am „System Erde“ wurde aufgezeigt, dass durch die nicht-nachhaltige Nutzung von Ressourcen Auswirkungen entstehen, die einen selbst zwar nicht unmittelbar betreffen, aber globale und langfristige Auswirkungen auf folgende Generationen haben würden. In der Wissenschaft war diese Erkenntnis revolutionär – jedoch in Politik und Wirtschaft ergab sich keine Kehrtwende. Der Begriff der „Nachhaltigkeit“ wurde von der UN im so genannten BrundtlandBericht bereits 1987 in ein Konzept einer „Nachhaltigen Entwicklung“ umdefiniert (Hansen et al. 2014). Eine der heute gängigsten Definitionen hierfür lautet: „Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihren [sic!] eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.“ (Deutscher Bundestag 2017). Nachhaltigkeit basiert nach heutigem Verständnis auf drei Säulen (Deutscher Bundestag 1998): Die ökologische Nachhaltigkeit adressiert die Schonung und den Erhalt der natürlichen Ressourcen und der menschlichen Lebensgrundlagen. Die ökonomische Nachhaltigkeit adressiert die Verfolgung langfristiger Strategien (gegenüber kurzfristigem Gewinnstreben) um zukunftsfähiges Wirtschaften von Unternehmen in den Mittelpunkt zu stellen. Ziel ist es dabei Schaffung und Erhalt von Arbeitsplätzen und einer gerechten Verteilung von Unternehmensgewinnen. Die soziale Nachhaltigkeit hat zum Ziel die Auswirkungen auf die Gesellschaft zu gestalten und freie persönliche und berufliche Entfaltung von Menschen zu ermöglichen. International anerkannt sind in diesem Zusammenhang die Sustainable Development Goals (SDG) der UN, die im Jahr 2015 als Ableitung aus den MillenniumEntwicklungszielen entstanden sind (United Nations 2015). In 17 Themenbereichen werden verschiedene Nachhaltigkeitsziele zum Zieldatum 2030 definiert, von der Armutsbekämpfung über den Schutz der Meere bis zu einem verantwortungsvolK 820 S. Winkler et al. len Umgang mit Konsum und Produktion. Zur Messung und Überwachung wurden 232 globale Indikatoren festgelegt. Leider hat der Sustainable Development Goals Report der letzten Jahre jedoch für Ernüchterung gesorgt, da die bisher erreichten Ziele nicht annähernd ausreichend sind, um die 2030-Ziele zu erreichen (Marquardt 2020). Auch wenn verschiedene Definitionen von Nachhaltigkeit vorhanden sind, beziehen sich die meisten Modelle auf drei Aspekte: die Natur/Umwelt (Environment), die Wirtschaft (Economy) sowie den Gleichheitsaspekt (Equity bzw. Social Equality) (Cardona 2014). Trotzdem haben sich mittlerweile nicht diese „E“, sondern zwei andere, recht ähnliche Abkürzungen in der Unternehmenswelt deutlich stärker etabliert: CSR auf der einen Seite und ESG auf der anderen Seite. Unter CSR – kurz für Corporate Social Responsibility – ist primär die gesellschaftliche Verantwortung eines Unternehmens oder einer Organisation für ein nachhaltiges Wirtschaften zu verstehen (Porter und Kramer 2012). Verbunden ist CSR eher mit einem Eigenbild, d.h. ein Unternehmen prüft sich selbst, ob es seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht wird und vor allem im Nachhaltigkeitskontext die richtigen Dinge unternimmt. Die Abkürzung ESG beinhaltet die drei wesentlichen Komponenten von Nachhaltigkeit, die von Unternehmen berücksichtigt werden müssen. Der Umweltaspekt (Environmental) beinhaltet dabei etwa das Klima, Umweltschutz oder Ressourceneinsatz. Der soziale Aspekt (Social) bezieht sich auf die Mitarbeiter eines Unternehmens und damit auch auf die Gesundheit, Sicherheit und den demografischen Wandel aber auch auf die Menschenrechte allgemein. Der Governmental-Aspekt schließlich bezieht sich auf die strukturelle Verankerung von Nachhaltigkeitsthemen in einem Unternehmen – beispielsweise durch Risikomanagement, Compliance und transparentes Handeln (Schanzenbach und Sitkoff 2020). ESG ist dem CSR-Konzept zeitlich nachgelagert und wird von manchen Autoren (vor allem in der Finanzwelt) als Weiterentwicklung dessen angesehen (MacNeil und Esser 2022). Durch die seit einigen Jahren deutlich besser vorhandenen Daten, wird versucht, mit Hilfe von ESG aus einer Marktsicht heraus systematisch Kriterien zu erheben, um eine Messund Vergleichbarkeit zwischen Unternehmen herzustellen, beispielsweise um auch nicht-finanzielle Kennzahlen in Investment-Entscheidungen einfließen zu lassen. Für 79% der in einer Umfrage von 2021 befragten Investoren ist ESG relevant bei ihren Investment-Entscheidungen (PWC 2021a). 3 Twin Transformation – Das Zusammenspiel von Digitalisierung und Nachhaltigkeit Aus einer Management-Perspektive ist Digitalisierung in erster Linie eine Möglichkeit, Prozesse maschinengestützt durchzuführen und somit Fehler zu vermeiden, die Durchlaufgeschwindigkeit zu erhöhen und die Effizienz zu erhöhen. Es kann also im Produktionsprozess für eine Erhöhung des Outputs sorgen. Nachhaltigkeit dagegen ist zunächst ein weiterer Faktor im Prozess, der beachtet werden muss: Woher stammen die Produktionsmaterialien? Wie nachhaltig ist unsere Supply Chain? Bieten wir faire Arbeitsbedingungen? „Nachhaltigkeit muss man sich leisten können“, ist K Nachhaltige Digitalisierung oder Nachhaltigkeit durch Digitalisierung? 821 somit immer noch ein Leitsatz für viele. Aus beiden Beispielen wird der Kontrast deutlich. Digitalisierung kann für eine Erhöhung des Unternehmensgewinns sorgen. Nachhaltigkeit dagegen wurde bisher eher als zusätzlicher Kostenfaktor angesehen, obwohl Nachhaltigkeit auch Chancen für die Unternehmen mit sich bringt. Umso wichtiger ist es daher, eine Brücke zu bauen und Digitalisierung und Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen. Es zeigt sich jedoch, dass es bisher vergleichsweise wenige Veröffentlichungen und wenig Forschungsbemühungen in diesem Gebiet gibt. Zu den wenigen Publikationen gehören eher Bücher, die einen Gesamtüberblick geben als Studien, welche datengestützte Hypothesen oder möglichen Vorgehensmodelle und Frameworks entwickeln. Zu den Autoren, die die Schnittmenge von Digitalisierung und Nachhaltigkeit allgemein beleuchten gehören im deutschsprachigen Raum Sühlmann-Faul und Rammler (2018), Jacob (2019), Marquardt (2020), Leal Filho (2021) sowie Biedermann et al. (2021). Sühlmann-Faul und Rammler (2018) nehmen dabei eine volkswirtschaftliche Perspektive ein und erörtern gesellschaftliche Themen sowie die Rolle der Politik. Jacob (2019) diskutiert beide Themen aus einer unternehmerischen Perspektive. Die Sammelwerke von Leal Filho (2021)sowie Biedermann et al. (2021) beinhalten tiefere Einblicke in einzelne Branchen wie etwa Bildung, Wassermanagement oder Geothermie. Marquardt (2020) gibt einen Gesamtüberblick über beide Themen sowie über politische Förderprogramme und entwickelt ein Modell für nachhaltige Service-Qualität. Weitere Publikationen spezialisieren sich auf den Beitrag der Digitalisierung zur Erfüllung der Sustainable Development Goals (Lange und Santarius 2018; Höfner und Frick 2019; FromholdEisebith et al. 2019). 3.1 Nachhaltige Digitalisierung Die Digitalisierung schreitet in den meisten Unternehmen voran. Rückschritte sind selten, die Umstellung von digitalisierten Prozessen zurück auf analoge Prozesse sind in der aktuellen Zeit weder vorgesehen noch systematisch angewandt. Dabei sind digitale Ergebnisse keineswegs von Umweltkosten befreit (Greenwood 2021). Während die unternehmensspezifischen Gründe für Digitalisierung – Gewinnung von Daten, Erhöhung der Produktionsund Prozesseffizienz, kundenindividuellere Ansprache, neue Vertriebskanäle, verbesserte Information und Kommunikation, u.a. – im Regelfall auf Gewinn oder Wachstum aus sind, war das Thema Nachhaltigkeit bisher kein Treiber, der Unternehmen zu mehr Digitalisierung bewegt hat. Positive umweltbezogene Aspekte der Digitalisierung wie beispielsweise das „papierlose Büro“ sind gleichwohl willkommene Nebenprodukte. Dabei verläuft die Digitalisierung an sich alles andere als nachhaltig. Die folgende Auflistung kann nur beispielhaft aufzeigen, welche Einflüsse bekannt sind: Informationsund Kommunikationstechnologien verursachen durch ihren Stromverbrauch rund 4% der weltweiten Treibhausgase (The Shift Project 2019)–Tendenz deutlich steigend. Diese Emissionen sind absolut gesehen höher als die des internationalen Flugverkehrs (EON 2022). Rund 300 Mio. Tonnen CO2jährlich fallen für die Nutzung von Videoinhalten an (The Shift Project 2019). K 822 S. Winkler et al. Der Hauptenergiebedarf fällt bei Rechenzentren an. In einem Ländervergleich wären Rechenzentren der sechstgrößte Stromkonsument auf dem Planeten (EON 2022). Alleine in Deutschland werden hierbei 13Mrd. kWh Strom in Wärme umgewandelt und weitgehend ungenutzt an die Umgebung abgegeben (Höfer et al. 2019) Technische Entwicklungen durch den 5G-Standard, Edge Computing, KI, intelligente vernetzte Geräte (Internet of Things), oder die Vernetzung im Verkehrsbereich werden zu weiteren signifikanten Anstiegen des Stromverbrauchs und einem Ausbau von Rechenzentren führen (Hintemann 2019). Eine einzige Bitcoin-Transaktion benötigt aufgrund der komplexen Hash-Verschlüsselung eine Strommenge von über 1000kWh. Je nach Ort des Mining und Art der Energieerzeugung entspricht dies einem CO2-Emissionsvolumen, das bei einer Autofahrt von rund 2000km Fahrt entstehen würde. Bei rund 250.000 Bitcoin Transaktionen pro Tag entspricht dies in Summe dem Energiebedarf eines Landes wie Österreich (de Vries 2018). Digitalisierung benötigt Energie und verursacht somit auch schädliche Emissionen. Höhere Rechenleistungen und Internetgeschwindigkeiten verleiten SoftwareEntwickler und Webdesigner sogar dazu, immer stromhungrigere Websites zu erstellen (Greenwood 2021). Es gibt jedoch einige Ansätze für Energieeinsparungen bei der Erstellung und Nutzung digitaler Services: Über die letzten fünf Jahre ist die Größe einer Website um 40% gestiegen (HTTP Archive 2023). Dabei ließen sich viele digitale Produkte schlanker gestalten, wenn beispielsweise Assets wie Bilder passend skaliert, Videos niemals per Autostart beginnen und Schriftarten einfach gehalten würden. „Clean Code“ bei der Website-Erstellung reduziert ebenfalls den Energiebedarf – je einfacher der Code geschrieben ist, desto weniger Rechenleistung wird benötigt. Unnötige Skripts sollten entfernt werden. Der Einsatz von Caching reduziert ebenfalls die benötigte Rechenleistung, dadurch dass Elemente zwischengespeichert werden und wiederverwendet werden können, so dass für den Aufruf einer verwandten Website weniger Bandbreite benötigt wird. Funktionierende Suchfunktionen können helfen, dass weniger Zeit und somit weniger Energie für eine Suche notwendig sind. Einige Konfigurationsmöglichkeiten benötigen weniger Energie, wie beispielsweise der Dark Mode auf dem Smartphone. Offenheit über Quellcodes (Open Source) fördern die Transparenz, so dass etwa eine energiesparendere Programmierung einer Website von anderen abgeschaut werden kann. Bei einem Test des Umweltbundesamt zu ressourceneffizienter Software schnitten Open-Source-Angebote am besten ab (Gröger et al. 2018). Über den Zusammenhang von Digitalisierung und Nachhaltigkeit zu sprechen kann helfen, Innovationsdenken zu entwickeln. BBC Future veröffentlicht auf vielen ihrer Webpages die geschätzten CO2-Emissionen, die das Publizieren eines Online Artikel verursacht hat (Henriques 2020). K Nachhaltige Digitalisierung oder Nachhaltigkeit durch Digitalisierung? 829 NACHHALTIGE DIGITALISIERUNG NACHHALTIGKEIT DURCH DIGITALISIERUNG MONETARISIERUNG GESELLSCHAFTLICHE VERANTWORTUNG 1: Corp. Digital Responsibility 2: Digitale Sozialprojekte 3: Geschäftsmodelle für eine nachhaltigere Digitalisierung 4: Digitale Geschäftsmodelle mit Fokus auf Nachhaltigkeit Wie können wir als Unternehmen die (negativen) Umweltauswirkungen durch unsere digitalen Aktivitäten reduzieren? Bsp.: Ressourcenschonung, Energieeffizienz, Kreislaufwirtschaft, Produktlebenszyklen, digitale Barrierefreiheit, MitarbeiterWeiterbildung in digitalen Kompetenzen, Nicht-Diskriminierung durch Entscheidungsalgorithmen Welchen Beitrag können wir mit unserer Digital-Expertise leisten, um auf das Thema Nachhaltigkeit einzuzahlen? Bsp.: Sozialund Umweltprojekte im digitalen Bereich / ehrenamtliche Digitalprojekte für Bedürftige, wie z.B. digitale Ausbildung von Migranten Welche Leistungen können wir in unser Portfolio aufnehmen, um Kunden weitere Services zum Thema Nachhaltigkeit anzubieten? Bsp.: Open Source, Green Coding, Server mit Ökostrom, Entwicklung einer Dekarbonisierungsstrategie, CO2Rechner Welche Branchen können wir mit unserer Digital-Expertise unterstützen, ihre Nachhaltigkeitsziele zu erreichen? Bsp.: Einsatz von Automation und KI für mehr Effizienz, weniger Fehler und weniger Ressourcenverbrauch, beispielsweise in der verarbeitenden Industrie oder auch in der Agrarwirtschaft Abb. 1 Übersicht Matrixfelder Digitalisierung und Nachhaltigkeit haltigkeit verhelfen kann. Als zweite Dimension ist eine Zieldefinition des Unternehmens notwendig. Soll ein neues Geschäftsmodell erstellt werden und das Unternehmensportfolio neu ausgerichtet werden? Oder fühlt sich ein Unternehmen in einer gesellschaftlichen Verantwortung, um das Thema Nachhaltigkeit mit all seinen Facetten stärker anzugehen? Über diese zwei Dimensionen ergibt sich eine 4-FelderMatrix, die Unternehmen dabei hilft, systematisch ein zielgerichtetes Vorgehen zu entwickeln (Abb. 1). Wie erwähnt empfiehlt sich zunächst eine Unterscheidung der Schnittmenge in zwei Themenbereiche: Zum einen stellt sich die Frage, wie die Digitalisierung selbst nachhaltiger gestaltet werden kann. Dem gegenüber steht die Fragestellung, wie Digitalisierung Unternehmen und der Gesellschaft zu mehr Nachhaltigkeit verhelfen kann. Für die zweite Dimension des Modells ist eine Zieldefinition des Unternehmens notwendig. Soll ein neues Geschäftsmodell erstellt werden und das Unternehmensportfolio neu ausgerichtet werden? Oder fühlt sich ein Unternehmen in einer gesellschaftlichen Verantwortung, um das Thema Nachhaltigkeit mit all seinen Facetten stärker anzugehen? Über diese zwei Dimensionen ergibt sich eine 4-FelderMatrix, die Unternehmen dabei hilft, systematisch ein zielgerichtetes Vorgehen zu entwickeln. K 830 S. Winkler et al. 5.1 Feld 1: Corporate Digital Responsibility Matrixfeld 1 zielt insbesondere auf Unternehmen, die Digitalisierung aktiv gestalten und hierbei eine gesellschaftliche Verantwortung im Sinne von Nachhaltigkeit verstärkt wahrnehmen wollen. Corporate Digital Responsibility ist ein wesentlicher Baustein, um eine Strategie in diesem Bereich zu entwickeln. Als konkretes Beispiel könnte sich ein IT-Unternehmen, das Hosting-Leistungen als Portfoliobestandteil anbietet, vornehmen, den entsprechenden Energiebedarf nur noch aus erneuerbaren Energien zu beziehen, die Abwärme der Rechenzentren stärker zu nutzen und das Thema Nachhaltigkeit bei der Anschaffung neuer Server als Entscheidungskriterium mitaufzunehmen (z.B. die Lebensdauer und Recycling-Möglichkeit der Hardware). Das Beratungsunternehmen Deloitte sieht hierbei drei Ebenen, auf denen CDR angewandt werden kann (Andersen et al. 2022): Auf der Unternehmensebene finden sich Mitarbeiter-bezogene Aspekte (z.B. Digitale Inklusion) aber auch die digitale Ausstattung der Arbeitsplätze. Auf der Geschäftsbeziehungsebene geht es um Themen wie Datenschutz, Bestandteile des eigenen Leistungsportfolios, aber auch um Allianzen mit anderen Unternehmen. Auf der Gesellschaftsebene schließlich ist die Verantwortung gegenüber der Umwelt angesiedelt (z.B. Emissionen) sowie die digitale Zugänglichkeit von Informationen für die Allgemeinheit. Beispielsweise rief der Energiekonzern e.on 2019 den #GreenInternetDay ins Leben, um eine Debatte anzustoßen, dass das Internet „grüner“ wird und Rechenzentren mit Ökostrom beliefert werden (EON 2022). Die Praxisbeispiele von Daimler, Vodafone, Otto Group und BBC Future gehören zu Feld 1. 5.2 Feld 2: Digitale Sozialprojekte Matrixfeld 2 bezieht sich insbesondere auf IT-Unternehmen, die durch ihre Kompetenz im Bereich der Digitalisierung aktiv einen Beitrag für nachhaltige Themen leisten. Dabei steht auch hier weniger die Monetarisierung des Ganzen im Vordergrund als vielmehr die Verantwortung, die ein Unternehmen empfindet. Digitalisierung wird dabei in den Dienst der Nachhaltigkeit gestellt. Zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten kommen hierbei in Frage. Eine zentrale Leistung der Digitalisierung ist ein verbesserter und effizienterer Informationsund Kommunikationsfluss in verschiedensten Bereichen. Angewandt auf Unternehmen ergeben sich hierdurch Beispiele wie digitale Plattformen, Communities oder smarte Services. Hierdurch kann Digitalisierung einen starken Beitrag für Nachhaltigkeit leisten. Eine gute Orientierung für Unternehmen bieten die SDGs, so dass sich Unternehmen auf einzelne Teilaspekte fokussieren können. Während der Corona-Pandemie gab es etwa die von der Bundesregierung ins Leben gerufenen Hackathons #wirvsvirus oder #wirfürschule, an denen sich zahlreiche Unternehmen und Privatpersonen mit IT-Expertise unentgeltlich beteiligten. Vorab in dieser Arbeit vorgestellt wurde das Unternehmen Lionizers, das sich auch durch soziale Projekte wie ein smartes Notrufsystem oder smarte und wartungsfreundliche Laternen auszeichnet. Veranstaltungen wie Bits & Bäume oder die Hamburger Klimawoche sind vergleichsweise neu und fördern digitale Innovationen zu Gunsten der weltweiten Nachhaltigkeitsziele („Digitizing the K Nachhaltige Digitalisierung oder Nachhaltigkeit durch Digitalisierung? 831 Global Goals“). Die Praxisbeispiele von Lioniziers (teilweise) und der ReDi School gehören zu Feld 2. 5.3 Feld 3: Geschäftsmodelle für eine nachhaltigere Digitalisierung Der hohe und kontinuierlich steigende Energiebedarf der Digitalisierung sowie die dafür notwendigen Ressourcen zeigen einen hohen Bedarf einer nachhaltigeren Gestaltung. Ein Großteil des Energiebedarfs fällt bei Rechenzentren an und der Bedarf steigt laufend an. Gleichzeitig wurde aber auch die Effizienz der Energiebereitstellung deutlich besser und hat sich in Deutschland von 2010 bis 2020 versechsfacht (Hintemann 2019). Für andere Bereiche wie die Nutzung der Abwärme ist in den letzten Jahren jedoch noch zu wenig Verbesserung erzielt worden. Im Umfeld der Internetnutzung gibt es verschiedene Möglichkeiten, um sowohl beim Nutzer als auch beim Server den Energiebedarf zu reduzieren. Hierzu gehören etwa die schlanke Gestaltung von Websites mit automatisch skalierten Bildern und Quellcodes, die sich auf das Wesentliche beschränken ohne unnötige Skripte zu laden (Greenwood 2021). Auch Open Source Anwendungen schneiden beim Thema Nachhaltigkeit im Durchschnitt besser ab als proprietäre Software-Lösungen (Gröger et al. 2018). Einige Unternehmen, insbesondere im Start-up-Bereich, bewerben ihr Geschäftsmodell im Software-Bereich mit „Green Coding“ oder „Green IT“ und stellen dies als USP dar1. Die zu erwartenden technischen Entwicklungen in den Bereichen intelligenter vernetzter Geräte (IoT), künstliche Intelligenz, Vernetzung im Verkehrsbereich sowie der Ausbau des 5G-Netzes werden zu weiteren Steigerungen des Energieverbrauchs führen. In Verbindung mit den gestiegenen Energiepreisen kann in den Folgejahren mit einer steigenden Nachfrage für nachhaltigere Digitalisierungsmodelle gerechnet werden. Zu Matrixfeld 3 gehören die aufgeführten Praxisbeispiele von Rittal, GFT, Lionizers, Green IT, Fristads, SAP und Allianz. 5.4 Feld 4: Digitale Geschäftsmodelle für mehr Nachhaltigkeit Technologische Entwicklungen können einen starken Beitrag leisten, um die Einhaltung der gesetzten Klimaziele zu erfüllen. Die Digitalisierung kann hierbei auf vielerlei Arten unterstützen: Stärkere Prozessoren und bessere Datengrundlagen verbessern die Modellierung von Klimamodellen, um aktuelle Entwicklungen und mögliche Kippeffekte besser zu verstehen. Verbesserungen im Bereich Mobilität können helfen, den Energiebedarf zu reduzieren, etwa durch intelligente Logistiklösungen und eine effizientere Verkehrssteuerung. Auch ein digitales Mobilitätsbudget für Mitarbeiter kann dazu beitragen, dass umweltfreundlichere Services wie z.B. der öffentliche Personennahverkehr gegenüber dem eigenen Auto stärker gefördert werden. In der Agrarwirtschaft kann durch den Einsatz künstlicher Intelligenz die Nachhaltigkeit in verschiedenen Bereichen gesteigert werden, etwa beim Pflanzenschutz, der Unkrautkontrolle oder der Lebensmittelsicherheit. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat diese Wichtigkeit bereits erkannt und fördert entsprechende Projekte im Bereich smarter Sensortechnik, Robotik oder maschinellen 1vgl. etwas Lionizers oder Green IT. K 832 S. Winkler et al. Lernens (BMEL 2023). Digitale Zwillinge als Abbild der analogen Welt können in allen Branchen, insbesondere im Baubereich, dafür sorgen, dass Kommunikation und Prozessabläufe effizienter erfolgen und Material, Energie und Ressourcen dadurch gespart werden, dass die Verfahren zunächst digital getestet werden (Frondel 2021). Auch dies hat positive Auswirkungen im Kontext der Nachhaltigkeit, etwa durch eine Erhöhung von Qualität und Beständigkeit, Transparenz über die verwendeten Wertstoffe oder die sozialen Aspekte von Nachhaltigkeit. Ähnlich wie Digitale Twins können auch Smart Services in einer Vielzahl an Branchen für Verbesserungen im Kontext der Nachhaltigkeit sorgen, sei es durch eine effizientere Kommunikation im Medizinbereich zwischen Ärzten und Patienten, eine effizientere Energienutzung von Kraftwerken oder Optimierungen im Logistikbereich durch den Einsatz künstlicher Intelligenz für Zustelldienste (Bruhn und Hadwich 2022). Die Praxisbeispiele von SAP (Reporting), Quentic, nature Office und HSBA sind in Feld 4 einzuordnen. 6 Diskussion und Fazit Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Schnittmenge der beiden großen Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit, zeigt konkrete Unternehmensbeispiele aus diesem Bereich auf und erarbeitet ein Modell, um Unternehmen mögliche Handlungsoptionen aufzuzeigen. Vorgegangen wurden in einem induktiven Ansatz, bei dem Anhand von Fallstudien mögliche Handlungsfelder in Form einer Matrix aufgezeigt werden. Insgesamt zeigen sich über alle Branchen hinweg verschiedenste Anwendungsmöglichkeiten. Viele von den Unternehmen verfolgten Ansätze scheinen sich (immer) noch in einer frühen Phase zu befinden. Die Arbeit diskutiert die Schnittmenge von Digitalisierung und Nachhaltigkeit mit dem Fokus auf Unternehmen einerseits und den deutschen Raum andererseits. Als praktische Implikationen zu nennen ist die Vorstellung und Erörterung von zahlreichen Geschäftsfeldern in dieser Schnittmenge über verschiedene Branchen hinweg. Als Implikationen von theoretischem wie auch praktischem Nutzen dient die methodische Hilfestellung für Unternehmen, um das Thema mithilfe der entwickelten Matrix oder einer der vorgestellten Modelle als Chance für sich zu begreifen. Bezüglich Anwendung und Einsatz der erarbeiteten Matrix bleibt festzuhalten, dass Überschneidungen und Abdeckungen mehrerer Felder möglich sind. Die Anwendung der Praxisbeispiele aus dem vorigen Kapitel zeigt aber, dass in den meisten Fällen jeweils ein Feld dominiert. Für die meisten Unternehmen in Deutschland gilt zudem, dass sie sich noch gänzlich außerhalb der Matrix bewegen und das Themengebiet der Schnittmenge von Digitalisierung und Nachhaltigkeit noch nicht für sich gewonnen haben (Sühlmann-Faul und Rammler 2018; Marquardt 2020). Hier kann die Matrix als Entscheidungshilfe dienen. Ist sich ein Unternehmen bei der strategischen Entscheidung, in welchem der vier Felder es aktiv werden möchte, noch unsicher, bietet sich ein zweistufiges Vorgehen an. Als erstes sollte anhand der Branche des eigenen Geschäftsmodells geprüft werden, welcher Bezug zu digitalen Dienstleistungen vorhanden ist. Sind digitale Dienstleistungen Teil des Unternehmensportfolios? Oder werden diese weitgehend K Nachhaltige Digitalisierung oder Nachhaltigkeit durch Digitalisierung? 833 eingekauft und IT-Services sogar outgesourct? Um in den Feldern 2 und 4, also im rechten Bereich der Matrix, aktiv zu werden, ist eine hohe digitale Expertise des eigenen Unternehmens erforderlich. Als Hilfestellung zur Einschätzung der eigenen digitalen Expertise sollte ein Bewusstsein über den eigenen digitalen Reifegrad erlangt werden. Hierfür eignen sich besonders die etablierten Reifegradmodelle von Bitkom (Britze et al. 2020) oder gemäß Appelfeller und Feldmann (2018). Beide Modelle analysieren die interne Ablauforganisation, so dass anhand der eingesetzten Daten, Technologien, Qualitätsprozesse und dem Organisationsetup (Bsp. Bitkom) bzw. anhand der Produktionsprozesse, unter Berücksichtigung der Lieferantenanbindung, der IT-Systeme und dem Kundenkontakt (Bsp. Appelfeller und Feldmann) eine solide Einschätzung des digitalen Reifegrads erfolgen kann. Die zweite Fragestellung betrifft das, was Sinek (2011) als „Start with why“ bezeichnet. Es geht darum zu definieren, warum eine Veränderung erfolgen soll. In der Matrix werden – mit Bezug auf die Schnittmenge von Digitalisierung und Nachhaltigkeit – zwei Antwortmöglichkeiten vorgeschlagen: aus Gründen der Verantwortung des Unternehmens oder zur Monetarisierung eines möglichen neuen Geschäftsfeldes. Bei der Beantwortung dieser Frage geht es auch darum, dass bei einer möglichen Strategieanpassung eine operative Umsetzung durch die Mitarbeiter erfolgen wird. Um die Mitarbeiter hierfür zu gewinnen, sollte eine transparente Begründung erfolgen, welche Beweggründe das Unternehmen dazu geführt haben. Die Limitierungen dieser Arbeit beziehen sich einerseits auf den qualitativen Charakter, so dass keine datengestützte Überprüfung der erstellten Hypothesen erfolgen kann. Andererseits fokussiert sich die Arbeit auf den deutschen Markt und blendet internationale Entwicklungen weitgehend aus, trotz der globalen Relevanz und grenzüberschreitenden gesellschaftlichen Durchdringung beider Megatrends. Es bieten sich weitere gezielte Forschungsintensitäten an, um den Bedarf von Unternehmen nach einer methodischen Orientierungshilfe, möglichen Lösungsansätzen und empirischen Ergebnissen zu decken (nachhaltig.digital 2020; Rüter und Fink 2021). Hierbei besonders zu empfehlen sind (1) die Anwendung von quantitativen Forschungsmethoden (z.B. Befragung von C-Level-Management in Konzernen), (2) der Fokus auf bestimmte Branchen2sowie (3) die Analyse internationaler Ansätze in einer weiteren Arbeit. Funding Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL. Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. 2Siehe z.B. Frondel (2021) für die Diskussion von Digitalisierung und Nachhaltigkeit im Haushalts-, Gebäudeund Verkehrssektor. K 834 S. Winkler et al. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/ licenses/by/4.0/deed.de. Literatur Andersen N, Ahrens C, Seidel A (2022) Corporate digital responsibility survey 2022. https://www2. deloitte.com/content/dam/Deloitte/de/Documents/Corporate%20Responsibility/Corporate%20 Digital%20Responsibility%20Survey%202022.pdf. Zugegriffen: 2. Febr. 2023 Andrae A (2020) Hypotheses for primary energy use, electricity use and CO2 emissions of global computing and its shares of the total between 2020 and 2030. 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