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Verhandlungen der sechsten Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik über die Zolltarifvorlagen am 21. und 22. April 1879 in Frankfurt a.M.

Verein für Socialpolitik

Abstract

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Full text

Verein für Socialpolitik (Ed.) Book Verhandlungen der sechsten Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik über die Zolltarifvorlagen am 21. und 22. April 1879 in Frankfurt a.M. Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. XVI Provided in Cooperation with: Verein für Socialpolitik / German Economic Association Suggested Citation: Verein für Socialpolitik (Ed.) (1879) : Verhandlungen der sechsten Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik über die Zolltarifvorlagen am 21. und 22. April 1879 in Frankfurt a.M., Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. XVI, ISBN 978-3-428-57263-2, Duncker & Humblot, Berlin, https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/285855 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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Verhandlungen von 1879. Leipzig, Verlag von Duncker L Humblot. 1879. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 UchMlMM der Wcn Gkiierelvt'rsmmnlW des verms für LmchMtik über die Zolltarifvorlagen am 21. und 22. April 1879 in Frankfurt a. M. Uuf Ärund der stenographischen Niederschrift herausgegeben vom Ständigen Ausschuß. Leipzig, Aer lag von Duncker L Hum blot. 1879. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Alle Rechte Vorbehalten. Die Derlagshandlung. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Erste Sitzung. Montag, den 21. April 1879. (Die Sitzung wird um 10^ Uhr eröffnet.) Professor Dr. Nasse (Bonn): Meine Herren! Der Ausschuß hat die heutige Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik berufen, um vor der Wiedereröffnung des Reichstags Gelegenheit zu geben zu einer Erörterung der Zollvorlage, welche nach so vielen Seiten tief in unser wirthschaftliches Leben ein  greift und unser Volk mehr bewegt, als jemals früher irgend eine wirthschaftliche Frage gethan. Bisher hat der Verein die Zollfrage noch nicht in den Kreis seiner Erörterungen gezogen und keine Stellung in derselben genommen. In der That konnte auch der Verein bei den Bestrebungen und Rich  tungen, die bisher in ihm vorgewaltet haben, keine principielle Entscheidung treffen und sich weder für das Schutzzollnoch für das Freihandelssystem im Princip aussprechen. Der Verein bildete sich in den Jahren 1872 und 73, weil nach zwei Seilen hin seine Stifter eine Wirkung auf die öffentliche Meinung für nothwendig hielten. Einmal glaubten sie, daß die Bedeutung der sogenannten socialen Frage mehr hervorgehoben werden müsse. Sie waren durchdrungen davon, daß die vielfach noch so üblen wirthschaftlichen und sitt  lichen Zustände in den untern Classen, daß die in denselben um sich greifende Verstimmung und die wachsende Entfremdung der verschiedenen Stände unter  einander unsere größte Aufmerksamkeit verdienen, daß für den Politiker und Nationalökonomen zur Zeit keine Frage wichtiger sei als die nach den Mitteln zur Abhülfe dieser Uebel, zur Hebung der unteren Volksclassen, zu allmählicher Heranziehung derselben zu vermehrtem Wohlstand, größerer Bildung und ernster Sittlichkeit. Dann aber fühlten sich zweitens die Gründer des Vereins in einem Gegensatz zu der Auffassung des Staats, welche in der englischen und franzö  sischen Nationalökonomie bis auf den heutigen Tag die vorherrschende ist. Die hervorragendsten und verdienstvollsten Nationalökonomen jener Länder haben mit wenigen Ausnahmen im Staate nur eine von den Individuen zur Erreichung ge  wisser Zwecke gegründete Gesellschaft gesehen und weil sie so von den Individuen ausgingen und überdieß in England eine sehr mangelhaft organisirte StaatsLchriften XVI. — Verhandlungen 1879. 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 2 Zur Eröffnung. Verwaltung vor Augen hatten, so suchten sie die Aufgaben des Staats auf wirtschaftlichem Gebiete möglichst einzuschränken. Die deutsche Staatslehre hat schon seit geraumer Zeit einen höheren Begriff vom Staate. Sie erkennt in demselben eine über den Individuen stehende Anstalt zur Erziehung des Menschen, zur mannigfachen Förderung seiner sittlichen Lebenszwecke und zur Erhaltung der harmonischen Entwickelung der Gesellschaft. Wir waren nun der Ansicht, daß in Folge des Ursprungs der nationalökonomischen Theorien in England und Frankreich die denselben eigenthümliche Auffassung des Staats auch in der deutschen Volkswirthschaftslehre zu viel Raum gewonnen und daß die in den 60er Jahren bis nach dem französischen Kriege vorherrschenden wirtschaftlichen Richtungen zu ausschließlich von dem Be  streben nach möglichster Einschränkung der Wirksamkeit des Staats erfüllt seien. Von diesen Auffassungen ausgehend, konnte der Verein in der Zollfrage keine principielle Stellung einnehmen. Wir älteren Mitglieder sind, wie ich glaube, wohl ohne Ausnahme entfernt davon, dem Staate das Recht zu bestreiten, durch den Zolltarif dem Einen zu geben, dem Andern zu nehmen und so die Vertheilung des Volkseinkommens wesentlich zu ändern, wenn daraus ein über  wiegender Nutzen für das gemeine Wohl resultirt, und eben so giebt es, glaube ich, unter den Männern, die bisher an den Arbeiten des Vereins theilgenommen, Niemand, der unter allen Umständen eine staatliche Regulirung des internatio  nalen Handels und eine Beschränkung der ausländischen Concurrenz durch Schutzzölle verlangte. Es konnte sich daher für den Verein für Socialpolitik, wenn derselbe seiner bisherigen Richtung treu bleiben wollte, nur darum handeln, in jedem einzelnen Falle die Vortheile, welche eine vorgeschlagene Erhöhung des Zolltarifs auf der einen Seite gewährt, abzuwägen gegen die Nachtheile, die auf der andern Seite ebenfalls mit denselben immer mehr oder weniger verbunden sind. Diese Auf  gabe ist eine unendlich schwierige, weil die Beziehungen des Verkehrs gegenwärtig außerordentlich complicirter Natur sind, weil es überaus schwer ist, einen Ein  griff in die bestehenden wirtschaftlichen Beziehungen, wie ihn jede Aenderung des Zolltarifs in sich schließt, in seine letzten Wirkungen zu verfolgen. Deshalb haben wir geglaubt, dem Lande einen Dienst zu leisten, wenn wir die kurze Zeit, die bis zur Wiedereröffnung des Reichstags für die Prüfung der Tarif  vorlage noch übrig ist, dazu benutzten, um eine Erörterung derselben zu ver  anlassen. Wir haben sachverständige und erfahrene Männer aus den ver  schiedensten wirtschaftlichen Lebensstellungen aufgefordert, uns zu berichten über die Folgen, welche ihrer Meinung nach die Zollerhöhungen haben müssen und mit uns zu berathen, ob die Nachtheile oder die Vortheile die überwiegenden sind. Wir haben Referenten aus beiden Hauptlagern zu gewinnen gesucht und einen möglichst neutralen Ort für die Versammlung gewählt. Wir haben nicht gefürchtet den Wortstreit der verschiedenen Interessen, der aus einer Vertretung so verschiedener Richtungen und Interessen entstehen kann. Denn wir sind überzeugt, daß sowohl in unserer Mitte, wie bei unsern verehrten Gästen vom volkswirthschastlichen Congreß die Rücksicht auf das gemeine Wohl alle Sonder  inleressen weit überwiegt und daß diese Stimmung auch der Ausdrucksweise der entgegenstehenden Ansichten maßvolle Beschränkung in der Form auferlegen wird. Es ist ja nur Aufklärung, um die uns Alle hier zu thun ist, und gern hätte OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Zur Eröffnung. 3 der Ausschuß des Vereins auch in diesem Falle den schwerfälligen, aber gründ  lichen Weg dazu gewählt , welchen wir sonst eingeschlagen haben, und durch Gutachten und Denkschriften die Debatte vorbereitet. Aber die Zeit war dazu nicht ausreichend. Nur den angestrengtesten Bemühungen, namentlich unseres Secretärs, Herrn Professor Held, ist es gelungen, überhaupt die Versammlung innerhalb der kurzen Zeit zu Stande zu bringen. Ich danke Ihnen, meine Herren, im Namen des Ausschusses, daß Sie so zahlreich der Aufforderung gefolgt sind, und bitte Sie nun, zu Ihrer Constituirung schreiten zu wollen. Zunächst bitte ich Sie, einen Präsidenten zu wählen. (Auf Vorschlag des Generalsecretärs Bueck wird Prof. Dr. Nasse sBonn^ durch Acclamation zum ersten Präsidenten gewählt.) Präsident Prof. Dr. Nasse (Bonn): Meine Herren! Ich bin bereit, Vie Wahl anzunehmen, danke Ihnen für das Vertrauen, welches Sie mir ge  währen und hoffe nur auf dieselbe nachsichtige und freundliche Unterstützung, durch welche Sie mir bei den früheren Generalversammlungen die Führung meines Amtes so sehr erleichtert haben. Nach den Statuten hat ver gewählte Präsident die Vicepräsidenten und Secretäre zu ernennen. Ich erlaube mir, als ersten Vicepräsidenten zu er  nennen den Präsidenten des Localcomit^s , den Vicepräsidenten der Frankfurter Handelskammer, Herrn Commerzienrath Petsch, ferner den Vicepräsidenten des Ausschusses des Vereins für Socialpolitik, Herrn Staatsminister a. D. Frhrn. von Roggenbach. (Die Gewählten nehmen die Wahl an.) Als Secretäre schlage ich vor die Herren Prof. Held (Bonn), Dr. Varrentrapp (Frankfurt a. M.), Dr. Bücher (Frankfurt a. M.) und Dr. Eheberg (Straßburg i. E.). (Die Gewählten nehmen ebenfalls die Wahl an.) Der erste Gegenstand unserer Tagesordnung ist: Die Neuwahl des Ausschusses. (Es werden Wahlzettel vertheilt und soll das Resultat der Wahl nach der Pause mitgetheilt werden.) Wir kommen dann zum zweiten Gegenstände unserer Tagesordnung, der Generaldebatte über die Zolltarifvorlage. Ich gebe zuerst dem Referenten, Herrn Dr. Gensel Vas Wort. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 10 I. Gensel. nicht die Rede ; an einzelnen Stellen ist der Schutz so faustdick aufgetragen, daß die Zölle in reine Prohibitivzölle ausarten. Ich habe schon darauf hingewiesen, daß Fürst Bismark den finanziellen Gesichtspunkt in den Vordergrund gestellt hat. Bei der Vorlage ist es nicht ohne Weiteres klar, ob mehr der finanzielle oder mehr der schutzzöllnerische Gesichtspunkt überwiegt. Ich gestehe, mir hat bei der Lecture des Tarifs immer das Liedchen im Kopf gesummt: „A Bisserle Lieb, a Bisserle Treu und a Bisserle Falschheit ist allweil dabei." Was die bis jetzt allein bekannt ge  wordenen Motive für die Getreidezölle anlangt, so sind sie entschieden in schutzzöllnerischem Sinne abgefaßt ; es wird da durchaus Gewicht gelegt auf den Schutz unserer Landwirthschaft, und erst ganz zuletzt kommt das finanzielle Interesse. Nun sagt man, der Gegensatz zwischen Schutzzoll und Finanzzoll ist über  haupt ein rein theoretischer, der gar keine Bedeutung hat. Ja, ich gebe zu, mancher Zoll, der als das eine oder das andere gedacht ist, wirkt zugleich in der anderen Richtung; ein Schutzzoll kann zu gleicher Zeit eine gewisse Ein  nahme bringen. Aber, meine Herren, wenn man einen Tarif machen will, so muß man sich doch vor allen Dingen darüber klar sein, was man eigentlich will, ob man die Einnahmen erhöhen, oder ob man Schutz für die Industrie schaffen will. Im ersten Falle wird man die Zölle so einrichten, daß sie die Einfuhr möglichst wenig stören, im anderen Falle so, daß sie die Einfuhr möglichst beschränken; denn nur wenn die Einfuhr beschränkt wird, wird die Concurrenz vermindert. Fürst Bismarck hat gesagt, wir stehen mit unseren indirecten Abgaben sehr hinter dem Ausland zurück, namentlich hinter England, das im Durch  schnitt der letzten fünf Jahre 418 Millionen an Grenzzöllen eingenommen hat, während wir nur 120 Millionen eingenommen haben. Meine Herren, in einer Beziehung können wir uns England allerdings zum Muster nehmen, das hat Fürst Bismarck auch längst mit seinem klaren Blick sehr wohl erkannt, und ich glaube, es ist das auch jetzt noch seine eigentliche Herzensmeinung, nämlich, daß es das richtigste ist, wenige, aber ertragreiche Artikel in den Tarif aufzunehmen. In England bringen bekanntlich sieben Artikel fast die ganze Einnahme, wobei ihm allerdings seine insulare Lage zu statten kommt. Das Princip, um höhere Einnahmen zu erzielen, sollte auch bei uns sein: wenige Zölle, aber auf Artikel, die einen großen Ertrag bringen können; den Handel möglichst wenig belästigen, noch weniger die Production! Es ist eine alte Regel der Finanzminister, daß man die Henne, welche die goldenen Eier legt, nicht schlachten soll. Nun ist die frühere Belästigung durch die Zölle namentlich dadurch vermindert worden, daß man gestattet hat, die Waaren am Empfangsorte abzufertigen, während sie früher an der Grenze ab  gefertigt werden mußten; sie gehen unter Zollcontrole ein, und wenn sie unter Controls belassen werden, können sie auch frei wieder ins Ausland ausgeführt werden. Vergegenwärtigen wir uns nun, inwieweit dies bei den Gegenständen des neuen Tarifs möglich sein soll. Glauben Sie z. B. , daß es möglich ist, das eingehende Getreide unter Zollcontrole gehen zu lassen? Die Handelsvor  stände von Königsberg, Danzig, Stettin haben überzeugend nachgewiesen, daß ihr Getreidehandel, der zu einem großen Theile aus dem Export deutschen Ge  treides besteht, fast vernichtet werden würde durch die Getreidezölle, wie sie die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Referat. 11 Vorlage vorschlägt. Von Bauund Nutzholz, das wahlweise nach dem Centner oder nach dem Festmeter verzollt werden soll, gehen jährlich etwa 50 bis 60 Millionen Centner ein, davon das meiste in Form don Flößen oder auf ge  koppelten Lowries. Denken Sie sich die unendlichen Schwierigkeiten der Ab  fertigung, wenn diese Massen an der Grenze verwogen oder vermessen werden sollen! Ganz ähnlich verhält es sich mit Schiefer, mit Gerberlohe re. Ich meine, von Finanzzöllen kann hier durchaus nicht vie Rede sein; die Einnahme würde in keinem Verhältniß stehen zu der ungeheueren Belästigung des Verkehrs. Getreide, wie auch die anderen genannten Stoffe, kommt aber nicht bloß in Betracht als Gegenstand des Handels, sondern auch — und unter diesem Gesichtspunkte wollen wir weiter den Tarif prüfen — als Gegenstand weiterer Verarbeitung. Man hat viel gestritten, ob bei Getreide eine Erhöhung der Preise eintreten werde oder nicht. Ich glaube, die einzig richtige Antwort darauf hat der deutsche Landwirthschaftsrath gegeben: je nachdem; so lange die Ernten günstig sind, hier und auswärts, so lange wir nicht Noth haben an Getreide, so lange wird der Zoll keinen Einfluß auf den Preis haben; sobald wir aber eine schlechte Ernte haben, sobald ausländisches Getreide mehr als gewöhnlich eingeführt werden muß, um den Bedarf zu decken, werden wir nicht bloß den Zoll, sondern noch einen höheren Zuschlag bezahlen müssen. Die Erfahrung lehrt denn auch, daß in solchen Fällen die Getreidezölle immer auf  gehoben worden sind. In guten Zeiten nützen sie der Landwirthschaft nicht, und in Zeiten der Theuerung werden sie aufgehoben. Getreide bildet nun, wie gesagt, einen wichtigen Rohstoff für weitere Verarbeitung. Wir consumiren ja das Getreide nicht direct, sondern durch Vermittelung der Mühlenindustrie, und unsere Mühlenindustrie hat im Laufe der letzten Jahre große Bedeutung ge  wonnen; was an Mühlenfabrikaten nach dem Auslande ausgeführt wird, be  ziffert sich je nach den Ernteverhältnissen auf Millionen. Nun sagt man den Müllern: wir wollen euch den einheimischen Markt vollständig sichern, dann braucht ihr nicht zu exportiren. Allein, meine Herren, damit ist der Mühlen  industrie nicht gedient, da ihr der Export oft ungleich vorteilhafter ist. Es werden z. B. von Sachsen bedeutende Quantitäten Mehl nach Böhmen aus  geführt; sollen nun die sächsischen Mühlen gezwungen werden, ihr Product statt dessen z. B. an den Rhein zu verführen, so ist der Weg ein viel weiterer, ganz abgesehen von der Verschiedenheit der Qualitäten, die dort verlangt werden, rc. Um nun die Müller über die Schwierigkeiten und Verluste, welche ihnen drohen, zu trösten, hat man wohl von einer Rückvergütung des Zolles beim Export gesprochen. Ich will diesen Punkt hier ganz kurz beiläufig abthun, im Laufe der Verhandlung wird ja vielleicht Veranlassung sein, näher darauf einzugehen. Meine Herren, die Tarifcommission und der Bundesrath haben das Wort Export-Vergütung meines Wissens nicht in den Mund genommen, und ich meine, sie haben wohl gewußt, warum ; sie würden damit in ein Wespennest ersten Ranges gestochen haben (Zustimmung). Mit dem Vieh verhält es sich ähnlich wie mit dem Getreide, es ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, ebenfalls Rohstoff für einen wichtigen Erwerbszweig ; wir importiren meist mageres Vieh, das gemästet wieder ausgeführt wird. Viehzölle sind damit nicht verträglich. Wenn ich nun aber weiter eingehe auf die eigentlichen Rohstoffe für die Industrie — abgesehen von dem Roheisen, auf das ich jetzt nicht eingehen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 12 I. Gensel. will — , so will die Vorlage besteuern: gewalztes Blei, Zinn und Zink mit 3 für 100 Pottasche mit 1,50 Hartgummi' und Gummiplatten — Halbfabrikate für wichtige Exportartikel — mit 3 Reis zur Stärkefabrikation, den wir erst vor wenigen Jahren befreit hatten, mit 1,20 Halbzeug zur Papierfabrikation mit 1 Farbholzextracte, Gelatine, Ruß rc. — eine bunte Reihe von Artikeln — mit 3 Der Hopfen für die Bier  brauereien soll von 10 auf 20 erhöht, unreife Pommeranzen, Pommeranzen  schalen, zur Essenzenfabrikation dienend, mit 4 belegt werden. Alle diese Artikel, mit Ausnahme des Hopfens, waren bisher frei. Ferner Wachs mit 6 Menschenhaare mit 100 — eine Maßregel, mit welcher man un  gefähr um 5 bis 6 Jahre zu spät kommt, früher hätte das noch eine Be  deutung gehabt, jetzt fast gar nicht. (Zustimmung.) Ich möchte Ihnen hier noch an einer Position zeigen, mit welcher Harm  losigkeit anscheinend die Zolltarifcommission vorgegangen ist. Sie hat unter 9ä mit 3 belegt Anis, Coriander, Fenchel und Kümmel. Ich möchte fast glauben, daß sie sich wenig mehr dabei gedacht hat als: warum sollen diese Artikel nicht auch besteuert werden? Nun, meine Herren, diese Artikel bilden Rohstoffe für eine sehr wichtige Industrie, in der vielleicht 20 bis 25 Mil  lionen angelegt sind, die Fabrikation ätherischer Oele; die Rohstoffe müssen jetzt, da der Anbau in Deutschland durch die Cultur der Zuckerrübe größten - theils verdrängt worden ist, fast durchgängig aus dem Auslande bezogen werden. Nun geben aber diese Stoffe nur einen kleinen Procentsatz von Oel, Coriander z. B. Proc., Kümmel 5 Proc. Es wird also durch den Zoll von 3 das Kilo Corianderöl um 4 das Kilo Kümmelöl um 60 vertheuert, dagegen kann Corianderund Kümmelöl aus dem Auslande als fertiges Fabrikar mit 20 Zoll für das Kilo eingeführt werden. (Heiterkeit.) Ja, meine Herren, diese blühende Industrie wird dadurch mit einem Schlage vernichtet. Durchgängig ist bei diesen Artikeln eine große Belästigung des Verkehrs zu befürchten ohne irgend einen entsprechenden Nutzen. Ich komme nun zu den höheren Halbfabrikaten, wo das Bestreben, zu schützen, mehr in den Vordergrund tritt. Da erwähne ich vor Allem den Draht. Meine Herren, ist da ein Bedürfniß, zu schützen, wo von uns 8 t 000 Centner eingeführt und über 1 Million Centner ausgeführt werden? Weißblech soll mit 5 besteuert werden; Weißblech bildet ein Halbfabrikat für eine sehr bedeutende Haus-Industrie, namentlich im sächsischen Erzgebirge. Der Zoll auf Soda soll ebenfalls erhöht werden. Auf der anderen Seite hat man Aetznatron, ich möchte sagen, als weißen Sperling, ermäßigt, indem man es von 6 auf 4 setzte; es ist das einer der wenigen erfreulichen Punkte in der Vorlage. Ich will noch erwähnen, als Gegenstände, die bisher frei waren: Drucktücher, künstliches Kratzenleder mit 6 Preßspähne mit 8 ; Glasperlen, die bisher aus Italien und Böhmen bezogen wurden und, je nachdem die Mode günstig war, einen sehr bedeutenden Artikel für Weber und Posamentiere, sowie für das Confectionsgeschäft bildeten, sollen statt mit 4 mit 24 besteuert werden. Pack  leinwand, ein wichtiger Artikel nicht bloß für viele Industriezweige, sondern auch namentlich für die Landwirthschaft , welche die daraus gefertigten Säcke braucht, soll erhöht werden, und zwar scheinbar bloß von 4 auf 5 wenn Sie aber OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Referat. 13 Len Tarif näher ansehen, so finden Sie, daß die Commission sagt: was ihr bisher Packleinwand genannt, das nennen wir nicht mehr Packleinwand, Pack  leinwand nennen wir nur jenes ganz grobe Gewebe, welches der Tapezirer braucht, wo einige wenige Fäden auf 2 Centimeter kommen; was ihr Packleinwand nennt, nennen wir Leinwand und besteuern sie mit 10 Um nun zu den eigentlichen Halbfabrikaten der Textilindustrie zu kommen : gekämmte Wolle, bisher frei, soll mit 2 besteuert werden; ja, meine Herren, wir haben früher sehr viel gekämmte Wolle eingeführt, neuerdings kämmen wir unsere Wolle fast durchgängig selbst; die Einfuhr ist, ohne Schutz, auf einen ganz geringen Betrag zurückgegangen. Gesponnene Floretseide, die sogar der österreichische Tarif freiläßt, soll mit 12 besteuert werden; baumwollene Garne in verschiedenen Staffeln bis auf das 3^ fache, von 12 bis 39 Leinenund Wollengarn bis auf das 4 fache. Ich komme sodann zu einem Artikel, der vielleicht nur aus Versehen in dem Maße erhöht worden ist, ich meine gezwirnte Jute-Garne. Das ist selbst dem Bearbeiter der Zusammenstellung, die ich hier vor mir habe und die Vielen von Ihnen gewiß bekannt ist, einer sehr fleißigen Arbeit, entgangen; nämlich durch eine kleine Verstellung in der Pos. 22 ist es dahin gekommen, daß ge  zwirnte Jute-Garne, die bisher 3 auf 100 bezahlen, 36 bezahlen sollen! Meine Herren, wir produciren ziemlich viel Jute-Garn, die Einfuhr des Rohstoffs ist auf ungefähr 300 000 Centner ohne Schutz gestiegen, es werden jedoch bisher bei uns nur grobe Jute-Garne gesponnen. Nun hat sich aber eine recht gesunde und in erfreulicher Entwickelung begriffene Industrie ge  bildet, welche Stoffe aus gezwirntem, gekämmtem Jute-Garn fabricirt, — die bekannten Gardinenstoffe, Tischdecken u. s. w., in Chemnitz und wohl auch an andern Orten. Ja, meine Herren, bisher bezahlte diese Industrie das JuteGarn, das sie aus England bezog und von dem das Kilo ungefähr 1 kostet, mit 3 Zoll aufs Kilo, jetzt soll sie es mit 36 bezahlen, also 36 Proc. des Werthes! Das ist wiederum die reine Vernichtung eines immer  hin wichtigen Industriezweiges. Daß bei den Garnzöllen von großen Erträgen nicht die Rede sein kann, das scheint mir auf der Hand.zu liegen. Der Tarif ist so complicirt und, da die Grenzen der Staffeln, bei Baumwollgarnen namentlich, gerade auf die Hauptnummern gelegt sind, von denen am meisten importirt wird, so den Ver  kehr behindernd, daß eine außerordentliche Zahl von Beamten nothwendig sein wird, um das zu controliren. Man hat diese Schwierigkeiten ja bei den Staffelzöllen in Frankreich, die hier zum Muster gedient haben, hinreichend kennen gelernt. Nun, meine Herren, frage ich, hat unsere Spinnerei wirklich den Schutz nöthig gehabt ? Es wird ja in der Specialdebatte darüber noch viel gesprochen werden. Gestatten Sie mir nur einen kurzen Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich. Unsere Einfuhr von Baumwollgarnen hat sich, während sie in den 30er Jahren noch ungefähr 70 Proc. des Bedarfes betrug, auf ungefähr 17 Proc. vermindert, dagegen ist die Ausfuhr baumwollener Garne bei uns in den letzten 5 Jahren von 91 000 Centnern — ich nenne hier die auf Netto reducirten Zahlen — gestiegen auf 226 000 Centner. Von Baumwollwaaren aber ist die Einfuhr gefallen in den letzten 5 Jahren von 53 000 auf 40 000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 14 I. Gensel. Centner, dagegen die Ausfuhr gestiegen von 210 000 auf 282 000 Centner. Nun vergleichen wir damit, welchen Einfluß die hohen und außerordentlich complicirten , nach der Meinung eifriger Schutzzöllner geradezu musterhaften französischen Garnzölle gehabt haben. Meine Herren, die Einfuhr von Baum  wollgarnen nach Frankreich ist trotz der hohen Zölle in dem gleichen Zeitraum gestiegen von 22 Millionen auf 36,4 Millionen; dagegen ist die Ausfuhrgefallen — während sie bei uns gestiegen ist — von 4,4 Millionen auf 2,5 Millionen , in ganz allmählichem Abfall ; und was die Einfuhr von Baumwollwaaren nach Frankreich anlangt, so ist die ebenfalls gestiegen, dagegen die Ausfuhr wiederum gefallen. Meine Herren, sind solche Verhältnisse etwa ermuthigend, um dem Beispiel von Frankreich zu folgen? Ich glaube, durchaus nicht. Man will damit, möchte ich fast sagen, eine neue Industrie bei uns Hervorrufen, denn für die groben Nummern, welche bei uns vorzugsweise gesponnen werden, braucht unsere Industrie — das haben mir intelligente Spinner selbst gesagt — keinen Schutz ; sie will höheren Schutz haben, um feinere Nummern, um namentlich doublirte Garne zu produciren, und es soll unserer Webwaarenindustrie zugemuthet werden, zu warten, bis die Spinnereien mit ihren Einrichtungen, mit der Anlernung ihrer Arbeiter in einigen Jahren vielleicht so weit sind, daß sie nothdürftig den Bedarf befriedigen können. Man sagt: der Schutz soll nur die Industrie erziehen. Das Bei  spiel von Frankreich beweist in dieser Industrie gerade das Gegentheil; die französischen Spinner verlangen noch immer höheren Schutz, trotzdem die Zölle schon so hoch sind. Als das Elsaß noch zu Frankreich gehörte und im Jahre 1869 eine Enquete über diese Verhältnisse angestellt wurde, da verlangten die Elsasser Spinner höhere Zölle, weil sie nicht concurriren könnten mit Eng  land. Nun, meine Herren, die elsässische Industrie führt jetzt ungefähr Vz von dem, was Frankreich von Garnen überhaupt importirt, dorthin ein; sie con  currirt dort also jetzt mit der englischen Industrie, obgleich sie dieselben Zölle bezahlen muß wie England, und früher behaupteten die Herren, sie könnten trotz des hohen Schutzes nicht concurriren! Nun sind allerdings der Weberei, der . Strumpfwirkerei rc. ebenfalls Schutzzölle zugesagt, aber diese Industrien können davon fast keinen Gebrauch machen, mit Ausnahme einiger weniger Artikel. Wie ich vorhin durch Zahlen nachgewiesen habe, exportiren alle diese Industrien in bedeutendem Maßstabe, und auf dem auswärtigen Markte hilft ihnen der Schutz natürlich nichts, während man ihnen andrerseits das Rohmaterial künstlich vertheuern will — vertheuern in einem Maße, das weit über das hinausgeht, was in dem auto  nomen Tarif die Spinner selbst verlangt haben; dort war der höchste Satz 24 jetzt ist er 39^. (Hört! links). Und in Oesterreich, meine Herren, ist ebenfalls der höchste Satz, auch für doublirte Baumwollgarne, nur 12 Gulden. Ja, meine Herren, ich frage: was ist wichtiger? eine neue Industrie, oder, wenn Sie wollen, eine neue Richtung in einem Industriezweige erst künstlich heranzuziehen oder diebestehenden Industrien gegen Schädigung zu sichern?! Welche Industrie ist die wichtigste? etwa diejenige, wo die meisten Millionäre, die meisten Actienumernehmungen betheiligt sind? Nein, meine Herren, die  jenige, welche die meisten Hände beschäftigt, namentlich die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Referät. 15 meisten selbständigen Hände (vielfaches Bravo! links), die am meisten den Charakter der Kleinindustrie bewahrt hat. Meine Herren, ich befinde mich hier in dein Verein für Socialpolitik und ich glaube, ich habe nicht nöthig, diesen Satz noch weiter zu begründen. Es liegt meines Erachtens ganz im Sinne dieses Vereins, den Schutz der Kleinindustrie zu fordern gegen die Uebervortheilung , die ihr jetzt angesonnen wird durch künstliche Hebung der Großindustrie, welche hauptsächlich durch enorme Gründungen in die jetzige Lage gekommen ist. Meine Herren, unsere Webwaarenindustrie, die viel mehr Hände be  schäftigt, als die Spinnerei, sagt mit wenigen Ausnahmen: wir brauchen keinen Schutz, wir wollen keinen Schutz, wir wollen nichts weiter als freie Be  wegung, gönnt uns unsere bisherige Lebenslust, — und, meine Herren, ich glaube, diese Industrie hat vollständig Recht ! Meine Herren, wenn ich »hiernach den Tarif in seiner Gesammtheit be urtheilen soll, so kann mein Urtheil nicht anders ausfallen — ich sage das mit voller, ruhiger Ueberlegung — : es ist ein nicht genügend, um nicht zu sagen durchaus ungenügend vorbereiteter, nach Grad und Umfang unerhörter Eingriff in die Bedingungen unserer wirthschaftlichen Entwickelung, der in seiner Gesammtheit nur einen schädlichen, ja auf viele Industriezweige einen ge  radezu verderblichen Einfluß haben wird. Meine Herren, ich sagte: ein nicht genügend vorbereiteter Eingriff. Ja, man hat eine Anzahl Enqueten angestellt über einzelne Industriezweige, deren Ergebnisse nur theilweise, durch Indiscretion, in die Öffentlichkeit gedrungen sind, man hat sie uns vorenthalten. Die Zolltarifcommission hat dann noch während ihrer Arbeiten in aller Eile hier und da Informationen zusammengerafft. Ja, meine Herren, wenn man gründliche Informationen einholen will , so must man schon eine ge  naue Kenntniß der betreffenden Industriezweige haben, um überhaupt nur die richtigen Fragen zu stellen. So in Zeit von wenigen Wochen eine vollständige Umgestaltung eines Zolltarifs vorzunehmen, das ist eine unmögliche Aufgabe, und ich glaube, es ist der Commission nur der Vorwurf zu machen, daß sie nicht gesagt hat: das können wir nicht, — sondern daß sie das Unmögliche versucht hat. (Zurufe von rechts: Enqueten! dringlich!) Enqueten? ja, aber ganz einseitig, und wenn ich die thatsächlichen Ergebnisse der Enqueten be  trachte, soweit sie mir bekannt geworden sind — nicht das, was man fälschlich als die Hauptsache bei der Enquete betrachtet, nämlich die Wünsche der Be  theiligten selbst — , dann ist es mir völligunbegreiflich, wie man zu solchen Zollsätzen hat gelangen können. (Sehr richtig! links.) „Dringlich"? dringlich ist nach meiner Ueberzeugung nur das eine Bedürfniß, nämlich die Ein  nahmen des Reiches zu erhöhen, das Reich auf selbständige Einnahmen in höherem Maße als bisher zu stellen, und in dieser Beziehung enthält ja die Tarifvorlage einige Vorschläge für Finanzzölle. Gestatten Sie mir darüber nur noch wenige Bemerkungen. Daß der Tabak geeignet ist, eine erheblich höhere Einnahme zu bringen als bisher, darüber sind fast Alle einig, das Maß ist freilich noch streitig, — ich will darauf nicht weiter eingehen. Beim Zucker hat sich eine Correctur der jetzigen Sätze nach dem gegenwärtigen Stande der Technik schon seit OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 16 I. Genset. längerer Zeit als nöthig herausgestellt. Ob man dabei vielleicht noch eine Er  höhung eintreten lassen kann, lasse ich dahingestellt, jedenfalls würde hier auch eine gewisse Mehreinnahme zu erzielen sein. Was das Bier anlangt, so wird bekanntlich eine Verdoppelung der Brausteuer beabsichtigt. Ich glaube, bei Bier sollte man mit größter Vorsicht zu Werke gehen. Wenn man auf das Beispiel von Bayern verweist, so ist ja klar, daß unsere Verhältnisse ganz anders liegen als die in Bayern. Es wird das Ihnen vermuthlich im Laufe der weiteren Discussion noch von kundigerer Seite dargelegt werden. Wir aber als Social  politiker wollen nicht vergessen, daß das Bier, ich darf getrost so sagen, eine Culturmission zu erfüllen hat gegenüber dem Schnaps, und wir sollten deshalb vorsichtig sein, das Bier irgend erheblich zu vertheuern. (Sehr richtig! links.) Dagegen, meine Herren, habe ich durchaus nichts einzuwenden gegen eine Erhöhung der Branntweinsteuer, und nothwendig vor allen Dingen ist eine einheitliche Branntweinsteuer im ganzen Deutschen Reich, da jetzt aus der großen Verschiedenheit unendliche Mißstände hervorgehen. Die Erhöhung aber empfehle ich unter der Voraussetzung, die ja vom Reichstag bereits wiederholt ausgesprochen worden und die jetzt, so viel ich weiß, schon genügend zur Aus  führung vorbereitet ist, daß nämlich der Spiritus, soweit er zu gewerblichen Zwecken dient, von der Steuer befreit wird. Unter den Einfuhrgegenständen könnte noch höhere Zölle bringen unter anderen: der Wein, wie das auch von der Commission vorgeschlagen ist, und zwar scheint mir auch, wenn man einmal den Wein als Gegenstand eines Finanzzolles in höherem Maße heranziehen will, die Unterscheidung von Wein in Fässern und in Flaschen vollkommen gerechtfertigt. Der Kaffee soll ebenfalls erhöht werden. Auch dagegen habe ich nichts einzuwenden, wenn man nur vorsichtig und nicht in zu starkem Maße auf einmal vorgeht. Meine Herren, wir haben früher die Erfahrung gemacht, — ich habe die Ziffern leider nicht zur Hand, aber, wenn ich nicht irre, hat die letzte Erhöhung des Kaffeezolles in den ersten Jahren sogar einen Ausfall an Ein  nahmen gebracht (Zustimmung), und es hat erst einiger Jahre bedurft, um wieder auf das Niveau zu kommen. Von Thee, Chokolade rc. will ich nicht reden, auch nicht von Süd  früchten; nur die eine Bemerkung gestatten Sie mir, daß ich da Rosinen und Corinthen von der Erhöhung ausgenommen zu sehen wünsche ; vielleicht werden Sie das Interesse, das ich dabei habe, als ein particularistisches bezeichnen — nämlich große Rosinen sind bei uns eine Lieblingsspeise der niederen Bevölkerung, Rindfleisch mit Rosinenbrühe ist das Sonntags-Gericht des kleinen Mannes (Heiterkeit), und die Rosinen concurriren in dieser Beziehung mit gebackenen Pflaumen. Es ist das wirklich ein Bedürfnißartikel geworden. Daß man den Reis nicht als Finanzartikel behandeln sollte, darüber brauche ich wohl kein Wort zu verlieren; die Commission schlägt trotzdem vor, auch den Reiszoll wieder zu erhöhen. Endlich, meine Herren, Petroleum. Nun, ich glaube, Petroleum ist ein sehr geeigneter Artikel, um zu erproben, ob jemand Principienreiter ist oder ob er die wirklichen concreten Verhältnisse ins Auge faßt. Ich würde trotz aller principiellen Bedenken, die gegen einen Petroleumzoll sprechen mögen, mich nicht dagegen erklären, eine Steuer darauf zu legen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Referat. 17 So, meine Herren, können wir ganz erhebliche Mehreinnahmen für das Reich erzielen, und ich glaube, das andere können wir getrost vertagen. Ich will mich nicht von vorn herein gegen jede Erhöhung, selbst von dem Gesichtspunkt des Schutzzolles, erklären. Ich gebe zu, daß hier und da Unebenheiten, Fehler in unserem Tarife sind, die corrigirt werden müssen, auch nach der Richtung hin. Aber, meine Herren, wir müssen eine solche Reform, wie es die Wichtigkeit der Sache verdient, gründlich vorbereiten. Und nun, meine Herren, komme ich noch zu einem Hauptpunkte, den ich aber, um Ihre Geduld nicht zu lange in Anspruch zu nehmen, auch nur ganz kurz berühren werde. Vor allem lege ich ein großes Gewicht darauf , daß wir nicht so ohne Weiteres darauf verzichten, die Handelsverträge zu erneuern. Meine Herren, im Interesse unserer Industrie und unseres Handels liegt es vor allen Dingen, die Bedingungen für ihre Thätigkeit zu stetigen und dauernden zu machen, nicht alle Augenblicke Aenderungen vorzu  nehmen, nicht Ungewißheit zu schaffen, die den Geschäften verderblich ist, oft ver  derblicher als ein bestimmt begrenztes Uebel. Die Ausführung von Aufträgen braucht nickt selten ein halbes Jahr und länger, und Einrichtungen, die nöthig sind zur Vorbereitung der Ausführung, müssen auf Jahre hinaus im Voraus getroffen werden, unter Kenntniß der wirtschaftlichen Bedingungen. Aber wenn die Politik alle Augenblicke sick ändert, dann ist es unmöglich, daß die In  dustrie in gedeihlicher Weise sich entwickelt. Wir haben die Erfahrung gemacht gegen Ende des verflossenen Jahres, wo die Unsicherheit, ob der österreichische Handelsvertrag noch erneuert werden würde oder nicht, unserer Industrie viele Millionen gekostet hat. (Zustimmung.) Das geht nicht, daß man die Be  dingungen der Production so ins Ungewisse stellt. Von diesem Standpunkte aus, meine Herren, muß ich mich zum Schluß noch entschieden erklären gegen den Artikel 5 der Vorlage, welcher für den Bunvesrath die Ermächtigung in Anspruch nimmt, auf den bloßen Umstand hin, daß ein anderer Staat unsere Erzeugnisse in irgend einem Punkte ungünstiger behandelt, mit anderen Worten, einen höheren Zollsatz hat als unser Tarif, daß diesem Staat gegenüber sofort das Doppelte auf die Zölle aufgeschlagen werden kann. Ja, meine Herren, das heißt doch die Bedingungen unserer Production rein in die Willkür des Bundesraths stellen. Diese Clause! könnte sogar dem freihändlerischen England gegenüber gebraucht werden, wo der Spiritus hl'her besteuert wird als bei uns, geschweige andern Staaten gegenüber; wir könnten es erleben, daß von einem Tag auf den andern ganz andere Bedingungen für wichtige Industriezweige geschaffen werden. Man spricht mit ziemlicher Leichtig  keit von Kampfzöllen, von einem frischen fröhlichen Zollkrieg. Wer aber die Dinge, um die es sich dabei handelt, kennt, der weiß, daß das eine furchtbar ernste Sache ist, mit der man nicht spielen sollte. (Sehr richtig.) Ich habe nichts dagegen, daß man für den Abschluß von Handelsverträgen dem Bundes  rath im Voraus eine gewisse Latitüde ' gewährt, daß man eine Erklärung in dem Sinne abgiebt, daß gewisse Zollsätze im Nothfalle sollen erhöht werden können; aber, meine Herren, nur für den Abschluß von Verträgen, nicht, nachdem der Zolltarif in Kraft getreten ist, sondern vorher, damit wir nicht in eine so un  sichere Lage kommen. Also, dieser Artikel 5 ist für mich vollständig unannehmSchriften XVI. — Verhandlungen 1879. 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 18 I. Gensel. Referat. bar, und ich sollte meinen, daß darüber eigentlich kaum eine Meinungs  verschiedenheit bestehen könnte. Man wendet wohl ein, Handelsverträge könnten wir jetzt nicht abschließen, es sei in allen Ländern eine zu starke schutzzöllnerische Strömung. Meine Herren, an dieser Strömung, an der Erhöhung der Zölle in Oesterreich z. B., tragen wir nach meiner vollen Ueberzeugung einen nicht geringen Theil der Schuld mit. Die Schutzzöllner in Oesterreich hätten bei weitem nickt so leichtes Spiel gehabt, mit ihren Forderungen durchzudringen, wenn sie nicht auf die große Bewegung in Deutschland hätten Hinweisen können. Was Frankreich anlangt, so hat sich dort jetzt eine sehr bedeutende Freihandels-Bewegung geltend gemacht. Der französische Minister Tirard ist bekanntlich für seine Person entschiedener Frei  händler; aber wenn Sie auch die Denkschrift der früheren Regierung zum Ent  wurf des Zolltarifs, die ungefähr jetzt vor einem Jahre herausgekommen ist, vergleichen, so finden Sie, daß durchaus ein Fortbauen auf der bisherigen Grundlage betont ist. Die französischen Handelskammern haben sich fast ein  stimmig für die Erneuerung der Handelsverträge ausgesprochen. Die französische Regierung legt in jener Vorlage die bisherigen Vertrags-Tarife dem künftigen allgemeinen Tarif zu Grunde und sie stellt ausdrücklich in Aussicht, daß Han  delsverträge geschlossen, und die Sätze des allgemeinen Tarifs nach Befinden noch weiter ermäßigt werden sollen. Meine Herren! Unter diesen Umständen glaube ich doch nicht, daß wir von vornherein darauf verzichten sollten, Handelsverträge wieder ab  zuschließen, und auf diese Weise die Bedingungen für eine segensreich^ und gedeihliche Entwickelung unseres Handels und unserer Industrie zu beschaffen. (Lebhafter Beifall links.) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Correferat von Prof. Dr. G. Schmöller (Straßburg i. E.) über die Zolltarifvorlage. Geehrte Versammlung! Ich habe es übernommen, als antifreihändlerischer Referent die General  debatte über den neuen Zolltarif einzuleiten, nicht weil ich mich in meinen prin  cipiellen Ueberzeugungen nach allen Seiten von dem Vorredner oder gar von meinen freihändlerischen Freunden aus diesem Vereine absolut unterscheide, wohl aber weil die Bekämpfung des neuen Tarifs und der ganzen heutigen Wendung unserer Handelspolitik, wie sie von den extremen Freihändlern, von der alten Manchesterschule ausgeht, meinen wissenschaftlichen Grundanschauungen, meiner historischen Auffassung der Dinge und meinen socialpolitischen Parteiprincipien widerspricht. Ich glaube nicht, wie jene Herren, daß jede Staatsintervention in volkswirthschaftlichen Dingen schädlich sei, ich glaube nicht, daß die unbedingt freie Concurrenz überall segensreich wirke; ich glaube, daß überall, wo der Druck der Concurrenz über ein gewisses Maß hinausgehl, er mehr Schaden als Segen stiftet, ich glaube, daß der freie, ganz ungehinderte Jnteressenkampf oft  mals nur die Folge hat, den Schwachen auszubeuten und zu vernichten. Und wenn ich zugebe, daß es viele volkswirthschaftliche Schwache, seien es Individuen, Völker oder Industrien gibt, die besser zu Grunde gehen, als erhalten werden, so stelle ich mich doch nicht immer, nicht gegenüber allen Schwachen auf diesen Standpunkt; ich verlange Schutz des Arbeiters gegenüber dem übermächtigen Capital, aber ich verlange auch Schutz einer an sich lebensfähigen, aber im Moment hart bedrängten nationalen Industrie gegenüber ausländischer Uebermacht. Ich gebe unserem großen Juristen Jhering Recht, wenn er die absolute Freihandelstheorie verspottend sagt : daß die Wölfe nach Freiheit rufen, ist selbst  verständlich, wenn es aber auch die Schafe thun, so zeigen sie eben nur, daß sie Schafe sind. Doch bin ich weit entfernt, für jedes England an Wohlstand und IndustrieEntwickelung nachstehende Land ein strenges Schutzzollsystem zu fordern. Schutzund Freihandel sind für mich gar keine principiellen Fragen, sondern unter  geordnete Mittel der staatlichen oder volkswirthschaftlichen Therapie oder Diätetik, die man für Länder von der Cultur Deutschlands nur in maßvollen Dosen, 2* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 26 G. Schmöller. den Arbeitern die ungleichmäßigste Beschäftigung, den ungleichmäßigsten Lohn bringt, damit die sociale Unzufriedenheit und die Härte der Krisen am meisten steigert. Dann aber hängt unser Export nicht so ausschließlich von unseren Zöllen und von unserem Import ab, wie die Freihändler versichern. Die von I. St. Mill aufgestellte Theorie der internationalen Werthe, von der auch Roscher zugibt, daß sie einen Theil der merkantilistischen Argumente wieder voll  ständig rehabilitiren , stellt mit Recht die Frage in den Mittelpunkt der Be  trachtung, wie nothwendig die eine Nation die Producte der anderen brauchte. Je mehr wir nur Rohproducte oder nur ordinäre Waaren ausführen, desto geringer ist an sich der Gewinn, den wir machen, desto mehr fällt der Löwen antheil des Gewinnes auf die mit uns tauschenden Nationen, desto leichter kann man uns entbehren, desto leichter verlieren wir unseren Export. Je mehr wir aber hochfeine, geschmackvolle, technisch vollendete Waaren ausführen, desto mehr braucht man uns, desto sicherer bleibt uns auch trotz einiger Zollerhöhungen unser Export. Unser bisheriger Tarif aber nöthigte uns im Ganzen zu ordinärer, schlechter, billiger Production, zu einer Ausfuhr von Rohproducten, kurz zu einer Stellung im Welthandel, die unserer Technik, unseren Verhältnissen der 30er und 40er Jahre entsprach, die unserer aber heute nickt mehr würdig ist. Wir müssen die Devise „billig und schlecht" aufgeben, zu hoher Technik, zu geschmackvollen Formen, zu feineren Producten, zur Ausfuhr verarbeiteter Producte übergehen und dazu wird uns ein vorübergehender Schutzzolltarif mit rationelleren Zoll  sätzen helfen. Auch Amerika hat trotz seines Schutzzolltarifs seinen Export ge  steigert; Frankreich hat trotz seiner höheren Zölle seinen Gesammthandel von 1850 — 79 nicht minder als Deutschland entwickelt. 3) heißt es: der Schutzzoll wird nur Einzelnen, denen die am meisten Spectakel in der Öffentlichkeit gemacht haben, zukommen. Ich beklage das auch, manche Agitationen dieser Art gehen auch nach meinem Geschmack über das berechtigte Maß der Interessenvertretung hinaus. Aber daß solche Aus  schreitungen vorkommen, liegt in der Natur der öffentlichen Discussion, der Preßfreiheit, des Constitutionalismus, wie die Thatsache, daß jede staatliche Maßregel zunächst einzelnen mehr nützt, als andern, in der Natur menschlicher Dinge und Einrichtungen, überhaupt in der Natur unseres heutigen positiven Rechts, der staatlichen Mittel, über die wir verfügen, liegt. Auch bei andern staatlichen Maßnahmen sehen wir dasselbe: hat etwa das Actiengesetz von 1 8 7 0 allen 40 Millionen Deutschen gleich viel genützt? haben zu seinem Er  laß nicht auch mächtige Interessen mitgewirkt? hat die Coalitionsfreiheit allen Arbeitern gleich viel Nutzen gebracht? Giebt es überhaupt große Be  wegungen in der Politik, ohne daß das Triebrad der Interessen dahinter steht? die Forderung, daß eine staatliche Maßregel einzelnen nicht mehr nütze, als andern, schießt über das Ziel weit hinaus, sie läßt alle Maßstäbe der Gerech  tigkeit, mit denen wir sonst heute arbeiten, in einem utopischen Jcarusflug hinter sich. Die richtig gestellte Frage ist nur die, ob die Nation als solche ein In  teresse dabei hat, daß gewisse Industrien, denen nicht allein, aber in erster Linie der höhere Zoll zu gute kommt, sich heben, wieder mehr Arbeiter beschäftigen. Und das glaube ich im Ganzen mit ja beantworten zu können. 4) wird eingewandt, Schutzzölle können unserer Krisis nicht abhelfen; ihre Ursache sei eine Ueberproduction auf dem eigenen Markte, höchstens neue Absatz  OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Correferat. 27 wege nach Außen könnten uns helfen. Das ist theilweise ganz richtig. Wenn 1870 — 72 in Deutschland jährlich 2000 Locomotiven bestellt wurden und jetzt nur 250, in den nächsten Jahren Bestellungen von 5 — 600 erwartet werden, so kann natürlich kein Schutzzoll der Welt bewirken, daß die Anstalten, die 1872 2000 Locomotiven bauten, wieder voll mit dem Locomotivenbau beschäftigt werden. Wo eine wirkliche Ueberproduction ist, muß sie eingeschränkt oder müssen neue Märkte gewonnen werden. Aber wenn von den jetzt jährlich ein  geführten 3 — 400,000 Ctr. Baumwoll-Garnen, den 9 — 10 Mill. Ctr. Roh  eisen, der 1 Mill. Ctr. Eisenbahnschienen, den 600,000 Ctr. Maschinen u. s. w. nur kleine Theile weniger eingehen, so wird das doch schon einen belebenden Einfluß auf die gesammte nationale Production ausüben. Und ich schätze dabei auch das bloß psychologische Moment nicht gering. Unsere Krisis ist so schlimm, weil sie überschätzt wird. Handel und Industrie stocken, zahllose Arbeiter sind unbeschäftigt, unsere Armenbudgets wachsen unnatürlich an, obwohl unsere Banken von unbeschäftigtem Capital übervoll sind. Je länger das dauert, desto sicherer gehen wir nach langer Stockung später wieder einer Ueberspeculation entgegen. Und das verhindern wir, wenn wir durch Annahme eines reformirten Tarifs dieser psychologischen Ueberschätzung der Krisis, dieser weit übertriebenen Lähmung ent  gegenwirken: es ist sicher, daß seine Annahme sofort nach vielen Seiten die industrielle Thätigkeit heben wird. Lassen Sie mich zuletzt neben diesen Einwendungen des socialpolitischen Vortheils gedenken, den ein reformirter Zolltarif haben wird. Die Durchführung unserer Fabrikgesetzgebung und ihre successive Verbesserung ist bei vollständigem Freihandel unmöglich; der absolute Freihandel nöthigt zum äußersten Lohndrücken, zur Speculation auf Hungerlöhne. Die vollständig ungehinderte Zulassung der böhmischen Concurrenz wird in Schlesien und Sachsen immer wieder die Löhne werfen. Auch die Last der Wehrpflicht, die man anderwärts nicht oder in geringerem Grade hat, drückt auf einzelne Industrien, d. h. die Fähigkeit ihrer Arbeiter, die Stetigkeit der Beschäftigung sehr. Die belgischen Streichgarn  spinnereien, die französische Glasindustrie, sie haben ihren Hauptvorsprung in der unbarmherzigen Kinderausbeutung. Reichen wir also den Fabrikanten die Hand, geben wir ihnen einige Schutzzölle, aber erwarten wir von ihnen dann auch eine andere Stellung in der socialen Frage, eine viel weitergehende Fürsorge für ihre Arbeiter, eine emsigere Thätigkeit für die Hebung derselben. So komme ich zu der Resolution, die ich der Versammlung zur Annahme empfehle: „In Anbetracht, daß die Bemühung um Handelsverträge, die der deut  schen Industrie neue Märkte erschliessen, im Augenblicke bei der gegenwärtigen handelspolitischen Weltlage, aussichtslos ist, in Anbetracht, daß in sämmtlichen Culturstaaten mit Ausnahme von England eine Erhöhung der Zölle entweder schon stattgcfunden hat oder in Aussicht steht, in Anbetracht endlich, daß die Erhöhung einer Anzahl finanziell wichtiger Zölle doch jedenfalls nöthig ist, um die Finanzen des Reiches auf selbständige Grundlage zu stellen, — erklärt sich der Verein für Socialpolitik für eine maßvolle Tarifreform in finanzpolitischem und schutzzöllnerischem Sinne und für eine Ermächtigung, die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 28 G. Schmöller. Correferat. Zollsätze gegenüber den die deutschen Waaren besonders benachteiligenden Staaten noch um einen gewissen Betrag zu erhöhen." Ich betone dabei das Wort „maßvoll", weil mir in dem vom Bundes  rath vorgeschlagenen Tarif, so sehr ich anerkenne, daß er nach manchen Seiten als maßvoll bezeichnet werden kann, doch einzelne Sätze zu weit gehen, andere zweifelhaft sind. Dann aber vor Allem, weit ich einen zu weit gehenden Sieg der Schutzzollpartei nach allen Seiten für schädlich halte. Wie die Wendung der vierziger Jahre uns nicht etwa ein französisches oder russisches Zollsystem brachte, so darf es auch die heutige nickt. Und würde diese übermäßige Wendung kom  men, so wäre sie nicht 2 — 3 Jahre von Bestand. Nur ein maßvoller Schutz  zollsieg garantirt uns die 1879 eingeführten Zollsätze für eine Anzahl Jahre Und eine Anzahl von Jahren wenigstens müssen wir sie haben. Nur wenn wir sie für eine gewisse Zeit festhalten, erreichen wir durch sie oder mit ihnen ein System internationaler Abmachungen, Verträge, internationaler Zolleinigungen, wobei wirkliche Gegenseitigkeit herrscht, eine internationale Fabrikgesetzgebung entsteht, uns dauernd fremde Märkte gesichert werden. Und nun lassen Sie mich mit einer persönlichen Bemerkung schließen. Nur ungern, nur gedrängt von meinen Freunden habe ich dieses Referat übernommen ; viel lieber wäre ich in der Stille der Studirftube geblieben, als ein Urtheil abzugeben in einer Frage, wo ein exatter wissenschaftlicher Beweis nicht möglich, wo Schätzungen und zuletzt allgemeine Ideen, Principien, socialpolitische und historische Glaubenssätze entscheiden. Mein Votum, wie ich es hier nach bestem Wissen und Gewissen abge  geben, bringt mich in Collision mit vielen Freunden, stellt mich auf die Seite von bisherigen Gegnern, von Männern, die ich in den letzten Jahren vielfach vom socialpolitischen Standpunkte glaubte bekämpfen zu müssen. Aber sei es d.rrum : gerade der Vertreter der Wissenschaft ist mehr als jeder Andere berufen, unbeirrt durch persönliche Verbindungen, nur seiner Ueberzeugung zu folgen. Man mag ihn darum angreifen, seine Befähigung, seine Kenntnisse bezweifeln, man mag gegen Professorenund Studirstubenweisheit declamiren, das will ich alles mit Gleichmuth ertragen ; der ehrliche Kampf der Meinungen ist berechtigt. Daß ich Professor einer deutschen Hochschule bin, lasse ich mir gerne vorwerfen; ich bin stolz darauf. Nur gegen Eines erhebt sich jede sittliche Faser in mir, gegen Eines protestire ich im Voraus, gegen jene Art der Charakterverdächtigung, wie sie von gewisser Seite jetzt mit Vorliebe gegen die Vertreter der Staats  wissenschaften auf den Universitäten geübt wird. Selbst wer so kurzsichtig oder so leidenschaftlich befangen ist, in jedem politischen oder socialen Gegner einen schlechten Charakter, einen Streber, oder wie die Ausdrücke heißen, zu suchen, der sollte das wenigstens nicht aussprechen. Jede anständige Discussion beruht auf der Voraussetzung oder, wenn Sie wollen, auf der Fiction, einen ehrlichen loyalen Gegner vor sich zu haben, den Ueber  zeugung und Patriotismus gerade so leiten, wie man das von sich selbst glaubt. An dieser Voraussetzung, an diesem Gedanken, meine Herren, lassen Sie uns heute und immer festhalten. Mag dann die Entscheidung hier in diesem Verein und was wichtiger ist, im Reichstag erfolgen, wie sie will, über aller Kluft verschiedener Meinungen können wir uns dann immer wieder die Hand reichen in der gemeinsamen Liebe zu unserem großen, schönen deutschen Vaterlande, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 General-Debatte. 29 in dem gemeinsamen Glauben an seine Zukunft, in dem gemeinsamen Stolz auf das neue deutsche Reich und seine Begründer, — in dem Stolze auch auf seinen großen Kanzler, ohne den wir den größten Theil der Zunahme des Volkswohl  stands seit 15 Jahren nicht hätten, ohne den wir heute noch in der Misere des alten deutschen Bundesstaates steckten. Als ich — es ist fast auf den Tag heute 13 Jahre — in den letzten Apriltagen des Jahres 1866 mit andern altliberalen Freunden in Halle jene Volksversammlung berief, die zuerst in ganz Preußen es wagte, eine liberale Zu  stimmungsadresse zu der antiösterreichischen Politik des damaligen^Grafen Bismarck zu erlassen, da ertönte das Zeterund Verräthergeschrei über uns, über die kurz  sichtigen Professoren von allen Seiten. Mit Stolz blicke ich heute auf jenen Tag zurück. Aber zugleich bin ich sicher, daß wenn mir Gott das Leben schenken sollte und abermals 13 Jahre verflossen sind, ick mit gleichem Stolz auf mein heutiges Votum zurückblicken werde, ich bin sicher, daß dann auch viele der heutigen erbittertsten Gegner sagen werden: Bismarck hatte 1879 mit dem Beginn einer nationalen Handelspolitik Recht, wie er 1862 — 66 mit seiner das deutsche Reich begründenden Politik Recht hatte. (Lebhafter Beifall.) (Es folgt eine kurze Pause.) Präsident: Meine Herren, der Ausschuß macht Ihnen den Vorschlag, jetzt nicht in die Generaldiscussion einzutreten, sondern zur Anhörung der Spe  cialreferenten überzugehen. Er ist der Meinung, daß die Aufklärung im Ein  zelnen über die verschiedenen Tarifpositionen von Nutzen für die weitere General  discussion sein wird. Gen.-Secr. Bueck (Düsseldorf): Ich möchte doch beantragen, daß die Ver  sammlung jetzt gleich in die Generaldiscussion eintritt. Ich glaube gerade, daß dieselbe wesentlich klärend auf die Specialdiscussionen wirken wird. (Die Versammlung beschließt, sofort in die Generaldiscussion einzutreten. — Auf Antrag des Herrn Dannenberg (Hamburg) wird beschlossen, daß, abgesehen von den Referenten, jeder Redner ohne Ausnahme nur 10 Minuten sprechen soll, und zwar soll das ein absolutes Gebot sein, so daß die Versammlung keinem Redner die Rededauer verlängern soll. — Die Generaldebatte wird eröffnet.) Syndicus Dr. Barth (Bremen): Meine geehrten Herren! Bei der Kürze der Zeit, die den einzelnen Rednern zur Verfügung steht, werde ich nur in bruchstückartiger Weise auf Das eingehen, was uns durch den zweiten Herrn Referenten vorgetragen worden ist. Ich folge dabei der chronologischen Reihen  folge seiner Gedanken. Er hat in den Vordergrund seiner Ausführungen eine Aeußerung des Pro  fessors Jhering gestellt, wonach es allerdings begreiflich sei, wenn die Wölfe nach Freiheit riefen, daß sich aber die Sache ganz anders stelle, wenn die Schafe ge  fragt würden. Er hat dabei implicite zu verstehen gegeben, daß unter den Wölfen die Freihändler und unter den Schafen die Schutzzöllner gemeint seien. (Große Heiterkeit. — Widerspruch.) Wenn das nicht der Fall sein sollte, dann kann ich einen Sinn in dem Jhering'schen Ausspruch überhaupt nicht finden. Unter allen Umständen steht aber so viel fest, daß bei dieser ganzen Be  wegung die Schafe, die geschoren werden sollen, die Konsumenten sind. Dies Beispiel stimmt nicht blos in Bezug auf das Geschorenwerden, sondern auch OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 30 General-Debatte. ebenso gut in Bezug auf die Geduld, mit der die Consumenten sich dieses Ge  schorenwerden gefallen lassen. Ferner ist vom Herrn Professor Schmöller mit großer Emphase, wenn ich mich so ausdrücken darf, der nationale Egoismus in den Vordergrund geschoben. Es ist dies ja eins von den beliebtesten Schlagwörtern, welches in der ganzen Schutzzollbewegung eine große Rolle spielt. Man sucht beständig die Frei  handelspartei so hinzustellen, als wenn sie eine möglichst Utopistische Gesellschaft sei, welche nur Kosmopolitismus triebe und keinen Begriff hätte von dem, was der Nation frommt. Meine Herren, die Freihandelspartei hat gerade so gut ihren nationalen Egoismus wie alle Anderen, sie faßt ihn nur anders auf. Sie wünscht nicht, daß der nationale Egoismus in der Weise ausgelegt werde, daß der Egoismus einzelner Interessentengruppen als nationaler Egoismus dar  gestellt werde, der maßgebend sein müsse für die ganze Politik der Nation, — sondern sie will einen nationalen Egoismus, der das Gesa mm tinteresse der Nation vertritt. (Bravo! links.) Sodann ist vom Herrn Prof. Schmöller darauf hingewiesen, daß es sich nur um eine maßvolle Schutzzollpolitik handeln könne. Er hat es dahin gestellt sein lassen, ob er die jetzige Zolltarifvorlage als einen Ausfluß dieser maßvollen Schutz  zollpolitik betrachtet, es scheint fast so, als ob er das thäte. Dann sind aber die Begriffe über das, was maßvoll ist, sehr verschieden. Ich glaube, daß etwas Maßloseres von Schutzzollpolitik noch niemals getrieben worden ist, als in dieser neuen Vorlage. Ich gehe noch einen Schritt weiter, ich behaupte, daß eine Zolltarifvorlage noch niemals auf so schwachen Grundlagen aufgebaut worden ist. In dieser Beziehung möchte ich Ihnen einige Thatsachen mittheilen, die Sie interessiren werden, — nicht weil ich damit Geheimnisse offenbare, die nicht Jeder wissen dürfte, sondern weil es sich um Material handelt, was vielleicht nicht Jedem von Ihnen zugänglich ist, weil es in den verschiedenartigsten Petitionen zum Ausdruck gekommen ist. Um zu charakterisiren, wie resolut man bei der Auf  stellung dieser Tarifsätze vorgegangen ist, will ich ein paar Beispiele hervorheben. Die Schieferbrecher in Lehesten, einem kleinen thüringischen Ort, gehen von dem Gesichtspunkt aus und haben es in einer gedruckten Petition zum Ausdruck gebracht, daß es überhaupt verwerflich sei, wenn aus fremden Ländern, insbeson  dere von Frankreich, auch nur eine Schieferplatte eingeführt würde. Sie haben das Unglück, nicht an der Bahn zu liegen und müssen daher allein bis zur nächsten Bahnstation Stockheim schon 70 an Fracht bezahlen. So kommt es, daß sie in Bamberg nicht concurriren können, denn die an der Bahn ge  legenen Schieferbrecher in Frankreich können ab Bingen für 95 mit der Bahn die Schieferplatten nach Bamberg befördern, während die Schieferbrecher in Lehesten, obgleich näher gelegen, ebensoviel Transportkosten bezahlen müssen. Sie beklagen sich nun in der energischsten Weise über dies Verhältniß, welches sie mit dem Worte Differentialtarif kennzeichnen zu müssen glauben. Dies ist auch eins von den Schlagworten, welches immer ertönt. Sie erheben deshalb den Anspruch, daß man ihnen einen namhaften Zoll zur Ausgleichung ihres Schicksals bewilligen möge. Diese Argumentation ist der Tarifcommission doch über den Spaß gegangen, aber dem Einfluß des Vertreters von Reuß j. L. ist es im Bundesrath gelungen, auch für diese Schieferbrecher einen Zoll auf Grund dieser vorzüglichen Begründung zu erlangen. (Heiterkeit.) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 I General-Debatte. 31 Noch ein anderes Beispiel, was sehr interessant ist. Eine Jnteressentengruppe, die wohl eingesehen hatte, daß sie zu früh mit ihren Petitionen gekom  men war, hat zu drei oder vier verschiedenen Malen erklärt, daß ihre frühere Forderung zu niedrig gewesen wäre, sie hätte sich inzwischen überzeugt, daß sie doch mehr fordern müßte; schließlich hatte sie sogar den Einfall, zu bemerken, in den früheren Petitionen sei ein Schreibfehler untergelaufen. Es hätte nur noch die Behauptung gefehlt, daß der Abschreiber vom Cobdenclub oder von sonst Jemand gedungen gewesen wäre, in dieser Weise falsche Zahlen einzusetzen. Ader das ist noch nicht das Schlimmste. Eine Jnteressentengruppe, die nicht wußte, wie sie ihre Petition begründen sollte, hat folgende Deduction ge  macht: Wir haben seit Jahr und Tag uns brillant gegen die auswärtige Con  currenz gewehrt, so daß wir doch nun endlich einmal eines Schutzzolles würdig sind. (Heiterkeit.) Das ist auch eine Begründung, sie scheint stichhaltig befunden worden zu sein, denn die Herren haben ihren Schutz bekommen. Das sind so kleine Miscellen und anecdotenhafte Züge, die aber auf die ganze Art, wie der neue Tarif zu Stande gekommen ist, ein sehr bedenkliches Licht werfen. Um zu ernsteren Dingen überzugehen, mag betont werden, daß der Be  richt über die Textilenquete nur etwa acht Tage vor dem Beschluß in den Hän  den der Commission gewesen ist. In acht Tagen aber ist es ein Ding der reinen Unmöglichkeit, den Bericht und die Protocolle über die Textilenquete einigermaßen gründlich zu studiren, und ich muß meine Ueberzeugung dahin aussprechen, daß in der ganzen Commission, einschließlich des Referenten, kein Mensch gewesen ist, der die Protocolle im vollen Umfange hat durchsehen können. Ich stelle die fernere Behauptung auf, daß nur eine Minorität in der Tarif  commission in der Lage gewesen ist, den Bericht mit einiger Andacht durchzulesen. Auf einen Punkt in den Ausführungen des Herrn Prof. Schmöller will ich noch kurz eingehen, nämlich auf seine Ausführungen über den § 5. Da hat sich meines Erachtens Herr Prof. Schmöller eines kleinen Vergehens schuldig gemacht, indem er die Pointe, um die es sich handelt, nicht hervorhob. Worauf es ankommt, ist, daß der Reichstag bei der Sache nicht gefragt werden soll, sondern daß drevi manu vom Bundesrath alle wesentlichen Fragen der Handelspolitik allein entschieden werden können, daß deshalb der Bundesrath mit diesem Z 5 factifch in die Lage kommt, den Reichstag über keine wichtige handelspolitische Frage mehr zu hören. Will man den Reichstag überhaupt mit  reden lassen, so braucht man keinen tz 5. (Lebhaftes Bravo links, Zischen rechts.) * ) *) Durch ein Versehen des Stenographen ist bei diesem und einigen anderen Rednern versäumt worden zu erwähnen, daß dieselben durch den Präsidenten wegen Ablaufs der auf 10 Minuten normirten Redezeit an der Fortsetzung ihrer Rede ver  hindert wurden. Gen.-Secr. Bueck (Düsseldorf): Meine Herren! Meinem Herrn Vor  redner gegenüber will ich sehr gern eine Concession dahin machen, daß der Zoll  tarif, wie er uns vorliegt, sicherlich nichts Vollkommenes ist; dafür hat ihn, glaube ich, noch keiner meiner wirthschaftlichen Freunde gehalten, und wir hoffen, daß nach den wesentlichsten Richtungen darin Verbesserungen vorgenommen wer  den. Wenn er sagt, es habe Keiner die Protocolle gelesen, so hat es erst so OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 32 General-Debatte. geschienen, als ob er das als eine Thatsache hinstellen wollte; nachher hat er nur seine Ueberzeugung dahin ausgesprochen. Große Heiterkeit hat es auf dieser Seite (links) erregt, als der Herr Vor  redner sagte, daß ein Industriezweig erklärt habe : wir haben uns nun so lange gegen die ausländische Concurrenz gewehrt, jetzt bitten wir aber um Schutzzoll. Wenn man im ersten Augenblick das hört, so kann man mit Heiterkeit darauf antworten; wenn Sie aber erwägen, daß diese Industrie möglicherweise ihr Ca  pital verloren hat, um den Kampf so lange zu führen (Dr. Barth: Mit Erfolg gewehrt!), wenn sie nun vor der Möglichkeit steht, ohne Schutz untergehen zu müssen, dann wird es wohl berechtigt sein zu sagen: nun ist der Zeitpunkt ge  kommen, wo wir auch glauben einen Schutzzoll verlangen zu können. Der erste Herr Referent hat den großen Streit ausgenommen , ob unsere Wirtschaftspolitik im Jahre 1818 eine freihändlerische oder schutzzöllnerische war. Ich habe dem blos entgegenzuhalten, daß diese ganze Politik, wie sie von Adam Smith inaugurirt worden ist, sich richtete gegen die vom Mittelalter ererbte Un  freiheit der Person und des Eigenthums. Unfreie Bewegung war die Signatur jener Zeit, und das Auftreten von Adam Smith war meiner Meinung nach damals eben so berechtigt, wie das Verfahren der großen Männer, die damals den preußischen Staat zu reorganisiren hatten. Also der Zwangsform des Mittelalters gegenüber war es eine freiheitliche Bewegung, aber eine freihänd  lerische war es nicht. Die Handelsverträge betreffend, so ist die Zeit derselben vorüber, d. h. die erste Periode derselben. Wir, meine wirthschaftlichen Freunde und ich, hoffen, daß wir nun in eine zweite Periode eintreten werden. Sie müssen uns nicht für Leute ansehen, die eine chinesische Mauer um ihr Vaterland ziehen wollen, sondern wir sind stets bereit, mit anderen Nationen in Verkehr zu treten, und halten dies für nothwendig, wenn dieser Verkehr sich mit Nutzen für uns vollzieht. Wir glauben, daß durch die erste Periode der Handelsverträge die Bedingungen dazu nicht gegeben waren, und hoffen auf eine zweite Periode, die uns größeren Nutzen bringen wird. Der Herr Referent hat von der Handelsbilanz gesprochen und sich bezogen auf die Umlaufsmittel, welche ja jetzt in reicherem Maße als früher vorhanden seien. Ich glaube, da ist doch mancher Zweifel möglich, denn die Herren Ge  lehrten und Sachverständigen gingen in ihren Ansichten über das Maß des 'Münzumlaufes so weit auseinander, daß die Behauptung des Herrn Referenten mir nicht ganz erwiesen zu sein scheint. Bor zwei Jahren schon habe ich mir in diesem Verein ein Beispiel anzuführen erlaubt, wie damals die Angaben des Prof. Soetbeer und die der preußischen Regierung darüber auseinandergingen. Aber wenn man sieht, wie sich heute die Verfügungsfähigkeit über Geld auf überaus kleine Kreise eingeschränkt hat, so kann man sich nicht verhehlen, daß die Rechnung des Herrn Referenten nicht ganz stimmt. Daß die Industrie den Landwirthen die Arbeiter entzogen hat, ist zum Theil richtig; ob zum Nachtheil für die Arbeiter, möchte ich doch dahingestellt sein lassen. Ich glaube, meine Herren, in socialpolitischer Beziehung liegt es nicht im Interesse der Gesammtwirthschaft, wenn wir große Landstriche haben, in denen der Lohn im Winter auf 50 — 60 /K xro Tag ohne Kost für den Ar  beiter und seine Familie bemessen ist. Ich habe in diesem Jahre in einer OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 General-Debatte. 33 Königsberger landwirthschaftlichen Zeitung eine Nonz gelesen, daß selbst in Schleswig in diesem Winter die Löhne nur 60 — 80 für den einzelnen Arbeiter betrugen. Wir haben also eine Bewegung mit Freuden zu begrüßen, welche die Löhne in die Höhe bringen wird. Meine Herren! Der Herr Referent hat gesagt, daß die Principien der Handelsfreiheit jetzt nicht zur Anwendung gebracht werden sollen in ihrer vollen Ausdehnung. Hätte er das 1873 und noch 1876 gesagt, so wäre die Be  wegung vielleicht eine etwas andere geworden; aber bei den Eisenzöllen ist das Princip der Handelsfreiheit voll und ganz zur Anwendung gekommen, und es liegen Erklärungen von sehr hervorragenden Handelscorporationen vor, welche gesagt haben, daß die Beseitigung aller Jndustriezölle das möglichst schnell zu erreichende Ziel ist. Nach diesen Versicherungen mußten wir unser Vorgehen einrichten. Dann ist uns vorgehalten, daß dutch unsere Bestrebungen die Unsicherheit im Handel nur noch gefördert werde. Meine Herren, solch einen Vorwurf muß ich zurückweisen. Der Herr Referent sagte, in den Handelsverträgen haben wir die Basis für die Sicherheit des Handels gehabt. Das ist nicht richtig, denn in den Jahren 1865, 1868, 1870, 1873 und 1877 sind von freihändlerischer Seite die Zölle ermäßigt worden. Es ist immer an ihnen gerüttelt worden, und das war entschieden die größte Beunruhigung, die der Production gegeben werden konnte. Wenn wir also jetzt eine Rückkehr zu sicheren Zuständen haben wollen, so müssen Sie uns nicht als diejenigen hinstellen, von welchen die Unsicherheit ausgegangen ist. Wir sind weit davon entfernt, den Begriff des Zollkrieges so leicht zu nehmen, wie der Herr Referent gemeint hat. Wir wünschen, daß der Zollkrieg nicht in einer Weise um sich greift, wie man vielleicht fürchtet; aber wir stehen auch auf dem Standpunkt, daß wir ihn nicht absolut vermeiden wollen, wo er nothwendig ist für unsere nationale Wirthschaftspolitik. (Bravo ! rechts.) Der Herr Referent hat dann als Beispiel bezüglich der Baumwollzölle die Einfuhr Frankreichs in neuerer Zeit hervorgehoben, indem er sagte, das wäre als Beweis dafür zu betrachten, daß die höchsten Schutzzölle doch nicht vor dem Import schützen können. Hätte er nicht eine spätere kleinere Bemerkung gemacht, so würde ich glauben, der große historische Vorgang der Abtrennung von ElsaßLothringen von Frankreich sei seiner Betrachtung ganz entgangen. Ich möchte mir aber doch erlauben, ihm zur Erwägung anheim zu geben, ob nicht durch eine Lostrennung eines so bedeutenden Industriebezirkes der Import nach Frank  reich gegen früher wesentlich beeinflußt werden mußte. Der Herr Referent hat dann ferner gesagt, daß in Frankreich eine sehr bedeutende freihändlerische Bewegung herrsche. Meine Herren, wenn wir die Freihändler, die jetzt in Frankreich sich an's Ruder zu bringen suchen , vor acht oder sechs oder nur vor zwei Jahren bei uns gehabt hätten mit denselben Be  strebungen und denselben Grundsätzen, dann, glaube ich, würden wir keine Ver  anlassung zur Klage haben. Nun habe ich noch eine kurze Bemerkung zu machen. Als der Herr Correferent die sociale Seite der Frage besonders hervorhob, daß also ein Schutz der nationalen Arbeit in so fern günstig auf die Arbeiter einwirke, als die In  dustriellen die Mittel und auch den Willen haben würden, die WohlfahrtsSchriften XVI. — Verhandlungen 1879. 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 34 General-Debatte. einrichtungen für ihre Arbeiter zu treffen, erschallte von dieser Seite (links), ich glaube es war von Herrn Philippson, ein wirklich triumphirendes „Aha". Wenn Jemand in dieser Richtung wirklich mit großen Opfern vorgegangen ist, so ist es die Großindustrie, der ich näher zu stehen die Ehre habe. Die Anlage  capitalien dieser Großindustrie sind in hervorragender Weise belastet worden durch sehr bedeutende Summen, die sie für Wohlfahrtseinrichtungen für ihre Arbeiter ausgegeben hat. Wer das nicht glauben will, der mag sich durch den Augen  schein von dem überzeugen, was zum Beispiel von der „Georg-Marienhütte", vom „Bochumer Verein" und auf allen Zechen an Arbeiterwohnungen, Me  nagen u. s. w. für die Arbeiter geschaffen ist. Ich glaube, ein solcher Vor  wurf, wie er in diesem „Aha" enthalten war, hätte unserer Großindustrie er  spart werden können. (Bravo! rechts.) Philippson (Berlin): Meine Herren! Ich bin von dem letzten Herrn Vorredner wegen eines Ausrufs, der von nur gekommen sein soll und auch viel  leicht von mir gekommen ist, in einer Weise haranguirt worden, wie man sie wohl selten in dieser Versammlung hört. (Oho! rechts.) Ich werde ihm sofort darauf antworten. Wenn ich,,Aha" gesagt habe, so geschah es nicht, um das zu bestreiten, was von Seiten der Arbeitgeber für Wohnungen und dergleichen gethan ist, obgleich sich dabei sagen läßt, daß der berechtigte Egoismus dabei eine Rolle spielt, sich einen großen Arbeiterstamm heranzubilden, was ich durchaus nicht verwerfen will. Mein „Aha" galt etwas ganz Anderem, nämlich der Behauptung der Herren Schutzzöllner, daß sie durch Schutzzölle und bessere Preise in die Lage kämen, den Arbeitern höhere Löhne zu zahlen. Das leugne ich, das thun sie nie und nimmer. Der Arbeitsmarkt regelt sich durch Angebot und Nachfrage, und die Herren mögen gewinnen, was sie wollen, sie mögen ihre Actien mit noch so großen Dividenden schmücken und ausstatten, — dem Arbeiter werden sie, wenn kein Arbeitermangel ist, deshalb nicht einen Deut mehr geben. (Sehr richtig! links. — Widerspruch und Pfui ! rechts.) So ist es, mögen Sie auch „Pfui !" schreien, das zeigt die Erfahrung. Meine Herren! Es thut mir leid, daß dieser Ton hier angeschlagen worden ist, aber, wenn das geschieht, so muß man auch darauf antworten. (Unterbrechungen rechts.) Präsident Prof. Dr. Nasse: Ich bitte, den Herrn Redner nicht zu unter  brechen, er hat bisher keine die parlamentarische Sitte verletzende Bemerkung gemacht. Philippson (Berlin) fortfahrend : Daß die Großindustrie in der Eisen  branche keine chinesische Mauer haben will, ist ganz natürlich, wenigstens nicht eine chinesische Mauer für die Ausfuhr. Denn wenn die Herren von der Groß  eisenindustrie seit Jahren mit allen möglichen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln — wie soll ich sagen, ich möchte mich keines beleidigenden Ausdrucks bedienen — agitirt haben, um die Zölle wieder herbeizuführen, so würde eine chinesische Mauer bei 7 999 000 Centner Ausfuhr ihnen sehr schlecht bekommen. Wenn z. B. die Herren, die jetzt die Schienenzölle durchaus wiederhaben wollen, im vorigen Jahre 3 172 000 Centner Schienen mehr exportirt als importirt haben und wenn, was thatsächlich bewiesen ist, ganz Deutschland kaum die Hälfte von dem, was hier producirt wird, verbraucht, wohin sollten dann die Herren OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 General-Debatte. 35 bei einer chinesischen Mauer mit ihrem Export? Sie wollen also die chinesische Mauer nur für die Einfuhr haben. Ich wende mich nun zu verschiedenen Bemerkungen des Herrn Correferenten, denen ich durchaus nicht beistimmen kann. Meine Herren, über den nationalen Egoismus ist hier bereits gesprochen worden, und auch ich bin der Ansicht, daß derselbe vollständig berechtigt ist. Schon Herr Dr. Barth hat hervorgehoben, daß unsere Staatsmänner, die sich mehr dem Freihandel zugeneigt haben, weit entfernt davon gewesen sind, kosmopolitische Ideen in der Praxis ausführen zu wollen. Der nationale Egoismus in Deutschland muß darin bestehen, das Volk in den Besitz der Materialien zu setzen, die es verarbeiten kann. Wenn man sodann die Großindustrie beständig von ihrer Bedeutung spre  chen hört, so behaupte ich, das ist verschwindend gegen das, was die Klein  industrie leistet. Wollen Sie Zahlen, — ich bin bereit, sie Ihnen zu geben. Deutschland beschäftigt in der Blechwaarenfabritation bei 15 240 Hauptbetrieben 38 000 Arbeiter. In Stiften, Schrauben, Ketten und Nägeln existiren 10966 Hauptbetriebe mit 22 000 Arbeitern. Es gibt in Deutschland 79 507 Huf  schmiede mit 134 471 Arbeitern, und es gibt 24 742 Schlossereien mit 70 107, und 60 630 Zeugund Messerschmieden mit 43 346 Arbeitern. Diese fünf Categorien beziffern sich, ganz abgesehen von der großen Anzahl Kleinbetriebe, die bei der Maschinenindustrie sind, auf 307 721 Arbeiter; diesen gegenüber steht die Großindustrie mit ihren großartigen Anlagen mit nur 137 350 Personen, — das ist das Verhältniß. (Hört! Hört! links.) Meine Herren, wir müssen bei uns in Deutschland der Kleinindustrie einen großen Spielraum einräumen, denn sie ist diejenige, welche das erfüllt, was man von einer Industrie fordern kann, nämlich daß sie viele Familien ernährt und selbstständig macht. Wenn z. B. Herr Prof. Schmöller die Behauptung aufgestellt hat, daß der Export in der Großindustrie und nicht in der Kleinindustrie liege, so habe ich darauf zu erwidern, daß er sich in dieser Beziehung entschieden geirrt haben muß. Abgesehen von dem Tabak, der 1 12 000 Menschen bei uns beschäftigt und zum größten Theil Kleinindustrie ist, haben wir noch eine colossale In  dustrie in Spielwaaren, in künstlichen Blumen, in Portefeuilles. Von den Eisen  waaren, die in Remscheid und Umgegend gemacht werden, sogar bis tief nach Thüringen hinein, werden exportirt 3/5 der ganzen Production. Wir haben einen bedeutenden Export in Lederwaaren, Papier u. s. w. Mindestens ist also die Kleinindustrie ebenso stark mit dem Export beschäftigt wie die Großindustrie. Wenn er behauptet hat, daß die schutzzöllnerische Politik der 50er Jahre eine Nothwendigkeit war, so antworte ich ihm darauf, daß die schutzzöllnerische Politik der 50er Jahre uns zu der Krisis von 1856 gebracht hat. Gerade durch die größeren Schutzzölle sind wir damals zu der sogenannten hamburg  amerikanischen Krisis gekommen, und nachzuweisen ist, daß dieselbe nicht so intensiv gewesen wäre, wenn nicht durch die Schutzzölle Institute gefördert worden wären, die keine Berechtigung hatten und die maßlos über den Bedarf vergrößert wor  den waren. Ich kann mich auf den theoretischen Streit, ob Freihandel, ob Schutzzoll, nicht einlassen, ich bin kein Theoretiker, ich sehe die Sachen an, wie sie sind und versuche, sie praktisch anzusehen. Ich habe aber immer gefunden, daß, wo eine 3* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 42 Vorstandswahl. — Special-Debatte. Präsident Prof. Dr. Nasse: Das war keine persönliche Bemerkung, sondern eine thatsächliche Berichtigung. Bezüglich der Ergänzungswahl des Ausschusses habe ich Ihnen mitzutheilen, daß abgegeben worden sind 82 Zetttel. Es sind gewählt worden: v. Bojanowsky, Weimar, Brentano, Breslau, Gneist, Berlin, Kalle, Biebrich, Knapp, Straßburg, Loewe-Calbe, Berlin, Ludwig-Wolf, Leipzig, Nasse, Bonn, Neumann, Tübingen, v. Roggenbach, Bonn, Roscher, Leipzig, Schönberg, Tübingen. Meine Herren! Wir kommen nun zum ersten Gegenstände der Specialdebatte. Es ist sonst in parlamentarischen Versammlungen allgemein üblich, daß Derjenige zuerst das Wort erhält, welcher gegen eine Vorlage spricht. Danach würden, wenn wir uns dieser Praxis anschließen, zuerst die Referenten gegen die Tarifvorlage das Wort erhalten und dann die Referenten für die Vorlage. Es würde dann entsprechend in der weiteren Rednerliste fortgefahren werden. Diese Sitte ist aber in diesem Falle nicht ganz genau anwendbar, denn bei den Gesetzesvorlagen der Regierung, wie sie in den parlamentarischen Vertretungen vorkommen, liegen Motive vor; gegen diese kann sich dann der erste Redner wenden, der gegen die Gesetzesvorlage das Wort erhält. Hier aber liegen Motive nicht vor; die Motive, die in den letzten Tagen ausgegeben sind, sind nur sehr wenigen Mitgliedern zu Händen gekommen, nicht einmal den Herren GeneralReferenten. Da fragt es sich, ob es nicht vielleicht richtig ist, zuerst die Redner für zum Worte zu lassen, sowie man den Antragstellern in der Debatte zur Begründung ihres Antrags zuerst das Wort zu geben pflegt. (Die Versammlung beschließt, zuerst den Referenten gegen das Wort er  theilen zu lassen. Danach erhält zunächst das Wort) Referent Sombart-ErmLieben (Berlin): Meine Herren! Als wir im Jahre 1868, 1869 und 1870 lm landwirtschaftlichen Congresse, im Zollparlamente und im norddeutschen Reichstage die Zollund Steuerfrage debattirten, konnte ich mich nie zu dem freihändlerischen Standpunkt meiner Gewerbsgenossen, der Landwirthe, aufschwingen. Auch im Jahre 1873, als durch den deutschen Reichstag die Eisenzölle aufgehoben wurden, habe ich stets gegen dieses rapide Vorgehen gesprochen, und noch im Jahre 1876 habe ich dem Anträge der Centrumspartei im Reichstage zugestimmt, welche, die Ausführung des Gesetzes um drei Jahre zu prolongiren, beantragte. Ich betone dies , um Ihnen zu zeigen, daß ich nicht radical auf dem einen oder anderen Standpunkte stehe. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Getreidezölle. 43 Ganz anders steht die Frage: wie stehst du zu den Getreide-, Viehund Holzzöllen? Das ist ein Novum für mich und wahrscheinlich auch für viele von Ihnen, denn wer vor zwei Jahren diesen Antrag gestellt hätte, hätte viel  leicht den Ruf hören müssen, wie das oft im Reichstage geschieht: oü 68t Zinn? — der ist nämlich Director einer Irrenanstalt. Nach reiflicher Ueberlegung stehe ich aber jetzt auf dem Standpunkte, daß ich mich gegen die Ein  führung der Zölle auf diese drei Artikel erkläre, und dafür will ich Ihnen jetzt mit kurzen Worten meine Gründe entwickeln. Nachdem die deutsche Landwirthschaft in den 20er Jahren theils durch Ueberproduction , theils durch die schwache Kaufkraft der Nation in Folge der gewaltigen Kriegsanstrengungen, so tief gesunken war, wie nie in diesem Jahr  hunderte, und nachdem viele Tausende von Landwirthen mit dem Bettelstäbe ihrer Heimath und ihrem Erbe den Rücken kehren mußten, nach dieser bösen Zeit — trotzdem im Jahre 1827 die Getreidezölle eingeführt wurden — entstand mit dem Anfänge der 30er Jahre eine bessere Zeit. Es ging eine Sonne über der deutschen Landwirthschaft auf, und vom Jahre 1830 bis zum Anfänge der 60er Jahre glaubte man, um mich eines trivialen Ausdruckes zu bedienen, die Bäume wollten in den Himmel wachsen. Wenn wir an der Hand der Statistik sehen, daß im Jahre 1830 der Scheffel Roggen, der allerdings schon unter 1 Thaler in den 20er Jahren gesunken war, sich bereits auf die Höhe von 35 Sgr. ge  hoben hatte, daß er im Jahre 1840 bereits 40 Sgr. kostete, im Jahre 1850 50 Sgr. und endlich zu Anfang der 60er Jahre 67 Sgr. xro Scheffel kostete, und daß der Preis der übrigen Cerealien diesem Maßstabe folgte, dann kann man wohl sagen, daß damals eine goldene Zeit der Landwirthschaft geblüht hat. Wie ich aber wiederholt ausgesprochen habe, war das ein Unglück; denn was wurde durch diese Zustände hervorgerufen? Wenn man an der Hand dieser Zahlen gemeint hätte, der Werth der Grundstücke und Pachtungen müßte sich auch um das Doppelte steigern, dann sehen wir leider die traurige Erscheinung, daß der Werth der Güter um das Dreifache bis dahin gestiegen war, daß die Güter ein Object der Speculation geworden waren und daß der Landwirth ver  lernt hatte zu rechnen. Das Speculationsobject wurde jetzt an den Mann ge  bracht, mit geringem Capital wurde gekauft, und es dauerte nicht lange, als die Nemesis eintrat und die Landwirthschaft sich auf den niedersinkenden Ast begab. Bereits in den Jahren 1863, 1864 und 1865 traten ermäßigte Preise ein. Um nicht die genannten Cerealien alle zu berühren, führe ich wieder den Roggen an. Er fiel um 14^ Sgr. pro Scheffel. Dann kam das Kriegsjahr 1866, zum Theil eine Mißernte in den östlichen Provinzen und noch verschiedene andere Calamitäten, die so auf die Landwirthschaft einwirkten, daß mit dem Jahre 1868 eine wahre Misere ausbrach. Forschen wir nun nach den Gründen, so kann ich bei der Entwickelung der Landwirthschaft neben verschiedenen anderen Gründen nur einen Hauptgrund anführen. Es war allerdings die Entziehung der Arbeitskräfte durch die sich immer mehr entfaltende Industrie, es war der gesteigerte Zinsfuß, weil die In  dustrie der Landwirthschaft ihre Capitalien entzog; aber der wichtigste Factor ist und bleibt der, daß bei einer inzwischen eingetretenen Underproduction, also bei einer größeren Einfuhr als Ausfuhr die Preise sinken mußten, und diesen Factor suche ich in der Entwickelung unserer Verkehrsanstalten, im Eisenbahnwesen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 44 Special-Debatte über Getreidezölle. Meine Herren! Wenn im Laufe der Zeit sich bis jetzt über Deutschland ein Eisenbahnnetz von mehr als 32,000 Kilometern entwickelt hat; wenn auf diesen Bahnen mehr denn 10,000 Locomotiven durch das Land rasen; wenn mehr als 3 Millionen Pferdekräfte den Verkehr vermitteln und während derselben Zeit die ganze Industrie und der Handel in einem Maße steigt, wie wir es nie bisher erlebt haben ; wenn während dieser Zeit die Landwirthschaft in ihrer Production durchaus nicht herunlergegangen ist, die Consumtionskrast des Volkes aber ge  stiegen ist und die Preise dennoch in dieser Weise sinken: dann ist nach meiner Auffassung für die Landwirthschaft ein ungesunder Zustand vorhanden. Um hier Abhilfe zu schaffen, wäre zunächst die Ursache zu erforschen, die ich in den Eisenbahnen gefunden habe und namentlich in den sogenannten Differentialfrachten, in den Refactien, in den übrigen Rabatten, so daß >das Ansland durch Deutschland hindurch und in Deutschland hinein billiger seine Waaren befördert, als die deutsche Landwirthschaft. Durch diesen Umstand sind ganz verschobene Verhältnisse entstanden. Die Productionsgebiete, die seit Jahr  hunderten durch die natürlichen Entfernungen hervorgerufen waren, sind einander näher gebracht, es sind ganz andere Handelsbeziehungen entstanden, und die deutsche Landwirthschaft befindet sich nach meiner Auffassung hier in einer Nothlage. Wenn nun der Landwirth rechtzeitig zu rechnen gelernt hätte und sich auf diese Verhältnisse eingerichtet hätte, dann würde der Zustand allerdings nicht ein  getreten sein. Ich habe es deshalb oft ausgesprochen und will es heute wieder  holen, daß, während 1862 dem deutschen Handelsstande ein Handelsgesetzbuch gegeben wurde, dem die Fabrikbesitzer, die Rheder und andere große Gewerbtreibenden sich unterordnen mußten, dieses Gesetzbuch nicht auch auf den großen Grundbesitz ausgedehnt wurde, daß er nicht verpflichtet wurde, alljährlich In  ventur und Bilanz zu machen, um sich Rechenschaft abzulegen über seine Ver  mögensverhältnisse. Meine Herren! Durch diese Uebelstände sind wir nun dahin gekommen, daß der Landwirth sich für reicher gehalten hat, als er'in der That ist, und daß ich oft sagen muß: es hilft nichts Anderes, du mußt abschreiben. Der Fall tritt sehr oft ein, daß ein Mann, der mit 100,000 Thalern, Gulden oder Mark ein Gut zu 300,000 Thalern, Gulden oder Mark gekauft hat, wenn der Werth des Gutes nach seiner Rentabilität um V3 gesunken ist, jetzt absolut nichts mehr besitzt. Meine Herren! Nach dieser Richtung hin muß sich die Landwirtschaft einrichten, und ich freue mich, daß diejenigen Männer, die im preußischen Staate während des Anfanges der 60er Jahre die Reinerträge für die Grundsteuer ermittelten, nicht von dieser Schwindelzeit sich erfassen ließen und nicht ebenfalls den Speculationspreis zur Basis ihrer Einschätzung machten. Wir waren um so leichter in der Lage, auf diese schiefe Ebene zu gerathen, weil die Grundsteuer bekanntlich mit 10 Millionen Thalern nach dem damaligem Um  fange der Monarchie limitirt war; aber dessen ungeachtet ist die Grundsteuer  einschätzung so, daß nach ihr der Reinertrag bemessen wird, und ich glaube noch mit einem Zuschläge von 50 Proc. den wahren Werth der deutschen Landwirthschaft wenigstens für Preußen repräsentirt. In den übrigen Staaten bin ich nicht so orientirt. Wenn man aber den 40-, 50und noch mehrfachen Reinertrag als den Capitalwerth des Gutes annimmt, dann sage ich, das ist ein Speculationspreis, und der kann nachhaltig nicht bezahlt werden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Dcbatte über Getreidezölle. 45 Deshalb bin ich der Ansicht, daß die Landwirthschaft dieser bösen Erscheinung gegenüber sich einrichten muß. Ich habe aber dabei die Hoffnung, daß, da ich auf dem Boden des Staates und, wenn es sein kann, der Reichseisenbahn stehe, nach der anderen Richtung hin die Schädigung, die ich vorhin erwähnte, in einer den Eisenbahnen und dem Volkswohle entsprechenden Weise beseitigt werde. Meine Herren ! Die Eisenbahnen sind ja die Culturadern des Landes und gewiß die gemeinnützigsten Anstalten, die wir überhaupt besitzen, sie vermitteln den Ver  kehr, sie schaffen neue Werthe. Wenn sie aber der Tummelplatz der Agiotage, des Actienschwindels sein sollen, dann hat der Staat und namentlich der Social  politiker das Recht, gegen dieses laisseiLire und laisseia11eieinzuschreiten und die Grenzen zu ziehen zwischen Gemeinwohl und Speculation. Ich hoffe aber, daß nach dieser Richtung hin eine Remedur eintritt. Was nun aber die Landwirthschaft anbetrifft, so freut es mich, daß von verschiedenen Seiten vorhin die Kleinindustrie in Schutz genommen ist, und ich stehe auf dem Boden, daß wir in der Landwirthschaft, namentlich in Nord  deutschland, mehr auf die Kleinwirthschaft, mehr auf den Bauernstand zurückgreisen müssen. Meine Herren! Wenn durch politische und andere Verhältnisse im Laufe des vorigen Jahrhunderts in gewissen Kreisen und Provinzen der Bauernstand ausgerottet ist und wenn der Tagelöhner, der dort jetzt noch lebe, theils nach Amerika, theils in die Jndustriebezirke, theils in die großen Städte zieht, dann, meine Herren, meine ich, daß dieser Grundbesitz, der nicht mehr in der Lage ist, die gehörigen Arbeiter für eine intensive Wirthschaft zu beschaffen, jetzt aufhören muß zu wirthschaften und einer intensiveren Wirthschaft platzmachen muß. Wenn sie sehen, daß in den sechs östlichen Provinzen von sieben Theilen nur vier bewirthschaftet und drei theils beweidet werden, theils brach liegen und daß den ganzen Sommer hindurch das Vieh dort weidet, statt daß es in dem Stalle den Dünger präparirt für die Felder, dann meine ich, daß dort eine Aenderung eintreten muß und zwar durch den Bauern, der mit seiner Familie, mit seiner vollen Kraft eintritt. Wir haben gesehen, wie in der Provinz Sachsen, wo ich viele Jahre gewirthschaftet habe, wo der gemischte Zustand von Großund Kleingrundbesitzern nebeneinander besteht, in der Regel der kleine Grundbesitzer weiter kommt, als der große Grundbesitzer. Die Bruttoerträge sind allerdings bei dem Großgrundbesitzer höher, aber die Reinerträge sind bei dem Kleingrundbesitzer größer, und deshalb sage ich, er ist der berufene Mann, der da eintreten muß, wo es mit dem Großgrundbesitzer namentlich aus Capital  mangel nicht mehr geht. Ich freue mich, daß in Preußen nach dieser Richtung hin eingelenkt wird. Im Lanvesökonomiecollegium wird bereits die Frage wegen der Parcellirung der Domänen in Aussicht genommen, und darin soll ein Mittel gefunden werden, um den kleinen Mann, wenn er nickt das erforderliche Capital hat, um sich ein Grundstück zu kaufen, durch eine Erboder Grundrente ähnlich, wie wir früher die Erbpacht hatten, in den vollen Besitz dieses Grundstückes zu setzen. Wenn er dann so viel Vermögen mitbringt, daß er das Inventarium und einen Theil der Gebäude bezahlen kann, meine ich, wäre die Rente auch für die Zukunft dasjenige Mittel, um den kleinen Grundbesitzer überhaupt prästations  fähig zu erhalten. Meine Herren, treten Sie einmal in das Hypothekenwesen auf dem Lande ein. Man borgt sich ein Capital, man verschuldet ein Gut zur Hälfte und OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 46 Special-Debatte über Getreidezölle. verspricht, das Capital nach drei oder sechs Monaten zurückzuzahlen. Indem man dies verspricht, begeht man eine Lüge, Venn, wenn man nicht wieder von einem Zweiten oder Dritten das Capital borgen kann, so ist man nicht in der Lage, das Capital zurückzuzahlen. Durch diesen Capitalborgschwindel ist viel Un  heil über die deutsche Landwirthschaft hereingebrochen. Wenn wir aber ein Rentenprincip an die Stelle des Capitals setzen , wenn die Rente, für die der Ertrag des Gutes jährlich die Sicherheit gibt, von Hand zu Hand cedirt werden kann, und wenn ein Capitalist in der Rente seine Ersparnisse anlegen kann, also in fundirtem Vermögen, dann, meine ick, muß ein ähnliches Verhältniß eintreten, wie wir es bei den Actien für Eisenbahnen und vergleichen haben. Es muß nach meiner Auffassung also das Hypothekenwesen, es muß das Erbrecht durch die deutsche Civilgesetzgebung in Mitleidenschaft gezogen werden. Denn während wir auf der einen Seite den Großgrundbesitz theilen, kann ich auf der anderen Seite dem Pulverisirsystem, wie wir es zum Theil in Deutschland haben, ebenso wenig das Wort reden. Mir ist ein Fall bekannt, der auch jüngst von H. vom Rath im Landesökonomiecollegium mitgetheilt wurde. Er nannte uns in der Sitzung dort eine Gemeinde im Kreise Trier, die bei L20 Besitzern 24,000 Parcellen hat, von denen die größte drei Morgen, nur 19 zwei Morgen und 12,000 Par  cellen unter 10 Quadratruthen groß waren. Meine Herren, hier hört die Möglichkeit auf, sich wirtschaftlich einzurichten, und hier muß eine Zusammenlegung statt  finden in ähnlicher Weise, wie ich im Osten dafür eintrat, daß dort eine Parcellirung zunächst der Domänen und dann derjenigen Güter, die selbst nicht mehr zu wirthschaften im Stande sind, eintrete. Wenn wir in dieser Richtung Wandel schaffen, wenn wir die Landwirthschaft so situirt haben, daß sie mit voller Kraft und Intelligenz vorgeht, dann wäre es Zeit, daß wir auch der Völkerwanderung, die sich immer von Osten nach Westen wendet, ein Ende machen und daß die Hohenzollern dann wieder in diejenigen Fußtapfen treten, die ihre Vorväter be  folgt haben, daß sie der Colonisation wieder näher treten und daß der Industrie so geholfen werde, denn sonst geht die deutsche Landwirthschaft der Verarmung entgegen. Für Preußen habe ich die genauesten statistischen Zahlen hierfür in der Steuerkraft. Wir haben bekanntlich in Preußen der Bevölkerung in den Städten und 2/3 auf dem Lande. Nach der Grundund Classensteuer bezahlt jeder Kopf der städtischen Bevölkerung dreimal soviel als die Landbevölkerung. Von der Landbevölkerung gehören außerdem noch 16 Proc. der Industrie an. Sie werden also zugeben, daß die Landbevölkerung verarmt, und das ist kein gesunder Zustand für das Land. Wir alle, auf welcher Seite wir auch stehen, müssen dahin wirken, daß die Landwirthschaft ein wahres, wirkliches, volles Glied in der gemeinsamen Kette vaterländischer Gewerbe werde und bleibe, denn nacb einem alten Sprüchwort heißt es: Hat der Bauer Geld, Hat's die ganze Welt. Um nun auf die Zölle zu kommen, — meinen Sie, daß ein Zoll von 25 auf den Scheffel Roggen irgend einen anderen Einfluß ausübt, als daß er ein Odium auf die Landwirthschaft ladet? Ich spreche nicht von der Er  höhung der Brotpreise, — . die kann bei dieser kleinen Summe nicht eintreten, das ist uns vielfach vorgerechnet worden, daß sie bei den Zwischenhändlern, Bäckern u. s. w. flecken bleibt, aber ein Mittel zur Agitation liegt in diesen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Getreidezölle. 47 25 Von dem reichen Städter rede ich nicht, der kann auch seine Semmel etwas theurer bezahlen, aber der gesummten arbeitenden Classe, der Social  demokratie — ich muß das hier aussprechen — geben Sie das gewaltigste Agitationsmittel in die Hand. Und was sollen diese 25 ^? Als Finanzzoll dienen, damit beruhigt sick so mancher. Ja, die ganze Ausbeute dieser Korn  zölle wird von der Regierung nur auf 9 — 10 Millionen veranschlagt, während die Cerealien, bloß Weizen, Roggen, Gerste und Hafer, jährlick einen Werth von 3 Milliarden repräsentiren. Nun frage ich Sie: was sollen da diese 25 ? Will man etwa mit Speck Mäuse fangen oder auf irgend eine andere Weise dem Landmann die Hand drücken? Meine Herren, ich kann mich auf dieses Händedrücken nicht einlassen, sondern ich sage es offen : die Landwirthsckaft befindet sich in einer sehr kritischen Lage seit 15 Jahren, und sie kann nur mit Staatshilfe aus ihr heraus, indem diese das Ueberwuchern der von mir geschilderten Uebelstände beseitigt und so die Landwirthschaft in gesunde Bahnen einlenkt. Aber, meine Herren, „Gefährlich ist's, den Leu zu wecken, Verderblich ist des Tigers Zahn, Jedoch der schrecklichste der Schrecken, Das ist der Mensch in seinem Wahn," — und hier die ganze Nation, die arbeitenden Classen aufzurufen , das ist ein ge  fährliches Spiel und ich spiele nicht mit dem Feuer. Ich meine, wenn Bismarck den Wahlspruch, der, glaube ich, auf seinem Degen steht: „Laat Hände af, 't sind Näteln dran!" anwendete, so würde er nach meiner Auffassung auf die Kornzölle nicht eingegangen sein! (Sehr gut! links.) Nun habe ich noch einige Worte über Viehund Holzzölle zu sagen. Wenn ich die Kornzölle verwerfe, obgleich ich gern der Landwirthschaft eine Wohlthat erzeigen möchte, so kann ich mich noch viel weniger für Viehund Holzzölle aussprechen. In der deutschen Landwirtschaft, wenigstens wo ich gewirthschaftet habe, hat man mehr oder weniger die Viehhaltung als ein Onus angesehen und erst in neuerer Zeit hat man sich mehr auf die Rindviehzucht geworfen. Man hat Bezüge aus allen Ländern gemacht, um gute Racen zu erziehen, namentlich hat man Jungvieh aus Holland bezogen, dann aus Däne  mark und anderen Landestheilen. Ich habe die statistischen Zahlen hierüber nur im Jahre 1872 in Anwendung ziehen können, weil vorher gegen ElsaßLothringen und sonst eine Zollgrenze nicht vorhanden war, — da war mehr Einals Ausgang von Jungvieh: 90,000 Stück. Die will man jetzt mit 4 pro Stück belegen. Meine Herren, ich frage, warum? Auf den Ausgang hat es gar keinen Einfluß, wir verkaufen namentlich Mastkälber und so etwas nach England, — aber wohl auf den Eingang. Wenn ein Bauer an der Grenze 4 für ein besseres Thier bezahlen soll, dann besinnt er sich, und bei den Kühen sind es gar 6 Ich betrachte die Einfuhr von Vieh vom landwirthschaftlichen Standpunkt aus als einen Veredlungsproceß; wir kaufen unser Vieh da, wo es billiger ist, als wie wir es selbst züchten können, wir kaufen die Kühe, nutzen sie ab, verwerthen sie durch Mast und haben unser Fleisch. Das, was am besten rentirt, der Ochse, soll mit 20 Eingangszoll belegt werden, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 48 Special-Debatte über Getreidezölle. während wir gerade 30,000 Stück Ochsen mehr ausführen als einführen. Vom landwirtschaftlichen Standpunkt aus also ist dies sogar eine Schädigung und der Finanzpunkt ist in der That nicht groß, denn im Durchschnitt der letzten Jahre führen wir überhaupt nur 290,000 Stück Vieh ein und aus, und wir führen gerc/de Mastvieh aus, also hier muß man wägen und nicht zählen. Bei den Pferden ist es ein Unterschied von 20,000 Stück; wir exportiren rund 45,000 und haben eingeführt 65,000 Stück. Hierbei müssen wir aller  dings rechnen, daß wir uns in den letzten Jahren im Kriegswesen mehr ver  stärkt haben und daß die Einfuhr vorzugsweise von Osten und von Westen stattfindet, vom Westen aus Frankreich und Belgien die schweren Arbeitspferde, aus Rußland und Polen die kleinen Thiere. Was führen wir dagegen aus? Luxuspferde, Reitpferde und dergleichen, und darin sollten wir den Export geraoe befördern. Aber darauf wirkt ein Schutzzoll von 10 gar nicht ein, denn bei einem Luxuspserde ist das ganz gleichgültig; wenn aber der Bauer sich ein Fohlen oder ein kleines Pferd tauft, so sind 10 M. schon viel. — Also ein Pferdezoll ist ebenfalls zu verwerfen. Nun haben wir die Schweine in Betracht zu ziehen. Wenn ich nicht irre, hat Fürst Bismarck in seinem Briefe gesagt, der kleine Mann soll das Schweine  fleisch billig haben, Ochsenfleisch u. s. w. kommt an ihn nicht. Er erhöht aber doch den Schweinezoll, der 2 betragen hat, auf 2^ pro Stück und das macht, da wir über 1 Million Schweine mehr einführen als ausführen, schon eine erkleckliche Summe, circa 3 Millionen Das könnte man als einen Finanzzoll betrachten, wenn man nicht dem kleinen Manne gern das Schweine  fleisch billig geben wollte. Abgesehen von den vielen Ueberläufern, die über die polnische Grenze kommen und die der kleine Mann sich kauft und die veredelt werden durch die Mast, ist der Zoll auf Schweine überhaupt ganz verwerflich. Alles Vieh, was wir in Deutschland einführen, veredeln wir und steigern dadurch die Düngerproduction. Es ist ein großer Unterschied, ob ich von einem hungrigen Thier oder von einem reichlich gefütterten Thier den Dünger aufs Feld bringe. Wenn also die Motive zur Tarifvorlage, die ich allerdings in Händen habe, uns sagen, die Viehzucht ist zurückgegangen, deshalb müssen wir den Zoll ein  führen, dann weise ich das kalt lächelnd zurück, es ist das nicht wahr. Wenn gezählt wird und wir haben weniger Thiere, so ist das möglich, aber ihre Qualität ist besser; wir haben jetzt ganz andere Thiere als vor 30, 40 Jahren. Ich hätte aber beinahe die Schafe vergessen. Das Schaf soll 1 xwo Stück Zoll zahlen. Wir führen 460,000 Stück ein im Durchschnitt der letzten Jahre, und 1,175,000 Stück aus, wir haben also eine bedeutende Ueberproduction im Lande. Die Ausfuhr geht als Mastvieh vorzugsweise nach Frankreich. Unsere ganze Richtung in der Schafzucht geht jetzt dahin, daß wir Fleischthiere produciren ; mit der Wollproduction ist es ja leider aus, Australien kann uns billiger bedienen, wir haben uns also auf das Fleischschaf geworfen. Wenn wir also für magere Thiere jetzt 1 bezahlen sollen, so sage ich auch hierbei: fort mit dem Viehzoll! Nun kommt das Holz. Meine Herren, Fürst Bismarck sagt in seinem be kannten Schreiben: der Schutzzoll ist jedesmal ein Privilegium für die betreffende Classe, — und hier haben wir es lediglich mit dem Forstbesitzer zu thun. Der ist sehr zu unterscheiden vom Landwirth, denn der letztere ist großentheils OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Getreidezölle. 49 Pächter, der Forstbesitzer ist aber Grundbesitzer, und der Forst ist, abgesehen von kleinen Parcellen, die nicht maßgebend sind, vorzugsweise in den Händen des Staates, der Commune und der großen Grundbesitzer. Nach der preußischen Forststatistik haben wir etwa 23 Proc. des gesammten Areals in Wald liegen, davon 7^2 Proc. dem Staate, 3^ Proc. den Corporationen und 11 — 12 Proc. den Privatgrundbesitzern gehörig. Es hat gewiß Keiner mehr Achtung vor der preußischen Agrargesetzgebung als ich, die mit dem 14. September 1811 in dem bekannten Landesculturedict gipfelt, aber man kann, wie man sich vulgär ausdrückt, auch oft das Kind mit dem Bade ausschütten und das haben wir in der Gemeinheitstheilung gethan, wo wir nicht besser für die Erhaltung unserer deutschen Wälder gesorgt haben, durch die Theilung der gemeinschaftlichen Wälder in einzelne Parcellen. Dadurch wird allerdings der Waldbesitzer leicht geneigt, abzuhol  zen, aber nicht wieder zu bewalden, und dadurch sind wir jetzt in die traurige Lage ge  kommen, daß wir successive mehr Holz einführen, als wie wir ausführen können, was vor 20 Jahren noch nicht der Fall war. Ich gebe allerdings zu, daß durch die Industrie und durch die Baulust sonst sehr viel Holz in Deutschland gebraucht wird, aber wir sind jetzt dahin gekommen, daß wir allerdings 1/3 des ''Nutzund Bauholzes, welches wir in Deutschland gebrauchen, importiren. Nun geschieht der Import nicht, wie bei der Landwirthschaft sonst, vorzugsweise durch die Eisenbahnen, sondern durch die großen Flüsse, die Elbe, Weichsel, Memel u. s. w., und das hat bei Weitem nicht so nachtheilig auf die Forstwirthschaft, als die Bahnbefrachtung auf die Landwirthschaft eingewirkt. Leider fehlt uns noch eine Waldstatistik; der Reichstag hat ja beschlossen, eine solche ebenso auf  zunehmen, wie er im vorigen Jahre die Statistik für die Feldfrüchte veröffent  licht hat. Mir ist aber aus dem preußischen Etat bekannt, daß im Jahre 1830 die Forsten 3,000,000 Thlr. brachten, im Jahre 1810 3,500,000 Thlr., im Jahre 1850 5,000,000 Thlr., 1860 6,000,000 Thlr. und 1866 bereits 8i/z Mill. Thlr. Wenn ich das Jahr 1867 wegen des Hinzutrittes der neuen Provinzen nicht in Betracht ziehe, so weist der Etat für 1868 bereits eine Ein  nahme von 12,900,000 Thlrn. auf, also rund 39,000,000 Im Jahre 1875 war der Ertrag auf 51,000,000^ und im Jahre 1876 auf 52,000,000^ gestiegen. Meine Herren, Sie sehen hieraus, daß die Wälder successive an Werth und im Ertrag gestiegen sind, und nun soll auf einmal von einer Calamität der Forstbesitzer die Rede sein. Ja, wenn Industrie, Baulust u. s. w. sinken und wenn ein gewaltiger Windbruch die Forsten in einer Weise decimirt, daß mir preußische Oberforstbezirke bekannt sind, in denen das 14 fache des ein  zuschlagenden Ertrages in einem einzigen Jahre durch den Wind gehauen wurde, dann tritt eben, wie im Jahre 1876, eine solche Ueberproduction ein, daß gegenüber der geringen Abnahme wegen des Darniederliegens von Handel und Industrie ein Rückgang eintreten mußte und daß der Etat xro 1879/80 nur 45 Mill, in Einnahme gestellt hat, — aber immer noch mehr als dreimal so viel wie in früheren Jahren. Ich kann also absolut nicht von einem Nothstände der Forsten sprechen und muß auch einen Holzzoll als verwerflich bezeichnen. Dasselbe gilt erst recht von der Lohe. Ich habe vorhin gesagt, daß man einen Fehler gemacht hat, den Eisenzoll abzuschaffen; wenn man aber auf einSchriften XVI. — Verhandlungen 1879. 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 50 Special-Debatte über Getreidezölle. mal wieder den Zoll auf Lohe einführen will, wenn man das Leder vertheuern will, dann frage ich doch : wo bleibt denn da der Consument, der arme Mensch, der Stiefel und Schuhe braucht? Ich denke dabei an den großen Ahnen un  seres Kaisers, an Friedrich Wilhelm I.; der erließ im Jahre 1736 ein Edict, worin es hieß: „Auch sollen die Bauern keine Holzpantoffeln und keine Holz  schuhe mehr tragen, damit die Schuster mehr Arbeit bekommen." — Ja, wenn die Regierung erst so eingreifen will in die nothwendigsten Bedürfnisse des Le  bens — ich will nicht von dem Bamberger'schen Briefe reden, ich stehe nicht auf dem radicalen Standpunkt -- aber wer 2 X 2 zu 4 erheben kann, muß wissen, daß das eine Schädigung der Gesammtheit ist, wenn wir Leder und solche Sachen in dem Maße, wie es hiernach geschehen soll, vertheuern. Also meine Herren, ich möchte Sie bitten, sowohl die Korn-, wie die Viehund die Holzzölle abzulehnen und vielmehr der Landwirthschaft von unten auf aus ihrem Inneren heraus diejenigen Mittel und diejenigen Kräfte zu geben, die zeitgemäß und nothwendig sind. Ich schließe mit einer Strophe von Max von Schenkendorf, der singt.- „Vom Bauernstamm, von unten auf Wird sich ein neues Leben, In Adelsschloß und Bauernhaus, Ein neuer Quell erheben!" (Bravo! links.) (Die Versammlung faßt auf den Vorschlag des Vorsitzenden den Beschluß, bei den Specialdebatten die Referenten nur einmal zu hören, ihnen also nicht zum Schluß nochmals das Wort zu geben) Correferent Baron Dael von Koeth (Sörgenloch bei Mainz): Nach dem umfassenden Vortrage des Herrn Referenten beschränke ich mich auf eine Behandlung der Getreidezölle, um so mehr, als mir bezüglich forstwirthschaftlicher Producte die nöthigen specielleren Kenntnisse abgehen, und ich bezüglich der sonstigen landwirtschaftlichen Erzeugnisse die Vorschläge des Zolltarif-Entwurfs nur befürworten kann. Der Entwurf proponirt für Weizen und Hafer per 100 Kilo 1 oder per Ctr. 1/2 für Roggen (Korn) und Gerste V2 resp. V4 Seit Entstehung des Zollvereins und in Preußen seit 1818 bestand ein Eingangszoll auf Getreide, welcher 1856 V2 per Berliner Scheffel betrug. Ein solcher Getreidezoll bestand ununterbrochen bis 1865, wo er in Folge Zollvertrags mit Oesterreich vom 11. April 1865 aufgehoben wurde, so daß seitdem alles Getreide völlig frei bei uns eingeht. Was war die Folge? 1865 führten wir 2,540,937 Scheffel Getreide mehr aus, als das Ausland bei uns einführte. Dagegen führten wir im Durchschnitt der Jahre 1873 — 77 jährlich 25,391,508 Ctr. und 1877 gar 36,075,061 Ctr. mehr ein, als aus. Das Getreide des Auslands kömmt nämlich völlig frei von Zoll zu uns, während wir enorme Steuern und Abgaben zahlen, von welchen der Ausländer völlig frei ist, für die er billiger Weise aber doch ein Aequivalent zahlen müßte. Diese Ueberfluthung mit Getreide hat ihren Grund in der Ueberproduction des Auslandes, besonders Rußlands und Amerikas. Diese OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Getreidezölle. 51 Länder sind vor uns begünstigt durch Natur, Capitalreichthum, zahlreiche, wohlfeile Communicationsmittel : Eisenbahnen, Transport zur See, auf Flüssen, Canälen und viele sonstige Verhältnisse. Während wir vielfach wenig frucht  baren Boden, hohe Güterpreise, Mangel an tüchtigen Arbeitskräften, hohe Ar  beitslöhne, viele schwere Steuern und Abgaben, zu wenig Betriebscapital haben, erfteuen sich unsere ausländischen Concurrenten vorzüglichen Bodens, geringer Bodenpreise, Ueberfluß an Arbeitern, niedriger Arbeitslöhne. Rußland und Amerika treiben deshalb wahren Raubbau und die Regierungen unterstützen das in jeder Weise. In Amerika erhält nach einem Gesetz von 1862 Jeder, der erklärt, er wolle amerikanischer Bürger werden, im ganzen Gebiet der Ver  einigten Staaten 160 aer68 (beiläufig 65 Hekt. — 260 Morg.) gegen 10 Dollars (42 ^), so daß der Morgen auf 16 zu stehen kommt. Die Union allein besitzt aber an Weizenboden 42,000 Quad. - Meilen, also meh^r wie das Vierfache des Flächeninhalts von ganz Deutschland. Dazu kömmt dann auch noch der Weizenboden des übrigen Amerika. Rußland begünstigt seinen Getreidebau noch dadurch, daß es auf die Ausfuhr seines Ge  treides nach dem Ausland eine Prämie setzt und dafür eine besondere große Exportprämie bezahlt. Dadurch sind die Getreideproducenten und Händler in die Lage versetzt, noch unter den Preisen des Inlandes zu verkaufen. Während das Ausland sein Getreide frei bei uns einführt, erschwert es unsere Einfuhr bei sich mit hohen Eingangszöllen. Sind wir der Concurrenz im Inland nicht gewachsen, wie sollen wir es bei hohen Eingangs  zöllen im Ausland sein! Mit wenigen Ausnahmen erheben alle Länder, namentlich auch die wich  tigsten Getreideproductionsländer, Eingangszölle von Getreide. So insbesondere Frankreich per 100 Kilos amerikanischen Weizen 2 40 für sonstigen Weizen 48 /H, Italien für Hafer 88 sonstiges Getreide 1 12 Oesterreich für russischen Weizen 3 England erhebt an Haferabgaben 70 /H, Amerika per Hektoliter für Weizen 2 31 für Korn 1 73 für Mehl 10 Proc. des Werthes. Bei so bewandten Umständen kann es kein Wunder nehmen, daß unser Absatz an Getreide ins Ausland von Jahr zu Jahr abnimmt, wir im In  land aber immer mehr von ausländischem Getreide überfluthet werden, und die Preise für unser Getreide, insbesondere Weizen und Korn, allmählich so herabgedrückt worden sind, daß sie die Productionskosten nicht mehr decken, mit Verlust weggegeben werden müssen oder in der ^trügerischen Hoffnung besserer Preise zurückbehalten werden. Wer mit Sachkenntniß sämmtliche Kosten berech  net, welche der Getreidebau gegenwärtig verursacht, wird bestätigen, daß derselbe zur Zeit nicht rentirt, daß er im Allgemeinen die Productionskosten nicht auf  bringt. Einen Beweis dafür mit Zahlen hat Gontard in einer jüngst ver  öffentlichten Schrift erbracht, in welcher er detaillirt sämmtliche Productionskosten aufführt, wie sie auf seinem Gute in der Nähe von Leipzig und auf einer Reihe von Gütern in Schlesien und Sachsen in den letzten Jahren in Wirklichkeit vor  gekommen sind. Er begründet damit seine Ueberzeugung, daß in den gut cultivirten Gegenden Deutschlands die Productionskosten Eines Ctr. Roggen (Korn) durchschnittlich 9^ betragen. Für Gerste stellten sie sich ebenso, für Weizen 4* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 58 Speeial-Debatte über Getreidezölle. Der Verein für Social-Politik wolle beschließen: „Den durch den Tarifentwurf vom 4. April d. I. in Aussicht genommenen Finanzzöllen auf Getreide u. s. w. , Vieh , Holz und Lohe u. s. w. seine Zu  stimmung nicht zu ertheilen." Herr Knauer (Gröbers) hat jetzt das Wort. Rittergutsbesitzer Knauer (Gröbers): Meine Herren, ich trete vor Sie hin nickt als Schutzzöllner und nicht als Freihändler, sondern als Finanzzöllner. Der Standpunkt, den ich in dieser Frage seit 7 Jahren eingenommen habe, ist der, daß im Großen und Ganzen neue Finanzzölle für unser Volk zur Füllung der ziemlich leer gewordenen Staatskassen noth thun. Der neue Zolltarif hat im Allge  meinen auf mich einen sehr günstigen Eindruck gemacht, da er größtentheils nur Finanzzölle einführen will und nur einigen fertigen Fabrikaten Schutz verleiht. Als ich denselben durchgelesen hatte und ihn bei Seite legte, sagte ich mir: Schutz der deutschen Arbeit! Das ist das Motiv, aus dem heraus der Tarif gearbeitet ist, und das trifft nicht allein in Betreff der Industrie zu, sondern auch in Betreff der Landwirthschaft, für welche zu sprechen ich die Ehre habe. Dem Herrn Referenten kann ich durchaus nicht beistimmen, namentlich nicht in feinen Schlußfolgerungen und in seinem nunmehro uns mitgetheilten Anträge. Wir beide haben auf manchem Gebiete zusammengekämpft, aber jetzt ist er mir doch zu sehr Philanthrop geworden, und ich kann ihm in diesen dorfgründerischen Ideen nicht folgen, er will die Verbesserung der Landwirthschaft hauptsächlich herbeiführen durch das Colonisationssystem, indem er Bauern machen will. Nach meinem Dafürhalten werden Bauern nur von Bauerfrauen geboren und sind auf andere Weise nicht zu schaffen. (Unruhe.) Der Bauerstand ist nicht künstlich zu erzielen, sondern es ist ein in sich geschlossner Stand, der aus sich selbst hervorgehend nur durch Bildung und Fortschritt und nicht durch Colonisation gefördert werden kann. Ich halte dafür, daß Sie als Industrielle das Recht und die Pflicht haben, den Bauernstand zu heben, damit er das nöthige Getreide producirt. In dieser Beziehung stimme ich dem Herrn Correferenten von ganzem Herzen bei: es ist ein Leichtes, die fehlende Production selbst bei uns zu erzeugen, und dann haben die Zölle, über die wir heute streiten, gar keinen Werth mehr, dann produciren wir das Ge  treide, was wir brauchen, selbst und nur bis dahin bedarf die Landwirthschaft eines Schutzes. Meine Herren, ich bin Bauer, d. h. ich besitze ein Bauerngut, ich stehe dem Bauernstande und dem Kleinbesitz sehr nahe, ich lebe mitten unter ihm. Wenn ich hier spreche, so spreche ich nicht für mich, denn wenn überhaupt eine Schädigung durch die Zölle eintritt, so würden sie mich sehr hart treffen, weil ich viel mehr ausländisches Getreide kaufe und in meiner Wirthschaft consumire, als ich inländisches Getreide verkaufe. (Hört! links.) Ich spreche also nur für meinen Stand. Aber das ist mir klar geworden, daß in Deutschland die Industrie nicht, wie behauptet worden ist, an einer Ueberproduction gelitten hat, sondern daß wir an einer Unter-Consumtion leiden. Ob sie Freihändler oder Schutzzöllner sind, das müssen beide Parteien aner  kennen, die Landwirthschaft befindet sich in einer Krisis, und auch der Herr Referent hat das anerkannt, und dennoch kommt er zu dem Schluß, den Sie in OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Getreidezölle. 59 seinem Anträge haben hervorheben hören. Meine Herren, die Landwirthschaft im Allgemeinen bedarf eines Finanzzolls, damit sie nicht die sämmtlichen Lasten des Staates durch directe Steuern aufbringen muß, was jetzt schon nicht mehr möglich ist. — (Heiterkeit links.) Ganz gewiß, meine Herren, der vorgeschlagene Getreidezoll ist nur ein Finanzzoll. Ich werde Ihnen sagen, weshalb. Ich habe von dem Mispel Ge  treide, den ich verkaufe, ca. 10 Staatsund Communalabgaben zu zahlen, und da wünsche ich, daß auch der fremde Getreideverkäufer, wenn er hier in Deutschland gleich mir Getreide verkauft, auch diese 10 zahle. Ich wünsche, daß der Staat daraus eine Einnahmequelle habe, um seine Einwohner mit Steuern zu entlasten. Jetzt werden Sie mich begreifen, warum ich den Zoll haben will; ich will keinen Schutz, sondern im Getreidehandel nur Gleichstellung mit dem Ausländer. Meine Herren, wie die Unterconsumtion auf uns gewirkt hat, das kann ich Ihnen durch ganz klare Beispiele beweisen. Das Fleisch, was wir producirt haben, hat 36 — 39 pro Ctr. Lebensgewicht gekostet, — heute kostet dasselbe 30 — 33 pro Ctr. Denken Sie sich, wie das wirkt. Wenn wir 42 Mill. Deutsche haben und annehmen, daß die kleinen Kinder und die Leute, die in ihren Verhältnissen nicht geschädigt sind, vielleicht 12 Millionen Einwohner ausmachen, so bleiben 30 Millionen übrig, die durch die Zeitverhältnisse gelitten haben und deren Consum zurückgegangen ist. Wenn nun von diesen 30 Millionen jeder täglich ein Stückchen Fleisch wie mein Daumen groß weniger ißt, so macht das täglich ein Loch Fleuch (Heiterkeit , diese 30 Millionen machen 1 Mill. Pfd. oder 10,000 Ctr., das macht täglich 1000 Ochsen, die weniger consumirt werden. So wirken die kleinsten Ziffern in der National-Oeconomie schließlich in ganz enormer Weise, und der Einzelne sieht und merkt es nicht. Meine Herren, ich komme nun zu dem Tarif, den ich mit Freuden an  nehmen würde, wenn er en dloe angenommen werden könnte. Meine Herren, ich für meine Person würde den Tarif annehmen und auch viele meiner Standes  genossen in den Rübenbaudistricten , wenn für die Landwirthschaft auch nicht 1 drin stände. Wir meinen, der Tarif wird Deutschland wieder hoch bringen in seiner Industrie und wird Arbeit schaffen im eigenen Lande und dann hat die Landwirthschaft die natürliche Abfatzquelle, und deshalb gehen wir mit der Industrie Hand in Hand und wünschen ohne Egoismus der Industrie Glück und Segen zur Durchdringung des ganzen Tarifs. (Bravo! rechts.) Aber das Gros der Landwirthe in der Norddeutschen Sandebene bedarf auch der kleinen Getreidezölle; deshalb bin ich auch wie der Herr Correferent gegen die projectirten 25 für Roggen. Ich will die Gerste nicht berühren, aber 25 für Roggen sind kein Finanzzoll, sondern nur eine Controllabgabe; sollte ein Finanzzoll eingeführt werden, so müßte man doch das Getreide am meisten fassen, was am meisten importirt wird und das ist der Roggen. Nun, meine Herren, der Herr Correferent hat schon auseinander gesetzt: wir Weizenbauer bedürfen eines Zolles nicht, aber die Roggenbauer in Schlesien, der Mark und Pommern, — auch auf meiner Fahrt durch Hessen u. s. w. habe ich fast nur Roggen gesehen. Deshalb würde ich mich freuen, wenn sich die Reichstagsabgeordneten zu der Höhe emporschwingen könnten, ihren leidenden OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 60 Special-Debatte über Getreidezölle. Brüdern auf dem Lande entgegenzukommen und entgegen dem Tarif zu be  schließen: Roggen soll einen Finanzzoll von 50 pro Ctr. tragen. Sie denken, das wirkt als Schutzzoll, aber ich werde Ihnen beweisen, daß ein solcher Zoll von 50 gar keine Bertheuerung herbeiführt. Sie wissen Alle, daß aus Roggen Brod gebacken wird, und zwar aus einem Pfd. Roggen ein Pfd. Brod. Ich hatte vor Kurzem einen Vortrag über diese Sache zu Hallen. Da kaufte ich mir verschiedene Brode, weil ich wissen wollte, wie sich der Brodpreis zum Roggenpreis verhielt. Und staunen Sie, meine Herren, am 10. März habe ich für 50 3^ Pfd. Roggenbrod vom Bäcker gekauft, be  rechnen Sie sich das, es macht 286 auf den Mispel. An demselben Tage war der Roggen im Marktbericht mit 130 verzeichnet, der Bäcker nahm also einen ungerechtfertigten Gewinn von 156 am Mispel. Glauben Sie also, daß da eine Steuer von 50 pro Ctr. irgend einen Einfluß auf den Brodpreis haben kann? (Der Präsident unterbricht den Redner mit dem Hinweis auf die abge  laufenen 10 Minuten.) Meine Herren, das Andere, was ich noch sagen wollte, können Sie sich nach dem Vorhergesagten schon selbst denken. (Heiterkeit. Bravo! rechts.) Redacteur Dannenberg (Hamburg): Meine Herren! Einer der vor  hin aufgetretenen Redner hat der Partei der Freihändler rorgeworfen, sie bestehe aus Egoisten, und der eben abgetretene Vorredner meinte, sie sei so philanthro  pisch, daß man nicht mit ihr auskommen könne. Vielleicht verständigen sich die Herren mit einander über einen Durchschnitt ihrer Meinungen, es kommt dann möglicherweise etwas ganz Vernünftiges heraus. Die Hauptmotivirung, die für die ganze Forderung der Getreidezölle vor  gebracht wird, ist die: es haben durch die stattgefundene Verbesserung der Ver  kehrswege sich die Absatzverhältnisse für Getreide so verändert, daß jetzt vom Auslande große Massen Getreide hereinkommen, welches unter günstigeren Be  dingungen producirt wird, als das deutsche Getreide, und darum solle zur Aus  gleichung das fremde Getreide mit einem Zoll belegt werden. Erlauben Sie mir, meine Herren, Sie in eine gar nicht weit zurückliegende Vergangenheit zurückzuführen und ihnen vorzuhalten, wie dieselbe Verkehrsum  wälzung schon einmal passirt ist, nur mit einem anderen Ausgang. In meiner Jugendzeit, deren ich mich noch vollkommen erinnere, kostete in unserer Gegend das Pfd. Fleisch 2 — 2^ Sgr., die Butter 4 Sgr. Damals gab es noch keine Dampfschiffe nach England, und die Eisenbahnen fingen auch erst an. Später stiegen die Preise, man hat Eisenbahnen gebaut und diese haben vor Allem dazu beigetragen, den Wohlstand des platten Landes zu heben, denn der Absatz der landwirthschaftlichen Producte steigerte sich durch diese Verkehrsverbesserungen wesentlich, ohne daß diese Verkehrserleichterung auch gleichmäßig Denen zu Gute kam, die die damalige Steigerung dieser Producte tragen mußten. Ich weiß aus meiner Jugendzeit mich zu erinnern, wie außerordentlich schwer die consumirende Bevölkerung die Folge der Verkehrsverbesserungen damals getroffen hat, daß nämlich in kurzer Zeit der Verkaufspreis des Fleisches von 2^ auf 7 bis OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Getreidezölle. 61 10 Sgr. gestiegen ist und für Butter in noch höherer Progression. Damals war für die Landwirthschaft ein goldenes Zeitalter; damals hat sie nicht geklagt über die eingeführten Verkehrsverbesserungen, jetzt hat die Verbesserung einen Grad erreicht, daß sie auch einmal auf die Landwirthschaft zurückschlägt. Seien Sie gerecht und lassen Sie denen, die früher Zhnen haben die goldenen Eier liefern müssen, auch einmal die Chance, sich ein wenig zu erholen, und durch die Verbesserung der Verkehrswege ihre Lebensmittel etwas billiger zu beziehen. (Bravo! links.) Wenn das. was durch die Verbesserung der Communicationswege in sehr erfreulichem Maße der Landwirthschaft zu Gute gekommen ist, einmal einem anderen Theile der Gesammtbevölkerung in viel geringerem Maße zu Gute kommt, so behaupten Sie nicht, daß Ihnen Unrecht geschieht, sondern denken Sie, was Ihnen recht war, ist auch Anderen billig. Was die Behauptung anbetrifst, es habe keine Uebertheuerung in den Preisen der Güter stattgefunden, so werde ich Ihnen einige wenige Zahlen vor  legen, welche darthun, daß jene Behauptung in Bezug auf diejenigen Gegenden, aus welchen meine Zahlen stammen, durchaus irrig ist. Ich habe durch persön  liche Bekanntschaft Gelegenheit gehabt, die verschiedenen Verkaufswerthe eines bäuerlichen Grundstücks und eines Ritterguts im Schleswig-Holsteinischen genau festzustellen, ich weiß ganz gewiß, daß die Zahlen zuverlässig sind. Es ist ein bäuerliches Grundeigenthum im Jahre 1824 verkauft worden zu 6000 Courant gleich 2400 Thlrn., dasselbe Grundstück ist im Jahr 1843 verkauft worden für 15,000 Courant und im Jahre 1873, als ja bekanntlich überall der Aufschwung den höchsten Stand erreicht hatte, für 78,000 Courant. Im vorigen Jahre ist es in Folge des Concurses des Käufers wieder verkauft worden, und es ist der unerhörte Fall eingetreten, daß es nur 61,400 gebracht hat. Damit soll bewiesen werden, das Eigenthum auf dem Lande gehe im Werth zurück. Nun diese Summe ist noch immer fast das 9fache dessen, was im Jahr 1824 bezahlt worden ist. Das spricht nicht dafür, daß der Grundwerth so sehr gesunken wäre. Ich möchte wohl wissen, wo sonst ein anderes Berkaufsobject in der Weise gestiegen ist. Das Rittergut ist im Jahre 1819 verkauft worden für 28,000 Thlr., im Jahre 1852 für 60,000 Thlr., 1856 während des Krimkrieges für 114,000 Thlr., 1863 für 170,000 Thlr., 1865 für 201,000 Thlr., 1871 für 285,000 Thlr., und jetzt steht es ebenfalls im Concurs im December 1877 zu 214,000 Thlr. Sie sehen, wenn das eine naturgemäße Steigerung ist und die noch jetzt gebliebenen Preise naturgemäß sind, dann ist keine Calamität vor  handen. Wollen Sie das aber nicht als naturgemäße Verhältnisse anerkennen, so ist erwiesen, daß auch ländliches Grundeigenthum sich dem Schwindel so wenig hat entziehen können wie irgend ein anderes. (Sehr richtig! links.) Dann ist sehr viel davon gesprochen worden, welche schädliche Wirkung die Einfuhr von 26, 28 oder mehr Millionen Centner fremden Getreides auf das landwirtschaftliche Gewerbe ausübt. Meine Herren! Darf ich Sie bitten, sich einfach das Bild auszumalen, wie es in Deutschland ausgesehen hätte, wenn die 28 AM. Ctr. nicht eingeführt wären. Diese 28 Mill. Ctr. sind doch in Deutschland nicht eingeführt worden, um sie ins Wasser zu werfen, sondern nur um zur Ernährung zu dienen, und ihr Fehlen würde Zustände erzeugt haben, an OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 62 Special-Debatte über Getreidezölle. die man, gelinde gesprochen, nur mit großer Betrübniß denken könnte. Wenn Sie sich jetzt beschweren, daß diese Einfuhr da ist, da frage ich : sind Sie über  haupt im Stande, dieselbe entbehrlich zu machen? Der letzte Herr Redner hat gemeint, es sei eine Kleinigkeit, die Production wesentlich zu steigern, etwa um 10 Proc. Meine Herren! Ich halte das nicht für eine solche Kleinigkeit, ich wüßte nicht, wo in Deutschland so große Strecken brauchbaren Landes brach lägen, daß ihre Cultivirung die Production ohne weiteres um 10 Proc. steigern könnte, zumal da die Bevölkerung jährlich um 1 Proc. zunimmt. Nun sagt man, es kommt hauptsächlich diese Zufuhr aus Amerika; dort existiren so überaus günstige Productionsbedingungen und trotzdem legt es einen Zoll auf Getreide und Mehl. Dieser amerikanische Zoll auf Getreide und Mehl ist das unschuldigste Ding von der Welt; Sie können ebenso gut irgend einem Menschen verbieten, Ihnen eine Million zu schenken, wie in Amerika einen Zoll auf Mehl erheben. Es kommt ganz gewiß ebensowenig Jemand in die Lage, Mehl und Getreide nach Nordamerika einzuführen, wie Jemand Ihnen eine Million zum Geschenk anbieten wird. Was aber die Besteuerung anbetrisft, so besitzt der nordamerikanische Staatsbürger den zweifelhaften Borzug, das höchst  besteuerte Subject auf Gottes Erdboden zu sein; jedenfalls bezahlt er erheblich mehr Steuern als der deutsche Landwirth. Der Herr Correferent hat ausgeführt, er müsse von seinem Einkommenjährlich 10 o/o an Grundund Gebäudesteuer, an Einkommensteuer u. s. w. be  zahlen und dies als etwas ganz Ungeheuerliches hingestellt. Wenn er mir die Ehre erweisen will, mich in Hamburg zu besuchen, so will ich ihm nachweisen, daß wir dort eine Grundsteuer von 10 bis 12 vom Bruttoerträge bezahlen und die anderen Steuern noch dazu. Des Ferneren ist auch von dem Herrn Correferenten ausgesprochen, ein Kornzoll in der vorgeschlagenen Höhe könne nichts helfen, es sei nöthig einen Zoll zu erheben in der Höhe von mindestens 2 In Hamburg haben wir ein Sprichwort: „Fix oder nix", — der Herr Correferent ist jedenfalls ein entschiedener Anhänger des Ersteren. Wenn er aber glaubt, daß er die Aussichten der Landwirthschaft, Getreidezölle zu erhalten, da  durch gebessert hat, so dürfte er sich irren. Wiederholt ist betont, es sei nichts so nachtheilig für die Industrie gewesen, wie die fortwährende Unsicherheit ; wenn Sie aber diese Unsicherheit in Permanenz erklären wollen, dann stimmen Sie dafür, daß die Getreideund Viehzölle angenommen werden, denn von dem Augenblick, wo sie angenommen sind, haben Sie keine Minute Ruhe mehr, daß die Zölle bestehen bleiben. Von dem Augenblick geht eine Agitation los, gegen die die jetzige ein Kinderspiel ist, die getrieben wird von der Leidenschaft der Massen, die jetzt noch nicht daran glauben, daß die Zölle so angenommen werden könnten, wie sie vorgeschlagen sind. Wenn Sie Ihr Zollproject durchführen wollen, dann können Sie es nur durchführen, indem Sie die Getreideund Viehzölle fahren lassen. (Der Präsident unterbricht den Redner mit dem Hinweis auf die abgelaufenen 10 Minuten.) Ich schließe mit dem Wunsche, daß der Antrag des Herrn Referenten an  genommen werden möge. (Lebhaftes Bravo! links.) Weimann (Offenbach): Meine Herren, das Hauptargument gegen die Getreidezölle ist bisher immer das gewesen, daß Deutschland die Einfuhr der OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Getreidezölle. 63 fremden 27 Millionen Centner absolut nicht entbehren könne und daß in Folge dessen der Preis, der um 5 pro Mispel erhöht werden würde, auch bei dem sämmtlichen inländischen Getreide um so viel aufschlagen würde. Das ist ja in der bekannten Brochüre Delbrücks — es heißt wenigstens, er sei der Verfasser — enthalten. Nun ist aber seinerzeit, als man die Einfuhr des russischen Roggens zuerst nach Deutschland versuchte, von einem Bedürfniß dazu thatsächlich keine Rede gewesen. Dieses angebliche Bedürfniß ist genau mit dem Moment der Zoll  befreiung eingetreten. Im Gegentheil, es ist den Händlern, welche mit russischem Korn handelten, schwer gefallen, Liebhaber dafür zu finden. Ich bin seinerzeit, als dieser russische Roggen anfing, lebhafter eingeführt zu werden, selber Besitzer eines Gutes, mit einer Mühle verbunden, gewesen, und da ist wiederholt ein Agent nach dem anderen gekommen und hat mir russischen Roggen angeboten. Ich habe ihn sechs Mal nicht angenommen und habe das siebente Mal eine Probe gemacht. Der russische Roggen ist sozusagen förmlich in die Mühlen eingeschmuggelt worden; er ist mit inländischem Roggen zusammengemischt und als inländischer Roggen verkauft worden. Das war die Blüthezeit der Händler mit russischem Roggen. Allmählich haben die Müller ihre Einrichtungen dem russischen Roggen ganz und gar angepaßt, es war das keine Kleinigkeit. Außerdem mußten sie auch das Bäckerpublicum heranziehen, die Bäcker mußten sich auf das Verbacken, welches sehr verschieden ist von dem mit Mehl aus inländischem Roggen , einrichten. In Folge dessen war die Masse der Einfuhr russischen Roggens von vornherein nicht gleich so enorm als sie wohl sonst gleich es gewesen wäre. Niemals ist aber das Bestreben der Händler nur dahin ge  gangen, das Deficit des Roggenausfalls in der Ernte zu decken, sondern sie sind über diese Grenze hinausgegangen und mit dem inländischen Roggen in Con  currenz getreten. Das war ein zu straffes Anspannnen des Bogens seitens des Handels, und dadurch hat er sich einen großen Theil der Lanvwirthe zu Geg  nern gemacht, der heute sonst noch auf seiner Seite gestanden hätte. Es handelt sich nicht um die 5 Aufschlag, sondern darum, daß der inländische Landwirth in die Lage gebracht wird, überhaupt sein Getreide nicht mehr zu russischen Roggenpreisen verkaufen zu können. Ich habe mich im Odenwald davon über  zeugt, wo lediglich derartige kleine und zwar meist schuldenfreie Besitzthümer vorhanden sind, wie sie Herr Sombart zur Lösung der Nothlage der Landwirth  schaft wünscht, daß man thatsächlich nicht zu den Preisen des russischen Roggens den inländischen Roggen hat verkaufen können. Man hat versucht, die in  ländische Frucht nach Probe an der Mühle zu russischen Roggenpreisen zu ver  kaufen, er ist nur unter diesem Preise zu verkaufen gewesen. Das mag an den großen Handelsplätzen anders liegen, hier aber liegt es so im praktischen Leben. Das hat auf mich einen großen Eindruck gemacht. Aus diesem Fall kann man sehen, daß bei dem kleinen Landwirth die Sache praktisch folgendermaßen liegt: Der Müller sagt sich, für den russischen Roggen habe ich einen zwei-, dreimonatlichen Credit, ich bekomme so viel, wie ich haben will, zu jeder Zeit von den Groß  händlern in Frankfurt, Mannheim u. s. w., und deshalb ist es weit bequemer, russischen Roggen zu beziehen als inländischen, den ich gleich bezahlen und in kleinen Partien zusammenkaufen muß. Das ist die Lage, in die der Handel die Production versetzt hat, und diese Ansicht über eine Mission, die der Handel zu OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 64 Special-Debatte über Getreidezölle. haben scheint, möchte ich eine verfehlte nennen. Er hat lediglich sein Wohl im Auge gehabt und einen Gewinn gesucht , ohne Rücksicht auf den Ruin unserer Landwirthe. Meine Herren! Diejenigen, welche sich für den so berühmt gewordenen Consumenten so sehr interessiren, das sind in erster Linie die Seestädte, und von den Seestädten wird der Consument in der liebevollsten Weise behandelt! Es wird nämlich in Bremen von dem Consumenten für 100 Kilo Weizen 2,15 erhoben, der Roggen wird ebenfalls mit einer Consumtionssteuer belegt, Gerste und sonstiges Getreide in Hamburg mit 1,03 Roggen mit 0,70 Es ist natürlich ein großer Unterschied für den Handel, ob man eine städtische Ab  gabe erhebt oder einen Zoll an der Landesgrenze, für den Consumenten aber ist das ganz gleichgültig, für ihn kommt es nur darauf an, ob der Roggen über  haupt vertheuert wird. Also dort erheben die Herren von den Consumenten schlank weg einen Zoll, aber dem Lande können sie den Zoll angeblich des Consumenten wegen nicht bewilligen ! Allerdings wird der Zoll einen beträchtlichen Einfluß haben, aber nicht auf die Brodpreise. Ich bin mir über die Folgen der Einführung des Getreidezolls ganz absolut klar : er wird den Getreidehandel speciell in russischem Roggen zum Theil unterbinden. (Hört! hört! links.) Ja, meine Herren! Das wiederhole ich sehr gern: Den Getreidehandel, der auf Kosten der Landwirthe betrieben wird, und die Landwirthe factisch ruinirt, so lange dabei ein Gewinn für den Handel herausschaut (Beifall rechts; Widerspruch links), diesen Handel möchte ich in dieser Richtung unter  bunden sehen. Dann wird man dahin kommen, mehr nach der Nachfrage das Angebot zu reguliren, als für die Einfuhr von russischem Roggen für dessen Absatz im Lande werben zu lassen, unter Hinweis, daß er viel billiger sei als inländischer. Meine Herren! Wie lange wird er denn noch billiger sein? Eine Grenze ist wirklich schon längst nicht mehr vorhanden. Der Berliner JnländerDetail-Marktpreis steht heute schon unter der Börsennotiz für russischen Roggen. Ich glaube also, daß man sich unter diesen Umständen zwei Mal besinnen muß, ob man sich zu Gunsten dieses Handels oder einer Production entscheidet, die mehr als die Hälfte der Bewohner Deutschlands umfaßt und ernährt. Für mich ist das Resultat durchaus nicht zweifelhaft, ich halte die von Herrn Sombart vorgeschlagene Resolution für absolut unannehmbar. (Lebhaftes Bravo! rechts). Prof. Dr. Nasse (Bonn) * ): Meine Herren, die Allianz zwischen den agrarischen und den industriellen Schutzzöllnern ist ohne Zweifel das charak  teristische Moment der gegenwärtigen politischen Situation und eine Thatsache von der größten Bedeutung, denn darin liegt die ganze Aussicht auf Erfolg der Tarifvorlage, welche gemacht ist. Die Allianz ist in der That eine außerordent  liche Erscheinung. Alle die großen Theoretiker des Schutzzolls, auf welche die Herren industriellen Schutzzöllner sich immer berufen, sind entschieden Gegner der Zölle auf Getreide und landwirthschaftliche Producte gewesen, List, Carey haben zu verschiedenen Malen sich entschieden dagegen ausgesprochen, daß von landwirthschaftlichen Produtten Zölle erhoben werden In kaum irgend einem Lande sind auch bisher die Landwirthe mit den Industriellen in Zollfragen Hand *) Der Vicepräsident Freiherr von Roggenbach übernimmt das Präsidium. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Getreidezölle. 65 in Hand gegangen, sondern fast immer Hal sich ein Gegensatz geltend gemacht, und ich bin überzeugt, auch bei uns wird diese Allianz nicht lange dauern, son  dern es werden in Kurzem die Landwirthe einsehen, daß sie bei derselben ganz außerordentlich schlecht gefahren sind. Meine Herren, ich kann es ja den Land  wirthen nicht gerade verdenken, wenn sie in einer Zeit, in der fast jeder In  dustrielle eine Bertheuerung der Producte, die er herstellt, durch Schutzzölle zu erlangen hofft, zuletzt sagen: es wäre wünschenswerth, daß wir dann auch irgend einen Vortheil bei dieser Tarifvorlage hätten; aber ich fürchte, sie werden sehr rasch einsehen, daß dieser Vortheil ein illusorischer ist. Ich will in die Frage, inwiefern das Getreide, das Holz durch den vor  geschlagenen Zoll vertheuert wird, nicht eingehen, aber das scheint mir doch sicher zu sein, entweder findet eine Bertheuerung des Getreides in Folge der Zölle statt, oder sie findet nicht statt. In sehr vielen der Discussionen, die statt  gefunden haben, wird gesprochen von allerhand Vortheilen, welche die Landwirthe haben sollten von diesen Zöllen ; aber zugleich wird behauptet, eine Vercheuerung des Getreides soll nicht erreicht werden. Wenn eine Bertheuerung des Getreides nicht erreicht wird, so haben die Producenten auch keinen Vortheil davon. Das scheint mir klar zu sein. (Zuruf.) Es wird mir entgegengeworfen: Brod! Es ist richtig, daß zwischen Ge  treide und Brod ein Unterschied ist und nicht jede Schwankung im Getreidepreise sofort in den Brodpreisen sich ausdrückt; aber im Ganzen und Großen wird doch ein Unbefangener mir zugeben : wenn das Getreide theurer wird, dann wird das Brod nicht billiger; wenn das Getreide aufschlägt, so werden die Bäcker, die die große wirtschaftliche Macht den Consumenten gegenüber haben, von der immer die Rede ist, auch die Macht haben, sich schadlos zu Hallen für die Stei  gerung des Getreidepreises. Diese Folgerung ist nicht abzuweisen, denke ich. Wenn die Sachen sich nun so stellen, daß eine wirkliche Erhöhung der Ge  treidepreise nicht zu merken ist, wenn dann die mannigfachen anderen Nachtheile, welche diese Zölle auf der anderen Seite für manche Zweige der Landwirthschaft mit sich bringen, wie sie der erste Herr Referent überzeugend dargethan hat, sich verwirklichen, dann werden die Landwirthe einsehen, daß sie bei dieser Allianz schlecht gefahren sind. Wenn aber eine Bertheuerung der Getreidepreise wirk  lich eintreten sollte, sei es in Folge eines Zolles in der vorgeschlagenen Höhe, oder sei es bei einem Zoll von 2 oder noch mehr, so ist ebenfalls meine Ueberzeugung, daß diese Bertheuerung eines nothwendigen Lebensmittels nach kurzer Zeit von dem großen Unwillen der Mehrheit des Volkes beseitigt werden wird. (Sehr richtig! links.) Es sind die Schäden, die daraus entstehen, gar zu groß. Auf der einen Seite eine Schädigung des Handels. Es ist über den Getreidehandel hier, glaube ich, in Worten gesprochen worden, die nicht berechtigt waren. (Sehr richtig! links.) Wir haben in Deutschland einen Zwischenhandel mit Getreide, der alle Pflege verdient. Nach unserer ganzen geographischen Lage sind wir nicht im Stande, einen eigenen Zwischenhandel in anderen wichtigen Producten zu haben. Der große Zwischenhandel der Welt ist in den Händen anderer Nationen, und sie haben dadurch Reichthum und Macht erworben. Aber in Bezug auf den Getreidehandel sind wir einmal ausnahmsweise in der günstigen Lage zwischen Schriften XVI. — Verhandlungen 1879. 5 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 66 Special-Debatte über Getreidezölle. producirenden und consumirenden Nationen vermittelnd ausgleichen zu können, wenn nicht durch künstliche Maßregeln dieser Zwischenhandel erschwert wird. Wir liegen zwischen den großen continentalen Gebieten, die nach ihren klima  tischen und Bodenverhältnissen vorzugsweise auf Den Getreidebau angewiesen sind, wie Rußland, Ungarn, Rumänien u. s. w., und zwischen den Getreide con  sumirenden Ländern des westlichen Europa, die beständig Zuschuß an Getreide haben müssen. Dieser Zwischenhandel ist von hoher Bedeutung für unseren Wohlstand, er befruchtet unsere Eisenbahnen, gibt unserer Rhederei zu thun und wirft reichen Handelsgewinn ab; ihn zu ruiniren, glaube ich, würde sehr un  verständig sein. Daß er aber durch Getreidezölle schwer leiden wird, unterliegt keinem Zweifel. Die Landwirthe aber selbst können sich über nichts mehr freuen, als wenn ein solcher Zwischenhandel epistirt, wenn der Markt für ihre Producte ge  sichert wird durch einen großen, mächtigen Handel, und die Consumenten haben in einem solchen Handel das sicherste Mittel gegen Theuerung und Hungersnoth. In den Motiven der Regierungsvorlage finden sich einige Aeußerungen über den Zwischenhandel, die mich in der That in Erstaunen gesetzt haben. Es führe der Zwischenhandel Getreidemassen ins Land, die in diesem Lande nicht consumirt würden, und darin liege ein großer Uebelstand, dem gesteuert werden müsse. Auch bei einem der Herren Vorredner habe ich solche Bemerkungen zu entdecken geglaubt: darin liege das Uebel, daß Getreide hereinkomme, was Deutschland nicht bedürfe. Hat man aber eine Ahnung von Zwischenhandel und von dem, was es heißt, ein Weltmarkt für Getreide zu sein, wenn man solchen Vorwurf ausspricht? Das ist ja das Eigenthümliche des Weltmarktes, daß ihm von allen Seilen zugeführt wird und man sich daher auch von allen Seiten dort versorgen kann. Heben wir das auf, so müssen wir auf den Zwischen  handel in Getreide verzichten. Noch mehr aber als die Beschädigung des Handels kommt in Betracht, daß eine Bertheuerung des Getreides ganz ebenso wirkt, wie ein Kopfzoll, und sollte wirklich die Rente der Grundstücke etwas heruntergegangen sein, so muß ich gestehen, mein Gefühl empört sich gegen den Gedanken, daß der Rente der Grundstücke aufgeholfen werden soll durch eine Art von Kopfsteuer, durch eine Vertheuerung der Nahrungsmittel. Meine Herren, das Heruntergehen der Rente ist auch nicht so schlimm, wie es dargestellt wird. Wir haben lange Zeit hindurch successive steigende Preise der Grundstücke und der Pachten gesehen, seit Jahrzehnten sind sie heraufgegangen. Jetzt tritt ein kleines, aber verhältnismäßig doch unbedeutendes Sinken ein. Dem preußischen Abgeordneten-Haus wird in jedem Jahr mitgetheilt der Preis, zu welchem die Domänen verpachtet werden, und da sind bei den Neuverpachtungen von Domänen noch im Jahr 1878 an erhöhten Pachtpreisen nahezu 150,000 erzielt worden. Von 46 Domänen, die 1878 neu verpachtet wurden, haben nur 8 einen geringeren Preis erzielt als vor der letzten Pachtperiode, dagegen wurden bei den übrigen 38 höhere Preise erreicht, als in der letzten Pachtperiode gezahlt worden sind, und die letzte Verpachtung fiel bei den meisten der neu ver  pachteten Domänen in den Anfang der sechziger Jahre, eine Zeit, die gewiß noch nicht ungünstig war für die Preise der Grundstücke. Im ersten Quartal 1879 sind mehr aufgekommen bei den Verpachtungen 89,000 Es haben 6 Domänen mehr eingebracht, 2 Domänen weniger. Sollte aber wirklich eine kleine Ver  OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Getreidezölle. 67 ringerung der Bodenrente eingetreten sein, so würde es im höchsten Grade bedenklich sein, durch Getreidezölle derselben abzuhelfen. Wir haben ja eine Bewegung in diesen letzten Jahren gehabt, die socialdemokratische, welche sagte: Vie Productionsmittel müssen nicht dazu dienen, Renten für die einzelnen Personen zu liefern, sie müssen Eigenthum der Gesammtheit sein und die Rente, welche die Productionsmittel abwerfen, muß Sache der Gesammtheit sein. Wir haben diese Bewegung unterdrückt, ich meine, mit vollem Recht, aber nachdem eben diese Stimmen zum Schweigen gebracht sind, kommen die Besitzer des wichtigsten der Productionsmittel und zwar desjenigen, welches nicht beliebig vermehrt werden kann, welches den Monopolcharakter trägt, und sagen: ihr übrigen Classen des Volkes zahlt uns noch nicht Rente genug, die Rente muß künstlich erhöht werden (Sehr richtig! links) dadurch, daß wir die Getreidepreise steigern. Meine Herren, ich glaube, es ist nicht wohlgethan, auf diese Weise in die Vertheilung des Volkseinkommens einzugreifen. Daher gebe ich mich der zuversichtlichen Hoffnung hin, daß in Kurzem der Landwirth zur Erkenntniß kommen wird, es sei diese Betheiligung an der Schutz  zollagitation eine verkehrte gewesen. In einer Provinz glaube ich ein deutliches Kennzeichen von der herannahenden Erkenntniß schon zu haben. In der preu  ßischen Rheinprovinz hat der Vorstand des landwirtschaftlichen Vereins eine Bitte an den Fürsten Reichskanzler gerichtet, er möge Getreidezölle einführen, aber er hat zu gleicher Zeit hinzugefügt: man möge dann auch durch das Gesetz dafür sorgen, daß dieses Gesetz nicht mehr aufgehoben werde. (Der Redner wird durch den Präsidenten an die abgelaufenen 10 Minuten erinnert.) (Lebhafter Beifall! links.) (Es wird ein Antrag auf Schluß gestellt.) Dr. Gensel (Leipzig) (zur Geschäftsordnung): Meine Herren! Es ist vorhin gegen den Handel der Seestädte ein so heftiger Angriff erfolgt, daß ich glaube, die Courtoisie erfordert, daß noch ein Redner von dieser Seite (links) zum Worte kommt. Ich spreche gegen den Schluß. (Der Schlußantrag wird abgelehnt.) von Langsdorfs (Dresden): Meine Herren! Da die Geduld im Allgemeinen schon ziemlich erschöpft ist, wie aus dem Schlußantrage zu urtheilen ist, so werde ich dieselbe nicht lange in Anspruch nehmen. Ich habe die Absicht, die Stellung der Landwirthe zu der Frage, wie solche wenigstens in dem König  reich Sachsen allgemein eingenommen wird, einigermaßen zu kennzeichnen. Es ist Ihnen wohl bekannt, daß die Landwirthe noch vor wenigen Jahren allgemein sich auf Seite der Freihändler befanden und Petitionen auf Petitionen gegen die Zölle beim Reichstag einreichten. Besonders aus dem Königreich Sachsen sind massen  haft Petitionen eingegangen vor 2^ oder 2 Jahren, als es sich darum handelte, die Eisenzölle beizubehalten oder wieder herzustellen. Meine Herren! Es ist die Meinung der sächsischen Landwirthe damals die gewesen, daß durch Forterhaltung der Eisenzölle oder durch die Wiederherstellung sie geschädigt würden, weil sie zu Gunsten eines einzigen Berufskreises, der einen verhältnißmäßig kleinen Bruchtheil der deutschen Bevölkerung vertritt, leiden sollen. Sie haben die Erfahrung gemacht, daß durch die stark entwickelte, in den vorausgegangenen Jahren künst  OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 74 Special-Debatte über Zölle auf chemische Producte. Wissenschaft und Praxis. Wenn wir auch nicht durch die Vertheurung der Productionsverhältniffe ernstlich gefährdet sind, die uns die Umkehr zum Schutz  zoll in sichere Aussicht stellt, wenn wir glauben, durch Fleiß und Verbesserungen diese Hindernisse zu überwinden und unseren Rang auf dem Weltmarkt trotzdem zu behaupten, so sind wir nicht im Stande Eingangszölle zu zahlen, die in England, unserem Haupt-Absatz-Gebiet, erhoben werden könnten. Eingangszölle in England sind nicht gleichbedeutend mit Eingangszöllen in anderen Ländern. In Amerika stehen wir einem enormen Zoll gegenüber, ebenso in Rußland. Diese Zölle machen auf uns wenig Eindruck, weil in den betreffenden Ländern einstweilen der Boden für unsere Fabrikationen nicht vorhanden. In England ist aber dieser Boden in hohem Maße vorhanden, und es ist zu befürchten, daß bei irgend welchen Erschwerungen der Einfuhr selbst von deutschen Fabrikanten diese Fabrikationen in England geschaffen werden, die heute den Stolz und die Blüthe unserer chemischen Industrie ausmachen. Es werden vielfach Urtheile laut, daß die Exportindustrie verhältnißmäßig zu sehr begünstigt sei. Viele denken, mag die Exportindustrie leiden, wenn die Hausindustrie nur blüht. Chemische Fabrikanten der Großindustrie, die am Zollschutz ein großes Interesse haben, werden solche Aussprüche nicht leicht thun. Wir sind davon überzeugt, daß, wenn die Exportindustrie krankt, auch in erheb  lichem Maße die chemische Großindustrie, in diesem Falle die Hausindustrie, in Mitleidenschaft gezogen wird, daß das Gedeihen der geschützten Sodafabrikatton nicht möglich ist, ohne die exportirende chemische Industrie. Wir haben diesen Zusammenhang vollständig begriffen, und wenn Herren von anderer Richtung nachher das Wort ergreifen, werden sie bestätigen, daß auch die Sodafabrikanten auf's Schwerste getroffen würden, wenn Fabrikationen, die bis jetzt auf Grund der bisherigen Handelspolitik in Deutschland entstanden sind, durch den jetzt ein  geschlagenen Weg zu Grunde gerichtet werden. Meine Herren, e4 sind das die wesentlichsten Gesichtspunkte, die ich hervor  zuheben hätte. Sie beanspruchen nicht im Entferntesten Vollständigkeit auch nur bezüglich der Sodabranche. Wir wollen hoffen, daß die Harmonie der Interessen der chemischen Industrie gewahrt bleibe, daß andere Industrien in einer ähn  lichen Weise sich der Gemeinsamkeit der Interessen bewußt werden, und daß die Befürchtungen sich nicht erfüllen, die wir heute vom Standpunkt der chemischen, exportirenden Industrie aus an die eingeschlagene Schutzzollpolitik knüpfen müssen. (Lebhaftes Bravo! links.) Correferent Fabrikbesitzer Fr. Kalle (Biebrich): Meine Herren! Während der Herr Referent Ihnen seine subjectiven Ansichten und zwar hauptsächlich über den Sodazoll ausgesprochen hat — in einer Weise übrigens, die ich als durch  aus maßvoll anerkenne — bin ich auf einem ganz anderen Standpunkt. Ich werde Ihnen kaum eigne Ansichten vortragen, ich werde mich vielmehr bemühen, Ihnen in möglichster Kürze die Ansichten kundzugeben, die hervorgetreten sind in den am 19. und 20. stattgehabten Verhandlungen von ungefähr 100 Ver  tretern der chemischen Industrie in Berlin. Diese Versammlung war sich bei ihren Verhandlungen vollkommen bewußt der eigenthümlichen Schwierigkeiten, die gerade bei einer Aenderung des Zolltarifs für chemische Artikel bestehen. Man war sich bewußt, daß in einer Industrie, in der ein großer Theil der Genossen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Zölle auf chemische Producte. 75 für die anderen arbeitet, in einer Industrie, die wesentlich auf den Export an  gewiesen ist, mit der größten Vorsicht vorgegangen werden muß bei jeder Ver  änderung des 8tatu8 Huo. Es waren denn auch die Verhandlungen durchaus gemäßigt. Man erkannte von vornherein an, daß der Tarif für chemische Ar  tikel, wie er vom Bundesrath vorgelegt worden ist, im Allgemeinen auch die Mäßigung zeigt, welche wir im Interesse unserer Industrie nur wünschen können, und wir sagten uns, daß, wenn nicht überall die Sätze so wären, wie sie allen Interessen am besten entsprechen, das hauptsächlich zurückzuführen sei auf nicht genügende Information, und welche Gründe diese nicht genügende In  formation hat, das wissen Sie ja, Sie wissen, in welcher kurzen Zeit man gezwungen war, Resultate vorzulegen. Der Geist, der die Berliner Versammlung beherrscht, wird Ihnen am besten klar werden, wenn ich die Resolutionen verlese, welche am Schluß der Verhandlungen mit riesiger Majorität, zum Theil mit Einstimmigkeit, gefaßt worden sind. Sie lauten: 1. Alle für die Herstellung chemischer Fabricate erforderlichen Rohprodutte sind — mindestens, soweit sie in Deutschland nicht in der benöchigten Menge vorkommen, aus dem Auslande zollfrei einzulassen. Sofern diese Naturprodutte mit Rücksicht auf ihre anderweile Verwendung einem Zoll unterliegen (wie Thee, Kümmel rc.) ist das zur chemischen Fabrikation zu verwendende Rohmaterial von dem Zoll zu befreien. 2. Die Berechtigung zu einer Erhöhung der bestehenden Zölle wird nur in  soweit anerkannt, als die Nothlage des betreffenden Industriezweiges das Bedürfniß eines höheren Schutzes begründet und andere wichtige Interessen des Landes dadurch nicht geschädigt werden. 3. Alle im Tarif nicht aufgeführten Gegenstände sind als zollfrei zu behandeln. 4. Bei Abschluß von Handelsverträgen ist nach Möglichkeit auf Herbei  führung der Reciprocität im Sinne gegenseitiger Erleichterungen in den Zollsätzen Bedacht zu nehmen. Sie werden diesen letzten Satz am besten richtig verstehen, wenn Sie den Nachdruck nicht auf das Wort „Reciprocität" legen sondern auf „Erleichterungen". Der Satz ist etwas zweideutig, aber ich kann Ihnen mit gutem Gewissen die Meinung der Majorität dahin interpretiren, daß man Erleichterungen nicht er  zwingen soll, indem man die Zölle auf gewisse Artikel sehr hoch schraubt, sondern dadurch, daß man auch bei eigenen Artikeln Herabsetzungen in Aussicht stellt. Das ist der Sinn dieser Resolution. Nun, meine Herren, ich habe Ihnen also mit wenigen Worten den Stand  punkt charakterisirt, den die Versammlung in Berlin eingenommen hat, und ich wende mich nun zu den einzelnen Artikeln und zwar in erster Linie zu denen der chemischen Großindustrie. Ich habe mich gefreut, aus den Ausführungen meines Freundes Brüning zu ersehen, daß er auch anerkennt die Nothwendigkeit der Erhaltung jenes Industriezweiges in seinem jetzigen Umfange und im Princip die Nothwendigkeit, den betreffenden Fabriken einen gewissen Schutzzoll zu gewähren gegenüber den günstigen Verhältnissen, unter denen das Ausland arbeitet. Bis zum Jahre 1865 betrugen die Sodazölle für krystallisirte Soda 1^ für calcinirte 4 für kaustische 6 1873 blieben die Sätze für krystallisirte und kaustische bestehen und für calcinirte wurden sie von 4 auf OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 76 Special-Debatte über Zölle auf chemische Producte. herabgesetzt, hauptsächlich, um den Papierindustriellen ein Aequivalent zu bieten dafür, daß man den Ausfuhrzoll auf Lumpen aufgehoben hatte. Als nun aber diese Reduktion eingetreten war, kamen die Papierfabrikanten und sagten, wir brauchen keine calcinirte Soda, wir brauchen die kaustische ; man konnte nur erwidern: Das ist richtig, wir haben uns geirrt! Es ist das Faktum insofern nicht uninteressant und wird immer von den Herren, die für den Schutz plaidiren, angeführt, weil es doch zeigt, daß man nicht immer mit der nöthigen Sachkenntniß an diese Fragen herangetreten ist. (Hört!) Die Herren Interessenten der Sodabranche haben uns nun statistische Zahlen gegeben, die wohl nicht anfechtbar sind, sie sind entnommen der officiellen Sta  tistik. Daraus geht hervor, daß der Ueberschuß der Einfuhr über die Ausfuhr an calcinirter Soda betrug: 1872: 158,000 1873: 213,000 1874: 324,000 1877: 306,000. Bei der kaustischen Soda betrug der Ueberschuß 1872: 23,000 Ctr. und stieg im Jahre 1876 auf 161,000 Ctr. Die Produktion der deutschen Sodafabrikation betrug anfangs der 70er Jahre über eine Million Ctr. und ist gesunken auf 850,000 Ctr. Wenn diese Zahl zur Basis genommen wird, so kommen wir zum Resultat, daß jetzt der Ueberschuß der Einfuhr über die Ausfuhr nicht etwa 33^ o/o beträgt, wie Herr Dr. Brüning annimmt, sondern weit mehr. Es sind 460,000 Ctr. und dem gegenüber steht nur eine eigne Produktion von 850,000 Ctrn. Die Einfuhr geschieht jetzt nicht mehr lediglich von England aus, sondern seitdem Solvay das neue Ammoniakverfahren eingeführt hat, auch in großen Mengen von Belgien und Frankreich und der Herr Referent hat den Vorwurf, wenn auch in der schonendsten Weise, erhoben, die Sodaindustrie sei nicht im gleichem Maße wie die anderen chemischen Gewerbe fortgeschritten. Seine Ausführungen könnten dem Gedanken Raum geben, die Industrie hätte sich quantitativ nicht entsprechend entwickelt, aber es klingt doch leise der von anderer Seite gemachte Vorwurf durch, die Sodafabrikanten hätten nicht mit dem Fortschritt der Technik und der Wissenschaften Schritt gehalten. Diesen Vorwurf weisen die betreffenden In  dustriellen entschieden zurück, und sagen, wir können nicht gegen England con  curriren, wegen der großen Billigkeit zunächst des Satzes der Kohlen. In Eng  land nämlich kann man die sehr billigen Abfallkohlen benutzen, die man dadurch erhält, daß man dort nur großstückige bessere Kohlen für den Hausbrand braucht, während hier die Sache gerade umgekehrt liegt. Durch die billigen Kalksteine und Schwefelkiese, endlich durch die billigen Frachten haben die Engländer einen so riesigen Vorsprung, daß eine Belastung mit 3 den Interessenten unsererseits für sehr bescheiden gilt. Letztere geben auch an, daß das Kapital in England viel reichlicher und billiger sei, daß die Production gegenüber der unsrigen eine geradezu riesige zu nennen sei. Die drei größten der unter sehr günstigen Frachtverhältnissen arbeitenden 19 großen Soda-Fabriken, die bei Newcastle on Tyne liegen, produciren soviel, wie sämmtliche deutsche Fabriken zusammengenommen. Wenn nun von Seilen der Gegner der Sodafabrikanten diesen vorgeworfen wird, daß sie das Solvay-Verfahren nicht früher eingeführt haben, so sagen die Herren OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Zölle auf chemische Producte. 77 dagegen, daß das Solvay-Verfahren in Frankreich zwar sehr rentabel sei: (Solvay habe dort die Tonne Chlornatrium zu 1 und erlange im Inlands besonders hohe Preise für sein Produkt), daß es aber in Deutschland nicht ohne weiteres anwendbar sei, und als unanfechtbaren Beweis führen sie an, daß Solvay ganz Deutschland bereist hat, ohne einen Platz finden zu können, an welchem er eine Fabrik hätte anlegen können, und daß er auf eine Anfrage, warum er nicht in Deutschland, da wir immer noch einen Zoll haben, selbst eine Fabrik anlege, geantwortet hätte : ja, bei den jetzigen Zöllen stehe ich mich besser, wenn ich meine Soda in Frankreich mache und nur meinen Ueberschuß nach Deutschland hineinwerfe. Was nun die Frage der kaustischen Soda betrifft, so ist der Import in riesigen Progressionen gestiegen. Da ist der Vorwurf erhoben worden: warum habt ihr nicht, als der Consum so rapid stieg, euch darauf eingerichtet, warum habt ihr den Engländern diesen Vorrang gelassen. Darauf antworten die Industriellen: ja, nachdem man im Jahre 1873 in ganz planloser Weise den Zoll auf calcinirte Soda von 4 auf l Vz heruntergeworfen und sie gleichgestellt hatte der krystallisirten Soda, konnten wir nicht wissen, ob man nicht nächstens in ebenso planloser Weise auch den Zoll auf kaustische Soda heruntersetzen würde. Diese Ungewißheit hat uns gehindert, solche Unternehmungen in's Leben zu rufen; von dem Augenblick an aber, wo wir einen mäßigen Schutzzoll genießen, sollt ihr sehen, wir werden uns einrichten. Es ist übrigens schon manches in der Richtung geschehen und ich muß erwähnen, daß die In  teressenten selbst den Zoll auf kaustische Soda von 6 auf 5 zu reduciren Vorschlägen. Der Schwerpunkt des ganzen Streites drehte sich natürlich darum : hat die Sodaindustrie existiren können bei den niedrigen bisherigen Zöllen? Der Herr Re  ferent hat angedeutet, daß seiner Ansicht nach der Beweis hierfür erbracht sei bis zu einem gewissen Grade durch die Bilanzen der Actiengesellschaften. Er hat zwar dies allerdings mehr negativ ausgedrückt, indem er sagte: der Beweis ist nicht erbracht, daß sie nicht eMiren können. Von Seiten der Interessenten wird aber ganz entschieden die Behauptung ausgestellt: der Beweis, daß unsere Industrie nicht bestehen kann, ist erbracht, wir bedürfen in der That dieses Schutzes, denn wir haben in den letzten Jahren in den Fabriken, die wesentlich Soda fabriciren, noch lange keine 5X verdient (es wurden Zahlen angegeben, die noch unter 2X gehen), und wenn eine Fabrik sich mal besser rentirt hat, so liegt das darin, daß sie einen großen Theil des Capitals abgeschrieben hat, oder daß sie andere Artikel macht, an denen sie viel verdient. Die Versammlung in Berlin hat keine Beschlüsse über die einzelnen Posi  tionen gefaßt; ich muß aber doch darauf Hinweisen, daß der Vorstand dieses Ver  eins, als er im Februar zusammentrat, die Vorschläge der Sodafabrikanten im Allgemeinen als gerechtfertigt anerkannte. Dort war abgestimmt worden, und eine große Majorität, wesentlich aus Sodaconsumenten bestehend, zeigte sich nicht abgeneigt, den Fabrikanten der chemischen Großindustrie die erwünschten Concessionen zu machen. Meine Herren, wenn ich gerade bei dem Artikel Soda nicht ganz die Objectivität gewahrt habe, wenn ich da die Gründe für eine Erhöhung des Sodazolles schärfer hervorhob, also hier subjektiv zu sprechen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 78 Special-Debatte über Zölle auf chemische Producte. schien, so geschah das nur deshalb, weil ich gegenüber der Darstellung des Herrn Referenten das Gleichgewicht wieder Herstellen mußte. Eine weitere Industrie, die sich sehr in Berlin beklagte, war die Industrie von Potasche und Aetzkali. Sie sagte, daß, wie die Sodaindustrie einen vor  trefflichen Absatz gewähre dem vaterländischen Bergbau, so sei auch sie als Ab  nehmer der Sraßfurter Salze eine volkswirthschaftlich wichtige, durchaus natur  wüchsige Industrie. Trotzdem wir aber die Kalisalze in enormen Mengen hätten, sei es Thatsache, daß in den letzten Jahren 1/3 des Consums an Potasche durch den ausländischen Import gedeckt worden sei, und zwar hauptsächlich von Frank  reich und Belgien aus. Dort werde nämlich die Potasche als Nebenproduct besonderer Großgewerbe gewonnen, von denen sogar die Melasseindustrie durch Exportprämien bevorzugt sei. Auch in der Wollenwäscherei werden bedeutende Mengen von Potasche gewonnen. Man kann natürlich bei solchen Nebenproducten die Selbstkosten nicht genau bestimmen, ihr Preis ist ein mehr oder weniger willkürlicher. Die Concurrenz ist also für Diejenigen, welche die be  treffenden Artikel direct Herstellen, kaum möglich. Früher war die Potasche frei. Die Interessenten beantragten, den Zoll auf 3 zu setzen und für Aetzkali auf 5 Der Bundesrath schlägt be  kanntlich 1 V2 und 4 vor. Es wurden gegen die Ausführungen des Referenten für Potasche und Aetzkali in Bezug auf diese beiden Artikel keine erheblichen Bedenken erhoben; unzweifelhaft aber wäre die Majorität nicht auf seine Vor  schläge eingegangen und nicht geneigt gewesen, über die Vorschläge des Bundes  raths heraus Concessionen zu machen. Dagegen fand derselbe Referent weniger Unterstützung bei der Versammlung, als er beantragte, einen Schutzzoll von 1 auf Kalisalpeter und Kunstdünger zu legen. Man erkannte diese Wünsche nicht als berechtigt an, die Nothlage wurde nicht als erwiesen betrachtet und es wurde der Zoll auf Kunstdünger auch mit Rücksicht auf die Landwirth  schaft bekämpft. Die Bundesrathsvorlage läßt bekanntlich diese beiden Artikel frei. Einen starken Schmerzensschrei hörten wir — nicht von den Fabrikanten von Blautlaugensalz, sondern von dem Fabrikanten; er ist nämlich der einzige, der in Deutschland noch besteht, der ausführte, daß die Concurrenz gegen das durch billige Kohlen und billiges Eisen bevorzugte England unmöglich sei. Es ist merkwürdig, daß der Bundesrath das Blutlaugensalz, das eigentlich in Con  sequenz eines Schutzzolls auf Potasche einen höheren Zoll hätte bekommen müssen, umgekehrt herabsetzt. Blutlaugensalz und Aetznatron waren bisher in dem alten Zolltarif mit 6 belastet. Nun wird Aetznatron auf 4 herabgesetzt und in den Motiven heißt es dann einfach: Blutlaugensalz bleibt wie bisher dem Aetznatron gleichgestellt. 'Innerer Zusammenhang — dunkel, existirt in der That garnicht! Also eine Industrie, der es notorisch schlecht geht, wird jetzt neu belastet durch einen vom Bundesrath vorgeschlagenen Zoll auf einen ihrer Rohstoffe, und dennoch wird der Zoll auf ihr Fabrikat herabgesetzt, lediglich weil letzteres bisher im Zolltarife mit einem Artikel zusammengeworfen war, der herabgesetzt ist. Wenn auch die Versammlung die ziemlich weitgehenden Wünsche des betreffenden Herrn nicht in vollem Umfange zu unterstützen ge  neigt schien, so war man doch einstimmig der Meinung, daß es durchaus un  gerechtfertigt sei , den Zoll in dem jetzigen Momente herabzusetzen. Aus der Gruppe II, Chemikalien und chemische Rohprodukte, war es zu  OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Zölle auf chemische Producte. 79 nächst die Oxalsäure, die zur Verhandlung kam. Es ist nachgewiesen, daß zwei deutsche Fabriken bereits eingegangen sind wegen der drückenden englischen Con  currenz. Zwei dortige Etablissements haben sich den Krieg bis aufs Messer erklärt und führen diesen nicht nur in England, sondern auch bei uns, so daß die Preise auf ein Niveau herabgedrückt sind, welches die Fabrikation in Deutsch  land fast unmöglich macht. Es wurde denn auch von allen Seiten anerkannt, daß den Wünschen der Oxalsäurefabrikaüon Rechnung zu tragen sei. Der Zoll  satz, den der Bundesrath vorschlägt, wurde von einzelnen Seiten als etwas hoch bemängelt; hingegen wurde gegen einen Schutzzoll von 8 in keiner Weise ein Einwand erhoben. Ließ sich die Versammlung so bereit finden, der Oxalsäurefabrication Con  cessionen zu machen, so war umgekehrt bei den vom Bundesrath mit 4 ge  schützten Artikeln Bleizucker, Bleisalze und Weinsteinsäure die Versammlung der Meinung, daß der Beweis der Nothlage dieser Industrie nicht erbracht sei und daß diese Artikel nach wie vor frei zu lassen seien. Eine längere Diskussion riefen dann wieder die Producte der Holz  verkohlung hervor, also hauptsächlich Essigsäure, essigsaurer Kalk und Holzgeist, Ersterer war bisher mit 8 essigsaurer Kalk mit 5 belastet, während Holzgeist frei war; es sollen jetzt alle drei Artikel frei sein. Die Interessenten beantragen, für die beiden ersteren Artikel die bisherigen Sätze beizubehalten, für den Holz  geist wünschen sie aber einen Schutzzoll von 10 Es wurde hervorgehoben, daß in den letzten Jahren nur eine neue Holzverkohlungsfabrik begründet sei, dagegen 4 oder 5 eingegangen wären. Es wurde hingewiesen auf die volkswirthschaftliche Wichtigkeit dieses Industriezweiges, darauf, daß dadurch Verdienst in Ge  genden gebracht würde, die sonst keine Industrie hätten, und daß dadurch eine bessere Verwerthung der Wälder ermöglicht werde. Man sagte: für die Holz  kohle ist Bedarf da, es wird immer noch eine gewisse Menge Eisen mit Holz  kohle producirt; schützt ihr uns nicht bis zu einem gewissen Grade, so ist es sicher, daß man allgemein zur Meilerverkohlung zurückkehrt, und dann werden die Producte, die wir jetzt darstellen, Essigsäure u. s. w. , nutzlos in die Luft gehen. Wenn auch die Ausführungen in Bezug auf Essigsäure und essigsauren Kalk auf nicht zu starken Widerstand stießen, so wurde doch gegen die Forderung des Schutzes des Holzgeistes sehr entschieden Widerspruch erhoben. Man sagte den Herren: ihr werdet gerade in der nächsten Zeit eine vor  treffliche Absatzquelle für Holzgeist bekommen als Denaturirungs - Mittel des Spiritus für die Industrie; ihr habt überhaupt eine sehr günstige Conjunctur für Holzgeist in den letzten Jahren dadurch gehabt, daß die Farbindustrie ihn in großen Mengen benutzt, und da die letztere als Exportindustrie wesentlich da  bei interessirt ist, daß der Holzgeist nicht vertheuert wird, da ihr ferner nicht genügend von den feineren Holzgeistsorten produzirt, so verlangen wir, daß der Holzgeist zollfrei bleibe; diese Argumentation war so durchschlagend, daß das Ver  langen eines Zolls auf Holzgeist bei einer Abstimmung jedenfalls keine Majorität gefunden haben würde. Art. III, Medicinaldroguen und Alkaloide, wurden kurz abgehandelt. Man sprach den Wunsch aus, man möge die Geheimmittel und Kosmetika mit einem ziemlich hohen Zoll belasten und zwar aus Gründen der Sittlichkeit und Hygiene. Es wurde aber andererseits hervorgehoben, daß bei einer Zolltarifberathung OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 80 Special-Debatte über Zölle auf chemische Producte. derartige Rücksichten nicht genommen werden können. Ich kann diese Anschauung nicht theilen, will aber meinen Standpunkt hier nicht auseinandersetzeu. Sehr kurz wurde die Position IV „ätherische Oele" behandelt. Es wurde nur von den betreffenden Fabrikanten hervorgehoben, daß unbedingt zollfrei zu belassen seien Gewürze, wie Kümmel, Anis u. s. w. Der erste Herr General  referent hat über diese Frage bereits gesprochen und hingewiesen auf die Gefahr, die die Belastung mit 3 für die Fabrikation der ätherischen Oele haben* würde. Ich brauche dies daher nicht weiter auszusühren. Ebenso kurz wurden die Positionen V, VI, VII „Alkoholpräparate, Fabrikate der Theerindustrie und organische Farben" behandelt. Man war von allen Seilen der Ansicht, daß besonders die beiden letzten Rubriken sich am besten befinden würden, wenn vollständige Freiheit bestände. Man führte aus, man habe voll  kommen die Kraft, auf eigenen Füßen zu stehen, und wünschte sogar, daß gewisse Artikel, die in der Vorlage nicht genannt seien, wie z. B. Anilin, Nitrobenzol rc. noch speciell als solche zu benennen seien, die nicht mit einem Zoll zu belegen wären. Es wurde dies mit Rücksicht darauf verlangt, daß in dem neuen Tarifentwurf die in dem alten Tarif unter Nr. 44 enthaltene Bestimmung fehlte, wonach alle nicht genannten Artikel zollfrei seien sollen. In Bezug auf die Position VIII „Metalloxyde, Metallfarben", will ich bemerken, daß die Interessenten den Schutzzoll dafür geradezu ablehnen, daß sie sich vollkommen kräftig genug fühlten, ohne Schutzzoll die Concurrenz des Aus  landes aufzunehmen. Der Zollsatz von 3 auf Barytfarben wurde von mehreren Seiten als zu hoch bezeichnet. Bei Position IX „Zündwaaren und Explosivstoffe" wurde der Wunsch aus  gesprochen, den Zoll auf Zündhölzer bedeutend zu erhöhen, weil ein Zoll von 3 also circa 4 Proc. aä valorem, keinen Schutz gegenüber Schweden mit seinen billigen Arbeitslöhnen und Hölzern gewähre. In Bezug auf XI „Firnisse, Lacke und Fette", wurde hervorgehoben, daß man den Leim entschieden nicht zusammenwerfen dürfe mit Chlorkalk, Alaun u. s. w. , welche einen Werth von 18 bis 30 haben, während Leim etwa 100, Gelatine 300 bis 400 kostet. Die betreffenden Fabrikanten glaubten, für Leim 6 und für Gelatine 12 beanspruchen zu können. Wenn man aber für beide gleichmäßig einen Zoll haben wolle, so müsse derselbe auf 10 normirt werden. Zum Schluß will ich noch bemerken, daß ich, wenn ich sagte, daß die Fabrikanten der Gruppe VI einig gewesen seien in dem Verlangen, keinen Schutzzoll zu haben, nicht absolut richtig referirte; eine Ausnahme war da; das war näm  lich ein Mann, der ungeheuer viel Pech hatte, mehr als Viele, die jetzt schreien; der Arme hat nämlich 200,000 Ctr. Pech, die kein Mensch ihm abnehmen will. Er behauptete, daß wir in Deutschland Pech genug hätten, daß wir absolut keine Veranlassung hätten, auch noch englisches Pech hereinkommen zu lassen, und verlangt einen Schutzzoll von 1 Die Versammlung zeigte sich mit der Be  hauptung, daß wir kein englisches Pech brauchen, in gewissem Sinne einver  standen. (Große Heiterkeit und Bravo!) Präsident Prof. Dr. Nasse: Es hat sich kein Redner zu diesem Gegen  stände gemeldet. Wir gehen über zu den Zöllen auf die Producte der Lederindustrie. Der Referent Herr May hat das Wort. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Lederzölle. 81 Gerbermeister May (Frankfurt a. M.): Meine Herren, ich bin erst vor wenigen Minuten dazu bestimmt worden, Referent in dieser Sache zu sein, und ich war deswegen nicht in der Lage, die  jenigen Vorbereitungen zu treffen, die nöthig wären, damit ein Mann, der ge  wohnt ist, Sohlleder zu gerben, aber nicht Reden zu halten, vor einer so ausgezeichneten Versammlung den Gegenstand angemessen behandeln könnte. Ich dachte-aber, es würde zuerst ein Referent von der schutzzöllnerischen Seite auftreten und das vorbringen, was die Veranlassung zu der Aenderung des Tarifs ist, so daß ich, der ich auf dem Boden der gegenwärtigen Zollgesetzgebung und der Handelsverträge stehe, dann hätte dagegen sprechen können, allein es ist gestern wie mir eben mitgetheilt wurde, der Beschluß gefaßt worden, erst einen Redner von freihändlerischer Seite zu hören, und ich muß mich eben unter  werfen. Ich bin nun in der unangenehmen Lage, das postuliren zu müssen, was die Gegner etwa vorbringen werden, um das widerlegen zu können. Die Bedeutung der Lederzölle für die ganze Schutzzollfrage wird Jedem, der den Verhandlungen bis jetzt beigewohnt hat, klar sein. Es wird gesagt, wir producirten hier in Deutschland das Sohlleder theurer, als die außereuro  päischen Länder und wir könnten durchaus mit diesen nicht concurriren ; und das ist der einzige Punkt, um den die Lederzollfrage sich dreht, denn die Fabrikan  ten von Saffian, Kalbleder u. s. w. verlangen gar keinen Schutzzoll; sie sind ja fähig, mit der ganzen Welt zu concurriren und exportiren vielmehr, als imporürt wird. Nur die Sohlledergerber behaupten, daß sie mit den außereuro  päischen Ländern nicht concurriren können, weil die Amerikaner, die Australier so billige Rinder und Häute hätten, daß wir nicht dagegen aufkommen könnten. Es würde sehr leicht sein, nachzuweisen, daß außer den billigen Rindern auch noch verschiedenes Andere dazu gehört, um Sohlleder zu gerben. Es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Es würde hier indessen zu weit führen, auf die Details einzugehen. Es ist für diese Versammlung bloß von Wichtigkeit, zu constatiren, ob wirklich in Sohlleder eine erdrückende Concurrenz eingetreten fei. Hierüber noch müssen Zahlen entscheiden; es muß nachgewiesen werden, wie viel Sohlleder im Jnlande producirt und wie viel vom Auslande importirt wird. Meine Herren, die Gerber standen von jeher auf dem freihändlerischen Standpunkt, auch die Sohlledergerber. Ich kann nachweisen, daß in dem ein  zigen Fachblatte der Gerberei, welches den schutzzöllnerischen Standpunkt jetzt ver  tritt, noch im Jahre 1875 ganz freihändlerische Artikel standen, daß darin ge  sagt wurde, wir sind fähig, mit der ganzen Welt zu concurriren. Meine Herren, die Verbindung dieses Blattes mit gewissen Personen in der Regierung ist bekannt und damals stand die Regierung noch auf dem freihändlerischen Standpunkte. Im Jahre 187 6 hat das Blatt eine leichte Schwenkung ge  macht, ganz wie die Kegiemugs/rei/e, da /rüden wir bereits die IhrbenmF der Reciprocität. Von da ab hat sich dasselbe entwickelt zu dem vollständig schutzzöllnerischen Standpunkte ganz wie die Regierungskreise. Nun ist von dem Herausgeber dieses Blattes, der die Veranlassung zu dieser ganzen Bewegung unter den Sohlledergerbern ist, ein Verein gegründet worden: der Centralver  band der deutschen Lederindustriellen. Dieser Verband hat im vorigen Jahre in Frankfurt eine Versammlung gehalten, welche vorzugsweise aus SohllederSchriften XVI. — Verhandlungen 1879. 6 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 82 Special-Debatte über Lederzölle. fabrikanten bestand, und es wurde in der Versammlung ein Programm vorge  legt, welches durchaus schutzzöllnerisch war. Nach lebhafter Debatte wurde dieses Programm abgelehnt; es wurde nachgewiesen, daß wir kein Recht haben, einen Schutz zu verlangen, weil momentan die Lederindustrie keine Rentabilität besitze, da dies nur die natürliche Folge der allgemeinen Geschäftslage sei, und daß es zur Zeit noch eine Masse Menschen mit hohlen Augen und bleichen Ge  sichtern gäbe, die weit mehr eine Unterstützung zu verlangen berechtigt sind, als die reichen Lederfabrikanten. (Bravo! links). Meine Herren! es ist selbstverständlich, daß jeder Mensch nur das weiß, was ihn gelehrt wird. Es ist naturgemäß, daß die Gerber nur das wissen, was ihnen von ihren Fachblättern vorgebracht wird über die Verhältnisse der Einfuhr und Ausfuhr. Wenn eine erdrückende Concurrenz des Auslandes ein  getreten wäre, so würden auch meine Freunde und ich sagen: da muß man vielleicht einen Schutzzoll, der über eine gewisse Periode hinaushilft, einführen. Es ist nun aber leider in den Fachblättern nichts geschehen, was die Gerber aufklären könnte. Es wird immer mit Leeren Zahlen operirt, eine Statistik der deutschen Sohllederproduction existirt nicht. In den Zolllisten ist Sohlleder nur zusammen mit einer Menge anderer Leder aufgeführt. Meine Freunde und ich haben alles Mögliche versucht, um genaue Zahlen über die inländische Production und über die Einfuhr von außereuropäischem Sohlleder zu erhalten, und schließlich nach genauester Prüfung sind wir zu dem Resultat gekommen, daß in Deutschland selbst eine Production von Sohlleder im Werthe von 150 Millionen Mark jährlich stattfindet. Die ganze Ledereinfuhr der pos. 21a da  gegen, welche das rohe, grobe Leder enthält, also Sohlleder, Waschleder, Zeug  leder, Riemenleder, Kalbleder u. s. w., betrug im Jahre 1878 1ll,889 Ctr. Sehen wir, wieviel Sohlleder, resp, außereuropäisches Leder in dieser Zahl ent  halten ist. Nach den amtlichen Zolllisten wurden aus Dänemark, Rußland, Oestreich, der Schweiz und Frankreich zusammen 26,800 Ctr. Leder der pos. a eingeführt, von Belgien 13,000 Ctr., von den Niederlanden 11,000 Ctr., von der Nordsee 94 Ctr., Bremen 4000 Ctr., Hamburg 48800 Ctr. und von den Zollausschlüssen Bremerhafen u. s. w. 6000 Ctr. Wir haben uns an alle die Orte gewandt, wo es überhaupt möglich ist, daß außereuropäisches Sohlleder nach Deutschland eingeführt werden kann, an Makler, Commissionäre rc., die ausschließlich in den betr. Artikeln handeln ; also in Rotterdam, Amsterdam, Antwerpen, Bremen, Hamburg sind Erhebungen gemacht worden, und danach beträgt die ganze überseeische Einfuhr höchstens 48,000 Ctr. Sohlleder. Diese enthalten zum Theil ein Material von ganz untergeordnetem Werthe, das wir in Deutschland absolut nicht erzeugen können, z. B. die australischen Flachleder können wir in Deutschland gar nicht Herstellen ; sie werden auch so billig verkauft wie Abfall. Es befinden sich hierunter auch Massen von Abfall, also Seiten, Köpfe u. s. w. Der Werth dieses ausländischen Leders ist höchstens zu 100 pro Ctr. loco Zollgrenze anzunehmen. Es ist das von schutzzöllnerischer Seite zugegeben; ich habe mit einem Herrn, der sehr viel importirt, Rücksprache ge  nommen und es ist allgemein anerkannt, daß ein höherer Werth als 100 loco Grenze nicht anzunehmen ist. Meine Herren ! Ein gutes und ein schlechtes Stück Leder darf man aber nicht mit einander vergleichen, sondern man muß die Werthe vergleichen, und da finden wir gegenüber einer eigenen ProOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Lederzölle. 83 Auction von 150,000,000 Sohlleder eine Einfuhr von 4,800,000 an außereuropäischem Ledern, d. i. genau Z^o/o der inländischen Production. So etwas soll eine erdrückende Concurrenz sein? Ich bestreite das, es ist ein Irr  thum. Ich kenne Sohlledergerber, die meinten, es sei wirklich etwas an dem Geschrei von der überseeischen Importation; nachdem sie aber diese Zahlen ge  sehen, haben sie zugegeben, daß sie sehr enttäuscht seien. Nun, meine Herren, wie ist es denn mit dem proponirten Zoll? Man sagt, es soll eine Zollerhöhung von 12 pro. 100 eintreten. Was das den Gerbern helfen soll gegenüber der gleichzeitigen Belastung durch den Zoll auf Rinden, auf Getreide, Vieh und die hierdurch entstehenden höheren Arbeits  löhne, das begreife ich nicht. Es sollen künftig 25 auf den Ctr. Rinde gelegt werden; da wir 5 — 6 Ctr. Lohe ans 1 Ctr. Leder verbrauchen, so macht das 1 Vs auf den Ctr. Leder aus. Auf 100 Pfd. Sohlleder sollen 6 Schutzzoll gelegt werden, davon gehen die ! 1/2 ab, bleiben also nur 4^ Gewinn. Rechnen sie nun noch die Belastung des Betriebes durch die Zölle, resp. Zollerhöhungen auf Eisen, Thran und so viele andere Gegenstände zum Lebensund Geschäfts-Bedarf, so werden auch die Schutzzöllner unter den Gerbern mit mir übereinstimmen, daß dieser Schutz den Sohlledergerbern nicht das Geringste >helfen kann. Die fremden Gerber können die Zollerhöhung zudem vollständig umgehen; sie brauchen bloß, statt das Leder in ganzen Häuten, dasselbe nur beschnitten einzuführen, in eroupon8, Kernstücken, die Sohlen ausge  stanzt, so ist für sie die ganze Zollerhöhung — 0. Dieselbe nutzt also den deutschen Gerbern nichts. Es macht aber jedenfalls einen schlechten Eindruck im Ausland, wenn in Deutschland die Zölle erhöht werden; wir geben damit ein schlechtes Beispiel. Man ist gewöhnt, Deutschland fortschreiten zu sehen in wirthschaftlichen Dingen, ihm darin zu folgen, so bei den Neuerungen im Post  wesen u. s. w. Meine Herren, wir müssen recht sehr befürchten, daß unser Beispiel auch im Zollwesen nachgeahmt wird und daß man uns bald die Thüren an den Grenzen, über die wir Leder und Lederwaaren exportiren, zuschließen wird, und dann sind wir ganz gehörig geschädigt. Meine Herren, die Ledereinfuhr in 1^08. 21a ist auch durchaus nicht in einem Fortschreiten begriffen, sondern sie hat in den letzten Jahren abgenommen. Im Jahre 1874 sind eingeführt worden 1 16,200 Ctr. gegen 111,889 Ctr. in 1878, also 4311 Ctr. im Jahre 1874 mehr, im Jahre 1875 sogar 5329 Ctr. mehr als 1878, und das fällt speciell auf die Rubrik „Fahlleder", denn wir wissen ganz genau aus unseren Erhebungen, daß die Einfuhr von außereuropäischem und speciell Immloek-Leder abgenommen hat. Wir exportirten dagegen an grobem und feinem Leder zusammen für 49,633,395 im Jahre 1878. An Lederwaaren fand eine Ausfuhr statt im Werthe von 53,006,785 Dieses schöne Geschäft von zusammen über 102,000,000 sollten wir uns erhalten und unseren Nachbarn kein schlechtes Beispiel geben. Wir sollten in einer Zeit, die gewerblich so krank ist, wie die gegenwärtige, nicht herumdoclern und Rückschritte machen. Die Verhältnisse der Gerberei sind mißlich, das gebe ich zu. Es wird am Sohlleder nichts verdient. Aber woran liegt's hauptsächlich? Wir kaufen unsere Häute in Deutschland viel höher als unsere Concurrents, welche doch in Gerbstoffen weit günstiger gestellt sind wie wir; bei grünen Häuten z. B. 6* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 90 Special-Debatte über Lederzölle. waaren und 4392 Ctr. lederne Handschuhe wurden nämlick im Vorjahre ausgeführt. Wer wie ich lange im Auslande besonders in Spanien gelebt hat und sah, wie gerade dort jeder auch nur anständig sein wollende Mensch früher Lack, später Kiddlederstiefel trägt, welches nicht zu geringem Theile aus deutschen Fabriken herstammte, wer dann später, wie ich, mehrere Jahre in der alten Kaiserstadt Worms lebte und erkannte, wie die kolossalen Vermögen dieser Lederstadt hauptsächlich auf dem ausländischen Markte gewonnen wurden, der muß sich ereifern, wenn er jetzt die Kurzsichtigkeit eines großen Theiles unserer Fabrikanten sieht. — Meine Herren, die Gründe, warum Sie mich auf dieser Seite der Ver  sammlung sehen, sind ganz andere, als Sie vielleicht Alle vermuthen. Ich würde selbst auf Kosten der Consumenten manchem unserer nothleidenden Industriezweige bei der anhaltenden Krise gerne einen kleinen Schutzzoll gewähren, würde in erster Linie der allerdings nothleidenden Landwirthschaft den geringen Kornzoll gönnen, wenn ich mir nicht sagen müßte, daß heute kein einzelner Zoll mehr durchzubringen ist, ohne daß man allen Schutzzöllnern Zu  geständnisse machen muß, wenn ich mir sage, daß des armen Mannes Brot nicht der 25 oder 50 wegen theurer wird, sondern weil von dem geringsten Ge  treidezoll der Händler, der Müller, und der Bäcker abermals profitiren wollen und Alle die Preise nach Oben abrunden. — Ich bin aber vor allem deshalb gegen Schutzzölle, weil ein Abweichen von unserer bisherigen Handelspolitik das Signal für die Schutzzöllner aller Nachbarstaaten, ja für die Regierungen aller auf starken Import angewiesenen Länder der fünf Welttheile sein wird, durch erhöhte Schutzzölle auch ihre nationale Arbeit schützen, durch Einführung von Finanzzöllen ihre Einnahmen verbessern zu wollen, so daß Deutschlands jetzt blühender Export auf das Furchtbarste in Mitleidenschaft gezogen werden wird. Und glauben Sie mir, meine Herren, in allen Ländern der Welt ist die Macht der Schutzzollparteien eine gleich große, ihr Einfluß ein gewaltiger und wo es gilt Sonderinteressen zu schützen, ist man bekanntlich in der Wahl der Mittel nicht allzu gewissenhaft. — Daß ich aber, wenn ich Sie versichere, daß die eontinentalen Staaten und die überseeischen unsere Schutzzölle sofort durch Repressalien beantworten werden, nicht zu schwarz male, daß ich nicht gegen Windmühlenflügel ankämpfe, darüber würde Sie ein Blick in die ausländischen Zeitungen belehren, darüber würden Sie z. B. gewisse russische Preßorgane belehren, die infolge unserer beabsichtigten Getreidezölle bereits heute eine Sprache gegen Deutschland und dessen Regierungs  leiter führen, die ich nicht einmal hier widerholen darf, ohne befürchten zu müssen, mit dem Staatsanwalt in nähere Berührung zu kommen. Geht doch eines dieser Organe sogar so weit, geradezu Prohibitivzölle für deutsche Waaren zu verlangen und an den Patriotismus der Russen zu appelliren, nach Einführung unserer Getreidezölle nur englische nnd französische Einfuhrartikel zu consumiren. Nun ich will ja gerne zugeben, daß die Suppe nicht so heiß ge  gessen wird,als man sie aufzutragen pflegt, aber soviel scheint mir denn doch fest  zustehen, daß gerade in Rußland, was für unsere deutsche Industrie ein Haupt  absatzgebiet sein müßte, heute die Geister besonders gegen Deutschland erregt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Lpecial-Debatte über Lederzölle. 91 sind und selbst der uns wohlwollende Zar der öffentlichen Meinung jetzt mehr denn je Rechnung zu tragen gezwungen ist. Ein beabsichtigter Zollverband zwischen Frankreich und Belgien, von wel  chem wir gerade in den letzten Tagen viel lesen, ist ebenso wenig dazu angethan, uns ruhig in die Zukunft blicken zu lassen. Der Hauptgrund unserer Redner der Schutzzollpartei, daß Deutschland der Zölle bedürfe, weil unsere Nachbarstaaten die ihrigen nicht fallen gelassen, sondern im Gegentheile in neuerer Zeit sogar erhöht haben, entbehrt aber bei gründlicher Prüfung aller Beweiskraft. An Deutschland, dem mächtigsten und einflußreichesten aller Culturstaaten lag es eben, die Fahne der gemäßigten Freihandelspolitik, unter welcher seine Industrie und sein Handel eine kaum geglaubte Blüthe in einer nur kurzen Zeit erlangt hatten, auch ferner hochzuhalten, um unsere Nachbarstaaten zu wei  teren Concessionen zu zwingen. Deutschland brauchte nur denjenigen Staaten, in welchen die Schutzzollpariei die herrschende war, ernstlicher mit Retorsions  maßregeln zu drohen, denselben gewisse uns selbst oft nur wenig schadende Zu  geständnisse zu machen, um seinem eigenen Systeme auch in jenen Ländern immer mehr Eingang zu verschaffen. Ja ich behaupte dreist, die große Masse der Bevölkerung unserer Nachbarstaaten hätte sogar, wenn wir einig und unserer bisherigen Zollpolitik treu geblieben wären, ebenso gut geglaubt, daß ein großer Theil unserer früheren Erfolge und der beträchtlichen Vermehrung unseres Nationalwohlstandes unserer bisherigen Zollpolitik zuzuschreiben seien, und hätten ihre Regierungen auf denselben Weg gedrängt, wie sie heute, weil wir es selbst behaupten, der irrigen Meinung sind, unsere Milliarden seien verloren gegangen, weil wir eben dem Freihandelssystem gehuldigt haben. — Statt aber dem bis  herigen Systeme treu zu bleiben, statt den österreichischen Schutzzöllnern ganz entschieden zu zeigen, daß wir nur Zugeständnisse gegen Zugeständnisse, aber keinen Rückschritt zugeben würden, wurden Monate um Monate lang Ver  handlungen wegen des neuen Zolltarifes mit Oesterreich-Ungarn geführt, ohne daß erhebliche Differenzen geschlichtet, vor Allem gegen die dortige Schutzzöllnerei energisch Front gemacht worden wäre. Heute darf man wohl kühn die Be  hauptung aufstellen, daß schon damals der Reichskanzler an eine Aenderung der deutschen Zollpolitik dachte, wenn ihm auch noch die einzelnen Details seines zu befolgenden Systems nicht ganz klar waren. Und welche Erfolge hatten die gemäßigten Freihändler noch vor mehreren Monaten aufzuweisen ! Damals zeigte es sich noch , daß eine bloße Theorie nie im Stande gewesen wäre, so viele Anbeter unter allen Nationen zu gewinnen. Die Wissenschaft und die Intelligenz hatten sich nämlich verbündet, um für die Freihandelsidee Progaganda zu machen. Jeder Steamer, der aus der neuen Welt nach Europa kam, brachte uns Nachrichten und Berichte, daß auch in der amerikanischen Union die auf die Dauer stets gefährlichen Folgen der Schutzzollpolitik zu Tage getreten und erkannt worden waren, daß die Mahnungen der Gebildeten und Besten der Nation zur raschen Umkehr nicht mehr tauben Ohren gepredigt wurden. In Frankreich traten die bedeutendsten Capacitäten zu einer Freihandels  liga zusammen, um durch Wort und Schrift für Fallenlassen der Zollschranken, für Erneuerung der Handelsverträge ihre Stimme zu erheben und finden eine OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 d2 Special-Debatte über Lederzölle. bedeutende Anzahl Anhänger im Volke und in den Handelskammern der be  deutendsten Städte. Ja es wird mir hoffentlich nicht als Unbescheidenheit aus  gelegt werden, wenn ich versichere, daß ich noch im August vorigen Jahres während der Pariser Ausstellung Gelegenheit fand, den Präsidenten der französi  schen Freihandelsliga zu sprechen und ihm zu erklären, daß ich mir nur dann eine Weiterbefolgung unserer Freihandelspoliük vorstellen könnne, wenn unsere Nachbaren, also auch die Herren Franzosen ebenfalls ihre Schutzzölle fallen ließen und ich nahm die tröstliche Versicherung von dort mit, daß die freihänd  lerische Richtung immer mehr Anerkennung beim französischen Volke fände und selbst Gambetta erklärt habe, derselben wahrscheinlich in den französischen Kammern eine Mehrheit verschaffen zu können, wenn nur den Ministern der Muth nicht fehle, gegen gewisse Jnteressenten-Gruppen mit Energie aufzutreten und wenn nur die Freihändler ihre Sache mit der nothwendigen Geschicklichkeit vorzubringen und zu begründen wüßten. Selbst heute noch schreibt das Organ Gambetta's, die KLpudUgue fran^aise, in ähnlichem Sinne und der Handelsminister Tirard ist wahrlich kein Anhänger des französischen Schutzzollsystems. Die französische Enquete belehrt uns außerdem, wie sehr gerade gewisse französische Hohofenbesitzer gegen die aeguits ä eaution zetern, indem sie behaupten, daß ihre Hohofen stille lägen, während das lothringische und luxemburger Roh  eisen an ihren Thüren vorbei nach Frankreich eingeführt werde. Was Belgien betrifft, so hat noch eine Sitzung der Kammer vom 17. December v. I. gezeigt, wie dort gerade in Ingenieurund Fabrikantenkreisen gemäßigte Freihändler zu finden sind, und der Finanzminister Graux hält die Forderungen verschiedener Herren, in erster Linie den Wegfall der Garnund Eisenzölle für berechtigt, jedoch sei der Ausfall in finanzieller Beziehung von Bedeutung, und er halte es vor Allem nur jetzt für opportun, die Zölle vor  läufig noch beizubehalten, um für ihre spätere Aufgebung Gegenconcessionen vom Auslande zu erhallen. — (Der Redner wird von dem Präsidenten mit dem Hinweis auf die ab  gelaufenen 10 Minuten unterbrochen.) Sohlledergerber Hoffmeister (Heidelberg): Meine Herren, es ist ein trauriges Bild, daß eine Industrie, die so solide dasteht, wie die Gerberei, sich auf den Kampfplatz der politischen Leidenschaften begeben muß. Bis zum Jahre 1865 ist die deutsche Gerberei eine der solidesten Industrien in allen ihren Branchen gewesen. — Obwohl sie niemals, was genau erwiesen ist, mit großen Verdiensten arbeitete, und dadurch von allen Gründungen verschont blieb, hat sie stets solide gearbeitet. Die mit ihr innig verwandten Gewerbe der Schuh  macherei, der Sattlerei, sind blühend gewesen, der Lederhandel ist groß und mächtig geworden. Im Jahre 1865, als es sich darum handelte die Zölle herabzusetzen, waren Verhältnisse maßgebend, die dieß rechtfertigten und der damalige Gesetz  geber konnte bei Lage der Verhältnisse nicht ahnen, daß die überseeischen Länder dereinst unsere Märkte mit Leder und fertigen Lederwaaren überschwemmen würden. Die deutsche Gerberei war exportfähig. Es wurden bis zum Jahre 1865 ganz bedeutende Massen Leder exportirt und dagegen kaum 5000 Zentner nach OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Lederzölle. 93 Deutschland eingeführt. Die Gerber hatten Recht für die damalige Zollermäßigung einzutreten. Man war Oesterreich und Frankreich gegenüber in der Lage sogar unsere besten und theuersten Sohlleder auszuführen. Dieser Zustand ist geändert worden durch die Herabsetzung der Zölle von 36 auf 12 per 100 Kilo, denn dadurch ist es dem überseeischen, besonders dem amerikanischen Gerber möglich geworden, durch seine Produktion den europäischen Markt, be  sonders den deutschen, zu erobern und heute noch durch seine billigen Preise zu beherrschen. Meine Herren, das sind unhaltbare Zustände, und wenn auch die Frei  händler durch theoretischen Zahlenbeweis die Wucht dieser Thatsachen abschwächen wollen, praktisch stehen wir auf dem Standpunkt: daß nur ein ausreichender Schutz die Gerberei auf ihrer seitherigen Blüthe erhalten kann. Die Position 21 L des Zolltarifs enthält: Sohlleder, Maschinenriemenleder, Vacheleder, Zeugleder, Fahlleder u. s. w. Der Absatz dieser Ledersorten ist aus  schließlich auf den inländischen Markt angewiesen, während die Fabrikanten der Oberund Luxusleder exportfähig sind. Daher auch der Unterschied in den Forderungen der Lederindustrie. Wir Sohlledergerber bedürfen zur Existenz eines Schutzes. Wir sind Europa gegenüber vollständig konkurrenzfähig, weil in allen Staaten das wichtigste Rohprodukt, die Lohrinde, im Culturwalde gewonnen wird ; aber wir können nicht gegen die Länder ankämpfen, die den Rohstoff aus dem Urwald gewinnen. Der amerikanische Gerber kann mit 30 die 100 Kilo Leder gerben, während der deutsche Gerber für Lohrinden 80 bis 100 ausgeben muß. In dieser Differenz liegt der ganze Widerstreit der Interessen und wenn die deutschen Sohl  ledergerber gegen solche ungünstige Verhältnisse geschützt werden wollen, so kann man ihnen nicht vorwerfen, Principienreiterei zu treiben, sondern es ist ein Kampf des alten Culturstaats gegen die modernen überseeischen Emporien. (Sehr richtig! rechts.) Meine Herren, ich spreche zu Ihnen als Vertreter von circa 2000 Gerbern, die am 13. Februar in Berlin durch Delegirte vertreten waren. Was wir da  mals beschlossen, ist in der Eingabe an den Vorsitzenden der Tarifcommission Herrn von Barnbüler, enthalten. Unsere Forderungen sind darin vollständig genau festgestellt und bewiesen. Glauben sie nicht, meine Herren, daß das was wir verlangen etwas Unbilliges ist, es ist leider durch die trostlose Lage unseres einst so sehr blühenden Gewerbszweiges zu sehr begründet. Wenn ich heute Collegen aus der Lederbranche hier im Lager der Freihändler sehe, bin ich fest überzeugt, daß bei Fortdauer der jetzigen Zustände in kurzer Zeit mancher von ihnen an meinem Platze stehen wird. Meine Herren , man hat uns heute hier vorgehalten, die Sohlledergerberei brauche keinen Schutz, dagegen sage ich: Sie setzen damit unsere Industrie auf den Aussterbeetat, und wir werben für einen der wichtigsten Consumartikel: das Leder, vom Auslande abhängig. (Lebhaftes Bravo! rechts.) (Ein Schlußantrag wird abgelehnt.) Dr. Hecht (Mannheim): Meine Herren, ich will mich nicht auf den Gegensatz einlassen zwischen Culturwald und Urwald, Culturstaat und Urstaat, der hier hervorgehoben worden ist. Gestatten Sie mir ganz einfach, die staOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 94 Special-Debatte über Lederzölle. Mischen Zahlen in den Vordergrund der Erörterungen zu stellen. Der Werth aller Leder die in Deutschland fabrizin werden, ist 337,735,000 rund. Dem gegenüber steht eine Einfuhr im Jahre 1878 von nur 14,630,000; demnach verhält sich die Einfuhr zu dem in Deutschland fabricirten Leder wie 4^:100. 2. Das im Jnlande erzeugte Sohlleder wird von beiden Parteien ziemlich übereinstimmend auf 150 Millionen berechnet. Der Werth der außereuro  päischen Sohlledereinfuhr ist ungefähr 4,800,000 Es verhält sich demnach diese Einfuhr zur inländischen Fabrikation wie 3^: 100. Wollte man selbst tendenziöse Calculationen vornehmen, so könnte dieses Verhältniß nicht wesentlich verändert werden. 3. Die Ausfuhr von Leder im Jahr 1878 berechnet sich auf 49,632,000 an Werth. Zieht man hiervon ab die Ledereinfuhr mit 14 Millionen so bleibt eine Mehrausfuhr von rund 35 Millionen 4. Das Verhältniß der Gerbereien und Lohmühlen zum Lederwaarenbetrieb ist in der Discussion noch nicht hervorgetreten und ist von besonderer Wichtigkeit. Nach der Zählung von 1875 waren in Deutschland 11,969 Gerbe  reien und Lohmühlen mit einem Arbeiterpersonal von circa 42,000 Mann, während im Lederwaarenbetrieb thätig waren 288,140 Fabriken mit 465,000 Arbeitern. 5. Was die amerikanische Handelsbilanz betrifft, die hier ganz besonders in den Vordergrund gestellt wurde, so gestalten Sie, die officiellen Zahlen zu erwähnen, damit Sie ersehen, daß die Berechnungen des Herrn Vorredners total falsch sind. Die Einfuhr von Lederwaaren nach Amerika belief sich auf 30,000,000, die Ausfuhr auf 35 Millionen; die Ausfuhr übersteigt sonach die Einfuhr nur um 5 Millionen. Die Totalausfuhr Deutschlands an Leder und Lederwaaren ist 102 Millionen die Gesammteinfuhr nur 25 Millionen^, (hört! links). Die Mehrausfuhr beträgt also über 7 7 Millionen Das procentuale Verhältniß ist: der Mehrexport Deutschlands an Leder und Leder  waaren ist 151/2 mal so groß wie der von Nordamerika, und da spricht man von einer Ueberfluthung ! (hört! hört! links) von einer nothleidenden Industrie! Daß man die Zollsätze nicht erhöhen soll, ist mein Antrag, und namentlich ver  wahrt sich die Lederindustrie gegen einen Schutzzoll im Allgemeinen. Es ist ein Satz, der schon in den ältesten Zeiten galt und bis in die neueste Zeit bei  behalten wurde : denolleia non odtruäuntui-, man dränge Niemandem eine Wohlthat auf. Es ist aber in der Schutzzollfrage förmlich auf Schutzzoll gereist worden. Ich habe einer Versammlung im Pirmasens beigewohnt; dort ist die erfreuliche Thatsache eingetreten, daß von Gerbern und Schuhwaarenfabrikanten einstimmig erklärt worden ist, eine Solidarität der Interessen zwischen Gerbern und Schuhwaarenindustriellen sei jedenfalls diesem Kampf, der von einer Minorität provocirt worden ist, vorzuziehen. Die Gerber hätten ihre Interessen in derselben Richtung zu finden, wie die Schuhwaarenindustrie, und ich halte es für frivol, daß man einen solchen Kampf veranlaßt hat. Nach meinen Ermittelungen, und ich habe mich eingehend damit beschäftigt, sind die Calamitäten der Sohllederindustrie anderwärts zu suchen, nämlich darin, daß sich die Anforderungen an die Sohllederproduction wesentlich verändert haben ; während die deutschen Sohllederfabrikanten diesen Anforderungen in ihrer großen Mehrheit nicht folgten, haben Amerika, England, Frankreich und Belgien OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Lederzölle. 95 sich diese Fortschritte angeeignet. Dort ist der wahre Grund zu suchen. (Wider  spruch und Zustimmung.) Das ist richtig, meine Herren, trotz des Widerspruchs der Schutzzöllner. Wir haben die Rede des Herrn Hoffmeister gehört, die, wie der Zolltarif, ohne Motive gearbeitet ist und sich in allgemeinen Redensarten bewegt. Ein zweiter Grund ist der, daß zu viel untergeordnete Waare in Deutsch  land gearbeitet wurde und vieles edle Material durch irrationellen Betrieb so zu sagen verbruddelt wurde. Auch ist der Einfluß der Kriegsjahre auf eine Ueberproduction für Häute und für Leder leicht erkennbar, und auch in Amerika hat man unter demselben Faktor in Folge des Secessionistenkriegs gelitten. Arn Besten aber spricht zu unseren Gunsten die Argumentation des einen Herrn von der Schutzzollpariei, nämlich der Antrag auf Exportvergütung. Der Herr hat gesagt: Sie können ja dafür stimmen, denn der Schutzzoll wird doch durchgehen. Von dem Standpunkte aus brauchten wir überhaupt nicht mehr zu discutiren. (Sehr richtig! links.) Wir discutiren, um unseren Standpunkt zu wahren und in der Hoffnung, daß doch noch Einzelne Einsicht haben werden in die wahre Sachlage. Unter keinen Umständen schließen wir einen Compromiß mit unserem Gewissen und unserer Ueberzeugung, die sich seit Jahrzehnten festgestellt hat. (Bravo! links.) Deshalb sind wir gegen den Antrag von dieser Seite (rechts). Wenn ferner bemerkt wurde, das Ausland sehe nicht auf Deutschland, so ist das eine ebenso originelle wie unrichtige Argumentation, die mir namentlich vom schutzzöllnerischen Standpunkt, welche sonst immer das Gegentheil hervorhebt, gar nicht einleuchten will. Das sind im Wesentlichen die Gesichtspunkte, welche ich hervorzuheben hatte, und ich empfehle Ihnen, diese Anträge der schutzzöllnerischen Minorität, im Verhältniß der Gesammtheit der Lederfabrikation, abzulehnen. (Bravo! links.) (Ein erneuter Schlußantrag von Prof. Schmöller wird abgelehnt.) < Reg.-- Rath Beutner (Berlin): Meine Herren, ich habe mich nur Zum Worte gemeldet in Folge der Aufforderung des Herrn Referenten, daß auch von unparteiischer Seite einmal der Gegenstand beleuchtet werden möchte. Ich halte mich für unparteiisch und erlaube mir deshalb zunächst die Bemerkung: wir in Deutschland haben mit dem guten Beispiel bezüglich der Zollfreiheil längst Versuche gemacht. Der Appell, der an uns gerichtet ist, ist von uns schon seit langen Jahren erfüllt worden. Schon 1862 und 1865, als die Verhand  lungen über den Zollvertrag schwebten, ist ausdrücklich betont worden, „wir müßten mit gutem Beispiel vorangehen". Als man die Eisenzölle aufhob, hat man sich wiederum auf dies Argument gestützt. Ich frage Sie nun: was hat uns dieses gute Beispiel genützt? Man wendet ein: wenn wir jetzt den Schutzzoll einführten, so würden wir dadurch das Ausland nöthigen, seinerseits die Zölle zu erhöhen. Dieses Argument wäre richtig, wenn wir den Reigen begonnen hätten. Wir sind aber zuletzt in ihn eingetreten und zwar in höchst schüchterner Weise, so daß diese Besorgniß nach meiner Auffassung nicht gerechtfertigt ist. Es sind von gegnerischer Seite allerhand Zahlen in's Feld geschickt und es ist vom Herrn Referenten bedauert worden, daß wir nicht im Besitz OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 96 Special-Debatte über Lederzölle. zuverlässiger und amtlicher Zahlen wären. Nun, meine Herren, hier liegen amtliche Zahlen in den Motiven zum Tarif vor. Daraus ergiebt sich, daß wir bei den in Position des Tarifs enthaltenen Ledersorten im Jahre 1864 bei hohen Zöllen eine Einfuhr hatten von 4211 Centnern und 1877 eine Einfuhr von 108,147 Centnern. (Zurufe links: Falsch!) Ich kann mich nur auf die amtlichen Zahlen berufen. Die Herreck haben sodann auf den großen Export an Lederwaaren hinge  wiesen. Ich kann Sie wiederum aus die amtlichen Zahlen verweisen, aus denen hervorgeht, daß unser Export in diesen Sorten leider zurückgegangen ist. Wir haben immer das Verlangen gestellt, Enqueten vorzunehmen, damit wir einen zuverlässigen Boden gewinnen könnten. Wer hat aber dagegen an  gekämpft? Schon als man im Jahre 186.^ den Gegenstand bei den Verhand  lungen im Abgeordnetenhaus zur Sprache brachte, hat man von Seiten der Redner, die zur Partei der nationalen Arbeit gehören, diese Forderung erhoben, und was hat man eingewendet? Ein Mann, der sich auf dem politischen Ge  biete große Verdienste erworben hat, Herr von Vincke, hat erwidert: „Das Ver  langen nach Enqueten kommt mir vor, als ob inan Generäle hinzuziehen wollte, um über Ersparnisse im Militärwesen zu berathen", und noch heute stehen Ihre (links) Freunde auf demselben Boden. Es ist von dem Herrn Correferenten ein Gedanke angeregt worden, der bei meinen Parteifreunden schon längst Boden gefunden hat. Ich weiß nicht, ob der Herr Correferent zu den Schutzzöllnern gehört (Heiterkeit links), mir ist es nicht bekannt, ich habe im Gegentheil immer geglaubt, daß er sich zu Ihren Freunden zählt. Meine Herren, es kann ja doch Denen, die es sich zum Grundsatz gemacht haben, die nationale Arbeit nach allen Seiten zu pflegen, nie in den Sinn kommen, irgend eine legitime Industrie schädigen zu wollen. Wir würden sicherlich gegen unser eigenes Princip handeln, wollten wir die blühende Ex  portindustrie durch Maßregeln schädigen, ohne zugleich die Hand zu bieten, die Schädlichkeiten wieder abzuwenden. Wir haben noch in der letzten General  versammlung des Centralverbandes es ausgesprochen, es müsse im Interesse der Exporlindustrie das Princip des freien Veredlungswerkes mög  lichst ausgedehnt werden und auch eventuell der Grundsatz der Rück  vergütung in's Auge gefaßt werden. (Aha! links.) Hätten Sie, meine Herren, anstatt mit Leidenschaft unsere Bestrebungen zu bekämpfen, sich bemüht, wie wir das immer gethan haben und immer thun, einen neutralen Boden mit uns zu gewinnen, so wären wir längst vielleicht zu einer Verständigung gelangt. Meine Herren, um nun näher auf das Leder einzugehen, so sind wir leider in unserem Baterlande gewöhnt, alle die Sch und waaren abzunehmen, die man an der Ursprungsstätte nicht consumiren will. Man hat der Sohlleder  industrie vorgeworfen, sie sei zurückgeblieben. Meine Herren, die deutsche Sohllederindustrie ist seit Jahrhunderten eine der berühmtesten der Welt und es giebt noch heute kein Sohlleder, welches eine bessere Qualität hätte, als das deutsche. Das amerikanische Sohlleder ist von solcher Qualität, daß die amerikanische Regierung die Verwendung des amerikani  schen Hemlock-Leders in der Armee verboten hat (Sehr richtig! OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Lederzölle. 97 rechts) und das ist das Leder, um dessen willen wir eine alte, seit Jahrhunderten in bürgerlichen Kreisen bestehende Industrie ruiniren sollen! Man führt immer das Interesse der Großindustrie gegen das der Klein  industrie in's Feld. Hier in diesem Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, alle Collisionen und Conflicte des wirthschaftlichen Lebens zu einer Harmonie zu führen, sollten wir mit solchen Einwendungen vorsichtig sein! Es giebt eine Versöhnung der Interessen und wir gerade, die wir den Schutz der nationalen Arbeit auf unsere Fahne geschrieben, haben in erster Linie den Grundsatz auf  gestellt: die Solidarität aller legitimen Interessen, und bei dem Tarif für die Lederindustrie haben Sie einen Beweis, wie sehr die Großindustrieen und die Kleinindustrieen Hand in Hand gehen. Hier in diesem Tarif haben Sie es mit einer ganzen Anzahl von Gewerben zu thun, mit der Schuhmacherei, der Sattlerei, der Handschuhfabrikatton und dergl. Meine Herren, hier ist gerade der Boden, wo wir dafür eintreten müssen, daß unserem Handwerk nicht voll  ständig die Grundlage des Daseins entzogen werde. Wir haben gerade an unserem Handwerke viel gesündigt, denn durch unsere mangelhafte Tarifvertheilung haben wir das Kunsthandwerk ruinirt und diese schwere Schuld müssen wir wieder sühnen. Ter Verein für Socialpolitik, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, gerade die Härten, die manche wirthschaftlichen Gesetze mit sich bringen, auszugleichen und das Wohl der arbeitenden Classen zu fördern, würde gegen sein eigenes Princip handeln, wollte er jetzt die günstige Gelegenheit nicht benutzen, die sich darbietet. Wenn wir erst Industrie und Gewerbe wieder lebensfähig gemacht haben, dann wird die Industrie — es ist das gestern schon betont worden und ich kann es wiederholt im Namen des ganzen Cent^alverbands erklären — vor keiner Auflage, vor keiner Belastung zurückschrecken, welche die Gesetzgebung im Interesse der humanitären Bestrebungen zu fordern die Pflicht hat. (Bravo! rechts.) Deshalb bitte ich Sie, daß Sie Alle eintreten für einen maßvollen Schutz der deutschen Arbeit, insbesondere auch für die Nothwendigkeit einer Erhöhung der bisherigen Zölle im Interesse der Erhaltung der deutschen Gerberei. Es ist noch von keiner Seite hervorgehoben worden, daß es sich hier ledig  lich um einen autonomen Tarif handelt. Vergessen Sie doch nicht, ein autonomer Tarif ist ein Tarif, der dazu berufen ist, im Wege derHandelsverträge abgeändert und modificirt zu werden (Hört! links), und wir haben an der Spitze der deutschen Verwaltung einen Mann, der bei Freund und Feind als die erste Autorität und Capacität in Sachen der Politik und in den auswärtigen Angelegenheiten der Politik gilt. Geben Sie ihm nur die Vollmach  ten, wie sie der § 5 des Gesetzentwurfs fordert und dieser Paragraph wird der Schlüssel sein zu allen auswärtigen Märkten. (Lebhaftes Bravo ! rechts.) Die Debatte wird geschlossen. Prof. Dr. Held (Bonn) beantragt, vor Schluß der Generaldebatte keine Abstimmungen mehr vorzunehmen. Dieser Antrag wird aber abgelehnt. Dagegen wird der Antrag Sombart: über Zahlen nicht abzustimmen * ), angenommen: *) Durch den Antragsteller selbst vorgenommene Präcisirung feines S. 89 auf  geführten Antrags. Schriften XVI. — Verhandlungen 1879. 7 Der Antrag Dr. Möller aä 1 und 2: OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 98 Special-Debatte über Textil-Zölle. 1)Der unter 21 a aufgeführte Zoll von 24 erscheint für zugerichtetes Leder angemessen, während für nicht zugerichtetes Leder ein Zoll von 18 vorgeschlagen wird, 2) Der Zoll auf Lohe unv Thran ist zu verwerfen, wird hierauf abgelehnt, dagegen wird sein Antrag aä 3: 3) Es ist Pflicht des Staates für Vermehrung der Eichenwälder Sorge zu tragen und die in den Staatsforsten zu gewinnende Lohe den Gerbern zu  gänglich zu machen angenommen. (Es folgt eine kurze Pause.) Präsident Prof. Dr. Nasse: Wir gehen jetzt über zu der Specialdebatte über : Zölle aus Producte der Textilindustrie. Zunächst hat das Wort der Referent Herr Seyffardt (Crefeld.) Referent Seyffardt (Crefeld): Der Ausschuß hat mich beauftragt, Ihnen zu referiren über die Aende  rungen, die der neue autonome Zolltarif der Textilindustrie verheißt. Ich kann nicht sagen, daß ich der Aufforderung gerne nachgekommen bin, denn ich bin mir wohl bewußt gewesen, daß die Zeit zur Vorbereitung zu kurz war, um das vorhandene reiche Material so zu verarbeiten, wie es dem wissenschaft  lichen Charakter dieser Versammlung einigermaßen entsprochen hätte. Ich muß mich darum auch darauf beschränken, Ihnen auszuführen, nach welchem Princip, um nicht zu sagen nach welcher Schablone, die Aenderungen geschnitzt sind, die den neuen vom alten Tarif unterscheiden, wer dabei gewinnt und wer ver  liert, und ob die voraussichtlichen Folgen geeignet sind die Reform als einen Erfolg der wahrhaft nationalen Arbeit in der Textil-Jndustrie erscheinen zu lassen. Die Motive zum neuen Tarif sind erst vor einigen Tagen erschienen und kaum bekannt geworden. Wir müssen sie daher in den Zahlen suchen und werden sie leicht darin finden. Da ist entscheidend für unsere Beurtheilung die Anwendung, die der Grundsatz des berühmten Kanzlerbriefs vom l5. December, daß von der allgemeinen Zollpflicht nur die dem Gewerbfleiß unbedingt noth  wendigen Rohproducte auszunehmen seien, gefunden hat. Rohe Baumwolle, Flachs, Seide und Wolle sind frei von Eingangszoll geblieben, dagegen alle Halbund Ganzfabrikate mit mehr oder weniger hohen Zöllen bedacht worden. Der Spinner ist durch diese Behandlung auf das entschiedenste bevorzugt. Sein Material findet keine Bertheuerung, während seiner nationalen Arbeit eine Prämie in Stasfelform für die meisten Garne von Baumwolle, Flachs, Florettseide und Wolle zu Theil wird, die den bisherigen Zoll verschiedentlich um das Dreifache übersteigt. Der Vortheil des Spinners ist der Nachtheil des Webers, dessen Rohstoff das vertheuerte Halbfabrikat des Spinners ist und dem die billigen Garne des Auslandes bisher zur Verfügung standen. Doch auch dem Manne soll durch erhöhte Zölle auf so ziemlich alle Waaren der vier Hauptzweige von Webewaaren geholfen werden! (Sehr gut! links.) So weit scheint also Alles in schönster Ordnung, die Harmonie der Interessen erhalten zu sein. Nun sagte Ihnen gestern Herr Haßler, das treffe i» der That zu, nicht bloß nach der Meinung der Spinner, sondern auch nach der der Weber. Allerdings kann Herr Haßler sich auf manche Aeußerungen der Letzteren beziehen, aber um deren Bedeutung zu ermessen, lohnt es sich an den Gedankengang, der zu Grunde lag, zu erinnern. Die Weber sagten sich: OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Textil-Zölle. 99 Wir sehen zwar nicht ein, wohin das neue Evangelium führen soll, aber die öffentliche Dieinung ist ihm günstig, es thut nicht gut, gegen den Strom zu schwimmen; gönnen wir dem Spinner einen kleinen Schutz, wenn uns nur ein Aequivalent geboten wird. Ziehen Sie dazu in Betracht die uns Deutschen immer noch etwas mehr als den anderen Cultur-Nationen innewohnende Lust an Privilegien aller Art und auf allen Lebensgebieten, — ich erinnere an das heute trotz des Fiascos der 49er preußischen Gewerbegesetzgebung neuerwachte Verlangen nach Zunftzwang, das als Pferdefuß aus allen Verhandlungen über frei  willige Innungen hervorguckt, so werden Sie sich nicht wundern, daß der neue für Schutz schwärmende wirtschaftliche Glaube auch bei den Webern Sympathie fand. Doch, meine Herren, es haben noch lange nicht alle Zweige der Textil-Jndustrie sich so verhalten. Die exportirenden Gewerbe haben sich nicht dem Sirenensange lauschend hingegeben, sondern sich durch ihre eigensten Lebens-Interessen gezwungen gesehen, energisch zu opponiren. Bei der Bedeutung des Exports, der in Web  waaren den Import um das Vielfache übersteigt, treten sie in den Kampf ein in dieser Zeit, in der an höchster Stelle der Weg zum Heil in der Entfesselung der crassesten wirthschaftlichen Einzelinteressen gefunden wird. Ob es wirklich der richtige Weg ist, dürfte großen Bedenken unterliegen. Wer daran noch gezweifelt hätte, den könnten die gestrigen Ausführungen des Redners aus Offenbach, die mich lebhaft an das Geschrei über den Kornwucher, das in den 40er Jahren durch unser Land ging, erinnerten, wohl belehrt haben. Es thäte wirklich Noth, daß neben dem Jnteressenkampfe auch die ideale Seite in Handel und Wandel, die Bedeutung, die der Handel und der Austausch unter den Nationen als Culturträger durch Jahrtausende hindurch gehabt haben, ernste Betonung fänden. (Bravo! links.) Den exportirenden Zweigen der Textilindustrie, meine Herren, kann für die ihnen durch den neuen Tarif zu Theil werdende Benachtheiligung kein Aequi  valent geboten werden. Allenfalls wäre das noch thunlich oder soweit vorhanden aufrecht zu erhalten bei einigen gefärbten oder appretirten Halbfabrikaten, z. B. Türkischroch und Eisengarn, in der Form des Rückzolls. Bei Ganzfabrikaten ist dagegen eine Erkennung der Identität des Fadens der exportirten Waare mit dem importirten Garn undenkbar, ein Rückzoll also nicht angebracht. Während die Erhöhung des Zolles auf die concurrirenden Waaren des Aus  landes nur unter Umständen, noch lange nicht immer, dem für das Inland beschäftigten Weber einen Vortheil zu gewähren verspricht, fällt dieser für den exportirenden Weber fort, ja die Erhöhung setzt ihn noch der besonderen Ge  fahr aus, daß ihm sein Markt durch Retorsions-Maßregeln der benachbarten Staaten entzogen werde. Nun könnte es auffallend sein, meine Herren, daß bei der Bedeutung des deutschen Exports in den vier großen Textilzweigen sein der neuen Richtung so total entgegenstehendes Interesse sich neben der lauten Reclame des Schutz  zolls nur mit schwacher Stimme bemerkbar gemacht hat. Aber da wolle man doch bedenken, daß bei der heutigen Strömung das Export-Interesse nur dann in den Handelskammern, bei den Stadtverordneten rc. Anerkennung findet, wenn es ganz und gar überwiegend ist und auch der enragirteste Vertreter der sogenannten nationalen Arbeit sich der fatalen Consequenz im einzelnen Falle nicht ent  ziehen kann. Ist das Export-Interesse in der Minorität, oder gehört es, wie 7* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 106 Special-Debatte über Textil-Zölle. 100 anstatt 60 Damast aller Art und verarbeitetes Tischund Hand  tücherzeug sind zu denselben Sätzen wie gefärbte Leinwand veranschlagt. Battista Bänder, Gaze, Schnüre und Stickereien erhalten den Satz von 100 statt 60 die Zwirnspitzen anstatt 240 M. den Satz von 600 Alle diese Erhöhungen sind sehr bescheiden und mögen der Leinenbranche nur einen spär  lichen Schutz gewähren. In Gespinnsten betrug das Verhältniß der Einfuhr zur einheimischen Production 66 Proc. im Jahr 1875. Wie der Bericht der Enquete-Commission es anerkennt, hat die deutsche Leinenindustrie Jahrhunderte lang in hoher Blüthe gestanden und mit ihren Erzeugnissen fast alle Kulturländer der Erde versorgt. Die Güte der Arbeit sicherte den Waaren nach allen Gegenden hin reichlichen Abfluß und den Pro  ducenten auskömmlichen Verdienst. So lange man nur Handgespinnste und Handgewebe kannte, bestand diese glückliche Lage. Als jedoch das Ausland mit der Einrichtung der mechanischen Spinnerei vorging, trat für diesen Arbeits  zweig in Deutschland eine tiefgreifende Umwälzung ein. England gewann zu  folge seiner technischen Durchbildung einen bedeutenden Vorsprung, welchen die deutschen Leinenarbeiter, in weniger günstigen Verhältnissen, trotz energischer Be  mühung, bis jetzt noch nicht erreicht haben. Im Jahr 1875 zählte Deutschland 260,977 Flachsspindeln mit einer durchschnittlichen jährlichen Production von 75 Garn pro Spindel, was die inländische Jahresproduction zu 19,500,000 stellt, während 12,971,000 rohes Maschinengarn aus der Fremde ein  geführt wurden. Zu derselben Zeit befanden sich im Zollgebiet 8423 mechanische und 146,420 Handleinenstühle. Die Baumwollenund die Jute-Industrie be  drängen übrigens nun immer mehr und mehr die Leinenfabrikation, und zwar von zwei Seiten, da jene ihr feinere Waaren in Leibwäsche und selbst in Tisch  wäsche, diese die groben Waaren in Packund Sackleinen entzieht. Hat die Baumwolle auf die Entwickelung der Leinenindustrie ungünstigen Einfluß ausgeübt, so liegt auch vor unseren Augen die Thatsache klar, daß kein anderer Zweig mehr von den schlimmen Folgen der bisherigen deutschen Handels  politik leidet. Schon der Umstand, daß der Zolltarif auf Garne nur einen ein  heitlichen Satz von 12 xro 100 enthält ohne auf den Werth des Fabrikats Rücksicht zu nehmen, gestattete Deutschland, nur gemeine Sorten zu produciren, während die feineren aus dem Auslande bezogen werden mußten. Als das Elsaß ferner dem deutschen Reiche einverleibt wurde, suchte die dort hoch entwickelte Feinspinnerei zunächst ihren früheren Absatz auf dem französischen Markt bei  zubehalten. Schlimm für uns sind im französischen Tarif die Zollsätze nach dem Werth der Waare bemessen und ein Artikel, der zehn mal mehr kostet als der andere ist bei der Einfuhr einem zehnfachen Zoll unterworfen. Diesen schweren Zoll bezahlten die Elsässer gerne und es ging eine Zeit lang so ruhig fort. Rach und nach aber ersetzten in Frankreich neue Spinnereien die elsässi  schen. Die neu gegründeten Spinnereien und Webereien haben auf französischem Gebiet den Zoll, welchem die Elsässer unterworfen sind, nicht zu bezahlen. Sie liefern Gewebe und Garne um so viel billiger. Allmälig fanden sich die Elsässer Fabrikate aus Frankreich ausgewiesen, ohne in feinen Artikeln bei deutschen Käufern lohnende Abnahme zu erlangen, weil die Engländer und Schweizer in diesen Sorten den Markt beherrschen. Was hatten die Elsässer nun zu machen ? Sie haben die feineren Artikel mehr OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Textil-Zölle. 107 und mehr durch gemeine ersetzt. Nothwendiger Weise entstand dadurch für solche ordinäre Waaren in Deutschland eine wachsende Ueberproduction, eine Herunter  drückung der Verkaufspreise unter die Selbstkosten, ein Schaden, dessen Fort  bestand nur den Untergang der einheimischen Industrie herbeiführen muß. Die Nothlage ist in diesem Zweig so groß, so tief geworden, daß nach gründlicher Prüfung der Ursachen dieser Krisis die Reichsregierung sich entschloß, an Stelle des einheitlichen Zollsatzes von 12 für rohe Garne eine Reihe von Sätzen in fünf Stufen von 12 bis 36 einzubringen, die Zölle auf Baumwollenwaaren gleichzeitig von 60 und 96 auf 80 bis 250 zu bringen. Selbst diese Er  höhung entspricht nicht den Bedürfnissen und ich muß Sie bitten, meine Herren, in Betracht der Wichtigkeit des Gegenstandes, mir zu gestatten, das Verhältniß des Zolltarifs zu der Baumwollindustrie näher zu erörtern. Wir haben eben erkannt und nachgewiesen, wie hoch die Bedeutung der deutschen Baumwollindustrie über unseren anderen Textilbranchen steht. Deutsch  land beschäftigt gegenwärtig in der Baumwollenindustrie 4,278,000 Spindeln, 220,000 Webstühle und 220 Walzendruckmaschinen mit ungefähr 285,000 Arbeitern. Nach der Gewerbezählung vom Jahre 1875 fallen von diesen Be  triebskräften auf das Gebiet des ehemaligen Zollvereins 2,700,000 Spindeln mit 48,350 Arbeitern, 57,390 mechanische Webstühle und 128,000 Handstühle mit 183,000 Arbeiten, 100 Walzendruckmaschinen mit 7500 Arbeitern. Hin  gegen zählte zu derselben Zeit das Elsaß bei der Spinnerei 1,500,000 Spindeln mit 13,650 Arbeitern, bei der Zwirnerei und für Nähfaden 75,000 Spindeln mit 2000 Arbeitern; bei der Weberei 30,000 mechanische Stühle mit 20,000 Arbeitern; bei der Druckerei 124 Walzendruckmaschinen mit 8600 Arbeitern, für Bleicherei und Appretur 5 Etablissements mit 2620 Arbeitern. Bleiben die Handstühle, welche nicht das volle Jahr hindurch im Gange sind, außer Be  tracht, so finden wir, daß das Elsaß in der Spinnerei und in der mechanischen Weberei mehr als die Hälfte der betreffenden Maschinen vom Zollvereinsgebiet in Gang setzt, mehr als um die Hälfte die entsprechende Production erhöht, ein Umstand, welcher nothwendiger Weise, nach Anschluß des Reichslandes, das Ver  hältniß zwischen Production und Konsumtion im Deutschen Reiche umwerfen mußte. Man bedenke nur, daß der Consum roher Baumwolle, welcher in der fünfjährigen Periode von 1866 bis 1870 durchschnittlich 1,125,650 k»- be  trug, während der Periode von 1872 bis 1876 zu 124,050,000 stieg. Anscheinend mag die große Zunahme im Verbrauch roher Baumwolle auf ein Aufblühen der Baumwollindustrie deuten. In Wirklichkeit hängt dieselbe von einem Rückgang ab. einem Rückgang, welchen der deutsche Zolltarif und die Einverleibung von Elsaß-Lothringen verschuldeten. Die Verhandlungen der Reichsenquete über die Baumwollindustrie be  weisen ohne Widerspruch diese Thatsache. Bei der allgemeinen Stockung der Geschäfte auf dem Continent leidet die Baumwollenindustrie in Deutschland von einer besonderen Krisis, deren Ursache unsere Handelspolitik ist und welcher nur eine Reform unseres Zollwesens Abhilfe bringen kann. Ich bin der Ueberzeugung, und jeder Fachmann oder Sachverständige wird nach unparteiisch gründlicher Prüfung der Dinge mir Recht geben, daß eine verständigere Behandlung der Sätze unseres Tarifs für Eingangszölle unsere tief gefallene Industrie zu retten im Stande ist. Ich bin dieser Ueberzeugung, weil unsere Textilindustrie nicht OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 108 Special-Debatte über Texttl-Zöllc. übertriebene Productionsmittel aufgestellt hat, weil mit Einführung von dem Werth entsprechend abgestuften Gewichtszöllen eine Ausgleichung der Production von feinen und gemeinen Artikeln im Verhältniß zu dem Bedarf, zu dem Consum im Deutschen Reiche, sich einstellen wird. Ich werde meine Ansicht durch Ziffern und positive Thatsachen beweisen, in der Meinung, daß wenn sich mein Beweis als richtig erweist, die Regierung und die Volksvertretung die Aufgabe haben, im allgemeinen Interesse Deutschlands für die Wahrung der nationalen Arbeit zu sorgen. Die Beweisgründe für meine Behauptung, daß eine Reform unseres Zoll  tarifs genügt, um die Baumwollinvustrie vom Untergange zu retten, sind folgende: die Productionsmittel befinden sich nicht im Mißverhältniß zu dem innern Consum; die Sätze im Zolltarif müssen für feine wie für gemeine Artikel gleichmäßig im Verhältniß zu dem Werth und der dazu verwendeten Arbeit ge  staltet sein; der Schutz, welchen dem Werth entsprechende Zölle der Erzeugung von feinen Fabrikaten gewähren, fördert die deutsche Industrie, ohne die arbeitenden Volksclassen mehr zu belästigen. Erstens befinden sich die gegenwärtigen Productionsmittel der deutschen Baumwollindustrie nicht in Mißverhältniß zu der Consumfähigkeit des Volkes. Diese Thatsache ist zu beweisen; denn wenn unsere Fabriken mehr produciren als wir in Deutschland zu consumiren im Stande sind, so müßten wir auf Export dringen, und uns nicht durch Zölle auf fremde Waare helfen. Was sagt uns die Handelsstatistik des deutschen Reiches? Aus den officiellen Angaben der Zollverwaltung geht hervor, daß während der Periode 1871 bis 1877 bei einem jährlichen Verbrauch roher Baumwolle von 2,480, WO Ctrn. , Deutsch  land 287,600 Ctr. Garne mehr eingeführt hat als seine Ausfuhr betrug, hin  gegen 196,099 Ctr. Baumwollwaaren über die durchschnittliche Einfuhr exportirte. Der Import fremder Fabrikate aus Baumwolle übersteigt für diese Zeit den Export um 91,501 Ctr. pro Jahr. Es kann somit im Großen und Ganzen von einer Ueberproduction nicht die Rede sein. Die Mehrausfuhr be  druckter Gewebe ist zum Theil den elsässischen Druckereien zuzuschreiben, deren feine Artikel, wenn keine Zollschranken vorhanden wären, in der ganzen Welt Absatz fänden, weil kein anderes Land mit denselben concurriren kann: von 55,052,000 in im Jahr 1d77 in Mülhausen und Umgegend bedruckten Geweben sind 35,480,000 in außerhalb Deutschlands verkauft worden. Die Einfuhr findet auch in feinen Artikeln statt, weil diese im Zolltarif nicht geschützt sind wie die gemeinen. In den „zVeeounts relating to track 6 anck Xavi Kation o L t ll 6 United Linxckoin" lesen wir, daß England allein während des Jahres 1877 Deutschland für eine Summe von 77,103,000 leichte Baumwollstoffe und feine Garne geliefert hat. Erinnern wir auch daran, daß seit dem Anschluß von Elsaß-Lothringen an das deutsche Reich bei uns keine neue Gründung von Fabriken stattfand. Wenn nun die Baumwollindustrie der Vorwurf nicht trifft, ungesunde Geschäfte gegründet zu haben, mit übermäßigen Productionsmitteln zu arbeiten, so müssen wir andererseits annehmen, daß, wenn die gedrückten Preise gewisser Artikel der inländischen Fabrikation eine Ueberproduction in diesen Artikeln an  deuten, diese Ueberproduction in den speciellen Bedingungen der deutschen In  dustrie ihre Ursache hat. Die Ursache läßt sich leicht erkennen, sobald bewiesen ist, daß die Ueberproduction in gemeinen Artikeln stattfindet. Unsere Industrie arbeitet unter OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Textil-Zölle. 109 schwereren Verhältnissen, als diejenige von Amerika oder England. Daher folgt, daß die Herstellungskosten bei uns höher stehen, als bei den mit uns concurriren  den Engländern. Sollen wir mit dem fremden Fabrikat auf dem deutschen Markt concurriren, so darf die Einfuhr vom Auslande nicht eine freie sein. Die nationale Industrie braucht einen Schutz durch den Zoll, welcher die Preise der fremden Waare mit den Kosten der einheimischen möglichst ausgleicht. Ein Kilo  gramm feines Garn in Nr. 120 kostet dem englischen Spinner — Werth der rohen Baumwolle nicht mitbegriffen — 4,40 dem elsässischen (im übrigen Deutschland wird dieser Artikel nie gemacht) hingegen 6,60 somit ein Unterschied von 2,20 zu Gunsten des ausländischen Producenten ! Ein Kilogramm gemeines Garn in Nr. 12 erzeugt der Elsässer mit 0,37 Herstellungskosten, die Engländer mit 0,25 Unterschied zu Gunsten des Fremden 0,12 Der jetzige deutsche Zolltarif enthält für die Einfuhr fremder Garne einen Satz von 12 pro 100 oder 0,12 pro welcher dem deutschen Spinner erlaubt, indem ge  meinen Artikel mit dem Engländer zu concurriren, in dem feinen aber nicht. Da unser Tarif also die gemeinen Fabrikate schützte, so erzeugten die deutschen Spinner diese Artikel und überließen die feineren dem Auslande. Dasselbe gilt für die Weberei. Ungeachtet der ungleichmäßigen Behandlung der verschiedenen Er  zeugnisse der deutschen Industrie blieb doch die Lage in Deutschland eine erträgliche, bis die elsässer Concurrenz während der letzten Jahre sich fühlbar machte. Ungenügend geschützt in den besseren Fabrikaten, fanden sich die Elsässer zufolge der Annexion dazu gezwungen, ihre feinen Artikel in Deutschland durch gemeine zu ersetzen. Die Production ist nun in diesen Artikeln auf dem deutschen Markt in übermäßigem Verhältniß zu dem Bedarf, während die besseren Qualitäten ungehindert aus England hereinkommen. Durch die Herabsetzung der Preise erleiden aber unsere Fabriken im Reichsland sowie auch im alten Deutschland solche Verluste, welche die ganze Industrie mit Untergang bedrohen und den Fortbestand der nationalen Arbeit in Frage stellen. Soll Abhülfe geschafft werden, so müssen die Elsässer wieder die feineren Artikel, welche England liefert, machen können, was nur dany möglich wird, wenn die Zollsätze im neuen Tarif im Verhältniß zu dem Werth und der dazu verwendeten Arbeit für feine wie für gemeine Artikel eingerichtet werden. Ferner sagen wir, meine Herren, der Schutz, welchen dem Werth ent  sprechende Zölle der Erzeugung von feinen Fabrikaten gewähren, fördert die nationale Arbeit ohne Nachtheil für das Volk! Eben haben wir es bemerkt. Gleiche Betriebsmittel geben in derselben Zeit eine größere Menge von Fabrikaten, eine beträchtlichere Production in gemeinen Artikeln, als in feinen. Wie die Ver  hältnisse bei uns, in unserem Lande, jetzt stehen, würde eine solche Mehrproduction in gemeinen Artikeln auf den industriellen Betrieb zerstörend wirken. Der Arbeiter aber würde dabei nicht mehr verdienen. Im Gegentheil. Bei gleichem Gewicht geben die feineren Artikel, welche der Elsaß zur französischen Zeit fabricirte, welche er aber jetzt der englischen Concurrenz schutzlos überlassen mußte, fünf bis zehn Mal (und darübermehr Gewinn für den Arbeiter als die gemeinen. Zwischen gemeinen Garnen in Nr. 12 und feinen in Nr. 120 stehen die Herstellungskosten pro im Verhältniß von 0,37 zu 6,60 Werth des rohen Stoffes nicht mitbegriffen. Bedenkt man, daß Elsaß mehr als 1,500,000 Spindeln im Betriebe hat, nimmt man an, daß nur ein Drittel dixser Spindeln, also 500,000, gezwungen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 110 Special-Debatte über Textil-Zölle. wird, anstatt die Nr. 100 (in welcher die Jahresproduction pro Spindel 2,3 beträgt), die Nr. 20 (wo die Jahresproduction auf 23,0 KZsteigt) zu machen, so erhöht sich die Proouction im Jahre von 1,150,000 zu 11,500,000 kx, was einer Mehrproduction von 10,350,000 gleichkommt. Mit anderen Worten: die einfache Vergröberung der Garnnummer gibt auf die erwähnten 500,000 Spindeln eine Mehrproduction von 207,000 Ctrn., welche der Mehr  einfuhr in Garnen für das Jahr 1878 fast gleichsteht. Die Spinner aus Süddeutschland, welche nie so feine Nummern, wie das Elsaß, producirten, haben mit ihren Tarifforderungen dieser Erwägung, als sie ihre Tarifforderungen stellten, nicht genügend Rechnung getragen und werden den Einfluß davon zu ihrem Nachtheile künftig immer schwerer und schwerer empfinden. Da es nun feststeht, daß im gegenwärtigen Zolltarif der einheitliche Satz für feine wie für gemeine Garne eine Ueberproduction im niederen Artikel herbei  führt, unter zunehmendem Verluste für die Industrie; daß, wenn die Sätze für feine Artikel in demselben Verhältniß zum Werth berechnet werden, wie der jetzt bestehende Zoll für gemeine Artikel, unsere deutschen Spinner und Weber auch die besseren Artikel, welche gegenwärtig mit theuerem Geld aus England bezogen werden, fabriciren können und auch sicher wieder fabriciren würden; daß endlich die besseren Qualitäten höhere Lohnsätze geben: so geht aus allen diesen unwiderlegbaren Thatsachen hervor, daß dein Werth entsprechende Zölle einen Schutz bieten, daß an der Einführung derselben die nationale Arbeit das größte Interesse nehmen muß, ja sogar, daß diese Einführung eine Lebensbedingung für diese bildet. Hingegen belastet der jetzige Tarifzustand mit seinen einheit  lichen und nicht abgestuften Gewichtszöllen das gemeine Volk zu Gunsten der reichen Leute. Für den Arbeiter ist die Last der jetzigen Zollsteuer schwerer als für die wohlhabenden Klassen der Gesellschaft Ich bemerke nur zur Illustration meiner Aussage, daß bei dem in Kraft stehenden Zoll ein Stück von 100 m Creton oder Gaumwollzeug, woraus die arme Arbeiterfrau für ihre Familie Hemden macht, mit einem Satz von 12 belastet ist, während die Einfuhr feiner Musseline für die Ballschleppe der eleganten Dame für 100 m weniger als 3 Zolltaxe kostet. Die vornehme Frau des Rentners zahlt 3 bis 4 mal weniger Zollsteuer für ihre Kleidung als die arme Arbeiterfamilie. Ist das recht? Verurtheilt nicht dieser einzige Vergleich das bisherige deutsche Tarifwesen? Meine Zuhörer erwidern mir, die Regierung habe diesen Uebelstand ein  gesehen und schlage vor, im neuen Tarifentwurf Werthzölle oder dem Werth entsprechende Staffelzölle einzuführen. Die beschränkte Zeit erlaubt es mir nicht, alle Sätze für Textilsachen im vorgeschlagenen Zolltarif eingehend und im Detail zu prüfen. Ich deute nur darauf hin: der Satz von 80 pro 100 ge  meiner Baumwollwaaren wirkt prohibitiv und der von 120 für undichte Organdi ist ungenügend, beträgt im Verhältniß zum Werth sieben mal weniger als auf das gemeine dichte Zeug (Organdi 100m 3K^ü60^ — kxä 20 x08eet6r 1,20 — 6 o/o ; Cretonne 100 m 20 a 47 Fr. — ktzä, 1,88 xo806t6r 0,80 — 44 o^). Der Satz von 12 auf Baumwollen  garn in Nr. 19 (englisch) gibt einen Schutz von 8o/y vom Werthe, der von 36 in Nr. 150 aber nur 3^. Ist das Princip von dem Werth ent  sprechenden Zöllen angenommen, so liegt es auf der Hand, daß im allgemeinen Interesse und aus Billigkeitsgründen der Schutz gleichmäßig vertheilt werden OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Textil-Zölle. 111 muß. Es müssen im Interesse der Feinspinnerei für die höheren Nummern mehr Sätze und Classen aufgestellt werden, als die jetzt vom Bundesrath vorgeschla  genen. Es müssen auch die feinen Gewebe in demselben Verhältniß angesetzt werden, wie die Garne, und da die Unterscheidung zwischen dichten und undichten Waaren, welche der neue Tarif fortbehält, dies nicht ermöglicht, so sind die Sätze auf Baumwollwaaren in Classen, nach Gewicht und Fadenzahl für eine gleiche Fläche zu bestimmen. Allein, solche Aenderungen gehören zu der Competenz des Reichstages, und ich werde dieselben hier nicht näher berühren. Ich constatire nur, daß die deutsche Textilindustrie im Zolltarif Ausgleichungen braucht, um besonders in Baumwolle und Leinen mit dem Auslande zu concurriren, Ausgleichungen, welche die nationale Arbeit schützen und zum allgemeinen Wohl des Volkes führen. Meine Herren, mein Referat ist fertig, aber ich habe noch den Herren Dr. Gensel und Seyffardt zu antworten. Herr Dr. Gensel hat gesagt, die elsässischen Spinner hätten im Jahre 1869 Zollerhöhungen beantragt. Das ist unrichtig, es haben bloß die Spinner aus dem französischen Departement du Nord für die ganz feinen Sorten von Nr. 200 — 300 französisch, Erhöhungen verlangt, weil diese im französischen Tarife nicht mehr genug geschützt sind. Der gegenwärtige französische Tarif für Garne entspricht dem, was die Elsässer im Jahre 1860 vorgeschlagen haben. Es ist ferner gesagt worden, das Elsaß habe eine ziemlich große Expor  tation nach Frankreich gemacht. Das ist wahr, — aber diese Exportation macht sich mit sehr großen Verlusten. Ferner ist gesagt worden, daß die Weber mit den Zollerhöhungen, die die Spinner fordern, nicht zufrieden sind. Das ist nicht richtig. Wir haben in Mülhausen einen Verein, wo Weber, Drucker und Spinner zusammengekommen sind. Die haben sich gegenseitig Concessionen gemacht und haben der Tarif  tommission Vorschläge überreicht, die übereinstimmend durch sie angenommen sind. Sie wissen, daß in den letzten Jahren vor Anschluß Elsaß-Lothringens an das Deutsche Reich ein ziemlich heftiger Kampf zwischen Druckern und Webern war. Nun dieser Kampf ist fertig, und gerade in der Enquetecommission in Berlin haben die Drucker eingestanden, daß das, was wir Spinner und Weber verlangten, das Richtige ist. Der betreffende Herr Lauth aus Thann sagte unter Anderen dieses: „Wir müssen principiell gegen jede Erhöhung der Eingangszölle sein, weil unser Standpunkt natürlich der vom Freihandel sein muß. Doch erkennen wir, daß wir die Forderungen der Spinnerei und Weberei als mäßig schätzen für das, was sie brauchen, und da diese Industrien ihre Forderungen für durchaus nothwendig halten, haben wir nichts dagegen einzuwenden. Aber natürlich wird uns der Beredlungsverkehr, namentlich mit der Schweiz und Oesterreich desto nothwendiger, um in unseren Exportgeschäften nicht gehemmt zu werden durch eine eventuelle locale Erhöhung der Preise der rohen Gewebe." So sprach Herr Lauth im Namen des Syndicats der elsässischen Drucker und die Drucker haben die Erhöhung auf Garn und Gewebe, die ich vorge  tragen habe, angenommen. Es ist dann ferner gesagt worden: wenn das Geschäft gut geht, so be  finden sich die Arbeiter dabei nicht besser. Das ist auch unrichtig; bei uns, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 112 Special-Debatte über Textil-Zölle. wie anderswo, sind die Löhne bedingt durch Angebot und Nachfrage ; aber wenn das Geschäft gut geht, wenn gute Inventarien gemacht werden, so fällt jedes Jahr eine beträchtliche Summe auf die verschiedenen Einrichtungen, die wir zum Wohl der Arbeiter getroffen haben. (Hört! rechts.) Es ist auch dem Umstand zuzuschreiben, daß die Socialdemokratie bei uns gar nicht besteht, wie sie in Berlin bei den Freihändlern entwickelt ist. Wir haben Arbeiterwohnungen gebaut, wir haben die französische Nationalversamm  lung gebeten, die Kinderarbeit einzuschränken, bevor die Gesetzgeber daran gedacht haben. (Hört!) Wir haben Vorkehrungen getroffen für die Unterstützungen der Invaliden, für Pensionskassen, für Zufluchtshäuser für junge hülflose Mädchen. Wir haben Unterricht ertheilen lassen und haben also beträchtliche Summen für die Hebung des Arbetterstandes aufgewendet. Nun sind aber unsere Reserven aus der französischen Zeit weg, und wenn es so fort geht, so kann ich behaupten, daß in 10 Jahren unsere glänzende Baumwollindustrie verschwunden sein wird. Seitdem wir die Ehre oder das Unglück haben, ich meine als Indu  strielle, zum Deutschen Reich zu gehören, so habe ich Erfahrungen mancher Art gemacht. Letzthin war ich an der Grenze zwischen Schlesien und Polen. Ich trank ein Glas Bier, es war sehr gut und kostete nur 5 /K. Da sagte ich zu meinem Packträger: Hier ist aber billig leben. Er antwortete: Ja wir haben aber die 5 /H nicht. (Heiterkeit.) Der Freihandel hat den Zweck nur billig zu kaufen, und wir wollen den Leuten die Möglichkeit geben, überhaupt kaufen zu können. Das ist der ganze Unterschied. (Lebhaftes Bravo rechts.) Präsident Prof. Dr. Nasse: An Stelle des nicht erschienenen Referenten Herrn Dr. Weigert wird Herr Dr. Gensel das zweite freihändlerische Referat übernehmen. Referent Dr. Gensel (Leipzig): Meine geehrten Herren! Sie wissen, daß ich weder Spinner noch Weber bin, und ich würde nicht die Kühn  heit haben, als Referent in dieser Specialdebatte vor Ihnen aufzutreten, wenn mich nicht ein paar ganz bestimmte Gründe dazu veranlaßten. Der erste Grund, meine Herren, ist der, daß über die speciellen Sätze des Zolltarifs und über das Technische noch sehr wenig gesprochen worden ist. Wenn ich mich auch mit Weberei und Spinnerei technisch nicht zu beschäftigen gehabt habe, so habe ich dafür ziemlich viel mit technischen Zollfragen zu thun gehabt, und vielleicht bin ich doch in der Lage, ein paar Bemerkungen, die nicht ganz unwerth sind, gehört zu werden, darüber zu machen. Der zweite Grund ist der, daß mir dieses Referat die Möglichkeit giebt, mein Schlußreferat in der Generaldebatte erheb  lich abzukürzen, und das ist unzweifelhaft ein erheblicher Gewinn für Sie. Ein weiterer Gewinn aber für diese Herren (rechts) ist der, daß auf diese Weise auch Herr Haßler, dem ich gern den Ruhm eines der vorzüglichsten Sachverständigen in seiner speciellen Branche zugestehe, — ich meine nicht in Zollsachen — (Heiterkeit) auch noch zum Referat gelangt. Nun, meine Herren, will ich zunächst mit einigen Worten auf die letzten Bemerkungen des Herrn Vorredners eingehen. Ich habe freilich nicht Alles genau verstehen können. Er sprach von den günstigen Arbeiterverhältnifsen, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Textil-Zölle. 1IS davon, daß die Socialdemokratie in Elsaß-Lothringen durchaus keinen Boden gefunden habe. Das ist eine Thatsache, die ich sehr oft Gelegenheit genommen habe vor unseren Fabrikanten zu betonen. Aber, meine Herren, der Grund dieses Verhältnisses liegt keineswegs in den früheren hohen Schutzzöllen, sondern vielmehr darin, daß die Industrie von Elsaß-Lothringen es jederzeit, wie es in einem Berichte der soeieto inäuZtiiello heißt, zu ihren „Ehrentiteln" ge  rechnet hat, ein gutes Verhältniß zu den Arbeitern herzustellen und alle die socialen Einrichtungen zu treffen, welche nöthig sind, um das Wohl der Arbeiter zu heben. Meine Herren, weiter hat der Herr Vorredner die Bemerkung bemängelt, die ich gemacht hatte, daß die Elsässer Spinner im Jahre 1869 eine Erhöhung des Tarifs auf Garne gefordert hätten ; mein Gewährsmann in dieser Beziehung ist Herr Roy, Mitglied der Handelskammer in Paris. Uebrigens, sollte die Aeußerung nicht richtig gewesen sein, so verschlägt es sehr wenig, ob es gerade die Elsässer Spinner oder die vom äe^artsrnent äu Xorä gewesen sind. Jeden  falls die Thatsache hat der Herr Vorredner zugegeben, daß die französischen Spinner trotz der hohen Staffelzölle, die der französische Tarif hat, doch noch nicht zufrieden sind, sondern eine Erhöhung verlangt haben, — eine sehr gute Illustration für die Behauptung, daß der Schutzzoll als Erziehungsmaßregel dient und daß er allmählich dazu führe, die Industrie ganz selbstständig zu machen, so daß sie der hohen Zölle entbehren kann! Wenn er dann weiter hingewiesen hat darauf, daß die Weber sich neuer  dings mit den Forderungen der Spinner einverstanden erklärt hätten, so habe ich dagegen folgende Bemerkungen zu machen. Erstens wird ja jetzt allerhand compromittirt, und was da mitunter für Gründe vorliegen, das wollen wir doch lieber nicht näher erörtern. Dann aber, meine Herren, war die Erklärung, die uns Herr Grad vorgelesen hat, doch so verclausulirt, so mit Bedingungen ge  spickt, daß sich daraus ein Einverständniß mit den Forderungen der Spinner unmöglich herleilen läßt. Was sind denn das auch für Forderungen der Spinner? Ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, daß die Erklärung sich bezog auf die Forderungen des sogenannten revidirten autonomen Tarifs. Nun, ich habe schon gestern erwähnt, da ging die höchste Staffel z. B. für Baum  wollengarnzölle bis 24 der Tarif geht bis 39 und für Zwirne sogar bis 70 Herr Regierungsrath Beutner hat die Zölle der Vorlage als sehr mäßig bezeichnet und die Forderungen der Spinner als schüchtern. Meine Herren, Schüchternheit scheint mir doch bisher die letzte Tugend der Herren ge  wesen zu sein. Nun, meine Herren, möchte ich zunächst in Betreff der Baumwollgarne nochmals an die Nummerngrenzen erinnern, welche der Tarif enthält. Mit Nr. 20 fängt ein höherer Satz an und dann, von der 2. Grenze abgesehen, mit Nr. 60 und mit Nr. 80. Ich glaube, daß auch die Herren Sachverständigen mit dieser Aufstellung sich unmöglich einverstanden erklären können, sie sieht wirklich so aus, als sei sie chikanös gemacht. Die Nummern 20, 40, 60, 80 sind bekanntlich diejenigen, die am meisten gebraucht werden. (Zustimmung rechts.) Jedermann aber, der mit der Spinnerei näher vertraut ist, weiß, daß es unmöglich ist, eine Nummer so genau zu spinnen, daß die einzelnen Strähne nicht ein paar Nummern über oder unter der Norm sind, und es führt das Schriften XVI. — Verhandlungen 1879. 8 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 114 Special-Debatte über Textil-Zölle. nothwendig, wenn die Grenzen gerade auf die gangbarsten Nummern gelegt sind, zu unendlichen Differenzen. Ich habe mir erlaubt, am Eingang des Saales einige Proben auszulegen von Baumwollengarnen Nr. 40 und 80, Strähne, die aus einem größeren Packet herausgezogen sind ohne Wahl, und da sind die Nummern genau angegeben. Es kommt aber noch dazu — das ist Ihnen ja auch Allen bekannt, die Sie aus der Branche sind — daß mit der Temperatur die Nummer sich verändert. (Ich will einschalten, es sind leider noch die eng  lischen Nummern angeführt, weil das metrische System noch nicht durchgeführt ist.) Die Nummer wird bestimmt durch ein gewisses Gewicht auf die Länge von 840 Mrds; Gewicht des Garnes ist aber von der Temperatur sehr abhängig, und man hat in Folge der vielen Differenzen, die durch dieses Staffelsystem hervorgerufen sind, in Frankreich bereits den Vorschlag gemacht, daß jeder Ballen Garn, ehe er zur Verzollung kommt, in eine Conditioniranstalt geschickt werden soll. Zu welchen Weiterungen das führen würde, brauche ich nicht auseinanderzusetzen. 2n ähnlicher Weise zu Schwierigkeiten führend sind auch die Bestimmungen über die Wollengarne, namentlich die Unterscheidung zwischen „weichem Kammgarn" und „anderem Garn". Ich habe auch davon eine Anzahl von Proben ansgelegt, und, meine Herren, ich möchte wetten, daß, wenn Sie sechs Zoll  beamte ersuchen, die Proben darnach zu soniren, was hartes und was weiches Kammgarn ist, jeder eine andere Sortirung vornehmen wird. Es wird mir entgegengehalten werden, die Unterscheidung sei auch schon ander  wärts gemacht. Nun, meine Herren, in Frankreich ist sie nicht gemacht; man hat zwar in Frankreich für den neuen Tarif vorgeschlagen eine Unterscheidung zwischen „Kammgarn" und „Streichgarn", was meines Wissens für den Sach  verständigen sehr leicht zu unterscheiden ist; dagegen zwischen hartem und weichem Kammgarn zu unterscheiden ist Niemandem eingefallen. Der österreichische Tarif enthält allerdings die Unterscheidung, aber, meine Herren, in ganz anderer Weise als dieser Tarif, nämlich er sagt ausdrücklich : hartes Kammgarn (Weft). Nun, was Weft ist, ist ebenfalls sehr leicht zu unterscheiden. Der Entwurf eines autonomen Tarifs sagt: Weft, Alpacca, Mohair. Der Tarif des Bundes  raths fügt aber erstens noch hinzu: Genappes, und dann sagt er: „zum Bei  spiel". Es ist also mit diesen Kategorien die Sache nicht erschöpft, sondern es ist ganz in das Ermessen der Zollbeamten gestellt, zu bestimmen, was denn eigentlich weich, was hart ist, und ich frage Sie selbst, ob es möglich ist, eine derartige Grenze zu machen, namentlich seitdem wir mehr französische Kamm  garne einführen, bei denen die Unterscheidung zwischen weich und hart viel schwieriger ist als bei den englischen. Eine ähnliche technische Schwierigkeit bietet der Tarif in Bezug auf die Webwaaren, indem er eine Grenze macht bei 0,5 mw Dicke. Auch hier habe ich mir erlaubt, ein paar kleine Proben zur Illustration mitzubringen. Es wird nicht blos für den Zollbeamten, sondern auch für jeden Techniker fast ganz unmöglich sein, bei der Elasticität der wollenen Stoffe zu sagen: was ist 1/2 mm dick und was nicht? Es sind da eine Menge Stoffe, die auf der Grenze liegen. Ich habe hier einen schwarzen Mohairstoff mitgebracht und einen grauen Worsted-Stoff ; da ist der schwarze um etwa 30 0/0 mehr werth als der graue, im Uebrigen sind sie sehr ähnlich, der schwarze ist aber ein klein OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Textil-Zölle. 115 wenig dicker und wird wahrscheinlich unter den niedrigeren Tarifsatz fallen, und der stärkere, wohlfeilere unter den höheren. Meine Herren, kein anderer Tarif hat eine derartige Aufstellung gemacht. Meines Wissens ist es zuerst der russische Tarif gewesen, der die Dicke der Stoffe in Betracht gezogen hat; der sagt aber: so und so viel auf die Quadratarschine wiegend, und eben so sagt der öster  reichische Tarif: unter und über 600 A auf 1 Quadratmeter. Das ist eine Sache, die sehr leicht zu bestimmen ist ; ich sehe, Sie stimmen mir darin bei. Sie werden mir dann auch zugeben, daß das eins von den Beispielen ist, die deutlich zeigen, mit wie wenig Sachkenntniß der Tarif ausgearbeitet ist. (Zuruf: Refe  rent! Heiterkeit.) Sie werden doch nicht den Referenten in der Commission allein verant  wortlich machen wollen für alle Verkehrtheiten, die im Tarif sind. Meines Wissens ist dieser Unterschied mit 0,5 mm Stärke hauptsächlich eingeführt auf Wunsch einiger Orleansfabrikanten, obgleich diese Branche zu den günstigst situirten gehört und auf allen neutralen Märkten concurrirt, mithin einen Schutz durch  aus nicht nöthig hat. Ich will hier gleich anführen, und zwar aus Anlaß einer Bemerkung des Herrn Correferenten in der Generaldebatte, daß namentlich in der Textilindustrie die Behauptung, unser Tarif hätte dahin geführt, nur wohlfeile Waare zu produciren, durchaus mit der Wirklichkeit in Widerspruch steht. Ich kenne speciell die Branche von Glauchau und Meerane, wo die feineren sächsischen Kleider  stoffe gewebt werden, und dann z. BGreiz. Ja, diese Branche hat sich im Laufe der letzten 15 Jahre so unendlich vervollkommnet, sie macht so schöne Waare, daß diejenigen unserer Leipziger Häuser, die früher nur englische und französische Waare führten, jetzt alle genöthigt sind, daneben auch deutsche Waaren, ja vorwiegend deutsche Waaren zu führen, weil das Ausland auf unserem Markte schon bei den jetzigen, nach Ihrer Meinung zu niedrigen Schutzzöllen fast nicht mehr, nur in einzelnen Specialitäten concurriren kann. Wenn ich hier nochmals an den Export erinnere, so veranlaßt mich dazu hauptsächlich eine Bemerkung meines geehrten Collegen Herrn Bucck. Der hat gesagt, ich hätte die Thatsache der Annexion des Elsaß nicht gehörig in den Vordergrund gestellt. Nun, meine Herren, erwähnt habe ich sie an der Stelle, wo sie hingehörte, und zwar in einer Weise, die für mich eher weniger vortheilhaft war; ich habe sie nämlich gerade nur bei den Fabrikaten erwähnt, aus übertriebener Gewissenhaftigkeit. Aber bei den Hauptziffern, die ich angeführt habe in Bezug auf die Textilindustrie, brauchte ich die Thatsache nicht zu er  wähnen, denn diese Ziffern bezogen sich auf die Jahre 1874 — 78, und zwar waren die Hauptziffern folgende: Einfuhr von baumwollenen Garnen nach Frankreich im Jahre 1874: 22 Millionen Francs, „ „ 1878: 36 Ausfuhr aus Frankreich im Jahre 1874: 4,4 Millionen Francs, „ „ 1878: 2,5 Also die Einfuhr nach Frankreich ist bedeutend gestiegen, die Ausfuhr be  deutend gefallen. Umgekehrt ist die Einfuhr nach Deutschland immer mehr ge  fallen, dagegen ist die Ausfuhr aus Deutschland an baumwollenen Garnen in OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 122 Special-Debatte über Textil-Zölle. Dergleichen aus 1/4 Kl. 120er gasirtem Zwirn, welche verkauft werden das Dutzend mit 3,60 Zollerhöhung nach: I. V4 Kl. 13Vs — I". Dtzd. 33/io oder ^0 Prcc. II. ^/4 „ a 18 „ — „ „ „ I V4 „ Eindruck au.^Webwaaren. Chemnitzer Artikel. 50 m baumwollen Zanella aus 4 Kl. Kette und 4 Kl. 24er Schüße welche verkauft werden für 21 Zollerhöhung nach: 4 3 24 4 oder IV7 Proc. -4> - °d"P-°-. 50 IN halbwollen Zanella aus 4 Kl. 40er bw. Kette und 4 Kl. Weft (Wollgarn") werden verkauft für 35 Zollerhöhung nach: I. 4 Kl. Kette a 3 — 12 oder V3 Proc. II. 4 „ „ 6 „ 24 „ „ „ 27 IN baumwollener Rips aus 10 Kl. 24er Kette und 8 Kl. 17er Schuß werden verkauft a 170 xr. m 27, ra — 45,90 Zollerhöhung nach: I. 10 Kl. Kette 5» 3 — 30 oder Proc. 27 in halbwollen Oriental (Möbelstoff) aus 51/4 Kl. 30er Baumwollkette und 5 i/g A. Weft (Wolle) werden verkauft a in 137 — 36,99 ^6. Zollerhöhung nach: I. 51/4 Kl Kette a 3 15^ oder V10 Proc. H. 0^4 „ „ A 6 „ 31 2 „ „ 10 „ Meerane'sche Kleiderstoffe. 50 in halbwollener Phantasiestoff aus 3^ Kl. 30er Baumwollkette und 3^ O Weft (Wolle) werden verkauft zu 40 bis 60 der Meter, also mindestens a Meter 40 20 Zollerhöhung nach: I. 3 Vs Kl. Kette a 3 10^2 oder z Proc. II . 3^ 2 „ „ 6 „ 21 „ „ 1 „ 50 in dergleichen aus 3^ Kl 60er Zwirnkette und 3^2 Kl. Schuß (Wolle) werden verkauft zu 60 bis 90 /A der Meter, also mindestens 60 — 30 M. Zollerhöhung nach: I. 3-/2 Kl Kette a 10V2 -- 36^4 oder IV5 Proc. II. 31 - . „ 13210 „ -- 46^ „ „ N/2 „ OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Special-Debatte über Textil-Zölle. 12S Dieser geringfügige Eindruck auf vie Preise der fertigen Waaren würde ferner erst dann stattfinden, wenn sich die Garnpreise wirklich um die volle Zolldifferenz erhöhten, was aber natürlich bei der Verdrängung der fremden Garne bei der inländischen Concurrenz völlig ausgeschlossen ist. Der effective Eindruck wird also ein noch geringerer werden, denn diese inländische Concurrenz wird verhüten, daß die Bäume in den Himmel wachsen. Meine Herren ! Gegenüber diesen Zahlen wird kaum noch Jemand ernstlich behaupten können, daß von der Entlastung der Baumwollspinnerei vom englischen Druck der Export unserer baumwollenen Fabrikate wesentlich beeinträchtigt werden wird. Nichts desto weniger haben wir aus dem gegnerischen Lager behaupten hören, daß die Differenz sehr bedeutend wäre, und es ist Ihnen vielleicht von einigem Interesse, zu erfahren, was die Leute, die wiederum unsern Export bei sich importiren, zu diesen Sachen, gegenüber der Strumpfund Handschuhbranche sagen. Wir stehen jetzt gerade vor einem Zeitpunkt, wo derartige Einkäufer in Chemnitz täglich erscheinen. Diese Herren haben nun erfahren, daß sie wohlthäten, noch rasch zuzugreifen, in Zukunft würde die Sache sehr schlimm, und das ist gewiß eine Empfehlung der Waaren auf Lager, die sich wie von selbst darbietet. Aber einiges Bedenken haben diese Anspornungen bei den amerikanischen und hanseatischen Käufern nichts desto weniger erregt, und man hat sich gesagt, man muß doch mal nachsehen, ob das Ding wirklich so schwer wiegt und ob, wenn es wirklich so ist, man sich nicht bei Zeiten nach einer neuen Bezugsquelle, Notting  ham rc. umsehen müßte. Ich weiß von einem Haupttäufer, daß er zu Leuten, die genaue Auskunft über diese Sachen haben geben können, gegangen ist, und diese Herren haben ihm reinen Wein eingeschenkt, haben ihm Zahlen, wie ich sie Ihnen gegeben, genannt, und er hat sich darauf abgewendet mit der Ueberzeugung, daß er, wenn die Sätze sich in den nächsten Jahren nicht mehr ändern, doch noch getreuer Abnehmer für chemnitzer Artikel sein werde. (Sehr gut rechts.) So glaube ich, daß die Befürchtung, die von der Erhöhung der Baum  wollgarnzölle gehegt wird, sich in Zukunft auf Seiten Ihrer Abnehmer vollständig als unbegründet erweisen wird, und wenn der Käufer zufrieden ist, kann's der Verkäufer gewiß sein. Ich schließe nun meinen Vortrag, aber nicht ohne einen Antrag eingebracht zu haben, der aber nach dem vorhin angenommenen Anträge von bestimmten Zahlen absieht. Er lautet: Hinsichtlich der Zölle auf die Producte der Textilindustrie billigt der Verein für Socialpolitik, ohne auf das Detail des vorliegenden Tarif-Entwurfes einzugehen, das in demselben zum Aue druck gekommene Prinzip, die Zölle mehr als seither nach dem Werthe der einzelnen Artikel und insbesondere nach der darauf verwendeten Arbeit zu bemessen. Grad. Reitz. Ich empfehle Ihnen diesen Antrag. (Bravo! rechts.) lDie Versammlung beschließt hierauf, diese Specialdebatte zu schließen um zunächst die gestern vertagte Generaldebatte wieder aufzunehmen und eventuell noch die Frage der Eisenzölle zu behandeln. In der Abstimmung wird der Antrag Seyffardt (Crefeld): Der Verein für Socialpolitik wolle beschließen: Die Herabminderung aller OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 124 General-Debatte. Sätze für Halbund Ganz-Fabrikate des neuen Tarifs, möglichst auf diejenigen des bisherigen Tarifs, ist im Interesse des Exports dringend zu empfehlen, abgelehnt, dagegen der Antrag Grad-Reitz angenommen. In der Generaldebatte erhält zunächst das Wort Senator Godeffroy (Hamburg): Meine Herren! Ich stehe auf dem Standpunkt des autonomen Tarifs, weil ich mir einfach sage, wenn wir nicht etwas haben, was wir unsern Gegnern — und das sind die fremden Länder, welche uns in diesem Augenblick in der Zollpolitik schlecht behandeln — entgegen  hallen können, so erreichen wir auch von ihnen nichts, und deshalb halte ich die Politik, welche dem französischen Vertrage von 1862 zu Grunde gelegt ist, für eine falsche. Es ist gesagt worden, daß der Tarif ein vollständig politischer Tarif war. Diese Ansicht habe ich schon früher ausgesprochen, und meine, daß damals etwas besser für die deutschen Verhältnisse hätte gesorgt werden können. Der Kaiser und der Fürst Bismarck haben nun gesagt: mit dieser Politik brechen wir. Wir haben ein einiges Reich gegründet, vor dem die Welt Respect hat. Früher hat man uns in jeder Hinsicht in der Politik und in der Industrie ausgelacht. In Frankreich und anderen Ländern können Sie hören, daß man es nicht versteht, wie wir ohne jede Gegenleistung ihnen Geschenke gemacht haben. Da hat Fürst Bismarck gesagt: Deutschland für die Deutschen! Ich will in erster Linie für mein Land sorgen, und nachher kommen die Fremden, — und diesen Standpunkt theile ich vollkommen. Wenn wir aber einen autonomen Tarif schaffen, also eine Waffe, mit der wir uns vertheidigen können, mit der wir Concessionen -machen können, so gehört dazu vor allem der H 5, und ich befürchte durchaus nicht, in der Beziehung Machtvollkommenheiten in die Hände des Bundesraths und des Fürsten Bismarck zu legen. Ich habe fchon in einer anderen Versammlung in Berlin ausge  sprochen: wir haben eine Regierung, die entschieden Patriotismus bewiesen hat, und ich habe gar keine Furcht, daß die Herren, die sich für das Vaterland opfern, — denn ein Vergnügen ist es in diesem Augenblick nicht, in der Tretmühle zu stehen und zwischen den Mühlsteinen der Discussion zerrieben zu werden — die Macht, die man ihnen einräumt, mißbrauchen werden. Ich habe mich dahin ausgesprochen, daß, wenn es durchaus geschehen muß, ich mich viel lieber von oben etwas schlecht behandeln lasse, als von unten. Es fällt mir nicht ein, daß wir ein Prohibitivsystem einführen sollten, aber wir sollten das erreichen, was nothwendig ist für unser deutsches Vaterland. Ich verkenne nicht, und ich bin zu lange im Handel thätig gewesen, obgleich ich mich seit 15 Jahren davon zurückgezogen habe, um nicht zu wissen, daß durch diesen Tarif der Handel hier und da geschädigt werden kann. Ich ver  kenne keinerseits, daß unsere Exportindustrie hier und da Schwierigkeiten haben kann, und da stehe ich auf dem Standpunkt, daß wir, statt uns gegenseitig zu befehden, uns die Hände reichen und sagen sollten: was für die Interessen der großen Majorität nöthig ist, das wollen wir befördern und etwaige Beschädi  gungen bestmöglichst ausgleichen, und das kann meiner Ansicht nach sehr wohl durch Rückvergütungen erreicht werden. Z. B. bei Getreide sehe ich gar keine Schwierigkeit, daß, wenn das eingeführte Getreide einen Zoll bezahlt hat, nnd es dann wieder ausgeführt wird, es einen Rückzoll bekommt. Es ist möglich, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 General-Debatte. 125 daß dadurch kleine Mißbräuche einreißen und daß auch mal auf deutsches aus  geführtes Getreide der Rückzoll vergütet wird. Ich will nun noch darauf zurückkommen, daß man bei Einführung von Zöllen immer den Consumenten vorschützt. Meine Herren, auf den Consumenten entfällt wirklich nichts von allen den Vergünstigungen. Ich bin im Jahre 1864 Mitglied der Rathsund Bürgerdeputation in Hamburg gewesen, als man auch beabsichtigte, die Accise aufzuheben ; ich war einer der eifrigsten Gegner der Accise gewesen, weil ich glaubte, daß dieselbe den kleinen Mann bedrücke. Das widerstand meinem Gefühl. Die Untersuchungen aber, die auf die allerunpar  teilichste Weise angestellt wurden, haben ergeben, daß das keineswegs der Fall ist und daß der Preisunterschied bei den Bäckern sich in Hamburg selbst bis zu 310 o erhob. Wir haben damals unseren ersten Beamten, einen sehr intelligenten Mann, nach Berlin geschickt, um auch dort die Verhältnisse zu prüfen; dort beliefen sich die Unterschiede bis auf 5Z o/o und füge ich hinzu, daß, wenn wir in Ham  burg auf dieselbe vexatorische und bürokratische Weise die Accisesteuer erheben wollten, wie früher die Mahlund Schlachtsteuer in Berlin erhoben wurde, so würden wir unsere Accise nicht 6 Monate behalten. Wir haben sie zweckmäßig eingerichtet und haben sie bis heute zum Wohl der Stadt beibehalten, weil es schwer sein würde, das durch Wegfall der Steuer entstehende Deficit anderweit zu decken. In Berlin hat man die Schlachtund Mahlsteuer über Bord ge worfen und jetzt die Schwierigkeiten mit den directen Steuern. Ich wohne im Sommer auf dem Lande im Zollverein, habe aber nicht gefunden, daß meine Lieferanten, nachdem die Eisenzölle aufgehoben sind, auch nur einen Pfennig vom Preise nachgelassen hätten, und haben mir vor Kurzem mehrere der größten Grundeigentümer von Deutschland, die ich fragte, ob sie bemerkt hätten, daß die Aufhebung der Eisenzölle ihnen genützt hätte, zuge  standen, daß das nicht der Fall war. Ich zerbreche mir den Kopf, was denn eigentlich die Landwirthschaft so viel an Eisen consumirt, und da bin ich zu dem Resultat gekommen, daß das nicht von so großer Bedeutung sein könne, denn die Hufeisen des Schmiedes und die Pflüge und ländlichen Geräthe bilden doch kein so großes Moment. Der Verein der Wirthschaftsreformer steht jetzt auf dem Standpunkte, daß die Landwirthschaft durchaus daran betheiligt sei, daß die Industrie blühe, gerade wie die Industrie ein vorwiegendes Interesse daran hat, daß es der Landwirthschaft gut gehe. In den industriellen Districten, wo die kleineren Landwirthe sind, befinden sich die Leute in der größten Verlegenheit, an wen sie Nebenproducte, ihre Butter und ihre Milch zu guten Preisen ver  kaufen sollen, wenn und weil es der Industrie schlecht geht. Ich könnte noch manches anführen, aber ich danke Ihnen für die liebenswürdige Aufmerksamkeit, die Sie mir geschenkt haben. Ich sage nur noch: der Staatsmann, der Deutsch  land geeinigt hat, — dessen Scharfblick, denke ich, können wir auch in dieser Beziehung vertrauen, und ich bin fest überzeugt, er wird Deutschland auch in dieser Beziehung national und unabhängig machen, wobei wir glücklich sein werden; auch den Handel wird man nicht beschädigen, wenn Sie erst Hand in Hand mit uns und der Landwirthschaft gehen zum allgemeinen Wohl unseres Vaterlandes. (Bravo! rechts). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 126 General-Debatte. Vicepräsident Freiherr von Roggenbach: Es sind folgende Anträge ein  gegangen:, 1) Der Antrag Hecht: Antrag in der Generaldebatte. Der Verein für Socialpolitik erklärt sich gegen das Princip eines autono  men Tarifs und für die Fortbildung unserer Handelspolitik auf dem Wege der Handelsverträge. 2) Antrag Held: Die Versammlung erklärt, daß im Allgemeinen zur Zeit in Deutschland Erhöhung der Schutzzölle zur Verbesserung der volkswirthschaftlichen Zustände kein geeignetes Mittel ist, und daß die nothwendige Vermehrung selbstständiger Reichseinnahmen ohne neue Schutzzölle gesichert werden kann. 3) Antrag Gensel: I.Dem Bedürfnisse des Reichs nach vermehrten selbstständigen Einnahmen ist durch eigentliche Finanzzölle, unter gleichzeitiger Ausbildung der inneren Verbrauchsabgaben zu genügen. 2. Im Uebrigen bedarf eine Reform des Zolltarifs einer genaueren und all  seitigen Vorbereitung. 4) Antrag Sckmoller: In Anbetracht, daß die Bemühung um Handelsverträge, die der deutschen Industrie neue Märkte erschließen, im Augenblicke bei der gegenwärtigen handelspolitischen Weltlage, aussichtslos ist, in Anbetracht, daß in sämmtlichen Culturstaaten, mit Ausnahme von Eng  land, eine Erhöhung der Zölle schon stattgefunden hat oder in Aus  sicht steht, in Anbetracht endlich, daß die Erhöhung einer Anzahl financiell wichtiger Zölle doch jedenfalls nöthig ist, um die Finanzen des Reiches auf selbstständige Grundlage zu stellen: erklärt sich der Verein für Socialpolitik für eine maßvolle Tarifreform in finanzpolitischem und schutzzöllnerischem Sinne und für eine Ermächtigung, die Zollsätze gegenüber den die deutschen Waaren besonders benachteiligenden Staaten noch um einen gewissen Betrag zu erhöhen. Hierzu sind mehrere Amendements eingegangen: Amendement Barth: hinter den Worten „schutzzöllnerischem Sinne" hinzuzufügen: „welche jedoch Getreide-, Holzund Viehzölle nicht ausschließt". Amendement Dr. Möller: „wenn die Fabrikationsmaterialien durch Zölle vertheuert werden, so ist beim Export der daraus hergestellten Waaren ein der Bertheuerung ent  sprechender Rückzoll zu gewähren. Die Rückgewähr des Zolls erfolgt auf Grund von Einfuhrzollquittungen, welche durch Indossament übertragbar sind und binnen 12 Monaten verjähren. Der Exporteur hat Art und Maß des für die exportirte Waare verwendeten Fabrikationsmaterials glaubhaft nach  zuweisen, wenn er Rückzoll beansprucht." OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 General-Debatte. 127 Amendement Hiltrop: „und erwartet, daß dadurch zugleich Mittel geboten werden, in allen einzelnen Gewerben den Schutz der Arbeiter gegen die natürlichen Nothstände des Lebens durch Krankenunv Pensionskassen möglichst zu erweitern." Es hat jetzt das Wort Herr Dannenberg: Redacteur Dannenberg (Hamburg): Meine Herren! Der geehrte Herr Vorredner hat hier einiges vorgetragen, bei dessen Beantwortung ich in so fern von Glück begünstigt bin, als ich diese Sache sowohl verschiedentlich gehört als bereits öfter gedruckt gelesen habe, und ich glaube, die Ausführungen des Vorredners sind sämmtlichen anwesenden Herren, die seiner Partei angehören, so oft zugegangen, daß sie deshalb kürzer hier behandelt werden können, als nöthig wäre, wenn sie Nova bildeten. Tie meisten der Herren werden sich ihre Meinungen darüber schon gebildet haben. Der Herr Vorredner leitete seinen Vortrag damit ein, daß er von der Nothwendigkeit sprach, uns einen autonomen Tarif zu schaffen, um mit Hilfe dieses Tarifs uns die schlechte Behandlung des Auslandes, die wir haben er  dulden müssen, in Zukunft vom Halse zu halten. Er hat dann ausgeführt, daß der Konsument in der Regel keinen Vortheil habe von Begünstigungen im Zollund Steuerwesen, und endlich den Schluß seiner Rede bildete eine Wieder  holung seines gestrigen Toastes * ), dessen Inhalt sich dahin zusammenfassen läßt : Im Uebrigen lege ich alle meine Sorgen auf den heiligen Bismarck. (Heiterkeit, sehr gut! links.) *) Herr Godeffroy hatte Lei dem Festmahl cm 21. April einen Toast auf den Fürsten Bismarck ausgebracht. Was den ersten Theil seiner Rede anbetrifft, so führte der Vorredner für die Nothwendigkeit des Art. 5 genau dieselben Gründe an, wie für den auto  nomen Tarif und die auf das Schmoller'sche Dictum hinausliefen: man werde jedenfalls von groben Flegeln erst recht geplagt werden, wenn man aller Welt ankündige, man werde nie gegen eine Grobheit reagiren. Es ist das ganz richtig, aber es fragt sich doch, ob man seinen eigenen Vortheil wahrnimmt, wenn man stets mit vem Hinauswerfen beginnt. Kommt mir Jemand in un  angenehmer Weise entgegen, so werde ich sehr unvorsichtig handeln, wenn ich ihn ohne Weiteres rasch hinausbefördere, ohne mich erst zu erkundigen, was er denn will. Wenn der Mann etwas bringt, was ich brauchen kann und wenn es mein Vortheil ist, mich mit ihm zu verständigen, so verständige ich mich mit ihm und halte ihm nachher Vortrag über bessere Manieren. Meine Herren, Die  jenigen, die wir maßregeln wollen, sind Verkäufer an uns, nicht weil es uns oder ihnen Plaisir macht, sondern weil wir das, was wir von ihnen beziehen, brauchen können, und wenn wir ein Land, welches uns in seiner Zollgesetzgebung bei der Einfuhr schlecht behandelt, dadurch strafen wollen, daß wir denjenigen unserer Landsleute, welche Dinge gerade aus diesem Lande brauchen und gerade von dort her am vorteilhaftesten beziehen können, die Möglichkeit abschneiden, diese Dinge sich zu verschaffen, so ist das genau, nach dem abgeänderten Recept gehandelt: Haust du deinen Juden, hau ich meinen Juden, — aber gehauen wird der Jude unter allen Umständen. (Heiterkeit.) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 128 General-Debatte. Es ist dann dafür, daß der Consument wenig Nutzen von Zollvergünstigungen habe unv z. B. weder von der Auflegung noch von der Beseitigung der Korn  zölle etwas merken werde, von dem Vorredner exemplificirt worden auf eine Verhandlung, die in der Hansestadt, die der Herr Vorredner und ich gemeinsam unsere Vaterstadt nennen, vor einer Reihe von Jahren stattgefunden hat. Der Herr Vorredner gestattet mir vielleicht, eine kleine Berichtigung anzubringen. Er hat sich in seiner Rede gewiß versprochen. Er hat Theil genommen an den von ihm erwähnten Verhandlungen einer gemeinsamen Senatsund Bürgerschafts  commission nicht als vom Senat hineingesandter Gegner der Accise, sondern als Gegner der Aufhebung der Accise. (Heiterkeit.) Ich glaube, der Herr Vorredner wird zugeben, daß er sich in dieser Hin  sicht versprochen hat. (Godefsroy: Ich glaube, Sie irren sich doch.) Ich irre mich nicht und kann dies sofort beweisen. Der Senat war in der Commission derjenige Factor, der die Accise retten wollte und sie gerettet hat, und die von der Bürgerschaft hincingesandte andere Hälfte der Commission war diejenige, die die Accise beseitigen wollte, und ich glaube nicht, daß, ich darf vielleicht das Wort anwenden, daß nach der Disciplin, die im Hamburger Senat herrscht, ein vom Senat hineingeschickter Commissar das Gegentheil von dem thut, was er zu thun beauftragt ist. Sodann kam in der Rede des Herrn Vorredners die Ausführung vor, und die habe ich auch schon oft von ihm gelesen, daß die Bäcker in verschiedenen Straßen ein und derselben Stadt für ein gleiches Quantum Brod einen sehr verschiedenen Preis nehmen, womit bewiesen werven soll, daß ein Getreidezoll gar keinen Ein  fluß auf den Preis des Brodes haben werde. Das kommt mir gerade so vor, als wenn man sagt: ein Zimmer im „Frankfurter Hof" ist entschieden sehr viel theurer, als in manchen anderen Gasthöfen in Frankfurt; und darum ist es einerlei ob die Gasthöfe Miethsteuer bezahlen oder nicht. Daß der Luxusbäcker einen Aufschlag nimmt für die theuren Ladenspesen (Ruf 30 Proc.?) u. s. w., ist doch selbstverständlich, und daraus, daß deren Preise 30 oder mehr Procent höher sind als diejenigen solcher Bäcker, welche in billigen Stadtgegenden für die Bedürfnisse der Fabrikbevölkerung arbeiten, kann man doch keine allgemeinen Schlußfolgerungen ziehen. Ich nehme an, daß ein Zimmer in diesem Hotel (Frankfurter Hof) noch um mehr als 30 Proc. höher steht als in einzelnen Hotels in anderen Stadtgegenden. Sodann komme ich auf die Bemerkung, die ein Redner in der Specialdiscussion über die Lederindustrie zu machen für nöthig hielt: er sei besonders unparteiisch. Wenn ich recht berichtet bin, so ist dieser Redner Generalsecretär des Centtalverbandes. Ich habe bisher nicht geglaubt, daß dies eine Voraussetzung der Unparteilichkeit in Zollfragen sei. (Heiterkeit.) Aber als Unparteiischer hat er ausgeführt, es sei eine Solidarität der Interessen zwischen Industrie und Landwirthschaft vorhanden, und man werde durch das Zusammengehen der Industriellen und der Landwirthe schließlich die dauerhafte Wohlfahrt am besten fördern. Ganz dasselbe hat auch gestern ein Redner aus  geführt, der die Landwirthschaft vertrat. Er forderte die Landwirthschaft auf, sie möge der Industrie etwas gönnen, dann werde diese ihr auch etwas gönnen. Nun, meine Herren, wir haben schon Proben von dieser Solidarität gehabt, es hat ein Industrieller den Antrag gestellt, den Zoll auf Lohe, den die Landwirth  schaft wünscht, ihr nicht zu gewähren. Dieser Antrag ist abgelehnt worden, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 General-Debatte. 129 weil diejenigen Branchen der Industrie, die hier vertreten sind, denen Lohe ein vollständig gleichgiltiger Gegenstand ist, stärker waren als die Lederindustriellen, aber es war doch ein merkwürdiges Anzeichen für die Solidarität der Gesinnung. Ein anderer Redner, der für Schutzzoll auf Leder eintrat, betonte zugleich, daß die von den Gerbern zu bezahlenden Preise für grüne Häute herabgedrückt werden müßten. Die chemischen Industriellen endlich verlangen zum Besten ihrer Industrie Einführung eines Schutzzolles auf künstliche Düngemittel, gewiß eine eigenthümliche Jnteressensolidarität. (Der Redner wird durch den Hinweis auf die abgelaufenen 10 Minuten vom Präsidenten unterbrochen.) Commereienrath B a are (Bochum) : Meine Herren ! Ich habe nur die Ab  sicht, einige Bemerkungen in der gestrigen Discussion, die nicht ganz richtig waren, heute zu rektificiren. Es ist hier von einer Seite behauptet worden, und das hat mich allerdings verletzt, daß die Eisenindustrie, wenn sie in der Lage wäre, bessere Löhne zahlen zu können, das doch nicht thun würde. Ich nenne das eine Insinuation. Wie kann Jemand behaupten, wenn die Eisenindustrie in der Lage sei, bessere Löhne zu zahlen, so werde sie es doch nicht thun? Ich habe hier eine Scala, wonach der Durchschnittssatz der Arbeitslöhne der Bochumer Gußstahlfabrik von 824 bei schlechten Zeiten aufgestiegen ist bis 1200 (genau 1194 und jetzt wieder auf 850 herunlergegangen ist. Wir haben jetzt leider nickt die Mittel in Händen, den Leuten das sogenannte „menschenwür  dige Dasein" zu schassen, was man ihnen doch — und namentlich auch Herr Sonnemann — vor Allem gönnen wird. Die Kohlenindustrie nimmt nicht einmal so viel Geld ein, wie sie baar auszugeben hat und die Eisenindustrie befindet sich leider in derselben Lage. Daß solche Zustände nicht lange andauern können, liegt wohl klar zu Tage. Sodann, meine Herren, sind hier gestern Exportziffern der Stahlindustrie genannt worden. Die Exportziffern pflegen häufig bei den verschiedenen Jndustriebranchen als Beweis dafür aufgeführt zu werden, daß die Industrie keine Zölle brauche. Meine Herren, leider haben wir die ganz umgekehrte Erfahrung gemacht. Bei uns bedeuten die Exportziffern den reinen Nothstand. Der geehrte Redner, der gestern mit seinen Exportziffern gegen die Eisenzölle argumentirt hat, liest mit besonderem Interesse, wie ich weiß, meine Jahresberichte. Er hat ein  mal öffentlich gesagt, ich schriebe sie nicht für die Actionäre, sondern für das Publikum, — ich nehme also an, daß sie ihm (auch aus den letzten Jahren) bekannt sind. Run ist daraus z. B. deutlich zu sehen, daß ich mit den allergrößten Anstrengungen für Arbeit für 4000 Mann, Hüttenund Bergleute, das sind mit Familiengliedern 12,000 Consumenten, zu sorgen habe. Ich weiß nicht, meine Herren, ob Jemand unter Ihnen ist, der auch für 12,000 Consu  menten zu sorgen hat ? Dagegen habe ich nur Hunderte von Actionären. Mein Interesse für billige Ausgaben der Consumenten muß also ganz überwiegend sein. Um diese Arbeiter zu beschäftigen und nicht zu viel entlassen zu müssen, — es sind schon über 2000 in den letzten Jahren entlassen — müssen wir Exportgeschäfte abjchließen, welche keinen Nutzen, sondern nur Schaden bringen. Einschließlich dieser ungünstigen Exportgeschäfte reicht aber doch die Arbeit noch nicht aus, um das Werk in vollem Betrieb zu erhalten, sie reicht vielmehr kaum für den halben Schriften XVI. — Verhandlungen 1879. 9 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 130 General-Debatte. Betrieb. Thatsächlich ist die Fabrik, die ich seit 25 Jahren zu leiten die Ehre habe, 20 Jahre lang fast ununterbrochen Tag und Nacht in Betrieb gewesen und das ist der normale Zustand, wenn unsere Industrie prosperiren soll. Seit 18 Monaten aber habe ich den Betrieb auf die Tagesschicht beschränken müssen, und nun ist ein gewisses Quantum Arbeit absolut nothwendig, um die Fabrik überhaupt auch nur für die Tagesschicht im Gange er  halten zu können. Denn, wenn ich dieses Quantum Arbeit nicht schaffen kann, so kann ich überhaupt nicht arbeiten, dann arbeite ick mit großem Verlust und das kann nicht lange dauern, dann muß ich die Fabrik schließen, das steht auf das Eingehendste ausgeführt in meinen Jahresberichten; dann hört es auf, dann müssen andere Leute für meine 12,000 Consumenten sorgen! Allerdings sagt die Freihandelspartei, dieselben müssen anderweit sich beschäftigen, aber wo und wie, das sagt kein Mensch, Niemand sagt, wie dafür gesorgt werden soll. (Sehr richtig! rechts.) Es ist also ganz verkehrt, wenn man sagt, der Export bewiese die Lebensfähigkeit ohne Zölle; im Gegentheil, er beweist gefährlichen, Nothstand bringenden, Arbeilsmangel. Meine Herren ! Es ist nock von derselben Seite angeführt worden, daß die Großindustrie gar nicht so viel Arbeiter im Verhältniß zur Kleinindustrie be  schäftige und es sind dabei unter anderen auch die Hufschmiede genannt worden. Diese Ziffern sind in Zusammenhang gebracht mit der Beschädigung der Export  industrie durch Eisenzölle. Dies hat aber doch damit gar nichts zu thun. Die Hufschmiede werden aber jedenfalls die Pferde und Esel, die sie zu beschlagen haben, nach wie vor beschlagen, ob der Zoll 1 oder 1,50 pro Centner beträgt. Ob hier unter den Herren Jemand ist, der daran zweifelt, weiß ich nicht, glaube es aber nicht. Nun habe ich aber doch diese Hufschmiede mit in meine Gegenberechnung gezogen, und ich werde Ihnen jetzt die richtigen Ziffern geben, die ich, nach Engel, vertreten kann: Zunächst in Bezug auf das Capital ergibt die Statistik, die wir selbst angestellt haben und die, meines Wissens, seither von keiner Seite bemängelt ist, daß 3600 Mill. Mark in der Eisenund Stahlindustrie angelegt sind. Zweitens berechnen wir nach Engel als in der ganzen deutschen Eisenindustrie beschäftigt 800,028 Arbeiter, dazu kommen noch 9000 Arbeiter des Locomotivenbaues, sowie aus der Kohlenindustrie 51,000 Mann, die, wie genau nach Ziffern ausgerechnet ist, für die Metallindustrie die Kohlen fördern. Angenommen, die Metallindustrie wäre nicht da, so wäre für das betreffende Quantum Kohlen kein Absatz und dann würden diese 51,000 Men  schen weniger beschäftigt sein. Es macht das zusammen 860,494 Arbeiter. Will man nun hier die gestern erwähnten Handwerker ausscheiden, z. B. Schlosser und Hufschmiede, obgleich dieselben auch Eisen verarbeiten und gewissermaßen zur Eisenindustrie gehören, so sind das nach Engel 204,000 Arbeiter oder wird diese Zahl für zu gering gehalten? (Zuruf links: 300,000!) Gut, ich will Ihnen das, obwohl es zu hoch ist, zugeben, also 300,000. Es blieben dann noch 560,000 Mann in den fabrikmäßig betriebenen Werken übrig. Diese Ziffern verändern das gestern entrollte Bild sehr wesentlich. Im Uebrigen gehe ich aus Mangel an Zeit auf die weiteren Ausführungen von Ueberproduction durch die Gründung von Actiengesellschaften u. s. w. nicht ein. Dagegen erkläre ich mich bereit, Jedem von Ihnen, meine Herren, der es wissen will, zu beweisen, daß jene Vorwürfe für die Eisenindustrie nicht zutreffend sind. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 General-Debatte. 131 Die Ueberproduction liegt einzig und allein in den neuen Erfindungen, sie besteht überall in allen Ländern. (Aha! links.) Ja wohl, meine Herren, warten Sie nur gefälligst! Es sind die neuen Erfindungen von Bessemer und Martin, welche alle Werke überall zur drei bis vierfachen Leistungsfähigkeit gegen früher zwangen. Man kann nicht beliebig einschränken, wenn man überhaupt arbeiten will, und deshalb ist in der ganzen Welt gleichmäßig Ueberproduction vorhanden, in England, in Amerika, in Oesterreich, in Frankreich und Belgien. Aber gerade deshalb, weil die ganze Welt nicht weiß, wo sie mit ihrer Ueberproduction bleiben soll, deshalb sind Sie, meine Herren (links), so weise, und wollen der Ueberproduction der ganzen Welt den Abzug in unser deutsches Vaterland eröffnen, wollen zu Gunsten des Auslandes die heimische Industrie erdrücken lassen? (Beifall rechts.) Wir sind aber egoistisch und gleichzeitig patriotisch genug, nicht für das internationale Interesse zu arbeiten, sondern für das deutsche. Ich sage ganz einfach: wenn keine Ueberproduction in anderen Ländern wäre und wenn diese für uns unglücklichen Erfindungen nicht gemacht wären, welche namentlich die Engländer mit ihren besseren respective billigeren Erzen und anderen Vortheilen befähigen mit ihren Bessemer Fabrikaten zu uns Verlust bringenden Preisen unseren Markt zu beherrschen, dann brauchten wir keine Zölle. Aber wenn wir nicht einmal die baaren Auslagen für Löhne und Material durch unsere Preise decken können, die auszugeben sind, um die sonst werthlosen Güter, unsere Mineralien aus der Erde heraufzubringen und zu verarbeiten, wenn wir an Frankreich 40 Proc. von unseren fast nur in Arbeitslöhnen und Transportkosten bestehenden Selbstkosten zahlen müssen, nach Oesterreich 30 — 40 Proc., selbst nach Belgien 10 — 20 Proc., dann wollen Sie, meine Herren, allen jenen hock ent  wickelten Industrieländern unsere Grenzen öffnen, um ihre Ueberproduction bei uns abzulagern? Ist daß patriotisch? Ist das klug gehandelt? Da bin ich denn doch entschieden ganz anderer Meinung. (Lebhafter Beifall rechts.) (Es wird ein Antrag auf Schluß gestellt. Herr Dr. Barth (Bremen) stellt den Antrag, für den Fall der Annahme des Schlusses jedem Antrag  steller noch 5 Minuten Redezeit zu gewähren. Dieser Antrag wird aber abgelehnt, und die Generaldiscussion wird darauf geschlossen.) L. Sonnemann (Frankfurt a. M.) (zur persönlichen Bemerkung): Ich hatte mich als erster Redner noch zur Debatte über die Textilindustrie ge  meldet. Ich will nur constatiren, daß kein weiterer Redner zum Wort gekommen ist. Ich hatte mich zum Wort gemeldet, um speciell Herrn Haßler in Bezug auf die Textilenqußte etwas zu erwiedern. Ich hatte mick auch wieder zur General  debatte gemeldet, aber da ist mir auch das Wort jetzt durch den Schluß abge  schnitten worden. Ich will das constatiren, da ich in die Lage kommen werde, Herrn Haßler und seine Thätigkeit in jener Enquete an einem anderen Orte anzugreifen, damit man mir dann nicht vorwerfen kann, ich hätte hier geschwiegen. Th. Haßler (Augsburg) (zur persönlichen Bemerkung): Ich hatte mich nach Herrn Sonnemann zum Wort gemeldet, hatte aber auf das Wort verzichtet, insofern stehen wir also gleich. Wenn Herr Sonnemann aber meine Thätigkeit in der Enquetecommission kritisiren will, so stehe ich jederzeit zur Erwiederung bereit. Philipp son (Berlin) (zur persönlichen Bemerkung): Ich möchte nur noch bemerken, daß ich in meinen gestrigen Ausführungen Niemanden von der 9* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 138 Abstimmung. Schmöller, Prof., Dr., Straßburg:. E. Schramm, Julius, Gerbereibes., Dillen  burg. Schulz, Gustav, Fabrikant, Hattingen a. d. Ruhr. Solivo , Heinrich, Fabrikant, Stuttgart. Stänglen, Gottlieb, Kaufm., Stuttgart. Staub, A., Fabrikant, Kuchen. Steinfeld, Hermann, Assessor a. D., Frankfurt a. M. Stiefel, Carl. Kaufm., Frankfurt a. M. Stocker, G., Fabrikant, Ulm. Thiel, Dr., Geh. Reg.-Nath, Berlin. Für den Antrag stimmten die Herren: Bacher, Rechtsanwalt, Stuttgart. Barth, Theod., Syndikus der Handels  kammer, Bremen. Bauer, Moritz, Kaufm., Frankfurt a. M. Beck, Carl, Kaufm., Frankfurt a. M. Brüning, Ad., Dr., Fabrikant, Frank  furt a. M. Bücher, K., Dr., Frankfurt a. M. Dannenberg, Redacteur, Hamburg. Dietzel, Professor, Marburg. Fulda, S., Kaufm., Frankfurt a. M. Gensel, vr., Handelskammer-Secretär, Leipzig. Goldschmidt, S B., Kaufm., Mainz. Götz-Rigaud, Albert, Kaufm., Frank  furt a. M. Gütschow, Dr., Handelskammer-Secr., Hamburg. Häußer, Rudolph, Kaufmann, Frank  furt a. M. Hecht, Bankdirector, Mannheim. Held, Adolf, Prof, Bonn. Herz, Otto, Fabrikant, Frankfurt a. M. Ihm, Ferdin., Kaufm., Frankfurt a. M. Katzenstein, Wilhelm, Kaufm., Frank  furt a. M. Kissel, Georg, Rentier, Frankfurt a. M. Klingspor, Carl, Fabrikant, Gießen. Ladenburg, vr., Mannheim. Landgraf, vr., Rechtsanw., Stuttgart, v. Langsdorfs, Dresden. Lehr, Prof., Carlsruhe. Leo, Carl, vr., Hamburg. Lippert, L., Kaufm., Hamburg. Ludwig-Wolf, Stadtrath, Leipzig. Manskops, Alexander, Kaufm., Frank  furt a. M. Mansköpf, Nicolaus, Kaufm., Frank  furt a. M. Marburg, Adolf, Kaufm., Frankfurt a.M. Marburg, Carl, Kaufm. , Frankfurt a. M. Marburg, Franz, Rentier, Wiesbaden. Wehner, August, General-Consul a. D., Dresden. Weimann, Al-, Geschäftsführer d. libe  ralen Parteibureaus, Frankfurt a. M. Weismüller, Emmerich, Fabrikant, Bockenheim. Weiß-Bornand, Fabrikant, Hütten  heim. Westhofen, I., Kaufmann, Mainz. v. Wittgenstein, Laasphe. Wolff, Baron, Dr., Stuttgart. Wurmbach, Jul., Fabrikt. , Bockenheim. Zimmer, vr., Chemnitz. Marburg, Heinrich, Kaufm., Frank  furt a. M. May, Martin, Gerbermeister, Frank  furt a. M. Mayer, W., Bankdir., Frankfurt a. M. v. Miaskowski, Prof., vr., Basel. Miller, Friedr., Ingenieur, Bockenheim. Möller, Carl, vr. , Kupferhammer bei Brackwede. Nasse, Prof., Bonn. Oelsner, Ludwig, vr., Frankfurt a. M. Pas savant, Hermann, Kaufm., Frank  furt a. M. Petsch-Goll, I. PH., Commercienrath, Frankfurt a. M. Pfefferkorn, vr., Adv., Frankfurt a. M. Philipp son, F. C., Kaufm., Berlin. Pütz, Ingenieur, Gießen. Ritschl, Ferd., Handelskammer-Secr., Halberstadt. v. Roggenbach, Staatsminister a. D., Bonn. Rößler, Heinr., vr., Frankfurt a. M. Scharrer, Johannes, Kaufm., Nürnberg. Schnapper, Gottlieb, Privatier, Frank  furt a. M. Schönberg, Prof., Tübingen. Seyffardt, Landtagsabgeordn., Crefeld. Sombart, Rittergutsbesitzer, Berlin. Sonnemann, Leopold, Bankier, Frank  furt a. M. Spier, S-, Segnitz bei Würzburg. Stockmayer, A., Oecon., Franks, a. M. v. Studnitz, Arthur, Assessor, Dresden. Varrentrapp, Ad., vr., Stadt-Secr., Frankfurt a. M. Varrentrapp, vr., Geh. Sanitätsrath, Frankfurt a. M. Walcker, Carl, vr. , Privat - Docent, Leipzig. Weinstein, Carl, Kaufm., Berlin, Ziegler, Mitglied des Abgeordneten  hauses, Hanau. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Abstimmung. 139 Abwesend waren: B aist, Ludw., Fabrikant, Frankfurt a. M. Bertelsmann, Conr., Fabrikant, Biele  feld. Blum, W., vr., Heidelberg. Dittmar, Gustav, Secretär, Mainz. Epstein, I. H., Frankfurt a. M. Faulenbach, W., Fabrikant, Offen  bach a. W. Goldschmidt, Friedrich, Dir., Berlin, v. Guaita, Max, Kaufm., Franks, a. M. Görz, Obergerichtsrath, Mainz. Haas, Friedrich, Neuhoffnungshütte bei Sinn. Henrich, Carl Friedr., Brauereibesitzer, Frankfurt a. M. Hohenemser, Wilhelm, Kaufm., Frank  furt a. M' v. Hößlin, Oscar, Procurist, Augsburg. J.ansen, vr., Fabrikbesitzer, Dülken. Jung, Gustav, Fabrikant, Amalienhütte. Knauer, F , Rittergutsbesitzer, Gröbers. Lautenschläger, Dir., Frankfurt a. M. Lucius, Eugen, vr., Fabrikant, Frank  furt a. M. Meister, Wilhelm, Fabrikant, Frank  furt a. M. Merton, Albert, Kaufm., Franks, a. M. Mors bach, vr., Bonn. Mühlen, W. D., Baumwollsp., Rheydt, v. Mumm, Herm., Kaufm., Franks, a. M. v. Oertzen, Herausgeber der „Reichs  post", Altona. Schäfer, I. G., Mühlenbes., Dauborn. Schaum, Reinhard, Gutsbes., Herrnhag. Schulz, Conrad, Wetzlar. Thorwart, Director, Frankfurt a. M. Ulrich, Justus, Brauereibes., Pfungstadt. Wagner, K., vr., Frankfurt a. M. Der Antrag v. Mi askow ski  ll in dem Anträge Schmöller hinzuzufügen: „Mit Ausschluß jedoch der Einführung von Getreide-, Viehund Holz  zöllen" wird nach Probe und Gegenprobe abgelehnt. Hierauf zieht der Antragsteller Miaskowski den zweiten Theil seines Antrages zurück. Der Antrag vr. Barth: hinter den Worten des Antrages Schmöller: „für eine maßvolle Tarifreform in finanzpolitischem und schutzzöllnerischem Hinne" einzuschieben: „welche jedoch Getreide-, Holzund Viehzölle nicht ausschließt", wird abgelehnt, das Amendement Hiltrop zu dem Anträge Schmöller wird angenommen und mit diesem Amendement wird der Antrag Schmöller in folgender Fassung angenommen: In Anbetracht, daß die Bemühung um Handelsverträge, die der deutschen Industrie neue Märkte erschließen, im Augenblicke bei der gegenwärtigen handelspolitischen Weltlage aussichtslos ist, in Anbetracht, daß in sämmtlichen Culturstaaten, mit Ausnahme von Eng  land, eine Erhöhung der Zölle entweder schon stattgefunden hat oder in Aus  sicht steht, in Anbetracht endlich, daß die Erhöhung einer Anzahl financiell wichtiger Zölle doch jedenfalls nöthig ist, um die Finanzen des Reiches auf selbstständige Grundlage zu stellen: erklärt sich der Verein für Socialpolilik für eine maßvolle Tarifreform in finanzpolitischem und schutzzöllnerischem Sinne und für eine Ermächtigung, die Zollsätze gegenüber den die deutschen Waaren besonders benachteiligenden Staaten noch um einen gewissen Betrag zu erhöhen, und erwartet, daß dadurch zugleich Mittel geboten werden, in allen einzelnen Gewerben den Schutz der Arbeiter OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 140 Abstimmung. gegen die natürlichen Nothstände des Lebens durch Krankenund Pensionskassen möglichst zu erweitern. Der Antrag des Herrn vr. Möller: I. „Wenn die Fabricalionsmaterialien durch Zölle vercheuert werden, so ist beim Export der daraus hergestellten Waaren ein der Bertheuerung ent  sprechender Rückzoll zu gewähren", wird mittelst Zählung mit 75 gegen 67 Stimmen angenommen; dagegen wird der zweite Theil: « „Die Rückgewähr des Zolles erfolgt auf Grund von Einfuhrzollquittungen, welche durch Indossament übertragbar sind und binnen 12 Monaten ver  jähren; der Exporteur hat Art und Maß des für die exportirte Waare ver  wendeten Fabrikattonsmaterials glaubhaft nachzuweisen, wenn er Rückzoll beansprucht", abgelehnt. (Gegenüber einem von Herrn von Studnitz gestellten Geschäftsordnungs  antrage : Der Borstand und Ausschuß des Vereins für Socialpolitik wollen in Er  wägung ziehen, ob es räthlich und möglich ist, vor der nächsten General  versammlung die Referate über die zu verhandelnden Gegenstände gedruckt zur Vertheilung zu bringen, bemerkt der) Präsident Prof. vr. Nasse: Ich bitte, den Antrag dem Ausschuß einreichen zu wollen, er wird ihn in Erwägung ziehen, aber hier können wir ihn jetzt nicht mehr discutiren. Wir würden nun zu den Eisenzöllen übergehen. Ich frage die Versammlung, ob sie noch in die Berathung derselben einzutreten wünscht. Philipps on (Berlin) (zur Geschäftsordnung): Meine Herren, da von der Gegenseite der Wunsch gehegt wird, daß diese Frage recht gründlich behandelt werden möchte — ein Wunsch, den ich voll  kommen theile — so bin ich nicht der Ansicht, daß wir diese Frage heute noch gründlich behandeln können. Nach mehr als siebenstündiger Debatte ist das wohl nicht gut möglich, ich für meinen Theil wenigstens würde das Referat nicht mehr übernehmen können. Ich beantrage daher, die Debatte hierüber von der Tagesordnung abzusetzen. (Der Gegenstand wird von der Tagesordnung abgesetzt.) Präsident Prof. vr. Nasse: Wenn Niemand weiter das Wort verlangt, so danke ich Ihnen für die Theilnahme, welche Sie unseren Verhandlungen gewidmet haben. Zur Geschäftsordnung hat Herr Haßler das Wort: Th. Haßler (Augsburg): Meine Herren, ich bin in der Lage, weder ein „altes" noch ein „neues" Mitglied des Vereins für Socialpolitik zu sein, sondern ich bin hier als Gast, als Mitglied des volkswirthschaftlichen Kongresses. Als solchem werden Sie es mir gestatten, in Ihrem Namen dem verehrten Herrn Präsidenten und dem Aus  OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Schluß. 141 schuß, sowie dem Büreau unseren lebhaftesten Dank darzubringen für die außer  ordentlich unparteiische, taktvolle und glückliche Leitung der ganzen Verhandlungen. Meine Herren, es liegt mir noch etwas auf dem Herzen. Herr Prof. Schmöller hat vorhin angeführt, daß unser verehrter Präsident sich gekränkt fühlt, weil er nicht mehr zum Worte kam. Ich weiß nicht, in wie weit das der Fall ist, aber dem möge sein, wie ihm wolle, so glaube ich in Ihrer Aller Sinne zu sprechen und namentlich im Sinne der Herren auf dieser Seite (rechts), wenn ich unserem verehrten Herrn Präsidenten versichere, daß dieser Beschluß sicherlich nicht gefaßt worden wäre, wenn das die Mehrzahl von uns gehört hätte, daß Herr Prof. Nasse der Nächste am Worte war. Ich wenigstens habe das bei dem allgemeinen Geräusch nicht gehört. Wenn ich Sie, meine Herren, also ersuche, sich zu erheben und dadurch dem Präsidium den Dank der Versammlung für die umsichtige Leitung der Geschäfte darzubringen, so bitte ich Sie, damit auch zugleich den Wunsch zu verbinden, Herrn Prof. Nasse möge uns dieses Uebersehen verzeihen und möge auch ferner, gestärkt durch unser allgemeines Vertrauen, die Geschäfte des Vereins für Socialpolitik führen. (Lebhafte Zustimmung. Sämmtliche Mitglieder erheben sich von den Plätzen.) Präsident Prof. vr. Nasse: Meine Herren, es ist mir im hohen Grade peinlich, daß eine Aeußerung, die ich im Privatgespräche vielleicht unvorsichtiger Weise, ich hoffe aber verzeihlicher Weise gemacht, Gegenstand öffentlicher Dis  cussion geworden ist. Jedenfalls aber danke ich für Ihre Freundlichkeit, die Sie mir in so beschämender Weise jetzt ausgesprochen haben. Ich danke Ihnen für Ihre Theilnahme an der Versammlung, danke den Herren Referenten für die Mühe, die sie sich gegeben haben, und allen Rednern, daß sie der Bitte, die ich zum Eingang der Verhandlungen ausgesprochen, sich in Bezug auf den Ausdruck ihrer Ueberzeugung maßvolle Beschränkung aufzulegen, in so hohem Maße entsprochen haben. Ich danke den Mitgliedern des Bureaus für ihre Unterstützung sowie auch den Mitgliedern des Localcomitvs für die Verdienste, die sie sich um das Zu  standekommen dieser Versammlung erworben, und schließe die Sitzung. (Schluß der Sitzung 5 Uhr 40 Minuten.) (Stenographisch ausgenommen und für den Druck hergestellt von vr. Eduard Engel, Stenograph des Reichstags, Berlin.) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Veyeichniß der Redner. Baare 129. Barth 29. 41. Beutner 95. Brüning 70. Bueck 31. Dael v. Koeth 50. Dannenberg 60. 127. Gensel 4 (Referat). 67. 112. 133. Godeffroy 124. Grad 103. Haßler 36. 131. 140. Hecht 93. Held 39. Henrich 56. Hoffmeister 92. Kalle 74. Knauer 58. Langsdorfs, v., 67. May 81. Möller 84. Nasse 1. 42. 64. 141. Philippson 34. 131. Pütz 89. Reitz 118. Schmöller 19 (Correferat). 13. 32. 136 Seyffardt 98. Sombart 42. Sonnemann 41. 131. Weimann 62. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 Liste der Theilnehmer an der sechsten Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik. I. Alte Mitglieder. 1. Baare, Commercienrath, Bochum. 2. Bernhardi, Ernst, Handelskammer-Secr., Dortmund. Z. Beutner, G. F., Regierungsrath a. D., Berlin. 4. Blum, W., Dr-, Heidelberg. 5. Bojanowsky, v., Dr., Weimar. 6. Bueck, H., General-Secr-, Düsseldorf. 7. Bücher, K-, Dr., Frankfurt a. M. 8. Dannenberg, Redacteur, Hamburg. 9. Geibel, ^un., C., Verlagsbuchhändler, Leipzig. 10. Gensel, Dr., Handelskammer-Secr., Leipzig. 1.1. Gütschow, Dr., Handelskammer-Secr., Hamburg. 12. Hecht, Bankdirector, Mannheim. 13. Held, Adolf, Prof., Bonn. 14. Hiltrop, Oberbergamts-Assessor, Dortmund. 15. Kalle, Fritz, Fabrikant, Biebrich. 16. Knapp, Prof., Straßburg i. E. 17. Leo, Carl, Dr., Hamburg. 18. Ludwig-Wolf, Stadtrath, Leipzig. 19. Miaskowski, Prof. Dr. v., Basel. 20. Möller, Carl, Dr., Kupferhammer bei Brackwede. 21. Nasse, Prof., Bonn. 22. Oelsner, Ludwig, Dr., Frankfurt a. M. 23. Roggenbach, v., Staatsminister a. D., Bonn. 24. Schmöller, Prof. Dr., Straßburg i. E. 25. Schönberg, Prof., Tübingen. 26. Seyffardt, Landtagsabgeordneter, Crefeld. 27. Sombart, Rittergutsbesitzer, Berlin. 28. Thiel, Dr., Geh. Reg. -Rath, Berlin. 29. Thorwart, Director, Frankfurt a. M. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57263-2 | Generated on 2023-01-16 13:10:17 [Document text truncated for crawler view.]