Sozio-ethische Betrachtungen in Technikentwicklungsprojekten – Zeitverschwendung oder Erfolgsfaktor für Nutzerakzeptanz?
Abstract
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Full text
Schmitt-Rüth, Stephanie; Simon, Martina Article — Published Version Sozio-ethische Betrachtungen in Technikentwicklungsprojekten – Zeitverschwendung oder Erfolgsfaktor für Nutzerakzeptanz? HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Schmitt-Rüth, Stephanie; Simon, Martina (2020) : Sozio-ethische Betrachtungen in Technikentwicklungsprojekten – Zeitverschwendung oder Erfolgsfaktor für Nutzerakzeptanz?, HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik, ISSN 2198-2775, Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden, Vol. 57, Iss. 3, pp. 541-557, https://doi.org/10.1365/s40702-020-00607-w This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/288889 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
SCHWERPUNKT https://doi.org/10.1365/s40702-020-00607-w HMD (2020) 57:541–557 Sozio-ethische Betrachtungen in Technikentwicklungsprojekten – Zeitverschwendung oder Erfolgsfaktor für Nutzerakzeptanz? Stephanie Schmitt-Rüth · Martina Simon Eingegangen: 18. Dezember 2019 / Angenommen: 7. März 2020 / Online publiziert: 17. März 2020 © Der/die Autor(en) 2020 Zusammenfassung Akzeptieren Menschen neue technologiebasierte Produkte oder Dienstleistungen nicht, so können diese aus technischer Perspektive noch so perfekt und nützlich sein – sie würden nicht in Anwendung und Nutzung kommen. Um mögliche Akzeptanzrisiken und Konfliktpotenziale in einem frühen Entwicklungsstadium zu identifizieren, ist es von entscheidender Bedeutung, sich einer sozioethischen Bewertung der Technik oder IT zu stellen. Auf diese Weise können Bedürfnisse, Interessen und Meinungen, insbesondere der von der Technik betroffenen Interessensgruppen, frühzeitig in den Entwicklungsprozess einbezogen werden. Im Rahmen dieses Beitrags wird ein generisches akzeptanzbasiertes Vorgehensmodell (HEART – Human-centered Evaluation of Acceptance and Risk Criteria for Technology) abgeleitet, um Fragestellungen der Mensch-Technik-Interaktion ergänzend zu Scrum oder Design Thinking-Methoden systematisch und effektiv erheben und bewerten zu können. Für die praktische Umsetzung von HEART wurde ein zweistufiges Verfahren gewählt, bestehend aus sogenannten Akzeptanz-Risiko-Workshops mit nachgelagertem Bewertungsfragebogen. Der Einbezug aller relevanten Stakeholder in Technikentwicklungsprojekte steht dabei im Mittelpunkt. Zwei Fallstudien in zwei Technikentwicklungsprojekten mit insgesamt 41 teilnehmenden Personen dokumentieren eine erste Anwendung von HEART in der Praxis und zeigen, dass sich das Konzept als geeignet erweist, um gemeinsam mit unterschiedlichen Zielgruppen deren Sichtweisen auf Technologie und ihre sozio-ethischen Risikofaktoren zu erheben und so integrative Forschung in Technikentwicklungsprojekten umzusetzen. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Rahmen dieses Beitrags das traditionelle generische Maskulinum verwendet. Es werden dabei immer alle Geschlechter im Sinne der Gleichbehandlung adressiert, die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung. S. Schmitt-Rüth ()·M.Simon Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS, Nordostpark 84, 90411 Nürnberg, Deutschland E-Mail: [email protected] M. Simon E-Mail: [email protected] K
542 S. Schmitt-Rüth, M. Simon Schlüsselwörter Sozioethik · Technologieakzeptanz · Mensch-TechnikInteraktion · Nutzerintegration · Technikentwicklungsprojekte Socio-ethical Considerations in Technology Development Projects—Waste of Time or Success Factor for User Acceptance? Abstract If people do not accept new technology-based products or services, from a technical perspective these can be as perfect and useful as they may be—they would not be applied and used. In order to identify possible acceptance risks and conflict potentials at an early stage of development, it is crucial to conduct a socioethical evaluation of the technology or IT. In this way, needs, interests and opinions, in particular of the stakeholders affected by the technology, can be included in the development process at an early stage. In the context of this contribution, a generic acceptance-based approach (HEART—Human-centered Evaluation of Acceptance and Risk Criteria for Technology) to be used in addition to Scrum and Design Thinking methods will be derived in order to systematically and effectively collect and evaluate questions of human-technology interaction. For the practical implementation of HEART, a two-stage procedure was chosen, consisting of socalled acceptance-risk workshops with a subsequent evaluation questionnaire. The focus here is on the inclusion of all relevant stakeholders in technology development projects. Two case studies in two technology development projects with 41 participants document a first practical application of HEART and demonstrate that HEART is suitable to collect and discuss views on technology and its socio-ethical risk factors together with various stakeholder groups and thus helps to implement integrative research in technology development projects. Keywords Socio-ethical · Technology acceptance · Human-Technology Interaction · Stakeholder Integration · Technology R&D Projects 1 Einleitung „Technology is neither good nor bad; nor is it neutral.“ – 1986 beschrieb Kranzberg (1986) in seinem ersten Technologiegesetz das Faktum, dass Technologie in ihrer (Aus-)Wirkung keineswegs immer eindeutig wahrgenommen wird, sondern stets in Abhängigkeit von Kontext und individueller Perspektive unterschiedlich beurteilt werden kann. Der Einbezug dieser unterschiedlichen Wahrnehmungen und Perspektiven, insbesondere zu Beginn von Technikentwicklungsprojekten, stößt jedoch bei Entwicklern nicht immer auf Gegenliebe: zu groß ist die Angst, dass der Einbezug unterschiedlicher Meinungen, insbesondere potentieller zukünftiger Nutzer, auf modifizierungsbedürftige Aspekte hinweist, welche bereits geplante Entwicklungsschritte vereiteln könnten. Dabei ist es gerade diese Phase, in der Änderungen vorgenommen werden könnten, bevor sie in späteren Phasen der Entwicklung unangenehm und kostspielig werden würden (Palm und Hansson 2018). Neuartige Technik wirft eine Reihe sozial, ethisch und rechtlicher Fragestellungen auf, wie Selbstund Fremdbestimmung K
Sozio-ethische Betrachtungen in Technikentwicklungsprojekten – Zeitverschwendung oder... 543 oder Teilhabe durch Technik. Die Identifizierung dieser Fragestellungen zur weiteren Berücksichtigung und Integration in ein Technikentwicklungsprojekt ist dabei nicht immer leicht (Carsten Stahl 2011). Um dieser Problematik zu begegnen, wird ein Vorgehensmodell entwickelt, das ergänzend zu Scrum oder Design Thinking-Methoden eingesetzt werden kann und soziale, ethische und rechtliche Aspekte unter Einbezug potenzieller Nutzergruppen identifizieren soll. Durch eine Bewertung so aufgedeckter Chancen, Probleme und potenzieller Konfliktfelder sowie eine Identifikation zukünftiger Handlungsfelder soll Akzeptanzproblemen seitens der Nutzer frühzeitig begegnet werden. Im Folgenden wird zunächst der theoretische Hintergrund des Vorgehensmodells erläutert. Im Anschluss werden die Bestandteile des Modells aufgezeigt und dessen praktische Umsetzbarkeit im Rahmen einer Case Study diskutiert. 2 Ableitung eines akzeptanzbasierten Frameworks für sozio-ethische Betrachtungen in Technikentwicklungsprojekten 2.1 Theoretischer Hintergrund Eines der im Rahmen von technikbasierten Forschungsprojekten derzeit am meisten eingesetzten ethischen Frameworks im deutschsprachigen Raum ist das sogenannte MEESTAR-Modell (Modell zur ethischen Evaluierung sozio-technischer Arrangements; (Manzeschke 2015)). Das Modell beschreibt „soziale und technische Voraussetzungen, die zur Entwicklung und dem möglichen Einsatz dieser Systeme führt“ (Manzeschke 2015). Es besteht insgesamt aus sieben ethischen Bewertungsdimensionen (Fürsorge, Selbstbestimmung, Sicherheit, Gerechtigkeit, Privatheit, Teilhabe und Selbstverständnis), die auf drei Ebenen (Individuum, Organisation, Gesellschaft) betrachtet werden. MEESTAR wurde aus dem Gesundheitsbereich heraus entwickelt und erfährt stetige Weiterentwicklungen (z.B. Weber 2016). Weber (2016)verweist in seinem Beitrag darauf, dass zwischen Technikgestaltung und Technikakzeptanz eine enge Verbindung besteht: Akzeptanz gilt nämlich als dominanter Erfolgsfaktor für neue technikbasierte Lösungen (Königstorfer 2008). Unter Akzeptanz versteht man dabei „die positive Annahmeentscheidung einer Innovation durch die Anwender“ (Simon 2001), wobei meist zwischen Einstellungsund Verhaltensakzeptanz unterschieden wird (Kollmann 1998). So kann zwar aus sozio-ethischer Perspektive ein System/eine Technik als „korrekt“ bewertet werden, muss deshalb aber noch lange nicht unter den Stakeholdern und potentiellen Nutzern akzeptiert werden. Genauso ist der Umkehrschluss möglich: ethisch verwerfliche Systeme werden ohne Bedenken von den Zielgruppen akzeptiert. Aus Sicht der Akzeptanzforschung beziehen sich Akzeptanzfaktoren auf das Zusammenwirken von Akzeptanzsubjekt, Akzeptanzobjekt und Akzeptanzkontext (Lucke 1995). Das Akzeptanzsubjekt entwickelt so eine Einstellung gegenüber einem Akzeptanzobjekt, was wiederum zu einer Handlung führt. Bei dem Akzeptanzobjekt handelt es sich um das Angebotene, Vorhandene oder Vorgeschlagene. Der Akzeptanzkontext bezieht sich auf alle Faktoren, die nicht im Akzeptanzsubjekt und -objekt miteinbegriffen sind und auf die Nutzungssituation einwirken. K
544 S. Schmitt-Rüth, M. Simon 2.2 Vorgehen und Ergebnis Vor dem Hintergrund eines potentiellen Zusammenwirkens von Akzeptanz und sozio-ethischen Aspekten ist es von Bedeutung zu verstehen, welche generischen Begrifflichkeiten bei der Betrachtung von Technik im Allgemeinen verwendet werden. Hierzu wurde eine explorative Literaturanalyse durchgeführt, die folgende vier am häufigsten adressierten sozio-ethischen Themenbereiche identifizierte: Sicherheit. Das Grundbedürfnis nach Sicherheit beschreibt zum einen die Unversehrtheit der Gesundheit, die sich aus dem körperlichen und psychischen Wohlbefinden zusammensetzt. Hinzu kommen weitere Aspekte wie Schädigungsfreiheit, Privatsphäre sowie Vertraulichkeit und Datenschutz. Schädigungsfreiheit stellt auf Aspekte wie Zuverlässigkeit und Fahrlässigkeit ab und adressiert die Frage: Welche Gefahren für das Wohl der Stakeholder sind mit dem Einsatz des Systems verbunden? Gerechtigkeit & Teilhabe. Begrifflichkeiten wie Solidarität, Fairness, Gleichheit/ Ungleichheit, Diskriminierung, Stigmatisierung, Rechte, Inklusion & Exklusion, Erhältlichkeit, Bezahlbarkeit, Besitz, universeller Zugang, Beschäftigung/Arbeit formen diese Oberkategorie. Wird der Platz der Nutzenden in der Gesellschaft beeinflusst? Wie wirkt sich das System auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt aus? Auch Chancengleichheit wird adressiert: Ergeben sich für alle Nutzergruppen dieselben Chancen und Möglichkeiten? Sind bestimmte Gruppen von der Nutzung des Systems ausgeschlossen? Entstehen bestimmten Nutzergruppen besondere Vorteile/Nachteile durch das System? Beeinträchtigt das System die Teilhabe bestimmter Gruppen? Diverse Menschenbilder/Normierung: Wie wird mit Unterschieden umgegangen? Werden diese anerkannt? Stigmatisierung: Können Anwender durch das System bloßgestellt werden? Diskriminierung: Gibt es Merkmale die manche Anwendergruppen benachteiligen? Zuletzt ist Wertschätzung zu nennen: Werden die Nutzenden wertschätzend behandelt? Nachhaltigkeit. Aspekte wie Effizienz, Wirksamkeit, soziale Nachhaltigkeit, ökonomische Nachhaltigkeit, Umwelt, Rentabilität, Kosten determinieren die dritte Kategorie. Wie wirkt sich die Innovation/das technische System auf den Erhalt der Lebenswelt der Nutzenden aus? Hierbei sind Einflüsse auf das Wirtschaftsbzw. Versorgungssystem sowie die ökologische Umwelt zu thematisieren. Selbstbestimmung. Dieser Begriff umfasst Aspekte wie Abhängigkeit/Unabhängigkeit, Kontrollierbarkeit, Aufklärung und Anwendungsfreundlichkeit. Sind die Nutzenden frei von jeglicher Fremdbestimmung und können sie über die Nutzung des Systems selbst entscheiden? Ist die Wahlfreiheit der Nutzenden gewährleistet? Vertraulichkeit, Privatheit und Datenschutz adressieren die Relevanz und Sensibilität von Daten: Ist der Schutz von Daten und Inhalten gewährleistet? Ist der Zugriff auf Daten und Inhalte klar geregelt? Werden durch das System personenbezogene Daten erfasst? Ist eine Erfassung erforderlich? Ist die Erfassung kritisch zu sehen? Können die Daten missbraucht werden? Können Daten oder Inhalte wieder gelöscht werden? Können die Inhalte oder erhobenen Daten vom Nutzer eingesehen werden? Erhält der Nutzer Einsicht, wer Zugriff auf Inhalte oder erhobene Daten hat? K
Sozio-ethische Betrachtungen in Technikentwicklungsprojekten – Zeitverschwendung oder... 545 Abb. 1 Akzeptanzbasiertes Framework zur sozio-ethischen Betrachtung Es wird deutlich, dass die vier gebildeten generischen Oberkategorien in Tradition mit existierenden ethischen Modellen stehen und ebenfalls den drei Betrachtungsebenen des MEESTAR-Modells (Manzeschke 2015) zugeordnet werden können: Ebene individueller Bedürfnisse: Sicherheit (Schädigungsfreiheit; Verantwortung) und Selbstbestimmung (Wahlfreiheit und Autonomie; Vertraulichkeit und Privatheit) Position des Individuums in der Gesellschaft: Gerechtigkeit & Teilhabe (Chancengleichheit; Diskriminierung und Stigmatisierung) Überindividuelle, gesamtgesellschaftliche Themen: Nachhaltigkeit (Gesundheitsund Wirtschaftssystem; Gesellschaft und Umwelt) Diese Ebenen können nun in Abb. 1als konzentrische Kreise dargestellt werden. In Kombination mit den Akzeptanzkomponenten, welche als tragende Seiten eines gleichseitigen Dreiecks auf die Kreise wirken, bilden sie so das akzeptanzbasierte Framework sozio-ethischer Betrachtungen. 3 HEART – Entwicklung eines praxisorientierten Vorgehensmodells zur akzeptanzbasierten Bewertung sozio-ethischer Risikoaspekte in Technikentwicklungsprojekten Um das im vorherigen Kapitel vorgestellte akzeptanzbasierte Framework für einen Einsatz in der Praxis nutzbar zu machen, muss ein umsetzbares Vorgehensmodell K
546 S. Schmitt-Rüth, M. Simon entwickelt werden, in dem Chancen, Probleme und potentielle Konfliktfelder sowie zukünftige Handlungsfelder, die mit der zu entwickelnden Technik verbunden sind, gemeinsam mit den Nutzern identifiziert, bewertet und für die weitere Entwicklung berücksichtigt werden können. Für die praktische Umsetzung des Frameworks in ein Vorgehensmodell wurde – auf Basis der Anforderungen – ein zweistufiges Verfahren gewählt. Das Vorgehensmodell, das im nachfolgenden HEART (Human-centered Evaluation of Acceptance and Risk Criteria for Technology) benannt wird, besteht aus einem „Akzeptanz-Risiko-Workshop“ und einem nachgelagerten Bewertungsfragebogen (siehe Abb. 2). Den ersten Bestandteil des Verfahrens bildet der sog. Akzeptanz-Risiko-Workshop, dessen Ziel es ist, mit Vertretern verschiedener Nutzergruppen in Gruppenarbeit eine Sammlung kritischer Aspekte zu den identifizierten sozio-ethischen Themenbereichen herauszuarbeiten, die es zu berücksichtigen gilt, um Akzeptanzprobleme seitens der Nutzer in Technikentwicklungsprojekten zu vermeiden. Die Identifikation der in den Akzeptanz-Risiko-Workshop zu involvierenden Nutzervertreter erfolgt dabei unter Rückgriff auf Stakeholderanalysen aus der Phase der Initialisierung des jeweiligen Entwicklungsprojekts. Diese Nutzervertreter diskutieren im Akzeptanz-Risiko-Workshop unter Anwendung der Methode der Fokusgruppe nach einer allgemeinen Vorstellung des Technikentwicklungsprojekts in Kleingruppen die vier Themenbereiche Sicherheit, Selbstbestimmung, Gerechtigkeit & Teilhabe sowie Nachhaltigkeit mit ihren jeweiligen Unterkategorien. Den einzelnen Themenbereichen samt Unterkategorien wird dabei in der praktischen Umsetzung im Idealfall ein eigener Tisch gewidmet, wobei die Unterkategorien jeweils in Form von großen Rädern auf den zugehörigen Thementischen liegen (vgl. hierzu Abb. 2). Die einzelnen Themenbereiche werden von den Kleingruppen jeweils nacheinander durchlaufen, wobei jeder Themenbereich bzw. Tisch von einem Moderator begleitet wird, der inhaltlich in das jeweilige Thema mit seinen Unterkategorien einführt und die von den Teilnehmern in der gemeinsamen Diskussion hervorgebrachten kritischen Aspekte sowie ggf. Lösungsvorschläge auf Post-its notiert und diese auf den UnterkategorieRädern anbringt. Zusätzlich zu diesen Notizen wird der gesamte Akzeptanz-RisikoWorkshop mit Einverständnis der Teilnehmer auf Tonband aufgezeichnet. Sobald alle Gruppen alle sozio-ethischen Themenbereiche bearbeitet haben, werden die Ergebnisse gemeinsam betrachtet und erste kritische bzw. weniger kritische Aspekte definiert. Nun genügt die einfache Sammlung der relevanten Aspekte per se noch nicht, um spezifische nachgelagerte Entwicklungstätigkeiten/-anpassungen vornehmen zu können. Eine Priorisierung der Bewertungsdimensionen wird oftmals gefordert (vgl. z.B. Weber 2016). Der zweite Bestandteil des HEART-Ansatzes verfolgt somit das Ziel, die im Rahmen des Akzeptanz-Risiko-Workshops identifizierten Aspekte mittels eines nutzerzentrierten quantitativen Bewertungssystems für Technikentwicklungsprojekte nutzbar zu machen und geht somit über die erste, qualitative Identifikation und Bewertung der Aspekte im Workshop hinaus. Hierzu werden die im Akzeptanz-Risiko-Workshop identifizierten Aspekte im Rahmen der Auswertung aggregiert und anschließend in einen Bewertungsfragebogen überführt, der den Workshop-Teilnehmern nachgelagert zur Beantwortung vorgelegt wird. Im Bewertungsfragebogen wird eine 5-stufige Likert-Skala mit den Endpunkten 1 (=Aspekt K
Sozio-ethische Betrachtungen in Technikentwicklungsprojekten – Zeitverschwendung oder... 547 Abb. 2 Schematische Darstellung von HEART inkl. seiner Bestandteile K
548 S. Schmitt-Rüth, M. Simon stellt ein sehr geringes Akzeptanzrisiko dar) und 5 (=Aspekt stellt ein sehr hohes Akzeptanzrisiko dar) eingesetzt. Im Rahmen von deskriptiven Analysen können so Aspekte identifiziert werden, die aggregiert über alle teilnehmenden Nutzervertreter ein hohes Akzeptanzrisiko darstellen (M> 3,5). Ebenso können Aspekte mit mittlerem (M= 2,5–3,49) und geringem (M< 2,5) Akzeptanzrisiko identifiziert werden. Die Ergebnisse können so in Form einer tabellarischen und nach Grad des Akzeptanzrisikos gegliederten Ergebnisdokumentation direkt an verschiedene Stakeholder innerhalb des Projekts weitergegeben werden und dort als Priorisierungsgrundlage für weitere Entwicklungsund Evaluationsschritte dienen. 4 Fallbeispiel aus der Praxis – Wenn HEART auf reale Technikentwicklungsprojekte trifft Der HEART-Ansatz wurde in zwei geförderten Technikentwicklungsprojekten, „ERIK“1und „DIGI-ORT“2, praktisch angewendet und konnte dort in vier Akzeptanz-Risiko-Workshops mit insgesamt 41 Teilnehmern hinsichtlich seiner Praxistauglichkeit, Effektivität und Effizienz überprüft werden. Anhand des Projekts ERIK werden nachfolgend beispielhaft Umsetzung und Ergebnisse des HEARTAnsatzes dargestellt. 4.1 Case Study: ERIK Im vom Bundesministerium für Forschung und Entwicklung geförderten Forschungsprojekt ERIK wird eine Roboterplattform zur Unterstützung neuer Interaktionsstrategien in der Therapie von Kindern mit eingeschränkten sozio-emotionalen Fähigkeiten entwickelt. Diese Roboterplattform in Gestalt des humanoiden Roboters Pepper3soll auf Basis von Mimik, Sprache und Puls die Emotionen eines autistischen Kindes erkennen und ein Echtzeitfeedback generieren. Das Kind kann so durch das Robotersystem lernen, die Emotionen seines Gegenübers selbst richtig zu erkennen und darzustellen, wodurch die sozio-emotionalen Kompetenzen des Kindes gesteigert werden können (Simon et al. 2019). Eine Herausforderung des Projekts liegt unter anderem in der Zielgruppe, die der Gruppe der sogenannten „Vulnerable Consumers“ (Baker et al. 2005) zugeordnet werden kann: Menschen bzw. im engeren Sinne Kinder im Autismus-Spektrum. In Bezug auf die praktische Umsetzung des HEART-Ansatzes galt es daher, neben der Prüfung der allgemeinen Praxistauglichkeit insbesondere auch festzustellen, ob das Konzept für die Gruppe der „Vulnerable Consumers“ geeignet ist und angewendet werden kann. 1https://www.technik-zum-menschen-bringen.de/projekte/erik 2https://digitales-dorf.bayern/index.php/die-modelldoerfer/digitales-gesundheitsdorf-oberes-rodachtal/ 3https://www.softbankrobotics.com/corp/robots/ K
Sozio-ethische Betrachtungen in Technikentwicklungsprojekten – Zeitverschwendung oder... 555 können und wie eine Übersetzung der bisherigen tabellarischen Dokumentation der Ergebnisse in den Entwicklerkontext erfolgen kann. 5.4 Mehrwert des HEART-Ansatzes Wie einleitend bereits angeführt, kann der HEART-Ansatz ergänzend zu Scrum bzw. Design Thinking-Methoden eingesetzt werden. Eine Abgrenzung erfolgt dabei durch die unterschiedlichen Schwerpunkte der Methoden: Während bei Scrum eher der Entwicklungsprozess aus IT-Sicht im Vordergrund steht und jegliche Arten von Anforderungen der Stakeholder über die Person des Product Owners kanalisiert werden, fokussiert Design Thinking zwar auf die Einbindung der Nutzer, setzt aber häufig bereits in der Phase der Konzeptentwicklung an. Der HEART-Ansatz dagegen kommt erst zum Einsatz, wenn die Phase der Konzeptentwicklung bereits abgeschlossen ist und die technische Entwicklung und Umsetzung z.B. im Rahmen von Scrum beginnt. HEART beleuchtet in dieser Phase gemeinsam mit den Nutzervertretern das abgesteckte Feld ethisch, sozial und rechtlich kritischer Aspekte, das in Scrum oder Design Thinking-Methoden i.d.R. nicht explizit adressiert wird, und geht dabei durch die skalierbare Bewertung dieser Aspekte durch die Nutzervertreter über eine reine Erhebung hinaus. Darüber hinaus liegt der Mehrwert des HEARTAnsatzes in folgenden drei Aspekten: 1. Der Mensch steht im Mittelpunkt: Gemäß der sozialkonstruktivistischen Theorie der Technik (Berger und Luckmann 2005) werden der Erkenntnisgegenstand und die damit verbundene Wahrnehmung einer Technik durch den Betrachter erzeugt. Um eine Technik somit ganzheitlich einschätzen zu können, muss das zugehörige sozio-technische System mit seinen potenziellen Nutzergruppen verstanden werden. HEART gewährleistet dies durch die Integration unterschiedlichster Stakeholder: sowohl primäre und sekundäre Nutzer als auch Forscher, Industriepartner und politische Entscheidungsträger. 2. Besondere Berücksichtigung sogenannter „Vulnerable Consumers“: Durch explizite Berücksichtigung unterschiedlicher Perspektiven verschiedener Anspruchsgruppen ist HEART auch für schutzbedürftige Personen anwendbar ist: Risikofaktoren können etwa Alter, Unerfahrenheit, Lernoder körperliche Behinderungen, niedriges Einkommen oder Lesefähigkeit, kulturelle Barrieren, psychische Erkrankungen,Beziehungsausfälle, Leben in Gebieten ohne Internet oder Gesundheitsprobleme sein (Baker et al. 2005). 3. Möglichkeit zum Wachstumsdenken „Growth-Mindset“ (Dweck 2016): HEART eröffnet die Möglichkeit, dass im Rahmen des Entwicklungsprozesses Dinge besser verstanden werden und „Fehler“ als Möglichkeit gesehen werden, etwas Neues auszuprobieren und sich weiterzuentwickeln. Mit einem Growth Mindset können negative Emotionen, die etwa durch unerwartete Probleme oder Kritik verursacht werden, ausgeglichen werden (Myers et al. 2016). K
556 S. Schmitt-Rüth, M. Simon 6Fazit Es zeigte sich nach Durchführung und Auswertung von vier Workshops mit insg. 41 Teilnehmern, dass – unter Einbezug einer breiten Basis an Zielgruppen (etwa Entwickler, interdisziplinäre Projektpartner, Betroffene) – der traditionelle „technology push“-Ansatz im Bereich der Technikentwicklung durch einen bottom-upAnsatz („demand pull“) bereichert werden kann. Das entwickelte HEART-Konzept erweist sich im Kontakt mit nicht-wissenschaftlichen, nicht-technikversierten oder nicht-projekterfahrenen Personen als geeignet, deren Sichtweisen auf Technik und ihre sozio-ethischen Risikofaktoren zu erheben und auf diese Weise integrative Forschung in Technikentwicklungsprozessen umzusetzen. Sein Einsatz kann sowohl zu Beginn technischer Entwicklungsprojekte als auch in Stadien, in denen noch keine Projektidee vorhanden ist, zur Ermittlung des Bedarfs und der Relevanz eingesetzt werden. Sozio-ethische Betrachtungen von Akzeptanzrisiken in Technikentwicklungsprozessen? – Mehr als eine Zeitverschwendung! Funding Open Access funding provided by Projekt DEAL. Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/ licenses/by/4.0/deed.de. Literatur Baker SM, Gentry GW, Rittenburg TL (2016) Building understanding of the domain of consumer vulnerability. J Macromark 25:128–139 Berger PL, Luckmann T (2005) Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit Dweck C (2016) What having a “growth mindset” actually means. Harv Bus Rev 13:213–226 Kollmann T (1998) Akzeptanz innovativer Nutzungsgüter und -systeme: Konsequenzen für die Einführung von Telekommunikationsund Multimediasystemen. Springer, Wiesbaden Königstorfer J (2008) Akzeptanz von technologischen Innovationen; Nutzungsentscheidungen von Konsumenten dargestellt am Beispiel von mobilen Internetdiensten. Gabler, Wiesbaden Kranzberg M (1986) Technology and History: “Kranzberg’s Laws”. Technol Cult 27:544–560 Lucke D (1995) Akzeptanz: Legitimität in der „Abstimmungsgesellschaft“. VS, Wiesbaden Manzeschke A (2015) MEESTAR: ein Modell angewandter Ethik im Bereich assistiver Technologien. Technisierung des Alters – Beitrag zu einem guten Leben, S 263–283 Mayring P (2002) Einführung in die qualitative Sozialforschung; Eine Anleitung zu qualitativem Denken. Beltz, Weinheim Myers CA, Wang C, Black JM, Bugescu N, Hoeft F (2016) The matter of motivation: Striatal resting-state connectivity is dissociable between grit and growth mindset. Soc Cogn Affect Neurosci 11:1521–1527 K
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