Zur ökonomischen Analyse der Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland: Theoretische und empirische Untersuchungen von Mitgliederentwicklung, Verhalten und Einfluss auf wirtschaftliche Grössen
Abstract
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Full text
Schnabel, Claus Book — Digitized Version Zur ökonomischen Analyse der Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland: Theoretische und empirische Untersuchungen von Mitgliederentwicklung, Verhalten und Einfluss auf wirtschaftliche Grössen Hohenheimer volkswirtschaftliche Schriften, No. 10 Provided in Cooperation with: Peter Lang International Academic Publishers Suggested Citation: Schnabel, Claus (1988) : Zur ökonomischen Analyse der Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland: Theoretische und empirische Untersuchungen von Mitgliederentwicklung, Verhalten und Einfluss auf wirtschaftliche Grössen, Hohenheimer volkswirtschaftliche Schriften, No. 10, ISBN 978-3-631-75548-8, Peter Lang International Academic Publishers, Berlin, https://doi.org/10.3726/b14052 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/182914 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Zur ökonomischen Analyse der Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland HOHENHEIMER VOLKSWIRTSCHAFTLICHE SCHRIFTEN Claus Schnabel
Die vorliegende Arbeit versucht, Gewerkschaften auf empirischer Grundlage ökonomisch zu untersuchen. Zum einen wird der Frage nachgegangen, welche Faktoren die Mitgliederstärke und das Verhalten von Gewerkschaften beeinflussen. Die statistisch-ökonometrische Überprüfung von 12 ökonomischen bzw. soziopolitischen Hypothesen führt dabei zur Erstellung einer Schätzgleichung der gewerkschaftlichen Mitgliederentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland. Zum anderen wird theoretisch und empirisch untersucht, welchen Einfluß die Gewerkschaften auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und hier insbesondere auf Löhne und Preise, Beschäftigung sowie Produktion und Produktivität auszuüben vermögen. Claus Schnabel wurde 1961 in Stuttgart geboren. Von 1981-1985 Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hohenheim und der University of Kent at Canterbury mit dem Abschluß eines M.A. in Economics. Von 19861988 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Prof.Dr.C. Folkers am Lehrstuhl für Finanzwissenschaft der Universität Hohenheim; dort auch Promotion 1988. Seither Mitarbeiter am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. HOHENHEIMER VOLKSWIRTSCHAFTLICHE SCHRIFTEN Claus Schnabel Zur ökonomischen Analyse der Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland
Zur ökonomischen Analyse der Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland
Hohenheimer volkswirtschaftliche Schriften Herausgegeben von Prof Dr: cav Folkers, Prof Dr: Joachim cenosko. Prof Dr: Harald Hagemann, Prof Dr: Klaus Herdzlna, Prof Dr: Franz Mehter t. Prof Dr Renate Ohr, Prof Dr: Walter Plesch. Prof Dr: Ingo Schmidt, Prof Dr: Helmut Walter: Prof Dr: Josua Werner Band10 ~ Verlag Peter Lang Frankfurt am Main · Bern · New York · Paris
Claus Schnabel zur ökonomischen Analyse der Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland Theoretische und empirische Untersuchungen von Mitgliederentwicklung, verhalten und Einfluß auf wirtschaftliche Größen • Verlag Peter Lang Frankfurt am Main· Bern · New York· Paris
Open Access: The online version of this publication is published on www.peterlang.com and www.econstor.eu under the international Creative Commons License CC-BY 4.0. Learn more on how you can use and share this work: http://creativecommons.org/ licenses/by/4.0. This book is available Open Access thanks to the kind support of ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. ISBN 978-3-631-75548-8(eBook) CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek Schnabel, Claus: Zur ökonomischen Analyse der Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland : theoret. u. empir. Unters. von Mitgliederentwicklung, Verhalten u. Einfluß auf wirtschaftl. Größen/ Claus Schnabel. - Frankfurt am Main ; Bern ; New York ; Paris : Lang, 1989 (Hohenheimer volkswirtschaftliche Schriften ; Bd. 10) Zugl.: Hohenheim, Univ., Diss., 1988 ISBN 3-631-40822-6 NE:GT D100 ISSN 0721-3085 ISBN 3-631-40822-6 © Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main 1989 Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen dijs Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany
Die vorliegende Arbeit wurde unter Anleitung von Herrn Prof. Dr. C. Folkers am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Hohenheim angefertigt. Ihm gilt mein herzlicher Dank für seine ermunternde Betreuung, den gewährten Forschungsfreiraum und seine konstruktiven Verbesserungsvorschläge. Herrn Prof. Dr. J. Genosko und Herrn Prof. Dr. K. Herdzina danke ich für ihre Bereitschaft, sich als Prüfer mit dieser Arbeit auseinanderzusetzen. Für die Gewährung eines Promotionsstipendiums sowie eines Forschungsaufenthaltes in England, ohne die die Untersuchung in der vorliegenden Art nicht hätte durchgeführt werden können, bin ich der Studienstiftung des deutschen Volkes zu großem Dank verpflichtet. Dank schulde ich auch der Landeszentralbank in Baden-Württemberg für ihre finanzielle Unterstützung in Form eines Druckkostenzuschusses. Ferner sei den Kollegen, Freunden und Angehörigen gedankt, die mir durch ihre Bereitschaft zur kritischen Diskussion meiner Ideen und Erkenntnisse weitergeholfen haben oder mir bei der technischen Endfassung des Manuskripts behilflich waren. Der letzte, aber keineswegs geringste Dank geht an meine Eltern. Ihnen, die ihren Beitrag zur vorliegenden Arbeit gewiß unterschätzen, sei diese gewidmet.
3 Wert solcher Kurzdefinitionen, und auch Beier (1981, S.643) äußert entsprechende Bedenken: "Die mehrdimensionale Begrifflichkeit der Gewerkschaften, die sich wie Wirtschaft und Gesellschaft in einem ständigen Wandel befinden, erlaubt keine starre, definitorische Fixierung. Eine so wandlungsfähige gesellschaftliche Erscheinung entzieht sich jedem Versuch schematischer Kategorisierung." Im Zusammenhang mit dieser Mehrdimensionalität und den Problemen der Erfaßbarkeit und Abgrenzung stellt sich die Frage, ob Gewerkschaften überhaupt einer ökonomischen Analyse zugänglich sind. Diese bildete bereits den Hintergrund der vielbeachteten und bis heute immer wieder aufgegriffenen Kontroverse zwischen Ross (1948) und Dunlop (1944/1950). Ross (1948) betonte besonders die Divergenz der Interessen innerhalb der heterogenen Mitgliederschaft sowie zwischen Mitgliedern und Funktionären einer Gewerkschaft und den daraus folgenden "politischen" Charakter des gewerkschaftlichen Entscheidungsprozesses. Er schloß daraus, daß eine rein ökonomische Analyse von Gewerkschaften als rationalen monolithischen Einheiten, die ökonomische Zielfunktionen maximieren, wenig sinnvoll sei. 1) In einem als Replik verfaßten Vorwort zur zweiten Auflage seines grundlegenden Buches "Wage Determination Under Trade Unions" erkannte Dunlop (1950) zwar die politische Dimension von Gewerkschaften an; er führte jedoch aus, daß diese keineswegs der von Ross (1948) behauptete dominante Einflußfaktor gewerkschaftlichen Verhaltens sei, das sich in einem wirtschaftlichen Umfeld in erster Linie an ökonomischen Realitäten ausrichten müsse. Diese Einschätzung dürfte von den meisten Wirtschaftswissenschaftlern geteilt werden. 2) 1) Obwohl Ross (1948, S.12: "a trade union is a political agency operating in an economic environment") den ökonomischen Handlungsbereich der politischen Institution Gewerkschaft akzeptiert, bezweifelt er sowohl die Angemessenheit als auch den Nutzen einer ökonomischen Analyse (S.7): "Among all the participants in economic life, the trade union is probably least suited to purely economic analysis." Mulvey (1978, Kap.2) und vor allem Borland (1986) weisen jedoch darauf hin, daß viele der von Ross (1948) bemängelten Erklärungsdefizite der ökonomischen Theorie durch neuere Forschungen, z.B. über Humankapitaltheorie und Medianwählermodelle, überwunden seien. 2) Vgl. z.B. Mulvey (1978, Kap.2) oder Farber (1986, S.1041), der meint: "Dunlop was right in that it is fruitful to analyze labor unions as maximizing a well-defined objective function but ... the Interna! structure of the union and its political process, emphasized by Ross, are important determinants of the objective function".
4 Zwar setzen Ross (1948) und Dunlop (1950) unterschiedliche Schwerpunkte, doch divergieren ihre Ansichten, wie Borland (1986) bei einer Reinterpretation der Ross-Dunlop-Kontroverse zu zeigen vermag, nicht so stark, daß der in der Vergangenheit oft gezogene Schluß gerechtfertigt wäre, Gewerkschaften könnten nur alternativ als politische oder als ökonomische Institutionen interpretiert und entsprechend analysiert werden. Vielmehr sollte einerseits bei einer ökonomischen Analyse gewerkschaftlichen Verhaltens den von Ross (1948) aufgeworfenen Fragen der Interessendivergenz innerhalb von Gewerkschaften soweit als nötig und möglich Rechnung getragen werden. 1) Andererseits ist zu berücksichtigen, daß Gewerkschaften auf der Basis ihrer durch mögliche Interessendivergenzen geprägten internen Entscheidungen in einem ökonomischen Umfeld rational und nutzenmaximierend agieren müssen, da sie viele ihrer Ziele nur durch ein solches, an wirtschaftlichen Größen ausgerichtetes und damit auch ökonomisch analysierbares Verhalten zu erreichen vermögen. Gewerkschaften können und sollten somit sehr wohl einer ökonomischen Analyse unterzogen werden 2), wobei im folgenden - in Übereinstimmung mit dem überwiegenden Teil der Gewerkschaftsliteratur - das Hauptaugenmerk den Gewerkschaften im privaten Sektor gilt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen wird auf die Einbeziehung des öffentlichen Sektors verzichtet, da dies eine Berücksichtigung der Besonderheiten öffentlicher Arbeitsmärkte sowie der dort gegebenen politisch-ökonomischen zusammenhänge erfordern und damit den 1) Vgl. z.B. die Diskussion der gewerkschaftlichen Zielfunktion und der mikroökonomischen Theorie der Gewerkschaft in den Kapiteln 5 und 6. Die ökonomische Modellierung des Verhaltens der politischen Institution Gewerkschaft durch Public-Choicebzw. Medianwähler-Modelle von Burton (1984) und von Kaufman & Martinez-Vazques (1987) knüpft ebenfalls ausdrücklich an dieser Erkenntnis der Ross-Dunlop-Kontroverse an. 2) Daraus darf jedoch keinesfalls auf eine fehlende Bedeutung alternativer bzw. ergänzender soziologisch-psychologischer oder politischer Erklärungsansätze geschlossen werden, die im Rahmen der vorliegenden Arbeit besonders in den eher empirisch ausgerichteten Kapiteln 2-4, 7 und 8 einen teils wichtigen Beitrag zur Ergänzung der ökonomischen Analyse leisten. Ausführliche Darstellungen soziologischer Ansätze finden sich unter anderem bei Horke (1977), Bergmann (1979) und bei Müller-Jentsch (1986).
5 Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. l) Vor dem Hintergrund der obigen Überlegungen wird im nächsten Kapitel ein überblick über die•Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland und deren Mitgliederentwicklung sowie über bestehende ökonomische wie auch soziologisch-politische Erklärungsansätze zur Gewerkschaftsentwicklung gegeben. Die statistisch-ökonometrische Überprüfung der aus diesen Erklärungsansätzen ableitbaren Hypothesen führt in Kapitel 3 zur Erstellung einer Schätzgleichung der gewerkschaftlichen Mitgliederänderungen in der Bundesrepublik für den Beobachtungszeitraum 1955-1984. 2) In Umkehrung der bis dahin vorgenommenen Betrachtung von Gewerkschaften und ihrer Mitgliederentwicklung in Abhängigkeit vom ökonomischen Prozeß beschäftigen sich die darauffolgenden Kapitel vorwiegend mit dem Verhalten und den ökonomischen Auswirkungen von Gewerkschaften. So wird im vierten Kapitel, unter anderem durch statistisch-ökonometrische Tests möglicher Indikatoren für gewerkschaftliche Militanz, der traditionell häufig diskutierten Frage nachgegangen, ob und inwieweit Gewerkschaften zur Inflation beitragen bzw. diese verursachen. Weitere Erkenntnisse über gewerkschaftliches 1) So kann z.B. bei öffentlichen Arbeitgebern nicht von gewinnmaximierendem Verhalten ausgegangen werden, und Gewerkschaften dürften im öffentlichen Sektor nicht nur versuchen, die Löhne zu erhöhen, sondern auch die Arbeitsnachfragekurve durch Einwirken auf den politischen Prozeß und das Budget nach außen zu verschieben. Für eine soziologisch ausgerichtete Analyse von deutschen Gewerkschaften im öffentlichen Dienst sei auf Schneider (1979) verwiesen, während die Darstellungen von Ehrenberg & Smith (1985, Kap.13), Ehrenberg & Schwarz (1986) und von Freeman (1986) zwar ökonomischer Natur, jedoch in erster Linie auf die USA bezogen sind. 2) Die Wahl dieses Beobachtungszeitraumes ist im wesentlichen datenbedingt. Für die erste Hälfte der fünfziger Jahre, die ohnehin eine atypische Phase des Wiederaufbaus darstellt, sind für einige Variablen Daten nicht erhältlich oder wenig verläßlich, während bei anderen Variablen verwendete time lags, z.B. für Kausalitätstests, einen Schätzbeginn vor 1955 ausschließen. Der Endzeitpunkt 1984 ergibt sich durch die weitgehende Verwendung von Daten, die vom Statistischen Bundesamt (1985) als "Lange Reihen 1950 bis 1984" erstmals in sich konsistent für einen relativ langen, aber nicht ohne weiteres verlängerbaren Zeitraum vorgelegt wurden. Die verwendeten Jahresdaten und die dazugehörige einheitliche Symbolik sind im Anhang verzeichnet und erläutert. Die ökonometrischen Schätzungen wurden unter Verwendung des Softwarepakets TSP 4.0 am Rechenzentrum der Universität Hohenheim durchgeführt.
6 Handeln und dessen Auswirkungen lassen sich durch eine mikroökonomische Analyse gewerkschaftlichen Verhaltens gewinnen, die den Gegenstand der Kapitel 5 und 6 bildet. Während im fünften Kapitel die dafür nötigen Rahmenbedingungen sowie ältere Erklärungsansätze diskutiert werden, erfolgt im sechsten Kapitel eine Darstellung der modernen ökonomischen Theorie der Gewerkschaft und ihrer Implikationen. Darauf aufbauend werden in Kapitel 7 mögliche negative Wohlfahrtseffekte durch ineffizient hohe Gewerkschaftslöhne sowie restriktive Arbeitspraktiken und Streiks erörtert und empirisch hinterfragt, während das achte Kapitel einer Diskussion etwaiger positiver Gewerkschaftseffekte, insbesondere auf die Produktivität, gewidmet ist. Im neunten Kapitel erfolgt eine abschließende Zusammenfassung und Wertung der gewonnenen Erkenntnisse, die auf eine tendenzielle Fehleinschätzung sowohl der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Entwicklung und des Verhaltens als auch der ökonomischen Auswirkungen von Gewerkschaften in der öffentlichen wie in der akademischen Diskussion hindeuten.
7 2. MITGLIEDERENTWICKLUNG UND ORGANISATIONSGRAD DER GEWERKSCHAFTEN IN DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND Aufgabe dieses Kapitels ist es, einen überblick über die Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland, über die - datenmäßig nicht ganz unproblematische - Entwicklung der gewerkschaftlichen Mitgliedschaft und des Organisationsgrades und über die bestehenden Erklärungsansätze zur Gewerkschaftsentwicklung zu geben. Es kann daher als Basis für weitergehende Untersuchungen in den folgenden Kapiteln gesehen werden. 2.1. Die Struktur des Gewerkschaftswesens in der Bundesrepublik Deutschland Das Gewerkschaftswesen in der Bundesrepublik Deutschland ist charakterisiert durch fünf Dachverbände bzw. Organisationen von erwähnenswerter Größe, die sich in bezug auf gewerkschaftliches Selbstverständnis, Organisation und Mitgliederstruktur oft stark unterscheiden. Dies wird durch den folgenden Kurzüberblick verdeutlicht: l) 1) Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB): Mit seinen in Tabelle 2.1 einschließlich ihrer Mitgliederstruktur aufgeführten 17 Einzelgewerkschaften, die zusammen beinahe 8 Millionen Mitglieder repräsentieren, ist der DGB der bei weitem größte und einflußreichste gewerkschaftliche Dachverband in der Bundesrepublik. Die Mitgliederverbände des DGB sind nach dem Prinzip der Industrieund Einheitsgewerkschaft aufgebaut. Gemäß dem Grundsatz "ein Betrieb -eine Gewerkschaft" organisieren sie gelernte und ungelernte Arbeiter, Angestellte und Beamte eines Industrieoder Dienstleistungsbereichs, unabhängig von deren Religion, Weltanschauung und (partei)politischer Orientierung.2l Entgegen der ursprünglichen Absicht, die allerdings schon am Widerstand der Besatzungsmächte scheiterte, ist der DGB selbst keine 1) Ausführlichere Übersichten über die bundesdeutsche Gewerkschaftsbewegung finden sich bei Bayer, Streeck & Treu (1981) sowie bei Jühe, Niedenhoff & Pege (1982). 2) Durchbrochen wird das Industrieprinzip lediglich im Bereich von Bildung und Wissenschaft, wo die GEW nur die Angestellten und Beamten organisiert, während die Arbeiter zum Bereich der ÖTV gehören; vgl. Tabelle 2.1.
Gewer1'.tich•ft IG Bau•Steine•Erden IG Bergbau und Energie IG Chemle•Papier-Keramik IG Druck und Papier Gew. der Eisenbahner Deutschlands Gew. Erziehung und WiHenach •fl Gew. Gartenbau, Land• u. Fontwtrtsehllft Gew. Handel, Banken und Versicherungen Gew. Holz und Kunststoff Gew. Kunst Gew. Leder IG Metall Gew. Nahrung - Genuss - Gastslitten Tabelle 2.1: Deutscher Gewerkschaftsbund Mitgliederstand am 31. Dezember 1986 -· ""9nt11te männlich weiblich Gesamt mAnnlich wol>lich Gesamt mtnnlich 422.175 23.133 445.308 32389 7.358 39.747 - 306.526 1.331 307 857 41.033 6.071 47.104 240 438.226 88.938 527 164 90.117 36.495 126.612 - 84981 23.084 108065 24515 10.804 35.319 - 152.446 14.170 166.616 8.491 6.071 14 562 160.089 -- - 21.119 29.959 51.078 70.456 31.739 5.476 37215 2.3U 670 2.984 2.610 33 119 16.578 49697 124.481 202.320 326.801 - 116342 16.743 133.085 7.217 2.652 9.869 - ---17.'433 10.701 28.134 - 25255 20.473 45.728 1.828 776 2.604 - 1913 725 289.284 2 203 009 297.983 97.331 395.314 - 148 465 63.594 212059 27 449 26500 53949 - Gew. Öffentl. Oien!lte, Transport und Verkehr 475 606 101 915 571521 281.659 253.868 535527 73 165 Gew. d•r Po11i•I 6 315 2.676 8991 8.624 8056 16.680 133 468 Deutsche PostgewerkschaN B5 670 56805 142 475 10532 28816 39348 221 840 Gew. Tu:lil - Bekleidung 92022 134.501 226523 17.070 12.376 29446 - DGBGHamt 4 332.612 858.701 5.191313 1.014.254 740.824 1.755.078 661.868 Quelle: DGB (1987) 83.5% 16,5% 100% 57,8% 42,2% 100% 80,9% 66,9% 22.6% -- Geuml ... _mt In -h Gesamt mlnnlich welbHch mlnnl. u. weibl. "' - - 454.56-4 30.491 485.055 6,2 - 240 347.799 7.402 355.201 4,6 --528.343 125.433 653776 8,4 - - 109.496 33888 143.384 1,8 10.141 170.230 321.026 30.382 351408 4,5 70.985 u, ..... , 91.575 100.944 192.519 2,5 56 2.666 36.663 6.202 42.865 0,6 --157.600 218.898 376.498 4,8 Cl) --123.559 19.395 142.954 1,8 --17.433 10.701 28.134 0,4 - - 27.083 21.249 48.332 0,6 -- 2.211708 386.615 2.598 323 33,5 - - 175.914 90.094 266.008 3,4 12.354 85519 830.430 368.137 1.198567 15 .• 3413 136.881 148.407 14.145 162.552 2,1 59 .• 89 281 329 318.042 145.110 463.152 6,0 --109.092 146.877 255.969 3,3 156.438 818.306 6.008.734 1.755.963 7.764.697 100 19,1'1b 100 ... 77.•<Mt 22,6% 100% 10.5%
9 Einheitsgewerkschaft auf gesamtwirtschaftlicher Ebene wie z.B. der österreichische Gewerkschaftsbund, sondern nur ein "Dachverband unabhängiger (Einheits-)Industrieverbände" (Bayer, Streeck & Treu, 1981, E-13), dessen Konkurrenzorganisationen im folgenden besprochen werden. 2) Die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG): Die DAG ist eine konfessionell und politisch ungebundene Einheitsgewerkschaft, die ausschließlich Angestellte organisiert und deren (Sonder-) Interessen vertritt. Obwohl die DAG mit ihren ungefähr 500.000 Mitgliedern deutlich weniger Angestellte repräsentiert als die DGB-Gewerkschaften (vgl. Tabelle 2.1), ist sie keineswegs eine unbedeutende Organisation. Dies zeigt sich unter anderem daran, daß in der Vergangenheit trotz aller Konkurrenz um Mitglieder auch Gewerkschaften des DGB des öfteren Tarifgemeinschaften mit der DAG bildeten und gemeinsame Tarifverträge abschlossen. Nachdem jedoch Mitte der siebziger Jahre Verhandlungen zwischen DGB und DAG über eine Fusion oder Eingliederung in den DGB an der Unvereinbarkeit der Organisationsprinzipien gescheitert waren, lösten die DGB-Gewerkschaften bestehende Tarifgemeinschaften auf, und es kam zu einer starken Entfremdung und Abgrenzung beider Organisationen. 3) Der Deutsche Beamtenbund (DBB): Der DBB setzt sich aus einer Vielzahl von teilweise regionalen oder berufsspezifischen Einzelbünden mit ungefähr 800.000 Mitgliedern zusammen. Diese Standesorganisation der Berufsbeamten konkurriert zwar mit der ÖTV und der DAG um Mitglieder, grenzt sich jedoch in ihrem Selbstverständnis von diesen Gewerkschaften deutlich ab. Zwar hat der DBB durch seine hohe Mitgliederzahl und seinen erfolgreichen Lobbyismus zweifellos erhebliches politisches Gewicht, doch ist er keine Gewerkschaft im Sinne des Tarifvertragsgesetzes (vgl. Kap.1), da die Arbeitsund Entlohnungsbedingungen von Beamten durch Gesetz geregelt und nicht von autonomen Tarifvertragsparteien ausgehandelt werden. Aufgrund dieser Charakteristika kommt auch Bergmann (1985, S.90) zu dem Schluß: "Die Ausrichtung auf die partikularen Interessen der Berufsbeamten und vor allem die dezidierte Ablehnung des Streiks als Kampfmittel weist daraufhin, daß der DBB in Selbstverständnis wie in der Praxis keine Gewerkschaft darstellt."
10 4) Der Christliche Gewerkschaftsbund (CGB): Der CGB nimmt für sich in Anspruch, die Tradition der christlichen Gewerkschaftsbewegung von vor 1933 fortzuführen, und geht damit bewußt in Opposition zum DGB, von dem er sich nicht nur in seinen Organisationsprinzipien unterscheidet. Er ist zwar auch ein Dachverband, doch in gesonderte Verbände für Arbeiter, Angestellte und Beamte gegliedert, die wiederum in berufsgewerkschaftliche Verbände untergliedert sind. Mit seiner relativ niedrigen Mitgliederzahl, die nach lückenhaften Angaben bei Jühe, Niedenhoff & Pege (1982) und im Statistischen Jahrbuch 1987 seit seiner Gründung im Jahre 1959 ungefähr zwischen 190.000 und 310.000 schwankt, und seinem geringen tarifund gesellschaftspolitischen Einfluß ist der CGB, von Ausnahmen in einzelnen Firmen oder Regionen abgesehen, als Gewerkschaft unbedeutend. 5) Die Union leitender Angestellter (ULA): Die ULA bildet einen lockeren Verbände-Verband, der ausschließlich die Interessen einer bestimmten, relativ kleinen Berufsgruppe vertritt. Dabei besitzt die Dachorganisation meist keinen überblick über die Mitgliederentwicklung, Finanzlage etc. ihrer Unterverbände und koordiniert deren Aktivitäten auch nicht. Zwar weist die ULA mit ihrer nur nach Angaben von Bayer, Streeck & Treu (1981) und Beyme (1977) zu schätzenden Mitgliederzahl von ungefähr 35.000 Mitte der siebziger Jahre im Rahmen dieser Studie, wie auch im Vergleich zu den um dieselbe Zielgruppe konkurrierenden Verbänden des DGB und der DAG, nur eine geringe quantitative Bedeutung auf. Dennoch sollte der in einem erfolgreichen Lobbyismus -z.B. bei den Beratungen zum Betriebsverfassungsund Mitbestimmungsgesetz - zum Ausdruck kommende politische Einfluß dieser Organisation nicht unterschätzt werden. 2.2. Gewerkschaftsdaten und ihre statistischen Probleme Tabelle 2.2 gibt einen überblick über die Mitgliederentwicklung der oben angesprochenen gewerkschaftlichen bzw. gewerkschaftsähnlichen Organisationen von 1950 (bzw. von ihrer Gründung) bis 1986, soweit diese ihre Mitgliederstärke überhaupt bekanntgeben. In Spalte (1) sind die vom Deutschen Gewerkschaftsbund (1987) veröffentlichten Jahresenddaten der Mitglieder-
11 Tabelle 2.2: Die gewerkschaftliche Mitgliederentwicklung, 1950-1986 Jahr DGB DGB* GdP DAG DBB DHV Gesamt ( 1 ) (2) (3) (4) (5) (6) (7) 1950 5.449.990 5.449.990 42.500 225.000 120.000 -- 5.837.490 1951 5.980.298 5.980.298 49.300 343.500 234.400 -- 6.607.498 1952 6.047.387 6.047.387 52.000 360.388 350.000 -- 6.809.775 1953 6.051.221 6.051.221 58.000 384.365 447. 105 20.153 6.960.844 1954 6.103.343 6.103.343 58.500 406.473 467.805 25.865 7 .061. 986 1955 6.104.872 6. 104.872 63.000 420.540 517.000 32.312 7.137.724 1956 6.124.547 6.124.547 66.500 431.483 545.000 44.529 7.212.059 1957 6.244.386 6.244.386 72.861 437.068 598.632 48.221 7.401.168 1958 6.331.735 6 .331. 735 76.612 438. 142 620.452 52.035 7.518.976 1959 6.273.741 6.273.741 79.530 440.011 634.169 53.485 7.480.936 1960 6.378.820 6.378.820 82.920 450.417 649.965 55.318 7.617.440 1961 6.382.396 6.382.396 87.119 461. 513 656.630 58. 163 7.645.821 1962 6.430.428 6.430.428 90.942 471. 902 669.442 60.132 7.722.846 1963 6.430.978 6.430 .. 978 95.363 479.457 680.742 61. 051 7. 747 .591 1964 6.485.471 6.485.471 100.275 475.415 692.179 61 .838 7.815.178 1965 6.574.491 6.574.491 102.108 475.561 703.137 62.653 7.917.950 1966 6.537.160 6.537 .160 106.187 477.982 710. 183 62.871 7.894.383 1967 6.407.733 6.407.733 109.835 481.286 724.763 62.897 7.786.514 1968 6.375.972 6.375.972 114.236 471. 147 717.569 62.474 7. 741.398 1969 6.482.390 6.482.390 114.678 467.796 718.914 61. 138 7.844.916 1970 6.712.547 6.712.547 120.000 461.291 720.974 60.132 8.074.944 1971 6.868.662 6.868.662 121.000 469.932 706.605 60.341 8.226.540 1972 6.985.548 6.985.548 123.000 468.880 713.208 60.116 8.350.752 1973 7.167.523 7.167.523 125.000 463.370 718.047 60.312 8.534.252 1974 7.405.760 7.405.760 130.000 472.035 720.480 60.228 8.788.503 1975 7.364.912 7.364.912 132.000 470.446 726.897 60.427 8.754.682 1976 7.400.021 7.400.021 137.181 471.840 803.747 60.720 8.873.509 1977 7.470.967 7.470.967 142.002 473.405 794.170 60. 972 8. 941.516 1978 7.751.523 7.599.037 152.486 481.628 800.671 61.174 9.094.996 1979 7.843.565 7.681.949 161.616 487.743 824.412 61.414 9.217.134 1980 7.882.527 7.716.627 165.900 494.874 821.012 62.758 9.261.171 1981 7.957.512 7.788.821 168.691 499.439 820.262 63.647 9.340.860 1982 7.849.003 7.679.911 169.092 501. 037 812.515 63.851 9.226.406 1983 7.745.913 7.578.341 167.572 497.346 801.417 63.958 9.108.634 1984 7.660.346 7.495.472 164.874 497.724 794.619 64.489 9.017.178 1985 7.719.468 7.555.878 163.590 500.922 796.254 64.837 9.081.481 1986 7.764.697 7.602.145 162.552 496.299 782.059 64.506 9. 107 .561 Quellen: siehe Anhang; eigene Berechnungen
12 statistik wiedergegeben. 1) Um Verzerrungen der DGB-Mitgliederentwicklung auszuschalten, die sich durch den 1978 erfolgten Beitritt der Gewerkschaft der Polizei (GdP) mit ihren rund 150.000 Mitgliedern als 17. Einzelgewerkschaft zum DGB ergeben, enthalten die Spalten (2) und (3) die Mitgliederentwicklung des DGB ohne die GdP (DGB*} sowie die Mitgliederzahlen der GdP. Diese, wie auch die Angaben für die Mitgliederentwicklung von DAG und DBB in den nächsten beiden Spalten, sind den im Anhang aufgeführten Datenquellen entnommen. Während für die ULA überhaupt keine Datenreihen erhältlich sind, was bei dem geringen zahlenmäßigen Umfang dieser Organisation nicht so sehr ins Gewicht fällt, meldet aus den Reihen des CGB nur der Deutsche Handelsund Industrieangestelltenverband (DHV) regelmäßig seine Mitgliederstärke dem Statistischen Bundesamt. Der DHV verbindet laut Bayer, Streeck & Treu (1981, E-16) ''in seiner Ideologie eine koriservativ-katholische Berufsauffassung mit einer entschlossenen Verteidigung des Sonderstatus der Angestellten" und ist mit über einem Fünftel aller Mitglieder der größte Einzelverband des CGB. Deshalb erscheint es vertretbar, ihn stellvertretend für den CGB in Tabelle 2.2 aufzunehmen. Könnte man jedoch die Mitgliederstärke des gesamten CGB sowie der ULA miteinbeziehen, so würde sich in Tabelle 2.2 die durch Addition der Spalten (2) bis (6) erhaltene Gesamtmitgliederzahl der Gewerkschaften um ungefähr 2-3% erhöhen und der überragende Anteil der DGBVerbände von über 85% im Jahre 1986 würde entsprechend fallen. Generell enthalten allerdings die veröffentlichten Mitgliederdaten eine Reihe von Fehlerquellen, die kaum eliminierbar sind und sich besonders bei der noch folgenden Berechnung von Organisationsgraden bemerkbar machen. So ermitteln z.B. die verschiedenen Gewerkschaften ihre Mitgliederzahlen mit unterschiedlichen Methoden und unterschiedlicher Genauigkeit sowie teilweise zu verschiedenen Jahreszeiten. ''Daß diese Fehler eher zu einer überals zu einer Untertreibung der Mitgliederzahlen führten, zeigte sich, als vor einigen Jahren bei manchen Gewerkschaften dazu übergegangen wurde, die 1) In den fünfziger Jahren war der Stichtag beim DGB - wie auch bei der DAG bis einschließlich 1978 und beim DBB bis heute -der 30.9. eines jeden Jahres; vgl. Jühe, Niedenhoff & Pege (1982, S.87,146,161), die ferner vermerken, daß die Mitgliederangaben von DGB und DAG seit 1950 das Bundesgebiet einschließlich West-Berlin und ab 1957 auch das Saarland umfassen.
19 2.4. Erklärungsansätze der gewerkschaftlichen Entwicklung Eine Untersuchung der Determinanten dieser beobachteten Entwicklung der gewerkschaftlichen Mitgliederzahlen und des Organisationsgrades erscheint aus verschiedenen Gründen erstrebenswert und von Nutzen: "Eine genauere Kenntnis der Bestimmungsgründe der gewerkschaftlichen Entwicklung ist allein deshalb schon von Interesse, weil die Mitgliederzahl eines der wichtigsten Merkmale der Gewerkschaftsmacht darstellt" (Brauckmann, 1972, S.3). Da aus der Größe bzw. Macht der Gewerkschaften überdies oft auf einen nicht unerheblichen Einfluß der Gewerkschaften auf ökonomische Variablen wie z.B. Löhne und Preise geschlossen wird, wäre es interessant zu wissen, von welchen Faktoren die gewerkschaftliche Mitgliederstärke beeinflußt wird. 1l Nicht nur für Ökonomen, sondern auch für Soziologen, Historiker und Politiker dürfte deshalb jeder Erklärungsansatz von Interesse und Nutzen sein, der die gewerkschaftliche Entwicklung allgemein sowie die oben knapp umrissene Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland zufriedenstellend zu erklären und vielleicht sogar vorherzusagen vermag. Selbst bei weitgehender Beschränkung auf die deutsche Literatur stößt man auf eine Vielzahl teils widersprüchlicher Erklärungshypothesen vorwiegend soziologisch-psychologischer, politischer und ökonomischer Art, die im folgenden kurz dargestellt werden und -soweit möglich -als Grundlage für das im nächsten Kapitel entwickelte ökonometrische Modell dienen sollen. 2.4.1. Allgemeine Erklärungsansätze Zum Bereich der eher allgemein gehaltenen Erklärungsansätze2l gehören die 1) Dies war auch der Grund für Hicks'(1932, Kap.8) frühe ökonomische Untersuchung der britischen Gewerkschaftsentwicklung und ein Hauptgrund für die grundlegende ökonometrische Studie von Ashenfelter & Pencavel (1969) für die USA. Der Zusammenhang zwischen den Entwicklungen der Mitgliederstärke, der Löhne und der Preise wird besonders von Hines (1964) problematisiert und in den folgenden Kapiteln näher erörtert und untersucht. 2) Zu diesen können auch die sogenannten "klassischen" Theorien zur Gewerkschaftsentwicklung gerechnet werden, die von Brauckmann (1972) erörtert werden. Dieser unterscheidet in Revolutionstheorien (Marx), psychologische Theorien (Hoxie) und ökonomische Theorien (Webb, Tannenbaum, Perlman, Commons sowie Slichter), um schließlich nach einer theoretischen und empirischen Analyse die "konjunkturelle" Hypothese für die Bundesrepublik zu unterstützen; letztere wird in Abschnitt 2.4.3. dargestellt.
20 häufig zitierten Theorien der gewerkschaftlichen Entwicklung von Briefs (1965) und Eickhof (1973a) sowie die Überlegungen von Hauff (1979) und Beyme (1977). In seiner historisch ausgerichteten ''dynamischen Gewerkschaftstheorie" bezeichnet Briefs (1965) die unter den Bedingungen des Laissez-faire-Kapitalismus entstandenen Gewerkschaften als "klassische Gewerkschaften" und betrachtet sie (S.548) als "abhängige Variable im marktwirtschaftlichen Prozeß". Dem stellt er den Typus der unter den veränderten wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen des 20. Jahrhunderts entstandenen "befestigten Gewerkschaft" gegenüber. Deren Ausbildung gehe einher mit der öffentlichen Anerkennung der Gewerkschaften, der Institutionalisierung stabiler kollektiver Arbeitsbeziehungen, wachsender Störungsmacht und wirtschaftspolitischem Einfluß der Gewerkschaften sowie dem Aufbau einer bürokratischen, oligarchischen Großorganisation, und diese sei deshalb eine ''relativ unabhängige Variable im Wirtschaftsund Sozialprozeß" (Briefs, 1965, S.554). Eickhof (1973a) wendet die von Olson (1968) umfassend dargestellt~ ökonomische Logik des kollektiven Handelns auf die Gewerkschaften an und führt damit deren Entwicklung auf rationale Kosten-Nutzen-Betrachtungen der Arbeitnehmer zurück. Aufbauend auf Briefs (1965) unterscheidet er eine Phase der instabilen Gewerkschaften, die sich infolge prekärer Beschäftigungsund Existenzbedingungen und der Möglichkeit sowie der Einsicht in die Zweckmäßigkeit gewerkschaftlicher Organisierung bildeten, und eine Phase der stabilen und schließlich befestigten Gewerkschaften. Letztere seien wiederum durch öffentliche Anerkennung und Einbeziehung gekennzeichnet, doch seien für ihre Stabilisierung angesichts des Kollektivgutcharakters ihrer Leistungen auch selektive Anreize zum Ausgleich der privaten Kosten der Gewerkschaftszugehörigkeit erforderlich. Im Gegensatz zu Briefs (1965) wendet Eickhof (1973b) seine Theorie auch auf die gewerkschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland an, die er (S.178) als "Phase der stabilen, aber stagnierenden Verbände" bezeichnet. Eickhof (1973b, S.181) resümiert: "Trotz reduzierter Kosten der Organisationsmitgliedschaft haben die Gewerkschaften in ihrer jüngsten Entwicklungsphase also deshalb auf eine weiter anhaltende Zunahme ihres Organisationsgrades verzichten müssen, weil es ihnen nicht gelungen ist, selektive Anreize zur Verbandszugehörigkeit im alten Ausmaß auf die Arbeitnehmer auszuüben. Dagegen haben
21 sie es verstanden, im laufe der Zeit immer mehr öffentliche Güter herzustellen". Auch Hauff (1979, S.31) betont die Bedeutung von "intraorganisatorischen Determinanten" des Organisationsgrades wie z.B. eines selektiven gewerkschaftlichen Anreizsystems mit besserer Berücksichtigung der Mitgliederinteressen sowie eines -nicht ausreichend vorhandenen - engen Kontakts zwischen Gewerkschaftsfunktionären und Mitgliedern. Daneben hätten jedoch auch "organisationsexterne Determinanten" wie die Entwicklung der Wirtschaft und der Unternehmensstrukturen sowie der Wandel in der Beschäftigungsstruktur (vor allem "die Entwicklung der abhängig erwerbstätigen Frauen und der ausländischen Arbeitnehmer") einen nicht unerheblichen Einfluß auf den Organisationsgrad. Beyme (1977) schließlich nennt als mögliche Determinanten des Organisationsgrades das Klassenbewußtsein, die Erwerbsstruktur, die Konjunkturlage, die Kontinuität, Zentralisation und weltanschauliche Geschlossenheit von Gewerkschaften, die staatliche Lohnpolitik sowie den Grad der organisatorischen Verflechtung von Parteien und Gewerkschaften, bezieht sich dabei aber nicht speziell auf die Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland. 2.4.2. Hypothesen zur Gewerkschaftsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland Im Gegensatz zu den bisher erwähnten Ansätzen gehen die folgenden Erklärungsversuche gezielt auf die beobachtete Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland, und hier besonders beim DGB, sowie auf die auffällige Trendwende um 1970 ein. Nach Ansicht von Kleinhenz (1981, S.665) "sind vor allem die Veränderungen der Beschäftigungsstruktur zugunsten der Angestellten und die Zunahme von zunächst nicht auf lebenslange Dauer angelegten Beschäftigungsverhältnissen (Gastarbeiter, Frauen) zu berücksichtigen. Diese Veränderungen der Beschäftigungsstruktur dürften entscheidend den Rückgang des Organisationsgrades in der Bundesrepublik Deutschland von Anfang der fünfziger Jahre bis Ende der sechziger Jahre bestimmt haben". Die Umkehrung dieses Trends führt Kleinhenz - wie auch Brandt, Jacobi & Müller-Jentsch (1982) - dann vor allem auf die Erhöhung der gruppenspezifischen Organisationsgrade bei
22 den Angestellten und den Frauen 1) zurück, ohne dies näher zu untersuchen. Treu (1978) und Streeck (1979, 1981) machen für diese Trendwende zunehmende gesellschaftliche Anerkennung, verbesserte betriebliche Zugangsmöglichkeiten sowie organisatorische Reformen der Gewerkschaften verantwortlich. In Erweiterung der erstmals von Bain (1970) zur Deutung der britischen Angestelltenorganisierung entwickelten These, daß soziale Anerkennung der Gewerkschaften durch Staat und Unternehmer die Organisationsbereitschaft der Arbeitnehmer erhöhe, kommt Treu (1978) zu dem Schluß, daß sich durch die Regierungsbeteiligung der SPD die Rekrutierungsmöglichkeiten der Gewerkschaften deutlich verbesserten. Auch Streeck (1979, 1981) sieht in dem Regierungswechsel von 1969 einen entscheidenden Faktor, da durch die führende Rolle der SPD und die Mitgliedschaft von Gewerkschaftsführern wie Leber und Arendt in der Regierung sich eine deutlich erkennbare Aufwertung und öffentliche Anerkennung der Gewerkschaften ergeben habe. Dies habe z.B. bei bestimmten Angestelltengruppen Hemmungen gegen einen Gewerkschaftsbeitritt abgebaut und bei den Arbeitgebern Widerstände gegen die Organisierung ihrer Belegschaften verringert. überdies institutionalisierte das novellierte Betriebsverfassungsgesetz von 1972 den Zugang der Gewerkschaften zum Betrieb sowie die Verbindungen zu den mit erweiterten Mitspracherechten ausgestatteten Betriebsräten, was die Rekrutierungschancen ebenfalls erhöhte. Wie auch Himmelmann (1977) unterstreicht Streeck (1979, 1981) ferner die Bedeutung organisatorischer Maßnahmen wie z.B. administrative Rationalisierung, Beitragskassierung durch EDV, Aufbau betrieblicher Vertrauenskörper und Reform des Unterstützungswesens, die von den Gewerkschaften seit Mitte der sechziger Jahre zur Straffung ihrer Organisation ergriffen wurden. Weitere mögliche Einflußgrößen auf den Organisationsgrad sind laut Streeck (1979) die Betriebsgrößenstruktur, die Inflationsrate und die Beschäftigungsentwicklung. 1) Die Entwicklung bei den weiblichen Gewerkschaftsmitgliedern wird vom Institut für angewandte Sozialwissenschaft (1986) näher beschrieben und analysiert. Dieses stellt für die Phase ab 1970 fest (S.46): "Innerhalb von 15 Jahren erhöhte sich der Frauenanteil an der Gesamtmitgliedschaft um nicht weniger als 6,3 Prozentpunkte. Der Anstieg der Mitgliederzahlen ist somit in erster Linie durch die höhere Organisierung der weiblichen Mitglieder bedingt".
23 Demgegenüber betonen Herkommer et al. (1979) und Hagelstange (1979) die entscheidende Rolle des gewerkschaftlichen Bewußtseinswandels der Arbeitnehmer. Herkommer et al. (1979, S.710) argumentieren wie folgt: "Ohne die Bedeutung organisatorischer Reformen leugnen zu wollen, sind wir - ganz im Gegensatz zu Streeck -der Meinung, daß sich in den Trends der Mitgliederentwicklung keine bloß formell-organisatorischen Veränderungen niederschlagen, sondern die Entwicklung des gesellschaftlichen Bewußtseins der Lohnabhängigen ihren Ausdruck findet .... Diese Bewußtseinsveränderungen, so lautet unsere weitergehende These, sind nur zu verstehen vor dem Hintergrund der Stellung der Lohnabhängigen in der ökonomischen Entwicklung, was ja nicht ausschließen soll, daß sowohl 'politische Rahmenbedingungen' als auch innerorganisatorische Rationalisierung und Anwendung fortgeschrittener Datentechnologie rückwirkende bzw. modifizierende Effekte auf den Organisationsgrad -als Ausdruck gewerkschaftlichen Bewußtseins -haben." Deshalb steht für sie fest (S.711f.): "Das Fallen des gewerkschaftlichen Organisationsgrades bis zum Ende der 60er Jahre und sein anschließendes kontinuierliches Steigen folgt Veränderungen im gesellschaftlichen Bewußtsein von Lohnabhängigen, die sich direkt an ihrer Einstellung zu den Gewerkschaften ablesen lassen." Hagelstange (1979) betrachtet diese Veränderungen vor dem Hintergrund des Konjunkturverlaufs und kommt zu folgendem Schluß (S.327f.): "Die Entwicklung der absoluten Zahlen der DGB-Mitglieder zeigt eine direkte Abhängigkeit vom ökonomischen Zyklus ••.• Wenn der Organisationsgrad im DGB als Ausdruck für die Verbreitung eines bestimmten, nämlich gewerkschaftlich orientierten Bewußtseins in der Lohnarbeiterschaft der BRD gelten kann, dann läßt sich resümieren, daß geringfügige zyklisch bedingte Schwankungen existieren." Ein weiterer Grund für die beobachtete Trendwende könnte in dem ab den siebziger Jahren deutlich höheren Konfliktniveau (vgl. Kapitel 7) und in der später folgenden Wirtschaftskrise gesehen werden, worauf neben Streeck (1979) und Brandt, Jacobi & Müller-Jentsch (1982) auch Bergmann (1985, S. 104f.) hinweist: "Schon aus ökonomischem Selbstinteresse (Streikunterstützung) mußte der Gewerkschaftsbeitritt für Nichtmitglieder rational sein. überdies waren die lohnund tarifpolitischen Erfolge in den Jahren bis 1975 nicht gering. Unter den Krisenbedingungen nach 1975 waren es demgegenüber Erwartungen des gewerkschaftlichen Schutzes, die den anhaltenden Zu-
24 wachs an Mitgliedern erklären. Zum einen hatten die Gewerkschaften die Sicherung des Reallohnes, der Arbeitsplätze und des sozialen Besitzstandes zu ihren primären Zielen erklärt und dafür auch mehrere Streiks geführt. Zum anderen dürfte die Rolle der Betriebsräte bei Umsetzungen, Entlassungen und beim Aushandeln von Sozialplänen einen nachhaltigen Werbeeffekt ausgeübt haben: mit der Gewerkschaftsmitgliedschaft verknüpfte sich bei vielen Mitgliedern die Hoffnung auf sichere Arbeitsplätze oder doch günstigere Abfindungen. Wie der Mitgliederrückgang seit 1982 anzeigt, sind solche Rekrutierungsmechanismen angesichts der anhaltenden Krise jedoch von begrenzter Wirkung." In den bisher angeführten Erklärungsansätzen kaum berücksichtigt wird der Rückgang der Mitgliederzahlen und des Organisationsgrades im Verlauf der achtziger Jahre, bei dem es schwerfallen dürfte, ihn nur auf Bewußtseinswandel der Lohnabhängigen oder auf (negative) organisatorische Veränderungen zurückzuführen, während das Argument veränderter politischer Rahmenbedingungen im Zeichen der konservativen "Wende" noch relevant sein könnte. Hemmer (1985, S.1O1) beschreibt diese Entwicklung wie folgt: "Die Umstrukturierung der industriellen Produktion und der Industriegesellschaft hin zu 'nachindustriellen' Formen geht offensichtlich mit einer Schwächephase der Gewerkschaften einher, die sowohl ihre innere Lage als auch ihre traditionellen Handlungsund Durchsetzungsmöglichkeiten betrifft". Als Rezept zur Überwindung dieser Strukturkrise schlägt Hemmer (1985, S.1O4) folgendes vor: "In einer Zeit, in der Mitgliederverluste, insbesondere aufgrund der Arbeitslosigkeit, zu verzeichnen sind, gilt es, die Stamm-Mitgliedschaft der Arbeiter zu sichern, gleichzeitig Angestellte, Beamte, Frauen und Jugendliche in großer Zahl hinzuzugewinnen". Ähnliches empfiehlt Müller-Jentsch (1987, S.173) den Gewerkschaften: "Das Potential der 'geborenen Gewerkschafter' wird weiter schrumpfen, so daß sie -auf der einen Seite - Gruppen mit starker Arbeitsmarktposition (Facharbeiter neuen Typus, Ingenieure, Techniker etc.) und - auf der anderen Seite - Gruppen mit schwacher Arbeitsmarktposition (Randarbeitnehmer) von der Notwendigkeit bzw. Nützlichkeit gewerkschaftlicher Mitgliedschaft überzeugen müssen". Wie Müller-Jentsch (1987) weist auch Heinze (1984, S.1O3) auf den deutlichen "Distanzierungsprozeß" der Jugendlichen hin und deutet ihn als "Anzeichen für eine generelle Orientierungskrise im Arbeiterbewußt-
25 sein". 1) Primär verantwortlich für die Mitgliederverluste und die "Organisationskrise" seien die wachsende Zahl von Arbeitsplatzvernichtungen durch Rationalisierungen und Unternehmenszusammenbrüche, wobei sich die Gewerkschaften allerdings bislang zu wenig um die Arbeitslosen gekümmert hätten. Heinze (1984, S.103) kommt zu folgender Prognose: "Der Schrumpfungsprozeß der Gewerkschaften dürfte in den nächsten Jahren schon aufgrund der Krise auf dem Arbeitsmarkt weiter andauern. Allerdings wird er wohl nicht dieselben Ausmaße annehmen wie in Großbritannien, wo allein von 1979 bis 1982 die Gewerkschaften fast 2 Millionen Mitglieder verloren haben •.. ". 2.4.3. Die "konjunkturelle" Hypothese und ihre internationale empirische Oberprüfung Neben den bisher erwähnten, vorwiegend soziologisch-psychologisch oder politisch ausgerichteten Erklärungshypothesen zur gewerkschaftlichen Mitgliederentwicklung gibt es auch einen wichtigen ökonomischen Ansatz, den man kurz als "konjunkturelle" Hypothese bezeichnen kann. Diese These besagt, daß die gewerkschaftliche Mitgliederentwicklung in hohem Maße vom Konjunkturverlauf abhängig ist. 2) Dabei wird im allgemeinen von dem folgenden Kausalzusarrrnenhang ausgegangen: Wenn bei gesamtwirtschaftlichem Nachfrageüberschuß und Vollbeschäftigung das Preisniveau steigt, dann führen die erhöhten Lebenshaltungskosten zu höheren Lohnforderungen der Arbeitnehmer, die sich gewerkschaftlich organisieren, um ihren Lebensstandard zu verteidigen. Die Arbeitgeber können sich der zunehmenden Organisierung und den Lohnforderungen kaum widersetzen, da in Zeiten eines Nachfrageüberschusses auch für Arbeit ihre Verhandlungsmacht geschmälert ist und da sie die zusätzlichen Kosten relativ leicht überwälzen können. Anders ausgedrückt, steigende Preise erhöhen durch einen 1) Für den DGB und dessen Landesbezirke zeigt Löhrlein (1985), daß sich durch die ungünstigere Altersstruktur der Gewerkschaftsmitgliederschaft im Vergleich zu allen Beschäftigten beträchtliche "Organisationslücken" ergeben und daß der Organisationsgrad bei den Jugendlichen im Jahr 1983 um durchschnittlich fast 14 Prozentpunkte unter dem allgemeinen Organisationsgrad lag. 2) Ausführliche Darstellungen dieser These, ihrer Hintergründe und ihrer Entwicklung in der Literatur finden sich bei Brauckmann (1972), Bain & Elsheikh (1976) und Booth (1983).
26 "threat effect" und steigende Nominallöhne durch einen "credit effect" (Bain & Elsheikh, 1976, S.64) die Organisationsbereitschaft der abhängig Beschäftigten, während in einer Depression, bei einem Überangebot an Arbeit und Gütern, wachsendem Widerstand der Arbeitgeber sowie fallenden Preisen und Löhnen, das Gegenteil der Fall ist. Diese These eines positiven Kausalzusammenhanges zwischen Konjunkturverlauf einerseits, der durch makroökonomische Größen wie Preise, Löhne, Arbeitslosenrate etc. ausgedrückt werden kann, und der Entwicklung der gewerkschaftlichen Mitgliederzahlen bzw. des Organisationsgrades andererseits, ist - ganz im Gegensatz zu den meisten politischen, soziologischen und psychologischen Erklärungshypothesen -einer empirischen Überprüfung zugänglich, wie sie vor allem im angelsächsischen Raum unter Verwendung statistisch-ökonometrischer Methoden schon häufig erfolgte. Wenn auch bereits Hines (1964) im Rahmen seiner in Kapitel 4 diskutierten empirischen Studie über gewerkschaftliche Militanz und Lohninflation in Großbritannien Veränderungen des Organisationsgrades in statistisch signifikanter Abhängigkeit vom Organisationsniveau der Vorperiode, von der Inflationsrate und von der Höhe der Gewinne ausdrückt, so gehen doch die meisten ökonometrischen Studien auf die grundlegende Arbeit von Ashenfelter & Pencavel (1969) sowie auf die breiter angelegte Analyse von Bain & Elsheikh (1976) zurück. Ashenfelter & Pencavel (1969), im folgenden kurz A & P genannt, untersuchen das gewerkschaftliche Mitgliederwachstum in den USA für den Zeitraum von 1900 bis 1960, wobei sie aus statistisch-methodischen Gründen statt des Organisationsgrades als abhängige Variable ihrer multiplen Regressionsanalyse die jährliche prozentuale Änderung der Mitgliederzahlen (~Tt) wählen. 1) Nach A & P (1969) hängt die Entscheidung, einer Gewerkschaft beizutreten, von den erwarteten Nutzen (höhere Löhne, größere Arbeitsplatzsicherheit, bessere Arbeitsbedingungen) und Kosten (Organisationskosten, Arbeitgeber1) Eine Erörterung dieser statistisch-methodischen Fragen sowie die Wahl derselben abhängigen Variablen für eine ökonometrische Untersuchung der bundesdeutschen Gewerkschaftsentwicklung erfolgt im nächsten Kapitel. Um eine konsistente Verwendung von Symbolen (wie T, 0 etc.) sowohl zwischen als auch innerhalb von Kapiteln zu ermöglichen, werden bei der Präsentation anderer Studien die dort verwendeten Symbole nötigenfalls durch die im Rahmen dieser Arbeit durchgehend verwendeten und im Anhang verzeichneten Symbole ersetzt.
27 pressionen) ab, was sich in der Verwendung der prozentualen Preisänderungsrate (6Pt) und der (verzögerten) prozentualen Veränderung der Beschäftigung (6Bt .) als erklärenden Variablen widerspiegeln soll. Da Ge- -1 werkschaften auch Träger des Arbeitnehmerprotestes sind, berücksichtigen A & P (1969) als weitere Erklärungsvariable die Unzufriedenheit der Arbeitnehmer, deren Ausmaß als Stufenfunktion der größten Höhe der Arbeitslosigkeit in der jeweils vorausgegangenen Depression (Upt' t-e) ausgedrückt wird. Eine weitere Determinante des Gewerkschaftswachstums sei der bereits in der Vorperiode erreichte Organisationsgrad (Ot_ 1), der durch einen Sättigungseffekt eine weitere Ausdehnung der Gewerkschaft erschwere. Schließlich berücksichtigen A & P (1969) noch als nichtökonomische Einflußgröße das politische Klima, das durch den Anteil der (eher gewerkschaftsfreundlichen) demokratischen Abgeordneten im Repräsentantenhaus (Dt) dargestellt wird. Damit spezifizieren A & P (1969) die folgende Gleichung: 6\ = b0 + b1 6Pt + ~ b2;6Bt-i + b,g(Upt' t-e) + b40t_ 1 + b,Dt + et (2.1) Dabei stellt t den jeweiligen Zeitraum und et eine zufallsverteilte Störgröße mit den für Kleinstquadratschätzungen üblichen Eigenschaften dar, und es wird davon ausgegangen, daß b1, b,;, b3, b, > 0 und b4 < 0. Obwohl sich A & P's Hypothesen bestätigen ließen und ihr Modell, gemessen an üblichen statistischen Kriterien, das amerikanische Gewerkschaftswachstum von 1900-1960 gut erklärt 1 ), wurde es von mehreren Seiten wegen mangelnder Vorhersagefähigkeit, struktureller Instabilität sowie der Verwendung und Bedeutung einzelner Variablen kritisiert. 2) Zu diesen Kritikern gehören auch Bain & Elsheikh (1976), im folgenden kurz B & E genannt, die ein alternatives Modell der Form 6T = f(6P, 6W, U, 0, e) postulieren und es für Großbritannien, die USA, Schweden und Australien ökonometrisch schätzen. Zwar unterscheiden sich die einzelnen Spezifika1) Deshalb diente das A&P-Modell auch als Grundlage für die Arbeiten von Sharpe (1971) für Australien und von Brauckmann (1972) für die Bundesrepublik Deutschland. 2) Beispiele für solche Kritik sind Mancke (1971), Moore & Pearce (1976), Elsheikh & Bain (1978) sowie Sheflin, Troy & Koeller (1981).
28 tionen je nach Land und gewählter Lag-Struktur, doch sehen B & E (1976) allgemein die prozentuale Mitgliederänderung (6T) in Abhängigkeit von prozentualen Veränderungen der Preise (6P) und der Nominallöhne (6W), von der Höhe und/oder der Veränderung der Arbeitslosenrate U und vom Organisationsgrad der Vorperiode 0, wobei e eine zufallsverteilte Störgröße mit den üblichen Eigenschaften darstellt. Dabei reflektieren, wie bereits oben angesprochen, 6P und 6W einen "threat effect" und einen "credit effect", während Arbeitslosigkeit und bestehender Organisationsgrad jeweils verschiedene Auswirkungen auf gewerkschaftliche Mitgliederbewegungen haben können. Obwohl die Schätzergebnisse für alle vier untersuchten Länder ihre theoretischen Überlegungen bestätigen, stoßen B & E (1976) auf ähnliche Kritik wie A & P (1969), d.h. die Auswahl ihrer Variablen, ihre Spezifikationen sowie die Stabilität und Vorhersagekraft ihres Modells werden angezweifelt und ihre Vernachlässigung des Simultanitätsproblems (z.B. zwischen 6T, 6W und 6P) wird bemängelt. l) Neben den dominierenden Modellen von A & P (1969) und B & E (1976) gibt es noch eine Vielzahl anderer Arbeiten, die zum Teil auch Querschnittsdaten sowie völlig unterschiedliche abhängige und erklärende Variablen benutzen. In ihrem überblick über solche Studien für die USA erwähnen Fiorito & Greer (1982) als mögliche (vorwiegend positiv bzw. negativ korrelierte) Determinanten der Entwicklung der Mitgliederzahlen und des Organisationsgrades unter anderem Veränderungen der Preise (+), der Nominallöhne(+), der Beschäftigung(+) und der Arbeitslosenrate(+/-), den bestehenden Organisationsgrad(-), ein vorteilhaftes politisches Klima(+) sowie die Stärke der vorangegangenen Rezession (+). Neben diesen in Längsschnittanalysen signifikanten Bestimmungsgrößen weisen die von Fiorito & Greer (1982) sowie Hirsch & Addison (1986, Kap.3) betrachteten Querschnittsanalysen noch auf die Bedeutung der in einem Industriezweig bestehenden Konzentrationsrate (+), der staatlichen Gesetzgebung sowie bevölkerungsspezifischer Einflußfaktoren wie Alter(+/-), Geschlecht (m+) und Bildung (-) hin. Fernerbestätigen Neumann & Rissman (1984) in einer Längsund Querschnittsanalyse 1) Vgl. Richardson (1977), Pedersen (1978), Sheflin, Troy & Koeller (1981), Fiorito (1982) sowie Carruth & Disney (1988); allerdings kommt Booth (1983) trotz unterschiedlicher Spezifikation ihres Modells für britische Daten zu ähnlichen Ergebnissen wie B & E (1976).
35 mer einen "prosperity effect" widerspiegeln. l) 2) Steigende Nominallöhne (ÄW) werden von den Arbeitnehmern -berechtigteroder unberechtigterweise - den Gewerkschaften als deren Verdienstzugerechnet und wirken sich damit positiv auf deren Ansehen und Mitgliederstärke aus. B & E (1976) prägten dafür den Begriff "credit effect", doch ist eine solche Argumentation auch in den Arbeiten von Friedman (1951), Hines (1964), Haberler (1972) und Streissler (1979) zu finden und überdies mit von Nickel (1974, S.82,154) veröffentlichten Umfrageergebnissen des DGB sowie mit Korrelationsrechnungen von Moore (1981) vereinbar.2) Darüber hinaus läßt auch die von Pencavel (1971) vertretene Interpretation der gewerkschaftlichen Organisierung als eines normalen Gutes einen positiven Einfluß der Lohnund Einkommensentwicklung auf die Mitgliederstärke erwarten. 3) Arbeitslosigkeit bzw. die Arbeitslosenrate U kann in verschiedener Weise die gewerkschaftliche Mitgliedschaft beeinflussen. Einerseits führt eine hohe oder steigende Arbeitslosenrate zu einer Verbesserung der Position der Arbeitgeber auf dem Arbeitsmarkt und damit zu erhöhtem Widerstand gegen gewerkschaftliche Organisierungsbemühungen, Lohnforderungen etc. Sie vermindert damit etwaige Vorteile einer gewerkschaftlichen Mitgliedschaft sowohl für beschäftigte Arbeitnehmer, die oft mit geringeren Lohnerhöhungen zufrieden sein und wegen ihrer Mitgliedschaft mit beruflichen Nachteilen bis hin zum Arbeitsplatzverlust 1) Vgl. B & E (1976, S.62f.), Burkitt & Bowers (1978) sowie Brauckmannn (1972, S.84f.). 2) Dieser Zurechnungseffekt mag zwar mit dem Droheffekt verwandt sein, doch erscheint es aus methodischen Gründen besser, beide Effekte durch die Verwendung sowohl von ÄP als auch ÄW getrennt zu berücksichtigen und sie nicht als Reallohnveränderung in einen Topf zu werfen. Nur falls sich bei der empirischen Überprüfung die Effekte von ÄP und ÄW als betragsmäßig gleich erweisen sollten und ein entsprechender statistischer Test einer solchen Restriktion nicht widerspricht, sollte deshalb die Reallohnveränderung Ä(W/P) als erklärende Variable benutzt werden. Aus ähnlichen Gründen erscheint auch die Nichtberücksichtigung von ÄW durch A & P (1969) äußerst bedenklich, da ÄP allein sicher nicht als Proxy für die Veränderung der realen Löhne gesehen werden kann und da sich durch diese Nichtberücksichtigung einer eventuell relevanten Variablen ein Spezifikationsfehler mit Verzerrung und Inkonsistenz der Schätzkoeffizienten ergeben kann; vgl. B & E (1976, S.63ff.).
36 rechnen müssen, als auch für arbeitslose Arbeitnehmer, für die eine Mitgliedschaft vorwiegend mit Kosten und mit Problemen bei der Arbeitsplatzsuche verbunden ist. All dies läßt auf einen auch von Heinze (1984) und Hemmer (1985) vermuteten negativen Zusammenhang zwischen U und ßT schließen. Andererseits bieten in der Bundesrepublik Deutschland die Gewerkschaften zwar keine Arbeitslosenunterstützung, aber doch andere selektive Dienste wie Rechtsvertretung, persönliche Beratung, Vergünstigungen aufgrund langjähriger Mitgliedschaft, Clubs (z.B. ACE) und Versicherungen, verbilligter Eintritt zu kulturellen Veranstaltungen sowie die Möglichkeit einer Beitragsermäßigung, die trotz Arbeitslosigkeit eine gewerkschaftliche Mitgliedschaft vorteilhaft erscheinen lassen. Neben diesen ökonomischen Gründen gibt es auch noch offensichtliche soziale, psychologische und politische Gründe für die Beibehaltung oder nur zögernde Aufgabe der Mitgliedschaft wie z.B. Klassenbewußtsein, persönliche Bindungen, Tradition und Unterstützung der politischen Forderungen der Gewerkschaften. Aufgrund einer ähnlichen Abwägung unterschiedlicher Einflüsse kommen auch B & E (1976, S.66) zu dem Schluß, "that union growth and unemployment will be negatively related, but that the relationship is likely to be relatively weak and tobe characterized by a lag". Der entscheidende Einfluß geht dabei nach Ansicht von Stepina & Fiorito (1986, S.251) nicht von der Veränderung, sondern von der Höhe der Arbeitslosenrate aus: "Theoretically, the use of the unemployment level appears tobe appropriate. lt is the level of unemployment that makes workers hesitant to unionize". l) 1) Interessanterweise beziehen A & P (1969), und damit auch Brauckmann (1972), Arbeitslosigkeit als solche gar nicht in ihr Modell ein. Sie benutzen eine Stufenfunktion der höchsten Arbeitslosigkeit in der letzten Depression (UP) vielmehr als Ausdruck der Arbeitnehmerunzufriedenheit. Auf eine solche Verwendung der Arbeitslosenrate als soziopolitischer Variable soll hier verzichtet werden, nicht nur weil ihre Ergebnisse in verschiedenen Studien laut Fiorito & Greer (1982) nicht eindeutig ausfallen, sondern auch weil ihre Verwendung ad-hoc-Annahmen (z.B.über Konjunkturtiefs) mit sich bringt und theoretisch weit weniger gesichert erscheint als die der oben diskutierten normalen Arbeitslosenrate. So meinen aui;h B & E (1976, S.40): "In short, as specified by Ashenfelter and Pencavel, U is simply a rag bag which may contain everything or nothing. As such, its effect is extremely difficult to interpret".
37 4) Gestützt auf Kaldor (1959, S.293f.) wird gelegentlich argumentiert, Gewinne seien, besser noch als Preise, ein guter Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung und sollten deshalb als Ausdruck der "prosperity of industry" in ein konjunkturelles Erklärungsmodell gewerkschaftlicher Mitgliederschwankungen aufgenommen werden. Dies vermögen Burkitt & Bowers (1978) sowie - bei einer Modifizierung ihres eigenen B&E-Grundmodells -Elsheikh & Bain (1979) für britische und Sapsford (1986) für irische Daten zu bestätigen, doch finden Hines (1964) nur einen unbedeutenden und A & P (1969) überhaupt keinen signifikanten Erklärungswert der Gewinne. Obwohl die in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ausgewiesenen Daten für das Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen Gewinne nur unzulänglich widerzuspiegeln vermögen, soll mit ihnen die Möglichkeit eines positiven Erklärungszusammenhanges zwischen prozentualen Veränderungen der realen Gewinne (6RG) und der gewerkschaftlichen Mitgliederentwicklung überprüft werden. 5) Betrachten die Arbeitnehmer den Beitritt zu bzw. Austritt aus einer Gewerkschaft vorwiegend als einen z.B. mit einer Kapitalanlage vergleichbaren wirtschaftlichen Akt, so dürfte bei ihrer Abwägung von Kosten und Nutzen der Preis gewerkschaftlicher Leistungen, d.h. der Mitgliedsbeitrag, eine wichtige Rolle spielen. Dieser von Pencavel (1971) postulierte und mit britischen Daten empirisch bestätigte negative Zusammenhang zwischen Beitragshöhe und gewerkschaftlicher Mitgliederentwicklung kann für die Bundesrepublik Deutschland mangels besserer Daten nur durch die Verwendung der prozentualen Veränderungsrate der durchschnittlichen realen Beitragseinnahmen des DGB pro Kopf und Monat (6RB) zu überprüfen versucht werden. 6) Je höher der schon bestehende Organisationsgrad Ot-l ist, desto geringer dürften die weiteren Organisierungserfolge der Gewerkschaften ausfallen, da diese mehr und mehr auf solche Arbeitnehmer treffen, die den Gewerkschaften fern stehen oder lieber als "free rider" von den in der Bundesrepublik Deutschland allen Arbeitnehmern zugute kommenden Tarifvereinbarungen der Gewerkschaften profitieren. Wie A & P (1969) ist daher auch Brauckmann (1972, S.95) der Meinung, "daß die Organisationsmöglichkeiten mit wachsendem Organisationsgrad zurückgehen". Neben diesem Sättigungseffekt gibt es, vor allem bei einem relativ nie-
38 deren Organisationsgrad wie in der Bundesrepublik, allerdings auch noch die Möglichkeit eines Selbstverstärkungseffekts aufgrund der Vorteile und Wirkungen einer wachsenden gewerkschaftlichen Organisierung, worauf auch B & E ( 1976, S. 68), die von einem "enforcement effect" sprechen, Teichman (1977) und Mancke (1971) hinweisen. Somit läßt sich, im Gegensatz zu den bisher erwähnten Variablen, das Vorzeichen des Schätzkoeffizienten von • t-l nicht vorhersagen. 7) Beschäftigungszuwächse 68 führen bei größerem Spielraum für gewerkschaftliche Aktivitäten und geringerem Arbeitgeberwiderstand im Aufschwung zu einer Zunahme der gewerkschaftlichen Mitgliederzahlen. Der tatsächliche Erklärungsgehalt dieser von A & P (1969) sowie von Brauckmann (1972) favorisierten Determinanten wird allerdings von Mancke (1971, S.188f.) bezweifelt: "it is nearly definitional that if the percentage rate of Change of total employment rises, ceteris paribus, the percentage rate of change of total union membership rises". 8) Der Strukturwandel in der Wirtschaft, der in einer Abnahme des Anteils der Beschäftigten im traditionell gewerkschaftlich stark organisierten sekundären Sektor zugunsten des tertiären Sektors zum Ausdruck kommt, hemmt die gewerkschaftliche Mitgliederentwicklung. Dieser von Himmelmann (1977), Streeck (1979), Fiorito & Greer (1982), Neumann & Rissman (1984), Freeman & Medoff (1984), Hemmer (1985), Stepina & Fiorito (1986) sowie Müller-Jentsch (1986, 1987) angesprochene Einfluß der Beschäftigungsstruktur kann durch die Einbeziehung der prozentualen Veränderungsrate des Anteils der im warenproduzierenden Gewerbe Beschäftigten an der gesamten Arbeitnehmerschaft (6BS) überprüft werden. ökonometrisch überprüfbare Hypothesen aus dem soziologisch-politischen Bereich sind: 9) Je größer der Anteil eher gewerkschaftsferner Gruppen wie ausländische Arbeitnehmer, Angestellte, Beamte und Frauen an der Arbeitnehmerschaft, desto geringer fallen gewerkschaftliche Organisierungserfolge aus. Diesen, mit der Beschäftigungsstrukturhypothese 8) teilweise verwandten, negativen Einfluß der Beschäftigtenstruktur auf die Mitgliederstärke der Gewerkschaften betonen Beyme (1977), Hauff (1979), Streeck (1979, 1981), Kleinhenz (1981), Hemmer (1985), Stepina & Fiorito (1986) und Müller-Jentsch (1986, 1987) wie auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (1987).
39 10) Je höher das tarifpolitische Konfliktniveau, desto größer ist die Neigung der Arbeitnehmer, die Schutzund Versicherungsfunktion der Gewerkschaften in Anspruch zu nehmen. Auf diesen positiven Zusammenhang zwischen Streikbewegungen und Mitgliederwachstum weisen Purdy & Zis (1974), Streeck (1979), Brandt, Jacobi & Müller-Jentsch (1982) sowie Bergmann (1985, S.104) hin, der meint, in diesem (Streik-) Falle müsse "schon aus ökonomischem Selbstinteresse (Streikunterstützung) ... der Gewerkschaftsbeitritt für Nichtmitglieder rational sein". 11) wachsende staatliche Sozialausgaben, gemessen als Anteil am Bruttosozialprodukt, wirken sich laut Neumann & Rissman (1984) negativ auf die Organisierungsbereitschaft der Arbeitnehmer aus. Diese Substitutionsthese wird auch von Streeck (1979; 1981, S.318) vertreten: "Je mehr Aufgaben der Staat im Bereich der sozialen Sicherung im laufe der Zeit übernahm, desto mehr wurde auch soziale Sicherheit zu einem 'öffentlichen Gut', und desto weniger war es notwendig, um ihretwillen Gewerkschaftsmitglied zu werden. Unvermeidliche Folge des Ausbaus der staatlichen Daseinsvorsorge war deshalb, daß die Attraktivität der Gewerkschaften als Versicherungsvereine zurückging - zumal ja die traditionelle Struktur der von ihnen angebotenen Unterstützungen, mit Ausnahme der Streikund Gemaßregeltenunterstützung, weithin der des sich entfaltenden staatlichen Sicherungssystems entsprach." 12) Je stärker der sich in den Wahlergebnissen und vor allem in der Regierungsführerschaft ab 1969 widerspiegelnde Einfluß der SPD auf das gesellschaftspolitische Klima, desto höher sind nach Treu (1978) und Streeck (1979, 1981) die öffentliche Anerkennung und die Rekrutierungsmöglichkeiten der Gewerkschaften. Eine etwaige empirische Bestätigung dieser Hypothese wäre jedoch auch vereinbar mit der beobachtungsgleichen Interpretation, daß sowohl die Wahlerfolge der SPD als auch die Mitgliederzuwächse der Gewerkschaften das Ergebnis der gleichen (autonomen) gesellschaftspolitischen Veränderungen sind. Weitere mögliche, in Kapitel 2 erwähnte Determinanten der gewerkschaftlichen Mitgliederentwicklung und des Organisationsgrades wie Altersaufbau, Bildungsniveau und gewerkschaftliches Bewußtsein der Arbeitsbevölkerung, Betriebsgrößenstruktur, organisatorische Reformen bei den Gewerkschaften und Distanzierungsprozeß der Jugendlichen entziehen sich leider wegen feh-
40 lender Quantifizierbarkeit oder mangels ausreichender Daten einer ökonometrischen Überprüfung im Rahmen einer Längsschnittanalyse. 3.2. Die ökonometrische Schatzung des Modells Bei der empirischen Überprüfung der oben vorgestellten Hypothesen und des daraus gebildeten Modells soll so vorgegangen werden, wie dies auch A & P ( 1969, S.435f.) für richtig halten: "Economic forces may serve as a base from which to begin an analysis of union growth, but the impact of social and political forces must be incorporated to complete it". Diese Reihenfolge bedeutet natürlich nicht, daß ökonomische Faktoren - in diesem Falle die Hypothesen 1)-8) - a priori als wichtiger betrachtet werden als nichtökonomische Faktoren, wie sie in den Hypothesen 9)-12) oder in den nichtquantifizierbaren Erklärungsansätzen zum Ausdruck kommen. Dies betonen auch B & E (1976, S.3): "The search for an explanation of aggregate union growth begins with the business cycle because it is a quantifiable phenomenon. This is not to imply that the quantifiable is necessarily more important than the qualitative, but to suggest that when some of the factors under consideration readily lend themselves to quantification, as is the case here, then at least in the first instance they should be separated from the others and analysed by means of econometric techniques." Die Ergebnisse eines auf den oben diskutierten Hypothesen und Determinanten und den im Anhang beschriebenen Jahresdaten aufbauenden und mit der Methode der kleinsten Quadrate (ordinary least squares, OLS) für den Beobachtungszeitraum 1955-1984 geschätzten Modells sind in Tabelle 3.1 dargestellt. Beim vorgehen in der oben angesprochenen Reihenfolge, verbunden mit einer empirisch bedingten Wahl der Lag-Struktur, zeigt sich an Schätzgleichung (3.1), daß ein auf den Hypothesen 1)-3) aufbauendes Basismodell, das als erklärende Variablen die gegenwärtige Lohnzuwachsund Inflationsrate sowie die einund zweifach verzögerte Arbeitslosenrate benutzt, bereits über 69% der Varianz der gewerkschaftlichen Mitgliederbewegungen zu erklären vermag. Verwendet man statt der gegenwärtigen die Inflationsrate des vergangenen Jahres, so erhöht sich (in Regression 3.2) bei einem Rückgang des Standardfehlers SER das Bestimmtheitsmaß R' sogar auf 70,2% und die dazugehörige F-Statistik, die die Signifikanz der gesamten Regression eindrucksvoll bestätigt, steigt ebenso wie die t-Werte, die die hohe Signifikanz der ein-
Tabelle 3.1: OLS-Schätzungen der Determinanten der gewerkschaftlichen Mitgliederentwicklung (6T), 1955-84 Schätzgleichung 3.1 3.2 3.3 3.4 3.5 3.6 3.7 3.8 3.9 Statistische Prüfmaße: R2 0,691 0,702 0,717 0,741 0,705 0,767 0,816 0,817 0,822 SER 0,779 0,765 0,761 0,729 0,778 0,722 0,642 0,654 0,645 F 13,986 14,747 12, 186 13,691 11,456 10,318 13,914 11,731 12, 139 DW 2,044 2,105 1,955 1,917 2, 137 1,725 2,006 2,032 2, 122 Schätzkoeffizienten: Konst. -2,588 -3,041 -3,366 -2,921 -0,832 -2,632 -2,753 -2,710 -2,494 (mit ltl-Werten) (3,742) (4,060) (4,217) (4,077) (0, 164) (3,422) (4,209) (4,013) (3,458) 6Pt o, 186 ( 1,897) 6Pt-1 0,221 0,325 0, 177 0,229 0,275 0,292 0,308 0,232 (2,162) (2,371) ( 1 , 766) (2,171) (1,568) (2,585) (2,528) (1,747) 6Wt 0,309 0,348 0,340 0,330 0,344 0,314 0,318 0,314 0,293 (4,479) (5,456) (5,338) (5,367) (5,280) (4,049) (5,158) (4,908) (4,278) ut-1 -0,339 -0,445 -0,606 -0,353 -0,480 -0,453 -0,497 -0,541 -0,473 (1,886) (2,266) (2,508) (1,826) (2,235) (2,267) (2,911) (2,630) (2,724) ut-2 0,434 0,560 0,689 0,459 0,633 0,456 0,462 0,500 0,433 (2,462) (2,804) (3,009) (2,319) (2,410) (2,241) (2,567) (2,419) (2,359) -1'> 6RGt 0,043 ( 1 , 132) 6Rßt 0,070 (1,879) 0 t-1 -0,069 (0,440) 6ßt 0,219 0,231 0,224 0,222 ( 1 , 998) (2,407) (2,251) (2,286) 6BSt 0,016 (0,057) M\ -0,021 -0,019 -0,020 -0,017 (1,918) (1,997) ( 1 , 996) (1,707) 6St O,CXX:00 O,CXXXl7 0,CXXXl7 (2,425) (2,247) (2,157) 6Slt -0,012 (0,402) REGt 0,310 (0,873)
42 zeinen Regressionskoeffizienten nachweisen. l) Da sich aus den theoretischen Überlegungen bei der Diskussion und Auswahl der einzelnen erklärenden Variablen dieses Modells keine a prori bestimmte Lag-Struktur ergibt, sollte man letztere sich durch plausible empirische Resultate ergeben lassen.2) Dies spricht für die Verwendung von ßPt-l anstatt ßPt' da es nicht unplausibel erscheint, daß sich die Wirkung der Inflationsrate erst mit einer Verzögerung von bis zu einer Periode voll entfaltet, und da eine solche Spezifikation die Schätzergebnisse wie auch die späteren Vorhersagen robuster und signifikanter macht, ohne sie drastisch zu ändern. Im Gegensatz zu den Preisänderungen zeigt sich jedoch bei den Nominallohnänderungen ßWt ein klarer unverzüglicher Effekt. Hingegen wirkt sich die Arbeitslosenrate wiederum zeitlich verzögert aus, was allerdings schon bei den theoretischen Vorüberlegungen für wahrscheinlich gehalten wurde. Deshalb kann beim weiteren Ausbau des Modells von der überdies von Autokorrelation freien Gleichung (3.2) ausgegangen werden, deren Erklärungsvariablen auch gut mit den Erkenntnissen von B & E (1976) korrespondieren, bei denen ßWt in allen vier Ländergleichungen sowie ßPt-l für die USA und Ut-l' Ut_ 2 für Großbritannien Verwendung finden. 3) Versucht man nun, dieses Basismodell unter Einbeziehung der Hypothese 4) zu erweitern, so erweist sich durch Regression (3.3), daß der Schätzkoeffizient der prozentualen Veränderungsrate der realen Gewinne (ßRGt) zwar das erwartete positive Vorzeichen aufweist, sich aber mit einem t-Wert von 1) Alle (beim t-Test zweiseitigen) statistischen Signifikanztests in dieser Arbeit erfolgen auf dem 5%-Niveau, d.h. mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit von maximal 5%, sofern nichts anderes gesagt wird. 2) Diese Ansicht vertreten auch B & E (1976, S.69): "These questions cannot be answered on a priori grounds in a very precise way; theory offers little more than rough guidelines. The questions are primarily of an empirical nature and can best be answered by experimenting with the data." 3) Die Tatsache, daß sich die Schätzkoeffizienten von Ut-l und Ut_ 2 in ähnlichen Größenordnungen bewegen, aber unterschiedliche Vorzeicnen aufweisen, könnte als Hinweis interpretiert werden, diese zwei verzögerten Arbeitslosenraten durch die verzögerte Veränderungsrate der Arbeitslosenrate (ßUt_ 1) zu ersetzen. Allerdings bewährte sich die Spezifikation mit Ut-1 und Ut-2 bereits bei der Analyse der DGB-Mitgliederentwicklung von Schnabel (1987), und auch ein F-Test wies eine solche Restriktion von Gleichung (3.2) zurück, die überdies zu einer Verschlechterung der folgenden Schätzergebnisse führen würde.
43 nur 1,132 nicht in statistisch signifikanter Weise von Null unterscheidet. Die Tatsache, daß 6RG auch bei Berücksichtigung möglicher time lags nichts zur Erklärung der gewerkschaftlichen Mitgliederentwicklung beiträgt, mag auf die Inadäquanz der verwendeten Gewinndaten zurückgeführt werden, könnte jedoch auch daher rühren, daß der "prosperity effect" entweder gar nicht existiert oder bereits durch die wesentlich wichtigere Variable 6P absorbiert wird. Somit kann Hypothese 4) als nicht bestätigt angesehen werden und die mögliche Erklärungsvariable 6RG findet im folgenden keine Berücksichtigung mehr. 1) Auch der in Hypothese 5) postulierte negative Zusammenhang zwischen der realen Beitragshöhe und der gewerkschaftlichen Mitgliederentwicklung kann in Gleichung (3.4) empirisch nur zurückgewiesen werden, da der Schätzkoeffizient von 6RBt sich einerseits trotz eines relativ hohen t-Wertes von 1,879 nicht signifikant von Null unterscheidet und er andererseits ein nicht den Erwartungen entsprechendes positives Vorzeichen aufweist. Dieses unbefriedigende Ergebnis dürfte nicht zuletzt auf die mangels besserer Daten notwendige Verwendung der durchschnittlichen DGB-Beitragseinnahmen als einer vermutlich zu groben erklärenden Variablen zurückzuführen sein. Allerdings könnte es auch als Anzeichen für die von Nickel (1974) anhand von Umfragen festgestellte untergeordnete Bedeutung interpretiert werden, die pekuniäre Einflüsse für die Entscheidung über eine gewerkschaftliche Mitgliedschaft in der Bundesrepublik Deutschland spielen. Schätzgleichung (3.5) macht deutlich, daß ein Einfluß des bestehenden Organisationsgrades (Ot_ 1) auf die Mitgliederentwicklung ebenfalls nicht nachgewiesen werden kann. Zwar scheint der negative Schätzkoeffizient von Ot_ 1 auf einen leichten Sättigungseffekt hinzudeuten, doch ist auch dieser Koeffizient mit einem t-Wert von nur 0,44 statistisch insignifikant. Obwohl 1) In diesem Zusammenhang sollte vielleicht darauf hingewiesen werden, daß die im Rahmen dieser Analyse festgestellte Signifikanz oder Insignifikanz von Erklärungsvariablen unabhängig von der gewählten Reihenfolge der empirischen Überprüfung ist bzw. daß sich die Schlußfolgerungen auch bei einer anderen Reihenfolge nicht ändern. Die empirische Überprüfung erfolgt hier nur aus Gründen der Übersichtlichkeit schrittweise in der Reihenfolge der Hypothesen 1)-12), entspricht jedoch nicht dem z.B. von Gujarati (1979, S.191) beschriebenen und zu Fehlschlüssen neigenden Verfahren einer "stepwise regression".
44 als mögliche, von B & E (1976, S.67ff.) diskutierte, nichtlineare Alternativen zu Ot-l auch reziproke und quadratische Formulierungen des Organisationsgrades getestet wurden, änderte dies nichts an der Insignifikanz der Ergebnisse, so daß Hypothese 6) für die Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland als widerlegt angesehen werden muß. l) Dieses Ergebnis steht zwar im Widerspruch zu den meisten internationalen Studienübergewerkschaftliches Mitgliederwachstum, ist jedoch bei dem vergleichsweise geringen Organisationsniveau in der Bundesrepublik keineswegs überraschend und deckt sich auch mit der ebenfalls auf bundesdeutsche Verhältnisse bezogenen Erkenntnis von Brauckmann (1972, S.153), der Einfluß des Organisationsgrades sei "statistisch ungesichert", ihm komme "kein selbständiger Erklärungsgehalt" zu. Wendet man sich nun der Untersuchung des in den Hypothesen 7)-9) angesprochenen möglichen Einflusses verschfedener Beschäftigungsvariablen zu, so zeigt sich in Regression (3.6), daß entgegen Hypothese 8) Veränderungen der Beschäftigungsstruktur (oBSt) keinen signifikanten Einfluß auf die gewerkschaftlichen Mitgliederbewegungen aufweisen. Hingegen erhöht die Einbeziehung der Veränderungsraten der Beschäftigung (6Bt) und des erst ab 1954 ausgewiesenen Anteils ausländischer Arbeitnehmer (MAt) deutlich den Erklärungswert des Modells. Allerdings läßt sich im Gegensatz zu oAA bei Verwendung des Arbeitnehmeranteils anderer eher gewerkschaftsferner Gruppen wie Angestellte, Beamte und Frauen ebensowenig ein signifikanter Einfluß auf die Mitgliederentwicklung nachweisen wie für den Anteil der im warenproduzierenden Gewerbe Beschäftigten, der die mangelnde Bedeutung von Beschäftigungsstrukturänderungen oBS ausdrückt. Diese Insignifikanz könnte darauf zurückzuführen sein, daß die Anteile dieser Gruppen an der Arbeitnehmerschaft entweder relativ konstant (wie bei erwerbstätigen Frauen) oder 1) Dieses bei aggregativer Betrachtung gewonnene Ergebnis schließt jedoch nicht aus, daß, wie von Teichmann (1977) betont, die stark unterschiedlichen Organisationsgrade der einzelnen bundesdeutschen Gewerkschaften sowie unter Umständen damit einhergehende Beitrittsschwellen oder Sogwirkungen eine Rolle spielen - man denke nur an die traditionell hohe und wohl auch auf sozialen Druck zurückgehende gewerkschaftliche Organisierung der Bergleute. Ferner kann die allerdings wenig wahrscheinliche Möglichkeit nicht ganz ausgeschlossen werden, daß Sättigungsbzw. Selbstverstärkungseffekte (z.B. bei Arbeitern bzw. Angestellten oder in verschiedenen Branchen) existieren, sich aber im Aggregat gegenseitig aufheben.
51 Tabelle 3.2: Stabilität und Vorhersagekraft des Modells Schätzgleichung 3.7 3.7' 3. 7" Schätzzeitraum 1955-1984 1955-1981 1955-1979 Statistische Prüfmaße: R' 0,816 0,763 0,780 SER 0,642 0,680 0, 691 F 13,914 8,745 8,621 DW 2,006 1,908 1,649 Schätzkoeffizienten: Konst. -2,753 -2,744 -2,746 (mit iti-Werten) (4,209) (3,867) (3,808) LI p t-1 0,292 0,296 0,276 (2,585) (2,416) (2,103) LI Wt 0,318 0,315 0,324 (5,158) (4,763) (4,692) ut-1 -0,497 -0,497 -0,498 ( 2, 911 ) (2,024) ( 1 , 952) ut-2 0,462 0,463 0,456 (2,567) (2,147) (2,008) Llßt 0,231 0,231 0,237 (2,407) (2,167) ( 2, 181) LIAAt -0,019 -0,019 -0,020 (1,997) ( 1 , 646) (1,706) LI St 0,00008 0,00008 0,00008 (2,425) (2,139) {2,130) Jahreswerte für LITt ( in %) tatsächlich vorhergesagt vorhergesagt 1980 0,512 --- 0,921 1981 0,935 - - - 0, 196 1982 -1,295 -0,960 -1 , 075 1983 -1 ,287 -1 , 610 -1,727 1984 -1 , 022 -0,748 -0, 811 Theils Ungleichheitskoeffizient U 0,258 0,426 bias proportion 0,094 0,023 variance proportion 0,591 0,001 covariance proportion 0,315 0,976
52 für die Erklärungsvariablen deren vorliegende Beobachtungswerte eingesetzt und die so entstandenen Schätzwerte für 6Tt dann mit den tatsächlichen gewerkschaftlichen Mitgliederänderungen verglichen wurden. l) Sowohl Tabelle 3.2 als auch das auf Schätzgleichung (3.7") und ihrer Prognose basierende Schaubild 3.2 zeigen, daß das Modell nicht nur einen guten Erklärungswert hat, sondern auch über eine mehr als zufriedenstellende Vorhersagekraft verfügt. Besonders erfreulich ist dabei, daß der doch unerwartete Rückgang der gewerkschaftlichen Mitgliederzahlen ab 1982 korrekt vorausgesagt wird, was als deutliche Bestätigung der Prognosegüte des Modells betrachtet werden kann. 2) Dies wird auch durch die Berechnung des auf Theil (1966, S.27ff.) zurückgehenden Ungleichheitskoeffizienten U bestätigt, der als U =°VL(Pt-At)'/LAt'' ausgedrückt werden kann, wobei A und P die tatsächlichen und die prognostizierten (Veränderungs-)Werte einer Periode t darstellen. Dieses nach oben unbeschränkte Maß der Prognosegüte nimmt bei perfekten Vorhersagen den Wert O an und erreicht seinen kritischen Vergleichswert von 1 dann, wenn tatsächliche Veränderungen eintreten, die naive Prognose aber keine Veränderungen vorausgesagt hat. Da der Ungleichheitskoeffizient für die Vorhersagen mit Regression (3.7') nur 0,258 und mit Regression (3.7") nur 0,426 beträgt, wird die Vorhersagekraft des Modells eindrucksvoll unterstrichen. Die Tatsache, daß bei einem Vergleichstest mit einer Schätzgleichung ohne 6AAt die Vorhersagefehler deutlich größer ausfallen -Theils U beträgt dann 0,585 bzw. 0,579 - macht überdies deutlich, daß trotz ihrer etwas geringeren Signifikanz dieser Variablen ein deutlicher Erklärungsund Prognosewert zukommt. 1) Bei einer entsprechenden Überprüfung durch Moore & Pearce (1976) erwies sich die Vorhersagekraft des Modells von A & P (1969) als ziemlich schwach. Das daraufhin von Elsheikh & Bain (1978) propagierte Alternativmodell für die USA hielt wiederum einer Überprüfung seiner Vorhersagekraft durch Fiorito (1982) nicht stand. Das Kriterium der Vorhersagefähigkeit betonen auch Carruth & Disney (1988) bei ihrer Kritik der Modelle von B & E (1976) und Booth (1983). 2) Vgl. Zarnowitz (1967), Pindyck & Rubinfeld (1976, S.318) und Cicarelli (1982), die alle die Bedeutung korrekter Vorhersagen von Wendepunkten betonen. Demgegenüber vermag nach Erkenntnissen von Carruth & Disney (1988) das Modell von B & E (1976) den drastischen Fall der gewerkschaftlichen Mitgliederzahlen in Großbritannien ab 1979 nicht vorherzusagen.
53 Folgt man Theil (1966) und zerlegt den Vorhersagefehler in drei Komponenten, so zeigt sich (vgl. Tabelle 3.2), daß bei den Prognosen mit Schätzgleichung (3.7") die "bias proportion'', die auf eine überoder Unterschätzung der durchschnittlichen Veränderung zurückzuführen ist, und die "variance proportion", die von einer überoder Unterschätzung der Varianz der Veränderungen herrührt, jeweils gering ausfallen, während auf die restliche "covariance proportion" ein Fehleranteil von fast 98% entfällt. Die Tatsache, daß die Vorhersagen somit praktisch frei von den in den ersten zwei Komponenten zum Ausdruck kommenden systematischen Mittelwertund Varianzfehlern sind und ihre Fehler vor allem auf unsystematische und unvermeidliche (Zufalls-)Abweichungen der Prognosewerte zurückgeführt werden können, stellt eine weitere Bestätigung des endgültigen Modells von Gleichung (3.7) und dessen Vorhersagefähigkeit dar. 3.4. Abschließende Betrachtungen Die obige Analyse zeigt, daß ein auf der konjunkturellen Hypothese aufbauendes und auch soziopolitische Entwicklungen berücksichtigendes ökonometrisches Modell, das als Erklärungsvariablen die jährlichen prozentualen Veränderungsraten der Preise, der Löhne, der Beschäftigung, des Anteils ausländischer Arbeitnehmer und der Streikausfalltage sowie die Arbeitslosenrate verwendet, die jährliche prozentuale Änderung der gewerkschaftlichen Mitgliederzahlen ausreichend gut zu erklären und vorherzusagen vermag. Die Tatsache, daß dennoch fast 20% der Varianz gewerkschaftlicher Mitgliederbewegungen mit einem solchen Modell nicht erklärt werden können, verdeutlicht jedoch auch, daß neben den verwendeten, quantifizierbaren und langfristig relativ stabilen Einflußgrößen auch noch andere, nicht quantifizierbare und zum Teil vielleicht auch nur sporadisch und unsystematisch einwirkende Faktoren 1) einen Einfluß auf die Mitgliederschwankungen haben dürften, wie z.B. gewerkschaftliches Bewußtsein, soziopolitische Veränderungen, gewerkschaftliche Reorganisation etc., die alle schon in Kapitel 2 1) Ein solcher Faktor könnte in den Ereignissen um den gewerkschaftseigenen Wohnungsbaukonzern "Neue Heimat" gesehen werden, die ab 1982 das gewerkschaftliche Ansehen in der Öffentlichkeit und damit nach Ansicht von Müller-Jentsch (1983) vermutlich auch die Mitgliederentwicklung des DGB negativ beeinflußt haben dürften.
54 angesprochen wurden. Dazu gehören auch langfristige Entwicklungen wie die Veränderung der Erwerbs-, Bildungsund Altersstruktur oder der gesellschaftliche Wandel, die im vorliegenden, eher kurzfristig orientierten Modell -außer in der einen negativen Trend anzeigenden Konstanten -keine explizite Beachtung finden und ein interessantes Objekt weiterer Forschung darstellen. überdies beschäftigt sich das vorliegende Modell ausschließlich mit der aggregierten Mitgliederentwicklung des DGB (ohne GdP) und der DAG und kann deshalb auf regionale sowie industrieoder beschäftigungsspezifische Einflüsse und Charakteristika keine Rücksicht nehmen. Der Versuch einer "branchenwirtschaftlichen Betrachtung" von Brauckmann (1972) bringt allerdings keine wesentlichen neuen Erkenntnisse und läßt sich dahingehend zusammenfassen (S.222), "daß der Zusammenhang zwischen Konjunkturund Mitgliederbewegung zumeist etwas geringer als bei der gesamtwirtschaftlichen Betrachtung ausfällt, aber dennoch zureichend ist, um von einem bedeutsamen Einfluß des Wirtschaftsablaufs für die Mitgliederänderungen ausgehen zu können~ Auch Bain & Elsheikh (1982) vermögen bei einer disaggregativen Anwendung ihres B&E-Modells auf 19 britische Industriezweige ihre auf aggregierter Ebene erzielten Ergebnisse überwiegend zu bestätigen. Ferner sollte trotz ihres statistisch bestätigten Erklärungswerts nicht übersehen werden, daß eine Untersuchung der vorliegenden Art auf natürliche Grenzen stoßen muß, wie auch A & P (1969, S.447) feststellen: "It is important to stress that the preceding analysis cannot be considered an exact description of the historical progress of trade union membership. Measurement errors, on the one hand, and the inability to quantify some of the strategic factors in union development (e.g., the quality of union leadership) on the other, limit the confidence that can be placed in the precise estimates presented." Dennoch vermag die obige Analyse einen Eindruck davon zu geben, inwieweit die bundesdeutschen Gewerkschaften und ihre Mitgliederstärke von der Entwicklung der Wirtschaft und der Arbeitsbeziehungen beeinflußt werden. In den folgenden Kapiteln soll untersucht werden, inwieweit die Gewerkschaften selbst ebendiese Entwicklungen zu beeinflussen vermögen.
55 4. GEWERKSCHAFTEN UND INFLATION In Umkehrung der im vorigen Kapitel verwendeten Perspektive, die eine Abhängigkeit der gewerkschaftlichen Mitgliederstärke von Konjunkturvariablen wie der Lohnund Preisentwicklung aufzeigt, beschäftigt sich das vorliegende Kapitel mit den Auswirkungen gewerkschaftlicher Stärke und Macht auf die Entwicklung der Löhne und Preise. Damit soll der traditionell vielfach diskutierten Frage nachgegangen werden, ob und inwieweit Gewerkschaften zur Inflation beitragen bzw. diese verursachen. Unter Inflation wird dabei in Anlehnung an Woll (1987, S.487) ein "Prozeß ständiger Preisniveausteigerungen" verstanden. Da eine detaillierte Erörterung der vielfältigen Erklärungsversuche der Inflation den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde 1), können hier nur die wichtigsten Theorien kurz skizziert und dahingehend untersucht werden, welche Rolle sie den Gewerkschaften zuweisen. Diejenigen Ansätze, die Gewerkschaften für Inflation verantwortlich machen, werden dann näher diskutiert und -soweit möglich - auch empirisch zu überprüfen versucht, wobei unter anderem die im vorigen Kapitel geschätzte gewerkschaftliche Mitgliederfunktion als erklärende Militanzgleichung in einem LohnPreis-Modell Verwendung findet. Das vorliegende Kapitel hat somit das zweifache Ziel, sowohl die Rolle der Gewerkschaften im inflationären Prozeß zu untersuchen als auch die im vorhergehenden Kapitel in Abhängigkeit von Löhnen und Preisen aufgestellte Schätzgleichung der gewerkschaftlichen Mitgliederentwicklung auf etwaige Simultanitätsprobleme hin zu untersuchen, die ihre Robustheit und Verwendbarkeit in Frage stellen könnten. 4.1. Die Rolle von Gewerkschaften in der • onetaristischen und ln der soziopolittschen Inflationserkllrung In Anlehnung an die zugrundeliegenden unterschiedlichen Hypothesen über den Lohnund Preisbildungsmechanismus wurde bei der Darstellung inflationstheoretischer Erklärungsansätze lange Zeit in Kostendruckinflation und Nachfragesoginflation unterschieden. Allerdings findet sich schon bei Machlup 1) Vgl. hierfür die vom Institute of Economic Affairs (1974), von Laidler & Parkin (1975), Scherf (1978), Woll (1979), Jackman, Mulvey & Trevithick (1981), Cassel (1984) und Ströbele (1984) vorgelegten Sammelbände, übersichtsartikel und Lehrbücher.
56 (1960, S.126) die Einsicht, "the distinction between cost-push and demandpull inflation is unworkable, irrelevant or even meaningless", und auch Laidler & Parkin (1975) verzichteten in ihrem umfassenden Übersichtsartikel auf diese Unterscheidung, da sie unpräzise und analytisch wenig hilfreich sei. Dennoch spielte eine solche Trennung noch in neueren Arbeiten z.B. von Haberler (1975) eine Rolle und es dauerte noch einige Jahre, bis Addison & Burton (1980, S.200) schließlich feststellen konnten: "the dichotomy between demand-pull and cost-push may be said to have finally fallen to the ground". Inzwischen hat sich erneut eine Dichotomie herausgebildet, in der sich eine ökonomische Inflationserklärung, mit der meist die monetaristische Theorie verbunden wird, und eine soziopolitische Inflationserklärung, die soziologische und politische Verteilungskampfansätze wie auch modifizierte Lohnund Kostendruckhypothesen umfaßt, gegenüberstehen. l) Da die von Laidler (1976) darüber hinaus noch erwähnte vermittelnde eklektische Sicht keine klar abgegrenzte, eigenständige dritte Betrachtungsweise darstellt, bildet die erwähnte Dichotomie von ökonomisch-monetaristischen und soziopolitischen Inflationserklärungen den Ausgangspunkt der Untersuchung der Rolle von Gewerkschaften im inflationären Prozeß. Unter teils restriktiven Annahmen wie der inhärenten Stabilität des privaten Sektors, einer langfristig vertikalen Phillips-Kurve, einer stabilen Geldnachfragefunktion und eines exogen von der Zentralbank vorgegebenen und steuerbaren Geldangebotes ergibt sich aus einer quantitätstheoretischen Betrachtung die monetaristische Erklärung der Inflation als Resultat eines übermäßigen Geldmengenwachstums, die in der bekannten Aussage von Milton Friedman (1970, S.24) gipfelt: "inflation is always and everywhere a monetary phenomenon in the sense that it is and can be produced only by a more rapid increase in the quantity of money than in output". Wenn aber eine 1) Vgl. Laidler (1976), Gordon (1977), Brunner (1979), Pfister (1981) und Addison & Burton (1980, 1984). Manche Autoren wie z.B. Willms (1979), Woll (1979, 1987) oder Ströbele (1984) verzichten auf die explizite Berücksichtigung nichtökonomischer Erklärungsansätze und unterscheiden stattdessen in monetäre und nichtmonetäre Theorien, wobei sich dann jedoch faktisch eine Trennung in monetaristische und andere Inflationserklärungen ergibt, die der obigen Dichotomie ähnelt.
57 über die Zunahme des realen Güterangebots hinausgehende Vermehrung der Geldmenge die alleinige und direkte Inflationsursache darstellt, dann scheiden aus monetaristischer Sicht Gewerkschaften als Verursacher von Inflation aus. Damit wird auch verständlich, warum Friedman (1951, S.222), der sonst Gewerkschaften überaus kritisch gegenübersteht1), der Meinung ist: "unions are simply thermometers registering the heat rather than furnaces producing the heat. This is particularly obvious during periods of inflationary pressure". Während die monetaristische Theorie den Gewerkschaften im inflationären Prozeß nur die passive Rolle eines reagierenden statt selbst agierenden Beteiligten zuweist und diese deshalb nur für eine gewisse Starrheit der Löhne nach unten sowie für Arbeitslosigkeit verantwortlich macht 2), spielen bei der soziopolitischen Erklärung der Inflation Gewerkschaften eine aktive Rolle. Der soziopolitische Erklärungsansatz setzt sich zusammen aus der These vom Verteilungskampf als Hauptursache der Inflation, die erklären soll, wann und warum es zu autonomen Preisund Lohnsteigerungen kommt, sowie aus dem Kostendruckansatz als einer Theorie der Lohnund Preisbildung, die erklären soll, wie dies geschieht. Allerdings betont Pfister (1981, S. 163) in seiner Skizze einer "Soziotheorie" der Inflation die "prinzipielle Unabhängigkeit der beiden Theorien", doch muß auch er einräumen, es sei "nicht zu leugnen, daß die Verteilungskampftheorie logisch an der cost push 1) In der Diskussion zu seinen Ausführungen brachte Friedman (1951, S.239) seine Einstellung zu Gewerkschaften auf die Kurzformel: "like all other monopolies labor monopolies are undesirable. This goes back to my fundamental belief in a competitive society"; vgl. auch seine entsprechend negativ ausfallende preistheoretische Analyse gewerkschaftlicher Wohlfahrtseffekte, die in Kapitel 7 dargestellt wird. 2) Vgl. die Darstellung der ökonomischen Theorie der Gewerkschaft in den Kapiteln 5 und 6. Trotz grundsätzlicher Bejahung der monetaristischen Inflationserklärung weist allerdings Hayek (1974a,b) Gewerkschaften eine Mitschuld bzw. einen indirekten Inflationseinfluß zu, da sie durch ihr Verhalten keynesianisch orientierte Regierungen dazu veranlaßten, zur Abwehr von Arbeitslosigkeit eine auf Geldvermehrung basierende Vollbeschäftigungspolitik durchzuführen. Letztere wird von Hayek (1974a, S.9) scharf kritisiert: "Die Vollbeschäftigungspolitik hat die Gewerkschaften von der Verantwortung für die etwaige durch ihren Lohndruck verursachte Arbeitslosigkeit enthoben und sie dem Staate aufgelastet, der sie nur vorübergehend und nur dadurch erfüllen kann, daß er durch Inflation den Realwert der übermäßig aufgeblähten Geldlöhne wieder senkt. Damit wird nur der sich stetig beschleunigende Wettlauf zwischen Löhnen und Preisen in Gang gehalten."
58 Theorie anknüpft und in der Literatur fast ausschließlich mit ihr verbunden auftritt". In Anlehnung an Addison & Burton (1984), aber auch an Gordon (1977) oder Laidler (1976), läßt sich die moderne soziopolitische Analyse deshalb als mehr oder minder stark modifizierte Erneuerung der Lehre von der kosteninduzierten Inflation interpretieren. Die soziopolitische Analyse versucht die tieferen Ursachen der Inflation mit der Verteilungskampftheorie zu erklären, deren Grundgedanken schon Anfang der fünfziger Jahre formuliert wurden und die im deutschen Sprachraum besonders in den Arbeiten von Bombach (1973), Streissler (1973) und Würgler (1973) sowie bei Koblitz (1978) einen starken Widerhall fand. l) Ausgehend von der Feststellung, Inflation sei ein "politisch-gesellschaftliches Phänomen" (Koblitz, 1978, S.7), wird diese als Folge eines Verteilungskampfes verschiedener, meist mit Marktmacht ausgestatteter gesellschaftlicher Gruppen, wie z.B. Gewerkschaften, Unternehmer und andere Verbände, um als jeweils "gerecht" angesehene Anteile am Sozialprodukt interpretiert. Forderungen sich benachteiligt fühlender sozialer Gruppen stoßen auf den Widerstand derjenigen, die ihre relative Einkommensposition beibehalten wollen, so daß die Summe aller realen Einkommensansprüche das verfügbare reale Sozialprodukt übersteigt. Dieser auf inkompatiblen Einkommenszielen beruhende gesellschaftspolitische Konflikt wird jedoch nicht als offener Verteilungskampf ausgetragen, sondern anonym über Inflation als einem nominalen Koordinationsmechanismus konfligierender Realansprüche "gelöst".2) Zwar han1) Diese Grundgedanken finden sich unter anderem bei Aujac (1950), der Inflation interpretiert als Ergebnis des Verhaltens sozialer Gruppen, die historisch entstanden und durch eine soziologische Analyse feststellbar seien, und in den eher ökonomisch ausgerichteten, algebraischen bzw. graphischen Analysen von Holzman (1950) und Turvey (1951), die alle drei die Bedeutung der Inkompatibilität verschiedener realer Einkommensansprüche für die Inflation betonen. überblicke über Verteilungskampftheorien der Inflation finden sich bei Fautz (1978), Pfister (1981, Kap.4), Add i son & Burton ( 1984) und Goßner ( 1985, Kap. 4) . 2) Vgl. Würgler ( 1973) und Bombach ( 1973, S.23), der feststellt: "Die ökonomisch-politische Theorie sieht die Inflation als eine spezielle Form des Kampfes um eine Verbesserung der Position in der Einkommenspyramide, geführt von Einzelpersonen, Gruppen, Verbänden, geführt um ein Mehr an privaten Konsumgütern oder um gratis dargebotene öffentliche Leistungen. Es ist ein Kampf, bei dem der Konflikt nicht mehr offen ausgetragen, sondern einem anonymen Mechanismus überlassen wird." Streissler (1973, S.21) meint: "Die moderne Inflation entsteht aus den Versuchen zur Frontbegradigung der Lorenzkurve und den Widerständen gegen eine solche Frontbegradigung:'
59 delt es sich hierbei offensichtlich um eine Scheinlösung, doch wird der inflationäre Verteilungskampf fortgeführt, weil einerseits jede soziale Gruppe den anderen mißtraut und befürchtet, durch eigenes, einseitiges preisstabilitätskonformes Verhalten in der Verteilungsposition zurückzufallen, und weil andererseits Inflation es den am Verteilungskonflikt Beteiligten erlaubt, Scheinerfolge zu erringen. l) Die These vom Verteilungskampf als der tieferen Ursache der Inflation, die sich besonders bei Postkeynesianern großer Beliebtheit erfreut 2), hat ein nicht unerhebliches Maß an Kritik auf sich gezogen, nicht zuletzt von monetaristischer Seite. Fautz (1978, S.168,177) bezeichnet die Verteilungskampftheorie als eine "sehr schillernde, analytisch schwierig zu fassende Hypothese", deren zugrundeliegenden Verhaltensweisen und Motive wie Gerechtigkeitsempfindungen, Frustration, Begehrlichkeit etc. für ihn "zu vage formulierte theoretische Konzepte sind, ohne empirische Gegenstücke und daher nicht überprüfbar". Noch schärfer argumentiert Brunner (1979, S.113), wenn er den soziopolitischen Inflationsansätzen einen Mangel an formaler Logik sowie "eine fundamentale Unkenntnis bzw. Ignoranz in bezug auf das Wesen empirischer Wissenschaft" vorwirft. Dies deckt sich zwar mit der Einschätzung von Laidler (1976, S.255: "a non-scientific approach to social questions"), wird jedoch von Goßner (1985) als überzogen zurückgewiesen. Allerdings beklagt auch Goßner (1985) den Partialcharakter sowie die fehlende empirische Evidenz der oft nur rudimentär entwickelten Konfliktansätze, und selbst Anhänger einer soziopolitischen Erklärung wie Pfister (1981, S.169) müssen einräumen, "daß es den bisherigen Ansätzen zu einer Verteilungskampftheorie der Inflation nicht gelungen ist, die Bestimmungsgründe für Existenz und Intensität des Verteilungskonfliktes überzeugend darzulegen". Doch selbst wenn man trotz mangelnder empirischer Evidenz die dauerhafte 1) Vgl. Bombach (1973, S.24f.); ein solcher Scheinerfolg findet in dem im vorigen Kapitel dargestellten Zurechnungseffekt gewerkschaftlich ausgehandelter Nominallohnsteigerungen seinen Ausdruck, worauf vor allem von Streissler (1979), aber auch von Haberler (1972) und Friedman (1951) hingewiesen wird. 2) Vgl. die "Appraisals of Post-Keynesian Economics" in der American Economic Review 70(2), 1980, sowie Eichner & Kregel (1975, S.1308), die aufbauend auf Arbeiten von Joan Robinson feststellen: "At the heart of the inflationary process is the question of relative income distribution".
60 Existenz eines Verteilungskampfes akzeptiert, stellt sich die entscheidende Frage nach dem Transmissionsmechanismus, der den Verteilungskampf zu einem Anstieg des Preisniveaus führen läßt. Hier stützt sich die soziopolitische Analyse meist auf die Hypothese des Lohnkostendrucks, die den Gewerkschaften eine wichtige Rolle im inflationären Prozeß zuweist und deshalb näher erörtert werden soll. Der Erklärungsansatz einer lohnkosteninduzierten Inflation sieht Gewerkschaften als Hauptbeteiligte am Verteilungskonflikt in der Lage, aufgrund ihrer Marktmacht bzw. Militanz unabhängig von Markteinflüssen ständig Lohnsatzsteigerungen durchzusetzen, die über den Produktivitätssteigerungen liegen. Damit die dadurch gestiegenen Stückkosten der Produktion nicht zu einer Schmälerung ihrer Gewinne oder gar zu einem Verlust führen, werden die Unternehmen versuchen, sie über die Preise ihrer Produkte auf die Abnehmer zu überwälzen. Unter üblichen postkeynesianischen Annahmen über eine Aufschlagskalkulation, bei der die Preise durch Aufschlag eines Gemeinkostenanteils und eines nachfrageunabhängigen Gewinnzuschlags auf die durchschnittlichen variablen Stückkosten gebildet werden, sowie über unvollkommene Konkurrenz mit entsprechenden Preisund überwälzungsspielräumen führen die von den Gewerkschaften durchgesetzten autonomen Lohnerhöhungen zu einer Erhöhung des Preisniveaus, sofern sie von einer Ausweitung der Geldmenge begleitet werden. 1) 1) Kahn (1976, S.11,13) grenzt die keynesianische von der monetaristischen Position folgendermaßen ab: "Inflation, according to Keynesians, is largely - if not entirely - due to rapidly rising wages •... [TJhe increase in the quantity of money is not the cause of the inflation. It is, however, a necessary condition". Übersichten zur Lohnund Kostendruckerklärung finden sich bei Jackman, Mulvey & Trevithick (1981, Kap.4} sowie in knapper Form bei Cassel (1984) und Ströbele (1984). Einer der bekanntesten Vertreter dieses Ansatzes ist Haberler (1972; 1975, S.116, 143), der betont, "daß mächtige Gewerkschaften nicht nur die Löhne starr machen, sondern auch imstande sind, selbst bei Arbeitslosigkeit durch Streiks, Boykottmaßnahmen und Zwang die Löhne hinaufzudrücken ... Was wir folgern sollten ist, daß man das Problem des Lohndrucks an seiner Wurzel packen muß. Die übermäßige Macht der Gewerkschaften sollte gezügelt werden". Die entsprechenden wirtschaftspolitischen Vorschläge einer staatlichen Einkommenspolitik bzw. einer produktivitätsorientierten, kostenneutralen Lohnpolitik werden kritisch diskutiert von Bergmann, Jacobi & Müller-Jentsch (1976, S.71-114), Berndt (1977), Scherf (1978) und Brinkmann (1984, S.330ff.).
67 nifikant ist, während die durch 60t gemessene gewerkschaftliche Militanz Lohnerhöhungen autonom und signifikant beeinflußt. Dies wird von Hines (1964, 1969) bzw. Dogas & Hines (1975) als eindeutige Bestätigung der Bedeutung gewerkschaftlichen Lohndrucks für die Inflation gesehen. l) Allerdings stoßen die Studien von Hines (1964, 1969) bzw. Dogas & Hines (1975) auf verbreitete, sowohl theoretisch als auch empirisch begründete Kritik. Thomas & Stoney (1970) zeigen, daß das von Hines (1964) geschätzte simultane Gleichungssystem dynamisch instabil ist, vermögen dieses Problem jedoch durch eine verbesserte Spezifikation der Preisvariablen zu beheben. Purdy & Zis (1973, 1974, 1976) weisen auf die oben diskutierte Problematik der Wahl des Militanzindikators 60 hin und stellen fest, daß sowohl die theoretische Rechtfertigung und Interpretation als auch die zeitliche Stabilität und statistische Signifikanz des gesamten Modells deutlich zu wünschen übrig lasse. Die Zweifel an der allgemeinen empirischen Gültigkeit der Aussagen von Hines (1964, 1969) bzw. Dogas & Hines (1975) werden durch den gescheiterten Versuch einer Neuschätzung des Hines-Modells mit britischen Daten für die Jahre 1951-1980 von Ellis, Pearson & Periton (1987) sowie durch andere Studien verstärkt, die wie Henry, Sawyer & Smith (1976) für Großbritannien oder Ward & Zis (1974) für die Niederlande und die Bundesrepublik Deutschland keinen signifikanten Einfluß von 60 in Lohngleichungen feststellen können. Mit einer empirischen Zurückweisung der Thesen von Hines (1964, 1969) für die Bundesrepublik Deutschland enden auch die disaggregative Lohnstudie von Deutschmann & Schmiede (1983, Kap.5) und der Versuch einer Replikation des Modells von Dogas & Hines (1975) durch Fautz (1980). Aufgrund dieser theoretischen wie empirischen Schwächen stößt die Plausibilität der Aussagen von Hines (1964, 1969) bzw. Dogas & Hines (1975) auf 1) Im Gegensatz zu diesem aufsehenerregenden Ergebnis wird jedoch die folgende Aussage von Hines (1969, S.83) bzw. von Dogas & Hines (1975) meist kaum beachtet: "lt should be emphasized that our result in no way lays the blame for inflation at the door of the trade unions. They simply attempt to protect and advance the real incomes of their members by raising their rates of pay. The extent to which this is associated with inflation depends, among other things, on the ability of employers to pass on wage increases in higher prices."
68 verbreitete Skepsis. 1) Andererseits vermögen Ashenfelter, Johnson & Pencavel (1972) durch Schätzung eines ähnlichen, aber sorgfältiger hergeleiteten Simultanmodells von Löhnen, Preisen und gewerkschaftlicher Mitgliederentwicklung für die USA von 1914-1963 die Lohndruckhypothese zu bestätigen. Als statistisch signifikante Indikatoren gewerkschaftlicher Militanz verwenden Ashenfelter, Johnson & Pencavel (1972) jedoch, wie auch Gärtner (1985b), neben der Veränderung der gewerkschaftlichen Mitgliederzahlen (anstatt des Organisationsgrades) auch die Streiktätigkeit, deren Eignung im folgenden diskutiert werden soll. 4.2.2. Streiktätigkeit als Militanzindikator Der als Alternativlösung oft vorgeschlagene Rückgriff auf Streikstatistiken als Maß gewerkschaftlicher Militanz ist bereits aus Gründen der Objektivität (Kriterium 1) bedenklich. Wie in Kapitel 7 näher erläutert werden wird, existieren nämlich verschiedene Statistiken für Häufigkeit, Dauer und Umfang von Streiks, die nach Erkenntnissen von Ward & Zis (1974) keineswegs eng miteinander korreliert sind und die überdies durch teils gravierende Fehler, Auslassungen (z.B. kleinerer Streiks) und subjektive Einschätzungen geprägt sind. Ferner wird in der amtlichen Bundesstatistik weder in gewerkschaftlich organisierte und ''wilde" noch in lohnbezogene und andere Streiks unterschieden, was jedoch für eine eindeutige Analyse von gewerkschaftlicher Streiktätigkeit und Lohninflation wichtig wäre. Diese Problematik sowie die Vernachlässigung anderer gewerkschaftlicher Sanktionsmöglichkeiten wie Ar1) Vgl. die Übersichten von Parsley (1980), Jackman, Mulvey & Trevithick (1981, Kap.4), Meyer (1983) und von Gärtner (1981, S.273), der resümiert: "Die Mehrzahl der Autoren, die sich zu diesem Thema geäußert haben, scheint jedoch die Hinessche Hypothese für wenig plausibel zu halten und anderen Erklärungen des beobachteten empirischen Phänomens den Vorzug zu geben". Eine solche, wegen ihrer in Kapitel 7 erläuterten Bedeutungslosigkeit für bundesdeutsche Arbeitsmarktverhältnisse noch nicht erwähnte Alternativerklärung könnte sein, daß der Schätzkoeffizient von 60 nur das in Großbritannien bedeutsame gewerkschaftliche Lohndifferential grob widerspiegelt, was mit Erkenntnissen von Mulvey & Gregory (1977) sowie von Pencavel (1977) vereinbar wäre. Ferner interpretiert Thomas (1977) die von ihm in modifizierten Phillips-Kurven von sechs Industrieländern festgestellte Signifikanz des gewerkschaftlichen Organisationsgrades ausdrücklich nicht als Anzeichen für Militanz, sondern für abschwächende Einflüsse der gewerkschaftlichen Organisierung auf den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Lohnentwicklung.
69 beitsverzögerungen, Überstundenverweigerung, Dienst nach Vorschrift oder erhöhte Abwesenheit vom Arbeitsplatz durch die alleinige Konzentration auf Streiks beschränken auch die im zweiten Kriterium geforderte Sensibilität des Indikators. Nach Ansicht von Laidler & Parkin (1975) ergibt sich überdies eine Überschätzung der Beziehung zwischen Streiks und Löhnen, falls Streiks das Ergebnis nicht übereinstimmender Inflationserwartungen beider Tarifvertragsparteien sind und solche Erwartungsdivergenzen mit steigenden Inflationsraten zunehmen, oder falls die saisonale Komponente von Streikaktivitäten nicht angemessen berücksichtigt wird. Purdy & Zis (1974) weisen ferner darauf hin, daß an einem Arbeitskonflikt schließlich zwei Parteien beteiligt sind und Streiks deshalb auch als ein Indikator des Arbeitgeberwiderstandes interpretiert werden könnten, was dem dritten Kriterium der Eindeutigkeit widerspricht. Nicht zuletzt wegen der Beteiligung zweier Parteien überrascht es auch nicht, daß die wenigen Modelle der Lohnbildung, die Streikaktivitäten explizit berücksichtigen und damit dem vierten Kriterium entsprechen, meist entweder wie Johnston (1972) bzw. Johnston & Timbre!! (1973) das Vorzeichen der Lohn-Streik-Beziehung nicht eindeutig vorherzusagen bzw. empirisch zu bestimmen vermögen oder gar wie Geroski, Hamlin & Knight (1982) Streiks als Zeichengewerkschaftlicher Verhandlungsschwäche interpretieren. Letztere stoßen bei ihrer Querschnittsanalyse für Großbritannien - wie auch Blejer (1981) für Chile und Gärtner (1983) für die Bundesrepublik Deutschland -überdies auf eine Simultanitätsbeziehung zwischen Lohnerhöhungen und Streiks, die Geroski, Hamlin & Knight (1982, S.289) wie folgt interpretieren: "such statements as 'strikes cause wage rises' make no sense. Rather, the two are joint products of the bargaining process". Dazu paßt auch die bereits in der grundlegenden Untersuchung von Ashenfelter & Johnson (1969) festgestellte und für die Bundesrepublik Deutschland durch mehrere Arbeiten von Gärtner (1983, 1985a,b) bestätigte empirische Evidenz der Abhängigkeit der Streikaktivität von ökonomischen Variablen wie z.B. der Arbeitslosenrate oder der Lohnentwicklung. Deshalb kann die Streiktätigkeit keineswegs als ein von Schwankungen der Konjunktur und der Arbeitsnachfrage unabhängiger Militanzindikator und die Kausalrichtung der Beziehung von Lohnentwicklung und Streiks keinesfalls als theoretisch und empirisch eindeutig angesehen werden.
70 Da Streiks somit keines der von Purdy & Zis (1974) aufgestellten Kriterien für einen guten Indikator der Stärke des gewerkschaftlichen Einflusses auf die Lohnbildung erfüllen, überrascht es nicht, daß die mit ihrer Verwendung einhergehende internationale empirische Evidenz nicht eindeutig ausfällt. Untersuchungen von Ashenfelter, Johnson & Pencavel (1972), Ward & Zis (1974), Laidler (1976) 1) und Phipps (1977) zeigen, daß Streikaktivitäten in den USA, Italien, Frankreich und Australien zu signifikanten Lohnund Preissteigerungen führten, während Inflationseffekte für die Niederlande, Japan, die Schweiz und die Bundesrepublik Deutschland nicht nachgewiesen werden können. Für die Bundesrepublik finden jedoch Fautz (1979) und Gärtner (1985b) einen signifikanten Einfluß der Streiktätigkeit auf die Tariflohnentwicklung. Allerdings erstreckt sich ein solcher stabiler und signifikanter Streikeinfluß nach Beobachtungen von Pauly (1978, S.362) wie von Fautz (1979) nicht auch auf die Effektivlohnentwicklung und er ist überdies abhängig von der jeweils verwendeten Streikstatistik. Damit wird das bereits oben diskutierte Problem der mangelnden Objektivität und Eindeutigkeit dieses Indikators nochmals unterstrichen.2) Noch widersprüchlicher stellt sich die empirische 1) Laidler (1976) vergleicht in seiner internationalen Untersuchung die monetaristische Theorie, deren Überprüfung zu seiner Zufriedenheit ausfällt, mit der soziopolitischen Inflationserklärung, deren These eines autonomen gewerkschaftlichen Lohndrucks kaum Bestätigung findet. Da auch die gemeinsame Überprüfung beider Alternativtheorien in einer umfassenden Preisgleichung die Dominanz "monetaristischer" Erklärungsvariablen zeigt, schließt Laidler (1976, S.295) auf die Überlegenheit der monetaristischen Inflationserklärung: "Thus, the monetarist hypothesis performs better than the sociological one, while an attempt to add strike activity to a monetarist equation contributes only marginally to the explanation". Diese Schlußfolgerung wie auch die angeblich unausgewogene Vorgehensweise von Laidler (1976) einschließlich der Verwendung der Streiktätigkeit als autonomem Militanzindikator stoßen allerdings auf scharfe Kritik von Pfister (1981, S.101), der sie "von der Methode wie von der Intention her als Vulgärökonomie, hier speziell Vulgärmonetarismus" bezeichnet. 2) Diese Problematik wird auch anhand der internationalen Untersuchung von Layard & Nickell (1985) deutlich, die je nach untersuchtem Land völlig unterschiedliche Indikatoren verwenden (für Frankreich und Japan die Anzahl der Streiks pro Beschäftigten, für die Bundesrepublik die Streikausfalltage pro Beschäftigten und für Großbritannien das gewerkschaftliche Lohndifferential), um einen Einfluß gewerkschaftlicher Macht auf die Lohnentwicklung nachweisen zu können. Allerdings führt gewerkschaftlicher Lohndruck im Rahmen des Modells von Layard & Nickel! (1985, 1986) -in übereinstirrrnung mit der in Kapitel 6 dargestellten neueren Gewerkschaftstheorie -nicht zu Inflation, sondern zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit; vgl. auch Kapitel 7.
71 Überprüfung für Großbritannien dar, wo bei Verwendung der Streiktätigkeit als Militanzindikator die Lohndruckhypothese von Johnston & Timbrell (1973) sowie Ward & Zis (1974) verworfen, von Godfrey & Taylor (1973) jedoch bestätigt wird. Dies veranlaßt Zis (1977, S.53) nach eigenen, ebenfalls nicht eindeutigen Überprüfungen zu einer Feststellung, die allgemeine Gültigkeit haben dürfte: "conclusions regarding the role of trade unions in generating wage inflation that are based on wage equations in which strikes feature as an independent variable ..• must be treated with caution". 4.2.3. Dummyvarlablen als Milltanzlndikatoren Eine dritte Möglichkeit der empirischen Überprüfung des gewerkschaftlichen Einflusses auf die Lohnentwicklung besteht in der Verwendung von Durnmyvariablen. Diese Variablen nehmen in Perioden, die in der Literatur übereinstimmend als Phasen gewerkschaftlichen Lohndrucks bzw. gewerkschaftlicher Zurückhaltung dargestellt werden, den Wert 1 und sonst den Wert O an. Anhand der Signifikanz und Größe ihres Schätzkoeffizienten läßt sich die Existenz und Stärke des postulierten Gewerkschaftseinflusses feststellen. Da Dummyvariablen konstruktionsbedingte Probleme der fehlenden Sensibilität wie auch der mangelnden eindeutigen theoretischen Absicherung und damit der Subjektivität aufweisen, vermögen sie die oben angeführten Kriterien für einen Indikator des dauerhaften Gewerkschaftseinflusses allesamt nicht zu erfüllen. Ihre Verwendung kann deshalb nur zur Untersuchung eines allgemein als außergewöhnlich und zeitlich begrenzt angesehenen gewerkschaftlichen Einflusses gerechtfertigt werden. l) Für die Bundesrepublik Deutschland herrscht in der Literatur weitgehende Übereinstimmung, daß ein solcher Gewerkschaftseinfluß vor allem in zwei aufeinanderfolgenden Zeitabschnitten zum Tragen gekommen sein dürfte: in einer Phase der Lohnzurückhaltung im Rahmen der "Konzertierten Aktion" von 1967 bis zu den wilden Streiks damit nicht einverstandener Arbeitnehmer im Herbst 1969, und in einer darauf folgenden Phase gewerkschaftlichen Lohndrucks, die ihren Höhe1) Vgl. Gordon (1977, S.426), der feststellt: "The use of dunvny variables ... is generally accepted as legitimate when some a priori reason suggests treating a particular period as unique".
72 punkt in dem Anstieg der im folgenden untersuchten effektiven Nominallöhne von fast 16% im Jahre 1970 fand. l) In internationalen empirischen Untersuchungen bestätigen sowohl Perry (1975) als auch Gordon (1977) die Signifikanz der Lohndruck-Dummyvariablen des Jahres 1970 für die Bundesrepublik Deutschland; allerdings erweist sich die nur von Gordon (1977) getestete Dummyvariable der gewerkschaftlichen Lohnzurückhaltung als insignifikant. Signifikante Erklärungsbeiträge von Dummyvariablen des gewerkschaftlichen Lohndrucks finden sich auch in Lohngleichungen für Italien, Frankreich, Schweden und Großbritannien, doch setzen sich diese autonomen Lohnbewegungen nach Erkenntnissen von Gordon (1977) nur in Großbritannien auch in eine Erhöhung des Preisniveaus um. Gordon (1977) schenkt bei seiner Untersuchung Kausaleinflüssen im Sinne von Granger (1969) besondere Beachtung und stellt fest, daß in allen untersuchten Ländern Lohnveränderungen keine dauerhaften kausalen Einflußfaktoren einer monetären Reaktionsfunktion der Zentralbank darstellen. Dies steht im Widerspruch zur soziopolitischen Erklärung der Inflation als einer durch Lohnsteigerungen verursachten Geldmengenexpansion, bestätigt aber die monetaristische Annahme einer nichtakkommodierenden Geldpolitik. Obwohl weitere Tests auch Schwächen der monetaristischen Inflationserklärung aufzeigen, kommt Gordon (1977) in seinem Vergleich beider Ansätze zu dem Schluß, die monetaristische Theorie vermöge Inflation besser zu erklären als die soziopolitische bzw. Lohndruck-Hypothese. 4.2.4. Ein kurzes Fazit Die obigen Darlegungen zeigen, daß -nicht nur aus soziopolitischer Sicht - die Messung wie auch die empirische Überprüfung des gewerkschaftlichen Einflusses auf die Entwicklung der Löhne und Preise keineswegs zur vollständigen Zufriedenheit ausfallen. Dies dürfte nicht zuletzt auf das Fehlen eines 1) Vgl. Bergmann, Jacobi & Müller-Jentsch (1976, S.246-251), Berndt (1977, Kap.4.2) sowie Müller-Jentsch (1986, S.260), der feststellt: "Am effektivsten erwies sich die 'Konzertierte Aktion' in den Jahren 1967-69: in diesen Jahren lagen die gewerkschaftlichen Tarifabschlüsse sehr nahe an den Orientierungsdaten. Nach den 'wilden Streiks' im September 1969 wichen die Tarifabschlüsse in den Jahren 1970/71 erheblich von den Orientierungsdaten ab."
73 optimalen Indikators für gewerkschaftliche Macht und Militanz zurückzuführen sein. Allerdings ließe sich die unabhängig von der Verwendung von Dunvnyvariablen oder Streikund Gewerkschaftsvariablen gleichbleibend unzureichende empirische Evidenz, verbunden mit einer ebenso unbefriedigenden theoretischen Grundlage, auch als Zeichen für die Unangemessenheit der soziopolitischen Inflationserklärung deuten. Bevor jedoch ein solches Verdikt ausgesprochen werden kann, soll zuerst durch eigene Schätzungen mit Einund Mehrgleichungsmodellen sowie unter Verwendung von Kausalitätstests der Zusammenhang zwischen gewerkschaftlicher Macht bzw. Militanz und Inflation für die Bundesrepublik Deutschland empirisch überprüft werden. 4.3. Empirische OberprOfungen für die Bundesrepublik Deutschland 4.3.1. Oberprilfungen der Signifikanz verschiedener Militanzindikatoren in einer aggregierten Lohngleichung Grundlage der Überprüfung des gewerkschaftlichen Einflusses auf die Lohnentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland ist die folgende Nominallohngleichung, in der als abhängige Variable die im vorigen Kapitel bereits als erklärende Variable benutzte prozentuale Veränderungsrate des Einkommens aus unselbständiger Arbeit pro Beschäftigten, 8Wt, Verwendung findet: l) (4.4) 1) Diese Konsistenz bei der Verwendung von Variablen ist eine Voraussetzung für die später folgenden Schätzungen simultaner Gleichungssysteme, doch wäre in diesem Falle die Verwendung der Tariflöhne -anstatt der hier und in vielen internationalen wie auch in den auf die Bundesrepublik bezogenen Untersuchungen von Ward & Zis (1974) und Pauly (1978) verwendeten Effektivlöhne - aus theoretischen Gründen eventuell vorzuziehen. Allerdings steht der vom Statistischen Bundesamt in seiner Fachserie 16 (Reihe 4.3) ausgewiesene Gesamt-Tariflohnindex erst ab 1958 und die entsprechende Veränderungsrate somit erst ab 1959 zur Verfügung, was eine Betrachtung des im vorigen Kapitels verwendeten Schätzzeitraumes 1955-1984 sowie entsprechende Simultanschätzungen unmöglich machen würde. überdies stellt Fautz (1979, 1980) eine sehr enge Korrelation der Veränderungsraten der Tarifund Effektivlöhne fest, wenn auch letztere etwas schwächer bzw. eher indirekt von gewerkschaftlichen Aktivitäten beeinflußt werden dürften; vgl. auch Deutschmann & Schmiede (1983) und Ibler (1986).
74 Die möglicherweise umstrittenste der erklärenden Variablen, die im Anhang definiert und erläutert werden, dürfte die Arbeitslosenrate Ut sein, deren Verwendung in Lohngleichungen durch neuere Schätzungen für OECD-Länder von Grubb (1986) und von Knoester & Windt (1987) jedoch eindeutig gerechtfertigt wird. Ein solcher in der Phillips-Kurve zum Ausdruck kommender Zusammenhang von Arbeitsmarktverhältnissen und Lohnentwicklung, der sich mit Ramser (1976) auch entscheidungstheoretisch als formaler Ausdruck einer optimalen gewerkschaftlichen Anpassungsund Verhandlungsstrategie interpretieren läßt, steht jedoch im Widerspruch zu der von Hines (1964) postulierten und hier zu überprüfenden "autonomen" Beeinflussung der Löhne durch gewerkschaftliche Militanz. Dem Einfluß der Preisentwicklung bzw. der Inflationserwartungen wird in Gleichung (4.4) - wie auch bei Fautz (1979) - durch die Verwendung der aktuellen Inflationsrate ßPt Rechnung getragen. Diese zunächst als exogen betrachtete Variable wird später durch die Verwendung einer Preisgleichung in Simultanschätzungen endogenisiert werden, da sie in einer Wechselbeziehung zu ßWt stehen könnte. Ein weiterer positiver Einflußfaktor der Lohnentwicklung dürfte in der Entwicklung der volkswirtschaftlichen Produktivität, ßPRt, zu sehen sein. Diese ist hier als Veränderungsrate eines gleitenden Zweijahresdurchschnitts spezifiziert, der sich bei den Schätzungen von Knoester & Windt (1987) für die Bundesrepublik Deutschland als hochsignifikant erwiesen hat. Die letzte in Gleichung (4.4) verwendete Erklärungsvariable ist die Veränderungsrate der direkten Abgabenlast, ßABt, d.h. des Keils, den gesetzliche Regelungen zwischen denjenigen Betrag, der für die Arbeitgeber nach Bezahlung von Sozialversicherungsbeiträgen die Kosten des Faktors Arbeit darstellt, und den nach Abzug der Lohnsteuer für die Arbeitnehmer übrigbleibenden Betrag treiben. Die Abgabenlast und ihre überwälzbarkeit von Arbeitnehmern auf Arbeitgeber in Tarifverhandlungen spielt besonders in den Modellen und Schätzungen von Layard & Nickell (1985, 1986), Knoester & Windt (1987) und Tullio (1987) eine große Rolle, doch berücksichtigen auch schon die empirischen Arbeiten von Johnston & Timbrell (1973) und Pauly (1978) den möglichen Einfluß des Steuersystems auf die Lohnentwicklung. Wie aus Tabelle 4.1 ersichtlich, erweisen sich die oben diskutierten Variablen bei einer Schätzung von Gleichung (4.4) mittels der Methode der klein-
Tabelle 4.1: OLS-Schätzungen einer um Militanzindikatoren erweiterten Lohngleichung (6W), 1955-1984 Regression: 4.4 4.4a 4.4b 4.4c 4.4d 4.4e 4.4f 4.4g 4.4h 4.4i 4.4k Prüfmaße: R' 0,781 0,857 0,794 0,794 0,785 0,786 0,789 0,789 0,910 0,805 0,914 SER 1,436 1, 187 1,424 1,452 1,452 1,451 1,440 1,439 0,940 1,384 0,937 F 22,313 28,678 18,455 14,791 17,554 17,595 17,946 17,971 48,562 19,799 40,877 DW 1,857 2,086 1,724 1,733 1,993 1,999 1,982 1,966 1,931 1,805 2,000 Koeffizifflten: Konst. 1,884 3,499 1,776 -0,074 1,609 1,603 1,680 1,776 0,959 3,575 1,740 (1,040) (2,237) (0,988) (0,010) (0,858) (0,856) (0,919) (0,977) (0,802) (1,781) (1,242) ut -0,440 -0,331 -0,382 -0,407 -0,452 -0,454 -0,467 -0,473 -0,363 -0,520 -0,401 (3,341) (2,922) (2,733) (2,337) (3,363) (3,374) (3,456) (3,468) (4,157) (3,843) (4,256) 6Pt 0,860 0,484 0,782 0,764 0,889 0,891 0,877 0,875 1,022 0,630 0,914 (3,692) (2,203) (3,263) (3,010) (3,714) (3,723) (3,746) (3,742) (6,598) (2,408) (4,946) 6PRt 0,937 0,625 1,021 0,988 0,968 0,966 0,949 0,931 1,018 0,777 0,944 (3,621) (2,702) (3,840) (3,279) (3,644) (3,651) (3,653) (3,588) (5,987) (2,917) (5,157) Mßt 0,927 0,877 0,908 0,944 0,903 0,906 0,853 0,863 0,394 1,103 0,496 (2,692) (3,080) (2,658) (2,510) (2,580) (2,595) (2,408) (2,456) (1,621) (3,173) ( 1 , 902) 6\ 0,811 (3,553) 60t 0,251 0,247 (1,201) (1,156) ot 0,062 (0,255) St O,CXXXXXl1 (0,676) (S/B\ 3,011 (O ,708) S\ 0,000002 (ST/B\ (0,941) 0,309 (0,956) D70 6,150 5,858 (5,864) (5,417) D6769 -1,720 -0,750 (1,707) (1,063) 4.41 0,932 0,838 52, 166 1,882 2,054 (1,801) -0,313 (3,909) 0,776 (4,687) 0,823 (4,899) 0,457 (2,098) 0,470 (2,688) 5,090 (5,017) " u,
76 sten Quadrate (OLS) als hochsignifikante Erklärungsfaktoren der Nominallohnentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland von 1955-1984. Während die Schätzkoeffizienten von 6Pt und 6PRt in der erwarteten Größenordung nahe 1 liegen, überrascht die Größe des Koeffizienten a4, dem zufolge es den Gewerkschaften in hohem Maße gelingt, in Tarifverhandlungen Nettoeinkommenszuwächse zu erzielen; allerdings bewegt sich auch dieser Schätzkoeffizient in dem von Knoester & Windt (1987) international festgestellten Rahmen von 0,4 bis 1. Der signifikante und negative Schätzkoeffizient der Arbeitslosenrate deutet auf die Existenz einer Phillips-Kurven-Beziehung für die Bundesrepublik hin, die jedoch erst nach gleichzeitiger Einbeziehung von Militanzindikatoren näher interpretiert werden sollte. Weitere potentielle Einflußfaktoren wie Unternehmensgewinne (vgl. Kaldor, 1959; Pauly, 1978; Ibler, 1986), Politikvariablen (vgl. Gärtner, 1980) oder "terms of trade"-Variablen (vgl. Grubb, 1986) weisen keinen zusätzlichen Erklärungswert auf. Somit kann Regressionsgleichung (4.4), die durch Abwesenheit von Autokorrelation sowie durch einen guten Erklärungswert gekennzeichnet ist und deren zeitliche Stabilität überdies durch Bestehen des Strukturbruchtests von Chow (1960) bestätigt wird, als Ausgangspunkt für die nun folgende Überprüfung der Signifikanz zusätzlicher Militanzvariablen verwendet werden. Dabei soll als erster Militanzindikator die Veränderungsrate der absoluten oder relativen gewerkschaftlichen Mitgliederstärke Berücksichtigung finden. Ergänzt man Gleichung (4.4) um die von Ashenfelter, Johnson & Pencavel (1972) und von Gärtner (1985b) erfolgreich verwendete Veränderungsrate der gewerkschaftlichen Mitgliederzahlen, 6Tt, so erweist sich in einer solchen, in Tabelle 4.1 wiedergegebenen OLS-Regressionsgleichung (4.4a) dieser Militanzindikator mit einem t-Wert von 3,55 als hochsignifikanter Erklärungsfaktor der Nominallohnentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland. Verwendet man jedoch statt der absoluten Mitgliederstärke die von Hines (1964, 1969) propagierte Veränderungsrate der relativen Mitgliederstärke, nämlich des Organisationsgrades (60t)' so weist deren Schätzkoeffizient in Regression (4.4b) nur noch einen t-Wert von 1,20 auf und ist somit statistisch nicht signifikant von Null verschieden. Auch wenn in Schätzgleichung (4.4c) der Empfehlung von Hines (1964) bzw. Dogas & Hines (1975) gefolgt und zur Berücksichtigung eventueller Niveaueffekte neben der Veränderungsrate zusätzlich die Höhe des Organisationsgrades einbezogen wird, ändert sich an
83 einer solchen Interpretation und weist auf ein Simultanitätsproblem hin, das im folgenden noch genauer untersucht werden soll. Im Gegensatz zu den Hypothesen 2b) und 2c) üben die Veränderung des gewerkschaftlichen Organisationsgrades oder die Streiktätigkeit keinen signifikanten positiven Kausaleinfluß auf die Lohnentwicklung aus; auch gleichzeitige Kausalität ist bei ihnen nicht feststellbar. 3) In Übereinstimmung mit Hypothese 3a) zeigt sich ein signifikanter und positiver, definitionsgemäß natürlich nur gleichzeitiger Kausaleinfluß der Dummyvariablen für gewerkschaftlichen Lohndruck im Jahre 1970 (D70), doch findet der in Hypothese 3b) postulierte negative Kausaleinfluß gewerkschaftlicher Lohnzurückhaltung bei Verwendung der Dummyvariablen D6769 keine Bestätigung. Analoges vorgehen bei Gleichungen des Geldangebotes und der Preisentwicklung führte zu folgenden Ergebnissen: 4) Während andere Faktoren wie die Arbeitslosigkeit oder die Preisentwicklung das Geldangebot nicht signifikant beeinflussen, übt die Nominallohnentwicklung 6W einen signifikanten positiven Kausaleinfluß (ohne gleichzeitige Kausalität oder Feedback) auf die Geldmengenänderung 6M1 aus. Dieses Ergebnis entspricht nicht der z.B. von Gordon (1977) und Tran Van Hoa (1981) bestätigten extremen monetaristischen Annahme eines vollkommen exogenen Geldangebotes, doch ist es mit der für eine soziopolitische Inflationserklärung notwendigen Annahme einer monetären Akkommodation vereinbar. 5) Die Beziehung zwischen der Nominallohnentwicklung 6W und der Inflationsrate 6P ist durch einen signifikanten positiven Kausaleinfluß von 6W auf 6P, aber auch durch gleichzeitige Kausalität und Feedback gekennzeichnet. Dieses Ergebnis entspricht zwar nicht der strengen postkeynesianischen Behauptung einer ausschließlichen Beeinflussung der Preise durch die Löhne ohne Feedback (vgl. Shannon & Wallace, 1985), doch ist es mit der vom soziopolitischen Erklärungsansatz postulierten Umsetzung von Lohnerhöhungen in Preiserhöhungen durchaus vereinbar. Allerdings muß es auch als Hinweis auf ein mögliches Simultanitätsproblem verstanden werden, das bei der Interpretation der gesamten Schätzergebnisse nicht unberücksichtigt bleiben darf.
84 Dieses Simultanitätsproblem wird dann besonders deutlich, wenn man sich bei der Betrachtung auf diejenigen zusammenhänge beschränkt, die - abgesehen von der festgestellten monetären Akkommodation und dem signifikanten einmaligen Lohndruck von 1970 -die Militanzhypothese noch stützen, nämlich die keineswegs unproblematischen Kausalbeziehungen zwischen ßT, ßW und ßP. 1) Problematisch ist hierbei, daß neben der jeweils zu beobachtenden gleichzeitigen Kausalität auch noch ein Kausaleinfluß von ßW nach ßT sowie eine gegenseitige Kausalbeziehung (Feedback) zwischen ßW und ßP existiert. Besteht in einer Modellgleichung eine gegenseitige simultane Beziehung zwischen erklärenden, aber nicht wirklich exogenen Variablen und der abhängigen Variablen, so führt eine Schätzung dieser Gleichung mittels der Methode der kleinsten Quadrate (OLS) zu verzerrten und inkonsistenten Schätzkoeffizienten der erklärenden Variablen, was als Simultanitätsproblem ("simultaneous equation bias") bezeichnet wird.2) Für die oben mit OLS geschätzte Lohngleichung (4.4a) besteht das Simultanitätsproblem darin, daß zwei ihrer signifikanten erklärenden Variablen, nämlich ßPt und ßTt' keineswegs exogen, sondern vielmehr von der abhängigen Variablen ßWt kausal beeinflußt sind. Ähnliches gilt für die im vorigen Kapitel mit OLS geschätzte Mitgliedergleichung (3.7), für deren wichtigste erklärende Variable ßWt nicht nur ein Kausaleinfluß auf die abhängige Variable ßTt, sondern auch gleichzeitige Kausalität mit ßTt festgestellt wurde. Bei der mit gleichzeitiger Kausalität verbundenen Unsicherheit über die kurzfristige Wirkungsrichtung schließt auch dieses Ergebnis ein Simultanitätsproblem nicht aus. Dieses Simultanitätsproblem, das die Vertrauenswürdigkeit der bisherigen OLS-Schätzergeb1) Um die von Lütkepohl (1982) und von Ungern-Sternberg (1987) aufgezeigte Gefahr von Fehlschlüssen durch Nichtberücksichtigung anderer relevanter Variablen in bivariaten Kausalitätstests auszuschließen, wurde -ähnlich wie z.B. von Shannon & Wallace (1985) -das modifizierte Verfahren von Hsiao (1981) ausgeweitet auf gemeinsame trivariate Tests der Kausalbeziehungen von ßT, ßW und ßP, doch ergaben sich dadurch keine Änderungen der oben gezogenen, auf bivariaten Tests basierenden Schlußfolgerungen. Daneben wurde noch einem weiteren potentiellen und z.B. von Shannon & Wallace (1985) geäußerten Einwand, nämlich daß nur über die Produktivitätsentwicklung hinausgehende Lohnerhöhungen inflationäre Effekte haben dürften, Rechnung getragen, doch zeigte sich auch bei Verwendung produktivitätsbereinigter Lohnerhöhungen der in Hypothese 5) postulierte Kausaleinfluß von ßW auf ßP. 2) Vgl. Pindyck & Rubinfeld (1976, Kap.5), Gujarati (1979, Kap.16) oder Judge et al. (1982, Kap.12).
85 nisse der Lohnund Mitgliedergleichungen unterminiert, kann jedoch nach Spezifizierung einer Preisgleichung durch Verwendung eines geeigneten Schätzverfahrens in einer simultanen Schätzung der Beziehung zwischen awt' apt und 6Tt überwunden werden. l) 4.3.3. Stmultanschätzungen der Entwicklung von Löhnen, Preisen und gewerkschaftlicher Mitgliederstärke Um der gegenseitigen Abhängigkeit von awt, apt und 6Tt durch Schätzung eines Simultanmodells Rechnung tragen zu können, muß neben den unverändert von oben bzw. aus Kapitel 3 übernommenen bevorzugten Erklärungsgleichungen der Nominallohnentwicklung (4.4a) und der gewerkschaftlichen Mitgliederentwicklung (3.7) auch noch eine Preisgleichung (4.6) spezifiziert werden, wobei sich das folgende 3-Gleichungs-Modell ergibt: (4.4a) (4.6) Die neu spezifizierte Preisgleichung (4.6) verwendet als erklärende Variablen die drei auch von Vomfelde (1984) festgestellten Haupteinflußfaktoren der Entwicklung des Preisniveaus in der Bundesrepublik Deutschland, nämlich die Nominallohnentwicklung (awt)' die Produktivitätsentwicklung (aPRt) sowie die laufende und verzögerte Änderung der Importpreise (6IMt,t-1 ). Sie ähnelt stark der oben dargestellten Preisgleichung (4.2) von Hines (1964), aber auch den in den Simultanmodellen von Ashenfelter, Johnson & Pencavel (1972) und Phipps (1977) verwendeten Preisgleichungen, und ist mit der für eine soziopolitische Inflationserklärung bedeutsamen Annahme einer unternehmerischen Aufschlagskalkulation vereinbar. Ebenso wie die bereits oben bzw. im vorigen Kapitel dargestellten Gleichungen der Lohnund Mitglieder1) Für eine ausführlichere Diskussion der zugrundeliegenden Problematik und der Wahl geeigneter simultaner Schätzverfahren, vgl. Pindyck & Rubinfeld (1976, Kap.9) und Judge et al. (1982, Kap.12,13).
86 Tabelle 4.2: OLSund 3SLS-Schätzungen mit 6W, 6P und 6T, 1955-1984 OLS-Schätzung von (4.6), mit statistischen Prüfmaßen 6Pt = 2,754 + 0,282 6Wt + 0,112 6IMt + 0,078 6IMt 1 (5,319) (4,898) (3,757) (2,297) --0,535 6PRt (4,180) R'=0,840 SER=O, 727 F=32,828 DW=1,655 3SLS-Simultanschätzungen von (4.4a), (4.6) und (3.7) 6Wt = 3,310 -0,433 Ut + 0,618 6Pt + 0,723 6PRt (1,201) (2,880) (1,755) (1,852) + 0,934 6Aßt + 0,287 6Tt (3,140) (0,846) SER=1, 180 DW=1,861 6Pt = 3,245 + 0,353 6Wt + 0,089 6IMt + 0,043 6IMt 1 (5,855) (5,156) (3,183) (1,301) --0,753 6PRt (5,203) SER=O, 706 DW=1,689 6Tt = -2,296 + 0,409 6Pt 1 + 0,218 6Wt -0,563 ut 1 + 0,465 ut 2 (2,667) (3,614) -(2,634) (3,751) -(3,003) - + 0,334 6Bt -0,019 MAt + 0,00007 6St (3,753) (2,183) (2,508) SER=0,587 DW=1,988 3SLS-Simultanschätzungen von (4.41), (4.6) und (3.7) 6Wt = 3,279 -0,397 Ut + 0,656 6Pt + 0,698 6PRt (1,664) (3,771) (2,541) (2,531) + 0,577 6ABt + 0,240 6Tt + 5,503 D70 (2,496) (0,995) (5,113) SER=0,809 DW=1,626 6Pt = 3,441 + 0,263 6Wt + 0,114 6IMt + 0,045 6lMt 1 (6,292) (4,332) (4,081) (1,363) - -0,6446PRt (4,711) SER=0,689 DW=1,587 6\ = -2,690 + 0,389 6Pt 1 + 0,270 6Wt -0,543 Ut 1 (3,486) (3,595) -(3,997) (3,752) -+ 0,475 ut 2 (3,121) - + 0,297 ßßt -0,018 MAt + 0,00007 6St (3,564) (2,204) (2,658) SER=0,563 DW=2,002
87 entwicklung weist auch diese im oberen Teil von Tabelle 4.2 wiedergegebene Preisgleichung (4.6) bei einer OLS-Schätzung einen hohen Erklärungswert sowie signifikante Einflußfaktoren in der Größenordnung der von Vomfelde (1984) betrachteten Literatur auf. Deshalb bilden diese drei überdies von Autokorrelation freien Gleichungen (4.4a), (4.6) und (3.7) eine gute Basis für eine Simultanschätzung der Beziehung zwischen 6Wt, 6Pt und 6Tt. l) Die simultane Schätzung des obigen Systems dreier überidentifizierter Gleichungen erfolgt unter Anwendung des von Zellner & Theil (1962) entwickelten dreistufigen Schätzverfahrens (3SLS), bei dem zuerst für jede Gleichung eine übliche zweistufige Instrumentalvariablenschätzung mit Verwendung aller exogenen Modellvariablen als Instrumente erfolgt und dann in einem weiteren effizienzsteigernden Schritt für die endgültige Schätzung Kovarianzbeziehungen zwischen den einzelnen Gleichungen berücksichtigt werden. In dem hier vorliegenden Fall eines linearen Gleichungssystems ergeben sich mit 3SLS konsistente und asymptotisch effiziente Schätzungen, die MaximumLikelihood-Schätzungen entsprechen.2) Wie aus den im mittleren Teil von Tabelle 4.2 dargestellten Ergebnissen einer 3SLS-Schätzung des obigen Gleichungssystems deutlich wird, führt eine Simultanschätzung in der Lohngleichung (4.4a) zu einem Signifikanzverlust der jeweils in mehreren Gleichungen verwendeten Erklärungsvariablen 6Pt, 6PRt und 6Tt. Doch während die Preisund die Produktivitätsvariable mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit von 10% statistisch immerhin noch relativ gut gegen Null gesichert sind, 1) Während die Abwesenheit von Autokorrelation der Residuen bei den Regressionen (4.4a) und (3.7) klar aus deren nahe am Idealwert von 2 liegenden Durbin-Watson-Statistik ersichtlich ist, fällt die DW-Statistik der Preisgleichung (4.6) knapp in den Unbestimmtheitsbereich, doch vennochte eine Anwendung der iterativen Schätzmethode von Cochrane & Orcutt (1949) keine signifikante Autokorrelation erster Ordnung aufzuzeigen. Auf Erweiterungen der Preisgleichung (4.6) um eine verzögerte Lohnvariable oder um eine Geldangebotsvariable wurde wegen deren mangelhafter Signifikanz verzichtet, wobei als Ergebnis umfangreicher Parallelschätzungen noch erwähnt werden sollte, daß die genaue Spezifikation der Preisgleichung keinen Einfluß auf das hier vorwiegend interessierende Verhalten von 6T in der Lohngleichung sowie auf die Stabilität der Mitgliedergleichung und die daraus gezogenen Schlußfolgerungen hatte. 2) Für ausführlichere Darstellungen und Erörterungen des 3SLS-Verfahrens und seiner Eigenschaften sowie Vergleiche mit alternativen Schätzverfahren sei auf Pindyck & Rubinfeld (1976, Kap.9) sowie Judge et al. (1982, Kap. 13) verwiesen. Die in TSP 4.0 verwendete Schätzmethode für 3SLS wird von Berndt et al. (1974) beschrieben.
88 wird der Militanzindikator 6Tt mit einem t-Wert von nicht einmal mehr 0,9 statistisch insignifikant. Dieses Ergebnis verstärkt sich noch, wenn man im obigen Gleichungssystem die bisherige Lohngleichung (4.4a) durch die um den Lohndruckdummy D70 ergänzte Lohngleichung (4.41) ersetzt, was bei den im unteren Teil von Tabelle 4.2 wiedergegebenen neuen 3SLS-Simultanschätzungen überdies zu einem deutlichen Rückgang der Standardfehler aller drei Schätzgleichungen führt. Jetzt sind alle restlichen Erklärungsvariableninder Lohngleichung (4.41) einschließlich des Lohndruckdummys für 1970 klar signifikant, während die endogenisierte Militanzvariable 6Tt wiederum keinen statistisch signifikanten Einfluß auf die Lohnentwicklung aufweist. Bei einer Betrachtung der 3SLS-Schätzergebnisse der anderen Gleichungen fällt auf, daß in der Preisg\eichung (4.6) im Gegensatz zu den anderen Erklärungsvariablen die verzögerte Importpreisvariable (6IMt_ 1) deutlich an Signifikanz verliert, was auf eine größere Bedeutung unverzögerter Einflußfaktoren der Preisentwicklung hinzuweisen scheint. Wesentlich interessanter ist jedoch das gute Abschneiden der Gleichung der gewerkschaftlichen Mitgliederentwicklung (3.7), bei der sich nur als quasi zu erwartendes Ergebnis einer Simultanschätzung ein Rückgang der Größe und Signifikanz des Schätzkoeffizienten der nun endogenen Lohnvariablen 6Wt und eine umgekehrte Entwicklung für 6Pt-! zeigt. Die Beta-Koeffizienten und damit die relative Bedeutung der beiden Variablen (wie auch von 6Bt) für die Mitgliederentwicklung liegen jetzt in der gleichen Größenordnung um 0,55. Da sich jedoch die Mitgliedergleichung (3.7) als robust erweist und sämtliche Erklärungsvariablen statistisch signifikant bleiben, können diese Simultanschätzungen als eindeutige Bestätigung der im vorigen Kapitel vorgenommenen ökonometrischen Darstellung und Interpretation der Haupteinflußfaktoren der gewerkschaftlichen Mitgliederentwicklung interpretiert werden. Aus der festgestellten Signifikanz der endogenisierten Lohnvariablen 6Wt in der Mitgliedergleichung sowie der eindeutigen Insignifikanz der endogenisierten Militanzvariablen 6Tt in der Lohngleichung bei 3SLS-Simultanschätzungen läßt sich schließen, daß die beobachtete Signifikanz des als exogen angenommenen Militanzindikators 6T in 0LS-Schätzungen nur die mit einem Wert von 0,77 ziemlich enge Korrelation (bzw. die gleichzeitige Kausalität) von 6Tt und 6Wt widerspiegelt. Der tatsächliche Kausaleinfluß verläuft jedoch entsprechend den Kausalitätstests und den Erkenntnissen im vorigen
89 Kapitel entgegengesetzt von 8W nach 8T. l) Da auch alle anderen getesteten Militanzindikatoren keinen signifikanten Erklärungsoder Prognosewert aufweisen, kann die Hypothese eines systematischen Einflusses gewerkschaftlicher Militanz auf die Nominallohnentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland somit empirisch nicht bestätigt werden, wohingegen starke Anzeichen auf die Existenz eines einmalig bedeutenden gewerkschaftlichen Lohndrucks im Jahre 1970 hinweisen. 4.4. Abschließende Betrachtungen Die obige Analyse des Einflusses von Gewerkschaften auf die Inflation zeigt, daß die soziopolitische Erklärung der Inflation als Folge eines aus gesellschaftlichen Verteilungskämpfen resultierenden gewerkschaftlichen Lohndrucks sowohl theoretisch als auch empirisch auf schwachen Füßen steht. Zwar ließe sich als Schutzbehauptung gegen die durchgeführten empirischen Tests eventuell einwenden, daß diese keine angemessene Überprüfung soziopolitischer Inflationshypothesen darstellten, doch fiele ein solcher Vorwurf auf die soziopolitische Inflationserklärung selbst zurück, die bis heute nicht fähig oder willens war, eindeutig überprüfbare Hypothesen und adäquate Testverfahren zu entwickeln. Somit erscheint es vertretbar, aus der festgestellten Insignifikanz sämtlicher unterschiedlicher Militanzindikatoren sowie aus entsprechenden Ergebnissen disaggregativer Untersuchungen von Moore (1981) und Deutschmann & Schmiede (1983) auf das Fehlen eines dauerhaften und systematischen, autonomen Einflusses gewerkschaftlicher Aktivitäten auf Lohnentwicklung und Inflation in der Bundesrepublik Deutschland zu schließen. Dies bedeutet jedoch nicht, daß Gewerkschaften nicht unter bestimmten Rahmenbedingungen in der Lage sein könnten, einen einmalig spürbaren Lohndruck auszuüben und extrem erscheinende Lohnerhöhungen durchzusetzen, wie dies im 1) Dies deckt sich mit Untersuchungsergebnissen von Schmidt & Strauss (1976) und bestätigt eine Vermutung von Milton Friedman (1951, S.231): "The difficulty is not so much that strong unions will produce inflation as that inflation will produce streng unions •••• Wherever unions exist or are created, the rises in wage rates, as earlier noted, will take place through the medium of the unions, and the unions will receive credit for the wage rises. This will tend to strengthen the hold of the unions on the workers and greatly to increase their political power."
90 Jahre 1970 infolge einer jahrelang der Produktivitätsentwicklung hinterherhinkenden Lohnentwicklung und einer entsprechenden Verschlechterung der Verteilungsposition der Arbeitnehmer der Fall war. Ferner schließt die präsentierte empirische Evidenz nicht aus, daß institutionelle Details des kollektiven Tarifverhandlungssystems - in dem Gewerkschaften jedoch nur eine von zwei Parteien darstellen -inflationsfördernd wirken und daß Gewerkschaften für Lohnrigiditäten bzw. asymmetrische Anpassungen der Löhne an Veränderungen der Arbeitsmarktbedingungen verantwortlich sein können. l) überdies kann man aus der Zurückweisung der soziopolitischen Inflationserklärung nicht auf die Gültigkeit der monetaristischen Theorie schließen, da dies eine Überinterpretation der vorgelegten Ergebnisse darstellen würde. Allerdings dürfte einer der ~auptgründe für das schlechte Abschneiden der soziopolitischen Inflationserklärung in der besonders von Monetaristen kritisierten Tatsache zu sehen sein, daß sie weitgehend eine ad-hoc-Erklärung ist und sich nicht auf eine mikroökonomisch fundierte Theorie optimierenden Gewerkschaftsverhaltens stützt, die den Gegenstand der beiden folgenden Kapitel darstellt. 1) Vgl. Mitchell (1980) und Hirsch & Addison (1986, Kap.8) sowie die Diskussion der ökonomischen Theorie der Gewerkschaft in den Kapiteln 5 und 6.
91 5. DIE ÖKONOMISCHE ANALYSE GEWERKSCHAFTLICHEN VERHALTENS: ÄLTERE ERKLÄRUNGSANSÄTZE In seinem vielzitierten Übersichtsartikel über Versuche einer ökonomischen Analyse von Gewerkschaften zog G.E. Johnson (1975, S.23f.) eine Schlußfolgerung, die auch heute noch die vorherrschende Meinung vieler Ökonomen und Nichtökonomen zu sein scheint: "the problem of modeling trade union behavior has proved tobe virtually intractable •••• The absence of a solid theoretical foundation has handicapped the economic analysis of trade unions and has surely contributed to its decline in relative attention." Diese pessimistische Einschätzung von Johnson (1975) entspricht allerdings kaum mehr dem heutigen Stand der wissenschaftlichen Entwicklung. Der Grund dafür ist eine Fülle von Arbeiten zur theoretischen und empirischen Gewerkschaftsforschung, die insbesondere in den achtziger Jahren dieses Forschungsgebiet zu einem der am stärksten wachsenden Bereiche der Wirtschaftswissenschaften werden ließ. 1) Anknüpfend an diese besonders in Großbritannien, den USA und den skandinavischen Ländern zu beobachtende Entwicklung soll in diesem und den folgenden Kapiteln gezeigt werden, daß eine ökonomische Modellierung gewerkschaftlichen Verhaltens möglich ist und aufschlußreiche Erkenntnisse über Lohn-, Beschäftigungsund Wohlfahrtseffekte von Gewerkschaften zu liefern vermag. Nach Schaffung eines geeigneten Rahmens für ökonomische Analysen werden zuerst die von Johnson (1975) angesprochenen älteren Modelle gewerkschaftlichen Handelns und deren Unzulänglichkeiten diskutiert. Im nächsten Kapitel erfolgt dann eine Darstellung der modernen mikroökonomischen Theorie der Gewerkschaft und ihrer Annahmen, Ergebnisse, Beschränkungen und Ausbaumöglichkeiten. Diese bildet zugleich die Grundlage für die Diskussion gewerkschaftlicher Wohlfahrtseffekte in den folgenden Kapiteln. 1) Ausdruck dieser Entwicklung sind die Sammelbände, überblicksartikel und Lehrbücher von Reid (1983), Rosa (1984), Hutchinson & Treble (1984), Calmfors & Horn (1986b), Hirsch & Addison (1986), Farber (1986) und Oswald (1985, 1986, 1987) sowie die vielbeachtete und in Kapitel 8 näher erörterte alternative Gewerkschaftsinterpretation von Freeman & Medoff (1979, 1984).
92 5.1. Rahmenbedingungen einer ökonoaischen Analysegewerkschaftlichen Verhaltens Versuche einer ökonomischen Modellierung von Gewerkschaften als rationale, optimierende Institutionen lassen sich zurückverfolgen bis zu Dunlop (1944), der feststellt (S.4): "An economic theory of a trade union requires that the organization be assumed to maximize (or minimize) something." Ein derartiger Ansatz stößt jedoch, wie bereits in Kapitel 1 dargelegt, auf den Widerspruch von Ross (1948, S.8), der glaubt: "the wage policy of unions ... is not tobe found in the mechanical application of any maximization principle". Versucht man zu präzisieren, welche Zielfunktion Gewerkschaften optimieren, so kann man auf die in Kapitel 1 angesprochenen Definitionen zurückgreifen, nach denen Gewerkschaften die wirtschaftliche und soziale Lage der Arbeitnehmer absichern und verbessern wollen. Als Hauptziele der Gewerkschaften werden daher in der Literatur meist die Erhöhung der Löhne und das Erreichen einer hohen Beschäftigung genannt. 1l Der Begriff "Löhne" wird dabei möglichst weit gefaßt und schließt Lohnnebenkosten aller Art, Prämien für Überstunden, Pensionszahlungen, Urlaubsgeld, Arbeitsbedingungen etc. ein, die alle als Kosten des Produktionsfaktors Arbeit betrachtet werden körinen, während unter "Beschäftigung" die Anzahl der beschäftigten Arbeitnehmer (vorzugsweise Gewerkschaftsmitglieder) verstanden wird. Im ökonomischen Sprachgebrauch bedeutet dies, daß die Gewerkschaft eine Nutzenfunktion U = U(W,B) ( 5. 1) maximiert, deren Argumente der Lohnsatz Wund die Beschäftigtenzahl B sind. Während jedoch in der traditionellen Lohntheorie meist stillschweigend von einer Identität der Interessen der Mitglieder sowie zwischen Mitgliedern 1) Löhne und Beschäftigung sind neben nichtquantifizierbaren Wünschen nach sozialer Sicherheit und Mitbestimmung auch die Interessenschwerpunkte der Arbeitnehmerschaft, die in von Nickel (1974, S.107f. ,280) veröffentlichten Umfragen des DGB zum Ausdruck kommen. Gärtner (1980) postuliert in seiner polit-ökonomischen Untersuchung eine alternative Zielfunktion der Gewerkschaft, die neben Löhnen als weiteres Argument die von Regierung und Opposition zu erwartenden legislativen Leistungen enthält.
99 Verhandlungsprozeß zwischen beiden Parteien zunächst einmal abgesehen werden soll. Da diese Annahmen, die im übrigen später gelockert oder hinterfragt werden, theoretische Extreme darstellen, sollten die folgenden Analysen wohl eher als Beschreibungen der Versuche denn als Darstellung der tatsächlich erreichten Ergebnisse gewerkschaftlichen Handelns gesehen werden. Vor diesem Hintergrund einer Gewerkschaft, die eine Löhne und Beschäftigung umfassende Nutzenfunktion zu maximieren sucht und sich dabei einer in der Nachfragekurve zum Ausdruck kommenden inversen Beziehung beider Variablen gegenübersieht, sollen nun einige einfache ältere Modelle gewerkschaftlichen Verhaltens diskutiert werden. 5.2. Xltere ökonomische Modelle gewerkschaftlichen Verhaltens 5.2.1. Zur Frage der Maximierung einer einzigen Variablen Stellt man, anknüpfend an das oben erwähnte Zitat von Dunlop (1944), die Frage, welche Zielgröße Gewerkschaften maximieren, so stößt man in der Öffentlichkeit auch heute noch häufig auf die simple Antwort "Löhne", die wohl ähnlich alt wie die Gewerkschaften selbst ist. Allerdings führt eine reine Maximierung des Individuallohnes, die bedeuten würde, daß Gewerkschaften indifferent gegenüber der Beschäftigungsmenge wären, logischerweise dazu, daß die Gewerkschaft mit ihren Lohnforderungen so lange der Arbeitsnachfragekurve entsprechend hochgehen müßte, bis im Extremfall nur noch ein einziger Arbeitnehmer zu einem äußerst hohen Lohnsatz beschäftigt wäre. Zwar vermag Rees (1977, Kap.3) als Beispiel für ein solches Verhalten die US-Gewerkschaft der United Mine Workers anzuführen, doch weist auch er auf die mangelnde Plausibilität eines solchen Modells hin, das die Mitgliederzahl und den Bestand der Gewerkschaft völlig vernachlässigt. Da auch das entgegengesetzte Ziel einer Maximierung der Beschäftigung nur dazu führen würde, daß eine größtmögliche Anzahl von Arbeitnehmern zum Wettbewerbslohn beschäftigt wäre und eine Gewerkschaft sich somit als überflüssig erwiesen haben würde, wird klar, daß Gewerkschaften nicht als Maximierer einer einzigen Lohnoder Beschäftigungsvariablen gesehen werden können.
100 5.2.2. Das Modell des bilateralen Monopols mit einer rentenmaximierenden Gewerkschaft Eine andere Möglichkeit der ökonomischen Modellierung gewerkschaftlichen Handelns besteht darin, Gewerkschaften analog zu Gütermarktmonopolisten zu betrachten und auf sie die neoklassische Theorie der gewinnmaximierenden Unternehmung anzuwenden. Dies läßt sich anhand des in Schaubild 5.2 dargestellten Falles des bilateralen Monopols verdeutlichen, in dem eine starke Gewerkschaft als monopolistische Verkäuferin von gewerkschaftlich organisierter Arbeit mit einer Arbeitsangebotskurve A einem starken monopsonistischen Arbeitgeber mit fallender Arbeitsnachfragekurve (Grenzerlösproduktkurve) N gegenübergestellt wird. w A w. w, ~ N-GEP C N' 0 8 1.2 e, B Schaubild 5.2 Der gewinnmaximierende monopsonistische Arbeitgeber wird die Grenzarbeitskostenkurve A', die ausdrückt, daß zusätzliche Arbeitskräfte nur zu höheren Lohnsätzen (für alle Beschäftigten) zu bekommen sind, mit seiner Grenzerlösproduktkurve N gleichsetzen, da im Schnittpunkt H beider Kurven die zusätzlichen Kosten einer Beschäftigungsausweitung genau den zusätzlichen Erlösen eines solchen Vorgehens entsprechen. Der so bestimmten Beschäftigungsmenge B 1 entspricht der Lohnsatz W 1, da dieser durch die Angebotskurve A bestimmt wird. Verglichen mit der Wettbewerbslösung (W 0 ,B 0) fallen im Monopson sowohl
101 Beschäftigung B 1 als auch Lohnsatz W 1 geringer aus, wobei die bestehende Divergenz zwischen Grenzerlösprodukt der Arbeit und gezahltem Lohnsatz gelegentlich als Ausbeutung interpretiert und als Existenzberechtigung für eine gewerkschaftliche Gegenmacht gesehen wird. 1l Eine monopolistisch agierende Gewerkschaft wird die Grenznachfragekurve nach Arbeit N', die die Zunahme der gesamten Lohnsumme durch die Beschäftigung einer zusätzlichen Arbeitskraft zu einem entsprechend niedrigeren Lohnsatz reflektiert, mit dem durch A ausgedrückten Angebotspreis der Arbeit gleichsetzen. Dies ergibt eine Beschäftigung in Höhe von B 2, die in Schaubild 5.2 nur aus Gründen der Übersichtlichkeit mit B 1 zusammenfällt. Der entsprechend der Grenzerlösproduktkurve angestrebte Lohnsatz W 2 maximiert dann die ökonomische Rente (CGHW 2) der Beschäftigten, d.h. den kollektiven Lohnüberschuß verglichen mit den individuellen Angebotspreisen der Arbeitnehmer. Die Differenz GH zwischen den jeweils angestrebten Lohnsätzen W 1 und W 2 spiegelt den Verhandlungsbereich zwischen Arbeitgeber und Gewerkschaft wider, wobei die tatsächlich resultierende Lohnhöhe zunächst einmal unbestimmt ist und von der Verhandlungsmacht beider Seiten abhängt. Nach einer tariflichen Einigung über den Lohnsatz ist es für beide Seiten von Vorteil, wenn der Arbeitgeber die zunächst aus Verhandlungsgründen beschränkte Beschäftigungsmenge B 1,2 ausweitet, soweit dies die Arbeitsangebotsbzw. Arbeitsnachfragekurve zuläßt. Wenn der vereinbarte Lohnsatz nicht zufälligerweise w 0 ist, ergibt sich in diesem Modell jedoch eine geringere Beschäftigung als im Wettbewerbsfall (W 0 ,B 0 ). Zwar vermag das Modell des bilateralen Monopols einen Eindruck davon zu geben, was die Extremfälle, Beschränkungen und Implikationen optimierenden gewerkschaftlichen und unternehmerischen Handelns und Verhandelns sein können, doch leidet es unter Konstruktionsproblemen, die vor allem die Angebotskurve und die Rentenmaximierung der Gewerkschaft betreffen und den Erklärungswert dieses Modells in Frage stellen. 1) Vgl. Mulvey (1978, S.50ff.); für eine ausführlichere Diskussion von Monopson und Ausbeutung auf dem Arbeitsmarkt sei auf Cartter (1959, Kap.6) verwiesen, der resümiert (S.69): "The conclusion reached after a survey of implications of this well-accepted definition of exploitation is that the term is close to bankruptcy in content and meaning."
102 Im Gegensatz zu einem Gütermarktmonopolisten, bei dem die Angebotskurve als steigender Ast der Grenzkostenkurve interpretiert werden könnte und der den über die Grenzkosten hinausgehenden Nettoerlös zu maximieren versuchte, entstehen bei einer Gewerkschaft - von etwaigen Streikund Oranisationskosten abgesehen -keine abzudeckenden Produktionskosten. Die Gewerkschaft agiert vielmehr als Verhandlungsvertreter ihrer Mitglieder und ihre "Angebotskurve" reflektiert nur die Präferenzen ihrer Mitglieder bezüglich Einkommen und Freizeit. Da die Gewerkschaft im Gegensatz zu einem Unternehmen mit gut funktionierendem Rechnungswesen die (Opportunitäts-)Kosten bzw. Angebotspreise ihrer Mitglieder nicht rechnerisch zu erfassen und dann entsprechende optimale Preise festzusetzen vermag, und da somit ein klares Konzept einer gewerkschaftlichen Angebotsfunktion - im Gegensatz zum allgemeinen Arbeitsangebot -nicht existiert, kann ihr Verhalten nur ungenügend in Analogie zur Theorie der Unternehmung als das eines Rentenmaximierers beschrieben werden. 1l Sollte es der Gewerkschaft dennoch möglich sein, die kollektive Rente zu maximieren und sich bzw. ihren Mitgliedern einen entsprechenden Lohnsummenüberschuß anzueignen, so würde dies zu einem Interessenund Verteilungskonflikt innerhalb der Mitgliederschaft führen, der nur über Ausgleichszahlungen zu lösen wäre. Während einerseits der rentenmaximierende Lohnsatz W 2 für diejenigen Mitglieder suboptimal ist, die auch bei höheren Löhnen ihren Arbeitsplatz behalten hätten (z.B. tariflich abgesicherte ältere oder leistungsstärkere Arbeitnehmer), würde andererseits ein niedrigerer Lohnsatz zu einer Beschäftigung zusätzlicher Mitglieder auf (Lohn-)Kosten der bereits Beschäftigten führen. Die Gewerkschaftsführung muß deshalb versuchen, das Verlangen arbeitsloser Mitglieder nach Beschäftigung sowie Forderungen nach höheren Löhnen miteinander zu vereinbaren, was nach Ansicht von Hamermesh & Rees (1984, S.214) nur durch Zufall zu einer rentenmaximierenden Lösung führen kann. Neben der Rentenmaximierungsannahme muß auch noch der tatsächliche Aussagegehalt der Theorie des bilateralen Monopols bezweifelt werden, die durch 1) Vgl. Cartter (1959, S.80ff.); im Rahmen seiner generellen Ablehnung einer ökonomischen Betrachtung von Gewerkschaften lehnt auch Ross (1948, Kap.2) explizit die Analogie zur Unternehmung ab.
103 ihren Unbestimmtheitsbereich ja nur eigentlich triviale Oberund Untergrenzen möglicher Lohnabschlüsse anzugeben vermag. Külp (1965, S.131) tut dies auf drastische Weise, indem er feststellt: "Daß die Lohnsumme nicht größer als das Sozialprodukt sein kann und nicht unter das Existenzminimum der Arbeiter fällt, ist eine Binsenwahrheit ... Das eigentliche Problem beginnt erst bei der Frage, welche Höhe der Lohn innerhalb dieser als selbstverständlich erachteten Grenzen einnimmt, -aber gerade diese Frage bleibt von der bilateralen Monopol-Theorie unbeantwortet." Zur Überwindung dieser Schwäche verweist Külp (1965, 1973) - wie auch Gärtner (1980) -auf die um politisch-institutionelle bzw. verhandlungstheoretische Elemente erweiterte Lohntheorie von Hicks (1932). 5.2.3. Das Hicks-Modell der Lohnfindung - Ein Exkurs zur ökonomischen Streiktheorie Das Problem des Unbestimmtheitsbereichs im bilateralen Monopol wird in dem bis heute einflußreichen Modell von Hicks (1932, Kap.7) durch die Einbeziehung des gewerkschaftlichen Druckmittels der Streikdrohung und die daran ausgerichtete Abwägung der abdiskontierten Kosten und Nutzen eines Arbeitskampfes durch beide Tarifvertragsparteien überwunden. w w, -------------- Wldntmldlkln9 -~ 0 erwartet.~ Schaubild 5.3
104 Hicks (1932) geht davon aus, daß die Bereitschaft der Arbeitgeber zur Bewilligung von Lohnerhöhungen mit der erwarteten Streikdauer unterproportional zunimmt, bis eine Lohnobergrenze erreicht ist, bei der sich ein Fortführen des Unternehmens nicht mehr lohnen würde. Es ergibt sich die in Schaubild 5.3 dargestellte, vom bestehenden Lohnsatz W 0 aus steigende und sich dem Höchstlohnsatz asymptotisch nähernde "Konzessionskurve" der Arbeitgeber, die der geometrische Ort aller Lohnsätze ist, die von den Arbeitgebern zur Vermeidung von Arbeitskämpfen gegebener Dauermaximalzugestanden werden. Analog läßt sich eine gewerkschaftliche "Widerstandskurve" herleiten als geometrischer Ort aller minimalen Lohnsätze, die von der Gewerkschaft zur Vermeidung von Streiks gegebener Länge gerade noch akzeptiert werden. Diese weist einen bezüglich der erwarteten Streikdauer fallenden Verlauf auf und schneidet, wie in Schaubild 5.3 dargestellt, die alte Lohnsatzlinie nach einer endlichen Zeitspanne, da die Streikdauer durch den beschränkten Streikfonds begrenzt wird. Unterstellt man wie Hicks (1932) gleiche (vollständige) Information und Erwartungen beider Tarifpartner, so werden sich diese auf den durch den Schnittpunkt beider Kurven gegebenen Lohnsatz W* einigen, der einen Streik verhindert und von Hicks (1932, S.144) folgendermaßen interpretiert wird: "this point is the highest wage which skilful negotiation can extract from the employer". Abgesehen von Streiks, die von den Gewerkschaften in gewissen Abständen zur Aufrechterhaltung der Glaubwürdigkeit ihrer Streikdrohung ausgerufen werden, sollten Arbeitskämpfe nach diesem Modell eigentlich nicht auftreten. 1) Die tatsächliche Existenz von Arbeitskämpfen wird deshalb meist als das Ergebnis unvollständiger oder asymmetrischer Information und daraus folgender Fehleinschätzungen interpretiert, wie dies Mauro (1!82) für den Fall der Verwendung unterschiedlicher Informationen bei der Erstellung der Kurven durch beide Tarifparteien zeigt. 2) 1) Hicks (1932, S.146f.) bekräftigt dies ausdrücklich, indem er feststellt: "the majority of actual strikes are doubtless the result of faulty negotiation .•. ; adequate knowledge will always make a settlement possible". Kennan (1986) bezeichnet diese Erkenntnis als "Hicks-Paradoxon". 2) Vgl. ferner Siebert & Addison (1981), Hayes (1984) und Tracy (1987); Reder & Neumann (1980) und Kennan (1980) argumentieren darüber hinaus, daß Streikaktivitäten in inverser Beziehung zu den damit verbundenen Kosten für beide Tarifparteien stehen.
105 Neben diesem Infonnationsproblem bzw. der Vernachlässigung von Unsicherheit wird in der von diesem Modell angeregten umfangreichen Literatur1) unter anderem der postulierte Verlauf der Kurven und die Vernachlässigung von Lohnkostenüberwälzungsmöglichkeiten der Arbeitgeber kritisch diskutiert sowie die komparativ-statische Betrachtungsweise bemängelt, die nicht erklären kann, auf welchem Wege der Kompromißlohn W* erreicht wird. Obwohl es sich damit - wie Zerche (1970, 1979) betont - beim Ansatz von Hicks (1932) nicht um eine eigentliche Verhandlungstheorie handelt, gab er doch den Anstoß zur Entwicklung von Theorien kollektiver Verhandlungen, auf die hier nicht weiter eingegangen werden kann. 2) Das Modell von Hicks (1932) bildet auch den Ausgangspunkt des ersten empi- ·risch überprüfbaren und bis heute dominierenden Streikmodells von Ashenfelter & Johnson (1969), in dem diese im Gegensatz zu Hicks den in der Dunlop-Ross-Kontroverse diskutierten Interessenkonflikten und Informationsunterschieden zwischen Funktionären und Mitgliedern der Gewerkschaft explizite Beachtung schenken. Besser informierte Funktionäre, die von ihnen als akzeptabel angesehene Arbeitgeberangebote aus Furcht vor einer Abwahl nicht anzunehmen wagen, rufen im Modell von Ashenfelter & Johnson (1969) Streiks deshalb aus, um überhöhte Lohnerwartungen der Mitglieder auf ein Maß zurückzuschrauben, das einen Abschluß mit den Arbeitgebern erlaubt. Wie Farber (197Pa) zeigt, stellt dieses Modell damit eigentlich nur ein Optimierungsproblem der Arbeitgeber dar, die unter der Nebenbedingung einer gegebenen, nicht auf optimierendem Verhalten beruhenden gewerkschaftlichen Widerstandskurve eine gewinnmaximale Kombination von Löhnen und Streikdauer wählen. 1) Für eine kritische Darstellung des Modells von Hicks (1932) und der verwandten Literatur sei auf Külp (1965, 1973, 1980), Keller (1974), Zerche (1970; 1979,Kap.3) und Gärtner (1980) verwiesen. 2) Darstellungen der wichtigsten kollektiven Verhandlungstheorien finden sich bei Külp (1973), Keller (1974), Zerche (1970; 1979, Kap.3), Brinkmann (1984, Kap.2) und De Menil (1971, Kap.2). Letzterer schlägt bereits den in den letzten Jahren vorwiegend gewählten Weg der spieltheoretischen Analyse ein, der z.B. in den von Güth (1978), Roth (1985) sowie Binmore & Dasgupta (1987) vorgelegten Arbeiten zum Ausdruck konvnt, jedoch bis jetzt ebensowenig wie die älteren Ansätze oder wie soziologischpsychologische Erklärungsversuche in der Art von Walton & McKersie (1965) zu einer einheitlichen und allgemein akzeptierten Theorie kollektiver Verhandlungen geführt hat.
106 Obwohl es Ashenfelter & Johnson (1969) nur durch die Annahme mangelnder Rationalität auf Gewerkschaftsseite und den entsprechenden Verzicht auf eine explizite Modellierung des Verhandlungsprozesses gelingt, empirisch überprüfbare Hypothesen zu formulieren, was Kaufman (1981, S.335) von einem "special, and less satisfactory, case of the Hicks model" sprechen läßt, bildet es den Ausgangspunkt für die meisten ökonometrischen Untersuchungen der Determinanten von Streiks.1l Für die Bundesrepublik Deutschland vermag Gärtner (1985a,b) durch Anwendung eines modifizierten Modells ähnlicher Art die Streiktätigkeit in den Jahren 1952-1981 in signifikanter Abhängigkeit von der Arbeitslosenrate und der Reallohnentwicklung darzustellen. Da Streikmodelle jedoch neben theoretischen und ökonometrischen Problemen meist einen relativ geringen Erklärungsund Prognosewert aufweisen und dieses Gebiet einen der größten Schwachpunkte ökonomischer Forschung überhaupt darste!It 2 l, soll im Rahmen dieser Arbeit - außer bei der Diskussion von Streikauswirkungen in Kapitel 7 - auf eine Analyse von Streiks verzichtet und nach diesem Exkurs wieder zur Frage der von Gewerkschaften maximierten Größen zurückgekehrt werden. 5.2.4. Das Modell der lohnsu• men •aximierenden Gewerkschaft Die Vorstellung, daß Gewerkschaften die Lohnsumme ihrer Mitglieder, d.h. das Produkt aus Lohnsatz und Beschäftigung, maximieren, geht auf Dun!op 1) Darstellungen, Kritik und Weiterentwicklungen des Modells von Ashenfelter & Johnson (1969) sowie dadurch angeregte empirische Überprüfungen von Streikmodel Jen finden sich bei Pencavel ( 1970), Phipps ( 1977), Farber (1978a), Shalev (1980), Moore & Pearce (1982), Paldam & Pedersen (1982) und Siebert, Bertrand & Addison (1985). Weitere ökonomisch orientierte Streikuntersuchungen erfolgen durch Shorey (1970), Blejer (1981), Kaufman (1981, 1982, 1983), Cousineau & Lacroix (1986) und Tracy (1986, 1987), während für eine soziologisch-politische Betrachtungsweise auf die Untersuchungen von Hibbs (1976), Snyder (1977) und Batstone (1985) verwiesen wird; vgl. auch die überblicke von Hirsch & Addison (1986, Kap.4) und Kennan (1986). 2) Vgl. die Betrachtungen zur ökonomischen Streikanalyse von Mayhew (1979), Kennan (1986) und von Oswald (1985, S.177), der folgendes Resümee zieht: "the analysis of strikes is one of the most unsatisfactory parts of modern economic theory. lt is probably no exaggeration to say that only a little progress has been made since The Theory of Wages by John Hicks".
107 (1944, S.36) zurück: "The wage policy of a trade union may be directed at achieving the largest possible wage bill from the particular segment of the economy, quite regardless of whether all wage earners ... are employed." In diesem Falle weist die Gewerkschaft keine Angebotskurve auf, sondern agiert kostenlos als Vertreter ihrer Mitglieder und wählt diejenige Lohnhöhe W 1, deren entsprechendes Beschäftigungsniveau 81 mit dem Punkt zusammenfällt, an dem die Grenznachfragekurve - und damit die marginale Zunahme der Lohnsumme durch Erhöhung der Beschäftigung - Null ist. Dieser in Schaubild 5.4 dargestellte Fall entspricht dem Vorgehen eines Gütermarktmonopolisten mit Grenzkosten von Null, wie z.B. der von Cournot (1838, Kap.5) angeführte Eigner einer Mineralquelle, der den Gewinn maximiert, indem er Preis und Menge an dem Punkt Z fixiert, wo die Nachfragekurve eine Elastizität von aufweist. w N B Schaubild 5.4 Das Ziel einer Lohnsunrnenmaximierung hat den Vorteil, daß es die beiden Einflußfaktoren Lohnsatz und Beschäftigung in einer einzigen Zielgröße verbindet, die gewerkschaftliche Nutzenfunktion ist nun U = W·B. Ferner entspricht es unter Wohlfahrtsaspekten einer Pareto-optimalen Gewerkschaftspolitik, falls die maximierte Lohnsumme (OB 1 ZW 1) durch Ausgleichszahlungen gleichmäßig auf alle beschäftigten und arbeitslosen Mitglieder aufgeteilt
108 werden könnte und keine davon unabhängige Arbeitslosenunterstützung existiert. Eine solche Umverteilung dürfte jedoch wegen Interessenkonflikten in der Mitgliederschaft sowie Transaktionskosten kaum möglich sein und ist nach Beobachtungen von Atherton (1973, Kap.1) in der Praxis auch kaum zu finden. Wie die Rentenmaximierung berücksichtigt nach Ansicht von Atherton (1973) auch die Lohnsummenmaximierung zu wenig die divergierenden Interessen innerhalb der Gewerkschaft, z.B. zwischen Mitgliedern, die bei einem niedrigeren Lohnsatz als W 1 Beschäftigung fänden, und anderen, die auch bei einem höheren Lohnsatz ihren Arbeitsplatz behielten. Diese dürften sich in Form von Beeinflussungsversuchen auf die Gewerkschaftsführung äußern und wohl nur zufälligerweise in einer Lohnsummenmaximierung resultieren. Eine Verfolgung dieses Zieles erscheint besonders dann unrealistisch, wenn die Arbeitsnachfrage elastisch, der bestehende und vielleicht von der Gewerkschaft schon früher hochgetriebene Lohnsatz höher als W 1 oder der Schnittpunkt der allgemeinen Arbeitsangebotsmit der Arbeitsnachfragekurve links von Z liegt, da eine Maximierung der Lohnsumme dann mit Lohnsenkungen bzw. mit Löhnen unterhalb des Angebotspreises der Arbeit verbunden wäre. l) überdies weist Mulvey (1978, S.31f.) darauf hin, daß eine dezentrale Lohnsummenmaximierung bei unterschiedlichen Betrieben und Nachfrageelastizitäten zu gewerkschaftlichem Konkurrenzkampf führen könnte; damit würde sie auch im Widerspruch zum gewerkschaftlichen Grundsatz "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" stehen. Eine ebenfalls in Schaubild 5.4 gestrichelt dargestellte Modifikation der obigen Hypothese besagt, daß die Gewerkschaft die Lohnsumme unter Einbeziehung staatlicher Arbeitslosenunterstützung maximiert. Dies wird bei derjenigen Höhe der Beschäftigung der Fall sein, wo die durch N' ausgedrückte marginale Zunahme der Lohnsumme gleich der Höhe der Arbeitslosenunterstützung a ist. Diese von Dunlop (1944, S.37ff.) vorgeschlagene und diskutierte 1) Dies veranlaßt Ross (1948, S.22) zu der ironischen Bemerkung, man müsse sich bei einer Lohnsummenmaximierung mit dem Gedanken gewerkschaftlicher Streiks zur Durchsetzung niedrigerer Lohnsätze vertraut machen. Zudem setzt eine lohnsummenmaximierende Tarifpolitik voraus, daß die Gewerkschaftsführung über eine äußerst genaue Kenntnis der Lohn-BeschäftigungsBeziehung bzw. der Arbeitsnachfragekurve verfügt, was ja von Ross (1948) ebenfalls bestritten wird.
115 führt dazu, daß -bei einer konstanten Grenzrate der Substitution zwischen Wund B - die Gewerkschaft sowohl einen höheren Lohnsatz als auch eine Zunahme der Beschäftigung anstrebt. Da von Steuern und anderen Variablen, die einen Keil zwischen den vereinbarten Lohnsatz und den tatsächlich ausbezahlten Verdienst treiben könnten, einstweilen abgesehen werden soll, und da das allgemeine Preisniveau Peine exogen gegebene, konstante, nicht von der Gewerkschaft beeinflußbare und daher mit P=1 normierbare Größe sein soll, entspricht der festzulegende Nominallohnsatz W auch der realen und der tatsächlich den Beschäftigten zukommenden Lohnhöhe. Die entscheidende Annahme des Monopol-Modells besteht nun darin, daß davon ausgegangen wird, die Gewerkschaft sei stark genug, den Lohnsatz zu kontrollieren, z.B. indem sie den Zugang zum Beruf bzw. das gesamte Arbeitsangebot (durch Überstundenverweigerung etc.) zu beschränken und die ersatzweise Beschäftigung von Nicht-Gewerkschaftsmitgliedern zu verhindern vermag. Unter expliziter Vernachlässigung eines Verhandlungsprozesses wird angenommen, die Gewerkschaft setze - bei Berücksichtigung des trade-off zwischen Lohnhöhe und Beschäftigung -einen bestimmten, für sie optimalen Lohnsatz W* fest, und die Arbeitgeber einer unter vollkommener Konkurrenz stehenden Industrie bestimmten dann entsprechend ihrer Arbeitsnachfragefunktion die Beschäftigungsmenge B*. 1l Der für die Gewerkschaft optimale Lohnsatz W* läßt sich formal darstellen als Lösung des folgenden Optimierungsproblems: Max U = U(W,B) (5. 1) w Nebenbedingung: B = B(W,µ) (6. 1) Da eine zweifache Differenzierbarkeit beider Funktionen angenommen wird, ergeben sich nach Bildung der entsprechenden totalen Differentiale fol1) Ein solches Verhalten unterscheidet sich vom Verhalten eines Gütermarktmonopolisten eigentlich nur dadurch, daß statt des Gewinns der Gewerkschaftsnutzen maximiert wird; dies erklärt die vielleicht etwas unglücklich gewählte Bezeichung Monopol-Modell. Analytisch ergibt sich keine Änderung, falls die Gewerkschaft die Beschäftigungsmenge und die Arbeitgeber die Lohnhöhe festlegen; vgl. Carruth & Oswald (1981) und Oswald (1982b).
116 gende Bedingungen erster und zweiter Ordnung für die Existenz eines inneren Maximums: (6.2) (6.3) wobei Subskripte wiederum partielle Ableitungen nach den jeweiligen Variablen bezeichnen. Gleichung (6.2) läßt sich auch ausdrücken als (6.2') und besagt, daß im Optimum, d.h. bei angenommener Erfüllung von Gleichung (6.3), die Grenzrate der gewerkschaftlichen Substitution von Löhnen und Beschäftigung der Steigung der Arbeitsnachfragekurve entspricht. Die einfache Struktur dieses Optimierungsproblems erlaubt eine graphische Darstellung wie in Schaubild 6.1, wo die quasi-konkave gewerkschaftliche Nutzenfunktion durch eine Schar konvexer Indifferenzkurven I und die negativ geneigte Arbeitsnachfragekurve B(.) als dazugehörige Restriktion im W-B-Diagramm dargestellt sind. Die optimalen Werte von Lohnsatz (W*) und Beschäftigung (B*) ergeben sich, wie im vorigen Kapitel bereits intuitiv gezeigt, dort, wo eine Indifferenzkurve (im Beispiel !1) die Arbeitsnachfragekurve tangiert. Anhand von Schaubild 6.1 lassen sich die Auswirkungen des Gewerkschaftsverhaltens auf eine einfache Volkswirtschaft untersuchen, die folgenden üblichen neoklassischen Annahmen genüge (vgl. Oswald, 1982a): Es werde nur ein Produkt mit Arbeit als einzigem variablen Produktionsfaktor hergestellt. Die Produktionsfunktion F = F{B,µ), die die Ausbringungsmenge in Abhängigkeit von der Beschäftigungsmenge Bund von einem Vektorµ anderer relevanter Parameter (z.B. fixe Produktionsfaktoren oder Technologie) ausdrückt, sei dreifach differenzierbar und strikt konkav bezüglich der Beschäftigung. Vollkommene Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und optimierendes Verhalten der Arbeitgeber führten zu einer einfachen Arbeitsangebotskurve A(W), die bezüglich der Lohnhöhe stetig zunehme. Auch auf dem Produktmarkt herrsche
117 vollkommene Konkurrenz und der Produktpreis werde als Numeraire definiert. Einfaches gewinnmaximierendes Verhalten der Arbeitgeber impliziert, daß der Lohnsatz W dem ·Grenzprodukt der Arbeit FB entspricht und daß diese Bedingung in einer Arbeitsnachfragekurve B(W,µ) mit Steigung 1/FBB < 0 zum Ausdruck kommt. w H 0 l8o B Schaubild 6.1 1 1 1 -=- Fo F(.) F Durch den Schnitt der Angebotsund Nachfragekurven für Arbeit im Punkt C ergeben sich in Schaubild 6.1 die Gleichgewichtswerte für den - nominalen wie auch realen - Lohnsatz w 0, die Beschäftigungsmenge B 0 und die Ausbringungsmenge F0 bei vollständiger Konkurrenz auf allen Märkten. Durch das Auftreten einer Gewerkschaft, die das Arbeitsangebot kontrolliert, verliert die Arbeitsangebotskurve A allerdings ihre Bedeutung. Die neuen Gleichgewichtspunkte W*, B* und F* ergeben sich aufgrund der Tangentenlö-
118 sung E von gewerkschaftlichen Indifferenzkurven und der Arbeitsnachfrage. Damit lassen sich folgende Auswirkungen einer gewerkschaftlichen Organisierung feststellen: 1) Das Auftreten einer Gewerkschaft führt zu einem höheren Reallohnsatz und zu geringeren Beschäftigungsund Ausbringungsmengen. 2) Durch das neue Gleichgewicht ergibt sich nicht nur ein Beschäftigungsrückgang von B 0-B*, sondern man kann beim höheren Lohnsatz W* auch eine unfreiwillige Arbeitslosigkeit konstatieren, die der Strecke ED entspricht. 3) Das Realeinkommen der Eigner fixer Produktionsfaktoren (z.B. Kapital) fällt in diesem einfachen Modell infolge der gewerkschaftlichen Organisierung von der Fläche HCW 0 auf HEW*. 4) Das dem Faktor Arbeit insgesamt zufallende Einkommen kann durch gewerkschaftliche Aktivitäten entweder steigen oder fallen: je nach Elastizität der Arbeitsnachfragekurve, deren Bestimmungsfaktoren im vorigen Kapitel dargestellt wurden, ist die Fläche OW*EB* entweder größer, gleich oder kleiner als die ursprüngliche Lohnsumme OW 0 CB 0• Diese Ergebnisse des einfachstmöglichen Gewerkschaftsmodells behalten auch im Rahmen komplizierterer Analysen ihre Gültigkeit1), deren es bedarf, wenn man, wie im folgenden, weiteren Einflußfaktoren wie staatliche Besteuerung, Arbeitslosigkeit und Form der gewerkschaftlichen Nutzenfunktion explizite Beachtung schenken will. 6.1.2. Eine umfassendere Darstellung Wie im vorigen Abschnitt wird auch im folgenden Modell wieder von einer alle homogenen Arbeitnehmer eines Wirtschaftszweiges umfassenden nutzen1) lockert man jedoch einige Annahmen dieses Modells, so ergeben sich Lösungen, die sich von dem globalen Maximum der Tangentenlösung E stark unterscheiden können. Dazu gehört die Möglichkeit von Ecklösungen oder multiplen Gleichgewichtspunkten, z.B. wenn aufgrund einer konstanten Elastizität der Produktionsfunktion F(B) die Arbeitsnachfragekurve B(.) konvex statt konkav ist und sich zweimal mit einer Indifferenzkurve schneidet, oder das Fehlen eines inneren Optimums überhaupt, z.B. wenn die Arbeitsangebotskurve nicht stetig ansteigt, sondern einen zurückbiegenden Verlauf nimmt; vgl. Oswald (1982a,b).
119 maximierenden Gewerkschaft mit fixer Mitgliederzahl T ausgegangen, die bei ansonsten vollkommener Konkurrenz in dieser Industrie die nominale und - wegen der Annahme eines exogen gegebenen und mit P=1 normierten Preisniveaus - auch die reale Lohnhöhe festlegen kann. Allerdings soll jetzt die vermeintliche ad-hoc-Annahme einer passenderweise quasi-konkaven Nutzenfunktion genauer untersucht und spezifiziert werden. Traditionell wird in der Literatur, wie z.B. von Fellner (1947), Cartter (1959), Atherton (1973), Mulvey (1978) oder Carruth & Oswald (1981), meist intuitiv von der Existenz einer allgemeinen quasi-konkaven Nutzenfunktion U = U(W,B) ausgegangen und deren angemessene Spezifikation offengelassen. Eine mögliche Spezifikation stellt folgende, erstmals von Dertouzas & Pencavel (1981) und dann unter anderem von Pencavel (1984a,b, 1985), Dixon (1986) und Ben-Ner & Estrin (1986) verwendete funktionale Form dar: (6.4) Hierbei können wund b als Minimalwerte von Lohnsatz Wund Beschäftigung B betrachtet werden und der Parameter 8 spiegelt die Bedeutung der über das Minimum hinausgehenden Löhne und Beschäftigung für die Gewerkschaft wider. Diese aus der Konsumtheorie bekannte Stone-Geary-Funktion hat neben ihrer Einfachheit den Vorteil, daß sie sich relativ gut ökonometrisch umsetzen läßt und daß sie, wie Dertouzas & Pencavel (1981) zeigen, als spezielle Fälle die Lohnsummenmaximierung (für 8=0,5 und w=b=O) und die Rentenmaximierung (für 8=0,5, b=O und w=Alternativlohn) einschließt. Allerdings weist diese Form der gewerkschaftlichen Nutzenfunktion den großen Nachteil auf, daß sie sich nicht aus den üblichen Axiomen über die Präferenzen der Arbeitnehmer herleiten läßt, worauf neben Farber (1986) besonders Oswald (1985, S.163) hinweist: "There is apparently no way to show why, for example, risk-averse employees would, as a group, behave as if maximising a Stone-Geary function." Ein alternativer und nach Informationen von Oswald (1985, S.164) unabhängig voneinander von mehreren Ökonomen zur gleichen Zeit entwickelter Ansatz zur Modellierung einer gewerkschaftlichen Nutzenfunktion läßt sich
120 darstellen als U = l V(W) + (TTB) V(a) (6.5) oder als U = B V(W) + (T-B) V(a) , (6.6) wobei V(.) die konkave Nutzenfunktion eines einzelnen Arbeitnehmers sowie a die Höhe der Arbeitslosenunterstützung oder eines Alternativlohnes außerhalb des betreffenden Wirtschaftszweiges bezeichnen und OsBs T ist. Gleichung (6.5) drückt den erwarteten Nutzen eines repräsentativen Gewerkschaftsmitgliedes als gewoge~es arithmetisches Mittel des Nutzens einer Beschäftigung zum Gewerkschaftslohn (mit der Wahrscheinlichkeit B/T) und des aus dem Bezug von Arbeitslosengeld bzw. eines Alternativlohnes gezogenen Nutzens (mit der Wahrscheinlichkeit (T-B)/T) aus, wobei ersterer Nutzen größer sei als letzerer. Die Gewerkschaft behandelt alle Mitglieder gleich, d.h. alle als homogen angesehenen Mitglieder haben die gleiche Beschäftigungswahrscheinlichkeit B/T, und maximiert diesen Erwartungsnutzen des repräsentativen Mitglieds. Diese Fonn der gewerkschaftlichen Nutzenfunktion findet unter anderem in den Arbeiten von McDonald & Solow (1981), Calmfors (1982), Booth (1984), Goßner (1985), Bruno & Sachs (1985) und Card (1986) Verwendung. Allerdings ist die ihr zugrunde liegende Annahme einer gleichen Beschäftigungswahrscheinlichkeit B/T nicht ganz unproblematisch, da in der Realität - wie Oswald (1984) für die USA und Großbritannien zeigt -Entlassungen keinesfalls zufallsverteilt, sondern vielmehr nach bestimmten Entlassungsregeln wie z.B. der umgekehrten Betriebszugehörigkeitsdauer ("last in, first out") erfolgen dürften; diese Tatsache stellt auch den Ausgangspunkt der später noch diskutierten Senioritäts-Modelle dar. Wenn die Mitgliederzahl Tals konstant und nicht von der Gewerkschaft beeinflußbar betrachtet wird, entspricht die Erwartungsnutzengleichung (6.5) der Darstellung in Gleichung (6.6). In (6.6) kommt ein utilitaristisches Verhalten der Gewerkschaft zum Ausdruck, das darin besteht, daß sie die Summe der Nutzen ihrer Mitglieder zu maximieren sucht. Der Vorteil dieses Ansatzes, der unter anderem in den Arbeiten von Oswald (1982a,b, 1985), Sampson (1983, 1984, 1986a), Shah (1985), Ellis & Fender (1985, 1987) und
121 Manning (1987) verwendet wird, besteht laut Oswald (1985) darin, daß er nicht nur einer ökonometrischen Überprüfung zugänglich ist und wiederum Lohnsummenund Rentenmaximierung als Spezialfälle einschließt, sondern daß er darüberhinaus auch die Nutzenfunktion der Gewerkschaft auf eine klare mikroökonomische Grundlage stellt und individuelle Präferenzen sowie die gewerkschaftliche Mitgliederzahl miteinbezieht. Oswald (1982b, Appendix) weist nach, daß die im allgemeinen ad hoc getroffene wichtige Annahme einer bezüglich Lohnsatz und Beschäftigung zunehmenden und quasi-konkaven gewerkschaftlichen Nutzenfunktion unter den Annahmen von utilitaristischen Präferenzen der Gewerkschaft und Risikoaversion ihrer Mitglieder gerechtfertigt ist. 1) Obwohl auch dieser Ansatz nicht ohne Schwächen ist, auf die später noch eingegangen werden wird, soll er doch in Form von Gleichung (6.6) im folgenden als plausible Arbeitshypothese Verwendung finden, die Aussagen der komparativen Statik ermöglicht.2) Wie schon bei der Diskussion der Nutzenfunktion angedeutet, soll nun davon ausgegangen werden, daß der Staat den nicht beschäftigten Arbeitnehmern eine Arbeitslosenunterstützung in Höhe von a gewährt. Ferner unterliegen die Arbeitnehmer einer linearen Einkommensbesteuerung mit dem Grenzsteuersatz t und dem Steuerfreibetrags, so daß ihr verfügbares Nettoeinkommen~ vom ausgehandelten Bruttoeinkommen W folgendermaßen divergiert: "\;J" = W(1-t) + s (6.7) Beim Maximieren ihrer Zielfunktion sieht sich die Gewerkschaft wiederum einer Arbeitsnachfragefunktion der Form B = B(W,µ) (6.1) mit den in Abschnitt 6.1.1. angesprochenen Eigenschaften gegenüber. 1) Für die Bundesrepublik Deutschland deckt sich die Annahme einer Risikoaversion mit von Nickel (1974, S.87) veröffentlichten Umfrageergebnissen des DGB. 2) Die nun folgenden komparativ-statischen Ergebnisse sind jedoch - mit Ausnahme der später nochmals diskutierten Effekte von Mitgliederänderungen - unabhängig von der gewählten Nutzenfunktion, wie Chapman (1986) bei einem Vergleich alternativer gewerkschaftlicher Zielfunktionen zeigt.
122 Das gewerkschaftliche Optimierungsproblem läßt sich nun darstellen als: Max w Nebenbedingungen: U = BV(W) + (T-B)V(a) B = B(W,µ) W = W(1-t) + s (6.8) ( 6. 1) (6. 7) Nach Einsetzen der Nebenbedingungen (6.1) und (6.7) in die Zielfunktion (6.8) ergibt sich der optimale Lohnsatz der Gewerkschaft als Lösung des folgenden Ausdrucks: Max U = B(W,µ)V[W(1-t)+s] + [T-B(W,µ)JV(a) w Für ein inneres Maximum gilt als Bedingung erster Ordnung (6.9) Uw = E\/W,µ)V[W(1-t)+s] + B(W,µ)V'[W(1-t)+s]{1-t) - Bw(W,µ)V(a) = 0 (6.10) = V'[W(1-t)+s](1-t)B(W,µ) + V[W(1-t)+s]Bw(W,µ) - V(a)Bw(W,µ) = 0 = V' ("W) ( 1 -t) B ( W, µ ) + [ V (W) -V ( a ) J Bw ( W, µ) = 0 , (6.10') wobei die Bedingung zweiter Ordnung, UWW < 0, als erfüllt betrachtet wird. Gleichung (6.10') drückt aus, daß im Optimum für die Gewerkschaft der Grenznutzen einer weiteren Lohnerhöhung den Grenzkosten eines solchen Vorgehens entsprechen muß. Der Grenznutzen ist der Nutzengewinn eines jeden Beschäftigten multipliziert mit der Gesamtzahl der beschäftigten Gewerkschaftsmitglieder und kommt im ersten Summanden von Gleichung (6.10') zum Ausdruck. Die Grenzkosten stehen nach dem Pluszeichen und entsprechen dem Nutzenverlust eines Arbeitnehmers, wenn er aufgrund von Lohnerhebungen arbeitslos wird, multipliziert mit der Anzahl der Mitglieder, die arbeitslos werden. Komparativ-statische Vorhersagen lassen sich gewinnen, indem man Gleichung (6.10') für jeden zu untersuchenden Parameter noch einmal partiell differenziert. Das Vorzeichen des resultierenden Ausdrucks reflektiert dann
123 eine positive oder negative komparativ-statische Veränderung des optimalen Lohnsatzes als Folge von Veränderungen der jeweiligen Einflußgrößen. l) Dabei ergeben sich - bei Nichtberücksichtigung theoretischer Extremfälle wie z.B. T=B -folgende Ergebnisse: 1) Eine Anhebung der Arbeitslosenunterstützung a führt zu einer Erhöhung des von der Gewerkschaft angestrebten optimalen Lohnsatzes. Beweis: uwa = -V'(a)Bw > o (6.11) Erklärung: Eine Anhebung von a verringert die Nutzenbeeinträchtigung durch Arbeitslosigkeit und läßt den aus einer Beschäftigung gezogenen Nutzen unverändert. Damit verringern sich die Grenzkosten zusätzlicher Arbeitslosigkeit, die Gewerkschaft mißt jetzt ihrem Beschäftigungsziel weniger und ihrem Lohnziel mehr (marginale) Bedeutung zu, und sie erhöht die Löhne auf Kosten der Beschäftigung. 2) Eine Anhebung des Steuerfreibetrages s, der auch als steuerfreie Einkommensubvention interpretiert werden könnte, vermindert die optimale Lohnhöhe der Gewerkschaft. Beweis: Uws = V"(W)(1-t)B + V'(W)Bw < 0 (6.12) Erklärung: Ein höherer Steuerfreibetrag bzw. eine steuerfreie Einkommensubvention für die Beschäftigten2l wertet bei der Gewerkschaft das Beschäftigungsziel auf und verringert die angestrebte Lohnhöhe, da der Grenznutzen einer zusätzlichen Beschäftigung steigt, während die Grenzkosten unverändert bleiben. 3) Eine Veränderung des marginalen Einkommensteuersatzes t kann die für die Gewerkschaft optimale Lohnhöhe in unterschiedlicher Weise beeinflussen. Beweis: Uwt = -V"(W)W(1-t)B - V' (W)B - V' (W)WBw ~ 0 (6.13) Da der erste Summand in (6.13) wegen der Konkavität von V(.) 1) Vgl. Oswald (1982b, 1985). 2) Bei einer Beschäftigungssubvention für Unternehmen ergibt sich das gegenteilige Ergebnis: Sie ermöglicht der Gewerkschaft ein Anheben des gewünschten Lohnes; vgl. Oswald (1985).
124 positiv ist, ergibt sich folgende hinreichende Bedingung für einen positiven Wert von Gleichung (6.13): (6.14) Diese Bedingung ist erfüllt, falls die Elastizität der Arbeitsnachfrage (-WBw/B) größer als 1 ist, weil dann der Ausdruck in eckigen Klammern negativ wird. l) Erklärung: Die fehlende Eindeutigkeit von Gleichung (6.13) ist das Ergebnis zweier gegensätzlicher, in Analogie zu Substitutionsund Einkommenseffekten interpretierbarer Anreizwirkungen: Zum einen läßt eine höhere Besteuerung der Löhne das Alternativbzw. Ausweichziel einer höheren, nicht besteuerten Beschäftigung für die Gewerkschaft relativ attraktiver erscheinen; zum anderen erhöht sich durch den steuerbedingten Rückgang der Nettolöhne der Grenznutzen von Lohnerhöhungen, so daß die Gewerkschaft auch dieses Ziel anstreben könnte. 4) Eine Veränderung der gewerkschaftlichen Mitgliederzahl T ändert nichts an dem von der Gewerkschaft angestrebten optimalen Lohnsatz. Beweis: (6.15) Erklärung: Die gewerkschaftliche Mitgliederzahl taucht in Gleichung (6.10') überhaupt nicht mehr auf und berührt damit weder den Grenznutzen noch die Grenzkosten von Lohnänderungen für die Gewerkschaft. Sie ist also in diesem einfachen Modell entscheidungsirrelevant. Die in Abschnitt 6.1.1. festgestellten Gewerkschaftseffekte bleiben von den oben dargestellten Ergebnissen dieses etwas komplizierteren Monopol-Modells unberührt. überdies läßt sich das Modell weiter ausbauen, ohne daß sich die Ergebnisse und Erkenntnisse wesentlich ändern. So können z.B. laut Oswald (1982b) ohne größere Probleme die implizite Annahme inelastisch angebotener Arbeitsstunden fallengelassen oder Unsicherheit in das Modell einbezogen werden sowie Veränderungen der Preise anderer Produktionsfaktoren oder des 1) Eine weitere hinreichende Bedingung für einen positiven Wert von Gleichung (6.13) wäre laut Oswald (1982b), daß es kein unverdientes Einkommen gibt und die Risikoaversion der Arbeitnehmer größer als 1 ist.
131 verhandelt wird, eine Lösung, die in bezug auf den Nutzen der Gewerkschaft und die Gewinne der Unternehmen Pareto-inferior gegenüber einem Modell ist, in dem Unternehmen und Gewerkschaft über den Lohnsatz und die Beschäftigung verhandeln. Anders ausgedrückt, sowohl Arbeitgeber als auch Gewerkschaft könnten ihre Wohlfahrt verbessern, indem sie sich auf einen niedrigeren Lohnsatz und eine größere Beschäftigungsmenge einigten. Das Ergebnis dieser Pareto-effizienten Verhandlungslösung liegt dann nicht auf der Arbeitsnachfragekurve, sondern auf einer Kontraktkurve. Diese Erkenntnis und das entsprechende Alternativmodell, die von Hall & Lilien (1979) sowie McDonald & Solow (1981) neu formuliert wurden, sollen im folgenden diskutiert werden. 6.2. Das Modell der effizienten Verhandlungen 6.2.1. Eine algebraische und graphische Darstellung Um das Monopol-Modell und das Modell der effizienten Verhandlungen besser vergleichen zu können, stellt man beide am besten in einer gemeinsamen Darstellung gegenüber. Dabei soll wiederum von den bekannten Rahmenbedingungen einer alle homogenen Arbeitnehmer eines Betriebes oder Wirtschaftszweiges umfassenden nutzenmaximierenden Gewerkschaft mit fixer Mitgliederzahl sowie eines einzelnen gewinnmaximierenden Unternehmens oder einer Arbeitgebervereinigung ausgegangen werden. Das Unternehmen arbeite weiterhin unter den Bedingungen einer Produktionsfunktion F = F(B,µ) (5.3) mit Arbeit B als einzigem kurzfristig variablen Faktor, die dreifach differenzierbar und strikt konkav bezüglich des Arbeitseinsatzes sei. Bei vollständiger Konkurrenz auf dem Gütermarkt (d.h. gegebenem Produktpreis P) lautet die Gewinnfunktion des Unternehmens wiederum G = P·F - W•B (5.2) Das Unternehmen ist indifferent gegenüber allen Kombinationen von Wund B, die den gleichen Gewinn G hervorbringen und die (vgl. Schaubild 6.2) in Form einer Isogewinnkurve dargestellt werden können. Die Steigung einer
132 solchen Isogewinnkurve erhält man, indem man das totale Differential der Gewinnfunktion (5.2) gleich Null setzt dG = (P·FB-W)dB - BdW = 0 (6.18) und es dann entsprechend umformt, so daß gilt: dW (6.19) dB B Solange der Nominallohnsatz (W) kleiner ist als das Grenzwertprodukt der Arbeit (P·FB), hat die Isogewinnkurve eine positive Steigung, übersteigt er dieses, hat sie eine negative Steigung. Für jede angenommene Beschäftigungsmenge B führt ein geringerer Lohnsatz W gemäß Gleichung (5.2) zu einem größeren Gewinn, so daß im W-B-Diagramm 6.2 niederere Isogewinnkurven ein höheres Gewinniveau des Unternehmens repräsentieren. Bei einer geforderten Lohnhöhe von beispielsweise W 0 wählt also das gewinnmaximierende Unternehmen die niedrigstmögliche Isogewinnkurve G 2, die eine horizontale Linie in Höhe von W 0 gerade noch berührt. Dies entspricht der Lösung der Gleichung P·FB(B 0) -W 0 = 0 und reflektiert die Gleichheit von Grenzwertprodukt der Arbeit und Lohnsatz sowie eine Steigung der Isogewinnkurve von Null. Die Arbeitsnachfragekurve ist damit der geometrische Ort aller Maxima der Indifferenzkurven der Unternehmung (Isogewinnkurven) in einem W-B-Diagramm, und wegen der Konkavität der Produktionsfunktion F(B) ist sie negativ geneigt. Es soll wiederum von einer rationalen Gewerkschaft ausgegangen werden, die eine utilitaristische Nutzenfunktion der Form U = B V(W) + (T-B)V(a) (6.6) maximiert, welche im W-B-Diagramm 6.2 durch eine Schar konvexer Indifferenzkurven I dargestellt werden kann. Läßt man die Gewerkschaft den Lohnsatz W festsetzen und den Arbeitgeber die dazugehörige Beschäftigungsmenge B bestimmen, so ergibt sich in diesem Monopol-Modell die oben besprochene
133 Tangentenlösung (W*,B*). Allerdings ist dieses Gleichgewicht E im MonopolModell, wie schon Leontieff (1946) und Fellner (1947) feststellten, nicht effizient, da es Lohn-Beschäftigungs-Kombinationen gibt, die für beide Parteien mit einer höheren Wohlfahrt verbunden sind. w Schaubild 6.2 In Schaubild 6.2 zeigt die schraffierte Fläche zwischen der Isogewinnkurve G 0 und der gewerkschaftlichen Indifferenzkurve I0 südöstlich von Eden Bereich Pareto-superiorer Lohn-Beschäftigungs-Kombinationen an. Durch Verlassen der Tangentenlösung E könnte z.B. die Gewerkschaft im Punkt Sein durch die Indifferenzkurve I1 ausgedrücktes höheres Nutzenniveau erreichen, ohne den Gewinn des Arbeitgebers zu schmälern, da dieser sich in Sauf derselben Isogewinnkurve G 0 wie in E befindet. Umgekehrt ist für den Arbeitgeber im Punkt Rein durch die Isogewinnkurve G 1 ausgedrücktes höheres Nutzenniveau erreichbar, ohne daß dies zu einem Nutzenverlust der Gewerkschaft führen würde. Effiziente Lohn-Beschäftigungs-Kombinationen sind durch gemeinsame Tangentenpunkte von Indifferenzund Isogewinnkurven charakterisiert, und der geometrische Ort solcher Punkte wird als Kontraktkurve bezeichnet. Sowohl für die Gewerkschaft als auch für das Unternehmen besteht ein starker An-
134 reiz, die durch einen zu hohen Lohnsatz W* und eine zu geringe Beschäftigung B* gekennzeichnete Monopol-Lösung E durch eine effiziente Lösung zu ersetzen, die das Ergebnis von Verhandlungen über Löhne und Beschäftigung ist und deren genaue Lage auf der Kontraktkurve - im obigen Beispiel zwischen Rund S - von der Verhandlungsmacht beider Parteien abhängt. Die Gewerkschaft wird dabei versuchen, durch möglichst arbeitsintensive, Umfang, Dauer und Intensität der Arbeit limitierende Vertragsvereinbarungen die Beschäftigtenzahl soweit als möglich über die Arbeitsnachfragekurve hinaus auszudehnen 1), während die Arbeitgeberseite vorwiegend an einer Senkung der Löhne interessiert sein dürfte. Die Kontraktkurve ist durch Gleichheit der Steigung einer Indifferenzkurve und einer Isogewinnkurve gekennzeichnet. Die Steigung der Indifferenzkurve läßt sich finden, indem man das totale Differential der Nutzenfunktion (6.6) gleich Null setzt dU = [V'(W)B]dW + [V(W)-V(a)]dB = 0 (6.20) und es dann entsprechend umformt, so daß gilt: dW V(W)-V(a) dB= V'(W)B (6.21) Durch Gleichsetzen dieser Indifferenzkurvengleichung (6.21) mit der Isogewinnkurvengleichung (6.19) ergibt sich als Gleichung für die Kontraktkurve: bzw. V{W)-V(a) V'(W)B B V(W)-V(a) V' (W) (6.22) (6.23) 1) Vgl. McDonald & Solow (1981), MaCurdy & Pencavel (1986), Oswald (1987) sowie -für eine ausführliche theoretische Analyse - Johnson (1986). Solche Versuche der Gewerkschaften, zusätzliche Beschäftigung zu erreichen, deren bekanntestes Ergebnis der Heizer auf der E-Lok sein dürfte, werden treffenderweise auch als "featherbedding" bezeichnet und im folgenden Kapitel unter Wohlfahrtsaspekten näher diskutiert.
135 Die Kontraktkurve schneidet die Arbeitsnachfragekurve für W=a, da nur dann die linke Seite von Gleichung (6.23) Null wird, während die rechte Seite von (6.23) entlang der Arbeitsnachfragekurve immer gleich Null sein muß, da dort der Lohnsatz (W) gleich dem Grenzwertprodukt der Arbeit (P•FB) ist. Dieser Schnittpunkt bei W=a kann auch als Wettbewerbslösung (W 0 ,B 0) gesehen werden, denn wenn es keine Gewerkschaft gäbe und V(a) der sonst in der Wirtschaft - bei fehlender Arbeitslosenunterstützung und einem großen Arbeitsangebot zum Alternativlohn a - erreichbare Nutzen wäre, dann entspräche a=W 0 dem Angebotspreis der Arbeit gegenüber dem Arbeitgeber, der seinen Gewinn bei B 0 maximieren würde. Die Kontraktkurve ist damit, da ein Verhandlungsergebnis von W<a undenkbar erscheint, nach unten durch den Schnittpunkt mit der Arbeitsnachfragekurve und nach oben durch die gewerkschaftliche Gesamtmitgliederzahl T beschränkt. Dazwischen hat sie unter den hier verwendeten Annahmen eine positive Steigung, wie sich durch Differenzieren von Gleichung (6.23) zeigen läßt: l) dW P·FBB V'(W) --=----->0 (6.24) dB (W-P·FB)V"(W) überall auf der Kontraktkurve außer in (W 0 ,B 0) übersteigt der Lohnsatz das Grenzwertprodukt der Arbeit, da rechts der Arbeitsnachfragekurve die in Gleichung (6.19) zum Ausdruck kommende Steigung der Isogewinnkurve negativ und damit P·FB<W ist. Der Arbeitgeber sieht sich also, vielleicht aufgrund einer "alles oder nichts"-Forderung der Gewerkschaft, veranlaßt, mehr Beschäftigte einzustellen, als ihm beim ausgehandelten Lohnsatz recht wäre, worauf schon Leontieff (1946) und Fellner (1947) hingewiesen haben. überdies ist überall entlang der Kontraktkurve außer in (W 0 ,B 0) das Grenzwertprodukt der Arbeit kleiner als der Alternativlohn a. Betrachtet man a als 1) Vgl. McDonald & Solow (1981); je nach verwendeten Annahmen, insbesondere über die Zielfunktion der Gewerkschaft und der Arbeitgeber, kann die Kontraktkurve allerdings ganz verschiedene Steigungen annehmen. So ergibt sich bei gewerkschaftlicher Rentenmaximierung z.B. die von Hall & Lilien (1979) und Brown & Ashenfelter (1986) verwendete vertikale Kontraktkurve, während letztere eine negative Steigung aufweist, falls die gewerkschaftliche Nutzenfunktion dem Lohnsatz mehr Gewicht gibt als der Beschäftigung; vgl. MaCurdy & Pencavel (1986), Ben-Ner & Estrin (1986) und Johnson (1986).
136 den "wahren" Angebotspreis der Arbeit ohne Gewerkschaft, so zeigt dies, daß die Verhandlungslösung auf der Kontraktkurve zwar für beide Parteien der Monopol-Lösung (W*,B*) vorzuziehen (oder ihr zumindest gleichwertig) ist, daß dies jedoch keine Effizienzerhöhung bedeutet, wenn man die Wettbewerbslösung (W 0 ,B 0) als Maßstab nimmt. 1) Dieses Hauptergebnis des Modells der effizienten Verhandlungen, daß hier die Gleichgewichtsbeschäftigung höher als bei vollkommener Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist, läßt sich auch formal nachweisen 2 l, indem man Gleichung (6.23) mit V'(W) durchmultipliziert, V'(W}W dann auf die linke Seite bringt und beide Seiten der Gleichung um V'(W)a erweitert, so daß gilt: V(W) - V(a) - V' (W)W + V' (W)a -V' (W)P·FB + V' (W)a (6.25) bzw. V(W) - V(a) + V'(W)(a-W) = V'(W)(a-P•FB) (6.25') Da (für W>a) die linke Seite von Gleichung (6.25') ebenso wie V'(W) auf der rechten Seite wegen der Konkavität von V(.) positiv ist, muß a>P·FB sein. Dies bedeutet, daß das Grenzwertprodukt der Arbeit unter dem Alternativbzw. Wettbewerbslohn a liegt und daß die Beschäftigung über den bei Abwesenheit einer Gewerkschaft erreichten Punkt hinaus ausgedehnt wurde. Eine weitere Eigenschaft des Modells der effizienten Verhandlungen besteht darin, daß eine Erhöhung der Arbeitslosenunterstützung oder des Alternativlohnes a zu einer Verschiebung der Kontraktkurve nach links und nach oben führt, wie folgende partielle Ableitung zeigt: aw aa -V' (a) > 0 (W-P·FB)V"(W) (6.26) 1) Auch McDonald & Solow (1981, S.901) betrachten diese Diskrepanz von Grenzwertprodukt und "wahrem" Angebotspreis der Arbeit als "a strong reminder that the bargains along the contract curve are efficient only from the point of view of the employer and the fixed membership of the union". 2) Dieser Beweis stellt eine Korrektur des fehlerhaft skizzierten Beweises von Oswald (1985) dar.
137 Ferner verschiebt eine Erhöhung des Produktpreises P die Kontraktkurve nach rechts und nach unten, da aw V'(W)FB -----<0 8P (W-P·FB)V"(W) (6.27) Damit führt eine gleichzeitige Verbesserung der Situation auf dem Arbeitsmarkt und auf dem Produktmarkt zu gegenläufigen Auswirkungen auf die Kontraktkurve, wobei McDonald & Solow (1981) jedoch annehmen, der Produktpreiseffekt überwiege, so daß ein wirtschaftlicher Aufschwung mit einer Verschiebung der Kontraktkurve nach rechts unten verbunden sei. Indem sie diese vorsichtige Annahme mit verschiedenen Annahmen über den Verhandlungsprozeß kombinieren, vermögen McDonald & Solow (1981) aufzuzeigen, warum im Konjunkturverlauf die Beschäftigung wesentlich stärker schwankt als der Lohnsatz; allerdings bezweifeln Chapman & Fisher (1984) die Allgemeingültigkeit der zugrundeliegenden Annahmen und damit auch der gesamten Erklärung für Lohnrigiditäten. 6.2.2. Eine kritische Betrachtung des Modells der effizienten Verhandlungen Das Modell der effizienten Verhandlungen sieht sich teilweise den gleichen Problemen und Einwänden gegenüber wie das Monopol-Modell, weshalb auf diese hier nicht mehr näher eingegangen werden soll. 1) Dazu gehören die Vernachlässigung von Institutionen sowie politischen und sozialen Einflußfaktoren, die Annahme rationalen nutzenmaximierenden Verhaltens, die Verwendung einer speziellen, utilitaristischen Nutzenfunktion unter der Annahme einer fixen, exogenen Mitgliederzahl und die Beschränkung auf eine statische partielle Gleichgewichtsanalyse. vorteilhaft ist dagegen, daß das Modell effizienter Lösungen im Gegensatz zum Monopol-Modell die Möglichkeit von Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern ausdrücklich berücksichtigt. Allerdings darf mit 1) Vgl. Chapman & Fisher (1984), Pencavel (1985), Oswald (1985) und Turnbull (1987).
138 Nickel! & Andrews (1983), Farber (1986) und Oswald (1985, 1986, 1987) bezweifelt werden, daß in der Realität tatsächlich sowohl über Löhne als auch über Beschäftigung verhandelt wird. Eine Umfrage von Oswald (1984) bestätigt die allgemeine Vermutung, daß die überwiegende Anzahl der Gewerkschaften in Großbritannien und den USA nur über Löhne, nicht aber über Beschäftigung verhandelt. Dies könnte mit asymmetrischer Information und den damit gegebenen Möglichkeiten der Täuschung bzw. strategischen Verhaltens -z.B. besteht für den Arbeitgeber ein Anreiz, weniger Arbeitskräfte zu beschäftigen als vereinbart - sowie mit Transaktionsund Überwachungskosten erklärt werden. 1) Ein weiteres Problem des Modells der effizienten Verhandlungen besteht im Fehlen einer eindeutigen Lösung, was auch von McDonald & Solow (1981, S.901) eingeräumt wird: "The contract curve probably has some approximate descriptive value. Even so, there is no generally acceptable solution concept that singles out a point on it as a likely outcome." McDonald & Solow (1981) versuchen durch Einbeziehen von Annahmen über den Verhandlungsprozeß dennoch zu plausiblen eindeutigen Lösungen zu kommen. Beispiele für solche Annahmen sind Minimum-Gewinn-Lösungen (Gewerkschaften treiben die Löhne hoch bis kurz vor den Punkt, an dem Unternehmen schließen müssen), "gerechte" Verteilungsregeln (Gewerkschaft und Arbeitgeber bekommen konstante, als "gerecht" angesehene Anteile am Nettoertrag) oder eine verallgemeinerte Nash(1950)-Lösung (Gewerkschaft und Arbeitgeber maximieren das Produkt ihrer Zugewinne durch Verhandlungen, das sich dann je nach Verhandlungsmacht auf beide Parteien verteilt). Die Lösung von Nash (1950) stellt dabei die bekannteste Verhandlungslösung dar2) und führt im Modell von McDonald & 1) Vgl. Pencavel (1985), Calmfors (1985) und Farber (1986). 2) Eine ausführliche Darstellung und Kritik der Nash(1950)-Lösung, ihrer Eigenschaften und ihrer zugrundeliegenden Axiome findet sich bei Luce & Raiffa (1957), Zerche (1970) und Binmore & Dasgupta (1987). Binmore, Rubinstein & Wolinsky (1986) zeigen, daß die relativ einfache NashLösung näherungsweise wesentlich komplexeren Ansätzen entspricht, was ihre häufige Verwendung in ökonomischen (Gewerkschafts-)Modellen -z.B. bei De Menil (1971), Nickel! & Andrews (1983), Graut (1984) und Svejnar (1986) -als akzeptabel erscheinen läßt. Für umfassendere Darstellungen von Verhandlungstheorien, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann, sei auf Zerche (1970), De Menil (1971), Külp (1973), Keller (1974), Güth (1978), Roth (1985) sowie Binmore & Dasgupta (1987) verwiesen.
139 Solow (1981) dazu, daß der ausgehandelte Lohnsatz dem arithmetischen Mittel von Durchschnittsund Grenzerlösprodukt der Arbeit entspricht. Allerdings ist keinesfalls klar, welche dieser und anderer Möglichkeiten für Verhandlungslösungen tatsächlich zutreffend ist und verwendet werden sollte. Unabhängig vom Fehlen bzw. von der genauen Lage einer eindeutigen Verhandlungslösung ergibt sich im Modell der effizienten Verhandlungen das überraschende Ergebnis einer Zunahme der Beschäftigung, die sogar das bei Abwesenheit einer Gewerkschaft herrschende Beschäftigungsgleichgewicht übersteigt, was von Nickel! & Andrews (1983) als realitätsfremd bzw. empirisch nicht beobachtet zurückgewiesen wird. Oswald (1985, S.172) sieht dies etwas differenzierter und zeigt, daß eine solche "Überbeschäftigung" rational zu erklären ist, wenn man sie -bei unvollkommenen Versicherungsmärkten - als Mittel der Gewerkschaft zur Reduzierung des Entlassungsrisikos ihrer Mitglieder betrachtet: "Overemployment is rational; it is the optimal way to reduce risk at the expense of technical efficiency." Dennoch bleibt festzustellen, daß die Arbeitsmarktrealität durch ein Phänomen der Unterund nicht der Überbeschäftigung gekennzeichnet ist, dessen Vereinbarkeit mit einem Modell effizienter Verhandlungen weiterer Überlegungen über die Determinanten und die Lage effizienter Lösungen bedarf; diese werden Gegenstand des nächsten Abschnittes sein. 6.3. Monopol-Modell und Modell der effizienten Verhandlungen: Versuche der Differenzierung und Harmonisierung Nach der obigen Darstellung des Monopol-Modells und des Modells effizienter Verhandlungen stellt sich die Frage, welches bzw. ob überhaupt eines dieser Modelle die tatsächliche Bestimmung von Löhnen und Beschäftigung zutreffend widerzuspiegeln vermag. Diese Frage ist nicht zuletzt deshalb von Bedeutung, weil beide Modelle verschiedene gewerkschaftliche Wohlfahrtseffekte ausweisen: Während im Modell der effizienten Verhandlungen die gewerkschaftlichen Lohnund Beschäftigungsgewinne hauptsächlich zu Lasten unternehmerischer (Monopol-)Gewinne gehen, impliziert die Monopol-Lösung auf der Arbeitsnachfragekurve, daß Gewerkschaften höhere Löhne für ihre Mitglieder vorwiegend auf Kosten nichtorganisierter bzw. arbeitsloser Arbeitnehmer durchzusetzen vermögen. Eine Antwort auf diese Frage kann man sowohl durch
140 einen theoretischen Vergleich als auch durch eine empirische Überprüfung und Gegenüberstellung beider Modelle zu erhalten versuchen. Bei einem theoretischen Vergleich beider Modelle fällt ins Gewicht, daß die Verhandlungslösung die wünschenswerte Eigenschaft der Pareto-Effizienz aufweist, die der Nachfragekurvenlösung fehlt. überdies vernachlässigt das Monopol-Modell völlig den Verhandlungsprozeß, der ein wichtiger, aber auch komplexer und noch nicht ausreichend erforschter Bestandteil der Beziehungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern zu sein scheint. Das Alternativmodell der effizienten Verhandlungen überwindet dieses Defizit, doch ist hier problematisch, daß gleichzeitig über die Höhe sowohl der Löhne als auch der Beschäftigung verhandelt wird und daraus eine Zunahme der Beschäftigung resultiert. Während dies für Verhandlungen auf Firmenebene plausibel erscheinen mag, dürfte es doch für einen weitgehend zentralisierten Tarifverhandlungsprozeß wie in der Bundesrepublik Deutschland kaum zutreffen. Hier wird üblicherweise auf relativ hoher Ebene für einzelne Tarifgebiete und damit über entsprechende Folgeverträge oft auch bundeseinheitlich quasi allgemeinverbindlich über die Lohnhöhe verhandelt (wobei die Gewerkschaft je nach Verhandlungsmacht ihre geheimen Vorstellungen mehr oder weniger durchzusetzen vermag) und - wie im "right to manage"-Modell -die Bestimmung der entsprechenden Beschäftigungsmenge dem einzelnen Arbeitgeber überlassen -ein Recht, das ihn übrigens auch veranlassen könnte, eine effiziente Verhandlungslösung durch Verringerung der Beschäftigung gemäß seiner Arbeitsnachfragekurve zu verlassen. Andererseits führen die Gewerkschaften für ihr in den achtziger Jahren verstärkt in Tarifverhandlungen und mittels Streiks angestrebtes Ziel einer 35-Stunden-Woche neben humanitären und gesellschaftspolitischen vorwiegend beschäftigungspolitische Gründe an 1), so daß die alleinige Fixierung auf den Lohnsatz in Tarifverhandlungen vielleicht doch zu eng erscheint. Eine eindeutige theoretische Überlegenheit eines der beiden Modelle scheint somit nicht gegeben, so daß Oswald (1985, S.173) zugestimmt werden kann, wenn er nach ähnlichen Überlegungen fest1) So argumentiert z.B. der IG-Metall-Vorsitzende Steinkühler (1987, S. 117): "Arbeitszeitverkürzung für alle ist die wichtigste Alternative zur Arbeitslosigkeit für viele ..•. Mit der Realisierung der 35-Stunden-Woche können allein in der Metallverarbeitung mindestens 200.000 Arbeitsplätze erhalten und bereitgestellt werden."
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