Europäische Stadt
Abstract
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Full text
Schubert, Dirk Book Part Europäische Stadt Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Schubert, Dirk (2018) : Europäische Stadt, In: ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Ed.): Handwörterbuch der Stadtund Raumentwicklung, ISBN 978-3-88838-559-9, ARL - Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover, pp. 601-610, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-5599531 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/225715 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/
Die ARL ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft DirkSchubert EuropäischeStadt S.601bis610 URN: urn:nbn:de:0156‐5599531 CC‐Lizenz:BY‐ND3.0Deutschland In: ARL–AkademiefürRaumforschungundLandesplanung(Hrsg.): HandwörterbuchderStadt‐undRaumentwicklung Hannover2018 ISBN978‐3‐88838‐559‐9(PDF‐Version)
601 Unterschiedliche Kulturen, Religionen, Herrschaftssysteme, Ethnien, Ökonomien, Planungen und Projekte haben die Herausbildung von unterschiedlichen Stadtpersönlichkeiten in Europa begünstigt. Gesellschaftlicher Wandel hat die Städte fortwährend verändert und Spuren, Verwerfungen sowie Überlagerungen befördert, die heute europäische Städte kennzeichnen. Städte bilden damit ein Spiegelbild der jeweiligen politischen, rechtlichen und administrativen Gegebenheiten sowie historischer Prozesse von langer Dauer. Mit Eindeutigkeit ist die europäische Stadt an sich nicht zu erfassen. Europäische Stadt Dirk Schubert Gliederung 1 Definitionen 2 Leitbild Europäische Stadt 3 Denktraditionen und Diskurse 4 Vielfältige Merkmalszuweisungen 5 Zukunftsfähigkeit der europäischen Stadt Literatur
Europäische Stadt 602 )JąSNYNTSJS Der Begriff der europäischen Stadt hat Konjunktur, ist mit schillernden Konnotationen durchweg positiv besetzt und mobilisiert Bilder sowie vielfältige Vorstellungen. Er ist nicht eindeutig definiert und taugt allenfalls als Metapher. Der Terminus wird als analytische Kategorie gegenüber anderen Stadttypen sowie als planerische Leitbildvorstellung verwandt. Beide Ebenen sind nicht trennscharf voneinander abzugrenzen. Die Bezeichnung Europäische Stadt beinhaltet auf der analytischen und auf der Leitbildebene morphologische, soziale, historische, ethnische und kulturelle Dimensionen. Unter dem Label Europäische Stadt geht es Denkmalschützern (▷ Denkmalschutz/Denkmalpflege) um den Erhalt älterer Gebäude, Stadtplanern um die kompakte, gründerzeitliche Stadt und Möglichkeiten ihrer Rekonstruktion, Geisteswissenschaftlern um das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit, von Inklusion und Exklusion, Historikern um Geschichte, Traditionen und long durées, Geographen um Strukturtypen von Städten und schließlich Juristen um Rechtsordnungen und Herrschaftslegitimität. Da die europäische Stadt äußerst divers ist, wird eine substanzielle einvernehmliche Definition erschwert. Schon die geographische Abgrenzung mittels der Bezugnahme auf den europäischen Raum ist bei der Unbestimmtheit der Grenzen Europas problematisch. Hier wäre zudem zwischen einer geographisch, einer kulturell und einer politisch geprägten Definition Europas zu unterscheiden. Zudem werden nur selektiv (positive) Aspekte von einzelnen Städten in Europa in diesen Definitionskontext einbezogen. „Europa ist ein Kontinent der Stadtpersönlichkeiten“ formulierte Braunfels (1977: 322) und verwies auf die Verschiedenartigkeit europäischer Städte. Seit der Öffnung Osteuropas nach 1989 ergaben sich mit den postsozialistischen Transformationsstädten deutlich komplexere Perspektiven. Der Anspruch einer dezidiert gesamteuropäischen Perspektive erschwert eine präzise Begriffsverwendung. Es gilt auch das bisher in Forschung und Stadtpolitik vernachlässigte Ostund Südeuropa und kaum untersuchte Klein-, Mittelund Großstädte am Rande Europas einzubeziehen. Neuere Forschungen betonen immer wieder die „Eigenlogik der Städte“ (Berking/Löw 2008) sowie Alleinstellungsmerkmale. Komparative Studien haben divergente Entwicklungen wie interund intrakommunale Unterschiede nicht nur europäischer Städte herausgearbeitet. Die analytische Verwendung des Begriffs Europäische Stadt impliziert vielfach Abgrenzungen mittels Vergleichen. So wird die europäische Stadt der nordamerikanischen Stadt gegenübergestellt, obwohl die europäische Stadt oft auch Elemente der nordamerikanischen Stadt wie vorstädtische Einkaufszentren und suburbane Auswüchse beinhaltet. Die europäisch-amerikanische Variationsbreite übertrifft dabei häufig nicht das Ausmaß innereuropäischer wie auch inneramerikanischer Stadtvarianzen (Lenger 2013: 14). Die mittels der Begriffsverwendung angenommene Europäizität vernachlässigt zudem die gravierenden Unterschiede zwischen kontinentaleuropäischen und englischen Städten, in denen früher und umfassender Stadtrandund Umlandwanderungen einsetzten und bis heute Reihenhausbebauungen dominieren – im Gegensatz zu den kompakten Bebauungsstrukturen und dem mehrgeschossigen Mietwohnungsbau in Mitteleuropa. Wegen des Fehlens und nur geringer Verbreitung von Stadtmauern setzte der Auszug der bürgerlichen Mittelschichten aus den Zentren
Europäische Stadt 603 dort bereits Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Bezüglich des Umfangs und der Implementierung stadtplanerischer Maßnahmen sind dagegen große Unterschiede auch zwischen südund nordeuropäischen Städten belegbar. Alle (europäischen) Städte beinhalten Traditionen, Institutionen und Bedeutungszuschreibungen für ihre Bürger (Heit 2004: 10). Auch bleibt der historische Bezug bei den Referenzierungen zur europäischen Stadt vage. Es wird vorwiegend auf mitteleuropäische (Groß-)Städte Bezug genommen und auf die Präsenz von Geschichte in Alltag und Stadtbild verwiesen, ohne aber das Zeitfenster zu konkretisieren, das als Orientierung dient. Städte beinhalten dabei eine Persistenz, die aber Transformationen und Mannigfaltigkeiten einschließt. Es bleibt die Frage, ob nicht mittels anderer Begriffe und Kategorien wie der vorindustriellen, der industriellen und der postindustriellen Stadt, der kapitalistischen und der sozialistischen Stadt, der christlich-abendländischen und islamistisch-arabischen Stadt, der formellen und informellen Stadt und ggf. einer Überlagerung ihrer jeweiligen Dimensionen eine größere Begriffsschärfe und Unterscheidungskraft zu erzielen ist. Andere Definitionsversuche gehen von dominanten Wirtschaftsformen aus. So können etwa (europäische) Industrie-, Hafen-, Bergbau-, Kurund Hauptstädte unterschieden werden (Schubert 2001: 274). Bei der eher gedankenlosen Verwendung des Begriffs der europäischen Stadt impliziert er einen Bedeutungsüberschuss, restaurative Stadtauffassungen sowie Verlustängste und kultiviert einen verklärenden, rückwärts gewandten Mythos einer Sozialutopie, der von Gemeinsamkeiten und Strukturähnlichkeiten ausgeht, ohne relevante Differenzen und Vielfältigkeit hinreichend zu reflektieren. 2 Leitbild Europäische Stadt Das Leitbild der europäischen Stadt gewann gegen Ende des letzten Jahrtausends an Bedeutung und erreicht inzwischen gleichsam hegemonialen Charakter (Jessen 2004: 93). Es findet bei Tagungen, in Programmen, Plänen und Manifesten der Kommunalpolitik inflationäre Verbreitung. Unter Verwendung auch von Synonymen wie Kompakte Stadtentwicklung, Nachhaltige Stadtentwicklung oder Soziale Stadtentwicklung beinhaltet es eine Abkehr und ein Gegenbild zur funktionalistischen Moderne und eine Art Rückbesinnung auf vorgeblich bewährte baulich-räumliche Strukturen mit korrespondierenden sozialen Implikationen. Die Wiederentdeckung und Neubewertung der Vergangenheit mittels Sicherung der Unverwechselbarkeit und historischer Stadtbilder spiegelt die Veränderungen von Wertmaßstäben und die Suche nach probaten aktuellen Zielen wider. Als Reaktion auf den funktionalistischen Städtebau galt Wiederaufbau im alten Stil, auf altem Grundriss mit restaurativer ▷ Urbanität als angemessenes Modell. Die gründerzeitliche Stadt erfährt damit eine Aufwertung bei gleichzeitiger Abwertung aller danach entstandenen städtebaulichen Strukturen. Diese Wiederentdeckung der Qualitäten der historischen Stadt hat zu einem fundamental veränderten Verständnis dessen geführt, was als die bessere Stadt betrachtet wird. Die unter dem Banner des baulichen und sozialen Fortschritts angetretene Stadt der Moderne verlor damit nicht nur ihre Faszination, sondern wurde zum Sinnbild von Zerstörung, Unwirtlichkeit, Nüchternheit und Kälte.
Europäische Stadt 604 Als Leitbild beinhaltet die europäische Stadt einen Paradigmenwechsel hin zu nutzungsgemischten Quartieren, Bestandsund Erhaltungsorientierung, kleinteiligem, schrittweisem Vorgehen, ▷ Innenentwicklung und Baulückenschließung, dichten, kompakten Stadtstrukturen, der Stadt der kurzen Wege und partizipativen Verfahren der ▷ Stadtentwicklung (Becker/Jessen/ Sander 1998: 14). Diese Umorientierung von Zielvorstellungen korrespondiert nicht zufällig mit der Renaissance der Stadt, also dem Attraktivitätsgewinn, Zuzug und der Aufwertung der Innenstädte und der innenstadtnahen Quartiere (▷ Quartier/Quartiersentwicklung). Als planerische Zielvorstellung hat der Begriff Eingang in Leitbilder gefunden (▷ Leitbilder der Stadtentwicklung), ohne explizit definiert zu sein. Es wird dabei vorwiegend auf dichte, kompakte und nutzungsgemischte Stadtstrukturen und auf die Stadt aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg Bezug genommen. Das Leitbild bezieht sich auf unterschiedliche baulich-räumliche Kulissen, sowohl auf Transformationen im Bestand, wie die Nachbesserung von Großwohnsiedlungen, als auch auf Konversionsprojekte und neue Stadtteile. Basierend auf der Kritik an Leitbildern wie der funktionalen, zonierten Stadt stellt diese Orientierung an der europäischen Stadt in Ermangelung schlüssigerer Konzepte den kleinsten gemeinsamen Nenner unter Stadtplanern und -politikern dar. Durch den Bedeutungsgewinn der stadtregionalen Ebene werden allerdings Zielvorstellungen der europäischen Stadt problematisch. Die Auflösung der Stadt in die Region und die Phänomene der Zersiedlung und Zwischenstadt lassen sich begrifflich damit kaum fassen und auch mittels dieses Leitbildes kaum steuern. Dispersionstendenzen der letzten Jahrzehnte werden gegenwärtig jedoch überlagert von neuen, gegenläufigen Trends der Verdichtung und innenstadtorientierten Lebensstile, die zunehmend an Wertschätzung gewinnen. Viele aktuelle Ziele der Stadtentwicklung werden global und ubiquitär verfolgt, auch wenn sie unter diversen Labeln firmieren und nicht explizit auf die europäische Stadt an sich rekurrieren. Prinzipien wie Nutzungsmischung, Inklusion, Partizipation, kompakte Stadt, Stärkung des ÖPNV, Innenentwicklung und Nachhaltigkeit bilden – unterschiedlich akzentuiert – normative Bezugspunkte zu neueren Stadtleitbildern wie Smart Cities, New Urbanism, Vernetzte Stadt und Resiliente Stadt. Das Modell der europäischen Stadt soll hier Orientierungen aufzeigen, denen Stadtplanung und -politik folgen können. Anpassungsund Widerstandsfähigkeit sowie Resilienz sind Merkmale, die neue Herausforderungen integrieren, Bestand und Geschichte einbeziehen und Kontinuität mit Flexibilität kombinieren können. Damit ist nicht nur eine städtebauliche Gestalt und Struktur eines Endzustandes intendiert, sondern die prozesshafte Implementierung und Einbeziehung zivilgesellschaftlicher Gruppen sind integrale Bestandteile des Leitbildes. Ähnliche Wertgrundsätze, übereinstimmende Geisteshaltungen, Mentalitäten und gemeinsames Kulturerbe sind weitere innewohnende Elemente des Projektes Europäische Stadt. ▷ Stadtplanung wurde nicht von ungefähr im 19. Jahrhundert als Stadterweiterung bezeichnet. Sie war auf die Ordnung des Wachstums, der Erweiterung und der Ausdehnung von wachsenden Städten ausgelegt. Die Planung von ▷ Schrumpfung ist eine Aufgabe, die in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts an Bedeutung gewann. Stadtschrumpfung ist ein ungewollter Prozess. Sie ist eine ungeplante Nebenwirkung und das indirekte Resultat von politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen (Oswalt 2006: 16). Stadtplanung ist im Kontext von Schrumpfung reaktiv und wird sich zunehmend weicher Instrumente bedienen müssen, vermag aber die Ursachen von Schrumpfung nicht zu beeinflussen.
Europäische Stadt 605 Schrumpfende Städte erfordern auch ein Umdenken im Hinblick auf die Vision Europäische Stadt. Sie stellen nicht nur eine neue ökonomische und soziale, sondern auch eine kulturelle Herausforderung dar. Nicht nur in Deutschland verzeichnen altindustrielle Regionen einen Rückgang an wirtschaftlichen Aktivitäten und an Bewohnern, überlagert von einem demografischen Wandel, der in Europa zu einem langfristigen Rückgang der Bevölkerung führen wird. Mehrund Zusatzausgaben stehen in schrumpfenden Städten sinkende Einnahmen gegenüber (Bernt 2008: 109). Ortsgebundenes Hausund Grundeigentum sowie stadtbürgerliches Engagement werden vielerorts in schrumpfenden Städten von international agierenden Immobiliengesellschaften abgelöst und lokale Bindungen, Erinnerungsorte und -kulturen schwinden fortwährend. 3 Denktraditionen und Diskurse Städte waren immer Gegenstand widersprüchlicher Wahrnehmungen, die zwischen Bewunderung und Euphorie, zwischen Kritik und Ablehnung oszillierten. Die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts herausbildende Ideologie der Agrarromantik und Großstadtfeindschaft –nicht nur ein europäisches Phänomen – war eingebettet in sozialkritische, empirische Studien der Großstadtprobleme sowie kulturpessimistische Strömungen, die eine Zersetzung der Gesellschaft beklagten. Der Begriff der europäischen Stadt hat durch Max Webers wirkungsmächtige Unterscheidung zwischen der orientalischen und okzidentalen Stadt und seiner Entwicklung des Idealtypus an Kontur gewonnen. Webers (unvollendeter) inner-okzidentaler Vergleich antiker und mittelalterlicher Städte und ihre Kontrastierung mit orientalischen Städten entstand kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Folgerungen zur europäischen Stadt – Weber benutzt den Begriff nicht – im 20.und 21. Jahrhundert können daher nur bedingt aus seinem Werk abgeleitet werden, obwohl das Konvolut Webers zur Stadt vielfach als Steinbruch für Definitionen und aktuelle Fragestellungen genutzt wird. Nach Weber sind Merkmale wie (mindestens relativ) geschlossene Siedlung, Dichte und Größe für eine Stadt nicht hinreichend definitionstragend. Er fügt Differenzierungen wie Fernmärkte, Konsumentenstadt, Rentnerstadt, Produzentenstadt, Gewerbestadt oder Händlerstadt hinzu und konkretisiert den Begriff Stadt des Okzidents mittels Errungenschaften wie einer relativ starken gewerblich-händlerischen Orientierung, der Befestigung, des Marktes, der eigenen Gerichts barkeit (Gilden und Zünfte), der Steuergewalt, der Rechte an Grundbesitz und damit der teilweisen Autonomie (Weber 1976: 72). „Trotz aller äußerlichen Ähnlichkeiten der Entwicklung müssen danach doch auch tiefgreifende Unterschiede festzustellen sein“ (Weber 1976: 788). Er betont weiter: „Die okzidentale Stadt war […] ein Ort des Aufstiegs aus der Unfreiheit in die Freiheit durch Mittel geldwirtschaftlichen Erwerbs“ (Weber 1976: 742). Die Diskurse vor und nach dem Ersten Weltkrieg um die europäische (Groß-)Stadt bezogen sich auf die raschen Veränderungen im Kontext der ▷ Urbanisierung. Schon Werner Sombart hatte festgestellt, dass es keine optimale Definition von Stadt gibt und dass über die Richtigkeit der Zweck entscheidet. Für jede Betrachtungsweise „kann ein besonderer Begriff von ‚Stadt‘ auf gestellt werden“ (Sombart 1907: 4). Wenn Simmel der Großstadt nicht mit der „Attitüde des Richters“ gegenübertritt, so sah er doch die „Entwurzelungserscheinungen“. Der Großstädter reagierte statt mit dem Gemüt mit dem Verstand und schuf sich so ein Schutzorgan gegen die „Vergewaltigungen der Großstadt“ (Simmel 1903: 189, 206). Heute positiv beschriebene Eigenschaften
Europäische Stadt 606 von Städten wie Belebtheit, Vielfalt, Chaos, Größe und Dichte waren damals Gegenstände heftiger Kritik, die folgend von modernistischen, funktionalistischen Ordnungsbestrebungen der Planung abgelöst wurden. Die zeitgenössische Bewertung der (europäischen) Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts fiel somit häufig deutlich kritischer aus, als die Ex-post-Bezugnahme es derzeit suggerieren möchte. Die Zuschreibung vorwiegend positiver Attribute zur europäischen Stadt aus diesem Zeitraum des 19. Jahrhunderts sollte also nicht den Blick auf problematische Entwicklungen damals verstellen. Unhaltbare hygienische Verhältnisse, Überbelegungen von Wohnungen, Ausbeutung und Elend der Arbeitermassen waren Begleiterscheinungen des Urbanisierungsprozesses. Der Ausschluss der Unterschichten von Wahlen mittels des Dreiklassenwahlrechts und die Schreckensbilder Berliner Mietskasernen und Hinterhöfe waren sprichwörtlich. 4 Vielfältige Merkmalszuweisungen Der europäischen Stadt werden spezifische baulich-räumlich und sozialpolitische Wesensmerkmale attestiert. Historisch betrachtet bildeten Städte Oasen in der Wüste der feudalen agrarischen Welt und die Keimzellen der modernen Zivilgesellschaft. Die der europäischen Stadt pauschal zugeschriebenen Merkmale beziehen sich – unabhängig von der enormen Vielfalt von Stadtformen und städtischen Lebensweisen – auf die Zeit von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg, auf die gründerzeitliche Stadt. Obwohl die Stadtzentren aus römischen, mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Zeiten stammen, bestimmen sie mit Kirchen, Rathäusern, Marktplätzen bis heute Identität und Image von Städten, sind aber beileibe nicht unverändert geblieben. Auch die stadtregionalen Subzentren sind vielfach aus vormaligen Ortskernen hervorgegangen. In Europa unterstrichen Stadtumbaumaßnahmen und Straßendurchbrüche den repräsentativen Charakter der Zentren und geplante neue Quartiere wie Bahnhofs-, Villenund Wohnviertel entstanden (Kaelble 2006: 36). Oftmals wurden damals jene Partien geschaffen, die wir heute als die charakteristischen der jeweiligen Stadt betrachten. Sie wurden zu wirkungsmächtigen Orten von Erinnerungskulturen. Die Planungsmuster folgten meist keinem standardisierten Raster von Blöcken, sondern berücksichtigten topografische Besonderheiten. Wichtige Elemente waren Diagonalen, Alleen und Parks. Um den alten Kern bildeten sich gleichsam Jahresringe aus unterschiedlichen zeitlichen Phasen. So entstanden Quartierstypen, die sich bis heute durch Image und soziale Schichtungen unterscheiden. Lokal unterschiedliche Bauordnungen und Vorgaben für Nutzung, Dichte und Höhe von Gebäuden ließen informelles Stadtwachstum kaum zu. Geplante Infrastrukturen und ein Mindestmaß an öffentlichen Dienstleistungen, hygienische und feuerpolizeiliche Vorgaben bildeten weitere integrale Bestandteile der Verstädterung. Walter Siebel (2004: 12) benennt in Anlehnung an Max Weber fünf Merkmale, von denen keines für sich genommen die Besonderheit der europäischen Stadt begründet, die aber kombiniert die europäische Stadt konstituieren: Differenzierung, Emanzipation, urbane Lebensweise mit Polarität von Öffentlichkeit und Privatheit, Zentralität, Größe und Dichte sowie sozialstaatliche Interventionen. Dabei wird auf die Stadtbürger und ihren Bürgersinn gesetzt, die als Träger städtischer Kultur zu zentralen Akteuren werden und Identifikation, soziale Integration, Mischung und Stabilität in den Quartieren begünstigen sollen. Die Bindung des Bürgerbegriffs an Eigentum ist dabei nicht unproblematisch, werden doch damit Verdrängung und Ausschließung befördert. Nicht nur die
Europäische Stadt 607 europäische Stadt war vor dem Ersten Weltkrieg von rascher Zuwanderung bestimmt. Für die Migranten erwies sich die Stadt als ein Integrationsmodell, eine Perspektive, um mit den ländlichen Abhängigkeitsverhältnissen zu brechen und auf eine Verbesserung der Lebensverhältnisse zu hoffen. Das Gehäuse der kompakten europäischen Stadt eröffnete – und bietet auch in Zukunft, so die Annahmen – dabei mehr Optionen zur Bewältigung des gesellschaftlichen Wandels als städtebauliche Monostrukturen der Moderne. Immer noch beinhalten europäische Städte –trotz deregulativer und neoliberaler Trends in vielen Staaten – wohlfahrtsstaatliche Elemente auf kommunaler Ebene (Siebel 2004: 17), die eine Eingliederung von Zuwanderern erleichtern können, auch wenn der aktuelle Flüchtlingsstrom nach Europa eine neue Belastungsprobe darstellt. ?ZPZSKYXK¦MNLPJNYIJWJZWTU¦NXHMJS8YFIY Europäische Städte bilden zwischen Hoffnungen und Ängsten Orte eines vergrößerten Möglichkeitshorizontes. Die europäische Stadt wird zur Konfrontation als Kampfbegriff und positives Leitbild der nordamerikanischen Stadt gegenübergestellt. Letzterer Typus wird dagegen mit negativen Etiketten versehen wie Urban Sprawl, Unplanbarkeit, Hyper-Ghettos, Landschaftsverbrauch oder Siedlungsbrei. Längst hat allerdings auch die europäische Stadt derartige (globale) Phänomene und Entwicklungen wie das – vielfach referenzierte – Zukunftslabor der nordamerikanischen Stadt zu verzeichnen. Ob die kulturelle Kraft der europäischen Stadt hinreichend ist, um gegen neoliberale Globalisierungsprozesse (▷ Globalisierung) und Stadtpolitiken, gegen Desintegration und sozialräumliche Disparitäten zu wirken, muss eher skeptisch beurteilt werden. Vor allem die historisch geprägten Kernstädte geraten vor dem Hintergrund der Filialisierung des Einzelhandels (▷ Einzelhandel), des Rückgangs eigentümergeführter Geschäfte, der Privatisierung öffentlicher Räume und des Trends zu suburbanen Einkaufszentren unter Druck. Die derzeit überwiegende Ausrichtung der neoliberalen, wettbewerbsorientierten Stadtpolitik an Perspektiven wie Intelligent Cities oder Smart Cities wird vormalige Alleinstellungsmerkmale eher ignorieren und Nivellierungen verstärken. Normative Leitbilder und das (europäische) ▷ Planungsrecht werden damit stadträumliche Entwicklungen zukünftig weniger bestimmen als ökonomische Trends und Zwänge. Zwischen Globalisierungstrends, der Abgabe von staatlichen Vollmachten an supranationale Institutionen der EU (▷ Europäische Union) und Optionen der Reterritorialisierung und Ortsgebundenheit der Stadtplanung und Kommunalpolitik verbleiben nur enge Spielräume. Ob die Orientierung am Modell der europäischen Stadt hinreichend planerische Lenkungsmöglichkeiten einschließt und nicht als Auslaufmodell vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Eigendynamiken zu sehen ist, kann durchaus skeptisch beurteilt werden. Auch die Nationale Stadtentwicklungspolitik in Deutschland rekurriert auf die „Idee der Europäischen Stadt als Raum-, Sozialund Wertemodell. Zum einen ist diese Europäische Stadt ein Erfolgsmodell: als Kristallisationspunkt der ökonomischen Entwicklung, als ökologisch sinnvolle Siedlungsform und als funktionsfähige soziale und ethnische Integrationsmaschine. Andererseits sucht man heute überall in Europa nach einer neuen Balance: zwischen ökonomischem Wachstum und nachhaltiger Entwicklung, zwischen baulicher Expansion und Bewahrung des historischen Erbes, zwischen sprunghafter Entwicklung der räumlichen Mobilität und Neubewertung von Nachbarschaft“ (BMUB o. J.).