Fake News den Kampf ansagen: Zivilgesellschaft muss und kann gegen politische Desinformation wirken
Abstract
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Full text
Pogrebinschi, Thamy; Borges Martins da Silva, Mariana Article Fake News den Kampf ansagen: Zivilgesellschaft muss und kann gegen politische Desinformation wirken WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung Provided in Cooperation with: WZB Berlin Social Science Center Suggested Citation: Pogrebinschi, Thamy; Borges Martins da Silva, Mariana (2023) : Fake News den Kampf ansagen: Zivilgesellschaft muss und kann gegen politische Desinformation wirken, WZBMitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung, ISSN 2943-6613, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Berlin, Iss. 182 (4/23), pp. 16-19, https://bibliothek.wzb.eu/artikel/2023/f-25872.pdf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/327870 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Fake News den Kampf ansagen Zivilgesellschaft muss und kann gegen politische Desinformation wirken Politische Desinformation ist zu einer ernsthaften Bedrohung für Demokratien weltweit geworden. Die klassischen und die sozialen Medien selbst sind ebenso gefordert, dagegen anzugehen, wie Regierungen und Gesetzgeber. Mit Umfragen und einem Experiment haben die Politikwissenschaftlerinnen Thamy Pogrebinschi und Mariana Borges Martins da Silva in Brasilien eine weitere Kraft ausfindig gemacht, die wirksam gegen Desinformation angehen kann. Thamy Pogrebinschi und Mariana Borges Martins da Silva Vor der Präsidentschaftswahl 2018, bei der sich der rechtsextreme Kandidat Jair Bolsonaro und der vom ehemaligen linken Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva unterstützte Kandidat gegenüberstanden, wurde Brasilien von einer Lawine von Fake News überrollt. Im Wahlkampf 2022 – jetzt trat Lula da Silva selbst gegen Bolsonaro an – ergriffen Institutionen wie die Justiz, der Kongress, die Presse und Social-Media-Plattformen verschiedene Maßnahmen, um zu verhindern, dass sich das gleiche Szenario wiederholte: WhatsApp beschränkte die Anzahl der Weiterleitungen einer Nachricht durch eine*n Nutzer*in. Die Zahl der professionellen Fact-Checking-Organisationen nahm zu. Die Justiz schloss eine Vereinbarung mit Social-Media-Plattformen, um die Verbreitung falscher Inhalte zu verhindern. Aber diese Bemühungen reichten nicht aus, um das Problem in den Griff zu bekommen. Laut einer Umfrage, die wir im Rahmen einer Forschungskooperation zwischen dem WZB und der Universität Oxford durchgeführt haben, glauben 76 Prozent der Brasilianer*innen, das Wahlergebnis von 2022 sei durch Fake News beeinflusst worden. Sogar 87 Prozent der Bevölkerung glauben, dass die sozialen Medien die Hauptquelle für Fake News während des Wahlkampfs waren. Dennoch gaben 62 Prozent der Befragten an, sie hätten sich vor der Wahl auf soziale Medien verlassen, um sich über Politik zu informieren – ebenso viele, wie angaben, sich über die traditionelle Presse informiert zu haben. Überraschenderweise sind jedoch nur 40 Prozent der Bürger der Meinung, dass die sozialen Medien selbst gegen Desinformation vorgehen sollten. Und noch weniger – nur 38 Prozent – glauben, dass die Presse dies tun sollte. An der Bundesuniversität Rio de Janeiro wurden Nachrichten analysiert, die über verschiedene Plattformen verbreitet wurden. Die zentralen Themen waren zum einen die Integrität des Wahlprozesses und die Glaubwürdigkeit der 16 | Mitteilungen Heft 182 Dezember 2023
Presse sowie Umweltfragen. Immer raffiniertere Desinformationsstrategien beeinflussten den Wahlkampf 2022: Das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Institutionen wurde durch die Verbreitung von Unwahrheiten untergraben. Wissenschaftliche Fakten wurden mithilfe von irreführenden Statistiken und tendenziösem Bildmaterial verzerrt und bestritten. Eine zentrale Kampagne des Bolsonaro-Lagers war, dass sie Misstrauen hinsichtlich der Integrität der Wahlcomputer schürten. Auch Meinungsumfragen wurden Ziel von Fake News. Es wurde bestritten, dass Bolsonaro hinter Lula lag; zahlreiche Videos sollten beweisen, dass die Meinungsforscher*innen Lula begünstigten. Der Oberste Wahlgerichtshof Brasiliens handelte schnell und forderte in hunderten von Fällen Plattformen dazu auf, unrichtige Inhalte zu entfernen. Außerdem verbot er Kanäle und Profile, die Unwahrheiten über den Wahlprozess verbreiteten. Dennoch war auch die Justiz Ziel der Fake News, die Bolsonaro und seine Anhänger verbreiteten. Die Maßnahmen reichten eindeutig nicht, um Qualität und Verbreitung der Informationen in den sozialen Medien zu kontrollieren. Wenn aber die Bemühungen von Regierungen und internationalen Gremien zur Regulierung der sozialen Medien nicht ausreichen, wenn auch bei Presse und sozialen Medien die Selbstkontrolle versagt, muss der Aktionsradius erweitert werden. Es müssen sich mehr Akteure gegen die Verbreitung politischer Unwahrheit engagieren. Und hier kommt die Zivilgesellschaft ins Spiel. Verschiedene Faktoren trugen dazu bei, dass die brasilianische Zivilgesellschaft in den letzten Jahren wehrhafter wurde: Der autoritäre Charakter der Regierung Bolsonaro, seine Versuche, den bürgerschaftlichen Raum zu verengen und Kanäle der Bürgerbeteiligung zu beschneiden, und der durch die Corona-Pandemie verursachte soziale Notstand führten zu starken Gegenreaktionen. Das Land verfügt schon traditionell über eine starke Zivilgesellschaft, vor allem seit dem Übergang zur Demokratie Mitte der 1980er-Jahre, aber in den letzten Jahren erlebte Brasilien eine exponentielle Zunahme demokratischer Innovation. Das ist sicher auch durch die zunehmende Nutzung digitaler Instrumente der Partizipation durch zivilgesellschaftliche Akteure zu erklären. Die Akteure der Zivilgesellschaft haben in den letzten Jahren auch bei der Produktion von Wissen eine immer wichtigere Rolle gespielt. Durch ihre lokale Verwurzelung sind sie häufig in der Lage, Probleme vor allen anderen zu erkennen, was sie in bestimmten Zusammenhängen zu Wissensproduzenten macht. Die digitale Technologie hat die Bedeutung der Zivilgesellschaft bei der Produktion von alternativem Wissen erheblich gestärkt – soziale Akteure haben heute ein breiteres Repertoire zur Bewältigung von Krisen. Außerdem können sie durch Crowdsourcing soziale Intelligenz nutzen, um Probleme des Gemeinwesens zu bearbeiten. Thamy Pogrebinschi ist Senior Researcher am Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung, Fakultätsmitglied der Berlin Graduate School of Social Sciences (BGSS) an der Humboldt-Universität zu Berlin. tham[email protected] Foto: © WZB/privat, alle Rechte vorbehalten. „Eine zentrale Kampagne des Bolsonaro-Lagers war, dass sie Misstrauen hinsichtlich der Integrität der Wahlcomputer schürten“ „Die digitale Technologie hat die Bedeutung der Zivilgesellschaft bei der Produktion von alternativem Wissen erheblich gestärkt“ Titelthema 17
Weltweit gibt es immer mehr zivilgesellschaftliche Initiativen, die sich gegen Desinformation einsetzen. In Europa sieht das so aus, dass Fakten überprüft und die Medienkompetenz gefördert werden, dass investigativer Journalismus und Recherche ausgebaut werden. In einer früheren Veröffentlichung haben wir gezeigt, wie das Bild in Brasilien aussieht. Wir konnten fünf Strategien zur Bekämpfung von Desinformation ausmachen: Zivilgesellschaftliche Informationen beschaffen präzise Informationen, sie decken Fehlinformationen auf, sie entwerfen Gegennarrative, sie machen zuverlässige Daten allgemein zugänglich, und sie checken Fakten. Diese Strategien machen die Zivilgesellschaft zu einer Wissensquelle, die proaktiv genaue Informationen und zuverlässige Daten generiert. Auf unsere Frage hin, wer Desinformation bekämpfen sollte, gaben 60,3 Prozent der Menschen in Brasilien an, dass Bürger*innen und die Zivilgesellschaft diese Aufgabe übernehmen sollten. Sie erwarten also, dass eine solche Herausforderung nicht nur von politischen Akteuren und Institutionen angegangen wird. Dies steht im Einklang mit dem allgemein geringen Vertrauen in die Medien in Brasilien – wir verweisen noch einmal auf den Befund, dass nur 38 Prozent der Befragten in unserer Umfrage die Presse als zuständig für die Bekämpfung von Fake News ansehen. Wenn die Bürgerinnen und Bürger der Presse nicht trauen, trauen sie ihr auch nicht zu, Fakten zu überprüfen. Sie suchen hier eher nach Alternativen, zum Beispiel nach Organisationen der Zivilgesellschaft. Zivilgesellschaft und die Bürger*innen haben das Potenzial, als glaubwürdigere Informationsquellen wahrgenommen zu werden, die alternatives und vertrauenswürdiges Wissen produzieren. In unserer Studie war der Prozentsatz der Befragten, die eine negative Einstellung gegenüber der Presse haben, höher als der jener, die kein oder nur ein geringes Vertrauen in die Zivilgesellschaft haben (43,1 Prozent für die Presse und 38,4 Prozent für die Zivilgesellschaft). Umgekehrt ist der Prozentsatz der Befragten mit einer neutralen Einstellung gegenüber der Zivilgesellschaft höher als der gegenüber der Presse (36,8 versus 30,1 Prozent). Insgesamt ist also das Vertrauen in die Zivilgesellschaft etwas höher als das in die Presse. Noch ausgeprägter ist dieses Muster unter Anhänger*innen des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro, die auch am anfälligsten für Desinformation sind. Unsere Befragung ergab, dass sie insgesamt ein höheres Misstrauen gegenüber Presse und Zivilgesellschaft haben, aber das Misstrauen gegenüber der Zivilgesellschaft ist auch in dieser Gruppe etwas geringer als gegenüber der Presse. Am wichtigsten aber ist folgender Befund: Wenn es darum geht, Desinformation zu bekämpfen, ist in der Gruppe der Bolsonaro-Anhänger*innen die Zivilgesellschaft effektiver als die Presse. Das haben wir in einem Experiment beobachtet. Wir gaben den Teilnehmenden aufklärende Informationen über eines der Hauptfelder von Fake News im Wahlkampf, nämlich die Abholzung des Amazonas. Alle Befragten bekamen dieselben Informationen, wir variierten aber die Informationsquelle. Einer Gruppe wurde gesagt, das Video mit den aufklärenden Informationen stamme aus der Presse, während einer anderen Gruppe gesagt wurde, es komme aus den Reihen der Zivilgesellschaft. „Wenn die Bürgerinnen und Bürger der Presse nicht trauen, trauen sie ihr auch nicht zu, Fakten zu überprüfen“ Mariana Borges Martins da Silva ist Postdoc am Nuffield College, University of Oxford. Sie forscht zu politischer Repräsentation, Wahlen, Parteien, Korruption und Desinformation in Schwellenländern, mit einem Schwerpunkt auf Brasilien. maria[email protected]x.ac.u Foto: © WZB/privat, alle Rechte vorbehalten. 18 | Mitteilungen Heft 182 Dezember 2023
Auf diese Weise konnten wir die Wirksamkeit der Zivilgesellschaft als Informationsquelle bei der Reduzierung von Desinformation mit der der Presse vergleichen. Für die Gesamtstichprobe konnten wir keinen Unterschied feststellen. Aber unter den Anhänger*innen des ehemaligen populistischen Präsidenten Bolsonaro war die Zivilgesellschaft als Quelle besonders effektiv. In dieser Gruppe wiesen die Befragten, die Informationen aus der Zivilgesellschaft erhalten hatten, eine signifikant niedrigere Rate an Fehlinformationen auf als diejenigen, die vermeintlich durch die Presse informiert worden waren. Die Herausforderung, Desinformation wirksam zu bekämpfen, wird immer komplexer. Bestehende Ansätze können mit dem Ausmaß, der Art und der Komplexität des Problems nur schwer Schritt halten. Da die Demokratie durch Desinformation schwer geschädigt wird, ist es von entscheidender Bedeutung, das Spektrum der Maßnahmen zu erweitern und ein breites Spektrum von Akteuren einzubeziehen. Die Zivilgesellschaft spielt nicht nur in demokratischen Ländern eine zentrale Rolle, sondern auch und gerade in Staaten, die von populistischen Regimen regiert werden. Diese Regime sind oft selbst Quellen von Desinformation: Populistische Führer manipulieren staatliche Quellen, um mit falschen Darstellungen eine undemokratische Politik durchzusetzen und an der Macht zu bleiben. Solange der zivilgesellschaftliche Raum jedoch nicht zu stark durch autoritäre Herrschaft beeinträchtigt wird, können zivilgesellschaftliche Initiativen eine vielversprechende Rolle im Kampf gegen Desinformation spielen. Literatur Colomina, Carme/Margalef, Héctor Sánchez/Youngs, Richard: The Impact of Disinformation on Democratic Processes and Human Rights in the World. Directorate-General for External Policies, European Parliament 2021. Pogrebinschi, Thamy: Innovating Democracy? The Means and Ends of Citizen Participation in Latin America. Cambridge: Cambridge University Press 2023. Pogrebinschi, Thamy/Dominguez, Maria/Borges Martins da Silva, Mariana: Gegen Desinformation. Die Rolle von Zivilgesellschaft und kollektiver Intelligenz im brasilianischen Wahlkampf. WZB Mitteilungen, 2022, H. 178. Online: https://www.wzb.eu/de/ artikel/gegen-desinformation (Stand 06.12.2023). Porta, Donatella della: Contentious Politics in Emergency Critical Junctures: Progressive Social Movements during the Pandemic. Cambridge: Cambridge University Press 2022. Santini, Rose Marie/Salles, Débora: Especial Eleições 2022 – Acompanhamento Da Desinformação Multiplataforma. NetLab Universidade Federal do Rio de Janeiro (UFRJ) 2022. Der Text ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC BY 4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ „Da die Demokratie durch Desinformation schwer geschädigt wird, ist es von entscheidender Bedeutung, ein breites Spektrum von Akteuren einzubeziehen“ Titelthema 19