Soziale Normen und der Emissionsausgleich bei Flügen: Evidenz für deutsche Haushalte
Abstract
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Full text
Eßer, Jana; Frondel, Manuel; Sommer, Stephan Article — Published Version Soziale Normen und der Emissionsausgleich bei Flügen: Evidenz für deutsche Haushalte AStA Wirtschaftsund Sozialstatistisches Archiv Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Eßer, Jana; Frondel, Manuel; Sommer, Stephan (2023) : Soziale Normen und der Emissionsausgleich bei Flügen: Evidenz für deutsche Haushalte, AStA Wirtschaftsund Sozialstatistisches Archiv, ISSN 1863-8163, Springer, Berlin, Heidelberg, Vol. 17, Iss. 1, pp. 71-99, https://doi.org/10.1007/s11943-023-00317-x This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/308465 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
ORIGINALVERÖFFENTLICHUNG https://doi.org/10.1007/s11943-023-00317-x AStA Wirtschaftsund Sozialstatistisches Archiv (2023) 17:71–99 Soziale Normen und der Emissionsausgleich bei Flügen: Evidenz für deutsche Haushalte Jana Eßer · Manuel Frondel · Stephan Sommer Eingegangen: 17. September 2021 / Angenommen: 1. März 2023 / Online publiziert: 9. Mai 2023 © Der/die Autor(en) 2023 Zusammenfassung Die Bereitschaft, freiwillige Zahlungen zum Ausgleich von Emissionen an Kohlendioxid (CO2) zu leisten, hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Eine Möglichkeit, diese Kompensationsbereitschaft weiter zu erhöhen, besteht in der Aktivierung einer sozialen Norm, indem darauf aufmerksam gemacht wird, dass ein Emissionsausgleich gesellschaftlich erwünscht ist. Vor diesem Hintergrund untersucht dieser Beitrag die Bereitschaft, die durch Flugreisen verursachten CO2-Emissionen durch den Kauf von Ausgleichszertifikaten zu kompensieren anhand eines diskreten Entscheidungsexperimentes, das in eine Erhebung aus dem Jahr 2019 eingebettet wurde. Dabei wurde eine deskriptive soziale Norm in zufälliger Weise vorgegeben, ebenso wie eine von drei Kompensationshöhen von 5, 10 oder 15 C. Im Ergebnis zeigt sich, dass 57,0% der Probanden sich dafür entscheiden, die Emissionen eines künftig anstehenden Fluges auszugleichen. Hierbei finden sich nur geringe, statistisch nicht signifikante Unterschiede zwischen der Kontrollgruppe und der Gruppe, die mit einer sozialen Norm konfrontiert wurde. Schlüsselwörter Diskretes Entscheidungsexperiment · Panelerhebung · Klimawandel. JEL classification D12 · C25 Jana Eßer · Manuel Frondel · Stephan Sommer RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, Hohenzollernstr. 1–3, 45128 Essen, Deutschland E-Mail: [email protected] Manuel Frondel Ruhr-Universität Bochum, Universitätsstr. 150, 44801 Bochum, Deutschland Stephan Sommer Hochschule Bochum, Am Hochschulcampus 1, 44801 Bochum, Deutschland K
72 J. Eßer et al. Social Norms and Flight Emission Offsets: Evidence for German Households Abstract The willingness to make voluntary payments to offset carbon dioxide (CO2) emissions, for example from flights, has increased considerably in recent years. One way to further increase this willingness to compensate is to activate a social norm by drawing attention to the fact that offsetting emissions is socially desirable. Using a discrete choice experiment that was embedded in a large survey conducted in 2019, this paper investigates the willingness to offset CO2 emissions caused by air travel by purchasing offset certificates. A descriptive social norm was randomly assigned, as was one of three compensation levels of C5, C10 or C15. While in total 57.0% of the subjects choose to offset the emissions of an upcoming flight, there are only slight, statistically insignificant differences between the control group and the treatment group that was confronted with a social norm. 1 Einleitung Spätestens seit der aufsehenerregenden Reise der weltweit bekannten Klimaaktivistin Greta Thunberg zum Klimagipfel der Vereinten Nationen in New York im Jahr 2019 ist wohl den meisten Menschen bewusst, dass Fliegen mit substanziellen Emissionen einhergeht. Aus diesem Grund legte Greta Thunberg diese Reise in emissionsarmer Weise per Segelyacht zurück, anstatt mit dem Flugzeug. Nach Angaben des Umweltbundesamtes (2020) liegen die spezifischen Emissionen von Inlandsflügen mit über 200g pro Personenkilometer mehr als sechsmal höher als bei Benutzung der Bahn. Die spezifischen Emissionen von Flugzeugen fallen damit unter allen Transportmitteln mit Abstand am höchsten aus. Wer dennoch nicht auf das Fliegen verzichten kann oder möchte, hat mittlerweile vielfältige Möglichkeiten die dabei entstehenden Emissionen an Kohlendioxid (CO2) auszugleichen, indem Ausgleichszertifikate erworben werden, die bestätigen, dass andernorts durch Klimaschutzprojekte Treibhausgasemissionen eingespart werden.1 Dabei kann der zur CO2-Kompensation investierbare Betrag so gewählt werden, dass die bei der jeweiligen Flugreise verursachten Emissionen recht genau ausgeglichen werden (Umweltbundesamt 2019). Der weltweite Markt für den freiwilligen Ausgleich von Treibhausgasemissionen ist stark wachsend (Ecosystem Marketplace (EM) 2019, S. 2; Wolters et al. 2015, S. 81). In Deutschland ist vor allem der Ausgleich von aus Flügen resultierenden Emissionen beliebt: Knapp ein Drittel aller Ausgleichszertifikate wird für diesen Zweck verwendet (Wolters et al. 2015, S. 51). Bislang allerdings gleicht nur eine Minderheit der Flugreisenden die aus ihren Flügen resultierenden Emissionen aus. Laut verschiedener Studien liegt deren Anteil 1Mit dem Kauf von Ausgleichszertifikaten werden Investitionen in Klimaschutzprojekte getätigt, etwa in Entwicklungsländern. Diese reduzieren CO2-Emissionen, beispielsweise indem Windkraftanlagen oder Solarzellen installiert, Öfen mit einem saubereren Verbrennungsprozess verteilt, oder Methanemissionen bei der Müllverbrennung in nutzbaren Brennstoff umgewandelt werden (EM 2018, S. 2). Die meisten Projekte halten verschiedene freiwillige Standards ein und werden von Dritten validiert und verifiziert (EM 2018,S.1). K
Soziale Normen und der Emissionsausgleich bei Flügen: Evidenz für deutsche Haushalte 73 etwa zwischen 2 und 22% (Blasch und Farsi 2014, S. 6; Gössling et al. 2009, S. 13; Hagmann et al. 2015,S.39f.;Mair2011, S. 222; McLennan et al. 2014, S. 195; Ritchie et al. 2020, S. 342; Schlöder et al. 2021, S. 9; Zhang et al. 2019, S. 722). Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Nutzung von Ausgleichszertifikaten zu erhöhen. So untersuchen Kesternich et al. (2016,2019) in Feldexperimenten in Zusammenarbeit mit einem Fernreisebusunternehmen die Wirkungen von Rabattund Matchingmethoden (Ausgleichsbeiträge des Reiseunternehmens) bzw. unterschiedlicher Standardeinstellungen (Opt-In-, Active-Choice-Verfahren). Diese Autoren finden, dass sich die Bereitschaft zur Kompensation erhöht, wenn das Busunternehmen einen Rabatt auf die Kompensationskosten gibt oder den Beitrag des Reisenden um den gleichen Wert erhöht (Matching). Basierend auf einem diskreten Entscheidungsexperiment zeigen Schwirplies et al. (2019) ebenfalls, dass die Kompensationsbereitschaft bei Busund Flugreisen steigt, wenn der Reiseanbieter einen Beitrag in gleicher Höhe wie die Reisenden leistet. Eine weitere Möglichkeit, die Nutzung von Ausgleichszertifikaten zu erhöhen, besteht darin Flugreisende darauf aufmerksam zu machen, dass ein Emissionsausgleich gesellschaftlich erwünscht ist oder von einer Mehrheit der Gesellschaft getätigt wird. Emissionen auszugleichen, stellt daher eine soziale Norm dar. Mehrere empirische Studien finden einen positiven Einfluss sozialer Normen auf die Bereitschaft eine Kompensationszahlung zu leisten (Blasch und Farsi 2014; Choi et al. 2016; Ritchie et al. 2020), im Folgenden Kompensationsbereitschaft genannt. In anderen Studien zeigt sich hingegen kein Effekt (Araghi et al. 2014; Peterson et al. 2013; Schwirplies und Ziegler 2016). Demnach wären soziale Normen keine effektive Maßnahme zur Erhöhung freiwilliger CO2-Ausgleiche. Vor diesem Hintergrund untersucht dieser Beitrag anhand eines diskreten Entscheidungsexperimentes, das in eine Erhebung aus dem Jahr 2019 eingebettet wurde, die Bereitschaft von 1334 Teilnehmenden, die durch Flugreisen verursachten CO2-Emissionen mittels des Kaufs von Ausgleichszertifikaten zu kompensieren – zur Anwendung dieser Methode auf die weltweite CO2-Vermeidung siehe Carlsson et al. (2012). Darüber hinaus wird in diesem Beitrag auch der Zusammenhang zwischen einer Reihe von sozioökonomischen Charakteristika und der Kompensationsbereitschaft beleuchtet sowie der Effekt einer deskriptiven sozialen Norm auf die Kompensationsbereitschaft. Im folgenden Abschnitt wird der Begriff der sozialen Norm definiert und ein kurzer Literaturüberblick über den Zusammenhang zwischen sozialen Normen und der Kompensationsbereitschaft gegeben. In Abschn. 3 wird die theoretische Grundlage für die empirische Untersuchung gelegt und eine Hypothese bezüglich des Einflusses sozialer Normen formuliert. In Abschn. 4 werden die Stichprobe und das Studiendesign beschrieben. Abschn. 5 präsentiert die empirischen Ergebnisse. Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst, in die empirische Literatur eingeordnet und diskutiert. Zudem wird auf Limitationen der Studie eingegangen sowie ein Ausblick hinsichtlich möglicher weiterer Forschungsarbeiten gegeben. K
74 J. Eßer et al. 2 Soziale Normen Verschiedene Theorien sowohl der Sozialpsychologie als auch der Wirtschaftswissenschaften beschäftigen sich damit, inwiefern soziale Normen das menschliche Verhalten beeinflussen (Farrow et al. 2017, S. 4f., Akerlof und Kranton 2010,S.1). Üblicherweise werden zwei Arten von sozialen Normen unterschieden: injunktive und deskriptive Normen (Cialdini et al. 1990, S. 1015). Injunktive Normen zeigen auf, welches Verhalten von der Gesellschaft gutgeheißen bzw. abgelehnt wird und wirken durch gesellschaftliche Anerkennung bzw. Bestrafung. Aus moralischer Sicht geben injunktive Normen an, was getan werden sollte. Deskriptive Normen hingegen zeigen auf, was getan wird. Sie beschreiben, wie die meisten Menschen sich verhalten und könnten dadurch wirken, dass sie aufzeigen, welche Handlungen wahrscheinlich effektiv sind. Durch die Annahme, dass es sinnvoll sein sollte, eine bestimmte Handlung auszuführen, wenn dies alle tun, bieten deskriptive Normen eine Art Entscheidungsabkürzung (Cialdini et al. 1990, S. 1015). Laut Christensen et al. (2004) sind die Normen einer Gruppe, mit der ein Individuum sich identifiziert, relevant für dessen Identität. Sind die Handlungen dieses Individuums in Einklang mit der eigenen Identität, und damit mit den Normen der Gruppe, kann dies ein Gefühl von Stolz oder Erleichterung hervorrufen. Handelt das Individuum hingegen nicht in Einklang mit seiner Identität bzw. den sozialen Normen der Gruppe, können Schuldoder Angstgefühle entstehen. Dadurch ist ein Individuum bestrebt, sich an die sozialen Normen der Gruppe, mit der es sich identifiziert, zu halten. Soziale Normen können das Verhalten von Menschen folglich durch die erwarteten Konsequenzen einer Handlung beeinflussen, vor allem aber durch gesellschaftliche Anerkennung oder Sanktionierung sowie durch den Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe und die damit verbundenen Gefühle. Voraussetzung dafür, dass soziale Normen das Verhalten von Individuen beeinflussen können, ist allerdings, dass sie aktiviert bzw. für das handelnde Subjekt erkennbar werden (Cialdini et al. 1990, S. 1017; Kallgren et al. 2000, S. 1010). Zahlreiche empirische Studien (Araghi et al. 2014; Bissing-Olson et al. 2016; Blasch und Farsi 2014; Blasch und Ohndorf 2015; Budovska et al. 2020; Carrus et al. 2009; Choi, Ritchie 2014; Cialdini et al. 1990; Farrow et al. 2017; Fornara et al. 2016; Huber et al. 2017,2018; Niemiec et al. 2020; Peterson et al. 2013; Schwirplies und Ziegler 2016) haben den Effekt deskriptiver und injunktiver Normen auf umweltfreundliches Verhalten untersucht, z.B. bezüglich Energieverbrauch, Recycling, Mehrfachnutzung von Handtüchern in Hotels oder CO2-Kompensationszahlungen. Ein Großteil der Studien stellt einen positiven Effekt sozialer Normen auf das Umweltverhalten fest. So zeigen zum Beispiel Blasch und Farsi (2014), dass Studienteilnehmer, die das Gefühl haben, ihr engeres Umfeld erwarte von ihnen bei Flugreisen einen CO2Ausgleich, sowohl eine höhere Kompensationsals auch eine höhere Zahlungsbereitschaft aufweisen als solche, die eine Kompensation nicht als soziale Norm wahrnehmen. Dieses Ergebnis trifft sowohl auf die bekundeten als auch auf die offenbarten Präferenzen zu (Blasch und Farsi 2014, S. 12–15). Blasch und Ohndorf (2015, S. 258f.) erweitern die Stichprobe von Blasch und Farsi (2014) und bestätigen K
Soziale Normen und der Emissionsausgleich bei Flügen: Evidenz für deutsche Haushalte 75 diese Ergebnisse. Sie ergänzen allerdings, dass injunktive Normen nur wirken, wenn die Probanden ein Verantwortungsbewusstsein für das Klima sowie ein Bewusstsein für den Klimawandel aufweisen. Auch Schwirplies und Ziegler (2016) finden eine signifikant höhere Kompensationsbereitschaft unter Probanden, die glauben, die Gesellschaft erwarte von ihnen, dass sie ihre Emissionen kompensieren. Die bekundete Kompensationswahrscheinlichkeit liegt in dieser Gruppe um etwa 12 Prozentpunkte höher als in der Vergleichsgruppe. Allerdings zeigt sich dieser Effekt nur in der Stichprobe für die USA, nicht in der für Deutschland. 3 Entscheidungsmodell und Hypothesen Im Folgenden wird anhand eines sich aus dem Design unseres empirischen Experiments ergebenden Entscheidungsmodells aus theoretischer Sicht untersucht, inwieweit jemand dazu bereit ist, sich für einen Emissionsausgleich zu entscheiden, und inwiefern eine soziale Norm diese Entscheidung beeinflussen kann. Im Experiment werden die Teilnehmenden konkret vor die Entscheidung gestellt, die CO2Emissionen ihrer künftigen Flugreise gegen eine Gebühr von pEuro auszugleichen. Mit der Entscheidung für einen Emissionsausgleich sind jedoch nur dann monetäre Konsequenzen verbunden, wenn eine Probandin oder ein Proband bei der zufälligen Verlosung unter den am Experiment Teilnehmenden einen Fluggutschein gewinnt. In diesem Fall wird von der Gutscheinhöhe der Betrag von pEuro abgezogen. Jede 50. Teilnehmende kann im konkreten Experiment einen Gutschein gewinnen. Zur Vereinfachung gehen wir in diesem Abschnitt davon aus, dass alle Teilnehmenden einen Gutschein erhalten. In Abhängigkeit von der Entscheidung für oder gegen eine Kompensation ergibt sich für eine Gutscheingewinnerin die folgende monetäre Ausstattung M: MDBp; im Falle einer Kompensation; B; im Falle ohne Kompensation;(1) wobei Bdas Budget in Form des Gutscheins darstellt. Durch den Ausgleich der Emissionen verringert sich der CO2-Ausstoß Cim Vergleich zur Situation C0 ohne Kompensation um K:2 CDC0K;im Falle einer Kompensation; C0;im Falle ohne Kompensation:(2) 2Da den Probanden im Experiment suggeriert wird, dass durch die Zahlung der Kompensationsgebühr die durch den Flug verursachten CO2-Emissionen vollständig ausgeglichen werden, ist K aus Sicht der Probanden unabhängig von p (siehe Anhang A, KP. Experiment Kompensationsabgaben für die genaue Formulierung des Kompensationshinweises). Hierbei wird davon ausgegangen, dass die Probanden über die tatsächliche Höhe der Emissionen nicht informiert sind. K
76 J. Eßer et al. Entscheidet sich eine Probandin gegen eine Kompensation, wird in ihr ein Gefühl von Schuld ausgelöst bzw. ein schlechtes Gewissen hervorgerufen3:G < 0. Damit ergibt sich im Falle einer Nicht-Kompensation ein Nutzen von U.BIC0IG/; (3) wobei die Nutzenfunktion U.MICIG/ die folgenden Eigenschaften aufweist: @U @M >0;@U @C <0 und @U @G >0. Gemäß dieser Eigenschaften steigt der Nutzen mit der monetären Ausstattung Mund dem guten Gewissen G, fällt aber mit wachsendem Emissionsausstoß C. Entscheidet sich die Probandin für eine Kompensation, wird ihr gutes Gewissen gestärkt: G>0. Der Nutzen beträgt in diesem Fall UBpIC0KIG: Für eine Kompensation wird sich entschieden, wenn U.BIC0IG/<UBpIC0KIG:(4) Indifferenz zwischen Kompensation und Nicht-Kompensation ergibt sich, wenn U.BIC0IG/DUBpIC0KIG;(5) gegen eine Kompensation wird sich entschieden, wenn U.BIC0IG/>UBpIC0KIG:(6) Im Experiment werden die an der Erhebung Teilnehmenden in randomisierter Weise entweder der Treatmentoder der Kontrollgruppe zugeordnet, wobei die Mitglieder der Treatmentgruppe Informationen erhalten, die ihnen verdeutlichen, dass der Emissionsausgleich die soziale Norm darstellt. Entscheidet sich eine Probandin der Treatmentgruppe gegen eine Kompensation, verstärkt sich ihr schlechtes Gewissen aufgrund des Wissens um die soziale Norm: _ G<G:(7) Entscheidet sich eine Probandin der Treatmentgruppe für eine Kompensation, verstärkt dies ihr gutes Gewissen: b G>G: (8) Auf Basis dieses Modells lassen sich die folgenden beiden Hypothesen aufstellen. 3Verschiedene empirische Studien zeigen, dass Schuldgefühle antizipiert werden können und es somit möglich ist, dass die Probanden sich bereits schuldig fühlen, obwohl sie die CO2-Emissionsn noch gar nicht verursacht haben (vgl. Birkimer et al. 1993; Massi Lindsey 2005; Elgaaied 2012; Steenhaut und von Kenhove 2006; Onwezen et al. 2013). K
Soziale Normen und der Emissionsausgleich bei Flügen: Evidenz für deutsche Haushalte 77 Hypothese 1:Die Konfrontation mit der sozialen Norm zum Emissionsausgleich erhöht die Kompensationsbereitschaft, d.h. den relativen Anteil der Kompensationsbereiten. Beweis:Für jene Personen, die ohne eine Konfrontation mit der sozialen Norm indifferent wären, und für die somit U.BIC0IG/ DUBpIC0KIGgelten würde, gilt bei Konfrontation mit der sozialen Norm unter Berücksichtigung von (7) und @U @G >0W UBIC0I _ G<U.BIC0IG/ (9) Und damit wegen UBpIC0KIG<UBpIC0KIb GW UBIC0I _ G<UBpIC0KIb G:(10) Da die Konfrontation mit der sozialen Norm den Nutzen aus dem Emissionsausgleich erhöht und zugleich den Nutzen aus der Nicht-Kompensation verringert, übersteigt der Nutzen aus der Kompensation den aus der Nicht-Kompensation und jene Personen, die ohne Treatment in Form einer sozialen Norm indifferent wären, entscheiden sich für eine Kompensation. Durch die Konfrontation mit der sozialen Norm werden also alle, die in der kontrafaktischen Situation ohne Treatment indifferent wären, dazu motiviert ihre Emissionen zu kompensieren. Dadurch ist die relative Anzahl der Kompensierenden in der Treatmentgruppe höher als in der Kontrollgruppe. Hypothese 2:Höhere Kompensationsgebühren verringern die Kompensationsbereitschaft, d.h. den Anteil der Probanden, die ihre Emissionen ausgleichen. Beweis:Steigen die Kompensationskosten p, verringert sich die monetäre Ausstattung Mund damit der Nutzen im Falle einer Kompensation, da @U @M >0, während der Nutzen bei Nicht-Kompensation unverändert bleibt. Daher gilt für Teilnehmende, die bei einem Preis von pindifferent wären, und für die folglich U.BIC0IG/ DUBpIC0KIG(11) gelten würde, bei einem höheren Preis p>p: UBpIC0KIG>UBpIC0KIG(12) und damit U.BIC0IG/>UBpIC0KIG:(13) K
78 J. Eßer et al. Teilnehmende, die bei einem Preis von pindifferent wären, kompensieren somit ihre Emissionen bei einem höheren Preis von pnicht. Ergo: Mit steigenden Kompensationskosten psinkt der Anteil der Kompensationsbereiten. 4 Stichprobe und Studiendesign Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Kopernikus-Projekts ENavi zur Erforschung der Energiewende war das RWI – LeibnizInstitut für Wirtschaftsforschung an der Konzeption dreier Erhebungen zur Akzeptanz der Energiewende beteiligt. In der dritten Erhebung wurde auch die Bereitschaft zum Ausgleich der CO2-Emissionen bei Flügen erhoben. Diese Erhebung fand zwischen dem 16. Oktober und dem 6. November 2019 statt und wurde, ebenso wie die vorherigen Erhebungen, vom Marktforschungsinstitut forsa durchgeführt. Befragt wurden Haushaltsvorstände des forsa.omninet-Haushaltspanels, das heißt jene Haushaltsmitglieder, die alleine oder gemeinsam mit dem Partner oder der Partnerin entscheiden, wenn es um bedeutende finanzielle Entscheidungen geht. Ausgehend von einer Bruttostichprobe von 9842 Haushaltsvorständen nahmen 6549 Personen an der Befragung teil, 432 Befragte führten die Befragung nicht bis zum Ende durch. Die Nettostichprobe besteht somit aus 6117 Teilnehmenden. Dies entspricht einer Ausschöpfungsrate von 62,2%. Aufgrund des Erhebungsdesigns waren in das Entscheidungsexperiment zum Emissionsausgleich bei Flügen jedoch nur 1334 Teilnehmende involviert. Im Rahmen dieses Experiments wurde darüber informiert, dass die Teilnehmenden für ihre anstehende Urlaubsreise einen Reisegutschein in Höhe von 40 C gewinnen können. Per Zufall wurde je eine von 50 Teilnehmenden ausgewählt, um einen Gutschein zu erhalten. Vor der Verlosung konnte darüber entschieden werden, ob die Teilnehmenden, falls sie zu den Gewinnern gehören, einen Gutschein der Deutschen Bahn oder einen Fluggutschein erhalten möchten. Am diskreten Entscheidungsexperiment nahmen nur diejenigen teil, die den Fluggutschein gewählt hatten. Dann wurde gefragt, ob sie die durch ihren Flug entstehenden CO2-Emissionen gegen eine vorgegebene Gebühr ausgleichen möchten: Falls Sie einen Fluggutschein gewinnen: Möchten Sie eine Gebühr von x Euro zahlen, um die bei Ihrem Flug entstehenden Emissionen auszugleichen? Zur Erinnerung: Dieser Betrag reduziert den Wert Ihres Gutscheins, falls Sie zu den glücklichen Gewinnern eines Gutscheins gehören sollten. Anstelle des Platzhalters x erschien im Experiment in zufälliger Weise einer der drei Werte 5, 10 oder 15 C. Für die Auswahl der drei Kompensationsbeträge haben wir uns an den auf der Website www.atmosfair.de erhältlichen Informationen orientiert.4Beispielsweise kann dort mit einem Betrag von 10 C ein Hinund Rückflug von Frankfurt nach London kompensiert werden. Entschieden sich die Teilnehmenden für eine Kompensation, wurde der entsprechende Betrag vom Wert des 4Im Experiment gab es einen Hinweis, wie genau die Kompensation erfolgte. Für mehr Details siehe Anhang B. K
Soziale Normen und der Emissionsausgleich bei Flügen: Evidenz für deutsche Haushalte 85 Bio-Produkten einen Beitrag zum Umweltund Klimaschutz leisten, haben ebenfalls eine um etwa 9 Prozentpunkte signifikant höhere Kompensationsbereitschaft als ansonsten vergleichbare andere Teilnehmende. Umgekehrt fällt die Wahrscheinlichkeit einer Kompensation unter Teilnehmenden, die überwiegend natürliche Faktoren für den Klimawandel verantwortlich machen, um etwa 18 Prozentpunkte niedriger aus als bei jenen, die der Meinung sind, der Klimawandel sei überwiegend von Menschen gemacht. Die Einschätzung, dass überwiegend natürliche Faktoren für den Klimawandel verantwortlich zu machen sind, herrscht besonders bei Anhängern der AfD vor.7Diese sind besonders wenig kompensationsbereit, wie die Ergebnisse von Modell 2 und 3 zeigen. Bemerkenswert ist, dass sich der negative Effekt der AfD-Anhängerschaft gegenüber Modell 2 deutlich verringert, wenn man, wie in Modell 3 geschehen, die Einschätzung zu den Ursachen des Klimawandels als zusätzlichen erklärenden Faktor in die Regression aufnimmt. Zur Überprüfung der Robustheit der Ergebnisse wurden die Resultate des LPM auch mit den durchschnittlichen marginalen Effekten eines Probit-Modells verglichen. Es zeigen sich lediglich geringe Unterschiede zwischen den LPund den Probit-Modellen sowohl hinsichtlich der Signifikanz als auch der Ausprägung der Koeffizienten. Dieses Resultat ist aus der Literatur gut bekannt: In den meisten Fällen sind die Ergebnisse von LPM und nichtlinearen Modellen wie Logit, Probit und Tobit sehr ähnlich (Thrane 2019, S. 126; Angrist, Pischke 2009, S. 105ff.; Hellevik 2009, S. 73). Wenngleich häufig noch immer argumentiert wird, dass nichtlineare Modelle wie Logit oder Probit für eine Regression mit einer binären abhängigen Variablen besser geeignet seien als ein lineares LP-Modell, gibt es verschiedene Methoden, die hinlänglich bekannten Probleme des LPM, wie heteroskedastische und nicht normalverteilte Fehlerterme, zu beheben (Thrane 2019, S. 122), beispielsweise durch die Verwendung robuster Standardfehler (Jenkins-Smith et al. 2017, S. 210f.). 6 Zusammenfassung und Einordnung der Ergebnisse Die Bereitschaft, freiwillige Zahlungen zum Ausgleich von CO2-Emissionen zu leisten, hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Eine Möglichkeit, diese Kompensationsbereitschaft weiter zu erhöhen, besteht in der Aktivierung einer sozialen Norm, indem darauf aufmerksam gemacht wird, dass ein Emissionsausgleich gesellschaftlich erwünscht ist oder von der Mehrheit der Gesellschaft vorgenommen wird (Blasch und Farsi 2014; Choi et al. 2016; Ritchie et al. 2020). Vor diesem Hintergrund untersuchte dieser Beitrag die Bereitschaft, die durch Flugreisen verursachten CO2-Emissionen durch den Kauf von Ausgleichszertifikaten zu kompensieren sowie den diesbezüglichen Effekt einer deskriptiven sozialen Norm anhand eines diskreten Entscheidungsexperimentes mit 1334 Teilnehmenden, das in eine Er7Rund 35% der AfD-Anhänger halten hauptsächlich natürliche Faktoren für den Klimawandel verantwortlich, bei den anderen Parteien liegt dieser Anteil bei rund 10%, wie bei der FDP, und darunter. K
86 J. Eßer et al. hebung aus dem Jahr 2019 unter Haushalten des forsa-Haushaltspanels eingebettet wurde. Es zeigt sich, dass 57,0% der vor die entsprechende Wahl gestellten Probanden sich dafür entschieden haben, die Emissionen eines künftig anstehenden Fluges zu kompensieren. Hierbei gibt es nur geringe, statistisch nicht signifikante Unterschiede zwischen den experimentellen Gruppen, die in zufälliger Weise mit einer von drei Kompensationshöhen von 5, 10 oder 15 C und gegebenenfalls einer sozialen Norm konfrontiert wurden. Verglichen mit empirischen Studien zu bekundeten Präferenzen, in denen meist über 60% der Befragten angeben, ihre CO2-Emissionen ausgleichen zu wollen (Choi 2015, S. 14; Brouwer et al. 2008, S. 304f.; Blasch und Farsi 2014), fällt die Kompensationsbereitschaft in dieser Studie etwas geringer aus. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Entscheidung für einen CO2Ausgleich monetäre Konsequenzen für die Probanden nach sich ziehen konnte, denn der Ausgleichsbetrag wurde vom möglichen Gewinn eines Fluggutscheins in Höhe von 40 C abgezogen. Allerdings konnte nur jede 50. Teilnehmende gewinnen, sodass monetäre Konsequenzen nur mit einer geringen Wahrscheinlichkeit von 2% eintraten. Daher fiel der Anreiz, Kosten und Nutzen der Kompensation gegeneinander abzuwägen, im Vergleich zu einer realen Marktsituation mit definitiven Konsequenzen sehr viel geringer aus. Die Wirksamkeit sozialer Normen in einer realen Marktsituation zu untersuchen, gestaltet sich allerdings nicht einfach und wäre mit hohen Studienkosten verbunden. Im Vergleich zu Studien zu offenbarten Präferenzen, bei denen die auf Eigenangaben beruhende Wahrscheinlichkeit, in der Vergangenheit bereits eine CO2-Kompensation getätigt zu haben, bei 2–22% liegt (Blasch und Farsi 2014, S. 6; Gössling et al. 2009, S. 13; Hagmann et al. 2015,S.39f.;Mair2011, S. 222; McLennan et al. 2014, S. 195; Ritchie et al. 2020, S. 342; Schlöder et al. 2021, S. 9; Zhang et al. 2019, S. 722), fällt die Kompensationsbereitschaft hier um ein Vielfaches höher aus. Die große Differenz zwischen der in unserer Studie beobachteten Kompensationsbereitschaft und dem sich in der Realität ergebenden Anteil an Fluggästen, die tatsächlich Kompensationszahlungen leisten, könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Probanden Gutscheine anders werten als eigenes Einkommen oder Vermögen. Die in der Prospect Theory von Kahneman und Tversky (1979) dargestellte Verlustaversion sowie der damit zusammenhängende Endowment-Effekt und der Status-Quo Bias (Kahneman et al. 1991) könnten dazu führen, dass die Probanden weniger zu einer Kompensation bereit wären, müssten sie die Kompensationsbeiträge mit dem eigenen Einkommen bezahlen, wohingegen sich in unserer Studie im Falle einer Kompensation der Gutscheinwert verringerte. Dass eine deskriptive soziale Norm nach unseren Ergebnissen keine Wirkung auf die Bereitschaft zum Ausgleich von Emissionen entfaltet, steht im Einklang mit einer zunehmenden Zahl an empirischen Studien zu Nudging im Allgemeinen (vgl. Bicchieri und Dimant 2019; Carlsson et al. 2019; Hummel und Maedche 2019)sowie zur Wirkung sozialer Normen auf die Kompensationsbereitschaft im Speziellen (Araghi et al. 2014, S. 43; Peterson et al. 2013, S. 6; Schwirplies und Ziegler 2016, S. 752ff.). Demnach wäre eine deskriptive soziale Norm keine effektive Maßnahme zur Erhöhung der Bereitschaft zum freiwilligen CO2-Ausgleich. K
Soziale Normen und der Emissionsausgleich bei Flügen: Evidenz für deutsche Haushalte 87 Die Ineffektivität unserer sozialen Norm könnte allerdings auch auf das Design unseres Experiments zurückzuführen sein und mehrere Ursachen haben: Erstens wurde die Norm den Studienteilnehmern in Form einer externen Information verdeutlicht, nicht aber dadurch, dass die Probanden nach ihrer eigenen Wahrnehmung in Bezug auf eine soziale Norm zur CO2-Kompensation gefragt wurden. Die Norm wurde somit von außen an die Probanden herangetragen und nicht unbedingt von ihnen selbst als solche wahrgenommen. Die Ergebnisse der empirischen Literatur deuten darauf hin, dass eine soziale Norm, die über eine externe Information vermittelt wird, weniger effektiv ist als selbst wahrgenommene oder erfahrene Normen (Blasch und Farsi 2014, S. 12–15; Choi et al. 2016, S. 719; Ritchie et al. 2020, S. 352). Zweitens könnte die Information zur sozialen Norm nicht genügend Aufmerksamkeit von den Probanden bekommen haben, da sie auf einer separaten Seite und nicht gleichzeitig mit der Entscheidungsfrage eingeblendet wurde. Drittens könnte aus psychologischer Sicht die Wirkungslosigkeit der sozialen Norm darauf zurückgeführt werden, dass die vermittelte Information zur Norm sehr allgemein gehalten wurde und kein Bezug zu einer bestimmten Gruppe hergestellt wurde. Laut Christensen et al. (2004, S. 1307) sind die Normen einer Gruppe für die Identität eines Individuums relevant, wenn es sich mit dieser Gruppe identifiziert bzw. ihm diese wichtig ist. In diesem Fall wird das Individuum versuchen, den Normen der Gruppe gerecht zu werden, da dies positive Gefühle auslöst, während ein Verstoß gegen die Gruppennormen negative Gefühle verursacht. Auch Smith und Louis (2008, S. 648) merken an, dass Individuen sich entsprechend der Gruppennormen verhalten, wenn es ihnen wichtig ist, zu der Gruppe zu gehören. Bicchieri und Dimant (2019, S. 8) betonen, dass es entscheidend ist, deutlich zu machen, in welcher Gruppe eine Norm gilt. Besteht Unsicherheit über diese Referenzgruppe, wird die Norm möglicherweise weniger beachtet. In der vorliegenden Studie wird die soziale Norm jedoch nicht als Norm einer bestimmten Gruppe dargestellt, der sich die Probanden zugehörig fühlen. Daher erachten Probanden eine CO2-Kompensation möglicherweise nicht als wichtig für ihre Identität und leisten keinen Ausgleich, wenn sie eine Kompensation nicht bereits aus eigener Überzeugung heraus für erforderlich halten. Viertens: Ein weiterer Grund für die Ineffektivität unserer sozialen Norm könnte darin liegen, dass hinsichtlich der Teilnahme am Entscheidungsexperiment eine Selbstselektion erfolgte, da nur die Teilnehmenden die Möglichkeit zur Kompensation erhielten, die sich für einen Fluggutschein entschieden hatten. Tab. B.2 im Anhang B zeigt, dass sich die Probanden, die sich für einen Fluggutschein entschieden haben, in nahezu allen Charakteristika signifikant von denen unterscheiden, die den Bahngutschein gewählt haben. Beispielsweise sind Probanden, die sich für einen Bahngutschein entschieden haben, eher dazu bereit ihren Lebensstandard zugunsten des Umweltschutzes einzuschränken und kaufen eher Bioprodukte als Probanden, die den Fluggutschein gewählt haben. Diese geben auch an, seltener zu fliegen, halten eine CO2-Kompensation für effektiver und sind eher der Meinung, dass der Klimawandel überwiegend von Menschen verursacht wird. Vor diesem Hintergrund soll in weiteren Forschungsarbeiten die Wirkung sozialer Normen auf die Kompensationsbereitschaft mithilfe alternativer Formulierungen untersucht werden. Zudem soll analysiert werden, ob der Einfluss sozialer Normen K
88 J. Eßer et al. stärker ausfällt, wenn sie sich auf eine spezifische, klar abgrenzbare Gruppe beziehen, mit der die Probanden sich identifizieren können. Hierbei könnte auch erforscht werden, ob sich der Effekt bei verschiedenen Gruppen unterscheidet. Schließlich sollte nach Möglichkeit ein Feldexperiment durchgeführt werden, in dem die Probanden sich in einer realen Konsumsituation für oder gegen eine Kompensation entscheiden müssen, wobei vor der Entscheidung in zufälliger Weise verschiedene Formulierungen einer sozialen Norm präsentiert werden. Eventuell könnte ein solches Feldexperiment in Zusammenarbeit mit einer Fluggesellschaft durchgeführt werden, welche die entsprechende Botschaft zur sozialen Norm sowie die Kompensationsentscheidung in den Buchungsprozess aufnimmt. 7 Anhang 7.1 Anhang A: Relevante Fragen 7.1.1 A. Allgemein Frage A12: Wie häufig unternehmen Sie Flugreisen? mehr als 5-mal pro Jahr 3bis 5-mal pro Jahr 1bis 2-mal pro Jahr weniger als 1-mal pro Jahr nie weiß nicht/keine Angabe 7.1.2 KP. Experiment Kompensationsabgaben Im Folgenden können Sie für Ihre anstehende Reise einen Reisegutschein in Höhe von 40 C gewinnen. Die Gewinner werden per Zufall ausgewählt. Von 50 Befragten wird jeweils einer einen Gutschein erhalten.8 Sie können zuvor auswählen, ob Sie, falls Sie zu den Gewinnern gehören sollten, für Ihre Reise lieber einen Fluggutschein oder einen Gutschein der Deutschen Bahn erhalten möchten. Fluggutscheine können über die Webseite Flightgift bei mehr als 300 verschiedenen Fluggesellschaften eingelöst werden, Bahngutscheine bei der Deutschen Bahn AG. Bei einer Flugreise besteht die Möglichkeit, die entstandenen CO2-Emissionen gegen eine vorgegebene Gebühr auszugleichen. Wenn Sie sich für den CO2-Ausgleich entscheiden sollten, wird diese Gebühr an die gemeinnützige Organisation 8Für Probanden, die bei einer vorherigen Frage angaben, dass sie keine Urlaubsreise planen, wurde der Hinweis folgendermaßen abgewandelt: Stellen Sie sich vor, Sie planen, eine private Reise zu unternehmen und dafür Flugzeug oder Bahn zu benutzen. Im Folgenden können Sie für diese Reise einen Reisegutschein in Höhe von 40 C gewinnen. Die Gewinner werden per Zufall ausgewählt. Von 50 Befragten wird jeweils einer einen Gutschein erhalten. K
Soziale Normen und der Emissionsausgleich bei Flügen: Evidenz für deutsche Haushalte 89 atmosfair gespendet. Dies hat zur Konsequenz, dass Ihr Fluggutschein sich um den CO2-Ausgleichs-Betrag verringert.9 Hinweis zu atmosfair: atmosfair bietet Flugpassagieren die Möglichkeit, die durch die Reise verursachten CO2-Emissionen zu kompensieren. Die Flugpassagiere zahlen dabei freiwillig einen von ihren Emissionen abhängigen Beitrag, den atmosfair dafür verwendet, in anderen Ländern (v.a. Entwicklungsländern) erneuerbare Energien auszubauen. Die verursachten Emissionen werden somit an anderer Stelle eingespart. Frage KOMP3a: Falls Sie zu den Gewinnern zählen, für welche Art von Gutschein entscheiden Sie sich? Fluggutschein Bahngutschein 40 C40C weiß nicht/keine Angabe Treatment der Sozialen Norm: Falls Gruppe Soziale Norm (SN) und falls Fluggutschein gewählt, folgender Hinweis: Immer mehr Menschen gleichen ihre durch Reisen verursachten CO2-Emissionen aus. Anbieter solcher Leistungen verzeichneten im letzten Jahr Wachstumsraten von mehr als 40%. Frage KOMP3b: Falls Sie einen Fluggutschein gewinnen: Möchten Sie eine Gebühr von 5/10/15 C (randomisieren) zahlen, um die bei Ihrem Flug entstehenden Emissionen ausgleichen? Zur Erinnerung: Dieser Betrag reduziert den Wert Ihres Abb. A.1 Screenshot des Treatments 9Der Hinweis zur CO2-Kompensation wurde etwa der Hälfte der Probanden (Randomisierung) erst nach Frage KOMP3a angezeigt, und nur, falls der Fluggutschein gewählt wurde. K
90 J. Eßer et al. Gutscheins, falls Sie zu den glücklichen Gewinnern eines Gutscheins gehören sollten. ja nein weiß nicht/keine Angabe Frage KOMP4: Wie sehr stimmen Sie folgenden Aussagen zu? Stimme überhaupt nicht zu Stimme vollkommen zu weiß nicht/ keine Angabe 1 234567 CO2-Kompensationen sind ein effektives Mittel des Klimaschutzes O OOOOOO O CO2-Kompensationen dienen nur dazu, das eigene Gewissen zu beruhigen O OOOOOO O Frage E4: Glauben Sie, dass der Klimawandel überwiegend von Menschen verursacht wird oder überwiegend von natürlichen Faktoren? überwiegend von Menschen überwiegend von natürlichen Faktoren von beidem im gleichen Maße weiß nicht/keine Angabe 7.1.3 Psychologische Kontrollvariablen Fragen in diesem Block wurden randomisiert. Nun möchten wir Ihnen noch einige Fragen zur Umwelt allgemein stellen. Frage KU3: Inwieweit stimmen Sie persönlich den folgenden Aussagen zu. Skala: Stimme voll und ganz zu Stimme eher zu Weder noch Stimme eher nicht zu Stimme überhaupt nicht zu Weiß nicht/keine Angabe Items (randomisiert): a. Es beunruhigt mich, wenn ich daran denke, in welchen Umweltverhältnissen unsere Kinder und Enkelkinder wahrscheinlich leben müssen. K
Soziale Normen und der Emissionsausgleich bei Flügen: Evidenz für deutsche Haushalte 91 b. Es gibt natürliche Grenzen des Wachstums, die unsere industrialisierte Welt längst erreicht oder überschritten hat. c. Umweltschutz sollte für Deutschland Vorrang haben, selbst wenn er das Wirtschaftswachstum beeinträchtigt. d. Um unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten, müssen wir alle bereit sein, unseren Lebensstandard einzuschränken. e. Durch gezielte steuerliche und andere Maßnahmen soll der Staat dafür sorgen, dass mehr umweltfreundliche und weniger umweltschädliche Dinge hergestellt werden. f. Beim Kauf von Lebensmitteln und Getränken kaufe ich regelmäßig Bio-Produkte. g. Ich engagiere mich regelmäßig für den Umweltund Naturschutz. 7.1.4 SOE. Sozioökonomische Angaben Bitte beantworten Sie abschließend noch einige Fragen zu Ihrer Person. Ihre Daten werden entsprechend den Datenschutzbestimmungen absolut vertraulich behandelt. Frage SO1: Welchen höchsten Schulabschluss haben Sie? Hinweis: Ordnen Sie bitte im Ausland erworbene Abschlüsse einem gleichwertigen deutschen Abschluss zu. keinen Abschluss Abschluss nach höchstens 7 Jahren Schulbesuch (insbesondere Abschluss im Ausland) Haupt-/Volksschulabschluss Realschulabschluss (Mittlere Reife), Abschluss der Polytechnischen Oberschule oder gleichwertiger Abschluss Fachhochschulreife Allgemeine oder fachgebundene Hochschulreife (Abitur) keine Angabe Frage SO6: Wie hoch ist das monatliche Nettoeinkommen Ihres Haushaltes insgesamt? Gemeint ist damit die Summe, die sich ergibt aus Lohn, Gehalt, Einkommen aus selbständiger Tätigkeit, Rente oder Pension, jeweils nach Abzug der Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Rechnen Sie bitte auch die Einkünfte aus öffentlichen Beihilfen, Einkommen aus Vermietung, Verpachtung, Wohngeld, Kindergeld und sonstige Einkünfte hinzu. unter 700 C 700 bis unter 1200 C 1200 bis unter 1700 C 1700 bis unter 2200 C 2200 bis unter 2700 C 2700 bis unter 3200 C 3200 bis unter 3700 C 3700 bis unter 4200 C K
92 J. Eßer et al. 4200 bis unter 4700 C 4700 bis unter 5200 C 5200 bis unter 5700 C 5700 C und mehr keine Angabe Frage SO8: In Deutschland neigen viele Leute längere Zeit einer bestimmten politischen Partei zu, obwohl sie auch ab und zu eine andere Partei wählen. Wie ist das bei Ihnen: Neigen Sie – ganz allgemein – einer bestimmten Partei zu? Und wenn ja, welcher? CDU/CSU SPD AfD FDP Die Linke Bündnis 90/Die Grünen eine andere Partei keiner Partei weiß nicht/keine Angabe K
Soziale Normen und der Emissionsausgleich bei Flügen: Evidenz für deutsche Haushalte 93 7.2 Anhang B: Tabellen Tab. B.1 Vergleich zwischen der Treatmentgruppe zur sozialen Norm und der Kontrollgruppe Gesamt Kontrollgruppe (KG) Treatmentgruppe (TG) Differenz KG vs. TG Kinder unter 14 Jahren im Haushalt 0,24 0,24 0,23 –0,02 Weiblich 0,38 0,40 0,36 –0,04 Kompensationsgebühr 5C0,33 0,24 0,41 0,17** 10 C0,34 0,48 0,19 –0,29** 15 C0,34 0,28 0,40 0,12** Alter 18 bis 29 Jahre 0,09 0,10 0,09 0,00 30 bis 49 Jahre 0,30 0,30 0,29 –0,01 50 Jahre und älter 0,61 0,60 0,61 0,01 Schulabschluss Höchstens Hauptschulabschluss 0,18 0,17 0,18 0,01 Mittlerer Schulabschluss 0,37 0,38 0,37 –0,01 (Fach-)Hochschulreife 0,45 0,45 0,45 0,00 Haushaltsnettoeinkommen Unter 2200 C0,23 0,23 0,23 0,00 2200 bis unter 4200 C0,47 0,47 0,48 0,01 4200 C und mehr 0,29 0,30 0,29 –0,01 Partei CDU/CSU 0,26 0,26 0,26 –0,00 SPD 0,13 0,13 0,13 –0,01 AfD 0,11 0,12 0,09 –0,03 FDP 0,09 0,07 0,10 0,04* Die Linke 0,06 0,06 0,06 –0,00 Bündnis 90/Die Grünen 0,15 0,14 0,16 0,02 Eine andere Partei 0,04 0,04 0,04 –0,00 Keine Partei 0,17 0,18 0,16 –0,02 Zahl an Beobachtungen 1334 670 664 1334 Umweltbewusstsein Einschränkung 0,53 0,54 0,51 –0,03 Bio 0,39 0,40 0,39 –0,01 Häufigkeit Flugreisen Weniger als 1-mal pro Jahr 0,38 0,37 0,38 0,01 Mindestens 1-mal pro Jahr 0,62 0,63 0,62 –0,01 CO2-Kompensation Effektives Mittel 0,27 0,28 0,26 –0,02 Gewissensberuhigung 0,64 0,61 0,67 0,07** K
94 J. Eßer et al. Tab. B.1 (Fortsetzung) Gesamt Kontrollgruppe (KG) Treatmentgruppe (TG) Differenz KG vs. TG Klimawandel Überwiegend von Menschen 0,59 0,61 0,56 –0,05 Von beidem in gleichem Maße 0,31 0,30 0,32 0,02 Überwiegend von natürlichen Faktoren 0,10 0,09 0,12 0,03 Zahl an Beobachtungen 1334 670 664 1334 Anmerkung: Berechnung der Differenzen mithilfe eine t-Tests für Mittelwertunterschiede; * p< 0,05; ** p< 0,01; alle Merkmale und Einstellungen sind als Dummy-Variablen kodiert; Antworten mit „Keine Angabe/Weiß nicht“ wurden als fehlend gewertet und fließen hier nicht ein; „Hauptschulabschluss oder niedriger“ umfasst Haupt-/Volksschulabschluss, Abschluss nach höchstens 7 Jahren Schulbesuch (insbesondere Abschluss im Ausland), kein Abschluss; „Mittlerer Schulabschluss“ umfasst Realschulabschluss (Mittlere Reife), Abschluss an Polytechnischer Oberschule oder gleichwertige Abschlüsse; „(Fach-)Hochschulreife“ umfasst die Allgemeine oder fachgebundene Hochschulreife (Abitur) Tab. B.2 Vergleich zwischen Teilnehmenden, die den Flugbzw. den Bahngutschein gewählt haben Gesamt Fluggutschein Bahngutschein Differenz Flug vs. Bahn Kinder unter 14 Jahren im Haushalt 0,21 0,24 0,20 0,04* Weiblich 0,42 0,38 0,43 –0,05** Kompensationsgebühr 5C0,33 0,33 0,33 –0,01 10 C0,33 0,34 0,33 0,00 15 C0,34 0,34 0,34 0,00 Alter 18 bis 29 Jahre 0,06 0,09 0,05 0,04** 30 bis 49 Jahre 0,27 0,30 0,26 0,04** 50 Jahre und älter 0,67 0,61 0,69 –0,09** Schulabschluss Höchstens Hauptschulabschluss 0,20 0,18 0,21 –0,03** Mittlerer Schulabschluss 0,38 0,37 0,38 –0,01 (Fach-)Hochschulreife 0,42 0,45 0,41 0,04** Haushaltsnettoeinkommen Unter 2200 C0,30 0,23 0,32 –0,09** 2200 bis unter 4200 C0,47 0,47 0,47 0,00 4200 C und mehr 0,23 0,29 0,21 0,09** Partei CDU/CSU 0,24 0,26 0,24 0,02 SPD 0,18 0,13 0,20 –0,07** AfD 0,07 0,11 0,06 0,04** FDP 0,06 0,09 0,05 0,04** Die Linke 0,09 0,06 0,09 –0,03** Bündnis 90/Die Grünen 0,19 0,15 0,20 –0,06** Eine andere Partei 0,03 0,04 0,03 0,01 Keine Partei 0,14 0,17 0,13 0,04** K