Vom Siedlungsbrei zum Städtischen? Eine mehrdimensionale Bestandsaufnahme der Suburbanisierung
Abstract
EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.
Full text
Adam, Brigitte Article Vom Siedlungsbrei zum Städtischen? Eine mehrdimensionale Bestandsaufnahme der Suburbanisierung Raumforschung und Raumordnung / Spatial Research and Planning Provided in Cooperation with: Leibniz-Forschungsnetzwerk "R – Räumliches Wissen für Gesellschaft und Umwelt | Spatial Knowledge for Society and Environment" Suggested Citation: Adam, Brigitte (2019) : Vom Siedlungsbrei zum Städtischen? Eine mehrdimensionale Bestandsaufnahme der Suburbanisierung, Raumforschung und Raumordnung / Spatial Research and Planning, ISSN 1869-4179, Sciendo, Warsaw, Vol. 77, Iss. 1, pp. 35-55, https://doi.org/10.2478/rara-2019-0001 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/222182 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/
Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning, 2019; 77(1): 35–55 Beitrag / Article Open Access Brigitte Adam* Journal xyz 2017; 1 (2): 122–135 The First Decade (1964-1972) Research Article Max Musterman, Paul Placeholder What Is So Different About Neuroenhancement? Was ist so anders am Neuroenhancement? Pharmacological and Mental Self-transformation in Ethic Comparison Pharmakologische und mentale Selbstveränderung im ethischen Vergleich https://doi.org/10.1515/xyz-2017-0010 received February 9, 2013; accepted March 25, 2013; published online July 12, 2014 Abstract: In the concept of the aesthetic formation of knowledge and its as soon as possible and success-oriented application, insights and profits without the reference to the arguments developed around 1900. The main investigation also includes the period between the entry into force and the presentation in its current version. Their function as part of the literary portrayal and narrative technique. Keywords: Function, transmission, investigation, principal, period Dedicated to Paul Placeholder 1 Studies and Investigations The main investigation also includes the period between the entry into force and the presentation in its current version. Their function as part of the literary portrayal and narrative technique. *Max Musterman: Institute of Marine Biology, National Taiwan Ocean University, 2Pei-Ning Road Keelung 20224, Taiwan (R.O.C), e-mail: [email protected] Paul Placeholder: Institute of Marine Biology, National Taiwan Ocean University, 2Pei-Ning Road Keelung 20224, Taiwan (R.O.C), e-mail: [email protected] Open Access. © 2017 Mustermann and Placeholder, published by De Gruyter. This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 License. Open Access. © 2019 Brigitte Adam, published by Sciendo. This work is licensed under the Creative Commons AttributionNonCommercial-NoDerivatives 4.0 License. Vom Siedlungsbrei zum Städtischen? Eine mehrdimensionale Bestandsaufnahme der Suburbanisierung https://doi.org/10.2478/rara-2019-0001 Eingegangen: 25. Juni 2018; Angenommen: 24. Januar 2019 Zusammenfassung: Angesichts der Reurbanisierung deutscher Großstädte stellt sich die Frage, ob, wo, mit welcher Intensität und welchen Tendenzen es noch Suburbanisierung gibt. Ein mehrdimensionales quantitatives Modell liefert hierzu Antworten. Zusätzlich zur Bevölkerungsentwicklung, die häufig auf Reurbanisierung oder Suburbanisierung hinweist, integriert das vorgestellte Modell die Beschäftigtenund die Flächenentwicklung. Über Stadt-UmlandRelationen hinausgehend wird untersucht, ob sich die Entwicklungen im Umland großer Städte gemäß dem Idealbild dezentraler Konzentration auf die dortigen Mittelstädte konzentrieren oder disperser auf kleinere Städte und Gemeinden verteilen. Die Berechnungen münden in einen Suburbanisierungsindex, der sich jeweils im Abstand einiger Jahre periodisch ermitteln lässt (Monitoring). Jenseits einer hauptsächlich auf die Bevölkerungsentwicklung gerichteten Perspektive wird das Bild der Suburbanisierung differenziert und vervollständigt. Der Vergleich der unterschiedlichen Dimensionen (Bevölkerung, Beschäftigte, Fläche) führt zu teils gegenläufigen Ergebnissen. Schlüsselwörter: Suburbanisierung, Reurbanisierung, Index, Bevölkerungsentwicklung, Beschäftigtenentwicklung, Flächenentwicklung Abstract: In view of a phase of reurbanisation of German large cities, in this paper the question is raised, whether, where, with which intensity and tendency suburbanisation still can be found. Answers will be delivered by a multidimensional quantitative model. In addition to the population development, which often indicates a reurbanisation or suburbanisation trend, it includes the labour market and land consumption. Going beyond city-hinterland relations, it is investigated whether the surrounding areas of large cities show a development according to the ideal of decentralised concentration – in particular a concentration on medium-sized cities – or whether the development is more dispersely spread over smaller towns and municipalities. The calculations lead to a suburbanisation index, which can be periodically produced every few years (monitoring). Beyond a perspective mainly orientated towards the population development, the suburbanisation idea is improved and completed. Comparing the various dimensions (population, labour market, land consumption) generates partly controversial results. Keywords: Suburbanisation, Reurbanisation, Index, Population development, Labour markets, Land consumption *Corresponding author: Dr. Brigitte Adam, Bundesinstitut für Bau-, Stadtund Raumforschung, Deichmanns Aue 31-37, 53179 Bonn, Deutschland, E-mail: [email protected] From urban sprawl to concentrated urban development? A multidimensional stocktaking of suburbanisation
36 Brigitte Adam 1 Stadtregionale Forschung 1.1 Debatten um Reurbanisierung und Suburbanisierung Seit Jahrzehnten stehen die Themen der Stadt-UmlandBeziehungen und Stadt-Umland-Wanderungen – mit unterschiedlichen methodischen Zugängen – im Fokus raumwissenschaftlicher Forschungen. In Westdeutschland fielen bereits in den 1960er-Jahren Randwanderungen der Bevölkerung ins Umland auf. In Ostdeutschland setzte die Suburbanisierung im Anschluss an die Wiedervereinigung ein – quasi als nachholende Entwicklung, allerdings mit dem Unterschied, dass sie dort mit dem Gewerbe begann. Der Trend zum Wohnen im Umland folgte später (vgl. z. B. Franz 2000). In der Fachdebatte ging es lange vor allem um die Entwicklung von Stellschrauben, die die weitere Zersiedelung des Umlandes und die gleichzeitige Schrumpfung der großen Städte aufhalten können. Motivstudien sollten die Randwanderung erklären (Ismaier 2002). Im Verlauf der intensiven Diskussion um eine nachhaltige Raumentwicklung rückten ganz besonders der durch Randwanderung erzeugte „Flächenverbrauch“ und das hohe Verkehrsaufkommen in den Fokus (vgl. diesen Zusammenhang bei BfLR 1996). Empirische Untersuchungen von Aring (1999) stehen für eine analytische Durchdringung der Entwicklungsprozesse im Umland: Trotz funktionaler Anreicherung des Umlandes (Gewerbe, Einzelhandel) wurde die Fortsetzung problematischer Entwicklungen etwa in den Achsenzwischenräumen konstatiert. Auch Kistenmacher kritisierte 2001 die Auswirkungen der Suburbanisierung. Er ging für die Zukunft von einer sinkenden Wohnsuburbanisierung und gleichzeitig von einer weiteren Suburbanisierung von Gewerbe und Einzelhandel aus. Lange ignorierten Experten die Tatsache, dass sich das Umland – ob gewollt oder ungewollt – zwar nicht zu einem unabhängigen, aber doch eigenständigen Raum mit eigenen Vernetzungen und Charakteristika entwickelt hatte. Vor allem das Essay „Die Zwischenstadt“ von Sieverts (1997) lenkte Schritt für Schritt den Blick darauf, dass jenseits gängiger planerischer Denkmodelle oder politischer Idealvorstellungen schon längst spezifische Siedlungsformen im Umland entstanden waren (nicht Stadt, nicht Land), deren städtebaulichen Eigenschaften Gegenstand von Planung sein können (oder müssen). Das Ladenburger Kolleg zur Qualifizierung der Zwischenstadt1 dachte die räumlichen und städtebaulichen 1 Das Ladenburger Kolleg steht für ein komplexes Forschungsvorhaben unter Beteiligung mehrerer Wissenschaftler Ausprägungen der Suburbanisierung weiter. Da sich die Zwischenstadt nicht einfach abschaffen ließ, sollte sie gestaltet werden (vgl. Brake/Mäding/Einacker et al. 2005). Zeitlich parallel zur Diskussion der Zwischenstadt, bzw. in den USA etwas früher, entwickelte sich eine Debatte um den Begriff „Postsuburbia“. Zwischenstadt und Postsuburbia überlappen sich zwar in den Interpretationen und dem Anspruch zu gestalten oder zu steuern, haben aber grundsätzlich zu unterscheidende Perspektiven. Während die Zwischenstadt sehr stark vom städtebaulichen Diskurs geprägt war, steht Postsuburbia vor allem für die funktionale Weiterentwicklung des Umlandes, die Ablösung rein monofunktionaler Wohnstandorte, deren funktionale Anreicherung (Arbeiten, Freizeit, Einzelhandel) und die Bildung neuer Zentren mit größerer Eigenständigkeit (vgl. zu einem frühen Zeitpunkt Kling/Olin/Poster 1991. Sowohl für nordamerikanische als auch für europäische Städte schlossen sich weitere Untersuchungen an, die die Veränderungen von der Suburbanisierung zu Postsuburbia ergründeten. Die Durchführung von Fallstudien (z. B. Phelps/Parsons 2003; Borsdorf/Zembri 2004 oder Nijman 2015) trägt der Feststellung Rechnung, dass sich die Strukturen innerhalb von Postsuburbia sowie im Vergleich untereinander sehr komplex und unterschiedlich darstellen. Verändert haben sich nicht nur die räumlichen Zentralitäten und Funktionsangebote. Auch die Bevölkerungsstrukturen wurden vielschichtiger. Thematisiert wurden neben räumlichen und demographischen Veränderungen deren ökonomische und stadtpolitische Einflussbedingungen (so z. B. bei Phelps/Wood/Valler 2010). Gleichwohl richteten deutsche Stadtforscher einige Jahre nach der Jahrtausendwende ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf die Großstädte: Im Anschluss an eine rund zehnjährige Periode rückläufiger Zahlen gab es wieder Bevölkerungsgewinne in den Großstädten. Das Umland wuchs dagegen nicht mehr so stark wie zuvor. Die Suburbanisierung schien zunächst gebremst. An ihre Stelle sei die Reurbanisierung der großen Städte, vor allem ihrer Innenstädte, getreten (vgl. z. B. Häußermann 2009). Den anfänglichen ‚gefühlten‘, theoretisch hergeleiteten oder in Fallbeispielen festgestellten Erscheinungen einer „Renaissance der Stadt“ fehlten jedoch durchgängige empirische Belege. Lütke und Wood (2016) verwiesen in diesem Kontext darauf, dass noch wenig über die neuen Urbaniten und Suburbaniten bekannt sei – zu wenig, um aus verschiedenen Disziplinen. Der von Thomas Sieverts 1997 eingeführte Begriff der Zwischenstadt soll im Kolleg tiefergehend erforscht werden. Gefördert wird das Ladenburger Kolleg durch die Daimler und Benz-Stiftung.
Vom Siedlungsbrei zum Städtischen? Eine mehrdimensionale Bestandsaufnahme der Suburbanisierung From urban sprawl to concentrated urban development? A multidimensional stocktaking of suburbanisation 37 etwa die These von Häußermann (2009) widerlegen oder bestätigen zu können. Frühe Fachbeiträge zur Renaissance der Stadt und zu Reurbanisierung finden sich beispielsweise bei Brühl, Echter, Frölich von Bodelschwingh et al. (2005), Bodenschatz (2006) oder – unter vergleichender Einbeziehung von Städten bzw. Stadtregionen weiterer europäischer Länder – bei Haase, Kabisch, Steinführer (2006) oder Buzar, Ogden, Hall et al. (2007). Auch über Europa hinaus wurde Reurbanisierung seinerzeit thematisiert (Leonard 2008). Eine skeptische Position nahm Hesse (2008) ein. Auf der Grundlage sekundäranalytisch gewonnener Ergebnisse und einer Analyse der einsetzenden Fachund öffentlichen Debatte um Reurbanisierung übte Hesse nicht nur Kritik an der vorschnellen Euphorie darüber, dass – speziell bezogen auf Deutschland – nun die ‚Trendwende‘ gekommen sei (Reurbanisierung statt Suburbanisierung). Hesse verwies auch darauf, dass Diskurse um die Renaissance der Stadt oder die Reurbanisierung der großen Kernstädte hauptsächlich auf dem Wohnen in der Stadt und den Innenstädten beruhten. Dabei lagen schon Ergebnisse vor, die gleichzeitig die Beschäftigtenentwicklung mit ins Kalkül zogen oder auch die seinerzeit außergewöhnlich günstigen Bedingungen innerhalb der Großstädte, auf – häufig zentral gelegenen – Brachflächen neue Quartiere zu errichten. Ergänzend dämpfte Siedentop (2008) die Erwartungen einer sich klar abzeichnenden Renaissance. Er begründete dies unter anderem damit, dass nicht alle Großstädte Einwohner hinzugewännen und der konstatierten positiven Beschäftigtenentwicklung der Kernstädte nur eine kurze Beobachtungsphase zugrunde läge. Dennoch deutete sich an, dass die Suburbanisierung an Bedeutung verlöre. Eine Präferenz für das Wohnen in der (großen) Stadt wurde an anderer Stelle (Läpple 2005; Pohl 2010) zwar vermutet und auch begründet, ließ sich aber freilich nicht belegen. Nüchtern, rein auf demographische Effekte abhebend wiesen Bucher und Schlömer (2012) darauf hin, die wachsende Bevölkerung und die Binnenwanderung in große Städte seien periodischer (damit vergänglicher) Natur. Zurückzuführen sei diese Entwicklung auf den nur über einen begrenzten Zeitraum besonders hohen Anteil junger Menschen an der Bevölkerung in Deutschland. Junge Menschen habe es seit jeher in die Städte gezogen. Im Sammelband „Reurbanisierung. Materialität und Diskurs in Deutschland“ (Brake/Herfert 2012) wurde die Diskussion weitergeführt. Es wurden begriffliche Unschärfen aufgegriffen, unter anderem Unterschiede zwischen qualitativ verstandener Reurbanisierung (z. B. die kritisch gesehene Anreicherung konsumorientierter innerstädtischer Funktionen; vgl. Kunzmann 2012) und quantitativ messbaren Ausprägungen. Der Band wies auf problematische Folgen hin, z. B. auf Gentrifizierung. Statt einseitig das Stadtwachstum zu proklamieren, wurde auf die Gleichzeitigkeit von Reurbanisierungsund Suburbanisierungsprozessen hingewiesen. Dieses simultane Nebeneinander an sich gegenläufiger Entwicklungen arbeiteten Adam, Göddecke-Stellmann und Sturm (2015) in kleinräumigen statistischen Analysen heraus. Auf der Grundlage der Innerstädtischen und der „Laufenden Raumbeobachtung“ des Bundesinstituts für Bau-, Stadtund Raumforschung (BBSR) untermauerten die Autoren jene Gleichzeitigkeit: Es zeigte sich, dass es im Umland der deutschen Großstädte (also der Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern) sowohl Gemeinden gibt, die anhaltende Bevölkerungsgewinne verzeichnen, als auch solche mit anhaltenden Verlusten oder stagnierenden Verläufen. Ebenso gibt es innerhalb der Großstädte ein Patchwork aus Stadtteilen mit wachsender und schrumpfender Bevölkerung. Das differenzierte Bild basiert auf Daten zur Bevölkerungsentwicklung bis 2011. Es überlagert auch das Bild einer zonalen Abstufung des Wachstums (Zonen eines konzentrischen Raummodells): Bezogen auf die „Wachstumsjahre“ (2002-2011) wiesen die Innenstädte der Großstädte das stärkste Wachstum der Bevölkerungszahlen auf, das geringste die am weitesten davon entfernte Zone, der sogenannte weitere Verflechtungsbereich im Umland der Städte. Ergebnisse aus jüngeren Fallstudien über vier Großstadtregionen Deutschlands (Hamburg, Ruhrgebiet, Kassel, Leipzig) bestätigten ebenfalls, dass Reurbanisierung nicht per se mit gestoppter Suburbanisierung einhergeht, dass jedoch insbesondere jenseits der Boomregionen ungünstige Lagen im Umland (schlechte Erreichbarkeit, Belastungen durch Verkehrslärm) gegenwärtig nicht entwicklungsfähig sind (BMVBS 2013; vgl. auch Hesse/Polivka/Reicher 2018). Neuerdings wurden auch aus verschiedenen Blickwinkeln Begrenzungsfaktoren eines weiteren großstädtischen Wachstums diskutiert (z. B. sinkende positive Binnenwanderungssalden der großen Städte, Verdrängungsprozesse durch hohe Wohnkosten) (Kholodilin 2017). Tatsächlich wird die Reurbanisierung seit einigen Jahren maßgeblich durch Außenwanderungsgewinne getragen, was allerdings nichts an dem Wachstumsdruck auf die Städte ändert. Differenzierte Auswertungen zur Bevölkerungsentwicklung einschließlich der Korrelation mit soziodemographischen Merkmalen liefert Gans (2017). Zugleich ist von dem Wiedererstarken der Suburbanisierung – über die erwähnten Phänomene auf Gemeindeebene hinausgehend – die Rede: aktuell am Beispiel des Wanderungsverhaltens in Nordrhein-Westfalen bei Siedentop (2017). Beobachtungen aus den USA geben
38 Brigitte Adam ähnliche Hinweise. Deren Städte haben ebenfalls eine längere Periode der Reurbanisierung erlebt. Nun deutet sich ein Abflachen der Entwicklung an. Florida (2017) benennt wachsende Agglomerationsnachteile als Gründe und verweist insbesondere auf die extrem gestiegenen Wohnkosten in den besonders gefragten Städten, denen die Amerikaner nicht ohne Weiteres durch einen Trend zu Kleinstwohnungen begegnen. Allein schon aus der Logik langfristiger Wellenbewegungen bei der Bevölkerungsentwicklung und Phasenverschiebungen im Stadt-Umland-Gefüge heraus (Phasen nach van den Berg/Drewett/Klaassen et al. 1982) kann eine neuerliche Wende in den zahlenmäßigen Relationen zwischen größeren Städten und ihrem Umland vermutet werden. Empirische Hinweise auf wiederkehrende Phasenverschiebungen in der Vergangenheit liefert unter anderem eine vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR 2003) herausgegebene ausführliche Studie. Eine solche Wende würde unweigerlich die unterbrochenen Debatten um die Entwicklung von Suburbia wieder anstacheln. Fraglich ist, wann die Wende eintritt, mit welcher Intensität und mit welchen siedlungsstrukturellen Schwerpunkten. 1.2 Ziel des Beitrags Ziel dieses Beitrags ist es, über einfache Berechnungen bis hin zu Indexbildungen das Ausmaß der ‚jüngeren‘ Suburbanisierung in seiner Dynamik zu erfassen und regional zu vergleichen. Angesichts der Unbestimmtheit von Wohnpräferenzen und Wanderungsmotiven werden dazu die tatsächlichen Bevölkerungszahlen zugrunde gelegt. Schritt für Schritt wird dabei der Blick erweitert und hinsichtlich der Entwicklungen im Umland differenziert. Leitend ist zum einen der Anspruch einer möglichst flächendeckenden Untersuchung. Zum anderen sollen die Berechnungen das Städtesystem über das Gegensatzpaar „Großstadt – Umland“ hinausgehend erfassen, in seiner Polyzentralität abbilden und überprüfen. Bei der Indexbildung werden deswegen die Mittelstädte im Umland separat betrachtet. Damit greifen die Berechnungen nicht nur die Debatte um Zwischenstadt und Postsuburbia auf. Sie knüpfen auch an multivariate Modelle an, die geeignet sind, Polyzentralität zu erfassen und in ihrer Entwicklung zu beobachten. Jehling, Hecht und Herold (2018) illustrieren ein solches Modell am Beispiel der Stadtregion Karlsruhe und gehen damit noch weiter in die Tiefe, indem sie empirische Ergebnisse zur innergemeindlichen Flächennutzung politischen Strategien des Flächensparens gegenüberstellen (zur Messung und flächenpolitischen Bewertung von Polyzentralität vgl. auch Taubenböck/Standfuß/Wurm et al. 2017). Die quantitativen Auswertungen in diesem Beitrag beginnen mit der Bevölkerungsentwicklung. Sie liegt den meisten Untersuchungen zu Subund Reurbanisierung zugrunde und fließt im späteren Verlauf der Auswertungen als einer von drei Teilbereichen in einen mehrdimensionalen Suburbanisierungsindex ein. Mit dem Ziel, die raumstrukturellen Determinanten und die Frage nach dem Städtischen umfassender abzubilden, werden zusätzlich die Beschäftigtenentwicklung und die Entwicklung der Siedlungsund Verkehrsfläche in das Indexmodell aufgenommen. Dem Vergleich zwischen den Stadtregionen dienen zwei Modelle, die das BBSR parallel verwendet, um Stadtregionen abzugrenzen (vgl. Abbildung 1): –Das Modell der Stadt-Land-Regionen, die flächendeckend für Deutschland Kerne (Städte) und zugehörige Gemeinden abgrenzen. Die Abgrenzung basiert im Wesentlichen auf Kriterien der Pendlerverflechtungen und Erreichbarkeiten. –Das Modell der Großstadtregionen verortet die deutschen Großstädte als Zentren in einer zonal (konzentrisch) abgestuften Großstadtregion. Die die Zentren umgebenden Umlandzonen werden auf der Gemeindeebene über Bevölkerungsdichte und Intensität der Pendlerverflechtungen mit dem Zentrum abgegrenzt. 2 Suburbanisierung der Bevölkerung in Stadt-Land-Regionen Ein erster Zugang zur Thematik wird über die Betrachtung der Stadt-Land-Regionen gewählt. Hierzu wird die Bevölkerungsentwicklung für die Kerne und ihr Umland in vier Klassen eingeteilt und über zwei Zeiträume ermittelt (vgl. Tabelle 1). Abbildung 2 verdeutlicht die Konzentration der Bevölkerungsentwicklung im Laufe dieser Jahre auf die Kerne bzw. für den aktuelleren der beiden Zeiträume den durchgängigen Anstieg der Bevölkerungszahlen in Deutschland. Abweichungen von diesem generellen Wachstumsphänomen gibt es allenfalls in sehr peripheren Räumen, vor allem in Ostdeutschland und in altindustriellen Gebieten der alten Länder. Suburbanisierung kann auch relativ verstanden werden als Erhöhung des Anteils der Bevölkerung im Umland an der Gesamtbevölkerung der Stadt-LandRegion. Tabelle 2 und Abbildung 3 zeigen, dass dies in den letzten Jahren nur in wenigen Regionen der Fall war und in noch weniger Regionen über zwei Zeiträume hinweg festzustellen ist.
Vom Siedlungsbrei zum Städtischen? Eine mehrdimensionale Bestandsaufnahme der Suburbanisierung From urban sprawl to concentrated urban development? A multidimensional stocktaking of suburbanisation 39 Abbildung 1: BBSR-Stadt-Land-Regionen und BBSR-Großstadtregionen
40 Brigitte Adam Tabelle 1: Entwicklung der Bevölkerung in Stadt-Land-Regionen (Anzahl der Fälle) Stadt-Umland-Relation 2005-2011 2011-2015 Kern und Umland wachsen 36 159 Kern und Umland schrumpfen 164 43 Kern schrumpft, Umland wächst 3 5 Kern wächst, Umland schrumpft 63 59 Quelle: Daten der Laufenden Raumbeobachtung des BBSR; 2005-2011 fortschreibungsbasiert; 2011-2015 zensusbereinigt Abbildung 2: Wachsende und schrumpfende Stadt-Land-Regionen (absolute Werte)
Vom Siedlungsbrei zum Städtischen? Eine mehrdimensionale Bestandsaufnahme der Suburbanisierung From urban sprawl to concentrated urban development? A multidimensional stocktaking of suburbanisation 41 3 Suburbanisierung der Bevölkerung in den BBSR-Großstadtregionen 3.1 Langzeitbetrachtung der Zentren und Umlandzonen Die vom Bundesinstitut für Bau-, Stadtund Raumforschung (BBSR) definierten Großstadtregionen bilden die Kulisse, für die der Index berechnet wird. Vor der Indexbildung wird, basierend auf diesem Modell, die Bevölkerungsentwicklung für die Zentren und die jeweiligen Umlandzonen bundesweit (als Aggregate aller Großstadtregionen) über einen langen Zeitraum (19892015) betrachtet. Dieser Langzeitbetrachtung liegt eine zensusbereinigte Zeitreihe der Bevölkerungszahlen auf Gemeindeebene (Verbandsgemeinden) zugrunde. Ermittelt werden relative Veränderungen, also Verschiebungen der Anteile unterschiedlicher Zonen an den Bevölkerungszahlen der Großstadtregionen insgesamt. So wird die Dynamik von Suburbanisierungsprozessen in Deutschland sichtbar. Die Ergebnisse sind in Abbildung 4 dargestellt. Die Veränderung der Prozentpunkte gibt Auskunft darüber, mit welcher Dynamik sich Zuwächse (positive Anteilsverschiebungen) oder Verluste (negative Anteilsverschiebungen) jährlich vollzogen haben und in welchem Verhältnis sich die Zonen zueinander verhalten. Die engeren Umlandzonen (Ergänzungsgebiete und engere Verflechtungsbereiche) zeigen vor allem in den letzten Jahren – etwa seit 2011 – eine geringere Dynamik an. Bewegter und geradezu spiegelbildlich zueinander verhalten sich Zentren und weitere VerflechtungsbereiTabelle 2: Entwicklung der Anteile der Bevölkerung im Umland der Stadt-Land-Regionen (Anzahl der Fälle) Bevölkerung im Umland 2005-2011 2011-2015 Anstieg 45 47 Abnahme 221 219 Quelle: Daten der Laufenden Raumbeobachtung des BBSR; 2005-2011 fortschreibungsbasiert; 2011-2015 zensusbereinigt Abbildung 3: Entwicklung der Anteile der Umlandbevölkerung in Stadt-Land-Regionen
42 Brigitte Adam che. Nach vormals deutlicher Divergenz zeichnet sich in den letzten Jahren eine Tendenz zur Konvergenz ab. Es wird sichtbar, wie sich anstelle wachsender Suburbanisierung nach der Jahrtausendwende eine Veränderung hin zur Reurbanisierung der Zentren abgezeichnet hat. Sie spielte sich zunächst bei sowohl bundesweit als auch in den Großstadtregionen sinkenden Bevölkerungszahlen ab (vgl. Tabelle 3) und war trotzdem durch jährlich wachsende Anteile der Zentren an der Regionsbevölkerung gekennzeichnet (vgl. Abbildung 4). Erst seit wenigen Jahren ist der jährliche Zuwachs der Zentren rückläufig, freilich immer noch als positive Entwicklung vorhanden. Angesichts der sich andeutenden Konvergenz (Zentren, weitere Pendlerverflechtungsbereiche) bleibt es spannend, ob in ein, zwei Jahren der Wendepunkt erreicht und wie er sich siedlungsstrukturell niederschlagen wird. Wiederum gering ist die Veränderungsdynamik des Bevölkerungsanteils der Großstadtregionen an der Gesamtbevölkerung Deutschlands. Dennoch ist seit mehr als zehn Jahren eine leichte, ein wenig schwankende Niveauverschiebung zugunsten der Großstadtregionen erkennbar. 3.2 Langzeitbetrachtung der Mittelstädte im Umland Ein ergänzender Blick gilt der Frage, wie konzentriert oder wie dispers sich die Verteilung der Bevölkerung im Umland entwickelt. Als ein möglicher Indikator für die planerisch erwünschte dezentrale Konzentration (vgl. Gatzweiler 1994; BfLR 1996) wird die Bevölkerungsentwicklung in Mittelstädten (20.000 bis unter 100.000 Einwohner) herangezogen, die innerhalb der Großstadtregionen liegen. Wie hat sich ihr Bevölkerungsanteil an der Umlandbevölkerung verändert? Gibt es Konzentrationsprozesse jenseits der Entwicklung der großstädtischen Zentren auf Mittelstädte – quasi als nachgeordnete Ebene einer Urbanisierung? Abbildung 5 zeigt bei insgesamt geringer Veränderungsdynamik, dass sich der Anteil der Bevölkerung in den großstadtnahen Mittelstädten nach der Jahrtausendwende positiv entwickelt – vor allem in den letzten Jahren, in denen sich die negative relative Entwicklung der Umlandzonen etwas abgeschwächt hat. Somit erwecken die Zahlen den Anschein, es spiele sich innerhalb des Umlandes eine Urbanisierung ab. Ist das ein Signal contra Siedlungsbrei? Abbildung 4: Veränderung der Bevölkerungsanteile in Großstadtregionen (in %) Tabelle 3: Bevölkerungsentwicklung in Großstadtregionen Zonen Bevölkerungsentwicklung 2006 -2011 Bevölkerungsentwicklung 2011-2015 Zentren +335.340 +996.608 Ergänzungsgebiete -70.622 +324.123 Engere Verflechtungsbereiche -107.070 +286.715 Weitere Verflechtungsbereiche -333.601 +104.307 Deutschland insgesamt -815.397 +1.847.783 Datenbasis: Bevölkerungsfortschreibung des Bundes und der Länder; Zensuskorrektur durch das BBSR; Laufende Raumbeobachtung des BBSR
Vom Siedlungsbrei zum Städtischen? Eine mehrdimensionale Bestandsaufnahme der Suburbanisierung From urban sprawl to concentrated urban development? A multidimensional stocktaking of suburbanisation 49 Abbildung 10: Gesamtwert – Teilbereich Wirtschaft
50 Brigitte Adam Großstadtregionen deutlich ausgeprägter. Dennoch fällt der höchste negative Wert auf eine westdeutsche Region: die Großstadtregion Kassel. Der negative Gesamtwert für Kassel ist vor allem einem sprunghaften Anstieg der Beschäftigtenzahlen in einer der beiden Mittelstädte (Baunatal) zuzuschreiben. Die zweitgeringste relative Suburbanisierung hat die Großstadtregion Jena. Sie hat zwar insgesamt eine negative absolute Beschäftigtenentwicklung im Umland, aber die kleine Mittelstadt Apolda hat steigende Beschäftigtenzahlen. 4.4 Entwicklung der Siedlungsund Verkehrsfläche – Teilbereich Fläche Grundsätzlich muss vorangestellt werden, dass der Flächenstatistik einige Besonderheiten und Unwägbarkeiten durch Umstellungen bei der Datenerhebung anhaften. Beim Zeitvergleich kann es dadurch für einzelne Kommunen Unstimmigkeiten geben. Besonderheiten, die für die Interpretation der Ergebnisse relevant sind, werden hier exemplarisch angesprochen. Gearbeitet wird mit der Siedlungsund Verkehrsflächenentwicklung als Indikator für den Teilbereich „Fläche“. Gemessen wird damit die Entwicklung größerer zusammenhängend bebauter Bereiche (Siedlungsund Verkehrsfläche) in Abgrenzung zu größeren Freiräumen (z. B. Wälder, landwirtschaftlich genutzte Flächen). Unzweifelhaft erkennbar ist in Abbildung 11 der häufig positive Gesamtwert beim Teilbereich „Fläche“. Allein diese Feststellung ist bedenklich, läuft sie doch anscheinend der Entwicklung zum Städtischen entgegen, auch wenn sich das Plus bei der Flächenveränderung teils in nur geringen Raten ausdrückt. Etwaige Zersiedelungstendenzen lassen sich vor allem in Regionen vermuten, in denen nicht nur die Anteile der Siedlungsund Verkehrsfläche in kleineren Städten und Gemeinden des Umlandes steigen, sondern dies auch noch mit einem sinkenden Anteil der dortigen Bevölkerungsund Beschäftigtenzahlen korrespondiert. Das trifft auf knapp ein Drittel der Großstadtregionen zu. In den Fällen, in denen der Gesamtwert „Fläche“ negativ ist und damit keine relative Suburbanisierung anzeigt (etwa ein Viertel der Großstadtregionen), geht dieses Resultat mehrheitlich auf eine Konzentration der Entwicklung der Siedlungsund Verkehrsflächenentwicklung in den Mittelstädten zurück (2. Komponente: positive Veränderung des Anteils der Siedlungsund Verkehrsfläche der Mittelstädte an der Siedlungsund Verkehrsfläche des jeweiligen Umlandes). Darunter gibt es ausdifferenzierte Muster, z. B. in Köln/Bonn, wo der negative Gesamtwert für den Teilbereich „Fläche“ vor allem auf das besonders hohe Flächenwachstum zweier Mittelstädte zurückzuführen ist (in der Großstadtregion Köln/Bonn gibt es insgesamt 32 Mittelstädte). Nur selten und geringfügig ist im Betrachtungszeitraum der Anteil des Umlandes an der Großstadtregion gesunken (1. Komponente). Ein Beispiel liefert die Region Ingolstadt. Neben einer mittelstädtischen Konzentration gibt es hier eine leicht negative Veränderung des Siedlungsund Verkehrsflächenanteils vom Umland gegenüber der Großstadtregion. Respektive hat sich der Anteil des Zentrums ein wenig erhöht. Diese ganz leichte Verschiebung äußert sich im Vergleich mit den anderen Zentren der Großstadtregionen absolut in einem hohen Zuwachs der Siedlungsund Verkehrsfläche in Ingolstadt (er liegt im oberen Drittel des Flächenzuwachses aller Zentren). In Ingolstadt gibt es anscheinend noch Platz, denn für eine Großstadt ist die Siedlungsdichte (Einwohner je Siedlungsund Verkehrsfläche) unterdurchschnittlich, und ebenfalls unterdurchschnittlich ist der Ingolstädter Anteil der Siedlungsund Verkehrsfläche an der gesamten Gemeindefläche (Adam 2017: 14 f.). Eine Besonderheit der Flächenstatistik einiger Länder, beispielsweise Bayerns und damit auch der Region Ingolstadt, ist es, dass im Verlauf statistischer Umstellungen baurechtlich gesicherte Flächen, die noch unbebaut sind, aus der Statistik herausgerechnet werden. Deshalb kann es – rein rechnerisch – sogar zu ‚Negativentwicklungen‘ kommen, die tatsächlich keine Flächennutzungsänderungen widerspiegeln. Es ist nicht bekannt, inwieweit entsprechende Verzerrungen einen Einfluss auf die Daten haben. Handelt es sich jedoch um Flächen, denen nach § 42 BauGB2 das Baurecht nach ausgebliebener Bautätigkeit entzogen wurde, ist dies durchaus ein Indikator für veränderte Schwerpunkte der Siedlungstätigkeit bzw. für mehr oder weniger Suburbanisierung im Stadt-Umland-Vergleich. Nicht betrachtet werden können beim Teilbereich „Fläche“ die sächsischen Großstadtregionen. Aufgrund statistischer Umstellungen ist es nicht möglich, aussagefähige Vergleiche zwischen 2011 und 2015 zu ziehen. 2 Baugesetzbuch in der Fassung der Bekanntmachung vom 3. November 2017.
Vom Siedlungsbrei zum Städtischen? Eine mehrdimensionale Bestandsaufnahme der Suburbanisierung From urban sprawl to concentrated urban development? A multidimensional stocktaking of suburbanisation 51 Abbildung 11: Gesamtwert – Teilbereich Fläche
52 Brigitte Adam 4.5 Suburbanisierungsindex Werden nun die Gesamtwerte aller drei Teilbereiche zum Suburbanisierungsindex addiert (vgl. Abbildung 12), wird deutlich, wo sie sich aufgrund gleichgerichteter Ausprägungen zu einem größeren Gesamtwert (positiv oder negativ) addieren und wo gegenläufige Tendenzen in die eine oder andere Richtung reduzierend wirken. Da die Anteilsverschiebungen von Bereich zu Bereich unterschiedlich stark sind und die Bereiche unterschiedlich streuen (vgl. Tabelle 5), fließt in den Suburbanisierungsindex eine bewusste Gewichtung ein. Vor allem streut die Beschäftigtenentwicklung zwischen den Großstadtregionen weit stärker als die Veränderungen bei der Bevölkerungsentwicklung. Der Suburbanisierungsindex offenbart ein gemischtes Bild und weit mehr Suburbanisierung in Deutschland als die vielfach allein herangezogene Bevölkerungsentwicklung. Die negativen Werte für die Suburbanisierung (keine relative Suburbanisierung) überwiegen zwar immer noch, sind auch im unteren Bereich stärker ausgeprägt als die positiven, trotzdem gibt es eine Reihe an Großstadtregionen, für die eine relative Suburbanisierung festzustellen ist. Der Blick in die Teilbereiche bleibt unerlässlich, z. B. um aufzuspüren, wo die Relation zwischen Demographie und Wirtschaft einerseits und Flächenentwicklung andererseits auf eine sparsame oder eine extensive Siedlungsentwicklung hinausläuft. Die Gründe können unterschiedlich sein. Ein wesentlicher Einflussfaktor dürfte neben der Dominanz von Mehroder Einfamilienhausbebauung die Beschäftigtenentwicklung nach Sektoren sein, da sie durch sehr unterschiedliche Flächenproduktivitäten gekennzeichnet sind. 5 Fazit Der hier modellierte mehrdimensionale Suburbanisierungsindex (Teilbereiche: Demographie, Wirtschaft, Fläche) eignet sich für ein fortlaufendes Monitoring und könnte in Abständen von einigen Jahren jeweils neu ermittelt werden. Damit würden singuläre Ereignisse in einzelnen Zeiträumen relativiert bzw. es könnten deren Auswirkungen über eine jeweilige Momentaufnahme hinaus in ihren faktischen Auswirkungen beobachtet werden. Der Index ist leicht zu berechnen, die Daten sind abgesehen von den erwähnten Schwierigkeiten der Flächenstatistik schnell verfügbar. Gegebenenfalls sollte versucht werden, alternative Datenquellen der Flächenentwicklung zu eruieren. Der Index zeigt an, wie und wie unterschiedlich sich die deutschen Großstadtregionen von ihrer Siedlungsentwicklung her verhalten. Die Einteilung in drei Teilbereiche und der Vergleich zwischen ihnen erlauben eine gezielte planerische Bewertung und gegebenenfalls Steuerung der zukünftigen Siedlungsentwicklung. Es ergeben sich Hinweise für strategische bundesoder landespolitische Ausrichtungen (z. B. in welche Teilräume geht das gerade eingeführte Baukindergeld?). Neu am vorliegenden Modell ist der Ansatz, die mittelstädtische Dimension in die Bewertung der Suburbanisierung zu integrieren. Dies geschieht nicht nur, weil sich durch die Verknappung und die Verteuerung von Wohnungen und Gewerbeflächen in den großen Städten eine Betrachtung der Mittelstädte als ‚Alternative‘ aufdrängt. Hinzu kommt, dass auf diese Weise die Idealvorstellung eines polyzentrischen stadtregionalen Modells im Suburbanisierungsindex nachgebildet wird. Aus Bundessicht macht der mehrdimensionale Index schnell sichtbar, dass die Debatte um die gebremste Suburbanisierung und die Konzentration auf die großen Städte stark auf die Bevölkerungsentwicklung abhebt. Sowohl die Beschäftigtenals auch die Flächenentwicklung zeichnen ein heterogeneres Bild, und selbst bei der Tabelle 5: Größenvergleich der drei Teilbereiche des Suburbanisierungsindex (Gesamtwerte) Teilbereiche Minimum Maximum Mittelwert Standardabweichung Bevölkerungsentwicklung -5,49 1,45 -1,3415 1,14543 Beschäftigtenentwicklung -15,01 8,11 0,1544 3,90126 Entwicklung der Siedlungsund Verkehrsfläche -2,85 3,63 0,37 1,0 Quelle: Daten der Laufenden Raumbeobachtung des BBSR
Vom Siedlungsbrei zum Städtischen? Eine mehrdimensionale Bestandsaufnahme der Suburbanisierung From urban sprawl to concentrated urban development? A multidimensional stocktaking of suburbanisation 53 Abbildung 12: Suburbanisierungsindex
54 Brigitte Adam Bevölkerungsentwicklung – das zeigt die aggregierte Betrachtung auf der Grundlage des zonalen konzentrischen Modells der Großstadtregionen (vgl. Abbildung 4) – deuten sich Konvergenzen zwischen Stadt und Umland an, die freilich wegen der Besonderheiten im Betrachtungszeitraum (hohe Anzahl an Flüchtlingen) zukünftig zu verfolgen und zu überprüfen sind. Trotzdem veranschaulicht der Suburbanisierungsindex bislang noch, dass der überwiegende Teil der Großstadtregionen eine negative Suburbanisierung (keine relative Suburbanisierung) zu verzeichnen hat. Der Betrag der über alle Großstadtregionen aufsummierten negativen Suburbanisierungsindices liegt zirka 60 % über der Summe der positiven Werte. Vom Gesamtbild unbenommen zeigt ein davon abweichend hoher Suburbanisierungsindex in den betreffenden Großstadtregionen an, dass sich Entwicklungsprozesse möglicherweise problematisch entwickeln können, vom Idealbild polyzentrisch konzentrierter Strukturen abweichen und Zersiedelungstendenzen anzeigen können. Sie sollten deswegen genauer untersucht werden. Wie verhalten sich die drei Teilbereiche (Demographie, Wirtschaft, Fläche) in ihrer Entwicklung zueinander? Driften Bevölkerungsund Beschäftigtenentwicklung auf der einen und Flächenentwicklung auf der anderen Seite auseinander? Um weitergehend und regionsspezifisch bewerten zu können, ob sich Veränderungen von einer städtischen hin zu einer dispersen Siedlungsform (im schlimmsten Fall „Siedlungsbrei“) vollziehen, bedarf es allerdings genauerer Untersuchungen. Sie müssen das individuelle Städtesystem der jeweiligen Großstadtregionen berücksichtigen. Zusätzlich ist im konkreten Einzelfall ein Blick in die Städte und Gemeinden hinein erforderlich. Suburbanisierung kann nicht nur ortsübergreifend stattfinden, sondern auch innerhalb der Orte. Literatur Adam, B. (2017): Wachstumsdruck in deutschen Großstädten. Bonn. = BBSR-Analysen KOMPAKT 10/2017. Adam, B.; Göddecke-Stellmann, J.; Sturm, G. (2015): Divergenzen und Konvergenzen in Großstadtregionen – kleinräumige Analysen. Bonn. = BBSR-Analysen KOMPAKT 01/2015. Aring, J. (1999): Suburbia – Postsuburbia – Zwischenstadt. Die jüngere Wohnsiedlungsentwicklung im Umland der großen Städte Westdeutschlands und Folgerungen für die regionale Planung und Steuerung. Hannover. = Arbeitsmaterial der ARL 262. BBR – Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hrsg.) (2003): Siedlungsstrukturelle Veränderungen im Umland der Agglomerationsräume. Bonn. = Forschungen 114. BfLR – Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung (1996): Nachhaltige Stadtentwicklung. Herausforderungen an einen ressourcenschonenden und umweltverträglichen Städtebau. Bonn. BMUB – Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (2016): Den ökologischen Wandel gestalten. Integriertes Umweltprogramm 2030. Berlin. BMVBS – Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (Hrsg.) (2013): Suburbaner Raum im Lebenszyklus. Berlin. = BMVBS-Online-Publikation 24/2013. Bodenschatz, H. (2006): Stadtfieber. Editorial zum Themenheft „Renaissance der Europäischen Stadt?“ In: Die alte Stadt 33, 1, 1-4. Borsdorf, A.; Zembri, P. (Hrsg.) (2004): European Cities. Insights on Outskirts. Paris. Brake, K.; Herfert, G. (Hrsg.) (2012): Reurbanisierung. Materialität und Diskurs in Deutschland. Wiesbaden. doi: 10.1007/978-3531-94211-7 Brake, K.; Mäding, H.; Einacker, I.; Sieverts, T. (2005): Kräfte, Prozesse, Akteure – Zur Empirie der Zwischenstadt. Wuppertal. Brühl, H.; Echter, C.-P.; Frölich von Bodelschwingh, F.; Jekel, G. (2005): Wohnen in der Innenstadt – eine Renaissance? Berlin. = Difu-Beiträge zur Stadtforschung 41. Bucher, H.; Schlömer, C. (2012): Eine demografische Einordnung der Re-Urbanisierung. In: BBSR – Bundesinstitut für Bau-, Stadtund Raumforschung (Hrsg.): Die Attraktivität großer Städte: ökonomisch, demografisch, kulturell. Bonn, 66-72. Buzar, S.; Ogden, P.; Hall, R.; Haase, A.; Kabisch, S.; Steinführer, A. (2007): Splintering Urban Populations: Emergent Landscapes of Reurbanisation in Four European Cities. In: Urban Studies 44, 4, 651-677. doi: 10.1080/00420980601185544 Deas, I.; Robson, B.; Wong, C.; Bradford, M. (2003): Measuring Neighbourhood Deprivation: A Critique of the Index of Multiple Deprivation. In: Environment and Planning C 21, 6, 883-903. doi: https://doi.org/10.1068/c0240 Florida, R. (2017): The Urban Revival Is Over. In: New York Times vom 1. September 2017. https://www.nytimes.com/2017/09/01/ opinion/cities-suburbs-housing-crime.html (21.08.2018). Franz, P. (2000): Überlegungen zur Suburbanisierung in Ostdeutschland. In: Moser, P.; Breuste, J. (Hrsg.): Ostdeutsche Stadt-Umland-Regionen unter Suburbanisierungsdruck. Leipzig, 5-7. = UFZ-Bericht 14/2000. Gans, P. (2017): Urban Population Development in Germany (20002014): The Contribution of Migration by Age and Citizenship to Reurbanisation. In: Comparative Population Studies 42, 319352. Gatzweiler, H.-P. (1994): Dezentrale Konzentration. Eine Strategie zur Bewältigung des demographisch bedingten Siedlungsdrucks in Agglomerationsräumen. In: Informationen zur Raumentwicklung 7/8, 489-501. Geppert, K.; Gornig, M. (2010): Mehr Jobs, mehr Menschen: Die Anziehungskraft der großen Städte wächst. In: Wochenbericht des DIW Berlin 19/2010, 2-11. Haase, A.; Kabisch, S.; Steinführer A. (2006): Aufschwung der inneren Stadt in Europa? Reurbanisierung unter den Bedingungen des demographischen Wandels im internationalen Vergleich. In: Europa Regional 14, 4, 167-180. Häußermann, H. (2009): Der Suburbanisierung geht das Personal aus. Eine stadtsoziologische Zwischenbilanz. In: Stadtbauwelt 181, 12, 52-57.
Vom Siedlungsbrei zum Städtischen? Eine mehrdimensionale Bestandsaufnahme der Suburbanisierung From urban sprawl to concentrated urban development? A multidimensional stocktaking of suburbanisation 55 Helbig, M.; Jähnen, S. (2018): Wie brüchig ist die soziale Architektur unserer Städte? Trends und Analysen der Segregation in 74 deutschen Städten. Berlin. = WZB Discussion Paper P 2018-001. Hesse, M. (2008): Reurbanisierung? Urbane Diskurse, Deutungskonkurrenzen, konzeptuelle Konfusion. In: Raumforschung und Raumordnung 66, 5, 415-428. doi: 10.1007/BF03183185 Hesse, M.; Polivka, J.; Reicher, C. (2018): Spatially Differentiated, Temporally Variegated: The Study of Life Cycles for a Better Understanding of Suburbia in German City Regions. In: Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning 76, 2, 149-163. doi: 10.1007/s13147-017-0511-2 Ismaier, F. (2002): Strukturen und Motive der Stadt-Umland-Wanderung. Trends in westdeutschen Verdichtungsräumen. In: Schröter, F. (Hrsg.): Städte im Spagat zwischen Wohnungsleerstand und Baulandmangel. Dortmund, 19-29. = RaumPlanung Spezial 4. Jehling, M.; Hecht, R.; Herold, H. (2018): Assessing urban containment policies within a suburban context. An approach to enable a regional perspective. In: Land Use Policy 77, 846858. doi: 10.1016/j.landusepol.2016.10.031 Kholodilin, K. A: (2017): Wanderungen in die Metropolen Deutschlands. In: Der Landkreis 87, 1/2, 44-47. Kistenmacher, H. (2001): Ursachen und räumliche Wirkungen der Suburbanisierung. In: ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.): Erscheinungen, Wirkungen und Steuerungsmöglichkeiten von Suburbanisierungsprozessen. Hannover, 17-29. = Arbeitsmaterial der ARL 276. Kling, R.; Olin, S.; Poster, M. (Hrsg.) (1991): Postsuburban California. The Transformation of Orange Country since World War II. Berkeley/Los Angeles/London. Kunzmann, K. (2012): Das urbane Pentagon Konsum, Tourismus, Kultur, Wissen und Kreativwirtschaft. In: Brake, K.; Herfert, G. (Hrsg.): Reurbanisierung. Materialität und Diskurs in Deutschland. Wiesbaden, 151-163. doi: 10.1007/978-3-531-94211-7 Läpple, D. (2005): Phönix aus der Asche: Die Neuerfindung der Stadt. In: Berking, H.; Löw, M. (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Städte. Baden-Baden, 397-413. = Sonderband Soziale Welt 16. Leonard, T. (2008): Americans migrate back to the cities. In: The Telegraph vom 18. Juni 2008. https://www.telegraph.co.uk/ news/worldnews/northamerica/usa/2152526/Americansmigrate-back-to-the-cities.html (28.09.2018). Lütke, P.; Wood, G. (2016): Das „neue“ Suburbia? In: Informationen zur Raumentwicklung 3, 349-360. Nijman, J. (2015): North American suburbia in flux. Introduction. In: Environment and Planning A 47, 1, 3-9. doi: 10.1068/a4701ge Phelps, N. A.; Parsons, N. (2003): Edge Urban Geographies: Notes from the Margins of Europe’s Capital Cities. In: Urban Studies 40, 9, 1725-1749. doi.org/10.1080/0042098032000106573 Phelps, N. A.; Wood, A. M.; Valler, D. C. (2010): A Postsuburban World? An Outline of a Research Agenda. In: Environment and Planning A 42, 2, 366-383. doi: 10.1068/a427 Pohl, T. (2010): Reurbanisierung als Trend? Folgen des Wandels der raumzeitlichen Alltagsorganisation in Familienhaushalten. In: Läpple, D.; Mückenberger, U.; Oßenbrügge, J. (Hrsg.): Zeiten und Räume der Stadt. Theorie und Praxis. Opladen/ Farmington Hills, 45-64. Siedentop, S. (2008): Die Rückkehr der Städte? Zur Plausibilität der Reurbanisierungshypothese. In: Informationen zur Raumentwicklung 3/4, 193-210. Siedentop, S. (2017): Perspektiven der Siedlungsentwicklung in Zeiten neuen Wachstums. Vortrag im Rahmen der 20. Konferenz für Planerinnen und Planer Nordrhein-Westfalen „Druck auf die Fläche – Suche nach neuen Antworten“ am 20. Oktober 2017 in Dortmund. Sieverts, T. (1997): Zwischenstadt: zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land. Braunschweig. = Bauwelt-Fundamente 118. Sleszynski, P. (2016): A synthetic index of the spatio-temporal accessibility of communes in Poland. In: Geographia Polonica 89, 4, 567-574. doi: 10.7163/GPol.0074 Taubenböck, H.; Standfuß, I.; Wurm, M.; Krehl, A.; Siedentop, S. (2017): Measuring morphological polycentricity. A comparative analysis of urban mass concentrations using remote sensing data. In: Computers, Environment and Urban Systems 64, 42-56. doi: 10.1016/j.compenvurbsys.2017.01.005 Van den Berg, L.; Drewett, R.; Klaassen, L. H.; Rossi, A.; Vijverberg, C. H. T. (1982): A Study of Growth and Decline. Oxford. = Urban Europe 1.