Onlinehandel und Raumentwicklung: Neue Urbanität für alte Zentren!
Abstract
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Full text
Baumgart, Sabine et al. Research Report Onlinehandel und Raumentwicklung: Neue Urbanität für alte Zentren! Positionspapier aus der ARL, No. 127 Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Baumgart, Sabine et al. (2021) : Onlinehandel und Raumentwicklung: Neue Urbanität für alte Zentren!, Positionspapier aus der ARL, No. 127, Verlag der ARL - Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft, Hannover, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-01276 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/246271 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/
ONLINEHANDEL UND RAUMENTWICKLUNG Neue Urbanität für alte Zentren! Positionspapier aus der ARL 127 AKADEMIE FŪR RAUMENTWICKLUNG IN DER LEIBNIZ-GEMEINSCHAFT
Hannover 2021 ONLINEHANDEL UND RAUMENTWICKLUNG Neue Urbanität für alte Zentren! Positionspapier aus der ARL 127 AKADEMIE FŪR RAUMENTWICKLUNG IN DER LEIBNIZ-GEMEINSCHAFT
In den Veröffentlichungen der ARL legen wir großen Wert auf eine faire, gendergerechte Sprache. Als Grundlage für einen gendersensiblen Sprachgebrauch dient der Leitfaden gendergerechte Sprache in der ARL. Geschäftsstelle der ARL: Prof. Dr. Rainer Danielzyk, [email protected] Positionspapier aus der ARL 127 ISSN 1611-9983 (PDF-Version) Die PDF-Version ist unter shop.arl-net.de frei verfügbar (Open Access) CC_BY_SA 4.0 International Verlag der ARL – Hannover 2021 Formales Lektorat: J. Gosemann Sprachliches Lektorat: C. Burkhart Satz und Layout: G. Rojahn, O. Rose Zitierempfehlung: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft (Hrsg.) (2021): Onlinehandel und Raumentwicklung – Neue Urbanität für alte Zentren! Hannover. = Positionspapier aus der ARL 127. URN: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01276 ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Vahrenwalder Str. 247 30179 Hannover Tel. +49 511 34842-0 Fax +49 511 34842-41 [email protected] www.arl-net.de
Dieses Positionspapier enthält zentrale Ergebnisse und Empfehlungen der Arbeitsgruppe „Onlinehandel und Raumentwicklung“ der Landesarbeitsgemeinschaft Nordrhein-Westfalen. Es wurde erarbeitet von: Prof. Dr.-Ing. Sabine Baumgart, ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft, Hannover Thomas Berger, Stadt Lünen Prof. Dr. Rainer Danielzyk, ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft, Hannover / Leibniz Universität Hannover, Institut für Umweltplanung Nina Hangebruch, Technische Universität Dortmund, Fakultät Raumplanung (Leitung/Geschäftsführung der Arbeitsgruppe) Sarah Mietz, Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf Frank Osterhage, ILS – Institut für Landesund Stadtentwicklungsforschung, Dortmund (Leitung/ Geschäftsführung der Arbeitsgruppe) Tana Petzinger, Regionalverband Ruhr, Essen Stefan Postert, Industrieund Handelskammer Mittleres Ruhrgebiet, Bochum (bis 12/2020), Stadt + Handel, Dortmund/Hamburg (ab 01/2021) Sven Sander, Regionalverband Ruhr, Essen Dr. Peter Scholz, Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf (bis 01/2020), Materialprüfungsamt Nordrhein-Westfalen, Dortmund (ab 02/2020) Stefan Thabe, Stadt Dortmund Prof. Dr. Claus-C. Wiegandt, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Dr.-Ing. Irene Wiese-von Ofen, Beratungsbüro für Architektur, Stadtplanung und Stadterneuerung, Essen Die in diesen Positionspapieren niedergelegten Aussagen und Ergebnisse stellen die Meinungen und Positionen der vorgenannten Arbeitsgruppenmitglieder der ARL dar und nicht jene ihrer jeweiligen Dienststellen und Institutionen.
127 _ ONLINEHANDEL UND RAUMENTWICKLUNG – NEUE URBANITÄT FÜR ALTE ZENTREN! 1 ONLINEHANDEL UND RAUMENTWICKLUNG – NEUE URBANITÄT FÜR ALTE ZENTREN! Gliederung Vorbemerkung 1 Neue Urbanität für alte Zentren 2 Welche Folgen hat die Digitalisierung für die Einzelhandelsentwicklung? 3 Wie verändert der Onlinehandel unsere Städte und Dörfer? 4 Wie können Innenstädte, Stadtund Ortsteilzentren in Zukunft aussehen? 5 Wie kann die Entwicklung von Einzelhandel und Zentren gestaltet werden? 6 Ausblick: Mögliche Folgen der Corona-Pandemie Literatur Kurzfassung: Die „Startelf der neuen Urbanität“ Mit der Verbreitung des Onlinehandels hat die Einzelhandelsentwicklung eine neue Stufe im fortwährenden Strukturwandel erreicht. Multi-Channel-Konzepte, die Offlineund Onlinehandel miteinander verbinden, gewinnen an Bedeutung. Im Zuge der Digitalisierung entstehen „hybride“ Betriebstypen, die sich von traditionellen Ladengeschäften erheblich unterscheiden. Für Anbieter, die keine Antworten auf die mit diesem Wandel verbundenen Herausforderungen finden, wird es zunehmend schwerer, ihre Marktposition zu halten. Die Einzelhandelslandschaft verändert sich – und das verändert auch unsere Städte. In vielen Zentren ist die rückläufige Nachfrage nach Handelsflächen bereits heute deutlich erkennbar. Die räumlichen Auswirkungen hängen von der spezifischen Situation am jeweiligen Standort ab. Als grundlegende Tendenz ist eine Ausdünnung und Polarisierung der Zentrensysteme zu erwarten: Wenige Stadtzentren mit besonderem Erlebnisfaktor werden sich als Handelsstandort behaupten und weiter profilieren können, bei anderen Standorten wird zukünftig die Aufgabe der Nahversorgung in den Mittelpunkt rücken und einige Zentren werden ihre Versorgungsfunktion verlieren. Doch auch oder gerade in einer digitalen Welt gilt: Zentren sind kein Auslaufmodell! Vielmehr können die aktuellen Entwicklungen den Ausgangspunkt dafür bilden, dass multifunktionale Standorte entstehen, die Attraktivität ausstrahlen und Menschen anlocken. Um diese Vision wahr werden zu lassen, sind neues Denken und aktives Handeln gefragt. Für den notwendigen Aufbruch braucht es die „Startelf der neuen Urbanität“: Nr. 1: Verändertes Zentrenverständnis Nr. 2: Neue Anker mit Zentrenrelevanz Nr. 3: Renaissance der durchmischten Stadt Nr. 4: Mut zu unkonventionellen und flexiblen Nutzungen Nr. 5: Aktive Steuerung von Schrumpfungsprozessen Nr. 6: Schaffung von „Versorgungsknoten“ Nr. 7: Innovative Lösungen für die urbane Logistik
127 _ ONLINEHANDEL UND RAUMENTWICKLUNG – NEUE URBANITÄT FÜR ALTE ZENTREN!2 Nr. 8: Weitsichtige planerische Steuerung Nr. 9: Schrittweise Entwicklung des rechtlichen Rahmens Nr. 10: Einsicht, dass die komplexe Aufgabe nicht sektoral zu lösen ist Nr. 11: Bereitschaft zur Mitarbeit in neuen Standortallianzen und gezielte Investitionen in die Stadtzentren Schlüsselwörter Digitalisierung – Onlinehandel – Einzelhandel – Raumentwicklung – Urbanität – Stadtzentren Online trade and spatial development – New urbanity for old centres! Abstract: The “starting eleven of the new urbanity” With the expansion of online trading, retail trade development has reached a new level in the process of ongoing structural change. Multi-channel concepts that combine offline and online retail are becoming increasingly important. In the course of digitalisation, “hybrid” types of enterprises that show significant differences from traditional retail stores are emerging. For providers unable to find answers to the challenges associated with this change, it will become more and more difficult to maintain their market position. The retail structures are changing – and that is changing our cities. In many town centres, the declining demand for retail space is already clearly visible today. The spatial effects depend on the specific situation at the respective location. The basic tendency is to expect a thinning out and polarisation of the urban centre systems: A few town centres with a special experiential character will assert themselves as retail locations and will be able to further distinguish themselves, in other locations the task of local supply will move into the focus in the future, and some town centres will lose their supply function. But even or especially in a digital world: Town centres are not a obsolescent model! On the contrary, the current developments can be the starting line for multifunctional locations to emerge that exude appeal for people and stay generally attractive. Fresh thinking and active engagement are needed to make this vision come true. This challenge and the imperative for change need a “starting eleven of the new urbanity”: No. 1: Altered understanding of town centres No. 2: New anchors with relevance for town centres No. 3: The mixed city’s renaissance No. 4: Courage for unconventional and flexible uses No. 5: Active management of shrinkage processes No. 6: Creation of “supply nodes” No. 7: Innovative solutions for urban logistics No. 8: Far-sighted planning and management
127 _ ONLINEHANDEL UND RAUMENTWICKLUNG – NEUE URBANITÄT FÜR ALTE ZENTREN! 9 aufgrund des begrenzten Nachfragepotenzials durch die Konkurrenz aus dem Internet bedroht sind. Die Zentren als wichtige Orte des sozialen Zusammenlebens, der Kommunikation und der Innovation werden bei einer weiteren Schwächung vielfach in ihrer Funktion gefährdet. Ihre Revitalisierung erfordert kreative, multifunktional orientierte Konzepte als Element einer aktiven Entwicklungspolitik auf lokaler und regionaler Ebene. Infobox 4 Auf der anderen Seite zeigt sich auch: Versorgungsstrukturen lösen sich von Raumstrukturen. Online-basierte Angebote bieten die Chance, die Versorgung der Bevölkerung auch an peripheren Orten zu sichern und hierbei eine neue Qualität zu erreichen (s. Infobox 4). Damit kann die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse gegebenenfalls besser gewährleistet werden – immer vorausgesetzt, die Logistik funktioniert und bleibt für die Kunden kostengünstig. Längere Strecken bei deutlich geringerem Volumen pro Auslieferungsfahrzeug stellen die Logistikdienstleister in ländlichen Räumen allerdings vor große Herausforderungen. Zudem hat sich der Onlinehandel bei Lebensmitteln und anderen Produkten des täglichen Bedarfs noch nicht durchgesetzt, sodass die Grundversorgung in ländlichen Räumen bislang nicht online sichergestellt werden kann. Es gibt jedoch verschiedene Anbieter, die zukunftsweisende Konzepte entwickelt haben und diese in den kommenden Jahren erfolgreich am Markt platzieren könnten. Wie gestaltet sich das Einkaufsverhalten in ländlichen Räumen? Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt DuO Nach Einschätzung der AG „Onlinehandel und Raumentwicklung“ bestehen im Hinblick auf das Einkaufsverhalten in ländlichen Räumen noch einige offene Fragen. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee für das Forschungsprojekt „Digitalisierung und Onlinehandel: Fluch oder Segen für ländliche Räume?“, das durch das Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert wurde (Bearbeitung: TU Dortmund, ILS – Institut für Landesund Stadtentwicklungsforschung Dortmund, Universität Bonn). Im Rahmen dieses Projekts konnten insgesamt 1.500 Menschen in 15 ländlichen Untersuchungsgemeinden zu ihrem Einkaufsverhalten befragt werden. Im Vergleich mit bundesweiten Untersuchungen (z.B. HDE e.V. 2019: 26) zeigt sich, dass der Einkauf im Internet in den untersuchten Regionen insgesamt (noch) weniger stark ausgeprägt ist. So haben 46 Prozent der befragten Konsumenten angegeben, ausschließlich offline einzukaufen. Damit ist der Anteil der Online-Einkäufe über alle Sortimentsgruppen hinweg geringer als in anderen Räumen. Erklären lässt sich dieser Befund zu einem wesentlichen Teil durch soziodemografische und sozioökonomische Unterschiede in der Zusammensetzung der Bevölkerung (Alter und Einkommen). Zudem sprechen die Ergebnisse dafür, dass bei aperiodischen Gütern die Bedeutung des Online-Einkaufs deutlich größer ist, wenn die Entfernungen zu bevorzugten Einkaufsorten groß sind und damit einen gewissen Schwellenwert übersteigen. Für die Zukunftsfähigkeit der Zentren ist eine weitere Erkenntnis der Studie von Bedeutung: Rund 50 Prozent der Befragten gaben an, durch den Einkauf im Internet seltener in die Stadtzentren zu fahren. Damit zeichnet sich ab, dass der Onlinehandel zwar ein Segen hinsichtlich alternativer Versorgungsmöglichkeiten für die Bevölkerung darstellt, aber ein Fluch für die Ortskerne und den Handel in den Zentren sein kann (Hangebruch/Osterhage/Wiegandt 2020).
127 _ ONLINEHANDEL UND RAUMENTWICKLUNG – NEUE URBANITÄT FÜR ALTE ZENTREN!10 Neue Betriebstypen und neue Standorte Einstige Online-Pure-Player, die mit einem stationären Betrieb Präsenz in der „realen Welt“ zeigen und ihre Markenbildung ausbauen möchten, mieten zunehmend Ladengeschäfte in gut frequentierten innerstädtischen (Neben-)Lagen. Hier zeigt sich: Virtualität sucht analogen Raum. Damit gibt es zumindest für einige Standorte potenzielle Mieter für Flächen, die vom stationären Handel nicht mehr im selben Umfang wie in der Vergangenheit nachgefragt werden. Die gewünschte stationäre Präsenz ist mit erheblichen Kosten verbunden: Neben Miete und Personal erfordern der Ladenbau und der zunehmende Technik-Einsatz in den Geschäften erhebliche Investitionen. Es bleibt abzuwarten, wie viele Onlinehändler die notwendige Finanzkraft besitzen, diese Investitionen zusätzlich zum Kerngeschäft im Internet zu bewältigen. Über das Internet haben Einzelhandelsbetriebe außerdem auch an einem Standort abseits der traditionellen Einkaufslagen die Möglichkeit, ein großes Marktgebiet zu erschließen und viele Kunden zu erreichen. Dort lassen sich bei vergleichsweise moderaten Mietkosten hohe Umsätze erzielen. Die erwähnten Standorte können sich in innenstadtnahen Quartieren befinden, die durch eine zunehmende urbane Mischnutzung gekennzeichnet sind. Es kann sich aber auch um rein funktionale Standorte in einer städtebaulich schlecht integrierten Lage handeln. In beiden Fällen ergibt sich neben dem reinen Onlinehandel eine zusätzliche Konkurrenz für existierende Zentren und Versorgungsbereiche, die zu einer Verschiebung im System der stationären Handelsstandorte führt. Weitreichende Raumwirksamkeit des Onlinehandels: Logistik und Verkehr Die Auswirkungen des Onlinehandels auf die Raumentwicklung beschränken sich nicht auf die Veränderungen von Innenstädten, Stadtund Ortsteilzentren. Logistikund Verteilzentren beanspruchen umfangreiche Flächen und sind schon heute entlang von einigen zentralen Verkehrsachsen prägend für das Raumbild. In Ballungsräumen bestehen aufgrund der hohen Flächennachfrage bei gleichzeitig begrenztem Angebot Nutzungskonkurrenzen gegenüber anderen gewerblichen Nutzungen (u.a. Handwerksbetriebe), die im Zuge einer ausgewogenen Flächenpolitik zu berücksichtigen sind. Große Herausforderungen entstehen durch das deutlich erhöhte Paketaufkommen auch bei der Zustellung auf der „letzten Meile“. In den Städten nehmen der Lieferverkehr und die damit verbundene Belastung für die Umwelt und andere Verkehrsteilnehmer zu. In ländlichen Räumen sind Hauszustellungen angesichts der weiten Distanzen zeitund kostenintensiv. Angesichts dieser Probleme erscheint es nicht zielführend, dass einzelne Straßen und Haushalte täglich von mehreren Kurier-, Expressund Paketdiensten (KEP-Dienstleister) bedient werden. Logistik braucht eine neue Logik: In den nächsten Jahren wird sich zeigen, ob die KEP-Dienstleister – anders als in den 1990er Jahren – nun bereit sind, ihre Geschäfte zu bündeln oder einem White-Label-Dienstleister zu übergeben.
127 _ ONLINEHANDEL UND RAUMENTWICKLUNG – NEUE URBANITÄT FÜR ALTE ZENTREN! 11 4 Wie können Innenstädte, Stadtund Ortsteilzentren in Zukunft aussehen? – Die „Startelf der neuen Urbanität“ Nr.1: Verändertes Zentrenverständnis Auch in einer digitalen Welt sind persönliche Kontakte und soziale Kommunikation unverzichtbar. Zentren sind kein Auslaufmodell. Es braucht weiterhin Orte der Begegnung, an denen sich die Menschen treffen, austauschen und Dinge gemeinsam unternehmen können – und dies nicht nur in einem kommerziell getragenen Rahmen. Es ist eine wichtige Aufgabe von Planung, in den Zentren hierfür Möglichkeiten und Gelegenheiten zu bieten bzw. zu schaffen. Durch die räumliche Konzentration von Nutzungen, die zur Herausbildung von Zentren führt, eröffnen sich viele Vorteile: Nutzer können unterschiedliche Aktivitäten miteinander kombinieren oder aus einer größeren Zahl an vergleichbaren Angeboten wählen. Für Anbieter ergibt sich aus der Nähe zu anderen Angeboten wiederum die Chance, von der größeren Anziehungskraft eines Standortverbundes und höheren Kundenfrequenzen zu profitieren. Und auch aus ökologischen Gründen erscheint die Bündelung von Angeboten sinnvoll. So lässt sich durch die in Zentren bestehende Nachfragekonzentration ein leistungsfähiges ÖPNV-System betreiben, das auf diese herausgehobenen Standorte ausgerichtet ist. Eine Rückbesinnung auf diese originären Stärken bietet den Ausgangspunkt, um – angestoßen durch den beschleunigten Strukturwandel im Einzelhandel – vor Ort ein verändertes Zentrenverständnis mit zukunftsfähigen Angeboten herauszubilden. Nr.2: Neue Anker mit Zentrenrelevanz Handel und andere Nutzungen prägen auch zukunftsfähige Innenstädte, Stadtund Ortsteilzentren. Einkaufen wird nach wie vor ein wichtiges Motiv für den Besuch eines Zentrums sein. Der Rückzug des Handels aus den Zentren und vielerorts rückläufige Geschäftsmieten werden jedoch anderen Funktionen mehr Gewicht verleihen (s. Infobox 5). Restaurants und Cafés sind Orte, an denen sich viele Menschen auch im digitalen Zeitalter offline treffen. Zu einem multifunktionalen Standort gehören darüber hinaus weitere Angebote – im besten Fall ein breites Spektrum an Kultur, Sport und Bildung. Gerade sie können sich zu neuen Attraktionspunkten in den Zentren entwickeln und dort für Erlebnisse sorgen, die in dieser Form online nicht gemacht werden können („Urbanität gibt es nicht im Internet“). Einzelhandelsfremde Nachnutzungen der Gebäude tragen dazu bei, die Innenstädte auch außerhalb der üblichen Ladenöffnungszeiten zu beleben. Durch Aktionen und Events können regelmäßig neue Anreize für den Besuch der Zentren geschaffen werden. Nr.3: Renaissance der durchmischten Stadt Der Rückzug des Handels bietet damit die Chance, die vor allem in den 1950er bis 1970er Jahren forcierte und auf Einzelhandel ausgerichtete City-Bildung umzukehren. Die Rückkehr von weniger renditeträchtigen Nutzungen – wie Wohnen, Bildung, Handwerk und Dienstleistungen – in die Zentren führt zu einem Nutzungswandel im Sinne des Idealbilds der durchmischten europäischen Stadt. Dies entspricht dem Aufruf zur Umwandlung in attraktive multifunktionale Räume in der 2020 verabschiedeten Neuen Leipzig Charta (2020). Künftig könnte in den Obergeschossen wieder verstärkt gewohnt werden, während kommerzielle Nutzungen auf die Erdgeschosse beschränkt werden – ähnlich wie in den vielerorts beliebten Gründerzeitquartieren der großen Städte. Zu diesem Nutzungswandel gehört auch, dass Räume für neue urbane Produktion entstehen. Weiterhin können auch Einrichtungen für Bildung und Wissenschaft und die von ihnen ausgehende Belebung durch Schüler und Studierende ein wichtiger Impuls sein, um eine neue Urbanität in den Zentren entstehen zu lassen. Die Verstärkung und Verdichtung städtischen Lebens durch multifunktionale Standorte bringt neue Herausforderungen mit sich: Vor Ort können Nutzungskonflikte entstehen, die aus wechselseitigen Störungen bzw. Einschränkungen resultieren. Dies kann in puncto Freizeitlärm auch zukünftige Wohnfunktionen betreffen und bedarf einer sorgfältigen Prüfung der Kopplung unterschiedlicher Nutzungen. Gleichzeitig erfordert die Schaffung nutzungsgemischter urbaner Gebiete Offenheit und Zugeständnisse zwischen den verschiedenen Nutzergruppen.
127 _ ONLINEHANDEL UND RAUMENTWICKLUNG – NEUE URBANITÄT FÜR ALTE ZENTREN!12 Wie werden Zentren heute und morgen genutzt? Erkenntnisse aus ländlichen Räumen und über „Digital Natives“ Die AG „Onlinehandel und Raumentwicklung“ hat verschiedene empirische Untersuchungen angestoßen, um mehr über die Nutzung von Zentren durch unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und in unterschiedlichen Untersuchungsräumen herauszufinden. Bei dem vom nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministerium geförderten Forschungsprojekt „Digitalisierung und Onlinehandel: Fluch oder Segen für ländliche Räume?“ (s. auch Infobox 4) hat sich gezeigt, dass in den untersuchten Kommunen insbesondere „Erledigungen“ und „Arztbesuch“ typische Motive für den Besuch des Ortskerns sind – noch vor „Einkauf/Shopping“. Weiterhin haben auch die Motivationen „Freunde treffen“ und „Café-/Restaurantbesuch“ eine hohe Bedeutung (Hangebruch/Osterhage/Wiegandt 2020). Darüber hinaus wurde in einer kleinen explorativen Studie mit Schülern des Phoenix-Gymnasiums in Dortmund-Hörde die Frage beleuchtet, wie junge Menschen Zentren nutzen und welche Erwartungen sie diesbezüglich haben. Für die 16bis 18-jährigen Jugendlichen gehört ein Besuch der Dortmunder Innenstadt zur wichtigsten Freizeitaktivität – bevorzugt um zu shoppen bzw. zu bummeln und etwas essen oder trinken zu gehen. Das Stadtbezirkszentrum in Hörde wird dagegen vornehmlich genutzt, um Lebensmittel einzukaufen oder sich auf dem Weg mit Getränken und Speisen zu versorgen. Für die zukünftige Entwicklung von Zentren werden vor allem Möglichkeiten gewünscht, sich (bei schlechtem Wetter) mit Freunden zu treffen. Darüber hinaus bedeutsam: Nach den Vorstellungen der Jugendlichen sollten Zentren grüner werden, als sie es heute sind. Abb. 3: Motive für einen Besuch im Ortskern in ländlichen Untersuchungsgemeinden aus Nordrhein-Westfalen / Quelle: AG „Onlinehandel und Raumentwicklung“ nach Hangebruch/Osterhage/Wiegandt 2020 Infobox 5
127 _ ONLINEHANDEL UND RAUMENTWICKLUNG – NEUE URBANITÄT FÜR ALTE ZENTREN! 13 Nr.4: Mut zu unkonventionellen und flexiblen Nutzungen Durch die Umsatzverlagerung in den Onlinehandel und damit einhergehende Geschäftsaufgaben verstärken sich Leerstände, Mindernutzungen und Abwertungsprozesse in den Zentren. In dieser Situation bieten Zwischennutzungen zur Erprobung neuer Möglichkeiten ein besonderes Potenzial. Vielfältige Beispiele zeigen, dass die Nutzung leerstehender Ladenlokale etwa für Kunstpräsentationen, Galerien und Studentensowie Schulinitiativen oder für neue innovative Geschäftsideen geeignet ist, um Straßenfronten zu beleben und interessant zu machen. Entscheidend für das Gelingen ist es, Antworten auf Fragen rund um Finanzierung, Eigentumsrechte, Genehmigungsnotwendigkeiten und den Übergang zu nachfolgenden Nutzungen zu finden. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor besteht weiterhin darin, engagierte Akteure in ihren Bemühungen zur Umbzw. Zwischennutzung zu begleiten und Strukturen zu schaffen, die unkonventionelle Vorgehensweisen erlauben und häufig vorhandene finanzielle Schwächen berücksichtigen. Nr.5: Aktive Steuerung von Schrumpfungsprozessen In einigen Zentren ist von einem deutlich sichtbaren Bedeutungsverlust der Handelsfunktion auszugehen. Durch Geschäftsaufgaben können größere Entfernungen zwischen den einzelnen Ladenlokalen entstehen, wodurch Agglomerationsvorteile abnehmen und die Attraktivität des Standortes insgesamt gefährdet ist. Die Steuerung der Schrumpfungsprozesse bedarf einer Strategie zur Konsolidierung der Zentren durch Konzentration und Rückbau. Die räumliche Konzentration des bestehenden Einzelhandelsbesatzes durch eine konsequente planerische Steuerung ist ein wichtiger strategischer Ansatz, um die Zukunftsfähigkeit eines solchen Zentrums zu erhalten (s. Infobox 6). Im Hinblick auf die Steuerung der Entwicklung stellt sich die Frage nach der Zukunftsfähigkeit vieler zentraler Versorgungsbereiche. Werden kleinere Zentren – vor allem sogenannte Nahversorgungszentren – bei der Fortschreibung von Einzelhandelsund Zentrenkonzepten aufgegeben, weil der Mindestbestand an Einzelhandelsbetrieben nicht mehr gewährleistet ist, verlieren die Zentren die Schutzwirkung der Einzelhandelssteuerung. Aus Stadtentwicklungssicht ist deshalb die Anpassung der gesetzlichen Anforderungen an zentrale Versorgungsbereiche zu bedenken, um einem Verlust dieses Steuerungsinstruments vorzubeugen. Angesichts des anhaltenden Strukturund Nutzungswandels in den Zentren geht es darum, das Anforderungsprofil für Nahversorgungszentren an die realen Gegebenheiten anzupassen und sich mit den strengen gesetzlichen Vorgaben für die Mindestausstattung zentraler Versorgungsbereiche kritisch auseinanderzusetzen. Dazu gehört auch, die Anforderungen an die Ausstattung noch stärker als bislang über den Einzelhandel hinaus auf andere Funktionen von Zentren auszudehnen. In Anbetracht einer immer älter werdenden Gesellschaft gewinnen zum Beispiel medizinische Angebote für zentrale Versorgungsbereiche in stärkerem Maße an Bedeutung. Daher erscheint es folgerichtig, die Steuerbarkeit anderer zentrenrelevanter Nutzungen zu diskutieren. Neben der Umnutzung von aufgegebenen Ladenlokalen gehört zu dieser Strategie in besonderen Fällen auch der aktive Rückbau von obsolet gewordenen Gebäudekomplexen, die, bezogen auf mögliche Nachfolgenutzungen, den heutigen Anforderungen und Standards nicht mehr genügen. Dabei kann sich die Gelegenheit ergeben, planerische Entscheidungen der Vergangenheit für Bauten, die städtebaulich – etwa aufgrund der verwendeten Baumaterialien, ihres Baustils oder ihrer Dimension – nicht in das Ortsbild passen, zu korrigieren.
127 _ ONLINEHANDEL UND RAUMENTWICKLUNG – NEUE URBANITÄT FÜR ALTE ZENTREN!14 Infobox 6 Nr.6: Schaffung von „Versorgungsknoten“ Für eine zunehmende Zahl an Zentren ist zu erwarten, dass sich das Einzelhandelsangebot zukünftig im Wesentlichen auf die Nahversorgung beschränken wird. Für die Zukunftsfähigkeit dieser Zentren und zur Sicherung der Versorgung der Bevölkerung ist deshalb eine konsequente Funktionsbündelung maßgeblich. Einrichtungen aus den Bereichen Gesundheit und Bildung können für eine weitergehende Belebung sorgen, die Angebote der Daseinsvorsorge komplettieren und die Funktionsfähigkeit eines Zentrums stärken. Sie sind für eine älter werdende Gesellschaft von großer Bedeutung. Auch für Räume mit einer geringen Bevölkerungsdichte eröffnet die konsequente Bündelung von Funktionen (z.B. Nahversorgung, Post und Bürgerbüro) einen Ansatzpunkt, um ein Basisangebot an Nahversorgung aufrechtzuerhalten. Schlagworte wie „Versorgungsknoten“ oder „Mehrfunktionenhaus“ stehen für Konzepte, die an dieser Stelle ansetzen. Die Nutzung digitaler Technologien und die Verknüpfung mit Onlineangeboten können hierbei neue Optionen eröffnen (s. Infobox 7). Stadtumbau in Innenstädten: Weiterentwicklung und Neuausrichtung Die Funktion und das Gesicht von Innenstädten sind im Wandel. Durch die aktive Steuerung von Umbauprozessen können neue Qualitäten geschaffen werden. Es gibt einige interessante Beispiele aus Nordrhein-Westfalen, die Anregungen für diese Zukunftsaufgabe liefern können. Um die Einkaufslage kompakt zu halten, zu stärken und attraktiver zu gestalten, fokussierte die Stadt Lünen die Aufwertung der öffentlichen Räume und die Konzentration des Einzelhandels auf die 1a-Lage der Fußgängerzone. Als Grundlage für die durchgeführten Maßnahmen diente das Entwicklungskonzept „Perspektive Innenstadt Lünen 2012 – Impulse für einen starken Kern“. Vorzeigeprojekt des Lüner Innenstadtumbaus ist die Umnutzung einer ehemaligen Warenhaus-Immobilie (früher Hertie bzw. Karstadt) am Marktplatz. Angesichts der vorhandenen Verkaufsflächenausstattung und der Einzelhandelsstruktur in der Lüner Innenstadt wurden bei der Umstrukturierung der Immobilie durch eine örtliche Wohnungsbaugenossenschaft bewusst in erheblichem Umfang Verkaufsflächen zurückgenommen. Dafür entstanden im Sinne einer neuen Nutzungsvielfalt Flächen für Gastronomie und Dienstleistungen sowie attraktive Wohnungen in bester Innenstadtlage. Der Marktplatz selbst wurde mit Städtebauförderungsmitteln modern und funktional umgestaltet. Ein anderes Beispiel für die integrierte Weiterentwicklung einer Innenstadt ist das Konzept „Perspektive Innenstadt 2030“ der Stadt Hamm (Westf.). Es knüpft an vorherige Maßnahmen des Stadtumbaus an, bei denen als ein zentrales Projekt das Kulturund Bildungszentrum Heinrich-von-Kleist-Forum am Standort des ehemaligen Horten-Warenhauses errichtet worden ist. Als Reaktion auf ein verändertes Konsumund Freizeitverhalten der Bevölkerung sieht das Konzept eine stärkere Profilierung von unterschiedlichen Teilräumen in der Innenstadt vor. Die Themen Handel, Gastronomie und Kultur spielen hierbei eine wichtige Rolle – ebenso wie die Aufwertung des Spielund Freizeitangebots. Darüber hinaus wird vor allem der Trend zum innerstädtischen Wohnen aufgegriffen, indem mit gezielten Maßnahmen das Wohnangebot gestärkt und lebendige Stadtquartiere herausgebildet werden sollen.
127 _ ONLINEHANDEL UND RAUMENTWICKLUNG – NEUE URBANITÄT FÜR ALTE ZENTREN! 15 Infobox 7 Nr.7: Innovative Lösungen für die urbane Logistik Das durch den Onlinehandel erheblich gestiegene Paketaufkommen und die damit zusammenhängenden Herausforderungen bei der Zustellung erfordern hinsichtlich Klimaund Immissionsschutz intelligente, effiziente und umweltschonende Lösungen für die „letzte Meile“. Dabei gilt es, insbesondere die mit dem Lieferverkehr verbundenen Belastungen in verdichteten städtischen Gebieten zu minimieren, Alternativen zur Hauszustellung zu entwickeln und Lösungen für den Umgang mit weiten Lieferdistanzen in ländlichen Räumen aufzuzeigen. Dies kann Chancen für alternative Zustellkonzepte wie die Zustellung durch White-Label-Dienstleister – von den konkurrierenden Paketdienstleistern unabhängige Unternehmen – eröffnen, bedarf aber auch der Unterstützung und Förderung entsprechender Konzepte. Weitere Lösungsansätze für die „letzte Meile“ sehen eine Aufteilung der Lieferkette vor. Von Logistikzentren am Rande einer Stadt werden dezentrale, innerstädtische Micro-Hubs beliefert, von dort erfolgt die Lieferung zu den Kunden mit (E-)Lastenrädern. Die Ausgestaltung und Platzierung derartiger MicroHubs bringt planerisch neue Aufgaben mit sich. Neue Konzepte der Nahversorgung in ländlichen Räumen Lange Zeit war der Trend bei der Nahversorgung eindeutig: Die Größe der Betriebe nahm zu, während ihre Zahl zurückging. Im Ergebnis wurden die Wege für viele Kunden weiter. Es ist zu beobachten, dass im Zuge der Digitalisierung innovative Formate und Funktionen für Kleinflächenkonzepte entstehen. Hieraus können sich neue Chancen für die Nahversorgung ergeben. Vielversprechende Ideen gibt es auch in Nordrhein-Westfalen – und zwar nicht nur in den Verdichtungsräumen. Mit dem Projekt „ONLEIN versorgt“ hat ein bestehender Dorfladen den Schritt in das digitale Zeitalter gemacht. Das multifunktionale DORV-Zentrum Barmen in Jülich (Kreis Düren) wurde mit einer online-basierten Bestellund Abholstation ausgestattet, um so über das Vor-Ort-Angebot hinaus den Zugang zu einer großen Vielfalt an Produkten zu ermöglichen. Als wichtiger Partner fungiert ein Aachener Supermarkt, der die bestellten Waren bereitstellt. Für die Lieferung wird die vorhandene Logistikstruktur eines Transportdienstes genutzt – zusätzliche Wege entstehen somit nicht. Die fertigen Pakete können beim „SowiesoEinkauf“ (insbesondere frische Waren) im kleinen Nahversorgungszentrum mitgenommen werden. Beim „Hofladen Sauerland“ handelt es sich um eine im Jahr 2017 gestartete Internet-Plattform, die Angebote von ca. 60 Erzeugern aus der Region bündelt. Im Sauerland erfolgt eine persönliche Lieferung mit unternehmenseigenen Fahrzeugen, außerhalb der Region wird über Paketdienstleister versendet. Neben der Internet-Plattform werden im Sauerland mittlerweile zwei stationäre Hofläden in Neheim und Meschede betrieben. Für die Zukunft gibt es weitere Pläne: Mit der Sauerland-Box soll ein kleiner SB-Supermarkt im Container-Format entwickelt werden, der rund um die Uhr Lebensmittel der Grundversorgung bereithält.
127 _ ONLINEHANDEL UND RAUMENTWICKLUNG – NEUE URBANITÄT FÜR ALTE ZENTREN!16 5 Wie kann die Entwicklung von Einzelhandel und Zentren gestaltet werden? Nr.8: Weitsichtige planerische Steuerung Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich im Bereich der Bauleitplanung sowie der Regionalund Landesplanung ein differenziertes Instrumentarium zur räumlichen Steuerung der Einzelhandelsentwicklung herausgebildet. Zentrale Ansatzpunkte bei diesem Steuerungsansatz sind die Verkaufsfläche und der Standort eines Betriebes, daraus resultierende Einzugsbereiche sowie die räumliche Zuordnung von zu erwartenden Umsatzumverteilungen im Umfeld des Betriebes. Für den (reinen) Onlinehandel muss festgestellt werden, dass die klassischen Steuerungsinstrumente der räumlichen Planung nicht greifen. Dennoch sind die weiterhin konsequente Anwendung der klassischen planungsrechtlichen Instrumente und eine weitsichtige planerische Steuerung für den Schutz zentraler Versorgungsbereiche unabdingbar: Denn gerade unter den Bedingungen der verschärften Konkurrenzsituation bergen Neuansiedlungen und Erweiterungen von Einzelhandelsbetrieben mit zentrenrelevanten Sortimenten außerhalb der dafür vorgesehenen Zentren ein zunehmendes Gefährdungspotenzial. Nr.9: Schrittweise Entwicklung des rechtlichen Rahmens Durch die Verknüpfung bzw. Verschmelzung von unterschiedlichen Vertriebswegen entstehen neue Geschäftsmodelle und „hybride“ Betriebstypen. Es ist damit zu rechnen, dass hierbei verschiedene Fragen in Bezug auf die Anwendung der bestehenden Steuerungsinstrumente und den Umgang mit „hybriden Betriebstypen“ aufgeworfen werden. Zu diesen Fragen müssen überzeugende Lösungen gefunden werden, um das gesamte Steuerungssystem nicht infrage zu stellen. Angesichts unterschiedlicher Erscheinungsformen des Onlinehandels wie Pick-up-Stationen, Showrooms oder Lagerverkäufen von Onlinehändlern ist zu prüfen, ob bei der Interpretation des unbestimmten Rechtsbegriffs der Verkaufsfläche eine Weiterentwicklung notwendig ist. Hierbei sollte die Überlegung im Mittelpunkt stehen, inwieweit durch die jeweilige Anlage eine Förderung des Verkaufsvorgangs stattfindet und raumordnerisch bzw. städtebaulich unerwünschte Folgewirkungen zu erwarten sind. An dieser Stelle sind die an der räumlichen Steuerung des Einzelhandels beteiligten Akteure (v.a. Handelsforschung und Handelsberatung, Planund Gesetzgeber) gefordert, fundierte empirische Grundlagen zu erarbeiten, zeitgemäße Lösungen zu entwickeln und die bestehenden Instrumente entsprechend anzupassen (s. Infobox 8). Workshop „Planerische Steuerung in Zeiten des Onlinehandels“ Auf der einen Seite führt die Digitalisierung zu einer Beschleunigung des Strukturwandels im Einzelhandel, der mit tiefgreifenden Veränderungen einhergeht. Auf der anderen Seite besteht ein über viele Jahre immer weiter verfeinertes Steuerungsinstrumentarium, das auf stationäre Einzelhandelsformate ausgerichtet ist. Für die räumliche Planung werden in dieser Situation grundlegende Fragen aufgeworfen. Vor diesem Hintergrund hat die AG „Onlinehandel und Raumentwicklung“ Ende Oktober 2018 einen Workshop durchgeführt, um mit rund 35 Experten über Rechtsfragen zu Onlinehandel und Raumentwicklung zu diskutieren. Braucht der „Handel 4.0“ also auch eine „Planung 4.0“? Und wie lässt sich ein solches Schlagwort mit sachgerechten Lösungsansätzen inhaltlich füllen? Im Rahmen der Diskussionen ging es vor allem um konkrete Ansatzpunkte zu diesen Themen: Berücksichtigung des Onlinehandels in Verträglichkeitsgutachten, Weiterentwicklung bei der Interpretation von unbestimmten Rechtsbegriffen wie der Verkaufsfläche, Neuausrichtung von zentralen Parametern und Stellschrauben der planerischen Steuerung. Weiterführende Informationen zu planungsrechtlichen Fragen im Zusammenhang mit Onlinehandel: Bischopink (2019). Infobox 8
127 _ ONLINEHANDEL UND RAUMENTWICKLUNG – NEUE URBANITÄT FÜR ALTE ZENTREN! 17 Eine konkrete bauliche Erscheinungsform des Onlinehandels, die in den letzten Jahren eine große Verbreitung erfahren hat, sind Packstationen. In der Systematik der Baunutzungsverordnung sind sie als Gewerbebetriebe zu behandeln, da sie die Merkmale einer Verkaufsstätte nach vorherrschender Einschätzung nicht erfüllen (Spitzlei 2018). Im Gebietstyp „Reine Wohngebiete“ sind sie aufgrund der Einstufung als Gewerbebetriebe nicht zulässig. Über die Zulässigkeit in den übrigen Wohngebieten ist im Rahmen einer Einzelfallbetrachtung unter Berücksichtigung der jeweiligen Rahmenbedingungen zu entscheiden. Hierbei ist zu beachten, dass das bestehende Störpotenzial wesentlich von der Größe und vom Einzugsbereich abhängt. Über die rechtliche Beurteilung von Bauvorhaben hinaus sollten Kommunen eine proaktive Standortlenkung bei Packstationen vornehmen. Besonders geeignet erscheinen Standorte, die eine hohe Konzentration an Wohnungen und Arbeitsplätzen aufweisen oder sich in der Nähe hoch frequentierter ÖPNV-Haltepunkte befinden. Zudem ist an die Möglichkeit zu denken, durch geeignete Standorte von Packstationen existierende Zentren und Nahversorgungsstandorte zu stärken. Neben der möglichst reibungslosen Abwicklung des fließenden und ruhenden Verkehrs sollte bei der Beurteilung und Gestaltung von konkreten Standorten auch berücksichtigt werden, wie Packstationen zu (städtebaulich) attraktiven Orten werden können. Nr.10: Einsicht, dass die komplexe Aufgabe nicht sektoral zu lösen ist Einzelhandelsund Zentrenkonzepte haben sich als eine unverzichtbare Grundlage etabliert, wenn es um rechtssichere Eingriffe zur räumlichen Lenkung der Einzelhandelsentwicklung geht. Sie umfassen üblicherweise eine nach Sortimenten differenzierte Bestandsaufnahme des vorhandenen Einzelhandelsbesatzes sowie eine Abgrenzung und Einstufung von Einzelhandelsstandorten. Angesichts der aktuellen und zukünftigen Herausforderungen im Hinblick auf die Zentrenentwicklung ist eine erweiterte Perspektive bei der Erstellung und Umsetzung solcher Konzepte notwendig. Bei der Neuausrichtung von Einzelhandelsund Zentrenkonzepten sind integrierte Strategieund Handlungskonzepte gefragt, die über den Handel hinaus unterschiedliche städtische Nutzungen einschließen und alle relevanten Nutzergruppen berücksichtigen. Dabei geht es darum, auf kommunaler und regionaler Ebene innovative und ortsspezifische Perspektiven für Innenstädte, Stadtund Ortsteilzentren aufzuzeigen. Die regionale Abstimmung und eine konsequente Umsetzung auf der kommunalen Ebene sind auch hier die Grundvoraussetzungen für den Erfolg dieser Konzepte. In Einzelhandelsund Zentrenkonzepten spielt der Onlinehandel bislang nur am Rande eine Rolle. Dies gilt ebenso für städtebauliche und raumordnerische Auswirkungsanalysen bzw. Verträglichkeitsgutachten, die gegenwärtig ein wesentliches Element bei der planerischen Steuerung der Einzelhandelsentwicklung bilden. Angesichts der mittlerweile im Onlinehandel erzielten Umsatzanteile ist die Berücksichtigung des Onlinehandels bei Konzepten und Analysen unabdingbar, wenn die am Ort vorhandene Kaufkraft und die zu erzielende Flächenproduktivität ermittelt werden. Dies kann schon heute auf der Grundlage des aktuellen Erkenntnisstandes ohne unverhältnismäßigen Aufwand geschehen. Gleichzeitig sind die Handelsforschung und die Handelsberatung gefordert, die zur Anwendung kommenden Methoden weiterzuentwickeln und die erforderliche Datenbasis gegebenenfalls zu verbessern. Nr.11: Bereitschaft zur Mitarbeit in neuen Standortallianzen und gezielte Investitionen in die Stadtzentren Zusammen mit privaten Akteuren können Städte und Gemeinden die zukünftige Entwicklung ihrer Zentren gestalten. Mögliche Aktivitäten lassen sich den Bereichen der regulativ-planerischen, der investiven sowie der kooperativ-kommunikativen Maßnahmen zuordnen. Mit der fortschreitenden Verbreitung des Onlinehandels wird eine neue Schwerpunktsetzung bei der Stärkung von Zentren erforderlich. Es rücken zunehmend Maßnahmen der Moderation und der Beratung in den Mittelpunkt. Sie zielen darauf ab, unterschiedliche Akteursgruppen zusammenzubringen und kontinuierlich zu begleiten, um durch gemeinsames Handeln eine größere Schlagkraft herbeizuführen. Die Bündelung der vorhandenen Kräfte und die Verbreitung guter Ideen sind ein wichtiger Beitrag, um das Schlagwort der neuen Urbanität mit Leben zu füllen. Darüber hinaus besteht eine wichtige Handlungsoption darin, durch gezielte Investitionen wirkungsvolle Impulse für die Zentrenent-
127 _ ONLINEHANDEL UND RAUMENTWICKLUNG – NEUE URBANITÄT FÜR ALTE ZENTREN!18 wicklung zu setzen. Entsprechende Förderprogramme von Land und Bund tragen dazu bei, diese Option auch weniger finanzkräftigen Kommunen zu ermöglichen. Regelmäßig fortgeschrieben und an aktuelle Entwicklungen angepasst, können sie den Kommunen langfristig eine wertvolle und verlässliche Hilfe sein. 6 Ausblick: Mögliche Folgen der Corona-Pandemie Die Corona-Pandemie wird – soweit scheint Einigkeit unter den Experten zu bestehen – den Strukturwandel im Einzelhandel noch einmal wesentlich beschleunigen und den Nutzungswandel in den Zentren forcieren. Einige Monate nach dem Ausbruch der Pandemie in Deutschland lassen sich deutliche Veränderungen im Einkaufsverhalten beobachten. Weite Teile der Bevölkerung haben (vorübergehend) ihren Konsum reduziert und sich beim Einkauf stärker auf unbedingt notwendige Dinge beschränkt. Daraus resultieren große Unterschiede bei der aktuellen Umsatzentwicklung zwischen den Warengruppen. Während die Umsätze in einzelnen Sortimentsbereichen (zum Beispiel Lebensmittel, Drogeriewaren, DIY [Do it yourself] und Garten) gestiegen sind, verzeichneten modeorientierte Sortimentsgruppen (z.B. Bekleidung und Schuhe) starke Umsatzrückgänge (Wotruba 2020). Zudem hat der Onlinehandel weiter an Popularität gewonnen. Viele Menschen haben erstmals Waren online bestellt, die sie zuvor im Geschäft gekauft haben (Alvarez & Marsal 2020). Damit wurde die Corona-Krise zur erheblichen Belastung für den stationären Einzelhandel. Vielerorts zeichnen sich Geschäftsaufgaben von kleinen und großen Betrieben ab. Als besonders gefährdet gelten hierbei Kaufhäuser und Modeketten, die ohnehin mit ihrer Positionierung am Markt bereits seit längerer Zeit Schwierigkeiten hatten (Kort 2020). Die räumlichen Auswirkungen ergeben sich im Wesentlichen aus dem vor Ort bestehenden Einzelhandelsbesatz. Weniger dramatisch sind die Folgen bei Stadtteilund Quartierszentren, die sich in den letzten Jahren als starker Nahversorgungsstandort mit attraktiven Ankerbetrieben positioniert haben (Wotruba 2020). Gleichzeitig ist es aber auch ermutigend, wie viele Betriebe in dieser Situation neue (digitale) Geschäftsmodelle entdeckt haben, die zusätzlich zum stationären Geschäft einen Onlinevertrieb ermöglichen. Es ist zu hoffen, dass diese innovativen Ideen länger Bestand haben und zukünftig ein fester Bestandteil in den Stadtzentren werden. Darüber hinaus ist durch die Corona-Pandemie und ihre Folgen das Bewusstsein für regionalen Konsum und den Einkauf vor Ort zumindest in Teilen der Bevölkerung wieder erstarkt (Hangebruch/Osterhage/Wiegandt 2020). Diese Wertschätzung kann neue Perspektiven für den stationären Handel eröffnen, wenn diese Änderungen im Einkaufsverhalten von Dauer sind. Deshalb gilt auch in diesem Fall: Die Krise kann eine Chance bedeuten! Literatur Alvarez & Marsal (Hrsg.) (2020): The Shape of Retail: Consumers and the New Normal. https://www.alvarezandmarsal.com/sites/default/files/consumers_and_the_new_normal.pdf (01.08.2020). Bischopink, O. (2019): Rechtsfragen zu Onlinehandel und Raumentwicklung. Olaf Bischopink im Interview mit Nina Hangebruch und Frank Osterhage. In: RaumPlanung 202 (3/4), 47-50. EHI Retail Institute GmbH (Hrsg.) (2018): E-Commerce-Markt Deutschland 2018. Köln. Hangebruch, N.; Osterhage, F.; Wiegandt, C.-C. (2020): Digitalisierung und Onlinehandel: Fluch oder Segen für ländliche Räume. Dortmund/Bonn. HDE e.V. – Handelsverband Deutschland (Hrsg.) (2019): Online-Monitor 2019. Berlin. HDE e.V. – Handelsverband Deutschland (Hrsg.) (2020): Online-Monitor 2020. Berlin. Kokorsch, M.; Küpper, P. (2019): Trends der Nahversorgung in ländlichen Räumen. Braunschweig. = Thünen Working Paper 126. Kort, K. (2020): Schließungen sind unausweichlich: Jetzt rächt sich die Langeweile im Einzelhandel. Kommentar. In: Handelsblatt online, 16.06.2020. https://www.handelsblatt.com/meinung/kommentare/kommentar-schliessungen-sind-unausweichlich-jetzt-raechtsich-die-langeweile-im-einzelhandel/25921424.html?ticket=ST-8856218-OFmJo7prN13tYbAIGvm5-ap3 (01.06.2021).