Multilokales Leben von Studierenden in Karlsruhe
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Kramer, Caroline Book Part Multilokales Leben von Studierenden in Karlsruhe Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Kramer, Caroline (2020) : Multilokales Leben von Studierenden in Karlsruhe, In: Danielzyk, Rainer Dittrich-Wesbuer, Andrea Hilti, Nicola Tippel, Cornelia (Ed.): Multilokale Lebensführungen und räumliche Entwicklungen: ein Kompendium, ISBN 978-3-88838-097-6, Verlag der ARL - Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft, Hannover, pp. 278-285, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-0976385 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/218794 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/
Kramer, Caroline: Multilokales Leben von Studierenden in Karlsruhe URN: urn:nbn:de:0156-0976385 CC-Lizenz: BY-ND 3.0 Deutschland S. 278 bis 285 In: Danielzyk, Rainer; Dittrich-Wesbuer, Andrea; Hilti, Nicola; Tippel, Cornelia (Hrsg.) (2020): Multilokale Lebensführungen und räumliche Entwicklungen: ein Kompendium. Hannover = Forschungsberichte der ARL 13
278 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen Caroline Kramer MultiloKales leben von studierenden in Karlsruhe Gliederung 1 Einleitung 2 Erhebungsdesign der Studie am KIT 3 Umfang und Art des multilokalen Lebens der KIT-Studierenden 4 „De jure“ und „de facto Multilokale“ in Karlsruhe 5 Wo und wie gestalten Studierende ihr multilokales Wohnen? 6 Gestaltung des multilokalen Lebens während des Semesters 7 Veränderung der multilokalen Lebenspraxis im Laufe des Studiums 8 Übertragbarkeit der Erkenntnisse über universitäre Multilokalität von KIT-Studierenden auf andere Hochschulstandorte Literatur Kurzfassung Für ein Studium verlassen viele junge Menschen ihr Elternhaus, wobei sie häufig dort noch über ein Zimmer verfügen und somit multilokal leben. Die Ergebnisse einer Befragung von Studierenden des Karlsruher Instituts für Technologie zeigen, dass immerhin ein Viertel der Befragten mit einem Zweitwohnsitz am Studienort auch im Melderegister als Multilokale zu erkennen ist. De facto hält sich aber rund ein Drittel während der vorlesungsfreien Zeit hauptsächlich nicht am Studienort auf. Während des Studiums verschiebt sich der Anteil derjenigen, die ein multilokales Leben praktizieren, zunehmend zugunsten derer, die sich ausschließlich am Studienort aufhalten. Dies schlägt sich auch in den Besuchsrhythmen am elterlichen Wohnort nieder, was auf eine kontinuierliche Ablösung vom elterlichen Umfeld hinweist. Eine räumliche Konzentration der Multilokalen in der Nähe der Hochschule führt zu typischen Nutzungsmustern in diesen Quartieren. Schlüsselwörter Multilokalität – Karlsruhe – Studierende – Studienort – Befragung Karlsruhe: Multilocal students Abstract Although many young people leave their parents’ house when they go to college, they do not move out altogether but often keep a room there, thus initiating a multilocal life. A survey of students at Karlsruhe Institute of Technology revealed that twenty-five percent of them officially register in Karlsruhe with a secondary residence, thus qualifying as multilocals. During semester breaks, however, only roughly a third of them spend little time in Karlsruhe. The more senior the students become, the more time they spend in Karlsruhe, reducing the share of multilocals among the students. Visits to their parents’ houses become more infrequent, thus indicating a continuous
279Multilokales leben von studierenden in karlsruhe detachment from where they grew up. The more these multilocals focus on the places where they study, the more important their time usage patterns become in these urban districts. Keywords Multilocality – Karlsruhe – Students – Study location – Survey 1 Einleitung Bildungserwerb und Mobilität sind seit dem Beginn der institutionalisierten Bildung miteinander verbunden. Insbesondere die Teilhabe an höherer Bildung erforderte früher sowohl mobile Lehrpersonen, die an das Kloster oder den Hof der weltlichen Herrschaft berufen wurden, als auch mobile Schüler und Studenten, die ihrerseits an die Einrichtung gelangen mussten. Bis heute erfordert die tertiäre Bildungsteilhabe oft sowohl von Lehrenden als auch von Studierenden einen Wohnortwechsel oder das Einrichten eines zweiten Wohnstandorts am Arbeitsbzw. Studienort. Aufgrund der zunehmenden Anteile von Studienanfängerinnen und -anfängern (die Studienanfängerquote lag 2013 bei 53 % in Deutschland und steigt stetig an, vgl. BMBF 2015) ziehen auch immer mehr junge Menschen für ihr Hochschuloder Fachhochschulstudium zumindest für einige Jahre an den Hochschulstandort oder suchen sich dort einen zweiten Wohnsitz. In beiden Fällen pflegen die jungen Menschen häufig noch Freundschaften am Heimatort und oft steht im Elternhaus das ehemalige Kinderoder Jugendzimmer noch als Übernachtungsmöglichkeit zur Verfügung. In dieser Lebensphase ist eine multilokale Lebensführung sehr verbreitet, auch wenn die Betroffenen nicht an mehreren Wohnsitzen gemeldet sind. Zahlreiche Hochschulstandorte werben mittlerweile intensiv um die Meldung der Studierenden mit dem Erstwohnsitz in ihrer Stadt. Dennoch muss in der Realität davon ausgegangen werden, dass das Phänomen der Multilokalität bei einer Auswertung von Melderegistern deutlich unterschätzt wird (Dittrich-Wesbuer/Kramer 2014: 46 ff.; s. Dittrich-Wesbuer/Sturm zu Amtliche Daten in diesem Band). Die Einführung einer Zweitwohnsitzsteuer hat ihr Übriges zu einem Rückgang der Meldung bei einem Wohnsitzwechsel beigetragen1 (s. Sturm/Dittrich-Wesbuer zu Steuern und Abgaben in diesem Band). 2 Erhebungsdesign der Studie am KIT Um die Meldepraxis und die tatsächlich realisierte Multilokalität genauer zu erfassen, wurden im Winter 2009/2010 für eine Online-Befragung mit einem standardisierten Fragebogen alle knapp 20.000 Studierenden2 des Karlsruher Instituts für Technologie 1 In Karlsruhe bestand sie zum Erhebungszeitpunkt der hier verwendeten Studie nicht. 2 Es wurden auch die rund 13.000 Beschäftigten des KIT per E-Mail angeschrieben. Der Rücklauf unter den Beschäftigten betrug 9% (1.116 Personen). Ergebnisse dieser Befragung finden sich in Kramer (2015).
280 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen (KIT)3 angeschrieben; die Rücklaufquote betrug 8 % (1.615 Personen). In dieser Befragung wurde unter anderem nach weiteren Wohnungen, Dauer des Aufenthalts am Studienort und anderen Orten, nach Orten des sozialen Lebens, des sozialen und politischen Engagements und ähnlichen Aspekten gefragt, die das multilokale Leben ausmachen. Zudem wurden Strukturdaten der Stadt Karlsruhe ausgewertet, die mit den Daten der Befragung verglichen werden konnten. Bevor ausgewählte Ergebnisse dieser Befragung vorgestellt werden, wird kurz auf einige Spezifika des KIT eingegangen. Am KIT dominieren aufgrund seiner Wurzeln als technische Hochschule ingenieurwissenschaftliche Studiengänge: Rund 60 % der Studierenden sind in den Ingenieurwissenschaften immatrikuliert. Außerdem haben 84 % der Studierenden des KIT in Baden-Württemberg ihre Hochschulreife erworben. Die wechselseitig genutzten Wohnsitze multilokal lebender Studierender am KIT liegen deshalb überdurchschnittlich oft innerhalb des Landes Baden-Württemberg. 3 Umfang und Art des multilokalen Lebens der KIT-Studierenden Die befragten Studierenden, die zu ihrem Wohnsitz eine Angabe gemacht haben (1.594 Personen), sind zum damaligen Zeitpunkt zu 72 % (1.132 Personen) mit ihrem Erstwohnsitz, zu 23 % (363 Personen) mit ihrem Zweitwohnsitz und zu 6 % (88 Personen) gar nicht in Karlsruhe oder Umgebung gemeldet. Im folgenden Abschnitt zur Wohnsituation werden all diejenigen, die in der Befragung einen Zweitwohnsitz angegeben haben, als „de jure Multilokale“4 bezeichnet (d. h. die o. g. 363 Personen). Die größte Gruppe dieser Studierenden (rund ein Drittel) verfügte über einen weiteren Wohnsitz in einem Umkreis von weniger als 50 km, sodass diese relativ häufig in der Lage waren, ohne eine zusätzliche Übernachtung zwischen den beiden Standorten zu wechseln. 4 „De jure“ und „de facto Multilokale“ in Karlsruhe Mit ihrem Karlsruher Wohnsitz konzentrierten sich die „de jure multilokalen“ Studierenden vor allem in den Stadtteilen Oststadt und Innenstadt-Ost (34 % dieser Gruppe wohnten dort) und in der Südstadt (13 %), wobei die Oststadt direkt an den universitären Campus des KIT angrenzt und die Südstadt sich als Ausgehund „Multikulti-Viertel“ durch eher niedrige Mieten auszeichnet. Diese Konzentration auf bestimmte Viertel gilt in stärkerem Maße für „de jure multilokale“ Studierende als für Studierende, die mit ihrem Erstwohnsitz in Karlsruhe gemeldet sind. Weiterführende Auswertungen des Melderegisters bestätigen die Attraktivität dieses Umfelds mit spezifischen gas3 KIT: bestehend aus der Universität Karlsruhe (TH) und dem Forschungszentrum Karlsruhe (Helmholtz-Gemeinschaft). 4 Im Fragebogen wurde zuerst danach gefragt, ob der Wohnsitz während der Vorlesungsmonate der Erstoder Zweitwohnsitz sei. Falls „Zweitwohnsitz“ angekreuzt wurde, wurde nach dem Ort des Erstwohnsitzes gefragt. Umgekehrt wurden diejenigen, die „Erstwohnsitz“ angegeben haben, nicht danach gefragt, ob sie über andere Zweitwohnsitze verfügen. Insofern ist die Bezeichnung „de jure“ im ganz strengen Sinn nicht präzise, wurde dennoch aus Gründen der Anschaulichkeit für diesen Beitrag gewählt.
281Multilokales leben von studierenden in karlsruhe tronomischen Angeboten und Freizeitmöglichkeiten für Zweitwohnsitzer in Karlsruhe, die hier im Vergleich zu anderen Stadtteilen insgesamt wesentlich stärker vertreten sind. Es kann hier durchaus von Effekten gesprochen werden, die einer „studentification“ im Sinne eines „town and gown“ entsprechen (Smith 2005). Da in der Befragung unter anderem der hauptsächliche Aufenthaltsort der Studierenden während der vorlesungsfreien Zeit erhoben wurde, können den o. g. „de jure Multilokalen“ all diejenigen Studierenden gegenübergestellt werden, die in der vorlesungsfreien Zeit hauptsächlich an einem anderen Ort als in der Semesterwohnung wohnen. Sie praktizieren tatsächlich ein multilokales Leben und werden im Folgenden „de facto Multilokale“ genannt. Es handelt sich dabei um 508 Personen. Während der vorlesungsfreien Zeit hauptsächlich in der Semesterwohnung wohnend (Zeilenprozente) Während der vorlesungsfreien Zeit hauptsächlich nicht in der Semesterwohnung wohnend (Zeilenprozente) = „de facto Multilokale“ Anteile der jeweiligen Studierenden an allen Studierenden Erstwohnsitz am Studienort/ Umgebung 865 (76 %) 267 (24 %) 1132 (72 %) Zweitwohnsitz am Studienort/ Umgebung = „de jure Multilokale“ 168 (46 %) 195 (54 %) 363 (23 %) Nicht gemeldet am Studienort/ Umgebung 42 (48 %) 46 (52 %) 88 (6 %) Anteile der Studierenden, danach, ob sie in der vorlesungsfreien Zeit hauptsächlich in der Semesterwohnung wohnen oder nicht an allen Studierenden 1075 (67 %) 508 (32 %) 1.583 Tab. 1: Multilokal lebende Studierende am KIT: „de jure“ und „de facto Multilokalität“ / Quelle: eigene Erhebung 2009/2010 So haben 23 % der Studierenden einen Zweitwohnsitz angemeldet und sind damit „de jure Multilokale“. Die Befragung zeigt aber, dass de facto deutlich mehr Menschen multilokal leben, konkret sind dies 32 %. Dabei geht es nicht nur um die Unterschätzung der Gesamtzahl an multilokal Lebenden. Vielmehr zeigt Tabelle 1, dass für einen
282 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen erheblichen Teil der Menschen – unabhängig davon, ob es sich um gemeldete Erstwohnsitzer oder Zweitwohnsitzer handelt – ihre Lebensrealität nicht ihrem Meldestatus entspricht. 5 Wo und wie gestalten Studierende ihr multilokales Wohnen? Von den 501 Personen, die detaillierte Angaben zu ihrem Aufenthaltsort in der vorlesungsfreien Zeit machten, wohnten 78 % in dieser Zeit bei ihren Eltern5 und 15 % bei ihrem Partner oder ihrer Partnerin. Unterscheidet man diese nach Semesterzahl, so nimmt der Anteil der Studierenden, die die vorlesungsfreie Zeit bei den Eltern verbringen, von 43 % bei den Erstund Zweitsemestern stetig bis auf unter 20 % bei Studierenden im siebten oder höheren Semester ab, so dass hier ein Übergang von der multilokalen zur monolokalen Lebensform im Laufe des Studiums zu beobachten ist.6 Am häufigsten verlassen demnach in der vorlesungsfreien Zeit diejenigen den Studienort, die in einer Wohnung alleine und im Studentenwohnheim oder zur Untermiete wohnen. Dagegen verlassen am seltensten die Studierenden ihren Studienort, die mit ihrem Partner bzw. ihrer Partnerin zusammenwohnen. Sie sind dem typischen biographischen Verlauf entsprechend bereits in die nächste Phase des jungen Paarhaushalts eingetreten. Interessant ist, dass die präferierten Stadtteile der „de jure Multilokalen“, die ja gleichzeitig auch bevorzugte Stadtteile der anderen Studierenden darstellen (d. h. Innenstadt-Ost/Oststadt und Südstadt), eher seltener von „de facto Multilokalen“ bewohnt sind und diese damit in der vorlesungsfreien Zeit vermutlich nur recht wenig verwaisen. Dies könnte mit der großen Attraktivität dieser „studentifizierten“ Stadtteile zusammenhängen, die die Studierenden auch außerhalb der Vorlesungszeit an sich binden. 6 Gestaltung des multilokalen Lebens während des Semesters Die Unterscheidung in „de jure“ und „de facto Multilokale“ konnte bereits einen wesentlichen Aspekt der Gestaltung des multilokalen Lebens abbilden, nämlich den für Hochschulen typischen saisonalen Wechsel zwischen Vorlesungszeit und vorlesungsfreier Zeit. Neben diesem Semesterrhythmus, der längere Abwesenheiten vom Studienort erlaubt, können jedoch auch zusätzliche Aufenthalte an anderen Orten erfolgen. Mit der Frage „Wie häufig besuchen Sie während des Semesters Ihre Eltern, Freunde, Partner oder Verwandte und wie lange ist die Dauer dieses Aufenthalts?“ konnte dies genauer betrachtet werden (Abb. 1). 5 Diejenigen, die ohnehin bei ihren Eltern wohnten, wurden hier nicht eingerechnet. 6 Es handelt sich hier jedoch nicht um eine Längsschnittuntersuchung, sondern um eine Querschnittserhebung, bei der Studierende unterschiedlichen Semesters befragt wurden.
283Multilokales leben von studierenden in karlsruhe Abb. 1a: ...in der Vorlesungszeit 4 14 33 24 15 9 3 8 32 33 16 8 4 9 24 31 22 9 0 5 10 15 20 25 30 35 nie seltener mind. 1mal im 1/4 Jahr mind. 1mal pro Monat mind. 1mal in 14 Tagen mind. 1mal pro Woche Anteile Sem. 1-4 Anteile Sem. 5-8 Anteile Sem. 9 u.m. Abb. 1b: ...in der vorlesungsfreien Zeit 1 15 28 23 16 17 2 9 22 30 13 24 1 8 18 20 18 35 0 5 10 15 20 25 30 35 40 nie seltener mind. 1mal im 1/4 Jahr mind. 1mal pro Monat mind. 1mal in 14 Tagen mind. 1mal pro Woche Anteile Sem. 1-4 Anteile Sem. 5-8 Anteile Sem. 9 u.m. Abb. 1: Anteile der KIT-Studierenden, die ihre Eltern besuchen, in % nach Häufigkeit und nach Semesterzahl (ohne diejenigen, die ohnehin im elterlichen Haushalt leben) / Quelle: eigene Erhebung 2009/2010
284 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen Es kann davon ausgegangen werden, dass Studierende bei den Eltern noch über eine Wohngelegenheit verfügen, deren Nutzung bei regelmäßigen Aufenthalten von mehr als einem Tag als Ausübung einer multilokalen Lebenspraxis verstanden werden kann. Diese Besuche schließen die Kontakte mit dem Freundeskreis und den Bekannten, Vereinskameraden u. Ä. mit ein und stellen die am häufigsten ausgeübte multilokale Praxis von Studierenden dar. Über eine Analyse der Häufigkeit und der Dauer dieser Besuche lässt sich die Rhythmizität dieser Praxis gut erfassen. Neben den bereits erwähnten langfristigen Aufenthalten der „de facto Multilokalen“ an anderen Orten als dem Studienort in der vorlesungsfreien Zeit nehmen viele Studierende auch Wochenenden oder andere Zeitfenster wahr, um die Eltern bzw. den Heimatort zu besuchen. 7 Veränderung der multilokalen Lebenspraxis im Laufe des Studiums Bei den Erstbis Viertsemestern lag dieser Anteil der Studierenden, die während des Semesters mindestens einmal in 14 Tagen die Eltern besuchen, noch bei 31 %, bei den Fünftbis Achtsemestern sank er auf 24 % und stagnierte bei den noch höheren Semestern bei 26 %. Dagegen nahmen die monatlichen und vierteljährlichen Besuche von den jüngeren zu den höheren Semestern von 55 % auf 65 % zu, sanken bei den Hochsemestrigen, aber nur, um in den Kategorien noch seltener/nie höhere Werte zu erreichen (Abb. 1a). Noch deutlicher sind die Veränderungen der multilokalen Lebenspraxis in der vorlesungsfreien Zeit (Abb. 1b): Jüngere Semester besuchen ihre Eltern noch zu 53 % mindestens einmal alle 14 Tage, wohingegen dies nur auf 37 % der höheren Semester und auf 33 % der Hochsemestrigen zutrifft. Umgekehrt steigen die monatlichen bzw. vierteljährlichen Besuche von 38 % bei den Jüngeren auf 52 % bei den Älteren und 51 % bei den hohen Semestern. Besonders deutlich wird dies bei der Betrachtung des Maximums: Es liegt bei jungen Semestern in der Kategorie „mindestens einmal pro Woche“, im höheren Semester bei „mindestens einmal pro Monat“ und bei den Hochsemestrigen bei „mindestens einmal pro Vierteljahr“. Die multilokale Lebensweise der Studierenden erfährt ganz offensichtlich im Laufe des Studiums einen kontinuierlichen Wandel hin zu einer mehr und mehr auf den Studienort ausgerichteten monolokalen Lebensform. 8 Übertragbarkeit der Erkenntnisse über universitäre Multilokalität von KIT-Studierenden auf andere Hochschulstandorte Die Analyse der Befragung am KIT hat erneut gezeigt, wie wichtig es ist, das so schwer zu fassende Phänomen der Multilokalität nicht nur mit Daten der Melderegister zu erfassen (vgl. Dittrich-Wesbuer/Kramer/Duchêne-Lacroix et al. 2015), sondern über diese „de jure Multilokalität“ hinaus auch Wege zu finden, die „de facto Multilokalität“ zu erheben. Für Studierende eignet sich ganz besonders die Frage nach anderen Wohnstandorten als den der Semesterwohnung sowohl in der vorlesungsfreien Zeit als auch in der Vorlesungszeit. In Kombination mit der Häufigkeit der mehrtägigen Besuche bei Eltern oder anderen Personen7 lassen sich nicht nur typische Aktivitäts7 Auf diese Aufenthalte konnte in diesem Beitrag aus Platzgründen nicht eingegangen werden.