Warum werden Berufe nicht gewählt? Die Relevanz von Attraktions- und Aversionsfaktoren in der Berufsfindung
Abstract
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Full text
Matthes, Stefanie Book — Published Version Warum werden Berufe nicht gewählt? Die Relevanz von Attraktionsund Aversionsfaktoren in der Berufsfindung Berichte zur beruflichen Bildung Provided in Cooperation with: Verlag Barbara Budrich Suggested Citation: Matthes, Stefanie (2019) : Warum werden Berufe nicht gewählt? Die Relevanz von Attraktionsund Aversionsfaktoren in der Berufsfindung, Berichte zur beruflichen Bildung, ISBN 978-3-96208-104-1, Verlag Barbara Budrich, Leverkusen, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0035-0777-0 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/206793 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/deed.de
Warum werden Berufe nicht gewählt? Die Relevanz von Attraktionsund Aversionsfaktoren in der Berufsfi ndung Stephanie Matthes 9783847 423072 ISBN 978-3-8474-2307-2 BERICHTE ZUR BERUFLICHEN BILDUNG Warum leiden manche Berufe unter Nachwuchsproblemen und andere nicht? Vor dem Hintergrund wachsender Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt und zunehmender Fachkräfteengpässe in bestimmten Berufen stellt sich diese Frage mit wachsender Dringlichkeit. Bisherige Berufswahltheorien können diese Frage allerdings nicht abschließend beantworten. Aufbauend auf der Vermutung, dass die „Nicht-Wahl“ von Berufen anderen Logiken folgt als die Wahl von Berufen, stellt die Autorin in ihrer Dissertation ein theoretisches Modell vor, das Attraktionsund Aversionsfaktoren in der Berufsfi ndung unterscheidet. Basierend auf Auswertungen einer Schülerbefragung wird am Beispiel der Pfl egeberufe aufgezeigt, dass Aversionsfaktoren von zentraler Bedeutung in der Erklärung der „Nicht-Wahl“ von Berufen sind. Warum werden Berufe nicht gewählt? Bundesinstitut für Berufsbildung Robert-Schuman-Platz 3 53175 Bonn Telefon (02 28) 1 07-0 Internet: www.bibb.de E-Mail: [email protected]
B E R I C H T E Z U R B E R U F L I C H E N B I L D U N G Stephanie Matthes Warum werden Berufe nicht gewählt? Die Relevanz von Attraktionsund Aversionsfaktoren in der Berufsfindung
1. Auflage 2019 Herausgeber: Bundesinstitut für Berufsbildung Robert-Schuman-Platz 3 53175 Bonn Internet: www.bibb.de Publikationsmanagement: Stabsstelle „Publikationen und wissenschaftliche Informationsdienste“ E-Mail: [email protected] www.bibb.de/veroeffentlichungen Herstellung und Vertrieb: Verlag Barbara Budrich Stauffenbergstraße 7 51379 Leverkusen Internet: www.budrich.de E-Mail: [email protected] Lizenzierung: Der Inhalt dieses Werkes steht unter einer Creative-Commons-Lizenz (Lizenztyp: Namensnennung – Keine kommerzielle Nutzung – Keine Bearbeitung – 4.0 International). Weitere Informationen finden Sie im Internet auf unserer Creative-Commons-Infoseite www.bibb.de/cc-lizenz. ISBN 978-3-8474-2307-2 (Print) ISBN 978-3-96208-104-1 (Open Access) urn:nbn:de: Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Gedruckt auf PEFC-zertifiziertem Papier Zitiervorschlag: Matthes, Stephanie: Warum werden Berufe nicht gewählt? Die Relevanz von Attraktionsund Aversionsfaktoren in der Berufsfindung. Bonn 2019 Dissertation (Abgabe: 16.02.2018) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn. Die Disputation fand am 02.10.2018 statt. 0035-0777-0
3 ▶Inhaltsverzeichnis Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Abbildungsund Tabellenverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 Abstract . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 1. Einleitung: Ausgangslage und Fragestellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 2. Kontextualisierung und Präzisierung der Fragestellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 2.1 Verortung im Forschungsfeld. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 2.2 Klärung zentraler Begriffl ichkeiten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 2.2.1 Berufswahl und Berufsfi ndung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 2.2.2 Der Ausschluss von Berufen in der Berufsfi ndung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 2.2.3 Die Neigung zu einem Beruf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 2.3 Ausgangsüberlegung – Die Zwei-Faktoren-Theorie von Herzberg. . . . . . . . . . . . . . . . . 27 2.4 Modell zum Ausschluss von Berufen in der Berufsfi ndung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 3.1 Warum zeigen Jugendliche eine Neigung zu Berufen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 3.1.1 Berufsfi ndung als (Selbst-)Zuordnungsprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 3.1.2 Berufsfi ndung als (sozialer) Zuweisungsprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 3.1.3 Berufsfi ndung als Entwicklungsund Lernprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 3.1.4 Erstes Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 3.2 Warum werden Berufe in der Berufsfi ndung ausgeschlossen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
Inhaltsverzeichnis 4 3.2.1 Die Eingrenzungsund Kompromisstheorie von Gottfredson . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 3.2.2 Anerkennungsbedürfnisse und Impression-Management durch Berufswahl. . . . . . . . . 72 3.2.3 Der Ausschluss geschlechtsuntypischer Berufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 3.3 Zusammenfassung und zweites Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 4. Das Beispiel der Pfl egeberufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 4.1 Charakteristika der Pfl egeberufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 4.2 Warum der Pfl egesektor ein geeignetes Beispiel ist . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 4.2.1 Bemühungen um Attraktivitätssteigerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 4.2.2 Geschlechtliche Segregation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 4.2.3 Fachkräft eengpässe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 4.3 Forschungsstand zur (Nicht-)Wahl von Pfl egeberufen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 4.3.1 Die Relevanz der Tätigkeitspassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 4.3.2 Die Relevanz der sozialen Passung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 4.3.3 Die Relevanz der Rahmenbedingungspassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 4.3.4 Die Relevanz der Realisierbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 4.3.5 Die Relevanz der Urteilssicherheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 5. Design der empirischen Untersuchung und Hypothesen. . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 5.1 Zielgruppe der Befragung und Stichprobenziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 5.2 Erhebungsinstrument und Operationalisierungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 5.2.1 Die abhängige Variable: Neigung, in einem Pfl egeberuf zu arbeiten . . . . . . . . . . . . . . . 111 5.2.2 Tätigkeitspassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 5.2.3 (Mangelnde) Rahmenbedingungspassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 5.2.4 (Mangelnde) Soziale Passung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 5.2.5 (Mangelnde) Realisierbarkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 5.2.6 (Mangelnde) Urteilssicherheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 5.2.7 Zusammenfassung: Operationalisierungen der Aversionsfaktoren. . . . . . . . . . . . . . . . . 121 5.2.8 Kontrollvariablen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 5.3 Datenerhebung und Datenaufb ereitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 5.4 Hypothesen für den empirischen Teil der Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
Inhaltsverzeichnis 5 6. Ergebnisse der empirischen Untersuchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 6.1 Beschreibung der Stichprobe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 6.2 Deskriptive Befunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 6.2.1 Ausprägung der abhängigen Variable (Neigung zu Pfl egeberufen) . . . . . . . . . . . . . . . . 128 6.2.2 Ausprägung der unabhängigen Variablen (Attraktionsund Aversionsfaktoren) . . . . . . . 130 6.3 Zusammenhänge zwischen den zentralen Variablen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139 6.3.1 Zusammenhang zwischen der Neigung und der Tätigkeitspassung . . . . . . . . . . . . . . . . 139 6.3.2 Zusammenhang zwischen der Neigung und den Aversionsfaktoren . . . . . . . . . . . . . . . 142 6.3.3 Erste Befunde zum Zusammenwirken von Attraktionsund Aversionsfaktoren . . . . . . . 149 6.4 Multivariate Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 6.4.1 Modelle zur Prüfung von Interaktionseff ekten zwischen Attraktionsfaktor und einzelnen Aversionsfaktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 6.4.2 Gesamtmodell zur Prüfung von Interaktionseff ekten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 6.5 Zusammenfassung der empirischen Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 7. Diskussion und Schlussfolgerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162 7.1 Refl exion zur theoretischen Abgrenzung von Attraktionsund Aversionsfaktoren . . . . . . 164 7.2 Refl exion zur Operationalisierung von Attraktionsund Aversionsfaktoren. . . . . . . . . . . 165 7.3 Schlussfolgerungen und praktische Konsequenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 8. Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 Anhang I: Fragebogen der Schülerbefragung (Version I: Altenpfl eger/-in). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 Anhang II: Elternbrief zur Schülerbefragung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 Anhang III: Ergänzende Tabellen und Abbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210
7 ▶Vorwort Der Stärkung der Attraktivität von beruflicher Bildung allgemein und auch im Besonderen gegenüber anderen Bildungsangeboten wie der hochschulischen Bildung kommt eine hohe politische Bedeutung zu. Dies lässt sich u. a. an den Schwerpunkten des Koalitionsvertrages der Bundesregierung vom März 2018 ablesen. Der bereits deutlich spürbare und sich verschärfende Mangel an beruflich qualifizierten Facharbeitskräften ist die wichtigste Begründung des Desiderats der Stärkung der beruflichen Bildung. Dieser Mangel ist differenziert zu sehen, betrifft er doch verschiedene wirtschaftliche Bereiche in deutlich unterschiedlichem Ausmaß. Unter dem Stichwort der wachsenden Passungsprobleme wird der Umstand, dass eine steigende Zahl von unbesetzt bleibenden Ausbildungsplätzen einem bedeutenden Anteil von unversorgt bleibenden Ausbildungsinteressenten gegenübersteht, in jüngster Zeit verstärkt diskutiert. Vor diesem Hintergrund wird die Frage bedeutsam, warum sich Jugendliche für, aber vor allem auch gegen bestimmte Bildungswege und Berufe entscheiden und wie diese Entscheidungen ggf. beeinflusst werden können. Genau dies ist der Ausgangspunkt der vorliegenden Studie, die diese Fragen mittels eines empirischen Untersuchungsdesigns betrachtet. Dafür wird, basierend auf Konzepten aus dem Bereich der Berufswahltheorien, zunächst ein eigenes theoretisches Modell aufgestellt, das darauf abzielt, gerade die „Nicht-Wahl“ von bestimmten Berufen zu erklären. Die Perspektive der Nicht-Wahl ist in der Forschungslandschaft bisher wenig ausgeprägt, aber angesichts der Tatsache, dass eine große Zahl von Ausbildungsangeboten ungenutzt bleibt, aktuell von hoher Bedeutung; hier leistet die Studie wichtige konzeptionelle Pionierarbeit. Ein bedeutender Beitrag der Untersuchung ist in diesem Zusammenhang die Identifikation und Konzeptionalisierung von „Aversionsfaktoren“, also Gegebenheiten, die der Wahl eines bestimmten Berufs entgegensprechen. Mit diesen Faktoren kann die Nicht-Wahl von Berufen begründet und greifbar gemacht werden. Ein wichtiger Beitrag der Studie liegt in der Reflexion und empirischen Untersuchung, wie solche Aversionsfaktoren mit Gegebenheiten, die bestimmte Berufe eigentlich attraktiv machen, interagieren. Dies hat wichtige Implikationen für die praktische Arbeit in der Berufsbildung, z. B. in der Berufsberatung und der schulischen Berufsorientierung, in denen diese Interaktionen aufgegriffen werden sollten. Die vorliegende Arbeit stellt ein gutes Beispiel dafür dar, wie ein Dissertationsprojekt erfolgreich in einen breiteren Forschungskontext eingebunden werden kann. So ist die Untersuchung von Stephanie Matthes ein wichtiger Baustein im Gefüge der Forschung des
14 ▶Abkürzungsverzeichnis Offizielle Abkürzungen AIST-R Allgemeiner Interessen-Struktur-Test (Revision) AltPflG Gesetz über die Berufe in der Altenpflege (Altenpflegegesetz) BA Bundesagentur für Arbeit BAuA Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin BBiG Berufsbildungsgesetz BIBB Bundesinstitut für Berufsbildung BMAS Bundesministerium für Arbeit und Soziales BMBF Bundesministerium für Bildung und Forschung BMFSFJ Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend BMG Bundesministerium für Gesundheit BOP Berufsorientierungsprogramm DBVA Deutscher Berufsverband für Altenpflege DGGPP Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie e. V. DIHK Deutscher Industrieund Handelskammertag EF Einführungsphase (Jahrgangsstufe zehn an Gymnasien) HwO Handwerksordnung IAB Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung ICA-D Deutschsprachige Version des „Inventory of Children’s Activities“ KMK Kultusministerkonferenz KrPflG Gesetz über die Berufe in der Krankenpflege (Krankenpflegegesetz) LIfBi Leibniz-Institut für Bildungsverläufe e. V. MINT Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik NEPS National Education Panel Study (Nationale Bildungspanelstudie) NRW Nordrhein-Westfalen PflBRefG Gesetz zur Reform der Pflegeberufe (Pflegeberufereformgesetz) WSI Wirtschaftsund Sozialwissenschaftliches Institut der Hans-Böckler-Stiftung WZB Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
15 Abkürzungsverzeichnis Eigene Abkürzungen im empirischen Teil der Arbeit BK Berufskonzept BSK Berufliches Selbstkonzept IA Interaktion Jgst. Jahrgangsstufe
16 ▶Abstract Die demografische Entwicklung wird in Deutschland voraussichtlich bereits in naher Zukunft zu Fachkräfteengpässen im mittleren Qualifikationsbereich führen. Bereits jetzt bleiben viele Ausbildungsplätze unbesetzt – während gleichzeitig viele junge Menschen keinen Ausbildungsplatz finden. Die in den vergangenen Jahren stark intensivierten Berufsorientierungsmaßnahmen scheinen bislang wenig erfolgreich darin zu sein, das Berufswahlspektrum junger Menschen zu erweitern. Bestimmte Berufe, insbesondere stark geschlechtlich segregierte Berufe z. B. im Handwerk oder in der Pflege, werden von vielen Jugendlichen in der Berufsfindung als mögliche Berufswahloptionen ausgeschlossen. Vor dem Hintergrund dieser Situation beschäftigt sich die vorliegende Dissertation mit der Frage, warum Jugendliche bestimmte Berufe im Prozess der Berufsfindung ausschließen, d. h., warum sie sich nicht vorstellen können, in bestimmten Berufen zu arbeiten. Aufbauend auf der Vermutung, dass der Ausschluss von Berufen anderen Logiken folgt als die Herausbildung einer Neigung zu Berufen, wird im Rahmen der Arbeit ein theoretisches Modell vorgestellt, welches Attraktionsund Aversionsfaktoren in der Berufsfindung unterscheidet. Die zentrale Annahme des Modells ist, dass Berufe als mögliche Berufswahloption ausgeschlossen werden, wenn Aversionsfaktoren vorhanden sind, und zwar auch dann, wenn gleichzeitig Attraktionsfaktoren vorhanden sind. Die Annahme wird im Rahmen einer quantitativ-empirischen Studie mithilfe von Interaktionseffekten in multivariaten Regressionsmodellen untersucht. Grundlage der Analysen ist eine schriftliche Befragung von Schülern1 der Jahrgangsstufen neun und zehn (N = 1.472), die Anfang 2015 an verschiedenen Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien in Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurde. Die Ergebnisse zeigen, dass die untersuchten Aversionsfaktoren nicht nur eigenständige negative Effekte auf die Neigung zu Berufen haben, sondern auch den positiven Effekt von Attraktionsfaktoren abschwächen. Es erscheint deshalb wichtig, dass Berufsorientierungsmaßnahmen nicht nur jene Faktoren berücksichtigen, die Berufe attraktiv machen, sondern auch Reflexionsprozesse über die Bedeutung von Aversionsfaktoren anstoßen. 1 Wenn nicht explizit anders kenntlich gemacht, werden aus Gründen der Lesbarkeit im gesamten Text bei allen Personenbezeichnungen generische Maskulina verwendet.
17 ▶ 1. Einleitung: Ausgangslage und Fragestellung Der demografische Wandel gilt in Deutschland als eine der zentralen gesellschaftspolitischen Herausforderungen unserer Zeit. Wenngleich aufgrund der hohen Zahl von Neuzugewanderten und der gestiegenen Geburtenziffer davon auszugehen ist, dass die Bevölkerungszahl bis 2035 wieder leicht ansteigen wird, so schreitet die Alterung der Gesellschaft in Deutschland weiter fort (vgl. Bundesministerium des Innern, 2017; Statistisches Bundesamt, 2016b; Deschermeyer, 2017). Besonders deutlich sichtbar werden die Auswirkungen dieses Alterungsprozesses aktuell auf den Arbeitsund Ausbildungsmärkten. Denn mit der Verrentung der geburtenstarken Jahrgänge der 1950er/1960er, der sogenannten „Babyboomer“, hat in den letzten Jahren ein Trend begonnen, der zumindest kurzfristig nicht zu stoppen ist: Während auf der einen Seite immer mehr Personen aus dem Berufsleben ausscheiden, rücken auf der anderen Seite immer weniger Berufseinsteiger nach. Waren 2013 noch 49,2 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 64 Jahren und somit Teil der Bevölkerung im Erwerbsalter, werden es im Jahr 2060 auch bei erhöhter Zuwanderung voraussichtlich nur noch etwa 38 Millionen sein (vgl.Statistisches Bundesamt, 2015, S. 6). Auch durch die in jüngster Zeit stark gestiegene Fluchtmigration ist der Trend zur zunehmenden Alterung der Bevölkerung nicht umkehrbar (vgl.Statistisches Bundesamt, 2016a). Projektionen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und des Instituts für Arbeitsmarktund Berufsforschung (IAB) zeigen, dass trotz der gestiegenen Zuwanderung von Geflüchteten schon in absehbarer Zeit mit Fachkräfteengpässen insbesondere auf der mittleren Qualifikationsebene zu rechnen ist: Während im hoch qualifizierten Bereich (tertiäre Bildung) das Arbeitskräfteangebot langfristig stärker als die Nachfrage zunehmen wird, ist davon auszugehen, dass bis zum Jahr 2035 rund drei Millionen Personen weniger einen vollqualifizierenden Berufsabschluss erzielen werden (rund 9,2 Millionen) als Personen mit dieser Qualifikation aus dem Erwerbsleben ausscheiden (rund 12,1 Millionen) (vgl. Maier et al., 2016).2 Konkret spürbar sind diese Entwicklungen bereits heute im Bereich der Berufsausbildung nach Berufsbildungsgesetz (BBiG)/Handwerksordnung (HwO). Denn dem zunehmenden Bedarf an qualifizierten Fachkräften auf der mittleren Qualifikationsebene steht seit 2 Als vollqualifizierende Berufsabschlüsse werden hierbei Abschlüsse einer Berufsausbildung nach Berufsbildungsgesetz (BBiG) oder Handwerksordnung (HwO) oder einer schulischen Berufsausbildung außerhalb BBiG/HwO verstanden.
1. Einleitung: Ausgangslage und Fragestellung 18 Jahren eine rückläufige Entwicklung bei der Zahl der Auszubildenden gegenüber. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken und erreichte im Jahr 2016 mit 520.300 Verträgen einen historischen Tiefpunkt (zum Vergleich: 2007 lag die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge bundesweit noch bei 625.900). Wenngleich 2017 wieder ein leichter Zuwachs an neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen festzustellen war, ist die Lage auf dem Ausbildungsmarkt insgesamt problematisch (vgl. Matthes et al., 2017). Der demografisch bedingte Rückgang der Schulabgängerzahlen und strukturelle Verschiebungen in den Schulabschlüssen zugunsten des Abiturs (vgl. Statistisches Bundesamt, 2017) haben in den vergangenen Jahren zu steigenden Besetzungsproblemen auf dem Ausbildungsmarkt geführt. Gleichzeitig blieb in den vergangenen Jahren aber immer ein relativ großer Anteil an Ausbildungsstellennachfragern3 bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle erfolglos (vgl. Matthes et al., 2017). Trotz der demografiebedingt gesunkenen Zahl ausbildungsinteressierter Jugendlicher wäre somit immer noch Potenzial zur Lösung von Besetzungsproblemen vorhanden. Doch passen Angebot und Nachfrage immer weniger zueinander. „Passungsprobleme“ auf dem Ausbildungsmarkt gelten deshalb seit einigen Jahren als zentrale bildungspolitische Herausforderung (vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2017; Matthes & Ulrich, 2014; Matthes et al., 2014). Worin liegen ihre Ursachen? Wenngleich insbesondere von der Wirtschaft häufig auf qualifikatorische Defizite auf Seiten der Jugendlichen verwiesen wird, kann dies keine hinreichende Erklärung sein. Denn unter den Ausbildungsinteressierten befindet sich ein immer größer werdender Anteil an Studienberechtigten – 2015 gab es erstmals sogar mehr Ausbildungsinteressierte mit Studienberechtigung als mit Hauptschulabschluss (vgl. Lohmüller, Kroll & Ulrich, 2016). Eine wesentliche Ursache der Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt zeigt sich in beruflichen Disparitäten in Besetzungsund Versorgungsproblemen: Während es für Berufe im kaufmännischen Bereich und im Mediensektor viel mehr Bewerber als Ausbildungsplatzangebote gibt und somit viele Jugendliche bei ihrer Ausbildungsplatzsuche erfolglos bleiben (Versorgungsprobleme), konzentrieren sich die Besetzungsprobleme vor allem auf Berufe im Lebensmittelhandwerk, in der Gastronomie oder dem Reinigungsgewerbe (vgl. Matthes et al., 2017).4 Dass Angebot und Nachfrage immer weniger zueinander finden, liegt somit zu einem großen Teil daran, dass sich die Ansprüche und Wünsche der Jugendlichen und das, was Betriebe an Ausbildungen anbieten, immer weniger decken. Bestimmte Berufe sind für 3 Die Nutzung der Begriffe „Angebot“ und „Nachfrage“ erfolgt hier und im Folgenden entsprechend der Terminologie in der Ausbildungsmarktanalyse, in der – anders als in der Arbeitsmarktanalyse – unter „Angebot“ das Ausbildungsplatzangebot der Betriebe und unter „Nachfrage“ die Ausbildungsplatznachfrage der Jugendlichen und jungen Erwachsenen verstanden wird. 4 Ein weiterer zentraler Aspekt für die Erklärung von Passungsproblemen, der für diese Arbeit jedoch nicht relevant ist, liegt in regionalen Disparitäten. Sie zeigen sich darin, dass in bestimmten Regionen, vor allem im Osten und Süden Deutschlands, die Besetzungsprobleme der Betriebe dominieren, während in anderen Regionen, etwa im Westen Deutschlands, die Versorgungsprobleme der Jugendlichen besonders akut sind (vgl. Matthes et al., 2017).
19 1. Einleitung: Ausgangslage und Fragestellung junge Menschen offenbar so wenig attraktiv, dass Jugendliche sie nicht einmal als Alternative in Betracht ziehen und so immer mehr Betriebe gar keine Bewerbungen für ihre ausgeschriebenen Ausbildungsstellen mehr erhalten (vgl. Deutscher Industrieund Handelskammertag, 2017). Viele junge Berufswähler ziehen es offenbar vor, gänzlich ohne Ausbildungsstelle zu bleiben bzw. ihre Suche auf das kommende Jahr zu verschieben, als eine Ausbildung in einem Beruf anzutreten, in dem es noch viele unbesetzte Stellen gibt, der ihnen aber unattraktiv erscheint. Selbst inhaltlich verwandte Berufe, in denen die Zugangschancen deutlich besser sind als im vermeintlich attraktiveren, aber auch stärker nachgefragten Beruf, werden hierbei oftmals ausgeschlossen (vgl. Schier & Ulrich, 2014; Granato et al., 2016). Um Passungsproblemen und langfristig auch Fachkräfteengpässen zu begegnen, hat sich die Bundesregierung zusammen mit den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft und den Gewerkschaften im Rahmen einer „Allianz für Ausund Weiterbildung“ das Ziel gesetzt, „gemeinsam die Lage auf dem Ausbildungsmarkt (zu) verbessern“ und junge Menschen verstärkt für die berufliche Bildung zu gewinnen (Allianz für Ausund Weiterbildung, 2014, S. 3). In diesem Kontext ist auch das bundesweite Berufsorientierungsprogramm (BOP) zu sehen, welches dazu beitragen soll, jungen Menschen durch Potenzialanalysen und Werkstatttage einen möglichst reibungslosen Übergang von der Schule in den Beruf bzw. eine Berufsausbildung zu ermöglichen. Eine konkrete Zielsetzung des BOP ist die Erweiterung des Berufswahlspektrums junger Menschen (vgl. Ratschinski et al., 2017). Das Programm ist nur ein Beispiel für die vielfältigen Angebote, die in jüngster Zeit zur Verbesserung der Berufsorientierung junger Menschen initiiert wurden. Das Ziel einer Abmilderung zukünftiger Fachkräfteengpässe hat in den vergangenen Jahren ebenso zu einer deutlichen Intensivierung von Imagekampagnen von Berufsbereichen mit Besetzungsproblemen geführt (vgl. z. B. Zentralverband des Deutschen Handwerks, o. J.; Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, 2012). Ähnlich intensiv versucht man bereits seit langem, „typische Männerberufe“ und „typische Frauenberufe“ für das jeweils andere Geschlecht attraktiv zu machen. Die wohl bekannteste Maßnahme, der Girls’ Day bzw. Boys’ Day, zielt darauf ab, Mädchen über männlich dominierte Berufe im Bereich Informatik, Handwerk, Naturwissenschaften und Technik zu informieren und Jungen an weiblich dominierte Berufe im sozialen, erzieherischen und pflegerischen Bereich heranzuführen (vgl. Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, o. J.). Die Ziele und Vorgehensweisen dieser Maßnahmen weisen auffällige Ähnlichkeiten auf: Sowohl im Hinblick auf Berufe mit Besetzungsproblemen als auch im Hinblick auf Berufe mit stark unausgeglichenen Geschlechtsverteilungen hat man sich zum Ziel gesetzt, mehr Jugendliche (bzw. mehr Frauen oder Männer) für den jeweiligen Beruf zu gewinnen. Der gemeinsame Nenner der verschiedenen Maßnahmen kann darin gesehen werden, Berufswähler besser zu informieren. Auf diese Weise, so die Hoffnung, können „falsche“ oftmals klischeebehaftete Berufsbilder, aufgebrochen und die positiven Aspekte von Berufen sichtbar gemacht werden. Obwohl aus der Berufsfindungsforschung bekannt ist, dass Kenntnisse
1. Einleitung: Ausgangslage und Fragestellung 20 und eine darauf aufbauende Passung zwischen beruflichem Selbstkonzept und Berufskonzept entscheidende Einflussfaktoren bei der Berufswahl sind, gibt es bislang kaum sichtbare Erfolge der Maßnahmen in Bezug auf die Weitung des Berufswahlspektrums (vgl. z. B. Ratschinski et al., 2017; Rahn & Hartkopf, 2016; Faulstich-Wieland, Lucht & Wallraf, 2016; Richter & Jahn, 2015). Bestimmte Berufe, insbesondere stark geschlechtlich segregierte Berufe, z. B. im Handwerk oder in der Pflege, haben – allen Berufsorientierungsmaßnahmen zum Trotz – große Schwierigkeiten, ausreichend Nachwuchs zu finden. Fragestellung und Aufbau der Arbeit Vor dem Hintergrund der oben skizzierten Ausgangslage fokussiert sich diese Arbeit auf eine Frage, die angesichts der beschriebenen Problematik für Vertreter aus Wirtschaft und Politik von immer größerer Bedeutung sein dürfte, die von der Wissenschaft aber bislang nicht umfassend beantwortet wurde: Warum werden bestimmte Berufe nicht gewählt? Das Interesse gilt hierbei der Perspektive der Jugendlichen und der Phase der Berufsfindung, die einer „Entscheidung“ für (und damit Einmündung in) einen bestimmten Beruf vorgelagert ist. Fokussiert wird zudem die Berufsfindung im Bereich der nichtakademischen Berufe. Die Arbeit ist damit im Bereich der Berufswahlforschung angesiedelt, einem Forschungsfeld, das in den vergangenen Jahrzehnten durch Beiträge aus verschiedenen Disziplinen (insbesondere der Psychologie, Soziologie sowie der Berufsund Wirtschaftspädagogik) stark gewachsen ist. Im Vergleich zu bisherigen Studien, in welchen zumeist die Analyse der offen geäußerten Berufswünsche und -aspirationen im Vordergrund stand, beschäftigt sich die vorliegende Arbeit explizit mit der „Nicht-Wahl“ von Berufen. Der Fokus richtet sich daher nicht auf den geäußerten Berufswunsch eines Individuums und die Frage, wie sich dieser erklären lässt, sondern auf die exemplarische Untersuchung eines konkreten Berufsfelds und die Frage, warum sich bestimmte Personen nicht vorstellen können, in diesem Bereich zu arbeiten. Der Grund für diese Fokussierung liegt in der Vermutung, dass die „Nicht-Wahl“ von Berufen anderen Logiken folgt als die Wahl von Berufen. Dies könnte erklären, warum die bisherigen Bemühungen zur Verbesserung der Berufsorientierung von Jugendlichen nicht zu der gewünschten Erweiterung des Berufswahlspektrums geführt haben und Jugendliche es scheinbar vorziehen, ohne Ausbildungsplatz zu bleiben, als eine Ausbildung in einem Beruf zu beginnen, in dem es noch viele unbesetzte Stellen gibt. Die Untersuchung der „Nicht-Wahl“ erfordert ein methodisches Vorgehen, bei dem Personen gezielt zu vorgegebenen Berufen und ihren Vorstellungen von diesen Berufen (Berufskonzepten) befragt werden – unabhängig davon, ob sie sich für die vorgegebenen Berufe interessieren oder nicht. Daher wurde für die Analysen dieser Arbeit eine eigene Datenerhebung an Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien in Nordrhein-Westfalen (NRW) durchgeführt. Schüler der neunten und zehnten Klassen wurden hierbei mithilfe von Fragebögen unter anderem zu ihrem Interesse an bestimmten Berufen, ihren Vorstellungen über
21 1. Einleitung: Ausgangslage und Fragestellung Tätigkeiten und Rahmenbedingungen in diesen Berufsfeldern und ihren eigenen beruflichen Wünschen befragt. Die Arbeit gliedert sich in sieben Kapitel. In Kapitel 2 soll dargestellt werden, wie sich diese Arbeit in das Forschungsfeld der Berufswahlforschung eingliedert und auf welchen theoretischen Grundannahmen die Überlegung beruht, dass die „Nicht-Wahl“ von Berufen anderen Logiken folgt als die Wahl von Berufen. Aufbauend hierauf wird ein theoretisches Modell zur „Nicht-Wahl“ bzw. zum Ausschluss von Berufen vorgestellt, das zwischen zwei Arten von Einflussfaktoren im Berufsfindungsprozess unterscheidet: Attraktionsund Aversionsfaktoren. In Kapitel 3 werden zentrale Theorien und Forschungsresultate der Berufswahlforschung auf die Frage hin beleuchtet, welche Einflussfaktoren im Berufsfindungsprozess wirksam sind und ob sie eher als Attraktionsoder als Aversionsfaktoren zu verstehen sind. Zur Vorbereitung auf den empirischen Teil der Arbeit wird in Kapitel 4 das Beispiel der Pflegeberufe thematisiert, für welches die theoretischen Annahmen im Rahmen dieser Arbeit überprüft werden. Das Design der empirischen Studien und die Hypothesen für die folgende Analyse werden in Kapitel 5 erläutert, bevor in Kapitel 6 die Ergebnisse der quantitativen Analysen dargestellt werden. Die abschließende Diskussion in Kapitel 7 beschäftigt sich zunächst mit den zentralen Herausforderungen und Grenzen der vorliegenden Arbeit und widmet sich im Anschluss den möglichen Konsequenzen, die sich aus den Untersuchungsergebnissen ergeben. Im Vordergrund steht hierbei die Frage, welche Schlussfolgerungen sich aus der Arbeit bezüglich der Gestaltung von Berufsorientierungsmaßnahmen ziehen lassen.
22 ▶2. Kontextualisierung und Präzisierung der Fragestellung Mit der Frage, welche Faktoren die „Nicht-Wahl“ von Berufen erklären, fällt diese Arbeit in das interdisziplinäre Feld der Berufswahlforschung. Wenngleich in den vergangenen Jahrzehnten eine „nahezu unüberschaubare Forschungsliteratur im Feld Berufswahl“ entstanden ist (Dimbath, 2003, S. 123), wurde die Frage nach der „Nicht-Wahl“ von Berufen bislang nicht explizit untersucht. Dies mag zunächst verwundern oder zumindest die Frage hervorrufen, ob eine solche explizite Beschäftigung mit der „Nicht-Wahl“ von Berufen überhaupt nötig sei. Denn die Frage „Warum werden bestimmte Berufe nicht gewählt?“ scheint auf den ersten Blick nichts anderes zu sein als eine Umkehrung der Frage „Warum werden bestimmte Berufe gewählt?“. Die Suche nach Gründen für die Nicht-Wahl von Berufen wäre in diesem Fall tatsächlich trivial: Wenn bekannt ist, welche Faktoren dazu beitragen, dass Jugendliche bestimmte Berufe wählen, fehlen diese Faktoren wohl im Hinblick auf andere Berufe. Die in der Einleitung dargestellte Passungsproblematik auf dem Ausbildungsmarkt und die Beobachtung, dass aktuelle Berufsorientierungsmaßnahmen (trotz ihrer Fundierung auf Erkenntnissen der Berufswahlforschung) die Nicht-Wahl von Berufen nicht verhindern können, deutet jedoch darauf hin, dass die Situation komplexer ist: Die „Nicht-Wahl“ von Berufen folgt womöglich anderen Logiken als die Wahl von Berufen. Um nachzuvollziehen, warum die Frage der „Nicht-Wahl“ von Berufen in der bisherigen Berufswahlforschung nicht explizit bearbeitet wurde, wird in Kapitel 2.1 kurz die Entwicklung des Forschungsfelds skizziert. Ausgehend hiervon wird erläutert, wie sich die vorliegende Arbeit in dem Forschungsfeld verortet. In Kapitel 2.2 werden zentrale Begrifflichkeiten, die für diese Arbeit relevant sind, definiert. Anschließend wird die theoretische Ausgangsüberlegung dieser Arbeit, die Zwei-Faktoren-Theorie von Herzberg, Mausner und Snyderman (1959), vorgestellt (vgl. Kapitel 2.3). Hierauf aufbauend wird in Kapitel 2.4 das eigene Modell zur Nicht-Wahl bzw. zum Ausschluss von Berufen in der Berufsfindung präsentiert und die Fragestellung der weiteren Arbeit präzisiert. 2.1 Verortung im Forschungsfeld Die Begründung der Berufswahlforschung wird dem amerikanischen Sozialreformer Frank Parsons zugeschrieben, der 1908 in Boston ein erstes “Bureau of Vocational Guidance” eröffnete und mit seinem Buch “Choosing a vocation” (1909) den Anstoß für Forschung zum Be-
23 2.1 Verortung im Forschungsfeld rufswahlverhalten und zu Berufsberatung junger Menschen gab (vgl. Ratschinski, 2009, S. 29). Bis in die 1950er-Jahre hinein blieben diese Veröffentlichungen jedoch „weitgehend atheoretisch“ (Seifert, 1977, S. 173). „Die meisten Arbeiten [...] sind aus einem überwiegend pragmatischen Interesse entstanden, wobei die möglicherweise die Berufswahl beeinflussenden Faktoren nach ihrer Plausibilität ausgewählt und empirisch überprüft worden sind“ (Kahl, 1981, S. 13). In den folgenden Jahren kam es insbesondere im nordamerikanischen Raum „geradezu zu einem Forschungsboom“ zum Thema Berufswahl (Nowak, 2002, S. 9). Der Fokus lag nun insbesondere auf der Entwicklung umfassender theoretischer Konzepte. Das Bewusstsein, dass „[j]ede einseitige Betrachtung interner (psychologischer) oder externer (ökonomischer, soziologischer) Determinanten […] an den Realitäten des Entscheidungsprozesses vorbei[geht]“ (Ernst, 1997, S. 37), führte in den vergangenen Jahrzehnten zu einigen Versuchen, die Theorien zusammenzubringen. „Eine Einheitstheorie (‚the Holy Grail of science‘)“ entstand dabei jedoch nicht (Ratschinski, 2009, S. 49). Was sich jedoch zunehmend durchsetzte, war ein Verständnis von Berufswahl als Prozess – eine Entwicklung, die sich auch darin manifestiert, dass viele Arbeiten den Begriff der „Berufswahl“ (career choice) aufgrund seiner alltagssprachlichen Konnotation als einmalige Entscheidung mieden und verstärkt die „berufliche Entwicklung“ (career development) zum Gegenstand ihrer Forschung machten (Bußhoff, 1984, S. 49). Diese Verschiebung in der Nutzung zentraler Begrifflichkeiten entsprach der sich zunehmend durchsetzenden Erkenntnis, dass bei der Betrachtung des Gesamtprozesses der Berufswahl nicht von einer Wahl im eigentlichen Sinne des Wortes die Rede sein kann, da bei der letztlichen Entscheidung für und dem Übergang in einen Beruf Fremdselektionsprozesse und auch Zufälle eine wichtige Rolle spielen (vgl.Krumboltz, 2009; Bright & Pryor, 2005). Auch im deutschsprachigen Raum beschäftigte sich die Berufswahlforschung lange Zeit mit dem gesamten Prozess der Berufswahl bzw. der beruflichen Entwicklung und war ebenfalls häufig von pragmatischen Interessen geleitet: „Berufswahluntersuchungen in Deutschland werden traditionell stärker von der Lage auf dem Arbeitsmarkt als von theoretischen Fragestellungen bestimmt. Immer wenn gesellschaftlicher Erklärungs-, Planungsund Handlungsbedarf entstand, wurden Untersuchungen angeregt und durchgeführt“ (Ratschinski, 2009, S. 20). So war es, zu Zeiten der Vollbeschäftigung ab Mitte der 1950er-Jahre bis zum Beginn der 1970er-Jahre, ein zentrales Anliegen der Berufswahlforschung, sich mit der Bildungsbereitschaft, -motivation und -fähigkeit von ungelernten Arbeitnehmern auseinanderzusetzen, um „Ausbildungsreserven zu mobilisieren, um für den Arbeitskräftebedarf der Zukunft gerüstet zu sein“ (Ratschinski, 2009, S. 20). Zu diesem Zeitpunkt stand die Berufswahlforschung in engem Zusammenhang mit der Benachteiligtenforschung. Als nach Ende der Phase der Vollbeschäftigung in den 1970erund 80er-Jahren zunehmend Ausbildungsstellen fehlten, gewann die Nähe zur Übergangsforschung an Bedeutung (vgl. Ratschinski, 2009; Dimbath, 2003, S. 125). Das Forschungsinteresse galt primär den Fragen, bei wem und warum Übergänge nicht erfolgreich verlaufen. In zahlreichen Studien wurde die Relevanz des Herkunftsmilieus sowie der Arbeitsmarktbedingungen auf die Berufswahl
2. Kontextualisierung und Präzisierung der Fragestellung 30 graphie, sondern in verschiedenen anderen Disziplinen genutzt, um Handlungsmotive zu analysieren. Unterschieden wird im Ausgangsmodell zwischen „Push-Faktoren“, die Menschen aus ihrem ursprünglichen Gebiet „wegstoßen“ (push = drücken, wegstoßen), und „Pull-Faktoren“, die einen Anreiz schaffen und Menschen in ein anderes Gebiet „anziehen“ (pull = ziehen). Herzbergs Zwei-Faktoren-Theorie geht jedoch im Vergleich zum Push-Pull-Modell einen entscheidenden Schritt weiter: Das Besondere und für diese Arbeit Zentrale an Herzbergs Theorie ist, dass sie nicht nur verdeutlicht, dass es zwei unterschiedliche Arten von Einflussfaktoren gibt, sondern auch Hinweise darauf liefert, wie Motivatoren und Hygienefaktoren zusammenwirken. Zwar gehen Herzberg und seine Kollegen selber nicht explizit darauf ein, doch weisen die Grundannahmen des Modells sowie die Verwendung der entgegengesetzten Begrifflichkeiten darauf hin, dass sie von einer multiplikativen Verknüpfung der beiden Faktoren ausgehen: “Herzberg seems to indicate that intrinsic factors will not lead to job satisfaction if the extrinsic factors present in the work setting are deficient” (Pardee, 1990, S. 11; vgl. auch Caston & Braoto, 1985, S. 281). Fehlende Hygienefaktoren führen somit nicht nur isoliert betrachtet zu Unzufriedenheit; wenn sie fehlen, wird auch die motivierende Wirkung von Motivatoren geschwächt und das Entstehen von Zufriedenheit behindert. Der Begriff „Hygienefaktor“ drückt damit nicht nur, wie oben zitiert, aus, dass er in eine andere Richtung wirkt als ein Motivator (Hygiene kann zwar Krankheiten verhindern, führt jedoch nicht zu Gesundheit), sondern er sagt gleichzeitig etwas über das Verhältnis zwischen den beiden Einflussfaktoren aus (fehlende Hygiene begünstigt Krankheit, auch wenn andere gesundheitsförderliche Faktoren vorhanden sind). Die mangelnde empirische Überprüfung einer solchen multiplikativen Verknüpfung von Motivatoren und Hygienefaktoren in der Ausgangstheorie von Herzberg und Kollegen gehört zu zentralen Kritikpunkten an ihrer Arbeit (vgl. Lindsay, Marks & Gorlow, 1967). In späteren empirischen Überprüfungen der Theorie konnte jedoch bestätigt werden, dass die Effekte von Motivatoren und Hygienefaktoren auf die Zufriedenheit nicht additiv sind, sondern dass Zufriedenheit von dem Zusammenspiel von Motivatoren und Hygienefaktoren abhängt: “the relationship of satisfaction to a given antecedent (motivator, hygiene) is not independent of the other antecedent […] interaction effects exist” (Lindsay et al., 1967, S. 332). 2.4 Modell zum Ausschluss von Berufen in der Berufsfindung Wie kann Herzbergs Zwei-Faktoren-Theorie nun zur Erforschung des Ausschlusses von Berufen beitragen? Mit Rückblick auf die in Kapitel 2.1 skizzierte Forschungslandschaft wird deutlich, dass im Rahmen der Berufsfindungsforschung bislang primär die Frage untersucht wurde, warum Jugendliche sich bestimmten Berufen zuwenden, was also „Motivatoren“ sein könnten. Auch Berufswahltests zielen hauptsächlich darauf ab, jene Aspekte zu ermitteln, die junge Menschen besonders gut können und die ihnen besonders wichtig sind, und stützen sich damit implizit auf die Annahme, dass der Berufsfindung vor allem ein Streben nach
31 2.4 Modell zum Ausschluss von Berufen in der Berufsfindung einem positiv bewerteten Zielzustand zugrunde liegt. Inspiriert durch Herzbergs Zwei-Faktoren-Theorie stellt sich jedoch die Frage, ob es nicht auch hier „Hygienefaktoren“ gibt, die auf die Vermeidung von Leiden bzw. Unwohlsein abzielen. Einfache Beispiele verdeutlichen dies: Wird eine Person, die kein Blut sehen kann, danach streben, Arzt zu werden? Wird sich eine Person mit Mehlallergie als Bäcker bewerben? Oder eine Person mit Höhenangst als Dachdecker? Die Beispiele mögen trivial erscheinen, doch sie verdeutlichen, dass der Berufsfindung neben dem Streben nach einem positiv bewerteten Zielzustand offenbar auch ein Streben nach einer Vermeidung negativ bewerteter Zielzustände zugrunde liegt. Herzbergs Unterscheidung von Motivatoren und Hygienefaktoren als zwei unterschiedliche Arten von Einflussfaktoren könnte sich daher für die Erforschung des Ausschlusses von Berufen als gewinnbringend erweisen. Da jedoch der Begriff „Hygienefaktor“ im Kontext der Berufswahl potenziell missverständlich ist (insbesondere im Zusammenhang mit der im empirischen Teil der Arbeit gewählten Fokussierung auf das Beispiel der Pflegeberufe), sollen im Folgenden die alternativen Begriffe „Attraktionsfaktoren“ und „Aversionsfaktoren“ genutzt werden. Die damit verbundene Umkehrung der Richtung des „Hygienefaktors“ (Aversion entsteht, wenn ein „Hygienefaktor“ nicht vorhanden ist, aber wenn ein „Aversionsfaktor“ vorhanden ist) entspricht dem Interesse dieser Arbeit, Gründe dafür zu ermitteln, dass Berufe in der Berufsfindung ausgeschlossen werden. Basierend auf den Ausgangsüberlegungen von Herzberg wird somit angenommen, dass in der Berufsfindung zwei unterschiedliche Arten von Einflussfaktoren wirken (vgl. Tabelle 2): 1) Attraktionsfaktoren, d.h. Faktoren, die einen Beruf aus der Sicht von Berufswählern attraktiv machen, weil sie mit der Erwartung eines positiv bewerteten Zielzustands verbunden sind. Fehlen sie, entsteht jedoch keine Aversion, sondern nur „keine Attraktion“. 2) Aversionsfaktoren, d.h. Faktoren, die zu aversiven Reaktionen auf bestimmte Berufe führen, weil sie mit der Erwartung eines negativ bewerteten Zielzustands verbunden sind. Sind entsprechende Faktoren nicht vorhanden, reicht dies alleine nicht aus, um eine Attraktion zu bestimmten Berufen hervorzurufen. In diesem Fall entsteht lediglich „keine Aversion“. Tabelle 2: Attraktionsund Aversionsfaktoren in der Berufsfindung Attraktionsfaktoren Aversionsfaktoren vorhanden Attraktion Aversion nicht vorhanden keine Attraktion keine Aversion Quelle: Eigene Darstellung
2. Kontextualisierung und Präzisierung der Fragestellung 32 Doch was bedeuten die damit eingeführten Begriffe „Attraktion“ und „Aversion“ in der Berufsfindung? Wichtig ist es an dieser Stelle zu verdeutlichen, dass diese Übertragung erst den Ausgangspunkt für das eigene Modell zum Ausschluss von Berufen darstellt. Die schematische Unterscheidung der Wirkweise von Attraktionsund Aversionsfaktoren in Tabelle 2 ist dabei ein Hilfskonstrukt, das auf einer isolierten Betrachtung eines jeden Faktors beruht und zunächst nur die Annahme verdeutlicht, dass es unterschiedliche Arten von Einflussfaktoren in der Berufsfindung gibt und dass Attraktion und Aversion gegenüber bestimmten Berufen nicht notwendigerweise zwei entgegengesetzte Zustände eines Einflussfaktors sind. Um bei einem der oben genannten Beispiele zu bleiben: Bei einer Person mit Höhenangst wird die Vorstellung, in einem bestimmten Beruf auf einem Dach arbeiten zu müssen, aversive Reaktionen auslösen; die Aussicht, in einem anderen Beruf auf dem Boden arbeiten zu können, verhindert zwar aversive Reaktionen, löst aber nicht gleich Attraktion in Hinblick auf diesen Beruf aus. Die Frage, ob eine Person zu einem bestimmten Beruf eine Neigung entwickelt, hängt jedoch nicht von einem der beiden Einflussfaktoren ab, sondern vom Zusammenspiel zwischen ihnen. Der besondere Mehrwert von Herzbergs Modell für die hier interessierende Frage nach Gründen für den Ausschluss von Berufen liegt deshalb in der zumindest implizit in der Theorie aufgestellten Überlegung einer Interaktion zwischen den beiden Faktoren. Denn ebenso wie Herzberg davon ausgeht, dass Hygienefaktoren eine notwendige Bedingung für das Entstehen von Zufriedenheit und ihr Fehlen eine hinreichende Bedingung für Unzufriedenheit sind, lässt die Übertragung des Modells erwarten, dass das Fehlen von Aversionsfaktoren eine notwendige Bedingung ist, damit Attraktionsfaktoren überhaupt wirken können (und so eine Neigung entstehen kann), und andersherum, dass das Vorhandensein von Aversionsfaktoren eine hinreichende Bedingung für den Ausschluss von Berufen ist: Selbst wenn Attraktionsfaktoren vorhanden sind, etwa weil eine Person die Tätigkeiten eines bestimmten Berufes sehr interessant findet (und ihr der Beruf deshalb unter Umständen im Rahmen eines Berufswahltests vorgeschlagen wird), wird sie ihn demnach ausschließen, wenn gleichzeitig Aversionsfaktoren vorhanden sind. Tabelle 3 veranschaulicht diese Überlegung zur kombinierten Wirkweise von Attraktionsund Aversionsfaktoren.
33 2.4 Modell zum Ausschluss von Berufen in der Berufsfindung Tabelle 3: Zusammenwirken von Attraktionsund Aversionsfaktoren Aversionsfaktor nicht vorhanden vorhanden Attraktionsfaktor vorhanden Attraktion und keine Aversion = Neigung Attraktion und zugleich Aversion = Ausschluss nicht vorhanden Weder Attraktion noch Aversion = weder Neigung noch Ausschluss Aversion und keine Attraktion = Ausschluss Quelle: Eigene Darstellung Eine Neigung zu einem bestimmten Beruf kann demnach nur dann entstehen, wenn Attraktionsfaktoren vorhanden sind und gleichzeitig keine Aversionsfaktoren die motivierende Kraft dieser Faktoren stören (Feld oben links). Sind in Hinblick auf einen bestimmten Beruf jedoch Aversionsfaktoren vorhanden, so ist davon auszugehen, dass er ausgeschlossen wird, und zwar unabhängig davon, ob Attraktionsfaktoren vorhanden sind oder ob sie nicht vorhanden sind (rechte Spalte). Weniger eindeutig ist, was passiert, wenn in Hinblick auf einen bestimmten Beruf weder Attraktionsnoch Aversionsfaktoren vorhanden sind (Feld unten links). Basierend auf den Ausgangsüberlegungen in Herzbergs Zwei-Faktoren-Theorie ist weder davon auszugehen, dass in dieser Situation eine Neigung zu dem Beruf entsteht, noch, dass er ausgeschlossen wird. Ausgehend von dem Ausgangsanliegen, die „NichtWahl“ bzw. den Ausschluss von Berufen zu erklären, lässt sich mithilfe dieses Modells die zentrale Forschungsfrage dieser Arbeit wie folgt präzisieren: Gibt es, in Analogie zu Herzbergs Zwei-Faktoren-Theorie, „Aversionsfaktoren“ in der Berufsfindung, die dazu führen, dass Jugendliche bestimmte Berufe in der Berufsfindung selbst dann ausschließen, wenn „Attraktionsfaktoren“ vorhanden sind? Ziel der Arbeit ist es damit nicht, die in Tabelle 3 dargestellten Zielzustände „Attraktion – keine Attraktion“ und „Aversion – keine Aversion“ zu messen, und auch nicht, sämtliche Kombinationsmöglichkeiten von Attraktionsund Aversionsfaktoren auf ihre Wirkung hinsichtlich der Entstehung einer Neigung oder des Ausschlusses von Berufen zu prüfen. Vielmehr geht es darum, theoriegeleitet zu reflektieren und empirisch zu prüfen, inwiefern die Überlegung stimmt, dass es 1) unterschiedliche Arten von Einflussfaktoren (Attraktionsund Aversionsfaktoren) in der Berufsfindung gibt und dass 2) Aversionsfaktoren einen intervenie-
2. Kontextualisierung und Präzisierung der Fragestellung 34 renden Effekt auf die Wirkung von Attraktionsfaktoren haben und es deshalb zur Erklärung des Ausschlusses von Berufen nicht ausreicht, sich ausschließlich mit Attraktionsfaktoren zu beschäftigen, sondern die intervenierende Wirkung von Aversionsfaktoren berücksichtigt werden muss. Bezogen auf die Darstellung des Zusammenwirkens von Attraktionsund Aversionsfaktoren in Tabelle 3 richtet sich das Interesse der Arbeit somit vor allem auf das gleichzeitige Vorhandensein von Attraktionsund Aversionsfaktoren (vgl. Feld oben rechts). Um dieses bislang noch relativ abstrakte Modell mit Inhalt zu füllen und die formulierten Annahmen zu überprüfen, sollen im folgenden Kapitel Theorien und bisherige Forschungsergebnisse aus der Berufsfindungsforschung auf die Frage hin beleuchtet werden, was Attraktionsund vor allem was Aversionsfaktoren in der Berufsfindung sein könnten. Hierbei gilt es zu prüfen, inwiefern die in den Beispielen angedeuteten Faktoren tatsächlich Aversionsfaktoren sind und welche anderen Faktoren es gibt, die zum Ausschluss von Berufen führen können.
35 ▶3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand Welche Berufswahltheorien und bisherigen Forschungsbefunde sollen und müssen in dieser Arbeit herangezogen werden, um mögliche Gründe für den Ausschluss von Berufen zu identifizieren und zu reflektieren, ob es tatsächlich Aversionsfaktoren in der Berufsfindung gibt? Aufgrund des großen Umfangs dieses Forschungsfeldes sowie der spezifischen Ausrichtung dieser Arbeit fokussiert sich die folgende Darstellung auf Theorien und Forschungsergebnisse zur Berufsfindung, welche, wie zuvor definiert, in dieser Arbeit als Teilprozess der Berufswahl verstanden wird, der vor dem Übergang in einen Beruf liegt. Hierbei ist zu beachten, dass aufgrund der unscharfen Abgrenzung der Begriffe „Berufswahl“ und „Berufsfindung“ in der bestehenden Literatur kein klar umrissenes Feld der „Berufsfindungsforschung“ existiert, welches sich nur auf den Findungsprozess bezieht und sich mit der spezifischen Frage auseinandersetzt, welche Faktoren einen Einfluss darauf haben, ob eine Person eine Neigung zu einem bestimmten Beruf entwickelt. In der nachfolgenden Betrachtung etablierter Berufswahltheorien wird dieser Fokus daher selbst gesetzt, d. h., die Theorien werden, in zum Teil sehr verkürzter Form, fokussiert auf die Frage nach möglichen Einflussfaktoren auf die Berufsfindung beleuchtet. Da sich die meisten klassischen Theorien und Forschungsarbeiten, die sich mit der Berufsfindung auseinandersetzen, eher der Frage widmen, warum Jugendliche eine Neigung zu bestimmten Berufen (bzw. bestimmte Berufsaspirationen) entwickeln als mit der Frage, warum Jugendliche Berufe ausschließen (vgl. Kapitel 2.1), liegt es nahe, in Kapitel 3.1 zunächst dieser Tradition zu folgen. Auf Grundlage zentraler Berufswahltheorien und empirischer Forschungsbefunde soll herausgearbeitet werden, welche Faktoren dazu führen, dass Jugendliche eine Neigung zu bestimmten Berufen zeigen. Im Anschluss an diese Darstellung soll im ersten Zwischenfazit diskutiert werden, inwiefern die Erklärungsmodelle bereits Hinweise auf die Existenz unterschiedlicher Arten von Einflussfaktoren im Berufsfindungsprozess liefern. Hierbei gilt es zu prüfen, ob es sich bei den herausgearbeiteten Einflussfaktoren um Attraktionsfaktoren im Sinne des oben vorgestellten Modells handelt oder ob sich hier bereits Rückschlüsse auf die Relevanz von Aversionsfaktoren ziehen lassen. Im darauffolgenden Kapitel 3.2 werden jene Theorien und Forschungsbefunde vorgestellt, die sich expliziter mit dem Ausschluss von Berufen in der Berufsfindung auseinandersetzen. Von besonderer Bedeutung ist hierbei die Berufswahltheorie von Linda Gottfredson, die auf klassischen (in Kapitel 3.1 vorgestellten) Berufswahltheorien aufbaut und wichtige
3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand 36 Hinweise zur Bedeutung von Aversionsfaktoren in der Berufsfindung liefert. In Kapitel 3.3 werden die wichtigsten Erkenntnisse zum Ausschluss von Berufen zusammengefasst und ein zweites Zwischenfazit gezogen. 3.1 Warum zeigen Jugendliche eine Neigung zu Berufen? Selbst wenn mit der bereits angekündigten Fokussierung auf die „Berufsfindungsforschung“ bereits eine wichtige Eingrenzung der „nahezu unüberschaubare[n] Forschungsliteratur im Feld Berufswahl“ (Dimbath, 2003, S. 123) vorgenommen wird, ist auch dieses Teilgebiet ein sehr breites Forschungsfeld mit Beiträgen insbesondere aus der Psychologie, Soziologie sowie Berufsund Wirtschaftspädagogik. Wie lassen sich die bestehenden Theorien und Forschungsergebnisse also strukturieren? In der bestehenden Literatur finden sich unterschiedliche Ansätze für eine systematische Klassifikation verschiedener Berufswahltheorien. Eine klassische Strukturierung der verschiedenen Erklärungsansätze stammt von Bußhoff (1984). Sie setzt an einer allgemeinen Definition von Berufswahl an, nach der Berufswahl als Interaktionsprozess zwischen Individuum und Umwelt zu verstehen ist. Die verschiedenen Erklärungsansätze sind ihm zufolge „unterschiedlich akzentuierte Auslegungen dieser allgemeinen Definition“ (Bußhoff, 1984, S. 9). Das entscheidende Zuordnungskriterium ist somit die inhaltliche Ausrichtung der jeweiligen Theorien. In Anlehnung an Bußhoff (1984) lassen sich drei unterschiedliche Kategorien von Erklärungsansätzen unterscheiden (vgl. Abbildung 1): 1. Erklärungsansätze, die sich auf das Individuum konzentrieren und die Berufsfindung vor allem als (Selbst-)Zuordnungsprozess sehen. In dieser Kategorie finden sich vor allem psychologische Ansätze. 2. Erklärungsansätze, die sich stärker auf Umweltfaktoren fokussieren und die Berufsfindung als Zuweisungsprozess verstehen. In dieser Kategorie finden sich vor allem soziologische und ökonomische Ansätze. 3. Erklärungsansätze, die sich auf die Interaktion zwischen Individuum und Umwelt fokussieren und die Bedeutung von Entwicklungsund Lernprozessen betonen. Für die vorliegende Arbeit ist diese Art der Systematisierung besonders geeignet, weil sich durch die spezifische Perspektive eines jeden Erklärungsansatzes zunächst unterschiedliche Einflussfaktoren ableiten lassen, die in der Entstehung einer Neigung zu Berufen eine Rolle spielen. Zu beachten ist hierbei gleichwohl, dass die einzelnen Erklärungsansätze nicht immer trennscharf sind und es Überschneidungen in den für relevant erachteten Einflussfaktoren gibt. Zur Reduktion der Komplexität der Erklärungsmodelle und zur Vermeidung von Redundanzen wird sich in der folgenden Darstellung auf die jeweils dominanten Einflussfaktoren der drei Erklärungsansätze fokussiert. Relevante Forschungsergebnisse zur Bedeutung dieser Faktoren werden jeweils im Anschluss an die Darstellung der Theorien berichtet. An einigen Stellen werden hierbei auch Studien berücksichtigt, welche sich nicht
37 3.1 Warum zeigen Jugendliche eine Neigung zu Berufen? direkt auf die Berufsfindung beziehen, aber durch ihren Fokus auf Bildungsaspirationen (zumeist im Kontext Schule) für die hier bearbeitete Fragestellung bzgl. der Entwicklung von Neigungen zu einem Beruf von Bedeutung sind. Integrative Berufswahltheorien werden an dieser Stelle bewusst noch nicht berücksichtigt. Da sie vor allem für die Einordnung von Einflussfaktoren als Attraktionsoder Aversionsfaktoren relevant sind, wird hierauf nach der Thematisierung der klassischen Erklärungsansätze im ersten Zwischenfazit (Kapitel 3.1.4) und in Kapitel 3.2.1 eingegangen. 3.1.1 Berufsfindung als (Selbst-)Zuordnungsprozess Die Grundannahme der Erklärungsansätze, die Berufswahl bzw. -findung als (Selbst-)Zuordnungsprozess sehen, wurde bereits 1909 von Frank Parsons, dem „Begründer der Berufsberatung in den USA“ (Seifert, 1977, S. 173), formuliert. Ihm zufolge verfügt jede Person über ein spezifisches Muster von Persönlichkeitsmerkmalen (Interessen, Fähigkeiten, Wertvorstellungen etc.), ebenso wie jeder Beruf durch ein typisches Muster von Anforderungen und Rahmenbedingungen gekennzeichnet ist. Im Prozess der Berufsfindung versucht jede Person den Beruf zu finden, der am besten zu ihren Persönlichkeitsmerkmalen passt (“matching of men to jobs”). Eine erfolgreiche Berufsfindung ist demzufolge von drei Faktoren abhängig: von der Kenntnis der eigenen Person, von der Kenntnis der Arbeitsund Berufsumwelt und von der Passung zwischen beiden (vgl. Parsons, 1909; zit. nach Ratschinski, 2009, S. 29). Basierend auf diesen Überlegungen von Parsons setzte man sich in der amerikanischen Berufspsychologie intensiv mit der Entwicklung von Verfahren zur Messung persönlicher Eigenschaften (“traits”) auseinander – hauptsächlich über faktorenanalytische Verfahren (“factors”). „Der in der Folge als Trait-and-factor-Theorie bezeichnete Erklärungsansatz der Berufswahl [stellte] bis in die fünfziger Jahre den einzigen, für die Praxis der Berufsberatung bedeutsamen berufspsychologischen Ansatz“ dar (Bergmann, 2004, S. 350). Abbildung 1: Systematisierung der theoretischen Erklärungsansätze zur Berufsfi ndung Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Bußhoff (1984) Berufsfindung als (Selbst-) Zuordnungsprozess Berufsfindung als Entwicklungs-und Lernprozess Berufsfindung als Zuweisungsprozess Individuum Umwelt
3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand 38 Exemplarisch für die Erklärungsansätze, die Berufsfindung als Zuordnungsprozess beschreiben, soll im Folgenden die Theorie des amerikanischen Psychologen John L. Holland und die damit verbundene Forschung dargestellt werden. Seine „Theory of Vocational Personalities in Work Environment” zählt zu den am meisten rezipierten Theorien der Berufswahlbzw. Berufsfindungsforschung, auf die auch in der Beratungspraxis weltweit am häufigsten Bezug genommen wird (vgl. Ratschinski, 2009, S. 33). John L. Hollands “Theory of Vocational Personalities in Work Environment” Das zentrale Element der Theorie, die John L. Holland (1973, 1985, 1997) in der Tradition der Trait-and-Factor-Theorien entwickelte, ist das sogenannte RIASEC-Modell. Diesem Modell zufolge lassen sich sechs idealtypische Interessensbzw. Persönlichkeitsorientierungen unterscheiden: Eine „praktisch-technische Orientierung“ (realistic), eine „intellektuell-forschende Orientierung“ (investigative), eine „künstlerisch-sprachliche Orientierung“ (artistic), eine „soziale Orientierung“ (social), eine „unternehmerische Orientierung“ (enterprising) und eine „konventionelle Orientierung“ (conventional) (vgl. Tabelle 4). Tabelle 4: Persönlichkeitsorientierungen nach Holland (1973, 1985, 1997) Bezeichnung Beschreibung R – realistic „praktisch-technische Orientierung“ Personen dieses Typs bevorzugen Tätigkeiten, die Kraft, Koordination und Handgeschicklichkeit erfordern und zu konkreten, sichtbaren Ergebnissen führen. Sie weisen Fähigkeiten und Fertigkeiten vor allem im mechanischen, technischen, elektrotechnischen und landwirtschaftlichen Bereich auf, während sie erzieherische oder soziale Aktivitäten ablehnen. I – investigative „intellektuell-forschende Orientierung“ Personen dieses Typs bevorzugen Aktivitäten, bei denen die Auseinandersetzung mit physischen, biologischen und kulturellen Phänomenen mithilfe systematischer Beobachtung und Forschung im Mittelpunkt steht. Sie weisen Fähigkeiten und Fertigkeiten vor allem im mathematischen und naturwissenschaftlichen Bereich auf. A – artistic „künstlerisch-sprachliche Orientierung“ Personen dieses Typs bevorzugen offene, unstrukturierte Aktivitäten, die eine künstlerische Selbstdarstellung oder die Schaffung kreativer Prozesse ermöglichen. Ihre Fähigkeiten liegen vor allem im Bereich von Sprache, Kunst, Musik, Schauspiel und Schriftstellerei. S – social „soziale Orientierung“ Personen dieses Typs bevorzugen Tätigkeiten, bei denen sie sich mit anderen in Form von Unterrichten, Lehren, Ausbilden, Versorgen oder Pflegen befassen können. Ihre Stärken liegen im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen. E – enterprising „unternehmerische Orientierung“ Personen dieses Typs bevorzugen Tätigkeiten und Situationen, bei denen sie andere mit Hilfe der Sprache oder anderer Mittel beeinflussen, zu etwas bringen, führen, auch manipulieren können. Ihre Stärken liegen im Bereich der Führungsund Überzeugungsqualität. C – conventional „konventionelle Orientierung“ Personen dieses Typs bevorzugen Tätigkeiten, bei denen der strukturierte und regelhafte Umgang mit Daten im Vordergrund steht, z.B. Aufzeichnungen führen, Daten speichern, Dokumentationen führen, mit Büromaschinen arbeiten u. Ä. (ordnend-verwaltende Tätigkeiten). Ihre Stärken liegen im Bereich rechnerischer und geschäftlicher Fähigkeiten. Quelle: wörtlich zitiert nach Bergmann und Eder (2005, S. 15)
39 3.1 Warum zeigen Jugendliche eine Neigung zu Berufen? Die sechs Orientierungen lassen sich in Form eines Hexagons darstellen, in dem ähnliche Kategorien nah beieinander und unähnliche Kategorien weit voneinander entfernt liegen (vgl. Abbildung 2). Parallel zu der Unterscheidung von sechs Persönlichkeitstypen postuliert Holland (1985, 1997), dass sich auch Arbeitsumgebungen in sechs Umwelten unterteilen lassen. Seine zentrale Hypothese lautet, dass sich eine erfolgreiche Berufswahl durch eine hohe Person-Umwelt-Kongruenz auszeichnet, d. h., „dass ein bestimmter Persönlichkeitstyp zu dem ihm entsprechenden Umweltmodell strebt; z. B. ein realistischer Persönlichkeitstyp zu einem realistischen Umweltmodell etc.“ (Beinke, 1999, S. 75). Ergreift ein realistischer Persönlichkeitstyp hingegen einen sozialen Beruf, „so handelt es sich um eine inkongruente Wahl“ (Bergmann & Eder, 2005, S. 16), die den Berufserfolg und die Berufszufriedenheit beeinträchtigen könnte. Um die individuelle Orientierung und Holland zufolge auch den Charakter einer Person möglichst differenziert zu beschreiben, wird nicht nur festgestellt, zu welchem der sechs Modelltypen die Person die größte Ähnlichkeit aufweist, sondern auch zu welchen der Idealtypen die zweitund drittgrößte Ähnlichkeit besteht. In der Berufsberatung ist der Allgemeine Abbildung 2: RIASEC-Modell nach Holland (1994) mit Berufsbeispielen Quelle: Beispiele in Anlehnung an Beinke (1999); eigene Darstellung investigative z. B. Anthropologe, Chemiker, Astronom, Mathematiker artistic z. B. Dichter, Komponist, Sänger, Karikaturist social z. B. Lehrer, Sozialarbeiter, Altenpfleger enterprising z. B. Politiker, Industrieberater, Unternehmer conventional z. B. Buchhalter, Bankangestellter, Steuerberater realistic z. B. Mechaniker, Klempner, Landwirt
3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand 46 lichen Neigungen dar. Berufsbezogene Informationen, die die Herausbildung von beruflichen Neigungen befördern, können z. B. Kenntnisse des Bildungsund Ausbildungssystems, fachspezifisches Wissen oder Kenntnisse bzgl. der Leistungsanforderungen in verschiedenen Bildungsund Berufswegen sein. Unterschiede in der Entwicklung einer Berufsorientierung und der Ausbildung bestimmter beruflicher Neigungen können demnach auf Unterschiede in den familiär verfügbaren Bildungsressourcen und dem kulturellen Kapital der Eltern zurückzuführen sein. „Diesbezüglich scheinen Jugendliche mit Migrationshintergrund im Durchschnitt schlechtere Voraussetzungen mitzubringen als Jugendliche ohne Migrationshintergrund“ (Richter, 2016, S. 71), weil sie oftmals aus Herkunftsfamilien mit geringerem Bildungsniveau kommen und elterliches kulturelles Kapital, welches nicht in Deutschland erworben wurde, weniger hilfreich für die Berufsorientierung in Deutschland ist (vgl. Boos-Nünning & Karakaşoğlu, 2005; Imdorf, 2005). Relevant sind in diesem Zusammenhang auch die eigenen Arbeitserfahrungen der Eltern. Denn die Erwerbstätigkeit der Eltern ermöglicht Heranwachsenden Zugang zu Informationen über die Arbeitswelt, die sonst nur schwer zugänglich sind (z. B. Wissen über Ausbildungsmöglichkeiten und Voraussetzungen im Zugang zu bestimmten Berufen). Eltern können somit die Berufsfindung ihrer Kinder beeinflussen, indem sie sie direkt beraten oder ihnen dazu verhelfen, realistischere Vorstellungen von Gelegenheitsstrukturen im Ausbildungsund Arbeitsmarkt und den Berufen der Eltern zu erlangen (vgl. Richter, 2016, S. 75f.; Fobe & Minx, 1996; Buchmann & Kriesi, 2012; Franzen & Hangartner, 2005). Auch Peers verfügen beispielsweise durch bereits absolvierte Praktika häufig über erste Berufserfahrungen, sodass Jugendliche nicht nur von den Eltern, sondern auch von ihren Peers Eindrücke, Tipps und Anregungen zu bestimmten Berufen erhalten (vgl. Beinke, 2004). Solche Erfahrungsberichte von Peers können dazu führen, dass Jugendliche ein Interesse an bestimmten Berufen entwickeln. Sie können jedoch auch bewirken, dass Jugendliche bestimmte Berufe als mögliche Berufswahloption ausschließen, z. B. wenn ihre Peers aufgrund eigener negativer Erfahrungen abfällige Bemerkungen über diese Berufe machen (vgl. Richter, 2016, S. 79; Brooks, 2007; Payne, 2003; Semple, Howieson & Paris, 2002). b) Vermitteln berufsbezogener Normen und Wertorientierungen Neben der unmittelbaren Beratung gilt das Vermitteln berufsbezogener Normen und Wertorientierungen als zentraler Einflussmechanismus auf die Entwicklung von beruflichen Neigungen. Es scheint ein sozialer Druck dahingehend zu bestehen, dass Jugendliche elterlichen Bildungserwartungen entsprechen wollen (vgl. Richter, 2016, S. 84), welche – entsprechend der oben benannten Theorien – stark schichtspezifisch geprägt sind: Eltern aus höheren sozialen Schichten haben häufiger akademisch orientierte Bildungspläne für ihre Kinder als Eltern aus niedrigeren sozialen Schichten (vgl. z. B. Sewell, Haller & Ohlendorf, 1970; Sewell, Haller & Portes, 2006). Die Vermittlung berufsbezogener Erwartungen kann implizit (z. B. über eigene Bildungslaufbahn) oder explizit (z. B. durch bejahende und unterstützende oder auch durch negative Äußerungen über bestimmte Berufe) erfolgen (vgl. Fobe
47 3.1 Warum zeigen Jugendliche eine Neigung zu Berufen? & Minx, 1996; Steiner, 2005). An dieser Stelle zeigt sich deutlich, dass elterliche Erwartungen auch ein zentraler Faktor in der Erklärung des Ausschlusses von bestimmten Berufen aus dem Raum der möglichen Alternativen sein können: “Parents appear to set the boundaries within which choices are made, so that young people do not even consider some options as possibilities” (Payne, 2003, S. 3). Neben Eltern können auch Peers durch normsetzende Prozesse die Berufsfindung beeinflussen. Empirische Studien zeigen, dass Gleichaltrige und vor allem Freunde die Einstellungen und das Verhalten von Jugendlichen gegenüber Schule und Berufen prägen (vgl. Kenny & Medvide, 2013; Kenny et al., 2007; Richter, 2016). Dies kann dazu führen, dass sich Heranwachsende innerhalb einer Peer-Gruppe – in der vor dem Hintergrund des dreigliedrigen Schulsystems in Deutschland eine hohe Schichthomogenität herrscht (vgl. Beierle, 2013) – mit ähnlichen oder gleichen Berufen beschäftigen. Beinke (2006b) weist nach, dass zwischen Berufswünschen der Jugendlichen und denen der Freunde große Übereinstimmung besteht, zumindest wenn Berufsbereiche (z. B. erzieherische Berufe, kaufmännisch-verwaltende Berufe etc.) und nicht Einzelberufe betrachtet werden. Peers können jedoch auch „negative Einflüsse“ auf den Berufsfindungsprozess ausüben, wenn sie z. B. Schule oder die Beschäftigung mit Berufen abwerten und schulischen Erfolg oder hohe Bildungsaspirationen mit „Nerd-sein“ assoziieren (vgl. z. B. Mögling, Tillmann & Lex, 2012, S. 51f.; Tyson, Darity & Castellino, 2005). „Ist Berufsorientierung und höhere Bildung in der frühen Jugendphase negativ besetzt, so kann dies dazu führen, dass Bildungsaspiration und eine engagierte Lerneinstellung durch Freunde oder Klassenkameraden negativ sanktioniert werden“ (Beierle, 2013, S. 48). c) Zuschreibungen, Vergleichsprozesse und Rollenmodelle Neben der direkten Informationsweitergabe und der Vermittlung berufsbezogener Erwartungen spielen schließlich Zuschreibungen, Vergleichsprozesse und Rollenmodelle für die Entwicklung von beruflichen Neigungen eine wichtige Rolle (vgl. Richter, 2016, S. 89f.). Die Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten wird oftmals durch Äußerungen des sozialen Umfelds über die eigenen Stärken und Schwächen beeinflusst (vgl. Fobe & Minx, 1996; Nagy, 2007). Jugendliche lernen durch solch direkte Zuschreibungen ebenso wie durch den sozialen Vergleich mit anderen nicht nur sich selbst und ihre Fähigkeiten kennen (vgl. Festinger, 1954). Durch den sozialen Vergleich, insbesondere mit Mitschülern mit ähnlichen Interessen und Fähigkeiten, können auch bestimmte Berufe Beachtung erfahren, die zuvor nicht beachtet wurden, beispielsweise wenn Mitschüler entsprechende Berufswünsche äußern. Gerade Peers können so zum Rollenmodell werden, mit dem sich Jugendliche identifizieren und dem sie nacheifern (vgl. Alexander & Eckland, 1975; Baumert, Stanat & Watermann, 2006; Parr & Townsend, 2002; Wilkinson, 2002). Solche stark motivationsförderlichen Vergleichsprozesse verlaufen gewöhnlich unbewusst „und werden oftmals erst im biografischen Rückblick reflektiert“ (Beierle, 2013, S. 48).
3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand 48 Neben Peers können auch Eltern als Rollenmodelle fungieren. Vorliegenden Studien zufolge äußert zumindest ein Teil der Jugendlichen Berufswünsche, die einem Elternberuf ähneln – oftmals dem des gleichgeschlechtlichen Elternteils, wobei die Befundlage hier nicht eindeutig ist (vgl. Eccles & Hoffman, 1984; Beinke, 2002; Helbig & Leuze, 2012; vgl. Kapitel 3.2.3). Inwiefern Eltern eine Vorbildfunktion ausüben, hängt zudem von ihrem eigenen beruflichen Status ab. „So orientieren sich vor allem Jungen und Jugendliche aus höheren Angestellten-, Beamtenund Selbstständigenfamilien am elterlichen (meist väterlichen) Beruf, während Kinder aus Arbeiterfamilien eher an einer Ausbildungsstelle in einem konkreten Betrieb interessiert sind“ (Kleffner et al., 1996, S. 14). Zu ähnlichen Ergebnissen kommen Kaiser und Schels (2016), in deren Studie sich insbesondere für Mädchen zeigt, „dass die Vorbildfunktion der Eltern von deren Berufsstatus abhängt. Mädchen streben mit geringerer Wahrscheinlichkeit einen Beruf im Berufsbereich der Eltern an, wenn diese in einfachen, statusniedrigen Tätigkeiten beschäftigt sind oder zuletzt waren“ (S. 56). Auch sie stellen jedoch fest, dass die genauen Mechanismen, die hierbei eine Rolle spielen, unklar sind – „ob es die erworbenen Fachkenntnisse, die Informationen über den Berufsbereich selbst oder die beruflichen Kontakte der Eltern sind, kann aus den Ergebnissen der Studie nicht abgeleitet werden“ (Kaiser & Schels, 2016, S.56). Jugendliche können somit in ihrem Berufsfindungsprozess durch den sozialen Vergleich sowohl mit Peers als auch den Eltern zu einem Interesse an bestimmten Berufen kommen. Der soziale Vergleich kann jedoch auch dazu führen, dass bestimmte Berufe ausgeschlossen werden– wenn nämlich der Vergleich demotivierend wirkt, weil er den Jugendlichen ihre eigenen Schwächen verdeutlicht und bestimmte berufliche Ziele der anderen für einen selbst nicht erreichbar erscheinen (vgl. Richter, 2016, S. 91; Rheinberg, 2006). Welche Einflussfaktoren auf die Berufsfindung lassen sich aus Erklärungsmodellen, die Berufsfindung als (sozialen) Zuweisungsprozess verstehen, ableiten? Erklärungsansätze, die Berufsfindung als Zuweisungsprozess sehen, betonen im Gegensatz zu Erklärungsansätzen, die Berufsfindung als (Selbst-)Zuordnungsprozess sehen (vgl. Kapitel 3.1.1), die Bedeutung von Umweltfaktoren. Zwar spielen auch in diesen Erklärungsansätzen Interessen, Fähigkeiten und Kenntnisse eine Rolle, doch wird Berufsfindung in diesen Modellen nicht als bewusste, rationale Entscheidung gesehen, sondern als Allokationsprozess. Soziologische Ansätze, auf denen hier der Fokus liegt, heben insbesondere die Relevanz des sozialen Umfelds hervor. Der zentrale aus den vorgestellten Theorien und Forschungsergebnissen abzuleitende Grund, warum Personen eine Neigung zu einem bestimmten Beruf entwickeln, ist in der Schicht und Sozialisation des Individuums zu sehen. Familie und Peers beeinflussen den Berufsfindungsprozess, indem sie berufsbezogene Informationen und Erfahrungen, aber auch berufsbezogene Werte und Normen weitergeben und als Rollenmodelle fungieren. Auch in diesen Erklärungsansätzen wird die Neigung zu bestimmten Berufen somit durch eine Art von „Passung“ erklärt – hier jedoch nicht die bewusst vollzogene Tätigkeitsoder Rahmenbedingungspassung, sondern eine womöglich stärker unbewusste
49 3.1 Warum zeigen Jugendliche eine Neigung zu Berufen? „soziale Passung“ zwischen der wahrgenommenen und erwünschten sozialen Position des Individuums und der vermuteten sozialen Position eines bestimmten Berufes. 3.1.3 Berufsfindung als Entwicklungsund Lernprozess Neben Erklärungsansätzen, die sich entweder stark auf das Individuum oder auf „Umweltfaktoren“ (vgl. Abbildung 1) fokussieren, existieren zahlreiche – zumeist entwicklungspsychologische – Erklärungsansätze, die sich indirekt auf beides fokussieren, indem sie den Prozesscharakter der Berufswahl betonen. Durch die Betrachtung des Gesamtprozesses beziehen diese Erklärungsansätze sich grundsätzlich stärker auf die Berufswahl als auf die Berufsfindung und berücksichtigen so auch konkrete Hürden am Übergang sowie Gatekeeping-Prozesse. Wenngleich der Übergang selber und die Perspektive der Arbeitgeber für diese Arbeit irrelevant sind (vgl. Kapitel 2.2), lassen sich aus den genannten Erklärungsansätzen wichtige Erkenntnisse bezüglich der Entstehung einer Neigung zu Berufen ableiten, wenn die Perspektive der Jugendlichen fokussiert wird. Welche Einflussfaktoren in diesen Erklärungsansätzen als bedeutsam für die Herausbildung einer Neigung zu bestimmten Berufen erachtet werden, wird im Folgenden anhand zentraler Theorien und Forschungsergebnisse skizziert. Berufsfindung als Entwicklungsprozess Erklärungsansätze, die Berufsfindung als Entwicklungsprozess sehen, teilen den Berufsfindungsprozess in unterschiedliche Phasen ein. Auf eine anfängliche Phase der „Wunschvorstellungen“ folgt eine fortschreitende Differenzierung der beruflichen Präferenzen, welche mit einer zunehmenden Realitätsanpassung einhergeht. Einer der ersten und bekanntesten Beiträge der entwicklungspsychologischen Berufswahlforschung stammt von Eli Ginzberg und seinen Mitarbeitern (vgl. Ginzberg et al., 1951; Ginzberg, 1952). Basierend auf Interviews mit 11bis 24-jährigen (männlichen) Jugendlichen identifizieren sie drei berufswahlrelevante Entwicklungsstadien: 1) Die „Periode der Phantasiewahl“, die etwa bis zum 10. Lebensjahr andauert und in der Berufswünsche allein ein Streben danach, erwachsen zu sein, ausdrücken. Überlegungen zu eigenen Fähigkeiten oder faktischen Zugangschancen spielen noch keine Rolle. 2) Die „tentative Phase“, die ab dem 11. Lebensjahr beginnt und durch innere Faktoren wie Interessen, Fähigkeiten und Werthaltungen beeinflusst wird. Und 3) die „Periode der realistischen Berufswünsche“, in der äußere Faktoren, wie z. B. die aktuelle Arbeitsmarktlage, zunehmend relevant werden und Jugendliche ihre Berufswünsche durch Realitätsüberlegungen anpassen. „Der schließlich ausgewählte und realisierte Beruf ist letztendlich das Ergebnis eines kumulativen Prozesses, der eng entlang der Gesamtpersönlichkeitsentwicklung läuft und durch biographische und psychische Faktoren sowie durch Umwelteinflüsse verengt wird“ (Oram, 2007, S. 44f.; vgl. auch Ginzberg, 1952; Ginzberg et al., 1951). Der Prozess endet somit in einem Kompromiss zwischen inneren und äußeren Faktoren (vgl. Seifert, 1977, S. 181; Bußhoff, 1984, S. 12; Ratschinski, 2009, S. 43).
3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand 50 Diese Ausgangsüberlegungen von Ginzberg und Kollegen stellen das Fundament der renommierten Berufswahltheorie des amerikanischen Psychologen Donald E. Super dar. In seiner Theorie bzw. seinen Theorien, die sich über längere Zeit graduell entwickelten (vgl. Salomone, 1996, S. 170), versucht Super, Befunde aus der differentiellen Psychologie mit der Perspektive der Entwicklungspsychologie zu verbinden (vgl. Seifert, 1977; Dimbath, 2003). Ähnlich wie andere bereits vorgestellte Theorien beschäftigt sich auch Supers Theorie explizit mit dem Gesamtphänomen der Berufswahl. Bekannt wurde er vor allem für die Entwicklung der fünf “life stages”, der Phasen, in denen berufliche Entwicklung verläuft: Wachstum, Exploration, Konsolidierung, Erhaltung und Abbau. Die hier im Fokus stehende Berufsfindung fällt nach Super (1957) in die Phase der Exploration, in der er eine ähnliche Sub-Phasenunterteilung wie Ginzberg vornimmt (tentative Phase, Phase des Übertritts, Phase des Versuchs). In diesen Sub-Phasen entwickeln Jugendliche im Alter von 15 bis etwa 25 Jahren auf vielfältige Art und Weise sich selbst und ihre beruflichen Optionen und bilden somit berufliche Selbstkonzepte und Berufskonzepte heraus. Die zentrale Annahme Supers hinsichtlich der Berufsfindung ist, dass sich Individuen in ihren Interessen, Fähigkeiten und Persönlichkeitseigenschaften unterscheiden und dass jeder Beruf eine bestimmte Struktur von Interessen, Fähigkeiten und Persönlichkeitseigenschaften erfordert. Ziel des Prozesses beruflicher Entwicklung ist es, ein fundiertes berufliches Selbstkonzept herauszubilden und dieses anschließend mit Berufskonzepten abzugleichen. Ähnlich wie Holland (vgl. Kapitel 3.1.1) beschreibt Super Berufswahl somit als Passungsprozess, in dem u. a. Interessen eine wichtige Rolle spielen: “Inventoried interests are related to vocational development, for there is a strong tendency for people to enter and to remain in fields of work which provide outlets for their interests, and to leave inappropriate fields for more appropriate ones” (Super, 1957, S. 224). Anders als Holland geht Super jedoch davon aus, dass auf beiden Seiten eine gewisse Toleranzspanne besteht. Jedes Individuum ist also für mehrere Berufe geeignet und jeder Beruf ist für eine gewisse Vielfalt an Personen zugänglich (vgl. Super, 1953, S. 189f.; Seifert, 1977, S. 183). Hinsichtlich der Einflussfaktoren auf die Berufsfindung ist Supers Theorie nicht nur an Holland und Ginzberg, sondern auch an andere bereits zuvor skizzierte Theorien anschlussfähig. So betont auch Super die zentrale Bedeutung der Familie: “The family has an important influence on the vocational development of the individual” (Super, 1957, S. 253). Sie formt Bedürfnisse und Werte, bietet positive und negative Rollenmodelle, etabliert “patterns of work, play and interpersonal relations” und stellt die nötigen Ressourcen zur Implementierung von Selbstkonzepten zur Verfügung (Super, 1957, S. 253). Mit zunehmendem Alter spielen darüber hinaus andere signifikante Bezugspersonen etwa aus dem Freundeskreis eine wichtige Rolle für die berufliche Entwicklung. In Bezug auf die Frage, warum Personen eine Neigung zu bestimmten Berufen entwickeln, finden sich in der Theorie von Super somit zentrale Einflussfaktoren wieder, die in den vorhergehenden Kapiteln bereits vorgestellt wurden (die „Tätigkeitspassung“ und die „soziale Passung“). Der ganzheitliche Blick dieses Ansatzes rückt jedoch weitere Einflussfak-
51 3.1 Warum zeigen Jugendliche eine Neigung zu Berufen? toren in den Fokus der Betrachtung. Diese sind eng verknüpft mit dem von Super etablierten Begriff der „Berufswahlreife“ (vocational maturity). Der Begriff bezeichnet die „Fähigkeit und Bereitschaft zur Inangriffnahme und effektiven Bewältigung der mit der Berufswahl zusammenhängenden phasentypischen beruflichen Entwicklungsaufgaben” (Seifert, 1987, S. 188). Berufswahlreife zeichnet sich nach Super (1957, S. 187) durch fünf Dimensionen aus: 1. zunehmende Orientierung auf die Berufswahl, 2. zunehmende berufliche Informiertheit und umfassendere und detailliertere berufliche Planung, 3. zunehmende Konsistenz der beruflichen Präferenzen, 4. Kristallisation von für die Berufswahl relevanten Persönlichkeitseigenschaften, 5. Realitätsangemessenheit (wisdom) der beruflichen Präferenzen in Bezug auf die eigenen Fähigkeiten und Interessen und die verfügbaren beruflichen Möglichkeiten. Berufswahlreife wird durch die intensive Exploration eigener Interessen, Wertorientierungen und Fähigkeiten sowie der dazu passenden beruflichen Möglichkeiten befördert (vgl. Super, 1957, S. 82; vgl. auch Seifert, 1991; Voigt, 2012). Dass Kenntnisse der eigenen Person ebenso wie Kenntnisse der Arbeitsund Berufswelt dem Passungsabgleich zugrunde liegen, geht bereits aus den in Kapitel 3.1.1 vorgestellten frühen Passungstheorien (vgl. Parsons, 1909) hervor und liegt auch dem Konzept von Holland zugrunde. Mit dem Konzept der Berufswahlreife rückt Super diese Grundannahme jedoch noch expliziter in den Fokus und verdeutlicht zudem, dass die erwartete Realisierbarkeit bestimmter beruflicher Präferenzen die Berufsfindung entscheidend beeinflusst. Die Bedeutung dieses Einflussfaktors auf die Entwicklung von beruflichen Neigungen wird auch in dem von Heinz et al. (1987) entwickelten „Modell der Optionslogik“ hervorgehoben. Das Modell, das auf Grundlage problemzentrierter Interviews mit Bremer Hauptschülern zu ihrem Übergang von der Schule in den Arbeitsmarkt entwickelt wurde und auf das auch heute noch vielfach Bezug genommen wird (vgl. Herzog, Neuenschwander & Wannack, 2006; Dombrowski, 2015), geht davon aus, dass die Berufsfindung durch vom Arbeitsmarkt ausgehende Zwänge gesteuert wird. „Mit Herannahen des Übergangs in die Arbeitswelt wird die aktive Berufssuche durch Anregungen in Schule und Familie auf den Ausbildungsmarkt ausgerichtet. Dabei treten die Interessen und Fähigkeiten der Jugendlichen als Berufswahlkriterium allmählich in den Hintergrund“ (Heinz, 1984, S. 15). Wie Super betonen auch Heinz und Kollegen die Relevanz von konkreten praktischen Erfahrungen, die Jugendliche z. B. durch Praktika erlangen und die ihnen die Optionsstrukturen verdeutlichen, an welche sie ihre Berufswünsche anpassen (vgl. Heinz et al., 1987, S. 100). Berufsfindung als Lernprozess „Dass Berufswahl auch etwas mit Lernen zu tun hat, ist von den Berufswahlforschern schon immer gesehen worden“, und auch Supers Theorie macht auf die Bedeutung von sozialen Lernprozessen aufmerksam (Bußhoff, 1984, S. 22). Explizit und systematisch finden Er-
3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand 52 kenntnisse aus der Lernforschung jedoch erst mit den Arbeiten von Krumboltz, Mitchell und Jones (1976) Einzug in die Berufswahlforschung. Sie vertreten eine lernpsychologische Perspektive, nach der die Berufswahl als „Resultat einer Kette von Lernerfahrungen“ gesehen werden kann (Herzog et al., 2006, S. 19). Lernerfahrungen, „welche sowohl durch geplante als auch durch ungeplante Situationen entstehen“ (Hirschi, 2013, S. 32), führen zu konkreteren Vorstellungen über Berufe und bestimmen so wiederum die Berufswahltendenz. Eine beispielhafte Hypothese zum Erwerb von Berufspräferenzen wäre nach Krumboltz et al. (1976), dass „Jugendliche, die viele Gelegenheiten hatten, sich handwerklich zu betätigen und dabei häufig verstärkt wurden, […] mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Präferenz für handwerkliche Berufe [zeigen] als solche Jugendliche, die diese Lernerfahrung nicht gemacht haben“ (Bußhoff, 1984, S. 25). Die Theorie von Krumboltz et al. erweitert insgesamt das Verständnis des bereits zuvor in den entwicklungstheoretischen Modellen thematisierten Einflussfaktors der „beruflichen Informiertheit“ bzw. der Berufskenntnisse, indem sie verdeutlicht, wodurch eine solche Informiertheit entstehen kann. Die Theorie liefert damit eine wichtige Ausgangsbasis für empirische Studien, die sich z. B. mit der Relevanz von Praxiserfahrungen oder medialen Berufsrepräsentationen auf den Berufsfindungsprozess auseinandersetzen (s. unten). Krumboltz und seine Mitarbeiter weisen zudem auf die Bedeutung von Selbsteinschätzungen bzw. von Selbstkenntnissen hin, die sich durch Lernerfahrungen und den Vergleich mit anderen sowie früheren eigenen Leistungen entwickeln. „Die wiederholte Wahrnehmung eigener Leistungen und ihre Bewertung führt zu einer generalisierenden Selbsteinschätzung“ (Bußhoff, 1984, S. 24). Diese wiederum bilden die Grundlage für Interessen und Präferenzen. Dass „Berufskenntnisse“ und insbesondere „Selbstkenntnisse“ eng verbunden sind mit dem Einflussfaktor der vermuteten Realisierbarkeit, verdeutlicht die sozial-kognitive Berufstheorie von Lent und Kollegen (vgl. Lent, Brown & Hackett, 1994; Lent, Brown & Hackett, 1996; Lent, 2005). Basierend auf der Annahme, dass Interessen der zentrale Einflussfaktor für Berufswahlentscheidungen sind, setzt die Theorie einen Schritt früher an und rückt die Interessensentwicklung in das Zentrum der Betrachtungen. Als wichtigste Determinante für die Entwicklung von Berufsinteressen werden auf vergangenen Erfahrungen beruhende Selbstwirksamkeitserwartungen („die Einschätzungen von Personen über ihre Fähigkeiten, bestimmte Handlungen zur Erreichung von bestimmten Leistungen ausführen zu können“) und Ergebniserwartungen („Überzeugungen über bestimmte Ergebnisse oder Konsequenzen von bestimmten Handlungen“) gesehen (vgl. Hirschi, 2013, S. 29). Der sozialkognitiven Theorie zufolge entwickeln Heranwachsende somit insbesondere Neigungen zu Berufsfeldern, in denen sie sich als kompetent wahrnehmen und für die sie positive Erwartungen bezüglich ihrer eigenen Effektivität haben (vgl. Lent et al., 1996, S. 383f.). Insgesamt wird deutlich, dass Erklärungsansätze, die Berufsfindung als Lernprozess beschreiben, eng verbunden sind mit Erklärungsansätzen, die Berufsfindung als Entwicklungsprozess beschreiben, und dabei auch Elemente der anderen zuvor vorgestellten Erklärungsansätze aufgreifen. Beide Ansätze unterstreichen die Relevanz der bereits zuvor her-
53 3.1 Warum zeigen Jugendliche eine Neigung zu Berufen? ausgestellten Einflussfaktoren auf die Berufsfindung (insbesondere der „Tätigkeitspassung“ und der „sozialen Passung“), verweisen gleichzeitig jedoch explizit auf weitere zentrale Einflussfaktoren, die in den zuvor vorgestellten Erklärungsansätzen zwar auch schon eine indirekte Rolle spielten (Selbstund Berufskenntnisse, Fähigkeiten, Chancen), deren Relevanz hier jedoch theoretisch noch stärker fundiert wird. Empirische Befunde Ebenso wie in den vorhergehenden Kapiteln gibt es auch zu den in diesem Kapitel vorgestellten Erklärungsmodellen und Theorien zahlreiche empirische Befunde. So befassen sich gerade im Zusammenhang mit dem gestiegenen Interesse an Berufsorientierungsprozessen aktuell viele Forschungsarbeiten mit dem Konzept der „Berufswahlkompetenz“, welches auf das von Super vorgeschlagene Konzept der „Berufswahlreife“ zurückgeht. Berufswahlkompetenz wird hierbei verstanden als „Fähigkeit und Bereitschaft, die Entwicklungsaufgabe Berufswahl so zu bewältigen, dass sie sowohl den eigenen Bedürfnissen, Interessen und Fähigkeiten als auch den Anforderungen der beruflichen Tätigkeit gerecht wird und unter den gegebenen Rahmenbedingungen realisierbar ist“ (Ratschinski & Struck, 2012, S. 2; vgl. auch Ratschinski, 2008). Bei diesen Arbeiten handelt es sich zumeist um Arbeiten, in denen Instrumente zur Messung von Berufswahlkompetenz vorgestellt werden (vgl. Ratschinski, 2014; Kaak et al., 2013), oder um Evaluationsstudien, in denen Berufswahlkompetenz im Zusammenhang mit konkreten Berufsorientierungsmaßnahmen untersucht wird (vgl. z. B. Ratschinski et al., 2017). Inwiefern jedoch die in den o. g. Theorien benannten Einflussfaktoren Selbstund Berufskenntnisse, Fähigkeiten und Chancen die Entwicklung von Neigungen zu bestimmten Berufen beeinflussen und wie sie mit anderen Einflussfaktoren zusammenwirken, ist bislang nur ansatzweise erforscht. Auf einige Studien, die zumindest indirekte Hinweise liefern, soll im Folgenden näher eingegangen werden. Aufgrund der starken Überschneidungen zwischen Selbstkenntnissen, der Wahrnehmung eigener Fähigkeiten und Chancen werden diese Komponenten im Folgenden als „Realisierbarkeitserwartungen“ zusammengefasst. Anschließend wird auf Forschungsbefunde eingegangen, die sich mit der Relevanz von Berufskenntnissen für die Entwicklung einer Neigung zu bestimmten Berufen beschäftigen. Die Relevanz von Realisierbarkeitserwartungen Die grundlegende Annahme der vorgestellten Entwicklungstheorien, dass berufliche Aspirationen im Laufe der Zeit immer realistischer werden, wird durch zahlreiche empirische Studien gestützt (vgl. Armstrong & Crombie, 2000; Helwig, 2001; Schmude, 2010; Dombrowski, 2015). Insbesondere Schulabgänger mit Hauptschulabschluss sind im Verlauf der Bewerbungsphase „besonders häufig dazu gezwungen, ihre Berufswünsche zu modifizieren oder zu revidieren und an das Angebot des Arbeitsmarktes anzupassen, um überhaupt eine Chance auf einen Ausbildungsplatz zu haben“ (Dombrowski, 2015, S. 55; vgl. auch Solga, 2004, S. 50). Doch wie kommt es zu solchen Anpassungen? Wie überprüfen Berufswähler
3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand 54 die Realisierbarkeit ihrer Berufswünsche? Im Rahmen der Forschung zur Exploration in der Berufsfindung wird häufig zwischen einer „nach innen gerichteten Exploration“, also der Erkundung eigener Interessen und Fähigkeiten („Selbstkenntnisse“), und einer „nach außen gerichteten Exploration“, d. h. der Erkundung der Möglichkeiten, unterschieden (Oechsle, 2009a, S. 58; vgl. auch Kracke, 2004; Kracke, Olyai & Wesiger, 2008; Hirschi, 2008). Beides spielt bei der zunehmenden Realitätsanpassung von Berufswünschen eine Rolle. Zur Bedeutung der nach außen gerichteten Exploration, d. h. vor allem dem Erkunden und Wahrnehmen von Zugangschancen und institutionellen Zugangsbarrieren und deren Auswirkungen auf individuelle Berufswünsche, liegen bislang nur vergleichsweise wenige Studien vor. Wenngleich aufgrund der marktbasierten Zugangsformen zur dualen Berufsausbildung gerade hier die faktischen Marktverhältnisse eine wichtige Rolle spielen, deuten die Ergebnisse einer Studie von Granato et al. (2016) sowie Eberhard und Ulrich (2018) darauf hin, dass Ausbildungsstellenbewerber tendenziell nicht zwischen ihren (marktbasierten) Zugangschancen in unterschiedlichen Berufen differenzieren können und dass sie ihre Ausbildungsplatzchancen nahezu ausschließlich an ihrer individuellen Eignung festmachen. Diese scheint den Berufsfindungsprozess jedoch deutlich zu beeinflussen, denn Jugendliche, die insbesondere aufgrund von höheren Schulabschlüssen und besseren Noten eine bessere Marktposition haben, haben einer Studie von Eberhard und Ulrich (2017) zufolge höhere Ansprüche an Betriebe als Jugendliche mit schlechterer Marktposition. Dass auch die „nach innen gerichtete Exploration“ die Entwicklung von beruflichen Neigungen beeinflusst, zeigt sich in empirischen Studien, welche die erwartete Realisierbarkeit von beruflichen Präferenzen über (berufsspezifische) Selbstwirksamkeitserwartungen bzw. berufs(bereichs)bezogene Fähigkeitsselbstkonzepte operationalisieren (vgl. Taskinen, 2010; Frank, 2014). Sie bestätigen, dass Fähigkeitsselbstkonzepte mit der Wahl von Schulfächern (Kursen) und der Herausbildung von Berufswünschen zusammenhängen (vgl. Marsh, 1991; Marsh & Yeung, 1997; Nagy et al., 2006; Rottinghaus, Larson & Borgen, 2003). Gleichwohl reicht das Fähigkeitsselbstkonzept und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten allein nicht zur Erklärung von bestimmten Berufswünschen aus. So zeigen die Ergebnisse von Taskinen, Asseburg und Walter (2008), dass naturwissenschaftliche Kompetenzen und entsprechende Selbstkonzepte nicht zur Erklärung von Berufserwartungen im Bereich „Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik“ (MINT) beitragen. Mädchen meiden „den Beruf Technikerin oder andere nicht akademische MINT-Berufe, die als männerdominiert gelten, auch dann […], wenn sie über gleich hohe mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen sowie über gleich hohe Motivationen verfügen wie Jungen“ (S. 102). Ein höheres naturwissenschaftsbezogenes Fähigkeitsselbstkonzept allein reicht bei jungen Frauen somit nicht aus, um eine Neigung zu einem naturwissenschaftlichen Beruf herauszubilden. Auf weitere, oftmals ähnliche Forschungsbefunde, insbesondere im Kontext der geschlechtstypischen Berufswahl, wird in Kapitel 3.2 noch ausführlicher eingegangen. In einigen empirischen Berufswahlstudien findet sich deshalb die Annahme, dass Realisierbarkeitserwartungen vor allem einen moderierenden Effekt auf den Zusammenhang
55 3.1 Warum zeigen Jugendliche eine Neigung zu Berufen? zwischen beruflichen Interessen und der Neigung zu einem Beruf haben (vgl. Taskinen, 2010; Frank, 2014; Eccles, 1983; Eccles, 1987). Die Wahrnehmung schlechter Chancen, die Jugendliche sowohl in der „Exploration nach außen“ durch die Wahrnehmung von institutionellen Zugangsbarrieren als auch in der „Exploration nach innen“ durch die Wahrnehmung mangelnder Eignung bzw. mangelnden Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten feststellen können, wirkt sich somit vor allem indirekt auf die Neigung zu bestimmten Berufen aus. Sie kann den Zusammenhang zwischen beruflichen Interessen und der Neigung, einen zu diesen Interessen passenden Beruf zu wählen, abschwächen. Gerade bei Jugendlichen mit sehr niedrigen oder keinen Schulabschlüssen und bei sozial benachteiligten Jugendlichen können Realisierbarkeitserwartungen die Berufsfindung erheblich beeinflussen – vor allem dann, wenn aus Misserfolgserfahrungen ein generelles Gefühl der Chancenlosigkeit entsteht, welches in einer erhöhten Selbstselektion verarbeitet wird (vgl. Prager & Wieland, 2005; Dombrowski, 2015; Granato, 2013). Empirisch manifestiert sich ein solcher Selbstausschluss beispielsweise darin, dass Schüler Zweifel daran äußern, einen passenden Beruf zu finden (vgl. Prager & Wieland, 2005, S. 7), dass sie keinerlei Berufswünsche äußern (vgl. Solga, 2004, S. 55) oder sich gar nicht erst um einen Ausbildungsplatz bewerben (vgl. Pfahl, 2004; Krekel & Ulrich, 2009). Die Relevanz von Berufskenntnissen Trotz der zunehmenden Zahl von Berufsorientierungsmaßnahmen, die in den vergangenen Jahren angesichts der aktuellen Problemlagen auf dem Ausbildungsund Arbeitsmarkt initiiert wurden und die zum Großteil darauf abzielen, jungen Menschen Kenntnisse über die Berufswelt und über bestimmte Berufe zu vermitteln, liegen zur Relevanz von Berufskenntnissen im Berufsfindungsprozess bislang nur wenige empirische Untersuchungen vor. Oftmals orientieren sich diese Studien primär an den subjektiven Nutzeneinschätzungen der teilnehmenden Schüler (vgl. Steiner, Arnoldt & Furthmüller, 2017, S. 394). Wenngleich die Validität retrospektiver Nutzeneinschätzungen grundsätzlich zu hinterfragen ist (vgl. Beicht & Ulrich, 2010), liefern entsprechende Befragungen erste indirekte Hinweise zur Relevanz von Berufskenntnissen. Sie weisen darauf hin, dass Schüler und junge Berufswähler generell beruflichen Erfahrungen – und damit verbunden auch Berufskenntnissen – eine wichtige Bedeutung beimessen. Prager und Wieland (2005) stellen z. B. fest, dass Jugendliche eigene Erfahrungen in einem Beruf, die sie etwa durch Praktika gesammelt haben, für eine zentrale Einflussgröße auf ihre Berufswahlentscheidung halten. Indirekte Hinweise auf die Relevanz von Berufskenntnissen im Berufsfindungsprozess liefern zudem empirische Studien, die sich mit der Relevanz von Medien beschäftigen. Während digitale Medien wie Online-Foren, soziale Medien oder Videos eher zur Suche von Detailinformationen über konkrete Ausbildungsoder Studiengänge und nur relativ selten für die allgemeine Berufsorientierung genutzt werden (vgl. Müller & Blaich, 2014), hat insbesondere das Fernsehen nach wie vor einen starken Einfluss auf die Berufsorientierung junger Menschen. Basierend auf den Forschungsarbeiten zum sogenannten „CSI-Effekt“, welcher
3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand 62 der Anwendung auf die Berufsfindung meistens über die Interessen operationalisiert (vgl. z. B. Köller et al., 2000; Köller, Schnabel & Baumert, 2001; Taskinen, 2010; Frank, 2014)7; und der intervenierende Effekt von Realisierbarkeitserwartungen und der Urteilssicherheit wird gewöhnlich im Zusammenhang mit der Tätigkeitspassung geprüft. Doch reicht dies aus, um die Tätigkeitspassung eindeutig den Attraktionsfaktoren zuzuordnen? Könnte eine mangelnde Tätigkeitspassung nicht ebenso gut als Aversionsfaktor betrachtet werden? Die eindeutige Zuordnung der Tätigkeitspassung zu den Attraktionsoder Aversionsfaktoren mithilfe der Wert-Erwartungs-Theorie wird zusätzlich dadurch erschwert, dass die Tätigkeitspassung keineswegs der einzige Faktor ist, der in der bisherigen Forschung als Wertkomponente betrachtet wird. Denn extrinsische Faktoren werden beispielsweise von Eccles und Kollegen (vgl. Eccles, 1983, 1987; Wigfield & Eccles, 2000) ebenso zur Wertkomponente gezählt. Sowohl die oben dargestellten Theorien als auch die bisherigen Forschungsbefunde, die Interaktionseffekte durch die Erwartungskomponenten Realisierbarkeitserwartungen und Berufskenntnisse prüfen, legen somit nahe, dass auch die Rahmenbedingungspassung und die soziale Passung als Wertkomponente bzw. Attraktionsfaktor verstanden werden könnten. Wenn jedoch sowohl die Tätigkeitspassung als auch die Rahmenbedingungspassung und die soziale Passung als Attraktionsfaktoren gesehen werden, stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis diese verschiedenen Attraktionsfaktoren zueinander stehen. In den bisher vorgestellten Theorien und Forschungsbefunden werden sie selten alle zusammen untersucht, und wenn doch, gewöhnlich additiv miteinander verknüpft (vgl. Granato et al., 2016). Vor dem Hintergrund der hier aufgeworfenen Frage nach Gründen für den Ausschluss von Berufen erscheint es jedoch gewinnbringend, diese Verknüpfung kritisch zu hinterfragen. Wie stehen Jugendliche z. B. Pflegeberufen gegenüber, wenn sie sich für pflegende Tätigkeiten interessieren (hohe Tätigkeitspassung), gleichzeitig jedoch vor Schichtarbeit zurückschrecken (geringe Rahmenbedingungspassung)? Wie wird ein handwerklicher Beruf von Jugendlichen bewertet, die sich für handwerkliche Tätigkeiten interessieren (hohe Tätigkeitspassung), die aber in einer traditionsreichen Akademikerfamilie aufwachsen, die von ihnen die Aufnahme eines Studiums erwartet (geringe soziale Passung)? Und wie bewerten ebendiese Jugendlichen andersherum einen milieuadäquaten akademischen Beruf (hohe soziale Passung), dessen Tätigkeitsprofil aber gar nicht zu ihren Interessen passt (geringe Tätigkeitspassung)? Während die Einordnung der Einflussfaktoren „(mangelnde) Realisierbarkeit“ und „(mangelnde) Urteilssicherheit“ als Aversionsfaktoren durch die zuvor dargestellte Forschung theoretisch und empirisch gestützt wird, lässt sich basierend auf den bisher vorgestellten Theorien und Forschungsbefunden weder die Tätigkeitspassung noch die Rahmenbedingungspassung oder die soziale Passung eindeutig verorten. Die folgende Beschäftigung 7 Nach Wigfield und Eccles (2000) besteht die Wertkomponente aus einer Kombination der Merkmale Wichtigkeit, intrinsischer Wert, Nützlichkeit und Kosten. Da diese aber hoch korrelieren, erfolgt in empirischen Untersuchungen die Operationalisierung der Wertkomponente oftmals über die Interessen (vgl. Frank, 2014).
63 3.2 Warum werden Berufe in der Berufsfindung ausgeschlossen? mit Theorien und Forschungsbefunden, die sich bereits stärker mit der Frage nach Gründen für den Ausschluss von Berufen beschäftigt haben, soll diesbezüglich Klarheit bringen. 3.2 Warum werden Berufe in der Berufsfindung ausgeschlossen? Nachdem im vorherigen Kapitel der Fokus auf Berufswahltheorien und Forschungsbefunden lag, die erklären, warum Menschen eine Neigung zu bestimmten Berufen zeigen, sollen in diesem Kapitel jene Theorien und Forschungsbefunde vorgestellt werden, die sich zumindest indirekt mit der Frage beschäftigen, warum bestimmte Berufe in der Berufsfindung ausgeschlossen werden. Hierbei soll überprüft werden, ob es weitere Anhaltspunkte dafür gibt, dass die „Erwartungsfaktoren“, welche in Kapitel 3.1.4 identifiziert wurden, tatsächlich Aversionsfaktoren sind und damit wesentlich zur Erklärung des Ausschlusses von Berufen beitragen. Von besonderem Interesse ist des Weiteren die Relevanz der bisher nicht eindeutig zuordenbaren Einflussfaktoren Tätigkeitspassung, Rahmenbedingungspassung und soziale Passung. Hierfür wird im Folgenden zunächst auf die Eingrenzungsund Kompromisstheorie (Theory of Circumscription and Compromise) der US-amerikanischen Psychologin Linda S. Gottfredson (1981, 1996, 2002, 2005) eingegangen. Laut Gottfredson gilt das Forschungsinteresse ihrer Theorie explizit der Frage, warum Menschen eine Neigung zu bestimmten Berufen entwickeln: “Like Holland’s theory, it tries to explain why people are attracted to particular occupations” (Gottfredson, 1981, S. 546; eigene Hervorhebung). Auch diese Theorie beschäftigt sich somit explizit eher mit Attraktionsfaktoren in der Berufsfindung. Gerade durch ihren interdisziplinären und integrativen Charakter liefert die Theorie jedoch wichtige Anhaltspunkte für die Überprüfung der Annahme, dass es im Berufsfindungsprozess neben Attraktionsfaktoren auch Aversionsfaktoren gibt. Ausgehend von der Beschäftigung mit Gottfredsons Theorie (vgl. Kapitel 3.2.1) werden in diesem Kapitel weitere theoretische Erklärungsansätze und Forschungsarbeiten vorgestellt, die dazu beitragen, den Ausschluss von Berufen in der Berufsfindung zu verstehen (vgl. Kapitel 3.2.2). Daran anschließend werden zentrale Befunde aus der Forschung zu geschlechts(un)typischen Berufswahlen skizziert, mithilfe derer sich überprüfen lässt, inwiefern die identifizierten Aversionsfaktoren auch beim Ausschluss geschlechtsuntypischer Berufe von Bedeutung sind (vgl. Kapitel 3.2.3). 3.2.1 Die Eingrenzungsund Kompromisstheorie von Gottfredson Ähnlich wie andere zuvor vorgestellte Berufswahltheorien postuliert auch Gottfredson, dass die Berufsfindung ein Entwicklungsprozess ist, der in der Kindheit beginnt und sich über mehrere Entwicklungsstufen erstreckt. Heranwachsende bilden in dieser Zeit Selbstkonzepte und Berufskonzepte aus. Während Gottfredsons Verständnis vom Berufskonzept (“a generalization a person makes about a particular occupation”, Gottfredson, 1981, S. 547) dem Konzept entspricht, das auch bei den zuvor zitierten Theorien in Kapitel 3.1 gebraucht wur-
3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand 64 de, unterscheidet sich ihr Selbstkonzept-Verständnis deutlich von dem, wie es zuvor z. B. im Zusammenhang mit der Theorie Hollands oder Supers genutzt wurde. Nach Gottfredson ist das Selbstkonzept zu verstehen als “one’s view of oneself, one’s view of who one is and who one is not” (Gottfredson, 1981, S. 546f.), wobei auch persönliche Erwartungen und Wünsche in Bezug auf die Zukunft Teil dieses Selbstkonzepts sind. Neben individuellen Interessen, Wertvorstellungen und Fähigkeiten, welche Gottfredson als „das psychologische Selbst“ bezeichnet, besteht das Selbstkonzept somit auch aus öffentlich sichtbaren bzw. zugeschriebenen Attributen, wie dem Geschlecht oder der sozialen Stellung (Gottfredson, 1981, S. 546). Diese Komponente, „das soziale Selbst“, spielt nach Gottfredson im Berufsfindungsprozess eine besonders wichtige Rolle. Bevor hierauf näher eingegangen wird, sollen jedoch zunächst die Grundzüge der Theorie dargestellt werden. Die Grundannahme der Eingrenzungsund Kompromisstheorie ist, dass ein Individuum im Laufe seiner Entwicklung vom Kind zum jungen Erwachsenen auf der einen Seite Vorstellungen über die eigene Person (Selbstkonzepte) und auf der anderen Seite Vorstellungen über bestimmte Berufe (Berufskonzepte) entwickelt und in einem (teilweise vorbewussten) Prozess bewertet, wie gut bestimmte Berufskonzepte zum eigenen Selbstkonzept passen. Auf diese Weise entwickelt sich eine „Zone akzeptabler Berufsalternativen“ (Gottfredson, 1981, S. 548), welche in Abhängigkeit von der Entwicklungsstufe durch unterschiedliche Faktoren zunehmend eingegrenzt wird. Die Eingrenzung beruflicher Aspirationen in vier Entwicklungsstufen Der Prozess der Eingrenzung beruflicher Aspirationen erfolgt nach Gottfredson in vier Phasen. Die erste Phase (“Orientation to size and power”) beginnt bereits im Vorschulalter. Zwischen drei und fünf Jahren entwickeln Kinder Vorstellungen davon, was es heißt, erwachsen zu sein. Dabei erkennen sie, dass Erwachsensein mit Berufsrollen verknüpft ist. Sie lassen frühkindliche Vorstellungen hinter sich, sie könnten später einmal Tiere oder Phantasiegestalten, wie z. B. Prinzessinnen, werden. Stattdessen entwickeln sie Präferenzen für Erwachsenenrollen, die sie mit Größe und Macht verbinden (vgl. Gottfredson, 1981, S. 558f.). In der zweiten Phase (“Orientation to sex roles”), zwischen sechs und acht Jahren, entwickeln Kinder ein geschlechtsspezifisches Selbstkonzept. Sie erkennen zum Beispiel, dass sie ihr Geschlecht nicht einfach durch die Veränderung ihres Haarschnitts oder anderer äußerer Merkmale verändern können (vgl. Gottfredson, 1981, S. 559). Gleichzeitig verinnerlichen Heranwachsende in dieser Phase zunehmend typische Geschlechtsrollen von Männern und Frauen. Vor dem Hintergrund ihrer Sozialisationserfahrung zeigen sie eine geschlechtsspezifische Wahrnehmung von Berufen und unterscheiden zwischen typischen „Frauenberufen“ und typischen „Männerberufen“. Nach ihren Berufswünschen gefragt, äußern sie deshalb auch zunehmend geschlechtstypische Berufswünsche. Die „Zone der akzeptablen Alternativen“ wird somit schon recht früh durch eine „tolerable Geschlechtstypgrenze“ (tolerable sex-type boundary) eingeschränkt – Berufe, die außerhalb dieser Geschlechtstypgrenze liegen, werden ausgeschlossen.
65 3.2 Warum werden Berufe in der Berufsfindung ausgeschlossen? In der dritten Phase (“Orientation to social valuation”) nehmen Jugendliche verstärkt herkunftsbedingte soziale Unterschiede wahr und werden sich darüber bewusst, dass unterschiedliche Berufe mit unterschiedlichem Prestige verbunden sind: “By age nine (grade 4), youngsters start to recognize the more obvious symbols of a person’s social class (clothing, speech, behavior, possessions brought to school), and by age thirteen (grade 8) most rank occupations in prestige the same way adults do” (Gottfredson, 2005, S. 14). Nach ihren Berufswünschen gefragt, beginnen Kinder jene Berufe zu nennen, deren Prestigeniveau gewisse Mindestanforderungen erfüllt. Wo diese Mindestanforderungen liegen, ist dabei abhängig vom eigenen sozialen Umfeld. Zu der Geschlechtstypgrenze kommt somit eine untere Toleranzgrenze, die das Prestige von Berufen betrifft. Wo diese Grenze verläuft, ist dabei stark abhängig vom Umfeld des Berufswählers, da dieses die Mindestanforderungen an das Prestigeniveau eines Berufes definiert, „das den Erwartungen der Eltern und ihrer Umwelt entspricht und sie vor Kritik und Zurückweisung schützt“ (Ratschinski, 2009, S. 55). Es ist also weniger das gesamtgesellschaftliche Prestige, das man Berufen zuschreibt, welches nach Gottfredson für die Berufswahl relevant ist, sondern vielmehr die vermutete Bewertung dieses Berufes im eigenen sozialen Umfeld. In den ersten drei Phasen findet somit bereits ein vorbewusster Eingrenzungsprozess statt. Lange bevor Heranwachsende sich bewusst Gedanken darüber machen, welche beruflichen Tätigkeiten zu ihren Interessen passen könnten, lernen sie anhand zweier zentraler Dimensionen – der Geschlechtskohärenz und der Prestigeadäquanz – Berufe zu klassifizieren und grenzen ihre Zone der akzeptablen Alternativen schrittweise ein (vgl. Gottfredson, 1981). Auf diese Weise bildet sich laut Gottfredson eine „kognitive Landkarte“ von Berufen aus, die über verschiedene Personengruppen hinweg ähnlich gestaltet ist (Universalitätsannahme), auf der sich anschließend jedoch durch individuelle Geschlechtstypund Prestigegrenzen individuelle berufliche Aspirationsfelder herausbilden. Diese kognitive Langkarte und die im Eingrenzungsprozess entstehende „Zone akzeptabler Alternativen“ lässt sich mithilfe eines Koordinatensystems abbilden, in dem der Geschlechtstyp der Berufe auf der Abszisse und das Prestigeniveau der Berufe auf der Ordinate abgetragen werden (vgl. Abbildung 3). Berufe, die aufgrund ihres Geschlechtstyps als unpassend wahrgenommen werden, liegen außerhalb der tolerablen Geschlechtstypgrenze (tolerable sextype boundary); Berufe, die aufgrund des vermuteten Prestiges als unpassend wahrgenommen werden, liegen unterhalb der unteren Toleranzgrenze (tolerable level boundary). Da Jugendlichen in der dritten Entwicklungsphase außerdem bewusst wird, dass die Verwirklichung bestimmter Berufswünsche von ihren Fähigkeiten und von Zugangschancen abhängt, wird das Aspirationsfeld durch die wahrgenommene eigene Leistungsfähigkeit und die Bereitschaft des zu investierenden Aufwands zusätzlich durch eine obere Aufwandsgrenze (tolerable effort boundary) begrenzt (vgl. Gottfredson, 1981, S. 558; 2002, S. 91). Geht also z. B. ein Jugendlicher mit Realschulabschluss davon aus, dass der zu investierende Aufwand zum Ergreifen des Berufes eines Bankkaufmanns zu hoch ist, so wird dieser – selbst
3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand 66 wenn das Prestige als hoch eingeschätzt wird – ebenfalls aus der Zone der akzeptablen Alternativen ausgeschlossen. Nachdem junge Menschen im Laufe ihrer kindlichen Entwicklung graduell all jene Berufe ausgeschlossen haben, die sie für geschlechtsuntypisch, prestigeinadäquat und zu aufwändig zu erreichen halten, ist die Zone der akzeptablen Alternativen somit bereits stark begrenzt. Innerhalb dieser Zone lassen sich nach Gottfredson sowohl idealistische Berufsaspirationen (im oberen Bereich, in dem zur Verwirklichung ein höherer Aufwand erforderlich ist) als auch realistische Berufsaspirationen (durch Erwartungen einer leichteren Zugänglichkeit eher im unteren Prestigebereich) verorten (vgl. Gottfredson, 1981, S. 558; Engin, 2016, S. 35). Erst in der vierten Phase (“Orientation to the internal, unique self”), wenn etwa ab dem Alter von 14 Jahren die emotionale Verunsicherung der Pubertät beginnt, „werden Fragen der Berufswahl Gegenstand bewusster Wahrnehmung“ (Ratschinski, 2009, S. 56). Der Abgleich von beruflichen Interessen und Tätigkeiten, das zentrale Element Hollands Berufswahltheorie, findet bei Gottfredson somit erst in der letzten Phase der beruflichen Orientierung statt. Innerhalb des vorher abgesteckten stark reduzierten Suchraumes (der Zone der akzeptablen Alternativen) werden nun die eigenen Interessen, Fähigkeiten und Werte reflektiert und mit Berufskonzepten verglichen. „An dieser Stelle integriert Gottfredson vollständig Hollands Interessenmodell“ (ibid.), d. h., auch hier wird davon ausgegangen, dass sich berufliche Interessen und berufliche Umwelten entlang der RIASEC-Typologie unterscheiden lassen. Abbildung 3: Die Zone der akzeptablen Alternativen nach Linda S. Gottfredson Quelle: Gottfredson 1981, S. 557; eigene Darstellung Obere Aufwandsgrenze Prestigeniveau hoch Geschlechtstyp der Berufe sehr maskulin sehr feminin Zone akzeptabler Alternativen niedrig
67 3.2 Warum werden Berufe in der Berufsfindung ausgeschlossen? Insgesamt erfolgt die Berufsfindung Gottfredson zufolge also durch die Elimination unpassender Alternativen statt durch die Auswahl einer optimalen Alternative. Kompromisse Neben der schrittweisen Eingrenzung des beruflichen Aspirationsfeldes spielen in Gottfredsons Theorie Kompromisse eine zentrale Rolle. Wenn der Zeitpunkt einer Entscheidung für einen Beruf bzw. eine Berufsausbildung näher rückt, erfolgt eine Überprüfung, inwiefern Berufsaspirationen realisierbar sind (vgl. Gottfredson, 2002, S. 100). Infolge eines eingeschränkten Angebots und institutioneller Zugangsbeschränkungen begreifen Jugendliche, dass es Grenzen des Machbaren gibt, die nicht oder nur unter großem Aufwand überwunden werden können. In ihren ersten Arbeiten konzeptualisiert Gottfredson den daraus resultierenden Kompromissprozess als Umkehrung des Eingrenzungsprozesses: “Gender self-concept will be the most strongly protected aspect of self, followed by the maintenance of one’s social standing or worth, that is, one’s social class and ability self-concepts” (Gottfredson, 1981, S. 572). Ist die Berufswahl also z. B. infolge eines angespannten Ausbildungsmarktes schwierig, wird die Person nach Gottfredson besonders daran festhalten, keine aus ihrer Sicht geschlechtsinkongruenten Berufe zu wählen. Sind weitere Kompromisse erforderlich, wird sie eher bei ihren beruflichen Interessen Einschränkungen hinnehmen als bei der Prestigeadäquanz (Gottfredson, 1981, S. 549). Aufgrund uneinheitlicher Forschungsbefunde wurde diese eindeutige Prioritätenreihenfolge von Gottfredson später überarbeitet (vgl. Gottfredson, 1996). In der Aktualisierung ihrer Theorie geht sie davon aus, dass es „bedingte Prioritäten“ gibt, d. h., dass je nach Stärke des Kompromisses entweder Geschlecht, Prestige oder Interessen an Wichtigkeit gewinnen (vgl. auch Ratschinski, 2009, S. 60). Bezüglich des Zeitpunkts der Kompromissphase geht aus Gottfredsons Theorie deutlich hervor, dass diese nicht erst im Zuge von konkreten Übergangsanforderungen und Entscheidungsnöten beginnt, sondern dass vielmehr auch antizipatorische Kompromisse die Berufsfindung beeinflussen können: “Compromise can occur either in anticipation of external barriers (anticipatory compromise) or after they are encountered (experiential compromise)” (Gottfredson, 2002, S. 93). Empirische Befunde Gottfredsons Theorie war und ist nach wie vor Gegenstand zahlreicher empirischer Überprüfungen, wobei sich die meisten Arbeiten nur auf einzelne Theorieelemente beziehen. Die Befunde der Studien sind zum Teil uneinheitlich und einzelne Theorieelemente haben sich als empirisch nicht haltbar erwiesen (vgl. Ratschinski, 2009; Engin, 2016; Ziegler & Steinritz, 2015b). So gilt zum Beispiel die von Gottfredson postulierte Universalitätsannahme in Bezug auf die Entstehung von Berufskonzepten (vgl. Gottfredson, 1981, S. 551) als strittig: Den Ergebnissen einer Studie von Tomasik und Heckhausen (2006) zufolge ist die Bewertung des Prestiges von Ausbildungsberufen nicht bei verschiedenen Personengruppen gleich, son-
3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand 68 dern hängt vom sozialen Hintergrund der Befragten ab. So „schätzen Jugendliche aus Stadtbezirken mit niedrigem Sozialstatus die Ausbildungsberufe höher ein […] als Gleichaltrige mit mittlerem Sozialstatus“ (S. 267). Die Aufwertung von Berufen, die der eigenen sozialen Herkunft nahe sind, lässt sich durch selbstwertdienliche Prozesse begründen (vgl. Heckhausen & Tomasik, 2002, S. 262), welche sich auch bei der Bewertung eigener Wunschberufe zeigen (vgl. Ratschinski, 2009, S. 115ff.). Ebenfalls zu hinterfragen ist Gottfredsons Annahme, dass die berufliche Entwicklung ein stetiger Eingrenzungsprozess ist, der mit einer endgültigen Festlegung endet (vgl. Steinritz, Lehmann-Grube & Ziegler, 2016). Während die Befunde von Ratschinski (2009) die Annahme eines sukzessive kleiner werdenden Aspirationsfelds (Eingrenzungshypothese) stützen, konnte diese Annahme in Studien von Steinritz et al. (2016) nur eingeschränkt bestätigt werden: „Lediglich auf der Prestigedimension zeigt sich bei weiblichen und männlichen Jugendlichen der 10. Klasse gegenüber der 6. Klasse eine geringe Spanne des beruflichen Aspirationsfeldes“ (S.97). Zudem zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Eingrenzung des beruflichen Aspirationsfeldes, die insbesondere damit zusammenhängen, dass weibliche Jugendliche eine flexiblere Geschlechtsrollenorientierung aufweisen als männliche Jugendliche (vgl. Ratschinski, 2009; Ziegler & Steinritz, 2015b). Im Großen und Ganzen konnten jedoch „wichtige Aspekte der Theorie der Eingrenzung und Kompromissbildung von Gottfredson bestätigt werden“ (Ratschinski, 2009, S. 177). So gilt es z. B. als unstrittig, dass sich Kinder schon sehr früh mit realen Berufsrollen auseinandersetzen und frühzeitig, zum Teil sogar bereits im Vorschulalter, geschlechtstypische Berufswünsche nennen (vgl. Henderson, Hesketh & Tuffin, 1988; Trice & Rush, 1995; Levy, Sadovsky & Troseth, 2000; Hartung, Porfeli & Vondracek, 2005). Konsistent mit Gottfredsons Annahmen zeigen die Befunde von Henderson et al. (1988) und Sastre und Mullet (1992) zudem, dass der soziale Status erst in der dritten Entwicklungsphase (also ab dem neunten Lebensjahr) die beruflichen Präferenzen beeinflusst. Von besonderer Bedeutung für den Kontext dieser Arbeit ist eine empirische Studie von Ziegler, Steinritz und Kayser (2013), die im Rahmen einer qualitativ angelegten Teilstudie explizit das Ziel verfolgen, „zu identifizieren, mit welchen Argumenten Jugendliche die Eingrenzung bzw. Ausgrenzung von Berufen begründen“ (Ziegler & Steinritz, 2015b, S. 10; eigene Hervorhebung). Die Studie liefert wichtige Hinweise bezüglich der Zuordnung von Einflussfaktoren als Attraktionsoder Aversionsfaktoren und soll deshalb im Folgenden ausführlicher vorgestellt werden. Mithilfe einer Kombination aus narrativen und lenkenden Interviewtechniken (Konstruktinterviews) wurden im Rahmen der Studie Schüler der 6. und 10. Klassen an Gymnasien, Haupt-, Realund Gesamtschulen sowie Schüler an beruflichen Schulen in Klassen des sogenannten Übergangsbereichs gefragt, wie sie zu ihren Wunschberufen gekommen sind und warum sie andere Berufe ausgeschlossen haben. Die Antworten wurden mithilfe einer strukturierenden Inhaltsanalyse zu insgesamt sechs Faktoren zusammengefasst: Anspruch/ Ansehen, Anstrengung, Bezahlung, Geschlecht, Interesse und Perspektive. Es zeigt sich, dass
69 3.2 Warum werden Berufe in der Berufsfindung ausgeschlossen? „Interesse“ der am häufigsten genannte Grund für die Eingrenzung von Wunschberufen ist. So argumentiert eine 12-jährige Schülerin: „Ich finde den Beruf Köchin interessant, weil man dort auch z. B. Rezepte selber machen kann, sie veröffentlichen kann“ (Ziegler, Steinritz & Kayser, 2013, S. 311). Dieser Befund untermauert zunächst die Annahme, dass die „Tätigkeitspassung“ den zentralen Attraktionsfaktor in der Berufsfindung darstellt. Den Befunden der Studie ist jedoch auch zu entnehmen, dass „Interesse“ gleichzeitig der am häufigsten genannte Grund für die Ausgrenzung von Berufen ist. Ist die „Tätigkeitspassung“ somit sowohl ein möglicher Attraktionsals auch ein möglicher Aversionsfaktor? Aus Sicht der Schüler ist dies möglicherweise der Fall, wenngleich „(mangelndes) Interesse“ deutlich seltener als Grund für die Ausgrenzung denn als Grund für die Eingrenzung genannt wird. Doch sollte dieser Befund mit Vorsicht interpretiert werden. Denn zunächst gilt es zu bedenken, dass sich die in der Studie als „Interessen“ benannte Kategorie nur teilweise auf spezifische Tätigkeitsinteressen bezieht. Teilweise handelt es sich auch um „allgemeine Interessen“, welche sich z. B. auf den Arbeitsort oder die Klientel, mit der man in einem bestimmten Beruf Kontakt hat, beziehen (vgl. Ziegler et al., 2013, S. 312). Diese Aspekte wären in der vorliegenden Arbeit eher der Rahmenbedingungspassung zuzuordnen und es ist möglich, dass es besonders solche Aspekte sind, die von den Befragten Schülern als Ausgrenzungsmotive genannt wurden (auf Grundlage der publizierten Ergebnisse nicht überprüfbar). Angesichts der Bedeutung unbewusster Prozesse in der Berufsfindung ist es darüber hinaus naheliegend, dass sich Jugendliche nicht aller Motive, die der Ausgrenzung bestimmter Berufe zugrunde liegen, bewusst sind. Die Bekundung „mangelnden Interesses“ als Grund für die Ausgrenzung von Berufen könnte entsprechend auch auf andere Faktoren zurückzuführen sein, wie – entsprechend Gottfredsons Theorie – einer mangelnden Geschlechtsoder Prestigeadäquanz. Wenngleich diese Gründe von Schülern selbst nicht häufig als entscheidende Ausschlussgründe reflektiert und verbalisiert werden, so erhärten die Befunde von Ziegler et al. (2013) diese These: Sowohl der Faktor „Geschlecht“ als auch der Faktor „Anspruch/Ansehen“ werden von den Befragten zwar insgesamt selten genannt – wenn, dann aber hauptsächlich im Zusammenhang mit der Ausgrenzung bestimmter Berufe. Die Autoren ergänzen, dass sich trotz der eher seltenen expliziten Nennung des Berufsprestiges als Ausgrenzungsmotiv „diverse Äußerungen zu Verdienstmöglichkeiten und Bildungsinvestitionen als statusmotiviert interpretieren (lassen)“ (Ziegler & Steinritz, 2015b, S. 11). Dass die Ausgrenzung von Berufen relativ selten explizit durch eine mangelnde Geschlechtsoder Prestigeadäquanz begründet wird, ist zudem konsistent mit den Annahmen der Impression-Management-Theorie und der Vermutung, dass ein offenes Bekenntnis zur Relevanz von Geltungsmotiven der eigenen Selbstdarstellung eher abträglich sein dürfte (vgl. Krewerth & Ulrich, 2004). Auf die Impression-Management-Theorie und ihre Bedeutung für die Berufsfindung wird im folgenden Kapitel 3.2.2 noch ausführlich eingegangen. Doch nicht nur die Faktoren „Geschlecht“ und „Anspruch/Ansehen“ werden von den befragten Jugendlichen deutlich häufiger in der Begründung der Ausgrenzung von Berufen als
3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand 70 in der Begründung der Eingrenzung von Berufen genannt. Für die in dieser Arbeit interessierende Verortung der Rahmenbedingungspassung besonders bedeutsam ist außerdem der Befund, dass auch die (vermutete) Anstrengung insbesondere ein Ausgrenzungsmotiv ist: Während kaum ein Befragter angibt, einen bestimmten Beruf aufgrund geringer Belastungen in sein Aspirationsfeld eingeschlossen zu haben, erklären fast die Hälfte der Befragten, einen bestimmten Beruf aus dem Aspirationsfeld ausgeschlossen zu haben, weil er zu anstrengend wäre (vgl. Ziegler et al., 2013, S. 310). Hinsichtlich des Faktors „Bezahlung“ sind die Ergebnisse gleichwohl weniger eindeutig: Der Aspekt wird von den Befragten insgesamt zwar selten, aber fast gleich häufig als Grund für die Eingrenzung und als Grund für die Ausgrenzung von Berufen angeführt. Eine vorhandene Rahmenbedingungspassung könnte somit durchaus auch als Attraktionsfaktor verstanden werden, wobei zu hinterfragen wäre, inwiefern eine extrinsische Motivation wie „viel Geld verdienen“ nicht letztlich auch primär auf Anerkennungsbedürfnissen bzw. der Vermeidung von Ansehensverlusten beruht. Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Tätigkeitspassung ein wichtiger Grund für die Entstehung von beruflichen Neigungen ist, der Ausschluss aber zumindest auch durch andere Faktoren erklärt werden kann. Entsprechend der Theorie von Gottfredson spielt hier eine mangelnde Geschlechtsund Prestigeadäquanz eine Rolle, doch auch die wahrgenommenen Rahmenbedingungen. Wenngleich sich auf Grundlage der dargestellten Befunde keine eindeutige Verortung der Rahmenbedingungspassung im Gesamten vornehmen lässt, so spricht einiges dafür, dass zumindest die Wahrnehmung von Anstrengungen, d. h. von belastenden Rahmenbedingungen, ein Aversionsfaktor in der Berufsfindung ist. Dass die Vermeidung von (insbesondere physischen) Belastungen bei der Orientierung hin zu bestimmten Berufen (also für die Entwicklung einer Neigung) andersherum keine Rolle spielt, deuten neben den Resultaten von Ziegler et al. (2013) z. B. auch die Ergebnisse von Buschbeck und Krewerth (2004) an: „Sehr wenig Relevanz für die Berufswahl sprechen die Jugendlichen vor allem Kriterien zu, die sich auf die physischen Belastungen während der Arbeit beziehen (‚Einen Beruf ohne körperliche Anstrengung ausüben‘, ‚Sich bei der Arbeitsausführung nicht schmutzig machen‘)“ (S. 81). Welche Erkenntnisse lassen sich aus Gottfredsons Theorie und den vorgestellten empirischen Forschungsbefunden hinsichtlich des Ausschlusses von Berufen gewinnen? Angesichts des integrativen und interdisziplinären Charakters der Eingrenzungsund Kompromisstheorie Gottfredsons finden sich die zuvor aus anderen Theorien abgeleiteten Einflussfaktoren im Berufsfindungsprozess auch in ihrer Theorie wieder. Die Theorie ist für die Fragestellung dieser Arbeit und die Suche nach möglichen Aversionsfaktoren von besonderer Bedeutung, denn Gottfredsons Verständnis von Berufsfindung als Prozess der Elimination negativer Alternativen impliziert, dass bestimmte Berufe im Berufsfindungsprozess nach anfänglicher Berücksichtigung schließlich als potenzielle Berufsoption ausgeschlossen werden.
71 3.2 Warum werden Berufe in der Berufsfindung ausgeschlossen? Ihre Ausführungen zur oberen Aufwandsgrenze bekräftigen zunächst einmal die zuvor herausgearbeitete Annahme, dass mangelnde Realisierbarkeitserwartungen als Aversionsfaktor wirken: Berufe, von denen Jugendliche annehmen, dass sie z. B. aufgrund bestimmter Zugangsbeschränkungen für sie nicht erreichbar sind, werden aus der Zone der akzeptablen Alternativen ausgeschlossen. Besonders aufschlussreich für die Beschäftigung mit der Frage nach Aversionsfaktoren in der Berufsfindung ist Gottfredsons Theorie jedoch vor allem, weil sie deutliche Hinweise darauf liefert, wie die zuvor nicht eindeutig zuordenbaren Einflussfaktoren „Tätigkeitspassung“ und „soziale Passung“ zusammenwirken. Um dies zu verdeutlichen, ist es nützlich, noch einmal auf Gottfredsons Unterscheidung zwischen dem psychologischen Selbst (individuelle Interessen, Wertvorstellungen und Fähigkeiten) und dem sozialen Selbst (öffentlich sichtbare bzw. zugeschriebene Attribute, z. B. Geschlecht oder soziale Stellung) zurückzukommen. Denn eine der zentralsten Annahmen Gottfredsons ist es, dass die berufliche Entwicklung „in erster Linie der Versuch [ist], ein soziales Selbst und erst in zweiter Linie ein psychologisches Selbst zu etablieren“ (Ratschinski, 2009, S. 54). Neigungen und Fähigkeiten sind deshalb nur „weiche Prädiktoren“, die zum Ende der beruflichen Entwicklung eine gewisse Rolle spielen – die sehr viel stärkeren (und deshalb früher wirksamen) Prädiktoren sind die Geschlechtstradition und das Prestige eines Berufes (vgl. Ratschinski, 2009, S. 26). Lange bevor Berufe aufgrund von Bedenken bezüglich der Realisierbarkeit aus dem Aspirationsfeld junger Menschen ausgeschlossen werden, werden sie laut Gottfredson aufgrund von mangelnder Geschlechtsoder Prestigeadäquanz ausgeschlossen. Der Grund für den Ausschluss von geschlechtsuntypischen und prestigeinadäquaten Berufen ist, dass Personen im Berufsfindungsprozess aufgrund von menschlichen Anerkennungsbedürfnissen vor allem nach einer vorteilhaften Verortung im sozialen Raum suchen: “We are social beings and therefore exquisitely sensitive to where we fit, or would like to fit, into society. Vocational choice is a highly public way of asserting who we are“ (Gottfredson, 2005, S. 12) und weiter “Vocational choice to this point therefore seems to be mostly a byproduct of wanting to belong, be respected, and live a comfortable life as defined by one’s reference group” (Gottfredson, 2005, S. 16). Gottfredsons Erklärungsansatz bringt damit einen der Berufsfindung zugrundeliegenden Mechanismus zur Sprache, der zuvor selten so explizit thematisiert wurde: Das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung und nach einer vorteilhaften Verortung im sozialen Raum, wobei die Referenzgröße die vermutete Anerkennung des eigenen sozialen Umfelds ist (vgl. Gottfredson, 2005; Steinritz, Kayser & Ziegler, 2012). Begreift man das Streben nach einer „sozialen Passung“ als Ausdruck von Anerkennungsbedürfnissen, so kann Gottfredsons Theorie dabei helfen, den Zusammenhang von Tätigkeitspassung und sozialer Passung zu verstehen. Denn geht ein Individuum davon aus, dass das Ergreifen eines bestimmten Berufes zu Anerkennungsverlusten im eigenen sozialen Umfeld führen würde (etwa weil der Beruf nicht geschlechtsund/oder prestigeadäquat ist), so wird dieser Beruf der Theorie zufolge aus der Zone der akzeptablen Alternativen ausgeschlossen und gar nicht erst einem Abgleich mit eigenen beruflichen Interessen unterzogen.
3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand 78 lohnung (vgl. Achatz, Gartner & Glück, 2005) und der Aufstiegsund Karrieremöglichkeiten (vgl. Kleinert et al., 2007) einher („vertikale Geschlechtersegregation“). Vor diesem Hintergrund gehört die Frage, warum geschlechtstypische Berufe gewählt bzw. geschlechtsuntypische Berufe vermieden werden, zu den zentralen Fragestellungen in der Frauen-, Geschlechterund Berufswahlforschung. Da die Erforschung von geschlechtstypischem Berufswahlverhalten die Beschäftigung mit Gründen für den Ausschluss geschlechtsuntypischer Berufe impliziert, stellt sich die Frage, ob die Erkenntnisse dieses Forschungsfeldes die in der vorliegenden Arbeit getroffenen Annahmen bezüglich der Bedeutung von Aversionsfaktoren in der Berufsfindung stützen. Dieses Unterkapitel beleuchtet deshalb, ob sich die in dieser Arbeit als „Aversionsfaktoren“ bezeichneten Einflussfaktoren auch in diesem Forschungskontext wiederfinden. Mithilfe exemplarischer Forschungsbefunde wird daher überprüft, inwiefern Erwartungen der Realisierbarkeit, der Urteilssicherheit, der sozialen Passung und der Rahmenbedingungspassung beim Ausschluss geschlechtsuntypischer Berufe eine Rolle spielen. Die Relevanz von Realisierbarkeitserwartungen Erwartungen der Realisierbarkeit werden in Erklärungsansätzen zur geschlechtstypischen Berufswahl insbesondere in dem „Ansatz der biografischen Konstruktion“ thematisiert. Dieser Erklärungsansatz hebt die Bedeutung von Realitätsanpassungen hervor, die im Berufsfindungsprozess in Antizipation von strukturellen Barrieren des Berufsbildungssystems und des Ausbildungsmarktes stattfinden. So wird davon ausgegangen, dass es sich bei einem geschlechtsspezifischen Berufswunsch oftmals „nicht um den Wunschberuf handelt, sondern dieser ein Kompromiss ist. Es findet ein Arrangement mit dem bestehenden Ausbildungsplatzangebot statt“ (Hartmann, 2015, S. 51; vgl. auch Nissen, Keddi & Pfeil, 2013, S. 119f.). In Einklang damit stehen Forschungsergebnisse, wonach insbesondere Mädchen ab der Adoleszenz oftmals resignative Haltungen bezüglich ihrer Chancen zeigen und in „vorauseilendem Gehorsam“ Berufswünsche, für die sie Ausgrenzungsund Schließungsprozesse auf dem Arbeitsmarkt antizipieren, zurückstellen bzw. modifizieren (vgl. Hagemann-White, 1998). Focks (2000) folgert, dass es vor diesem Hintergrund nicht verwundere, „wenn junge Frauen – entgegen des noch vor der Adoleszenz breit gefächerten Berufswahlspektrums – anschließend doch wieder eher so genannte frauentypische Berufe wählen“ (S. 73). Die Relevanz von antizipierten Realisierungsmöglichkeiten wird dabei nicht nur im institutionellen Sinne diskutiert, sondern auch im Sinne der (wahrgenommenen) Eignung. So zeigen die Ergebnisse von Betz und Hackett (1981) entsprechend der Annahmen der sozial-kognitiven Theorie, dass Studentinnen bei traditionellen Männerberufen niedrigere Selbstwirksamkeitserwartungen aufweisen und diese Berufe weniger in Betracht ziehen als ihre männlichen Kommilitonen (S. 404ff.). Ähnliche Befunde zu geschlechtstypischen Orientierungen im Zusammenhang mit geschlechtsspezifischen Selbstwirksamkeitserwartungen finden sich auch bei Eccles, Barber und Jozefowicz (1999), Bandura et al. (2001) sowie Sheu et al. (2010). Interessant ist in diesem Kontext auch der Befund von Helbig und Leuze
79 3.2 Warum werden Berufe in der Berufsfindung ausgeschlossen? (2012), dass Mädchen vor allem dann eine Neigung zu weiblichen Berufen zeigen, „wenn sie geringe Kompetenzen aufweisen oder schlechte Noten haben, während Jungen mit guten Mathematiknoten häufiger männliche und mit guten Deutschnoten häufiger weibliche Berufe wählen“ (S. 91). Dies spricht aus Sicht der Autoren dafür, „dass das Anforderungsniveau weiblicher Berufe besonders durch Mädchen abgewertet wird, jedoch nicht durch Jungen“ (S. 91). Auch im Bereich der Forschung zu geschlechts(un)typischen Berufswahlen wird somit die Relevanz von Erwartungen bezüglich der Realisierbarkeit thematisiert und auch hier wird von einem moderierenden Effekt solcher Erwartungen ausgegangen. Geschlechtsuntypische Berufe werden demnach unter anderem deshalb ausgeschlossen, weil die Realisierungsmöglichkeiten zu gering erscheinen, selbst wenn der Beruf an sich interessant ist. Die Relevanz der Urteilssicherheit Die Bedeutung der Urteilssicherheit hinsichtlich der Einschätzung von Berufen wird in der Forschung zu geschlechts(un)typischen Berufswahlen nicht explizit thematisiert. Kenntnisse von Berufen spielen auch hier jedoch indirekt eine Rolle. Im Zusammenhang mit dem für zentral erachteten Einflussfaktor der geschlechtsspezifischen Sozialisation (s. unten) wird in der Literatur zum Beispiel darauf hingewiesen, dass eben diese Sozialisation impliziere, „dass Mädchen im Allgemeinen weniger Kontakt zu naturwissenschaftlich-technischen Themenbereichen haben“ und dass dies wiederum in der Regel dazu führe, „dass Mädchen stärkere Interessen in anderen Bereichen entwickeln, zu denen sie mehr Kontakt haben“ (Taskinen, 2010, S. 39; vgl. auch Jones, Howe & Rua, 2000; Kahle & Lakes, 1983; Prenzel, Lankes & Minsel, 2000). Mangelnde Berufskenntnisse bzw. die Erwartung, einen Beruf nicht richtig einzuschätzen, könnten somit auch in der Erklärung des Ausschlusses geschlechtsuntypischer Berufe eine Rolle spielen. Wichtige Hinweise zur Bedeutung von praktischen Erfahrungen, welche wiederum die Berufskenntnisse und damit die Urteilssicherheit erhöhen, in Bezug auf den Ausschluss geschlechtsuntypischer Berufe liefert eine Studie von Faulstich-Wieland et al. (2016). Die Autoren untersuchen zwei verschiedene Ansätze der Berufsorientierung, über die eine Erweiterung des Berufswahlspektrums ermöglicht werden soll: Erstens „Berufsfindungsaktionstage“, in denen Schüler explizit Erfahrungen mit geschlechtsuntypischen Berufen sammeln sollen, und zweitens Schülerfirmen, durch die Schüler Erfahrungen mit der Berufswelt sammeln und so im Idealfall unterschiedliche Berufsfelder kennenlernen können. Ihre Analysen deuten darauf hin, dass die Maßnahmen nur sehr begrenzt zu einer Erweiterung des Berufswahlspektrums beitragen. Sie sind oftmals zwar dahingehend erfolgreich, dass sie zu einer Stärkung des Selbstwirksamkeitserlebens beitragen, doch trägt diese Erfahrung nur bei sehr wenigen Schülern dazu bei, dass sie anschließend eine stärkere Neigung zeigen, die kennengelernten, geschlechtsuntypischen Berufe selber zu ergreifen bzw. ein Praktikum oder eine Ausbildung in ihnen zu absolvieren. Dass praktische Erfahrungen und ein damit verbundenes höheres Maß an Berufskenntnissen kaum zur Erweiterung des Berufswahlspektrums
3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand 80 beitragen, wird durch andere Studien zur Wirksamkeit von Berufsorientierungsmaßnahmen bestätigt (vgl. z. B. Ratschinski et al., 2017, S. 87f.; Rahn & Hartkopf, 2016). Die Befunde bekräftigen die Annahme, dass Berufskenntnisse kein unmittelbarer Attraktionsfaktor in der Berufsfindung sind, d. h., dass eine höhere Urteilssicherheit in der Einschätzung eines bestimmten Berufes nicht zu einer höheren Neigung führt, diesen Beruf zu wählen. Die Relevanz der sozialen Passung Hinsichtlich der Bedeutung der sozialen Passung finden sich in der Forschung zu geschlechtstypischen Berufsaspirationen zahlreiche Anhaltspunkte. Besonders relevant sind diesbezüglich Beiträge aus der Sozialisationsforschung, denen zufolge sich die berufliche Geschlechtersegregation vor allem durch geschlechtsspezifische Sozialisationsprozesse und die intergenerationale Transmission dieser Segregation erklären lässt (vgl. Helbig & Leuze, 2012; Buchmann & Kriesi, 2012). Von grundsätzlicher Bedeutung ist in diesem Zusammenhang das in der interaktionstheoretischen Geschlechterforschung verankerte Konzept der sozialen Geschlechterkonstruktion (“doing gender”) und die damit verbundene Annahme, dass die Geschlechtszugehörigkeit von Personen durch zweigeschlechtliche Darstellungsund Zuschreibungsprozesse interaktiv konstituiert, validiert und reproduziert wird (vgl. West & Zimmerman, 1987; Gildemeister, 2008; Faulstich-Wieland, 2004). Kinder erlernen demnach bereits in der Primärsozialisation durch ihr Elternhaus bzw. ihre Familie Geschlechterrolleneinstellungen, die sie bei der Ausbildung von beruflichen Aspirationen beeinflussen (vgl. Eccles & Hoffman, 1984; Helbig & Leuze, 2012; Hitlin, 2006; Okamoto & England, 1999; Polavieja & Platt, 2014; Achatz et al., 2005). Die Befunde zur geschlechtsspezifischen Berufswahl bekräftigen die Bedeutung der in Kapitel 3.1.2 dargestellten Einflussmechanismen. So wird auch hier erstens die schichtspezifische Weitergabe von Informationen und Erfahrungen für relevant gehalten: Mit Rekurs auf Dryler (1998) argumentieren z. B. Helbig und Leuze (2012), dass die schichtspezifische Weitergabe von Informationen dazu führt, dass Personen aus höheren Schichten seltener weibliche Berufe anstreben. Die zugrundeliegende Argumentation ist, dass statushöhere Eltern ein besseres Verständnis von Einkommensund Aufstiegschancen in verschiedenen Berufen haben und in dem Wissen um die schlechteren Einkommensund Aufstiegschancen in typischen Frauenberufen ihren Kindern von der Wahl solcher Berufe eher abraten. Zweitens wird auch im Kontext der geschlechtsspezifischen Berufswahl die Bedeutung von Normen und Wertorientierungen betont, die insbesondere durch Eltern vermittelt werden. Generell wird dabei angenommen, dass Eltern oftmals geschlechtsstereotype Erwartungen haben, für ihre Söhne also eher männlich typisierte Berufe und für ihre Töchter weiblich typisierte Berufe anstreben (vgl. Fox, 1982), und ihre Kinder eher unterstützen, wenn sie diese Vorstellungen erfüllen (vgl. Faulstich-Wieland, 2017). Auch hier ist allerdings von Unterschieden in Abhängigkeit der sozialen Schicht und der Geschlechterrolleneinstellung der Eltern auszugehen. So weisen bisherige Forschungsbefunde darauf hin, dass die
81 3.2 Warum werden Berufe in der Berufsfindung ausgeschlossen? Geschlechterrolleneinstellungen bei Eltern aus höheren Schichten und höheren Bildungsniveaus weniger traditionell ausgeprägt sind (vgl. z. B. Davis & Greenstein, 2009) und zumindest Mädchen aus höheren Schichten häufiger geschlechtsuntypische Berufsaspirationen zeigen als Mädchen aus niedrigeren Schichten (vgl. Helbig & Leuze, 2012). Jungen werden, den Ergebnissen der Studie von Helbig und Leuze (2012) zufolge, zwar auch in ihren geschlechtsuntypischen Aspirationen durch die Schicht der Eltern beeinflusst, entgegen der Annahme der Autoren allerdings dahingehend, dass Jungen aus höheren Schichten nicht häufiger, sondern seltener typische Frauenberufe anstreben. Forschungsergebnisse von Imdorf et al. (2015) weisen darauf hin, dass neben der Schichtzugehörigkeit auch das Alter einen moderierenden Einfluss hat und die Wahrscheinlichkeit einer geschlechtsuntypischen Berufswahl mit zunehmendem Alter steigt. Eine wichtige Rolle in der Forschung zu geschlechts(un)typischen Berufsaspirationen spielt schließlich auch der dritte Mechanismus der Zuschreibungen, Vergleichsprozesse und Rollenmodelle. So weisen mehrere Studien darauf hin, dass Eltern oftmals geschlechtsspezifische Fähigkeiten bei ihren Kindern wahrnehmen und es zu entsprechenden Begabungszuschreibungen kommt: Bei Töchtern werden häufig vor allem soziale und kommunikative Fähigkeiten hervorgehoben, bei Söhnen vor allem mathematische, technische oder sonstige naturwissenschaftliche Fähigkeiten (vgl. Buchmann & Kriesi, 2012; Dresel, Schober & Ziegler, 2007). Auch die Bedeutung von Rollenvorbildern wird im Zusammenhang mit geschlechtsspezifischen Berufswahlen belegt (vgl. z. B. Makarova, Aeschlimann & Herzog, 2016; Polavieja & Platt, 2014; Solga & Pfahl, 2009). Die Annahme, dass sich Kinder und Jugendliche dabei vor allem am gleichgeschlechtlichen Elternteil orientieren (Same-Sex-Hypothese, vgl. Eccles & Hoffman, 1984), wird durch empirische Forschungsbefunde allerdings teilweise entkräftet (vgl. z. B. Helbig & Leuze, 2012). Die These, dass der zentrale zugrundeliegende Mechanismus dieser Sozialisationseinflüsse in (zumeist unbewussten) Anerkennungsbedürfnissen liegt (vgl. Kapitel 3.2.1 und Kapitel 3.2.2), lässt sich durch Forschungsbefunde zu geschlechtstypischen Berufswahlen weiter erhärten. Denn: Ein Großteil der Forschung zu Strategien des impression-management und des self-to-prototype matching in der Berufswahl bezieht sich explizit auf das Phänomen der geschlechtsspezifischen Berufswahl – was kaum überraschen dürfte, wenn man bedenkt, dass die Geschlechtszugehörigkeit als „wichtigste Quelle der Selbstidentifikation“ (Goffman, 1994, S.108) und als eine der zentralsten Kategorien zur Komplexitätsreduktion und zur Einordnung des Gegenübers (vgl. Gildemeister, 2008, S. 133) gilt. Da sich Kinder „nach Akzeptanz ihres Umfelds sehnen“, werden sie bereits in frühem Alter so geprägt, dass sie dazu neigen, geschlechtsuntypischen Interessen seltener nachzugehen als geschlechtstypischen, und tragen so unbewusst zur Aufrechterhaltung geschlechtsspezifischer Unterschiede bei (Richter & Jahn, 2015, S. 6; vgl. auch Lytton & Romney, 1991; Roopnarine, 1986). Geschlechtsspezifische Berufswahlentscheidungen sind demnach ein „Produkt der sozialen Geschlechterkonstruktionen und individuellen -rekonstruktionen, weil sie der Darstellung und dem Selbsterleben als Frau oder Mann dienen“ (Richter & Jahn, 2015, S. 9).
3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand 82 Empirisch zeigt sich dies z. B. in den Forschungsarbeiten von Hannover und Kollegen (vgl. Hannover & Kessels, 2004; Kessels & Hannover, 2007), deren Ergebnisse verdeutlichen, dass sich viele junge Frauen in der Pubertät von naturwissenschaftlichen Fächern abwenden, weil diese als typisch männlich gelten und damit nicht zu dem weiblichen Selbstkonzept passen, das sie in eben dieser Phase gerade ausbilden und nach außen hin kommunizieren möchten (vgl. auch Ratschinski, 2009, S. 78). Eccles (1994) spricht in diesem Zusammenhang von einer „Angst vor den sozialen Folgen des Erfolgs“ in männlichen Berufen, welcher mit einem wahrgenommenen Verlust von Weiblichkeit einhergehen könnte (vgl. auch Tangri, 1972). Für junge Männer sind die psychologischen Kosten einer geschlechtsuntypischen Berufswahl womöglich noch höher, da traditionell weibliche Berufe gesellschaftlich oftmals weniger wertgeschätzt werden (vgl. England & Li, 2006; Helbig & Leuze, 2012). In einigen Forschungsarbeiten zu geschlechtstypischen Studienund Berufswahlen werden Anerkennungsbedürfnisse bzw. die Angst vor Anerkennungsverlusten im sozialen Umfeld explizit thematisiert (vgl. Cheryan & Plaut, 2010; Richter & Jahn, 2015; Eberhard et al., 2015). So weisen die Autorinnen einer Studie zur Unterrepräsentation von Frauen in Informatikkursen an US-amerikanischen Universitäten nach, dass Frauen die prototypischen Bilder von Informatikern als inkongruent zu ihrem weiblichen Selbstbild wahrnehmen und sich aufgrund des fundamentalen menschlichen Zugehörigkeitsund Anerkennungsbedürfnisses von entsprechenden Kursen abwenden: “women are less interested in computer science than men because they feel dissimilar from whom they perceive to be in the field” (Cheryan & Plaut, 2010, S. 479). Den Analysen zufolge ist das Gefühl der Ähnlichkeit zu Leuten in dem Feld (“sense of similarity to the people in a field”) selbst unter Kontrolle anderer Variablen, wie der erwarteten Realisierbarkeit, ein zentraler Prädiktor für das Interesse an diesem Berufsfeld. Dass Anerkennungsbedürfnisse entscheidend zur Erklärung von geschlechtstypischen Berufswahlen beitragen, unterstreichen auch die Ergebnisse einer Studie von Eberhard et al. (2015). Denn die Auswertungen dieser Studie verdeutlichen nicht nur, wie bereits in Kapitel 3.2.2 dargestellt, dass Berufe, bei deren Wahl junge Menschen mit negativen Reaktionen ihres sozialen Umfelds rechnen, fast nie in Betracht gezogen werden. Sie zeigen auch, dass junge Berufswähler bei geschlechtsuntypischen Berufen deutlich eher mit negativen Reaktionen ihres sozialen Umfelds rechnen als bei geschlechtstypischen Berufen. Dieser Zusammenhang wird allerdings durch den Bildungshintergrund der Befragten moderiert: Jugendliche mit Studienberechtigung erwarten deutlich seltener, dass ihr soziales Umfeld auf eine geschlechtsuntypische Berufswahl negativ reagiert, als Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss (vgl. hierzu erneut auch Helbig & Leuze, 2012). Insgesamt unterstützt die Forschung zum Ausschluss geschlechtsuntypischer Berufe somit weiter die Annahme, dass die Angst vor Anerkennungsverlusten (mangelnde soziale Passung) ein zentraler Grund für den Ausschluss geschlechtsuntypischer Berufe ist, der dazu führt, dass Berufe selbst dann gemieden werden, wenn sie eigentlich zu den individuellen Interessen passen. Gottfredson (1981) bringt es trefflich auf den Punkt: “some men might
83 3.2 Warum werden Berufe in der Berufsfindung ausgeschlossen? enjoy being nurses, but few enter the occupation for fear of giving people the wrong idea about their masculinity or embarrassing their families” (S. 572). Die Relevanz der Rahmenbedingungspassung Die Passung zwischen beruflichen und/oder privaten Zielvorstellungen und den vermuteten Rahmenbedingungen eines Berufes wird in der Forschung zu geschlechtstypischen Berufswahlen am explizitesten von humankapitaltheoretischen Erklärungsansätzen thematisiert. „Aus der Perspektive der Humankapitaltheorie sind die beruflichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen nicht das Produkt gesellschaftlicher Benachteiligungen, sondern die natürliche Folge eines unterschiedlichen, aber rationalen Investitionsund Berufswahlverhaltens“ (Heintz et al., 1997, S. 29). Vertreter dieses Ansatzes gehen davon aus, dass es aufgrund rationaler Kosten-Nutzen-Abwägungen naheliegend ist, dass Frauen Berufe wählen, die weniger Bildungsinvestitionen erfordern und bei denen sich Berufsund Familienleben besser vereinbaren lassen. Beruflichen Rahmenbedingungen, wie der Vereinbarkeit einer beruflichen Tätigkeit mit dem Privatleben, kommt demnach eine wesentliche Bedeutung zu. Männer hingegen präferieren den humankapitaltheoretischen Erklärungsansätzen zufolge Berufe mit guten Verdienstund Aufstiegsmöglichkeiten und einer höheren Arbeitsplatzsicherheit, um so ihre Rolle als Familienernährer zu erhalten. Geschlechtstypische Berufsaspirationen werden entsprechend durch unterschiedliche Präferenzen von Männern und Frauen erklärt (z. B. Männer weisen eher extrinsische Berufswerte auf als Frauen) – in Verbindung mit der Annahme, dass typische „Frauenberufe“ tatsächlich eine bessere Vereinbarkeit mit dem Familienleben ermöglichen und typische „Männerberufe“ sich durch bessere Verdienstund Aufstiegsmöglichkeiten sowie eine höhere Arbeitsplatzsicherheit auszeichnen (vgl. zusammenfassend Pollmann-Schult, 2009; Busch, 2013). Empirische Forschungsbefunde zeichnen bezüglich dieser Annahmen ein ambivalentes Bild: Während z. B. die Annahme geringerer extrinsischer Berufswerte von Frauen im Vergleich zu Männern in einigen Studien bestätigt wird (vgl. z. B. Mannheim & Seger, 1993; Pollmann-Schult, 2009), wird sie in anderen widerlegt (vgl. z. B. Marini et al., 1996). Busch (2013) stellt zudem fest, dass sich – entgegen der Annahmen der Humankapitaltheorie – keine geschlechtsspezifischen Unterschiede in den intrinsischen Berufswerten und hinsichtlich der Bedeutung einer guten Work-Life-Balance feststellen lassen. Von besonderem Interesse für diese Arbeit sind zudem jene Forschungsbefunde, die auf die Bedeutung von belastenden Rahmenbedingungen von Berufen im Berufsfindungsprozess verweisen. So finden sich in qualitativen Studien häufiger Aussagen, in denen junge Frauen als Grund für den Ausschluss von typischen Männerberufen wie dem der Kfz-Mechatronikerin angeben, dass dieser „zu schwer“ oder „zu schmutzig“ sei (Richter & Jahn, 2015, S. 13; Faulstich-Wieland et al., 2016). Diese Befunde passen zu den Ergebnissen der bereits zuvor zitierten Studie von Steinritz et al. (2012), nach denen „Anstrengung“ ein Motiv für den Ausschluss von Berufen ist. Denn auch hier verweisen die Autoren darauf, dass Jugendliche insbesondere bei nicht geschlechtskongruenten Berufen Belastungen erwarten. Was als be-
3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand 84 lastend wahrgenommen wird, unterscheidet sich demnach in Abhängigkeit vom Geschlecht: „Männliche Jugendliche sehen zu große Anstrengung in sozial-erzieherischen Aufgaben, wohingegen dies bei weiblichen Jugendlichen stärker bei physisch-handwerklichen Tätigkeiten zutrifft“ (Steinritz et al., 2012, S. 10). Die Studien bekräftigen die Annahme, dass wahrgenommene Belastungen ein wichtiger Einflussfaktor in der Erklärung des Ausschlusses von Berufen sind. Gleichzeitig verweist das letzte Zitat auf einen wichtigen, in dieser Arbeit noch nicht thematisierten Aspekt hin – die Tatsache, dass die Unterscheidung von Tätigkeiten und Rahmenbedingungen nicht so trennscharf ist, wie die Unterscheidung der Faktoren „Tätigkeitspassung“ und „Rahmenbedingungspassung“ vermuten lässt. Denn wenngleich in dem Zitat von physisch-handwerklichen Tätigkeiten die Rede ist, so stellt sich die Frage, inwiefern es tatsächlich die Tätigkeiten an sich sind, die die weiblichen Jugendlichen als anstrengend antizipieren, oder die mit einem entsprechenden Beruf einhergehenden Rahmenbedingungen (körperlich anstrengende Arbeit, sich ggf. bei der Arbeit schmutzig machen etc.). Auch die antizipierte soziale Passung ist hiervon wohl kaum unabhängig, denn womöglich werden bestimmte Tätigkeiten und/oder Rahmenbedingungen gerade deshalb als belastend empfunden, weil sie nicht zu dem Selbstbild passen, das Individuen mittels ihrer Berufswahl gerne von sich präsentieren möchten. Die Folgen, die dies für die empirische Untersuchung des Ausschlusses von Berufen hat, werden im weiteren Verlauf der Arbeit noch thematisiert. Welche Erkenntnisse lassen sich aus den Forschungsbefunden zur geschlechtstypischen Berufswahl hinsichtlich des Ausschlusses von Berufen gewinnen? Insgesamt wird deutlich, dass sich alle vier Faktoren, die in den vorherigen Kapiteln als mögliche Aversionsfaktoren herausgearbeitet wurden, in der Forschungslandschaft zu geschlechtstypischer Berufswahl mehr oder weniger explizit wiederfinden. Sowohl mangelnde Realisierbarkeitserwartungen als auch eine mangelnde Urteilssicherheit, vor allem aber eine mangelnde soziale Passung und eine mangelnde Rahmenbedingungspassung, können Gründe für den Ausschluss von geschlechtsuntypischen Berufen im Berufsfindungsprozess sein. 3.3 Zusammenfassung und zweites Zwischenfazit Ausgehend von der Ausgangsfrage nach Gründen für den Ausschluss von Berufen im Berufsfindungsprozess wurden im theoretischen Teil dieser Arbeit verschiedene Einflussfaktoren auf die Berufsfindung herausgearbeitet und reflektiert, inwiefern zentrale Berufswahltheorien und bisherige Forschungsbefunde die Annahme stützen, dass es zwei unterschiedliche Arten von Einflussfaktoren im Berufsfindungsprozess gibt. Dabei wurde deutlich, dass eine eindeutige Zuordnung der Einflussfaktoren als Attraktionsoder Aversionsfaktoren oftmals schwierig ist – zumindest, wenn man die eingangs gewählte Definition zugrunde legt, nach der Attraktionsund Aversionsfaktoren mit dem Streben nach positiven bzw. der Vermeidung von negativen Zielzuständen verbunden sind. Am eindeutigsten zuordnen lassen sich
85 3.3 Zusammenfassung und zweites Zwischenfazit die Einflussfaktoren „erwartete Realisierbarkeit (Chancen)“ und „Urteilssicherheit (Berufskenntnisse)“, da hier die Ausgangsüberlegung schlüssig ist, dass sie für sich genommen keine Attraktion erzeugen (wer einen Beruf für realisierbar hält oder ihn besonders gut kennt, fühlt sich nicht gleich zu dem Beruf hingezogen), ihre Abwesenheit wohl aber Aversion hervorruft. In Hinblick auf die Tätigkeitspassung, die Rahmenbedingungspassung und die soziale Passung ist die Zuordnung zu Attraktionsoder Aversionsfaktoren auf den ersten Blick weniger eindeutig – ihr Vorhandensein könnte prinzipiell ebenso ein Grund für die Entstehung einer Neigung sein, wie ihre Abwesenheit ein Grund für den Ausschluss eines Berufes sein könnte. Das Streben nach einem positiven Zielzustand und der Vermeidung eines negativen Zielzustandes scheint diesbezüglich untrennbar miteinander verbunden. Doch wie im Rahmen des theoretischen Modells zum Ausschluss von Berufen dargestellt (vgl. Kapitel 2.4), zeichnen sich Aversionsfaktoren vor allem durch ihre intervenierende Wirkung aus: Sie sind dem Modell zufolge nicht nur eine hinreichende Bedingung für den Ausschluss von Berufen, sondern ihre Abwesenheit ist auch eine notwendige Bedingung dafür, dass Attraktionsfaktoren überhaupt wirken können und so eine Neigung entstehen kann. Um Einflussfaktoren in der Berufsfindung den Kategorien Attraktionsfaktoren oder Aversionsfaktoren zuzuordnen, ist es deshalb wichtig, den Zusammenhang zwischen verschiedenen Einflussvariablen zu kennen. Während in Bezug auf die Einflussfaktoren „erwartete Realisierbarkeit“ und „Urteilssicherheit“ in der bisherigen Forschung bereits intervenierende Effekte auf den Zusammenhang zwischen der Tätigkeitspassung und der Neigung, einen bestimmten Beruf zu wählen, nachgewiesen wurden, wurden die anderen Einflussfaktoren – so wie sie hier abgegrenzt wurden – bislang selten zusammen untersucht. In Studien, in denen dies doch der Fall ist, wird die soziale Passung neben der Tätigkeitspassung zumeist als „weiteres Attraktivitätskriterium“ verstanden (Ulrich & Krewerth, 2004, S. 12) und kein intervenierender Einfluss geprüft (vgl. auch Granato et al., 2016). Die Beschäftigung mit der Eingrenzungsund Kompromisstheorie von Linda Gottfredson (vgl. Kapitel 3.2.1) und mit Forschungsergebnissen zu Anerkennungsbedürfnissen und Impression-Management-Strategien (vgl. Kapitel 3.2.2) verdeutlicht jedoch, dass es gute Gründe dafür gibt, eine mangelnde soziale Passung als Aversionsfaktor in der Berufsfindung zu begreifen. Denn das Streben nach einer sozialen Passung lässt sich als Ausdruck des universellen menschlichen Bedürfnisses nach Anerkennung durch das soziale Umfeld verstehen, welches in der Berufsfindung eine zentrale Rolle spielt. Gerade in westlichen Gesellschaften wollen Menschen durch ihre Berufswahl eine vorteilhafte soziale Identität ausbilden und schließen Berufe, bei deren Wahl sie mit negativen Reaktionen ihres sozialen Umfelds rechnen, selbst dann aus, wenn diese eigentlich zu ihren beruflichen Interessen passen. Die Antizipation einer sozialen Passung scheint somit eine notwendige Bedingung zu sein, damit eine Tätigkeitspassung ihre motivierende Kraft entfalten und zu einer Neigung werden kann. Im Sinne des Modells zum Ausschluss von Berufen ist also davon auszugehen, dass die soziale Passung den Zusammenhang zwischen der Tätigkeitspassung und der Neigung
3. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand 86 moderiert und entsprechend die Tätigkeitspassung als Attraktionsfaktor und die mangelnde soziale Passung (Erwartung negativer Reaktionen des sozialen Umfelds) als Aversionsfaktor betrachtet werden kann. Forschungsergebnisse, die auf Studien zu Gottfredsons Theorie aufbauen, verdeutlichen zudem, dass belastende Rahmenbedingungen ein zentraler Grund für den Ausschluss von Berufen sein können. Selbst wenn eine vorhandene Rahmenbedingungspassung grundsätzlich auch ein Grund für die Entstehung einer Neigung sein könnte, soll eine mangelnde Rahmenbedingungspassung im Sinne belastender Rahmenbedingungen in dieser Arbeit den Aversionsfaktoren zugeordnet werden. Denn während, wie in den einleitend skizzierten Beispielen angenommen (vgl. Kapitel 2.3), die Wahrnehmung belastender Rahmenbedingungen offenbar Aversion hervorruft, reicht die Wahrnehmung nicht-belastender Rahmenbedingungen nicht aus, um Attraktion zu einem bestimmten Beruf zu bewirken. Insgesamt unterstützt die Beschäftigung mit zentralen Berufswahltheorien und bisherigen Forschungsbefunden somit die Vermutung, dass sich die Grundüberlegung der Zwei-Faktoren-Theorie von Herzberg auf die Berufsfindung übertragen lässt und es zur Untersuchung des Ausschlusses von Berufen sinnvoll ist, zwei Arten von Einflussfaktoren zu unterscheiden. Während Attraktionsfaktoren zwar eine notwendige Bedingung sind, damit Personen eine Neigung zu bestimmten Berufen entwickeln, stellen sie keine hinreichende Bedingung dar, um den Ausschluss von Berufen zu vermeiden. Hierfür müssen vielmehr Aversionsfaktoren berücksichtigt werden, da diese den positiven Zusammenhang zwischen Attraktionsfaktoren und der Neigung, einen bestimmten Beruf zu wählen, stören können. Basierend auf den dargestellten Erkenntnissen wird in dieser Arbeit die Tätigkeitspassung als zentraler Attraktionsfaktor verstanden. Als Aversionsfaktoren werden hingegen die Erwartung einer mangelnden sozialen Passung (negative Reaktionen des sozialen Umfelds), einer mangelnden Rahmenbedingungspassung (im Sinne von Belastungen durch Rahmenbedingungen), einer mangelnden Realisierbarkeit (mangelnde Chancen) und einer mangelnden Urteilssicherheit (mangelnde Berufskenntnisse) gesehen (vgl. Tabelle 5). Tabelle 5: Einflussfaktoren in der Berufsfindung: Attraktionsund Aversionsfaktoren Attraktionsfaktor Aversionsfaktoren Tätigkeitspassung (= Passung zwischen beruflichen Interessen und vermuteten Tätigkeiten eines Berufes) Erwartung einer ... … mangelnden sozialen Passung (= negative Reaktion des sozialen Umfelds) … mangelnden Rahmenbedingungspassung (= Belastungen durch Rahmenbedingungen) … mangelnden Realisierbarkeit (= mangelnde Chancen) … mangelnden Urteilssicherheit (= mangelnde Berufskenntnisse) Quelle: Eigene Darstellung
87 ▶4. Das Beispiel der Pflegeberufe Bislang existieren nur sehr wenige Datensätze, die neben selbst genannten Berufsaspirationen auch Neigungen zu bestimmten vorgegebenen Berufen erfassen und damit Aussagen darüber ermöglichen, inwiefern junge Menschen bestimmte Berufe einoder ausschließen. Da dies für die empirische Untersuchung des Ausschlusses von Berufen jedoch zwingend notwendig ist und die vorhandenen Datensätze (vgl. z. B. BA & BIBB, 2014) für die Zwecke der vorliegenden Arbeit nicht geeignet sind (u. a. weil nicht alle hier interessierenden Variablen vorhanden und die Zielgruppen unpassend sind), wurde für den empirischen Teil dieser Arbeit eine eigene Erhebung durchgeführt. Um ausführlich die Ursachen für einen möglichen Ausschluss von Berufen abfragen zu können, den Fragebogen jedoch gleichzeitig nicht allzu umfangreich zu gestalten, wurde hierbei exemplarisch ein konkretes Berufsfeld fokussiert – das Berufsfeld der Pflege. Bevor in Kapitel 5 detailliert auf die Durchführung und Konzeption dieser Erhebung eingegangen wird, soll im Folgenden der Fokus auf dieses beispielhaft herangezogene Berufsfeld gerichtet werden. In Kapitel 4.1 wird kurz erläutert, welche Charakteristika die betrachteten Pflegeberufe aufweisen. Anschließend wird in Kapitel 4.2 dargestellt, warum dieses Beispiel geeignet ist, um den Ausschluss von Berufen zu untersuchen. Kapitel 4.3 beschäftigt sich schließlich mit der bisherigen Forschung zur (Nicht-)Wahl von Pflegeberufen und überprüft, inwiefern sich die Relevanz der herausgearbeiteten Einflussfaktoren auch in diesem Forschungsfeld widerspiegelt. 4.1 Charakteristika der Pflegeberufe Die exemplarische Fokussierung auf Pflegeberufe in dieser Arbeit manifestiert sich konkret in einer Befragung der Teilnehmenden zu den Berufen „Gesundheitsund Krankenpfleger/-in“, „Gesundheitsund Kinderkrankenpfleger/-in“ und „Altenpfleger/-in“. Die neben diesen drei Ausbildungsberufen in Deutschland existierenden Helferund Weiterbildungsberufe im Pflegebereich sind für diese Arbeit nicht relevant.8 8 Der Grund, warum sich die Erhebung nicht auf den Ausschluss eines konkreten Berufes fokussiert, sondern auf ein Berufsfeld mit drei Berufen, liegt im Entstehungshintergrund der Arbeit sowie in weiteren Verwertungsinteressen der Erhebung. Vor dem Hintergrund der zum Erhebungszeitpunkt aktuellen Debatte über eine Reform der Pflegeberufe (vgl. Kapitel 4.2) wurde die Erhebung so konzipiert, dass sie nicht nur für die Untersuchung des Ausschlusses von Berufen im Allgemeinen genutzt werden kann, sondern auch, um Erkenntnisse über Differenzen im Ausschluss von verschiedenen Pflegeberufen zu gewinnen. Für
4. Das Beispiel der Pflegeberufe 94 Vor diesem Hintergrund dürfte wenig überraschen, dass sich auch im Bereich der Beschäftigten eine anhaltende Geschlechtersegregation in den Pflegeberufen zeigt. Der Gesundheitspersonalrechnung des Statistischen Bundesamtes ist zu entnehmen, dass sich der Frauenanteil in den betrachteten Berufen zwischen 2012 und 2016 nur minimal reduziert hat. In den Berufen der Gesundheitsund Krankenpflege13 ist er von 85,1 Prozent auf 84,6 Prozent zurückgegangen, in der Altenpflege von 85,6 Prozent auf 85,0 Prozent (vgl. Statistisches Bundesamt, 2018). 4.2.3 Fachkräfteengpässe Vor dem Hintergrund der Alterung der Gesellschaft und des technischen Fortschritts in der Medizin ist davon auszugehen, dass die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland in den kommenden Jahren stark zunehmen wird. Diese Entwicklung kann auch durch die in junger Zeit stark gestiegene Zuwanderung nicht gestoppt werden, da die Anzahl der in Deutschland lebenden älteren Personen auch durch Zuwanderung jüngerer Migranten nicht verringert wird (vgl. Maier et al., 2016). Die steigende Zahl der Pflegebedürftigen sowie die wachsende Komplexität der Versorgung wird den Bedarf an professioneller Betreuung und Pflege in den kommenden Jahren somit massiv steigern (vgl. Maier et al., 2016; Maier et al., 2014; Afentakis & Maier, 2010). Gleichzeitig stehen immer weniger Schulabgänger für eine Ausbildung in der Pflege zur Verfügung (vgl. Kapitel 1). Die zunehmende Konkurrenz zwischen den verschiedenen Ausbildungsberufen erschwert dabei derzeit grundsätzlich eine ausreichende Nachwuchsrekrutierung (vgl. BMBF, 2017, S. 108). Hinzu kommt, dass aufgrund der stark regulierten Arbeitsberechtigung in Pflegeberufen, anders als in anderen Berufsfeldern, „Fachfremde“ kaum zur Deckung des Arbeitskräftebedarfs beitragen können (vgl. Neuber-Pohl, 2017, S. 4). Die IAB-BIBB-Qualifikationsund Berufsfeldprojektionen zeigen, dass es bereits im Jahr 2025 zu einem flächendeckenden Arbeitskräfteengpass in Pflegeund Gesundheitsberufen (ohne Approbation)14 kommen könnte und im Jahr 2035 sogar 270.000 Beschäftigte fehlen würden (vgl. Neuber-Pohl, 2017, S. 4). Fachkräfteengpässe in der Pflege sind längst kein entferntes Zukunftsszenario mehr. Betrachtet man das bundesdurchschnittliche Verhältnis von Arbeitslosen zu offenen Stellen, so wird deutlich, dass sowohl in der Gesundheitsund Krankenpflege als auch in der Altenpflege bereits jetzt in allen 16 Bundesländern das Angebot an arbeitslosen Pflegefachkräften deutlich unter der Zahl der gemeldeten offenen Stellen liegt und beide Berufe so zu den Top-10-Engpassberufen auf Fachkräfteebene gezählt werden können (vgl. Burstedde & Ri13 Genutzt werden hier die Angaben zu Berufen in der Gesundheitsund Krankenpflege ohne Spezialisierung (oS) und mit sonstiger spezifischer Tätigkeitsangabe (ssT), Berufen in der Fachkrankenpflege und Berufen in der Fachkinderkrankenpflege. 14 Das der Projektion zugrundeliegende Berufsfeld ‚Pflegeund Gesundheitsberufe ohne Approbation’ „umfasst sämtliche Berufe in der Gesundheitsversorgung außer Fachärztinnen und Fachärzten und Apotheker/-innen. Krankenund Altenpfleger/-innen waren laut Mikrozensus 2012 mit knapp 55 Prozent die größte Beschäftigtengruppe im Berufsfeld“ (Neuber-Pohl, 2017, S. 4).
95 4.2 Warum der Pflegesektor ein geeignetes Beispiel ist sius, 2017). Zu ähnlichen Schlüssen kommt auch die Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit, die neben der Arbeitslosen-Stellen-Relation auch die abgeschlossene Vakanzzeit der gemeldeten sozialversicherungspflichtigen Arbeitsstellen (ohne Zeitarbeit) und die berufsspezifische Arbeitslosenquote berücksichtigt. Besonders problematisch sieht die Lage in der Altenpflege aus. In allen 16 Bundesländern ist der Analyse zufolge bereits von einem Fachkräftemangel, also einer dauerhaften Engpasssituation, zu sprechen (vgl. BA, 2017). In vielen Berufen, die auf der mittleren Qualifikationsebene ausgebildet werden, machen sich drohende Fachkräfteengpässe bereits heute auf dem Ausbildungsmarkt bemerkbar. Ist dies in den Pflegeberufen auch der Fall? Mithilfe der gängigen Indikatoren zur Beobachtung des Ausbildungsmarktes lässt sich diese Frage nicht beantworten. Denn während sich für Ausbildungsberufe nach BBiG/HwO im Rahmen der Ausbildungsmarktstatistik annäherungsweise bestimmen lässt, wie z. B. das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage ausfällt oder wie hoch der Anteil unbesetzter Ausbildungsplätze am Gesamtangebot ist15, ist dies für das Schulberufssystem und die darunter fallenden Pflegeberufe nicht möglich (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2016, S. 108). Zwar führen die meisten Bundesländer bereits eine eigene Schulstatistik über die Pflegeberufe, doch da die statistischen Landesämter nicht verpflichtet sind, diese dem Statistischen Bundesamt zu übermitteln, und einige Länder ihre Daten nicht oder nur unvollständig übermitteln, liegt auf Bundesebene keine vollständige Datenbasis vor (vgl. Bund-Länder-Arbeitsgruppe, 2012, S. 43f.). Die Schulstatistik des Bundes über die Sozialund Gesundheitsdienstberufe (Fachserie 11, Reihe 2) lässt dennoch einige Trends erkennen. Sie verdeutlicht zunächst einmal, dass den drei Pflegeberufen Altenpfleger/-in, Gesundheitsund Krankenpfleger/-in und Gesundheitsund Kinderkrankenpfleger/-in mit einem Anteil von rund zwei Dritteln aller Schüler in nicht akademischen Erstausbildungen der bundesrechtlich geregelten Gesundheitsfachberufe quantitativ eine große Bedeutung zukommt (vgl. Zöller, 2015, S. 27). Zudem deutet sich an, dass zumindest einige der Bemühungen, die zur Steigerung der Auszubildendenzahlen unternommen wurden, Wirkungen zeigen: Während die Schülerzahlen insbesondere in der Altenpflege und Gesundheitsund Krankenpflege zwischen 2004/05 und 2006/07 (bzw. in der Altenpflege 2007/08) zurückgingen, sind sie seitdem in beiden Berufen deutlich gestiegen (vgl. Abbildung 5). Die deutlichen Zuwächse in der Altenpflege (+66 % zwischen 2007/08 und 2016/17) haben dazu geführt, dass die Anzahl der Altenpflegeschüler inzwischen größer als die der Gesundheitsund Krankenpflegeschüler ist. Diese Entwicklung wird zu großen Teilen mit der „Ausbildungsund Qualifizierungsoffensive Altenpflege“ (vgl. Kapitel 4.2.1) in Verbindung gebracht (vgl. Zöller, 2015, S. 29; BMBF, 2017, S. 80). Die Schüler15 Dass mithilfe der genutzten Indikatoren, wie der Angebots-Nachfrage-Relation, nur annäherungsweise die Gesamtsituation auf dem Ausbildungsmarkt beschrieben werden kann, „liegt zum einen daran, dass es keine Meldepflicht für Ausbildungsplatzangebote und zum anderen wenig Transparenz über die tatsächliche Nachfrage zum Beginn eines Ausbildungsjahres gibt“ (vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung, 2006, S. 85).
4. Das Beispiel der Pflegeberufe 96 zahlen in der Gesundheitsund Kinderkrankenpflege zeigen sich seit 2002/03 weitgehend konstant auf einem Niveau von rund 7.000 Schülern (vgl. Abbildung 5). Die Ausbildungszahlen in der Pflege zeichnen also kein ganz so düsteres Bild, wie vor dem Hintergrund der prognostizierten Fachkräfteengpässe angenommen werden könnte. Wenngleich die aktuellen Zuwächse in den Schülerzahlen in Pflegeberufen erfreulich sind, zeigt die DIHK-Ausbildungsumfrage, dass in den Jahren 2015 und 2016 jeweils rund ein Viertel der Arbeitgeber im Gesundheitsund Pflegesektor nicht alle Ausbildungsplätze besetzen konnte (vgl. Deutscher Industrieund Handelskammertag, 2017). Zudem gibt es Hinweise darauf, dass insbesondere Abiturienten eine Pflegeausbildung oftmals vor allem zur Überbrückung von Wartesemestern für ein Medizinstudium nutzen (vgl. Joeres, Hanuschke & Mischker, 2004, S.27f.; Holzki, 2017) und so auch Zuwächse in den Schülerzahlen nur bedingt zur Fachkräftesicherung in den Pflegeberufen beitragen. Zusammenfassend ist festzustellen, dass Fachkräfteengpässe für das Berufsfeld der Pflege eine zentrale Herausforderung bleiben. Auch wenn die Schülerzahlen in den vergangenen Jahren zugenommen haben, wird davon ausgegangen, dass das Angebot an ausgebildeten Pflegefachkräften den Bedarf zukünftig nicht decken kann (vgl. Neuber-Pohl, 2017). Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V. geht davon aus, „dass jeder dritte Schulabgänger mit mittlerem Bildungsabschluss in Deutschland in die Pflege gehen müsste, um der Lage auch nur einigermaßen Herr zu werden“ (Tews interviewt in Wolf, 2014). Doch das Berufsfeld scheint bei jungen Berufswählern – und insbesondere bei Männern – trotz Abbildung 5: Entwicklung der Schülerzahlen in den Pflegeberufen 2002/03 bis 2015/16 Quelle: Daten des Statistischen Bundesamtes, Fachserie 11, Reihe 2, Wiesbaden 2008 bis 2017; eigene Darstellung 58.879 64.258 42.216 68.260 6.906 7.155 0 10.000 20.000 30.000 40.000 50.000 60.000 70.000 80.000 Altenpfleger/-in Gesundheitsund Krankenpfleger/-in Gesundheitsund Kinderkrankenpfleger/-in
97 4.3 Forschungsstand zur (Nicht-)Wahl von Pflegeberufen der zahlreichen bereits initiierten Maßnahmen kein besonders beliebtes zu sein (vgl. hierzu auch Kapitel 4.3). Die exemplarische Fokussierung auf Pflegeberufe ist damit nicht nur besonders geeignet zur Untersuchung des Ausschlusses von Berufen, sondern weist auch eine hohe Praxisrelevanz auf. 4.3 Forschungsstand zur (Nicht-)Wahl von Pflegeberufen Zur Wahl und Wahrnehmung von Pflegeberufen liegen bereits verschiedene Studien vor (vgl. Schaefer, Brönner & Bitzigeio, 1990; Taubert, 1992; Linke-Winter & Pfeiffer, 1999; Bomball et al., 2010; El-Cherkeh & Fischer, 2010; Schache & Lau, 2011; Fischer, 2013; Brüggemann et al., 2016). Der Fokus dieser Studien liegt allerdings meist auf Krankenpflegeschülern oder -absolventen (also auf Personen, die sich bereits für eine Pflegeausbildung entschieden haben) und deren Motiven für die Wahl eines Pflegeberufes, sodass auch hier bislang vor allem die Wahl von bzw. Neigung zu Pflegeberufen und weniger die Nicht-Wahl bzw. der Ausschluss von Pflegeberufen untersucht wurde. Wichtige Hinweise auf Gründe für den Ausschluss von Pflegeberufen liefern vor allem die Arbeiten von Bomball et al. (2010), welche nicht nur Auszubildende in der Pflege, sondern auch Schüler an allgemeinbildenden Schulen sowie ihre Eltern und Lehrer zur Wahrnehmung von Pflegeberufen befragt haben. Ein zentrales Ergebnis ihrer Untersuchungen ist, dass Pflegeberufe „sowohl für Schüler/innen als auch für deren Eltern ein eher negatives Image [haben]“ (S. 4). Die Frage, ob man jemals daran gedacht habe, einen Pflegeberuf zu ergreifen, wird von der überwiegenden Mehrheit der befragten Schüler verneint. Pflegeberufe werden explizit als „out“-Berufe benannt (vgl. auch Görres et al., 2015). Gleichwohl gibt es beträchtliche Differenzen in der Wahrnehmung und Bewertung unterschiedlicher Pflegeberufe. Die Befunde von Bomball et al. (2010) verdeutlichen, dass „das Interesse an einem Pflegeberuf mit dem Alter der Zu-Pflegenden abnimmt. So wollen die wenigsten Schüler/ innen den Beruf der/des Altenpfleger/in erlernen“ (S. 50). Unterschiede in der Bewertung der Attraktivität von Pflegeberufen bzw. der Neigung, solche zu wählen, zeigen sich außerdem in Abhängigkeit zentraler soziodemografischer Merkmale: So stehen männliche Befragte der Wahl eines Pflegeberufes deutlich ablehnender gegenüber als weibliche Befragte (vgl. Bomball et al., 2010, S. 51; vgl. auch Brüggemann et al., 2016) und Schüler an Gymnasien und Realschulen deutlich ablehnender als Hauptschüler (vgl. Bomball et al., 2010, S. 51). Auf unterschiedlich stark ausgeprägte Neigungen in Abhängigkeit vom Vorhandensein eines Migrationshintergrundes weist außerdem eine Studie von El-Cherkeh und Fischer (2010) hin, die sich speziell mit der Attraktivität der Berufe Altenpfleger/-in und Pflegeassistent/-in beschäftigt. Die Ergebnisse der Schülerbefragung zeigen, dass sich Schüler mit Migrationshintergrund häufiger eine Ausbildung in der Altenpflege vorstellen können als Schüler ohne Migrationshintergrund, wobei der Unterschied interessanterweise vor allem auf die männlichen Befragten zurückzuführen ist: „Während sich zwischen den weiblichen Befragten mit und ohne Migrationshintergrund kaum Unterschie-
4. Das Beispiel der Pflegeberufe 98 de zeigen, sind es 5,6 Prozent der männlichen Schüler ohne Migrationshintergrund, aber 18 Prozent der Schüler mit Migrationshintergrund, die angeben, sich eine Ausbildung als Altenpfleger oder Pflegeassistent vorstellen zu können“ (El-Cherkeh & Fischer, 2010, S. 4). Was sind die Gründe für das schlechte Image und den verbreiteten Ausschluss von Pflegeberufen bei Schülern? Um zu überprüfen, inwiefern sich die in dieser Arbeit formulierten Annahmen zum Ausschluss von Berufen durch die bisherige Forschung zu diesem Berufsfeld stützen lassen, soll im Folgenden auf zentrale Befunde bisheriger Studien zur (Nicht-) Wahl bzw. zur Attraktivität von Pflegeberufen eingegangen werden. Statt die Studien einzeln und ausführlich vorzustellen, orientiert sich die folgende Darstellung, ähnlich wie in Kapitel 3.2.3 zum Ausschluss geschlechtsuntypischer Berufe, an den für diese Arbeit zentralen Einflussfaktoren. Da es in den meisten Studien eher um Gründe für die Wahl von bzw. die Entstehung einer Neigung zu Pflegeberufen geht als um die Nicht-Wahl bzw. den Ausschluss (s. oben), werden in diesem Fall alle fünf identifizierten Einflussvariablen berücksichtigt und dargestellt, inwiefern sie, den bisherigen Forschungsbefunden zufolge, im Berufsfeld der Pflege für relevant gehalten werden. 4.3.1 Die Relevanz der Tätigkeitspassung Die Vermutung, dass die Passung zwischen beruflichen Interessen und den vermuteten Tätigkeiten eines Berufes ein zentraler Attraktionsfaktor in der Berufsfindung ist, wird durch Forschungsergebnisse zur Wahl von Pflegeberufen uneingeschränkt erhärtet. Die verschiedenen zuvor genannten Studien kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass die Hauptbeweggründe zur Wahl von Pflegeberufen sozialer Art sind. Junge Menschen, die einen Pflegeberuf wählen, verspüren den Wunsch, Menschen zu helfen, etwas Nützliches zu tun und zur Lösung sozialer Probleme beizutragen (vgl. Schaefer et al., 1990, S. 492ff.; Taubert, 1992; Linke-Winter & Pfeiffer, 1999; Fischer, 2013; Schache & Lau, 2011; Bomball et al., 2010; El-Cherkeh & Fischer, 2010). Der zentrale Anreiz, einen Pflegeberuf zu ergreifen, kann demnach in dem Wunsch nach einer sozialen Tätigkeit gesehen werden bzw. in einer hohen Passung zwischen den beruflichen sozialen Interessen eines Individuums und den Tätigkeiten der Pflegeberufe, welche dem Manual des AIST zufolge primär im Sozialbereich liegen (vgl. Bergmann & Eder, 2005; BA, o. J.).16 16 Während die primäre Einordnung der Pflegeberufe als „Sozialberufe“ eindeutig ist (erster Buchstabe des Holland-Codes ist ein S), besteht hinsichtlich des weiteren Holland-Dreibuchstaben-Codes Uneinigkeit. Die Beschreibung der Tätigkeitsprofile durch die BA suggeriert, dass alle drei Pflegeberufe an zweiter Stelle ein Interesse für konventionelle („verwaltend-organisatorische“) Tätigkeiten voraussetzen (z. B. an dem „Dokumentieren der Pflegemaßnahmen“) und an dritter Stelle ein Interesse für „praktisch-konkrete“ (realistische) Tätigkeiten (z. B. dem „Wechseln von Verbänden oder Einreiben mit Salben“ und dem „Wunden versorgen, Verbände und Schienen anlegen“). Das Manual des AIST-R weist hingegen für die drei Pflegeberufe leicht unterschiedliche Holland-Codes aus: Der Altenpfleger hat hiernach den Code SER, der Gesundheitsund Krankenpfleger den Code SAI und der Gesundheitsund Kinderkrankenpfleger den Code SAC.
99 4.3 Forschungsstand zur (Nicht-)Wahl von Pflegeberufen Die Forschungsergebnisse von Bomball et al. (2010) unterstreichen darüber hinaus die Annahme, dass berufliche Interessen allein nicht ausreichen, um einen Ausschluss von Berufen zu verhindern. So zeigt sich mehr als jedes fünfte Mädchen, das zum Zeitpunkt der Befragung noch unsicher hinsichtlich seiner Berufsvorstellungen ist, potenziell an Berufen im pädagogischen und/oder psychosozialen Bereich sowie an medizinisch-pflegerischen Assistenzberufen interessiert (vgl. Bomball et al., 2010, S. 22). Pflegeberufe werden von diesen Personen jedoch mehrheitlich ausgeschlossen. 4.3.2 Die Relevanz der sozialen Passung Die Bedeutung der sozialen Passung wird in bisherigen Studien zur Wahl von Pflegeberufen hauptsächlich über die direkte Abfrage der Relevanz von Imagefaktoren thematisiert. So stellen Bomball et al. (2010) fest, dass es für alle Befragten (Schüler, Eltern, Auszubildende) „unwichtig [ist], dass der Beruf die Möglichkeit bietet, ‚Bewunderung zu erleben‘. Auch dass es sich um einen ‚anerkannten und geachteten Beruf‘ handelt, steht für die Befragten nicht im Vordergrund bzw. wird als explizit ‚unwichtig‘ benannt“ (S. 47). Zu ähnlichen Schlüssen kommen auch Schaefer et al. (1990). Dass die Relevanz von Imagefaktoren von den Befragten selbst geleugnet wird, ist konsistent mit anderen Jugendbefragungen. Fragt man Jugendliche unmittelbar danach, wie wichtig ihnen Ansehen und Prestige bei der Berufswahl im Vergleich zu anderen Kriterien sind, so landet dieser Aspekt in der Regel allenfalls auf einem der mittleren Rangplätze. Viel häufiger wird z. B. angegeben, die Tätigkeit solle interessant sein und Entwicklungsperspektiven bieten (vgl. Buschbeck & Krewerth, 2004). Bei genauerer Betrachtung ist dieser Befund wenig überraschend und stützt eher die vorherige Argumentation zur Relevanz der sozialen Passung und den damit verbundenen Anerkennungsbedürfnissen, als dass es sie schwächt. Denn es kann davon ausgegangen werden, dass junge Menschen wissen, dass ein dezidiert geäußertes Verlangen nach Status und Anerkennung in einer individualisierten Gesellschaft als Ausdruck fehlender Autonomie und Persönlichkeitsbildung gedeutet wird. Offen bekundete Selbstdarstellungsbedürfnisse dürften dem eigenen „Impression Management“ daher eher abträglich sein, während umgekehrt eine demonstrative Ablehnung von Geltungsmotiven förderlich sein dürfte (vgl. Krewerth & Ulrich, 2004). Für eine hohe Relevanz der sozialen Passung in der Berufsfindung spricht auch, dass sich in mehreren Studien „Vererbungseffekte“ andeuten. Personen, die Krankenpflegepersonal in ihrer Verwandtschaft haben, äußern häufig schon früh ähnliche Berufswünsche (vgl. Veit, 1996; Brüggemann et al., 2016), wobei sich dieser Zusammenhang in der Studie von El-Cherkeh und Fischer (2010) nur für weibliche Jugendliche zeigt. Dass Anerkennungsbedürfnisse und der Wunsch nach einer sozialen Passung bei der Berufsfindung eine wichtige Rolle spielen, wird außerdem deutlich in Studien, die die (erwarteten oder vernommenen) Reaktionen des sozialen Umfelds auf die Wahl eines Pflegeberufes berücksichtigen. So stellen z. B. Linke-Winter und Pfeiffer (1999) fest, dass bei einem Großteil der Befragten, die sich für einen Pflegeberuf entschieden haben, die Familien eine
4. Das Beispiel der Pflegeberufe 100 solche Berufswahl ausdrücklich befürworten. Unterstützt wird die Annahme auch durch die Ergebnisse der Schülerbefragung zur Attraktivität des Altenpflegeberufes von El-Cherkeh und Fischer (2010). Sie zeigen einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Neigung, eine Ausbildung im Bereich der Altenpflege zu absolvieren, und der erwarteten Reaktion der Eltern und Freunde in Bezug auf eine solche Entscheidung: „Je positiver die erwartete Meinung von Eltern bzw. Freunden, desto eher können SchülerInnen sich vorstellen, eine Ausbildung als AltenpflegerIn oder PflegeassistentIn zu machen“ (El-Cherkeh & Fischer, 2010, S. 40). Differenzierte Auswertungen der erwarteten Reaktion nach Geschlecht finden sich in dieser Studie leider nicht. Andere Studienergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass geschlechtsspezifische Differenzen in den erwarteten Reaktionen des sozialen Umfelds einen zentralen Beitrag zur Erklärung der unterschiedlich stark ausgeprägten Neigung zu Pflegeberufen zwischen Männern und Frauen leisten. Basierend auf einer qualitativen Befragung von männlichen Pflegekräften stellen z. B. Kada und Brunner (2009) fest, dass Männer teilweise positive oder neutrale Reaktionen seitens ihres sozialen Umfelds auf die Wahl eines Pflegeberufes erlebt haben, teilweise aber auch sehr negative Reaktionen. Letztere berichten über konkrete Erfahrungen mit Stigmatisierungen und der Konfrontation mit unterschiedlichen Klischeebildern, wie dem der Homosexualität (vgl. auch Bartjes & Hammer, 2006). Da Klischeebilder gesellschaftlich tief verwurzelt sind, könnte die Antizipation solch negativer Reaktionen für junge Männer ein entscheidender Grund sein, Pflegeberufe als mögliche Berufswahloption auszuschließen. Gleichwohl verdeutlichen die Befunde von Kada und Brunner (2009), dass negative Reaktionen und Stigmatisierungen kein allgemeingültiges Ausschlusskriterium sind, sondern dass Männer, die einen Pflegeberuf ergreifen wollen, teilweise auf eine solche Art der sozialen Passung verzichten. Den Befunden der Studie von Kada und Brunner (2009) zufolge handelt es sich hierbei hauptsächlich um Männer, die auf dem zweiten Bildungsweg zum Pflegeberuf kommen und deren Neigung zu einem Pflegeberuf sich hauptsächlich durch eine soziale Motivation, die Suche nach einem sicheren Job und Unzufriedenheit mit dem Ursprungsberuf erklärt. Die Forschungsbefunde zur (Nicht-)Wahl von Pflegeberufen stützen insgesamt die Vermutung, dass für die soziale Passung vor allem die erwartete Reaktion des eigenen sozialen Umfelds bedeutsam ist und weniger die vermutete allgemeine gesellschaftliche Wertschätzung des Berufes. Denn: Der Befund eines negativen Images von Pflegeberufen aus Befragungen im Kontext der Berufswahl steht dem Befund entgegen, dass Pflegeberufe grundsätzlich für wichtig gehalten werden (vgl. Klatt et al., 2011) und so in Bevölkerungsumfragen (z. B. der Allensbacher Berufsprestige-Skala sowie Umfragen der Gesellschaft für Konsumforschung, des Deutschen Beamtenbundes oder der Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen) oftmals eine hohe Prestige-Position einnehmen (vgl. Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland, 2017). Auch Schüler sind sich der gesellschaftlichen Relevanz dieses Berufsfelds bewusst. Basierend auf einer qualitativen Befragung von Jugendlichen stellt Handstanger (2012) fest, dass alle Befragten diese Berufe für wichtig halten und es
101 4.3 Forschungsstand zur (Nicht-)Wahl von Pflegeberufen gut finden, „wenn sich Menschen für solche Berufe entscheiden. Menschen in diesen Berufsbranchen wird großer Respekt entgegengebracht“ (S. 106). Diese Art der Wertschätzung begünstigt die Wahl von Pflegeberufen jedoch kaum. Denn wie in Kapitel 3.2.2 geschildert, deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass Menschen sich vor allem dann Ansehen von einem Beruf erwarten, wenn dieser mit Bildung, Intelligenz und Reichtum assoziiert wird (vgl. erneut Eberhard et al., 2009). Dies scheint für die Pflegeberufe jedoch nicht der Fall zu sein: Berufsinhaber von Pflegeberufen werden von Schülern zwar für selbstlos, körperlich fit, kontaktfreudig, fleißig und geschickt gehalten, deutlich weniger jedoch für gebildet, intelligent und reich – und somit auch nicht für besonders angesehen (vgl. Matthes, 2016). Bei der differenzierten Betrachtung verschiedener Pflegeberufe zeigen sich gleichwohl Unterschiede in den Zuschreibungen: So werden Gesundheitsund Krankenpflegern ebenso wie Gesundheitsund Kinderkrankenpflegern in stärkerem Ausmaß die ansehensförderlichen Attribute gebildet, intelligent und reich zugeschrieben als Altenpflegern. Dieser Befund deckt sich mit der Argumentation von Fischer (2010), die Differenzen in der gesellschaftlichen Wertschätzung zwischen der Gesundheitsund Krankenpflege und der Altenpflege darauf zurückführt, dass die Krankenpflege noch eher „vom hohen Ansehen des ärztlichen und medizinischen Feldes profitiert“, während „die Altenpflege als haushaltsnahe Jedermann-Tätigkeit [gilt]“ (S.134). Alles in allem bestätigen die Befunde, dass der Wunsch nach Anerkennung und einer sozialen Passung in der Berufsfindung eine wichtige Rolle spielt, und deuten darauf hin, dass eine mangelnde soziale Passung ein zentraler Grund für den Ausschluss von Pflegeberufen sein könnte. 4.3.3 Die Relevanz der Rahmenbedingungspassung Die Bedeutung von extrinsischen Motivationsfaktoren, wie beruflichen Zielvorstellungen bezüglich Sicherheit und Gehalt, wurde in bisherigen Studien zur Wahl von Pflegeberufen nur teilweise beleuchtet und die Befunde sind teilweise gegenläufig. Während Veit (1996) auf der Grundlage einer schriftlichen Befragung von Krankenpflegeschülern schlussfolgert, dass extrinsische Gründe wie Bezahlung und Arbeitsbedingungen eine zunehmende Bedeutung haben, kommen Schaefer et al. (1990, S. 492) zu dem Schluss, dass Aspekte wie „ein krisensicherer Beruf“ und „viel Freizeit“ keine entscheidenden Kriterien für die Wahl eines Pflegeberufes sind. Zu einem ähnlichen Schluss kommen Bomball et al. (2010), welche durch die Befragung von Schülern an allgemeinbildenden Schulen und Auszubildenden in Pflegeberufen herausfinden, dass sich Schüler im Allgemeinen zwar stark an Faktoren wie „Einkommen“, „sicherer Arbeitsplatz“, „sichere und gesunde Arbeit“ und „Aufstiegsmöglichkeiten“ orientieren, Auszubildende in der Pflege solche Motive jedoch generell nicht nennen. Rahmenbedingungen, die im Zusammenhang mit der Wahl von Pflegeberufen eine Rolle spielen, sind z. B. die Möglichkeit, „Kontakt mit Menschen“ bei der Arbeit zu haben sowie „im Team zu arbeiten“ (S. 46), welche stark mit den beruflichen Tätigkeiten selbst zusammenhängen.
4. Das Beispiel der Pflegeberufe 102 Die Passung zwischen eigenen Zielvorstellungen und den Rahmenbedingungen eines Berufes ist auch im Beispiel der Pflege kein zentraler Attraktionsfaktor in der Berufsfindung. Vielmehr bekräftigen die Forschungsbefunde die Annahme, dass eine mangelnde Rahmenbedingungspassung aufgrund von belastenden Rahmenbedingungen einen wichtigen Grund für den Ausschluss von Berufen darstellt und sie somit als Aversionsfaktor betrachtet werden kann: Sowohl in größeren Befragungen zur Wahrnehmung von Pflegeberufen als auch in einer selbst durchgeführten explorativen, qualitativen Vorstudie (vgl. Kapitel 5.2) zeigt sich, dass Schüler Pflegeberufe oftmals mit stark negativen Attributen wie körperlich harter Arbeit, Krankheit, Alter, Leid und Tod verbinden (vgl. Bomball et al., 2010; El-Cherkeh & Fischer, 2010; Handstanger, 2012). Insbesondere Jungen lassen sich bei anonymen Befragungen „zu massiven Abwertungen hinreißen“, z. B. „stinkende Leute, kreischende Kinder, alte Leute, Ekel, Hintern abputzen, Depressionen, langweilig, Langeweile, Öde“ (Bomball et al., 2010, S. 54). Handstanger (2012) stellt fest, dass Nähe und Kontakt zu Menschen für viele zwar auch der Grund sei, sich für Sozialund Gesundheitsberufe zu interessieren, doch dass oftmals Unbehagen entstehe, wenn eine natürliche soziale Distanz überschritten werden muss. „In vielen Fällen verbinden die Jugendlichen mit diesen Berufen [...] Tätigkeiten und Verhaltensweisen, die zu starke Eingriffe in die Intimsphäre von Menschen – die ihnen eigentlich nur aufgrund ihrer Berufsausübung nahe sind – bedeuten. Manche Tätigkeiten werden als ‚schmutzig‘ oder ‚zu nahe‘ empfunden“ (S. 107). Hierzu passend ist auch der Befund von Ziegler et al. (2013), dass die Arbeit mit der Klientel „alte Menschen“ sowohl von Schülerinnen als auch von Schülern als Grund für den Ausschluss von Berufen aus dem Aspirationsfeld genannt wird. Neben körperlichen und psychischen Belastungen sowie „Ekel-Faktoren“ bringen viele Jugendliche Pflegeberufe mit schlechten Arbeitsbedingungen in Verbindung. „Ausbildungsbedingungen, Arbeitszeiten und die Chancen auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die weiteren beruflichen Perspektiven sind die meistgenannten Gründe, eine Pflegeausbildung nicht aufzunehmen“ (Braun & Dörr, 2016, S. 4; vgl. auch Handstanger, 2012, S. 105; El-Cherkeh & Fischer, 2010, S. 37). El-Cherkeh und Fischer (2010) weisen darauf hin, dass sich hier deutliche Diskrepanzen zwischen den Ansprüchen, die Jugendliche an Berufe stellen, und den erwarteten Rahmenbedingungen in der Altenpflege zeigen. Insbesondere eine gute Bezahlung und eine interessante und abwechslungsreiche Tätigkeit gehören, ihren Ergebnissen zufolge, zu den zentralen Zielvorstellungen Jugendlicher, werden jedoch nur von einer Minderheit der Befragten im Bereich der Altenpflege erwartet. Rund zwei Drittel der Befragten gehen davon aus, dass die Arbeit im Bereich der Altenpflege nicht gut bezahlt werde und nicht interessant und abwechslungsreich sei. „Positiv bewertet wird die Altenpflege dagegen hinsichtlich eines dritten, für die Berufswahl der SchülerInnen ebenfalls relevanten Kriteriums – der Sicherheit des Arbeitsplatzes“ (El-Cherkeh & Fischer, 2010, S. 4). Die Befunde bestätigen insgesamt die Annahme, dass die Antizipation von belastenden Rahmenbedingungen ein zentraler Grund für den Ausschluss von Berufen sein kann. In Bezug auf das hier betrachtete Beispiel der Pflegeberufe liegt zudem die Vermutung nahe,
103 4.3 Forschungsstand zur (Nicht-)Wahl von Pflegeberufen dass die geringere Neigung zu Pflegeberufen bei Jungen und auch bei Personen ohne Migrationshintergrund mit Differenzen in der Wahrnehmung der Rahmenbedingungen zusammenhängt. Denn aus der bisherigen Forschung geht nicht nur hervor, dass insbesondere Jungen Pflegeberufe mit negativen Rahmenbedingungen assoziieren (vgl. Bomball et al., 2010, S. 54), sondern auch, dass Schüler ohne Migrationshintergrund seltener als Schüler mit Migrationshintergrund von einer guten Bezahlung, Aufstiegsmöglichkeiten und angenehmen Arbeitszeiten in der Altenpflege ausgehen und häufiger vermuten, dass die Arbeit anstrengend und schmutzig sei (vgl. El-Cherkeh & Fischer, 2010, S. 40). Zwar wurde der Zusammenhang zwischen einem Migrationshintergrund, den vermuteten Rahmenbedingungen und der Neigung zur Altenpflege nicht unter Kontrolle anderer Variablen untersucht, doch gehen die Autoren der Studie davon aus, dass die positivere Bewertung des Berufes durch Schüler mit Migrationshintergrund wesentlich zur Erklärung ihrer größeren Neigung zur Altenpflege beiträgt. 4.3.4 Die Relevanz der Realisierbarkeit Da sich die meisten genannten Studien mit Gründen für die Wahl von Pflegeberufen und somit explizit mit Anreizbzw. Attraktionsfaktoren beschäftigen, ist es wenig überraschend, dass die Relevanz von Realisierbarkeitserwartungen im Zusammenhang mit der Wahl von Pflegeberufen bislang kaum untersucht wurde. Aufschlussreich sind hier jedoch erneut die Ergebnisse der Schülerbefragung von El-Cherkeh und Fischer (2010), die zeigen, dass Schüler ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz im Bereich der Altenpflege überwiegend (zu knapp 70 %) eher gut einschätzen (S. 36). Der Befund passt zu den Ergebnissen der Experteninterviews, die ebenfalls im Rahmen der genannten Studie durchgeführt wurden und die nahelegen, „dass die Ausbildung in der Altenpflege oftmals nicht als Wunschberuf, sondern erst dann gewählt wird, wenn Versuche, einen aus Sicht der Bewerber attraktiveren Beruf zu ergreifen, gescheitert sind“ (S.3). Im Hinblick auf die nachfolgende empirische Untersuchung am Beispiel der Pflegeberufe ist es deshalb denkbar, dass die Erwartung einer mangelnden Realisierbarkeit nicht der zentrale Grund für den Ausschluss dieser Berufe ist. Gleichwohl könnte er zur Erklärung geschlechtsspezifischer Unterschiede in der Neigung zu Pflegeberufen beitragen, denn die Ergebnisse von El-Cherkeh und Fischer (2010) verdeutlichen, dass Mädchen häufiger von guten Zugangschancen ausgehen als Jungen (nach Migrationshintergrund zeigen sich hingegen nur geringfügige Unterschiede). 4.3.5 Die Relevanz der Urteilssicherheit Die Bedeutung der Urteilssicherheit wird in einigen Studien zur Attraktivität und (Nicht-) Wahl von Pflegeberufen nur indirekt im Zusammenhang mit Berufskenntnissen und -erfahrungen thematisiert. Wie genau Berufskenntnisse und -erfahrungen mit der Neigung, einen Pflegeberuf zu wählen, zusammenhängen, bleibt jedoch unklar. Wenngleich Schüler Berufskenntnissen eine große Bedeutung beimessen und z. B. die Beratung durch Eltern und
5. Design der empirischen Untersuchung und Hypothesen 110 Forschungsergebnisse zum Einfluss von Berufsbezeichnungen auf die Berufswahl jedoch zwingend erforderlich (vgl. Kapitel 3.2.2). Der mögliche Einwand, dass im allgemeinen Sprachgebrauch üblicherweise weiterhin die Bezeichnung „Krankenschwester“ genutzt wird und die „neuen“ Berufsbezeichnungen deshalb bei den Jugendlichen nicht bekannt sind, konnte durch den Pretest entkräftet werden. Wenngleich die Befragten sowohl in Bezug auf die Neigung als auch in Bezug auf die erwartete soziale Passung, die Realisierbarkeit und die Urteilssicherheit Angaben zu allen drei Pflegeberufen machten, werden für die Auswertungen jeweils nur die Angaben zu einem der Berufe genutzt. Dies ist dadurch zu erklären, dass im Rahmen der Befragung unterschiedliche Fragebogenversionen eingesetzt wurden, in denen zur Erfassung der Tätigkeitspassung und der Rahmenbedingungspassung jeweils einer der drei Pflegeberufe fokussiert wurde.19 Auf diese Weise konnten beide Konstrukte ausführlich erfasst werden, ohne die Schüler mit einem zu langen Fragebogen mit Berufskonzepten zu allen drei Pflegeberufen zu überfordern. Konkret bedeutet dies, dass sowohl die Tätigkeitsals auch die Rahmenbedingungspassung für jede Person nur zu einem der drei Berufe vorliegt und somit für die Bildung der zentralen Konstrukte stets nur die Angaben zu demjenigen Beruf herangezogen werden, zu dem auch die Tätigkeitsund Rahmenbedingungspassung ermittelt wurde: Für Personen mit der Fragebogenversion „Altenpflege“ werden in der Bildung aller Konstrukte nur die Angaben zum Beruf „Altenpfleger/-in“ genutzt, für Personen mit der Fragebogenversion „Gesundheitsund Krankenpflege“ nur die Angaben zum Beruf „Gesundheitsund Krankenpfleger/-in“ und für Personen mit der Fragebogenversion „Gesundheitsund Kinderkrankenpflege“ nur die Angaben zum Beruf „Gesundheitsund Kinderkrankenpfleger/-in“. Auf diese Weise gehen verschiedene Pflegeberufe in die Bildung der zentralen Variablen mit ein, sodass z. B. von der „Neigung, in einem Pflegeberuf zu arbeiten“ die Rede ist, die Konstrukte sich aber auf der Individualebene immer nur auf einen Beruf beziehen. Um welchen der drei Berufe es sich dabei handelt, ist für die Auswertungen nicht zentral, da es nicht darum geht, Differenzen zwischen verschiedenen Pflegeberufen zu untersuchen, sondern die Logik des Ausschlusses von Berufen im Allgemeinen. In der Darstellung der Ergebnisse werden relevante Unterschiede zwischen den drei Berufen dennoch benannt und die verschiedenen Fragebogenversionen werden im Gesamtmodell als Kontrollvariablen berücksichtigt. Ein weiterer wichtiger Aspekt, auf den bereits vor der Darstellung der einzelnen Operationalisierungen hingewiesen werden soll, ist, dass alle Einflussfaktoren zwar mithilfe von 5-stufigen Likert-Skalen erfasst wurden, die Aversionsfaktoren jedoch im Nachhinein dichotomisiert werden, d. h. als binäre (0-/1-skalierte) Variablen in die Auswertungen eingehen. 19 Vor dem Hintergrund der zum Befragungszeitpunkt aktuellen politischen Diskussion über die Einführung eines generalistischen Pflegeberufes (vgl. Kapitel 4.2.1) wurde bei der Befragung zusätzlich eine vierte Fragebogenversion eingesetzt, in der die Schüler über die Einführung eines generalistischen Pflegeberufes informiert wurden und anschließend ihr Berufskonzept zu diesem Beruf (statt zu einem der drei bisherigen Pflegeberufe) abgefragt wurde. Die Angaben sind jedoch ausschließlich für gesonderte Auswertungen relevant (vgl. Matthes, 2016) und fließen nicht in die Auswertungen dieser Arbeit mit ein.
111 5.2 Erhebungsinstrument und Operationalisierungen Dies hat sowohl inhaltliche als auch methodische Gründe. Zum einen entspricht die Dichotomisierung der Aversionsfaktoren der Ausgangsüberlegung, dass das Vorhandensein eines Aversionsfaktors den Zusammenhang zwischen Attraktionsfaktor und Neigung stört, bzw. konkret, dass eine mangelnde Rahmenbedingungspassung, eine mangelnde soziale Passung, eine mangelnde Realisierbarkeit und eine mangelnde Urteilssicherheit den Zusammenhang zwischen der Tätigkeitspassung und der Neigung, einen bestimmten Beruf zu wählen, moderieren. Die Dichotomisierung entspricht somit der theoretischen Modellannahme, die zwischen vorhandenen und nicht vorhandenen Aversionsfaktoren unterscheidet, und ermöglicht so die empirische Prüfung der getroffenen Annahmen. Zum anderen ist die Transformation von Moderatorvariablen in Dummy-Variablen eine gängige Methode, um Interpretationsprobleme aufgrund der Nicht-Linearität in der Steigerung bestimmter Wertekombinationen bei der Verwendung der Ausgangsskalen zu vermeiden (vgl. Urban & Mayerl, 2008, S. 295f.). Gleichwohl wird an dieser Stelle deutlich, dass die dichotome Trennung der Einflussfaktoren in „vorhanden“ und „nicht vorhanden“ klare Trennlinien suggeriert, die in der Realität wohl kaum zu finden sind. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Frage, ab wann ein Aversionsfaktor als „vorhanden“ gilt, hochgradig subjektiv ist. Während z. B. eine Person einen bestimmten Beruf womöglich schon ausschließen würde, wenn sie ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz als eher nicht so gut einschätzt, wird der Beruf von einer anderen Person gegebenenfalls erst ausgeschlossen, wenn sie sich gar keine Chancen auf Erfolg ausrechnet. Eine zentrale Herausforderung bei der Operationalisierung der Aversionsfaktoren ist somit die Festlegung der Trennlinie, die markiert, wann ein Aversionsfaktor vorhanden und wann nicht vorhanden ist. In den im Folgenden vorgestellten Operationalisierungen wurde sie so gewählt, dass die Zuordnung insgesamt inhaltlich plausibel ist: Grundsätzlich werden hierbei die Ausprägungen „eher nicht gut“ und „gar nicht gut“ (z. B. in Hinblick auf Erwartungen bzgl. der Realisierbarkeit) als vorhandene Aversionsfaktoren gewertet, während mindestens teilweise gute Erwartungen („teils/teils“, „eher gut“ und „sehr gut“) bedeuten, dass die Aversionsfaktoren nicht vorhanden sind. Eine alternative Zuordnung, in der nur „gar nicht gute“ Erwartungen als vorhandener Aversionsfaktor gewertet werden, würde implizieren, dass „eher nicht gut“ zur Referenzgruppe zählen würde, d. h., auch bei eher nicht guten Erwartungen müsste der jeweilige Aversionsfaktor als „nicht vorhanden“ gelten – eine Annahme, die zumindest für die Gesamtstichprobe nicht sinnvoll erscheint. Im Zuge der Auswertungen zeigten sich bei der explorativen Nutzung einer entsprechenden Operationalisierungsvariation grundsätzlich jedoch ähnliche Ergebnisse wie die in Kapitel 6 vorgestellten. 5.2.1 Die abhängige Variable: Neigung, in einem Pflegeberuf zu arbeiten Die im Fokus der folgenden Auswertungen stehende abhängige Variable ist die Neigung, in einem Pflegeberuf zu arbeiten (kurz: Neigung zu Pflegeberufen). Wichtig ist es, an dieser Stelle noch einmal zu verdeutlichen, dass im Rahmen des hier aufgestellten Modells zum Ausschluss von Berufen zwar – wie in Herzbergs Zwei-Faktoren-Theorie – von der Existenz zweier unterschiedlicher Einflussfaktoren (Attraktionsund Aversionsfaktoren) ausgegangen
5. Design der empirischen Untersuchung und Hypothesen 112 wird, die Neigung jedoch als eindimensionales Konstrukt verstanden wird. Sie drückt aus, inwiefern sich Jugendliche vorstellen können, später in einem bestimmten Beruf zu arbeiten, d. h., inwiefern eine Tendenz zum Einschluss oder Ausschluss des Berufes in den Raum der vorstellbaren Berufsoptionen besteht (vgl. Kapitel 2.2.3). In Übereinstimmung mit der Frageformulierung in der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2014 wurde hierfür die Frage „Wie gut kannst du dir vorstellen, später einmal in den folgenden Berufen [Altenpfleger/-in, Gesundheitsund Krankenpfleger/-in, Gesundheitsund Kinderkrankenpfleger/-in] zu arbeiten?“ genutzt (vgl. BA & BIBB, 2014). Um auch Tendenzen des Ausschlusses und Einschlusses abbilden zu können, wurde als Beantwortungsraster eine 5-stufige Likert-Skala eingesetzt, die von „gar nicht gut“ bis „sehr gut“ reicht (vgl. Fragebogen in Anlage 1, Frage 2). 5.2.2 Tätigkeitspassung Bei der Operationalisierung der Tätigkeitspassung stellt sich die Herausforderung, wie dieser Einflussfaktor unabhängig von anderen Einflussfaktoren gemessen werden kann. Als manifeste Variable (z. B. mithilfe der Frage „Wie gut passen die Tätigkeiten des Berufs X zu Deinen Interessen?“) kann sie nicht erhoben werden, da sie dann kaum noch trennbar von der Neigung und nicht unabhängig von anderen Einflussgrößen messbar wäre. Die Passung zwischen beruflichen Interessen und vermuteten Tätigkeiten eines Berufes („Tätigkeitspassung“) wurde deshalb in Anlehnung an die Befragungsund Auswertungsmethode erfasst, die in der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2014 genutzt wurde und sich an der Erfassung von beruflichen Interessen in etablierten Testinstrumenten orientiert (vgl. BA & BIBB, 2014). Hierfür wurden die beruflichen Interessen einer Person (berufliches Selbstkonzept) und die vermuteten Tätigkeiten eines Berufes (Berufskonzept) separat in zwei getrennten Frageblöcken erhoben. Anschließend wurde mit einem Distanzmaß ein Index berechnet, der Auskunft über den Passungsgrad zwischen beruflichem Selbstkonzept und Berufskonzept (Tätigkeitspassung) gibt. Entsprechend der inhaltlichen Annahmen zur Relevanz dieses Einflussfaktors handelt es sich hierbei um eine subjektive Passung, die auf der Selbstund Berufswahrnehmung des Individuums beruht und von einer objektiven Passung abweichen kann (z. B. wenn ein Individuum aufgrund von Fehlinformationen das Tätigkeitsprofil eines Berufes falsch einschätzt). Berufliche Interessen (berufliches Selbstkonzept) Zur Erfassung der beruflichen Interessen (berufliches Selbstkonzept) wurde die Frage „Wie sehr interessieren dich die folgenden beruflichen Tätigkeiten?“ gestellt und für die Antwortoptionen auf die 2005 überarbeitete Version des 1992 entwickelten Allgemeinen Interessen-Struktur-Tests (AIST-R) von Bergmann und Eder (2005) zurückgegriffen, welche auf dem im theoretischen Teil dieser Arbeit beschriebenem RIASEC-Interessensmodell von Holland (1966, 1973, 1985, 1997) basiert (vgl. Kapitel 3.1.1). Der AIST-R „ist ein Interesseninventar (Interessenfragebogen) zur Erfassung schulisch-beruflicher Interessen ab dem
113 5.2 Erhebungsinstrument und Operationalisierungen 14. Lebensjahr“ (Bergmann & Eder, 2005, S. 11). Er enthält zu jeder der sechs von Holland beschriebenen Interessensdimensionen (praktisch-technisch, intellektuell-forschend, künstlerisch-sprachlich, sozial, unternehmerisch, konventionell) zehn Items. Da der vollständige (60 Items umfassende) AIST-R in Verbindung mit den anderen Fragen nicht realisierbar gewesen wäre, wurde nur die Sozialdimension, welche für das Beispiel der Pflegeberufe die wichtigste Dimension ist (vgl. Kapitel 4.3.1), vollständig erfasst. Alle anderen Interessensbereiche wurden mithilfe einer Fragebogen-Kurzversion erfasst, die in dieser Form auch im Fragebogen der Nationalen Bildungspanelstudie (NEPS) verwendet wurde (vgl. NEPS, 2013, S. 112f.). Statt zehn Items werden hier nur drei Items pro Dimension verwendet. Zu beachten ist hierbei, dass die Items des im NEPS eingesetzten Interesseninventars nicht vollständig dem AIST-R entstammen. Sechs der insgesamt 18 Items (eins pro Dimension) sind der deutschsprachigen Version des „Inventory of Children’s Activities“ (ICA-D) von Tracey und Ward (vgl. Maurice, 2006) entnommen. Michael Bayer vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) weist darauf hin, dass das auf diese Weise zusammengesetzte Inventar im Rahmen des Projekts „Bildungsprozesse, Kompetenzentwicklung und Selektionsentscheidungen im Vorschulund Schulalter“ an der Universität Bamberg entwickelt und auf Grundlage von Skalenreliabilitäten und Trennschärfekoeffizienten von der ursprünglich 24 Items umfassenden Kurzvariante auf die im NEPS eingesetzte 18-Item-Variante gekürzt wurde (persönliche Kommunikation, 4. August 2014). Bei der Verwendung der Items aus dem AIST-R in der eigenen Datenerhebung wurde eine weitere Modifikation vorgenommen: Bei dem Item „Hilfsbedürftige Kinder oder Erwachsene betreuen“ wurde die Formulierung „Kinder oder Erwachsene“ durch „Menschen“ ersetzt, da die gleiche Itembatterie auch für die Erfassung des Berufskonzepts verwendet wird (s. unten) und die Unterscheidung von der Betreuung von Kindern und Erwachsenen bei den abgefragten Pflegeberufen (Gesundheitsund Kinderkrankenpfleger/-in vs. Gesundheitsund Krankenpfleger/-in) von Bedeutung ist. Wenngleich sich weitere Formulierungen auf der Ebene der Einzelitems kritisieren ließen (z. B. weil durch und-/oder-Formulierungen mehrere Sachverhalte abgefragt werden), wurde von weiteren Modifikationen des etablierten Messinstrumentes abgesehen. Dies gilt auch auf inhaltlicher Ebene, auf der diskutabel ist, ob einige Items der Sozial-Dimension aufgrund ihres expliziten Bezugs zu pflegerischen Tätigkeiten eine zu große Konfundierung von beruflichen Interessen und der Neigung, einen Pflegeberuf zu wählen, darstellen. Da gerade das Interesse an diesen Tätigkeiten jedoch ein zentraler Grund für die Neigung zur Wahl eines Pflegeberufes sein kann, wurde von einer Modifikation der Originalitems abgesehen. Die vollständige Zusammenstellung der verwendeten Items zur Erfassung der beruflichen Interessen findet sich in Tabelle 6 (vgl. auch Fragebogen in Anlage 1, Frage 3). Vermutete Tätigkeiten eines Berufes (Berufskonzept) Die vermuteten Tätigkeiten eines Berufes (Berufskonzept) wurden mithilfe der Frage „Was vermutest du: Wie typisch sind die folgenden Tätigkeiten für den Beruf eines/einer ...?“
5. Design der empirischen Untersuchung und Hypothesen 114 ermittelt. Als Beruf wurde hier der in der Fragebogenversion fokussierte Beruf eingesetzt. Die Items entsprechen den oben vorgestellten Items, die für die Erfassung des beruflichen Selbstkonzepts verwendet wurden (vgl. Tabelle 6). Als Skala wurde ebenfalls eine 5-stufige Likert-Skala genutzt, die von „gar nicht typisch“ bis zu „sehr typisch“ reicht (vgl. Fragebogen in Anlage 1, Frage 10). Tabelle 6: Items zur Erfassung der beruflichen Interessen Interessenorientierung Item Realistic (praktisch-technisch) Metall/Holz bearbeiten, etwas aus Metall/Holz herstellen Etwas nach einem Plan oder nach einer Skizze anfertigen Etwas aufbauen oder zusammensetzen Investigative (intellektuell-forschend) Etwas genau beobachten und analysieren In einem Versuchslabor Experimente durchführen Etwas durch ein Mikroskop betrachten Artistic (künstlerisch-sprachlich) Bilder zeichnen Etwas nach künstlerischen Gesichtspunkten gestalten Dichtung/Literatur lesen und interpretieren Social (sozial) Andere Personen betreuen oder pflegen Jemanden unterrichten oder erziehen Andere Menschen beraten Sich die Probleme anderer Menschen anhören Andere Menschen bedienen, für andere sorgen Sich für die Anliegen anderer einsetzen Kontakte knüpfen, mit Leuten ins Gespräch kommen Hilfsbedürftige Menschen betreuen Kranke oder Verletzte versorgen Sich in die Situation anderer Menschen hineindenken Enterprising (unternehmerisch) Mit anderen Menschen verhandeln Für eine Sache in der Öffentlichkeit auftreten Anderen sagen, was sie machen sollen Conventional (konventionell) Über etwas Aufzeichnungen und Listen führen Dinge zählen und sortieren Die Einhaltung von Richtlinien überwachen Quellen: AIST-R, IILS (NEPS) mit geringfügigen Modifikationen; eigene Darstellung
115 5.2 Erhebungsinstrument und Operationalisierungen Berechnung des Passungsgrades zwischen beruflichen Interessen und vermuteten Tätigkeiten eines Berufes („Tätigkeitspassung“) Der Passungsgrad zwischen den beruflichen Tätigkeitsinteressen einer Person auf der einen Seite und den von ihr vermuteten Tätigkeiten eines Berufes auf der anderen Seite („Tätigkeitspassung“) wurde in Anlehnung an das Distanzmaß von Osgood & Suci ermittelt (vgl. Fisseni, 2004, S. 191) und entspricht damit in seiner Berechnung dem Passungsgrad, den z. B. Granato et al. (2016) in den Auswertungen der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2014 nutzen. Zur Berechnung wurde für jedes der insgesamt 25 Items die Abweichung zwischen der Ausprägung des beruflichen Selbstkonzepts (Interessen) und des Berufskonzepts (vermutete Tätigkeiten des jeweiligen Berufs) ermittelt. Die quadrierten Abweichungen wurden über alle 25 Items hinweg aufsummiert. Für alle Fälle mit mindestens fünf gültigen Messwertpaaren wurde anschließend die Wurzel der Summe der quadrierten Abweichungen durch die Zahl der gültigen Messwertpaare dividiert und am rechnerisch maximal möglichen Abweichungsbetrag relativiert. In einem letzten Schritt wurde die daraus resultierende mittlere Distanz zwischen beruflichen Interessen und vermuteten Tätigkeiten eines Berufes von der Konstante 1 abgezogen, um ein Korrespondenzmaß zu erhalten, das einen Wertebereich von 0 bis 1 aufweist. Der Passungsindikator nimmt somit einen umso höheren Wert (maximal 1) an, je stärker die beruflichen Interessen einer Person mit den von ihr vermuteten Tätigkeiten des jeweils fokussierten Berufes übereinstimmen. Ein hoher Wert kommt somit sowohl dann zustande, wenn sich eine Person für bestimmte Tätigkeiten (sehr) interessiert und gleichzeitig glaubt, dass sie (sehr) typisch sind, als auch, wenn sie sich für bestimmte Tätigkeiten (gar) nicht interessiert und glaubt, dass sie auch (gar) nicht typisch sind, oder wenn beide Angaben im Mittelfeld liegen. Umgekehrt nimmt der Passungsindikator einen umso niedrigeren Wert (minimal 0) an, je weniger die beruflichen Interessen zu den vermuteten Tätigkeiten des Berufes passen, d. h., wenn sich eine Person für bestimmte Tätigkeiten interessiert, diese aber nicht für typisch hält oder andersherum. 5.2.3 (Mangelnde) Rahmenbedingungspassung Ebenso wie die Tätigkeitspassung wurde auch die Rahmenbedingungspassung mithilfe von zwei unterschiedlichen Frageblöcken – einem nach den eigenen beruflichen sowie privaten Zielvorstellungen (berufliches Selbstkonzept) und einem nach den vermuteten Rahmenbedingungen eines Berufes (Berufskonzept) – erfasst. Da für die Prüfung der Rahmenbedingungspassung als Aversionsfaktor vor allem jene Aspekte relevant sind, die potenziell als Belastungen wahrgenommen werden (vgl. Kapitel 3.3), wurden die Jugendlichen zunächst gefragt, wie belastend sie bestimmte Dinge in ihrem späteren Beruf empfinden würden und wie typisch diese Dinge für den ihnen zur Bewertung vorgelegten Pflegeberuf sind (vgl. Fragebogen in Anlage 1, Frage 5 und Frage 10). Auch hier wurde zur Beantwortung eine 5-stufige Likert-Skala eingesetzt, die entsprechend der Frage-
5. Design der empirischen Untersuchung und Hypothesen 116 formulierung von „gar nicht belastend“ bis „sehr belastend“ bzw. von „gar nicht typisch“ bis „sehr typisch“ reicht. Die genutzten Items greifen jene Belastungsfaktoren auf, die in den qualitativen Vorstudien (Fokusgruppeninterview und Expertengespräche, vgl. Kapitel 5.2) genannt wurden und die sich auch in den bisherigen empirischen Studien zur Attraktivität von Pflegeberufen wiederfinden (vgl. Kapitel 4.3.3). Insgesamt wurden sechs Items zur Erfassung von Belastungen eingesetzt. Um einen Eindruck von der Struktur hinter den Items zu bekommen, wurde auf Grundlage der Angabe zum beruflichen Selbstkonzept („Wie belastend würdest du persönlich folgende Dinge in deinem späteren Beruf empfingen?“) eine kategoriale Hauptkomponentenanalyse gerechnet. Basierend auf dem Eigenwertkriterium lassen sich zwei Komponenten erkennen (vgl. Tabelle 7): allgemeine, d. h. in verschiedenen Berufen auffindbare Belastungen (z. B. körperliche Anstrengungen), und pflegespezifische Belastungen (z. B. verletzte Menschen und Blut sehen). Tabelle 7: Items zur Erfassung des beruflichen Selbstkonzepts und Berufskonzepts in Bezug auf belastende Rahmenbedingungen und Komponentenladungen Allgemeine Belastungen Pflegespezifische Belastungen Körperliche Anstrengungen (z. B. schwer heben/viel stehen) ,570 ,090 Nachtschichten ,842 ,209 Wechselnde Arbeitszeiten (Schichtarbeit) ,841 ,117 Mit den Problemen anderer Leute zu tun haben ,064 ,679 Verletzte Menschen und Blut sehen ,153 ,731 Mit unangenehmen Gerüchen oder körperlichen Ausscheidungen zu tun haben ,170 ,673 Quelle: BIBB-Schülerbefragung NRW 2015 (n = 1.434) Erläuterung: Dargestellt werden die Items zur Erfassung von Belastungen und die rotierten Ergebnisse einer kategorialen Hauptkomponentenanalyse (Varimax-Rotation mit Kaiser-Normalisierung). Ergänzend zu diesen sechs Items, die unmittelbar nach potenziellen Belastungen fragen, wurden berufliche Selbstkonzepte und Berufskonzepte zu weiteren Rahmenbedingungen abgefragt, die ebenfalls belastend sein könnten. Bei der Erfassung des beruflichen Selbstkonzepts wurde in diesem Fall jedoch nicht explizit nach Belastungen gefragt, sondern die Frageformulierungen „Wie wichtig ist es dir, dass dies auf deinen späteren Beruf zutrifft?“ genutzt, die die Befragten auf einer 5-stufigen Likert-Skala von „gar nicht wichtig“ bis „sehr wichtig“ beantworten konnten. Da für die Erfassung von beruflichen Zielvorstellungen und vermuteten Rahmenbedingungen keine gängigen Itembatterien zur Verfügung stehen, wurden eigene Items formuliert (vgl.Tabelle 8). Hierbei wurden jene Aspekte aufgegriffen, die sich in vorherigen empirischen Studien als relevant für die Berufswahl erwiesen haben, z. B. Fragen der Zukunftssicherung, der Entwicklungsmöglichkeiten oder der Vereinbarkeit von
117 5.2 Erhebungsinstrument und Operationalisierungen Beruf und Freizeit (vgl. Buschbeck & Krewerth, 2004; Bomball et al., 2010; Hurrelmann et al., 2017). Die Ergebnisse einer weiteren kategorialen Hauptkomponentenanalyse auf Grundlage der Angaben zum beruflichen Selbstkonzept zeigen, dass sich mithilfe der Items drei verschiedene Orientierungen unterscheiden lassen: eine Selbstverwirklichungsorientierung, eine Karriereund Sicherheitsorientierung und eine Freizeitorientierung. Tabelle 8: Items zur Erfassung des beruflichen Selbstkonzepts und des Berufskonzepts in Bezug auf weitere Rahmenbedingungen und Komponentenladungen Selbstverwirklichungsorientierung Karriereund Sicherheitsorientierung Freizeitorientierung Eigene Ideen und Vorschläge einbringen ,684 ,138 ,123 Herausfordernde Aufgaben haben, bei denen ich beweisen muss, was ich kann ,630 ,292 -,191 Meine Arbeitsaufgaben selber einteilen können ,501 ,036 ,438 Einen Beruf mit vielseitigen Einsatzmöglichkeiten haben ,650 -,026 ,308 Eigene Fähigkeiten weiterentwickeln können ,735 ,102 -,049 Einen sicheren (festen) Arbeitsplatz haben ,013 ,567 ,147 Viel Geld verdienen -,021 ,718 ,228 Einen Beruf mit guten Arbeitsmarktchancen haben ,275 ,685 ,006 Beruflich aufsteigen können ,356 ,676 -,024 Am Wochenende frei haben -,110 ,403 ,601 Genug Zeit für Familie, Freunde und persönliche Interessen haben ,159 ,092 ,810 Quelle: BIBB-Schülerbefragung NRW 2015 (n = 1.388) Erläuterung: Dargestellt werden die Items zur Erfassung von weiteren Rahmenbedingungen und die rotierten Ergebnisse einer kategorialen Hauptkomponentenanalyse (Varimax-Rotation mit Kaiser-Normalisierung). Die dargestellten Itemformulierungen entsprechen wörtlich den Formulierungen zur Erfassung des Beruflichen Selbstkonzepts (BSK); die Items zur Erfassung des Berufskonzepts (BK) sind inhaltlich identisch, unterscheiden sich lediglich durch sprachliche Anpassungen in der Verwendung der Personalund Possessivpronomen und der Verbalisierung der Items (vgl. Fragebogen in Anhang I). Im Gegensatz zur Operationalisierung der Tätigkeitspassung wird für die Rahmenbedingungspassung kein Passungsindikator mithilfe eines Distanzmaßes berechnet. Denn: Bei der Tätigkeitspassung ist es egal, ob ein geringer Wert des Passungsindikators dadurch entsteht, dass das berufliche Selbstkonzept stärker ausgeprägt ist als das Berufskonzept oder andersherum – eine geringe Tätigkeitspassung liegt z.B. sowohl dann vor, wenn sich eine Person sehr für soziale Tätigkeiten interessiert, diese aber in einem bestimmten Beruf nicht für typisch hält, als auch, wenn die Person sich nicht für soziale Tätigkeiten interessiert, diese aber in einem bestimmten Beruf für typisch hält. Bei der Rahmenbedingungspassung hingegen
5. Design der empirischen Untersuchung und Hypothesen 118 ist es entscheidend, welcher der beiden Faktoren stärker ausgeprägt ist: Während eine hohe Distanz zwischen beruflichem Selbstkonzept und Berufskonzept, die auf einer stärkeren Ausprägung des beruflichen Selbstkonzepts beruht (z.B. „Viel Geld verdienen – sehr wichtig“ und „Viel Geld verdienen – gar nicht typisch“), als Belastungsfaktor zu interpretieren ist, trifft dies bei umgekehrten Verhältnissen (z.B. „Viel Geld verdienen – gar nicht wichtig“ und „Viel Geld verdienen – sehr typisch“) nicht zu. Zudem sollen, wie in Kapitel 5.2 erläutert, alle Aversionsfaktoren als binäre Faktoren gebildet werden. Aus diesem Grund werden Aversionsfaktoren durch inhaltlich begründete Merkmalskombinationen gebildet. Der Aversionsfaktor „mangelnde Rahmenbedingungspassung“ (Erwartung belastender Rahmenbedingungen) ist demnach immer dann vorhanden, wenn eine bestimmte Rahmenbedingung (z. B. „viel Geld verdienen“) für (mindestens teilweise) wichtig aber für (eher oder gar) nicht typisch gehalten wird (vgl. Abbildung 7 links). Der Aversionsfaktor ist hingegen nicht vorhanden, wenn keine Belastungen feststellbar sind – entweder, weil eine bestimmte Rahmenbedingung (eher oder gar) nicht für wichtig erachtet wird (in dem Fall ist egal, für wie typisch der Befragte sie hält), oder weil sie zwar für (mindestens teilweise) wichtig, aber gleichzeitig auch für (mindestens teilweise) typisch gehalten wird. Bei den Items, die mit der Frage „Wie belastend würdest du persönlich folgende Dinge in deinem späteren Beruf empfingen?“ erfasst wurden, ist die Logik die gleiche, die Zuordnung allerdings aufgrund der umgekehrten Skalierung anders: Hier ist der Aversionsfaktor „mangelnde Rahmenbedingungspassung“ vorhanden, wenn eine bestimmte Rahmenbedingung (z. B. körperliche Anstrengungen) für (eher oder sehr) belastend und gleichzeitig (mindestens teilweise) typisch gehalten wird (vgl. Abbildung 7 rechts). Der Aversionsfaktor ist hingegen nicht vorhanden, wenn eine bestimmte Rahmenbedingung höchstens als teilweise belastend (gar nicht, eher nicht oder teilweise belastend) wahrgenommen wird (in dem Fall ist egal, für wie typisch der Befragte sie hält), oder weil sie zwar für (eher oder sehr) belastend, aber gleichzeitig (eher oder gar) nicht für typisch gehalten wird. Auf diese Weise wurden für alle genannten Items unter Berücksichtigung des beruflichen Selbstkonzepts und des Berufskonzepts Dummy-Variablen gebildet. Sie zeigen an, dass in Bezug auf eine bestimmte Rahmenbedingung (z. B. Verdienstmöglichkeiten, Nachtschichten) Belastungen zu erwarten sind, weil die Befragten den jeweiligen Aspekt für wichtig, aber untypisch bzw. für belastend und typisch halten.
119 5.2 Erhebungsinstrument und Operationalisierungen Abbildung 7: Bildung der Aversionsfaktoren zur mangelnden Rahmenbedingungspassung BK: typisch BK: typisch 1 2 3 4 5 1 2 3 4 5 BSK: wichtig 1 o o o o o BSK: belastend 1 o o o o o 2 o o o o o 2 o o o o o 3 + + o o o 3 o o o o o 4 + + o o o 4 o o + + + 5 + + o o o 5 o o + + + Quelle: eigene Darstellung Erläuterungen: Dargestellt werden die möglichen Merkmalskombinationen der Ausprägungen des Beruflichen Selbstkonzepts (BSK) und des Berufskonzepts (BK) in Bezug auf Rahmenbedingungen. Die Skala verläuft von 1 = gar nicht (typisch/belastend/wichtig), 5 = sehr (typisch/ belastend/wichtig). Das Symbol „o“ bedeutet hierbei, dass der Aversionsfaktor nicht vorhanden ist, während das Symbol „+“ ausdrückt, dass der Aversionsfaktor vorhanden ist. Die verschiedenen potenziell belastenden Rahmenbedingungen werden nicht miteinander verrechnet und zu einem Gesamtindikator zusammengefasst. Denn: Vor dem Hintergrund der theoretischen Annahmen zur Wirkung von Aversionsfaktoren ist davon auszugehen, dass jeder einzelne Aspekt den Ausschluss von Berufen begünstigen kann und einen intervenierenden Effekt auf den Zusammenhang zwischen Attraktionsfaktor und der Neigung zu bestimmten Berufen hat. Wenn z. B. eine Person, der es wichtig ist, viel Geld zu verdienen, davon ausgeht, dass die Verdienstmöglichkeiten in einem bestimmten Beruf nicht gut sind, so wird sie diesen Beruf den Modellannahmen zufolge auch dann ausschließen, wenn die vermuteten Entwicklungsmöglichkeiten in dem Beruf zu ihren Zielvorstellungen passen. Das theoretische Konstrukt „mangelnde Rahmenbedingungspassung“ wird somit im empirischen Teil der Arbeit durch insgesamt 17 Aversionsfaktoren, die sich auf Belastungen durch bestimmte Rahmenbedingungen beziehen, untersucht (vgl. Tabelle 9). Zur Verringerung der Komplexität findet im Verlauf der Ergebnisdarstellung eine Fokussierung auf jene Belastungsfaktoren statt, die sich in der empirischen Analyse als relevante Aversionsfaktoren im Kontext Pflege erweisen.
126 ▶6. Ergebnisse der empirischen Untersuchung Das folgende Kapitel stellt die Ergebnisse der empirischen Untersuchung vor. In Kapitel 6.1 wird zunächst kurz die Stichprobe beschrieben, bevor in Kapitel 6.2 deskriptive Befunde zur Ausprägung der abhängigen Variablen („Neigung zu Pflegeberufen“) und den unabhängigen Variablen (dem Attraktionsfaktor „Tätigkeitspassung“ sowie den Aversionsfaktoren „mangelnde Rahmenbedingungspassung“, „mangelnde soziale Passung“, „mangelnde Realisierbarkeit“ und „mangelnde Urteilssicherheit“) vorgestellt werden. In Kapitel 6.3 werden Zusammenhänge zwischen den zentralen Variablen beschrieben, die erste Hinweise auf die Bedeutung von Attraktionsund Aversionsfaktoren in der Berufsfindung geben. Zur Beantwortung der Frage, ob Aversionsfaktoren die Berufsfindung beeinflussen, indem sie einen intervenierenden Effekt auf die Wirkung von Attraktionsfaktoren haben, werden in Kapitel 6.4 die Ergebnisse linearer Regressionsmodelle mit Interaktionseffekten präsentiert. In Kapitel 6.5 werden die zentralen Befunde der empirischen Untersuchung unter Rückbezug auf die in Kapitel 5.4 aufgestellten Hypothesen kurz zusammengefasst. 6.1 Beschreibung der Stichprobe Da die Befragung als Klassenzimmerbefragung durchgeführt wurde, in der jeweils alle Klassen der Jahrgangsstufen neun und zehn teilnahmen, sich die Klassenund Stufengrößen an den verschiedenen Schulen jedoch stark unterschieden, verteilen sich die Befragten nicht zu gleichen Anteilen auf die drei Schulformen und die beiden Jahrgangsstufen. Etwas mehr als ein Drittel der Befragten (34,4 %) besucht ein Gymnasium, aber nur 22,6 Prozent eine Hauptschule. Die übrigen 43,0 Prozent besuchen eine Realschule. Die Mehrzahl der Befragten (56,7 %) war zum Befragungszeitpunkt in der neunten Klasse, 43,3 Prozent bereits in der zehnten Klasse bzw. an Gymnasien in der sogenannten „Einführungsphase“ (EF). Die Stichprobe zeichnet sich insgesamt durch ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis aus: 51,1 Prozent der Befragten sind männlich, 48,9 Prozent sind weiblich. Lediglich unter den befragten Hauptschülern besteht ein leichter Männerüberhang (vgl. Tabelle 11).
127 6.2 Deskriptive Befunde Tabelle 11: Beschreibung der Stichprobe: Geschlecht, Migrationshintergrund und sozialer Hintergrund differenziert nach Schulform (in Prozent) Gymnasium Realschule Hauptschule Gesamt Statistische Kennwerte Geschlecht männlich 49,0 49,4 57,8 51,1 Chi² = 7,3 p < ,05 weiblich 51,0 50,6 42,2 48,9 CV = ,071 n = 1.455 Migrationshintergrund nicht vorhanden 72,7 59,6 40,0 59,7 Chi² = 88,5 p < ,001 vorhanden 27,3 40,4 60,0 40,3 CV = ,247 n = 1.456 Sozialer Hintergrund keine Akademikerfamilie 43,3 78,4 92,5 69,0 Chi² = 257,8 p < ,001 Akademikerfamilie 56,7 21,6 7,5 31,0 CV = ,427 n = 1.414 Quelle: BIBB-Schülerbefragung NRW 2015 Insgesamt haben 40,3 Prozent der befragten Schüler einen Migrationshintergrund und fast ein Drittel (31,0 %) stammt aus einer Familie, in der mindestens ein Elternteil Akademiker ist. Hierbei zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Schulformen: Während an Gymnasien nur etwa jeder vierte Befragte (27,3 %) einen Migrationshintergrund aufweist, liegt der Anteil der Befragten mit Migrationshintergrund an Realschulen bei 40,4 Prozent und an Hauptschulen bei 60,0 Prozent (vgl. Tabelle 11). Gleichzeitig fällt der Anteil der Befragten aus Akademikerfamilien an Gymnasien am höchsten aus (56,7 %). An Realschulen geben nur rund 21,6Prozent und an Hauptschulen sogar nur rund 7,5 Prozent der Befragten an, dass mindestens ein Elternteil einen akademischen Abschluss hat (vgl. Tabelle 11). 6.2 Deskriptive Befunde Zum besseren Verständnis der für diese Arbeit zentralen Variablen sollen zunächst einige deskriptive Befunde vorgestellt werden. Hierbei wird erst die Ausprägung der abhängigen Variable „Neigung zu Pflegeberufen“ betrachtet (vgl. Kapitel 6.2.1). Anschließend werden die Ausprägungen der unabhängigen Variablen (Attraktionsund Aversionsfaktoren) dargestellt. Erläutert wird hierbei jeweils auch, inwiefern es strukturelle Unterschiede in der Ausprägung der Variablen in der Stichprobe gibt.
6. Ergebnisse der empirischen Untersuchung 128 6.2.1 Ausprägung der abhängigen Variable (Neigung zu Pflegeberufen) In Übereinstimmung mit den zuvor zitierten Forschungsbefunden, die auf die geringe Popularität von Pflegeberufen bei jungen Berufswählern hinweisen, zeigen die Ergebnisse der Schülerbefragung, dass die Mehrzahl der Befragten (69,9 %) sich gar nicht oder eher nicht gut vorstellen kann, später einmal in einem Pflegeberuf zu arbeiten.20 In der Ausprägung der Neigung zu Pflegeberufen zeigen sich dabei signifikante Unterschiede in Abhängigkeit vom Geschlecht, der Schulform, der Jahrgangsstufe und dem Migrationshintergrund der Befragten: Männliche Befragte können sich Pflegeberufe seltener als potenzielle Berufsoptionen vorstellen als weibliche Befragte, Gymnasiasten seltener als Hauptschüler, Schüler der Jahrgangsstufe zehn seltener als Schüler der Jahrgangsstufe neun, Schüler ohne Migrationshintergrund etwas seltener als Schüler mit Migrationshintergrund. Keine signifikanten Unterschiede in der Neigung zu Pflegeberufen zeigen sich zwischen Schülern aus Akademikerfamilien und Schülern, deren Eltern keinen Studienabschluss besitzen (vgl. Tabelle 12). Passend zu bisherigen Forschungsergebnissen verdeutlichen die Auswertungen des Weiteren, dass die verschiedenen Pflegeberufe unterschiedlich beliebt sind: Während sich insgesamt 78,1Prozent der Befragten (eher oder gar) nicht vorstellen können, in der Altenpflege zu arbeiten, liegt der Anteil derer, die sich eine berufliche Tätigkeit als „Gesundheitsund Krankenpfleger/-in“ (eher oder gar) nicht vorstellen können, bei 68,7 Prozent und für den Beruf „Gesundheitsund Kinderkrankenpfleger/-in“ bei nur 62,7 Prozent. 20 Wie in Kapitel 5.2.1 dargestellt, wird hier die Neigung zu Pflegeberufen im Allgemeinen betrachtet, d. h., es wird mit einer abhängigen Variablen gearbeitet, für deren Bildung jeweils die Angaben zu dem Pflegeberuf berücksichtigt wurden, zu dem in der entsprechenden Fragebogenversion das Berufskonzept erfasst wurde.
129 6.2 Deskriptive Befunde Tabelle 12: Ausprägung der Neigung in Abhängigkeit zentraler Merkmale (in Prozent) Ausübung eines Pflegeberufes ist ... Gesamt (n) Statistische Kennwerte gar nicht gut eher nicht gut teils/teils eher gut sehr gut … vorstellbar Geschlecht männlich 55,5 27,3 13,2 2,8 1,2 744 Chi² = 148,8 p < ,001 CV = ,320 weiblich 30,7 26,0 24,1 13,1 6,2 711 Schulform Gymnasium 44,9 29,6 17,0 6,9 1,6 506 Chi² = 23,3 p < ,01 CV = ,089 Realschule 45,0 24,6 18,8 7,0 4,6 633 Hauptschule 37,8 25,5 19,8 11,4 5,4 333 Jahrgangsstufe neun 40,1 27,3 19,8 9,6 3,2 835 Chi² = 14,7 p < ,01 CV = ,100 zehn/Einführungsphase 47,6 25,6 16,6 5,8 4,4 637 Migrationshintergrund nicht vorhanden 43,3 28,8 18,3 7,0 2,6 869 Chi² = 11,1 p < ,05 CV = ,087 vorhanden 43,4 23,9 18,4 9,2 5,1 587 Sozialer Hintergrund keine Akademikerfamilie 42,9 25,7 19,4 7,4 4,6 976 Chi² = 6,8 n. s. Akademikerfamilie 45,0 28,3 16,4 8,0 2,3 438 Bewerteter Beruf Altenpfleger/-in 54,1 24,0 16,2 3,4 2,4 501 Chi² = 53,2 p < ,001 CV = ,134 Gesundheitsund Krankenpfleger/-in 39,5 29,2 17,8 10,0 3,5 489 Gesundheitsund Kinderkrankenpfleger/-in 36,1 26,6 21,4 10,6 5,4 482 Gesamt 43,3 26,6 18,4 7,9 3,7 1.472 Quelle: BIBB-Schülerbefragung NRW 2015
6. Ergebnisse der empirischen Untersuchung 130 6.2.2 Ausprägung der unabhängigen Variablen (Attraktionsund Aversionsfaktoren) Welche Tätigkeitsinteressen haben die Befragten und welche Vorstellungen haben sie von den Tätigkeiten in Pflegeberufen? Wie gut passen ihre tätigkeitsbezogenen beruflichen Selbstkonzepte zu ihren Berufskonzepten? Wie gut passen ihre weiteren beruflichen und privaten Zielvorstellungen zu ihrer Wahrnehmung der Rahmenbedingungen in Pflegeberufen? Inwieweit sind Aversionsfaktoren durch belastende Rahmenbedingungen, die Erwartung einer mangelnden sozialen Passung, einer mangelnden Realisierbarkeit oder einer mangelnden Urteilssicherheit vorhanden? Um diese Fragen zu beleuchten, werden im Folgenden die Ausprägungen des Attraktionsfaktors „Tätigkeitspassung“ und der Aversionsfaktoren „mangelnde Rahmenbedingungspassung“, „mangelnde soziale Passung“, „mangelnde Realisierbarkeit“ und „mangelnde Urteilssicherheit“ dargestellt. Attraktionsfaktor „Tätigkeitspassung“ Betrachtet man die Ausprägung der Einzelitems, mit denen das berufliche Selbstkonzept (BSK) und das Berufskonzept (BK) zur Bildung des Indikators zur Tätigkeitspassung erfasst wurden, so fällt zunächst auf, dass es Differenzen zwischen den beruflichen Interessen der Befragten und ihren Vorstellungen der beruflichen Tätigkeiten in Pflegeberufen gibt. Die Abweichungen zwischen dem beruflichen Selbstkonzept und dem Berufskonzept unterscheiden sich jedoch stark zwischen den sechs verschiedenen Interessensbereichen. Während die beruflichen Interessen der Befragten und die Vorstellungen von den Tätigkeiten in den Pflegeberufen in Hinblick auf die C-Komponente des RIASEC-Modells („konventionelle“ Interessen und Tätigkeiten, wie „Listen führen“, „Dinge zählen und sortieren“ und „die Einhaltung von Richtlinien überwachen“, vgl. Kapitel 3.1) in der Gesamtstichprobe recht nah beieinander liegen, zeigen sich über alle Befragten hinweg deutliche Diskrepanzen zwischen den beruflichen Interessen und den vermuteten Tätigkeiten in Pflegeberufen in Bezug auf den Bereich „Soziales“. Insbesondere die pflegespezifischen Items dieses Bereichs werden erwartungsgemäß für eher oder sehr typisch gehalten, im Durchschnitt über alle Befragten hinweg jedoch nur als teilweise interessant bewertet (vgl. Abbildung 8).
131 6.2 Deskriptive Befunde Da die beruflichen Selbstkonzepte und die Berufskonzepte der Befragten über alle Interessensbereiche hinweg insgesamt dennoch relativ nah beieinander liegen, erreicht der Passungsindikator (Distanzmaß zwischen den Angaben zum beruflichen Selbstkonzept und dem Berufskonzept mit dem Wertebereich 0-1, vgl. Kapitel 5.2.2) im Durchschnitt einen Abbildung 8: Ausprägung des beruflichen Selbstkonzepts (BSK) und Berufskonzepts (BK) zur Bildung der Tätigkeitspassung – Mittelwerte R Etwas nach einem Plan oder einer Skizze anfertigen*** Etwas aufbauen oder zusammensetzen*** Metall/Holz bearbeiten, etwas aus Metall/Holz herstellen*** I Etwas genau beobachten und analysieren*** In einem Versuchslabor Experimente durchführen*** Etwas durch ein Mikroskop betrachten*** A Bilder zeichnen*** Etwas nach künstlerischen Gesichtspunkten gestalten*** Dichtung/Literatur lesen und interpretieren*** S Andere Personen betreuen oder pflegen*** Kranke oder Verletzte versorgen*** Jemanden unterrichten oder erziehen* Andere Menschen beraten* Sich Probleme anderer Menschen anhören*** Andere Menschen bedienen, für Andere sorgen*** Sich für die Anliegen Anderer einsetzen*** Kontakte knüpfen, mit Leuten ins Gespräch kommen** Hilfsbedürftige Menschen betreuen*** Sich in die Situation anderer Menschen hineindenken*** E Mit anderen Menschen verhandeln*** Für eine Sache in der Öffentlichkeit auftreten*** Anderen sagen, was sie machen sollen*** C Über etwas Aufzeichnungen und Listen führen*** Dinge zählen und sortieren*** Die Einhaltung von Richtlinien überwachen*** 12345 BSK BK interessiert mich gar nicht gar nicht typisch interessiert mich sehr sehr typisch Quelle: BIBB-Schülerbefragung NRW 2015 (1.435 ≤ n ≤ 1.451) Erläuterungen: Die Items zur Erfassung des Beruflichen Selbstkonzepts (BSK) und des Berufskonzepts (BK) basieren auf dem RIASEC-Modell nach Holland (R = realistic, I = investigative, A = artistic, S = social, E = enterprising, C = conventional); *** p < ,001; ** p < ,01; * p < ,05 (zweiseitige Tests)
6. Ergebnisse der empirischen Untersuchung 132 relativ hohen Wert von M=0,79 und hat damit eine linksschiefe Verteilung. Die Standardabweichung liegt bei SD=0,1. Im Ausmaß der Passung zwischen den eigenen beruflichen Interessen und den vermuteten Tätigkeiten in Pflegeberufen gibt es signifikante Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Befragten (vgl. Tabelle 13): Mit einem Wert von M = 0,81 liegt die durchschnittliche Tätigkeitspassung der Mädchen deutlich über der der Jungen (M = 0,76). Tabelle 13: Mittelwerte (M) und Standardabweichungen (SD) des Attraktionsfaktors „Tätigkeitspassung“ in Abhängigkeit vom Geschlecht, der Schulform und dem sozialen Hintergrund der Befragten Tätigkeitspassung Statistische Kennwerte M SD Geschlecht männlich 0,76 0,10 F = 103,7 p < ,001 Eta² = ,068 n = 1.434 weiblich 0,81 0,09 Schulform Gymnasium 0,78 0,09 F = 4,2 p < ,05 Eta² = ,006 n = 1.449 Realschule 0,79 0,10 Hauptschule 0,80 0,11 Jahrgangsstufe neun 0,79 0,10 F = 3,4 n. s. n = 1.449 zehn/Einführungsphase 0,78 0,10 Migrationshintergrund nicht vorhanden 0,79 0,10 F = 1,5 n. s. n = 1.433 vorhanden 0,79 0,10 Sozialer Hintergrund keine Akademikerfamilie 0,79 0,10 F = 4,1 p < ,05 Eta² = ,003 n = 1.393 Akademikerfamilie 0,78 0,10 Bewerteter Beruf Altenpfleger/-in 0,78 0,10 F = 0,3 Gesundheitsund Krankenpfleger/-in 0,79 0,10 n. s. Gesundheitsund Kinderkrankenpfleger/-in 0,79 0,10 n = 1.449 Gesamt 0,79 0,10 Quelle: BIBB-Schülerbefragung NRW 2015
133 6.2 Deskriptive Befunde Schwach signifikante, geringfügige Unterschiede in der Ausprägung der Tätigkeitspassung zeigen sich außerdem in Abhängigkeit von der Schulform (die befragten Hauptschüler zeichnen sich durch eine höhere Tätigkeitspassung aus als die befragten Realschüler und Gymnasiasten) und dem sozialen Hintergrund (Schüler aus Nicht-Akademikerfamilien haben eine geringfügig höhere Tätigkeitspassung als Schüler aus Akademikerfamilien). In Bezug auf weitere Merkmale der Stichprobe (Jahrgangsstufe und Migrationshintergrund) und den bewerteten Beruf liegen keine signifikanten Unterschiede vor. Aversionsfaktor „mangelnde Rahmenbedingungspassung“ (Belastungen) Wenngleich für den Aversionsfaktor „mangelnde Rahmenbedingungspassung“ kein Passungsindikator mittels Distanzmaß berechnet wird (vgl. Kapitel 5.2.3), lohnt sich auch hier zunächst ein Blick auf die durchschnittliche Ausprägung der Einzelitems, die sich mit potenziell belastenden Rahmenbedingungen von Berufen beschäftigen. Er verdeutlicht, dass alle Aspekte von den Befragten für eher typische Merkmale von Pflegeberufen gehalten werden; am stärksten trifft dies auf die Konfrontation mit Problemen anderer Leute und mit unangenehmen Gerüchen und körperlichen Ausscheidungen zu, am wenigsten auf körperliche Anstrengungen (vgl. „Berufskonzept“ in Abbildung 9). Die allgemeinen Belastungsfaktoren „körperliche Anstrengungen“, „Nachtschichten“ und „Schichtarbeit“ werden von den Befragten im Durchschnitt als „teilweise belastend“ bewertet. Abbildung 9: Ausprägung des beruflichen Selbstkonzepts (BSK) und Berufskonzepts (BK) zu potenziell belastenden Rahmenbedingungen – Mittelwerte Körperliche Anstrengungen*** Nachtschichten*** Schichtarbeit*** Konfrontation mit Problemen anderer Leute*** Konfrontation mit Verletzten/Blut*** Konfrontation mit Gerüchen/Ausscheidungen*** 12345 BSK BK sehr belastend gar nicht typisch gar nicht belastend sehr typisch Quelle: BIBB-Schülerbefragung NRW 2015 (1.435 ≤ n ≤ 1.466) *** p < ,001; ** p < ,01; * p < ,05 (zweiseitige Tests)
6. Ergebnisse der empirischen Untersuchung 134 Bei den pflegespezifischen Belastungen zeigen sich deutliche Unterschiede im beruflichen Selbstkonzept: Während die Konfrontation mit Problemen anderer Leute und mit Verletzten/Blut tendenziell für etwas weniger belastend gehalten wird, wird die Konfrontation mit unangenehmen Gerüchen oder körperlichen Ausscheidungen von den Befragten im Durchschnitt als eher belastend empfunden (vgl. „Berufliches Selbstkonzept“ in Abbildung 9). Insgesamt wird deutlich, dass das berufliche Selbstkonzept der Befragten im Durchschnitt von ihrem Berufskonzept der Pflegeberufe abweicht. Betrachtet man ergänzend die durchschnittliche Ausprägung der weiteren abgefragten Rahmenbedingungen von Berufen, so wird deutlich, dass auch hier das berufliche Selbstkonzept vom Berufskonzept abweicht: Ein Großteil der abgefragten Rahmenbedingungen wird von den Jugendlichen für eher wichtig gehalten, gleichzeitig werden diese Merkmale aber nur als teilweise typisch für Berufe im Pflegesektor betrachtet. Besonders große Disparitäten zwischen dem beruflichen Selbstkonzept der Jugendlichen und dem Berufskonzept, das sie von Pflegeberufen haben, bestehen hinsichtlich Verdienstund Aufstiegsmöglichkeiten sowie der Vereinbarkeit des Berufes mit dem Privatleben (vgl. Abbildung 10). Abbildung 10: Ausprägung des beruflichen Selbstkonzepts (BSK) und Berufskonzepts (BK) zu weiteren potenziell belastenden Rahmenbedingungen – Mittelwerte Gestaltungsmöglichkeiten*** Herausforderungen*** Autonomie*** Einsatzmöglichkeiten*** Entwicklungsmöglichkeiten*** Arbeitsplatzsicherheit*** Verdienstmöglichkeiten*** Arbeitsmarktchancen*** Aufstiegsmöglichkeiten*** Freizeit*** Vereinbarkeit mit Privatem*** 12345 BSK BK gar nicht wichtig gar nicht typisch sehr wichtig sehr typisch Quelle: BIBB-Schülerbefragung NRW 2015 (1.424 ≤ n ≤ 1.471) *** p < ,001; ** p < ,01; * p < ,05 (zweiseitige Tests)
135 6.2 Deskriptive Befunde Die beschriebenen Ausprägungen des beruflichen Selbstkonzepts und des Berufskonzepts in Bezug auf die Rahmenbedingungen spiegeln sich in den binären Aversionsfaktoren zur (mangelnden) Rahmenbedingungspassung wider (vgl. Tabelle 14): Der am häufigsten vorhandene Aversionsfaktor in Bezug auf die Rahmenbedingungspassung ist die Konfrontation mit unangenehmen Gerüchen und körperlichen Ausscheidungen. 64,6 Prozent der Befragten geben an, diesen Aspekt sowohl (eher/sehr) belastend als auch (mindestens teilweise) typisch für den bewerteten Pflegeberuf zu finden. Von rund einem Drittel der Befragten werden außerdem Schichtarbeit und Nachtschichten für sowohl belastend als auch typisch gehalten und bei etwa einem Viertel der Befragten ist von Belastungen durch körperliche Anstrengungen, die Konfrontation mit Problemen anderer Leute und mit Verletzten/Blut auszugehen. In Bezug auf die weiteren abgefragten Rahmenbedingungen erweisen sich vor allem unzureichende Verdienstund Gestaltungsmöglichkeiten sowie mangelnde Freizeit als häufig vorhandene Aversionsfaktoren. Tabelle 14: Ausprägung der Aversionsfaktoren zur mangelnden Rahmenbedingungspassung (in Prozent) Aversionsfaktoren zur mangelnden Rahmenbedingungspassung vorhanden nicht vorhanden Belastungen durch … Körperliche Anstrengungen 26,4 73,6 Nachtschichten 32,4 67,6 Schichtarbeit 32,7 67,3 Konfrontation mit Problemen anderer Leute 23,9 76,1 Konfrontation mit Verletzten/Blut 25,7 74,3 Konfrontation mit Gerüchen/Ausscheidungen 64,6 35,4 Belastungen durch unzureichende ... Gestaltungsmöglichkeiten 42,4 57,6 Herausforderungen 21,6 78,4 Autonomie 36,6 63,4 Einsatzmöglichkeiten 23,2 76,8 Entwicklungsmöglichkeiten 23,2 76,8 Arbeitsplatzsicherheit 9,7 90,3 Verdienstmöglichkeiten 45,8 54,2 Arbeitsmarktchancen 31,3 68,7 Aufstiegsmöglichkeiten 35,9 64,1 Freizeit 50,4 49,6 Vereinbarkeit mit Privatem 31,5 68,5 Quelle: BIBB-Schülerbefragung NRW 2015 (1.419 ≤ n ≤ 1.431)
6. Ergebnisse der empirischen Untersuchung 142 6.3.2 Zusammenhang zwischen der Neigung und den Aversionsfaktoren Um einen ersten Eindruck davon zu bekommen, inwiefern das Vorhandensein von Aversionsfaktoren die Tendenz zum Ausschluss von Berufen erhöht, sollen im Folgenden die Zusammenhänge zwischen den Aversionsfaktoren und der Neigung dargestellt werden. Mangelnde Rahmenbedingungspassung (Belastungsfaktoren) Wie bei der Tätigkeitspassung lässt sich auch bei der Rahmenbedingungspassung zunächst betrachten, inwiefern sich die beruflichen Selbstkonzepte und Berufskonzepte in Bezug auf Rahmenbedingungen von Jugendlichen, die Pflegeberufe tendenziell ausschließen (gar nicht gut/eher nicht gut vorstellbar; blaue Kurve), und Jugendlichen, die sich die Wahl eines Pflegeberufes mindestens teilweise vorstellen können (Einschluss; orange Kurve), unterscheiden (vgl. Abbildung 12 und Abbildung 13). Auch hier zeigt sich, dass die orangenen Kurvenverläufe näher aneinander liegen als die blauen, d. h., dass die Passung zwischen dem beruflichen Selbstkonzept und dem Berufskonzept bei Jugendlichen, die sich die Wahl eines Pflegeberufes vorstellen können, größer ist als bei Jugendlichen, die sich eine solche Berufswahl nicht vorstellen können. Abbildung 12: Ausprägung des beruflichen Selbstkonzepts (BSK) und Berufskonzepts (BK) zu potenziell belastenden Rahmenbedingungen in Abhängigkeit von der Ausprägung der Neigung zu Pflegeberufen – Mittelwerte Körperliche Anstrengungen Nachtschichten Schichtarbeit Konfrontation mit Problemen anderer Leute Konfrontation mit Verletzten/Blut Konfrontation mit Gerüchen/Ausscheidungen 12345 BSK Ausschluss BSK Einschluss BK Ausschluss BK Einschluss sehr belastend gar nicht typisch gar nicht belastend sehr typisch Quelle: BIBB-Schülerbefragung NRW 2015 (1.435 ≤ n ≤ 1.466) Erläuterungen: Ausschluss = Beruf ist „gar nicht gut“ oder „eher nicht gut“ vorstellbar; Einschluss = Beruf ist mindestens teilweise vorstellbar; Signifikanzen siehe Tabelle A 8 und A 9
143 6.3 Zusammenhänge zwischen den zentralen Variablen Hierbei wird deutlich, dass sich Jugendliche, die sich die Wahl eines Pflegeberufes vorstellen können, und Jugendliche, die sich eine solche Wahl nicht vorstellen können, in Bezug auf die abgefragten Belastungsfaktoren weniger in ihren Einschätzungen der Berufe (Berufskonzepte) unterscheiden als in ihrer persönlichen Belastungstoleranz (berufliches Selbstkonzept). Abgesehen von körperlichen Belastungen, die von beiden Gruppen für nahezu gleich belastend wahrgenommen werden, halten die Befragten, die eine Neigung zu Pflegeberufen zeigen, alle anderen potenziell belastenden Faktoren (Nachtschichten, Schichtarbeit, psychische Belastungen, Konfrontation mit Verletzten und Blut sowie mit unangenehmen Gerüchen und körperlichen Ausscheidungen) für weniger belastend als die Befragten, für die die Wahl eines Pflegeberufes nicht in Frage kommt. Die Berufskonzepte unterscheiden sich zwischen beiden Gruppen in Hinblick auf die genannten Faktoren hingegen kaum – die vorgegebenen Items werden insgesamt für eher typisch gehalten. Signifikante Unterschiede in den Berufskonzepten zeigen sich hier lediglich in der Wahrnehmung von körperlichen Anstrengungen und der Konfrontation mit Verletzten und Blut – bemerkenswerterweise werden beide Aspekte von Personen, die die Wahl eines Pflegeberufes ausschließen, im Durchschnitt seltener für typisch gehalten als von Personen, die sich die Wahl eines Pflegeberufes vorstellen können. Nahezu spiegelbildliche Befunde zeigen sich in Hinblick auf die weiteren abgefragten Rahmenbedingungen (vgl. Abbildung 13). Hier wird deutlich, dass sich die Wünsche, die die beiden Gruppen hinsichtlich der Rahmenbedingungen von Berufen haben (berufliches Selbstkonzept), kaum unterscheiden, es jedoch deutliche Differenzen in den Berufskonzepten gibt. Signifikante Unterschiede in der Ausprägung des beruflichen Selbstkonzepts liegen nur in Hinblick auf die Relevanz von Verdienstmöglichkeiten und freien Wochenenden vor: Jugendliche, die die Wahl eines Pflegeberufes ausschließen, finden es wichtiger, viel Geld zu verdienen und am Wochenende frei zu haben, als Jugendliche, die sich eine spätere Berufstätigkeit im Pflegebereich vorstellen können.
6. Ergebnisse der empirischen Untersuchung 144 Die Berufskonzepte in Bezug auf die abgefragten Rahmenbedingungen unterscheiden sich dahingehend, dass Jugendliche, die die Wahl eines Pflegeberufes ausschließen, die Rahmenbedingungen in diesem Beruf deutlich schlechter einschätzen als Jugendliche, die sich eine entsprechende Berufswahl vorstellen können. Insbesondere gute Verdienst-, Aufstiegs-, Einsatzund Entwicklungsmöglichkeiten sowie die Arbeitsmarktchancen werden von Jugendlichen, die Pflegeberufe ausschließen, deutlich seltener für typisch gehalten als von Jugendlichen, die sich Pflegeberufe als Berufswahloption vorstellen können. Um den Zusammenhang zwischen den dichotomisierten Aversionsfaktoren zur mangelnden Rahmenbedingungspassung und der Neigung zu Pflegeberufen zu beleuchten, werden in Tabelle 16 und Tabelle 17 die Ausprägungen der Neigung in Abhängigkeit vom Vorhandensein oder Nichtvorhandensein der einzelnen Aversionsfaktoren dargestellt. Die unterschiedlichen Verteilungen und die jeweiligen Zusammenhangsmaße lassen erkennen, Abbildung 13: Ausprägung des beruflichen Selbstkonzepts (BSK) und Berufskonzepts (BK) zu weiteren potenziell belastenden Rahmenbedingungen in Abhängigkeit von der Ausprägung der Neigung zu Pflegeberufen – Mittelwerte Gestaltungsmöglichkeiten Herausforderungen Autonomie Einsatzmöglichkeiten Entwicklungsmöglichkeiten Arbeitsplatzsicherheit Verdienstmöglichkeiten Arbeitsmarktchancen Aufstiegsmöglichkeiten Freizeit Vereinbarkeit mit Privatem 12345 BSK Ausschluss BSK Einschluss BK Ausschluss BK Einschluss gar nicht wichtig gar nicht typisch sehr wichtig sehr typisch Quelle: BIBB-Schülerbefragung NRW 2015 (1.430 ≤ n ≤ 1.471) Erläuterungen: Ausschluss = Beruf ist „gar nicht gut“ oder „eher nicht gut“ vorstellbar; Einschluss = Beruf ist mindestens teilweise vorstellbar, Signifikanzen siehe Tabelle A 10 und A 11
145 6.3 Zusammenhänge zwischen den zentralen Variablen dass nicht alle Belastungsfaktoren für den Ausschluss von Pflegeberufen relevant sind. Es zeigt sich z. B., dass sich die Ausprägung der Neigung nicht signifikant unterscheidet zwischen Personen, die Nachtschichten für belastend und für typisch in Pflegeberufen halten (Aversionsfaktor „Belastungen durch Nachtschichten“ vorhanden), und Personen, bei denen dieser Aversionsfaktor nicht vorhanden ist. In beiden Gruppen ist die Wahl eines Pflegeberufes für rund 70 Prozent der Befragten gar nicht oder eher nicht gut vorstellbar, was im Umkehrschluss bedeutet, dass sich auch bei jenen Personen mit vorhandenem Aversionsfaktor aufgrund von Belastungen durch Nachtschichten rund 30 Prozent dennoch vorstellen können, einen Pflegeberuf zu wählen. Tabelle 16: Ausprägung der Neigung in Abhängigkeit von den Aversionsfaktoren zur mangelnden Rahmenbedingungspassung – Belastungen (in Prozent) Belastung durch … Wahl eines Pflegeberufes ist… Gesamt (n) Statistische Kennwerte gar nicht gut eher nicht gut teils/teils eher gut sehr gut … vorstellbar … körperliche Anstrengung nicht vorhanden 42,6 28,4 18,6 6,8 3,5 1.053 Chi² = 9,8 p < ,05 CV = ,083 vorhanden 43,1 23,0 18,5 11,1 4,2 378 … Nachtschicht nicht vorhanden 41,1 27,4 18,5 8,9 4,0 965 Chi² = 5,6 n. s. vorhanden 46,0 26,3 18,4 6,0 3,2 463 … Schichtdienst nicht vorhanden 40,6 26,8 19,9 8,9 4,4 963 Chi² = 8,5 n. s. vorhanden 46,5 27,4 17,1 6,4 2,6 467 … Konfrontation mit Problemen anderer Leute nicht vorhanden 38,2 28,5 20,7 8,6 4,0 1.087 Chi² = 43,9 p < ,001 CV = ,175 vorhanden 58,2 21,3 11,7 6,1 2,6 342 … Konfrontation mit Verletzten/Blut nicht vorhanden 42,5 25,8 19,3 8,0 4,4 1.060 Chi² = 8,1 n. s. vorhanden 43,7 30,1 16,1 8,2 1,9 366 … Konfrontation mit Gerüchen/Ausscheidungen nicht vorhanden 35,6 23,2 21,2 13,1 6,9 505 Chi² = 66,8 p < ,001 CV = ,216 vorhanden 46,9 29,1 17,2 5,0 1,8 922 Quelle: BIBB-Schülerbefragung NRW 2015
6. Ergebnisse der empirischen Untersuchung 146 Tabelle 17: Ausprägung der Neigung in Abhängigkeit von den Aversionsfaktoren zur mangelnden Rahmenbedingungspassung – weitere potenzielle Belastungen (in Prozent) Belastung durch unzureichende … Wahl eines Pflegeberufes ist… Gesamt (n) Statistische Kennwerte gar nicht gut eher nicht gut teils/teils eher gut sehr gut … vorstellbar … Gestaltungsmöglichkeiten nicht vorhanden 38,6 28,5 18,4 9,6 5,0 822 Chi² = 23,5 p < ,001 CV = ,128 vorhanden 48,8 24,4 18,5 6,1 2,1 606 … Herausforderungen nicht vorhanden 40,9 28,2 19,0 7,8 4,1 1.126 Chi² = 9,8 p < ,05 CV = ,083 vorhanden 49,7 22,3 16,8 8,7 2,6 310 … Autonomie nicht vorhanden 39,2 27,7 19,1 9,4 4,5 883 Chi² = 16,5 p < ,01 CV = ,109 vorhanden 47,9 26,1 18,1 5,3 2,6 509 … Einsatzmöglichkeiten nicht vorhanden 38,3 28,2 19,3 9,6 4,6 1.098 Chi² = 50,7 p < ,001 CV = ,188 vorhanden 57,8 22,6 15,7 3,0 0,9 332 … Entwicklungsmöglichkeiten nicht vorhanden 39,5 26,9 20,6 9,0 4,0 1.094 Chi² = 30,1 p < ,001 CV = ,145 vorhanden 53,8 26,9 12,1 4,2 3,0 331 … Arbeitsplatzsicherheit nicht vorhanden 41,7 27,4 18,3 8,6 3,9 1.294 Chi² = 11,8 p < ,05 CV = ,091 vorhanden 54,0 22,3 18,7 2,9 2,2 139 … Verdienstmöglichkeiten nicht vorhanden 32,3 27,8 21,9 11,7 6,3 772 Chi² = 111,4 p < ,001 CV = ,280 vorhanden 55,4 25,4 14,5 3,8 0,8 653
147 6.3 Zusammenhänge zwischen den zentralen Variablen Belastung durch unzureichende … Wahl eines Pflegeberufes ist… Gesamt (n) Statistische Kennwerte gar nicht gut eher nicht gut teils/teils eher gut sehr gut … vorstellbar … Arbeitsmarktchancen nicht vorhanden 38,8 27,0 20,8 9,3 4,1 975 Chi² = 34,2 p < ,001 CV = ,155 vorhanden 53,3 26,1 13,5 4,9 2,2 445 … Aufstiegschancen nicht vorhanden 35,4 28,6 20,9 10,2 4,9 915 Chi² = 67,8 p < ,001 CV = ,218 vorhanden 56,3 23,6 14,0 4,3 1,8 513 … Freizeit nicht vorhanden 41,4 26,8 17,8 9,8 4,2 706 Chi² = 6,9 n. s. vorhanden 44,0 26,7 19,5 6,4 3,2 718 … Vereinbarkeit mit Privatem nicht vorhanden 41,4 27,0 18,3 9,3 4,1 972 Chi² = 7,5 n. s. vorhanden 45,6 27,1 18,8 5,8 2,7 447 Quelle: BIBB-Schülerbefragung NRW 2015 Ebenfalls keine signifikanten Unterschiede zeigen sich in der Ausprägung der Neigung, wenn nach der hier vorgenommenen Operationalisierung eigentlich von Belastungen durch Schichtdienst, die Konfrontation mit Verletzten, unzureichende Freizeit und unzureichende Vereinbarkeit mit Privatem ausgegangen werden kann. Ein zwar nur schwach signifikanter, aber in seiner Richtung unerwarteter Effekt zeigt sich außerdem in Hinblick auf Belastungen durch körperliche Anstrengungen: Befragte, die körperliche Anstrengungen für belastend und gleichzeitig für typisch für den bewerteten Pflegeberuf halten (Aversionsfaktor vorhanden), können sich die Wahl des jeweiligen Berufes etwas häufiger „eher gut“ und etwas seltener „eher nicht gut“ vorstellen, als Befragte, bei denen der Aversionsfaktor nicht vorhanden ist. Mögliche Gründe für diese teilweise unerwarteten Effekte bezüglich der mangelnden Rahmenbedingungspassung werden im abschließenden Kapitel 7 diskutiert. Zunächst erscheint es an dieser Stelle sinnvoll, auf Grundlage der dargestellten Ergebnisse die Gesamtzahl der bislang verwendeten Aversionsfaktoren zur mangelnden Rahmen-
6. Ergebnisse der empirischen Untersuchung 148 bedingungspassung für die weiteren Analysen zu reduzieren. Da die Einzelitems, die auf einer Dimension liegen (vgl. erneut Tabelle 7 und Tabelle 8 in Kapitel 5.2.3), miteinander korreliert sind, soll im Folgenden nur ein Item pro Dimension betrachtet werden. Ausgewählt wird hierbei jenes Item, das in den dargestellten bivariaten Analysen den stärksten Effekt hat (Grundlage: Cramers-V; vgl. Tabelle 16 und Tabelle 17): „Belastungen durch unangenehme Gerüche und körperliche Ausscheidungen“ (für die Dimension „Pflegespezifische Belastungen“), „Belastungen durch unzureichende Einsatzmöglichkeiten“ (für die Dimension „Selbstverwirklichungsorientierung“) und „Belastungen durch unzureichende Verdienstmöglichkeiten“ (für die Dimension „Karriereund Sicherheitsorientierung“). Die Dimensionen „allgemeine Belastungen“ und „Freizeit“ werden demnach im Folgenden nicht weiter betrachtet, da sich auf bivariater Ebene keine Hinweise dafür zeigen, dass die abgefragten Items bzw. die operationalisierten Aversionsfaktoren relevante Einflussfaktoren im Ausschluss von Pflegeberufen darstellen. Weitere Aversionsfaktoren Wie verhält es sich mit den übrigen Aversionsfaktoren „mangelnde soziale Passung“, „mangelnde Realisierbarkeit“ und „mangelnde Urteilssicherheit“? Betrachtet man die Ausprägung der Neigung zu Pflegeberufen in Abhängigkeit von der sozialen Passung, so wird deutlich, dass die überwiegende Mehrheit der Personen (87,3 %), die mit negativen Reaktionen der Freunde bei der Wahl eines Pflegeberufes rechnet, die Wahl eines solchen tendenziell ausschließt (vgl. Anteile „gar nicht gut“ / „eher nicht gut“ vorstellbar in Tabelle 18). Gleiches gilt in Bezug auf die erwartete Reaktion der Familie. Sehr gut vorstellbar ist die Wahl eines Pflegeberufes für keinen Befragten, bei dem der Aversionsfaktor „mangelnde soziale Passung“ vorhanden ist. Für die meisten Befragten, die trotz erwarteten negativen Reaktionen des sozialen Umfelds die Wahl eines Pflegeberufes nicht ausschließen, ist eine solche Wahl nur teilweise vorstellbar. Ist der Aversionsfaktor „mangelnde soziale Passung“ hingegen nicht vorhanden, weil die Befragten nicht von negativen Reaktionen ihres sozialen Umfelds auf die Wahl eines Pflegeberufes ausgehen, ist die Wahl eines solchen Berufes deutlich häufiger vorstellbar. Ähnliche Befunde zeigen sich bezüglich der Aversionsfaktoren „mangelnde Realisierbarkeit“ und „mangelnde Urteilssicherheit“. Auch hier bestehen signifikante Unterschiede in der Ausprägung der Neigung in Abhängigkeit davon, ob die Aversionsfaktoren vorhanden oder nicht vorhanden sind. 88,1 Prozent der Befragten, die davon ausgehen, dass ihre Zugangschancen zu dem jeweils beurteilten Pflegeberuf „gar nicht gut“ oder „eher nicht gut“ sind (Aversionsfaktor „mangelnde Realisierbarkeit“ vorhanden), und 85,8 Prozent der Befragten, die angeben, dass sie den jeweils beurteilten Pflegeberuf „gar nicht gut“ oder „eher nicht gut“ kennen (Aversionsfaktor „mangelnde Urteilssicherheit“ vorhanden), können sich nicht vorstellen, diesen Beruf später einmal auszuüben.
149 6.3 Zusammenhänge zwischen den zentralen Variablen Tabelle 18: Ausprägung der Neigung in Abhängigkeit von den Aversionsfaktoren „mangelnde soziale Passung“, „mangelnde Realisierbarkeit“ und „mangelnde Urteilssicherheit“ (in Prozent) Ausprägung der Aversionsfaktoren Wahl eines Pflegeberufes ist… Gesamt (n) Statistische Kennwerte gar nicht gut eher nicht gut teils/teils eher gut sehr gut … vorstellbar Mangelnde soziale Passung (Reaktion Freunde) nicht vorhanden 27,7 27,5 25,2 13,0 6,5 782 Chi² = 232,7 p < ,001 CV = ,400 vorhanden 61,5 25,8 10,5 1,8 0,4 675 Mangelnde soziale Passung (Reaktion Familie) nicht vorhanden 34,0 27,9 22,6 10,3 5,2 993 Chi² = 134,3 p < ,001 CV = ,303 vorhanden 63,0 24,1 9,9 2,6 0,4 465 Mangelnde Realisierbarkeit (Chancen) nicht vorhanden 34,9 28,1 21,7 10,5 4,7 1.073 Chi² = 130,7 p < ,001 CV = ,298 vorhanden 65,6 22,5 9,6 1,0 1,3 395 Mangelnde Urteilssicherheit (Kenntnisse) nicht vorhanden 31,3 24,4 24,7 13,3 6,3 774 Chi² = 181,3 p < ,001 CV = ,351 vorhanden 56,8 29,0 11,4 2,0 0,9 696 Quelle: BIBB-Schülerbefragung NRW 2015 6.3.3 Erste Befunde zum Zusammenwirken von Attraktionsund Aversionsfaktoren Unter Rückbezug auf das theoretische Vierfelderschema zum Zusammenwirken von Attraktionsund Aversionsfaktoren (vgl. Tabelle 3 in Kapitel 2.4) soll im Folgenden zunächst auf deskriptivem Wege die Annahme geprüft werden, dass das Vorhandensein von Aversionsfaktoren unabhängig vom Vorhandensein von Attraktionsfaktoren zum Ausschluss von Berufen führt. Hierfür werden vier Teilstichproben gebildet, die sich in ihrer Ausprägung und dem Zusammenwirken des Attraktionsfaktors „Tätigkeitspassung“ und jeweils eines Aversionsfaktors unterscheiden. Eine zentrale Herausforderung hierbei ist, dass das theoretische Modell nicht nur einen binären Aversionsfaktor, sondern auch einen binären Attraktionsfaktor vorsieht. Um vier
6. Ergebnisse der empirischen Untersuchung 150 idealtypische Teilstichproben zu identifizieren, die sich durch das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Attraktionsund Aversionsfaktoren unterscheiden, müsste somit auch in Bezug auf die Tätigkeitspassung festgelegt werden, wann diese als „vorhanden“ und wann als „nicht vorhanden“ gilt. Da sich eine solche Trennlinie nicht theoretisch begründen lässt, wird zunächst eine Trennung über den Mittelwert vorgenommen. Der Attraktionsfaktor Tätigkeitspassung ist demnach „eher hoch“ ausgeprägt, wenn er über der durchschnittlichen Ausprägung in der Gesamtstichprobe liegt, und „eher gering“ ausgeprägt, wenn er unter der durchschnittlichen Ausprägung in der Gesamtstichprobe oder genau im Durchschnitt liegt. Neben der auf diese Weise dichotomisierten Tätigkeitspassung soll zur beispielhaften Überprüfung des Vierfelderschemas an dieser Stelle der Aversionsfaktor „mangelnde soziale Passung“ betrachtet werden. Entsprechend der in Kapitel 5.2.4 dargestellten Operationalisierung gilt der Aversionsfaktor als „vorhanden“, wenn negative Reaktionen seitens des sozialen Umfelds erwartet werden, und als „nicht vorhanden“, wenn keine negativen Reaktionen erwartet werden. Da die Ergebnisse der bivariaten Analysen erwarten lassen, dass vor allem die erwartete Reaktion der Freunde für den Ausschluss von Berufen von Bedeutung ist, wird hier und im Folgenden auf diese Variable zurückgegriffen. Bildet man mithilfe dieser beiden Variablen vier Teilstichproben, so zeigt sich folgendes Bild: Bei den rund 500 Befragten, bei denen eine eher hohe Tätigkeitspassung vorliegt und der Aversionsfaktor „mangelnde soziale Passung“ nicht vorhanden ist, sind alle möglichen Ausprägungen der Neigung vorhanden. Etwas weniger als die Hälfte (44,0 %) der Befragten in dieser Gruppe kann sich gar nicht oder eher nicht gut vorstellen, später in einem Pflegeberuf zu arbeiten, die übrigen 56,0 Prozent können sich dies mindestens teilweise vorstellen (vgl. Abbildung 14, oben links). Bei jenen Befragten, bei denen der Aversionsfaktor „mangelnde soziale Passung“ hingegen vorhanden ist, kann sich eine deutliche Mehrheit die Wahl eines Pflegeberufes gar nicht oder eher nicht gut vorstellen – und zwar weitgehend unabhängig von der Ausprägung der Tätigkeitspassung. Ist sie eher gering, schließen 92,0 Prozent der Befragten die Wahl eines Pflegeberufes tendenziell eher aus (eher oder gar nicht gut vorstellbar); ist die Tätigkeitspassung eher hoch, ist dies immerhin noch bei 81,8 Prozent der Befragten der Fall (vgl. Abbildung 14, rechte Spalte).
151 6.3 Zusammenhänge zwischen den zentralen Variablen Dieser Befund bekräftigt zunächst die Annahme, dass das Vorhandensein des Aversionsfaktors „mangelnde soziale Passung“, d. h. die Erwartung negativer Reaktionen des sozialen Umfelds auf die Wahl eines bestimmten Berufes, einen intervenierenden Effekt auf die Wirkung der Tätigkeitspassung hat und in den meisten Fällen ausreicht, um eine Tendenz zum Ausschluss des Berufes zu erzeugen. Betrachtet man jedoch weiter die Ausprägung der Neigung in der Gruppe der Befragten, bei denen die Tätigkeitspassung eher gering ist und gleichzeitig der Aversionsfaktor „mangelnde soziale Passung“ nicht vorhanden ist (vgl. Abbildung 14, unten links), so wird deutlich, dass auch hier eine deutliche Mehrheit der Befragten (74,9 %) die Wahl eines Pflegeberufes tendenziell ausschließt. Auch eine geringe Ausprägung der Tätigkeitspassung scheint somit einen Ausschluss zu begünstigen. Was dies für die konzeptionelle Trennung von Attraktionsund Aversionsfaktoren bedeutet, soll wiederum im Diskussionskapitel thematisiert werden (vgl. Kapitel 7). Abbildung 14: Ausprägung der Neigung in Abhängigkeit vom (Nicht-)Vorhandensein des Aversionsfaktors „mangelnde soziale Passung“ und des Attraktionsfaktors „Tätigkeitspassung“ – Operationalisierung über Mittelwert (in Prozent) Aversionsfaktor (mangelnde soziale Passung) nicht vorhanden vorhanden Attraktionsfaktor (Tätigkeitspassung) eher hoch 15,2 28,8 30,2 16,8 9,0 0 20 40 60 80 12345 n = 500 eher gering 49,4 25,5 16,6 6,6 1,8 0 20 40 60 80 12345 n = 271 73,8 18,2 6,9 0,6 1 0 20 40 60 80 12345 n = 362 Quelle: BIBB-Schülerbefragung NRW 2015 Erläuterungen: Dargestellt wird Ausprägung der abhängigen Variablen „Neigung zu Pflegeberufen“ (1 = Pflegeberuf ist gar nicht gut vorstellbar; 5 = Pflegeberuf ist sehr gut vorstellbar) in vier Teilstichproben. Der Aversionsfaktor „mangelnde soziale Passung“ gilt als „vorhanden“, wenn die Befragten negative Reaktionen ihrer Freunde auf die Wahl eines Pflegeberufes antizipieren, und als „nicht vorhanden“, wenn sie keine negativen Reaktionen erwarten. Die Unterteilung des Attraktionsfaktors in eine „eher geringe Tätigkeitspassung“ und eine „eher hohe Tätigkeitspassung“ erfolgt über den Mittelwert, d.h., die Tätigkeitspassung gilt als „eher gering“, wenn sie unterdurchschnittlich oder maximal durchschnittlich ausgeprägt ist und als „eher hoch“, wenn sie überdurchschnittlich ausgeprägt ist. 46,2 35,6 14,5 3,3 0,3 0 20 40 60 80 12345 n = 303