Dmytro Tschižewskij in Prag. Ein Beitrag zur Biographie des Wissenschaftlers
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Dmytro Tschižewskij in Prag. Ein Beitrag zur Biographie des Wissenschaftlers* Roman Mnich Uniwersytet Warszawski, Wydział Lingwistyki Stosowanej, Instytut Filologii Rosyjskiej [email protected] SYNOPSIS Dmytro Čyževs’kyj in Prague: Contribution to the Biography of the Scholar This article draws upon unpublished correspondence between Dmytro Čyževs’kyj (1894–1977) and Ferdinande Homann (1900–1944). Like Čyževs’kyj, Homann was astudent of Husserl; they met in Freiburg (Breisgau), and during Čyževs’kyj’s stay in Prague (1923–1932), their friendship developed into alove affair. An analysis of Čyževs’kyj’s correspondence with Homann reveals awealth of information, including his assessments of acquaintances, his literary preferences, his psychological state, and his scholarly aspirations. Čyževs’kyj also writes very frankly about the internal and external conflicts he encountered in Prague. The external conflicts were connected with the scholar’s complex relationship with Prague itself as acity, discussions with Czech, Russian, and Ukrainian philosophers, and with the Ukrainian émigré community. As well as the external conflicts mentioned above, there were also internal conflicts, including illnesses and doubts about the relevance of his chosen profession. This ultimately led to atransition from philosophy to philology (philosophical Slavic studies). KEYWORDS Dmytro Čyževs’kyj (1894–1977); Ferdinande Homann (1900–1944); emigration; autobiography; correspondence. DOI https://doi.org/10.14712/23366680.2025.1.4 Ich kam nach 3 Jahren an den deutschen Universitäten in Heidelberg und vor allem in Freiburg nach Prag auf Einladung zur Dozentur am Ukrainischen Pädagogischen Institut, dessen Schüler seltsamerweise in Polen und sogar in einigen Fällen in der * In diesem Text werde ich mich an die vom Wissenschaftler selbst vorgeschlagene Schreibweise seines Nachnamens halten— Tschižewskij. Am 14.November 1932 schrieb Tschižewskij einen Sonderbrief an das Kuratorium der Universität Halle, in dem er betonte, er habe sich für die Variante „Tschizewskij“ entschieden („Ich habe mich für die Schreibweise „Tschizewskij“ entschlossen“), obwohl er in Wirklichkeit bei dieser Form immer den Buchstaben ž verwendete, der für das lateinische Alphabet untypisch ist („Tschižewskij“). OPEN ACCESS
ROMAN MNICH 75 Ukraine anerkannt waren. Ich sollte dort Philosophie unterrichten. Tschechisch habe ich in Kiev als Slavist neben Bulgarisch gelernt, und trotz ziemlich langer Vorbereitung des Passes und Visums (ein Beamter des Konsulats bezeichnete damals die russische Politik gegenüber Emigranten als „svinina“; er meinte wohl „svinstvo“) kam ich nach Prag erst im April 1923. (Tschižewskij 1976, S.15)1 Mit diesen Worten beginnen die bekannten Prager Erinnerungen von Dmytro Tschižewskij (1894–1977), die ein Jahr vor seinem Tod veröffentlicht wurden und die er 50 Jahre nach seinem Aufenthalt in Prag schrieb. In diesen Erinnerungen versuchte er, seine eigene Interpretation der Geschichte der Prager Schule (Prager sprachwissenschaftlicher Kreis— Pražský lingvistický kroužek; s. dazu: Toman 2011; Čermák— Poeta— Čermák 2012) sowie der Geschichte seines Aufenthalts in Prag wiederzugeben. Viele Stellen in diesem Text sorgen unter Wissenschaftlern noch immer für Kontroversen, insbesondere jene, in denen Tschižewskij sein Privatleben und seine Eindrücke von Prag beschreibt. Es ist jedoch zu beachten, dass dieser Text von Tschižewskij von Anfang an zur Veröffentlichung bestimmt war, so dass die Absicht des Autors, komplexeste Aspekte seiner persönlichen Wahrnehmung von Prag sowie kritische Äußerungen über seine Zeitgenossen (vor allem Prager Philosophen und Philologen) zu vermeiden, verständlich ist. Eine Art Ergänzung zu diesen Erinnerungen (aber in einer viel offeneren Ausdrucksweise als in den Prager Erinnerungen) könnten die noch nicht veröffentlichten Briefe von Dmytro Tschižewskij an Ferdinande Homann (1900–1944) darstellen, die ich im Weiteren zitieren werde, um dem im Titel meines Artikels genannten Thema nachzukommen.2 Ferdinande Homann war, wie auch Tschižewskij, eine Schülerin Husserls, und sie beide studierten zusammen in Freiburg. Sie promovierte dort (summa cum laude) zum Thema „Das ‚Sparen‘ als ein Grundproblem der Theorie der kapitalistischen Wirtschaft“; ihre Dissertation liegt in gedruckter Fassung vor (Homann 1927)3. Die Briefe von Tschižewskij an Ferdinande Homann (konkret handelt es sich um 395 Briefe und Postkarten) wurden nach dem Krieg von ihrer Familie aufbewahrt und anschließend an Dietrich Donat (1927–2006) übergeben, einen deutschen Historiker, der Tschižewskij bei dessen Arbeit an lateinischen Texten assistiert hatte. 2004 übergab Donat diese Briefe dem Universitätsarchiv Heidelberg; der Archivdirektor Werner Moritz bestätigte ihren Erhalt am 14.Februar 2005 per E-Mail an Wladimir Janzen (Halle): „Fakt ist: Ein Schuhkarton mit 395 Briefen Tschižewskijs an ‚Nanny‘ Homann wurde 2004 von ihm [Donat— R.M.] ins Archiv gegeben“.4 Das Schicksal von Ferdinande Homanns Briefen an Tschižewskij ist unbekannt; sie befinden sich 1 Hier und im Weiteren werden in allen Zitaten aus Tschižewskijs Texten und Briefen Rechtschreibung und Grammatik des Originals beibehalten. 2 Im Weiteren zitiere ich alle Briefe von Tschižewskij aus Kopien, die mir Christiane Korthaase freundlicherweise aus dem Archiv Werner Korthaases (1937–2008) zur Verfügung gestellt hat; Kursivsetzung von mir— R.M. 3 S.Archivmaterialien: Ferdinande Homann (Universitätsarchiv Freiburg) Signatur 62-320/B 0044. 4 Für diese Informationen danke ich Dr. Wladimir Jantzen (Halle)— R.M. OPEN ACCESS
76 SLOVO A SMYSL 46 weder in den Archiven in Heidelberg noch in Halle. Die Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Heidelberg enthält lediglich Briefe von Maria Homann, Ferdinandes Mutter, und von Sophie Homann, ihrer Schwester, an Tschižewskij. Gerade aus den Briefen Tschižewskijs an Ferdinande Homann erfahren wir z. B., wie er Prag als Stadt und als wissenschaftliches Zentrum wahrnahm, aber auch wie seine alten und neuen Bekannten ihn selbst in Prag wahrnahmen, welche Bücher er las und welche Pläne er machte, und schließlich erfahren wir auch, dass Tschižewskij und Homann zu dieser Zeit ein Liebespaar wurden. Dieser Briefwechsel eröffnet uns also eine neue Perspektive auf Tschižewskijs Prager Zeit und die mit dieser verbundenen Konflikte im Leben des Wissenschaftlers. Ich versuche mich vor allem auf seine sog. innere Biographie zu konzentrieren, um diese inneren und äußeren Konflikte darzustellen, die nicht nur Tschižewskijs Jahre in Prag, sondern zu einem großen Teil sein Leben insgesamt, seine wissenschaftlichen Forschungen und Veröffentlichungen bestimmten. Die Korrespondenz enthält viele sehr private Informationen (zur Beziehung zwischen Tschižewskij und Homann), aber auch außerordentlich viele über Tschižewskijs Innenleben: wovon er träumte und was ihn beunruhigte, welche Musik er hörte, welche Artikel er schreiben wollte und warum er einige schrieb und andere nicht, wen er damals (nicht nur in Prag) kennenlernte, mit wem er diskutierte usw. Aus diesen Briefen erfahren wir auch, wie schwer Tschižewskij den Tod seiner Mutter erlebte (sie starb am 16.Februar 1927). Wir können ihnen entnehmen, dass er sehr oft Lose kaufte, in der Hoffnung, Geld zu gewinnen, und schließlich, dass damals fast alle seine deutschsprachigen Texte von Ferdinande Hohmann korrigiert und bearbeitet wurden. Besonders wichtig aber für die intellektuelle Biographie Tschižewskijs ist, dass sich in den Briefen viele Informationen über seine Einstellung zu deutschen Philosophen und zur deutschen Philosophie finden— dies waren gemeinsame Interessen von Tschižewskij und Homann. Das ist auch deshalb wichtig, weil Tschižewskij hier sozusagen „ohne Maske“ vor uns erscheint, wir können diesen Briefen voll und ganz vertrauen, was insbesondere im Vergleich mit Tschižewskijs brieflichen Äußerungen an andere Korrespondenzpartner zu erkennen ist. Der Briefwechsel zwischen Dmytro Tschižewskij und Ferdinande Homann dauerte von 1924 bis 1944— dem Todesjahr Homanns (sie starb während eines Bombenangriffs)—, wobei der persönliche Charakter der Briefe sich im Laufe dieser Zeit veränderte: Die Korrespondenz begann mit „Liebes Fräulein Homann!“ und endete mit „Mein liebes Nännchen!“. Anhand dieser Briefe können wir nicht nur die Entwicklung der Beziehung zwischen Tschižewskij und Homann verfolgen, sondern auch das Leben von Tschižewskij über einen mit 20 Jahren relativ langen Zeitraum hinweg. Im Weiteren werde ich einige ausgewählte Fragmente aus den Briefen zitieren, die einen direkten Bezug zur Prager Zeit haben. Es sei daran erinnert, dass Tschižewskij acht Jahre lang (1924–1932) unmittelbar mit Prag verbunden war: von dem Zeitpunkt an, als er 1924 eine Einladung von Mykhailo Drahomanovs Ukrainischem Höheren Pädagogischen Institut bekam, bis zu dem Zeitpunkt, als er die Stelle eines Dozenten (Lektors) der russischen Sprache an der Universität Halle erhielt. In Halle verteidigte er 1933 seine Dissertation Hegel in Russland (Tschižewskij 1934). Diese Zeit fällt also OPEN ACCESS
ROMAN MNICH 77 beinahe mit der Zeit der Existenz des von der Masaryk-Regierung finanzierten Ukrainischen Pädagogischen Instituts selbst zusammen— 1923–1933. Aufgrund der Briefe an Homann können wir heute auch sagen, dass Tschižewskijs Familienleben gerade in Prag endgültig zusammenbrach, seine Hoffnungen auf eine philosophische Universitätskarriere sich zerschlugen und er einen Übergang bzw. eine Wende von der Philosophie zur Philologie und Slawistik im weitesten Sinne des Wortes vollzog. Ich wage sogar zu behaupten, dass auch die politischen Ideen Tschižewskijs, die er seit seiner Jugend, seit seiner Mitgliedschaft in der Partei der Menschewiki gepflegt hatte, im Vorkriegs-Prag scheiterten (aber das ist ein anderes Thema). Tschižewskijs Aufenthalt in Prag sowie seine sehr aktive wissenschaftliche Tätigkeit in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit waren bereits vielfach Gegenstand der Forschung (Валявко 2004; Магид 2007; Блашків 2010; Dmytro Čyževskyj 2004). Am ausführlichsten wurde diese Prager Periode von Werner Korthaase beschrieben, allerdings wurde seine Doktorarbeit, die speziell Tschižewskij in Prag gewidmet war, leider nicht veröffentlicht, so dass wir nur einige Artikel von ihm haben (Korthaase 2019, S.9–65). Es versteht sich von selbst, dass wir in den oben erwähnten Prager Erinnerungen auch über interessante Zeugnisse aus Tschižewskijs eigener Feder verfügen: „Meine Bekannten am Ukrainischen Pädagogischen Institut waren zum Teil interessant, die Bekannten außerhalb des Pädagogischen Instituts waren allerdings viel sympathischer.“ (Tschižewskij 1976, S.15) „Mit den russischen Philosophen stand ich zunächst sehr gut.“ (Ebd., S.16) „In Prag waren meine Verbindungen mit den Slavisten beschränkt, mit den deutschen Philosophen an der Universität noch mehr, obwohl Husserl mich an sie empfohlen hatte.“ (Ebd., S.16) Tschižewskijs Briefe an Homann ergänzen nicht nur die hier wiedergegebenen Aussagen, sondern werfen auch ein neues Licht auf die innere Biographie des Wissenschaftlers. So lassen sich Fragmente seiner Briefe an Homann von 1928 interpretieren, die eine Art Bekenntnisrede darstellen. Sie können als Hintergrund für das Verständnis der Prager Zeit in seinem Leben dienen, das heißt für seine philosophischen Recherchen, seine existenziellen Enttäuschungen, sein literarisches Interesse am Problem des Doppelgängers, seine eigene Einschätzung seiner damaligen Veröffentlichungen, letztlich— für seine religiösen Überlegungen zur Unsterblichkeit: Aber wissen Sie, Liebe, ich weiss jetzt ja ganz genau, dass das alles— Angstgefühl, „die Kleinigkeiten“ statt richtiger Arbeit— aus einer Quelle strömt— und nämlich aus meiner Unfreiheit, die in der „Unwahrheit“ meines Lebens begründet ist. Das Schlimmste für einen Menschen ist es— sich selbst zu verlieren, seine Realität nicht mehr richtig empfinden zu können, sich von der ganzen Welt trennen. Das ist es aber mit mir so!5 Ich fühle mich wirklich wie in einem Keller— ohne Licht und Luft. Und obwohl die Entscheidungen für mich vielleicht nicht schwierig sind, kann ich die gar nicht durchsetzen— da ich doch mich auch als etwas „illusorisch“ empfinde. Ich fange jetzt an, alles, was in mir „kindisch“, infantil ist, <zu> hassen und verachten, weil das trennt mich doch am meisten von allem, was für mich nur Glück und Leben sein kann. Es ist für mich so 5 Hervorhebungen in Fettdruck hier und im Folgenden von R.M. OPEN ACCESS
78 SLOVO A SMYSL 46 traurig, dass ich mit Ihnen gar nicht darüber gesprochen habe, wie ich es wollte. Ich kann mich wirklich in mir selbst nicht zurecht finden (da ich, vielleicht, gar nicht mehr existiere).— So ist es. (24.07.1928)6 Eine kleine Ergänzung zum vorigen Brief.— Sie haben sicher Recht, dass für mich das Wichtigste wäre, zu wissen, dass meine Seele unsterblich ist. Ich fühle es auch, dass eine Entscheidung dieser Frage mir alles— sogar alles ganz Persönliche— ausserordentlich klar machen wird. Aber zu dieser Erkenntnis führen doch keine Wege von allem, was ich weiss.— Auch vom Glaube<n> an Gott kann man doch lange noch nicht zum Bewusstsein meiner Unsterblichkeit vordringen. (8.08.1928) Im Zusammenhang mit Tschižewskijs Biographie in dieser Zeit ist ein Brief von großem Interesse, in dem er von einem Treffen mit Husserl berichtet und dessen Meinung wiedergibt, dass ein richtiger Philosoph ein richtiges Leben führen sollte. Es wird deutlich, dass Tschižewskij diesen Maßstab an sich selbst anlegt, wenn er häufig über sein „illusorisches“ Leben schreibt: Nur bei Husserl war ich.— Ich glaube, ich schrieb Ihnen schon darüber. Er war sehr nett, da wir seit vorigem Jahr einige gemeinsame Themen entdeckt haben,— was nicht immer leicht ist. Er hat sogar <äusserliche> Massregeln ergriffen, damit ich nicht mehr so, wie voriges Jahr, für längere Zeit verschwinde,— ich soll ihm einiges (unbedeutendes) referieren und über die jüngste russ<ische> philos<ophische> (phänomenologische) Literatur erzählen. Aber am nettesten ist er doch in einer unphilosophischen Unterhaltung, weil er wirklich in sehr Vielem eine Weisheit besitzt. Und sein Standpunkt,— dass der richtige Philosoph auch richtig leben wird,— wird von ihm selbst sehr ernst genommen. (2.07.1928) Besondere Aufmerksamkeit in Tschižewskijs Briefen verdienen auch seine Einschätzungen zu seiner Lektüre, seien es Klassiker oder auch Zeitgenossen (Martin Heidegger, Karl Löwith, Karl Barth, Romano Guardini, Paul Tillich). Zwei überzeugende und aussagekräftige Beispiele hierzu: Was lesen Sie jetzt? Kommen Sie dazu etwas Philosophisches zu lesen? Haben Sie jemals Nietzsche gelesen? Ich habe zuletzt für ein Artikel alles durchsehen müssen. Uns kann Nietzsche, vielleicht wirklich nichts mehr sagen! Jedenfalls nur Zaratustra und Antichrist sind noch lesbar, nicht langweilig, obwohl so falsch wie nur möglich!— Das war eine sehr enttäuschende Lektüre! Hegel und die deutschen Idealisten überhaupt sind viel interessanter und viel schöner geschrieben. Nietzsche’s Sprache ist nämlich so ermüdend breit, klar und durchsichtig. Ich war von dieser Lektüre sehr müde. Nur einige schöne Witze habe ich daraus genommen: wie z.B.— eine Frage der heutigen 6 Hier und im Weiteren wird beim Zitieren von Tschižewskijs Briefen das Datum in Klammern angegeben. OPEN ACCESS
ROMAN MNICH 79 Frau „Wem ich für mein Glück dankbar bin?— Gott und meiner Schneiderin!“ (21.03.1927) Gestern war Tillich da. Er hat in der Kantgesellschaft (hast Du der Gesellschaft beigetreten oder irgend-eine Versammlung besucht?) über die kirchliche und ausserkirchliche Religiosität gesprochen. Sein Vortrag war sehr interessant und in mancher Hinsicht viel schöner, als seine gedruckte <sic!> Sachen— nicht so scharf und zugespitzt— begrifflich. Die Gedanken waren spekulativ sehr schön (z.B. dass der Mensch sich dadurch von der Natur unterscheidet, dass er „bedroht“ ist; dass <man> alle Menschen sich so vorstellen soll, wie sie „sein sollen“, nicht wie sie sind; das Göttliche als das „Jenseits des Seins und Freiheit“ usf.). Die ausserkirchliche Religiosität verwirft er, wertet aber die zu hoch, besonders wenn man an manche jene Beispiele denkt— z.B. Anthroposophie, die doch überhaupt unmöglich ist. Ich habe meine Einwände an ihn so ungefähr formuliert: zur Religiosität gehört eine Symbolik; eine Symbolik ist immer eine Art „Sprache“— da sie nämlich „sozial“ fungiert; und eine ausserkirchliche Religiosität soll für sich eine Symbolik neu schaffen,— das kann aber prinzipiell gesprochen nur einem „religiösem Genie“, einem Prophet gelingen; gewöhnlich sind aber die Symbole einer ausserkirchlichen Religiosität— z.B. die der Anthroposophie— von ausgesprochener Geschmacklosigkeit— und das ist kein Zufall.— —— Die Diskussion war aber ganz elend,— Prag hat sich gezeigt,— so etwas Dummes und Unerträgliches habe ich lange nicht mehr gehört.— Ich war dann mit Tillich zusammen und bin nach Hause erst um 2 nachts zurückgekommen. Das war vielleicht der erste wirklich schöne Abend in diesem Winter. (20.11.28) Ein weiterer äußerst wichtiger Punkt in diesen Briefen sind Tschižewskijs Erläuterungen seiner eigenen Veröffentlichungen, die uns zu deren besserem Verständnis helfen. Ein gutes Beispiel hierfür sind Fragmente, die sich mit dem Thema formale Ethik befassen (Plotnikov 2012), aus denen wir insbesondere erfahren, dass Tschižewskij die Materialien dazu in Berlin verloren hatte (es ist eine bekannte Geschichte, dass er einen Koffer mit Manuskripten verlor): über „die heutige Krise in der Ethik“ sprechen (Auseinandersetzung mit Scheler). Leider habe ich fast alle Materialien, die ich für den letzten Vortrag gesammelt habe auch in den Koffer hingelegt! Jetzt versuche ich die Bemerkungen, die ich einem Berliner russischen Philosophen (Frank) geschickt habe zurückzubekommen, wenn er den Brief nicht vernichtet hat. Vielleicht werde ich auch [bei Ihnen] Sie bitten, mir einen meiner Briefe (wo etwas über Hedonismus stand) mir für kurze Zeit zurückzusenden (14.11.1927). Darüber hinaus erfahren wir, dass das Thema für Tschižewskij mit seinem Privatleben verbunden war: zu dieser Zeit plante er, sich von seiner Frau scheiden zu lassen (worüber er oft mit Homann diskutierte), und betrachtete die formale Ethik im Kontext der Eheproblematik: OPEN ACCESS
80 SLOVO A SMYSL 46 Ich habe mir angesehen (für die Arbeit üb<er> die formalistische Ethik), was in den katholischen Morallehrbüchern über die Ehe steht (auch in den „Dogmatiken“). Es ist aber nicht nur trostlos, sondern manchmal abscheulich. Die Ehe soll nur zur Erzeugung der Kinder da sein und alles anderes wird daraus abgeleitet. Wie kann man aber— vom theol<ogischen> Standpunkte aus!— so psychologisch bedeutsame Sachen vergessen— 1) zuerst ist Ehe dazu da, dass die Eheleute immer zusammen sein können (es ist nicht mit jedem Mensch möglich immer zusammen sein wollen und das Zusammensein aushalten zu können). 2) Zum Wesen der Ehe gehört es, dass man immer dem anderen etwas zu sagen hat und auch von ihm etwas zu hören bereit ist (das hat sogar Nietzsche sehr gut irgendwo gesagt). 3) Endlich ist die Tatsache, das<s> Ehe ein Normalzustand ist, ein Symbol dafür, das<s> der Mann, bzw. die Frau auch physisch unvollkommen, <dar>in ein Teil des Ganzen ist (nicht umsonst ist die Bibelerzählung da, dass die Frau aus <Mannes> Rippe geschaffen ist; darum blieb der Mann unvollkommen und die Frau selbstverständlich auch).— –— Was aber über die Kinder zu sagen ist, das hat schon Plato sehr gut gesagt (Kinder als ein Ausdruck <eines> Triebs zur Unendlichkeit). (2.08.1928) Schließlich erfahren wir aus der Korrespondenz auch, wie Tschižewskij die Theorie der formalen Ethik von Max Scheler bewertete: Ich betreibe auch „moralische“ Lektüre und nämlich Schelers „Sympathie“. Es ist jedenfalls das beste Buch von ihm. Die „materielle“ Ethik hat für mich nur Sinn von dieser Seite aus gesehen.— Die psychologische<n> und transzendental-psychologische<n> Momente spielen in den ethischen Akten mit. Aber es bleibt doch die kantische Frage bestehen,— ob das, was naturgemäss bestimmt ist (und jede psychologische Bestimmung ist, ohne Zweifel, nicht bloss naturgemäss), als „gut“ bezeichnet werden kann. Also man muss die Grenze Naturgemässen und Nicht-bloss-Naturgemässen in der psychischen Sphäre bestimmen. Das ist aber gar nicht leicht und bei Scheler selbst fehlt das Bewusstsein dieser Schwierigkeit vollkommen. Und gerade „Sympathie“ in allen Formen ist doch ein Komplex aus Naturerscheinungen (z. B.Sexus) und Sinnbeziehungen.— Also ich soll sehen, ob ich irgendwie weiter vorwärts kommen kann. (13.10.1926) In Prag erlebte Dmytro Tschižewskij drei sehr wichtige Veränderungen in seinem Leben, die offenbar in direktem Zusammenhang mit inneren und äußeren Konflikten standen. Erstens lernte er in Prag ukrainische Intellektuelle kennen und kam so mit ihnen in Kontakt. Von berühmteren Ukrainern kannte Tschižewskij vorher einzig Panas Fedenko, schrieb und veröffentlichte aber nichts auf Ukrainisch. Es ist auch schwer zu sagen, ob Tschižewskij vor seinem Aufenthalt in Prag überhaupt über Ukrainistik nachgedacht hatte: In Freiburg hatte er Artikel über russisch-deutsche Kulturbeziehungen sowie politische Rezensionen in der russischen menschewistischen Zeitung „Социалистический вестник“ veröffentlicht. Der Übergang zur Ukrainistik im weitesten Sinne des Wortes, vor allem zur Geschichte der ukrainischen Philosophie, aber auch zur ukrainischen Literatur, vollzog sich bei Tschižewskij gerade in Prag. Dabei war es kein unmittelbarer Übergang zur Slawistik, denn OPEN ACCESS
ROMAN MNICH 81 die erste Veröffentlichung auf Ukrainisch war das Lehrbuch Logik (Prag 1924), ein philosophischer Text, der für das Verständnis von Tschižewskijs Denkweise sehr wichtig war und bleibt, der aber bis heute (leider) nicht nachgedruckt wurde. Das zweite Ereignis, das ebenfalls in Prag stattfand, ist der Übergang von der Philosophie zur Literaturwissenschaft, man könnte sagen: zur philosophischen Literaturwissenschaft. Nach Prag kam Tschižewskij als Schüler Husserls, alle seine ersten wissenschaftlichen Ideen und Pläne waren rein philosophischer Natur. Und Tschižewskij verstand sich selbst in erster Linie als Philosoph, in Prag traf er auf viele bereits bekannte Philosophen der Emigration, die meisten von ihnen Russen— Nikolaj Losskij, Simon Frank, Georgij Florovskij u.a. (alle Mitglieder der Russischen Philosophischen Gesellschaft in Prag), aber auch Ukrainer— vor allem Ivan Mirčuk. Tschižewskij bewertete sie alle auf unterschiedliche Weise, zum Beispiel nannte er Losskijs Vorträge „Provinzgeschwätz“ (провинциальная болтовня), lobte aber Frank sehr. Doch es war für ihn sehr schwierig, sich in einer Gruppe so berühmter Philosophen zu behaupten und vor allem eine Stelle zu finden. So begann Tschižewskij in Prag an der Grenze zwischen Philosophie und Literaturwissenschaft zu arbeiten, um sich später ganz auf das Gebiet der Literaturwissenschaft zu begeben und sich selbst unter den Slawisten wiederzufinden (obwohl er in seiner Denkweise bis an sein Lebensende Philosoph blieb). Tschižewskij selbst gestand diesen Übergang in seinen Briefen an Homann ein und schrieb Anfang 1927: „Ich werde Philosophie vielleicht zuerst ganz aufgeben sollen… Das ist nicht schlecht“, „Die Philosophie soll ich dann für längere Zeit liegen lassen“. Das dritte Ereignis schließlich, das Tschižewskij in Prag widerfuhr, war eine tiefe innere psychologische Krise, ein endgültiger Bruch mit seiner Frau und eine Suche nach sich selbst. Aus der Korrespondenz können wir schließen, dass dies alles mit der Krise eines Dreißigjährigen zusammenhängt, eines Auswanderers ohne klare Zukunft, der vom Familienleben enttäuscht ist. Zu diesen Problemen gesellte sich die ständige Suche nach der sogenannten „beruflichen Identität“: Für Tschižewskij war sein Aufenthalt in Prag mit der Suche nach einer Stelle an verschiedenen deutschen Universitäten verbunden, und nachdem er dort viele Enttäuschungen erfahren hatte, begann er, sich um eine Stelle in Berlin beim Statistischen Amt zu bemühen. Doch auch bei der Suche nach einer Anstellung an einer Universität war sich Tschižewskij nicht sicher: Am Anfang suchte er gleichzeitig nach einer Stelle als Philosoph und als Slawist, doch die Ukrainer hatten ihn als Philosophen nach Prag eingeladen. Das alles erklärt die große thematische Breite seiner Publikationen in der Prager Zeit. In verschiedenen Publikationen über Tschižewskij gilt Prag als eine der glücklichsten Zeiten in seinem Leben (so Валявко 2004). Doch auf Grundlage der vorliegenden Dokumente und Korrespondenzen lässt sich das Gegenteil behaupten: Es war eine Zeit der Enttäuschung und des Scheiterns aller Pläne. Die glücklichste Zeit für ihn war zuerst die in Freiburg (darüber schrieb er selbst) und dann, nach seiner Rückkehr aus Amerika, teilweise die in Heidelberg. Dmytro Tschižewskij— das bezeugt jeder, der ihn persönlich kannte— war ein ziemlich konfliktreicher Mensch. Selbstverständlich lässt sich dies positiv betrachten: Eine Konfliktpersönlichkeit ist eine, die keine Kompromisse eingeht, Lügen nicht zustimmt, ihre Ansichten verteidigt usw. Und dieser Aspekt war auch in Tschižewskijs Charakter vorhanden. Darum aber auch gab es in Tschižewskijs Leben OPEN ACCESS
82 SLOVO A SMYSL 46 viele Konflikte. Aus der Prager Zeit möchte ich drei der wichtigsten inneren und auch drei wichtige äußere Konflikte hervorheben und zur Bestätigung entsprechende Zitate aus Tschižewskijs Korrespondenz anführen. Der erste Konflikt war der mit der Stadt selbst, mit Prag, das Tschižewskij nicht gefiel und aus dem er immer wieder so schnell wie möglich floh. Er litt ständig an Asthma. Während seines gesamten Aufenthalts in Prag verbrachte Tschižewskij jedes Jahr mehr als vier Monate außerhalb dieser Stadt, hauptsächlich in Freiburg, aber auch in anderen deutschen Städten. In Freiburg behielt er die ganze Zeit über ein Zimmer für sich und bezahlte es („In jedem Fall z. Zt. möchte ich lieber die Blütenzeit in Freiburg erleben“). In Prag hatte Tschižewskij auch mit Problemen seiner eigenen Psyche zu kämpfen, über die er ebenfalls in seinen Briefen schrieb. Hier einige relevante Zitate: 1) „Ich möchte meine Verbindung mit Prag überhaupt lösen, wenn möglich für immer“ (27.06.1925); 2) „Die Prager Leere ist wirklich leer. Schon eine Woche bin ich da und— vor dem Semesterbeginn ist es vielleicht besonders stark— ich fühle schon, wie eigentlich ‚isoliert‘ ich hier bin“ (13.10.1926); 3) „Prag ist immer so schlimm, wie sonst— schmutzig, aufklärerisch…“ (13.10.1926); 4) „In Prag am ersten Tage— ein Asthmaanfall. Das Wetter scheußlich“ (21.01.1927); 5) „Ich bin noch immer asthmatisch,— da das Wetter immer noch sehr schlecht ist“ (9.12.1926); 6) „Also diese zwei Monate in Prag sind fast vollständig für mich in allen Beziehungen verloren gegangen. So sinnlos habe ich die Zeit noch nie verlebt“ (9.12.1926); 7) „Prag ist für mich die ungeeignetste Stelle in der Welt!“ (28.11.1926); 8) „Ich war bei einem Nervenarzt und hab gegen Neurosthenie Präparat bekommen. Er behauptet aber— ich werde die Wirkung sogar an meinem Charakter und ‚Weltanschauung‘ (wörtlich) merken! Interessant! Hier ist nicht viel Schönes! Vor allem— Asthma… Ich habe ab und zu Asthmaanfälle. Alles ist sehr traurig, wie immer. Auch für Berlin hätte ich mich nicht entschieden— die grosse Städte sind für mich ganz scheußlich“ (4.09.1927); 9) „Inzwischen bin ich sehr krank geworden. Über die Krankheit aber ist vorläufig ,nichts Näheres bekannt‘. Und nämlich— ich könnte Sklerose haben, das ist aber in meinem Alter kaum möglich“ (17.10.1925). Zu diesen Krankheiten kam eine weitere hinzu, über die Tschižewskij schrieb: „Ich bin aber bis jetzt nur von einer anderen Krankheit betroffen, die aber bei mir alt und gewohnheitsmäßig ist: von einer dauernden finanziellen Krise.“ (16.04.1924) All diese Probleme— so lässt sich seinen Briefen an vielen Stellen entnehmen— konnten für Tschižewskij in Prag nur durch Konzerte klassischer Musik gelöst werden. Die zweite Gruppe äußerst wichtiger Konflikte in Tschižewskijs Prager Zeit betrifft heftige Auseinandersetzungen mit einzelnen Wissenschaftlern, was teilweise bereits untersucht und beschrieben wurde. Am bekanntesten ist der Konflikt mit Boris Jakovenko und Ferdinand Pelikan, deren Buch über russische Philosophie Tschižewskij als Müll bezeichnete (Schundliteratur). Hierzu können wir auch die hitzigen Diskussionen mit den Ukrainern Ivan Mirčuk und Domet Oljančyn zählen (Mnich 2021, S.42–45). Der dritte wichtige Konflikt schließlich war einer mit jenem Teil der ukrainischen Gemeinschaft, der Tschižewskij seine Vergangenheit, nämlich seine Verbindungen zu den Menschewiki, nicht verzeihen konnte. Es geht vor allem um jene Ukrainer, die Tschižewskij seine Stimme gegen einen unabhängigen ukrainischen Staat im OPEN ACCESS
