König Ælfred's angelsächsische Bearbeitung der Weltgeschichte des Orosius
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1 KONIG A ELFRED'S ANGELSACHSISCHE BEARBEITUNG DER WELTGESCH1CHTE DES OROSIUS. VON HUGO SCHILLING, DR. PHIL. Biblioteca PixeLegis. Universidad de Sevilla. HALLE MAX NIEMEYER. 1886.
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Meinem ehemaligen Vormund Herrn Kommerzienrat KNOCH in Saalfeld in Dankbarkeit und Verehrung zugeeignet.
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Z u verschiedenen Malen ist schon der Versuch gemacht worden, die vier grossen Uebertragungen König IElfred's von gewissen Gesichtspunkten aus nach der wahrscheinlichen Reihenfolge ihrer Abfassung zeitlich anzuordnen. Pauli 1 und Bosworth 2 nehmen als Erstlingswerk die Trostschrift des Boetius an, weil der König beim Uebersetzen sich den lateinischen Text von seinem Bischof Asser erklären lassen musste , 3 um ihn zu verstehen. Es ist leicht ersichtlich, dass diese Folgerung keinen grossen Wert beanspruchen kann. Ten Brink 4 setzt — ohne Anführung der Gründe, aber offenbar nach Massgabe des Inhalts der einzelnen Werke — zuerst die Weltgeschichte des Orosius, dann die Kirchengeschichte Beda's , die Trostschrift des Boetius und zuletzt Gregor's Buch von der Seelsorge. Andere Litterarhistoriker geben nach Gutdünken eine Reihe teilweise ganz verschiedener Anordnungen. 5 Neuerdings hat aber Prof. Winker 6 in überzeugender Weise dargethan, dass der Gesichtspunkt, von dem aus sich die zuverlässigsten Schlüsse auf die Reihenfolge der Werke IElfred's ziehen lassen, die Art der Uebersetzung und Bearbeitung ist, und dass eine freie Uebertragung meist grössere Kenntnisse und Erfahrung in dein Verfasser voraussetzt, also in der Regel später anzusetzen 1 König Alfred und seine Stelle in der Geschichte England's, p. 221. 2 Vorrede zu seiner Ausgabe des Orosius, p. VIII, f. 3 William of Malmesbury, II, § 122: Hic (Asser) sensum librorum Boetii de consolatione planioribus verbis enodavit, quos rex ipse in Anglicam linguam vertit. 4 Geschichte der englischen Litteratur, Bd. 1, p. 95. 5 Eine Zusammenstellung derselben ist zu finden in Prof. Willker's Grundriss zur Geschichte der angelsächsischen Litteratur, p. 393. 6 Ebendas. pp. 394-- 398. Schilling, Orosius. 1
2 ist, als eine sieh eng an die Vorlage anschliessende, ganz von dieser abhängige. Von den vier grossen Uebertragungen ist nun erst eine einzige auf die Art ihrer Abfassung eingehend untersucht worden: die der Trostschrift des Boetius, durch A. Leicht.' Die Uebertragung von Beda's Kirchengescliiclite wird von Prof. Wülker in seiner Abhandlung über die Quellen Layamon's 2 gelegentlich besprochen; die von Gregor's Seelsorge ist eine zu getreue, um bei einer Vergleichung mit ihrer Vorlage Stoff zu einer längeren kritischen Arbeit zu liefern; die Bearbeitung der sieben Geschichtsbücher des Orosius hingegen, die bis jetzt nur oberflächlichen Prüfungen unterzogen worden ist, gibt uns über iElfred's praktische Ziele und seine Kenntnis des klassischen Altertums mindestens ebenso interessante Aufklärungen, wie die Bearbeitung des Boetius über sein Geistesleben. Es ist daher der Zweck dieser Arbeit, auf Grund einer sorgfältigen Vergleichung der Uebertragung des Orosius mit ihrer lateinischen Vorlage eine kurze Darstellung der klassischen Bildung und der geschichtlichen und geographischen Kenntnisse des grossen Königs zu geben und aus den Motiven der Auslassungen, Aenderungen und Ergänzungen auf die Ziele zu schliessen, die er im Auge hatte, überhaupt und vorzüglich aber den Grad von Freiheit festzustellen, mit welchem die Bearbeitung abgefasst ist. Vorher seien mir jedoch noch einige Worte über die Autorschaft 2Elfred's gestattet. Die Bearbeitung des Orosius enthält an sich keinen positiven Beweis, dass der König sie verfasst habe; sie besitzt weder ein Vorwort, in welchem sich der Autor selbst nennt, wie die Seelsorge, noch tritt für ihren Verfasser eine so gute Autorität ein, wie bei der Kirchengeschichte, 3 noch auch weist ihr Inhalt so unverkennbar auf denselben, wie es bei der Trostschrift der Fall ist. Der Uebersetzer spricht in seinen Einschaltungen nie in der ersten Person, und die oft angeführten Worte „ Ohlhere scede his hlaforde , „Elfrede Zur Angelsächsischen Bearbeitung des Boetius, Anglia VII, Heft 1, p. 178 ff. 2 Paul & Braune's Beiträge, 3. Bd. 3 IElfric in den Homilien ed. Thorpe, Bd. II, 116-118, erwähnt: Hisloria Anglomm , iElfred cyning of Ledene an Englisc awende.
C1 cyninge ", so sehr sie für die Verfasserschaft des Königs sprechen, könnten doch möglicherweise auch von einem Manne aus dessen Umgebung geschrieben sein. }Ethelweard nennt unter den Werken Alfred's namentlich nur den Boetius und sagt, die Zahl der übrigen sei unbekannt. Das früheste Zeugnis über den Autor der angelsächsischen Uebertragung des Orosius findet sich bei William von Malmesbury,' der als die hauptsächlichen Bearbeitungen Alfreds nennt: Orosius, Pastoralis Gregorii, Gesta Anglorum Bedae, Borelins :De Consolatione Philosophiae, liber proprius quem patria Lingua Ilandboc . appellavit. Aber diese Notiz entstand über zweihundert Jahre nach }Elfred's Tode und kann schon darum nicht unbedingte Glaubwürdigkeit beanspruchen. Trotzdem habe ich die Uebertragung des Orosius von vornherein unter Alfred's Werken angeführt, weil bei näherer Betrachtung der 'Plan und die Sprache derselben, vor allein aber der Geist, der uns in der ganzen Bearbeitung lebendig entgegentritt, einen Zweifel an der Autorschaft des Königs nicht aufkommen lassen. Nichts ist übrigens natürlicher, als dass in Alfred, der, ein zweiter Karl der Grosse, mehr für die geistige Förderung seines Volkes gethan hat, als je Einer vor oder nach ihm , der mit richtigem Blick zuerst die Geistlichkeit aus ihrer Unwissenheit 2 hob und sie in der Cura pastoralis mit ihren Pflichten vertraut machte, nach der Uebertragung der vaterländischchristlichen Geschichte Beda's zunächst der Wunsch aufgetaucht sei, den Gebildeten seines Volkes nun auch die Mittel zur Kenntnis der allgemeinen Weltgeschichte au die Hand zu geben. Es entsprach dies vollkommen dem Plane, den er selbst in der Vorrede zu seiner Uebertragung der Cura pastoralis dargelegt hat: „ For'y — nämlich weil die Alten ihre Bildung auch durch Uebersetzungen verbreiteten — 4nc3 - beire, gif iow swa 4nd - , pcet we eac sunza bec pe nidbe4rfesta sien eallum monnum to mitanne pcet me ]a on 2icet gd - eode wenden pe nie ealle Jeenaivan mcegen." 3 Dass Alfred seiner Bearbeitung das ungenaue, mit kurzsichtiger Parteilichkeit geschriebene Sammelwerk des Orosius zu Grunde legte, erklärt sich einfach daraus, dass ihm bei der entschiedenen Vorliebe der Geistlichkeit für dasselbe wahrscheinlich gar keine andere Quelle zu Gebote 1 Lib. II, § 123. 2 Cf. Alfreds Uebertragung der Cura Pastoralis, ed. Sweet, p. : Siva cicene hio (lar) TIMES oerallenu on Angelkynne siviU feawe wceron behionan Humbre pe hiora n *ezeuzigez CIAC72 understandan 07t Englisc, one furnim an wrendgeivrit of Lcedene 072 Englisc areccan ; and ic wene Nette nauht nzonige begeondan .Humbre irren. Swa feawe hiora mceron örelle ic fuieum anne anlepne ne nueg gdencean besaan Temese öa tla ic to rice feng. 3 Sweet p. 6.
4 stand. Es wäre damals wohl ohnehin schwer gewesen, ein anderes gleich umfassendes Werk aufzufinden. Paulus Orosius, ein spanischer Presbyter, lebte gegen Ende der Regierung des Honorius. Im Jahre 414 kam er „ occutia quadam actus" zu Augustire, der damals Bischof von Hippo Regius war, ver- •fasste darauf, als er im selben Jahre auf der synoda urbana zu Jerusalem von den Anhängern des Pelagius heftig angegriffen wurde, sein Liber Apologeticus contra Pelagium, und schrieb im Jahre 417 auf Veranlassung AugustinS sein Hauptwerk, die Historiarum adversum paqanos libri septem, eine Weltgeschichte von der Schöpfung bis auf seine Zeit, zusammengestellt aus den verschiedensten Quellen 1 und mit der durch den Zweck des Werkes bedingten Einseitigkeit der Auswahl und der Darstellung. Dasselbe sollte nämlich eine Widerlegung der hauptsächlich auf Grund der Plünderung Roms durch Alarich 410 von heidnischer Seite erhobenen Anschuldigung sein, dass das Christentum den Verfall des römischen Reiches verursacht hätte. Orosius stellt daher die Geschichte der vorchristlichen Aera nur als eine grosse Reihenfolge von Unglücksfällen, Gräueln und Verbrechen hin g und sucht zu beweisen, dass die christliche Zeit nicht entfernt so grosse Katastrophen aufzuweisen habe, wie jene, dass vielmehr die Klagen seiner Zeitgenossen übertrieben und unberechtigt seien, „weil eben den Menschen gegenwärtige, noch so kleine Leiden schmerzlicher scheinen, als vergangene, grosse." Ebenso enthalten ganze Kapitel nichts wie Lobreden auf die christliche Religion und Klagen über die Thorheit der Menschen, die sich hartnäckig der Wahrheit verschliessen. Es ist daher leicht erklärlich, dass dieses Werk bei der Geistlichkeit im ganzen Mittelalter ausserordentlich beliebt war und noch bis in's vorige Jahrhundert auch häufig im Druck erschien. Von .LE1freds Orosius besitzen wir zwei Rands e h ri ft e n : Die Lauderdale Hs., so genannt nach ihrem ersten nachweisbaren Besitzer, Lord Lauderdale, jetzt im Besitz der Familie Tollemache, Helmington Suffolk ; und die Cotton Hs., jetzt im Britischen Museum, Tiberius B. 1. In Betreff der Einzelheiten über das Alter Ein Verzeichnis derselben gibt Zangemeister in seiner Ausgabe des lat. Werkes, p. 684. 2 Cf. Praefatio ad Auraum Augustinum . . . praeceperas ergo, ut ex omnibus, qui Itaberi ad praesens possunt, hisloriarurn atque annalium faslis, quaecumque aut bellis gravia, aut corrupta morbis, aut fame tristia, aut terrarum molibus terribilia, aut inundationibus aquarum insolita . . . vel eliam parricidiis flagitiisque misera, per lransacta retro saecula reperissem, ordinato breviter voluminis textu explicarem etc.
5 und die Beschaffenheit der Mss. sowie die späteren Abschriften derselben verweise ich auf Bosworth's Ausgabe des Orosius, Preface, p. XII ff. An Ausgab en der Bearbeitung sind bis jetzt vier erschienen: D. Barrington, The Anglo - Saxon Version from the historian Orosius, by Aelfred the Great, together with an English translation from the Anglo - Saxon, London, 1773. — Dem Text liegt die Abschrift von W. Elstob zu Grunde, jedoch in sehr fehlerhafter Wiedergabe; die Uebersetzung ist ebensowenig zuverlässig. Von Wert ist nur die beigefügte geographische Abhandlung Forster's (cf. p. 35, Anm. 1). B. Thorpe, The life of Alfred the Great, translated from the German of Dr. Pauli; to which is appended Alfred's Anglo -Saxon Version of Orosius, with a Literal English Translation etc. London, 1853 und 1878. — Der Text ist der der Cotton hs. Die Uebersetzung ist vorzüglich. J. Bosworth, King Alfred's Anglo - Saxon Version of the Compendious History of the World by Orosius, London, 1859. — Die Ausgabe ist eine sehr sorgfältige und enthält eine umfassende Einleitung, eine englische Uebersetzung, die jedoch an Genauigkeit oft hinter der Thorpe's zuriicksteht, eine Abhandlung von Hampson über iElfred's Geographie, Karten von Europa, Asien und Afrika nach Orosius und Alfred und Facsimilia aus beiden hss. Dem Text ist die Cotton hs. zu Grunde gelegt, weil der Herausgeber Styl und Orthographie in ihr für reiner westsächsisch hält, als in der Lauderdale hs.; doch sind die Lesarten beider genau verglichen und alle Abweichungen verzeichnet. Die neuenglische Uebertragung Bosworth's war schon in der Jubilee Edition der Werke Alfreds : „The Whole Works of King Alfred the Great etc., London 1858, abgedruckt worden. H. Sweet, King Alfred's Orosius. Part I, Old English Text and Latin Original. London, 1882. — Der Text ist der der Lauderdale hs. Der lateinische Urtext steht ihm gegenüber, die nicht übersetzten Stellen desselben sind weggelassen oder, wo dies ohne Störung des Zusammenhanges nicht möglich war, kursiv gedruckt. Einzelne Teile von Alfred's Orosius — besonders seine Geographie Germanien's und die Reiseberichte Ohthere's und Wulfstan's — sind eine Reihe von Malen abgedruckt und besprochen worden ; diese für uns weniger wichtigen Ausgaben hat Bosworth in seiner Einleitung des Näheren behandelt. Die der folgenden Untersuchung zu Grunde gelegten Ausgaben des lat. und des ags. Textes sind:
12 c) Hinzufügungen. Die zahlreichen kleineren Einschaltungen sind grösstenteils veranlasst durch das Bestreben, den Angelsachsen das Verständnis der Beschreibungen und die Orientierung in den örtlichen Angaben möglichst leicht zu machen. .2E. entwickelt dabei in den meisten Fällen eine für seine Zeit mindestens ungewöhnliche Kenntnis der Geographie. Es würde zu weit führen, wollte ich alle die Fälle anführen, in denen er z. B. durch Angabe der Himmelsrichtungen ein klares Bild . der Lage irgend eines Ortes verschafft, wo die Schilderung des Or. grössere Aufmerksamkeit und mehr Nachdenken verlangt. Oefters erweckt er das Interesse durch Beifügung von Namen, die seinen Angelsachsen bereits bekannt waren, so p. 14, 24 f., p. 24, 16. Letztere Stelle ist noch besonders bemerkenswert wegen der Erklärung, die ./E. für die Angabe des Or., Hibernia sei caeli solique temperie magis utilis als Britannien, liefert; er fügt nämlich hinzu: „for3'on pe sio sunne pcer gce5 near on seil Bonne on a'rum lande", eine Bemerkung, deren Naivetät uns jetzt wohl ein Lächeln abnötigt, die aber mit dem damals allein gültigen ptolomäischen System vollkommen im Einklang steht. Nicht selten ruft 2E. auch im Interesse der Deutlichkeit früher Angeführtes wieder in das Gedächtnis zurück, so p. 14, 7 und 12. Die Angabe des Or. (p. 10, 10), die Grenze Europas bilde der westliche Ocean an der Küste Spaniens, ist dem gewissenhaften Bearbeiter zu unbestimmt; er erweitert und berichtigt sie mit grosser Genauigkeit, indem er sagt, das Südwestende Europa's liege in Spanien am Meere, das Westende desselben aber sei Schottland (Irland) (1)- S, 23). In einer anderen Einschaltung ist A. weniger glücklich. Den von Or. aufgezählten Ländern zwischen Mesopotamien und dem Mittelmeer fügt er hinzu: (p. 12, 4) „and Coelle, and Moab, and Amon, and Idumei, and ludea", fährt aber dann mit seiner Vorlage fort: „and Palestina, and Sarracene." Coelle soll wohl Coele-Syria bedeuten. Es macht daher die Anführung dieser fünf Provinzen entschieden den Eindruck, als ob einfach die in seinem Gedächtnis zufällig haften gebliebenen Namen aus der Bibel hier eingeschoben habe, und die Gleichstellung derselben mit Palästina beweist, dass IE. in der Geographie dieser Gegenden nicht besonders bewandert war, wie sich dies ja auch kaum erwarten lässt. Die ganze Stelle lautet: „Se westsupende Europe landgemirce is in Ispania westeweardum cet öcem garsecge, and mcest cet pcem iglande prette Gattes halte, pcer sciet se Wendelsee up of pcem garsecge ; pcer eac Ercoles syla siondcA" on pcern ilcan Wendelsee. and hire on westende is Scottand." Bosworth hat in seiner Ausgabe, p. 15, 27, dadurch dass er nach slondab . einen Punkt und nach Wendelsce (an zweiter Stelle) ein Komma setzt, den Sinn gänzlich entstellt.
13 Das Land zwischen dein Kaspischen See und dem Don, das bei Or. keinen besonderen Namen führt, heisst bei 1E. Scippia (14, 19) und die von Or. so genannten Landstriche in Mittelasien werden in der ags. Bearbeitung seo calde Sci»pia genannt. Der König scheint also von der Bewegung der Skythen nach Westen unterrichtet gewesen zu sein. Gelegentlich der ErwähnungDalmatiens ergänzt /Elfred die umliegenden Völker und Gegenden durch die Anführung der Pulgare (22, 14), und von ,pcet Westen pcet is betux Carendan (Kärnthen) and Pulgarum" (22, 16); unter den Bewohnern Gallien's führt er an die Burgende und die Wascan (Basken) (p. 22, 34). Die bedeutendsten der kleineren Einschiebungen sind die Beschreibungen des Rheinund des Donaulaufes (14, 28 ff.); Ae.s genaue Kenntnis der beiden Flüsse erscheint uns jedoch natürlich, wenn wir aus seiner Schilderung Germaniens ersehen, wie vortrefflich er in der Geographie Mitteleuropa's unterrichtet war. Wir kommen nun zu den grösseren zusammenhängenden Einschiebungen Alfred's, seiner Geographie Germaniens (p. 14, 36 ff.) und den Reiseberichten Ohthere's (p. 17, 1 ff.) und Wulfstan's (p. 19, 20 ff.) Von ersterer sagt Bosworth in einer Anmerkung zu seiner englischen Uebersetzung (p. 35) sehr treffend: „lt is the king's own record of Europe in his time. Il is not only interesting, as the composilion of Alfred, but invaluable, as an hislorical document, beint' the only authentic record of the Germanic nations, rvrittenby a contemporary, so early as the ninth century". Nicht nur von diesen Gesichtspunkten ist die genannte Einschaltung hochinteressant zu nennen, sondern auch weil sie einen Einblick in das geistige Streben des Königs gewährt, in die Art, wie er den Schatz seines Wissens beständig zu bereichern suchte. Es ist nicht wahrscheinlich, dass ihm umfassende Aufzeichnungen über die Völker Mitteleuropas zu Gebote gestanden hätten; das Meiste, was er in seiner Bearbeitung von denselben sagt, muss er aus mündlichen Nachrichten mühselig zusammengetragen haben. Die Beispiele von Ohthere und Wulfstan zeigen, wie wol er den Werth der Berichte weitgereister Männer zu schätzen verstand; und so mag er wol noch manchen seiner Untertanen, der auf dem Festlande gewesen war, und manchen Fremdling, den die aufblühende Kultur des ags. Reiches angezogen hatte, nach dessen Kenntnis der Länder und Völker gefragt und sein eigenes Wissen dadurch bereichert haben. Ein bleibendes Verdienst um die Wissenschaft aber hat er sich dadurch erworben, dass er diese Berichte aufzeichnete und so für die Nachwelt rettete. Die Beschreibung Germanien's 1 gibt, so weit wir es feststellen 1 In Bosworth's Text der Geographie Germaniens ist ein Schnitzer untergelaufen. Es findet sich nämlich p. 18, 36 und p. 19,14 die sinn-
14 können, mit wenigen Ausnahmen ein richtiges Bild von der gegenseitigen Lage der Stämme nach der Völkerwanderung. Der Begriff Germanien ist bei A. ein viel weiterer, als wir ihn aufzufassen gewohnt sind; er umfasst alles Land zwischen Rhein, Donau, Don und dem Weissen Meer (p. 14, 28 ff.). Aus der Angabe, dass die Burgunder an der Ostsee wohnten, könnte man versucht sein, zu schliessen, dass 1E. sehr alte Aufzeichnungen benutzt habe ; aber Wulfstan sagt in seinem Berichte (p. 19, 36) auch, er habe auf seiner Fahrt nach dem Frischen Haff Burgenda land (jedenfalls Bornholm) zur Linken gehabt, und 2E. wusste, wie seine Einschiebung p. 22, 34 beweist, sehr wol, dass die Hauptmasse der Burgunder zu seiner Zeit am Westabhange der Alpen ansässig war. Es ist also anzunehmen, dass Reste des Stammes in ihren alten Sitzen zurückgeblieben waren. Ein analoger Fall ist die von JE. gebrauchte alte Benennung Angle für den südlichen Teil der kymbrischen Halbinsel; es waren hier ebenfalls Teile des Volkes der Heimat treu geblieben' und hatten ihr noch Jahrhunderte lang den alten Namen erhalten. So erwähnt ihn auch Oht/tere (p. 19, 22). Es liegt nicht im Zwecke dieser Arbeit, den Inhalt der drei grossen Einschaltungen 2Elfred's kritisch zu behandeln. Ich verweise in dieser Hinsicht auf die Arbeit Forster's 2 und die Separatausgaben von Porthan Rask 4 und Dahlmann 5 , sowie auf Bosworth's Anmerkungen zu seiner Uebersetzung und den seiner Ausgabe angefügten Aufsatz von Hampson 5 . Auch hat Bosworth versucht, nach 1Elfred's Angaben eine Karte von Europa zu geben, die bei der Orientirung gute Dienste leistet, bei deren Entwurf er aber in einem Falle .Elfred's Angaben willkürlich korrigirte. Er verlegte nämlich die Osti, die nach 1E. (16, lose Lesart Aeife-mun pcere ea, während Sweet in beiden Fällen ganz richtig hat: Aelfe mim, wo Aelfe Genitiv zu muPa ist. Cf. Zeuss , die Deutschen und die Nachbarvölker, München, 1837, p. 495. 2 Notes to the First Chapter of the First Book of Alfred's AngloSaxon Version of Orosius, in Barrington's Ausg., pp. 241-259. 3 Fürsük at uplysa Konung Alfred's -Geographiska Beskrifning üfver den Europeiska Norden, veröffentlicht in Kongl. Vitterhets Historie och Antiquitets Academiens Handlingar, Sjette Delen, Stockholm 1800, pp. 37-106. Mit schwedischer Uebersetzung. 4 Ottars og Ulfstens korte Rejseberetninger med dansk Oversiettelse kritiske Annuerkninger og andre Oplysninger, veröffentlicht in Det skandinaviske Litteraturselskabs Skrifter, Ellevte Aargang, Kjöbnhavn 1815, pp. 1-132. 5 Forschungen auf dem Gebiete der Geschichte, 1. Bd., Altona, 1822, pp. 405-456. 6 An Essay an the Geography of King Alfred the Great, taken from his A. S. Version of Orosius etc.
15 29 ff.) östlich von den NorMene, südlich von der Ostsee, den Winedas und Burgendan, und nördlich von den Ikefeldan, also jedenfalls an der Oder wohnten, willkürlich nach dem heutigen Esthland. Allerdings ist die Darstellung des Königs an dieser Stelle nicht besonders klar und widerspricht sich mehrmals. Bevor ich zu der Betrachtung des historischen Teils der Bearbeitung übergehe, kann ich mich nicht enthalten, einige Bemerkungen über die Abhandlung von Hampson zu machen. Derselbe sagt in seinem Essay ganz richtig, Alfred wähle in seiner Beschreibung ein Land als Mittelpunkt, von welchem aus er die Lage der benachbarten Länder sowol in Bezug auf diesen Mittelpunkt, als auch unter einander selbst beschreibe. A. muss aber natürlich seinen Standort öfters verändern; denn wo bliebe die Klarheit der Darstellung, wenn er alle von ihm aus in derselben Richtung wohnenden Völker der Reihe nach vielleicht von dem näheren zu dem ferneren iibergehend, aufzählen wollte, um dann mit einer anderen Richtung wieder von vorn anzufangen? Hampson beschuldigt A. eines ähnlichen Missgriffs, indem er in dessen Aufzählung der Völker vorn Beginn derselben, p. 14, 36 bis zu p. 16, 9 die Eastfrancan als Mittelpunkt annimmt; A. hätte also von der Heimat dieses Stammes am Mittelrhein aus die Lage von Sillende gewissermassen über die Köpfe der dazwischen wohnenden Seaxan und Afdrede hinweg als nordwestlich (?) angegeben. Abgesehen davon, dass hier auch die Richtung gar nicht zutrifft, versteht es sich von selbst, dass man von einem und demselben Lande ausgehend doch nur die Lage der unmittelbar daranstossenden Völker angibt und dann sich einen neuen Standpunkt ausserhalb dieses Umkreises wählt, um hier ebenso zu verfahren. Bei den Winedas, p. 16, 9, angelangt, sagt auch Hampson (p. 42) endlich, A. scheine da seinen Standpunkt zu verändern; er gibt aber im Weiteren nicht mehr an, welche Länder er sich als Mittelpunkte der Beschreibung denkt. A. schildert ganz offenbar wie folgt: vorn Anfang bis p. 16, 5 geht er von den Ostfranken aus; p. 16, 5-10 von den Eald Seaxan; p. 16, 10-13 von Maroara -fand. Dann kommen einige Angaben, in denen er von einem Lande zum andern fortschreitet; p. 16, 18-20, bilden die Dalamentsan den Mittelpunkt; Z. 20-22 folgen wieder Einzelangaben, und von da bis zum Schluss nimmt A. seinen Standpunkt nach einander bei den Supdene, Z. 22-27, den AorMene, Z. 27-29, den Osti, Z. 29-31, den Burgendan, Z. 31-33 und den Srveon, Z. 33-36. Die Ursache von Hampson's Versehen liegt indess auf der Hand; wenn er p. 47 die Worte begeondan pcern westenne übersetzt mit beyond to the desert, wo das beyond Adverb ist, und die Stelle bei IE. p. 16, 9-11, so verdreht, dass er (p. 42) die Winedas anstatt der Maroaras zu Ostnachbarn der Iyringas, Behemas und Bejware macht, so kann seine Kenntniss des Angelsächsischen nicht sehr bedeutend gewesen sein. Auch sonst / i
16 enthält Hampson's Arbeit noch mehrere grobe Versehen. Dass er Forster mit Unrecht des Irrtums zeiht, weil dieser die Lage der Angeln auf die der Ealdseaxan bezog, erhellt schon aus dem oben Gesagten. Seine Annahme (p. 50), dass A. die Goten mit den Geten verwechselt habe, weil derselbe sagt (p. 16, 17) : 'Da tia pa pe iu rvceron Gotan', entbehrt j eder Berechtigung; warum sollte A. eher an die viel weiter zurückliegende Verdrängung der thrakischen Geten aus Dacien gedacht haben, als an die der seinem Volke stammverwandten Goten, die Dacien erst am Ende des 4. Jahrhunderts räumten und den Angelsachsen doch an sich viel mehr interessiren mussten? Auf derselben Seite gibt Hampson an, A. verlege Wisleland nach dem Osten von Maroara, wo doch bereits die Behemas wohnten; der ags. Text nennt jedoch p. 16, 10 die letzteren ausdrücklich im Westen von Maroara land. Gleich darauf behauptet er, die Weichsel fliesse in keinem Teil ihres Laufes östlich von Mähren, während sie doch in Oesterreichisch-Schlesien entspringt und dann noch auf eine grosse Entfernung nach Osten und Nordosten fliesst, ehe sie sich nach Norden wendet. Die Wisleland genannte Gegend konnte also sehr wol östlich von Maroara land liegen. Endlich ist Hampson's Angabe, A. verlege die Esthen und die Afdrede (Obotriten) an die Ostküste der Ostsee, ebenfalls ganz falsch und nur aus seiner Unkenntnis des Angelsächsischen zu erklären; von den Osti habe ich schon gesprochen, und die Afdrede sassen nach Ae. nördlich von den Ealdseaxan, östlich von den Suj'dene und südlich von den 1VorMene, also ungefähr im heutigen Mecklenburg. An dieser Stelle möchte ich noch eine Beobachtung mitteilen, die sich mir bei der Prüfung von JElfred's Geographie aufgedrängt hat und deren Richtigkeit durch eine Reihe von Beispielen sehr wahrscheinlich gemacht wird: Die Zeitgenossen Alfreds, von welchen dieser seine Nachrichten über die Geographie Germanien's erhielt, suchten den Norden zu weit rechts, fast im Nordosten s , so dass man, um aus Alfreds Angaben die thatsächliche Lage der Völker unter einander zu erhalten, die Windrose um ca. 45° nach rechts drehen muss. So hat A., soweit es sich feststellen lässt, be norpan anstatt nordöstlich einmal (p. 16, 8), east-nor anstatt östlich einmal (p. 16, 8), be easlan anstatt südöstlich viermal (ZZ. 16a, 17, 26, 28 f.), be westan anstatt nordwestlich dreimal (ZZ. 5, 20, 32) und Ivest-norö anstatt nördlich einmal (Z. 6 f.). Das be sußan, Z, 31, muss wahrscheinlich auch West-slA (be suPan-lvestan) heissen, und das schon erwähnte be westan, Z. 32, könnte sogar mit vollem Recht zu be norPan geändert werden. Dahingegen ist kein einziges Beispiel vorhanden, wo A. eine Himmelsgegend zu - weit nach links verlegt hätte. Ein Zufall ist also kaum 1 Dieselbe Beobachtung hat, wie ich finde, schon Porthan gemacht, jedoch ohne irgendwelche Beweise für die Richtigkeit derselben zu liefern.
17 anzunehmen; welcher Ursache ; jedoch diese eigentümliche Erscheinung zuzuschreiben sei, ist mir nicht erfindlich. Zum Schluss muss ich noch einige entschuldigende Worte Tiber die Versehen sagen, welche JE in seiner Bearbeitung des geographischen Teils gemacht hat. Wir sind bei unserem heutigen Bildungsstand sehr geneigt, denselben eine übertriebene Bedeutung beizumessen; aber wenige davon fallen ZE. selbst zur Last, und diese sind so geringfügig, dass sie nur dazu dienen, unsere Achtung vor den für seine Zeit so hervorragenden Kenntnissen des Königs zu erhöhen. In den meisten Fällen, wo in seiner Bearbeitung ein Irrtum nachzuweisen ist, findet sich derselbe entweder schon in der Vorlage und 1E. hatte nicht die Mittel, ihn zu verbessern, oder er beruht auf einer seiner Zeit eigentümlichen Vorstellung, deren Richtigkeit zu bezweifeln ihm nicht in den Sinn kommen konnte. In die letztere Kategorie gehört seine Angabe (p. 24, 5 ff.) dass Scoiland 1 ofer Tone sces «um nordwestlich von Spanien liege, also viel weiter südlich als in Wirklichkeit. Gerade von A. hätte man wol die Widerlegung dieser altertümlichen Tradition erwartet; aber einmal widmet der König der Beschreibung der britischen Inseln überhaupt sehr wenig Aufmerksamkeit — er kürzt sie sogar bedeutend, scheint also grössere Ausführlichkeit nach der in seiner Uebertragung Beda's gegebenen Geographie Britanniens für überflüssig zu halten -- und zweitens war er den grössten Teil seines Lebens so ausschliesslich mit dem von den räuberischen Dänen beständig bedrohten Osten und Süden seines Reiches beschäftigt, ;dass es verzeihlich ist, wenn er, wenigstens zur Zeit als er den Or. übersetzte, über die Lage der westlichen Nachbarinsel nicht genau unterrichtet war, oder doch die Entfernung zwischen ihr und Spanien für geringer hielt, als sie in Wirklichkeit ist. II. Historischer Teil. In seiner Bearbeitung des zweiten Teiles, der, von Buch 1, Kapitel 2 bis zum Ende des Werkes, die Weltgeschichte enthält, hat ZK ungleich mehr Kürzungen und ungleich weniger umfangreiche und bedeutende Erweiterungen vorgenommen, als in der Erdbeschreibung. Im Ganzen aber ist seine Darstellung gerade da, wo er sich am engsten an seine Vorlage anschliesst, beträchtlich breiter geworden; und dies hat seinen Grund einerseits in AMfreds stetem Irland, cf. p. 11, Anm. 1. Schilling, Orosius.
18 Bemühen, seinen Angelsachsen das Verständnis des Gesagten durch Erläuterungen und durch Bezugnahme auf heimische Verhältnisse zu erleichtern, andrerseits in der Ungelenkigkeit seiner noch auf niedriger Entwickelungsstufe stehenden Muttersprache, welche häufige Umschreibungen und Wiederholungen unvermeidlich machte. Mit Recht sagt ten Brink 1 : „Der englischen Sprache hatte er in dem Kampfe mit den Perioden eines oft nichts weniger als einfachen und klaren Stilisten keine leichte Aufgabe gestellt ". Die Durchführung dieser Aufgabe aber von einem Manne, der seine Sprache so vollkommen beherrschte, wie Alfred, konnte nicht verfehlen, die Ausbildung der Letzteren in hohem Grade zu fördern und hat dem Könige den wolverdienten Namen des besten ags. Prosaikers erworben. In dem Verfahren, das A. bei der Bearbeitung des geschichtlichen Teiles beobachtet hat, bieten sich naturgemäss, schon wegen der gänzlichen Verschiedenheit des Stoffes von dem im ersten Abschnitt, ganz neue Gesichtspunkte. Es handelt sich hier nicht blos uni Streichung des Ueberflüssigen und Berichtigung des vermeintlich Falschen, um zweckmässige oder aus irrtümlicher Auffassung entstehende Aenderungen und um erläuternde Zusätze aus des Königs eigenem Wissen; wir finden auch Abweichungen, die eine tiefere psychologische Begründung haben, deren Motive man nur erkennen kann, wenn man sich an Alfreds Stelle, in sein Land und seine Zeit versetzt. Auch dann bleibt uns noch Manches dunkel; aber wo wir die Beweggründe des Königs erkennen können, erhalten wir einen tiefen Einblick in sein Gemütsleben, seinen Charakter und seine Grundsätze. a) Auslassungen. Das Werk des Or. hat, wie ich schon oben gesagt habe, unter der Hand. Alfreds eine ganz veränderte Gestalt bekommen. Haben schon die ersten 4 r Bücherdesselben, und von diesen besonders das zweite, umfassende Kürzungen 1 Geschichte der Englischen Litteratur, Bd. 1, p. 95.
19 erfahren, so ist dies in noch weit höherem Grade bei dem fünften und sechsten Buche der Fall. Der Grund hierfür ist jedenfalls in dem Umstand zu suchen, dass dieselben zum grösseren Teil aus den Schilderungen der griechischen und. römischen Bürgerkriege bestehen (cf. p. 21). .iE . hat hier so viele Streichungen vorgenommen, dass er sich gezwungen sah, die beiden Bücher in eines zusammenzufassen, da sie getrennt zu wenig umfangreich waren. Das siebente Buch, bei IE. also das sechste, ist weniger gekürzt worden, als die beiden vorhergehenden, etwa in dem Masse wie das zweite. Die ganze Bearbeitung ist mit grosser Freiheit und Selbständigkeit ausgeführt; der Stoff ist sorgfältig gesichtet, Unbrauchbares ausgeschieden, Brauchbares oft in einer den Zwecken des Bearbeiters mehr entsprechenden Weise angeorinet. Die grosse Menge der Auslassungen 1 macht es unmöglich, sie auch nur annähernd vollzählig anzuführen; ich muss mich daher auf die Besprechung der bedeutenderen unter ihnen beschränken. Im Allgemeinen macht sich, wie im geographischen Teil, das Bestreben geltend, die verwirrende Häufung fremder Namen zu vermeiden; und so wird von A. Manches gestrichen, was wol den geschichtskundigeren Zeitgenossen des Or. von Bedeutung war, den Angelsachsen aber inhaltlich und örtlich zu fern lag. Dazu gehören auch die Stellen , in denen Or. auf die Mythologie und die Heldensagen der Alten Bezug nimmt; A. war wol selbst in diesen Fächern wenig bewandert, und die Angelsachsen mit ihrer urwüchsigen germanischen Götterlehre hätten für die geistvollen, anmutig-leichtlebigen Vorstellungen der Griechen ohnehin kein Verständnis gehabt. Als unwesentlich lässt A. die zahlreichen, der Tendenz des lat. Werkes angemessenen Berichte von Unglücksfällen, wie Feuersbrünste, Ueberschwemmungen, Erdbeben etc. weg. Orosius sucht seiner Zusammenstellung den Anschein der Gewissenhaftigkeit zu geben, indem er an mehreren Stellen (pp. 44 f., 54 f., 261, 282) die Worte seiner Quelle citirt oder die Angaben verschiedener von ihm benutzter Historiker vergleicht und Gründe für ihre Abweichungen von einander anführt; A. verlässt sich jedoch ausschliesslich auf seine Vorlage und erwähnt nur in vereinzelten Fällen (z. 13. p. 32, 28) eine ältere Quelle. 1 Unter den 512 Spalten des lat. Werkes in Migne's Ausgabe sind nur zwei der kürzesten (9 bez. 10 Zeilen) wörtlich und unverkürzt herübergenommen. 2*
20 Wie sorgsam A. bedacht war, schädliche Einflüsse von seinem Volke fernzuhalten, zeigt sein Verfahren in Betreff der Stellen obscönen Inhalts , in denen Or. sich als keineswegs zurückhaltend erweist. Wo die Natur des Gegenstandes eine Herabmilderung in der Wiedergabe überhaupt unmöglich macht, streicht A. die betreffenden Stellen gänzlich; wo es sich nur um anstössige Einzelheiten handelt, begnügt er sich damit, diese wegzulassen oder zu umschreiben. So kommen die Erzählungen von der Philomele (p. 60), von Tantalus und Ganymed (p. 61), von der Blutschande des Ptolemäus (p. 299) und des Caligula (p. 446), von den sexuellen Verirrungen des Nero (p. 452 f.) einfach in Wegfall, während die von den Weibern der Skythen (Or. p. 64, A. p. 44, 17) und von denen der Perser (Or., 72, A. 54, 1) nur von dem Unsittlichen gereinigt werden. Bei Alfred's idealer Auffassung der Pflichten und der Würde eines Herrschers, der er im zweiten Buch seiner Bearbeitung des Boetius einen so edlen Ausdruck verliehen hat, musste es ihm bedenklich erscheinen, sein Volk mit den Lastern und Verbrechen, sowie mit dem tragischen Ende mancher Könige der alten Welt bekannt zu machen. Dieser Erwägung sind eine grosse Zahl von Auslassungen zuzuschreiben; am deutlichsten zeigt sich ihr Einfluss darin, dass _ZE. die Berichte von dem unwürdigen Tode einer Anzahl von Herrschern umgeht oder ändert. So werden Aristonicus (p. 299) und Jugurtha (p. 312) nach Orosius im Kerker erdrosselt; A. sagt nur, sie seien daselbst gestorben. Den schimpflichen Tod des Vitellius, dessen Leichnam in den Tiber geworfen wurde (p. 958), sowie die Erdrossehing des Commodus übergeht 2E. gänzlich. Ebenso unwürdig erschien ihm, dass Könige Hand an sich legten; abweichend von seiner Vorlage berichtet er daher, dass Otho im Kampfe gegen Vitellius gefallen, Galerius seiner Krankheit unterlegen sei. Aus ähnlichen Gründen verschweigt er die Verbrechen des Tiberius (pp. 441 f.), des Nero (453 f.) und des Domitian (463 f.). Eine Reihe längerer Auslassungen ist auf den Nationalstolz des Bearbeiters zurückzuführen. Alfred vergass nie, dass er als Sachse ein Angehöriger des grossen germanischen Völkerstammes war und dieses Bewusstsein macht sich nirgends mehr geltend, als in seiner Darstellung der verschiedenen Kriege zwischen Germanen und Römern. Er zeigt sich hier durchweg sehr parteiisch; Niederlagen seiner Stammesverwandten übergeht er gänzlich oder mildert er doch bedeutend; Siege derselben verfehlt er nie anzuführen. Bezeichnend für dies Verfahren ist seine Behandlung des Zuges der Cimbern und Teutonen (Or. 314 ff., A. 230, 31 ff.). Den Sieg derselben über die Römer (bei Noreja?) bespricht er eingehend, wenn auch in etwas verwirrter Weise, da ihm offenbar die Wörter calo und lixa Schwierigkeiten bereiteten; die Zerstörungswut der Germanen nach der Schlacht lässt er gänzlich unerwähnt; die Niederlage der Tiguriner und Ambronen, die er ein-
21 fach Gallier nennt, berührt er ganz kurz; die ausführliche Schilderung des Or. von der Vernichtung der Cimbern und Teutonen bei Vereellä lässt er wiederum vollständig weg. Dazu mögen ihn allerdings auch die grauenerregenden Einzelheiten des Untergangs der germanischen Weiber und Kinder veranlasst haben, die ihm zur Wiedergabe wenig geeignet scheinen mussten. Aehnlich verhält es sich mit der Besiegung des Ariovist (p. 370 ff.), die jedoch auch, wie die gesamten gallischen Kriege Cäsar's einfach zum Zwecke der Kürzung gestrichen worden sein kann. Die erste und die zweite Landung Cäsar's in Britannie und die Unterwerfung der Insel erwähnt er nur sehr kurz. Einen trefflichen Beleg für das oben Gesagte liefert aber Kap. XXI des 6. Buches bei Orosius, das in 2Elfreds Bearbeitung in den ersten drei Abschnitten des 15. Kapitels, 5. Buch, zusammengefasst ist. Die Unterwerfung Spaniens, der Pannonier, Sarmaten und anderer Völker wird hier von 2E. in wenigen Sätzen berichtet; die bei Or. dann folgenden Siege des Drusus in Germanien werden vollständig übergangen; gleich darauf aber nimmt IE. die Notiz von der Niederlage des Varus fast wörtlich herüber und erweitert sie überdies durch Ausschmückungen aus seiner eigenen Phantasie, die darauf zielen, das Verbalten der Germanen im günstigsten Lichte erscheinen zu lassen. Ferner lässt _LE. die friedliche Besitznahme von Britannien durch Claudius (p. 449 f.), bei deren Besprechung auch die Franken und Sachsen in wenig schmeichelhafter Weise genannt werden, unerwähnt; die Besiegung der Sachsen durch Valentinian stellt er einfach als eine Zurückdrängung in ihr Gebiet dar (2E. 288, 20 f.). Die Nationalität des Uebersetzers macht ihren Einfluss auch in der Wiedergabe lat. Bezeichnungen und in der Schilderung antiker Zustände, Sitten und Gebräuche geltend. Das reiche und interessante Material, das sich uns in dieser Hinsicht bietet, wird am Schlusse dieser Arbeit in einem besonderen Abschnitt besprochen werden. An dieser Stelle ist nur eine Auslassung, zu erwähnen, die ihren Grund in den heimischen Anschauungen Alfred's hat. Or. berichtet (p. 170), dass nach der Niederlage in den kaudinisehen Pässen das römische Heer unter das Joch geschickt worden sei. _Alfred, dem offenbar dieser Kriegsbrauch und seine Symbolik unbekannt war, erwähnt nur die Wegnahme der Kleider und Waffen, fasst aber die Zurückbchaltung von 600 Geiseln so auf, als ob diese Leibeigene der Sieger geworden wären und fügt hinzu, es sei diese Behandlung des römischen Heeres zu jenen Zeiten als der grösste Schimpf betrachtet worden (p. 122, 1 ff.). Er steht also in seiner Auffassung des Vorganges ganz auf germanischem Boden. Einem Herrscher wie _Alfred, dessen Lebensziel es war, in seinem Lande geordnete Zustände zu schaffen und zu erhalten und durch Sicherung der inneren und äusseren Ruhe Kultur und Wohlstand zu heben, musste die Schilderung der unheilvollen Bürgerkriege
28 Nach Or. p. 400, 1 ff. bestand das Heer des Pompeius aus 88 Kohorten, zusammen 40000 Fusssoldaten, das des Cäsar aus 80 Kohorten oder 30000 Fusssoldaten; der Begriff einer Kohorte ist also auch bei ihm kein fester, doch hätte eine einfache Division /E. zeigen müssen, dass die Durchschnittsstärke einer solchen 400 bis 500 Mann betrug. Bei einigen Aenderuugen bleibt es zweifelhaft, ob sie beabsichtigt sind oder auf einem Versehen beruhen. Or. spricht p. 63, 6 ff. von dem Minotaurus als einem informe prodigium und sagt, er wisse nicht, ob er ihn einen ferus homo oder eine humana bestia nennen solle; Näheres über das Aussehen desselben gibt er nicht A. schildert ihn jedoch als „healf mon, healf leo" (p. 42, 29). Es ist nicht unmöglich, dass er von der Sphinx gehört hatte und dass ihm die Gestalt derselben an dieser Stelle vorschwebte. Ebenso kann man nicht ohne Weiteres von einem Versehen sprechen, wenn E. in mehreren Fällen für Macedonien Creca tond setzt (p. 50, 29 u. a. m.). Er hält Ersteres einfach für einen Teil von Griechenland; wenn er von Letzterem spricht, stellt er es sich stets in der Ausdehnung des späteren byzantinischen Kaiserreiches vor. So spricht er auch von „Pirrus, se reUt Creca cyning" (p. 48, 15), und von Philipp sagt er „he feng to Macedonia rice on Crecum' (p. 110, 15f.). Von der Schlacht bei Heraclea erzählt Or., dass, als die Römer durch die Elephanten des Pyrrhus in Verwirrung gebracht sich zur Flucht wanden, ein gewisser Minucius einem dieser Tiere „protentam in se manum gladio desecuit". Alfred, der offenbar weder jemals einen Elephanten gesehen hatte, noch das Aussehen eines solchen aus Beschreibungen kannte, stiess sich an dem Worte manus, das ihm bei einem Vierfüssler unbegreiflich schien; er begriff aber, dass das Tier an einer leicht verwundbaren und sehr empfindlichen Stelle seines Körpers getroffen worden war und übersetzte daher in seiner charakteristisch anschaulichen Weise: „he (Minucius) genedde under renne elpent bwt he hiene on pone nafelan ofstang" (p. 156, 10). Eine interessante Aenderung findet sich in der Beschreibung der Schlacht von Pharsalus (Or. p. 400, 11 ff., A. p. 242). A. spricht hier vorerst von der triplex acies, deren Erklärung er noch anschaulicher macht durch den Zusatz, die Feldherrn seien stets bei dem mittleren Schlachthaufen gewesen. Die Worte, die Or. den Pompeius „inter hortanduin" zu seinen Soldaten sagen lässt: „parce civibus" fasst; A. jedoch so auf, als ob sie an Cäsar gerichtet wären und erweitert sie zu einer Ermahnung, das alte Uebereinkommen (gecrvedrcedenne) und die frühere Kameradschaft nicht zu vergessen. Was für ein Uebereinkommen dies gewesen, erfahren wir einige Zeilen weiter, wo A. erklärt, die Römer hätten festgesetzt, dass im Kampfe keiner den andern in das Gesicht schlagen dürfe. Zu dieser Auffassung wird A. durch die Worte Cäsar's „Miles, faciem feri" verleitet, über deren
29 Veranlassung Or. nichts berichtet und deren eigentümlichen Charakter JE. sich nur durch die Annahme erklären kann, Cäsar habe dem Pompeius gerade durch die rücksichtslose Nichtbeachtung einer alten Sitte seinen Hass beweisen wollen. So erweitert 2E. auch Ciisar's Worte zu einer längeren an Pompeius gerichteten Entgegnung, in welcher der Sprecher die Anrede gefera zurückweist und seine Feindschaft offen erklärt: " Einst warst du mein Kamerad, aber da du es nun nicht mehr bist, ist mir Alles am liebsten, was dir am meisten leid ist". Von dem Kaiser Commodus erzählt Or., er habe oft in der Arena mit Gladiatoren und wilden Tieren gekämpft. Ein solches Verhalten liess sich mit lElfred's Auffassung der Würde eines Herrschers nicht vereinigen, wir finden daher in der Bearbeitung nur die Angabe, Commodus habe oft anwig gekämpft (p. 268, 28). Darunter aber verstanden die Angelsachsen einen Zweikampf aus sehr ernster Veranlassung und mit einem ebenbürtigen Gegner. Von dem circus und dem ihealrum scheint A. überhaupt keine klare Vorstellung gehabt zu haben ; nach p. 102, 10 ff. und p. 208, 33 wusste er, dass darin Spiele abgehalten wurden , indess brachte er diese, wenn wir uns auf den Wortlaut der letzteren Stelle verlassen können, irgendwie in direkte Beziehung zu den heidnischen Göttern. Auch dass er subsellia mit syla übersetzt (210, 4) lässt auf ein Missverständnis ähnlicher Art schliessen. Bemerkenswert ist ferner die Aenderung , die 2E. in der Beschreibung des wunderbaren Sieges des Theodosius über Arbogastes und den Tyrannen Eugenius vorgenommen hat. Bei Or., p. 529, 9ff. finden wir den Kaiser plötzlich auf der Höhe der Alpen, „expers cibi ac somni, .. . deslitutus suis, . . . clausus alienis • ‘, ohne dass uns der Autor irgendwelchen Aufschluss darüber gibt, wie jener so ganz allein dahin gekommen. Theodosius macht sich nach einer im Gebet verbrachten Nacht auf den Weg und wird von seinen Gegnern in einem Hinterhalt gefangen genommen. Da aber übt seine Erscheinung einen so mächtigen Einfluss auf den feindlichen Unterbefehlshaber aus, dass dieser sich ihm unterwirft und ihm seine Truppen zur Verfügung stellt. Bei dem Zusammentreffen mit der Hauptmacht der Gegner verleiht ein heftiger Sturm den Geschossen der Kaiserlichen doppelte Kraft, während er die der Feinde auf ihre Absender zurückschleudert, so dass nach kurzem Kampfe das Heer des Usurpators sich Theodosius ergibt. Erst nachträglich und ganz gelegentlich spricht Or. von 10000 Goten, die Theodosius vorausgeschickt habe und die von den Feinden niedergemacht worden seien (p. 531, 18 f.). Dies und die ganze Art wie Or. die Vorgänge behandelt, beweist, dass er dieselben als allgemein bekannt voraussetzte und so erklärt sich auch der Umstand, dass er die vorhergehenden, für Theod. ungünstigen und überdies nichts Wunderbares enthaltenden Ereignisse bis zu der einsamen
30 Wanderung des Kaisers auf den Alpen einfach übergangen hat. Dass Theod. seine ganze Heeresmacht vorausgeschickt habe und allein nachgefolgt, auf diese Weise also in die erwähnte Notlage geraten sei, ist sehr unwahrscheinlich; man sollte doch meinen, dass er einen Teil seiner Truppen, wenn nicht gar den Kern derselben, bei sich behalten habe. Dieser Ansicht ist auch Alfred, obwol dieselbe zur Erklärung der späteren verlassenen Lage des Kaisers die durch die -Worte des Or. p. 531, 18 f. verbotene Annahme einer zweiten Katastrophe nötig macht. A. umgeht diese Schwierigkeit auf sehr einfache Weise. Nach seiner Darstellung (p. 294, 15 ff.) zieht Theod., unbeirrt durch den Untergang der 10000 Goten, die zur Einnahme der Pässe 2 vorausgeschickt waren, mit seinem jullum' gegen die Empörer, tötet die Anführer und zwingt das Heer zur Unterwerfung. Kein Wort von der einsamen Wanderung des Kaisers oder von der Hülfeleistung des feindlichen Unterbefehlshabers. In der Schilderung des Sturmes vermeidet er sorgfältig die argen Uebertreibungen, deren sich Orosius schuldig macht; durch seine gemässigte Darstellung nimmt er dem Vorgange das Unwahrscheinliche, dass er in dem lat. Texte an sich trägt. Die ganze Art, wie IE. dieses Kapitel umgearbeitet hat, macht den Eindruck, als ob er sich bemüht habe, den Ereignissen alles Wunderbare zu nehmen und sie als einfach naturgemäss hinzustellen. Dies, zusammen mit der Weglassung der Besiegung Gildo's und anderer an das Uebernatiirliche grenzender Dinge, die Or. berichtet, könnte uns zu dem willkommenen Schlusse verleiten, dass A. einen Ansatz genommen habe, sich über den engherzigen Orthodoxismus seiner Zeit zij erheben — wenn wir nicht aus seiner Uebertragung des Beda, und mehr noch aus der auf seine Veranlassung entstandenen Uebertragung der Dialoge des Gregor, wüssten, dass er noch gänzlich in dem mittelalterlichen Wunderglauben befangen war. Immerhin aber bleibt die Thatsache beachtenswert, dass er in der Bearbeitung des Orosius die einzigen Fälle, wo er die Macht seiner Religion in der direkten Beeinflussung irdischer Vorgänge darthun konnte, übergangen oder ihres wunderbaren Charakters beraubt hat. Die Anordnung des Stoffes wird von A. oft beträchtlich und mit nicht geringem Geschick verändert. So ist Kapitel 1 des 6. Buches, welches von der Bedeutung der Zahl Sieben für die Geschichte der Hauptreiche des Altertums handelt, aus dem zweiten und dritten Kapitel 1 Die Stelle besagt, dass ausser den 10000 Goten und den beiden Leitern der Empörung in diesem Kriege Niemand umgekommen sei. 2 Diese Motivirung ist in keiner der zahlreichen von Zangemeister collationirten lat. hss. zu finden und beruht wahrscheinlich auf einer Interpolation. Von IE. stammend wäre sie ein Beweis grossen Scharfsinnes, der uns übrigens bei der von ihm gezeigten Vorliebe für alles Strategische nicht überraschen würde.
31 des 7. Buches bei Or. entstanden, indem IE. nach umfassenden Streichungen die die einzelnen Reiche betreffenden Angaben sammelte und chronologisch auf einander folgen Hess. Ebenso zweckmässig hat er auch die Erzählung von der Busse und dem Tode des Valens neu geordnet. Besonders häufig sind die Stellen , wo er bei Or. erst später folgende Angaben vorausnimmt. So zählt er, als er zu dem Regierungsantritt Philipp's kommt, sogleich die Völkerschaften auf, die dieser später unterwarf (p. 110. 13ff.); und während Orosius erst als er von der Habsucht Nero's spricht (p. 459, 3), nebenbei erwähnt, dass Augustus seiner Zeit die durch das Feuer zerstörten Stadtteile aus Marmor wieder aufgebaut habe, findet sich diese Angabe 1 bei IE. an der gehörigen Stelle, nach dem Berichte vom ersten Brande Roms. So macht er auch, wo von der Besiegung des Ninus durch die Skythen die Rede ist (p. 30, 4), die Angabe, letztere seien sehr arm an irdischen Gütern gewesen; bei Or. ist dieser Umstand erst bedeutend später erwähnt (p. 64, 5). Wir können also mit Sicherheit schliessen, dass A., als er sich an seine Uebertragung machte, bereits das ganze lat. Werk, oder doch wenigstens sehr grosse Stücke desselben gelesen hatte und min die erworbene Kenntnis des Stoffes zu gelegentlichen zweckmässigen Aenderungen in der Anordnung desselben verwandte. Besonders für Einzelheiten entwickelt A. ein vortreffliches Gedächtnis; das beweisen z. B. die Fälle, in denen er Weggelassenes bei einer späteren Gelegenheit nachholt, oder früher Gesagtes wieder in das Gedächtnis zurückruft. So rühmt er p. 254. 6 ff. noch nachträglich die Demut des Augustus, der sich nicht dominus nennen lassen wollte; bei dem Bericht von dem Brand der kapitolinischen Bibliothek unter Commodus (268, 29 ff.) gedenkt er mit Bedauern des analogen Vorfalls in Alexandria, den er, was von einem so grossen Bücherfreunde befremden musste, vorher nicht erwähnt hatte. So erinnert er ferner, um seinen Lesern die Anknüpfung an das \ T orhergehende zu erleichtern, bei der Angabe des Jahres, p. 86, 20, daran, dass dies dasselbe sei, in welchem die Sabiner . die Römer überlisteten, als 306 Mann von jedem Volke zum Einzelkampf auszogen (die Fabier! cf. p. 90). Die grosse Mehrheit der Abweichungen des ags. Textes von dem lateinischen ist von IE. nicht beabsichtigt worden und beruht, wie schon weiter oben gesagt, auf fehlerhafter Uebersetzung oder irrtümlicher Auslegung der Vorlage. ' Nur darauf können sich die Worte iElfred's p. 252, 23: „hie eft ARustns swa miete bei j . , etimbrede . . .. ßeette sume men cmcedon peet keo nuere mid gimstanum geffietwed" beziehen. A. wusste offenbar nicht genau, was Marmor sei, schloss aber aus dem Zusammenhang, dass irgend ein kostbares Material damit gemeint sein müsse.
32 Wir betrachten zuerst die sehr häufigen Fälle , in denen Zahlenangaben , jeder Art in der Uebertragung mehr oder weniger entstellt erscheinen und die allerdings blosser Nachlässigkeit zuzuschreiben sind. Abgesehen von den der !Kürze halber abgerundeten Zahlen, wo bei Hunderten oft die Zehner, bei Tausenden die Hunderte weggelassen sind, finden sieh einige siebenzig Aenderungen, deren Erklärung anderswo zu suchen ist. Wie viele davon auf Rechnung des ags. Schreibers zu setzen sind, kann nicht abgesehen werden; doch ist die Ueberlieferung eine so alte, dass wir schwerlich annehmen können, es seien bei dem Copiren viele Fehler untergelaufen, wenn dies auch gerade bei Zahlen am leichtesten vorkommen kann. Kleinere Abweichungen , wie IIII für IH, VI für IV, IX für XI, XX für XXX, XL für LX s. w. bedürfen keiner Erläuterung. Wenn wir die auffallenderen Aenderungen betrachten, so finden wir, dass mehrere Male eine II für eine V oder X steht, und umgekehrt; so hat A. z. B. III statt XI, XIIII statt XIX (wo überdies noch ein Strich zu viel ist), XLIII statt XLIV, und andrerseits XVI für XIII, IX für III. Jedenfalls waren also in der von benutzten hs. die Ziffern nicht immer sorgfältig geschrieben, so dass die beiden Striche der V und der X manchmal nahezu parallel waren und ein Verlesen leicht möglich wurde. Wenn wir dann freilich Fälle finden wie eahta hund für MVIII (32, 24), seofon M für quadraginta quatuor milia (138, 4). so müssen wir annehmen, dass Xlfred's hs. hier schon nicht mit unserem Druck übereingestimmt habe. Dass A. an mehreren Stellen den Tod eines Herrschers oder Feldherrn berichtet, während dieser nach Or. nur gefangen genommen wurde, ist ein aus alten, germanischen Anschauungen entspringender, leicht entschuldbarer Irrtum. Von mangelhafter Kenntnis der Geschichte zeugt aber die so häufige Verwechselung von Personen, Völkern etc., die gleiche oder ähnliche Namen haben oder in irgend einer Beziehung zu einander stehen. So lässt A. p. 108, 4ff. Manlius Torquatus in der Schlacht am Vesuv fallen, Decius Mus aber seinen eigenen Sohn töten; p. 118, 12 verwechselt er die Lacedämonier mit den Thebanern, p. 114, 10 die Perser mit den Medern, p. 144, 19 die Macedonier mit den Lacedämoniern, p. 141, 21 Antipater mit Antigonus, p. 200, 25 Girla mit Greta, p. 206, 8 die Etrusker mit den Ligurern, p. 208, 33 ff. Scipio Africanus minor mit Scipio 1Vasica, p. 210;31 denselben mit Censorinus, u. s. w. Nicht selten setzt A. aber auch Namen, die mit denen seiner Vorlage in keinem erdenklichen Zusammen1 Wie schon p. 73 bemerkt, bedient sich A. ganz gewöhnlich der römischen Ziffern, in deren Gebrauch er sich seiner Vorlage anschliesst. In den hss. steht jedoch meist IIII für IV , einmal findet sich sogar die Bildung MIX (p. 78, 29), die natürlich auf Rechnung des Schreibers zu setzen ist.
33 hang stehen; so hat er p. 78, 22 Illacedoniam statt Jonas, p. 204, 14 Claudius Fuluius (!?) für Lucius Furius, p. 276, 6 Ilunas für Quadi; und p. 78, 26 macht er sogar den ungeheuerlichen Schnitzer, Theseus als den Sieger von Marathon hinzustellen. Es fragt sich freilich, ob nicht manche der angeführten Versehen auf Rechnung der Schreiber zu setzen sind. Dass aber Alfred's Kenntnis der römischen Geschichte keineswegs eine gründliche war, beweist mit Sicherheit seine auf einer doppelten Namensverwechslung beruhende Auffassung des ersten Bürgerkrieges (pp. 232, 29-236, 25, Or. pp. 327, 13-336, 20). A. hält nämlich den Consul Sextus Julius Caesar und den Praetor und späteren Consul Cn. Pompeius, die beide im Bundesgenossenkrieg eine hervorragende Rolle spielten, für identisch mit Cajus Julius Caesar und seinem berühmten Nebenbuhler. Den Vornamen Sextus fasst er von vornherein in der Bedeutung von sexium auf; er übersetzt nämlich: „on j5cem siextan eure »e Julius se casere wces consul." Aus dieser Stelle erhellt ferner, dass er in dem Worte Caesar nicht den Familiennamen, sondern die spätere Bezeichnung der Alleinherrscher erblickte (cf. p. 48, 16) und in diesem Irrtum wurde er jedenfalls bestärkt durch die Notiz des Orosius (p. 324, 1), dass der Consul Sex. Jul. Caesar nach seinem Siege über die Samniten und Lucaner von dem Heere imperator genannt worden sei. Die Nachricht von dem durch einen Blitzschlag erfolgten Tode des Consuls Pompeius (p. 331, 4 f.) übersieht er gänzlich. Die Folge der besprochenen zweifachen Verwechslung ist, dass X. den ersten Bürgerkrieg als einen Parteikampf zwischen Caesar und Pompeius darstellt, an welchem Marius und Sulla erst in zweiter Linie beteiligt sind. Den Beginn desselben verlegt er noch in den Bundesgenossenkrieg und den Anlass dazu erblickt er in dem Verhalten des Senats den kriegerischen Erfolgen des S. J. Cäsar und des Praetors Pompeius gegenüber, das er in ganz abenteuerlicher Weise verdreht. Or. sagt nämlich p. 323, 21 ff., nach dem Siege des Consuls Caesar habe der Senat das bisher getragene sagum mit der toga vertauscht, nach der Unterwerfung der Picentier durch Pompeius aber auch die laticlavia tunica und die übrigen Abzeichen seiner Würde wieder angelegt. Alfred (p. 234, 21 ff.) fasst den Umstand, dass Caesar Boten mit der Nachricht des Sieges nach Rom schickte, so auf, als ob dieser einen Triumphzug begehrt hätte und erzählt , dann weiter, man habe demselben zum Hohne (!) statt des Triumphzuges einen schwarzen Mantel entgegen geschickt, schliesslich aber ihm noch eine tunica gegeben, damit er nicht ganz ohne eine Ehrenerweisung nach Rom käme ; den Pompeius aber hätten die Römer nach seinem 'kleinen Siege durch einen glänzenden Triumphzug 1 Umgekehrt fasst A. p. 138, 1 in Fabio Maximo V Decio Mure IV consulibus das V als Eigennamen auf und übersetzt: ... „and under pcern (consul) / ' e Cmintus haten was‘'. Schilling, 2Elfred's Orosius. 3
34 geehrt. Um eine solche abenteuerliche Entstellung der ursprünglichen Angaben zu ermöglichen, muss zu iElfred's Unkenntnis der betreffenden Bräuche auch noch grobe Nachlässigkeit beim Uebersetzen gekommen sein. Die unrichtige Uebersetzung einzelner Wörter hat an mehreren Stellen nicht unbedeutende Aenderungen hervorgerufen. So erzählt die 50 Söhne des Danaus (!) und des Aegyptus seien von ihren eigenen Kindern getötet worden (p. 40, 12 ff.), und Atreus und Thyest hätten ihre Väter erschlagen (p. 42, 10 ff.); er fasst in beiden Fällen das Wort parricidia in seiner ursprünglichen Bedeutung auf. Ferner übersetzt er : avus mit eanz (p. 60, 20), ancilla mit peorv mon (p. 108, 31), deargeniare mit ofersylefrian (p. 138, 31), palpebrae mit cedran (p. 178, 23), subsellia mit syla (p. 210, 4), „Pompeius ejusque breviatmJustizcs" mit „Sompeius and his cniht J."; von Caracalla sagt er, derselbe habe twa -eswostor geheiratet (p. 270, 17), während Or. hat novercam suam Juliam. Sehr häufig begegnen wir auch grösseren, durch die flüchtige oder fehlerhafte Uebersetzung ganzer zusammenhängender Stellen verursachten Abweichungen. In den Beispielen, die hier anzuführen sind, findet sich Manches, das für die Anschauungen JElfred's bezeichnend und daher für uns von Wert ist; manche Missverständnisse sind auch ganz komischer Natur. • Da eine erschöpfende Aufzählung zu weit führen würde, beschränke ich mich auf die Besprechung der wichtigsten Fälle und gebe sie in der Reihenfolge, in der sie sieh darbieten. Die erste grössere Abweichung der Art finden wir in .EIfred's Darstellung des Untergangs der Fabier (p. 72, 8). Er vergisst über der Beschreibung eines römischen Triumphzuges, die er gerade vor dieser Stelle einschiebt, dass von dem Kriege mit Veji, nicht mehr von dem kurz vorher besprochenen gegen die Sabiner die Rede ist und lässt daher die Fabier gegen die letzteren kämpfen. Von dem Geschlechte selbst sagt er: „mon het Ball hiera cynn Fabiane, for pon hit ealra Romana cenlicost wces and crceftegast." Aus diesem an sich rätselhaften Zusätze erhellt, dass A. sich irgend eine Etymologie für den Namen Fabiane gebildet hatte; leider aber haben wir zu wenig Anhaltspunkte, um dieselbe zu ermitteln. Man wird jedoch unwillkürlich an die bekannte Stelle in der Trostschrift des Boetius erinnert, wo iE. für Fabricius den wisan and foremceran zoldsnA Welond setzt; in beiden Fällen ist der Stamm des lat. Eigennamens, der ja offenbar massgebend war, derselbe, und die Bezeichnungen cenlic und crcefteg würden sich auch sehr wol auf Welond anwenden lassen. Es ist daher nicht unmöglich, ` dass dem Zusatz in unserem Werke und der Namensvertauschung im Boetius derselbe Ideengang zu Grunde liegt. Die eigentliche Erzählung von der Vernichtung der Fabier scheint A. gar nicht mehr auf dieses tapfere Geschlecht zu beziehen; er fängt an : „Darauf wählten die Römer
5 306 Kämpen, die mit ebensoviel Sabinern einen Einzelkampf bestehen sollten." Von den Fabiern ist nicht mehr die Rede; die Kämpen werden gewählt, während sie nach Or. um die Erlaubnis zum Kampfe bitten; von einem Einzelkampf ist in dem lat. Text ebenfalls nichts zu lesen, aber die Zahl der Helden und einige nähere Umstände, die ihren Tod begleiten, stellen ausser Zweifel, dass wir es mit den Fabiern zu thun haben. Von Leonidas berichtet Orosius, er sei, als er sich umgangen sah, nachts in das feindliche Lager gebrochen und da, nachdem er ein grosses Blutbad unter den Persern angerichtet, gefallen. Alfred (p. 82, 4-5) fasst dies als einen neuen Sieg des tapferen Spartaners auf und übersieht die allerdings nicht deutlich gegebene Nachricht von seinem Tode (Or. p. 104, 5 ff.), wie die Einschiebung ZZ. 13-15 beweist, nach welcher Themistokles dem Leonidas zur Hülfe gekommen sein soll. Die von Letzterem an seine getreuen Tausend gerichteten Worte: „Prandete tamquam apud inferos coenaturi", die Or. erst p. 109, 16 gelegentlich erwähnt, hält A. (p. 8-1, 31) für in einer späteren Schlacht geäussert, und darauf beruht jedenfalls das ganze Missverständnis. Die Uebersetzung an helle für apud inferos zeigt, dass A. in seiner Auffassung des Wortes hell in diesem Falle noch auf heidnisch-germanischem Boden steht. In der Aufzählung der Nachfolger Alexander's und ihrer Reiche (p. 142, 22 ff.) richtet A. grosse Verwirrung an; seine Unkenntnis der von Or. angeführten Namen führt dabei zu mehreren ganz komischen Verwechslungen. Der lat. Text besagt (p. 191, 1 ff.) ... „Syriam Laomedon Mytilinacus, Ciliciam Philotas, Philo Illyrios accipiunt." sieht in Mytilinaens einen Eigennamen für sich und übersetzt: „Laumenda . . . befenj ealle Asirie; and Thelenus Cilicium ; and Filotos Ililiricam." Er setzt also die Interpunktion immer um ein Wort zu weit vor , und verschiebt so die ganze Aufzählung; den schliesslich überzähligen Personennamen lässt er weg, wahrscheinlich weil ihn der vorhergehende Name mit dem gleichen Anlaut einen Schreibfehler vermuten liess. Or. fährt fort: „Mediae majori Atropatus, minori socer Perdiccae praeponitur. Susiana gens Scyno, Phrygia major Antigono Philippi filio assignatur. Lyciam et Pamphyliam 1Vearchus, Cariant Cassander, Lydiant Menander sortiuntur." Bei A. steht dafür: „and Eerapatas ßa maran Methan; and Str om en ßa lwssan Metfian; and Per dice pa lcessan Asiam; and Susana ßa maran Frigan ; and Antigonus Liciam and Pamphiliam; and Nearchus Cariam." A. fasst also vorerst das Wort socer als Eigennamen auf; die entstellte Form Stromen lässt sich nur -durch die Annahme erklären, dass der König sich den lat. Text vorlesen liess, wobei ein so arges Verhören ja vorkommen konnte. Wie er dazu kommt, dem Perdiccas Kleinasien zuzuteilen, ist nicht ersichtlich. Susiana sieht er für den Namen eines der Feldherrn an und verleiht dem so gewonnenen Thronkar 3*
36 didaten mit Uebergehung der Worte gens Scyno die Provinz Phrygien. Dadurch wird die Aufzählung abermals verschoben. Bei Carlen angekommen, behält darum noch zwei Feldherrn, aber nur ein Land übrig; er weiss sich jedoch zu helfen, indem er einfach alle drei Namen weglässt. Die weiteren Angaben überträgt A., wenn auch nicht ohne grobe Schnitzer, so doch wenigstens in der richtigen Ordnung. Es passirt ihm hier, dass er coloniae für einen Volksnamen hält und „Artbon Pelasgos adeptus est" übersetzt mit „Polausus luefde Archos." Einem ergötzlichen Missverständnis begegnen wir p. 190, 29 f. Or. berichtet, dass nach der Niederlage von Cannae die Römer den Decimus Junius zum Dictator ernannt hätten, „qui, delectu habil° ab annis decem et septem, . . . quatuor legiones undecunque contraxit." A. übersetzt: „He (D. Amins) n w s buton seofontiene r e"(!). Von der Aushebung sagt er gar nichts. Nach der Seite des Abenteuerlichen neigt die Aenderung, die sich in der Beschreibung des Kampfes zwischen den Römern und den Lusitaniern (p. 216, 18 ff.) findet. Or. erzählt, dass einer der letzteren, der sich zu weit von den Seinigen entfernt hatte, von römischen Reitern angegriffen, das Pferd eines seiner Feinde erstochen und dann diesem selbst den Kopf auf Einen Streich abgeschlagen habe. A. war ein grosser Bewunderer solcher Thaten, und da er sich einen tapferen Kämpen nur beritten vorstellen konnte, erweiterte er zuerst die Darstellung in seiner anschaulichen Weise durch die Hinzufügung, der Ueriatuses Pegn habe zuerst bei der Verfolgung der Feinde sein Pferd verloren und seine Gegner hätten ihn dann töten oder gefangen nehmen wollen; darauf fährt er fort: „Da schlug er eines Mannes Ross mit seinem Schwerte, dass ihm der Kopf herabfiel." Die Worte des lat. Textes sind an dieser Stelle so klar, dass man versucht ist, eine absichtliche Uebertreibung von Seiten Alfred's anzunehmen. In dem Kriege gegen Aristonicus würde der Consul Crassus von einer Reihe von Königen unterstützt, die Or. (p. 298, 15 ff.) wie folgt anführt: „(a):Nicomede Bithyniae, Mithridate Ponti et Armeniae, Ariaralhe Cappadociae, Pylemene Paphiagoniae" (adjutus etc.). A. glaubt, er habe es hier nur mit Ländernamen zu thun und zählt unter anderen auch auf die Könige von 1Vicomedia, von Argeaie und von Filimine (p. 224, 7 ff.). Nur der Name des Mithridates erregte in ihm Bedenken; er entsann sich desselben jedenfalls aus der Geschichte des ersten Bürgerkrieges, sonst hätte er seiner Liste gewiss auch noch einen König von „Mithridatia" angefügt. In der Geographie und Geschichte des Orients war IE. demnach wenig bewandert. Sweet hat übersehen, die Worte Cassander bis sortiuntur kursiv zu drucken.
37. Durch die bekannten Worte des Augustas „Quinctili Vare, redde legiones" wird 1E. zu der Folgerung verleitet, dass Varus die Niederlage seines Heeres überlebt habe und nach Rom zurückgekehrt sei (p. 250, 9 ff.); er nimmt jedoch als selbstverständlich an, dass derselbe für eine so grosse Schmach. die schwerste Strafe habe erleiden müssen und fügt daher hinzu: „Den Consul (!) aber liess er (Aug.) hinrichten." • Damit sind die bedeutenderen, einer näheren Besprechung würdigen Beispiele fehlerhafter Uebersetzung erschöpft. Aus der grossen Zahl verwandter Stellen von untergeordneter Wichtigkeit, die einzeln anzuführen zu viel, Raum in Anspruch nehmen würde, hebe ich noch als bemerkenswert hervor: p. 32, 17-18; p. 42, 22; p. 52, 32 33; p. 68, 16-18;- p. 74, 31 34; p. S2, 4-5; p. 86, 3 7; p. 88, 21-27; p. 112, 31-34; p. 128, 11-12; p. 140, 8-9; p. 144, 23; p. 150, 35-36; p. 168, 1-3; p. 170, 25-27; p. 178, 4; p. 190, 9-10; p. 198, 15-18; p. 202, 16-18; p. 210, 32; p. 220, 4-5; p. 210, 1-2; p. 246, 32-31; p. 248, 8; p. 262, 18-203 p. 272, 19-26; p. 286, 3-5; p. 290, 17-19; p. 294, 11; p. 296, 34-35. c) Hinzufügungen. Gerade für diesen Abschnitt, von dem wir wertvolle Aufschlüsse über den Wissensschatz und die Geistesthätigkeit des Bearbeiters erwarten, kommen leider nur Stellen beschränkten Umfanges in Betracht. Für die Beurteilung der geistigen Anlagen 2Elfred's ist seine Bearbeitung des Boetius ungleich wichtiger, als die des Orosius; doch liegt dies nur an der Verschiedenheit des Inhalts beider Werke, der bei jenem durchaus reflexiv, bei diesem rein beschreibend ist. Bei der Bearbeitung des Orosius bot sich dem Könige wenig Gelegenheit zu selbständigem geistigen Schaffen; die Betrachtungen, die er in seiner Vorlage fand, waren an sich schon zu umfangreich und inhaltlich einseitig, um ihre weitere Ausführung ratsam erscheinen zu lassen; zu dem Verständnis des kausalen Zusammenhanges der Ereignisse, der zu manchen interessanten Besprechungen hätte Anlass geben können, fehlte _TAfred, dessen eigene Politik so einfach und gerade war, die staatsmännische Erfahrung. Er war also im Allgemeinen nur auf die Vermehrung des Lehrstoffes angewiesen und dieser Aufgabe hat er sich mit Erfolg entledigt. Wenn aber die Bearbeitung des Orosius geistig weit weniger bedeutend ist, als die des Boetius, so
44 Ironie sich in der ganzen Bearbeitung kein Seitenstück findet: „Aber sie (St. und R.) zeigten bald, was für Treue i sie den Söhnen ihres früheren Herrn zu erweisen gedachten" (p. 296, 3-5). Von iElfred's Vaterlandsliebe legt die Stelle p. 190, 20-27 ein beredtes Zeugnis ab. Es handelt sich hier um den durch die Niederlage von Cannae eingegebenen Plan der Römer, sich eine neue Heimat ausserhalb Italien's zu suchen; Scipio (später Africanus major) widersetzte sich dem Beschluss mit gezogenem Schwerte und zwang den Senat zu dem Schwure, die Verteidigung des Landes fortsetzen zu wollen. So weit die Angaben des Orosius. _,Elfred hielt das Verhalten Scipio's für würdig einer eingehenderen Schilderung; nach ihm schwört Scipio, „dass er sich lieber selbst tüten als sein Vaterland (fceder oAel) verlassen werde und dass er jeden wie einen Feind verfolgen wolle, der den Wegzug von Rom befürworte." Den Höhepunkt des Pathos erreicht die ags. Fassung in dem Wortlaut des Schwures, den die Römer zuletzt ablegen: „Ixet hie ealle cetgcedere wollen oJße on heora earde lieggean, oppe an heora earde libban." Solche Worte können nur von einem Manne geschrieben werden, der selbst von inniger Liebe zu seiner Heimat durchdrungen ist. Wie uns die eben besprochenen Einschiebungen mit einigen der wichtigsten Züge in .,Elfred's eigenem Charakter bekannt machen, so verrät die mehr oder weniger eingehende und lebhafte Darstellung anderer Episoden, welche Eigenschaften der König seinerseits in den historischen Personen schätzt und bewundert. Da können wir es denn nur natürlich finden, dass iElfred, der in dem langjährigen Kampfe mit einem der kriegerischsten Völker seiner Zeit so häufig Beweise seines eigenen Heldenmutes gegeben hatte, eine besondere Vorliebe für die in der Geschichte aufgezeichneten Fälle persönlicher Tapferkeit und Todesverachtung an den Tag legt. Bei der Wiedergabe solcher Berichte bietet er alle seine Einbildungskraft auf, uni die Darstellung so vollständig und lebendig wie möglich zu machen und dabei hält er sich keineswegs sehr gewissenhaft an seine Vorlage. Andere Ein1 Der ags. Text hat „hlafordhyldo." Thorpe übersetzt dies mit ,./ordly honlage", Bosworth mit „lordly faithfutness", beide fassen also den Bestandteil hlaford subjektivisch auf. Dass die Worte ironisch gemeint sind, ist auch aus diesen Wiedergaben ersichtlich, aber das iordly hat keinen Sinn und passt nicht zu dem Tone, in welchem die ganze Stelle gehalten ist. Es scheint mir zweifellos, dass hlaford objektivisch zu nehmen ist, mit hy/do zusammen also bedeutet: Treue gegen den Herrscher, Anhänglichkeit an denselben. Das Ganze ist schwer zu übersetzen; „Herrscherliebe" wäre zum mindesten zweideutig, wir sagen vielmehr: „Unterthanentreue " oder „-liebe." Ich habe dafür einfach „Treue" gesetzt, weil dieses Wort in dem vorliegenden Zusammenhang den Sinn vollkommen genau wiedergibt.
45 schiebungen stammen aus dem Wissensschatz des Königs; doch dürfen wir denselben darum nicht überschätzen, da bei Alfred's sehr mangelhafter Kenntnis der alten Geschichte mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass er über Dinge, die seine Aufmerksamkeit erweckten, einfach seine gelehrten Bischöfe befragte und die erhaltene Auskunft für seine Bearbeitung unmittelbar verwertete. Aehnliches ist jedenfalls von der Mucius Scaevola betreffenden Stelle zu sagen (p. 68, 19-31). Or. erwähnt nur, derselbe habe den Porsena ,,eonstanti urendae manus patientia" zur Aufhebung der Belagerung bewogen. Bei E. finden wir, freilich arg entstellt, die gesamten Einzelheiten des Vorganges. Der Haupteffekt geht zwar verloren, indem nach A. Porsena die Hand des Römers in das Feuer halten lässt, um ihm ein Geständnis zu entreissen; aber andrerseits erhöht A. den Eindruck, den die Standhaftigkeit des letzteren hervorbringt, durch seine Ausmalung: „da peinigten sie ihn damit, dass sie ihm die Hand verbrannten, einen Finger um den andern." Der Rest seiner Darstellung hat im Allgemeinen die traditionelle Fassung. Ganz aus Alfred's Phantasie stammt seine Erweiterung des Berichtes von Alexander's Heldenthat bei der Erstürmung einer ungenannten Stadt in Indien (p. 134, 10-31). Nach Or. erklomm Alexander allein die Mauer, sprang auf der andern Seite hinab und verteidigte sich gegen die feindliche Uebermacht, bis seine Getreuen nach Durchbrechung der Mauer ihm zu Hiilfe kamen. Bei A. ist die Darstellung ungleich lebendiger und anschaulicher. Vorerst springt Al. nicht von der Mauer, sondern er wird von den Belagerten heruntergezogen. Dass es den Belagerern gelang, die Mauer zu durchbrechen, hält er für einer Erklärung bedürftig; er schiebt daher ein: „und all das Volk (die Belagerten) war so mit dem einen Mann beschäftigt, dass sie auf die Mauer nicht Acht gaben." Zum Schluss fügt er die Betrachtung an: „Nun wissen wir nicht, was mehr zu bewundern ist, dass der Eine sich gegen alle die Stadtbewohner wehrte, ... oder das Verhalten der Soldaten, die, als sie unzweifelhaft wähnten, dass ihr König lebendig oder tot in -die Hände der Feinde gefallen sei, doch nicht abliessen, den Wall niederzureissen." Die Ehrenhaftigkeit und Todesverachtung des Regulus erregen in hohem Grade Alfred's Bewunderung und veranlassen ihn zu einer der umfangreichsten Einschiebungen im historischen Teil des Werkes (p. 178, 9-22). Er erweitert den dürftigen Bericht des Or. durch die Erzählung der geschichtlichen Einzelheiten von dem Verhalten des Feldherrn in Karthago und in Rom; und der pathetische, edle Ausdruck, zu dem sich die Darstellung erhebt, beweist, welch lebhaften Wiederhall die Worte des Regulus in }Elfred's Herzen erweckten. Die Einschiebung lautet: „(da schickten sie Regulus, den Consul .) und er schwur ihnen bei seinen Göttern, dass er sowol die Botschaft ihrem Auftrag gemäss ausrichten, als auch ihnen die Antwort später verkiin-
46 den wolle. Und er führte es aus und entbot (abead), die beiden Völker sollten einander alle die Männer ausliefern, die sie gefangen genommen hätten und dann mit einander Frieden halten. Und als er es entboten hatte, beschwor er sie (die Senatoren), den Vorschlag nicht anzunehmen, und sagte, es würde ihnen zu grosser Schande gereichen, einen so gleichen Tausch zu machen, es gezieme ihnen nicht, sich für so gering zu halten, dass sie sich jenen (den Karthagern) gleichstellten. Nach diesen Worten baten sie ihn, in der Heimat bei ihnen zu bleiben und seinen früheren Rang (rice) wieder einzunehmen. Da antwortete er ihnen und sagte, es dürfe nicht geschehen, dass der eines Volkes Consul (cyning) werde, der vorher in Knechtschaft gewesen sei." I Wenn - .1Elfred als tapferer Soldat für persönlichen Heldenmut die grösste Bewunderung hegt, so tritt in ihm der Feldherr hervor in der entschiedenen Vorliebe, mit der er strategische Einzelheiten, Kriegslisten etc. behandelt und erweitert, ja sogar manchmal hinzudichtet. So finden sich p. 76, 4-34, zwei solche Fälle: die List des Cyrus, der scheinbar aus seinem Lager floh und dann das von dem zurtickgelassenen Weine berauschte Heer der Skythen ohne Mühe besiegte; und die Rache der Tomyris, die ihren Gegner in einen Hinterhalt lockte und da vernichtete. A. führt diese Vorgänge beschreibend aus und fügt in dem letzteren Falle die Einzelheiten des von Or. nur angedeuteten Hinterhaltes aus seiner eigenen Phantasie hinzu (die Zweiteilung des skythischen Heeres in männliche und weibliche Krieger, die scheinbare Flucht der einen Hälfte und die Einschliessung der Perser). Ebenso ist die Erzählung von der Art und Weise, wie Scipio die Punier und Numidier besiegte (p. 200, 7-28), bedeutend erweitert. Or. sagt nur, Scipio habe die beiden gegnerischen Lager in Brand stecken lassen und dann unter den waffenlos zum Löschen herbeieilenden Feinden ein grosses Blutbad angerichtet. A. nimmt eine Aenderung vor, die seinem strategischen Scharfblick alle Ehre macht; nach ihm stellt nämlich Scipio sein Heer zwischen den beiden Lagern auf und zündet nur das eine derselben an. „Da das die Uebrigen merkten, die in dem andern Lager waren, liefen sie in Scharen herbei, um ihren Freunden zu helfen; und Scipio erschlug sie, wie sie kamen, die ganze Nacht hindurch bis zum Tage; und dann erschlug er noch viele auf der Flucht, den ganzen Tag hindurch." Besonders interessant sind natürlich die Kriegslisten, die ganz aus 2Elfred's Erfindung stammen und in dem lat. Text entweder nur angedeutet, oder gar nicht vorhanden sind. So veranlassen ihn z. B. die Worte: „Scythae Philippi fraude vincuntur" zu folgender Aus1 Dass JE. im Weiteren palpebrae mit cedran übersetzt, ist schon erwähnt worden; der Zusammenhang macht wahrscheinlich, dass adre hier die Bedeutung von Muskel, Nerv hat, wie es auch Thorpe und Bosworth annehmen.
47 fitirrung: „Philippus überlistete sie .. . damit, dass er den dritten Teil seines Heeres in einen Hinterhalt legte und den beiden anderen Teilen befahl, sowie der Kampf beginne, auf jenen ersteren zu zu fliehen, damit er die Feinde überfalle, wenn sie an seinem Versteck vorbeigekommen wären" (p. 116, 26-30). /Für das Manöver der Scheinflucht als Mittel zur Einschliessung des Feindes zeigt }E. überhaupt eine besondere Vorliebe; wir haben gesehen, dass es nach der ags. Bearbeitung schon von Tomyris gegen Cyrus und von Philipp gegen die Skythen angewandt wurde und im Folgenden sind noch zwei weitere Fälle zu erwähnen, wo es ausschlaggebend ist. Auf ganz ähnliche Weise wie den Sieg Philipp's erklärt A. den des Xanthippus iiber Regulus (p. 174, 30—p. 176, 3). Seine Einschiebung wird hier durch kein Wort der lat. Vorlage, die nur von einer offenen Feldschlacht berichtet, gerechtfertigt; aber er konnte oder wollte offenbar nicht glauben, dass der heldenmütige Römer, den er so sehr bewunderte, in ehrlichem Kampfe besiegt worden sei. Er lässt ihn daher in einen Hinterhalt fallen, der auch dem Tapfersten Verderben bringen musste: „Xanthippus stellte zwei Schlachthaufen versteckt zu seinen beiden Seiten auf -und einen dritten hinter sich und befahl den ersteren, wenn er selbst mit seiner Abteilung nach der weiter rückwärts stehenden zu fliehe, das Heer des Regulus von beiden Seiten anzugreifen." Dass iE. sich bestrebte, die Darstellung möglichst günstig für Regulus zu gestalten, beweist auch die Weglassung der Nachricht, dass derselbe in Ketten geworfen und den Karthagern in einem glänzenden Triumphzuge vorgeführt worden sei. Die Niederlage der Römer am trasimenischen See erklärt A. ebenfalls durch eine Kriegslist Hannibals (p. 1SS, 8-17); derselbe soll durch Ausschickung einzelner Haufen zur Verwüstung des Landes den Flarninius. veranlasst haben, sein Heer zu zerstückeln, so dass es der Hauptmacht der Karthager leicht wurde, die zerstreuten feindlichen Abteilungen zu vernichten. Einschiebungen ähnlicher Art finden sich noch p. 206, 15-20, p. 222, 1-2, p. 230, 1— 4. Das an zweiter Stelle genannte Beispiel ist merkwürdig wegen der damit verbundenen Angabe, es sei in Numantia, um dessen Zerstörung es sich handelt, zuerst Bier gebraut worden (cerest ealogemeorc ongunnen). Or. erzählt, die Numantiner hätten sich vor ihrem letzten Ausfall Mut getrunken, nicht in Wein, • der dort nicht wachse, sondern „succo tritici per artem confecto, quem succum a calefaciendo Celiam vocant." Die Bereitung dieses Getränkes wird folgendermassen beschrieben: „Suscitatur enim igne illa vis germinis madefactae frugis, ac deinde siccatur et post in farinam redacta, molli succo admiscetur, , quo fermento sapor austeristulis et cafor ebrietalis adjicitur" (Or. 294, 13 ff.). Was mit dem mollis succus gemeint ist, wird aus dieser Stelle nicht klar, aber sonst finden wir eine auffallende Hebereinstimmung zwischen dem geschilderten Verfahren
48 und den Grundzügen unserer Bierbereitung, wie sie im Wesentlichen schon vor einem Jahrtausend bestand ; so indentificirt auch JE. ohne Weiteres die celia seiner Vorlage mit dem heimischen ea/u und übergeht den von Or. angegebenen Darstellungsprozess, der ja bei den Angelsachsen schon allgemein bekannt war. hie Liebe des Königs zu seiner Religion veranlasst ihn zu einigen Erweiterungen, die an sich wenig Bedeutung haben. Or. schreibt die unerhörte Milde des Claudius gegen den Senat, der die Abschaffung der Monarchie beschlossen hatte, dem versöhnliehen. Einfluss des Christentums zu; ist damit nicht zufrieden, er fügt hinzu, das ganze Volk, das vorher Claudius und seine Verwandten wegen der Verbrechen des Caligula habe ermorden wollen, sei durch die christliche Religion so friedlich gestimmt worden, dass es dem Kaiser die Sünden seines Neffen verziehen habe (p. 258, 23-28). Von der Regierungszeit des Antoninus Pius sagt er: „Die Römer wurden den Christen so hold, dass sie in (an) manche Tempel (!) schrieben, jeder Christ solle Ruhe und Frieden haben und wer Lust habe, könne zum Christentum übertreten" (p. 268, 18-21). Woher diese Notiz, die nicht den Eindruck macht, als sei sie eigene Erfindung Alfreds, stammen mag, ist nicht ersichtlich, wenn wir nicht annehmen wollen, dass dieselbe durch falsche Interpretation der von den Iiilerae imperatoris Anlonini handelnden Stelle (Or. p. 472, 9ff.) entstanden sei. Von der Mutter des Aurelius Alexander, die sich zur christlichen Religion bekannte und den Presbyter Orig . enes nach Rom berief, spricht A. in der anerkennendsten Weise; er nennt sie „sio gode modor" und erzählt, sie sei in den Lehren des Christentums wol bewandert gewesen und habe auch ihren Sohn den Anhängern desselben giinstig gestimmt (p. 270, 26-272, 2). Bei der von Maximinus aus Hass gegen die Anverwandten seines Vorgängers befohlenen Verfolgung der christlichen Priester soll es sich dann nach der irrtümlichen Auffassung lElfred's weiter begeben haben, dass man „pa godan Mammeam gemartrade" („marterte", oder „zur Märtyrerin machte?"). Das Verhalten des Usurpators Firmus, der von Theodosius besiegt und zum Tode verurteilt wurde, vor seiner Hinrichtung aber sich taufen liess, führt }E. ebenfalls bewundernd aus; er veranschaulicht, wie die christliche Religion ihren Anhängern alle Furcht vor dem Tode benimmt und setzt dem bussfertigen Empörer sogar die Krone des Märtyrertums auf: „Da er getauft war, hatte er durch die Lehren des Priesters, der ihn getauft, so feste Hoffnung, dass er zu dem Volke sagte: „Thut nun, was ihr wollt" — und beugte sich selbst vorwärts, damit man ihm das Haupt abschliige, und wurde Christi Märtyrer" (p. 200, 11-15).1 1 Sweet hat irrtümlicher Weise die Worte des Or. „de vitae aeternilate SeC217'llS • jugulum ullro praelmii" kursiv gedruckt.
49 Für das Mönchstum und Einsiedlerwesen nimmt IE. natürlich lebhaft Partei. Seine Fassung der Angabe, dass Valens die Einsiedler (munitcas) in Nordafrika zum Kriegsdienste zwingen wollte, lässt überall tiefe Entrüstung über einen solchen Frevel durchblicken (p. 288, 31290, 5). Er betont, dass Mönche sich des Gebrauches der Waffen enthalten müssten, sonst thäten sie übel wie andere Menschen; und er beklagt, dass Valens „das Mönchsleben, das sein Bruder erst eingerichtet hatte, vernichten liess." Eine der merkwürdigsten aus 2Elfred's religiösem Gefühl entstandenen Einschiebungen findet sich p. 248, 12-22 und 26-29. Or. berichtet, dass kurz nach dem Regierungsantritt des Augustus zu Rom in einer taberna meritoria einen ganzen Tag lang Oel aus einer Quelle geflossen sei und betrachtet diesen Umstand als ein göttliches Zeichen, nach welchem aus der christlichen Kirche während der ganzen Dauer des römischen Kaiserreiches Anhänger des „Gesalbten" hervorgehen sollten. A. erwähnt nur die Thatsache und schliesst daran die kurze Bemerkung: „und das Oel bedeutete Gnade allen Menschen." Dann fährt er aber fort: „So kamen auch von ihm (Augustus) manche Zeichen, die später in Erfüllung gingen, obgleich er sie unwissentlich that, nach Gottes Fügung." Und nun führt er drei Handlungen des Kaisers an, die er als Vorzeichen späterer Ereignisse auslegt: „Das eine war zuerst, dass er befahl, über die ganze Erde hin, jeder Stamm solle einmal im Jahre zusammen kommen, damit Jeder um so besser wisse, wo er Stammesverwandte habe. Das bedeutete, dass zu seiner Zeit Der geboren werden sollte, der uns alle zu Einer Völkerversammlung ladet, das ist in dem zukünftigen Leben. — Das andere war, dass er befahl, die ganze Menschheit solle gleichen Frieden haben und gleiche Steuern zahlen; das bedeutete, dass wir alle denselben Glauben und dieselbe Zahl guter Werke haben — Das dritte war, dass er befahl, Jeder der in einem andern . Lande sei, solle in seine Heimat (eard) und zu seines Vaters Wohnsitz (cepel) zurückkehren, sowol Leibeigene wie Freie, und die das nicht wollten, hiess er alle hinrichten. Derer waren VI M, da sie zusammengebracht waren. Das bedeutete, dass uns allen geheissen ist, von dieser Welt zu unseres Vaters Wohnsitz zu kommen, das ist, in das Himmelreich; und wer das nicht will, wird verdammt und vernichtet." Von all dem ist bei Or. nichts zu finden, nur für den letzten der drei Punkte ist eine schwache Grundlage vorhanden in den Worten des Or. „. . . restituendosque per Caesarem omnes servos , qui tarnen cognoscerenl dominum suum, ceterosque, qui sine domino invenirentur, morti supplicioque dedendos (p. 420, 10 ff.) Wie der Sinn dieser Stelle gänzlich verdreht worden ist, so beruhen wahrscheinlich auch die beiden andern Punkte auf falscher Auslegung des lat. Textes, obgleich ich trotz wiederholten sorgfältigen Suchens nicht ein einziges Wort gefunden habe, aus welchem nach meinem Ermessen Dinge wie die oben angeführten herausgelesen werden könnten. Der Schilling, .iElfred's Orosius. 4
50 Inhalt der Einschiebung verbietet die Annahme, dass dieselbe ausschliesslich aus .iElfred's Phantasie stamme ; dass sie auf eine Interpolation in der lat. hs. zurückgehe, wird unwahrscheinlich gemacht durch den Umstand, dass ein Teil der Einschiebung thatsächlich auf der :Korrumpirung von in dem lat. Urtext enthaltenen Angaben beruht. Die symbolische Deutung der angeblichen Verordnungen des Augustus mag jedoch wohl von iElfred stammen; und wenn dies der Fall ist, verrät der König darin nicht nur logische Schärfe des Denkens, sondern auch ein Geschick in der Durchführung der Vergleiche, das dem seines Vorbildes nur wenig nachsteht und in dem ungeschulten Angelsachsen geradezu bewundernswert ist. Von selbständigen philosophischen Reflexionen haben wir in der ganzen Bearbeitung streng genommen nur eine einzige, deren Inhalt und Form aber den Mangel an anderen Stellen der Art um so beklagenswerter erscheinen lassen. Es ist eine Betrachtung über. die gefidlene Grösse Babylon's, nur wenige Zeilen umfassend, aber an Tiefe der Empfindung, Poesie und Adel des Ausdrucks sowie Reinheit der Sprache entschieden nicht nur die erhabenste Stelle in unserem Werke, sondern überhaupt eine der schönsten Proben angelsächsischer Prosa, die auf uns gekommen sind. Ich lasse die Stelle hier im Urtext folgen: „(Seo ixte burh Babylonia, seo e mest wces and cerest ealra burga, seo is nu lest and weslast). Nu seo burh male is, pe cer wces ealra weorca fcestast and wunderiecast and merast„-etice and heo wcere to bisene asteald eallum middangearde, and eac swelce heo seif sprecende sie to eallum moncynne and civa a e: .Nu ic Als gehroren eam and aweg gewiten; &vet. ‚ ge magan an me ongietan and oncnaman pcet ge nanuht mid eow nabbeA « festes ne stronges pelle purhwunigean mcege" (p. 74, 22-28). Eine Betrachtung über die Lage der Römer nach dem Abzug der Gallier, deren Kern aus der lat. Vorlage stammt, die aber erst durch 2Elfred's Erweiterungen das ergreifende Pathos erhielt, das sie auszeichnet, können wir der eben besprochenen Stelle anreihen. Die Uebersetzung genügt hier, um den Inhalt zu vergegenwärtigen. "Was dünkt euch nun, sagte Orosius, 1 die ihr die christliche Zeit verleumdet? Als die Gallier die Stadt verlassen hatten, was für eine fröhliche Zeit das für die Römer war Als da die Unglücklichen, die am Leben geblieben waren, aus den Schlupfwinkeln hervorkrochen, in denen sie gelegen hatten, und jammerten, als ob sie aus einer anderen Welt keimeng ' Obgleich IE. diese Stelle , die bei Or. nicht einmal in direkter Rede geschrieben ist, gänzlich umgearbeitet hat, setzt er ihr doch, wie in allen Fällen der Art, den Namen des lat. Autors voran. 2 „ Srva bewopene, swelce hie of oPerre worolde come"; der Vergleich ist nicht recht verständlich, Der Singular des Verbs anstatt des Plurals ist eine bei A. sehr häufige Erscheinung.
51 da sie die niedergebrannte, wüste Stadt sahen und dass da Schrecknisse aller Art waren, wo erst die Freude geherrscht hatte ! Und sie besassen nichts ausser ihrem Unglück, weder in der Stadt Nahrung, noch ausserhalb Freunde." Wo A. die Betrachtungen seiner Vorlage überhaupt herübernimmt, behandelt er sie mit grosser Freiheit und so finden wir auch in ihnen manches Selbständige ; die Stellen sind aber von zu geringem Umfang als dass Alfred's Geist Raum gehabt hätte, sich frei zu entfalten. Die Worte 2Elfred's verraten an mehreren Stellen eine schwunghafte Phantasie und eine nicht geringe Kenntnis des menschlichen Charakters. So schiebt er p. 34, 34ff. eine treffende Beobachtung über die Undankbarkeit der Menschen ein; sehr frei übersetzt und bedeutend erweitert sind die Stellen p. 102, 14-25 und 120, 1-18, in welch letzterem Falle A. überdies die Lebendigkeit des Ausdrucks dadurch erhöht, dass er die Römer direct anredet, während bei Or. die dritte Person steht. Die Betrachtung p. 136, 17— 31 enthält ebenfalls zum grösseren Teile eigene Gedanken iElfred's ; in der Beschreibung der Schwierigkeiten, die die Gesandten des Abendlandes auf ihrer weiten Reise zu Alexander zu überwinden hatten, erhebt er sich zu fast poetischem Ausdruck, der durch die Alliteration Z. 25 noch erhöht wird. Die Vorliebe des Königs für volkstümliche Illustrationen zeigt sich (p. 212, 21 ff.) in der Erweiterung des Vergleiches zwischen Karthago und einem Wetzstein für die römischen Waffen; leider bleibt die Ausführung etwas dunkel, da die Bedeutung von ineahnstan, Z. 28, noch nicht ermittelt worden ist. Es erübrigt uns nun noch , die Stellen zu besprechen, die A. zur Erläuterung oder Vervollständigung der Angaben seiner Vorlage aus seinem eigenen Wissen eingeschoben hat. Die hier entwickelte Kenntnis geschichtlicher Einzelheiten steht in einem seltsamen Gegensatz zu der Unwissenheit, die der König weit wichtigeren Thatsachen gegenüber an den Tag legt. Der Widerspruch ist jedoch nur ein scheinbarer; wie A. bei der Darstellung der Geschichte durchaus subjectiv verfährt, so waren ihm jedenfalls auch für das Studium derselben seine persönlichen Neigungen massgebend; und wie er in seiner Bearbeitung dem inneren Zusammenhang der Ereignisse nur geringe Aufmerksamkeit schenkt, so mag es ihm auch weniger darum zu thun gewesen sein, einen klaren Ueberblick über die Entwickelung der Staaten des Altertums zu geben, als vielmehr das Interessanteste und Belehrendste in derselben, äusserlich zusammengehalten durch das lose Band der zeitlichen Reihenfolge, für sich und sein Volk zu verwerten. Ich führe zuerst die kleineren aus Alfred's eigener Kenntnis stammenden Einschiebungen an. Eine interessante Stelle der Art findet sich p. 35, 30-32. Nachdem von dem Durchgang der Kinder Israel durch das Rote Meer 4*
52 fährt er fort: „Da das die Aegypter sahen, da wandten g esprochen hat, sie sich au ihre Zauberer 3earnes und Mambres und hofften, durch deren Künste auf demselben Wege ziehen zu können." Bosworth dass diese Namen der Bibel entnommen sind, und zwar weist nach, dein zweiten Briefe Set. Pauli an Timotheus, Cap. 8, wo es in der Vulgata heisst: „Tannes el Mambres restiterunt Moysi." Wer und was die beiden waren, ist aus dieser kurzen Notiz nicht zu ersehen, doch ist es wahrscheinlich, dass wir hier, wie auch A. annimmt, die Namen der ägyptischen Magier vor uns haben, welche die ersten beiden Wunder des Moses nachahmten. Es muss auffallen, dass dieselben bei dem Durchgang durch das Rote Meer auftreten, während sie vorher gar nicht erwähnt werden; aber A. stellte sich offenbar vor, das Meer habe sich hinter den Kindern Israel sofort wieder geschlossen, er konnte daher den Untergang des ägyptischen Heeres nur durch die Annahme einer zweiten Teilung des Wassers durch die Magier erklären. Die Veranlassung zu dem trojanischen Kriege war bei den Alten so allgemein bekannt, dass Or. dieselbe nur mit den Worten raplus llelenae flüchtig berührte. iElfred führt die beteiligten Personen einzeln an: „Es geschah, dass Alexander, der Sohn des Priamus, Königs von Troja, das Weib des Menelaus , des Königs der griechischen Stadt Lacedaemon, wegnahm" (p. 50, 6-8). In Bezug auf die ersten Bürger Rom's zeigt sich A. ebenfalls genau unterrichtet. Den Umstand, dass dieselben im Anfang ausser ihrer Stadt nur ein kleines Gebiet ihr eigen nannten, erklärt er dadurch, dass „Romulus und alle Bewohner Rom's andern Völkern verächtlich schienen, weil sie in ihrer Jugend Leibeigene (niedlinps) gewesen waren." A. wusste also, dass die Gründer Rom's lange Jahre für die Söhne eines Hirten gegolten hatten und dass die spätere Beherrscherin der Welt ursprünglich eine Freistätte war. Den Raub der Sabinerinnen und die darauf folgenden Kämpfe berührt Or. nur sehr kurz; .ZE. aber widmet ihnen eine eingehende Darstellung (p. 64, 25 ff.): „Sie (die Römer) baten die Sabiner, die Stadtbewohner, um die Erlaubnis, ihre Töchter Zu Weibern zu nehmen, aber die Bitte wurde ihnen abgeschlagen. Sie erreichten ihren Zweck aber trotzdem durch List, indem sie jene baten, ihnen beizustehen, damit sie ihren Göttern um so besser opfern könnten." Nach der Erzählung des Raubes heisst es weiter: „Darum entbrannte ein grosser Krieg, manches Jahr lang, bis sie auf beiden Seiten fast alle erschlagen und umgekommen waren;2 und sie konnten durch nichts versöhnt werden, bis dass die Frauen der Römer mit ihren Kindern sich zwischen die Kämpfenden stürzten, Uebertragung p. 68, Anm. 1.. 2 Eine bei A. sehr häufige Uebertreibung.
53 ihren Vätern zu Füssen fielen und sie baten, den Kindern zu Liebe dem Kampf ein Ende zu machen.' Ebenso vertraut ist IE. mit dem Schicksal der Lucretia, das seine Teilnahme in hohem - Grade erweckt. Während Or. nur angibt, die Schändung derselben habe den Sturz des Königtums veranlasst, findet sich in der ags. Bearbeitung eine ziemlich ausführliche Erzählung des Sachverhalts, in welcher nur insofern von der Geschichte abweicht, als er, verleitet durch die hervorragende Rolle, die Brutus bei der Vertreibung des Königs spielte, den späteren Consul zu einem Bruder der Lucretia • macht. Die Schuld an der Katastrophe schiebt er dem Tarquinius allein zu; er sagt von ihm: „Er war der schlimmste, zügelloseste und übermütigste von allen (Königen) und zwang alle römischen Frauen, wo er es vermochte, zur Unzucht, und erlaubte seinem Sohne, Lucretia, des Latinus Weib, die Schwester des Brutus, zu schänden, als letztere (Br. u. Coll.) auf einem Kriegszug waren, obgleich diese nächst dem Könige die berühmtesten der Römer waren. Lucretia tötete sich deswegen selbst. Als das Latinus, ihr Gatte, und Brutus, ihr Bruder, erfuhren, da verliessen sie das Heer, das sie befehligen sollten, und als sie heim kamen, vertrieben sie sowol den König als auch dessen Sohn und alle die vom königlichen Cr 'eschlechte waren, aus dem Reiche." In einer anderen Einschiebung stossen wir auf die im Ma. weit verbreitete Sage von dein Zauberer Nectanebus, der Alexander's des Grossen Vater sein sollte. Or. sagt, Alexander sei zu dem Tempel des Jupiter Ammon gereist, „ ut .. . ignominiam incerti patris et infamiam adulterae matris aboleret." fügt erst den Namen und die Einzelheiten hinzu: „Dann fuhr er zu dem Tempel, von dem die Aegypter sagen, er sei ihrem Gotte Ammon geweiht, der ihres andern Gottes Jovis 1 Sohn ist, um seine Mutter von Neetanebus, dem Zauberer, zu reinigen, 2 mit dem sie , wie man sagte , Gemeinschaft gehabt und der für Alexander's Vater gehalten wurde" (p. 126, 22-26). 1 Auf die eigentümliche Auslegung der Worte „ te2nplum Jovis Ammonis" wirft der Umstand einiges Licht, dass .LE. Jovis für einen Nominativ hielt und davon wieder den Genitiv Jobeses bildete (cf. p.160, 18: Jofeses). Der Name war ihm schon bekannt, wenn auch nur in der Form der Casus obliqui ; die Zusammensetzung mit Ammon war ihm daher unklar, wie er ja überhaupt von der Existenz doppelter Namen, ehe er bei seiner Uebertragung zur römischen Geschichte kam, gar nichts wusste. 2 Der ags. Text hat „ beladian ... A r eedanebuses bces drys", eine sehr freie Konstruktion; wir können den Sinn in gutem Deutsch nur durch eine Umschreibung wiedergeben: „von dein Verdacht der Gemeinschaft mit N. reinigen."
()0 zeichnungen consul und cynin3; beide werden z. B. kurz nach einander auf Regulus angewandt (p. 178, 8 und 21). Tyrtäus heissf der cyninx der Spartaner (p. 56, 29 u. 31). Mit dem Namen consul belegt ferner auch die Proconsuln und Praetoren, die Volkstribunen und einmal sogar einen Centurio (p. 192, 22). Statthalter, Satrapen, Praefekten , überhaupt höhere Würdenträger oder Beamte werden ealdormen genannt. Den Unterschied, der in der späteren Kaiserzeit zwischen den Bezeichnungen Auquslus und Caesar gemacht wurde, kennt nicht ; er hält beide für gleichbedeutend und bedient sich ausschliesslich des Wortes „casere" (cf. p. 280, 1). Wenn wir die Resultate der vorstehenden Vergleichung kurz zusammenfassen, so ergibt sich vor Allem, dass das Werk _.Elfred's durch die Freiheit und Subjectivität, die es in der Behandlung der Vorlage zeigt, sich über das Niveau einfacher Uebersetzungen hoch erhebt und daher die Bezeichnung einer Bearbeitung in vollem Masse verdient. Nur ungefähr die Hälfte des von Orosius gebotenen Materials hat lElfred herübergenommen; die Darstellung an sich ist aber wegen der Ungelenkigkeit der angelsächsischen Sprache bedeutend breiter geworden. Ueberall tritt der lehrhafte Zweck der Bearbeitung hervor; die verwirrende Häufung fremder Namen wird vermieden, unwichtig oder nachteilig Scheinendes gekürzt oder gestrichen, Schwieriges anschaulich gemacht, Wissenswertes erläutert, vervollständigt oder neu hinzugefügt. Ebenso selbständig verfährt A. in der Anordnung des Stoffes; durch seine Aenderungen derselben erzielt er vielfach grössere Klarheit und Uebersichtlichkeit. Auch finden sich gewisse Angaben bedeutend früher, als bei Orosius und es lässt sich daraus schliessen, dass A. das lat. Werk schon gelesen hatte, als er sich an die Uebertragung desselben machte. In der Geographie Europa's zeigt sich A. wol bewandert; die Völkerschaften Germanien's führt er, wahrscheinlich auf Grund selbst gesammelter Mündlicher Nachrichten, mit grosser Anschaulichkeit und Genauigkeit nach ihrer gegenseitigen Lage namentlich auf; die Kenntnis der nördlichen
61 Gegenden bereichert er durch die Mitteilung der Berichte Ohthere's und. Wulfstan's. In der Geschichte verrät er in Bezug auf einige der wichtigsten Thatsachen grosse Unwissenheit; andrerseits entwickelt er nicht unbedeutende Einzelkenntnisse. Ueberhaupt aber findet sich bei ihm nirgends ein verständnisvolles Eindringen in das Wesen der Ereignisse, ein klarer Ueberblick über den Zusammenhang derselben ; daher ist auch seine Darstellung nicht selten episodenhaft, in der Geschichte der Kaiserzeit sogar chronikartig. Alfred's Kenntnis des Latein war, als er das Werk des Orosius übertrug, noch gering; er macht eine Reihe grober Fehler, obgleich er sich den lat. Text jedenfalls, wie bei der Uebertragung des Boetius, erst erklären liess, ehe er ihn übersetzte. Ein um so günstigeres Bild verschafft uns die subjective Art der Bearbeitung von dem Charakter " Elfred's. Kindlich einfach und fest zugleich, grossherzig und von hohem sittlichen Ernste, voll warmer Verehrung für alles Grosse und Gute, so tritt uns .7Elfred aus seinem Werke entgegen. Die Mangelhaftigkeit seiner Bildung kann seiner Grösse keinen Abbruch thun; sie erhöht nur unsere Bewunderung für das edle Streben des Königs, der noch in reifem Mannesalter sich zu der Rolle des Schülers bequemte, um selbst an der geistigen Hebung seines Volkes mitwirken zu können. Halle, Druck von Ehrbar& Karras.
Inhalt. Seite Einleitendes 1 G-eographiseher Teil 8 a) Auslassungen 8 b) Aenderungen 9 c) Hinzufügungen 12 Historischer Teil 17 a) Auslassungen 18 b) Aenderungen 96 c) Hinzufügungen 37 Namen und Bezeichnungen 56
