Krise und Universität: Bildung und Globalisierung Rede auf dem 8. Internationalen Kongress des Dachverbandes der Germanisten- und Deutschlehrerverbände in Spanien-FAGE "Krise und Kreation" am 14.9.2013, Sevilla
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ch begrüße Sie alle sehr herzlich und danke für die Einladung, hier zum Abschluss Ihrer Tagung zu sprechen. Diese Einladung ist umso ehrenvoller, als ich vermutlich von allen hier Anwesenden derjenige bin, der von Germanistik und Deutsch als Fremdsprache am wenigsten versteht und mit Ihnen nur die Liebe zur deutschen Sprache gemeinsam hat. (Die allerdings steht auch einem Juristen gut, dessen eigentliches Werkzeug die Sprache ist…) Immerhin habe ich zumindest in den letzten 20 Jahren meiner beruflichen Tätigkeit, als Generalsekretär des DAAD, doch eine Menge mit der weltweiten Förderung von Germanistik und DaF zu tun gehabt und nach überschlägiger Rechnung in dieser Zeit nicht weniger als 600 Millionen Euro, früher hätten wir noch sagen können, weit mehr als eine Milliarde Mark, ausgegeben und mehrere tausend Lektoren gefördert, deren hier anwesende Vertreter ich besonders herzlich begrüßen möchte. Dabei gehörten die südeuropäischen Länder leider immer zu den „Problemzonen“ insofern, als wir dort gern mehr Lektorate eingerichtet hätten. Es ist einfach nicht stimmig, dass wir in Frankreich und England jeweils mehr als 50 Lektorate unterhalten und in Spanien und Italien höchstens je 10. Man sieht ja nicht zuletzt bei diesem Kongress, was solche Kolleginnen und Kollegen als Brückenbauer zwischen unseren Ländern leisten. Und man sieht jetzt in der Krise auch deutlicher, wie sehr wir solche Brücken brauchen. In diesem Sinne möchte ich den Organisatoren dieses Kongresses, im Besonderen und stellvertretend für alle anderen Herrn Ehlers meinen Respekt und meinen Glückwunsch ausdrücken für diesen Kongress, der jetzt zu Ende geht und in seiner Qualität auch durch meine Rede nicht mehr ernsthaft gefährdet werden kann. Ich bin wirklich beeindruckt von der Vielfalt und Relevanz der Themen, dem Engagement so vieler Referenten und der Ernsthaftigkeit, mit der diese Versammlung sich sowohl mit ihren ureigenen fachspezifischen Fragen als auch mit den Nöten und Herausforderungen ihrer gesellschaftlichen Umgebung auseinandersetzt. Schon die Unbefangenheit, mit der hier Germanistische und DaF-Themen gleichwertig nebeneinander behandelt werden, ist bemerkenswert, habe ich doch als Laie in Deutschland gelegentlich den Eindruck bekommen, dass Germanistik und DaF sich mindestens so unterscheiden wie Naturwissenschaft und Ingenieurwesen, wobei die eine der anderen mangelndes Wissen, diese wiederum jener fehlendes Können unterstellt. Mag sein, dass hier das gemeinsame Schicksal der Diaspora ebenso hilfreich ist, wie es etwa das europäische Bewusstsein fördert, wenn sich in Peking ein Deutscher gemeinsam mit einem Spanier über eine unverständliche Speisekarte beugt. (Wobei dieses Beispiel vielleicht nicht einmal verfängt, weil dort die findigen Restaurantbesitzer ihre Speisen für Nichtchinesen und sonstige Analphabeten längst in Form von Bildern anbieten – übrigens, gemeinsam mit den immer weiter grassierenden Piktogrammen und Icons eine Neugeburt von globaler Bildersprache, die einhergeht mit einer auch sonst immer stärker visualisierten Kommunikation, die ich deshalb auch Ihrer verschärften Aufmerksamkeit als Sprachwissenschaftler empfehle.) Nun aber zum Thema, von dem zunächst mal nur klar ist, dass es kein Fachvortrag wird. Der Titel enthält vier große Begriffe - Krise, Universität, Bildung, Globalisierung -, und jeder davon ist eine Serie von Konferenzen wert. Ihre Verbindung mit „und“ läßt jede Art von Konnexitäten und Kausalitäten offen, und diese Mehrdeutigkeit ist gewollt. Aber natürlich komme ich in den 50 Minuten, die mir bleiben, um eine Engführung ebenso wenig herum wie um den Versuch, aus den vielen möglichen Verbindungen der vier Begriffe e i n e in sich konsistente These zu entwickeln, die ich der weiteren Übersichtlichkeit wegen hier gleich voranstelle. Sie lautet: Unter all den vielfach beschworenen echten und vermeintlichen Krisen ist die größte aller Herausforderungen die Globalisierung, für deren faire Gestaltung die Universitäten eine herausgehobene Verantwortung tragen, die nicht zuletzt zu einer Neudefinition ihres Bildungsauftrags führen muss. 50 Magazin 21 Rückspiegel Retrovisor Krise und Universität - Bildung und Globalisierung Abschlussrede auf dem 8. Internationalen Kongress des Dachverbandes der Germanistenund Deutschlehrerverbände in Spanien –FAGE „Krise und Kreation“ am 14.9. 2013, Sevilla CHRISTIAN BODE Ehemaliger Generalsekretär des DAAD (1990-2010), Mitglied der "High Level Group" der EU-Kommission zu "Modernisation of Higher Education", Brüssel IUnter all den vielfach beschworenen echten und vermeintlichen Krisen ist die größte aller Herausforderungen die Globalisierung, für deren faire Gestaltung die Universitäten eine herausgehobene Verantwortung tragen, die nicht zuletzt zu einer Neudefinition ihres Bildungsauftrags führen muss. [ [
Krise – welche Krise? Ohne richtige Diagnose keine richtige Therapie Beginnen wir mit der Krise, meinem ersten Stichwort, das diesen prominenten Platz vor allem dem Titel Ihres Kongresses - Krise und Kreation – verdankt. Krisen können bekanntlich in Katastrophen enden oder auch als Katharsis überfälliger Bereinigungen dienen, was im Titel Ihrer Konferenz wohl mit „Kreation“, dem Schöpferischen Neuanfang gemeint ist. So gesehen ist Krise immer auch Chance, wie das in dem ambivalenten Wort der „Herausforderung“ viel besser veranschaulicht wird. Wenn wir uns aber von Krisen nicht entkräften oder gar erdrücken, sondern herausfordern lassen wollen, wenn wir sie nicht nur erdulden, nicht nur abwehren, sondern sogar zum Besseren wenden wollen, so ist eine ernsthafte und ehrliche Diagnose der wichtigste erste Schritt und dann wäre umgekehrt eine Fehldiagnose der sichere Weg in die Katastrophe. Was also meinen wir, wenn wir von Krise sprechen, und welche in der Hierarchie zeitgleicher Bedrohungen sind die wahren Krisen, denen wir, und damit meine ich jetzt vor allem: die Universität und ihre privilegierten Mitglieder, die Stirne bieten müssen und alles, was dahinter arbeitet? Crisis y creación Krise und Kreation
52 Magazin 21 Rückspiegel Retrovisor Die EuroKrise? Wenn man hier und heute, also in Sevilla im Herbst 2013, von „der“ Krise spricht, so würde wahrscheinlich die Frage „welche denn?“ geradezu zynisch wirken: die Euro-Krise natürlich, würden die meisten kopfschüttelnd antworten. Wirklich? Ist der Euro unser Problem? Ist er schuld an Spaniens schrumpfendem Bruttosozialprodukt und seiner grassierenden Arbeitslosigkeit mit skandalösen Anteilen jugendlicher Menschen? Ich glaube nicht. Ich muss hier vor allem weiteren einschieben, dass ich natürlich kein Wirtschaftsexperte bin, sondern nur, wie Sie auch, ein interessierter, leidlich informierter Zeitgenosse mit noch halbwegs intaktem gesunden Menschenverstand, was ja in Zeiten grassierender emotionaler Ignoranz auch nicht mehr so ganz selbstverständlich ist. Dass ich es wage, auch ohne Fachexpertise über die Krise zu reden, hat drei einfache Gründe: Erstens müssen wir alle, so oder so, die Krise ausbaden und also auch mitreden, wie das geschehen soll. Zweitens ist die Krise bei näherem Zusehen keineswegs nur eine wirtschaftliche, sondern hat viel tiefer liegende und weiter reichende Ursachen, die gerade tunnelblick-geschädigte Experten nicht sehen. Und schließlich haben sich die sogenannten Experten der Wirtschaftswissenschaft gerade bei dieser Krise so gründlich blamiert und diskreditiert, dass sie eigentlich ins Schweigekloster gehen müssten statt mit arrogantem Zeigefinger, aber mit beliebig gegensätzlichen Meinungen in Talkshows über die Rettung aus einem Desaster zu reden, das sie teils mit verschuldet, teils nicht erkannt oder jedenfalls nicht rechtzeitig warnend vorausgesagt haben. Die Herrschaften, die uns an der Wall Street, in der Londoner City oder dem Frankfurter Bankenviertel in diesen größten Finanzskandal seit Menschengedenken hineinmanövriert haben, waren doch nicht etwa feindliche grüne Männchen aus einer fernen Galaxie, sondern es waren Top-Absolventen unserer Top-Business-Schools, wo wiederum Top-Wissenschaftler einschließlich Nobelpreisträger mit Top-Gehältern optimale Strategien für maximale Gewinnerzielung lehren - und das übrigens immer noch unverändert tun… Nein, meine Damen und Herren, diese Zunft ist bei mir erst mal unten durch, jedenfalls solange, bis sie endlich mit etwas Demut selbstkritische Ursachenforschung betreibt und sich auf dieser Basis dann zu gemeinsamen Vorschlägen durchringt. Es ist doch für die Politik und die unter der Krise leidenden Menschen unerträglich, dass die einen Experten –etwa in der Bundesbankjetzt strengste Sparsamkeit predigen, während die anderen (z.B.in Japan und USA) weiter für eine Politik des lockeren Geldes plädieren, dass die einen den Euro abschaffen, die anderen ihn um jeden Preis erhalten wollen, dass die einen den EZB-Präsidenten als Retter vergöttern und die anderen ihn als Rechtsbrecher fast kriminalisieren, dass die einen Griechenland einen Staatsbankrott zur Gesundung empfehlen und die anderen dies für das Ende ganz Europas halten usw. usw. Man sollte, und das meine ich durchaus ernst, die 500 renommiertesten Wirtschaftswissenschaftler aus 5 Kontinenten ohne Honorar von irgendeiner Seite wie in einem päpstlichen Konklave solange zusammensperren, bis sie mit weißem Rauch der Öffentlichkeit eine gemeinsame Lösung signalisieren; noch besser wäre es, wenn sie dies
freiwillig und aus eigenem Antrieb täten. Das klingt nun eher lustig und völlig utopisch, ist es aber gar nicht mal so sehr: in der Klimaforschung jedenfalls haben wir es unter der Führung der vielgescholtenen UN geschafft, durch abgestimmte Forschungsstrategien, gemeinsame Konferenzen und Berichte eine einheitliche Meinung über bestimmte Grundannahmen herzustellen, die nur noch von wenigen Außenseitern ernsthaft bestritten werden. Dass dann die Politik einzelner, leider auch westlicher Staaten sich nicht an die verabredeten Konsequenzen hält, ist wieder ein neues Thema. Denn das Wissen ist immer nur das Erste, das Wollen und das Können müssen dazukommen. Aber ohne das Wissen führt auch das gutgemeinte Wollen in die Irre. Meine Damen und Herren, das war jetzt eigentlich schon ein Vorgriff auf meinen zweiten Teil, wo es um Therapien im allgemeinen und um die Rolle der Universitäten im Besonderen geht. Davor, so habe ich eingangs gesagt, gehört eine nüchterne Anamnese und Diagnose und da will ich jetzt wieder hin zurück: Also, was ist mit der sogenanten EuroKrise? Ich sage „sogenannte“, denn ich sehe sie nicht als solche. Dem Euro geht es den Umständen entsprechend gut, nicht schlechter als dem Dollar oder dem japanischen Yen, zwei inflationsträchtig gefluteten Leitwährungen, oder dem künstlich abgewerteten chinesischen Renmenbi oder der drastisch fallenden indischen Rupie, um nur die wichtigsten zu nennen. Natürlich hatte die EuroEinführung ihre politisch motivierten Geburtsfehler, eine gemeinsame Währung ohne gemeinsame Wirtschaftsund Finanzpolitik ist ein definitorisches Risiko, das jetzt über Rettungsschirme und EZB-Aufkäufe und Auflagen mühsam aufgefangen werden soll. Und nicht jedes Mitglied war wirklich für die Mitgliedschaft reif und auch das war allen Beteiligten insgeheim klar. Aber gemessen an dem Gesamtpotential des Euro-Clubs sind diese Schwachstellen doch peripher. Hätten sich alle, auch die Starken wie Deutschland und Frankreich, an die Maastricht-Kriterien der zulässigen Verschuldung und die damit erzwungene Ausgabendisziplin gehalten (was Spanien übrigens bis zur Immobilienkrise mustergültig getan hat) und wäre die aus Amerika importierte Bankenkrise nicht gewesen und hätte man die Rettung der Banken durch den Steuerzahler nicht zum Prinzip erhoben, würde vermutlich von Euro –Krise oder sonstiger Krise keiner reden. Wäre und hätte, hat aber nicht: ja, wir haben eine Krise, aber keine des Euro, sondern eine handfeste Wirtschaftskrise in einigen, insbesondere den südeuropäischen Mitgliedsländern der Euro-Zone. Und diese hat ganz offenkundig zwei Ursachen, die, wenn man einmal von landesspezifischen Besonderheiten wie der spanischen Immobilienblase oder der Überdimensionierung der Bankensysteme in Zypern, Island und Irland absieht, in den meisten, vor allem westlichen Industrieländern gleichermaßen wirksam geworden sind: Nämlich, erstens, eine Verschuldenskrise, und zweitens eine Bankenkrise, die wiederum infolge der Sozialisierung privater Verluste die Staatsverschuldung massiv verstärkt und inzwischen als Krise auf das reale Wirtschaftsleben durchgeschlagen hat. Aber auch bei diesen Phänomenen, Verschuldungsund Bankenkrise, handelt es sich doch eher um Symptome als um wirkliche Ursachen, eher um das Fieber, das eine krankhafte Störung des Organismus signalisiert. Und in der Tat sind aus meiner Sicht die wirklichen Krankheiten und Krisen ganz andere, nämlich dies: Wir leben schon seit langem über unsere Verhältnisse, geben mehr aus als wir verdienen, leisten uns jedenfalls teilweise Luxus zu Lasten nachfolgender Generationen. Das ist nicht nur dumm, sondern auch verantwortungslos. Nehmen wir das Beispiel Deutschland, das vermeintliche Musterland. Wir haben die Wiedervereinigung als großes Oktoberfest auf Pump organisiert und mehr als eine Billion zusätzlicher Schulden gemacht, die spätere Generationen dann abstottern sollen, wenn sowieso aus demographischen Gründen die sozialen Lasten explodieren. Und trotz aller guten Konjunkturlage und sprudelnder Steuerquellen leisten wir uns auch in diesem Jahr noch zweistellige Milliardenbeträge als Neuverschuldung, freilich zu historisch niedrigem Zinssatz. Und während wir anderen Wasser predigen, überbieten sich die Parteien in gewohnter Weise mit Wahlgeschenken für den Urnengang in einer Woche. Was sagt uns das? Demokratien mit ihren von Wiederwahl abhängigen Berufspolitikern, mit ihrem ebenso heilsamen wie gefährlichen Rhythmus von kurzen Legislaturperioden und Wiederwahl, sind, auch wenn sie nach Churchill immer noch die beste aller schlechten Staatsformen sind, doch extrem anfällig für Populismus, Liebedienerei und Klientelpolitik, was letztlich nur gehobene Ausdrucksformen von Korruption sind. Es ist wahrscheinlich kein Wunder, dass die Überschuldungskrise vor allem ein Phänomen der demokratischen Staaten ist. Ich zeige hier nicht den moralischen Zeigefinger, beteilige mich nicht an dem in Intellektuellenkreisen gern gepflegten Politikverdruss und Politikerbashing, schließlich musste ich mich, wie die meisten Kritiker, in meiner Karriere gottlob nicht alle vier Jahre zur Wahl stellen. Ich stelle hier nur eher umgekehrt fest, dass wir Wähler, gerade w e i l sich die Politiker nun mal um die Wählerstimmen bemühen und ja auch bemühen sollen, letztlich die Politiker bekommen, die wir verdienen. Oder sagen wir’s optimistischer: Wenn wir – und dazu gehören wieder in besonderem Maße die Intellektuellen in den Universitäten – wenn w i r den Politikern klarmachen, dass uns bestimmte Dinge wichtig sind (sagen wir Unbestechlichkeit, Fairness, Klimaschutz, Soziale Solidarität), dann werden sich auch die Politiker dardiciembre 2013 53 Oder sagen wir’s optimistischer: Wenn wir – und dazu gehören wieder in besonderem Maße die Intellektuellen in den Universitäten – wenn w i r den Politikern klarmachen, dass uns bestimmte Dinge wichtig sind (sagen wir Unbestechlichkeit, Fairness, Klimaschutz, Soziale Solidarität), dann werden sich auch die Politiker darauf einrichten. Das Beispiel Grüne und Umweltschutz zeigt, wie das geht. [ [
54 Magazin 21 Rückspiegel Retrovisor auf einrichten. Das Beispiel Grüne und Umweltschutz zeigt, wie das geht. Aber bisher haben wir, um auf die Verschuldenskrise zurückzukommen, halt immer nur immer mehr gefordert und selten einmal zur Sparsamkeit gemahnt. Im Gegenteil, große Teile der Gesellschaft, insbesondere (aber nicht nur) die Reichen, haben alle legalen und auch illegalen Schlupflöcher genutzt, um ihren Tribut an die Gemeinschaft, den Staat und die Sozialsysteme so niedrig wie möglich zu halten - von der illegalen Schattenwirtschaft, die in Teilen Europas noch als Kavaliersdelikt fröhliche Urstände feiert, bis hin zu den abenteuerlichsten legalen Konstruktionen, die den reichsten amerikanischen IT-Unternehmen nur noch ein Almosen an Gewerbesteuer abverlangen bis hin zur schlichten Auswanderung des Kapitals, die durch Steuerkonkurrenz – auch innerhalb der EU - sogar noch gefördert wird. Allerdings hat Steuermoral auch etwas mit good governance zu tun. Die Bürger werden ihr gutes Geld dem Staat nur anvertrauen, wenn sie auch Vertrauen haben, dass damit gerecht, sparsam und wirksam gewirtschaftet wird. Das ist nun leider nicht durchweg der Fall. So ist es zum Beispiel ganz offensichtlich, dass das Vertrauen in die politische Führung in Griechenland und Italien aus Gründen, die auch der aussenstehende Beobachter nachvollziehen kann, noch einer starken Ermunterung bedarf… Ich sagte, dass wir seit längerem über unseren Verhältnissen leben, wobei ich mit „wir“ vor allem, aber nicht nur, die staat-liche Gemeinschaft meine, die immerhin, gemeinsam mit den Sozialsystemen, ungefähr die Hälfte unseres Bruttosozialprodukts verwaltet, also 50 Cent von jedem Euro. Nun kann man die Ungleichgewichte auf zweierlei Weise ausgleichen. Einmal durch Sparen, was richtig ist, wenn es an der richtigen Stelle geschieht, und in der richtigen Dosierung. Zur Zeit wird das in Südeuropa allerdings mit einer Brachialgewalt getan, die möglicherweise grössere Kollateralschäden anrichtet als sie an Erträgen bringt. Das gilt insbesondere, wenn das Bildungswesen, also die Investition in die Jugend und damit in die Zukunft, als Steinbruch für das Stopfen von Haushaltslöchern missbraucht wird. Das ist, wie wenn man sein Saatgut auffrisst, was bekanntlich unsere agrarischen Vorfahren erst kurz vor dem Hungertod taten. Wir haben vor Jahren in unserer Tagesschau mit großer Sympathie die Demonstrationen der spanischen Jugend verfolgt, jetzt sehen wir nur noch ab und zu Gewerkschaftler und öffentliche Bedienstete. Was ist los? Hat die Jugend etwa schon resigniert? Das wäre nun wirklich eine gefährliche Entwicklung. Man kann aber auch, und zwar nicht statt Sparen sondern in einer klugen Kombination mit Einsparungen, durch richtige Investitionen die Einnahmeseite verbessern, wie es, so scheint mir, Deutschland nach dem verheerenden zweiten Weltkrieg und erneut durch eine Modernisierungspolitik seit Mitte der neunziger Jahre ganz gut hinbekommen hat. Europa muss akzeptieren und verinnerlichen, dass es nicht mehr von seinen Kolonien leben kann und auch nicht mehr selbstverständlich von seinem überlegenen technisch-wirtschaftlichen Know how. Wir müssen anerkennen und unsere Folgerungen daraus ziehen, dass Entwicklungsund Schwellenländer, die bisher nur als Rohstofflieferanten, Absatzmärkte oder auswärtige Billiglohnstandorte unserer Unternehmen dienten, zunehmend zu Konkurrenten mit eigenen, nicht nur preiswerten, sondern auch qualitätsvollen Produkten werden, ja sogar manchmal Marktführer werden, Südkorea läßt grüßen, Indien und China auch. Und wir werden diese Konkurrenz nicht überstehen, jedenfalls unseren Lebensstandard nicht halten können, wenn wir das Produzieren aufgeben und nur noch von Blaupausen, Immobilien, Finanzdienstleistungen und Tourismus leben wollen, in den Worten von Helmut Kohl, als kollektive Freizeitparks. Die Verschuldenskrise Europas hat jedenfalls auch mit unserer abnehmenden globalen Wettbewerbsfähigkeit zu tun. Ja und dann die Bankenkrise, zu der ich schon einiges gesagt habe und nur noch Schlussfolgerungen ziehen möchte. Aus meiner Sicht hat sie ihren Ausgang genommen mit dem Zusammenbruch des sogenannten real existierenden Sozialismus in der Sowjetunion und in China und dem totalen Sieg des westlichen marktwirtschaftlichen Modells. So untauglich der Sozialismus als Wirtschaftsform war, als Idee einer besseren, sozialen Welt war er doch immer ein Stachel im kapitalistischen Bauchfleisch, begeisterte idealistische Jugendliche und zwang eingefleischte Kapitalisten zu manchen Kompromissen. Damit war spätestens Anfang der neunziger Schluss, jedenfalls in der tonangebenden anglo-amerikanischen Welt, und nun begann eine bisher nicht dagewesene Phase des Neo-Liberalismus und Neo-Kapitalismus, des Leinen-Los, der Entfesselung der Finanzmärkte, der Abschaffung disziplinierender Kontrollen und Auflagen, des ungebremsten Spekulierens und Zockens jenseits aller realen wirtschaftlichen Werte, des Wachstums von Banken bis hin zu Monstern, die die Politik fast nach Belieben erpressen konnten und die selbst für ihre Missetaten nicht mehr büßen mussten, weil bei ihrer Abwicklung tatsächlich oder vermeintlich noch größere Schäden drohten. Too big to die, heißt das so hübsch. Und so übernahmen die Staaten oder die von ihnen geschaffenen Rettungsschirme und Notenbanken mit Hunderten von Milliarden Euros all die faulen Risiken, an denen sich viele längst eine goldene Nase verdient hatten – die Bankerboni und Managergehälter haben längst obszöne Dimensionen angenommen, bis hin zu jenen skandalösen 100 Mio. Euro, die vor kurzem Real Madrid für einen bis dahin nur Eingeweihten bekannten walisischen Fußballspieler bezahlteund natürlich nur mit Krediten aus dem spanischen Bankensektor bezahlen kann, der schon mit erheblichen Steuermitteln am Leben gehalten werden muss, Und die Staaten, was sollen sie auch tun, präsentieren die Rechnung nun den Steuerzahlern, auch denen, die sich vielleicht noch nicht einmal ein Sparkonto leisten können. Schöne neue Welt. Und wir mittendrin. Sage keiner, es seien nur die bösen Banker. Auch jeder von uns ist immer mehr dem Tanz um das Goldene Kalb verfallen, der Trias von Geld, Geiz und Gier, die allmählich alle in Sonntagsreden so gern beschworenen westlichen Werte in das Reich rührender Großmuttermärchen verdrängte. Wie man da wieder rauskommt, dafür gibt es sicher keine einfachen Rezepte und ich werde hier schon gar keines anbieten.
diciembre 2013 55 Mir geht es vielmehr darum, deutlich zu machen, dass die Finanzund Verschuldenskrisen auch und vielleicht zuvörderst Ausdruck moralischer Orientierungslosigkeit sind, an denen unsere Universitäten, darauf komme ich noch, nicht unschuldig sind, weil sie ihren Erziehungsauftrag längst aufgegeben und eingetauscht haben in eine eher technokratische Qualifizierungsfunktion. Und mir geht es noch um ein anderes, das wir aus der Finanzkrise lernen sollten, damit sie vielleicht noch ihren heilsamen Sinn entfalten kann: Jetzt spätestens sollten alle verstanden haben, was Globalisierung bedeutet und was sie im schlimmen Sinne bewirken kann. Wir sollten sehen, dass auch scheinbar nur lokale oder regionale Entwicklungen, wie z.B. die leichtsinnig-unverantwortliche Kreditvergabe amerikanischer Hypothekenbanken, über kurz oder lang vor unserer eigenen Haustür aufschlagen können. Und wir sollten verstehen, dass wir viele solcher globaler Entwicklungen überhaupt nicht mehr mit unseren hergebrachten nationalen Instrumentarien beherrschen können, dass wir als Nationalstaaten – und teilweise auch als Europäische Union von 28 Staatenhoffnungslos den Windungen und dem Tempo globaler Prozesse hinterherlaufen. Die Bemühungen der 20 wirtschaftsstärksten Nationen in Petersburg, von manchen als Aufbruch gefeiert, sind, im Jahr 5 der Finanzkrise, geradezu rührend angesichts der unveränderten Bedrohungen durch die Kapitalmärkte und die Monsterbanken. Und das sind ja nicht die einzigen Bedrohungen, die sich inzwischen auf globaler Bühne stellen. Denken wir an das Thema Klima und Erderwärmung, an die Energieversorgung, Trinkwasser und Nahrungsmittel für eine Erdbevölkerung, die in den nächsten 50 Jahren noch um mindestens 2 Milliarden Menschen wächst, an die Ausbeutung der fossilen Rohstoffe, die Überwindung der zunehmenden Spaltung in Superreich und Bitterarm, die es sowohl in unseren heimischen Gesellschaften als auch zwischen den Ländern dieser Erde gibt, - in Indien leben immer noch mehr als 400 Mio Menschen von weniger als 1,25 Dollar pro Tag- , die zunehmenden ethnischsozialen und religiösen Spannungen bis hin zum religiös kaschierten Terrorismus, das Anwachsen von Fundamentalismen und Fanatismen in vielen, auch westlichen Teilen des Globus, die globale Ausspähung aller elektronischen Kommunikation unter dem Mantel der Verteidigung der Freiheit, die Bedrohungen durch eine rasch wachsende organisierte und international agierende Kriminalität, unsere kaum reflektierte Abhängigkeit vom Funktionieren vernetzter elektronischer Systeme und vieles andere mehr – Globale Probleme – Globale Lösungen Alles Phänomene, die nicht an Landesgrenzen halt machen und die deshalb auch nicht mit den Denkund Handlungsmustern des Nationalstaats des 19. Jahrhunderts beherrscht werden können. Und auch nicht mit einer Bildung, die diesen Mustern immer noch, bewusst oder unbewusst, tief verhaftet ist. Wenn wir, und das ist jetzt meine zusammenfassende Schlussfolgerung, unseren Anspruch auf eine faire und gerechte Gestaltung dieser ganz unvermeidlichen, aber ambivalenten Globalisierung nicht aufgeben wollen, wenn wir sie nicht nur erdulden, sondern positiv lenken wollen, dann brauchen wir zweierlei: • Eine grundlegende globale Verständigung über einen fairen Modus vivendi, über faire Spielregeln eines globalen Wettbewerbs, der nicht nur die Gewinner, sondern auch die Verlierer in den Blick nimmt. • Globale Regeln und Verständigungen, ja auch Beobachtungsund sogar Sanktionsmechanismen, die die Einhaltung dieser „minima moralia mundi“ sicherstellen. Das mag angesichts der Streitigkeiten und Zerrissenheit der Weltpolitik, wie wir sie jetzt wieder einmal am Beispiel Syrien erleben, etwas naiv oder gar utopisch klingen. Ich sehe das nicht so, bin im Gegenteil optimistisch, wenn wir nur hinreichend kreativ drängen. Wir haben heute schon viel mehr internationale Kooperations-, Abstimmungsund sogar Schlichtungsund Gerichts-Mechanismen, als den meisten wirklich bekannt ist, von der Welthandelsorganisation über die Weltverbände des Sports mit ihren ausgeklügelten Regelwerken bis zum Internationalen Strafgerichtshof, dazu eine rasant wachsende Schar international tätiger NGOs, deren Wirkungsmacht mit der Waffe der neuen Medien, von Facebook, Twitter und Youtube längst an staatlichen Kontrollen vorbei den Aufbau einer globalen Zivilgesellschaft ins Auge nimmt, die freilich, ambivalent wie die Globalisierung und alle menschlichen Errungenschaften sind, auch zu unguten bis kriminellen Zwecken missbraucht werden kann. Die Globalisierung bringt letztlich im Guten wie im Bösen die Menschen zwanghaft einander näher und wird sich ihre eigenen Regeln suchen –aber nicht von alleine und urwüchsig immer die richtigen auch finden. Globalisierung und Universität Und da kommen nun wir, die Universitäten, die Studierenden und Professoren ins Bild und in die Verantwortung. Dem will ich nun meinen abschließenden Teil widmen. Meine Damen und Herren, die Hochschulen haben unbestritten zwei herausgehobene Aufgaben, ich könnte auch sagen: Privilegien, die sie in besonderer Weise für die Wahrnehmung dieser Verantwortung qualifizieren und prädestinieren: • Als wichtigste Stätten der organisierten Forschung entscheiden sie mit, was geforscht wird und wem die Ergebnisse ihrer Forschungen dienen. Kein Wunder, dass der Bologna-Prozess von vielen – auch von mir - als blutarmes Technokratenwerk empfunden wird, dem jedes mitreißende Bildungsideal, wie es noch das Humboldt’sche war, gänzlich abgeht. Auch mir fällt bei der Lektüre dieser Texte kein anderes Leitbild ein als eben der „funktionierende Mensch“. Das aber ist zu wenig, damit sollten und dürfen wir uns nicht zufrieden geben. [ [
56 Magazin 21 Rückspiegel Retrovisor • Als höchste Stätten der Bildung erziehen sie große Teile der Jugend für herausgehobene Berufstätigkeiten, darunter alle künftigen Führungskräfte, die über die Geschicke der Welt beraten, verhandeln und entscheiden sollen. Das hat, vor dem Hintergrund der Globalisierung, wie ich sie beschrieben habe, notwendigerweise Konsequenzen: • In der Forschung, die ich hier nur streifen kann, müssten sich die Hochschulen mehr als bisher der Agenda globaler Probleme und Herausforderungen widmen. Und sie müssten ihre Stimme als Autoritäten der Wissenschaft deutlicher erheben, wenn um die richtigen Problemlösungen, gerade auch um die globalen, gestritten wird. Neben dem verständlichen Bemühen, die eigene Position im wissenschaftlichen Wettbewerb zu verbessern, muss gleichberechtigt der Wille treten, sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun und über den Elfenbeinturm hinaus in die Gesellschaft und Politik hinein zu wirken. Meine halb-seriöse Eingangsforderung nach einem Conclave der besten Wirtschaftswissenschaftler war nur e i n solches Beispiel. Das gilt gleichermaßen auch für andere Wissenschaften, zumal die meisten globalen Probleme ohnehin sich nicht an den Spezialitäten und Grenzen einzelner Wissenschaftsdisziplinen orientieren. In diesem Sinne sind meines Erachtens auch die Geistesund Gesellschaftswissenschaften gefordert, die sich viel zu sehr in ihren eigenen Zirkeln und Gazetten verkriechen und schon lange nicht mehr den Ton angeben bei den großen geistigen Debatten unserer Zeit – nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil sie es bis heute kaum vermocht haben, sich international zu organisieren und in größeren Allianzen zu artikulieren. Das aber wäre dringend nötig, denn die größten Probleme der Globalisierung, davon bin ich fest überzeugt, sind nicht naturwissenschaftlich-technischer Art, sondern haben mit der geistigen Orientierung einer multipolaren und multikulturellen und doch global interdependenten Gesellschaft zu tun. • Und was nun bedeutet die Herausforderung der Globalisierung für Studium und Lehre an unseren Universitäten und insbesondere für die Heranbildung des Führungsnachwuchses von morgen? Bemerkenswerterweise finden Sie diese Frage, die sich doch geradezu aufdrängt, in den offiziellen bildungspolitischen Dokumenten etwa des Bologna-Prozesses kaum aufgeworfen, geschweige denn beantwortet. Wenn dort etwas über die notwendigen Fähigkeiten unserer künftigen Absolventen gesagt wird, dann ist es employability, Beschäftigungsfähigkeit, auch vielleicht noch competitiveness, Wettbewerbsfähigkeit, ansonsten geht es um Strukturen, Organisation und Politik. Kein Wunder, dass der Bologna-Prozess von vielen – auch von mir - als blutarmes Technokratenwerk empfunden wird, dem jedes mitrei ende Bildungsideal, wie es
diciembre 2013 57 noch das Humboldt’sche war, gänzlich abgeht. Auch mir fällt bei der Lektüre dieser Texte kein anderes Leitbild ein als eben der „funktionierende Mensch“. Das aber ist zu wenig, damit sollten und dürfen wir uns nicht zufrieden geben. Für mich heißt das Bildungsideal in Zeiten der Globalisierung „The global citizen of European Origin“, ein weltoffener Mensch, der sich seiner Wurzeln ebenso bewusst ist wie seiner weltweiten Mitverantwortung, der sich auszeichnet durch die Fähigkeit zum Wettbewerb, zur Zusammenarbeit und zur Solidarität, durch Verantwortlichkeit und fair play. Und wie sieht es damit in unserer heutigen Universitätsbildung aus? Ich kann hier schon aus Zeitgründen nur ein paar Spotlights setzen und nur einige der genannten Leitbegriffe untersuchen: • Zur Wettbewerbsfähigkeit ist schon vieles gesagt und getan worden in unseren Universitäten, nur sollte auch hier die internationale Dimension, angefangen mit entsprechenden Inhalten der Curricula über Fremdsprachen bis zur internationalen Mobilität einen noch viel größeren Stellenwert bekommen. Wer die Welt beliefern will, muss sie auch kennen. • Stichwort Kooperation: Ich habe vorhin schon begründet, dass die Globalisierung, gerade auch der zunehmende grenzüberschreitende Wettbewerb, nach mehr gemeinsamen Regeln verlangt. Ohne das Regelwerk der WTO wäre die exponentielle Ausweitung des Welthandels so nicht möglich gewesen und ohne das Regelwerk der FIFA gäbe es keine Fußball-Weltmeisterschaft. Solche globalen Regeln, die übrigens in zunehmendem Maße gar nicht staatlich, sondern semi-staatlich oder privat ausgehandelt werden, dürfen aber nicht, wie zumeist früher, dem Recht des Stärkeren folgen -und das waren meist Amerikaner oder Europäer-, sondern einem common sense, der die Denkweise und Interessen der anderen Beteiligten kennt, versteht und auch nach Verständigung sucht. Das erfordert auch Empathie und die Fähigkeit zum fairen Kompromiss, eine Kunst, die viel leichter gefordert als eingelöst ist. • Drittes Stichwort Solidarität. So wie es in einem nationalen Verbund eine gewisse Solidaritätspflicht der Starken gegenüber den Schwachen gibt, so braucht das auch eine immer stärker miteinander verbundene internationale Gemeinschaft, in der sich Wohlstand und Armut drastisch ungleich und ungerecht verteilen. Dabei geht es auf Seiten der Starken keineswegs nur um Altruismus oder Gottgefälligkeit, sondern durchaus auch ums eigene Interesse: denn der Reiche kann sich seines Wohlstandes weder erfreuen noch sicher sein, wenn er von Bettlern umlagert, vielleicht belagert und schließlich beraubt wird. Und außerdem haben wir oft genug erlebt, wie der Schuldner von heute zum Gläubiger von morgen wird, China und Brasilien lassen grüßen. Konkurrenz und Kooperation, Eigeninteresse und Solidarität schließen sich also nicht aus, im Gegenteil, sie bedingen sich gegenseitig. Das gilt schon im kleinräumigen Maßstab und im globalen nicht weniger. Bilden und Handeln Wie aber nun vermittelt man diese Eigenschaften eines „global citizen“ an unsere künftigen Führungskräfte? Das ist ein Thema, das einen eigenen Vortrag verdiente. Hier will ich mich aus Zeitgründen auf eine einzige, die nach meiner Meinung wichtigste Aussage beschränken, die auch besonders zu Ihrem Tätigkeitsfeld, dem Fremdsprachenlernen passt: • So wenig, wie ein Kind laufen lernt, wenn es im Kinderwagen durch eine Fußgängerzone geschoben wird, so wenig wie man aus Büchern schwimmen lernt oder Autofahren am Fernseher lernen kann, so wenig wird die wissenschaftliche Belehrung oder der moralische Zeigefinger genügen, um die Chancen und Risiken der Globalisierung zu verstehen und interkulturelle Kompetenz zu erwerben. Und so wichtig es ist, unsere Lehrpläne und Studieninhalte um internationale Dimensionen zu erweitern, so unverzichtbar ist es doch, sie selbst am eigenen Leibe zu erfahren, die eigenen vier Wände zu verlassen, als Fremder unter Fremden neue Freunde zu gewinnen, sich anderen Kulturen, Sprachen und Denkweisen auszusetzen und zu öffnen, die hergebrachten Gewissheiten zu überprüfen und so die eigene Identität neu zu definieren. „Überhaupt“, so schreibt Goethe während seiner berühmten italienischen Reise, „überhaupt ist mit dem neuen Leben, das einem nachdenkenden Menschen die Betrachtung eines neuen Landes gewährt, nichts zu vergleichen. Ob ich gleich noch immer derselbe bin, so mein’ ich, bis aufs innerste Knochenmark verändert zu sein.“ Das gilt heute noch immer, wie wir von unseren Stipendiaten wissen. Deshalb ist es heute so wichtig, wichtiger denn je, einen Teil des Studiums im Ausland zu verbringen. Und deshalb sollte ein Auslandsstudium die Regel sein für alle, die die künftigen Geschicke der Welt gestalten wollen. Denn, so hat es einmal Alexander von Humboldt treffend formuliert, „gefährlich ist vor allem die Weltanschauung derjenigen, die die Welt nie angeschaut haben“. In diesem Sinne ermuntere ich Sie, fortzufahren und nicht locker zu lassen in Ihrer Arbeit. Sie ist, wenn wir die wahren Herausforderungen der Zukunft meistern wollen, - und das müssen wir - von ganz zentraler Bedeutung. Ich danke Ihnen fürs geduldige Zuhören. Und so wichtig es ist, unsere Lehrpläne und Studieninhalte um internationale Dimensionen zu erweitern, so unverzichtbar ist es doch, sie selbst am eigenen Leibe zu erfahren, die eigenen vier Wände zu verlassen, als Fremder unter Fremden neue Freunde zu gewinnen, sich anderen Kulturen, Sprachen und Denkweisen auszusetzen und zu öffnen, die hergebrachten Gewissheiten zu überprüfen und so die eigene Identität neu zu definieren. [ [
