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Deutschland entdecken – Jan Weilers Reisetagebuch Mein Kleines Land und die Entwicklung eines neuen deutschen Selbstverständnisses

Klinge, Tilman

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26 Magazin 19 Themenschwerpunkt Tema monográfico wischen 2004 und 2005 unternahm Jan Weiler weitreichende Lesereisen durch Deutschland, um seinen Erf o l g s roman Maria, ihm schmeckt´s nicht vorzustellen. Dazu besuchte er die verschiedensten Ortschaften, häufig kleine und wenig bekannte, je nach dem, wo die Lesungen stattfanden. Die Erlebnisse und Eindrücke dieser Reisen stellte er zunächst als Blog ins Netz. Anfang Dezember 2006 veröffentlichte er unter dem Titel In meinem kleinen Land eine leicht überarbeitete Buchversion der Texte, die einen solchen Erfolg hatte, dass noch im selben Monat eine zweite und dritte Auflage erschienen. Heute ist die neunte im Verkauf, außerdem wurde ein e-book und ein Hörbuch erstellt, eine Großdruckversion ist für April 2010 angekündigt. Auch wenn es sich vielleicht nicht mit dem seines Erstlingsromans messen lassen kann, so war und ist das Buch doch fraglos ein Erfolg. Umso auffälliger ist dagegen der Umstand, dass das Werk in den verschiedenen Berichten über den Autor - etwa im Zuge der Vorstellung des Films María, ihm schmeckt’s nicht, der Promotion seines Romans Drachensaat (2008) oder auch seines neuen Buches Mein Leben als Mensch (2009) - kaum Erwähnung findet. In einem Stern-Artikel vom 7.8.2007 erscheint es zumindest noch im letzten Absatz, in der FAZ vom 8. Juli 2009 gar nicht– ebensowenig im HR1-Talk vom 13.12. dieses Jahres1. Ein wesentliches Anliegen dieser Erinnerungen an die Fahrt e n d u r ch Deutschland ist der Umgang der Deutschen mit ihre m Land. Am Ende seiner Reisetätigkeit gelangt Weiler dabei zu dem positiven Deutschlandbild, das er bereits im Vo r w o rt ankündigt. (S.343) Ich könnte noch Jahre durch dieses Land fahren, ohne auch nur annähernd alles gesehen zu haben, was zu sehen ist, sich sehen lässt und lassen kann und sehenswert ist. Unser Land ist so lächerlich klein und dann doch so unendlich vielfältig. Früher wäre mir das nie aufgefallen. Neben der Vielseitigkeit des Landes ist es, wie Weiler bereits im Vo r w o r t festhält, vor allem die Sicherheit im Lande und die Fre u n d - lichkeit der Bevölkerung, die ihn zu dieser Einstellung kommen lässt. Diese sieht er weitgehend im Gegensatz zu seiner «Sozialis i e r ung». Noch im September 2005 stellte er zwar fest, dass Deutsche ihr Land zu wenig kennen würden, scheute aber in der Konsequenz den Vo rw u rf des Völkischen: (S.33) Auf der Fahrt hat man viel Zeit zum Nachdenken. Zum Beispiel darüber, dass wir unser Land zu wenig kennen […] Jedenfalls glaube ich, dass wir Deutschen uns nicht genug auskennen in Deutschland. Ich zum Beispiel habe mehr italienische Städte samt Kirchen und Museen besucht als deutsche, und ich glaube, dass dies bei vielen meiner hochintere s s i e r ten und weitgereisten Landsleute genauso ist. […] Ich hätte einen Vorschlag dazu. Alle Jugendlichen müssten während ihrer Schulzeit insgesamt vier Monate auf Kennenlern r eise. […] Am Ende könnte jeder sagen, dass er sein Land mal vom Wattenmeer bis zu den Alpen gesehen hat. Und jeder könnte sich für oder gegen Deutschland entscheiden, weil er es kennt. (S.34) Natürlich mache ich diesen Vorschlag nur leise, denn es ist peinlich, daran zu erinnern, dass wir entwicklungsfähige Kenntnisse unseres Landes und unterem anderen deshalb kein ausgeprägtes Nationalbewusstsein haben. Man gerät gleich in so eine völkische Ecke. Ich ziehe ihn also zurück, meinen Vorschlag. Entschuldigung. Ich bin sofort wieder ein b r a v e r, in den siebziger und achtziger Jahren sozialisierter Deutscher, der sich aus lauter Angst vor übert r i e b e n e m Nationalismus nicht darüber klagt, dass kein Mensch weiß, wo Iserlohn liegt. Und ich reihe mich nach diesem Gedankenspiel auch sofort wieder brav in die Phalanx modern i - stischer deutscher Autoren ein, die re f l e x a r tig erkläre n , dass es keinen Grund gebe zu wissen, wo Iserlohn liegt, weil man ohnehin nie hinfahren würd e . Natürlich ist der Passus ironisch, doch form u l i e r t der Autor diesen Vorbehalt kaum dass er sich zum ersten Mal im Ta g e b u c h dem Problem nähert. Im März 2006, in Wo l f s b u r g, hat sich die Sicht schon erheblich verändert: (S. 254) Man sollte meinen, dass man Deutschland immer weniger mag, wenn man ständig durc h f ä h r t. Aber das Gegenteil ist wahr. Ich mag dieses Land immer mehr, so wie man manche Menschen gerade wegen ihrer Unzulänglichkeiten schätzt. Es ist zu kalt hier, das steht fest. Es gibt Büro k r a t e n , es gibt Ve r b r e c h e r, es gibt Spießer. Aber wo gibt es die nicht? Sagen Sie mir ein Land und ich ziehe sofort dort h i n . Deutschland entdecken – Jan Weilers Reisetagebuch Mein Kleines Land und die Entwicklung eines neuen deutschen S e l b s t v e r s t ä n d n i s s e s TILMAN KLINGE Universidad Rey Juan Carlos I, Madrid. Z julio 2010 27 Hier kommt jetzt die Tatsachenentscheidung als Argument zu Geltung, die Form u l i e rung ist aber noch negiert. (S.255) In anderen Ländern, zumal europäischen, sind die Lebensbedingungen in Wa h r heit auch nicht besser als bei uns. Deutschland ist nicht spießiger als der Rest der Welt. […] Wo soll man denn sonst hin? Sorry, aber wir gehören hierh e r. Das ist Deutschland und wir sind Deutsche. Wir haben uns dieses Land so gemacht, wie es ist. Jammern gilt nicht. Am Ende der Reise ist jeder Vorbehalt überwunden. Dabei lohnt es sich an die Eigenschaften zu erinnern, an denen sich seine positive Sicht entwickelt: kulturelle Vielseitigkeit, Sicherheit und der f r eundliche Umgang der Menschen, also alles Eigenschaften, die nationalistische Klischees oder allgemein wertende Äußeru n g e n kaum zulassen. Vor allem können sie kaum zu abwertenden Ve r - gleichen mit anderen Ländern herangezogen werden. Zugleich findet man praktisch keine landmannschaftlichen Klischees2. Das bedeutet allerdings nicht, dass nicht auf Klischees zurückgegriffen würde, wenn sie sinnvoll erscheinen3, doch erscheinen sie in wenigen Fällen, und zumeist setzt sie Weiler für leichter wahrnehmbare Regionalia wie die Dialekte (Schwaben, Franken, Saarland) ein oder spielt mit ihnen, um sie selbst ad absurdum zu führen: (S. 35) Die Friesen sind freundliche Menschen mit einem großen Talent für den F re m d e n v e r k e h r. Es würde mich nicht w u n d e r n, wenn Wyk auf Föhr im Oktober abgebaut würde, um dann über den Winter eingelagert und erst Ende April wieder auf markierten Flächen installiert zu w e r den. Die Bewohner von Wyk legen dann die gestreiften Hemden ebenso ab wie ihren Dialekt und fahren für fünf Monate heim nach Thüringen. Im Vo r w o r t wie im oben zitierten Abschnitt seines Vorschlags obligater Deutschlandreisen interpre t i e rt Weiler die Deutschlandablehnung, der er sein frisch erw o rbenes, positives Deutschlandbild entgegenhält, als generationsgebunden, eben seiner Generation der in den siebziger und achtziger Jahren sozialisierten Deutschen (S.34). Wir sind kritisch aufgewachsen: konsumkritisch, religionskritisch, politikkritisch, k u l t u r k r i t i s c h (S.14). Alleine gegen diese überkritische Haltung wendet sich seine neue Erkenntnis. Ein übertriebenes Nationalgefühl, ein radikaler Nationalismus gerade auch in seiner rassistischen Variante kommt trotz der öffentlichen Aufregung über «N o - g o - a re a s» im Vo rfeld der Fußballweltmeisterschaft von 2006 kaum vor. In den drei (!) Stellen, in denen die Rechtsradikalität bzw. Rassismus thematisiert werden, erscheinen sie als A u s d r uck ostdeutscher Fru s t r a t i o n4, als Katastrophe, die als solche national oder zumindest versetzbar sei5, und unter dem Zeichen der uneingeschränkten, aber letztlich kommentarlosen Gegn e r s c h a f t6. Doch werden sie nie unter dem Zeichen eines a n d e r en/neuen Deutschseins, als nationales Problem oder gar unter dem Aspekt des Nationalproblems gesehen. Auch in andere n B e r eichen scheint sich Weiler zumindest nicht vord e rgründig bewusst zu sein, wieweit seine Darstellung und sein Ansatz selbst 28 Magazin 19 natürlich auch eine generationelle Bindung aufweisen. Das gilt etwa für die Ablehnung von Gruppenspezifika und den schnell gefunden Ve r weisen auf das Individuelle, in die sich so leicht Allgemeinplätze einweben lassen. Deutlicher aber wird es noch in der Behandlung des Nationalsozialismus und seiner Bedeutung für das spätere Deutschland. Zum einen ist hier die fast absolute Gleichsetzung von NS-Zeit und Hitler einerseits und andere r - seits die unbedingte Bindung von NS-Zeit/Hitler und Kriegszers t ö rungen zu nennen. Beide finden in eigentümlichen, sarkastischen wie ironischen Anmerkungen in häufig unerw a rtetem Umfeld Ve rw e n d u n g 7. Hier ist also auch eine Generationskritik zu erkennen, zumal diese NS-Ve r weise auch gerne zur komischen Ü b e r zeichnung dienen. (S. 52-53: Paderborn) Überall gibt es denselben Kram. […] Überall, wo ich hinkomme ist Subway. [ … ] […] Wie schön unsere Städte wohl wären, wenn sie nicht vor sechzig Jahren von vorne hätten anfangen müssen? Kaum v o r zustellen. Wahrscheinlich gäbe es dann auch keine wüsten Innenstädte und darin auch nicht diese Filialkultur. Man könnte sich beinahe zu der Behauptung versteigen, Hitler sei schuld an Subway. Doch ist der immer wiederkehrende Bezug gerade in dieser Beständigkeit eben auch generationsspezifisch. Anhand der Überlegungen, ob man zum Film Der Untergang bügeln dürfe, und des Kommentars zu einer Werbung eines jüdischen Restaurants (Deutsche, esst bei Juden – in Frakturschrift) lässt sich diese Spannung nachvollziehen. Im ersten Fall (S.190) zeigt schon der verwirrte Satzbau und der unnötige alltagssprachliche Wortschatz, wie absurd Weiler dergleichen Zweifel scheinen und er gelangt so rasch zur –ebenso absurden– Ablehnung8. Im zweiten Fall führt diese Art der Werbung zu einen längeren, ernsten Gespräch zwischen Freunden. In seiner Ablehnung stellt sich dem Kollektiven ein weiteres Mal das Individuelle entgegen9 und solche Werbung wird pervertiert, indem «andere berühmte Sätze, die das Verhältnis zwischen Nazis und Juden treffend beschreiben» derartig werbetechnisch umgeschrieben werden10: Nämlich die zynischen Überschriften über den KZ (Jedem das Seine zu Jedem das Eine: unsere Weine bzw. Arbeit macht frei zu Arbeit macht Brei): (S.197) Ach, das finden Sie nicht komisch? Ich auch nicht. Und wenn der Werber und der Wi rt noch alle Tassen im Schrank haben, finden sie ihr eigenes Plakat auch nicht mehr k o m i s c h . Bei der Behandlung der DDR und der Ve r einigung der deutschen Staaten zeigt sich Weilers Ve r w u rzelung in den bundesdeutschen siebziger und achtziger Jahren. Weniger gilt hier das Arg u m e n t des Übergewichts der Orte aus den alten Bundesländern. Dies entspricht vielmehr den wirtschaftlich-sozialen Gegebenheiten. Gerade der Nordosten sei auch zu wenig besiedelt, als dass sich d o r t Einrichtungen halten könnten, die das Risiko einer Autorenlesung auf sich nähmen1 1 . Eher entdeckt sich dieser Umstand in der Tatsache, dass praktisch alle Erinnerungen an den deutschen Osten Erinnerung an die Zeit unmittelbar nach der Ve r e inigung sind. Erinnerungen an die Zeit der deutschen Zweistaatlichkeit beschränken sich auf die an den obligaten Ostberlinausflug während der ebenso obligaten Klassenfahrt nach We s t b e rlin. Andere Ostkontakte gab es nicht. In dem Jahrzehnt nach der Ve r einigung hat das Interesse im Zuge wiederum deutlich nachgelassen oder es gab zumindest keine so großen Kontakte zu Ostdeutschland, dass sich Begebenheiten in seiner Erinnerung gehalten hätten. Lediglich zum ersten Besuch in Erf u rt erwähnt We iler die Existenz der Buchhandlung in der DDR und erinnert sich an seine Unbedarftheit beim letztjährigen Besuch. We i t e r e Kontakte im vereinten Deutschland sind nicht verzeichnet. Es sind die Erinnerungen eines Menschen, dessen erste berufliche Erf a hrung bzw. erstes Öffnen nach der Schulzeit ziemlich genau mit den neuen Herausford e rungen der zusammenbrechenden DDR zusammenhingen, ohne dass sich diese Herausford e rungen aber im weiteren entwickelt hätten. Vielmehr wurde sie durch andere, zukunftsträchtigere ersetzt. Der Weiterbestand der DDR im Denken des Autors zeigt sich etwa in Form u l i e rung wie «sozialistisches Grau» oder «Plattenbauten für westdeutsche Innenstädte», oder auch in Sätzen wie «Osterath ist die DDR Meerbuschs», um die Selbstabschottung dieses Stadtteils seiner niederrh e i n ischen Heimatstadt zu beschreiben. In anderen Situationen akz e p t i e rt Weiler die Einheit zwar als Realität, hat sie aber kaum v e r i n n e r l i c h t : (S. 284) Oldenburg liegt kurz vor dem Ende der Welt. […] In meiner Kindheit war diese Gegend in aller Munde. Damals wurden über die Ostfriesen scheele Witze gemacht. Sie galten als hinterwäldlerisch, grobschlächtig und von inzestuösen Aussehen. Damals nannte man sie «Ossis». Nach der Wende wurde dieser Kosename nicht mehr auf die Ostfriesen angewendet, und man machte auch keine Witze mehr über sie. Man meinte, ein großes Reservoir neuer hinterw ä l dl e r i s c h e r, grobschlächtiger und inzestuöser oder wenigstens zwanghaft nudistischer Witzopfer hinter dem To d e s s t r e i f e n entdeckt zu haben. Die Ostfriesen gerieten darüber ein wenig in Ve r g e s s e n h e i t . Im direkten Kontakt mit Ostdeutschland erscheinen zudem We s - si-Komplexe verschiedener Art. Zu seinem ersten Erf u rt a u f e n thalt erinnert Weiler –wie erwähnt– an seine letztjährigen Befürc htungen vor Neonazis und fru s t r i e rten Ossis. Das liege an den geringen Informationen, die bei ihm «im wesentlichen auf den Konsum von Spiegel-TV» bestehe: «Es ist ein Jammer mit uns Deutschen» (S. 66) Dem folgt eine sehr positive Beschreibung der Erf u r ter Innenstadt mit ihrem prächtigen Domberg. Und doch bleibt die Fremdenperspektive nicht unverborg e n : S. 67.: [Schild an Bahnhofsbaustelle] Also, Leute, ich wollte ja echt keine Ossi-Wessiwitze machen, aber dieses Schild ist echt ein Elfmeter. Da steht tatsächlich –fünfzehn Jahre nach der Wende– an der Holzwand: «Achtung: Geänderte Person e n f ü h r u n g ! » Nicht nur die leicht überhebliche Sicht des Westdeutschen über die DDR-«Personenführung» wird deutlich, auch mit dem BeThemenschwerpunkt Tema monográfico julio 2010 29 g r i f f der «Wende» bleibt die Beobachtung ganz im Rahmen des westdeutschen politischen Publizistik. Beim nächsten Erf u rt b e - such am 9.12.05 erscheint ein weiteres Klischee der innerd e u tschen Auseinandersetzung: das westdeutsche Gefühl, den Osten zu gut auszustatten. Weiler kam aus Bremen, wo er an einer Sendung von Radio Bremen teilgenommen hatte, um in Erf u r t im MDR zu lesen. So bietet sich hier die Möglichkeit zum dire k t e n Ve r gleich der beiden Öffentlichen Rundfunkanstalten: (S. 185) Der MDR ist ganz anders als Radio Bremen, nämlich super topmodern. «Klar», denken jetzt Leser aus dem m a r oden Bremen. «Die da drüben kriegen’s wieder vorne und hinten reingeblasen. Bei uns in Bremen gehen die Geräte in der Rundfunktechnik nicht, und die in Erf u rt haben ein picobello Studio mit blitzblanker Technik und einem superschicken Foyer.» Tja, das kann man nicht ausräumen. Das ist so wohl so. Andererseits mussten die in Erf u rt auch vierzig Jahre darauf warten, in einem schönen Haus ein von der f r eiheitlich-demokratischen Gru n d o r dnung geprägtes Pro g r a m m machen zu dürfen. Was dabei rauskommt, ist zwar zum Te i l seltsam, aber das mögen die Leute hier. Basta. Dem Neidargument wird also vollständig nachgegeben, und der Ve r weis auf die so oft zitierte historische Schuld erscheint vor der S c h ä r fe der sozialen Diskussion eher schwach, im Wo r t u n g e t ü m der «freiheitlich-demokratischen Gru n d o rdnung» geradezu off i - Deutschland entdecken – Jan Weilers Reisetagebuch Mein Kleines Land und die Entwicklung eines neuen deutschen Selbstverständnisses Foto: aboutpixel.de. © klausio 30 Magazin 19 zialistisch. Diesen Eindruck entkräftigt auch der Ve r weis auf das Recht zur eigenständigen Programmgestaltung –ein anderer Punkt ö f fentlicher Diskussionen gerade um den MDR– in keiner We ise, sondern wirkt eher etwas künstlich. Die Allgemeinplätze der Unfreundlichkeit und der wirt s c h a f tlichen Schwäche erscheinen dann bei den Beschreibungen von D r esden und Leipzig. Die Dresdner Museumslandschaft dient als P r ototyp für die Dienstleistungswüste, eingeschränkt durch den Ve r weis auf die hübschen Dresdnerinnen und den Bericht über des Buchhändlers Klage über erhöhten Diebstahl: «Der Deutsche ist des Deutschen Wolf» (S.229). Zudem zeigt das Kapitel durc h den Running Gag des Fußballspiels 1860 München gegen Dre s - den (Ohne Clubbezeichnung!) eine ganz andere Realität deutscher Wirklichkeiten. Deutlicher ist dagegen die Darstellung Leipzigs. Bereits mit der einführenden Schilderung seines Ti c k e t e rwerbs mittels seines Photos im Buch –er hatte Pass und Geld vergessen– baut Weiler eine geradezu surreale Stimmung auf. Diese erhält sich im wir-die-Gegensatz in der Leipzig-Beschre i b u n g aus der Umbru c h z e i t . (S.274) Nachdem ich ungefähr fünfzig Leipzigern meinen Fragebogen unter die Nase gehalten habe und dabei zu dem Schluss gekommen war, dass diese Leute zwar für Revolutionen, nicht aber für die freie Marktwirtschaft in Frage kamen, sah ich mir die Stadt an. Daran schließt sich dann –trotz des Erfolges der «Wi e d e r v e r e inigung»– eben das Klischee der Wi r t s c h a f t s p r oblematik an. Hier lässt sich wiederum ein gewisser Ve r teilungsneid feststellen1 2 . In diesem generationsspezifischem Deutschlandbegriff ist aber auch der individuell geprägte zu beachten. Weiler stammt vom N i e d e rrhein bei Düsseldorf und begab sich nach der Aufnahme an der DJS nach München. Dort arbeitete er sich in der Süddeutschen Zeitung hoch und lebt heute in der Nähe als Publizist. Beide Erf a h r ungswelten sind in In meinem kleinen Land e r k e n n b a r. Die Ve r s t ä d t e r ung des Niederrheins mit seiner genauen Aufglied e rung in Ruhrgebiet, Niederrhein, re c h t s rheinisch und linksrheinisch kann so nur einem Rheinländer gelingen. Die Rivalität Köln – Düsseldorf kommt zur Sprache, und sei es auch nur wid e rwillig. Ebenso findet sich der Karneval als kulturstiftendes Element. Gleichfalls erklären sich Bemerkungen zur urbanen Gestaltung des Großraums München oder zur bayrischen Innenpolitik nur aus einer konkreten Beschäftigung mit dem Alltagsgeschehen: Auch hier nimmt Weiler die Position des wertenden Beobachters ein, der aber gut inform i e rt ist. Die Verknüpfung der individuellen und der generationalen Ebenen findet sich häufig, am deutlichsten vielleicht in der Beschreibung Berlins. In einem einzigen Kapitel wird die neue deutsche Hauptstadt behandelt. Nach Aussage des Autors ergibt sich diese geringe Beachtung aus den Schwierigkeiten, in Berlin zu lesen, was sich wiederum durc h den erhöhten Anspruch des Berliner Publikums bedinge. Er sei nicht gerne in Berlin1 3 . Das Kapitel ist durch die Spannung zwischen dem Alten und dem Neuen Berlin bestimmt, eine Spannung, die sich ebenso in den Erinnerungen wie in Ve r weisen an aktuelle Person und Orte verwirklicht. In diesem Kapitel finden sich sowohl sarkastische Anmerkungen zur We l t s t a d t i d e o l o g i e wie die eindeutige Aussage, dass er hier nach wie vor zwischen West und Ost unterscheide, als auch Erinnerungen an Ostberlin. A l l e r dings endet dieses ungewöhnlich scharfe Kapitel mit der Erk l ä r ung, dass sich sein gescheiterter Reichstagsbesuch aus einer Gedenkstunde zur Befreiung von Ausschwitz erkläre: «Da halte ich mein Maul» (S.203) – ein weiteres Mal findet der Autor die Pointe in der Individualität, hier allerdings in der Schwäche des Einzelnen vor der Stärke der gemeinsamen Geschichte des Kollektivs und dem Bedürfnis, sich ihrer zu erinnern . S c h l u s s f o l g e rnd lässt sich in Jan Weilers In meinem kleinen L a n d ein keineswegs einheitliches Deutschlandbild festhalten. Zum einen ist grundsätzlich der Ansatz unverkennbar, die negativ-kritische Haltung zur Nation zu überwinden und das besuchte Land von seinen angenehmen Seiten her zu genießen und zu betrachten. Dem Vo r w o rt wie den entsprechenden Stellen nach ist dies das Hauptanliegen des Reisetagebuches, zugleich handelt es sich dabei um ein Ergebnis der Reisen, eine entstehende Haltung, das Produkt eines Lern p r ozesses. Als solches ist es eben keinesfalls gefestigt, vielleicht noch nicht einmal ausgegoren. In einigen Beschreibungen zum Wi e d e r a u f b a u e rge bnis der Kriegsschäden und vor allem zu Ostdeutschland wird deutlich, wie wenig gefestigt es ist. Hier stellt sich die Kritik, die Lust am Kritis i e r en in den Vo rd e rg r und. Im Falle Ostdeutschlands ist außerdem der Prozess des Zusammenwachsens zu bedenken. We i l e r widersetzt sich dem keineswegs. Als kritischer Geist ist er aber ebensowenig bereit, Vo rund Nachteile zu vermengen oder Fehlentwicklungen zu übersehen. Das bezieht sich keineswegs auf Einzelaspekte, sondern es ist das grundsätzliche Unverständnis, die kulturelle Ve r w u rzelung, die in diesen Beschreibungen zum Tragen kommt und ein ironisch komisches Befremden ausdrückt, gerade wo es um das Verständnis wirbt, das eben derselbe Te x - te nicht vermittelt. Weilers Reisetagebuch kann in dieser Hinsicht also durchaus als ein literarisches Produkt gesehen werd e n , das im selben Maße Bewusstsein bildet wie es bewusstseinsgebildet ist. Es steht, ganz im Sinne des soziologisch orientierten Kult u r b e g r i ffes der modernen Kulturwissenschaften, im Prozess einer kulturellen Neuschöpfung, hier im Prozess der neuen Ausrichtung der deutschen Gesellschaft hinsichtlich ihres Eigenverständnisses, wie es eben in diesem Prozess eine eigenständige Position einnimmt. In meinem kleinen Land f o r d e rt die Überw i ndung des negativen Deutschlandbildes der späten Bundesre p ublik. Darin stimmt es mit den Jubelbildern überein, wie sie zur Fußballweltmeisterschaft 2006 entwickelt und im Jubiläumsjahr 2009 wieder aufgegriffen wurden. Allerdings fehlt ebenso jegliche Freude über ein neues Nationalverständnis, wie sie etwa im D o k u m e n t a r film Deutschland, ein Sommerm ä rc h e n a u f g e t r a g e n w u rde wie der Pathos des Jubeljahres 2009. In meinem kleinen L a n d kommt rein zeitlich beiden zuvor. Diese kritisch-positive D e u t s c h l a n d i n t e r p retation ist also weniger ein Produkt einer gewissen Stimmung als vielmehr ein weiterer Tr ä g e r, der zur Ve r - b r eitung vorbereitend beiträgt. Zugleich bleibt in dem Buch aber o f fen, wie es das neue Deutschlandbild gezeichnet wissen will, kaum vermag es dieses in seinen Facetten zu fassen. Lediglich soll dieses nicht problem-, sondern spaßbetont sein. Damit knüpft In meinem kleinen Land w i e d e rum an die Spaßkultur der späten Bundesrepublik an, vermag es aber wiederum nicht danach zu fragen, inwieweit sich diese mit den Realitäten des heutigen, gesamten Deutschland deckt. Themenschwerpunkt Tema monográfico julio 2010 31 We r k a u s g a b e : Jan Weiler: In meinem kleinen L a n d , Reinbeck: ro ro r o, 2006 1. ( h t t p : / / w w w. h ro n l i n e . d e / w e b s i t e / r a - d i o / h r 1 / i n d e x . j s p ? ru b r i k = 2 3 2 3 8 & k e y = s t a n d a r d _ d o c u m e n t _ 3 8 4 2 8 9 3 ) 2 . S. 263: Übrigens ist das ganze Gerede von den sturen und angeblich h u m o r f reien Ostwestfalen völliger U n s i n n . 3 . S.263: Der Tonmann bleibt cool, denn wenn es Schwierigkeiten gibt, haben Westfalen den Blutdruck einer ägyptischen Mumie. 4 . S.66: … Wessi-Ängste. Ich befürc htete, dass auf dem wahrscheinlich unbeleuchteten Bahnhofsvorplatz kahlköpfige Thüringer Jagd auf äthiopische Dönerverkäufer machen w ü r d e n . 5 . S. 28 [Rostock]: Einige Zeit später errang die Stadt Rostock weltweite Berühmtheit, weil einige Einwohner des Stadtteils Lichtenhagen den dort in einem Plattenbau u n t e r gebrachten Asylbewerbern Molotow-Cocktails durchs Fenster warfen und die Feuerwehr daran hinderten, die hundert Eingeschlossenen zu befreien. […] Hat jede Stadt die Einwohner, die sie v e r dient? Oder ist das nur Zufall und hätte überall sonst genauso pass i e ren können? Wa h r s c h e i n l i c h . Mölln in Schleswig-Holstein ist auch ein so Ort trauriger Berühmtheit. […] Katastro p h e n o rte bleiben K a t a s t ro p h e n o r te und heißen Eschede, Ramstein oder Bad Kleinen, wo der Zug nach Rostock hält. 6. S. 277: Die NPD kündigte an, die Veranstaltung zu besuchen, mehr noch: dort massiv teilzunehmen. Und da hat der Landrat dem Wekker seinen Auftritt ganz einfach untersagt. Die Neonazis haben sich ö f fentlich darüber beömmelt. Es ist zum Heulen, wenn die was zum Lachen haben. 7. S. 34: Sie werden von mir aber jetzt aber kein Seniorenbashing lesen, weil man gegen den Senior von heute kaum mehr etwas haben kann, denn er ist in regel zu jung, um in der Wa f fen-SS gewesen zu sein. We n n man heute einen Achtzigjährigen fragt, was er in der Nazizeit gemacht hat, war er in der Regel Schüler oder Flaghelfer. Vor zehn Jahren war das noch anders. Wir Jüng e r en müssen uns allmählich darauf einstellen, dass die Frage, was der Mann neben uns im Bus wohl im Dritten Reich gemacht hat, nicht mehr Anlass zu düsteren Ahnungen sein kann. 8. S.190: Andererseits: Ich bin mir sic h e r, dass Bruno Ganz beim Dre h dieses wahnsinnig wichtigen Filmes auch mal gemütlich im HitlerO u t - fit in der Kulisse ein Wu r s t b r ot gegessen hat und sich mit dem Produzenten Bernd Eichinger über F l a c h b i l d s c h i rme oder Mallorc a oder Schuppenflechte unterh a l t e n hat. Wenn der das darf, darf ich auch bügeln. 9 . S.196: Meine Meinung dazu ist, dass der Wi r t lieber anständig kochen soll. Ich gehe nämlich nicht ins Restaurant, weil es von Juden g e f ü h r t wird, sondern weil das Essen dort gut ist. Das mache ich bei italienischen oder japanischen Restaurants genauso. 1 0 . Jan Weiler arbeitete vier Jahre als We r b e t e x t e r, bevor er an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München aufgenommen wurd e . 1 1 . So Weiler in einem persönlichen Gespräch am 13.12.09. 1 2 . S. 275: «Letztlich ist dann aber doch alles gut geworden. Die Bewohner von Leipzig können inzwischen unter vierh u n d e r t Handytarifen, mehre r en Duzend Sorten Speiseeis und bis zu sieben politischen Part e i e n wählen und machen alles in allem einen zufriedenen Eindruck, wenn man mal davon absieht, dass knapp zwanzig Prozent der Leipziger arbeitslos sind und deshalb zwar zwischen vierh u n d e rt Handytarifen wählen, diese jedoch nicht bezahlen können. Aber das wird schon. Eines Tages. Vielleicht. Symbolisch w u r de das neue Leipziger Zentralstadium zur WM Arena erklärt . Ein anständiger Akt der Solidarität, denn Sachsen Leipzig, die Haush e r ren des Stadions, spielen in der O b e r l i g a » . 1 3 . So Weiler in einem persönlichen Gespräch am 13.12.09. Annika Ström, «Windowpillow», 1989-2009.