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Simulation, Überwachung und fremdbestimmte Identität. Die urbane Dystopie in "Dark City"

Maldonado Alemán, Manuel

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Popular Fiction Studies 7 Paloma OrtizdeUrbina (Ed. / Hrsg.) German Expressionism in the Audiovisual Culture Myths, Fantasy, Horror, and Science Fiction Der deutsche Expressionismus in den Audiovisuellen Medien Mythen, Fantasy, Horror und ScienceFiction German Expressionism in the Audiovisual Culture / Der deutsche Expressionismus in den Audiovisuellen Medien Popular Fiction Studies edited by Eva Parra-Membrives (†) and Albrecht Classen volume 7 Paloma Ortiz-de-Urbina (Ed./Hrsg.) German Expressionism in the Audiovisual Culture Myths, Fantasy, Horror, and Science Fiction Der deutsche Expressionismus in den Audiovisuellen Medien Mythen, Fantasy, Horror und Science-Fiction Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. Die Publikation dieses Bandes erfolgte mit Unterstützung des Drittmittelprojekts „Estrategias de Innovación en Mitocrítica Cultural“(AGLAYA, H2019/HUM-5714), gefördert durch die Comunidad de Madrid und den Europäischen Sozialfonds und dank der folgenden Institutionen: Universidad de Alcalá (UAH), Forschungsgruppe der UAH „Estudios de Recepción“(RECEPTION, CHH2010/R24), Ministerio de Universidades (spanische Regierung) und Fonds Next Generation (Europäische Union). DOI: https://doi.org/10.24053/9783823395454 © 2022 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor:innen oder Herausgeber:innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor:innen oder Herausgeber:innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: [email protected] Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach CPI books GmbH, Leck ISSN 2197-6392 ISBN 978-3-8233-8545-5 (Print) ISBN 978-3-8233-9545-4 (ePDF) ISBN 978-3-8233-0398-5 (ePub) www.fsc.org MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen FSC® C083411 ® Contents Acknowledgements ................................................... 11 Paloma Ortiz-de-Urbina Introduction –The Reception of German Cinematic Expressionism: A Multidisciplinary, International and Contemporary Phenomenon .... 13 1 EXPRESSIONISM, CINEMA, AND LITERATURE Carmen Gómez García The debate over cinema in expressionist literature ..................... 27 Julia Magdalena Piechocki-Serra Utopie und Dystopie in Die andere Seite (1909) von Alfred Kubin und Midsommar (2019) von Ari Aster ...................................... 40 Cristina Zimbroianu Alfred Döblin’sBerlin Alexanderplatz in Francoist Spain ............... 48 2 EXPRESSIONISM, CINEMA, AND MUSIC Magda Polo Pujadas Begleitungsmusik zu einer Lichtspielscene op. 34 by Arnold Schönberg – Programmatic music conceived as pure music? ........................ 67 Jesús Ferrer Cayón The“expressionist impact”of DieTeufel von Loudun (Krzysztof Penderecki, 1969) in the film-opera for TV, by Joachim Hess and Rolf Liebermann .. 76 3 EXPRESSIONISM IN AUDIOVISUAL MEDIA María Carmen Gómez-Pérez Homage to German Expressionist Cinema: von Sternberg’s Proposal ... 91 Celia Martínez García The long shadow of German Expressionism in Die Mörder sind unter uns 101 Manuel Maldonado-Alemán Simulation, Überwachung und fremdbestimmte Identität –Die urbane Dystopie in Dark City ................................................. 112 Carlo Avventi Moderne Abgründe –Die dämonische Leinwand des David Lynch ..... 127 Luis N. Sanguinet Von Caligari zu Mr. Robot: Das selbstreferenzierende und verdoppelnde Erbe des expressionistischen Kinos .................................... 138 4 EXPRESSIONIST MYTHS IN THE AUDIOVISUAL CULTURE 4.1 The Myth of the Vampire. The legacy of Murnau’s Nosferatu Ingrid Cáceres-Würsig Nosferatu als ästhetisches und kosmogenetisches Muster für Vampir- Serien in Streaming-Diensten ......................................... 153 Jorge Marugán Kraus Vampires, Oral Fixations and their Connection with Sexuality in Two Films: Nosferatu: a Symphony of Horror by Friedrich Wilhem Murnau (1922) and Bram Stoker’s Dracula by Francis Ford Coppola (1992) ...... 165 Francisco Javier Sánchez-Verdejo Pérez The femme fatale in Victorianism and the fin-de-siècle: feminine vampiric duality ................................................................ 176 4.2 The Myth of the Golem and the Artificial Intelligence Roland Innerhofer Der künstliche Mensch im Expressionismus –Zur Faszination einer Filmfigur ............................................................. 189 María Jesús Fernández-Gil Conflicting Narratives –The Otherness within Expressionist Approaches to the Golem vs Cynthia Ozick’s Affirmation of the Myth’s Jewishness .................................................... 200 6 Contents 4.3 The Myth of Faust Emilio Sierra García Faust in Murnau and Sokurov –From Cinema to the Sense of Myth ... 217 5 THE EXPRESSIONIST AESTHETIC OUTSIDE EUROPE Montserrat Bascoy & Lorena Silos Expressionistic Trends in Persepolis: The Role of Fantasy in Narratives of Memory .............................................................. 229 Satoru Yamada The Failure of the Diffusion of German Expressionist Cinema in Japanese Cinema by Benshi through The Cabinet of Dr. Caligari ................. 245 Contributors .......................................................... 255 Bibliography .......................................................... 265 Contents 7 Simulation, Überwachung und fremdbestimmte Identität Die urbane Dystopie in Dark City Manuel Maldonado-Alemán Die Großstadt und die Kultur der Indifferenz In seinem 1903 erschienenen Aufsatz „Die Großstädte und das Geistesleben“,mit dem in Deutschland die soziologische Auseinandersetzung mit der modernen Stadt beginnt1, thematisiert der Soziologe und Philosoph Georg Simmel die Stadt aus soziologischer und kultureller Perspektive in erster Linie unter den Aspekten der urbanen Lebensweise und des sozialen Wandels. Simmel betrachtet die Stadt als einen Ort, wo „die Entstehung des modernen Sozialcharakters“2deutlich zum Ausdruck kommt. Die Großstadt ist für Simmel „das Labor, die Werkstatt und der Schauplatz der Moderne zugleich“3; sie erscheint als Ort der Indifferenz, Distanziertheit und Intellektualität. Die Wechselwirkungen zwischen der Größe und dem Tempo des großstädtischen Lebens, den technischen Erfordernissen „eines reibungslosen Funktionierens der Stadt“4, der Arbeitsteilung und nicht zuletzt der Geldwirtschaft prägen die urbane Lebens- 1 Siebel, Walter (2018). Eine Soziologie der Stadt. In: Lautmann, Rüdiger/Wienold, Hanns (Hrsg.) Georg Simmel und das Leben in der Gegenwart.Wiesbaden: Springer VS, 111–126, 112. Allerdings, wie Rolf Lindner bemerkt, „Simmel als Stadtsoziologen zu bezeichnen käme vielmehr einer Verkennung seines Werkes gleich; letztlich geht es bei ihm um kulturphilosophische Reflexionen über das Schicksal der Persönlichkeit in der Moderne, das sich exemplarisch in der modernen Großstadt vollzieht“. Lindner, Rolf (2011). Georg Simmel, die Großstadt und das Geistesleben. In: Mieg, Harald A./Sundsboe, Astrid O./ Bieniok, Majken (Hrsg.) Georg Simmel und die aktuelle Stadtforschung. Wiesbaden: VS Verlag, 29–37, 29. Unter „Geistesleben“verstand Georg Simmel „die geistig-seelische Disposition und Formation des Großstädters“. Lindner (2011: 32). 2 Siebel (2018: 112). 3 Lindner (2011: 33). 4 Siebel (2018: 114). erfahren hat. Der Mensch ist also, was er war und gewesen ist im Bereich seiner Bindung an ein bestimmtes kulturelles Raumkonstrukt. Das bedeutet aber auch, dass an der Konstitution des Ich die Vergangenheit entscheidend mitbeteiligt ist. „Sie liefert uns täglich neu die Bewertungsraster, mit deren Hilfe wir die Gegenwart erkennen, analysieren, vielleicht sogar bewältigen können, und in diesem Sinne sind wir sogar in gewisser Weise determiniert.“29 Die effektive Kontrolle der menschlichen Identität impliziert somit, wie Dark City vorführt, die Manipulation von Raum und Erinnerung, die „frequently leads to the manipulation of reality itself, leading to the formation of a kind of false consciousness, a bogus universe in which the individual is secretly controlled by unknown forces“30. Dark City zeigt in radikaler Weise, wie fragil und brüchig die Attribute der Zugehörigkeit sein können. Das Konzept einer homogenen, fixierten, statischen Identität, die ein und für allemal gegeben ist, wird im Film grundsätzlich in Frage gestellt und sogar demontiert. Die Vorstellung von einer eindeutigen, stabilen Identität zeigt sich als Illusion. Identität ist keine Essenz, kein für immer festgelegtes Wesen, keine „beharrliche Einheit, die in den Fluten der Veränderung ewig dieselbe bleibt“31, sondern eine sich stets wandelnde Größe. Identität ist „ein stetig veränderliches Produkt vielfältiger Konstruktionsprozesse“, ein „dynamisches, netzartiges Gebilde, das sich aus unterschiedlichen Bezugsgrößen“generiert.32 Die Bürger der nächtlichen Stadt besitzen kein überdauerndes, starres, monolithisches Ich. Durch das Eingreifen der „Strangers“entstehen ununterbrochen neue Identitäten. „Here, identity is constructed and multiple in the strongest of senses“33. Die Identität der Stadtbewohner ist flüssig, im Transit, beweglich, mutabel und flexibel. Ihr fluides Selbst ändert sich andauernd und erscheint als „ein ständiges Sich-neu-Einbetten in be- 29 Koopmann, Helmut (1995). Geschichte, Mythos, Gleichnis: Die Antwort des Exils. In: Holzner, Johann/ Wiesmüller, Wolfgang (Hrsg.) Ästhetik der Geschichte. Innsbruck: Institut für Germanistik (= Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft. Germanistische Reihe 54), 77–98, 77. 30 Meehan, Paul (2008). Tech-Noir. The Fusion of Science Fiction and Film Noir. Jefferson, NC: McFarland, 15. 31 Schiller, Friedrich (1999). Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. In: Schiller, Friedrich. Theoretische Schriften. Köln: Könemann, 282. 32 Lübcke, Alexandra (2009). Enträumlichungen und Erinnerungstopographien: Transnationale deutschsprachige Literaturen als historiographisches Erzählen. In: Schmitz, Helmut (Hrsg.) Von der nationalen zur internationalen Literatur. Transkulturelle deutschsprachige Literatur und Kultur im Zeitalter globaler Migration. Amsterdam/ New York: Rodopi, 77–97, 79. 33 Milner, Andrew (2004). Darker cities. Urban dystopia and science fiction cinema. International Journal of Cultural Studies 7:3, 259–279, 272. Simulation, Überwachung und fremdbestimmte Identität 119 stimmte Strukturen, Funktionen und Umgebungen“34. In dieser Welt also „reality is contingent and mutable; memories, manipulable; identity, uncertain“35. Atrophie des Individuums Die Konsequenzen der absoluten Übermacht der fremden, unsichtbaren Kräfte offenbaren in Dark City was personale Atrophie in der Großstadtgesellschaft bedeutet, d. h. wie die Menschen sind, wenn sie ihr wahres Selbst verlieren. Die Atrophie des Individuums wird durch die strukturelle Hypertrophie einer von Maschinen und technologischer Überwachung dominierten Umwelt hervorgerufen, die den Menschen durch die ständige Kontrolle seiner Erinnerungen und seiner Identität fremdbestimmt und verdinglicht. „There’s no escape. The city is ours, we made it […].We fashioned this city on stolen memories: different eras, different pasts, all rolled into one. Each night we revise it, refine it, in order to learn“36, erklärt einer der Fremden. Die Außerirdischen verkörpern eine ernsthafte Bedrohung des individuellen menschlichen Willens und Begehrens. Das Motiv gestohlener, gelöschter und eingepflanzter Erinnerungen macht in diesem Zusammenhang auf die unbewusste kollektive Gedankenmanipulation, Überwachung und Unterdrückung des freien Willens aufmerksam, die von verborgenen Mächten zur Herrschaftssicherung in modernen und postmodernen Gesellschaften vollzogen werden. Die Atrophie der individuellen Subjektivität, die sich nicht autonom konstituieren kann, wird in Dark City anhand der wiederkehrenden Figur der Spirale symbolisiert. Sie erscheint im Spiralgekritzel an den Wänden des Zimmers des ehemaligen Detektivs Walensky, in dem von den Fremden konstruierten spiralförmigen Stadtmodell, in Murdochs Fingerabdrücken oder im Dr. Schrebers kreisförmigen Labyrinth, in dem er mit dem Verhalten von Mäusen experimentiert. Eine Spirale wird auch in den Körper der ermordeten Prostituierten eingeritzt. Die Spirale verbildlicht die allumfassende Omnipotenz der Stadt über die Individuen und die Unmöglichkeit, aus ihr herauszukommen. Die spiralförmige Struktur der Stadt gestattet nur eine eingeschränkte Bewegung im Kreis ohne Verbindung zu einem Ausgang. Wie Walensky behauptet: „I’ve just been 34 Zschocke, Martina (2005). Mobilität in der Postmoderne. Psychische Komponenten von Reisen und Leben im Ausland. Würzburg: Königshausen & Neumann, 133. 35 Gerlach/Hamilton (2004: 120). 36 Proyas (1998: 01:07:52–01:08:08). 120 Manuel Maldonado-Alemán spending time in the subway, riding in circles. Thinking in circles. There’sno way out“37.„You can’t get out of the city. Believe me, I’ve tried“38. Die zentrale Szene des Versuchs mit der Maus im Labyrinth repräsentiert als pars pro toto die geschlossene, isolierte Welt von Dark City. Die Stadt ist wie ein auswegloses Labyrinth, in dem die „panoptische Macht“39 der Außerirdischen die Individualität der Menschen vollkommen entwertet hat. Der Autonomie- und Kontrollverlust der Stadtbewohner korreliert „mit der Erfahrung der Fragmentierung und Dekontextualisierung des Subjekts“40. Die Simulation von Realität Die Fremden verkörpern die geheimen Mechanismen der Manipulation in der gegenwärtigen Welt und Medienkultur. Sie erweisen sich als eine Art „genius malignus, der die absichtliche Täuschung des Menschen betreibt, um eine Erkenntnis der wahren Bedingungen des Seins zu verhindern“41. Die Feststellung der fremdgesteuerten Kontrolle und Manipulation führt bei Murdoch zur skeptischen Hinterfragung der ontologischen Authentizität der bislang wahrgenommenen Welt. Zusammen mit dem Inspektor Bumstead zwingt er den dubiosen Dr. Schreber, die Geheimnisse der unbekannten Mächte zu offenbaren. Die „Strangers“sind, so Schreber, eine außerirdische, aussterbende Spezies, die Leichen von Menschen bewohnen und eine Aversion gegen Licht und Wasser haben. Mit Hilfe einer anthropomorphen Maschine, „that allow them to focus their telepathic energies“42, kontrollieren sie unbemerkt die Stadt. Sie sind auf 37 Proyas (1998: 00:32:42–00:32:49). 38 Proyas (1998: 00:54:23–00:54:25). 39 Döring, Melanie (2010). Die Karte als Experiment. Zur Raum –und Sujetstruktur in DARK CITY. In: Döring, Melanie. Filme lesen. Mediale Reflexion literaturwissenschaftlicher Theorien. München: Akademische Verlagsgemeinschaft, 32–51, 46. 40 Müller, André (2010). Film und Utopie. Positionen des fiktionalen Films zwischen Gattungstradition und gesellschaftlichen Zukunftsdiskursen. Münster: Lit, 329. Obwohl Alex Proyas auf Konzepte und Techniken des Film Noir zurückgreift, die er mit dem Genre der Science-Fiction verbindet, nimmt Dark City bei der filmischen Darstellung der Allmacht der Stadt, der Technologie und der Maschine deutlich Bezug auf Filme des deutschen Expressionismus, insbesondere auf Metropolis (1927) von Fritz Lang, aber auch auf Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu (1922) und Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari (1920). Metropolis liefert Vorlagen für Design und Architektur der Stadt. Allerdings, im Unterschied zu Metropolis, geht in Dark City der Widerstand gegen die sozialen Macht- und Herrschaftsstrukturen von einem Individuum aus, während Fritz Lang an die Solidarität der unterdrückten Masse appelliert. 41 Müller (2010: 326). 42 Proyas (1998: 01:23:16–01:23:18). Simulation, Überwachung und fremdbestimmte Identität 121 der Suche nach dem gemeinsamen Element, das die differenzierende menschliche Individualität hervorbringt, wie sie sich in den Erinnerungen manifestiert. Im Gegensatz zu den Menschen bilden sie eine Nicht-Individualität: „They share one group mind“43. Sie sind mit einem Kollektiv-Geist ausgestattet und besitzen keine personale Identität. Dr. Schreber: First, there was darkness. Then came the Strangers. They abducted us and brought us here. This city, everyone in it is their experiment. They mix and match our memories as they see fit, trying to divine what makes us unique. One day, a man might be an inspector.The next, someone entirely different. When they want to study a murderer, for instance, they simply imprint one of their citizens with a new personality. Arrange a family for him, friends, an entire history even a lost wallet. Then they observe the results. […] Bumstead: Why are they doing all this? Dr. Schreber: It is our capacity for individuality, our souls that makes us different from them.They think they can find the human soul if they understand how our memories work. All they have are collective memories. They share one group mind. They’re dying. Their entire race is on the brink of extinction. They think we can save them. Murdoch: Where do I fit in? Dr. Schreber: You’re different, John. You resisted my attempt to imprint you44. Die Stadt ist also ein großes Labor, wo die Simulation die herkömmliche Realität ersetzt hat. DieAußerirdischen experimentieren mit den Menschen und greifen in ihr Leben ein, um herauszufinden, was Menschen menschlich macht. Denn als aussterbende Spezies mit einem Kollektivbewusstsein benötigen sie individuelle Eigenschaften, die es ihnen erlauben, unter den Menschen unauffällig zu leben und somit als Spezies zu überleben. Murdoch jedoch kann nicht akzeptieren, dass sein Leben nur Simulation und seine Erinnerungen bloß eine Lüge sind. Insbesondere will er herausfinden, ob Shell Beach, an dem er in seiner Kindheit gewesen zu sein glaubt und der die erste Phase seines Lebens vermeintlich repräsentiert, wirklich existiert. Zusammen mit Bumstead und Schreber versucht er zu dem mysteriösen Ort zu gelangen. An der Grenze der Stadt, die von einer Mauer umgeben ist, stoßen sie zu einem Shell Beach-Plakat vor und schlagen ein Loch in die Mauer hinter dem Plakat, um der Stadt zu entkommen. Völlig unerwartet erscheint dann im Loch der leere Weltraum, das Vakuum. Die Stadt existiert abseits der Erde. Alles, an das sie glaubten, ist eine Illusion, eine „fabrication“45. Das, was die Stadtbewohner für die Realität halten, ist ein Simulakrum, die Figuration einer Irrealität, eine Täuschung. Die Realität, wie sie sie erkennen, ist bloße Simu- 43 Proyas (1998: 01:22:47). 44 Proyas (1998: 01:21:25–01:23:00). 45 Proyas (1998: 01:24:28). 122 Manuel Maldonado-Alemán lation46. Shell Beach existiert nur in der Erinnerung und die Stadt, in der sie gefangen sind, ist ein im Weltraum schwebendes Konstrukt. Kein Weg führt hinaus. „There is no ocean, John.There’s nothing beyond the city.The only place home exists is in your head“47, sagt Dr. Schreber zu Murdoch. Shell Beach, der im krassen Gegensatz zur nächtlichen Stadt steht48, erweist sich als ein imaginärer Nicht-Ort, als ein leeres Zeichen ohne Referenten. Es gibt kein Signifikat jenseits des Signifikanten49. Shell Beach existiert nur auf Postkarten und Anzeigen. Er bezeichnet nichts, genauso wie die persönlichen Fotos und Gegenstände, die zu keinem Signifikat führen. Sie sind „a‚spatial other’,an object of retrogressive desire (nostalgia) or progressive desire (utopia), always defined by its absence, deferral, or unattainability“50. Und dennoch spielt Shell Beach eine bedeutende Rolle in Dark City, denn „this place has become a collective dream“51. Er fungiert als „Illusion von Freiheit und Projektionsfläche von Sehnsüchten“52: it symbolises the fundamental fantasy that any authoritarian regime employs so that the oppressed remain subdued. When the inhabitants are given the illusion of participation in a sunny setting that expands beyond the ideological control of the dark city, they are bound to remain docile53. Am Ende des Films, dank seiner Gabe zu tunen und mit Hilfe von Dr. Schreber gelingt es Murdoch, die Kontrolle über die Maschine der Fremden zu übernehmen und diese zu besiegen. Nun besitzt Murdoch eine grenzenlose Macht über die von den Außerirdischen erfundene Welt. Er kann die Realität nach seinem Willen modellieren, obwohl diese im Weltraum schwebende Welt nicht verlassen werden kann. Murdoch erschafft Shell Beach und bringt Sonnenlicht in die dunkle Stadt. Er trifft Emma wieder, die bereits als Anna „geprägt“wurde 46 Schein statt des Seins ist in diesem Kontext das wesentliche Charakteristikum der Simulation. 47 Proyas (1998: 01:26:01–01:26:14). 48 Wegen seiner scheinbaren geographischen Lage am Meer ist es in Shell Beach vermutlich hell und grenzenlos. Vgl. Döring (2010: 45). 49 Vgl. Daskalaki, Maria (2012). Ideology and the Urban Experience in Alex Proyas’Dark City. Art History Supplement 2:6, 5–28, 14. Abrufbar unter: https://www.academia.edu/3423974/Ideology_and_the_Urban_Experience_in_Alex_¬ Proyas_Dark_City (Stand: 02/02/2022). 50 Hantke, Steffen (2005). Encapsulated Noir: Hybrid Genres and Social Mobility in Alex Proyas’Dark City. Scope. An Online Journal of Film and Television Studies 3. Abrufbar unter: https://www.nottingham.ac.uk/scope/documents/2005/october-2005/hantke.pdf (Stand: 02/02/2022). 51 Fitch, Alex (2019). Dark City and TheTruman Show. Surveillance and the Destabilization of Identity. Film Criticism 43:2, 57–74, 69. 52 Müller (2010: 326). 53 Daskalaki (2012: 16). Simulation, Überwachung und fremdbestimmte Identität 123 und sich nicht mehr an Murdoch erinnert, und beide brechen zusammen nach Shell Beach auf. Als „Durchbrecher des Herrschaftsapparats“54 ist Murdoch ein Musterbeispiel des revolutionären Charakters im Sinne Erich Fromms: Der revolutionäre Charakter ist ein Humanist, sofern er in sich die ganze Menschheit erfährt und ihm nichts Menschliches fremd ist. Er liebt das Leben und achtet es. In ihm sind Skepsis und Glaube. Skeptiker ist er, weil er die Ideologien verdächtigt, unerwünschte Realitäten zu verschleiern. Glaubender ist er, weil er an das glauben kann, was erst potenziell ist, ohne schon ganz geboren zu sein. Er kann „nein“sagen und ungehorsam sein, eben weil er „ja“sagen kann und jenen Grundsätzen gehorcht, die in Wahrheit seine eigenen sind. Er befindet sich nicht im Halbschlaf, sondern nimmt in voller Wachheit die persönlichen und gesellschaftlichen Realitäten um sich wahr. Er ist unabhängig; was er ist, verdankt er seinen eigenen Bemühungen, er ist frei und keines Menschen Diener55. Als Einzelheld, der gegen den Versuch rebelliert, „in einem gesellschaftlichtechnischen Mechanismus nivelliert und verbraucht zu werden“56, leistet Murdoch einen erfolgreichen Widerstand gegen die Macht- und Herrschaftsstrukturen der Außerirdischen. Es gelingt ihm, „die Selbständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermächte der Gesellschaft, des geschichtlich Ererbten, der äußerlichen Kultur und Technik des Lebens zu bewahren“57, wie es Georg Simmel 1903 ausdrückte. Dank der Hervorhebung seiner Individualität und der Betonung seiner Willensstärke kann Murdoch die oppressiven sozialen Strukturen durchschauen, das Verborgene hinter der Realität enthüllen und sich von der herrschenden Simulation und derTyrannei der „Strangers“befreien. Die absolute Entfremdung der Stadtbewohner, die in der ständigen Veränderung ihrer Erinnerungen und ihrer Identität verankert ist, wird voraussichtlich zum Ende kommen. Allerdings, obwohl nach der Vernichtung der Fremden eine optimistische Zukunft angedeutet wird, liegt nun die ganze Macht ausschließlich bei John Murdoch, der die Realität neu, nach seinen Bedürfnissen, Vorstellungen und Wünschen gestalten kann. „He can do this only because he too has mastered the ultimate technology, the ability to alter physical reality by will alone, in short, because he has already mutated into something posthuman“58. Darüber hinaus, 54 Fuhse (2003: 233). 55 Fromm, Erich (1999). Gesamtausgabe in zwölf Bänden, hrsg. von Rainer Funk. Bd. IX: Sozialistischer Humanismus und humanistische Ethik. München: Deutsche Verlags- Anstalt/Deutscher Taschenbuch Verlag, 353. 56 Simmel (1903: 116). 57 Simmel (1903: 116). 58 Milner (2004: 274). 124 Manuel Maldonado-Alemán auch wenn der (posthumane) Protagonist, dessen individuelle Entscheidungsfreiheit heroisiert wird, aus der simulierten Welt der „Strangers“ausbricht und die gesellschaftliche Wirklichkeit erkennt, bleibt es letztlich offen, ob die Realität hinter der Simulation für die Mehrzahl der Stadtbewohner weiterhin unsichtbar bleibt. Es wird in Dark City angedeutet, dass die Welt nur aus Simulation besteht. Der Mensch existiert einzig und allein in der Simulation. Alles, was er ist und was ihn umgibt, ist simuliert. So lassen sich bemerkenswerte Koinzidenzen zwischen Dark City und der postmodernen Simulationstheorie des französischen Philosophen und Soziologen Jean Baudrillard feststellen. Denn nach Baudrillard ist die Welt in der Massen- und Mediengesellschaft von der Simulation beherrscht. Die neuen Technologien und Medien erzeugen eine Hyperrealität, in der zwischen authentischen und simulierten Vorgängen und Ereignissen nicht mehr unterschieden werden kann. Durch die „Agonie des Realen“entsteht eine Welt der Simulation, in der das, was in ihr für „das Reale“gehalten wird, „nicht mehr das Reale ist“59. Die Formen bisher bekannter und vertrauter Realität werden dabei aufgelöst. Reales wird nicht einfach imitiert bzw. re-produziert, sondern massenmedial simuliert. In der so verformten (Hyper-)Realität verschwindet die Möglichkeit von Referenzialität. „Die Simulationen oder Zeichenwelten interagieren mit anderen Simulationen, nicht aber mit Referenten.“60 Die Signifikanten sind ohne Bezug zu einem Signifikat. Die Zeichen sind nur noch Simulation, „Simulakra“von Realität. Sie stehen nicht in einem Referenz- Verhältnis zu Realem und sind selbstreferenziell geworden. Das Realitätsprinzip hat sich mit einem bestimmten Stadium des Wertgesetzes gedeckt. Heute kippt das ganze System in die Unbestimmtheit, jegliche Realität wird von der Hyperrealität des Codes und der Simulation aufgesogen. Anstelle des alten Realitätsprinzips beherrscht uns von nun an ein Simulationsprinzip. […] es gibt nur noch Simulakren61. Wie bei Baudrillard steht in Dark City die philosophische Frage im Mittelpunkt, inwieweit Simulationen Realität erzeugen können. Der Film veranschaulicht wie eine Hyperrealität im Sinne Baudrillards entsteht, in der alles durch den Verlust des Signifikats hinter dem Signifikanten ein Teil der Simulation geworden ist. 59 Baudrillard, Jean (1978). Agonie des Realen. Aus dem Franz. v. Lothar Kurzawa und Volker Schaefer. Berlin: Merve, 25. 60 Runge, Evelyn (2014). Ökonomie: Markt der Bilder. In: Günzel, Stephan/Mersch, Dieter (Hrsg.) Bild. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart/Weimar: Metzler, 143–150, 144. 61 Baudrillard, Jean (1982). Der symbolische Tausch und der Tod. Aus dem Franz. v. Gerd Bergfleth, Gabriele Ricke und Ronald Voullié. München: Matthes & Seitz, 8. Simulation, Überwachung und fremdbestimmte Identität 125 Fazit Im Rahmen des Genres der Science-Fiction übt Dark City scharfe Kritik an einer entnaturalisierten Gesellschaft, die die Realität nur noch simuliert und den Menschen fremdbestimmt und manipuliert. Durch die Darstellung einer dystopischen Zukunftswelt warnt Dark City vor sozialen Fehlentwicklungen und ihren drohenden Konsequenzen. Der Film veranschaulicht wie die verzerrte, uneigentliche Realitätswahrnehmung zur fremdgesteuerten Konstruktion von Identität und zur absoluten Entfremdung des Individuums führt. Das Reale verschwindet in Simulation, hinter der die Herrschaftsverhältnisse, die soziale Wirklichkeit und die Auflösung des Selbst verborgen bleiben. Es herrschen ausschließlich Scheinwirklichkeit und Scheinselbstständigkeit als Konsequenz der absoluten Hypertrophie einer von Maschinen und technologischer Überwachung dominierten Umwelt, die den Menschen kaum Entscheidungsfreiheit ermöglicht und seine Individualität vollkommen entwertet. Die Identität des Menschen ist fragil, brüchig und mutabel. Wegen derAtrophie der individuellen Subjektivität, die sich nicht autonom konstituieren kann, sind die Menschen nicht in der Lage, die gesellschaftliche Realität und ihre eigene Fremdbestimmtheit zu erkennen. Der Mensch befindet sich in einem ihm vorgegebenen Leben gefangen, aus dem er nicht ausbrechen kann. Gegen die hyperreale Welt der Simulation und der Verdinglichung des Individuums können nur, wenn überhaupt, wie Dark City betont, die individuelle Freiheit als Unabhängigkeit des Einzelnen erfolgreich sein. Deshalb rückt der individuelle Held in den Mittelpunkt des Films. Dank seiner Willenskraft kann er das überpersönliche System, das ihn unterdrückt, besiegen. Allerdings bleibt die Frage offen, inwieweit die hyperreale Simulationsgesellschaft weiterhin bestehen bleibt. 126 Manuel Maldonado-Alemán