Egon Bondy: Die ersten zehn Jahre. Berlin: Guggolz, 2023
Abstract
179
Full text
179REZENSIONEN
Saudeks spezi ische Posi ionie ung zu den on ihm übe se z en Au o en plas ische
Ges al : Nahm Saudek Macha wie Masa yk als Rep äsen an en eines o sch i lichen
Denkens im Zeichen de Mode ne wah , so a bei den E zählungen on Rakous eine
mögliche schechisch -jüdische Syn hese o dem Hin e g und des neugeg ünde en
schechoslowakischen S aa es in den Vo de g und. Dem We k Březinas wiede um
e sch ieb sich Saudek in selbs los anmu ende Weise im Zeichen eine kosmisch-
mys ischen Vision on B üde lichkei und E neue ung. Vielleich da on dahe
abschließend eben anhand on Saudeks Březina -Übe se zungen die Ve mu ung
geäuße we den, dass die „Au gabe des Übe se ze s“ nich nu das jeweils noch zu
Leis ende (Wal e Benjamin) ode abe das p inzipiell nich Leis ba e (Paul de Man)
au u , sonde n im Zeichen de Übe -Gabe die Übe se zung einem anspe sonellen
E inne ungs aum an e au . An diese Ges e des T ans e s (im Ausgang on Emil
Saudeks Übe agungen) ha de hie besp ochene, schöne wie gleiche maßen e -
diens olle Band wesen lichen An eil.
Egon Bondy: Die e s en zehn Jah e. Be lin: Guggolz, 2023, 238 Sei en
und d ei Abbildungen.
Sibylle Höhne– Be lin
Die e s en zehn Jah e bilden eine au obiog aphische Da s ellung de Jah e 1947–1957
im Tagebuchcha ak e , die Egon Bondy alias Zbyněk Fiše im Jah 1981 „an sieben
somme lichen A bei snachmi agen“ (S. 143) gesch ieben ha . Diese Ve sion gab Bon-
dy– nu wide willig– e s im Jah 2002 zum D uck ei, wie Jan Fak o im Nachwo
e me k . E gänz wi d diese Ausgabe du ch Auszüge aus den Tagebüche n aus den
Jah en 1949–1950 des damals 18jäh igen E. Bondy sowie einem Anme kungsappa a
de Übe se ze in E a P o ouso á zu E läu e ung de ielen kaum meh bekann en
Namen und E eignisse, an die Bondy e inne . Fe ne e sammel de Band eine Aus-
wahl on Gedich en Bondys aus den Sammlungen To ální ealismus [To ale Realismus]
(1950), Dagma a aneb Nademo ionali a [Dagma a ode die Übe emo ionali ä ] (1951),
Smysl poesie [Sinn de Poesie] (1951) und Ož alá P aha [Das beso ene P ag] (1951–52),
übe se z on Ane e Simon und Jan Fak o , on dem auch das ausgesp ochen kenn -
nis eiche und die poli ische Si ua ion kon ex ualisie ende Nachwo s amm (Nach‑
wo : Egon Bondys explosi e Au b uch in Zei en de S a lage und Jus izmo de, 205–231),
welches Bondys „S immungsbild de neu en s ehenden Tschechoslowakei“ (S. 165) mi
e klä enden Da s ellungen de damaligen poli ischen E eignisse „zu Zei en de S a -
lage und Jus izmo de“ (S. 205) e gänz und Bondy auch li e a u his o isch eino dne .
Bondy, eigen lich Zbyněk Fiše , Sohn eines 1948 deg adie en O izie s aus de
e s en Republik, wähl e das Pseudonym Egon Bondy 1949 als Mi he ausgebe de
An hologie Jüdische Namen aus P o es gegen zunehmende an isemi ische S ömungen
nach dem kommunis ischen Pu sch (Kliems 2015: 89), die o allem in den Schau-
180 BRÜCKEN 31/1
p ozessen einen Höhepunk e eich en. Die e s en zehn Jah e sind somi auch eine
Auseinande se zung mi de ühen s alinis ischen Tschechoslowakei.
Nach Bondys e s en ie wöchigen E ah ungen mi dem „Bau de Jugend“ in Lidice,
wo e als begeis e e Jungkommunis s a „klassenbewuss e junge E baue “ den
„Abschaum de Gesellscha o inde , de en wede „debil“ sei ode eine Funk ionä s-
ka ie e ans ebe, besch eib e wei e e E eignisse, die die „inne e Ve logenhei “ des
poli ischen Sys ems au zeigen und es demaskie en (S. 19–21). In eine ze s ö enden
Liebesbeziehung zu Honza K ejca o á, de Toch e on Milena Jesenská, ge angen,
beweg e sich am äuße s en Rand de Gesellscha zwischen Obdachlosigkei , Schno -
e - und Be le um inkl. Schmuggle wesen bis hin zu Au en hal en in Psychia ie
und Ge ängnis. Die G enze zwischen de Psychia ie– ü ihn de ideale Rückzugso
zum Sch eiben– und de Außenwel e schein ließend. In de „Klapse“ genieß e
die Ruhe o dem Wahnsinn des Auße halb.
Im Raum de zunehmenden poli ischen Ve olgung on sogenann en Opposi ionel-
len– de Beg i um ass e alles, was nich dem ge o de en sozialis ischen Mains eam
en sp ach –, den Schaup ozessen mi Hin ich ungen– imme wiede ein Thema
seine damaligen Gedich e (S. 186) –, such e das inanzielle Auskommen sowie ein
sinnha es Sein in imme sku ile en E eignissen/E lebnissen, die eilweise wie ein
Roadmo ie de Bea gene a ion anmu en. Als Folge de schockie enden Nach ich
übe die Hin ich ung Zá iš Kaland as am 27. Juni 1950 beschließ e , pe sönlich den
Kamp gegen die Sowje union, e go Kommunismus und S alinismus au zunehmen.
Nach Kon ak au nahme mi dem anzösischen Geheimdiens (die Kon ak pe son
en pupp sich ein Jah spä e als Agen in des ussischen Geheimdiens es) schläg
e diesem o , mi Pes e ege n geimp e Flöhe an de alljäh lich s a indenden
Pa ade zu Eh en de Ok obe e olu ion in Moskau auszuse zen, besonde s au de
Funk ionä s ibüne. Doch de anzösische Geheimdiens inde diesen Plan nich
so übe zeugend, wi d on Bondy abe auch als ech inkompe en geschilde , denn
diese e mu e P ag in Polen (S. 80). So wende e sich– wie schon zu o bei de
Suche nach einem legendä en Zahngoldscha z– wiede dem Schmuggle wesen zu.
Nach illegalem G enzübe i wi d e on den ös e eichischen G enze n e ha e ,
da in Ös e eich ein Ha be ehl wegen Schmuggels gegen ihn o lieg . Nach einem
Hin- und He schieben zwischen den einzelnen zus ändigen Behö den Ös e eichs,
de Sowje union und de Tschechoslowakei lande e dann im schechischen ‚Knas ‘,
wo e au „lau e Pa eimi gliede “ i , mi denen e ü die Au sehe Re e a e ü
de en Schulungen e ass .
An ang de 50ige Jah e komm eine Phase des as „pausenlose(n) Sau en(s)“
(S.92)– un e b ochen on Au en hal en in de Psychia ie– und e üh ein Leben
als „a bei sscheues Indi iduum, k iminelles Elemen und Sau bold“ (S. 94), denn die
Zei wa scha wie ein Säbel, einige hunde ausend Menschen saßen in Konzen-
a ionslage n, übe all gab es Ve olgungen de b u als en A , und alles wu de in
einem Wahnsinns empo on Mona zu Mona schlimme , ein g oße Schaup ozess
olg e au den ande en, […] Die ganze Na ion e sank in Unsiche hei , die Häl e ga
im Sch ecken, denn wie damals in den 1930ige Jah en in de Sowje union s anden
nun die Schleusen o en, und keine konn e sich mi i gende was siche sein. (S. 99)
181REZENSIONEN
Nu ein „Alkoholike “, so seine Einschä zung, wü de es scha en, „en spann au
de Obe läche jene Zei zu glei en“ (S. 99). Zugleich begib e sich au die Suche nach
eine „Lösung de G undsa z agen“ wie z. B. de Exis enz eines Go es. Ma xismus
und Religion (ch is liche) konn en ihm nich wei e hel en, denn die ein achen Kon-
zep e wä en so leich zu du chschauen (S. 106). Eine Lösung glaub e im Buddhismus,
im „o ien alen I a ionalismus“ (S. 108) zu inden. E du chleb „äs he ische“ und
„me aphysische Eks asen“ (S. 117), die meis in Kneipen enden, abe ihm, wie e e -
me k , „Lebensk a schenk en“ (S. 117). 1957 hol e doch noch seinen Schulabschluss
nach und e lang soga einen Pla z ü ein Philosophies udium.
Die anschließenden Auszüge aus seinen Tagebüche n im No embe des Jah es 1949
bis Janua 1950 e ie en den Eind uck de dunklen, u ch ba en Jah e de S alinzei .
Angesich s de A ä e um ein ‚Pamphle ‘ au Vi ězla Nez al (S. 181), dem Vo zeige-
dich e des kommunis ischen Regimes, in de en Ve lau die Ak eu e des Pamphle s
om S udium elegie wu den, besch eib Bondy die Szene ie als „himmelsch eiende
S upidi ä und Idio ie bei kommunis ischen Kul u scha enden“ (S. 156) und die philo-
sophische Fakul ä de Ka lsuni e si ä als e kommenen „in ellek uellen Mis hau en“
(S. 156). Am 18. Augus 2002 zieh Bondy nach 21 Jah en das Fazi :
De zu Kollabo a ion unwilligen Küns le gene a ion wu de ein bes imm e Le-
benss il au gezwungen, de sich am bes en mi eine langjäh igen Reise am Seil
du ch die Niaga a -Fälle e gleichen ließe. (S. 163)
Die anschließend abged uck en Gedich e Bondys kon as ie en imme wiede das
Thema Liebe / Sexuali ä und gesellscha liche Rep essionen– wie Ve ha ung, Ge-
ängnis, Hin ich ung:
Als du kams
las ich ge ade einen Be ich übe die Hoch e a sp ozesse
Nach eine Weile zogs du dich aus
und als ich bei di lag
wa s du hochgenehm wie imme
Nachdem du gegangen wa s
las ich noch das Ende übe die Hin ich ungen. (S. 186)
Sa kas isch wi d de s alinis ische Ve ha ungswahnsinn besch ieben:
Lange Wa ezei en lassen sich s a k e kü zen
ön e eine Genossin in de Ve wal ung
K iegen Sie ein ach aus wo sie wen gehol haben
und die Zuweisung gib es hoppidihopp. (S. 190)
Ge ade die Besch eibung on Alkoholexzessen und de Geb auch eine o ulgä en
Sp ache bis hin zu Fäkalausd ücken dokumen ie en eine sich dem o iziellen Disku s
adikal e weige nde Eins ellung, eine k asse Kon as ie ung zu den sozialis isch
lobhudelnden Plaka -, Banne - e c - ex en und eine Gegenposi ion zum Dogma des
sozialis ischen Realismus:
182 BRÜCKEN 31/1
Am zweiundd eißigs en Jah es ag
de G oßen sozialis ischen Ok obe e olu ion
schal e en die No menb eche de Schwe indus ie
au ex em ha e No men um
Das a ionie e Mehl wu de eigegeben
Das neue S a gese zbuch a in K a
De Genosse Kaganowi sch
ließ sich übe den F ieden aus
Du wa s ge ade schwe e g ipp
am Ende ick en wi dich an dich . (S. 188)
1992 e schien Bondys Name au illegal e ö en lich en Lis en, den sogenann en
Cibulka -Lis en, als ino izielle Mi a bei e de S aa ssiche hei . Jan Fak o e weis
zwa au den ums i enen Wah hei sgehal diese Lis en, doch sei den 60ige Jah en
bis zum Ende des kommunis ischen Regimes ha e demnach Bondy mi Un e b e-
chungen imme wiede Bekann e und F eunde aus dem Unde g ound denunzie ,
was wohl in opposi ionellen K eisen längs bekann wa . Angewo ben on einem
Kommili onen wäh end seines Philosophies udiums ende die e s e Phase de Zu-
sammena bei nach einem Zusammenb uch in de Psychia ie. Alle dings gab ihn
die S aa ssiche hei nich ei, e wu de om Tä e zum Op e , das wiede um un e
D uck gese z in den siebzige Jah en als diens be lissene Tä e agie e (S. 222–225).
Doch in de Zei spanne, die das o liegende Buch um ass , wende e sich Bondy–
geheimdiens lich noch unbe leck – ehemen gegen das kommunis ische Regime
s alinis ische P ägung. 1951 sch ieb e :
„Alles, was aschis isch is / is mi sympa hisch / das is mein kla e Weg zum Kübel
/ nix gelös , nich e lös – auch nich übel.“ (S. 226)
Seine Kneipensp ache, die sudelnd in bü ge liche Be eiche o d ing , sein „ o a-
le Realismus“, den e lau H abal an de Leine hin e sich he zog, mu e wie eine
Kamp ansage an eine „bemüh e Poe ik de sozialis ischen Zukun “ (S. 212) und die
allgegenwä igen s alinis ischen Slogans an. Es bleib somi eine gewisse Ambi alenz
im Hinblick au den Egozen ike Egon Bondy, de gleichwohl eine zen ale Rolle im
schechoslowakischen Unde g ound spiel e und de nich zu Un ech mi dem US -
ame ikanischen Un e g und on William S. Bu oughs, Allen Ginsbe g, Jack Ke ouac
au eine S u e ges ell wi d. Somi is es allemal zu beg üßen, dass diese ühen Tex e
Bondys nun in eine seh gu edie en Ausgabe o geleg we den.
LITERATUR
Kliems, Al un (2015): De Unde g ound, die Wende und die S ad . Biele eld: ansc ip .
Ad essen de Au o en und He ausgebe
Julie Adam,M.A.– Leh s uhl ü Ge manis ik, Philosophische Fakul ä , Jan E ange-
lis a Pu kyně Uni e si ä , Pas eu o a 3571/13, 40096 Ús í nad Labem; julie.adam@
s uden s.ujep.cz
D .Pe e Beche – Adalbe S i e Ve ein e.V., Hochs aße 8, 81669 München; p.be-
che @mail.de
PhD .Ing.Jind a B oukalo á,Ph.D.– Leh s uhl ü Ge manis ik, Pädagogische Fa-
kul ä , Ka ls -Uni e si ä , Cele ná 13, 11000 P aha 1; jind a.b oukalo a@ped .cuni.cz
P o .D .S e en Höhne– Ins i u ü Musikwissenscha Weima -Jena, Hochschule
ü Musik FRANZ LISZT Weima /F ied ich-Schille -Uni e si ä Jena, Pla z de Demo-
k a ie 2/3, 99423 Weima ; s e en.hoehne@h m-weima .de
Sibylle Höhne,M.A.– Rosche s . 5, 10629 Be lin
D .phil. habil. Anne Hul sch, P i a doz,M.A.– Ins iu ü Slawis ik, Uni e si ä Wien,
Spi algasse 2, Ho 3, 1090 Wien; anne.hul sch@uni ie.ac.a
Kons an in Koun ou oyanis,M.A.– Ins i u ü Ge manis ik, No dis ik und Nede -
landis ik, Philosophische Fakul ä , Masa yk -Uni e si ä , Jaselská 201/18, 602 00 B no;
[email p o ec ed].cz
PD D .Achim Küppe – Ins i u ü Deu sche und Niede ländische Philologie, F eie
Uni e si ä , Habelschwe d e Allee 45, Raum JK 28/109, 14195 Be lin; a.kueppe @
u -be lin.de
Mg .Eugenie Maleninská– Ins i u ü ge manische S udien, Philosophische Fakul ä ,
Ka ls -Uni e si ä P ag, Náměs í Jana Palacha 2, 11638 P aha 1; e. umano [email protected]
P o .D .Ma ek Nekula– Bohemicum– Cen e o Czech S udies, Uni e si a Regens-
bu g, 93040 Regensbu g; ma ek.nekula@u .de
E kan Osmano ić, MA – Ins i u ü Ge manis ik, No dis ik und Nede landis ik, Philo-
sophische Fakul ä , Masa yk-Uni e si ä , Jaselská 201/18, 602 00 B no; osmano ic@
phil.muni.cz
ao. Uni .-P o .Mag. D .S e an Simonek– Ins i u ü Slawis ik, Uni e si ä Wien,
Spi algasse 2, Ho 3, 1090 Wien; s e an.simonek@uni ie.ac.a