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Träume weiblicher figuren in der dutschen Literatur des Mittelalters

Elif Esen

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Elif Esen 2º Ciclo de Estudos em Estudos Alemães Träume weiblicher Figuren in der deutschen Literatur des Mittelalters 2012 Orientador: Prof. Dr. John Greenfield Classificação: Ciclo de estudos: 2° Dissertação Versão definitiva ! I! Vorwort An dieser Stelle möchte ich die Gelegenheit nutzen, um denjenigen Personen zu danken, die zum Gelingen meiner Arbeit ganz wesentlich – direkt oder indirekt – beigetragen haben. Mein erster Dank geht an GLITEMA; ohne GLITEMA hätte ich diese Arbeit nicht geschrieben. Der größte Dank gilt Prof. Dr. John Greenfield für seine Geduld, seine Unterstützung und seine wertvollen Hinweise, mit deren Hilfe ich im Rahmen meines Studiums meine Arbeit zu einem erfolgreichen Abschluss bringen konnte. Meinen Studienkollegen danke für ihre immerwährende Hilfsbereitschaft. Mein besonderer Dank gilt meinen Eltern für ihre unermüdliche Motivation. ! II! Abstract Modern psychology teaches us that dreams play an important role in human thoughts and behaviours, and that they are an indispensable part of our psyche. However, interest in the meaning of dreams is not a modern concept and can be traced back to ancient cultures. As literature and the written word developed, oneiromancy was included along with other philosophical writings. The Middle Ages were influenced by the ancient traditions regarding dreams and continued to explore their possible meanings and uses. Dreams appearing in medieval literature were often used as tools of premonition, allowing the author to strengthen parts of his narration. In this thesis, the dreams of two significant women figures’ in medieval literature, those of Kriemhild and Herzeloyde, have been addressed. Kriemhild had two dreams that foresaw her husband’s death: one in which an eagle and a hawk appear, and in the other a boar. Herzeloyde, who played a significant and determinative role in ‘Parzival’, had a dream about dragons, which foretold of the death of her husband as well as the birth of her son and her own death. In this thesis, the significance of dreams are discussed as well as the role of animals in these dreams as reflections of the incidents and characters. In this way, two questions: “How did these animal-dreams affect the characters’ lives and the story?” and “What kind of functions did these dreams have?” are explained. ! III! Vorwort...........................................................................................................................I Abstract..........................................................................................................................II Inhaltsverzeichnis...........................................................................................................III 0. Einleitung................................................................................................................... 1 1. Zum Traum in der Antike...........................................................................................5 1.1. Träume und ihre Funktionen in der antiken Literatur..........................................6 1.1.1. Penelopes Gänsetraum......................................................................................8 1.1.2. Klytaimnestras Drachentraum...........................................................................9 1.2. Allgemeines zum Traum und zur Traumdeutung im Mittelalter........................10 1.2.1. Traum in der mittelalterlichen Literatur..........................................................13 2. Tiere in den weiblichen Träumen im Mittelalter......................................................19 2.1. Kriemhilds Träume im Nibelungenlied..............................................................22 2.1.1. Kriemhilds Falkentraum..................................................................................23 2.1.1.1. Falke im Mittelalter......................................................................................26 2.1.1.2. Zur symbolischen Bedeutung des Falken im Nibelungenlied......................32 2.1.1.3. Adler im Mittelalter......................................................................................35 2.1.1.4. Zur symbolischen Bedeutung des Adlers im Nibelungenlied......................37 2.1.2. Kriemhilds Ebertraum.....................................................................................43 2.1.2.1. Eber im Mittelalter.......................................................................................45 2.1.2.2. Zur symbolischen Bedeutung des Ebers im Nibelungenlied........................46 2.1.3. Funktionen der Träume in der Handlung........................................................48 2.2. Herzeloydes Traum im Parzival........................................................................50 2.2.1. Herzeloydes Drachentraum.............................................................................51 2.2.1.1. Drache im Mittelalter...................................................................................56 2.2.1.2. Zur symbolischen Bedeutung der Drachen im Parzival..............................57 2.2.2. Funktionen des Traums in Parzivals Leben und in der Handlung..................59 3. Schlussbemerkung...................................................................................................62!!!!!!!! 4. Literaturverzeichnis..................................................................................................66 5. Anhang.....................................................................................................................74 ! 1! 0. Einleitung Träume spielen im Denken und Handeln der Menschen eine wichtige Rolle. Nach LATACZ ist „das Träumen [...] ein universales Phänomen [...] unabhängig von der historischen Zeit, vom historischen Ort, von der Rasse; es ist für den Menschen lebensnotwendig, und es ist wegen der so täuschend echten Realitätsillusion, die es zu erzeugen vermag, zutiefst beunruhigend“ (1984, 10). Träume haben eine besondere Magie. Sie sind die Sekunden, in denen man passiv ist. Man tut nichts, aber gleichzeitig macht man alles. Man sieht und hört und man kann alles sein und haben, was man in der Wirklichkeit nicht ist oder nicht hat. Während wir im Wachzustand eine gemeinsame Welt mit den anderen Menschen haben, besitzen wir aber in den Träumen eine ganz andere, eine eigenartige Welt, die nur zu uns gehört. Diese Welt nennt Heraklitos ídios kósmos, nämlich die Welt der Träume. Er sagt dazu in seinen Fragmente: „Die Wachen haben eine einzige und gemeinsame Welt. Im Schlafe wendet sich jeder der eigenen zu“ (NEEßE: 1982, 103). Die Menschen sind immer in allen Epochen und Kulturen von diesen täglichen und nächtlichen Eindrücken der Träume fasziniert und gleichzeitig beunruhigt gewesen. Träume sind allgemeine menschliche Erfahrung. Wie WEBER bemerken hat, träumte jeder vom Kaiser bis zum Sklaven, Männer und Frauen, und es wurde eher als bemerkenswert angesehen, wenn jemand nicht träumte (2003, 21). Träume versuchte man immer in verschiedener Art und Weise zu deuten. Es wurde nach ihren Sinn und Nutzen gefragt. Deswegen stellt die Literatur aller Zeiten schon von Anfang an öfters Träume, deren Deutungsversuche und Erklärungen dar. In der Literatur des Mittelalters spielen Träume eine ganz besondere Rolle. Das Ziel der Arbeit ist es herauszuarbeiten, welche Rollen und Funktionen die Tier-Träume in der mittelalterlichen Literatur haben. Es gibt viele verschiedene Träume in der mittelalterlichen Literatur, aber es ist nicht möglich im Rahmen der vorliegenden Masterarbeit alle Träume zu untersuchen. Besonders erscheint es mir interessant, die Tiere in den weiblichen Träumen zu untersuchen. In zwei kanonischen Werken, dem Nibelungenlied und Parzival, werden die Tier-Träume von zwei wichtigen Figuren geträumt. Das Anliegen meiner Arbeit ist es, diese Träume zu untersuchen. Dabei möchte ich mich auf die wichtige Studie SPECKENBACHs beziehen, die sich mit der Traumdeutung in der Literatur des Mittelalters beschäftigt. Er unterschiedet nämlich fünf Funktionen der Träume in der ! 2! mittelalterlichen Literatur: 1. Forderung der Handlung, 2. Schaffung von Stimmung durch die Bildsprache des jeweiligen Traumes, 3. epische Vorausdeutung, 4. Verknüpfung auseinanderliegender Handlungsepisoden, 5. Schaffung einer Transparenz mit Hilfe der allegorischen Denkweise (1976, 180). Im Rahmen der folgender Arbeit wird auch nachzuforschen sein, inwiefern in den zu analysierenden Träumen Kriemhilds und Herzeloydes diese fünf Funktionen SPECKENBACHS nachzuweisen sind. Ein Analyse der zwei Werke Das Nibelungenlied und Parzival zeigt, inwiefern die verschiedenen Tier-Träumen von Kriemhild und Herzeloyde zentrale Elemente zum Verständnis der jeweiligen Handlungen sind. Im Nibelungenlied werden zwei Tier-Träume von Kriemhild erwähnt, die die Schicksalhaftigkeit der Geschichte näher beleuchten und in gewisser Weise auch einen Blick auf Kriemhilds Emotionalität gestatten. Dies sind zum einen der Falkentraum in der ersten Aventiure zu Beginn des Nibelungenliedes und zum anderen der Ebertraum, in Aventiure 16. Beide Träume weisen auf den Tod Siegfrieds hin und können als Vorboten von Kriemhilds Leid betrachtet werden. Im zweiten Buch von Parzival wird Herzeloydes Drachentraum erwähnt. Dieser Traum kann auch als Vorbote von Herzeloydes Leiden betrachtet werden und die Schicksalhaftigkeit kann ins Auge fallen, weil er die Geburt Parzivals, nämlich eines großen Königs, symbolisiert und im weiteren Verlauf des Textes spürbaren Einfluss hat. Aber dieser Traum spielt auch eine große Rolle in der Mutter-Kind Beziehung. In der Forschung sind die Tier-Träume Kriemhilds und der Tier-Traum Herzeloydes ein wichtiger Gegenstand der Untersuchungen. Sie werden als als „memorable dreams“ betrachtet (vgl. Hatto: 1968, 16). „Each of these dreams is vivid, immediate [...] and each is an `Angsttraum´“ (Hatto: 1968, 16). Wegen der Deutung des Falken als künftigen Geliebten sieht die Forschung den Falkentraum auch als ein Wunschtraum an (vgl. EHRISMANN: 1987, 111). EHRISMANN behauptet, dass dieser Traum den sicheren Mord Siegfrieds prophezeit und trotzdem glaubt die fromme Ute an Gott. Deswegen betrachtet er diese Haltung als die Differenz zwischen (magischem) Wissen und aktueller Hoffnung (vgl. 1987, 110) und „sie zeigt, dass die Akteure ihr Tun nicht von der Magie, deren Äußerungen immer die (unabwendbare) Zukunft voraussagen, bestimmen lassen“ (1987, 110). Wegen seiner die Zukunft voraussagenden Funktion betrachtet GREENFIELD den Falkentraum als ein prophetischen ! 3! Traum (vgl. 2001, 108). Außerdem behauptet GREENFIELD, dass der Falkentraum seit Beginn der Dichtung die Verbindung zwischen dieser höfischen Dame und dem Tod bildet (vgl. 2001, 108). Laut der Forschungsliteratur sind die Träume Kriemhilds ein Teil der sinngebenden Vorausdeutungen des Nibelungenlieds (vgl. SCHULZE: 2008, 120). Die Forschung betrachtet den Ebertraum Kriemhilds als eine Verdopplung der Deutung des Falkentraums (vgl. EHRISMANN: 1987, 150). Er handelt sich auch um eine Prophezeiung des Tods Siegfrieds, deswegen gilt dieser Ebertraum als ein Warntraum (vgl. MIEDEMA: 2011, 91). MIEDEMA versucht den Ebertraum zu interpretieren, indem sie betont, dass es nicht sicher ist, ob dieser Traum von Kriemhild erfunden ist oder nicht. Aber trotzdem bewertet sie den Ebertraum als einen prophetischen Traum (vgl. 2011, 92). In der Forschung gilt der Drachentraum Herzeloydes als Höhepunkt mittelalterlichen Sinnbildsprache (vgl. ROßKOPF: 1972, 139) wird dieser Traum wegen der verschiedenen Traumbilder in drei inhaltliche Teile gegliedert (SPECKENBACH: 2001, S. 71). Die symbolischen Bedeutungen dieser Traumbilder bilden eine Einheit. Diese Bilder betrachtet HARTMANN als ein prophetischer Traum (2000, 290). Beim Drachentraum handelt sich um einen Angsttraum aber gleichzeitig ist er ein Wunschtraum (vgl. BACHORSKI: 2007, S. 38). Wolfram spielt mit dem Drachentraum Herzeloydes auf antiken Drachenträume, die dort die Geburt großer Helden ankündigen, oder auf die apokalyptische Passagen des Neuen Testaments an (DALLAPIAZZA: 2009, 37). Nach diesem kurzen Forschungsbericht möchte ich jetzt die Gliederung meiner Arbeit vorstellen. Die Arbeit ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil der Arbeit besteht aus einem Überblick über Traum und Traumdeutung in der Antike und im Mittelalter Es soll herausgearbeitet werden, was man in jener Zeit über Träume dachte und wie man sie in der antiken Literatur darstellte. Ferner soll erklärt werden, auf welche Weise der Traum das gesellschaftliche Leben und die Literatur der Antike und des Mittelalters prägte. Dazu werden einige Beispiele von Träumen aus der antiken Literatur analysiert, um Funktionen des Traums in der Antike und in der antiken Literatur für die Figuren und für die Handlung zu zeigen. Ferner soll im ersten Teil auch auf den Traum und die Traumdeutung des Mittelalters näher eingegangen werden, um ein besseres Verständnis des Hauptteils der Arbeit zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang werden auch Traumdeutungen im Mittelalter näher erläutert und ausführlich dargestellt, was die Träume aussagten sowie für die mittelalterlichen Menschen bedeuteten und wie die Träume gedeutet wurden. Außerdem ! 4! soll auch der Traum und seine Funktionen in der mittelalterlichen Literatur erörtert werden. Es ist hier allgemein festzuhalten, dass die meisten mittelalterlichen Autoren mehr oder weniger direkt auf den Gedanken griechischer und römischer Philosophen aufbauten (vgl. WITTMER-BUTSCH: 1990, 90). Gezeigt werden sollen damit die Rolle und die Wichtigkeit des Traums und seiner Deutung im Mittelalter sowie in der Antike. Am Beispiel eines männlichen Tier-Traums im Rolandslied, werde ich auch die Unterschiede, Rolle und Funktionen der männlichen und weiblichen Tier-Träumen zeigen. Den Hauptteil dieser Arbeit soll eine Vorstellung und eine Analyse der TierTräume der zwei Werke Das Nibelungenlied und Parzival bilden: Die Träume Kriemhilds im Nibelungenlied und der Traum Herzeloydes in Parzival. Obwohl es sich um Werke handelt, die unterschiedlichen Traditionen und Gattungen angehören (das Nibelungenlied als ein germanisches Heldenepos; Parzival als ein höfische Artursund Gralroman), wie es sich zeigen wird, spielen die Gattungsunterschiede für die Traumdeutung kaum eine Rolle; wie GEITH treffend bemerkt: „Gemeinsam ist diesen Träume, dass sie allegorisch sind, d.h. dass handelnde Personen in der Gestalt von Tieren auftreten und dass sich das Traumgeschehen als Aktion zwischen Tieren oder Tieren und Menschen abspielt“ (1989, 227). Die beiden Figuren der zwei unterschiedlichen Werken gehen mit ihren Träumen völlig verschieden um. Ihre Reaktionen auf die Träume sind grundverschieden. Dazu ist es notwendig, die Symbolik der Tiere, von denen die beiden Hauptfiguren geträumt haben, zu erklären. Diese Tiere spielen entscheidende Rollen in den Handlungen beider Werke. Jedes Tier hat eine andere symbolische Bedeutung und deswegen sind sie wie Schlüssel, mit denen die Figuren jede Tür des Geschehens öffnen können. Geht man auf die Symbolik dieser Tiere näher ein, erkennt man ihre Bedeutung für die Figuren und für die Handlung. Es soll herausgearbeitet werden, was diese Träume und Tiere symbolisieren, welche Rolle sie spielen, welche Funktionen sie haben und schließlich, wie sie Einfluss auf den Verlauf der Handlung nehmen. Ziel dieser Arbeit soll es auch sein, die Traumsymbole als Schlüssel zu verstehen, die es ermöglichen, die Hauptpersonen und das Geschehen zu charakterisieren und zu interpretieren. ! ! ! ! ! 5! 1. Zum Traum in der Antike Der Traum war immer ein lebendiger Bestandteil des Lebens. Schon die Beispiele der Bibel sind wie ein Beweiß dafür, dass auch die Menschen der Frühzeit die Träume Ernst genommen haben. In allen Weltreligionen, in vielen überlieferten Mythen und Sagen, in den großen Epen der Weltliteratur gibt es immer wieder Träume. Der Traum beeinflusste sowohl das Leben als auch die Philosophie. Er kommt auch in Medizin, Mantik, Magie und in der Dichtung zum Ausdruck. Die wichtigsten Ereignisse wurden immer mit dem Traum verknüpft. Über diesen Zusammenhang wurde Vieles geschrieben und geglaubt und es wurden immer wieder neue Theorien über das Träumen hervorgebracht. Der Traum wurde als eine nächtliche Verbindung zum Jenseits gesehen. Neben der Verbindung ins Jenseits, enthalten die Träume die Nachrichten von den Toten. Nach THOMAS geht das deutsches Wort Traum über das althochdeutsche troum und das altnordische drugr auf das alte Sanskrit – Wort druch zurück, das Totenerscheinung bedeutet (1989, 10). Der Traum gilt als das älteste Orakel der Menschheit. Er ist ein lebendiger Bestandteil des Alltagslebens. In der Antike gab es verschiedene Ansichten über den Traum und seine Entstehung. Der Traum galt als eine menschliche Eigenschaft. Deswegen war es nicht normal, wenn ein Mensch nicht träumte. Nicht nur einfache Leute, von Sklaven über den Handwerker bis zum Bauern, befragten die Menschen ihre Träume hinsichtlich ihrer persönlichen Zukunft und ließen sich durch Traumerlebnisse emotional stark beeinflussen (vgl. HERMES: 2000, 21). Wie erwähnt wurde, war der Glaube an die Vorhersagekraft von Träumen in der Antike bei allen sozialen Schichten weit verbreitet. Aber während die reichen und mächtigen Leute der Antike meistens ihre Haus-Traum-Deuter hatten, brauchten die Leute aus dem mittleren und einfachen Bürgertum bis zu den Sklaven, die lesen konnten, ein Traumbuch. Zweifellos wurden damals viele Traumbücher geschrieben, aber das erste und ganz erhaltene Traumbuch mit einem theoretischen Teil, gedeuteten Traumsymbolen und Beispieldeutungen, unter den zahlreichen Büchern über Träume und ihre Deutung aus der antiken Zeit, wurde von Artemidor von Daldis geschrieben (vgl. HERMES: 2000, 67). Das lexikonartige Werk besteht aus fünf Büchern mit 1400 Traummotiven und deren 3000 Bedeutungen (vgl. GIEBEL: 2006, 226). Dieses Traumbuch, das in Europa zur Grundlage des ! 12! konnte (vgl. 1990, 135, 136). Diese konnten sowohl von Gott, als auch vom Teufel geschickt sein. Der Albtraum und der Erscheinungstraum haben keine wahrsagerische Kraft. Der Albtraum gehört zu den bedeutungslosen Träumen, die das Tagesgeschehen dem Träumer vorgibt. Er gilt als durch Ängste und Wünsche ausgelöster Traum. WITTMERBUTSCH behauptet, dass bei insomnium (Albtraum) körperliche Leidenschaften oder ein Aufruhr der Gefühle eine wichtige Rolle spielen; wenn man Emotionen wie Liebe oder Leid erfährt, erlebe man solche Träume (vgl. 1990, 135). Der Erscheinungstraum wird als wirrer Traum betrachtet. Dieser Traum ist von der Realität völlig abgetrennt. Er entsteht zwischen Wachen und Schlafen, wenn man sich von einem unbekannten Wesen höchst unangenehm bedrängt und zusammengedrückt fühlt (vgl. WITTMER-BUTSCH: 1990, 135). HAMMERSCHMIDT-HUMMEL fügt hinzu, dass die mangelnde prophetische Signifikanz dieser Träume sie der Notwendigkeit einer Interpretation enthebt (vgl. 1992, 22). Auch die Traumdeutung spielte eine große Rolle. Im Mittelalter konnte man aber für die Deutung von als bedeutungsvoll angesehenen nächtlichen Erlebnissen auf bereits im Altertum entstandene Ideen und Anleitungen zurückgreifen. Von Artemidors Werk2 sind die Träumbücher im Mittelalter direkt oder indirekt abgeleitet worden. Dies gilt auch für das wichtigste und berühmteste Traumbuch Somniale Danielis.3 Bei der Somniale Danielis handelt es sich um ein alphabetisch geordnetes Verzeichnis von Traummotiven mit ihren traditionellen Deutungen, was der der Zukunftprognose dienen sollte. Laut diesem Traumbuch muss ebenfalls auch die Deutung der persönlichen Lebensumstände des Träumers berücksichtigt werden (WITTMER-BUTSCH: 1990, 175). Aber WITMER-BUTSCH fügt hinzu, dass die diejenigen, welche die Vorlagen entziffern, abschreiben und vorlesen konnten, aus kirchlichen Kreisen stammen, da die Schriftlichkeit während des Hochmittelalters praktisch auf den Klerus4 beschränkt war (1990, 177). !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 2Siehe oben S. 5. 3Sie wird dem Propheten Daniel zugesprochen. Dies ist zwar in keiner Weise gerechtfertigt, erklärt sich aber aus den biblischen Bericht, der Daniel als gottbegnadeten Traumdeuter darstellt. Siehe dazu: Anhang I und II (SPECKENBACH: 1990, 123). Siehe Anhang I, II. 4Der Klerus war die Gesamtheit der Angehörigen des geistlichen Standes. Die Gesellschaft war ständisch organisiert. Es gab Repräsentanten, die eine hohe Machtfülle aufwiesen und solche, die weniger einflussreich waren. Die Macht des Klerus im Mittelalter war insgesamt ausgesprochen groß. Sie ist allerdings immer auch im Zusammenhang mit dem Adel zu sehen. Die Verflechtungen zwischen Klerus und Adel waren dergestalt, dass sie sich gegenseitig stabilisierten, was vorteilhaft für die Machterhaltung beider war. So hatte das Wort der Geistlichen Gewicht in allen Fragen der Staatsführung und die Mitglieder des hohen Klerus übten häufig beratende Funktionen in Adelskreisen aus. Siehe dazu: http://www.leben-im-mittelalter.net/gesellschaft-immittelalter/die-staendeordnung/der-klerus.htm. ! 13! 1.2.1. Traum in der mittelalterlichen Literatur Die mittelalterliche Literatur ist reich an Traumberichten. Dem Traum wird auch in der mittelalterlichen Literatur eine große Bedeutung beigemessen. Der Traum sieht die Zukunft voraus, weist von vorneherein, und sei es in verschleierter Form, auf die Begebenheiten des Berichtes hin (vgl. DEREMBLE-MANNES: 1989, 51). Er ist meist die Ausgangstellung. Er fördert die Handlung. Für das mittelalterliche Publikum deutet der Traum die gesamte Handlung voraus. Unter den verbreiteten Zeugnissen für die hohe Achtung des Traums in der mittelalterlichen Literatur kann man viele relevante Beispiele nennen. In Bezug auf mein Thema habe ich bis jetzt nur Tiere in weiblichen Träumen analysiert. Aber um ein besseres Verständnis für die Tier-Träume in der mittelalterlichen Literatur zu entwickeln, die Vielfältigkeit der Funktionen der Tiere in männlichen und weiblichen Tier-Träumen aufzuzeigen und zu den weiblichen Tier-Träumen Kriemhilds und Herzeloydes im Hauptteil der Arbeit überzuleiten, könnte man auch einen Blick auf die Tier-Träume Karls im Rolandslied5 werfen. Die berühmtesten Beispiele von Tierträumen kommen in den Träumen Karls in Das Rolandslied des Pfaffen Konrad vor. „Engel überbringen ihm die Befehle des Himmels, Träume verkünden ihm die Zukunft, Wundergeschehen auf sein Gebet: er ist der Stellvertreter Gottes auf Erden, Bürge und Symbol für Frankreichs Größe“ (WINKLER: 1919, 7). In diesem Werk gibt es drei Träume und sie werden von Kaiser Karl geträumt. Nur im zweiten und dritten Traum kommen die verschiedenen Tiere vor. Dadurch lassen diese TierTräume uns in die Zukunft zu schauen. Wie es in den weiblichen Tier-Träumen passiert ist, sieht auch Karl durch die symbolischen Bedeutungen dieser Tier-Träume das zukünftige Geschehen. Gleich nachdem er seinen ersten Traum6 geträumt hat, gibt Gott ihm nach seinem !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 5Das Rolandslied des Pfaffen Kondrad zitiere ich nach der Ausgabe von Dieter Kartschoke: Das Rolandslied des Pfaffen Kondrad. Reclam, 2007. 6Um den Übergang vom ersten Traum zu verstehen und die Funktionen des zweiten und dritten Traums deutlich zu machen, ist es besser auch einen kurzen Blick auf den ersten Traum des Kaisers zu werfen. Im ersten Traum träumt Karl, dass er Porta Caesaris sei und einen Speer in seiner Hand halte, den Genelun ihm entreißen will. Aber der Schaft zerbricht und so bleibt ein Teil des Speers in der Hand des Kaisers. Genelun wirft den zerbrochenen Teil in seiner Hand in die Luft und die Stücke lösen sich in der Luft auf (RL, 30303047). Dieser Traum ereignet sich, nachdem Genelun vorschlägt, dass Roland als Statthalter nach Spanien gehen solle. Karl kann diesem Vorschlag Geneluns nichts abgewinnen (RL, S.211, 2965-2984) und betet zu Gott, um ! 14! Gebet einen anderen Traum, in dem er von einem Bär träumt: in dûchte, wie er ze Ache waere unt ain bere vor im laege mit zwain keten gebunden. sâ ze den studen der bere in vaste ane sach, die keten er bêde zebrach. an lief in der bere. der kaiser en macht sich sîn nicht erhaln. er geweltigôt im den arm. daz flaisc er ime allez abe brach, daz bain er gar nacket sach. Von den sachen Der kaiser begonde aber wachen. (RL: 3068-3081) Er träumt, dass er in Aachen wäre und ein Bär in zwei Ketten vor ihm läge. Aber der Bär zerreißt diese beiden Ketten und zerfleischt Karls rechten Arm. Dadurch erwacht er. Um die Prophezeiung des Bärs zu entschlüsseln, muss man sich zuerst die symbolische Bedeutung des Bärs anschauen. Der Bär symbolisiert Gefahr: Wenn man träumt, dass der Bär einen angreift, wird man mit seinen Feinden streiten (vgl. FISCHER: 1989, 10). Nach TUCZAY sind angreifende wilde Tiere im Allgemeinen als Topos für Niederlage, Verrat oder Gefahr zu verstehen. Die rechte Hand, der rechte Arm, deutet auf einen nahen Verwandten hin: Vater bzw. Sohn oder Freund.7 In diesem Kontext machen diese Erklärungen die Deutung des Traums klarer. Die allegorische Bedeutung des Bärs entschlüsselt den Traum für das Publikum: Durch den Bären wurde Genelun, der als der König der Heiden bezeichnet wird, symbolisiert, der durch seinen Verrat Karls rechten Arm (RL: 2974), d.h. Roland beschädigt. Auch im ersten Traum sehen wir Genelun, aber anders als in dem zweiten Traum Er tritt im ersten Traum noch in Menschengestalt auf. Nachdem er Rache für Rolands Tod geschworen hat (RL: 6994), kommt es zu einer Schlacht gegen die Heiden. Als die Nacht hereinbricht, betet Karl nochmals und während er schläft träumt er: er resach in dem troume wunderlîche gotes tougen. !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! einen Rat zu bekommen. Da gibt Gott ihm diesen Traum. Man kann sagen, dass der Traum eine Warnung ist und durch ihn Rolands Niederlage und Tod prophezeit werden. Die in die Luft fliegenden Stücke kann man als Himmel interpretieren. Der Verlust des Speers bedeutet für Genelun, dass er seinen Erfolg verlieren wird. Karl hält noch ein Stück in seiner Hand, d.h. dieses Stück repräsentiert seine andauernde Herrschaft. 7 Christa Agnes TUCZAY: Schlaf-Traum-Vision, S. 46. Zitiert nach https://skriptenforum.net/w/images/2/2f/Schlaf_Traum_Vision_(1).pdf, Stand 12.05. 2012. ! 15! in dûcht, daz der himel stuont ûf getân, unt fiur dar ûz scolte varen, allen vier ende in die werlt sich scolte tailen. daz liut begunde wuofen unt wainen. dar nâch kômen donerslege unt winte, si zezarten in die schilte. nâch diu kômen lewen unt beren, daz si sich nicht entrûten erweren. daz gewâfen si in aber zarten. dar nâch kômen lêbarten, die muoten si vil lange. dar nâch kômen slangen hart egeslîchen. dar nach kômen grîfen, die muoten si vil sêre. in dûcht, er scolte wider kêre. ain starker lewe kom dô dar. er straich vaste durch die scar. dem kaiser wollte er gerne schaden. ûf huob er den arm, er sluoc im ain slac, daz er tôt vor sînen füezen gelac. dar nâch kômen fraislîche beren. si begunden mennisclîchen reden. den kaiser si vorderôten, er gaebe in widere ir tôten, si scolten si ir jungen wider bringen. In dûcht, er waere ze Karlingen. ûf den hof kom ain tier gevaren, michel unt fraissam. sine machtenz im alle nicht erweren, an den kaiser begunde ez geren. der kaiser entsaz daz. ain rüde fuor ab dem palas, der was strac unt êrlich. daz tier warf er unter sich, ze tôde er ez erbaiz. der heilige engel, gotwaiz, den kaiser wol bewarte, daz im nicht nescadete neweder gote noch goukelaere. die troume wâren seltsaene. (RL: 7084-7127) Wie auch von dem Dichter in der letzten Zeile des Traums betont wurde, ist dieser Traum Karls ein seltsamer Traum.8 Es wird zuerst wunterlîche gotes tougen beschrieben, indem der Dichter sagt, dass es Feuer regnet und die Menschen schreien und weinen. Dann kommen Donner und Stürme, die die Schilder wegreißen. Danach kommen verschiedene Tiere: Löwen und Bären, die die Rüstungen herunterreißen. Nach den Löwen und Bären kommen Leoparden, Schlangen und Greifen. Dann kommt ein mächtiger Löwe, der dem Kaiser Schaden zufügen will, und läuft durch das Heer. Aber durch einen Hieb tötet !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 8 Siehe Anhang III. ! 16! Karl ihn. Danach kommen Bären, die mit menschlichen Stimmen sprechen. Die Bären sagen, dass er ihre Toten und ihre Kinder zurückgeben müsse. Dann scheint es ihm, er wäre in Frankreich. Ein wildes Tier kommt an seinen Hof und niemand kann ihn davor beschützen. Dieses Tier bedroht den Kaiser und er fürchtet sich davor. Plötzlich läuft ein starker und prächtig aussehender Hund durch den Palast. Er besiegt das Untier und tötet es. Ein Engel rettet den Kaiser (RL: 7084-7127). Der zweite und dritte Traum haben den Tiertraum vom Bären als gemeinsame Eigenschaft. Die symbolische Bedeutung des Bärs im zweiten Traum gilt auch für den dritten Traum; der Bär ist ein Symbol der Gefahr. Aber der dritten Traum steht unter der Gefahr des bevorstehenden Kampfes gegen die Heiden. Auch der Löwe hat eine symbolische Bedeutung. Der Löwe kann als König aller Vierfüßler betrachtet werden: Er ist ein Symbol für die Macht (vgl. TELESKO: 2001, 90). Der Löwe hat darüber hinaus auch noch andere Bedeutungen. Wenn die Figuren träumen, dass ein Löwe sie angreift, dann müssen sie sich vor der Treulosigkeit seines Feindes hüten (vgl. FISCHER: 1989, 57). Der Löwe wurde also auch als Streit mit einer gewaltigen Person gedeutet (vgl. PALMER, SPECKENBACH: 1990, 273). In diesem Sinne passt diese Bedeutung des Löwen zu der Rolle des Königs der Heiden, Paligan. Nach dem Löwen erscheinen Leoparden und Schlangen. Die Schlangen symbolisieren die Feinde. Der Kampf mit den Schlangen im Traum bedeutet ein Kampf mit den Feinden. Wenn eine Schlange jemanden angreift, dann wird sie ihren Feind überwältigen (vgl. FISCHER: 1989, 70). Die Greifen stehen für Schaden, Zorn und Traurigkeit und stehen so für die böse Verleumdung (vgl. FISCHER: 1989, 81). Diese allegorischen Bedeutungen der Tiere in Karls Traum, lassen uns die Personen erkennen, die hinter diesen Allegorien stehen. Die Schlangen können im Zusammenhang mit ihrer symbolischen Bedeutung als die Heiden und König Paligan angesehen werden. Auch der Greif könnte in diesem Traum sinnbildlich für die Heiden und gleichzeitig für ihren Angriff stehen. Jetzt komme ich zum angreifenden Tier in seinem Traum. „Wer von Angriff der Tiere träumt, der wird von seinen Feinden überwältigt oder gequält werden. Das Laufen der Tiere kündigt Unruhe an, die Stimmen der Tiere Angst oder großen Ärger“ (FISCHER: 1989, 77). Der Hund steht für das Symbol der Treue, Glaubentreu, verschiedener Tugenden, Laster, Sinne und der Herrschaft. Diese sinnbildliche Deutung des Hundes gilt für den Traum Kaisers. Der Kampf zwischen dem wilden Tier, das den Kaiser angreift, und dem prächtig aussehenden Hund, der den Kaiser verteidigt, sagt die Betrügerei der Heiden und den späteren Gerichtskampf zwischen Binabel, der Bedrohung, und Tirrich, dem treuen ! 17! Freund voraus. Der Hund, der das wilde Tier tötet, prophezeit also Tirrichs Sieg über Binabel. Unter dem Eindruck dieser Erklärungen kann man sagen, dass sich die männlichen Tier-Träume von den bisher erwähnten weiblichen Tier-Träumen unterscheiden. Es könnte gesagt werden, dass sich die männlichen Tier-Träume um Macht und Politik drehen, die weiblichen Tier-Träume dagegen emotionell sind und als Thema die Liebe behandeln. Diese Tier-Träume des Kaisers kann man auch in Hinblick auf die schon oben erwähnten drei Arten von Träumen9 analysieren. Es wurde vom Dichter des Rolandslieds vielmals klar gemacht, dass der fromme Kaiser Karl vor dem Schlaf zu Gott betet und nach der Hilfe Gottes fragt. Deswegen könnte man behaupten, dass diese Träume daher prophetische Funktionen haben. Jedes Mal schläft er nach seinem Gebet ein und Gott gibt ihm die Träume. Das wurde auch von dem Dichter betont.10 In diesem Kontext können seine Träume als von Gott stammende Träume betrachtet werden. Außerdem könnten die drei Träume Karls mit Hilfe des Modells der Funktion von Träumen in der Literatur11 analysiert werden: Erstens fördern diese Tier-Träume Karls die Handlung und sie führen die Geschichte weiter, indem sie die wichtigsten Ereignisse im Voraus zeigen. Außerdem strukturiert der Dichter durch die sinnbildlichen Darstellungen der Tier-Träume die Geschichte. Nach dem ersten Traum wacht er zum Beispiel auf und der Traum lässt ihn die Gefahr sehen. Seine Wahrnehmung fördert mit einem Gebet zu Gott. Gleich nach dem Gebet kommt der zweite Traum. Bis der dritte Traum von ihm geträumt wird passiert dann das, was die ersten beiden Träume verkündigt hatten. Der dritte Traum zeigt bereits das Ende der Geschichte. Auch die zweite Funktion nach SPECKENBACH, die Schaffung von Stimmung durch die Bildsprache des Traums, ist hier festzustellen. Der Dichter gestaltet die Geschichte um die Tier-Träume Karls, weil die Bildsprache dieser Tier-Träume dem Leser Hinweise geben kann und in diesem Sinne lassen die Träume den Leser auch in die Zukunft der Figuren schauen. Die dritte Funktion, die epische Vorausdeutung, spielt ebenfalls eine große Rolle. Alle seine Träume haben prophetische Kräfte und durch diese Funktion geben die !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 91. Die Träume, die vom Gott stammen, 2. Von den Dämonen gesendete Träume, 3. Die gewöhnlichen Träume. Siehe Oben S. 11.! 10In dem Traum 3017-3029, in dem zweiten Traum 3066-3067, in dem dritten Traum 7075-7083. 11SPECKENBACH. Siehe oben: S. 2. ! 18! Träume die Handlung vor. So verweisen z.B. die ersten zwei Träume auf den Tod des Rolands. Als vierte Funktion kommen wir nun zu den verknüpfenden Merkmalen der TierTräume. Die Träume Karls verknüpfen immer die verschiedenen Teile des Werkes. Schon im ersten Traum wurde der Verrat des Geneluns ankündigt. Nach diesem Traum ist es das Geschehen, das sich hinter den Träumen herbewegt. Als die letzte Funktion der Träume wird die Schaffung einer Transparenz mit Hilfe der allegorischen Denkweise angesehen. In diesem Zusammenhang schafft der Dichter durch seine allegorischen Ausdrucksweisen eine gewisse Transparenz, indem er die Tiere als Symbol für jede Figur konstruiert. Wenn das Publikum versucht, die allegorischen Bedeutungen der Tiere zu erkennen, dann sieht es die Figuren, die hinter den Symbolen stehen und kann dadurch auch mit Leichtigkeit in die Zukunft der Geschichte schauen. ! ! 19! 2. Tiere in den weiblichen Träumen im Mittelalter In vielen Werken und Erzählungen des Mittelalters sind Tier-Träume zu finden. Sie haben vorhersagende Funktionen. Derjenige kann den Traum entschlüsseln, der die Verweisstruktur zwischen Tier und Mensch erkennt und die Hintergründigkeit des im Traum Dargestellten richtig deuten kann (vgl. BECK: 1965, 135). Wie WITTMER-BUTSCH bemerkt, war der Glaube, der auch heute noch verbreitet ist, nämlich dass ein Tier im Traum eine bestimmte charakterliche Eigenheit des Schläfers selbst oder auch eines anderen Menschen verkörpern kann, auch im Mittelalter von Bedeutung und die Neigung, menschliche Eigenschaften zu projizieren, war in dieser Zeit sogar noch stärker verbreitet (vgl. 1990, 333). BENEZÉ sagt, dass die Tier-Träume ihre einfache Erklärung in dem Glauben der Germanen finden, da sie glaubten, dass sich gewisse Personen in Tiere verwandeln könnten (vgl. 1896, 41). Die Tier-Träume sind nichts Anderes als Abbilder von [...] Freunden oder Feinden, die nachher Tiergestalt annahmen. Diese wurde angenommen, weil man sich dadurch die tierischen Kräfte und Fähigkeiten, die in der betreffenden Lage gerade nützlich erschienen, aneignete (Vgl. BENEZÉ: 1896, 41). In diesem Kontext könnte man behaupten, dass die Träume wirkliche Verhältnisse vorführten und mit Hilfe der symbolischen Bedeutung der Tiere die Realität abgebildet wird. In den bisher behandelten weiblichen Traumerzählungen sind Tiere aufgetreten, die eine bemerkenswerte Rolle spielen. Sie bildeten ein zuverlässiges Instrument, um den Verlauf der weiteren Geschichte vorauszudeuten. Der Traum ist ein Mittel, um Zukünftiges zu zeigen. Er kann aber auch als Warnung vor diesen Zukunftsmöglichkeiten eingesetzt werden. Mit den Tieren haben die Träume eine zusätzliche, symbolische Funktion. So werden die Menschen mit den Träumen oder Traumsymbolen zu bestimmten Handlungen angeregt oder von ihnen abgebracht. Die Tiere haben verschiedene Bedeutungen und sind die überragenden Träger der Handlung. Die Tiere kommen nicht nur in den Träumen Kriemhilds und Herzeloydes vor. Auch bei den Traumerzählungen der Heiligen spielen Tier-Träume eine wichtige Rolle. Diese Träume können als göttliche Bestätigung ihres Handelns verstanden werden (vgl. WITTMER-BUTSCH: 1990, 234). Neben den weiblichen Tier-Träumen von Kriemhild und Herzeloyde könnte man die Träume der Mutter von Bernard von Clairvaux und der Mutter von Heiligen Dominikus als Beispiel anführen, weil auch diese beiden Mütter von Tieren ! 20! träumten. In diesem Kontext könnte daher behauptet werden, dass das Tier auch in Literatur des Mittelalters eine bedeutsame Rolle gespielt hat. Tiere sind in mittelalterlicher Literatur allgegenwärtig. Tiere erscheinen stets anthropomorphisiert, sie repräsentieren bestimmte Menschentypen. Die Tierwelt dient als Spiegel der menschlichen Gesellschaft (vgl. OBERMEIER: 2009, 18). Für die Deutung der Werke sind die Tiere unverzichtbar und sie tragen zentrale Bedeutungen. Die Funktion des Tiers in Literatur ist verschiedenartig. Das Tier kann als Vorbild und Warnung, als Maske und Metapher, als Erinnerungsund Deutungsinstrument fungieren (vgl. OBERMEIER: 2009, 23). Folglich könnte man behaupten, dass diese Tierund Traum-Mischung eine spannende Verbindung bilden. ! Als Aleth, die Mutter des heiligen Bernhards, schwanger ist, träumt sie, dass sie einen weißen Hund mit rötlicher Färbung auf dem Rücken gebärt, der sehr laut bellt. Auch die Mutter von Dominikus träumt, als sie schwanger ist.12 Im Traum gebärt auch sie einen kleinen Hund, der eine leuchtende Fackel im Maul trägt. Was in diesen Träumen charakteristisch ist, dass die beiden Frauen schwanger sind. In diesem Fall könnte man daher behaupten, dass die Tier-Träume dieser Mütter das Schicksal und die Bedeutung des Kindes enthüllen. Die beiden Traumfälle der Mütter der Heiligen sind gleich. Sie träumen, während der Schwangerschaft. Maria-Louise VON FRANZ behauptet, in alter Zeit wurde geglaubt, dass alles, was die Mutter beeindruckt, einen Einfluss auf die Seele des Kindes habe. Sie fügt hinzu, dass man diese Träume daher von zwei Seiten sehen kann: als vorausschauende Darstellung des Schicksals des Kindes oder als Enthüllung eines Problems der Seele der Mutter selbst (1985, 127). Um das Schicksal dieser Kinder deuten zu können, muss man kurz die symbolische Bedeutung der Tiere besprechen, von denen die Mütter geträumt haben. Der Hund repräsentiert das älteste Haustier, das mehr als andere Tiere an dem Menschen hängt und mit großer Scheue betrachtet wird. Wegen seines Spürsinns, seiner feinen Witterung und Empfindlichkeit hält man ihn für fähig, mancherlei Zukünftiges im Voraus zu zeigen (vgl. GÜNTERT: 1987, 470). Außerdem wird der Hund als fröhlich oder gnädig beschrieben (PALMER, SPECKENBACH: 1990, 270). Es wird auch immer seine Tapferkeit und Schnelligkeit erwähnt. Er ist also als ein Symbol der Treue, Glaubentreu, verschiedener Tugenden, Laster, Sinne und Herrschaft weitverbreitet (vgl. JASZAI: 1986, 214). Die Hunde in diesen Träumen verkündigen die Geburt der beiden Heiligen durch !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 12Siehe Anhang IV, V. ! 21! die Träume der Mütter. Bernhard und Dominikus hatten ein gemeinsames Schicksal. MariaLouse VON FRANZ behauptet, dass jeder Impuls, ihr eigenes Leben zu leben, kontrolliert wird; sie sind wirklich die Hunde Christi [...] (vgl. 1985, 131).13 In diesem Sinne wahren sie Treue zu ihrem Herrn und es macht die symbolische Bedeutung des Hundes klarer. Die beiden Männer hatten verschiedene Tugenden, die Heilige haben sollten, wie zum Beispiel Glaubenstreue, Tapferkeit, Sinne, Herrschaft usw. Grundlage der symbolischen Bedeutung sind also realistische Eigenschaften des Hundes und diese Aspekte passen auch zu den Heiligen: Sie haben nie auszubrechen versucht, sie lebten innerhalb ihres Rahmens, sie nahmen das Opfer ihres persönlichen Lebens auf sich aber sie projizierten Dunkelheit auf ihre Feinde (Maria-Louse VON FRANZ: 1985, 136). Wie gesehen, kündigen die Tier-Träume die Zukunft, oder mit anderen Worten das Schicksal der beiden Kindern, an. Wenn man die Bilder der Träume mit ihrer symbolischen Bedeutung zusammenbringt, ist es einfacher zu sehen, was Gott, Autor oder Dichter damit sagen und vermitteln wollen. Nach einem Einblick in beispielhafte Verwendungen von Tier-Träumen in der antiken und mittelalterlichen Literatur, will ich mich im folgenden Teil genauer mit den Tier-Träumen Kriemhilds und Herzeloydes auseinandersetzen und die Rolle, die Funktionen und die Entschlüsselung der Traumsymbole ihrer Tier-Träume aufzeigen. Durch die gründliche Analyse der symbolischen Bedeutungen der Tiere und ihren Funktionen in den beiden Werken wird beabsichtigt zu einem bessern Verständnis der Gesamtwerke beizutragen, indem Vorausdeutungen und indirekte Charakterisierungen sichtbar gemacht und vor dem Hintergrund der Tiermetaphern analysiert werden. Auf diese Weise möchte ich zuerst die Tiere in den Träumen von Kriemhild in den Blick nehmen. Neben ihrer Bedeutung in den Kriemhilds Träumen sollen auch ihre symbolischen Bedeutungen in der mittelalterlichen Gesellschaft geklärt und dadurch ihre Funktionen in den Träumen aufgezeigt werden. ! ! ! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 13In der Fußnote erklärt sie, dass die Dominikaner sich selbst „Domini canes“, d.h. Hunde des Herrn, nannten. Siehe dazu: Maria-Louse VON FRANZ: 1985, 131. ! 28! eine Rolle. Dem Gedanken, den Falken als göttlich zu betrachten, liegt der Gedanke, den Falken als Helden zu betrachten, nicht fern, weil der religiöse Mythos und Heldensagen aus dem gleichen Boden erwachsen (vgl. REISER: 1963, 48). Seine Kraft, Kampfeslust, sein Mut und Stolz bringen ihn dem Heldentum nahe. Deswegen wurde er in der mittelalterlichen Zeit ein Sinnbild für Helden. Neben diesem Symbol des Falken als Helden steht der Falke als Symbol auch für den Geliebten, bzw. für die mínne. Außerdem steht der Falke für Adel und Herrschaft in der höfischen Kultur. Das Symbol des Falken wurde auch mit dem mutigen und deshalb bewundernswerten Mann verbunden. Nach REISER: „Vom Motiv des Falken als Helden ist kein großer Schritt zum Motiv des Falken als Symbol für den Geliebten. Das Motiv überträgt sich vom kühnen und deshalb bewunderten Mann auf den bewunderten und geliebten Sohn, Jüngling oder Gatten“ (1963, 49). Und sie fügt hinzu, dass der Falke damit in den Bereich der erotischen Dichtung gerät. Außerdem stand der Falke wegen seinem freien Flug für die Freiheit bzw. als Zeichnen für den hochstrebenden Willen, dem höchsten Streben nach Ruhm oder für ein scharfes Liebesbegehren. „In diesem Sinne findet der Falke im deutschen Minnesang innerhalb des Problemkreises um den „hohen muot“ Verwendung“ (REISER: 1963, 50). Der hohe muot meint das erhöhte ritterliche Lebensgefühl und ist Inbegriff der hohen, beherrschten Glücklichkeit (REISER: 1963, 98). REISER äußert, dass alle diese Symbole primär aus der Beobachtung des in freier Natur lebenden, wilden Vogels erwachsen (vgl. 1963, 50). Seine freie Natur setzt sich manchmal gegen die Zähmung durch und der Falke entfliegt. In diesem Kontext symbolisiert der entflogene Falke den untreu gewordenen Geliebten (vgl. REISER: 1963, 151). Diese männliche Untreue bildet das zentrale Motiv für die weibliche Liebessorge in der Liebeslyrik. Alle diese Bilder des Falken sind eigentlich auf den wilden Falken bezogen und ursprünglich noch nicht an bestimmte gesellschaftliche Schichten gebunden. Anders steht es um die Bilder, die aus dem Bereich der Falknerei stammen (vgl. 1963, 50). „Das Falkensymbol ist nun überaus geeignet, diese gehaltliche Wandlung mitzumachen und das neue Persönlichkeitdideal in sich aufzunehmen. Unter dem Einfluss der rittlerlichen Falknerei [...] vollzieht sich die Umgestaltung vom heldischen Falkensymbol zum Bilde des gezüchteten edlen Jagdfalken, des Jagdfalken als Symbol des vollkommen erzogenen, mit allen höfischen Tugenden vertrauten Ritters, des Fürsten“ (REISER: 1963, 51). ! 29! Der gezähmte Falke spielte auch eine wichtige Rolle. „Die intensive Auseinandersetzung des Menschen mit Natur und Psyche des Vogels, die bei der Falkenzüchtung vor allem in ihrer höfischen Ausprägung Voraussetzung ist, führt zu einer engen Einbeziehung des Falken in die menschliche Gedankenwelt“ (REISER: 1963, 50). In diesem Sinne wurde der gezähmte Falke zum Träger der Symboldeutungen, die über den Aussagegehalt der vorhöfischen Symbolik hinausführen. Nach Reiser wird das Bild des geschmückten, sorgfältig abgerichteten Jagdfalken auf innermenschliche Beziehungen übertragen, was bedeutet, dass das Symbol des wilden Falken als des heldenhaften Geliebten durch das höfische Symbol des gezähmten Falken als des vollkommenen Ritters, der sich einer ausgezeichneten Erziehung und Zucht unterworfen hat, ersetzt wird. Die Dame, die ihn zähmte und schmückte, hat ihm diese Erziehung und Zucht gegeben (vgl. REISER: 1963, 52). Ein anderes symbolisches Merkmal des gezähmten Falken knüpft an die Beziehungsebene an: Um einen Falken zu zähmen und zu gewinnen, braucht man viele Zeit und Kunstfertigkeit. Das gilt auch für die Menschen. Um mit einem Menschen eine engere Beziehung zu haben, bedarf es auch Zeit und noch dazu innerer und äußerer Anstrengung. In diesem Kontext benutzte man so das Symbol der Zähmung des Falken auch, wenn man „die intensive Liebeswerbung und das Sichbeschäftigen mit dem Partner“ ausdrücken wollte (REISER: 1963, 52). Neben den oben beschriebenen symbolischen Merkmalen des Falken erwächst auch eine aus den Schwierigkeiten der Falkenzähmung und aus der Abhängigkeit und relativen Machtlosigkeit des Falkners gegenüber dem Vogel abgeleitete Symbolik. Die aus dem Jagdleben so naheliegende Erfahrung, des sich Lossagens und Entfliegen des wertvollen Falken, überträgt sich auf die Liebesbeziehung, wo Unwägbarkeiten und der Zufall ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Damit wurde ein sehr eingeprägsames Symbol gefunden, die Untreue des Geliebten allegorisch ausdrücken und auslegen zu können (vgl. REISER: 1963, 52). Nach diesen Erklärungen kann man ein entsprechendes, berühmtes Beispiel vom KÜRENBERGER anführen, in dem der gezähmte und entflogene Falke als Symbol für Minneritter fungiert, wobei die Dame im Mittelalter die Rolle der Falknerin spielt: ! 30! Ich zoch mir einen valken mere danne ein jar. do ich in gezamete als ich in wolte han und ich im sin gevidere mit golde wol bewant, er huop sich uf vil hohe und floug in anderiu lant. Sit sach ich den valken schone fliegen: er fuorte an sinem fuoze sidine riemen, und was im sin gevidere alrot guldin. got sende si zesamene die gerne geliep wellen sin. (MF, 8, 33) Die erste Strophe des Falkenliedes berichtet zuerst von der Zähmung eines Falken. Eine Dame zähmt ihren Falken und es hat länger als ein Jahr gedauert, um diesen Falken für sich zu gewinnen. Sie schmückt ihn mit Gold und sieht den Falken als ihren Besitz an. Aber als sie ihn am Ende fliegen lässt, erhebt sich der Falke vil hohe und entfliegt ins fremde Land. In der zweiten Strophe kommt der Falke nicht zurück. Sie preist hier die in der ersten Strophe aufgezählten Vorzüge des Falken; dadurch gibt sie dem Ritter ihre Zustimmung zu seiner Werbung. In diesem Falkenlied übernimmt KÜRENBERGER das Motiv des Falken und der höfischen Falknerei des Mittelalters. Die beiden Strophen stellen einen Bezug zwischen Jagdleben und Minnegeschehen her. Die reizvollsten Beizschilderungen und die genauesten Kenntnisse der Falkenkunst werden dargeboten und allegorisch auf die menschliche Sphäre übertragen (vgl. REISER: 1963, 165). Zunächst sticht die Zähmung des Falken ins Auge. Geduld und Ausdauer werden benötigt, um den Falken zu zähmen. In diesem Zusammenhang tritt das Bild von der Falkenzähmung in diesem Lied als Gleichnis für das Liebeswerben auf. So steht der Falke als ein Sinnbild für den geliebten Partner im Liebesverhältnis (vgl. KASTEN: 2006, 212). Wenn das Falkensymbol berücksichtigt wird, ist zu sehen, dass der edle und sorgfältig gezähmte Falke in diesem Lied durch den Ritter ersetzt werden kann. Aber „unter dem gezähmten, mit kostbaren Zuchtattributen versehenen höfischen Beizfalken ist nicht mehr der junge geliebte Held, sondernder in allen ritterlichen Tugenden vollkommene geliebte Ritter zu sehen“ (REISER: 1963, 147). Folglich kommt in dem Lied die ritterliche höfische Liebesausbildung des Mannes zum Ausdruck. Reiser ! 31! erklärt, dass das Motiv des gezähmten Falken mit Goldschmuck ein aristokratisches Motiv ist, das aus der Beizjagd der Höfe erwachsen war (REISER: 1963, 147). Nach ihrer Meinung wird dieser mit Gold geschmückt, um seinen Flug und seine Schnelligkeit zu behindern (vgl. 1963, 140). Auch SCHWEIKLE erklärt dieses Schmuckmotiv als eine Behinderung und fügt hinzu, dass der Schmuck als Hinweis verstanden werden solle, dass die Dame mit ihrer Herrichtung des Falken etwas Sozialwidriges versucht habe – den Mann in der Kemenate festzuhalten (1993, 370). Außerdem zeige der Schmuck aus Gold die Besitzrechte der Frau am Falken an (REISER: 1963, 178). Sie stellt fest, dass es sich um ein literarisches Motiv handelt, aber gleichzeitig ist im Bereich der Falknerei des Mittelalters zu sehen, dass es Jagdschmuck gibt, wie zum Beispiel Goldschellen, Wappenmedaillen oder Ringe als Wiederfindungsund Erkennungszeichnung (1963, 141). Sie fügt dazu: „An seinen Fängen werden metallne oder goldne Glöckchen, die „schnellen“ (mhd.) angebracht, deren Geläute den Falkner auf jede Bewegung des Tieres uns seinen Aufenthaltsort während der Jagt aufmerksam macht“ (REISER: 1963, 25). Es folgt das Fluchtmotiv des Falken. Der Falke hebt sich vil hohe. Von der sozialen Perspektive her ist vil hohe einerseits ein Kennzeichnen für die Erlesenheit des Falken, nämlich seiner edlen Herkunft. Aber anderseits ist die Veranlagung zum hohen Flug für den Falkner gefährlich (REISER: 1963, 141). REISER behauptet somit, dass ein entflogener Falke im täglichen Leben einen schmerzhaften Verlust für den Falkner bedeutet, aber es wird auf diese Weise in der Literatur die Untreue des Geliebten und eine allgemeine menschliche Erfahrung dargestellt, die zur sehnsüchtigen Klage der Verlassenen führt (vgl. 1963, 52). In dem oben zitierten Falkenlied tritt dieses Risiko ein und die wilde und freie Natur des Falken setzt sich gegen die Zucht durch. In diesem Sinne ist der entflogene Falke in dem Falkenlied ein Symbol für den untreuen Geliebten, der sich aus dem Liebesverhältnis zurückzog und am Ende zur Klage der Dame führt. Im weiteren Verlauf der Arbeit soll die Symbolik des Falken im Bezug auf Kriemhilds Falkentraum untersucht werden. ! ! ! ! ! 32! 2.1.1.2. Zur symbolischen Bedeutung des Falken im Nibelungenlied Die Falkensymbolik war ein wesentlicher Bestandteil der mittelalterlichen Tiersymbolik und spielt in der mittelalterlichen Literatur eine große Rolle. Seit Beginn der germanistischen Forschung haben die in der älteren deutschen Literatur zahllosen Falkenmotive Interesse erregt (vgl. REISER: 1963, 14). „Das Motiv Falkenzähmung scheint erst im Laufe des 12. Jahrhunderts im westeuropäischen und deutschen Bereich entdeckt worden zu sein“ (REISER: 1963, 55). Nach Reiser tritt der Falke in der deutschsprachigen Epik immer in Verknüpfung mit einem Traumerlebnis auf (vgl. 1963, 119). Das berühmteste Beispiel deutscher Falkensymbolik im Traum ist zweifellos Kriemhilds Falkentraum. Es ist in diesem Traum offensichtlich, dass der Falke Siegfried symbolisiert. Obwohl Ute als die Traumdeuterin und auch der Dichter keine Namen nennen und nur von einem anonymen küenen recken (NL: 18, 4) sprechen, wird sowohl von ihr als auch vom Dichter klar gemacht, dass der Falke, von dem Kriemhild träumt, für Kriemhilds späteren Ehemann steht. Aber wir erfahren auch, dass es sich um einen edlen Mann, also um einen Ritter oder zumindest einen Edelmann handelt und dass er gefährdet ist und Kriemhild ihn bald verlieren wird, wenn Gott ihn nicht beschützt: „der valke, den du ziuhest, daz ist ein edel man. in welle got behüeten, du muost in sciere vloren hân.“ (NL: 14, 3-4) Da nun deutlich ist, dass mit dem Falken Siegfried symbolisiert wird, soll erläutert werden, welche Eigenschaften unter der mittelalterlichen Falkensymbolik dem Helden, nämlich Siegfried, zugeschrieben werden. Zuerst tritt das Motiv der Zähmung des Falken im Traum auf. Kriemhild erscheint als Falknerin. Sie zähmt einen Falken für sich selbst und sieht ihn als ihren Besitz an. Von einer detaillierten Zähmung wie im Falkenlied KÜRENBERGERs, wird in Kriemhilds Traum nicht gesprochen, aber Kriemhilds Trauer über den Verlust des Falken spiegelt wahrscheinlich schon ihre Ausdauer und Geduld für die Zähmung ihres Falken wider. Durch die Falknerei vollzieht der Dichter also die Anknüpfung an die spätere Liebesbeziehung von Kriemhild und Siegfried, weil der intensive Prozess der Falknerei im Mittelalter als Symbol für die enge Beziehung zwischen Menschen und speziell für die Liebeswerbung steht. In diesem Kontext hat der Falke im Traum Kriemhilds auch in einem ! 33! erotischen Bezug, denn der Falke im Traum verkörpert den Geliebten und späteren Ehemann Kriemhilds. Ferner wird im Motiv des Falken auch eine Akzentverschiebung, eine Wandlung des Motivs deutlich, nämlich die Umwandlung des alten Motivs in das RitterlichHöfische Motiv. Das mythische Heldenmotiv, mit dem die Traumsymbolik traditionell verbunden ist, wird in den höfischen Rahmen einbezogen. Der Falke wird in dem Traum als „starc, schoen und wilde“ bezeichnet und er wird von der Geliebten, von Kriemhild, gezähmt. In diesem Sinne ist der Falke hier nicht mehr nur der heldenhafte Mann, sondern symbolisiert vor allem den rehte guoten ritter und einen edel man (REISER: 1963, 120). Diese Verwandlung des Falken geschieht nicht durch Gewalttätigkeit oder Macht, sondern - wie in der Wirklichkeit der Falknerei - durch körperliche und emotionale Anziehungskraft, nämlich die Liebe, die Kriemhild für ihn besitzt. Nach Reiser wurden einzelne Schönheitsmerkmale des Falken (starc, schoen und wilde) auch auf den geliebten Menschen übertragen (vgl. REISER: 1963, 49). Die Flugmerkmale des Falken, die für seine Freiheit und das höchste Streben nach Ruhm stehen, werden auch im Nibelungenlied gebraucht. Bis zu seinem Tod ist Siegfried frei wie ein Falke. Zum Beispiel konnte ihn niemand davon abhalten, dass er Gunter bei der Brautwerbung um Brünhild hilft oder auch als Kriemhild versucht ihn wegen ihrem Traum zu warnen und ihm seinen Plan auszureden, als er mit seinen Mördern auf die Jagd gehen will, ist er nicht aufzuhalten. Der Grund dafür ist, dass er sich als ein überlegener Jäger erweisen will. Deswegen kann sie ihn nicht überzeugen und Siegfried, der Falke mit seiner freien Natur, fliegt, wohin er will. Außerdem treffen auch die königlichen und kämpferischen Eigenschaften des Falken auf Siegfried zu. Als die Könige Liudegast und Liudeger das Land der Burgunden grundlos angreifen und zurückgeschlagen werden müssen, tritt Siegfried zum ersten Mal an Gunters und damit an die Stelle des Königs. Der burgundische König gibt ihm den Oberbefehl über alle Truppen, d.h. auch über seine Brüder Gernot und Giselher, über Hagen, Ortwin, Dankwart, Sinhold, Hunold, Volker und ihre Leute (vgl. SCHULZE: 2008, S. 152). Außerdem kämpft er mit den Drachen und siegt mit den tapferen Nibelungen und nimmt den Hort ein. Er wird der König des Nibelungenlands. Er kämpft im Krieg gegen die Dänen und Sachsen (4. Aventiure). Auch seine Stärke und seine Schnelligkeit werden betont: „durch sînes lîbes sterke er reit in menegiu lant “ (NL: 21, 3) Er ist schnell wie ein Falke. Für seine Schnelligkeit kann der Wettlauf mit ! 34! Gunther und Hagen in der 16. Aventiure als Beispiel angeführt werden. Obwohl Siegfried in voller Ausrüstung mit Speer, Schild, seiner ganzen Jagdkleidung, Schwert und Köcher läuft, während Gunther und Hagen nur in weißen Hemden laufen, kommt Siegfried als erster zum Ziel. „dô sach man bî dem brunnen den küenen Sîfriden ê“ (NL: 976, 4) Der Dichter übernimmt das Verlustmotiv der Falknerei21 des Mittelalters und benutzt dieses Motiv im Nibelungenlied. Der Falke Siegfried wird ermordet und diese Ermordung führt zur Klage Kriemhilds. In diesem Kontext könnte hier behauptet werden, dass eine Verbindung zwischen dem Nibelungenlied und dem Falkenlied besteht.22 „In beiden Texten bezeichnet der Falke den Geliebten, den die Frau zunächst an sich bindet und den sie dann verliert“ (SCHULZE: 2008, 101). Aber die Gründe der Verlusterfahrung der beiden Frauen sind unterschiedlich. Wie im Falkentraum Kriemhilds zu sehen war, befreit der Falke sich in ihrem Traum nicht selbst. „Im Nibelungenlied wird die Trennung durch Gewalt von anderer Seite bewirkt, zwei Adler zerfleischen den Falken“ (SCHULZE: 2008, 102). Im Falkenlied befreit der Falke sich jedoch selbst. Es soll jetzt die Verwendung des Falkenmotivs im Traum und seine Deutungsweise auf der Grundlage der Traumbücher des Mittelalters geklärt werden. Nach REISER war die Falkensymbolik, die auch schon in den spätantiken Traumbüchern zu finden ist, ein wesentlicher Bestandteil des mittelalterlichen Wissens und der mittelalterlichen Tiersymbolik (1963, 59). Aber die Deutung des Falken in der Antike war nicht gleich wie im Mittelalter: „Der Falke steht als ein Traumsymbol für ein königliches, schönes Weib, was wohl daher rührt, dass im Altgriechischen „Falke“ Femininum ist“ (REISER: 1963, 53, 54). „Der Falke bedeutet eine königliche und reiche Frau, die auf ihre Schönheit stolz ist, Klugheit und feine Umgangsformen besitzt“ (HERMES: 2000, 78). Aber diese weibliche Deutung des Falken wurde im Mittelgriechischen unter dem lateinischen Einfluss zum Maskulinum umgewandelt. Analog dazu wurde der Falke zum Symbol für den König, den berühmten Mann (REISER: 1963, 54). Nach Reiser gab die Traumsymbolik der Spätantike viele lebenskräftige Anregungen an das Mittelalter weiter (1963, 54). Das im 7. / 8. !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 21 Siehe Oben S. 27. 22„Im Blick auf die Herkunft der Nibelungenstrophe ergeben sich deutliche Indizien für den Weg vom KÜRENBERGER zum Nibelungenlied-Dichter. Zwar könnten beide die Falkenmetaphorik unabhängig voneinander aufgenommen haben, doch die verschiedenartigen Übereinstimmungen signalisieren einen Zusammenhang der Texte. Der Epiker hat das vorgefundene Motiv in seinem Kontex Funktionalisiert, er hat das Bild von Aufziehen des Falken in dem Traum verlegt und die Deutung des Traums - und d.h. der Metaphorik - durch Kriemhilds Mutter hinzugefügt: der der valke, den du ziuhest, daz ist ein edel man“ (SCHULZE: 2008, 102). ! 35! Jahrhundert von Achmet aus Kreta geschriebene Traumbuch wurde 1176 ins Lateinische übersetzt und diese Übersetzung wurde im westeuropäischen Mittelalter sehr bekannt. Diese Traumsammlung ist auch für die alle Tier-Träume der mittelalterlichen Dichtung wichtig. 2.1.1.3. Der Adler im Mittelalter Der Adler ist ein starkes Raubtier, das fast überall auf der Welt vorkommt. Sein kräftiger Schnabel, seine Fänge mit den scharfen Krallen und seine Flugkunst machen ihn zu einem gefährlichen Raubtier, das nur einen Feind kennt: uns, die Menschen. Zu seiner charakteristischen Merkmalen gehört auch seine Tagaktivität, sein majestätisches Flugbild, sein gutes Sehvermögen, sein nach unten gebogener, grimmiger Hakenschnabel, seine kräftige Beine und krallenbewehrten, tödlichen Fänge.23 Mit Hilfe seines scharfen Auges hat er immer einen guten Überblick, wenn er seine Kreise in luftiger Höhe zieht. Seit Jahrhunderten ist der Adler ein wichtiges Tier für die Menschen. Überall gehörten Adler zu den heiligen Tieren, vom früheren Altertum bis ins christliche Mittelalter (GATTIKER: 1989, 459). Bei den Kelten war der Adler das älteste Tier, das über sämtliches Wissen über Vergangenheit und Zukunft verfügen sollte. Er flog den Sonnengöttern voran und deswegen präsentierte er meist den Zenit.24 Griechen, Römern und Persern gilt er als höchster Gott, König der Lüfte und König der Vögel (KORN: 1986, 154). Er war auch der Weissagevogel und er wurde von Zeus als Bote und Vorzeichnen geschickt (LURKER: 1983, 145). Diese Weissagemerkmale des Adlers sind auch in Penelopes Traum zu sehen, in dem der Adler die Rückkehr Odysseus verkündet. Der Adler baut seine Nester hoch in den unzugänglichsten Teilen von Gebirgen, d.h. dort, wo schon immer auch der Sitz der Götter geglaubt wurde. In diesem Sinne könnte behauptet werden, dass der Adler immer ein Symbol des Göttlichen gewesen ist und gleichzeitig von vielen Kulturen bewundernd auch der „König der Lüfte“ genannt wird.25 „Mit seiner enormen Flügelspannweite und der Fähigkeit, sich mit bewundernswerter Kraft und Ausdauer in die höchste auszuschinden und dabei mit scharfem Blick alles unter sich zu erfassen, bot sich der Adler als angemessener !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 23 vgl. Adler. Zitiert nach: http://u01151612502.user.hosting-agency.de/malexwiki/index.php/Adler. Stand 24. 05. 2012. 25vgl. Der Adler. Zitiert nach: http://www.topasmuenchen.de/KrafttierAdlerArchivseiteKrafttiereToPASMunchen.htm. Stand 25. 05. 2012. ! 36! Begleiter für den Herrn des Himmels an, für die Allmacht des Göttlichen Geistes (ZERLINE: 2003, 27). „Da er aber ein Raubtier ist (und somit auch manchmal weiße Tauben schlägt), gilt er andererseits als böser Geist auch als Sinnbild des Teufels.“26 Er ist also Inbegriff aller Schönheit und allen grausamen Schreckens (vgl. ZERLINE: 2003, 26). „Er trug also im Schnabel die Waffen der BlitzDonnergötter, die für Feuer und Furchtbarkeit sorgten“ (ZERLINE: 2003, 27). Es wurde von den Germanen geglaubt, dass der Adler auf dem obersten Zweig des germanischen Weltenbaumes sitze und Midgard27 schütze. Auch in den heiligen Schriften kommt der Adler vor. Als der größte, edelste und kühnste aller Raubvögel spielt in diesen Schriften eine große Rolle. Seine Schnelligkeit und Geschicklichkeit dient meistens zum Vergleich (vgl. GATTIKER: 1989, 464). Er ist auf der einen Seite ein Symbol der Auferstehung und der Himmelfahrt Christi, aber gleichzeitig ist er ein Sinnbild für den Teufel (TELESCO: 2001, 74). Der Adler steht für den spirituellen Weg der Erleuchtung. Er kündigt eine neue Entwicklungsstufe an, er symbolisiert also die Entfaltung der spirituellen Potenzen. Dieser königliche und prächtige Vogel zeigt uns die Weisheit der Schöpfung; er steht für Macht, Gerechtigkeit, Herrlichkeit, Größe, Würde, Licht, Bewusstsein, Freiheit und Kraft. Deswegen findet er sich seit Jahrhunderten auf vielen Wappen von Herrscherhäusern, Institutionen und Staaten (vgl. BAUMGARTEN: 2009, 146). Dem Adler, der oft in enger Verbindung mit dem Falken steht, kommt in Lyrik des Mittelalters eine besondere Rolle zu. Nach Reiser wird der Adler in einen Sinnzusammenhang mit dem Falken gebracht: sie sind Partner, Gegenspieler und Kontrast- „Figuren“. Aber sein Flugbild und ihre Jagdtechnik halten keinen Vergleich mit den Falken aus (REISER: 1963, 30). Adler sind Kurzstreckenjäger, sie fliegen nicht so hoch. Zu ihren Jagdeigenschaften gehören die Jagd in Wäldern und Gestrüpp, der bodennahe, kurze Jagdstoß und der unermüdliche Verfolgungsflug. Deswegen könnte man sagen, dass der Adler ein Vogel von kurzem Atem ist (REISER: 1963, 17). Der Adler hat eine die Kraft des Falken übertreffende Kraft. Aber trotzdem stellt Reiser fest, dass die germanischen Völker seit der Einführung der Beizjagd besonders mit den Falken Jagd gemacht haben. Der Grund !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 26Adler: Zitiert nach: http://hogwartsonline.de/adler.html#religionen. Stand 23. 05. 2012.!! 27Midgard ist die Mittel-, d.h. die Menschenwelt in der germanischen Mythologie. Zitiert nach: http://www.weltdergoetter.de/nordische-goetter/begriffserklaerungen.html. Stand 23. 05. 2012. ! 37! dafür war die Zähmung, weil die Zähmung des Adlers nicht so einfach wie die des Falken war (vgl. REISER: 1963, 33). In der Legenden erscheint der Adler oft als ein Symbol des göttlichen Schutzes (GATTIKER: 1989, 463). Die symbolische Bedeutung des Adlers tritt auch in den literarischen Träumen auf. Der Adler ist ein altes Freiheitssymbol: „Er symbolisiert die Fähigkeit oder das Verlangen danach, sich stolz und würdevoll über die Enge des Alltags zu erheben und mutige Pläne zu verwirklichen“.28 Wenn von einem Adler geträumt wird, sollen die Menschen sich vor ihrer eigenen Gier und/oder der anderer Menschen hüten. Der fliegende Adler bedeutet gleichzeitig die große Ehre. Er hat aber nicht nur gute Bedeutungen in den Träumen. Er ist so auch ein Symbol für heimliche Nachstellung und Feindschaft (PALMER, SPECKENBACH: 1990, 262). Wenn viele Adler zusammen fliegen, kündigt dies die Kollaboration vieler Feinde an (vgl. FISCHER: 1989, 8). Im Folgenden soll gezeigt werden, was die Adler im Nibelungenlied symbolisieren. 2.1.1.4. Zur symbolischen Bedeutung des Adlers im Nibelungenlied Die Adler spielen eine entscheidende Rolle im Falkentraum Kriemhilds. In diesem Traum kommen zwei Adler vor, die Kriemhilds Falken töten. Diese zwei Adler repräsentieren Gunther und Hagen, die Siegfried ermorden. Aber diese Allegorie befindet sich nicht in der Deutung Utes. Nachdem Ute den Falkentraum gedeutet hat, spricht sie nur von einem edel man (NL: 14,3) und sie macht klar, dass Kriemhild ihn bald verlieren soll, wenn Gott diesen edel man nicht schützt. Obwohl es in dem Traum neben dem Falken auch zwei Adler gibt, kommen die symbolischen Bedeutungen der Adler jedoch nicht zur Sprache und erwähnt auch Ute diese zwei Adler nicht. Sie sagt nicht, von wem der durch den Falken symbolisierte edel man ermordet werden wird oder was diese zwei Adler im Gegensatz zu dem Falken symbolisieren. Daraufhin will Kriemhild auf die Liebe verzichten und ohne jemanden kennenzulernen leben. Aber ihre Worte widerspricht der Dichter am Ende der ersten Aventiure und bestätigt die Deutung Utes, indem er von der Zukunft der Geschichte spricht und sagt, dass Kriemhild später die Frau dieses küenen reckens (NL: 18, 4) wurde !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 28Der Adler als Traumsymbol. Zitiert nach: http://hogwartsonline.de/adler.html#traumsymbol. Stand 23. 05. 2012. ! 44! einer Königin träumt, keine Rolle.31 Im Ebertraum sieht alles von Außen her als eine Beobachterin. Aber dieses Mal ist sie aktiv in der erzählten Realität, indem „sie versucht, nachdem sie in ihren Träumen als Beobachterin passiv einen Blick in die Zukunft gehabt hat, aktiv ihren Mann zu überreden, nicht zu der todbringenden Jagd zu gehen.“32 Im Zentrum des Traums steht wieder Siegfried, aber er wird nicht als Tier dargestellt, sondern tritt in einer konkreten Gestalt auf; nämlich als er selbst. Außerdem gibt in diesem Traum eine detaillierte Todesszene während der Jagd, die im Falkentraum nicht vorkommt. Diese ermöglicht, der Art der Ermordung einfach zu verstehen. Zunächst kommen Eber. Nachdem sie von den Ebern geträumt hat, denkt sie an die Jagd, auf der sie Eber jagen werden. Alle diese Entsprechungen machen das Ende Siegfrieds und die böse Tat deutlicher. „Während im ersten Traum nicht gesagt wird, wessen Blut die Blumen färbt, konkretisiert der zweite, dass speziell Siegfried zu Schaden bekommen werde“ (MIEDEMA: 2011, 92). Diese Klarheit des Traums hilft Kriemhild somit sich bewusst zu werden, dass Siegfried in Gefahr schwebt. So tritt in diesem Traum niemand als Deuter auf, sondern sie deutet ihn mit Hilfe ihrer eigenen Wahrnehmung. Sie selbst deutet ihren Traum, daneben weißt sie aber auch um ihre Schuld. Ihre Wahrnehmung spielt jetzt eine wichtige Rolle. An dieser Stelle versteht sie auch ihren ersten Traum und bringt alle Teile ihrer beiden Träume zusammen. Darüber hinaus versucht sie ihren Mann Siegfried vor dem furchtsamen Unheil zu warnen. Da alle diese Warnungen von ihm ignoriert werden, muss es am Ende folgerichtig zu seiner Ermordung kommen. Die Jagdszene ist auch auf eine weitere Art bemerkenswert. Mit List erfährt Hagen durch Kriemhild von Siegfrieds verwundbarer Stelle. Diese Szene zeigt eine Parallele zur Todesszene. In diesem Jagdunternehmen wird schon von Anfang an für den Leser deutlich gemacht, dass Siegfried selbst das gejagte Tier ist (vgl. SCHULZE: 2008, 219). „Siegfried stirbt einen unheroischen Tod ohne Möglichkeit zur kämpferischen Gegenwehr wie ein Tier des Waldes“ (SCHULZE: 2008, 219): Dâ der herre Sîfrid ob dem brunnen tranc, er schôz in durch das kriuze, daz von der wunden spranc daz bluot im von dem herzen vaste an Hagenen wât. !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 31vgl. Alfred ten KATEN: Träume Kriemhilds, http://www.nibelungenlied-gesellschaft.de/03_beitrag/katen/tenkaten.html#_ftnref44. Stand 30. 05. 2012. 32Alfred ten KATEN: Träume Kriemhilds, http://www.nibelungenlied-gesellschaft.de/03_beitrag/katen/tenkaten.html#_ftnref44. Stand 30. 05. 2012. ! ! 45! Sô grôze missewende ein helt nimmer mêr begât. (NL: 981) Wegen seiner höfischen Haltung verdient Siegfried einen so bitterlichen Tod. Wie im Traum stirbt er ohne zu kämpfen und sich verteidigen zu können. Nach seinem Tod werden vom Blut die Blumen rot (NL: 998). Diese Blutszene zeigt Ähnlichkeit mit dem Traum. Sie kommt ähnlich auch im Traum vor, was die wahrsagerische Kraft des Ebertraums unterstützt. Kurz gesagt, ist der Ebertraum wie der Falkentraum eng mit der Handlung verknüpft und auch er hat eine Warnfunktion. So prophezeit er dem Kontext der Ermordung Siegfrieds. Diese Ermordung beendet aber nicht nur Siegfrieds Leben, sondern bedeutet auch das Ende der höfischen Welt. Im folgenden Teil möchte ich einen Überblick über die mit dem Eber verbundenen Vorstellungen innerhalb der mittelalterlichen Zeit und darüber hinaus geben. ! 2.1.2.1. Der Eber im Mittelalter Der Eber war ein beliebtes Jagdtier im Mittelalter. Er ist ein sehr starkes und gefährliches Tier und es ist unmöglich, ihn zu zähmen (vgl. VON MEGENBERG: 2003, 146). Deswegen galt die Jagd auf den Eber als ein Beweis von Heldenhaftigkeit und Stärke. Dazu erhöhte die Jagd des Ebers den Ruhm des Jägers; sie war als Hohe Jagd den Fürsten vorbehalten. „Mit der alles befruchtenden Energie des Ebers verknüpfte sich der Reichtum des Waldes, im übertragenen Sinne der unserer Seele“ (ZERLINE: 2003, 65). Die Bedeutung des Ebers im Mittelalter war sehr groß: „Man bewertete einen Wald oft weniger nach Eignung und Wert zur Holzgewinnung, sondern wie viele Schweine darin Futter finden konnten.“33 Der Eber gilt als Allesfresser (vgl. VON MEGENBERG: 2003, 146). Der Eber, der ein großes Tier ist, ist auch alle Zeit laut, grimmig und scharf (vgl. VON MEGENBERG: 2003, 146). Wegen seiner Gefräßigkeit ist er auch ein verbreitetes Symbol für Niedrigkeit und Verrohung. Durch alle diese auffallenden Eigenschaften des Ebers entstanden die allegorischen Deutungen im Mittelalter und der Eber fand Eingang in Märchen und Sagen. Wegen seiner Größe und Kraft war der Eber auch ein Symbol und Vorbild für den !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 33H.-D. DANNENBERG: Schwein habenHistorisches und Histörchen vom Schwein. Zitiert nach: http://www.schweinestammtisch.de/interessantes/historisches.html. Stand 26. 05. 2012. ! 46! Kämpfer, die männliche Stärke und Führung (vgl. ZERLINE: 2003, 65). Nach ZERLINE waren die sichere physische Kraft, sein Mut wie seine Standhaftigkeit und die blinde Wut seines Angriffs bestens geeignet, die Wertvollstellungen der Kriegerkaste zu verkörpern, ja die heilige Raserei des Kriegsgottes selbst darzustellen (vgl. 2003, 65). Auch im Christentum trat der Eber auf. Das Christentum brachte den Eber mit den Machenschaften alter Kulte, den Triebkräften des Teufels sowie der Brutalität, dem unbeherrschten Zorn und der ungezügelte Sinneslust zusammen (vgl. ZERLINE: 2003, 65). Sein Angriff galt im psychologischen Sinne als ein Zustand geistiger Dürre, in dem nichts Fruchtbares mehr passieren kann (vgl. ZERLINE: 2003, 66). Der Eber war also ein häufiges Symbol in Träumen. Er war auch ein Symbol für die Warnung vor Neidern (vgl. BAUMGARTEN: 2009, 216). Der Eber zeigt in diesem Zusammenhang einen mächtigen, rücksichtslosen und gewalttätigen Gegner, der eine brutale Sprache spricht (vgl. HERMES: 2000, 77). Wie gesehen, steht die Symbolik des Ebers als Anzeichen für die Gefahr und den Gegner. Im Folgenden sollen diese symbolischen Bedeutungen des Ebers im Ebertraum Kriemhilds untersucht werden. Damit wird gezeigt, welche Figuren durch die Eber in ihrem Traum verkörpert werden. 2.1.2.2. Zur symbolischen Bedeutung des Ebers im Nibelungenlied Als Angreifer treten in diesem Traum zwei Ebern auf, die Siegfried und uns die Gefahr erkennen lassen. Nach WITTMER-BUTSCH begegnet man auffallend häufig dem Schwein als Symbol für negatives Verhalten (1990, 333). Der Dichter des Nibelungenliedes übernimmt wegen der grausamen Tat diese negative Symbolik des Ebers, obwohl der Eber auch die Kraft und den Kämpfer bedeuten kann. Damit macht er dem Leser im Nibelungenlied noch einmal klar, dass an dieser Stelle Gunther und Hagen, diesmal in Form zweier Eber auftreten. Die Verwendung der zwei Eber für Gunther und Hagen erklärt auch die Beziehung Siegfrieds zu seinen Mördern. Es wurde schon gezeigt, dass der Eber als ein Symbol für Gier, Verrohung und Niedrigkeit gelten. Alle diese symbolischen Bedeutungen des Ebers gehen auf seine Gefräßigkeit zurück. In diesem Sinne fühlen wir uns an Hagens bösen und ! 47! gierigen Gedanken über den Hort Siegfrieds erinnert.34 Eine andere passende Bedeutung des Ebers ist der Eber als rücksichtsloser und gewalttätiger Gegner.35 Diese Sinngebung offenbart das an den Traum anknüpfende Geschehen. Kriemhild nimmt die Gefahr, die von der Jagd ausgeht wahr, denn sie sieht in ihrem Ebertraum eine Warnung vor der Gefahr, die von irgendwelchen Personen ausgehen wird. Sie weiß auch, dass diese Personen in sich Gier, Hass und eine sehr starke und tiefe Abneigung gegen Siegfried tragen. Sie ist sich sogar bewusst ist, dass diese Abneigung gegen Siegfried von dem ihren Streit mit Brunhild herrühren könnte. Siegfried ist sich sehr sicher, dass es für ihn keine Gefahr gibt. Aber die zwei Eber greifen dennoch an. Gunter und Hagen werden durch die Gleichsetzung mit den Ebern außerdem auch die teuflischen Eigenschaften des Ebers zugeschrieben.36 Hagens Plan führt zu Gewalt und diese Gewalt verursacht nicht nur den Tod Siegfrieds, sondern diesem Tod folgt die Rache Kriemhilds, die die Burgunden zum Untergang führt. Wenn hier auch noch mal der Falkentraum betrachtet wird, kann man behaupten, dass der Ebertraum eine Verdopplung des ersten Falkentraums ist, in dem die Ermordung Siegfried zum ersten Mal vorgezeichnet wurde. Obwohl die Deutungen der beiden Träume gleichgesetzt werden, gibt es jedoch hinsichtlich der symbolischen Bedeutung der Tiere Unterschiede. Der Dichter wählt in diesem zweiten Traum den Eber aus, um durch den Traum stärker seine negative Bewertung der Tat zu übermitteln. Im Vergleich zum Adler wertet er mit dem Symbol des Ebers die Täter ab von einem königlichen, adeligen Vogel hin zu einem gefräßigen, gierigen Tier. Er schafft eine Deutungsverdopplung dieser negativen Bewertung, indem er das Tier auch als Jagdtier in der Geschichte einführt. Auf diese Weise kommt der Eber zwei Mal im Nibelungenlied vor und kündigt so den grausamen Tod Siegfrieds an. Daneben detailliert der Dichter den Traum anders als den Falkentraum und fügt eine Szene hinzu, in der die Blumen mit Siegfrieds Blut bedeckt werden, das die zwei Eber verursachen. In dem Falkentraum kommt die Ermordungsszene des Falken überhaupt nicht vor. Kriemhild sagt lediglich, dass ihr Falke zerfleischt wurde. Aber der Leser bekommt nicht mit, wie oder wo diese Tat geschah. Durch diese Details gibt der Dichter weitere Hinweise, da der Ort auch eine bedeutende Rolle wird, der im Traum beschrieben wird. Die Jagd ist ein wichtiger Teil der höfischen Welt und mit den Blumen wird dieser !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 34 vgl. Siehe Oben S. 39. 35 vgl. Siehe Oben S. 46. 36 vgl. Siehe Oben S. 46. ! 48! Teil der höfischen Welt verschönert. Wenn man in diesem Sinne Gunter und Hagen zu diesem Symbol in Bezug setzt ist zu sehen, dass sie durch die Bedeckung der Blumen mit Siegfrieds Blut die Schönheit der höfischen Welt schänden. Im Folgenden werde ich mich mit den Tier-Träumen Kriemhilds in Bezug auf Speckenbachs Funktionalisierung von Träumen in der Literatur beschäftigen. ! 2.1.3. Funktionen der Träume in der Handlung Die Tier-Träume Kriemhilds ermöglichen uns auch die Funktionen von Träumen nach SPECKENBACH (1976, 180) zu unterscheiden und zu verdeutlichen: Die erste Funktion von Träumen laut SPECKENBACH besteht in der Förderung der Handlung. Zusammen mit Haag kann behauptet werden, dass der Dichter Kriemhild in der ersten Aventiure hat träumen lassen, um die Handlung des Werkes weiter voran zu treiben. Als Beispiel kann also der Falkentraum Kriemhilds in der ersten Aventiure angeführt werden. Dieser Tier-Traum führt zu einem Gespräch Kriemhilds mit ihrer Mutter Ute. In diesem Gespräch wurden Siegfried, seine Beschreibung und seine Eigenschaften in die Handlung eingeführt. Nach Deutung des Traums wird deutlicher, dass es in dem FalkenTraum um die Liebe eines Mannes geht. Später kommt die Heirat, wie es im Traum ankündigt wurde. Wie bereits erwähnt, träumt sie ganz am Anfang des Nibelungenliedes, wenn wir noch nichts über die weitere Geschichte wissen. Wenn man diesen ersten Traum genau betrachtet und analysiert, bemerkt man, die symbolischen Bedeutungen, die die weitere Geschichte prophezeien, zu einem Spannungsanstieg führen und damit die Handlung fördern. Auch in den späteren Tier-Träumen Kriemhilds ist diese Eigenschaft, die die Geschichte weiterführende Funktion, genau zu beobachten. Indem sie den Ebertraum träumt, verstärkt sich die Vorahnung des Todes aufseiten des Lesers und aufseiten Kriemhilds. Dieser Traum führt auch zu ihrem Gespräch mit Siegfried, in dem sie ihn warnt, bevor er auf die Jagd geht. Die beiden Tier-Träume kündigen mit verschiedenen Tieren den Tod Siegfrieds an. Aber wegen der Ignoranz der Protagonisten geht die Geschichte bis dem Untergang weiter. Auch die zweite Funktion Schaffung von Stimmung durch die Bildsprache des jeweiligen Traumes ist in den Tier-Träumen Kriemhilds zu finden. Mit den Stimmungen, die ! 49! durch die symbolische Bedeutungen der Tier-Träume geschaffen werden, erreicht der Dichter im Nibelungenlied sein Ziel. Man kann für das Nibelungenlied sagen, dass diese Stimmungsvermittlung in allen Tier-Träumen von Kriemhild beachtlich ist. Die Träume und die Symbole folgen einander. Obwohl die Tier-Träume zwei unterschiedlichen Träumen sind, führt die Stimmung ihrer Bildsprache zudem Eindruck, dass diese Träume eins sein könnten. In diesem Sinne macht die Bildsprache beider Tier-Träume auf ein Drama in der Zukunft der Geschichte aufmerksam und sie zeichnen mit ihren Symbolen deutlich den brutalen Verlauf der Handlung des Nibelungenliedes vor. Die dritte Funktion SPECKENBACHS, die epische Vorausdeutung, ist im Nibelungenlied sehr auffallend, weil die beiden Tier-Träume die Handlung vorausdeuten und damit auch der Dichter im Nibelungenlied das zukünftige Geschehen vorwegnimmt. Sie verweisen auf den Mord an Siegfried und auch auf den Untergang der Burgunden. Die TierTräume haben wahrsagerische Kraft: Das Ende der Liebesgeschichte wird z.B. von Anfang an durch den Falkentraum vorgegeben. Auch die vierte Funktion von Träumen, nämlich die Verknüpfung auseinanderliegender Handlungsepisoden, ist im Nibelungenlied zu sehen. Die Tier-Träume binden verschiedene Teile der Handlung des Nibelungenliedes aneinander. Der Falkentraum zum Beispiel kann als Verbindung verschiedener Teile der Handlung sowie Liebe, Heirat, Jagd und Ermordung gesehen werden. In diesem Traum wird die Liebe zwischen Kriemhild und einem edlen Mann zum ersten Mal ankündigt. Dann kommt Siegfried zu den Burgunden und sie heiraten, wie es durch den Falkentraum prophezeit wurde. Außerdem verknüpft der Traum die Szene des Zerfleischens des Falken mit der Ermordung Siegfrieds auf der Handlungsebene. Die letzte Funktion der Träume, die Schaffung einer Transparenz mit Hilfe der allegorischen Denkweise gestaltet der Dichter im Nibelungenlied, indem er durch die allegorische Ausdrucksweise der Träume eine gewisse Transparenz entstehen lässt. Er benutzt Tiere in den ersten zwei Träumen Kriemhilds und bringt dem Leser damit das Geschehen und die einzelnen Protagonisten des Nibelungenliedes näher, weil die symbolischen Bedeutungen dieser Tiere auf die anwesenden Personen übertragen werden können. Im folgenden Teil soll die symbolische Bedeutung des Drachen in Herzeloydes ! 50! Traum in den Blick genommen und untersucht werden, welche Rolle und Funktionen der Drache in dem Traum Herzeloydes im Parzival hat. Dazu muss beantwortet werden, wie dieser Drachentraum durch seine Allegorien die Geschichte und das Leben Parzivals entschlüsselt. ! 2.2. Herzeloydes Traum im Parzival Im Parzival37 des Wolframs von Eschenbach kommen vier Träume vor.38 Aber Herzeloydes Drachentraum tritt wegen seiner allegorisch verschlüsselten Funktion hervor. Herzeloyde, die Mutter des Parzival, träumt von einem Drachen, als sie schwanger war. Dieser Drachentraum spielt eine wichtige und prophetische Rolle im Parzival. Nach WITTMER-BUTSCH könnte sich die Geburt eines Kindes mit großer Zukunft im Traum der Mutter ankündigen (vgl. 1990, 320). So ist dieser Traum wegen seiner Bildlichkeit und Emotionalität der Darstellung beachtlich. Es handelt sich deutlich um einen Angsttraum. Wolfram zeigt durch den Traum, dass die Figur der Herzeloyde besonders ist. Der Traum spiegelt Herzeloydes Witwenschaft aber gleichzeitig ihr Mutterbild wider und verknüpft diese mit einer prophetischen Szene. Während der Traum mit der Symbolik des Drachen die Geburt eines Herrschers ankündigt, behandelt er also auch den Tod Aber nicht nur den Tod ihres Mannes, sondern auch den Abschied von Parzival und ihren eigenen Tod. Nach GREENFIELD beginnt Herzeloydes Klage durch diesen Traum und fängt die Klage über ihren Witwenstand mit diesem Traum an (vgl. 2002, 169). Kurz nachdem sie den Drachentraum geträumt hat, erreicht sie die Nachricht des Todes von Gahmuret, wie es im Traum prophezeit wurde. Sie fällt gleich in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kommt, ist sie nicht die gleiche Herzeloyde, die vor dem Traum und der Ohnmacht dargestellt wurde. Nach GREENFIELD kommt es hier zu einen Rollenwechsel: Sie ist nicht mehr nur die Witwe Gahmurets, sondern auch eine Mutter. Sie gebärt, wie sie auch in ihrem Drachentraum geboren hat. In diesem Sinne nimmt sie gleichzeitig mit der Witwenauch eine Mutterrolle ein; sie identifiziert ihr Kind mit ihrem verstorbenen Mann und ihre Geburt hindert sie daran, an den durch den Tod ihres Mannes ausgelösten Schmerzen zu sterben (vgl. GREENFIELD: 2002, 169). Außerdem führt Herzeloydes Witwenstand zur lückenhaften !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 37Parzival zitiere ich nach der Ausgabe von Karl Lachmann: Parzival, Walter de Gruyter, 2003.! 38Außer Herzeloyde träumen Parzival(245,1-19), Lippaut(374,3-6) und Gawan(628,12-4). Vgl. Hartmann: 2000, 291. ! 51! höfischen Erziehung ihres Sohnes (vgl. GREENFIELD: 2002, 160). Es könnte behauptet werden, dass Herzeloyde ihren Traum versteht und ihn durch ihre eigene Wahrnehmung deutet, ohne ihn jemandem zu erzählen, weil die Geburt ihres Sohnes gleich auf die Geburt des Drachen in ihrem Traum folgt. So entsteht eine augenfällige Umdeutung der Witwenrolle durch Herzeloyde: „anstatt die Klage einer höfischen Witwe darzustellen, die über ihre minne zu ihrem toten Gatten spricht, ist Herzeloydes Klage, die einer verwitweten Mutter, sie sich über die Zukunft ihres Sohnes Sorgen macht (GREENFIELD: 2002, 171).“ In diesem Kontext könnte man behaupten, dass dieser Traum eine Übergangsfunktion hat von der Vorgeschichte, der Handlung Gahmurets im ersten Buch, zur Haupthandlung, nämlich der Handlung des Parzivals im zweiten Buch. „Der Traum, auf den später mehrfach Bezug genommen wird (245,6-8; 337,11; 476, 27-30), erzeugt eine Atmosphäre der Bedrohung, spricht verschlüsselt von Tod, Geburt und Verlust. Zusammen mit den Klagen der Erzählers (103, 18-24) bereitet er das Publikum auf den Leidensweg der eben noch als Inbegriff höfischer Schönheit und Idealität gefeierten Königin vor, sendet „boten künftigiu leit (245,4)“ (HARTMANN: 2000, 292). Im ersten Buch wird von den Abenteuern Gahmurets, wie er ein berühmter Ritter wird und wie er in vielen Ländern kämpft, erzählt. Außerdem wird von seiner Begegnung mit der schwarzen Königin Belekane und seinem Weggehen berichtet. Ohne Abschied zu nehmen, verlässt er die Königin Belekane. Im zweiten Buch tritt er in seine neue Ehe, mit Herzeloyde, ein. Nachdem er auch von Herzeloyde weggeht, erscheint der Drachentraum und bildet damit einen Übergang zur Handlung Parzivals. Außerdem erregt der Drachentraum durch seine Symbolik Aufmerksamkeit. Nach HARTMANN machen die Traumbilder und besonders die Symbolik des Drachen den Traum herausragend und bemerkenswert, weil alle Bilder des Drachentraums Herzeloydes nicht aus einer Quelle stammen, sondern sowohl aus Bibel und Antike als auch aus mittelalterlicher Dichtung (vgl. 2000, 291). Wolfram bringt alle diese Quellen zusammen und er lässt damit die Traumbilder kunstvoll ineinander fließen. ! 2.2.1. Herzeloydes Drachentraum Eines Nachmittags hat Herzeloyde einen unglücklichen, schrecklichen Angsttraum, in dem sich eine Gleichsetzung zweier Personen vollzieht: Ihr erscheinen Gahmuret und Parzival, ! 52! der Geliebte und der Sohn, als identisch und nicht voneinander zu trennen. Sie stehen beide gleichermaßen für den Zielpunkt ihres Traums (vgl. BACHORSKI: 2007, 33). Dieser Traum ist im zweiten Buch Parzivals zu finden: diu frouwe umb einen mitten tac eins angestlîchen slâfes pflac. ir kom ein fortlîcher schrîc. si dûchte wie ein sternen blic si gein den lüften fuorte, dâ si mit kreften ruorte manc fiurîn donerstrâle, die flugen al zemâle gein ir: dô sungelt unde sanc von gänstern ir zöpfe lanc. mit krache gap der doner duz: brinnde zäher was sîn guz. ir lîp si â nâch wider vant, dô zuct ein grif ir zeswen hant: daz wart ir verkêhrt hie mite. si dûchte wunderlîcher site, wie si waere eins wurmes amme, der sît zerfuorte ir wamme, und daz der gâhes von ir flüge, sô daz sin nimmer mêr gesach. daz herze err ûzem lîbe brach: die vorhte muose ir ougen sehen. (PZ: 103, 25-30; 104, 1-17) Gahmuret ist ein halbes Jahr weg von Herzeloyde, als sie diese ihren grausamen Drachentraum träumt. Deswegen könnte man behaupten, „der Traum wird deutlich motiviert durch ihre Liebe und ihr sehnsüchtiges Warten auf den vermissten Gahmuret (BACHORSKI: 2007, 32). BACHORSKI stellt fest, dass dieser Gefühlzustand den Humus für den Traum bildet und ihre Wünsche und Sorgen in den Traum transportiert werden, nämlich ihre Sehnsucht nach Gahmuret sowie ihre Angst aufgrund seiner Abwesenheit (vgl. 2007, 30). Nach HARTMANN können die Bilder des Drachentraums Herzeloydes in drei Teile eingeteilt werden: 1. Flug durchs Gewitter (103, 28-104-6), 2. Angriff eines Greifen (104,7), 3. Geburt und Säugung des Drachen (104,9-17):39 Zuerst ist im Drachentraum zu erfahren, dass Herzeloyde wie ein sternen blic (103, 28) in die Lüfte erhebt. Nach ROßKOPF ist die von Wolfram im Traum mit sternen blic und si gein den lüften fuorte beschriebene Atmosphäre kein biologischer Lebensraum des Menschen oder der Tierwelt, sondern meint Wolfram damit einen heilgeschichtlich und !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 39Diese Teile entsprechen wegen ihrer allegorischen Bilder der Bibel, der antiken und der mittelalterlichen Dichtung. Siehe dazu oben S. 59. vgl. HARTMANN: 2000, 291. ! 53! religiös bedeutsamen Ort (vgl. 1972, 49). HARTMANN äußert überdies, dass die Bedeutung dieses Kompositums mit sternen blic nicht ganz klar ist. Aber er fügt hinzu, dass die Forschung den Blitz von einem Stern meistens als Meteoriten oder Kometen auffasst (vgl. 2000, 292). Kometen und Sternschnuppen fungieren im Allgemeinen als Unheilboten Seit der antiken Zeit waren sie ein Symbol für bevorstehende Katastrophen wie Krieg, Pest, Hungersnot, den Tod Königs usw. (vgl. HARTMANN: 2000, 294). Für den Dichter wurde diese Sternschnuppe zum menschlichen Todessymbol und die Luft galt ihm als der Raum des Bösen und der ewig Verdammten (vgl. ROßKOPF: 1972, 56). Gleichzeitig sind Blitz, Donner und Feuer seit alters ein Attribut für die höchsten Götter und Nähe Gottes (vgl. 1972, 56). Aber sie sind im Traum Herzeloydes nicht positiv dargestellt. Alle die schrecklichen Erscheinungen von Blitzen, Donnerstrahlen und Funken konzentrieren sich auf Herzeloyde, sodass diese infolgedessen in Flammen aufzugehen droht. Genau diese Symbolik findet sich auch im Neuen Testament in der Johannes Apokalypse.40 Nach BRALLTUCHEL geht es in diesem Traum der Gattin und werdenden Mutter um eine religiös inspirierte Apokalypse bzw. eine Vision, die auf geläufige Bilder, Symbole und Vorstellungen aus dem Inventar der zeitgenössischen Frömmigkeit herstammt (2004, 76). In beiden Fällen gibt es eine schwangere Frau zwischen Donnern und Blitzen im Mittelpunkt. „Die apokalyptische Himmelserscheinung taucht bei Wolfram im Medium eines Traumes (somnium, visio) auf. Die Träumerin, die sich in einem affektiven Ausnahmezustand befindet, bezieht dieses biblisch bezeugte Himmelszeichen, das auch in der religiösen Bildüberlieferung einen prominenten Platz einnimmt, auf sich und ihre krisenhafte Lebenssituation“ (BRALL-TUCHEL: 2004, 75). In der Johannes Apokalypse gibt es eine Frau, die mit der Sonne bekleidet ist. Der Mond ist unter ihren Füßen und sie hat einen Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Bei Herzeloyde gibt es keinen Mond oder Kranz, aber sie ist mit der Aussicht eines Sternes umgegeben. In beiden Fällen kommt auch ein Drache vor. In der Johannes Apokalypse bedroht dieser Drache die Frau und das Kind und er will ihr Kind verschlingen, nachdem es geboren ist. Der Drache sucht das messianische Kind, den kommenden Weltenrichter, um nach der Geburt des Kindes dieses zu verschlingen. Aber die Frau flieht vor diesem Drachen. Dagegen wurde Herzeloyde zur Mutter des Drachen und säugt sogar den Drachen. Nach BRALL-TUCHEL gibt es im Traumtext überdies eine beachtliche Umdeutung: Anders !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 40 Siehe Anhang VII. ! 60! Die zweite Funktion ist die Schaffung von Stimmung durch die Bildsprache des jeweiligen Traumes. Die Bildsprache im Traum Herzeloydes bildet eine komplexe Metapher, die für die Deutung des Parzival unerlässlich ist. Durch die Bildsprache im Traum, so kann man festhalten, verweiset dieser auf die künftigen Ereignisse und zeichnet mit seiner Bildsprache eindeutig den Verlauf der Handlung vor. Das erste Traumbild zeigt besonders Herzeloydes eigenes Leid. Im folgenden Traumbild erscheint der Drache und damit verstärkt sich das Bild zu einer Gesamtstimmung. „Vor der Geburt Parzivals stellen sich mit dem Drachentraum die ersten Darstellungen ein, die erahnen lassen, dass Parzival nämlich den zukünftigen Gralskönig keine normale Kindheit erwarten wird.“50 Das letzte Bild steht für ihren eigenen Tod. Obwohl diese Traumbilder grundverschieden sind, ist jedoch die durch sie entstehende Stimmung gleich. Der Drachentraum stellt auch die epische Vorausdeutung dar. Wolfram ermöglicht mit dem Drachentraum eine epische Vorausdeutung der Zukunft der Figuren. Der Drachentraum Herzeloydes nimmt durch seine prophetische Funktion die Schicksale der Figuren voraus. Der Autor hat den Drachentraum an dieser Stelle des Werks merkwürdig sperrig in den Gang der Erzählung eingebettet. Denn es scheint, als sei unmittelbar an den Bericht von dem zuerst glücklichen Herrscherinnenleben Herzeloydes eine düstere epische Vorausdeutung des Erzählers angeschlossen worden (vgl. BACHORSKI, 2007, S. 28). Der Traum steht kurz vor der Nachricht des Todes von Herzeloydes Mann und Parzivals Geburt. Die drei unterschiedlichen Teile des Drachentraums lassen den Leser in die Zukunft schauen. Als Beispiel kann man Flugmotiv des Drachen anführen. Im Traum fliegt der Drache weg. Dieser Flug bedeutet, dass auch Parzival eines Tages von Solt1âna weggehen wird. Außerdem reißt der Drache das Herz Herzeloydes aus ihrem Leib, was metaphorisch ihren eigenen Tod darstellt. Als die vierte Funktion bezeichnet SPECKENBACH die Verknüpfung auseinanderliegender Handlungsepisoden. Der Drachentraum verbindet das erste Buch und das dritte Buch des Parzival miteinander. Während es im ersten Buch um Gahmuret geht, spielt der Drachentraum eine Brückenrolle und durch ihn wendet sich im zweiten Buch die Handlung Parzival zu. Nach MÜLLNERITSCH steht der Traum Herzeloydes unmittelbar mit der Geburt des (Haupt-)Protagonisten in Zusammenhang und hat auch im weiteren Verlauf !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 50vgl.!Helga MÜLLNERITSCH: Letale Mutterliebe: Szenen einer Mutter-Kind-Beziehung zwischen Traum und Trauma in Wolframs von Eschenbach Parzivâl, S. 25. Zitiert nach: http://cma.gbv.de/dr,cma,013,2010,a,02.pdf. Stand 06. 06. 2012.! ! 61! des Textes spürbaren Einfluss, deswegen markiert er seiner Ansicht nach den Beginn von Parzivals Kindheit, auch wenn diese im engeren Sinn erst mit seiner Geburt eintritt.“51 Die letzte Funktion der Träume ist es, dass mit Hilfe der literarischen Träume durch die allegorische Darstellungsweise eine gewisse Transparenz entsteht. Die durch Wolfram im Traum Herzeloydes verwendeten Symbole wie Blitz, Donner oder der Drache und die mit diesen Symbolen geschaffene Traumszene lassen den Leser die einzelnen Protagonisten des Parzival erkennen, weil die jeweiligen Merkmale der Symbole auf die jeweiligen literarischen Figuren übertragen werden können. Wie ROßKOPF bemerkt, lässt der Dichter mit Hilfe der Symbolsprache die ganze Handlung gleichsam in einem von ihm geschaffenen mittleren Raum geschehen. Er will damit nicht nur Anschaulichkeit erreichen, sondern auch den Leser dazu anregen, ein letztlich unaussprechbares Geschehen in einem abstrakten Denkprozess selbst weiterzuführen (1972, 30). ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 51Helga MÜLLNERITSCH: Letale Mutterliebe: Szenen einer Mutter-Kind-Beziehung zwischen Traum und Trauma in Wolframs von Eschenbach Parzivâl, S. 20. Zitiert nach: http://cma.gbv.de/dr,cma,013,2010,a,02.pdf. Stand 06. 06. 2012. ! 62! 3. Schlussbemerkung In der vorliegenden Masterarbeit ist versucht worden, die Rolle der weiblichen Tier-Träume Kriemhilds und Herzeloydes innerhalb dieser zwei wichtigen Werke des deutschen Hochmittelalters zu untersuchen. Es war schon im Vorhinein klar, dass der Gattungsunterschied der Werke in meinen Untersuchungen keine Rolle spielen würde. Obwohl die zwei Werke das Nibelungenlied und Parzival in vielerlei Hinsicht ganz unterschiedlich sind, ist es besonders interessant, dass die Tier-Träume der weiblichen Figuren trotz dieses Unterschiedes gemeinsame Funktionen haben. Es sollte weiterhin gezeigt werden, dass die Tiere in diesen Träumen eine sehr bemerkenswerte und ausdrucksvolle Rolle spielen. Im ersten Teil dieser Arbeit sind die Träume und die Traumdeutung in der Antike und in der antiken Literatur herausgearbeitet worden, weil das Traumverständnis des Mittelalters und der mittelalterlichen Literatur auf der Antike beruhen. Es wurde zuerst dargelegt, inwiefern der Traum ein wichtiger Bestanteil des antiken Lebens war. Der Traum galt als das älteste Orakel der Menschheit. Deswegen reizte der Traum die Menschen der antiken Zeit; über den Traum entstanden verschiedene Meinungen und vieles wurde darüber geschrieben. Ferner wurde geglaubt, dass der Traum Ratschläge, Vorboten, Warnungen, Heilung usw. vermittelte. Der Glauben an den Traum war so stark, dass es nicht als normal betrachtet wurde, wenn jemand sagte, dass er nie träume. Die Traumdeutung wurde sogar als Beruf angesehen. In allen sozialen Schichten war die Suche nach Deutungsmöglichkeiten weit verbreitet. In diesem Rahmen entstand im zweiten Jahrhundert das Traumbuch von Artemidor, das heute als Grundlage für die mittelalterliche Traumdeutung gilt. Außerdem wurde der Traum als notwendige Erscheinung betrachtet und wegen seiner Wichtigkeit spielte der Traum in der Literatur öfters eine zentrale Rolle. In diesem Kontext wurden die Träume von Klytaimnestra und Penelope als Beispiele angeführt, um die Funktionen der im Traum vorkommenden Tiere, die Parallelen, aber auch Unterschiede bzw. Weiterentwicklungen oder Auslegungen der Traumdeutungen in der Antike vorzustellen. Diese zwei Tier-Träume wurden versucht nach den damaligen Deutungsschemata und Traumbüchern zu deuten. Infolgedessen wurde festgestellt, dass die Tiere in den beiden Tier-Träumen eine beachtliche Rolle spielen, sofern die Leser die symbolischen Bedeutungen des Tieres erkennen. In dieser Weise lassen diese Träume mit ihrer ! 63! Tiersymbolik den Leser in die Zukunft schauen. Des Weiteren geht es in diesem Teil auch um den Traum und die Traumdeutung im Mittelalter. Der Traum bildete den Mittelpunkt der mittelalterlichen Wissensstruktur. Für die damaligen Menschen enthielten die Träume Mitteilungen und sie galten als die rätselhaften Erlebnisse, die sich unbedingt deuten lassen mussten. Deswegen entwickelten sich verschiedene Traumtheorien. Im Mittelalter gab es drei Arten von Träumen: die von Gott stammenden, die von Dämonen gesendeten und die gewöhnlichen Träume. Außerdem entstand eine Traumtheorie, die von fünf Grundtypen von Träumen ausging und zwar dem enigmatischen Traum, der prophetischen Vision, dem Orakeltraum, dem Albtraum und dem Erscheinungstraum. Darüber hinaus gibt es viele erhaltene mittelalterliche Schriften, die Träume enthalten. Die Wichtigste ist das TraumBuch mit dem Namen Somniale Danielis, das stellenweise direkt, stellenweise indirekt auf Artemidors Traumbuch beruht. In der Literatur des Mittelalters machen Träume einen beträchtlichen Teil vieler Werke aus. In der Literatur des Mittelalters sind Tier-Träume besonders wichtig, da die Tiere weitgehend für Spannungsmomente in der Geschichte sorgen und ihre Symbole zur Entschlüsselung der Handlung beitragen. In diesem Kontext wurden die Tier-Träume Kaiser Karls im Rolandslied auf der Grundlage der mittelalterlichen Traumbücher analysiert. Damit wurden sowohl die wegweisenden und entschlüsselnden Funktionen der Tiere im Traum als auch die Unterschiede der weiblichen und männlichen Tier-Träume, die für den weiteren Verlauf der Arbeit wichtig sind, deutlich herausgearbeitet. Der Hauptteil der Arbeit besteht zuerst aus einer Vorstellung der anderen weiblichen Tier-Träume im Mittelalter. Damit sollte deutlich gemacht werden, dass TierTräume nicht nur im Nibelungenlied und Parzival vorkommen. Deswegen wurden die TierTräume der Mütter des Heiligen Dominikus und Bernards von Clairvaux als Beispiel genommen, um zu verdeutlichen, dass die Tiere in den weiblichen Träumen der mittelalterlichen Texte immer eine verschlüsselte Funktion haben und eine bedeutsame Rolle spielen. Die zwei Mütter der Heiligen träumen von Hunden, als sie schwanger waren. Diese Hunde kündigen die Zukunft an und sie versinnbildlichen das Schicksal der Kinder, d.h. der Heiligen. Mithin konnte in der ausführlichen Deutung auch festgestellt werden, dass diese zwei Tier-Träume der Mütter sich im Vergleich mit den antiken Tier-Träumen von diesen kaum unterscheiden. Außerdem ermöglicht die Symbolik der Tiere dem Leser, die Zukunft vorherzusehen. Nach dieser Analyse wurde der Schwerpunkt der Arbeit erörtert und ! 64! zwar die Tier-Träume von Kriemhild und Herzeloyde. Kriemhild, eine der wichtigsten Figuren im Nibelungenlied, träumt zwei Tier-Träume, in denen drei verschiedene Tiere vorkommen: Falke, Adler und Eber. In dem ersten Traum ist der Falke ein Symbol für Siegfried. Die zwei Adler symbolisieren Gunter und Hagen. Obwohl der Dichter im ersten Traum keinen Namen erwähnt, ist jedoch eine solche Deutung des Traums durch diese Tiere möglich. Im zweiten Tier-Traum Kriemhilds wählt der Dichter kein Tier für Siegfried. Er erscheint im Traum, wie er ist. Es treten aber in diesem Traum zwei Eber auf. Wenn man die Symbolik des Ebers in mittelalterlichen Traumbüchern nachschlägt, dann ist zu sehen, dass diese zwei Eber für Gunther und Hagen stehen könnten. In diesem Sinne kann man mit Hilfe der Traumdeutung leicht zu dem Schluss kommen, dass diese Tier-Träume den Tod Siegfrieds ankündigen. Da Siegfried einer der wichtigsten Figuren des Nibelungenlieds ist, spielt sein Tod eine große Rolle für die Handlung. So könnte man behaupten, dass diese Tiere in den Träumen wahrsagerische Kraft und eine Warnungsfunktion haben. Aber wie gesagt wurde, Siegfried, mit dem Charakter eines Falken, ist frei und deswegen ist es schwer ihn von seinem Schicksal abzuhalten. Herzeloydes Drachentraum hat ebenso eine wichtige Funktion im Parzival. Es handelt sich offenbar um einen Angsttraum, da sie von den Traumbildern erschreckt wird. Der Drache als ein ambivalentes Symbol, das positive und negative Deutungen zulässt, symbolisiert Parzival. Im Rahmen der vollständigen Analyse des Traums mit Hilfe der mittelalterlichen Traumbücher konnte deutlich gemacht werden, dass Wolfram diese beiden Deutungen des Drachen verkörpert: Die königliche Bedeutung des Drachen versinnbildlicht, dass Parzival ein großes König sein wird, aber andererseits symbolisiert die negative Seite des Drachen, die für den Sündenfall steht, Parzivals Sündenfall, da er den Tod seiner Mutter verursachen wird. Dazu wurde gleichzeitig versucht anhand zentraler Textstellen aus den beiden Primärtexten und ausgewählter Zitate aus der Sekundärliteratur die Frage zu beantworten, welche Rolle die Tier-Träume Kriemhilds und Herzeloydes für die jeweiligen Werke spielen. Alle diese weiblichen und männlichen Träumen, sowohl die in der antiken Literatur als auch die Träume, die im Hauptteil meiner Arbeit besprochen wurden, ermöglichen dem Leser, diese Träume zu vergleichen und den Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Tier-Träumen zu erkennen. ! 65! Es könnte behauptet werden, dass die männlichen Tier-Träume Macht und Politik zum Thema haben. Aber es konnte auf der anderen Seite in dieser Arbeit gezeigt werden, dass die weiblichen Tier-Träume emotionale Themen zum Inhalt haben und eine große Rolle spielen, wie zum Beispiel die Sehnsucht nach Liebe oder nach dem Ehemann. Gemeinsam ist beiden aber, dass durch die Tiere und ihre Symbolik der Autor den Tier-Träumen eine wahrsagerische Kraft verleiht, denn am Ende gehen alle Tier-Träume genau so in Erfüllung wie es die Tiere in den Träumen prophezeit haben. Jedes Tier steht für eine bestimmte Figur und damit kündigt der Traum die Zukunft der Figuren oder des Geschehens an. Zusammenfassend kann man sagen, dass diese Tier-Träume auf der Grundlage ihrer Gefühle entstehen. Alle Traumbilder harmonieren mit der Entwicklung der Handlung in dem jeweiligen Werk. Außerdem haben die Tier-Träume gemeinsame Funktionen: Die Tier-Träume sind unabdingbar für den Fortgang der Handlung und Auslöser des Handelns. ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! 66! 4. Literaturverzeichnis Quellen: Das Nibelungenlied, Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutch. Nach dem Text von Karl Bartsch und Helmut de Boor, ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse, Philipp Reclam, Stuttgart, 2007. Wolfram von ESCHENBACH: Parzival, Studien Ausgabe, zweite Auflage. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht, mit Einführungen zum Text der Lachmannschen Ausgabe und in Probleme der „Parzival“ – Interpretation von Bern Schirok, Walter der Gruyter, Berlin , New York, 2003. Das Rolandslied des Pfaffen Konrad, Mittelhochdeutsch/Neuheuchdeutsch. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Dieter KARTSCHOKE, Philipp RECLAM, Stuttgard, 2007. Karl LACHMANN, Moriz HAUPT: Minnesang Frühling. 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Hundeshagenscher Kodex57 (Staatsbibliothek zu Berlin). !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 57 Kriemhilds Traum vom Falken. http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AKriemhilds_Traum_vom_Falken_Am_Fussende_des_Bettes_steh t_Kriemhilds_Mutter_Ute_Hundeshagenscher_Kodex.jpeg. Stand 14. 04. 2012. ! 80! ! ! Anhang VII!Die Frau in der Johannes Apokalypse. La Femme et le Dragon58 (Madrid, Biblioteca Nacional).! ! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 58B. Facundus. http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AB_Facundus_186v.jpg. Stand 14. 04. 2012.