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Paarbeziehungen im Nibelungenlied

Qingyuan Shi

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FACU L D A D E DE LE T R A S U NIVE R SIDAD E D O P O R T O Qingyuan Shi 2º Ciclo de Estudos Alemães (GLITEMA) Paarbeziehungen im Nibelungenlied 2013 Orientador: Prof. Dr. John Greenfield Classificação: Ciclo de estudos: Dissertação/relatório/Projeto/IPP: Versão definitiva Inhaltsverzeichnis 1. Einführung 1 1.1 Forschungsüberblick und Fragestellung 1 1.2 Methodische Ansätze 2 1.3 Struktur der Arbeit 4 2. Begriffserklärung 5 2.1 Die höfische Praxis 5 2.1.1 Gesellschaftliche Praxis 5 2.1.2 Feudale Ehepraxis 7 2.2 Die literarischen Modelle 8 2.2.1 Ältere Stofftradition 8 2.2.2 Brautwerbungsschema 8 2.2.3 Gesellschaftsideal 10 2.2.4 Minnediskurs 11 2.3 Die unhöfischen Elemente 12 2.3.1 Störung der höfischen Ordnung 12 2.3.2 Abweichung vom Minnediskurs 13 3. Paarbeziehungen im Nibelungenlied 14 3.1 Die Paarbeziehung zwischen Siegfried und Kriemhild 14 3.1.1 Der höfische Aspekt der Paarbeziehung 15 3.1.1.1 Die höfische Dame Kriemhild 15 3.1.1.2 Kriemhilds erste Erfahrungen mit der Minne 16 3.1.1.3 Der höfische Ritter Siegfried 17 3.1.1.4 Siegfrieds Brautwerbung und Minnedienst 18 3.1.1.5 Die Entfaltung gegenseitiger Minne zwischen Siegfried und Kriemhild 20 3.1.1.6 Die Eheschließung zwischen Siegfried und Kriemhild 22 3.1.1.7 Siegfrieds Minne zu Kriemhild in seiner Todesszene 23 3.1.1.8 Kriemhilds Trauer um Siegfried 24 3.1.1.9 Kriemhilds triuwe-Bindung zu Siegfried 25 3.1.1.10 Die Hortforderung und der Tod Kriemhilds 26 3.1.2 Der unhöfische Aspekt der Paarbeziehung 27 3.1.2.1 Siegfrieds Jugendtaten und sein Auftritt in Worms 27 3.1.2.2 Der Streit der Königinnen 28 3.1.2.3 Das unhöfische Verhalten Siegfrieds gegenüber Kriemhild 30 3.1.2.4 Siegfrieds Ermordung und der Hortraub 31 3.1.2.5 Kriemhilds weibliche Gewalt 32 3.1.3 Zwischenfazit 33 3.2 Die Paarbeziehung zwischen Gunther und Brünhild 34 3.2.1 Der höfische Aspekt der Paarbeziehung 35 3.2.1.1 Die höfische Kleiderausstattung der Burgunden 35 3.2.1.2 Brünhilds höfische Erscheinung 36 3.2.1.3 Die feudalen politischen Überlegungen 37 3.2.2 Der unhöfische Aspekt der Paarbeziehung 38 3.2.2.1 Der unhöfische Ausdruck der Minne 38 3.2.2.2 Brünhilds weibliche Gewalt 39 3.2.2.3 Die vorgetäuschte Kraft 40 3.2.2.4 Die Standeslüge und die Folgen 41 3.2.3 Zwischenfazit 43 3.3 Die Paarbeziehung zwischen Etzel und Kriemhild 44 3.3.1 Der höfische Aspekt der Paarbeziehung 44 3.3.1.1 Höfische Gestalten der Brautwerbung 44 3.3.1.2 Politische Gedanken der Eheschließung 45 3.3.1.3 Festliche Empfänge und Hochzeit 46 3.3.1.4 Religiöse Perspektive der Paarbeziehung 48 3.3.2 Der unhöfische Aspekt der Paarbeziehung 49 3.3.2.1 Kriemhilds anfängliche Verweigerung von Minne 49 3.3.2.2 Der Hortrest und das Verzicht auf den Hort 50 3.3.2.3 Kriemhilds vorgestäuschte Minne zu Etzel 50 3.3.3 Zwischenfazit 52 3.4 Die Paarbeziehung zwischen Giselher und Rüdigers Tochter 53 3.4.1 Der höfische Aspekt der Paarbeziehung 53 3.4.1.1 Höfische Stimmung und Erscheinung 53 3.4.1.2 Feudale Eheschließung 54 3.4.2 Der unhöfische Aspekt der Paarbeziehung 55 3.4.2.1 Mangel an Minnedienst 55 3.4.2.2 Leerstelle bei der Identität der Braut 55 3.4.3 Zwischenfazit 55 4. Fazit 57 Bibliographie 61 1 1. Einführung 1.1 Forschungsüberblick und Fragestellung Das widerspruchsreiche Nebeneinander höfischer und archaischer Elemente des Nibelungenlieds ist ein viel diskutiertes und strittiges Thema. Eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigen sich damit, wie sich die heroischen Sagen und die Ideale höfischer Kultur in der Dichtung gegenseitig beeinflussen (vgl. H AUG , 1989: 293-307; M IEDEMA , 2011: 21; L IENERT , 2003: 99; S CHULZE , 1997: 142; M ÜLLER , 2002: 71-89; H EINZLE , 2005: 80). Dementsprechend sind die verschiedenen Paarbeziehungen im Nibelungenlied vom besonderen Interesse. Der Fokus liegt darauf, inwiefern sie ein höfisches Modell oder dessen Veränderung bzw. Abweichung darstellen. Zum Beispiel wurde die höfische Minnethematik 1 in diese Heldendichtung eingewoben und als Motivationsgrundlage für viele Handlungen genommen. Gleichzeitig stehen Gewalt, Betrug, Verrat und Rache im Mittelpunkt der unterschiedlichen Paarbeziehungen. Es ist auffallend, dass die aktuellen Untersuchungen mehrheitlich dazu neigen, die Paarbeziehung vor allem zwischen Siegfried und Kriemhild sowie die zwischen Gunther und Brünhild zu untersuchen. Hier gibt es eine differenzierte Auseinandersetzung. Auf der einen Seite stellen H EINZLE und L IENERT höfische Liebe im Nibelungenlied fest, vor allem in der Paarbeziehung zwischen Siegfried und Kriemhild (vgl. H EINZLE , 2005: 87-92; L IENERT , 2003: 97). Auf der anderen Seite stellen M ÜLLER und S CHULZE die höfische Liebe im Nibelungenlied infrage und sind der Meinung, dass die Paarbeziehungen zwischen Siegfried und Kriemhild sowie die zwischen Gunther und Brünhild mehr in einer unhöfischen Dimension liegen (vgl. M ÜLLER , 1998: 399-406; S CHULZE , 1997: 177). Vor dem Hintergrund der aufgezeigten Diskussion scheint es kaum möglich, die beiden Paarbeziehungen entweder dem höfischen Modell oder dem unhöfischen Modell eindeutig zuzuordnen. Darüber hinaus haben die anderen Paarbeziehungen, zwischen Kriemhild und Etzel sowie Giselher und Rüdigers Tochter, weniger Beachtung in der derzeitigen Forschung gefunden. 1 Es gibt unterschiedliche Bedeutungen zwischen dem mittelhochdeutschen und dem neuhochdeutschen Wort „Minne“. In dieser Arbeit wird das Wort „Minne“ in der neuhochdeutschen Weise geschrieben, aber besitzt die Bedeutung des Mittelhochdeutschen. 2 Aus diesem Grund soll die Zielstellung meiner Masterarbeit sein, alle Paarbeziehungen im Nibelungenlied näher zu untersuchen, und zwar im Hinblick auf die komplexen Zusammenhänge von höfischen und unhöfischen Elementen. Besonders möchte ich der Frage nachgehen, ob und inwiefern in den Paarbeziehungen der höfische Aspekt mit dem daneben vorhandenen unhöfischen Anteil verknüpft wird. Außerdem soll in dieser Arbeit gezeigt werden, welche Funktionen dem Nebeneinander des Höfischen und des Unhöfischen für die Dichtung bzw. für die Rezipienten zukommen. 1.2 Methodische Ansätze Bei der Interpretation des Textes bedient sich diese Arbeit der Historischen Anthropologie und der Gender Studies. Im Folgenden sollen die beiden Ansätze kurz vorgestellt und ihr Nutzen für den vorliegenden Frageansatz dargestellt werden. Historische Anthropologie zielt auf das Verhalten jedes Menschen im Alltagsleben sowie in kulturellen Zusammenhängen. Laut VAN D ÜLMEN stellt die Historische Anthropologie den Menschen in seiner Besonderheit, in seiner Komplexität und Abhängigkeit von Natur, Gesellschaft und kultureller Tradition in den Mittelpunkt. Sie berücksichtigt das Handeln und Denken, Fühlen und Leiden des Menschen und konzentriert sich somit nicht nur auf das politische oder ökonomische Handeln, sondern ebenso auf das Privatleben (vgl. VAN D ÜLMEN , 2001: 5-8). Mithilfe des Ansatzes soll jede Figur einer Paarbeziehung während des gesamten Verlaufes dieser untersucht werden, denn jeder reagiert unterschiedlich auf bestimmte Situationen und beeinflusst somit den szenischen Ablauf. Außerdem hilft der Ansatz, das Verhalten jeder Gestalt in unterschiedlichen kulturellen Konstellationen zu verstehen. Angesichts der historischen Wurzeln und der Verdichtungszeit des Nibelungenlieds befindet sich die archaische Welt der Nibelungen in der höfisch-ritterlichen Kultur. „Der Verfasser hat die literaturanaloge Minnethematik neben andere eher realitätshaltige, politische Motivkomplexe gestellt, und er hat die Handlung in zeitgenössische Rechtsund Vergesellschaftungsformen eingebettet“ (S CHULZE , 2000: 180). So sind viele höfische Konzepte in der 3 Heldendichtung zu finden. Es wird versucht, den höfischen sowie den unhöfischen Anteil der Paarbeziehungen im zeitgenössischen Kontext auszuloten. Unter allen Gestalten des Nibelungenlieds stehen Frauengestalten besonders im Zentrum des Interesses. Um die Frauengestalten in den einzelnen Paarbeziehungen näher zu betrachten, sollen Gender Studies angewendet werden. In erster Linie untersuchen Gender Studies die kulturelle bzw. soziale Konstruktion vom Geschlecht und den Geschlechterbeziehungen. „In patriarchalen Systemen, die Männlichkeit und Weiblichkeit hierarchisieren und unterschiedlich bewerteten Bereichen zuordnen, wird die geschlechtliche Semantisierung kultureller Prozesse tendenziell unterschlagen. Die Gender Studies versuchen hingegen, den verborgenen Geschlechterdiskurs als universale Kategorie wieder sichtbar zu machen“ (S CHÖSSLER , 2006: 109). Um den Geschlechterdiskurs im Text zu führen, muss die Semantisierung literarischer Darstellungsverfahren mithilfe der übergreifenden Konzepte „Stimme“, „Blick“, „Körper“ und „Handlungsermächtigung“ erfasst werden (vgl. N ÜNNING /N ÜNNING , 2010: 257). In der Welt des Nibelungenlieds sind Kriemhild und Brünhild zwei wichtige Frauengestalten und Rüdigers Tochter eine marginalisierte Frauenfigur in den Paarbeziehungen. Kriemhilds Stimme, Blick, Körperdarstellung und vor allem ihr aktives Handeln im zweiten Teil genießen stets bei der Rezeption große Aufmerksamkeit. „Kriemhild hält sich zunächst im Hintergrund. [...] Vorsichtig rückt der Dichter sie in [die] Mitte [des Gedichts]“ (M ACKENSEN , 1984: 154-156). Die Kriemhild-Gestalt entwickelt sich in zwei Paarbeziehungen von der höfischen Königstochter zu der trauernden Witwe und letztlich zur entmenschlichten Rächerin. Mit ihrer folgenreichen Handlung bestimmt sie den Handlungsablauf ausschlaggebend mit. Doch bei der Gestalt Brünhild wird die Aufmerksamkeit auf ihren Körper und die damit verbundene Gewalt gelenkt. Bei oberflächlicher Betrachtung ist Brünhild eine körperlich starke Frau, aber in der männerdominierten Geschlechterbeziehung bzw. Gesellschaft keine mächtige Frau. Gegenüber zwei wichtigen Frauengestalten ist Rüdigers Tochter, die in der Dichtung weder Name noch Stimme hat, eine irrelevante Frau. Dabei soll jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass ihr Schweigen und 4 passives Handeln aus der genderspezifischen Sicht eine bestimmte Wirkung auf ihre Paarbeziehung mit Giselher hat. Die Historische Anthropologie und die Gender Studies bieten die folgende Interpretation anhand meiner Fragestellung unterschiedliche Perspektiven. Es wird versucht, das Verhalten jeder Gestalt in den einzelnen Paarbeziehungen sowie in kulturellen Dimensionen mithilfe von Historischen Anthropologie näher zu betrachten. Dazu werden die Frauengestalten durch vier Aspekte – Stimme, Blick, Körperdarstellung und Handlungsermächtigung – auf geschlechterfokussierte Betrachtungsweise aufgezeigt. 1.3 Struktur der Arbeit Die vorliegende Arbeit wird in vier Teile untergliedert. Nach dem ersten und einleitenden Teil, in dem die Fragestellung eingeführt und die methodischen Ansätze verdeutlicht werden, lassen sich im zweiten Teil die folgenden Begriffe erläutern: höfische Praxis, literarische Modelle und unhöfische Elemente. Im Fokus des dritten Kapitels stehen vier Paarbeziehungen der Dichtung, nämlich die zwischen Siegfried und Kriemhild, Gunther und Brünhild, Etzel und Kriemhild wie auch Giselher und Rüdigers Tochter. In jedem Abschnitt wird dreifach untergliedert, wobei Punkt 1 sich auf den höfischen Aspekt der Paarbeziehung bezieht, und es in Punkt 2 um den unhöfischen Aspekt geht. Schließlich ist Punkt 3 dem Zwischenfazit gewidmet. Im vierten Kapitel werden die wichtigen Punkte der Arbeit hervorgehoben und zusammengefasst. Außerdem werden die Funktionen des Höfischen und Unhöfischen in der Dichtung und für die Rezipienten diskutiert. 5 2. Begriffserklärung Das Nibelungenlied wurde an der Wende vom 12. bis zum 13. Jahrhundert verschriftlicht, und hinter dem Nibelungenlied steht eine vermutlich Jahrhunderte ältere Nibelungensage. Am auffälligsten ist das Bemühen des Dichters, die archaische Welt der Nibelungen in die höfisch-ritterliche Kultur seiner Zeit zu überführen. Nach H EINZLE s Einschätzung war die volkssprachige Literatur der Zeit um 1200 „höfische“ Literatur. Es ist dem Nibelungenlieddichter gelungen, die heroische Überlieferung in ein plausibles Verhältnis zur höfischen Kultur und Literatur zu bringen (vgl. H EINZLE , 2005: 80). Außerdem kennt das angenommene zeitgenössische Publikum die basic events der Nibelungensage und darf ein Handeln voraussetzen, das mit den moralischen und rechtlichen Grundsätzen der Feudalgesellschaft in Einklang steht (vgl. E HRISMANN , 2009: 32). In diesem Zusammenhang sollen die Paarbeziehungen im Nibelungenlied vor dem Hintergrund der feudalen Praxis und den vorhöfischen wie auch den zeitgenössischen literarischen Modellen analysiert werden. Der nachfolgende Abschnitt stellt einen Überblick über die verschiedenen höfischen und unhöfischen Elemente in der Dichtung dar. 2.1 Die höfische Praxis 2.1.1 Gesellschaftliche Praxis Angesichts der Verdichtungszeit wird das Nibelungenlied häufig in der zeitgenössischen höfisch-ritterlichen Kultur verankert. Dieser Punkt versucht, ein Teil der Gesellschaftsordnung in der höfischen Zeit des 12./13. Jahrhunderts darzustellen. Darunter werden die mit der Dichtung eng verbundenen Aspekte aufgezeigt: Ständeordnung, Racherecht und Christentum. Die feudale Gesellschaft des Mittelalters ist ständisch gegliedert. Das Ständesystem ist ein Ordnungsmodell, in dem jeder seinen unveränderlichen Platz hat. Die allgemeine Ständeordnung lautet: rîche und arme oder hêrren und knechte (vgl. B UMKE , 2008: 40). Der Grundunterschied von Herrschaft und Dienst bestimmt die gesellschaftliche Ordnung im Mittelalter: Dienst ist verknüpft mit Unfreiheit, Herrschaft mit Freiheit (vgl. W EDDIGE , 1987: 155). In Bezug auf Standesunterschied hat die 6 Kleidung im Mittelalter eine symbolische Bedeutung, indem sie durch das Material oder die Farbe den Platz der gekleideten Person innerhalb der Ständeordnung widerspiegelt (vgl. B UMKE , 2008: 172). Die Rache ist ein übliches Mittel des mittelalterlichen Rechtssystems. Im Vergleich zur heutigen Einschätzung der Rache als unmoralisches Verhalten folgt die Racheaktion im Mittelalter den rechtlich-moralischen Zielen und verstößt somit nicht gegen die höfische Ordnung der Gesellschaft. „In einer Zeit, die noch keine geregelte Strafverfolgung von seiten des Staates kannte, lag die Vergeltung bei den Betroffenen und ihren Familien. Blutrache und Fehde sind die beiden vorstrafrechtlichen Formen, mit denen die Geschädigten auf Totschlag, Raub u.a. reagierten. Die Vorstellung, daß der Totschlag durch das Blut des Mörders oder eines seiner Verwandten gesühnt werden müsse, war ein [...] von alters her geläufiger Rechtsgrundsatz, der auch im Mittelalter und darüber hinaus Gültigkeit besaß. Er verpflichtete die Familienangehörigen des Getöteten zur Blutrache, und nicht selten weitete sich der Vergeltungsakt zum Krieg zwischen ganzen Familienverbänden aus und konnte zu ihrer Vernichtung führen“ (S CHULZE , 1997: 235). In diesem Kontext der gesellschaftlichen Praxis sind die Rachehandlungen im Nibelungenlied in erster Linie als Recht und Verpflichtung zu verstehen. Zuletzt ist die christliche Vorstellung auch ein wichtiger Aspekt der höfischen Kultur. Da das Christentum die prägende geistige Kraft des Mittelalters ist, werden christliche Moralvorstellungen oft in der höfischen Literatur thematisiert. Auch bringt das Nibelungenlied die christliche Kultur zum Ausdruck, aber ohne zu problematisieren, denn „[der] Erzähler baut die Fiktion alter mæren auf, in ihnen konnte das Handeln nach christlichen Impulsen nicht dominant werden“ (E HRISMANN , 1987: 235). So bleibt der vorhandene christliche Einfluss in der Dichtung oberflächlich. Zur zeitgenössischen höfisch-ritterlichen Kultur gehört auch die feudale Eheschließung. Da die Ehepraxis für alle Paarbeziehungen im Nibelungenlied von zentraler Bedeutung ist, scheint es sinnvoll, diesem Aspekt einen getrennten Punkt zu widmen. Der anschließende Punkt gibt einen Überblick darüber. 13 allgemeiner Vernichtung zerstört. Bei den verschiedenen Paarbeziehungen eröffnet nicht nur die Störung der gesellschaftlichen Ordnung eine unhöfische Dimension, sondern auch der Verstoß gegen die Norm des Minnediskurses steht im eklatanten Gegensatz zu der höfischen Welt. 2.3.2 Abweichung vom Minnediskurs Der Minnedienst ist ein der wichtigsten Elemente in höfischen Paarbeziehungen. Aber Minne und Ehe erweisen sich trotz aller Frauendienst-Rhetorik als patriarchalische Herrschaftsund Gewaltverhältnisse, und die typischen Formen manifester Gewalt gegen Frauen sind Vergewaltigung und häusliche Gewalt (vgl. L IENERT , 2003: 107). So steht im Nibelungenlied die männliche Gewalt gegen Frauen in Form der körperlichen Misshandlung und der sexuellen Überwältigung im Widerspruch zum literarischen Minnediskurs. Außerdem fehlt es in den Paarbeziehungen oft an Dienstgedanke, sodass die Beziehungen nicht exakt nach den vollkommenen höfischen Minnehandlungen folgen. 14 3. Die Paarbeziehung im Nibelungenlied Da die ursprünglich aus der Zeit der Völkerwanderung stammende Nibelungensage mit der zeitgenössischen ritterlich-höfischen Kultur vernetzt wird, sind höfische und unhöfische Elemente in der Dichtung vorhanden. Auf der Grundlage der Begriffserklärung wird in folgenden Kapiteln versucht, die verschiedenen Paarbeziehungen im Nibelungenlied unter dem höfischen und unhöfischen Aspekt zu analysieren. 3.1 Die Paarbeziehung zwischen Siegfried und Kriemhild Die Paarbeziehung zwischen Siegfried und Kriemhild ist eine der häufigsten interpretierten Darstellungen vom höfischen und/oder unhöfischen Anteil. Problematisch ist die klare Trennung zwischen den höfischen und den unhöfischen Elementen in der Erzählung, da die beiden Elemente sich oft in einem szenischen Ablauf überlagern. In diesem Kapitel wird versucht, die höfischen Komponenten im Sinne der Minne und des höfischen Gesetzes herauszuarbeiten, und die unhöfischen Komponenten vor allem in der Störung der gesellschaftlichen Ordnung zu analysieren. Die Paarbeziehung beginnt mit Siegfrieds Brautwerbung um Kriemhild in Worms. Bei der Begrüßung in Worms berichtet Siegfried zunächst nicht über seine Brautwerbung, sondern fordert Gunther zu einem Kampf heraus. Nach der diplomatischen Unterredung der Burgunden bleibt Siegfried am Burgundenhof als Gast. Inzwischen bietet Siegfried Gunther seine Hilfe im Sachsenkrieg an. Beim anschließenden Siegesfest treffen Siegfried und Kriemhild zum ersten Mal aufeinander. Danach leistet Siegfried Gunther bei der Brautwerbung Hilfe und Kriemhild wird ihm als Gegenleistung dafür versprochen. Im Nachhinein findet die Hochzeit zwischen Siegfried und Kriemhild am Wormser Hof statt. Zehn Jahre später nimmt das Ehepaar die Einladung der Burgunden an und kehrt zurück nach Worms, wo ein Streit zwischen Kriemhild und Brünhild ausbricht. Infolge des Königinnenstreits wird Siegfried von Hagen ermordet, worunter Kriemhild sehr leidet. Kurz danach wird der Nibelungenhort Siegfrieds von Burgunden geraubt und im Rhein versenkt. Dreizehn Jahre lang lebt 15 Kriemhild in tiefer Trauer um Siegfried. Erst mit der Brautwerbung vom Hunnenland beginnt ein neuer Einschnitt im Kriemhilds Leben. Nach der Eheschließung mit Etzel denkt Kriemhild an Rache für den Mord Siegfrieds. Mit ihrer Einladung an die Burgunden eröffnet sich die Möglichkeit für Kriemhilds Rachehandlung. Die Burgunden nehmen die Einladung an und reisen in Etzels Land. Die frohe Feststimmung schlägt während des Festmahls in feindliche Gesinnung um. Doch Kriemhilds Hortforderung bleibt erfolglos. Schließlich schlägt Kriemhild Hagens Kopf ab. Daraufhin wird Kriemhild von Hildebrand in Stücke gehauen. Mit dem Tod Kriemhilds endet die ganze Dichtung 3.1.1 Der höfische Aspekt der Paarbeziehung 3.1.1.1 Die höfische Dame Kriemhild Zu Beginn der Dichtung wird Kriemhild als idealtypische höfische Dame vorgestellt, die durch körperliche Schönheit, hochadlige Herkunft und höfische Tugend geprägt ist. So vermittelt die Dichtung zunächst ein Idealbild einer höfischen Frau. Das Erscheinungsbild Kriemhilds wird häufig durch das Attribut schoen hervorgehoben. Bereits in der ersten Aventiure wird Kriemhild auf diese Art und Weise vorgestellt: daz in allen landen niht schoeners mohte sîn (2,2). Im Verlauf der Dichtung kommt Kriemhilds außerordentliche Schönheit oft zum Ausdruck, wie zum Beispiel unmâzen scoene (49,2), die scoenen Kriemhilden (323,4) und diu schoene Kriemhilt (568,1). Neben der Schönheit wird Kriemhilds königliche Herkunft ausdrücklich betont. Sie ist die Königstochter am Wormser Hof und trägt die Bezeichnung ein vil edel magedîn (2,1), wobei das Attribut edel als Angehörige der höfisch-ritterlichen Gesellschaft ausgewiesen wird (vgl. S CHULZE , 1997: 143). Außerdem zeigt sich das höfische Umfeld Kriemhilds durch die ausführliche Vorstellung ihrer Königsbrüder und der Vasallen (4-12). Letzten Endes wird Kriemhilds höfische Tugend durch ihr anständiges Benehmen bewiesen. Ein markantes Beispiel bietet die 6. Aventiure. Kriemhild ist beim Treffen festlich gekleidet (wol gekleit 347) und sie empfängt Gunther und Siegfried nach dem höfischen Protokoll der distanzierten Begegnung (348-352). Ebenfalls wird Kriemhilds Tugendhaftigkeit durch ihre Handarbeiten in der 16 8. Aventiure verdeutlicht. Vor Gunthers Werbung um Brünhild fertigt Kriemhild mit ihren Mädchen für die Reisenden viele prächtige Kleider an. Sie arbeitet fleißig mit Seidenstoff und Edelsteinen: der frouwen unmuoze diu newas niht klein (366,2). Für die burgundische Königstochter sind diese Handarbeiten ein Teil der höfischen Erziehung und gehören zum Adelsleben, denn Weben, Sticken und Verzieren der Kleider gelten für eine Dame in der höfischen Zeit des Mittelalters als ehrenwerte Tätigkeiten (vgl. B UMKE , 2008: 473). Dem höfischen Erscheinungsbild nach ist zu erwarten, dass Kriemhild als eine höfische Dame im Minnekontext auftritt. Der folgende Punkt beschäftigt sich mit Kriemhilds Wahrnehmung der höfischen Minne. 3.1.1.2 Kriemhilds erste Erfahrungen mit der Minne Der Falkentraum und der folgende Dialog zwischen Tochter und Mutter erlauben den ersten Blick auf Kriemhilds Minnegedanken. Durch ihren Falkentraum und ihre spätere heimliche Minne an Siegfried sammelt Kriemhild die ersten Erfahrungen mit der Minne. Im Traum richtet Kriemhild einen wilden und starken Falken ab, der später von zwei Adlern geschlagen und zerfleischt wird. Der Falkentraum erinnert an das Falkenlied des Kürenbergers (MSF II,6) und öffnet die Nähe zum Minnesang (vgl. G ROSSE , 2007: 1009). Die Mutter Ute deutet den Falken als einen geliebten Partner und künftigen Ehemann Kriemhilds. In der Traumdeutung wird auch der Verlust des Ehemannes verkündet. Es ist anzunehmen, dass das Gespräch zwischen Kriemhild und Ute sich an den berühmten Dialog zwischen Lavinia und ihrer Mutter aus dem 'Eneasromann' Heinrichs von Veldeke anlehnt (vgl. S CHULZE , 1997: 145). Wie Lavinia verweigert sich Kriemhild dem höfischen Ideal der Minne. Sie will bis zum Tod auf die Liebe verzichten und alle Gedanken an Minne zurückweisen: âne recken mínne sô wil ich immer sîn (15,2); Kriemhilt in ir muote sich minne gar bewac. / sît lebte diu vil guote vil manegen lieben tac, / daz sine wesse niemen, den minnen wolde ir lîp (18,1-3). Zwar entsagt Kriemhild für alle Zukunft der Minne, aber sie versteht bereits die Liebe-Leid-Formel: wie líebe mit leide ze jungest lônen kan (17,3). Tatsächlich 17 vermittelt der Falkentraum Kriemhild den ersten Einblick in Minne, indem die beiden Seiten der Minne im Minnediskurs vom Traum angesprochen werden, sowohl das Minneglück als auch vor allem das Minneleid (vgl. F RECHE , 1999: 161). So markiert der Falkentraum den Beginn vom Minnegedanken Kriemhilds. Das Motiv der heimlichen Minne Kriemhilds an Siegfried wird nach dem Falkentraum eingesetzt. Während des langen Aufenthaltes Siegfrieds am burgundischen Hof, denkt Kriemhild ständig an Siegfried, spricht gerne in aller Heimlichkeit von ihm und beobachtet ihn immer vom Fenster aus: diu im in heinlîche vil dicke güetlîchen sprach (132,4); Kriemhilt durch diu venster, diu küneginne hêr (133,3). Kriemhilds geheim gehaltene Minne an Siegfried zeigt sich weiter in ihrem Interesse am Botenbericht über Siegfrieds Taten im Krieg. Nach dem Krieg gegen die Sachsen und Dänen werden die Boten nach Worms geschickt. Einer davon wird von Kriemhild heimlich zu sich gerufen (224). Nach der Auskunft über die Taten Siegfrieds errötet Kriemhild: Ir scoenez antlütze daz wart rôsenrôt (241,1). Diese Reaktion zeigt Kriemhilds Gefühle und Zuneigung zu Siegfried deutlich. Ihre heimliche Minne geht weiter bis zu ihrer ersten Begegnung mit Siegfried, bei der der heimliche Blickkontakt thematisiert wird. Die heimliche Minne orientiert sich vor allem am Minnesangsmotiv. S CHULZE führt aus, dass die Wirkung von Kriemhilds wortlos ausgedrückter Zuneigung zu Siegfried erzählerisch durch Adaptation vom lyrischen Motiv gestaltet ist (vgl. S CHULZE , 1997: 295). Mit der heimlichen Minne wächst Kriemhild zu einer richtigen höfischen Dame heran, die die Erfahrungen über Minne sammelt und deren Bedeutung versteht. Nach der Vorstellung Kriemhilds wird Siegfried in der Dichtung eingeführt. Die folgenden zwei Punkte werden der höfischen Siegfried-Figur und dessen Minnedienst gewidmet. 3.1.1.3 Der höfische Ritter Siegfried Der Xantener Königssohn Siegfried wird am Anfang der Dichtung als Ritter in höfischer Umgebung skizziert. Dies lässt sich durch seine ritterlichen Eigenschaften und das Fest der Schwertleite verdeutlichen. Später im Krieg gegen die Sachsen und Dänen 18 wird Siegfried als vollkommener Ritter auf dem Schlachtfeld bezeichnet. Die höfischen Eigenschaften Siegfrieds werden in erster Linie durch seine Stärke und Schönheit betont. Hier verdichten sich die höfischen Leitworte: geheizen (21,1), guot (21,1), rîche (21,2), ellenhaften muot (21,2), sterke (21,3) und scoene (22,3). Anschließend kommt die ritterliche Erziehung zur Darstellung, darunter der Umgang mit Waffen und der Frauendienst (26). Ferner bietet die Beschreibung des Festes der Schwertleite (27-40) einen Blick auf ein höfisches Zeremoniell, das die Xantener Hofwelt repräsentiert. Vom Schema der Festbeschreibung ausgehend, werden die Freigiebigkeit des Gastgebers und die Prachtentfaltung der Hofgesellschaft ausführlich in der Dichtung dargestellt. Die Schilderungen von Festmahl, Turniere, Kleidung, Unterhaltung sowie von Geschenken präsentieren die prächtige Ausstrahlung des Hofes nach außen, die für ein höfisches Lebensumfeld Siegfrieds steht. Nach der Schwertleite ist Siegfried ein richtiger höfischer Ritter. Besonders seine Kampffähigkeit ist im Sachsenkrieg ausgezeichnet. Siegfried leistet später beim Aufenthalt in Worms den Kriegsdienst, der zum überwältigenden Sieg der Burgunden führt. Durch die allgemeine Kriegsdarstellung (176-218) und den Botenbericht über Siegfrieds Taten (236) ist Siegfried als kampffähiger Ritter zu erkennen. Neben der überlegenen Kampfkraft stellt Siegfried seinen höfischen Charakter in anderen Situationen unter Beweis, wie zum Beispiel in seiner Brautwerbungsreise nach Worms und im anschließenden Minnedienst. Es fragt sich, wie sich der höfische Ritter in der Minnehandlung darstellt. 3.1.1.4 Siegfrieds Brautwerbung und Minnedienst Während die Minnethematik bei Kriemhild durch ihren Falkentraum eingeführt wird, fängt Siegfrieds Minnegedanke mit seiner Brautwerbung an, und sein Minnedienst für Kriemhild wird auf verschiedene Art und Weise geleistet. Dazu zählen das minnelyrische Dienstmodell, der Kriegsdienst für die Burgunden, die Werbungshilfe für Gunther und der folgende Botendienst nach der Werbung um Brünhild. Siegfrieds Brautwerbung um Kriemhild verläuft nicht wörtlich nach dem vorhöfischen Werbungsschema. In dieser Werbungsgeschichte sind die höfischen und 19 unhöfischen Komponenten nebeneinanderzusetzen. Davon werden die höfischen Elemente in diesem Punkt zunächst untersucht. Von der Fernminne motiviert bricht Siegfried von Xanten auf, um in Worms um die Königstochter zu werben. Hier wird der Terminus hôhe minne erstmals in der Dichtung verwendet (47,1), der im Kontext als Zuneigung und Verehrung einer Dame zu verstehen ist. Bei der Vorbereitung auf die Brautfahrt kommen die prächtigen Gewänder, Waffen sowie Ausrüstung zur Darstellung (63-68), die für das Erscheinungsbild des Xantener Hofes steht. Vergleichbar ist später Gunthers sorgfältige Vorbereitung auf die Brautfahrt nach Isenstein. Als er am burgundischen Hof ankommt, benimmt sich Siegfried zunächst als wilder Herausforderer. 2 Nach der angespannten Stimmung zwischen Siegfried und den burgundischen Königen liegt der Akzent wieder auf Siegfrieds Minnegedanke an Kriemhild: dô gedâhte ouch Sîvrit an die hêrlîchen meit (123). Seitdem spielt Siegfried die Rolle des höfischen Minneritters und durch seinen nachfolgenden Minnedienst erweist sich seine Minne zu Kriemhild. Das erste Minnedienstmodell Siegfrieds wird aus der Lyrik übernommen. Nach der Ankunft in Worms bleibt Siegfried am burgundischen Hof ein Jahr lang, ohne Kriemhild ein einziges Mal zu sehen. Hier wird der Minnedienst wie im Minnesang geleistet: Die Liebenden wenden sich in Gedanken einander zu, leiden Sehnsuchtsqualen und hoffen auf eine Begegnung (vgl. S CHULZE , 1997: 182). Die weiteren Dienstleistungen Siegfrieds, die um Kriemhilds willen und zugleich Dienst dem Wormser Hof gegenüber, sind die epische Konkretisierung des Minnedienstes (vgl. S CHULZE , 1997: 158). „Siegfrieds Bindung an die Wormser Königssippe beginnt sich von der Dame auf den König zu verschieben, Frauendienst wird durch Herrendienst überschrieben“ (M ÜLLER , 2002: 75). Als erster Minnedienst bzw. Herrendienst ist Siegfrieds Hilfsangebot für den Krieg unter dem Anzeichen der Freundschaft zu verstehen. Angesichts der Kriegsbedrohung von Sachsen und Dänen bietet Siegfried um Kriemhilds willen den burgundischen Königen seine militärische Hilfe an, wobei es auch um eine rechtliche Verpflichtung geht, denn friuntschaft bedeutet eine Rechtsbindung (vgl. S CHULZE , 1997: 153). Ein ähnlicher Dienst für die burgundischen 2 Siegfried als Herausforderer wird in „3.1.2.1 Siegfrieds Jugendtaten und sein Auftritt in Worms“ genauer erläutert. 20 Könige ist Siegfrieds nächste Hilfe auf Gunthers Werbungsreise, die durch den Werbungshilfevertrag (333-334) und den Eid (335) gekennzeichnet wird. Da Gunther Kriemhilds Vormund ist, fordert Siegfried von ihm Kriemhild als Dienstlohn ein. Das bedeutet, dass Siegfried unter der Bedingung einer künftigen Eheschließung mit Kriemhild seine Werbungshilfe leistet. Ferner begründet der Eid zwischen Gunther und Siegfried erneut eine politische Verbindung. Zwar vollzieht sich Siegfrieds Hilfeleistung bei der Werbung weitgehend auf einer unhöfischen Handlungsebene, wie zum Beispiel durch die Standeslüge oder die Tarnkappe, aber das Hilfsangebot selbst ist auf den höfischen Minnedienst zu Kriemhild zurückzuführen. Auf die Werbungshilfe folgt der Botendienst (535), den Siegfried nur seiner Minne zu Kriemhild wegen leistet. Auf dem Heimweg nach der Brautwerbung schlägt Hagen vor, dass Siegfried als Bote vorausgesandt wird. Nach anfänglicher Weigerung leistet Siegfried den untergeordneten Botendienst als Minnedienst, denn Siegfried agiert in einer Rolle, die er aufgrund seiner Minnebindung an Kriemhild übernimmt, die aber mit seiner sozialen Stellung nur bedingt kompatibel ist (vgl. B RÜGGEN : 2003, 179). Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass die Unterordnung unter das Gebot des Königs aus dem Prinzip höfischer Unterordnung unter die Damen abgeleitet wird (vgl. M ÜLLER , 2002: 76). Ein anderes Signal für den Minnedienst sendet die Dienst-Lohn-Beziehung zwischen Siegfried und Kriemhild. Siegfried verlangt von Kriemhild für den Botendienst den Lohn (553). Sein Verhalten ist wesentlich als Geste des Werbenden zu kennzeichnen, der sich der Dame zuliebe freiwillig unterordnet (vgl. M ÜLLER , 2002: 76). Nach den einzelnen Erfahrungen mit der Minne Siegfrieds und Kriemhilds treffen die beiden nachher beim Siegesfest aufeinander, was im nächsten Punkt konkreter diskutiert wird. 3.1.1.5 Die Entfaltung gegenseitiger Minne zwischen Siegfried und Kriemhild Vor der ersten Begegnung zwischen Kriemhild und Siegfried entsteht bereits die Fernminne zwischen den beiden Liebenden, die zum typischen Motiv der Minnelyrik gehört. Bei der ersten Begegnung zwischen den beiden entfaltet sich die gegenseitige Minne. 21 Wie die Feste in höfischen Artusromanen, findet das Siegesfest nach dem Sachsenkrieg auch in den Pfingsttagen statt, wo das erste Treffen zwischen Siegfried und Kriemhild inszeniert wird. Zur Steigerung der Festfreude spielen die höfischen Damen im Rahmen des Festzeremoniells die schmückende und dienende Rolle. In Begleitung zahlreicher festlich geschmückter Damen und Mädchen kommt Kriemhild mit ihrer Mutter zum Fest. Dabei wird Kriemhilds Erscheinen nach dem minnelyrischen Modell dargestellt, und Siegfried äußert gleichzeitig seinen Gedanken nach dem Minnesangsmotiv. Auf diese Weise entsteht eine höfische Stimmung für die kommende Begrüßung. Das Erscheinungsbild Kriemhilds wird mit dem Naturbild – dem Morgenrot aus dem Dunkel und dem strahlenden Mond vor den Sternen – verglichen: Nu gie diu minneclîche, alsô der morgenrôt / tuot ûz den trüeben wolken (281,1-2); Sam der liehte mâne vor den sternen stât, / des scîn sô lûterlîche ab den wolken gât, / dem stuont si nu gelîche vor maneger frouwen guot (283,1-3). Das Bild mit zwei beliebten Mariensymbolen hebt die unermessliche Schönheit Kriemhilds hervor und verstärkt damit die Minne-Atmosphäre, denn die Vergleiche mit den Himmelskörpern dürfen Anklänge an Motive des Minnesangs sein, während sie gleichzeitig in der Marienverehrung üblich sind (vgl. M IEDEMA , 2011: 68). Ähnlich findet sich Siegfrieds Minnegedanke in der minnelyrischen Tradition. Nach Kriemhilds Auftritt am Hof äußert Siegfried bei der Gedankenrede seine Sorge: „wi kunde daz ergân, / daz ich dich minnen solde? daz ist ein tumber wân. / sol aber ich dich vremeden, sô wære ich sanfter tôt.“ (285,1-3). Der Gedanke, dass der Tod besser zu ertragen sei als die Trennung von der Geliebten, gehört zu den Topoi des Minnesangs (vgl. M IEDEMA , 2011: 68). Ein weiteres Minnesangsmotiv ist die Liebe-Leid-Formel, die als Zeichen eines minnedienenden Ritters zu betrachten ist: Sivríde dem hérrn wart beide lieb unde leit (284,4); dô truog er ime herzen lieb áne leit (291,2). In der mit dem Minnesangsmotiv zusammenhängenden Darstellung drückt sich die höfische Atmosphäre nach außen hin aus. Die anschließende Begegnung zwischen Kriemhild und Siegfried demonstriert eine gegenseitige Minne in aller Deutlichkeit. „Es wird eine Mischung aus öffentlichen, 22 stark formalisierten Bestandteilen des Grußes als eines Friedensrituals und Anzeichen heimlicher individueller Zuneigung formuliert“ (M IEDEMA , 2011: 70). Zum einen wird hier das höfische Ritual der öffentlichen Begrüßung inszeniert. Kriemhilds Begrüßung vollzieht sich nach den rituellen Formen: Gruß (292), Hand-in-Hand-Gehen (295) und Kuss (297). Zum anderen wird das Minnesangsmotiv der heimlichen Minne in dieser Szene thematisiert. Vor allem kommen der heimliche Liebesblick und der liebevolle Händedruck zwischen den beiden zum Ausdruck: Er neig ir flîzeclîche; bi der hénde si in vie. / wie rehte minneclîche er bî der frouwen gie! / mit lieben ougen blicken ein ander sâhen an / der heere und ouch diu frouwe. daz wart vil tougenlîch getân (293,1-4). „Heimlicher Blickkontakt und Händedruck signalisieren die Zuneigung, deren persönlicher Charakter gerade durch die betonte Heimlichkeit ausgedrückt wird“ (S CHULZE , 1997: 158). Dazu gehört das Thema des Blicks als intimer Blick der Verliebten zum motivlichen Grundbestand der höfischen Epik (vgl. G EPHART , 2005: 40). Durch die wortlose geäußerte Minne steigert sich die gegenseitige Zuneigung zwischen Siegfried und Kriemhild deutlich. Nach der Begrüßung beim Siegesfest geht die gegenseitige Zuneigung zwischen Siegfried und Kriemhild weiter. Die Hochzeit bzw. die Eheverbindung zwischen den beiden wird ebenfalls in den höfischen Minnekontext eingespielt. 3.1.1.6 Die Eheschließung zwischen Siegfried und Kriemhild Die höfische Minnebeziehung zwischen Siegfried und Kriemhild wird bei der Hochzeit fortgesetzt. Die kurze Schilderung der Hochzeit ermöglicht einen Einblick in eine rechtsgültige bzw. christliche Eheschließung und besitzt damit einen wichtigen Stellenwert des Höfischen. Bei der Hochzeit zwischen Gunther und Brünhild erinnert Siegfried Gunther an seinen Dienstlohn, nämlich Gunthers Schwester Kriemhild. Anschließend vollzieht sich die Eheschließung zwischen Siegfried und Kriemhild nach den rechtlichen Formen (614-616). Sie treten in den Kreis der Verwandten und Freunde. Dann folgt die Konsenserklärung beider Partner. Laut E HRISMANN rückte der Konsens des Paares im Ring der Verwandten und Freunde bis zum 11./12. Jahrhundert in den Mittelpunkt der 29 Indem Kriemhild Brünhild mehrmals mit einer unhöfischen Verhaltensweise beleidigt, verletzt sie auch ihre Paarbeziehung mit Siegfried sowie die Ehre des ganzen burgundischen Hofes. Kriemhilds Verhalten beim Streit entspricht nicht dem einer höfischen Dame. Zwar verhält sich Kriemhild zu Beginn noch als Minnedame, indem sie beim ritterlichen Kampfspiel Siegfried bewundert: „ich hân einen man, / daz elliu disiu rîche ze sînen handen solden stân“ (815,3-4). Aber danach fängt sie an, Brünhild zu kränken, da Brünhild Siegfried als eigenman betrachtet. „Mit eigenman ist im Nibelungenlied gar nicht ungenau der dienstman bezeichnet, sondern sehr genau der ,Leibeigene‘, ,Hörige‘ “ (H ENNIG , 1981: 182). Gegen diese Bemerkung beweist Kriemhild öffentlich ihren Rang, indem sie beim Gang zum Münster prächtige Kleider als Waffen benutzt (813,1-3). Hier wird das Kleidermotiv allerdings nicht als höfisches Symbol angesehen. „Kriemhild benutzt die Kleider als Waffen im Streit mit Brünhild. Sie stellt ihren Reichtum zur Schau, um zu demonstrieren, dass sie die mächtigere Königin ist“ (H EINZLE , 2005: 81). Neben der Prachtentfaltung beleidigt Kriemhild Brünhild weiter als kebse (839,4). S CHULZE definiert in ihrer Untersuchung das Wort kebse im Kontext als eine allerseits willfährige Frau, eine Hure (vgl. S CHULZE , 1997: 213). Mit diesem Wort schändet Kriemhild das Ansehen der burgundischen Königin beträchtlich. M ÜLLER vertritt die Ansicht, dass Kriemhild mit einem Rechtsargument Brünhilds Legitimität als Königin bestreitet (vgl. M ÜLLER , 2002: 78). Zuletzt zeigt Kriemhild nach dem Gottesdienst zwei vermeintliche Beweisgegenstände für den Kebsenvorwurf - der Gürtel und der Ring. Die zwei Gegenstände werden von Brünhild erneut als Provokation und Beleidigung aufgefasst. Der Streit spielt offenbar eine negative Rolle für die Paarbeziehung zwischen Siegfried und Kriemhild. Angesichts des Verhaltens Kriemhilds verprügelt Siegfried sie später (894), was nicht mit höfischem Minnedienst gleichzusetzen ist. Außerdem führt der Streit eine latente Auseinandersetzung zwischen den beiden Gatten Siegfried und Gunther herbei. Da Brünhilds Ansehen von Kriemhild schwer beschädigt wird, stellt Gunther Siegfried zur Rede. Siegfried muss einen Reinigungseid leisten, um den Konflikt (anscheinend) zu lösen. Grundlegend stört der Streit die höfische Ordnung in 30 Worms. Dadurch, dass Königin Brünhild im öffentlichen Streit beleidigt wird, ist Gunthers königliche Stellung erschüttert und wird der ganze burgundische Herrschaftsverband herausgefordert (vgl. M ÜLLER , 2002: 79). „Das Wesentliche besteht darin, daß Konflikte zwischen Siegfried und den Burgunden aufbrechen, die man seit der dritten Aventiure für möglich halten konnte. Und die Auseinandersetzung muß zu einem Punkt geführt werden, von dem ausgehend die Ermordung Siegfrieds erfolgen kann“ (G ÖHLER , 2001: 82). Aufgrund der Störung muss die höfische Ordnung später wiederhergestellt werden, was aber zur Ermordung Siegfrieds führt. Vor der Analyse der Ermordung Siegfrieds wird das unhöfische Handeln Siegfrieds Kriemhild gegenüber zunächst untersucht. Folgend soll die Paarbeziehung im Hinblick auf die höfische Verhaltensregel erläutert werden. 3.1.2.3 Das unhöfische Verhalten Siegfrieds gegenüber Kriemhild In der Minnebeziehung zwischen Siegfried und Kriemhild ist die Auslassung bzw. die Umkehrung von höfischen Verhaltensweisen vorhanden. Dies zeigt sich vor allen durch Siegfrieds Benachteiligung im Erbrecht Kriemhilds und durch Siegfrieds Gewalt seiner Frau gegenüber. Obwohl die verheirateten Töchter nach dem Ehegüterrecht der mittelalterlichen Eheschließungspraxis meistens nicht erbberechtigt sind, erhebt Kriemhild nach der Hochzeit trotzdem den Anspruch auf ihr Erbteil in Worms (691), und die Burgunden gewähren Kriemhild ihr Erbrecht (693). Doch Kriemhilds Erbteil wird von Siegfried zurückgewiesen (694-695). Der Verzicht auf Kriemhilds Erbteil liefert einen Hinweis auf Siegfrieds mangelnde Rücksichtsnahme auf Kriemhilds Rechte und entfernt sich dabei von höfischen Verhaltensweisen. Ein weiteres unhöfisches Verhalten ist Siegfrieds Misshandlung Kriemhilds, indem er Kriemhild nach dem Königinnenstreit verprügelt (894). Hier handelt es sich um ein untypisches Verhalten in der höfischen Minnehandlung. Wie L IENERT interpretiert, hindert die höfische Liebe Siegfried nicht, Kriemhild tüchtig zu verprügeln (vgl. L IENERT , 2003: 98). Zwar wird im höfischen Epos oft davon erzählt, dass Frauen entwürdigt, gequält und geschlagen werden, aber diese Motive stehen in einem merkwürdigen Kontrast zu der offiziellen Frauenverherrlichung 31 in der höfischen Dichtung (vgl. B UMKE , 2008: 464). Da der Dienstgedanke beim höfischen Minnediskurs zufolge im Vordergrund steht, ist Siegfrieds körperliche Gewalt eine Umkehrung vom höfischen Benehmen im Minnedienst. Neben dem unhöfischen Verhalten Siegfrieds steht die Paarbeziehung noch auf anderen unhöfischen Handlungsebenen, da Siegfried infolge des Frauenstreits unritterlich ermordet und der Nibelungenhort danach geraubt wird. 3.1.2.4 Siegfrieds Ermordung und der Hortraub Der Mord Siegfrieds und der Hortraub senden offenbar ein negatives Signal für die Dichtung sowie für die Paarbeziehung, denn der Mord und der Raub stören nicht nur die gesellschaftliche Ordnung der höfischen Welt, sondern bedrohen auch die Minnebeziehung zwischen Siegfried und Kriemhild. Die von Verrat und Rache ausgehende Ermordung ist keine ritterliche Heldentat und führt demzufolge nicht zum höfischen Minnetod Siegfrieds. Zum einen wird der Mord durch List und unritterliche Gewalt begangen. Da Siegfried über die unverwundbare Hornhaut verfügt, kann der Mord nur durch List durchgeführt werden. Mit Hinterlist erfährt Hagen das Geheimnis der verwundbaren Stelle am Körper Siegfrieds und stößt später auf der Jagd mit dem Speer in diese Stelle. Hagens unrechtliches Vorgehen steht im offenkundigen Gegensatz zum ritterlichen Zweikampf, da es vom Dichter eindeutig kritisiert wird: sô grôze missewende ein helt nimmer mêr begât (981,4). Zum anderen ist der Mord nicht auf die Minne Siegfrieds sondern auf Hagens Rache für Brünhild zurückzuführen. Nach S CHULZE wird der Mord ausdrücklich als Rache Brünhilds für ihre Beleidigung und den Betrug betrachtet (vgl. S CHULZE , 1997: 216). Es geht vorwiegend um die verletzte Ehre der Königin bzw. des verbundenen burgundischen Hofes. G REENFIELD vertritt die folgende These, dass die Motivation für den Tod Siegfrieds nicht mit der höfischen Minnepraxis in Einklang zu bringen ist. Siegfried stirbt nicht wegen eines Minnedienstes seiner Dame gegenüber; er wird kaltblütig ermordet aus Gründen, die für das Heldenepos typisch sind. Es geht um Ehre und um Macht. Es wird klar, dass die Ermordung Siegfrieds sowie Kriemhilds Verhältnis dazu nicht mit der Konzeption vom Minnetod eines Mannes entspricht (vgl. 32 G REENFIELD , 2001: 108). So weichen die Ermordung und der Tod Siegfrieds erheblich von der höfischen Handlungsebene ab. Auf diese Art und Weise verliert Kriemhild ihren Ehemann, und die Minnebeziehung wird unmittelbar gefährdet. Der darauf folgende Hortraub stellt eine erneute Bedrohung der Paarbeziehung dar. „Der Raub wiederholt die Verletzung Kriemhilds, die ihr durch den Mord zugefügt worden war, in andere Konfiguration“ (S CHULZE , 1997: 234-235). Der Nibelungenschatz wird nach Siegfrieds Tod nach Worms geholt. Die Witwe Kriemhild verteilt Gold an fremde Ritter, worin Hagen eine mögliche Gefahr für die Burgunden erkennt. Er versenkt den Nibelungenhort im Rhein, um Kriemhilds potenziellen Racheplan zu verhindern. Da der Hort für rechtsmäßiges Eigentum und den geliebten Ehemann Kriemhilds steht, bringt der Hortraub im engeren Sinn die höfische Ordnung der Burgunden in Gefahr und verletzt im weiteren Sinn Kriemhilds Minne zu Siegfried. Das Hortmotiv wird in der folgenden Handlung bis zum Schluss der Dichtung immer wieder in Erinnerung gebracht, und die Hortverweigerung Hagens in den letzten Szenen führt zur Zerstörung der höfischen Welt. Mit dem unhöfischen Mord und Hortraub wird die weitere Rachehandlung vorbereitet. Nachfolgend wird untersucht, ob und inwieweit das Rachehandeln Kriemhilds von der höfischen Verhaltensweise abweicht. 3.1.2.5 Kriemhilds weibliche Gewalt Dem Rachewunsch folgend wendet Kriemhild beim Racheakt weibliche Gewalt an, mit der die höfische Welt herausgefordert wird. In der ersten Linie ist Kriemhild von der Hilfe der Männer abhängig. Wie L IENERT feststellt ist Kriemhilds weibliche Gewalt vor allem indirekte Gewalt, insofern sie sich männlicher Gewalt bedienen muss und tendenziell bleibt sie isoliert und daher erfolglos (vgl. L IENERT , 2003: 107). Als Folge der weiblichen Gewalt entwickelt sich die Rache zum Massenmord und führt schließlich den Burgundenuntergang herbei. Unter dem Aspekt der weiblichen Gewalt und des Ausmaßes der Rache vertritt S CHULZE die Meinung, dass Kriemhilds Rache die rechtliche Dimension weit übersteigt, denn Frauen waren aktiv und passiv nur begrenzt rechtsfähig (vgl. S CHULZE , 1997: 239). 33 Weiterhin tötet die Rächerin entgegen aller Gerechtigkeit den Mörder selbst, was einer eindeutigen Abgrenzung zur höfisch-ritterlichen Verhaltensweise dient. Die letzte Szene der Dichtung ist voller Grausamkeit: Auf die erneute Hortforderung Kriemhilds antwortet der gefangene und gefesselte Hagen, dass er den Ort des Hortes immer verschweigen werde, solange König Gunther lebe. Kriemhild lässt ihren Bruder sofort töten und bringt Hagen seinen Kopf. Darauf lacht Hagen und verrät das Versteck immer noch nicht. Schließlich zieht Kriemhild Hagens Schwert, eigentlich Siegfrieds Schwert Balmung, und schlägt ihm mit eigener Hand den Kopf ab (2367-2373). An dieser Stelle wird die Gerechtigkeit durch Etzel und Hildebrand vollstreckt. Etzel beklagt Hagen als „der aller beste degen“ (2374) und Hildebrand schlägt letztendlich mit seinem Schwert Kriemhild in Stücke (2377,2). „Die im Krieg kämpfende und tötende Frau wird erst recht systematisch denunziert“ (L IENERT , 2000: 139). Es ist davon auszugehen, dass die Paarbeziehung Kriemhilds bzw. die Dichtung sich in diesem Augenblick nicht mehr im Rahmen der höfischen Welt befindet, indem Kriemhild die letzte rechtliche Versöhnungsmöglichkeit zurückweist und eine weitere Schwelle der Grausamkeit überschreitet (vgl. S CHULZE , 1997: 253). Vor dem Hintergrund der feudalen Praxis verfügt Kriemhild als eine Frau über keine rechtlichen Möglichkeiten, den Mörder mit ihren eigenen Händen zu töten. So kommt G REENFIELD zu der Ansicht, obwohl für die höfische Gesellschaft moralisch und legal gesehen der Tod Hagens gerechtfertig wäre, da er an Siegfrieds Mord schuldig ist, entspricht die Art und Weise, wie er hingerichtet wird, nicht der Justizpraxis jener Zeit: Eine solche Tötung ist nicht akzeptabel, denn nach dem höfischen Gesetz hatte die Frau nicht das Recht, Waffen zu benutzen (vgl. G REENFIELD , 2001: 113). 3.1.3 Zwischenfazit Durch die Erläuterung des Ineinandergreifens von höfischen und unhöfischen Komponenten zeigt sich, dass in der Paarbeziehung zwischen Siegfried und Kriemhild der höfische Aspekt überwiegt. Kriemhild und Siegfried werden am Anfang der Dichtung als höfische Dame und höfischer Ritter eingeführt. Mit Kriemhilds Falkentraum und Siegfrieds Werbungsfahrt wird die Minnethematik in die Beziehung 34 eingewoben. Seitdem befindet sich die Paarbeziehung prinzipiell in einem höfischen Minnekontext, dazu zählen zum Beispiel die erste Begegnung zwischen den beiden beim Siegesfest, ihre anschließende Hochzeit, Siegfrieds Minne zu Kriemhild in seiner Todesszene, Kriemhilds tiefe Trauer wie auch der lebenslange Wunsch nach Rache für ihren Geliebten. Trotz der unhöfischen Taten wie des Auftritts Siegfrieds in Worms und des Schlagens Kriemhilds wird die Minnebeziehung nicht irreparabel beschädigt. Darüber hinaus entsprechen Kriemhilds Hortforderung und ihre Racheabsicht den höfischen Gesetzen jener Zeit. Allerdings gehören Kriemhilds Streit mit Brünhild und die Tötung Hagens weniger zur höfisch-ritterlichen Verhaltensweise und bedrohen dabei die höfische Dimension der Paarbeziehung. In dieser Paarbeziehung steht der höfische Minnediskurs im Vordergrund. Das Minnemotiv wird sowohl aus der höfischen Lyrik als auch aus dem höfischen Roman übernommen. Doch die Paarbeziehung ist nicht nur von der Minne abhängig, sondern hat auch eine gesellschaftliche Funktion. Durch die Beziehung lässt sich ein facettenreiches Bild der Feudalgesellschaft darstellen: das kultivierte Hofleben, die komplexen politischen Motive wie auch die zeitgenössischen Rechtsformen. Daneben wirkt Siegfrieds vorhöfische Sage kaum auf die Paarbeziehung ein, aber der von Stofftradition ausgegangene Burgundenuntergang nimmt einen schädlichen Einfluss auf die Paarbeziehung und führt ihr tragisches Ende herbei. 3.2 Paarbeziehung zwischen Gunther und Brünhild Die Paarbeziehung zwischen Gunther und Brünhild ist zweidimensional: Die höfischen Erscheinungen und die unhöfischen Herausforderungen sind miteinander verknotet. Allerdings herrschen die unhöfischen Motive wie weibliche Gewalt und Betrugsmotiv im Handlungsverlauf vor und gestalten zum großen Teil die unhöfische Dimension dieser Paarbeziehung. Die Werbungsgeschichte um Brünhild folgt im Allgemeinen dem gefährlichen Brautwerbungsschema. Die isländische Königin Brünhild ist Braut und gleichzeitig Brauthüter mit gefährlichen Heiratsbedingungen. Der burgundische König Gunther 35 erscheint als höfischer Werber und Siegfried als archaischer Werbungshelfer. Vor der Werbung in Isenstein denkt sich Siegfried eine Standeslüge aus: Er gibt sich als einer der Männer Gunthers aus. Als Zeichen der Unterordnung leistet Siegfried den Steigbügeldienst und stellt Gunther als seinen König vor. Im anschließenden Dreikampf hilft Siegfried Gunther unter dem Schutz der Tarnkappe. Nach dem Kampf ergibt sich Brünhild und zieht mit den Burgunden nach Worms, wo die Hochzeit stattfindet. In der ersten Brautnacht verweigert Brünhild alle Annäherungsversuche Gunthers, und in der zweiten Brautnacht bietet Siegfried Gunther mit der Tarnkappe erneut seine Hilfe. Daraufhin wird Brünhild die Ehefrau Gunthers. Zehn Jahre später lädt Brünhild Siegfried und Kriemhild nach Worms ein, wo der Königinnenstreit ausbricht. 3.2.1 Der höfische Aspekt der Paarbeziehung 3.2.1.1 Die höfische Kleiderausstattung der Burgunden Die prächtige Kleidung der Burgunden auf der Werbungsfahrt bestimmt in der Paarbeziehung ein höfisches Erscheinungsbild. Durch die Darstellung des Luxus ergibt sich die Gelegenheit, ein höfisches Element mit der Brautwerbung zu verbinden. Der Akzent bei der Kleiderbeschreibung, besonders in den „Schneiderstrophen“ während Gunthers Vorbereitung auf dem Werbungszug, liegt auf den kostbaren Stoffen und deren Herkunft. In den „Schneiderstrophen“ (347-370) wird die Hilfe von Kriemhild für den Entwurf und die Herstellung der repräsentativen Kleiderensembles benötigt (vgl. B RÜGGEN , 2003: 180). Sie und ihre Mädchen fertigen für Gunther und seine Gefolgsleute die Kleider an (362-366). Mehrfach wird betont, dass die Seidenstoffe und die Edelsteine der Kleidung aus dem Orient kommen: unt von Zázamanc der guoten (362,2); Von Márroch ûz dem lande und ouch von Lybîân (364,1); Ûz árâbîschem golde (366,1). Die Zurschaustellung der orientalischen Stoffe demonstriert Reichtum bzw. die Macht des Burgundenhofes, dabei ist auch Gunthers Aufwand für die Werbungsreise deutlich zu sehen. Das Ziel Gunthers ist, durch die kostbare Kleiderausstattung die höfischen Normen zu erfüllen und somit großes Ansehen zu genießen: „wir wellen höfscen rîten verre in vremdiu lant; / wir solten zuo der reise haben zierlîch gewant.“ (350,3-4); „daz ich selbe vierde ze vier tagen trage / 36 ie drîer hande kleider und alsô guot gewant, / daz wir âne scande rûmen Prünhilde lant.“ (360,2-4). An diesen Stellen handelt es sich um eine Regel der höfischen Lebensformen, dass die prächtigen Kleider Ausdruck des Selbstbewusstseins und des Hochgefühls für die höfische Gesellschaft sind (vgl. B UMKE , 2008: 187). 3.2.1.2 Brünhilds höfische Erscheinung Ähnlich wie Gunthers Kleiderausstattung dienen Brünhilds Schönheit und ihre wertvolle Kampfausstattung gleichfalls der „höfischen Verfeinerung“ 4 für die Werbungsgeschichte. Die kurze Darstellung des schönen Aussehens erfüllt in der Gestalt Brünhilds eine repräsentative höfische Rolle. Am Anfang der Brautwerbung werden die weibliche Schönheit und die übermenschliche Kraft Brünhilds zusammen vorgestellt: diu was unmâzen scoene, vil michel was ir kraft (326,3). Dabei steht die Schönheit für eine höfische Welt und die Kraft für eine urtümliche Welt (vgl. E HRISMANN , 1987: 122). Dank ihrer Schönheit ist es leicht für Gunther, nach den höfischen Regeln die isländische Königin zum ersten Mal unter zahlreichen Mädchen zu finden (392). Ein noch deutlicheres Signal sendet der Schönheitsvergleich zwischen zwei Königstöchtern bei Brünhilds Empfang in Worms (592-593), der zeigt, dass Brünhilds Aussehen dem idealen Bild einer höfischen Dame entspricht. Darüber hinaus werden Brünhilds kostbare Rüstung und Kampfkleidung parallel zu Gunthers Kleiderausstattung dargestellt. Der Nachdruck bei der Rüstungsbeschreibung liegt auf dem Material, das größtenteils aus Gold und Stahl besteht: eine brǘnne rôtes goldes unt einen guoten schildes rant (428,4); vil manigen goldes zein (434,3); wol drîer spannen dicke, den solde tragen diu maget, / von stahel unt ouch von golde (437,2-3). Außerdem wird Brünhilds Kampfkleidung, wie die Gewänder der Burgunden, aus den orientalischen Stoffen gefertigt. Zum Beispiel besteht ihr seidenes Waffenhemd aus libyschem Stoff (429,1-3), und ihr Waffenrock aus der Seide von Azagouc (439,2). Das kostbare Material und die orientalischen Stoffe unterstreichen nicht nur den Eindruck von der Pracht des Landes, sondern auch die 4 Der Begriff „die höfische Verfeinerung“ kommt aus H EINZLE (vgl. H EINZLE , 2005: 81-83), aber er legt einen anderen Nachdruck. 37 höfische Erscheinung der Königin. So vertritt H EINZLE die Meinung, „dass Brünhild gerade in der Rüstung als höfische Dame erscheint“ (H EINZLE , 2005: 82). 3.2.1.3 Die feudalen politischen Überlegungen Neben der höfischen Erscheinung wird die feudale Heiratspolitik in der Paarbeziehung thematisiert. Auf der Seite des burgundischen Hofes ist die Heirat des Königs mit der Königin Islands von der Ehepolitik motiviert, und spielt dabei eine große Rolle. Auf der Burg Isenstein folgen Brünhilds Kampfund Heiratsbedingungen dem feudalen Herrschaftsprinzip. Die Heiratspolitik der beiden Seiten eröffnet eine weitere höfische Dimension der Paarbeziehung. Aus dynastischen Familieninteressen hat Gunthers Eheschließung eine ausschlaggebende politische Bedeutung. Da der burgundische König Gunther der älteste Bruder der Königssippe ist, stärkt eine angemessene feudale Ehebindung nicht nur sein Ansehen als König, sondern auch die Macht des ganzen Reichs. In diesem Sinne trifft Gunther den richtigen Entschluss, um Brünhild zu werben (325). Durch die Heirat mit der starken Brünhild können Gunther und sein Land einen hohen politischen Stellenwert genießen. „Hier [...] strebt ein junger König beziehungsweise Königssohn nach Erhöhung seines Status durch die Verbindung mit einer Frau von Rang“ (G EPHART , 2005: 47). Anschließend stellt sich Gunther mit Siegfrieds Hilfe Brünhilds Wettkämpfen. „Wenn Gunther um Brünhild, die stärkste/mächtigste aller Königinnen, «kämpft», so ist dies zwar moralisch ein Zeichen von Hybris, politisch jedoch ein Zeichen seiner Herrschaftskompetenz“ (E HRISMANN , 2005: 62). So gehen die Brautwerbung und die folgende Eheschließung primär von dynastischen Interessen aus, damit Gunther seine Macht und Herrschaft erweitern kann. Auf der Burg Isenstein ist der Blick auf Brünhilds Heiratspolitik und ihre Frauenherrschaft fixiert, die in der höfischen Dichtung oft thematisiert werden. Vor dem Beginn der Brautwerbung betont Brünhild ihre Kampfund Heiratsbedingungen (423), dass es ums Leben geschehen ist, wenn der Werber nur einmal im sportlichen Wettkampf versagt. An solchen Kampfbedingungen lässt sich sowohl die weibliche Übermacht als auch die Frauenherrschaft über das ganze Land erkennen. E HRISMANN 38 begründet die Frauenherrschaft folgendermaßen: „Solche Grausamkeit ist eine Folge feudaler Logik, denn die Königin setzt mit sich auch ihr Land und ihre Leute aufs Spiel, die Pflicht des Personenverbandsstaates verlangt, sie keinem Schwächling anzuvertrauen“ (E HRISMANN , 1987: 127). Zwar wird in der höfischen Dichtung oft geäußert, dass Frauen zur Herrschaft ungeeignet sind (vgl. B UMKE , 2008: 488), aber ein paar aktive Herrscherinnen, wie zum Beispiel die Gyburg-Figur im Wolframs Roman 'Willehalm', sind im höfischen Roman noch zu finden. Wie die Königin Gyburg verhält sich die Herrscherin Brünhild als eine kämpfende Frau in der feudalen Gesellschaft. Der Unterschied liegt nur in ihrem Ziel: Gyburg muss allein Land und Leute gegen die Feinde verteidigen, und Brünhild lässt ihre Herrschaft durch die Brautwerbung übernehmen. 3.2.2 Der unhöfische Aspekt der Paarbeziehung 3.2.2.1 Der unhöfische Ausdruck der Minne Was für eine Rolle spielt das Minnemotiv in dieser Paarbeziehung? Gunthers Minnebegehren wird vor allem im Wortschatz belegt, allerdings verwandelt sich in diesem Wort „Minne“ die höfische Bedeutung zur unhöfischen Brautwerbung und Vergewaltigung. Gunther, zum Minneritter stilisiert (vgl. E HRISMANN , 1987: 122), erzählt vor der Brautwerbung häufig von seiner Minne zu Brünhild: ich wil durch ir minne wâgen mînen lîp: / den wil ich verliesen, sine wérdé mîn wîp (329, 3-4); edel Sîvrit, / wérben die mínneclîchen (332,1-2). Aber hier bedeutet „Minne“ weder lyrische entsagende Minne noch epische eheliche Liebe, sondern eine gefährliche Brautwerbung. „Aus hoher minne ist minne mit hohem Risiko geworden. Dank dieser Bedeutungsverschiebung wird minne Teil eines Machtspiels, ist nicht mehr bloß Dekoration heroischen Handelns, sondern dessen Element“ (M ÜLLER , 1998: 402). Tatsächlich wird die Werbungsfahrt in der archaischen Stimmung dargestellt: in recken wîse (341,1). In dieser Art und Weise verfügt das Minnemotiv bei der Brautwerbung über einen unhöfischen Unterton. Vor der zweiten Ehenacht denkt Gunther wieder an Minne: an sîner vrouwen 45 großen Brautwerbungen des Nibelungenlieds vollzieht sich allein die von Rüdiger ausgeführte Unternehmung in höfischen zeremoniellen Formen“ (S CHULZE , 1997: 165). Nach jahrelanger Witwenschaft ist Kriemhild immer noch eine höfische Dame von großer Schönheit und hohem Rang. Kriemhilds Schönheit wird oft beschrieben: vil wætlîchen lîp (1146,4); ir grôzen schoene (1158,4); schoenen lîp (1254,3;1313,2). Der Brautwerber Etzel wird als höfischer König dargestellt, der explizit in der Dichtung als der künic rîche (1145,1;1157,1) und der künic edele (1147,1) benannt wird. Außerdem sind sein guter Ruf (1146,2) und sein großer Reichtum (1146,2) unentbehrliche Voraussetzungen für die Werbung um Kriemhild. Unter Etzels Vasallen übernimmt Markgraf Rüdiger von Bechelaren die Rolle als Brautwerbungshelfer und tritt als Repräsentant des Hunnenhofes auf. Vor allem verkörpert Rüdiger ein wichtiges höfisches Element in der Brautwerbung, denn er repräsentiert die im Nibelungenlied aufgenommenen höfischen Normen und bietet einen besonderen Identifikationsanreiz (vgl. S CHULZE , 1997: 165). Auf diese Art und Weise hilft Rüdiger das vorhöfische Brautwerbungsschema grundlegend verwandeln. Sein hohes Ansehen ist durch die prächtige Ausstattung gekennzeichnet: man sah ir soumære sô rehte swære tragen. / daz sie vil rîche wâren, daz wart dâ wol bekant (1176, 2-3); boten nie getruogen alsô hêrlîch gewant (1182, 4). Entsprechend wird er vom Königshaus der Burgunden nach höfischer Etikette in aller Herrlichkeit empfangen (1185-1188). Die oben erwähnten Gestalten eröffnen eine höfische Dimension der Brautwerbung. Neben der höfischen Erscheinung wird die politische Bedeutung dieser Paarbeziehung in der feudalen Gesellschaft thematisiert, die im folgenden Punkt näher zu erläutern ist. 3.3.1.2 Politische Gedanken der Eheschließung Bei einer feudalen Eheschließung ist das politische Interesse von zwei adligen Familien wahrzunehmen, die normalerweise durch den Bräutigam und den Munt der Braut vertreten werden. Der Heiratspolitik folgend stellt die Eheschließung zwischen Etzel und Kriemhild eine Verbindung zweier Herrschaftshäuser dar. Bei Etzels Brautwerbung um Kriemhild geht es primär um politische Interessen 46 des Hunnenhofes. Nach dem Tod der Königin Helche ist die Suche nach einer anderen angemessenen Königin für den mächtigen König Etzel dringend notwendig. Kriemhilds Schönheit, hohe Stellung und ihre erste Ehe mit dem ruhmreichen Helden Siegfried sind für den Hunnenkönig wichtige Voraussetzungen einer ebenbürtigen Frau. Davon ausgehend trifft Etzel die Entscheidung, um Kriemhild zu werben. Auf der Seite des burgundischen Hofes bedeutet Kriemhilds Eheschließung mit dem Hunnenkönig eine Bereicherung und Steigerung des Ansehens. Gunther zeigt bei seiner Beratung mit Verwandten und Ratgebern deutlich sein politisches Interesse: wir soldenz selbe werben, ob ez ir êre möhte sîn (1204,4). Ebenfalls weist Gernot darauf hin: wir suln ir sîn getriuwe, daz ist zen êren uns gewant (1211,4). In dieser Hinsicht interpretiert E HRISMANN : „Die Werbung des großen Etzel festigt auch die Ehre Burgunds“ (E HRISMANN , 2005: 65). Bemerkenswert ist, dass die Brauthüter in dieser Eheverbindung nicht alle Entscheidungen für die Braut treffen, indem die Königsbrüder Kriemhild die endgültige Entscheidung über die Brautwerbung einräumen (1200;1220). Allerdings lässt sich davon ausgehen, dass die Steigerung des Ansehens einer der wichtigsten Gründe des Königshauses für die Zustimmung zu dieser Brautwerbung ist. 3.3.1.3 Festliche Empfänge und Hochzeit Kriemhilds Reise vom Burgundenhof ins Hunnenland ist eine Kette prächtiger Auftritte (vgl. M ÜLLER , 2002: 14). Die höfische Festkultur wird bei der Reise sehr ausführlich und sorgfältig aufgezeigt. Drei Festszenen - der Empfang bei Rüdigers Familie (1302-1327), der Empfang bei Etzel (1336-1360) und die Hochzeit (1362-1375) - kommen der Reihe nach zur Darstellung. Dem Festschema entsprechend zeigen die drei Festszenen im Rahmen dieser Paarbeziehung nicht nur die feierlichen Momente der Handlung, sondern auch die Festkultur der höfischen Gesellschaft. Die drei Festszenen sind von der Hofkultur geprägt und bieten alle zeremoniellen Formen. „An allen Festen entfaltet sich das höfische Zeremoniell der Turniere und Spiele, der Aufzüge prächtiger Gefolge mit Pferden und in kostbaren, farbenfrohen Gewändern, die stets sorgfältig ausgewählt und vorbereitet werden“ (G ROSSE , 2007: 1010). Wie in den Artusromanen findet die Hochzeit zwischen 47 Kriemhild und Etzel auch zu Pfingsten statt. Alle drei Festbeschreibungen symbolisieren die höfische Ordnung, aber die einzelnen Festszenen haben jeweils einen unterschiedlichen Fokus. Auf dem Weg ins Hunnenland wird Kriemhild in Bechelaren von Rüdiger nach allen festlichen Ritualen empfangen (1302-1327). Dabei treten die Frauen, vor allem Kriemhild, Rüdigers Frau Gotelind und ihre Tochter, in den Vordergrund und spielen in der höfischen Festgesellschaft eine schmückende Rolle. Die Aufmerksamkeit wird primär der Schönheit der Frauen gewidmet: die schoenen Gotelinden (1308,3) schoenen lîp (1313,2). Weiterhin benehmen sich die Frauen im Rahmen des Festprotokolls: Rüdigers Frau freut sich über die Ankunft der Gäste (1309,2) und kommt mit ihrer Tochter zur Begrüßung zu Kriemhild (1312,4; 1319,1). Kriemhild und Rüdigers Frau sowie Tochter unterhalten sich mit anderen Rittern und Damen (1320), schenken einander großzügig (1322-1324) und nehmen letztlich voneinander Abschied (1327). „Erstmals im Lied treten hier Frauen untereinander in einen lebendigen emotionalen und materiellen Austausch“ (G EPHART , 2005: 108), was bezeichnend für die höfische Festkultur ist. Die aktiven Frauengestalten haben beim Empfang von Rüdiger eine dekorative Wirkung und sorgen damit für höfische Stimmung in der Festgesellschaft. Nach Rüdigers gastlicher Aufnahme wird Kriemhild von Etzel feierlich auf dem Tullner Feld empfangen. Der Akzent wird hier auf die höfischen Verhaltensregeln des Paares gelegt. Rüdiger instruiert Kriemhild genau über die Begrüßungsformalitäten (1348,2-4) (vgl. B UMKE , 2008: 300). Nach dem Begrüßungskuss steht Etzel die ganze Zeit neben Kriemhild (1353,1) und verlässt später mit ihr zusammen den Schauplatz (1355,4). Hand in Hand sitzen sie im Zelt liebevoll nebeneinander (1358,2). Ihr höfisches Benehmen erinnert an das zwischen Siegfried und Kriemhild beim ersten Treffen, wo die höfischen Umgangsformen auch ausführlich dargestellt werden. 5 Die letzte Festszene in Wien, wo die Hochzeit zu Pfingsten stattfindet, legt den Fokus auf Etzels Großzügigkeit und die damit verbundene Macht. Die Großzügigkeit des Königs Etzel lässt sich durch zahlreiche Gäste (1363-1364), kostbare Kleidung (1369) und großzügige Geschenke (1369) veranschaulichen. Nicht zuletzt ist Etzels 5 Zu dem ersten Treffen zwischen Siegfried und Kriemhild siehe „3.1.1.5 Die Entfaltung gegenseitiger Minne zwischen Siegfried und Kriemhild“. 48 Machtfülle durch den Vergleich des Dichters zwischen Siegfried und Etzel hinsichtlich ihres Reichtums gekennzeichnet: was Sîfrit rîch des guotes, daz er nie gewan / sô manigen recken edele, sô si sách vor Etzelen stân. (1368, 3-4) „Macht, Reichtum und die großzügige Gebefreudigkeit der milte bestimmen das Ansehen und die Geltung der Höfe in der Gesellschaft“ (G ROSSE , 2007: 1010). Etzel erscheint in der festlichen Zeremonie als Modell der Großzügigkeit, die im engeren Sinne für die höfische Festkultur steht und im weiteren Sinne die Macht repräsentiert. Die Empfänge und die Hochzeit werden so dargestellt, dass die höfische Seite der Paarbeziehung zum Ausdruck kommt. Den Frauen kommt in der Festkultur eine schmückende Rolle zu. Durch die höfischen Verhaltensregeln und die Machtfülle des Gastgebers wird das poetische Bild der Festgesellschaft noch hervorgehoben. 3.3.1.4 Religiöse Perspektive der Paarbeziehung Neben den verschiedenen Festszenen kommt die christliche Vorstellung, die zur höfischen Ritterkultur gehört, in dieser Paarbeziehung oft zum Ausdruck, wie zum Beispiel bei der Brautwerbung und im Eheleben. Nach G ROSSE bleiben die christlichen Gedanken im Nibelungenlied „als dekorative Zutat nur auf der Oberfläche haften, ohne in die Handlung einzudringen und die Konflikte zu problematisieren“ (G ROSSE , 2007: 1011). Aber trotzdem hat die religiöse Dimension eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für diese Paarbeziehung, denn es wird in die Handlung eingesetzt und setzt somit einen höfischen Akzent. Am Anfang bildet Etzels Heidentum bei der Brautwerbung ein Hindernis. Vor der Werbung zeigt Etzel schon seine Zweifel: „sît ich bin ein heiden, unt des tóufes niht enhân? / sô ist diu vrouwe kristen: dâ von sô lobt sis niht“ (1145, 2-3). Ebenso hält Kriemhild die Eheschließung mit einem Heiden für unmöglich: „und sol ich mînen lîp geben einem heiden, des muoz ich zer werlde immer schande hân“ (1248, 1-3). Das religiöse Problem lässt sich letztendlich durch Rüdigers Hinweis auf zahlreiche Christen an Etzels Hof lösen (1262, 1-2). Außerdem gibt Rüdiger Kriemhild einen anderen Hinweis, dass sie versuchen kann, Etzel zur Taufe zu überreden (1262, 3-4). Zwar ist davon im weiteren Handlungsablauf keine Rede mehr, aber die Taufe von Kriemhilds 49 Sohn Ortlieb (1388) stellt möglicherweise eine Anspielung darauf dar und beweist, dass christliche Elemente eine Rolle in Kriemhilds Eheleben spielt. In den anschließenden Szenen auf Etzels Hof werden Christen und Heiden immer nebeneinander vorgestellt (1334;1335;1338;1353). Dabei liefert die Darstellung einerseits den Beweis dafür, dass es viele Christen bei Etzel gibt, wie in Rüdigers Vorstellung erwähnt (1262, 1-2). Andererseits vermitteln diese Szenen den Eindruck, dass christliches und nichtchristliches Leben im Hunnenland harmonisch verbunden sind. Ein weiteres Beispiel für die Harmonie des Glaubens auf dem Hunnenhof ist, dass Ortlieb, der Sohn von Kriemhild und Etzel, im christlichen Glauben getauft wird (1388). So kommen die christlichen Gedanken bei der Paarbeziehung zwischen Etzel und Kriemhild häufig zum Ausdruck. Zwar wird das religiöse Motiv nicht so problematisiert wie in vielen anderen höfischen Romanen, aber die christliche Vorstellung nähert sich der höfischen Denkweise an und bewirkt damit eine weitere höfische Dimension in der Paarbeziehung. 3.3.2 Der unhöfische Aspekt der Paarbeziehung 3.3.2.1 Kriemhilds anfängliche Verweigerung von Minne Gegen Etzels Brautwerbung zeigt Kriemhild zuerst eine stark ablehnende Haltung. Ihre tränennasse Kleidung beim Empfang Rüdigers stellt ihre Trauer um Siegfried unter Beweis, weshalb die Verhandlungen zwischen ihr und Rüdiger als zum Scheitern verurteilt betrachtet werden (vgl. M IEDEMA , 2011: 101). Bei der Brautwerbung empfängt Kriemhild Rüdiger in ihrer Kemenate (1225-1241). Im Gegensatz zu den prächtigen Kleidern an ihrem Hof trägt sie ein alltägliches Gewand, mit dem sie sich den höfischen Lebensformen entzieht. Auffällig ist außerdem, dass ihr Gewand von ihren Tränen nass ist: ir wât was vor den brüsten von heizen trähen naz (1228,3). Kriemhilds tränennasse Kleidung demonstriert ihre tiefe Trauer um Siegfried und drückt bereits ihre Verweigerung gegenüber einer neuen Minne aus. Um das zu betonen, sagt sie zu Rüdiger, dass sie den besten Mann schon verloren habe und sie die Minne keinem mehr schenken würde: „der bæte mich niht 50 triuten noch deheinen man. / jâ verlôs ich ein den besten, den ie vróuwé gewan“ (1233,3-4). Da Kriemhilds anhaltende Trauer auf ihrer Minne zu Siegfried beruht, verweigert sie die Minne Etzels, was aber ein unhöfisches Signal in Bezug auf die Beziehung zwischen Etzel und Kriemhild aussendet. Trotz der anfänglichen starken Verweigerung stimmt Kriemhild nach dem zweiten Empfang Rüdigers der Eheschließung mit dem Hunnenkönig zu. Vor Kriemhilds Abreise ins Hunnenland wird das Hortmotiv aber wieder aufgerufen. 3.3.2.2 Der Hortrest und der Verzicht auf den Hort Nach Hagens Hortraub besitzt Kriemhild noch viel Gold aus dem Nibelungenland, und sie will auf ihre Restbestände aus der Morgengabe keinesfalls verzichten (1271). Aber Hagen versucht nochmals, das Gold für sich zu beanspruchen (1273). Rüdiger spielt in diesem Fall eine zurückhaltende Rolle. Er schlägt vor, dass Kriemhild wegen Etzels großen Reichtums ihren Nibelungenschatz aufgeben soll (1275;1278-1279). Dabei eröffnen der Hortrest und der Verzicht auf den Hort einen weiteren unhöfischen Aspekt. Zum einen liefert der Hortrest einen negativen Hinweis. „Der Hort beziehungsweise das, was von ihm übrig geblieben ist, bleibt das primäre Objekt, auf das sich negative Emotionen wie Machtgier, Haß, sozialer Neid, Furcht und Abwehr konzentrieren“ (G EPHART , 2005: 107-108). Die den Hort begleitenden negativen Assoziationen stehen im Gegensatz zur höfischen Festfreude. Zum anderen entspricht Kriemhilds Verzicht auf den Hort nicht der Ehepraxis jener Zeit. Da der Hort die Morgengabe Siegfrieds symbolisiert, hat Kriemhild laut der zeitgenössischen Eheauffassung das Recht, den Hort für sich zu beanspruchen. Hagens Verlangen nach dem Rest des Schatzes und Rüdigers Vorschlag verletzen dabei Kriemhilds Recht nach höfisch-feudaler Ehepraxis. 3.3.2.3 Kriemhilds vorgestäuschte Minne zu Etzel Während des ersten Empfangs mit Rüdiger zeigt Kriemhild noch eine ablehnende Haltung, begrüßt aber nach dem zweiten Empfang bereits die 51 Eheverbindung. Es stellt sich die Frage, ob Kriemhilds Einwilligung der Eheschließung von ihrer Minne zu Etzel ausgeht. Es ist deutlich zu erkennen, dass Kriemhild bei der Brautwerbung ihr eigenes politisches Interesse wahrnimmt, um ihre Rachepläne für Siegfried zu realisieren. Darunter sind Etzels Machtfülle und Rüdigers triuwe-Versprechen zwei entscheidende politische Faktoren. Bei den Verhandlungen zwischen Rüdiger und Kriemhild erzählt Rüdiger von Etzels Minne zu Kriemhild (1231-1232) und der Harmonie zwischen Christen und Heiden am Hunnenhof (1262). Aber wichtiger ist, dass Rüdiger ausdrücklich Etzels Machtbasis betont (1235-1240). Mit der Darstellung von Etzels Machtfülle wird darauf hingewiesen, dass Kriemhild später eine ähnlich große Macht erlangen kann. Der zweite Besuch ist auf Rüdigers triuwe-Eid Kriemhild gegenüber zentriert. Rüdigers Eid bedeutet für Kriemhild eine persönliche Dienstverpflichtung. K AISER ist der Ansicht, dass Rüdigers vieldeutigen Ergebenheitsversprechen für Kriemhild nur einen Sinn haben: In Rüdiger und Etzel erwachsen ihr Werkzeuge ihrer Rache (vgl. K AISER , 1981: 196). Aus Kriemhilds Überlegungen (1259-1260) ist abzulesen, dass ihre Rachegedanken bereits durch die beiden politischen Aspekte – Machtzuwachs am Hunnenhof und Rüdigers Dienstverpflichtung – motiviert sind. Anschließend stimmt Kriemhild der neuen Ehe zu (1264). Daher ist es wahrscheinlich, dass Kriemhilds Zustimmung zur zweiten Eheverbindung vornehmlich auf ihren Rachewunsch für die Ermordung Siegfrieds zurückzuführen ist. Ihre nachhaltige Racheabsicht demonstriert ihre andauernde Minne zu Siegfried. Aber dem Hunnenkönig Etzel gegenüber zeigt Kriemhild ihre vorgetäuschte Minne, was durch Kriemhilds Tränen am Hochzeitstag verraten wird. Kriemhild zeigt zwar ihre Zuneigung zu Etzel beim Empfang auf dem Tullner Feld, indem sie mit Etzel Hand in Hand liebvoll sitzt (1358), aber bei ihrer Hochzeit mit Etzel weint Kriemhild heimlich: ir ougen wurden naz. / si hetes vaste hæle, deiz íemen kunde sehen. / ir was nâch manigem leide sô vil der êrén geschehen (1371,2-4). Die Tränen Kriemhilds bilden einen scharfen Kontrast zu der höfischen Festfreude. An dieser Stelle kommentiert B OKLUND -S CHLAGBAUER folgendermaßen: „[Kriemhilds] Identität ist immer noch von der Minne zu Siegfried bestimmt, und sie hat sich durch die zweite Ehe 52 mit Etzel nicht verändert. Äußerlich ist zwar ihre êre durch die Ehe und die Macht größer als vorher, aber es fehlt die Komponente der Minne“ (B OKLUND -S CHLAGBAUER , 1996: 74). Es ist davon auszugehen, dass Kriemhilds Minne zu Siegfried bei ihrer Eheverbindung mit Etzel eine große Rolle spielt. Kriemhilds anfängliche Ablehnung der Minne Etzels und ihre spätere vorgetäuschte Minne zu ihm stehen im offenkundigen Gegensatz zu der im höfischen Roman dargestellten Minneehe. Infolge von Kriemhilds vorgetäuschter Minne lässt sich ihr verborgener Racheplan im Eheleben weiter nachvollziehen. 3.3.3 Zwischenfazit In der Paarbeziehung zwischen Etzel und Kriemhild werden viele höfische Motive präsentiert. Zunächst bietet Etzels Brautwerbung um Kriemhild keine traditionelle archaische Handlung, sondern eine variierte höfische Erscheinungsform. Bei der anschließenden Eheverbindung zwischen den beiden manifestiert sich eine feudale Ehepraxis im Hofleben. Weiterhin sind die literarischen Festszenen ein Abbild der Festkultur in der feudalen Gesellschaft. Durch die Schilderungen der Hoffeste erfahren die Rezipienten einen Teil des Gesellschaftsbildes. Letzteres gehört die christliche Vorstellung zur zeitgenössischen Kultur. Aber trotz des höfischen Anteils wird der Akzent in dieser Paarbeziehung auf den unhöfischen Aspekt gesetzt. Vor allem tragen zwei Motive zur unhöfischen Darstellung bei. Zum einen bringt diese Paarbeziehung das Hortmotiv wieder in Erinnerung. Zwar spielt das Motiv in dieser Beziehung keine große Rolle, aber es weckt in der freudigen Stimmung negative Emotionen. Zum anderen gehört die Eheschließung zwischen Etzel und Kriemhild nicht zur klassischen Minneehe, wie sie in höfischen Romanen dargestellt wird. Nicht auf Minnemotiv sondern auf vorgetäuschte Minne ist Kriemhilds zweite Heirat zurückzuführen. Daraus ist zu erkennen, dass die Eheschließung zwischen Etzel und Kriemhild die Rachehandlung Kriemhilds ermöglicht, welche ein tragisches Ende der Dichtung verursacht. 53 3.4 Die Paarbeziehung zwischen Giselher und Rüdigers Tochter Obwohl die Paarbeziehung zwischen Giselher und Rüdigers Tochter nicht besonders zu den handlungsbestimmenden Beziehungen zählt, darf sie doch nicht außer Acht gelassen werden. Da viele wichtige höfische Motive hier deutlich thematisiert werden, repräsentiert diese Paarbeziehung eine fast vorbildliche höfische Beziehung. In der Paarbeziehung gibt es weder Brautwerbung noch vollendete Eheschließung. Im Mittelpunkt der Paarbeziehung steht die Verlobung. Auf dem Weg von Worms in Etzels Land werden die Burgunden in Bechelaren von Rüdiger, seiner Frau und ihrer Tochter freundlich empfangen. Mit Hagens Heiratsvorschlag und mit dem Einwirken Rüdigers auf seine Tochter vollzieht sich die Verlobung zwischen Giselher und Rüdigers Tochter in einer höfischen Stimmung. Anschließend reisen die Burgunden weiter zu Etzel, aber die Tochter bleibt in Bechelaren. Mit dem Tod Giselhers kann die Eheschließung später nicht mehr vollendet werden. 3.4.1 Der höfische Aspekt der Paarbeziehung 3.4.1.1 Höfische Stimmung und Erscheinung Die Verlobung zwischen Giselher und Rüdigers Tochter verläuft im Rahmen des höfischen Protokolls. Die Burgunden werden vom Markgraf Rüdiger von Bechelaren empfangen, der in dem Figurenensemble des Etzel-Umkreises den höfischen Ritter par excellence repräsentiert (vgl. S CHULZE , 1997: 162). Die typisch zeremoniellen Formen werden zum Ausdruck gebracht, wie zum Beispiel die rituelle Begrüßung bei der Ankunft (1656-1667), die festliche Verlobungszeremonie (1683-1685), die großzügigen Geschenke und das Weinen der Zurückbleibenden beim Abschied (1694-1712). Hinzu kommt, dass das Erscheinungsbild der Tochter von Rüdiger dem Idealbild einer höfischen Dame entspricht. Ihre außerordentliche Schönheit wird mit den gängigen Bezeichnungen betont: vil schoenen tohter (1662,2), hohé gemuot (1669,4), edel unde guot (1675,4). Außerdem verhält sie sich anständig: Sie begrüßt alle drei Könige mit dem Kuss; auf den ausdrücklichen Wunsch von ihrem Vater küsst sie auch den furchterregenden Hagen, worauf sie eigentlich lieber verzichtet hätte (1665,1-4). Die Darlegung der Schönheit und vollendeter Sittlichkeit von Rüdigers Tochter lenkt die 54 Erinnerung zurück zur höfischen Königstochter Kriemhild im ersten Teil. 6 Das ideale Erscheinungsbild der Tochter von Rüdiger liefert einen Hinweis auf den höfischen Anteil der Paarbeziehung. 3.4.1.2 Feudale Eheschließung Neben den Umgangsformen und dem Erscheinungsbild trägt die Heiratspolitik in der Verlobung auch einen wichtigen Anteil zur höfisch-feudalen Paarbeziehung bei. In dieser Verlobung handelt es sich vielmehr um eine politische Verbindung von zwei Adelsfamilien, die zu verschiedenen Ständen gehören. Auf der Seite vom Markgraf Rüdiger von Bechelaren bedeutet die Verlobung seiner Tochter eine verwandtschaftliche Beziehung zu den Burgunden und somit seinen sozialen Aufstieg. Wie Rüdiger sich selbst nennt: wir sîn hie ellende, beide ich und mîn wîp (1676,3), sind er und seine Frau im Hunnenland nur Fremde, und als Markgraf verfügt er über keine Burgen (1681,4). Zwar ist Rüdigers Behauptung nach G EPHART s Einschätzung „eine abwehrende ständische Demutsbezeugung,“ (G EPHART , 2005: 131), und S CHULZE sieht diese Heirat auch nicht als Mesalliance (vgl. S CHULZE , 1997: 165), aber offenbar gibt es einen vorhandenen Standesunterschied zwischen Rüdigers Familie und der Burgundenfamilie. Durch die Verlobung bekommt die Tochter Burgen und Länder als Morgengabe (1681,1). Wichtiger jedoch ist, dass Rüdigers Familie durch die verwandtschaftlichen Bindungen höheres Ansehen genießt. Auf der Seite der Burgunden erreichen sie durch Verlobung die triuwe-Verpflichtung vom Markgraf Rüdiger und das damit verbundene Freundschaftsbündnis. Da Rüdiger seine Tochter keine Burgen als Aussteuer zu geben hat, nimmt er gegenüber den Burgunden triuwe-Verpflichtung auf sich: „sît ich der bürge niht enhân, Sô sol ich iu mit triuwen immer wesen holt“ (1681, 4-1682,1). Durch Rüdigers vasallisches triuwe-Versprechen wird der Rechtsakt dieses Verlöbnisses vollzogen (vgl. K AISER , 1981: 196) und die Burgunden gewinnen in Etzels Land neben Eckewart einen weiteren Freund. Die triuwe-Verbindung und das Freundschaftsbündnis sind im nachfolgenden Handlungsablauf ein entscheidender Faktor. 6 Zum Kriemhilds Schönheit und Tugend siehe„3.1.1.1 Die höfische Dame Kriemhild“. 61 Bibliographie Textausgabe: Das Nibelungenlied. Mhd./Nhd. Hg., übersetzt und kommentiert von Siegfried G ROSSE . Stuttgart 2007. Nachschlagwerk: Lexikon des Mittelalters. Bd.1-9. Hg. von Robert A UTY u.a. München und Zürich 1980ff. Forschungsliteratur: Ragnhild B OKLUND -S CHLAGBAUER , Vergleichende Studien zu Erzählstrukturen im Nibelungenlied und in nordischen Fassungen des Nibelungenstoffes. Göppingen 1996. Elke B RÜGGEN : Räume und Begegnungen. Konturen höfischer Kultur im Nibelungenlied. In: Die Nibelungen. Sage-Epos-Mythos. Hg. von Joachim H EINZLE u.a. Wiesbaden 2003, S. 161-188. Joachim B UMKE , Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. München 2008. 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