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Carmen Mellado Blanco Unter Tränen, unter Beifall: Das Präpositionsmuster [unter + SUBSOMAT (+ von/ Genitivattribut)] Abstract: The prepositional pattern of German [unter + NOUNsomat (+ von/ AttrGen) has not been a subject of systematic research so far. However, a number of criteria can be put forward in order to prove the existence of this pattern in terms of a formmeaning pair. It shows a stable modaltemporal meaning and serves as a semantic intensifier with a syntactic form of a secondary predication. With regard to the fillers of the variable lexical slots, both semantic restrictions and preferences can be observed. The current article aims at conducting a corpusbased analysis of this pattern. After a short project presentation and introduction of the terms internal and external patterns (German: interne/ externe Musterhaftigkeit), the following questions will be at the centre of attention: (1) Is the meaning of the preposition effected by the pattern and how can it be described?, (2) What arguments can be found in favor of the function of the pattern as a secondary predication?, (3) What selection criteria for variable slot fillers can be found at the phonetical, grammatical and lexical level? and 4) What do collocational profiles (German: externe Musterhaftigkeit) of the prepositional pattern look like? 1. Projektpräsentation Der vorliegende Beitrag ist in zwei gröβere Projekte einzurahmen: 1. das vom spanischen Ministerium für Wirtschaft und Wettbewerbsfähigkeit finanzierte Forschungsprojekt FFI2013-45769-P Combinaciones fraseológicas del alemán de estructura [PREP. + SUST.]: patrones sintagmáticos, descripción lexicográfica y correspondencias en español (http://www.usc.es/frasespal/web/), und 2. das am Mannheimer Institut für Deutsche Sprache unter der Leitung von Kathrin Steyer laufende Projekt Usuelle Wortverbindungen kontrastiv (http://www.idsmannheim.de/lexik/uwv.html).1 Die wichtigsten den beiden Projekten gemeinsamen theoretischen Grundlagen sind die Theorie der usuellen Wortverbindungen (Steyer 2013), Studien zur korpusbasierten Phraseologie (Burger/Dobrovolskij/Kühn/Norrick 2007, Bubenhofer 1 Innerhalb des Projekts Usuelle Wortverbindungen arbeite ich konkret im Subprojekt Wortverbindungen kontrastiv (DeutschSlowakischSpanisch), neben Peter Ďurčo (von der Universität Bratislava und Trnava) und Kathrin Steyer als Leiterin am IDS. Carmen Mellado Blanco Unter Tränen, unter Beifall: Das Präpositionsmuster [unter + SUBSOMAT (+ von/ Genitivattribut)]
Carmen Mellado Blanco 202 2009, Ptashnyk/Hallsteinsdóttir/Bubenhofer 2010, Häcki Buhofer 2011), pragmatische Beschreibungsansätze (Stein 1995 und 2001, Feilke 1996, Filatkina 2007), Kollokationstheorien (Sinclair 1991, Hausmann 2004, Fellbaum 2007), die CorpusPatternAnalyse von Hanks (2008, 2013), die Theorie der idiomatischen Prägung von Feilke (1996, 2004), Publikationen um die Schnittstelle zwischen Phraseologie und Konstruktionsgrammatik (Thema der PhrasemKonstruktionen bei Lasch/ Ziem 2011, Dobrovol’skij 2011, Mellado Blanco 2015a, 2015b, 2015d), die Kollostruktionen (Stefanowitsch/Gries 2003), das korpusgesteuerte Vorgehensmodell für WVMuster (Steyer/Brunner 2009), der Prototyp für Visualisierung der WVFelder (Steyer/Brunner 2008–2013), korpusempirisch untermauerte Äquivalenztheorien (Ďurčo/Banášová/Hanzlíčková 2010, Ďurčo 2014, Mellado Blanco 2010, Mellado Blanco 2015c, Buján Otero/Mellado Blanco 2010, Mellado Blanco/Iglesias Iglesias 2011, Mellado Blanco/Mansilla Pérez 2016, Mellado Blanco/Ďurčo/Steyer im Druck) sowie das angewandte Vorgehensmodell des deutschspanischen lexikografischen Werkes von Schemann/Mellado Blanco/Buján/Iglesias/Larreta/Mansilla (2013). Hauptziele der oben erwähnten Projekte sind folgende: 1. Erstellung von Frequenzlisten2 nach der Suchanfrage <Präposition3 + Substantiv in unmittelbarer Poststellung> in den ausgewählten Korpora4 und die darauf anschlieβende intellektuelle Annotierung der Frequenzlisten. 2. Induktive Identifikation von präpositionalen Wortverbindungen (PWV) im Korpus mithilfe statistischer Verfahren. Wir beschränken uns dabei auf binäre artikellose Einheiten wie nach Jahren, in Kürze, am Anfang, im Moment. Die zuerst ausgesuchten PWVKandidaten werden auf ihr semantisches und syntaktisches Verhalten in Korpusbelegen hin geprüft. Bei syntaktischer Autonomie– sie dürfen nicht (ausschlieβlich) als Bestandteile von Prädikaten auf2 Frequenzparameter sind sowohl die absolute als auch die relative LLRFrequenz (loglikelihood ratio). Mein herzlicher Dank geht an meine Kollegen des IDS Kathrin Steyer und Annelen Brunner für die Bereitstellung der Frequenzlisten der primären Präpositionen des Deutschen im Rahmen unseres Projektes. 3 Ausgangsbasis der Untersuchung sind die 28 primären Präpositionen, die aus der Perspektive des Fremdsprachenunterrichts (B1) als Basispräpositionen zu gelten haben. Berücksichtigt wurden dabei auch die Präpositionen mit enklitischem bestimmten Artikel wie im und am. 4 Für das Deutsche sind es (1) DeReKo (DeReKo TAGGEDT) und (2) Sketch Engine (SkE), deTenTen 13. Für das Spanische: (1) Sketch Engine (SkE), eseuTenTen11, Freeling v4, (2) CORPESXXI und (3) Mark Davies. Das letztgenannte Korpus ist– aufgrund seiner reichen Suchfunktionen– für die Erstellung von Frequenzlisten <Präposition + SUB> im Spanischen von groβem Nutzen.
Unter Tränen, unter Beifall : Das Präpositionsmuster 203 treten– und bei übersummativer Bedeutung in denotativer oder pragmatischer Hinsicht bekommen sie den Status von PWV. 3. Im Rahmen des FRASESPALProjekts wird in der Frequenzliste <PRÄP + SUB> jeder primären Präposition nach möglichen artikellosen Präpositionsmustern gesucht. Präpositionsmuster kennzeichnen sich durch die konstante Bedeutung der Präposition, durch morphologische und semantische Regelmäβigkeiten bzw. Restriktionen der lexikalischen Slots und durch eine globale Bedeutung auf denotativer und/oder pragmatischer Ebene. Das wäre der Fall des Präpositionsmusters [unter + SUBSOMAT (+ von/ Genitivattribut)] in der Frequenzliste <unter + SUB>, Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Studie. Ein weiteres Präpositionsmuster ist [mit + SUBEMPHAT] in der Frequenzliste <mit + SUB> (vgl. Holzinger 2016, Holzinger in diesem Band). 4. Herausfinden von Wortverbindungsmustern auf der Basis der Kookkurrenzcluster der PWV. Im Mittelpunkt steht hier das UWVAnalysemodell. Dieses Modell „ermöglicht eine induktive Rekonstruktion von Wortverbindungen und Wortverbindungsmustern, ihrer festen und varianten Strukturen, der Regularitäten ihrer lexikalischen Füller und ihrer zugrunde liegenden Muster höherer Ordnung ausgehend von sprachlichen Oberflächen in KWICKonkordanzen– bottom up.“ (Steyer 2013:17) 5. Überprüfung des Festigkeitsgrades zwischen Präposition und Nullartikel, wofür der Einschubstest <PRÄP + #* + SUB> anhand der Suchanfrage nach möglichen Slotfüllern #* eingesetzt wird. Die Einfügungsprobe ist ein weit verwendeter Test zur Feststellung des Lexikalisierungsgrades und für den Nachweis der Kohäsion zwischen den Konstituenten der PWV, und das nicht nur intra-, sondern auch interlingual. So implementieren Ebeling/Ebeling (2013:69) diese Probe als viertes Phraseologizitätskriterium bei der Identifizierung von „patterns“ (Phraseme) in Korpora: „The permissible distance between the elements involved: discontinuous elements allowed, but mostly elements will be immediately adjacent, due to the starting point of continuous ngrams“ (vgl. auch Gries 2008:4). 6. Auf der Basis des UWVAnalysemodells werden rekurrente Kollokationspartner und syntagmatische Kontextmuster der ausgewählten PWV im Deutschen induktiv aus großen Korpora rekonstruiert, qualitativ beschrieben und einem systematischen Vergleich mit dem Slowakischen und Spanischen unterzogen (vgl. Mellado Blanco/Ďurčo/Steyer im Druck). Die zu analysierenden Wortverbindungen sind artikellose binäre Einheiten mit der Struktur [PRÄP + SUB]. Der Nullartikel ist in der Phraseologie traditionellerweise als Indikator für Lexikalisierung und Phraseologizität aufgefasst worden.
Carmen Mellado Blanco 204 So weist die DudenRegel 442 explizit auf den irregulären Charakter der präpositionalen artikellosen Phrasen mit zählbaren Substantiven im Singular (z. B. unter Androhung, vgl. Kiss 2008:318) hin, denn sie haben „grundsätzlich immer ein Artikelwort bei sich, und wenn es als letzte Möglichkeit der indefinite Artikel ist“. In diesem Zusammenhang behauptet Kiss (2007:319): „[t]ypischerweise werden PräpositionSubstantivSequenzen stillschweigend als extragrammatisch verstanden und zugleich der diffusen Klasse ‚idiomatischer Konstruktionen‘ zugeordnet“ und Fleischer (1997:348) nennt explizit als Beispiele für „Anomalien im Artikelgebrauch“ idiomatische Phraseme der Struktur [PRÄP +SUBSing./zählbar] wie vor Ort. 5 Darüber hinaus konstatiert Kiss (2008:3) in seinem aus 310Millionen Wortformen zusammengestellten Korpus aus der Neuen Zürcher Zeitung (Zeitraum 1993–1999), dass der Umfang an artikellosen [PRÄP + SUB]-Kombinationen im Vergleich zu den Phrasen mit bestimmtem Artikel sehr reduziert sei. Bei unter weisen nur 2,08% der gesamten [unter +SUB]-Bildungen den Nullartikel auf. Ein wichtiges Vorhaben des Projekts zielt auf die Untersuchung der Musterhaftigkeit der PWV im doppelten Sinne ab: einerseits hinsichtlich ihrer internen Beschaffenheit und der Möglichkeit interner Erweiterungen zwischen Präposition und Substantiv, andererseits in Hinblick auf die rekurrenten syntagmatischen Muster im Kookkurrenzprofil. Das erste Phänomen subsumiere ich unter dem Begriff „interne Musterhaftigkeit“. Diese bezieht sich auf die internen KollokatorenX der PWV [PRÄP +X + SUB], z.B. unter tosendem Beifall. Anhand des am IDS entwickelten Werkzeugs LexPan („Lexical Patterns Analyzer“) (vgl. Steyer/Brunner 2016) und der Annotation in Füllertabellen kann der Lexikalisierungsgrad der Kollokatoren quantifiziert und beschrieben werden. Im Gegensatz zur internen Musterhaftigkeit steht die externe im Zusammenhang mit dem syntagmatischen Kollokationsprofil jeder PWV und ist durch die Kookkurrenzanalyse (KA) zugänglich. Für die externe Musterhaftigkeit kommen sowohl direkte Nachbarn der PWV ([X + PRÄP + S +X]) als auch Kollokatoren in Nichtkontaktstellung ([X (…) PRÄP + SUB (…)X]) in Frage, wobei die Rekurrenz das entscheidende Kriterium für ihre Bestimmung ist. Vertreten sind die frequenten Kollokatoren u.a. durch einzelne oder mehrere Lexeme (z.B. mit Genugtuung feststellen (können)), Funktionsverbgefüge (z.B. mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen), Zwillingsformeln (z.B. 5 Eine ganz andere Perspektive bietet die interessante Arbeit von Stumpf (2015:200–203), in der der Autor anhand der Konstruktionen “Präp. + N +V” (z.B. in Angriff nehmen), “Präp. + N” (z.B. zu Fuβ) und “N + Präp. + N” (z.B.Hand in Hand) auf den Aspekt der Artikellosigkeit von Präposition inhaltigen Phrasemen aus der Sicht der Modellierbarkeit und nicht der Irregularität eingeht.
Unter Tränen, unter Beifall : Das Präpositionsmuster 205 nach Belieben schalten und walten), Chunks (z.B.Und das mit Recht) und Wortverbindungsmuster (WVM) mit Leerstellen und festen Ankern, in denen die PWV eingebettet sind. So ist die PWV unter Tränen Bestandteil des WVM [unter Tränen Vkommunikation]6. In einer weiteren interlingual ausgerichteten Projektphase werden die spa - nischen Äquivalente der deutschen PWV zweifach auf ihre interne und externe Musterhaftigkeit hin nachgeprüft. Bei der internen Musterhaftigkeit erweist sich als besonders relevant die Aufdeckung von Parallelen und Divergenzen in der internen Erweiterung [PRÄP + # + SUB] der äquivalenten PWV, wobei oft sprachspezifische Präferenzen bei der Slotbesetzung # und bei der Lexikalisierung von spezifischen ADJSlots (z.B. unter tosendem Beifall/ entre sonoros aplausos) festzustellen sind (vgl. Mellado Blanco/Ďurčo/Steyer im Druck). Die Musterhaftigkeit der Phraseme ist bereits seit Anfang der Phraseologieforschung Untersuchungsgegenstand von verschiedenen Theorien gewesen. So stellten die sogenannten Phraseoschablonen bei Fleischer (1997) 7 als syntaktische Strukturen, „deren lexikalische Füllung variabel ist, die aber eine Art „syntaktische Idiomatizität“ aufweisen“ (Fleischer 1997:131) einen besonderen Phrasemtyp dar, der unter verschiedenen Fachtermini bei anderen Phraseologen vorkommt (vgl. Mellado Blanco 2015a)8. Im Rahmen der Konstruktionsgrammatik werden heute die „partially lexically filled phrasal patterns“ (Goldberg 2006:215) oder lexikalisch teilspezifierten Konstruktionen (Deppermann 2006:48) (vgl. „constructional idioms“ bei Taylor 6 Dieses WVM erfolgt aus der KA der 3546 Treffern der PWV unter Tränen nach der Suchanfrage im DeReKo, ArchivK <unter oder Unter/+w1&Tränen> (5. Wort links bis 5. Wort rechts). Die häufigsten verbalen Kollokatoren sind Kommunikationsverben im weiteren Sinne, wie das Kookkurrenzcluster vermittelt: sagte […] unter Tränen …; schilderte […] unter Tränen …; gestand […] unter Tränen …; erzählte […] unter Tränen …; beteuerte [die …] unter Tränen …; sagt […] unter Tränen …; entschuldigte sich … unter Tränen bei|für. Ausgehend von diesen syntagmatischen Mustern konnte das WVM [unter Tränen Vkommunikation] induktiv abstrahiert werden. 7 Man bedenke, dass die 1.Auflage des Buches bereits 1982 erschienen ist. 8 Bereits 1975 postulierte die russische GermanistinI.Černyševa die Existenz von „modellierten Bildungen“ in der Phraseologie, unter denen sich z.B.Funktionsverbgefüge und formale Strukturen vom Typ [EINNom + N + von + EINDat + N] (z.B. ein Bierfass von einem Kerl) oder [A + ist + A] (z.B.Sicher ist sicher) befinden sollten. Diese Vorstellung der Modellierbarkeit war für die ersten Phraseologieforscher eng mit dem Konzept der Marginalität verbunden, so dass Modellbildungen aufgrund ihrer Serienhaftigkeit im Gegensatz zu den Idiomen als peripher– also nicht als zum Kernbenstand der Phraseologie gehörend– betrachtet wurden.
Carmen Mellado Blanco 206 2002, und „PhrasemKonstruktionen“9 bei Dobrovol’skij 2011) im Lichte der Korpuslinguistik neu betrachtet und beschrieben. Die lexikalisch nur zum Teil spezifizierten Phraseme nehmen dank ihrer unvollständigen lexikalischen Füllung und ihrer Schematisierung eine mittlere Position zwischen den „voll schematisierten Konstruktionen“ (z.B. ditransitive Konstruktionen) und den „lexikalisch vollspezifierten Konstruktionen“ (d.h. Idiome ohne freie Slots) ein. Der Bereich der PhrasemKonstruktionen überschneidet sich partiell mit dem der WVM (Steyer 2013), zumal beide den Charakter von mehrgliedrigen, lexikalisch teilspezifizierten Einheiten mit übersummativer Bedeutung auf Musterebene teilen. Im deutschen Projekt wird allerdings der Terminus „Muster“ gegenüber dem Begriff „Konstruktionen“ bewusst bevorzugt, da er weniger programmatisch aufgeladen scheint und primär auf lexikalische statt auf syntaktische Fragen fokussiert (vgl. Steyer 2013:37). In diesem Zusammenhang gelingt es Steyer (2013), den Nutzwert ihres korpusgesteuerten Modells für die Forschung der Konstruktionen zu beweisen, „ohne diese zum Gegenstand zu haben“ (Steyer 2013:39). 2. Das Präpositionsmuster [unter + SUBSOMAT (+ von/ Genitivattribut)] 2.1. Die Präpositionsbedeutung des Musters im Kontext der unterWV Wie oben erwähnt, stellt die induktive Identifikation von Präpositionsmustern in den Frequenzlisten [PRÄP + SUB] eines der Projektziele dar. Die Suchanfrage nach Substantiven in unmittelbarer Poststellung nach der Präposition unter: <unter oder Unter/+1w #> ergab im Korpus DeReKo TAGGEDT insgesamt 7786 Treffer, z.B. unter Eid, unter Umständen, unter Tränen, bei denen für die vorliegende Untersuchung nur die ersten 100 substantivischen Füller in Betracht gezogen wurden. Von der Studie sind folgende Präpositionalphrasen (PP) aufgrund ihrer fehlenden syntaktischen Autonomie bezüglich des Verbs ausgenommen: (1) Bestandteile von Funktionsverbgefügen 10 (z.B. unter Schutz (stehen/ 9 PhrasemKonstruktionen haben als Ganzes eine lexikalische Bedeutung, wobei bestimmte Stellen in ihrer syntaktischen Struktur „lexikalisch besetzt sind, während andere Slots darstellen, die gefüllt werden müssen, indem ihre Besetzung lexikalisch frei ist und nur bestimmten semantischen Restriktionen unterliegt“ (Dobrovol’skij 2011:114). 10 Ausgeschlossen bleiben in der Tat PP, die ausschlieβlich als Bestandteil von FVG vorkommen. Fungieren sie auch als Adverbialbestimmungen, werden sie als PWVKandidaten angenommen. Nach diesem Kriterium wurde die PP unter
Unter Tränen, unter Beifall : Das Präpositionsmuster 207 stellen)), (2) Präpositivergänzungen (unter Fieber (leiden)) oder (3) Bestandteile von Idiomen (unter Zugzwang (stehen): ‘reagieren müssen’). Von den ersten 100 Kookkurrenzen <Unter/ unter + #> gelten als PWV: unter Eid, unter Anleitung, unter Aufsicht, unter Druck, unter Kontrolle, unter Umständen, unter Alkoholeinfluss, unter Schock, unter Beschuss, unter Verdacht, unter Tränen, unter Zeitdruck, unter Drogeneinfluss, unter Wert, unter Vorbehalt, unter Strom, unter Palmen, unter Protest, unter Stress, unter Hochdruck, unter Schmerzen, unter Folter, unter Mordverdacht, unter Alkohol, unter Spannung, unter Zwang, unter Lebensgefahr, unter Volldampf, unter Verschluss, unter Beschuss, unter Vormundschaft, unter Duldung, unter Verletzung, unter Zugabe, unter Niveau, unter Mühen, unter Garantie, unter Qualen, unter Einschluss, unter Anführung, unter Tage, unter Menschen, unter Verzicht, unter Nutzung, unter Rühren, unter Verantwortung, unter Beteiligung, unter Telefon, unter Berufung, unter Wasser, unter Führung, unter Berücksichtigung, unter Vorsitz, unter Hinweis, unter Mitwirkung, unter Federführung, unter Jugendlichen, unter Einbeziehung, unter Präsident, unter Einsatz, unter Verweis, unter Mithilfe, unter Telefonnummer, unter Freunden, unter Einbezug, unter Verwendung, unter Ministerpräsident, unter Ruf, unter Regie, unter Androhung.11 Die bei Kiss/Müller/Roch/Stadtfeld/Börner/Duzy (2016)12 angeführten Präpositionsbedeutungen (s. Abb.1) dienen als Ausgangsbasis für die Analyse der semantischen Werte der Präposition unter in den ausgewählten PWV, mit folgenden Ergebnissen13: Alkohol in die Gruppe der PWV eingefügt, da sie neben der Funktion als FVG auch als Adverbialbestimmung auftreten kann, wie es im folgenden Beispiel der Fall ist: „Du magst einmal zu den Besten gehört haben, ich kenne dich nur unter Alkohol“ (Sketch Engine, deTenTen13, http://www.juergen-lanuschny.de/page3. php?topic=26&category=1). 11 Angemerkt sei, dass einige der als PWV klassifizierten Einheiten im strikten Sinne nicht binär sind, denn sie fordern einen ModifikatorX (unter TelefonX; unter TrainerX) oder ein Genitivoder PräpositionalattributX (unter Einbeziehung der/desX; unter Verweis aufX). 12 Unter den bestehenden Publikationen zu den deutschen Präpositionen erschien uns dieses Werk am geeignetsten für unsere Studie aufgrund ihrer induktiven korpusbasierten Methodologie, da die Bedeutungen der Präpositionen nicht wie in den meisten Arbeiten intuitiv aus ad hoc geschaffenen Beispielen, sondern anhand von Korpora erschlossen wurden. Laut der Autoren (Kiss/Müller/Roch/Stadtfeld/Börner/ Duzy 2016:4) ist Ziel des Werkes „die korpusbasierte Erstellung eines vollständigen Bedeutungsinventars von Präpositionen. Erst auf dieser Grundlage können Grundbedeutung und Ableitungsregeln adäquat bestimmt und formuliert werden.“ 13 Unter den ausgewählten artikellosen unterWV weisen nur zwei (unter Umständen, unter Tage) eine idiomatische Bedeutung auf. Während der Präposition der PWV unter Tage aufgrund der Opazität der PWV kein deutlicher semantischer Wert nach der
Carmen Mellado Blanco 208 – Die vorherrschende Präpositionsbedeutung ist modal. Der Wert „modal: medial/Ereignis/Handlung“ 14 schneidet mit 26 PWV am besten ab (z.B. unter Beobachtung). Dieser Bedeutung folgen „modal: Begleitumstand/2 Vorgänge“ (z.B. unter Tränen; unter Protest) und „modal: Art und Weise/1 Vorgang“ (z.B. unter Eid) mit jeweils 19 PWV. Der Unterschied zwischen beiden semantischen Interpretationen beruht darauf, dass nur die erstgenannte als zweite Prädikation zum Verb aufzufassen ist. – Eine kleinere Gruppe aus 10 PWV weist die Bedeutung „Machtverhältnis“ auf, z.B. unter Regie von/Genitiv (Gn)15, unter Ministerpräsident, unter Regie, unter Drogeneinfluss, unter Alkohol, unter Kontrolle von/Gn u.a. Der Begriff „Machtverhältnis“ wird hier im abstrakteren Sinne als Abhängigkeitsverhältnis verstanden16. – Als Randerscheinungen sind die Bedeutungen „konditional im engeren Sinne“ mit 7 PWV (z.B. unter Vorbehalt, unter Einbezug), „Beteiligung: wechselseitig Klassifizierung von Kiss/Müller/Roch/Stadtfeld/Börner/Duzy (2016) zugeschrieben werden konnte, zeigt die Präposition der PWV unter Umständen einen konditionalen Wert. In einigen PWV sind meherere kontextuellbedingte semantische Werte der Präposition unter erkennbar, was durch die grundsätzliche Polysemie bzw. “Beziehungsweite” der Präpositionen zu erklären ist (vgl. Fleischer 1997:153). 14 Kiss/Müller/Roch/Stadtfeld/Börner/Duzy (2016:198) definieren den Wert wie folgt: „Dient zur Angabe eines Ereignisses/einer Handlung, das bzw. die als Mittel eingesetzt wird, um ein Ziel zu erreichen, bzw. die als ein Mittel zum Zweck dient. Das Ereignis/ die Handlung kann auch eine Folge ermöglichen. Es wird eine Methode beschrieben, wie ein Ziel erreicht wird, weshalb die Bedeutung im weiteren Sinne auch als Art und Weise verstanden werden kann.“ 15 Schröder (1986:188) verweist auf den zusätzlichen temporalen Wert von PP wie unter Regie von/Gn, da sie als Zeitspanne interpretiert werden können: Unter Karl dem Großen erreichte das Frankenreich seine größte Blüte (s. auch Kiss/Müller/Roch/Stadtfeld/ Börner/Duzy 2016:197). Die PWV unter Ministerpräsident, unter Präsident verhalten sich mit Eigennamen u.E. auf ähnliche temporale Weise wie unter Regie von/Gn. 16 Auf diese Bedeutung der Präposition unter beziehen sich u.a. Kiss/Müller/Roch/ Stadtfeld/Börner/Duzy (2016:202–203): „[Die Präposition unter] gibt Führungsoder Machtverhältnisse wieder. Bei der Präposition unter wird eine Unterordnung (Schröder 1986:187 f.) bzw. Abhängigkeit bezeichnet, wobei in der PNC/PP der Machthaber bzw. die Macht innehabende Instanz oder Ordnung bezeichnet wird. Das antonyme Pendant zu dieser Bedeutung ist bei der Präposition über vorhanden.“
Unter Tränen, unter Beifall : Das Präpositionsmuster 209 (Wechselbeziehung)“ mit 3 PWV (unter Freunden17, unter Menschen18, unter Jugendlichen), „modal instrumental“ mit 2 UWV (unter Telefon, unter Telefonnumer), „Zustand“ mit 3 PWV (unter Schmerzen, unter Mühen, unter Qualen) und „Unterschreitung“ mit 2 PWV (unter Niveau, unter Wert) vertreten. Zu verzeichnen ist die niedrige Okkurrenz von unterWV mit lokaler Bedeutung: „lokal im engeren Sinne, achsenbezogen, vertikal“ mit 1 PWV (unter Wasser) und „lokale Erweiterungen Menge/Masse/Kollektiv“ (horizontale Dimension)19 mit 1 PWV (unter Palmen20). Die konzeptuell primäre spatiale Bedeutung der Präposition unter bei artikellosen PWV gilt infolgedessen als stark peripher oder 17 Zum pragmatischen Potential und Kookkurrenzprofil der PWV unter Freunden und ihrer spanischen Äquivalenz entre amigos s. Mellado Blanco/Mansilla Pérez (2016). Hervorzuheben ist dabei das zusätzliche Bedeutungsmerkmal ,in einer vertrauter Atmosphäre‘. Dieses Merkmal ist ebenso für andere PP mit unter wie unter uns (gesagt) charakteristisch. 18 Die PWV unter Menschen hat zusätzlich die übertragene Bedeutung ,in Gesellschaft‘. 19 Laut Kiss/Müller/Roch/Stadtfeld/Börner/Duzy (2016:196) kann die Präposition unter, ebenso wie bei und in, „ein Referenzobjekt verlangen, welches als Menge oder Masse zu spezifizieren ist. Das im Satz Genannte ist in der durch die unterPNC/PP bezeichnete Menge vorhanden bzw. begibt sich in diese hinein.“ In diesen Fällen ist eine Paraphrasierung durch inmitten oder zwischen möglich. Die Tatsache, dass die Präposition unter in ihren lokalen Bedeutungen sowohl die horizontale (unter Menschen) wie die vertikale Dimension (unter Wasser) umfasst, ist auf den Zusammenfall von zwei verschiedenen Präpositionen im Germanischen zurückzuführen, wie Pfeifer (1993:1488) feststellt: „In dem gemeingerm. Wort ahd. untar (in, unter, zwischen) sind in germ. Zeit zwei ursprünglich verschiedene Präpositionen zusammengefallen (griech. éntera (‚Eingeweide‘), lat. inter (‘zwischen’, ‘unter’) (idg. *enter, *nter) und die andere verwandt mit lat. înfer, înferus (‘der untere’), înfrâ (‘unter’, ‘unterhalb’, ‘darunter’) (idg. *ndher).“ Aus diesem Grund ist die Entsprechung von unter im Spanischen in jedem Fall anders (jeweils entre und bajo). Die temporale Bedeutung der Gleichzeitigkeit von unter in der Gegenwartssprache (unter der Woche, unter der Arbeit) mag wohl aus der lokalen Bedeutung der horizontalen Dimension (,sich unter einer Menge von gleichartigen Objekten befindend‘) metaphorisch entstanden sein. 20 Die Kookkurrenzanalyse der PWV unter Palmen zeigt stark positive Konnotationen und Urlaubsassoziationen in ihrem Gebrauch. Gelegentlich ist der übertragene Sinn ,in einer entspannten Atmosphäre‘ mitzudeuten, wie im folgenden Beleg ersichtlich ist: Warum also nicht einmal dem wechselhaften, oft kühlen oder grauen Wetter im Norden entfliehen, an der Riviera aufatmen, auf dem Sandstrand kilometerlang an der milden Sonne spazieren, in den engen Gassen flanieren oder in einem Café unter Palmen ein Cappuccino schlürfen? (A97/APR.00802 St. Galler Tagblatt, 26.04.1997, Ressort: SGTREI (Abk.); Fast vergessene BadeferienLandschaft).
Carmen Mellado Blanco 216 „Die Bedeutung des Partizips in der Verbindung ist aktivisch. Es besteht Zeitgleichheit mit dem finiten Verb. Das Subjekt des Partizips entspricht gewöhnlich dem Subjekt des finiten Verbs: Der Student diskutierte überzeugend. → Der Student diskutierte, und er überzeugte.” d) Die MusterInstanzen stehen manchmal nach Komma oder zwischen Kommata als Apposition, was ihre Nebenprädikativfunktion in den Vordergrund rückt: Dagegen hielt Vassili als NachwuchsMacho: „Spielt man euch nen kleinen Streich, dann pienst und motzt ihr Mädchen gleich, unter Heulen und auch Flennen, tut ihr gleich zum Papa rennen“. (M06/FEB.12066 Mannheimer Morgen, 13.02.2006; SKK dreht sich im närrischen Kreisverkehr) e) Ausklammerung der PWV ins Nachfeld: Der hat mir gar nicht geglaubt, dass ich schon xmal über die Hotlinie angerufen habe und nie einen Rückruf erhalten habe. Auch er hat nochmal die Daten zur Überprüfung aufgenommen, unter Murren. (Sketch Engine, deTenTen13, http://www.gahi.de/ mekkaekke/category/allgemein/) 2.3. Die Slotbesetzung SUBSOMAT Die substantivischen Lückenfüller des Musters lassen sich ihrer Semantik nach gut systematisieren: Sie beziehen sich im weiteren Sinne auf Tätigkeiten oder Ergebnisse von Tätigkeiten, die in erster Linie von Menschen oder Tieren ausgeführt werden29. Sie beinhalten in erster Linie– mit einigen Ausnahmen wie Tränen und Freudentränen– das Bedeutungsmerkmal [+akustisch] und lassen sich wie folgt onomasiologisch untergliedern: – Vom Körper während des Essens oder Atmens produzierte Geräusche: Röcheln, Schlürfen, Schmatzen. – Vom Körper produzierte Töne, Laute und Geräusche, die den Gemütszustand des logischen Subjekts des Nebenprädikativs betreffen: a. positiv (Ausdruck von Freude oder Zustimmung): Gelächter, Kichern, Küssen, Lachen, Scherzen 29 In einigen Textbelegen erscheinen allerdings Gegenstände (statt Lebewesen) als logisches Subjekt: Dabei wirbelte ein präpariertes Auto rund 20 Meter durch die Luft und landete unter Krachen und Rauchen im Rhein. (RHZ05/APR.13905 RheinZeitung, 12.04.2005; Spektakulärer Stunt sorgte für Aufsehen…). Auf dieses Thema kann hier aus Platzgründen nicht eingegangen werden.
Unter Tränen, unter Beifall : Das Präpositionsmuster 217 b. negativ (Ausdruck von Traurigkeit oder Missfallen): Ächzen, Befehlsgebrüll, Gebrüll, Geheul, Gejammer, Gepolter, Jammerrufen, Klagegesang, Knurren, Murren, Schluchzen, Schreien, Stöhnen, Stottern, Wehklagen, Wimmern, Winseln – Vom Körper produzierte und häufig von mimischen Gesten begleitete Laute, Töne und Geräusche, die im Zusammenhang mit sozialen Ereignissen stattfinden: a. positiv (Ausdruck von Lob oder Zustimmung): Anfeuerungsrufen, Applaus, Beifall, Bravorufen, Fangeschrei, Gebeten, Hurrarufen, Jubel, Jubelgeschrei, Jubelrufen, Klatschen, Ovationen, Zugaberufen b. negativ (Ausdruck von Protest und Hohn): Ausrufen, Buhrufen, Fluchen, Flüchen, Gegröle, Gejohle, Geschrei, Hohngelächter, Hohngeschrei, Klagen, Parolen, Pfeifen, Pfiffen, Protesten, Protestrufen, Rufen, Schmährufen, Spottgesang, Zischen – Durch Musikinstrumente oder Stimme produzierte Klänge: Gesang, Getrommel, Jubelchören, Pauken30, Trommeln, Trommelwirbeln – Lärm: Gehupe, Gepolter, Getöse, Getose31 Weitere lexikalische Lückenfüller bezeichnen mimische nichtakustische Gesten und Körperbewegungen, die Zustimmung oder Missfallen ausdrücken (vgl. unter Geschiebe, unter Kopfschültteln, unter Stampfen, unter Trampeln). Zusammenfassend lassen sich folgende relevante Bedeutungsmerkmale der substantivischen Slotbesetzung hervorheben: sie bezeichnen primär akustische Vorgänge und/oder mimische Gesten bzw. Bewegungen von Körperteilen zum Ausdruck von Emotionen und Gemütszuständen. Die Substantive kennzeichnen sich weiterhin durch ihre expressive Ladung und ihre Plastizität. Im Vordergrund steht der Mensch als Agens oder Experiencer der geschilderten Vorgänge oder Umstände, es können jedoch Tiere und in manchen Fällen auch Objekte als logisches Subjekt vorkommen. Die ausgeprägte Expressivität der Substantive des Präpositionsmusters wird in vielen Fällen durch den onomatopoetischen Charakter ihrer Lautgestalt verstärkt: Pfiffen, Pfeifen, Schluchzen, Gejohle, Ächzen, Murren, Stöhnen, Gegröle, Buhrufen. 30 Bei unter Pauken werden metonymisch die von den Pauken produzierten Töne und Geräusche gemeint. 31 Beim Paar Getöse und Getose ist interessant anzumerken, dass in solchen Doppelfällen (z.B. auch Gebläs vs. Geblase) die nichtumgelautete Form stärker an die Bezeichnung des verbalen Prozesses gebunden ist (vgl. Fleischer 1975:186).
Carmen Mellado Blanco 218 Die Lautmalerei erhöht somit die expressive Ladung der Musterbedeutung und deutet ikonisch auf die akustischen Bedeutungsmerkmale der Substantive hin. Auf morphologischer Ebene sei auf folgende Regelmäβigkeiten der Slotbesetzung hingewiesen: – Eine Gruppe der substantivischen Lückenfüller stellt durch Zikumfigierung gebildete Deverbativa auf GeV(-e) dar: Gelächter, Gejohle, Getöse, Gebrüll, Gegröle, Geheul. Der temporale Wert des Präpositionsmusters wird durch deverbale Derivate dieser Art intensiviert, denn, wie Fleischer (1975:186) anmerkt, kann in Fällen wie Geklopfe, Gepfeife, Geprahle der Zeitfaktor der Simultaneität (während) zum Ausdruck kommen32. Darüber hinaus besitzen viele der Prozessbezeichnungen “eine pejorative Expressivität”, die vor allem an das auslautende -e gebunden sei (vgl. Gebell– Gebelle, Gebrüll– Gebrülle) (Fleischer 1975:186). Das iterative und pejorative bewertete Geschehen des Nebenprädikativs steht in enger Verbindung mit dem expressiven Charakter der Sachverhaltsdarstellung des Musters, wie folgendem Textbeleg zu entnehmen ist: Mit Unverständnis lese ich, wie auf der Versammlung die Presse– und damit die demokratische Öffentlichkeit– unter Gejohle der Anwesenden rausgeworfen wurde. Auf Wiedersehen HSV! (HMP06/DEZ.01293 Hamburger Morgenpost, 13.12.2006, S.7; LESERBRIEFE) – Ein Groβteil der lexikalischen Füller ist durch Konversion gebildete Deverbativa (substantivierte Infinitive): Schluchzen, Ächzen, Murren, Stöhnen. Konvertate dieser Art bezeichnen das Geschehen in seiner Dauer (das Schreien) (vgl. Fleischer 1975:210) und drücken dabei Simultaneität zum Hauptvorgang aus. Demzufolge ist eine Paraphrasierung durch wobei bzw. und dabei oder Präsenspartizipia denkbar (s. oben). Es lassen sich ebenso gewisse Regularitäten bezüglich der Wortbildung der Slotbesetzung und der substantivischen Erweiterungen des Musters beobachten. So erweisen sich zahlreiche Lückenfüller des Musters als Determinativkomposita mit Rufen als Basiswort und sind damit in das Wortbildungsschema [unterXrufen] 32 Weitere Deverbativa auf GeV(-e) referieren nicht auf einen verbalen Prozess oder auf eine Handlung, sondern auf deren Resultat, oder auf eine Fähigkeit oder Eigenschaft im Allgemeinen, wobei der Zeitfaktor nicht oder nur sehr schwach vorhanden ist. Der Demotivationsgrad gegenüber der Grundbedeutung des Basisverbs kann dabei sehr unterschiedlich sein (vgl. Fleischer 1975:186).
Unter Tränen, unter Beifall : Das Präpositionsmuster 219 einzuordnen: Anfeuerungsrufen, Bravorufen, Buhrufen, Jammerrufen, Hurrarufen, Jubelrufen, Protestrufen, Schmährufen: Für die Betroffenen werde der Flughafen versuchen, faire Lösungen zu erreichen, sagte der Flughafenchef unter Buhrufen der Zuhörer. (NUZ08/NOV.01078 Nürnberger Zeitung, 12.11.2008, S.17) Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Erweiterungen der Slotbesetzung anhand von koordinativen Binomialund Trinomialbildungen unter der Struktur [unter SUBSOMAT (, SUBSOMAT […]) und SUBSOMAT]. Die lexikalischen Lückenfüller zeigen dabei starke semantische Affinitäten unter sich, was zur Bedeutungsintensivierung des Musters beiträgt: unter Pfiffen und Buhrufen, unter Tränen und Schluchzen. Binomiale koordinative Strukturen sind darüber hinaus laut Feilke (1996:217) „syntaktische Prägungen“, die durch eine prosodische Steigerung in dem durch und erweiterten Substantiv gekennzeichnet sind. Die Verstärkung der Prosodie führt ikonisch zu einer expressiven Bedeutungsintensivierung der Binomiale (vgl. Mellado Blanco 1998:294; Mellado Blanco 2015c) und zu „intensification and emphasis“ (Čermák 2010:314). Als binomialfreudig erweisen sich die MusterInstanzen unter Jubel (mit den rechten Erweiterungen unter Jubel und Applaus, unter Jubel und Beifall, unter Jubel und Freude) und unter Lachen (unter Lachen und Scherzen, unter Lachen und Weinen, unter Lachen und Singen, unter Lachen und Plaudern, unter Lachen und Applaus, unter Lachen und Beifall, unter Lachen und Schluchzen). Auf Zirkumfigierung basierende Deverbativa des Typs Ge-/V(-e) neigen ebenso zur Bildung von Binomialen und mehrgliedrigen koordinativen Erweiterungen, z.B. des Typs [unter Geschrei und Ge-/V(-e)], [unter Gegröle und Ge-/V(-e)], [unter Gejohle und Ge-/V(-e)]. Durch die Wiederholung des gePräfixes entsteht ein alliterierender Effekt, der auf ikonische Art die iterative Bedeutung der substantivischen Konstituenten verstärkt: Die Tür öffnete sich, und unter Gebrüll und Gedränge begann der Sturz in die Kinos. (RHZ01/DEZ.15060 RheinZeitung, 20.12.2001; Schwarze Reiter erschienen) In der Mehrheit der Fälle handelt es sich bei diesen Erweiterungen der Slotbesetzung um reversible Binomiale (unter Lachen und Scherzen/ unter Scherzen und Lachen; unter Pfiffen und Buhrufen/ unter Buhrufen und Pfiffen), wenngleich bei einigen eine gewisse Tendenz zur Festigkeit der Reihenfolge der Binomialbestandteile zu beobachten ist (z. B. unter Ächzen und Stöhnen; unter Murren und Knurren). Auch Komposita (s. das oben erwähnte Wortbildungsschema [unterXrufen]) sind in koordinativen Doppelstrukturen [unterXund Yrufen] anzutreffen:
Carmen Mellado Blanco 220 Unter Spottund Hohnrufen der Fahrgäste verliess die Polizei das Schiff. (A10/ AUG.05538 St. Galler Tagblatt, 17.08.2010) Zur Bedeutungsverstärkung des Musters trägt schließlich ebenso die evaluative Semantik der adjektivischen Modifikationen des Präpositionsmusters [unter + ADJ + SUB] bei. Sie erfüllen alle auffälligerweise eine Intensivierungsfunktion33: unter lautem Protest; unter groβem Beifall; unter groβem Applaus; unter groβem Gelächter; unter groβem Jubel; unter heftigen Protesten; unter lauten Buhrufen, unter gellenden Pfiffen; unter lauten Rufen; unter lautem Gesang; unter lautem Schluchzen; unter lautem Gejohle; unter stehenden Ovationen; unter lautem Ächzen; unter groβem Murren; unter lautem Lachen; unter lauten Jubelrufen. 2.4. Externe Musterhaftigkeit: das Kookkurrenzprofil der MusterInstanzen Für die Untersuchung der externen Musterhaftigkeit im Kookkurrenzprofil des Schemas [unter + SUBSOMAT] wurden die frequentesten verbalen Kollokatoren der ersten PWV aus der unterFrequenzliste herangezogen (unter Tränen, unter Protest, unter Beifall, unter Applaus, unter Gelächter, unter Jubel, unter Protesten, unter Buhrufen, unter Pfiffen, unter Rufen, unter Gesang, unter Schluchzen, unter Gejohle, unter Ovationen, unter Ächzen, unter Murren, unter Lachen, unter Jubelrufen, unter Scherzen). Die Kookkurrenzanalyse dieser MusterInstanzen liefert folgende Ergebnisse: An erster Position stehen Fortbewegungsverben oder verbale Phrasen, die eine Fortbewegung bezeichnen; an zweiter Stelle finden sich Kommunikationsverben im weiteren Sinne (vgl. Proost 2006:10). Eine weitere semantisch unspezifizierte Gruppe umfasst verbale Kollokatoren und Phrasen aus anderen Begriffsbereichen: 1. aus einem Ort abholen, auffliegen, betreten, herumschleppen, herumkommen, rennen, stürmen, einen Raum verlassen, auf einen Raum zurennen, zurückreisen. 2. ankündigen, ausrufen, berichten, betonen, bitten, erklären, erzählen, fordern, gestehen, hervorbringen, kritisieren, rufen, sagen, schildern, schluchzen, sich entschuldigen, stammeln, versichern. 33 Das aufgelistete Adjektiv für jede PWV ist das frequenteste nach dem Kriterium der absoluten Frequenz. Zieht man als Anordnungskriterium der Modifikatoren die relative Frequenz (logDiceWert bei SkE deTenTen13) heran, werden die Ergebnisse für jede PWV anders: unter tosendem Beifall; unter tosendem Applaus; unter schallendem Gelächter; unter frenetischem Jubel; unter lautstarken Protesten; unter anfeuernden Rufen; unter leisem Ächzen; unter ständigem Murren. Sie teilen mit den anderen (nach der absoluten Frequenz) das Merkmal der Intensivierung, indem sie die akustische Intensität oder die Dauer der produzierten Töne betonen.
Unter Tränen, unter Beifall : Das Präpositionsmuster 221 3. verabschieden, Abschied nehmen, bewerkstelligen, feiern. Die ausgewählten MusterInstanzen unterteilen sich je nach ihrem verbalen Kookkurrenzprofil in mehrere Untergruppen: 1. PWV, die in erster Linie mit Kommunikationsverben vorkommen: unter Tränen34 (erzählen, sagen, beten, gestehen, berichten, sprechen), unter Beifall (sagen, erklären, fordern), unter Lachen (sagen, hervorbringen, hervorpressen). 2. PWV, die besonders mit Fortbewegungsverben kookkurrieren: unter Protest (einen Raum verlassen), unter Jubelrufen (die Bühne betreten, von der Bühne treten), unter Gebrüll (einen Raum verlassen). 3. PWV mit hauptsächlich Handlungsverben als Kookkurrenzpartnern: unter Applaus (verabschiedet werden), unter Ovationen (verabschiedet werden), unter Pfiffen (ausgewechselt werden). 4. Nach dem Kookkurrenzprofil unspezifische PWV: unter Ächzen, unter Murren, unter Getöse, unter Geschrei. Abschlieβend lässt sich sagen, dass die Textbelege mit Fortbewegungsverben sich durch eine gewisse Musterhaftikeit in der Argumentstruktur auszeichnen: 1. [unter SUBSOMAT + Akk.Erg.ORT + verlassen], z.B. unter Applaus/Buhrufen/Beifall den Saal verlassen: Gezeigt wurde dann eine kleine Tanzvorführung, ehe sie wieder unter Beifall den Saal verließen. (BRZ08/OKT.07976 Braunschweiger Zeitung, 16.10.2008; DRK lud Senioren zum Kaffee mit Unterhaltung ein) 2. [unter SUBSOMAT + Präp.Erg.direktiv +V(FORT-)BEWEGUNG], z.B. unter Applaus auf die Bühne treten; unter Gebrüll auf einen Ort zurennen; unter Gelächter ins Nebenzimmer verschwinden; unter Tränen in die Schweiz zurückgereist sein: Die Fans begleiteten die Mannschaft unter Buhrufen in die Kabine. (U10/SEP.00870 Süddeutsche Zeitung, 06.09.2010, S.22; Ungeliebtes Endspiel) 3. [unter SUBSOMAT + Dat.Erg.ORT/URSPRUNG +V], z.B. unter Tränen aus dem Kino rennen, unter Freudentränen jmdn. aus dem Tierheim holen: Unter Freudentränen holte ihn der 80-Jährige gestern aus dem Tierheim ab. (A00/ MAI.33173 St. Galler Tagblatt, 13.05.2000, Ressort: TBOAK (Abk.); Happy End für «Fero») 34 Auch Fortbewegungsverben und -phrasen erscheinen bei unter Tränen als Kollokatoren, z.B. die Veranstaltung/den Saal/die Stadt/das Haus/die Heimat/… verlassen.
Carmen Mellado Blanco 222 3. Fazit In der unterFrequenzliste, die aus der Suchanfrage <unter + SUB in unmittelbarer Poststellung> erfolgte, konnten zwei Präpositionsmuster festgestellt werden. Präpositionsmuster teilen zwar mehrere Merkmale mit den Wortverbindungsmustern (WVM), sind allerdings in ihrer Bedeutung weiter und abstrakter als diese aufzufassen. Sie kennzeichnen sich durch die konstante Bedeutung der Präposition, durch morphologische und semantische Regelmäβigkeiten bzw. Präferenzen der lexikalischen Slots und durch eine vorgeprägte Bedeutung auf denotativer und/oder pragmatischer Ebene. Dem Begriff „Präpositionsmuster“ liegt die Idee zugrunde, dass die Bedeutungen der Präpositionen im direkten Zusammenhang mit der Semantik und Morphologie der substantivischen Kookkurrenzpartner der PP, in denen sie eingebettet sind, stehen und dass diese Bedeutungen sich mitsamt den jeweiligen Substantiven gruppieren lassen. Beide in der unterFrequenzliste aufgefundenen Muster [unter + SUB deverbal + PRÄP/ Genitivattribut] und [unter + SUBSOMAT (+ von/ Genitivattribut)] weisen eine modaltemporale Bedeutung auf, die auf einer bis dato nicht expliziert erforschten Gleichzeitigkeitsbedeutung der Präposition unter basiert. Der Simultaneitätscharakter des zweitgenannten Musters [unter + SUBSOMAT (+von/ Genitivattribut)], Untersuchungsgegenstand der Studie, wurde durch die Nebenprädikativfunktion und die möglichen Paraphrasierungen der MusterInstanzen durch wobei, und dabei und/oder Präsenspartizipia bewiesen. Die Tatsache, dass der Groβteil der substantivischen Slotfüller Deverbativa darstellen, erhärtet weiterhin unsere These. Die Analyse der phonologischen, morphologischen, semantischen und pragmatischen Eigenschaften bzw. Präferenzen der SUBSOMATKonstituenten bringt interessante Ergebnisse für die Bestätigung der Intensivierungsfunktion des Musters hervor. Dieses eignet sich besonders gut für die Beschreibung von einem Begleitumstand zur verbalen Haupthandlung, wenn beide Vorgänge aus der Sicht des Sprechers in gewissem Sinne ineinander involviert sind, d.h. nicht voneinander unabhängig ablaufen. Einige Argumente für die Bedeutungsverstärkung der Sachverhaltsdarstellung sind der lautmalerische Charakter der Slotbesetzung, die pejorative Bedeutung der Deverbativa durch Zirkumfigierung (GeV(-e)), die Tendenz zur Mustererweiterung durch koordinative Binomiale und die evaluative Semantik der internen adjektivischen Modifikatoren. Das Muster [unter + SUBSOMAT (+ von/ Genitivattribut)] zeigt Regularitäten nicht nur in der Beschaffenheit der substantivischen Slotfüller, sondern auch im Kookkurrenzprofil der untersuchten MusterInstanzen, wobei die Fortbewe-
Unter Tränen, unter Beifall : Das Präpositionsmuster 223 gungsund die Kommunikationsverben als präferierte Kookkurrenzpartner in den Vordergrund rücken. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Untersuchung der Präpositionsbedeutungen korpusbasiert, kontextadäquat und auf induktive Weise erfolgen soll. Die mithilfe statistischer Verfahren gewonnenen Frequenzlisten erlauben die induktive Identifikation nicht nur von usuellen Wortverbindungen, sondern auch von Präpositionsmustern, die die Musterhaftigkeit und Modellierungstendenzen der artikellosen PräpositionSubstantivSequenzen beleuchten. 4. Literatur 4.1. Sekundärliteratur Bubenhofer, Noah (2009): Sprachgebrauchsmuster. Korpuslinguistik als Methode der Diskursund Kulturanalyse. Berlin, New York: de Gruyter. Buján Otero, Patricia/Mellado Blanco, Carmen (2010): Dormir el sueño de los justos. Fraseología y valores pragmáticos a partir de corpus textuales en alemán y español. In: MoskowichSpiegel Fandiño, Isabel/ Crespo García, Begoña/ Lareo Martín, Inés/ Lojo Sandino, Paula (eds.): Language Windowing through Corpora. A Coruña: Universidade da Coruña, 125–137. Burger, Harald/Dobrovolskij, Dmitrij/Kühn, Peter/Norrick, Neal R. (Hgg.) (2007): Phraseologie/Phraseology. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung/An International Handbook of Contemporary Research, 2 Bde. Berlin: de Gruyter. Čermák, František (2010): Binomials: Their nature in Czech and in general. In: Korhonen, Jarmo/ Mieder, Wolfgang/ Piirainen, Elisabeth/ Piñel, Rosa (Hgg.): Phraseologie global– areal– regional. Akten der Konferenz EUROPHRAS 2008. Tübingen: Narr, 309–315. Černyševa, IrinaI. (1975): Phraseologie. In: Stepanova, Maria D./Černyševa, IrinaI. (Hgg.): Lexikologie der deutschen Gegenwartssprche. Moskau: Akademia, 198–261. Deppermann, Arnulf (2006): Construction Grammar– eine Grammatik für die Interaktion? In: Deppermann, Arnulf (Hg.): Grammatik und Interaktion. Radolfzell: Verlag für Gesprächsforschung, 43–66. Di Meola, Claudio (2000): Die Grammatikalisierung deutscher Präpositionen. Tübingen: Stauffenburg. Dobrovol’skij, Dmtrij (2011): Phraseologie und Konstruktionsgrammatik. In: Lasch, Alexander/Ziem, Alexander (Hgg.): KonstruktionsgrammatikIII. Aktuelle Fragen und Lösungsansätze. Tübingen: Stauffenburg, 111–130.
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