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Die phraseologische Äquivalenz auf der System- und Textebene (am Beispiel des Sprachenpaares Deutsch-Spanisch)

Mellado Blanco, Carmen

Abstract

Seit den 80er Jahren erfährt die kontrastive Phraseologie in Europa einen großen Aufschwung. Was konkret die deutsche Sprachen angeht, ist in den letzten Jahren die Anzahl von Arbeiten zur kontrastiven Phraseologie mit dem Deutschen als Ausgangs- oder Zielsprache exponenziell angestiegen; unter diesen Beiträgen nehmen die Publikationen mit dem Sprachenpaar Deutsch-Spanisch einen wichtigen Platz ein. Nichts desto trotz sind die Äquivalenzstudien zwischen beiden Sprachen noch relativ spärlich. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, anhand eines aus festen Vergleichen bestehenden Corpus die Notwendigkeit der Textanalyse für die lexikografische Beschreibung von Phraseologismen (PH) und ihre interlinguale Äquivalenz nachzuweisen.

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1 DIE PHRASEOLOGISCHE ÄQUIVALENZ AUF DER SYSTEM- UND TEXTEBENE (AM BEISPIEL DES SPRACHENPAARES DEUTSCH-SPANISCH) 1 C ARMEN M ELLADO B LANCO - U NIVERSIDAD DE S ANTIAGO DE C OMPOSTELA 0. Vorbemerkung Seit den 80er Jahren erfährt die kontrastive Phraseologie in Europa einen großen Aufschwung. Was konkret die deutsche Sprachen angeht, ist in den letzten Jahren die Anzahl von Arbeiten zur kontrastiven Phraseologie mit dem Deutschen als Ausgangs- oder Zielsprache exponenziell angestiegen 2 ; unter diesen Beiträgen nehmen die Publikationen mit dem Sprachenpaar Deutsch- Spanisch einen wichtigen Platz ein. Nichts desto trotz sind die Äquivalenzstudien zwischen beiden Sprachen noch relativ spärlich. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, anhand eines aus festen Vergleichen 3 bestehenden Corpus die Notwendigkeit der Textanalyse für die lexikografische Beschreibung von Phraseologismen (PH) und ihre interlinguale Äquivalenz nachzuweisen. 1. Die Äquivalenzfrage auf der System- und Textebene Beim interlingualen Beschreibungsverfahren wird in der Regel der Bereich der kontrastiven Phraseologie auf der Systemebene von dem der Phraseologie aus der Sicht der Übersetzungswissenschaft, also auf textueller Ebene, unterschieden. Im Gegensatz zu den übersetzungswissenschaftlichen Studien werden in der kontrastiven Phraseologie in erster Linie semantische und nicht kommunikative Äquivalenzbeziehungen erforscht. Das Sprachsystemäquivalent wird als derjenige PH aufgefasst, der mit einem anderssprachigen PH in möglichst vielen Vergleichsparametern (im Lexembestand, in der wörtlichen Bedeutung (Bild), in der morphosyntaktischen Struktur, im Bedeutungsumfang, in der Valenz und in der Pragmatik) übereinstimmt. Als Textäquivalente werden demgegenüber Einheiten verstanden, die in einem Text austauschbar sind, ohne 1 Dieser Beitrag ist im Rahmen eines mit FEDER Geldern subventionierten Forschungsprojekts des Ministerio de Educación y Ciencia (FRASESPAL: HUM2007- 62198/FILO) zu deutsch-spanischer Phraseologie entstanden, das unter meiner Leitung an der Universität Santiago de Compostela durchgeführt wird. 2 Einen guten Überblick über die Forschungsrichtungen und –ergebnisse der 80er Jahre und über die aktuelle kontrastive Forschung gibt Korhonen (jeweils 1993 und 2007). Zu kontrastiven deutsch-spanischen Arbeiten s. Mellado Blanco (2007b). 3 Die festen Vergleiche kennzeichnen sich durch das Vorhandensein einer komparativen Konjunktion, eines festen Bezugslexems und eines festen Vergleichsmaßes (z. B. bei rot wie eine Tomate ist rot Bezugslexem und eine Tomate Vergleichsmaß). Das zu analysierende Corpus besteht aus 420 deutschen und 450 spanischen Vergleichen. Es wurde hauptsächlich den in der Literaturliste angeführten Lexika entnommen und mit Belegen aus dem Google, aus dem COSMAS II (Deutsch) und aus dem CREA (Spanisch) vervollständigt. 2 dass sich an der Funktion und Bedeutung des ganzen Textes etwas ändert (Eismann 1989, 83; Dobrovol'skij 1999, 114). Auf der Systemebene zählt also die denotative Bedeutung, auf der Textebene kommt es hauptsächlich auf die Funktion an 4 , d. h. in der praktischen Übersetzung von PH wird das Augenmerk auf kulturelle, situationelle, intralinguistische und –textuelle Unterschiede gerichtet und „verabsolutiert [man] die formal-semantischen Äquivalenzbeziehungen nicht“ (Pirttisaari 2004, 375), so dass prinzipiell Adäquatheit und Wirkungsgleichheit angestrebt werden. Das hat zur Folge, dass beim Übersetzen von PH – die in der Zielsprache (ZS) über ein Volläquivalent verfügen – u. U. freie Paraphrasen oder Spiegelübersetzungen bevorzugt werden können, damit die Bildlichkeit und die Funktion des gesamten Textes erhalten bleibt. Der Text entscheidet also über die Wahl des Äquivalenten in der ZS, wobei sich die Beibehaltung der Stilfärbung und der Gebrauchsfrequenz 5 eventuell als wichtiger als die Suche nach der strukturellen Äquivalenz erweisen kann. Äquivalente auf der Textebene müssen also nicht unbedingt phraseologische Systemäquivalente sein (Jesensek 2006) 6 . Das Problem beim Versuch der Aufgabenabgrenzung zwischen kontrastiver Phraseologie und Übersetzungswissenschaft besteht m.E. darin, dass man für die Beschreibung von einigen kontrastiven Vergleichsparametern der Systemebene (z. B. syntaktische und semantische Valenz) auf die kontextuelle Untersuchung der PH angewiesen ist. Die kontrastive Phraseologieforschung soll also “notgedrungenerweise eine Pendelbewegung vom System zum Gebrauch und zurück zum System” darstellen (Gréciano 2000, 249). Einige Autoren wie Hallsteinsdóttir (2006) plädieren für eine Erweiterung der kontrastiven Phraseologie in Richtung Sprachverwendung, womit die traditionelle Einschränkung der kontrastiven Linguistik auf den Vergleich von isolierten PH aufgehoben würde. Diese Einstellung würde allerdings in der Lexikografie eine neue Frage aufwerfen, und zwar inwieweit das Wörterbuch die funktionalen Äquivalente aufnehmen soll. Die Angabe im Wörterbuchartikel von möglichst vielen Textäquivalenten würde an sich die Übersetzungsarbeit erleichtern, das Lexikon würde aber an Überschaubarkeit einbüßen. Außerdem müsste man die Äquivalenzgröße als „situativ einmalig“ (Hallsteinsdóttir 2006, 110) neu auffassen. Das Wörterbuch muss meiner Meinung nach interlinguale Äquivalente anbieten, die aus der Untersuchung von Texten hervorgegangen 4 Es sei allerdings dabei bemerkt, dass die Systembeziehungen jedoch die Basis und die Rahmenbedingungen für die Übersetzbarkeit darstellen (vgl. Hyvärinen 2004, 207). 5 Nach der Ansicht Dobrovol’skijs (1997, 47) müssen „totaläquivalente im Sprachsystem zweier Sprachen nicht gleichwertig in der Sprachverwendung vorkommen“. Das wurde empirisch in meinem Corpus nachgewiesen (s. unten, Abschnitt 2.4.). 6 Zur Bestätigung dieser Aussage sei auf eine empirische Untersuchung von Piitulainen (2006) hingewiesen: Bei 71% der im Roman Die Deutschstunde untersuchten phraseologischen Übersetzungsfälle besteht Divergenz zwischen der vom finnischen Übersetzer durchgeführten Translation und der im deutsch-finnischen Idiomwörterbuch angegebenen finnischen Äquivalenzen. 3 und möglichst uneingeschränkt in vielen Kontexten einsetzbar sind, wobei dennoch auf die Kasuistik von konkreten Übersetzungsfällen verzichtet werden sollte 7 . 2. Äquivalenzparameter Die meisten Äquivalenztheorien gehen vom allgemeinen Begriff der Äquivalenz als interlingualer Identität der denotativen Bedeutung von zwei lexikalischen (mono- oder plurilexematischen) Einheiten aus. Diese Ansicht ist zunächst mit Skepsis und einer gewissen Idealisierung zu betrachten, denn zwischensprachliche Identität kommt sehr selten zur Erscheinung, wenn alle nötigen Vergleichsparameter berücksichtigt werden 8 . Schindler (2005, 43) meint dazu: „Dieser Begriff [der Äquivalenz] macht deutlich, dass bei einem Vergleich der Eigenschaften der Idiome verschiedener Sprachen von einer Übereinstimmung zwar in einigen, kaum aber allen Eigenschaften ausgegangen werden kann, so dass es nur selten möglich ist, grundsätzlich von Äquivalenz oder von den verglichenen Idiomen selbst als Äquivalenten zu sprechen“. Die traditionell verwendeten Vergleichsparameter für die Aufstellung von interlingualen Äquivalenztypologien sind: denotative Bedeutung, wörtliche Bedeutung (gleiches Bild), formelle Struktur (auf syntaktischer und lexikalischer Ebene), syntaktische Funktion und Konnotationen (vgl. Hessky 1987, 64; Korhonen 1998a, 1). Autoren wie Gladrow (1993), Dobrovol’skij (2000) und Corpas (2004, 254-263) schlagen drei groβe Vergleichsparameter vor, die wie folgt untergliedert sind: - Das semantische Parameter beinhaltet die phraseologische Bedeutung, das Bild und die lexikalischen Komponenten. - Das morphosyntaktische Parameter beinhaltet die syntaktische Valenz, die Satzfunktion und die morphosyntaktischen Transformationsmöglichkeiten. - Das pragmatische Parameter beinhaltet kulturelle Komponenten, diasistematische Restriktionen, Frequenz, Textsortenpräferenzen, Modifikationen und Implikaturen. 7 Hyvärinen (2004, 208) meint in dieser Hinsicht: „Zweisprachige Idiomlexika z. B. sollen von Einzelkontexten abstrahierte Systemäquivalente enthalten, die – genau wie Wörterbuchäquivalente von Einzellexemen – in prototypischen neutralen Beispielen einsetzbar sind, was jedoch nicht bedeutet, dass sie in jedem Kontext die beste Lösung oder überhaupt verwendbar sind“. 8 Das ist der Grund, warum in der russischen Forschungstradition eher von Entsprechung als von Äquivalenz die Rede ist. Der Theorie der quasi-Unmöglichkeit der Totaläquivalenz – im Sinne der Äquivalenz als Identitätsbeziehung – steht die Ansicht von Autoren wie Hallsteinsdóttir (2006, 116) gegenüber, die einen weiter aufgefassten Äquivalenzbegriff verteidigt. Da es für sie hauptsächlich auf die funktionale Äquivalenz (Bedeutung) und nicht auf die Form ankommt, gibt es prinzipiell in jedem Text immer eine Übersetzungsmöglichkeit und nur selten Nulläquivalenz. 4 Eine systematische Anwendung der gesamten Vergleichsparameter (besonders des pragmatischen 9 ) würde wahrscheinlich die Fälle von interlingualer Totaläquivalenz sehr stark reduzieren (vgl. Corpas 2004, 254), denn hoch wahrscheinlich kämen immer irgendwelche Bedeutungsnuancierungen, stilistisch-pragmatische sowie Frequenzunterschiede zur Erscheinung. Um den Grad der interlingualen Äquivalenz unter PH mit gleicher denotativer Bedeutung zu bestimmen, halte ich folgende Vergleichsparameter für besonders wichtig: 1. Lexembestand; 2. morphosyntaktische Struktur; 3. Bild (wörtliche Bedeutung); 4. Bedeutungsumfang; 5. semantische und syntaktische Valenz; 6. stilistisch-pragmatische Ebene 10 . Im Folgenden werde ich anhand von Beispielen aus meinem Corpus versuchen, die Notwendigkeit der Textanalyse für die Bestimmung der Systemäquivalenz auf der Basis der oben genannten Parameter nachzuweisen, wobei ich mich aus Platzgründen lediglich auf einige von ihnen beschränken werde. 2. 1. Morphosyntaktische Struktur Spanische Vergleiche können im Deutschen eine Doppelentsprechung haben: einen festen Vergleich und ein Vergleichskompositum. Obwohl das Totaläquivalent des spanischen PH der feste Vergleich sein mag, muss man die Möglichkeit der Übersetzung durch das entsprechende Kompositum in Erwägung ziehen, wenn es die frequentere Variante ist (z. B. kohlschwarz gegenüber schwarz wie Kohle). In anderen Fällen verfügt der spanische PH über nur ein lexikalisiertes Äquivalent, nämlich ein Vergleichskompositum (z. B. duro como el acero, duro como una piedra: stahlhart, steinhart, butterweich, und nicht *hart wie Stahl, *hart wie ein Stein). Die interlingualen morphosyntaktischen (und lexikalischen) Unterschiede können bei den festen Vergleichen weiter dadurch bedingt sein, dass das als Bezugslexem fungierende Adjektiv oder Adverb im Spanischen obligatorisch elidiert werden muss, wie z. B. bei ser Ø como una tumba („Ø wie ein Grab sein“: stumm / verschwiegen / still / schweigen wie ein Grab). Der eventuelle Wegfall des Bezugslexems kann im Deutschen die wörtliche Leseart des PH 11 hervorrufen, wenngleich die Elision auch unter Beibehaltung der phraseologischen Bedeutung vorkommen kann (vgl. Dadiani 2007, 147). 9 Die Erforschung des pragmatischen Parameters zum Zweck der Äquivalenzbestimmung auf der Systemebene wird nicht von allen Phraseologen befürwortet, weil sie primär als Aufgabe der Übersetzungswissenschaft angesehen wird (cfr. Wotjak 1992, 40-41; Larreta 2006, 479). 10 Damit meine ich die nicht-denotativen Bestandteile der phraseologischen Bedeutung, die sich lexikografisch als stilistische Markierungen wie (ugs.), (salopp), (geh.) oder (derb), als Markierungen über die Sprecherintention wie (scherzh.), (iron.), (verhüll.) oder (abwertend) und als Kennzeichnung der zeitlichen und räumlichen Zuordnung durch (veraltend), (veraltet) oder (landsch.) wiedergeben lassen (vgl. Mellado Blanco 2007a). 11 So im Beispielsatz aus dem Google: „Das fremde Land Babylonien ist wie ein Grab. Gott aber wird es öffnen und sein Volk. herausholen aus diesem Grab und es heimführen“ (www.ekir.de/doenberg/predigten/ 060415_Osternacht.pdf; zuletzt besucht am 31.07.08). 5 Einen weiteren Ellipsefall stellen im Spanischen feste Vergleichskonstruktionen vom Typ estar hecho un cristo dar, bei denen das Bezugslexem ausgelassen ist. Sie verfügen in der Regel über mehrere verbale Varianten, die verschiedene Aktionsarten ausdrücken; z. B. die Basisform como un Cristo weist folgende Aktionsartenvarianten auf: estar hecho un Cristo 12 (durativ), poner / dejar a alg. hecho un cristo (kausativ), ponerse hecho un cristo (ingressiv / transformativ), die im Deutschen nach dem Kontext unterschiedliche Entsprechungen haben können. Um die interlinguale Äquivalenz der spanischen Aktionsartenvarianten zu bestimmen, muss man konkret auf der Textebene nach der adäquaten Paraphrase oder PH suchen, wie z. B.: En la pelea puso a su cuñado hecho un cristo (kausativ): Im Streit schlug er seinen Schwager grün und blau Tiene la habitación hecha un cristo (durativ): Sein Zimmer sieht wie ein Saustall aus. 2.2. Bild Ein wichtiges Kapitel bei der Äquivalenzfrage stellt die funktional-semantische Äquivalenz bei ganz unterschiedlicher morphosyntaktischer Struktur und ganz unterschiedlichem zugrunde liegendem Bild (dt. brüllen wie am Spieβ vs. sp. chillar alg. como si le estuvieran matando (“brüllen, als ob jd einen umbringen würde“). In Anlehnung an Dobrovol’skij (2002, 367) sei dabei bemerkt, dass die innere Form die semantische Spezifik der Objektergänzungen der PH sowie die lexikalische Kompatibilität des betreffenden Idioms mitbestimmen kann. Als Beispiel aus dem Corpus sei der PH jmdn. wie einen dummen Jungen behandeln (vs. sp. tomar a alg. por tonto) angeführt, bei dem die externe Valenz jmdn. das semantische Merkmal [+männlich] verlangt, während im Spanischen keine Restriktion in dieser Hinsicht besteht (man kann sagen: Me tomó por tonta, Le tomó por tonto). Dieser Umstand ist ein guter Beweis dafür, dass bei verbalen Komparationen das Vergleichsmaß nicht desemantisiert erscheint, weshalb es mit dem Bezugswort (Objektergänzung) semantisch kompatibel sein soll. Die innere Form kann ebenso die Semantik von quasi synonymen Vergleichen bestimmen, wie es aus unserer Corpusstudie hervorgegangen ist: weiß wie Schnee (normalerweise in der Bedeutung ‚sauber’) weiß wie Perlen (in Bezug auf „Zähne“: ‚glänzend’) weiß wie Kalk / wie die [gekalkte] Wand (in der Bedeutung ‚bleich’) weiß wie Lilien (mit dem zusätlichen Sem [+Reinheit]) Bei der funktionalen Äquivalenz unterscheide ich zwei Fälle: 1. Die innere Form der äquivalenten PH stimmt auf der logisch-semiotischen Ebene überein (z.B. dt. jmdm. fällt ein Stein vom Herzen vs. sp. quitársele a alg. un peso de encima “eine Last (vom Körper) los werden”). 2. Die innere Form der äquivalenten PH 12 Es sei dabei auf den falschen Freund estar hecho un cristo ≠ wie das Leiden Christi aussehen hingewiesen. 6 stimmt auf der logisch-semiotischen Ebene nicht überein (taub wie eine Nuβ vs. sordo como una tapia). Diese Differenzierung kann die für Äquivalenzsuche von Relevanz sein, wenn das Bild in rekurrenter Form zur Textkohäsion der AS beiträgt. Bei mehreren funktionalen Äquivalenten in der ZS kommt der Auswahl des interlingualen Äquivalenten mit einem ähnlichen Bild eine besondere Bedeutung zu, besonders wenn es darauf ankommt, eventuelle intertextuelle Anspielungen und bildbedingte sprachspielerische Effekte aufrechtzuerhalten. Bei Polyäquivalenz in der ZS ist es bei spielerischem Gebrauch der PH angebracht, auf die Übereinstimmung des Bildes auf der logisch-semiotischen Ebene zu achten, um die richtige Äquivalenz zu treffen. 2.3. Bedeutungsumfang Ein weiterer Teiläquivalenztyp ist durch Unterschiede im Bedeutungsumfang der zu untersuchenden PH bedingt, d. h. die denotative Bedeutung von einem der beiden PH weist zusätzliche Seme auf, die hauptsächlich – wie aus meiner Untersuchung hervorgegangen ist – durch Textanalyse und Bedeutungsvergleich in beiden Sprachen festgestellt werden. Es kann sich dabei entweder um Hypero- oder um Hyponymie (s. Földes 1990, 179) handeln. 2.4. Valenz Die oben kommentierten Parameter (denotative Bedeutung, Lexembestand, Bild, morphosyntaktische Struktur) beziehen sich auf den festen Kern der PH. Im Fall der verbalen PH kann auch eine kontrastive Beschreibung der vom Verb abhängigen externen Aktanten und ihrer semantischen Merkmale unternommen werden. Földes (1990, 183-184), Korhonen (1998a, 7-8) und besonders Wölke (1990, 516-517) plädieren in dieser Hinsicht für die Valenzuntersuchung der zu vergleichenden PH durch die syntaktische Einbettung der phraseologischen Kette in konkrete Texte, damit eventuelle strukturell-semantische Unterschiede aufgedeckt werden können. Wölke (1990, 516) hält diese Aufgabe für unabdingbar, wenn man gute idiomatische Wörterbücher erstellen will: “Im Wörterbuch angegebene Äquivalente sollten in analogen Kontexten einsetzbar sein, das betrifft ganz besonders die zweisprachigen Wörterbücher”, bei denen der Valenzunterschied zwischen den PH ganz deutlich erscheinen sollte. Beim Erwerb von PH im Fremdsprachenunterricht sollte die Markierung der Valenz obligatorisch sein, um Interferenzfehler zu vermeiden. Darüber hinaus kann die lexematische Füllung der Aktanten zu Polyäquivalenz in der ZS führen. Zur Veranschaulichung sei ein Beispiel angeführt: Der deutsche PH flach wie ein Brett ist mit Substantiven wie Bildschirm, Frau oder Meer als Subjektergänzung kombinierbar, während beim spanischen Korrelat liso como una tabla die Pendants von Bildschirm und Meer (pantalla, mar) nicht in Frage kommen, dagegen Körperteillexeme wie vientre, pelo. In Verbindung mit Meer besteht im Spanischen der feste Vergleich liso como un plato. 7 SUBJEKT DEUTSCH SPANISCH Frau flach wie ein Brett lisa como una tabla Bauch flach wie ein Brett plano como una tabla Bildschirm flach wie ein Brett Meer flach wie ein Brett [quieto] como un plato („wie ein Teller“), como un espejo („wie ein Spiegel“) Bei festen Vergleichen mit variablen Bezugslexemen (wie bei gesund / munter / stumm / sich fühlen wie ein Fisch im Wasser) können die semantischen Merkmale (Argumente) des Bezugslexems für die interlinguale Äquivalenz eine wichtige Rolle spielen und Asymmetrien in der Phraseologie der ZS auslösen: gesund wie ein Fisch im Wasser  sano como un roble / como una lechuga munter wie ein Fisch im Wasser  fresco como una lechuga sich fühlen wie ein Fisch im Wasser  sentirse como pez en el agua Aus dem oben Dargelegten geht hervor, dass eine adäquate Beschreibung der Valenzstruktur auf syntaktischer und semantischer Ebene nur induktiv durch die systematische Analyse von Textbelegen erfolgen kann. 2.5. Stilistisch-pragmatische Ebene Černyševa (1984, 18) erkannte schon vor fast 25 Jahren, dass sich PH von Einzellexemen in erster Linie durch die Ausprägung der bewertenden Funktion differenzieren und dass sie vor allem „der Benennung von subjektiv bedeutsamen physischen, psychischen und sozialen Situationen und Zuständen von Menschen“ dienen. Dabei komme primär die Stellungnahme des benennenden Subjekts sowie „die Ab- und Aufwertung des Objekts der Aussage von seinem Standpunkt aus“ zur Geltung. Das hat zur Folge, dass die interlingualen Äquivalenten den emotionalen Gehalt und die Stellungnahme zum Denotat widerspiegeln müssen. Ist das nicht der Fall, wird die semantische Natur des PH in der ZS nicht komplett wiedergegeben. Einen wichtigen Anteil in der Expressivität des PH hat seine innere Form (s. Abschnitt Bild 2.2.) – auch wenn sie erstarrt sein mag – und deshalb muss sie in der Äquivalenz des PH berücksichtigt werden. Andererseits sind die Bedeutungselemente „Stellungnahme zum Denotat“ und „emotionales Gehalt“ wesentliche pragmatische Komponenten, die sich nur aus der Analyse der Gebrauchssituationen ableiten lassen (s. Roos 2001, 236). Aus diesem Grund erweist sich die Untersuchung des Kontextes für die Beschreibung der pragmatischen Ebene der PH aus kontrastiver Sicht als unabdingbar. Unter den pragmatischen Parametern halte ich die Frequenz für besonders relevant. Die interlinguale Frequenzdivergenz sollte der Lexikograf extra markieren, um den korrekten Gebrauch der als Systemäquivalente angegebene 8 PH zu gewährleisten. Es kann gut vorkommen, dass der aufgrund der morphosyntaktischen und lexikalischen Kongruenz als Systemäquivalent anerkannte PH in der ZS nicht der geläufigste ist, wie es beim Sprachenpaar dt. weder Fisch noch Fleisch / sp. ni carne ni pescado (Systemäquivalent) der Fall ist. Nach seiner Frequenz erweist sich der PH ni chicha ni limoná als adäquater und ist deshalb eher als das funktionale Äquivalent vom deutschen PH zu betrachten. Andererseits muss sich der Übersetzer die richtige Option in jedem Fall überlegen, denn es kann sein, dass – im Falle eines Sprachspiels – das weniger frequente Äquivalent wegen seines Bildes herangezogen werden soll. 3. Schlussfolgerungen Mit dieser Studie soll die Notwendigkeit der Textanalyse in der Phraseologie und Phraseografie hervorgehoben werden. Die Lexikonartikel der traditionellen zweisprachigen Wörterbücher erfassen hauptsächlich Systemäquivalente, die kontextuell nicht immer einzusetzen sind, weil sie abstrakt und kontextunabhängig bestimmt wurden. Ich plädiere für eine funktionale Äquivalenz im Bereich der Phraseografie, bei der in erster Linie Wirkungsgleichheit und nicht so sehr Isomorphie auf der morphosyntaktischen oder lexikalischen Ebene angestrebt wird. Systemäquivalente sollen aus konkreten Kontextbelegen abstrahiert werden, damit eine zwischensprachliche Korrespondenz im realen Sinne gewährleistet werden kann. Der Wörterbucheintrag muss eine möglichst vollständige Palette von Äquivalenten in der ZS anbieten, die je nach Kontext einsetzbar sind. Der Text entscheidet über das passende Äquivalent in der ZS, wobei z. B. die Beibehaltung der Gebrauchsfrequenz wichtiger als die strukturelle Äquivalenz werden kann. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die praxisbezogene Forschung – die in der kontrastiven Phraseologie noch eine große Herausforderung darstellt – als wichtigstes Mittel zur Optimierung der Beschreibung von PH in den idiomatischen Wörterbüchern erweist. Földes’ Worte (1990, 184) klingen noch aktuell, als er sagte, dass “der sprachliche Kontext bei interlingualen Vergleichen nicht ohne Weiteres auβer Acht gelassen werden darf”, und dass die vergleichende Untersuchung der PH im Kontext für die Zukunft „ein aufschluβreiches und vorwärtsweisendes Forschungsfeld bieten“ könnte. 4. Literatur 4.1. Wörterbücher und Datenbanken Brugger, Hans P. (1993): Der treffende Vergleich. Eine Sammlung treffsicherer Vergleiche und bildhafter Formulierungen. Thun. DUR = Duden. Redewendungen (2008). Wörterbuch der deutschen Idiomatik. 3., überarb. und aktualis. Aufl. Hg. von der Dudenredaktion. Mannheim u. a. COSMAS II = Datenbank COSMAS II aus dem Mannheimer Institut für Deutsche Sprache [www.ids-mannheim.de/cosmas2]. CREA = Real Academia de la Lengua Española: Banco de datos: Corpus de referencia del español actual [http://www.rae.es] 9 Seco, Manuel / Olimpia, Andrés / Ramos, Gabino (2004): Diccionario fraseológico documentado del español actual. 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