Elisabeth Häge: Dimensionen des Erhabenen bei Adalbert Stifter. Berlin, Boston: de Gruyter, 2018
Abstract
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Full text
155REZENSIONEN
Elisabe h Häge: Dimensionen des E habenen bei Adalbe S i e .
Be lin, Bos on: de G uy e , 2018, 576 Sei en.
Dalibo Tu eček– Südböhmische Uni e si ä České Budějo ice
Die um ang eiche S i e ‑Fo schung e üg übe eine eiche T adi ion und ha bishe
eine Unzahl on E kenn nissen e a bei e und eine b ei e Skala on In e p e ie ungs‑
möglichkei en gebo en. Eine neue, p oduk i e Eins ellung un e diese Si ua ion zu
inden, is keineswegs ein ach und se z gleichzei ig die Scha ung eines g ündlichen
me hodologischen Schwe punk es o aus. Elisabe h Häge ha eine G undlage in
de Ka ego ie des E habenen ü ih e A bei ge unden, wie diese sich in de Philo‑
sophie und Äs he ik des ach zehn en Jah hunde s kons i uie ha , da au olgend
in Na u ‑ und Gesellscha swissenscha en einged ungen is und nich zule z in
P ozessen küns le ische Schöp ung o allem de e s en Häl e des olgenden Jah ‑
hunde s Gel ung ge unden ha . Die Au o in beleg zue s , wie de zen ale Beg i
in de Philosophie und Äs he ik die Na u eine eindeu ig o mulie en Ka ego ie
gewonnen ha , zum wissenscha lichen Beg i sins umen gewo den is . Im Wandel
de Zei ha diese Beg i jedoch seine u sp ünglichen G enzen übe sch i en und
is in b ei e Schich en de zei genössischen Kul u expandie , wie die Au o in mi
Ve weis au Roland Ba hes es s ell : „Das E habene des ach zehn en Jah hunde s
kann disku sgeschich lich als eine Denk igu beg i en we den, die deu lich on den
du ch die Na u wissenscha en ausgelös en E schü e ungen des Wel bildes beein‑
luss wu de“ (S. 26).
Insbesonde e im Kuns be eich und nachs ehend auch in S i e s We k haben
sich die u sp ünglichen Beg i skon u en im Rahmen diese Ve schiebung unscha
einges ell : „In de äs he ischen P axis abe üh das E habene ein Eigenleben: Die
e habenen Gegens ände, die P ägung des E habenen und seine Funk ionen e ‑
ände n sich in Li e a u und Kuns o lau end– genau an diesen o lau enden
Ve ände ungen pa izipie S i e s P osa. Seine Tex e bie en einen übe aus g oßen
Va ian en eich um an Ve a bei ungen des E habenen“ (S. 539). Ge ade diese Ungleich‑
a igkei einzelne Konk e isie ungen des E habenen, die Vielges al igkei de dami
e bundenen Modi izie ungen, is auch de Haup punk des In e esses diese Disse ‑
a ion. Die A bei bie e dami einen inspi a i en, beweg sich jedoch auch au e was
unsiche em Boden. Elisabe h Häge is sich dessen auch bewuss , wenn sie explizi
zuges eh , dass es keine lei Belege da ü gib , dass S i e sich mi philosophischen
ode äs he ischen Konzep en des E habenen e au gemach hä e: „Es kann kaum
da on ausgegangen we den, dass S i e sich unmi elba mi de Philosophie des
E habenen auseinande gese z ha ; zumindes inden sich da ü keine Belege“ (S. 25).
Eine unums i ene und beg ünde e Vo ausse zung is abe , dass S i e bes imm en
Konzep en des E habenen im Rahmen seine Ausbildung, seine li e a ischen En ‑
wicklung und seine schöp e ischen Tä igkei kaum ausweichen konn e.
Die Au o in beleg da au olgend in um ang eichen Passagen zue s , wie die
Schlüsselka ego ie in populä ‑na u wissenscha liche Publika ionen einged ungen
wa , die zum obliga o ischen Bes and eil de Allgemeinschulausbildung gehö e.
Aus üh lich zeig sie auch, wie S i e in seine S udienzei mi ihnen in Be üh ung
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gekommen wa (das Kapi el Die Ka ego ie des E habenen in S i e s na u wissenscha ‑
liche Bildung, ab S. 66). Im E gebnis kann sie die Schluss olge ung ziehen, dass „S i e
das E habene übe populä wissenscha liche Tex e so ezipie en konn e, ohne die
jeweiligen philosophischen Tex e gelesen zu haben“ (S. 26). Eine Schlüssel olle ha
hie bei nach Häge o allem And eas on Baumga ne gespiel : „Wäh end seines S u‑
diums in Wien besuch e e [S i e ] Baumga ne s Vo lesungen und wu de Ende de
1820e Jah e sein Schüle . Baumga ne s Fö de ung S i e s ging so wei , dass e ihm
einen Leh s uhl ü Physik und angewand e Ma hema ik in P ag e scha en woll e.
Doch dieses Bes eben schei e e an S i e s eigene Unen schlossenhei , de zu
en scheidenden P ü ung nich e schien.“ (S. 70) Diese in e essan en Fes s ellungen
bilden jedoch e s die Vo a bei de eigenen, au In e p e a ion de li e a ischen Tex e
S i e s konzen ie en A bei . Elisabe h Häge geh es dabei wede um eine po en ielle
Komplexi ä de ik ionalen Wel in S i e s Tex en, noch um eine Be ach ung des
Gesam we kes. Als Belegma e ial ih e Thesen wu den insgesam sieben P osawe ke
he angezogen, denen sie ih e analy ische und in e p e a i e Au me ksamkei sowohl
im Rahmen de allgemeinen Auslegung wie auch in speziellen, imme au einen ein‑
zigen Tex o ien ie enden Falls udien widme . In nich einges andenen und ielleich
nich einmal e lek ie en Spu en de New his o y we den dabei die G enzen de
Kuns übe sch i en, de li e a ische Tex wi d nich sub speciae in seine Spezi izi ä
und Indi iduali ä e o sch , e wi d nich in seinen unmi elba en Kon ex gese z ,
sonde n e wi d zu eine Quelle ü die Ausgangs hesen.
De me hodologische Ausgangspunk de A bei komm in den Kapi eln am bes en
zum Ausd uck, in denen die Au me ksamkei au die Scha ung on Raum, insbeson‑
de e au Besch eibungen eine öden Landscha konzen ie is , die als „lee e, gla e,
düs e e Räume“ bezeichne we den, ode ein li e a isches Bild de Geologie is de
wah e Gegens and des In e esses. Eine Hil e kann hie die bishe ige Fo schung da ‑
s ellen, die die Expansion des E habenen in die Na u poesie om Ende des 18. und
de e s en Häl e des 19. Jah hunde s ielsei ig e ö e ha , genauso wie die Land‑
scha smale ei de selben Epoche. Die Au o in weiß seh wohl, dass „[d]ie (Wiede ‑)
En deckung des E habenen im ach zehn en Jah hunde gemeinhin mi dem Wandel
de Na u wah nehmung und mi de äs he ischen En deckung de Alpen im selben
Jah hunde e bunden wi d“ (S. 47) und gleichzei ig zeig sie, wie S i e wäh end
seines S udiums in K ems nich nu die einschlägigen Theo ien gele n , sonde n auch
einen neuen Blick au die Na u de Alpen gewonnen ha . Die olgenden In e p e a‑
ionen spezi ische li e a ische Landscha en, wie wi sie in einzelnen P osawe ken
on S i e inden, seien es Wüs en, die unga ische Pusz a, Eisbe ge ode Gebi gspla‑
eaus übe dem i alienischen Lago di Ga da, klingen übe zeugend. Mo i e de Lee e,
de Gla hei agen nich nu zu Raumkons i u ion, zu E zählungsa mosphä e bei,
sonde n bes immen au g undsä zliche A und Weise dessen Poe ik und Äs he ik.
Vieles bleib jedoch zu wei e en Diskussion o en. Die Au o in e binde beispiels‑
weise mi de Ka ego ie des E habenen ein Zi a aus de E zählung Zwei Schwes e n:
Die Na u „is das Kleid Go es, den wi ande s als in ih nich zu sehen e mögen
[…], sie is de Ausd uck de Majes ä und de O dnung: abe sie geh in ih en g oßen
eigenen Gese zen o , die uns in ie en Fe nen liegen, sie nimm keine Rücksich ,
sie s eig nich zu uns he ab, um unse e Schwächen zu heilen, und wi können nu
s ehen und bewunde n“ (S. 115). Wä e es jedoch nich besse , diese Passage im Zu
‑
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sammenhang mi dem heologischen Disku s de Zei , konk e mi pan heis ischen
Konzep en zu in e p e ie en? Auße Ach gelassen wi d auch die F age, inwiewei
und au welche A und Weise solche Besch eibungen ü S i e ypisch sind, wie sie
du ch die Op ik de li e a ischen T adi ion und im Hinblick au den zei genössischen
li e a ischen Kon ex zum Ausd uck kommen. Solche F agen übe sch ei en siche ‑
lich die zug undgeleg e F ages ellung de A bei , obwohl sie zum We des Buches
zwei ellos au p inzipielle Weise beige agen hä en. Analog is auch die F age nach
dem Ve häl nis on S i e s „gla en Räumen“ zu den Kon en ionen de li e a ischen
und bildküns le ischen Roman ik außen o geblieben.
In den wei e en Kapi eln e läss Elisabe h Häge die Ka ego ie des Raumes und
widme ih e Au me ksamkei ande en Komponen en de p osaischen S uk u , zu‑
e s den Figu en. Das E habene wi d on dessen u sp üngliche Abg enzung ge enn
und zu Schlüssel age wi d, welche „besonde e Funk ion ü die Figu enen wick‑
lung [diese] au weis “ (S. 29). De Ausgangspunk is „eine me hodische F age […]:
Wann inde a sächlich eine li e a ische Ve a bei ung des E habenen s a und wie
kann man eine solche Ve a bei ung ü li e a u wissenscha liche F ages ellungen
uch ba machen?“ (S. 119). Die Au o in s ü z sich dabei au E gebnisse, die im Zu‑
sammenhang mi den kogni i en Wissenscha en und de Psychologie au die Li e‑
a u wissenscha übe agen wu den, z. B. mi de Ka ego ie des Emo ionalen. Die
F age bleib dabei, ob die e häl nismäßig um ang eiche na a ologische Li e a u
nich einen besse en Ansa z zu Klä ung de Beziehung on Na u und Funk ion
de Figu en da ges ell hä e, genauso wie ein Ve gleich on S i e s Figu en mi den
li e a ischen Kon en ionen de Zei sinn oll gewesen wä e. Einzelne In e p e a ionen
wü den dami eine siche e e his o ische Ve anke ung inden. Genauso kann man die
F age s ellen, ob es ü die Au o in nich nü zlich gewesen wä e, F agen des Gen es zu
be ücksich igen. Wenn sie beispielsweise den ku zen Tex Aussich und Be ach ungen
on de Spi ze des S . S ephans hu mes (S. 299 .) in e p e ie , übe sieh sie die Kon‑
en ionen eines spezi ischen Feuille on ypus, den wi als s äd isches Bild bezeichnen
könn en. Die Ve wendung on eine Op ik de Lee e, de Gla hei schein olglich
nich besonde s glücklich gewähl zu sein. Die S ad – in diesem Fall Wien is alles
ande e als ein öde Raum, sie ko espondie ge ade nich mi einem Eisbe g, eine
Wüs e ode dem Hochgebi ge, is im Gegen eil on lebenden und sich ba a bigen
und o m eichen Einzelhei en übe üll , denen ein Beobach e eine Na u sowie eine
S elle im Rahmen eines komplizie s uk u ie en Ganzen zue kenn .
Im nächs en Abschni ih e A bei ha Elisabe h Häge e such , den Beg i des
E habenen au allgemeine e Ka ego ien de Tex s uk u zu übe agen. Zue s
widme sie sich de Musik, und zwa insbesonde e am Beispiel de E zählung Zwei
Schwes e n (ab S. 364). Aus dem zei genössischen Disku s we den hie zwei Opposi‑
ionsbeg i e ausgewähl : das Musikalische (die absolu e Musik) und das Plas ische
(die P og ammmusik), mi de en Hil e de Tex on S i e analysie wi d. Es schein
dabei, dass de Sinn de E zählung on S i e in eine e was ande e und ge adlinige e
Rich ung geh – es komm die oman ische Au assung de Musik als eines di ek en
Ausd ucks des He zens da in zum Ausd uck, die zu eine K a we den kann, die
die Pe sönlichkei des Musike s ge äh de und en sp echend zu übe winden sei. In
einigen Aspek en alle dings bes ä ig sich die Analyse de Ausgangshypo hese nich ,
so wenn die Quali ä des E habenen in eine Passage aus de E zählung zue kann
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wi d, abe das als Beleg ange üh e Zi a ehe au die Di e enz zwischen dem ech‑
nisch e anlag en Spiel de jünge en de beiden Schwes e n und de beseel en, om
He zen s ahlenden In e p e a ion de äl e en e weis . Die Ka ego ie, die einen ge‑
meinsamen Nenne de In e p e a ion bilden soll, wi d so ehe willkü lich au das
Ma e ial übe agen, als übe zeugend da aus he o zugehen.
Wei e e Kapi el widmen sich allgemeine en F agen. Mi de Analyse de E zählung
B igi e soll das Ve häl nis des E habenen und de Hässlichkei e ass we den, die
In e p e a ion on Nachkommenscha en wi d au die P oblema ik de Komik o ien ie ,
die No elle Abidas dien als Ausgangspunk ü die Un e suchung de Äs he isie ung
des Wah scheinlichen, mi dem P osawe k Die Na enbu g wi d die F age on Selbs ‑
e lus in de E inne ung einge üh . De Beg i des E habenen wi d dabei jedoch als
ein P inzip au ge ass , au das man den küns le ischen Tex eduzie en kann, somi
als eine Fo mel, die de Tex zu e üllen habe. Hie ü ein Zi a als Beleg: „Eine noch
gewal olle e, obwohl unblu ige Va ian e des E habenen bie e eine ande e E zählung
S i e s: Die Na enbu g. Hie wi d de Ve such un e nommen, eine de G undlagen
des E habenen einzuholen, nämlich das Unendliche, Un assba e und Unda s ellba e,
wie es sich in de E inne ung und im Gedäch nis da s ellen kann“ (S. 541). Kann man
abe den Sinn und die po en ielle Wi kung eines Tex es nu au eine solche Behaup‑
ung eduzie en? Kann man eine einzige Hypo hese mi de Au o enin en ion iden i‑
izie en? Und wenn es sich um das g undlegende P inzip de Tex s a egie handeln
wü de, müss e die zi ie e Behaup ung mi eine aus üh lichen und übe zeugenden
analy ischen A bei nich beleg we den?
Das eingehende und g ündliche Buch on Elisabe h Häge ze äll so in zwei Teile.
Im e s en wi d das Du chd ingen de äs he ischen und philosophischen Ka ego ie
des E habenen in einem populä wissenscha lichen Disku s au übe zeugende Weise
dokumen ie , die Fo schung zu S i e wi d du ch na u wissenscha liche Belege, die
In e esse des Au o s e weck en, be eiche ; dies alles wi d nachs ehend mi gu em
E gebnis au die Äs he ik und Poe ik on S i e s „lee en, gla en Räumen“ übe agen.
De zwei e Teil de A bei s ell zwa in e essan e me hodologische F agen, wobei die
Umse zung de Ausgangshypo hese in de In e p e a ion de einzelnen li e a ischen
Tex e nu beding zu übe zeugen e mag.
Ricca do Conce i: Robe Michel: Ein ös e eichische
Dich e O izie zwischen Halbmond und Doppeladle . Wien: P aesens,
2018, 285 Sei en.
Václa Smyčka– Akademie de Wissenscha en de Tschechischen Repu‑
blik/Ka ls ‑Uni e si ä P ag
Das Thema Kolonialismus spiel e bishe in de E o schung de deu schen Li e a u
aus den böhmischen Lände n kaum eine Rolle. We den in de Ge manobohemis ik die
asymme ischen Mach e häl nisse un e such , konzen ie en sich die S udien selbs ‑