NACHRUF AUF HERRN PROFESSOR ZDENĚK MASAŘÍK
Abstract
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Full text
NACHRUF AUF HERRN PROFESSOR ZDENĚK MASAŘÍK Die wahre Großzügigkeit gegenüber der Zukunft besteht darin, alles der Gegenwart zugeben. Albert Camus In den Herbsttagen des vorigen Jahres hat die germanistische Gemeinde nicht nur in unserem Land eine traurige Nachricht betroffen: Professor PhDr. Zdeněk Masařík, DrSc., hat am 19. Oktober 2016 im Alter von 88 Jahren seinen irdischen Weg beendet. Er wurde am 23. März 1928 in Nemotice (Kreis Vyškov) geboren, wo er als Kind und Heranwachsender lebte. Nach dem Abitur im Jahre 1949 studierte er Deutsch, Russisch und Musikwissenschaft an der Brünner Universität, und bereits während seines Studiums hatte er als Stipendiat die Möglichkeit zu Studienaufenthalten an der Universität in Leipzig, bei denen er bedeutende Repräsentanten der germanischen Philologie und vor allem der deutschen diachronen Sprachwissenschaft wie Theodor Frings, Ludwig Erich Schmitt oder Klara Elisabeth Karg-Gasterstädt kennen lernen konnte. Nachdem er im Jahre 1953 die Staatsabschlussprüfungen mit Erfolg bestanden hatte, bekam er am Lehrstuhl für Germanistik an der Philosophischen Fakultät der Brünner Universität die Stelle eines wissenschaftlichen Aspiranten und konnte sich mit größerer Intensität der Erforschung der deutschen Kanzleisprache im 14. und 15.Jahrhundert in Mähren widmen. Bereits die ersten Ergebnisse seiner Forschungsarbeit waren erfolgreich— an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität verteidigte er im Jahre 1959 die Dissertation zum Thema Die Sprache der Brünner deutschen Urkunden und erwarb den wissenschaftlichen Grad Kandidat der Wissenschaften (CSc.). Sechs Jahre später wurde seine Habilitationsschrift Die mittelalterliche deutsche Kanzleisprache Südund Mittelmährens angenommen und nach dem erfolgreichen Habilitationsverfahren übernahm er die Leitung der Brünner Germanistik. Im Jahre 1984, als er die neuesten, in der Arbeit Die frühneuhochdeutsche Geschäftssprache in Mähren zusammengefassten Resultate seiner Forschung an der Humboldt-Universität in Berlin verteidigt hatte, erwarb Zdeněk Masařík den wissenschaftlichen Grad Doktor der Wissenschaften (DrSc.), und ein Jahr später wurde er zum Professor ernannt. Seine wichtigste Wirkungsstätte war der Lehrstuhl, später das Institut für Germanistik an der Philosophischen Fakultät der Brünner Universität; an dieser Fakultät hielt er auch Seminare zum alten Deutsch für künftige Archivare und Studenten der historischen Hilfswissenschaften. Für diese Studenten verfasste er im Jahre 1993 das übersichtliche Handbuch Historická němčina pro archiváře [Historisches Deutsch für Archivare]. Unter den Historikern an der Fakultät hatte er viele Freunde, für alle sei Professor Miroslav Flodr genannt, mit dem er eng zusammenarbeitete und verschiedene Probleme diskutierte— gern auch bei einem guten mährischen Rotwein, dessen Freund und kompetenter Kenner Herr Professor Masařík war. In den 90er Jahren engagierte sich Professor Masařík sehr für die Gründung des Lehrstuhls für Germanistik an der Philosophischen Fakultät in Ostrava und der germanistischen Abteilung des Instituts für Fremdsprachen an der Philosophisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Schlesischen Universität in Opava; an beiden Arbeitsstellen hielt er Vorlesungen und Seminare vor allem zur deutschen Sprachgeschichte. Libuše Spáčilová
100 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2017 Der Forschungsschwerpunkt von Professor Masařík war das Frühneuhochdeutsche. Mit der Sprache Martin Luthers befasste er sich in seinem ersten wissenschaftlichen Artikel mit dem Titel Luther avznik spisovného jazyka německého1 [Luther und die Entstehung der deutschen Schriftsprache], der im Jahre 1956 erschien; danach konzentrierte er sich auf das Studium der frühneuhochdeutschen Sprache in den Stadtkanzleien in Mähren. Damit hatte sich vor dem Zweiten Weltkrieg Ernst Schwarz, Professor für Germanistik an der deutschen Universität in Prag, beschäftigt. Professor Masařík entschloss sich, seine Forschung in ähnliche Richtung zu entwickeln. Wie schon für Ernst Schwarz war auch für Professor Masařík eine sorgfältig erstellte Quellensammlung, auf die sich alle weiteren Behauptungen und Schlussfolgerungen stützen, die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Forschung. Aber auch außersprachliche Fakten wurden in die linguistischen Überlegungen einbezogen. In zahllosen Stunden studierte Herr Professor Masařík die Einträge in Stadtbüchern der Städte in Südund Mittelmähren. Die erste Arbeit auf diesem Gebiet war die im Jahre 1965 veröffentlichte Studie Kanzleisprache in Znaim, der unmittelbar die bereits erwähnten Arbeiten größeren Umfangs folgten. Professor Masařík strebte nicht nur eine perfekte Präsentation der festgestellten Fakten an, sondern es gelang ihm auch, allgemeinere Schlussfolgerungen zu ziehen, etwa in seinen Arbeiten zur deutschen Kanzleisprache, zu den Ursachen dialektaler Einflüsse auf die deutsche Kanzleisprache in Mähren oder zur Erforschung des frühneuhochdeutschen Wortschatzes aus geographischer Perspektive. Neben der diachronen Sprachwissenschaft befasste sich Professor Masařík mit der Modalität und ihren Ausdrucksmitteln aus synchroner Sicht. Er verglich beispielsweise die voluntative Modalität im Deutschen mit der im Tschechischen und untersuchte die Gewissheitsund die voluntative Modalität sowie die Beziehung zwischen Modalität und Partikeln. Im Jahre 1977 wirkte er bei der Gründung der noch heute erscheinenden linguistischen Fachzeitschrift Brünner Beiträge zur Germanistik mit und ermöglichte dadurch nicht nur den Brünner Germanisten, auf den Seiten dieser Zeitschrift regelmäßig die germanistische Fachgemeinde über Forschungsergebnisse zu informieren. Auch an der Gründung des Germanistenverbandes der Tschechischen Republik Ende der 90er Jahre war Professor Masařík beteiligt und wurde sein erster Vorsitzender. Alle zwei Jahre treffen sich tschechische und ausländische Germanisten auf einer Tagung des Germanistenverbandes, um sich über Erfahrungen im Bereich der Forschung an den einzelnen germanistischen Instituten oder Lehrstühlen zu informieren; diese Germanistentreffen sind inzwischen Tradition. Neben der Forschungstätigkeit vergaß Professor Masařík nie, dass er Hochschullehrer war, und kümmerte sich sehr verantwortungsvoll um seine Studenten, besonders wenn sie Interesse für eine ihm nahe linguistische Disziplin zeigten. Mit Begeisterung unterstützte er junge Forscher, hörte ihnen mit Geduld zu, diskutierte engagiert mit ihnen über linguistische Probleme und empfahl ihnen mögliche Lösungen. Noch im hohen Alter besaß er ein klares Urteilsvermögen und konnte stets 1 Eine komplette Bibliographie von Prof. Masařík siehe Brom, Vlastimil: Bibliographie von Zdeněk Masařík. In: Brünner Beiträge zur Germanistik und Nordistik 2/2016, 11–17. Auf den angeführten Seiten sind bibliographische Angaben zu den einzelnen Titeln zu finden, die in diesem Nachruf erwähnt werden.
LIBUŠE SPáČILOVá 101 hilfreiche Hinweise etwa zur Forschungsliteratur über ein bestimmtes Thema geben. Professor Masařík war der Lehrer und Förderer zahlreicher Germanisten, die seine Fachkenntnisse, Lebensweisheit, Hilfsbereitschaft und Lebenslust, die er ausstrahlte, hoch schätzten. Nicht alle seine Schüler können hier angeführt werden, stellvertretend für alle nennen wir Jaromír Zeman, Lenka Vaňková, Věra Janíková, Sylvie Stanovská, Marek Nekula oder Vlastimil Brom. Unter den europäischen diachronen und synchronen Germanisten hatte er viele gute Bekannte— beispielsweise Günther Bellmann, Hans Peter Althaus, Albrecht Greule und Norbert Richard Wolf; gern erinnerte sich Professor Masařík auch an freundliche Treffen mit Peter von Polenz. Als anlässlich des 80. Geburtstags von Professor Masařík im Jahre 2008 in Olomouc die Tagung des Arbeitskreises Kanzleisprachenforschung stattfand, war deren Motto Kanzleisprache— ein mehrdimensionales Phänomen, denn dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch sein ganzes berufliches Leben. Albrecht Greule von der Universität Regensburg betonte in seiner Laudatio auf dieser Tagung den großen Anteil von Professor Masařík an der Gründung des Internationalen Arbeitskreises Kanzleisprachenforschung (IA KSF) im Jahre 1999 in Regensburg zum Zweck einer weiteren Erforschung der frühneuhochdeutschen Kanzleisprache in Europa. Alle zwei Jahre wird eine Konferenz veranstaltet und danach erscheint ein Tagungsband in der damals neu gegründeten Reihe Beiträge zur Kanzleisprachenforschung. Professor Zdeněk Masařík: ein Mensch tiefen Glaubens und fester Grundsätze mit der großen Gabe der Empathie, der nie zögerte anderen zu helfen— das ist eine treffende Charakteristik. Vorbildlich kümmerte er sich um seine schwer kranke Gattin, und die Arbeit in der Küche oder Einkäufe schaffte er so selbstverständlich, als hätte er das schon immer gemacht. Er war stark mit seiner Heimat verbunden; wenn es ihm seine Gesundheit erlaubte, kehrte er in sein Geburtshaus in Nemotice zurück und mit Vergnügen widmete er sich den Feldarbeiten. Anlässlich des 680. Jubiläums der Gründung dieser Gemeinde beteiligte er sich an der Herausgabe eines Sammelbandes und verfasste eine Studie über seine Erfahrungen im Bereich der Analyse historischer Quellen (2007). Der große Sprachforscher war auch ein Liebhaber der Musik; in der Jugend war er in der St.-Wenzels-Kirche in Nemotice Organist, als Erwachsener sang er mit großer Freude mährische Volkslieder und spielte Akkordeon. Uns hat ein guter Mensch, Forscher, Pädagoge und Kollege verlassen, der mit seiner Arbeit, seinem Wirken und seiner Tätigkeit die wahre Großzügigkeit gegenüber der Zukunft zum Ausdruck brachte, denn er gab alles der Gegenwart. Uns hat ein ausgezeichneter Germanist verlassen, der zu den bedeutendsten Repräsentanten der tschechischen Germanistik im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts gehörte. Besten Dank für alles, Herr Professor. Wir werden Ihrer in Achtung und Würde gedenken! Libuše Spáčilová Lehrstuhl für Germanistik, Philosophische Fakultät, Palacký-Universität Kateřinská 653/17, 779 00 Olomouc [email protected]