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Theorie-Kulturen. Ein Erfahrungsbericht

Weinberg, Manfred

Abstract

From the biographical perspective of a scholar of German studies with positions formerly at the German universities of Bonn and Constance and now Charles University in Prague, the article describes the discussions about theory and literary studies since the 1980s. It focuses primarily on exchange processes among various (theoretical) cultures and at the end examines the reasons why certain obvious theory transfers had not taken place.

Full text

Theorie-Kulturen. Ein Erfahrungsbericht Manfred Weinberg — Filozofická fakulta Univerzity Karlovy, Praha Auf dem unter den Titel Übertragende Lektüren gestellten Workshop zu Verortung, Transfer, Etablierung und Ablehnung von Theorien im tschechischund deutschsprachigen Raum des 20. und 21. Jahrhunderts (12. — 14. September 2014 in Prag) hat Holt Meyer angemerkt, dass bei der In-Blick-Nahme von Übertragungen welcher Art auch immer die entscheidende Frage sei, von woher man diese beobachte — vom ‚Herkunftsort‘ aus, von ihrem ‚Ankunftsort‘ her oder im Versuch eines sozusagen neutralen Überblicks von außen. Daran konnte ich bei den einleitenden Bemerkungen zu meinem Vortrag, auf den der folgende Beitrag zurückgeht, anschließen, denn ich hatte mich dazu entschieden, die zu thematisierenden Theorie-Übertragungen aus einer radikal subjektiven Sicht zu beschreiben. Dies schien mir auch deshalb nahezuliegen, weil ich selbst zwischenzeitlich aus dem deutschen ins tschechische Wissenschaftssystem transferiert wurde/bin. Nach Studium und Promotion an der Universität Bonn sowie siebzehn Jahren an der Universität Konstanz als Postdoktorand des Graduiertenkollegs Theorie der Literatur und Kommunikation, wissenschaftlicher Koordinator eines Sonderforschungsbereichs1 zum Thema „Literatur und Anthropologie“ sowie eines „Forschungszentrums für den wissenschaftlichen Nachwuchs“, zuletzt als Vertreter zweier Lehrstühle dort, bin ich seit September 2010 als DAAD-Langzeitdozent Professor für neuere deutsche Literatur am Lehrstuhl für germanische Studien der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität Prag (dem ich schon vor dem ‚Amtsantritt‘ 2010 sechs Jahre als regelmäßiger Konstanzer Gastprofessor verbunden war). In der Annotation zum Workshop hieß es unter anderem: „Theorien entstehen nicht im luftleeren Raum […], sondern entwachsen ganz konkreten historischen und kulturhistorischen Zusammenhängen“. Die obigen knappen Ausführungen zu meinem wissenschaftlichen Werdegang lassen erkennen, dass ich inzwischen altersbedingt bei einem recht gehörigen Stück Theorie-Entwicklung dabei gewesen bin und somit als Augenzeuge einiger ‚historischer und kulturhistorischer Zusammenhänge‘ 1 Sonderforschungsbereiche sind im deutschen Universitätssystem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte Forschungseinheiten mittlerer Größe; der Konstanzer SFB „Literatur und Anthropologie“ bestand im Laufe seines Bestehens (1996–2002) aus durchschnittlich etwa 15 Teilprojekten mit insgesamt — wiederum durchschnittlich — gut 50 beteiligten WissenschaftlerInnen. OPEN ACCESS 16 SLOVO A SMYSL 24 aussagen kann, was immerhin eine gewisse Konkretheit und Präzision der Aussagen verspricht. So werde ich meine Ausführungen als Erfahrungsbericht an der Chronologie meiner Biographie orientieren. Als ich in den späten 1970er Jahren an der Universität Bonn unter anderem mein Germanistik-Studium begann, hatte man unter den zahlreichen dortigen Professoren eigentlich nur zwei als nähere Ansprechpartner zur Wahl, wenn man kein theoriefreies Studium absolvieren wollte. Dabei vertrat Peter Pütz eine eher weiche Theoretisierung der Germanistik, Beda Allemann sozusagen die hard core-Variante. So entschied ich mich für zweiteren und wurde auf diese Weise zum Schüler eines Heidegger-Schülers. Allemann stand also für eine sehr besondere Form von Transfer: nämlich den einer philosophischen Lehre — oder mit Heidegger genauer: eines Denkens — in die Literaturwissenschaft. Mit diesem Versuch ist er, so muss man es wohl im Nachhinein beschreiben, auf allerhöchstem Niveau gescheitert. Gleichwohl haben sich die Teilnehmer an seinem Oberseminar, so lange er lebte, irgendwie als theoretische Avantgarde (wenngleich eines noch nicht in die Öffentlichkeit transferierten Ansatzes), zudem als verschworene Gemeinschaft verstanden. Als Beda Allemann gestorben war, haben sich allerdings alle seine Schüler in so verschiedene Richtungen entwickelt, dass einem im Nachhinein erhebliche Zweifel an der Einheitlichkeit seines Theorie-Ansatzes kommen müssen. Zumindest erlaubte dieser Ansatz so einige Anschlüsse, und ich selbst hatte mich schon zu Allemanns Lebzeiten in der Dekonstruktion festgelesen, die er wiederum vehement ablehnte. Was an Jacques Derridas Texten angemessen sei, meinte er, stamme eben von Heidegger — und alles, was davon abweiche, sei schlicht unangemessen. Beda Allemanns Tod zur Unzeit hat mich wohl in dieser Hinsicht von der Notwendigkeit eines intellektuellen ‚Vatermords‘ befreit. Ich hätte mich aber, nehme ich an, auch in seinem ‚Beisein‘ endgültig zur Dekonstruktion durchgekämpft, der ich eine Zeitlang mit großer innerer Überzeugung gefolgt bin. Nach Allemanns Tod wurde es theoretisch für mich aber erst richtig spannend, weil sein Nachfolger Jürgen Fohrmann wurde, ein Luhmann-Schüler und somit Systemtheoretiker. Zwischen der Systemtheorie und einem Heideggerianismus oder der Dekonstruktion scheint es so gut wie keine Verständigungsmöglichkeiten zu geben, wie Luhmann und Derrida ja selbst (bis auf die letzten Lebensjahre Luhmanns) deutlich vorgeführt haben. Zwischen Jürgen Fohrmann und mir entwickelte sich aber durchaus eine Gesprächsbasis, die allerdings im Wesentlichen darauf beruhte, nicht immer von neuem über unsere unterschiedlichen theoretischen Ausgangspunkte zu streiten, sondern ggf. die Differenzen in der Auseinandersetzung um die Interpretation literarischer Texte oder eben anderer theoretischer Positionierungen auszutragen. Mit anderen Worten: Es fand zwischen uns gerade kein Theorietransfer statt; der gemeinsame Blick auf die Texte aus unterschiedlichen Perspektiven war jedoch erstaunlich produktiv — und hat meinen eigenen Theorie-Horizont noch einmal deutlich geweitet. Nach meiner Promotion führte mein Weg, wie schon gesagt, nach Konstanz, also an eine Universität, die damals zumindest im Bereich der Literaturwissenschaft als Hochburg der Theorie galt (und noch heute gilt). Und so habe ich die Diskussionen dort dann auch erlebt. Ich kam als Postdoktorand in ein Graduiertenkolleg zur Theorie der Literatur und Kommunikation — und war schier überwältigt von dem Niveau, MANFRED WEINbERg 17 auf dem die Diskussionen um Fragen der Theorie dort geführt wurden. Dass in Konstanz ein Graduiertenkolleg ausgerechnet zur (Literatur-)Theorie gegründet worden war — und zwar (das macht es noch programmatischer) als eines der ersten Graduiertenkollegs in der BRD überhaupt — belegt die Theorie-Affinität der Kulturwissenschaften an dieser Universität deutlich genug, wobei es von innen betrachtet eher erstaunlich war, dass Theoriefragen zwar die Forschungen der ProfessorInnen und des wissenschaftlichen Nachwuchses und damit auch die Diskussionen zwischen ihnen durchaus umfassend (mit)bestimmten, in der Lehre aber eine eher untergeordnete Rolle spielten. Allerdings habe ich mich stets gewundert, warum im Titel des Graduiertenkollegs dem Begriff der Theorie noch der der Kommunikation angefügt werden musste: Wollte man doch nicht nur und ganz auf Theorie setzen — oder schimmerte im mit in den Titel gesetzten Begriff der Kommunikation schon so etwas auf wie die später auf die Tagesordnung gesetzte kulturwissenschaftliche Öffnung der Literaturwissenschaft? In den zwei Jahren, die das Kolleg existierte, bevor ich dazu stieß, hatten eine erkleckliche Anzahl vom theoretisch bestens informierten (und auf diesem Feld durchaus streitbaren) Professorinnen und Professoren, unter ihnen Renate Lachmann, Gerhart von Graevenitz und Karlheinz Stierle, um dieses Graduiertenkolleg sozusagen ‚herumgestanden‘ und die KollegiatInnen zu einer ebenso exwie intensiven Lektüre theoretischer Texte angetrieben. Dabei handelte es sich übrigens im Wesentlichen um Theorie-Transfers, weil meiner Erinnerung nach fast ausschließlich Texte französischer oder angloamerikanischer Provenienz gelesen wurden. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass jemals Texte etwa von Niklas Luhmann auf dem Lektüre-Programm gestanden hätten. Dieser Punkt lässt sich verallgemeinern: Die vehemente Theoriediskussion im Bereich der Literaturwissenschaft in den 1990er Jahre in Westdeutschland war hauptsächlich Ergebnis von Theorietransfers. Gerhard Neumann hat einmal bei einem 1995 ausgerichteten DFG-Symposium zum Thema „Poststrukturalismus: Herausforderung an die Literaturwissenschaft“ die Theorieentwicklung in den Philologien auf den Dreischritt Hermeneutik — Strukturalismus — Poststrukturalismus gebracht. Im Ausschreibungstext zum Symposium hieß es damals: Die Neuformulierung der hermeneutischen Aufgabe Ende des 19. Jahrhunderts (Dilthey) und die zu einer Gegenbewegung sich entwickelnde Folge von Strukturalismen (Saussure) haben die methodologische Situation der Literaturwissenschaft in Deutschland nachhaltig geprägt. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts machen sich dann (aus der strukturalistischen Bewegung selbst heraus) anti-strukturalistische Tendenzen bemerkbar (Lacan, Foucault, Barthes, Kristeva). Die Schriften Derridas spielen in diesem wissenschaftsgeschichtlichen Umbruch eine wichtige Rolle. Sie tragen dazu bei, daß zentrale, in Literaturwissenschaft und Literaturgeschichte bis dahin gültige Vorstellungen wie z. B. Autorschaft, Werk, Formengeschichte, Gattung, Epoche, Kanonbildung ins Wanken geraten und leitende Kategorien hermeneutischer Arbeit ihre Verbindlichkeit verlieren, wie z. B. der Anspruch auf Methodologie, Systematik und Kohärenz, die Verpflichtung auf geregelte Begründung von Kritik, Kommentar und Textanalyse oder die Legitimierung von Wahrnehmen und Erkennen (Neumann 1997, S. 5). 18 SLOVO A SMYSL 24 Wenn man die Geschichte der „Literaturwissenschaft in Deutschland“ (gemeint ist wohl tatsächlich: Westdeutschland) auf diese Weise erzählt, wird aber klar, dass es sich außer bei der Hermeneutik (im Dreischritt von Friedrich Schleiermacher, Wilhelm Dilthey und Hans-Georg Gadamer) bei allem Weiterem um Theorie-Transfers, genauer: -Importe, handelt. Dabei ist es natürlich durchaus fragwürdig, die vielen und ja durchaus unterschiedlichen Strukturalismen auf den Sammelbegriff nur eines Strukturalismus zu bringen, was erst recht für die Vielfalt der Poststrukturalismen gilt. Insgesamt hat die ‚Meistererzählung‘ von Gerhard Neumann aber durchaus etwas für sich: Die westdeutsche Germanistik, um bei ihr zu bleiben, hat sich im ‘schlagschatten‘ Wilhelm Diltheys etabliert — und der ‚Vatermord‘ an ihm vollzog sich eben durch Theorie-Transfers, die an unterschiedlichen Orten unterschiedlich früh vollzogen wurden resp. zumindest erst einmal geprüft worden waren. Gerhart von Graevenitz etwa erinnert sich an sehr frühe Diskussionen von Foucault-Texten am Tübinger Lehrstuhl von Richard Brinkmann, seinem akademischen Lehrer. Ich nehme an, dass man an anderen germanistischen Instituten der Bundesrepublik damals noch nicht einmal wusste, wie dieser französische Autor geschrieben wurde. Wichtig scheint mir, noch auf die — wenn man so will — äußere Form der damaligen Theoriediskussionen hinzuweisen. Die vielfältigen Ansätze, die im Fachbereich Literaturwissenschaft der Universität Konstanz tatsächlich in ein sehr fruchtbares Gespräch miteinander gekommen sind, machten es offenbar unausweichlich, dass jeder erst einmal, gleichgültig ob explizit oder implizit, ‚Farbe zu bekennen‘ hatte: Man musste sich zunächst jeweils als Hermeneutiker, Diskursanalytiker, Dekonstruktivist etc. ‚labeln‘; erst von diesen benannten Ausgangspositionen schien dann ein Gespräch miteinander möglich. Ich erinnere mich deutlich, dass ich es mir in den Kopf gesetzt hatte, meinen Beitrag zum oben erwähnten DFG-Symposion (vgl. Weinberg 1997) unbedingt auch mit Karlheinz Stierle diskutieren zu wollen. Ich gab ihm also meinen Text zum „Gedächtnis der Dekonstruktion“, den er tatsächlich gründlich gelesen und zuletzt auch sehr produktiv mit mir besprochen hat. Den Beginn unseres Gesprächs aber bildete der Satz: „Sie sind also ein Dekonstruktivist…“. Eine Widerrede meinerseits, wie ich sie damals durchaus schon hätte vorbringen können, weil mich inzwischen der stets gleiche Nachweis eines sich nicht Schließens von literarischen und anderen Texten sowie Theoriegebäuden zu langweilen begonnen hatte, ließ er gar nicht erst zu, so dass das Meiste an unserem Meinungsaustausch wieder ein Gespräch von festgeklopften Positionen aus war. Er freute sich offensichtlich, mir gegenüber noch einmal alle seine Vorbehalte gegenüber der Dekonstruktion darlegen zu können, wozu man wissen muss, dass es eine Frühphase gab, in der die Konstanzer Schule im durchaus achtungsvollen Austausch mit Paul de Man gestanden hatte, bevor man sich entschied, hart und unnachgiebig auf der gegenseitigen Untransferierbarkeit der Ansätze zu bestehen. Nach dem Ausscheiden aus dem Graduiertenkolleg konnte ich in Konstanz bleiben und wurde wissenschaftlicher Koordinator des Sonderforschungsbereichs Literatur und Anthropologie. Zur Vorgeschichte sei nur so viel gesagt, dass vor allem Wolfgang Iser sich diesen Sonderforschungsbereichs als einen vorstellte, der sich der Literatur von einer Kantisch geprägten Wesensanthropologie her nähern sollte. Das konkrete Forschungsprogramm des Erstantrags dazu hatte dann Reinhart Herzog, ein Latinist, MANFRED WEINbERg 19 entworfen, der diesen SFB zu einer zweiten Konstanzer Schule machen wollte, was eben auch für den damit verbundenen theoretischen Anspruch steht. Erster Sprecher dieses SFBs wurde allerdings Gerhart von Graevenitz, der mir die Aufgabe als wissenschaftlicher Koordinator anbot. Ich kann mich noch sehr gut an unser — nach vielen vorab geführten Diskussion — uns mitten bei einem Gespräch im Treppenhaus gegenseitig gegebenes Versprechen erinnern, dass nämlich wenigstens wir zwei alles tun wollten, dass dieser SFB keiner Wesensanthropologie, sondern einer Kulturanthropologie verpflichtet sein sollte, was einen Unterschied ums Ganze macht: Während es — um eine prägnante Formulierung Gerhart von Graevenitz’ in Anschlag zu bringen — der Wesensanthropologie um das unveränderliche Wesen des Menschen geht, geht es der Kulturanthropologie um die Menschen (im Plural) und ihre je unterschiedliche kulturelle Prägung. Insofern war dieser SFB ein früher Teil dessen, was man damals anthropologischen Wende und heute die kulturwissenschaftliche Öffnung der Literaturwissenschaft nennt. Dies ging allerdings durchaus auch mit einer Änderung der Form der Theorie-Diskussion einher, denn auch hier wurde von Einzahl (oder Einfalt — je nach Perspektive) auf Vielfalt umgestellt und Theoriepluralismus zum neuen Leitbild. Tatsächlich hat man es aber bei der Theoriebildung dieses SFBs natürlich auch mit einem umfassenden Theorie-Transfer zu tun, insofern er sich sehr stark an der Theoriebildung im Rahmen der Ethnologie bis hin zur bekannten Writing Culture-Debatte und darüber hinaus orientiert hat. Hinzu kamen Anleihen bei einer ersten kulturwissenschaftlichen Welle im frühen 20. Jahrhundert, deren deutliche Spuren Gerhart von Graevenitz etwa auch in der Völkerpsychologie von Moritz Lazarus und Heymann/Chajim Steinthal entdeckte (vgl. von Graevenitz 1999). Insgesamt brachen aber in den späten 1990er Jahren auch Zeiten an, für die die Rede vom Theorie-Transfer wohl eher unangemessen ist. Denn zum einen lässt sich für diese Zeit von einer Rephilologisierung nach den ‚großen‘ Theoriediskussionen sprechen, die sich ja im Wesentlichen eben als ein Gegenentwurf zur Theoriedebatte verstand und heute noch so versteht. Zum anderen hat man es seitdem mit einer Unmenge von turns zu tun, die alles in allem einen umfassenden wissenschaftlichen Drehschwindel fördern und zudem natürlich jeweils eher thematisch (und nicht genuin theoretisch) als Aufmerksamkeit etwa auf Sprache, Bilder, Kultur etc.pp. gerechtfertigt werden. Es gibt dabei offenbar keine Perspektive, die nicht ‚turn-fähig‘ wäre; von einem religious turn hatte ich, ehrlich gesagt, erstmals kurz vor dem Prager Workshop zum Theorietransfer auf einem Workshop in Tübingen zum Thema „Prager Figurationen jüdischer Moderne“ gehört. Allerdings habe ich mich an diesem Spiel auch schon selbst beteiligt und eher unvorsichtig einen regional turn (im Bereich der Erforschung der Prager deutschen Literatur resp. deutschsprachigen Literatur in den Böhmischen Ländern) ausgerufen, der es zwischenzeitlich immerhin in einige Bücher und Klappentexte gebracht hat. Allenfalls wäre mit Doris Bachmann-Medick zu konstatieren, dass alle diese turns oder das, was sie als Cultural Turn (mit großem C) benennt (vgl. Bachmann-Medick 2014), teilhaben an einer inzwischen weltweiten Wanderung von Theorie-Paradigmen oder theoretischen Versatzstücken, die mit dem Begriff des Transfers nicht mehr zu fassen sind, weshalb etwa Mieke Bal den Begriff der „traveling concepts“ (vgl. Bal 2002) geprägt hat. Ich nähere mich auf diesem Wege meinem eigenen Transfer in die Alltagsumgebung der tschechischen Universitätslandschaft. Zumindest für die Ausbildung der 20 SLOVO A SMYSL 24 Studierenden kann man wohl hier — vielleicht auch eher nur für die Vergangenheit — eine gewisse Theoriearmut des Studiums im Rahmen der Philologien konstatieren. Dies hat auch mit einem überwiegenden Positivismus der literaturwissenschaftlichen Forschung in den Jahrzehnten mindestens bis zum Fall des Eisernen Vorhangs zu tun. Was mich im Übrigen am meisten befremdet hat, als ich in Prag endgültig ankam, war, dass es in meiner Wahrnehmung so gut wie keinerlei Rückbezug auf jenen Prager Strukturalismus gab, der immerhin einmal ein wichtiges europäisches Theorieparadigma (und weltweit höchst erfolgreicher Theorie-Export) gewesen war und an den man ja durchaus — wie wir es in unserem gemeinsam mit der Germanistik der Universität zu Köln geplanten Doppelmaster „Deutsche Sprache und Literatur in Mitteleuropa“ bald auch tun wollen — erneut anschließen könnte, indem man ihn als immer noch und von daher erneut transferierbar anpreisen würde. Möglicherweise herrscht aber auch das Gefühl vor, dass man von Tschechien aus heute kaum noch etwas auf die europäische Theorie-Agenda setzen kann. Ich befürchte, dass man sich in TheorieDingen, soweit an diesen überhaupt Interesse besteht, inzwischen als so grundsätzlich peripher versteht, dass es nur noch um eine Richtung von Theorie-Transfers, nämlich den Import von Theorien gehen kann. Solcher Theorie-Import erfolgt dabei zudem durchaus selektiv, wie sich etwa angesichts der Schwierigkeiten, im tschechischen Kontext eine Auseinandersetzung mit Theoriebildungen zum kulturellen Gedächtnis zu installieren, feststellen lässt. Über Gründe einer Transfer-Verweigerung ausgerechnet auf diesem Gebiet kann man lange spekulieren; sie haben zuletzt wohl weniger wissenschaftliche als gesellschaftliche Gründe. Sich mit Erinnerungskultur und kulturellem Gedächtnis theoretisch zu befassen, hat zur Voraussetzung, durchaus auch an deren praktischer Umsetzung interessiert zu sein; ein Interesse, das sich, bezogen auf die eigene politische Vergangenheit, aktuell nicht wirklich erkennen lässt. Frappiert hat mich auch, dass sich eine positivistische Grundhaltung und die Auseinandersetzung etwa mit poststrukturalistischer Theoriebildung nicht grundsätzlich ausschließen müssen. Während ich für mich selbst die Dekonstruktion Paul de Mans (anders als die Jacques Derridas) in meiner Habilitationsschrift Das „unendliche Thema“. Erinnerung und Gedächtnis in der Literatur/Theorie mit vielleicht etwas zu großer Geste ad acta gelegt hatte (vgl. Weinberg 2006, S. 297–384), habe ich Vorträge von Prager Kollegen gehört, die Theoriebausteine de Mans ‚fliegenbeinzählend‘ durchgingen und dies wohl als Öffnung ihrer bisherigen Ansätze oder grundlegende Umorientierung zu neuen Ansätzen, somit als höchst gelungenen Theorie-Transfer verstanden. Weiterhin habe ich gelegentlich das Gefühl, das gerade in der Generation der jetzigen DoktorandInnen, vielleicht noch eher der frühen PostdoktorandInnen eine gewisse Unsicherheit über die allgemeine Entwicklung der Theoriediskussion besteht (wenn heutzutage denn überhaupt noch von einer solchen die Rede sein kann). Was ich meine, ist, dass ich gelegentlich Theorieparadigmen oder wiederum: Theorie-Versatzstücke in meinem heutigen Prager resp. tschechischen Umfeld als höchst aktuell und unbedingt zu rezipieren (somit eben: zu transferieren) wahrgenommen sehe, von denen ich vor dem Hintergrund meiner zuletzt dann doch der deutschen oder westeuropäischen Diskussionslandschaft verhaftet gebliebenen Perspektive sagen würde, dass sie eigentlich schon wieder ‚alte Hüte‘ sind. MANFRED WEINbERg 21 Da im Titel des Workshops auch von der „Ablehnung von Theorien“ die Rede war, beende ich diesen Erfahrungsbericht mit einem eklatanten Beispiel einer Transferverweigerung. Seit einiger Zeit besteht ein regelmäßiger Austausch zwischen den DoktorandInnen der germanistischen Institute der Palacký-Universität Olmütz und der Karls-Universität Prag — bis hin zu gegenseitigen Teilnahmen an Doktorandenkolloquien. So bin ich also im Februar 2014 mit einigen der Prager DoktorandInnen nach Olomouc zu einem Workshop zum Thema Gender-Theorie gefahren. Zur Lektüre und Diskussion nominiert waren ausgewählte Texte aus dem von Franziska Bergmann, Franziska Schössler und Bettina Schreck herausgegebenen Überblicks-Band Gender Studies (Bergmann et al. 2012) — und zwar in historischer Staffelung Ausschnitte aus Silvia Bovenschens Buch Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen (Bovenschen 1979), aus Judith Butlers Das Unbehagen der Geschlechter (Butler 1991) sowie Donna Haraways Ein Manifest für Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften (Haraway 1985) — sowie die jeweiligen Einleitungen zu den Kapiteln, denen diese Texte im Band zusortiert sind: Bürgerliche Geschlechterhierarchie und emanzipative Ansätze, Gender und Queer Studies und (Inter-)Disziplinäre Anschlüsse. Während ich bei allen anderen derartigen Veranstaltungen zwar manchmal Befremdung gegenüber gewissen theoretischen Voraus-Setzungen gespürt hatte, war doch die Neugier auf noch unbekannte Theorien auch immer erkennbar. Dies war bei diesem Workshop nun völlig anders. Im Grunde habe ich die Diskussionen als vollständige Verweigerung eines sich Einlassens auf jede Form der theoretischen Auseinandersetzung mit der Kategorie Geschlecht wahrgenommen, mich je länger je mehr darüber geärgert und dies auch zunehmend deutlich geäußert, bis hin zum zugespitzten Vorwurf, dass ich den Eindruck hätte, dass man bei einem völlig unaufgeklärten Geschlechterbild verharren wolle. Dass ich so deutlich geworden bin, hat natürlich sehr viel damit zu tun, dass die Gender-Frage in meinem eigenen wissenschaftlichen Werdegang eine durchaus wichtige Rolle gespielt hat, ich zu vielen Konferenzen zu diesem Thema — oft als der einzige vortragende Mann — eingeladen worden bin, entsprechend so einiges in diesem Bereich veröffentlicht habe und Teil einer westdeutschen oder sogar eben wiederum westeuropäischen Diskussion war, bevor ich fand, dass sich das Thema zunehmend erschöpfte und mich deshalb anderen Dingen zugewendet habe. Alle flammenden Appelle auf dem Olmützer Workshop aber nützten rein gar nichts; die Kommunikationsverweigerung war umfassend. Die Rückfahrt per Bahn verbrachte ich mit Erklärungsversuchen dieses, wie ich fand, theoretischen wie kommunikativen Desasters. Kaum wieder zu Hause angekommen, fand ich schon eine erklärende Mail meines Olmützer Kollegen Jörg Krappmann vor, der schrieb:2 Ich will Deiner eigenen Erklärung gar nicht vorgreifen, habe aber ein paar recht aufschlussreiche Nachgespräche mit den Beteiligten geführt. Diese hatten meist den Tenor, dass Gendertheorie eine rein akademische Sache ist. (Im Tschechischen ist „akademický“ ja eines der härtesten Urteile, wenn man zeigen will, dass eine Sache völlig verstiegen und unsinnig ist). Allerdings aus unterschiedlichsten Gründen. Eine Auswahl: 2 Ich danke Jörg Krappmann herzlich, dass er mir erlaubt hat, seine Mail hier im Wortlaut öffentlich zu machen. 22 SLOVO A SMYSL 24 a. Gendertheorie ist schädlich, weil es den Kampf der Frauen um mehr Rechte schwächt. Es ist eben gerade wichtig, auf die biologischen Unterschiede hinzuweisen, um die Gesellschaft weiblich zu machen. Gendern ist nur ein Argument schwuler Männer (= Feinde), gute berufliche Position in Männerhand zu behalten. b. GT widerspricht dem katholischen Glauben. c. GT ist ein amerikanisch-westlich erfundenes Konzept, um Deutungshoheit über die nach oben strebenden Kulturen (u. a. Islam) zu behalten, die sie seit Jahrhunderten ausbeuten. d. GT führt im praktischen Leben zur Anerkennung von Homosexualität und schädigt wegen der Kinderlosigkeit den tschechischen Staat/die tschechische Nation. (Ergänzung: Im Wahlprogramm der KDU oder ODS stand Mitte der 90er Jahre mal die Forderung, dass Kinderlose auch keinen Anspruch auf Rente haben sollen). Dazu muss man bemerken, dass alle Tschechen (und die Gebildeten ganz besonders) davon ausgehen, dass Tschechien eines der tolerantesten Länder der Welt ist. Deswegen mag GT vielleicht in anderen Ländern (besonders in Deutschland, das sie für eines der intolerantesten Länder der Welt halten) irgendeinen Sinn haben, aber für einen Tschechen ist es zwar interessant, aber eigentlich überflüssig, sich damit auseinanderzusetzen. Derartige Einstellungen durch das Seminar anzuknabbern (aufzubrechen wäre ein zu hohes Ziel), war nebst der Aktualität der Grund für die Themenwahl. Man sieht unschwer, dass der Olmützer Kollege Freude an zugespitzten Formulierungen hat — und es ist mir auch gar nicht so wichtig, ob er wirklich alles angemessen erklärt hat. Wesentlich scheint mir vielmehr zu sein, dass wir es hier mit einem Beispiel für eine radikale Transferverweigerung zu tun haben, die den Grund für eine solche wohl leichter als in anderen Fällen erkennen lässt. Denn es geht hier ja nicht um verschiedene Ansätze innerhalb einer theoretischen Diskussion, die eigentlich immer wieder mit einander ins Gespräch kommen können sollten, sondern auf der einen (ich vereinfache: deutschen) Seite um eine über Jahrzehnte und sehr vehement geführte Debatte, auf der tschechischen um das völlige Fehlen einer solchen. Forderungen nach einer Gleichberechtigung der Frau sollten im real existierenden Sozialismus ja nicht mehr nötig sein, weil diese längst erreicht worden sei (dass das nicht stimmte, steht auf einem anderen Blatt…). Dies führte aber für Diskussionen um die Kategorie des Geschlechts zu einem besonderen Effekt: Sie wurden für überflüssig erklärt, fanden also keinen öffentlichen (und sei es auch nur akademisch-öffentlichen) Raum — und jede Rede von der Gleichberechtigung, um es auf dieses leicht fassbare Thema zu reduzieren, hat von daher nach der Wende den Hautgout eines Rückfalls in eine Rede im engen sozialistischen Horizont. Die Transferverweigerung resultiert also zuletzt aus dem Gefühl der absoluten Unnötigkeit, hier überhaupt etwas transferieren zu müssen; d. h. die Ablehnung erfolgt nicht, weil die eigenen Positionen mit den Positionen der Anderen inkompatibel sind, sondern weil so gar keine Möglichkeit zum Anschluss vorhanden ist, insofern das Thema schlicht nicht stattgefunden hat bzw. so völlig anders, dass eine Notwendigkeit, die Diskussion der Anderen irgendwie nachzuholen oder auch nur zur Kenntnis zu nehmen, nicht einseh- MANFRED WEINbERg 23 bar ist. Nach dieser Erfahrung (und ihrer ‚Verarbeitung‘) scheint es mir — um diesen Punkt hier an den Schluss zu setzen — wichtig, vor allem bei der Frage einer „Ablehnung von Theorien“, also deren ausbleibender Rezeption und somit einer TransferVerweigerung, nicht nur nach der Kompatibilität verschiedener Theoriebildungen zu fragen und Nicht-Anschlüsse bloß von daher zu erklären, sondern ausdrücklich auch danach, ob einer — wie im Falle der Gender-Theorie — auf der einen Seite lang und ausführlich, sowie oft mit existentiellen Ernst geführten Diskussion auf der anderen Seite überhaupt irgendetwas entspricht. Anders gesagt: Inzwischen nehme ich an, dass man diese Figur der Nichtanschließbarkeit durch einen historischen Ausfall von ganzen Diskussionssträngen im weiten Feld der Theorie als eine wichtige Konstellation in die Diskussion um Theorietransfers einzubeziehen hat. LITERATUR Bachmann-Medick, Doris: Cultural Turns: Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2014 (5. Aufl.). Bal, Mieke: Traveling Concepts in the Humanities. A Rough Guide. University of Toronto Press, Toronto 2002. Bergmann, Franziska — Schössler, Franziska — Schreck, Bettina (Hrsg.): Gender Studies. transcript, Bielefeld 2012. Bovenschen, Silvia: Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979. Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991 (Original: Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity. Routledge, New York u. a. 1990). Graevenitz, Gerhart von: „Verdichtung“. Das Kulturmodell der Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft. Kea, 1999, Nr. 12, S. 19–57. Haraway, Donna: Ein Manifest für Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften. In dies.: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Campus, Frankfurt am Main — New York 1995, S. 33–72 (Original: Manifesto for Cyborgs: Science, Technology, and Socialist Feminism in the 1980’s. Socialist Review, 1985, Nr. 80, S. 65–108). Neumann, Gerhard: Einleitung und Vorbemerkung des Herausgebers. In ders. (Hrsg.): Poststrukturalismus. Herausforderung an die Literaturwissenschaft. DFG-Symposion 1995. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart — Weimar 1997, S. 1–13. Weinberg, Manfred: Das Gedächtnis der Dekonstruktion. In: Gerhard Neumann (Hrsg.): Poststrukturalismus. Herausforderung an die Literaturwissenschaft. DFG-Symposion 1995. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart — Weimar 1997, S. 23–39. Weinberg, Manfred: Das „unendliche Thema“. Erinnerung und Gedächtnis in der Literatur/ Theorie. Francke, Tübingen 2006. RESUMÉ / RÉSUMÉ Kultury teorie. Zpráva z vlastní zkušenosti Článek popisuje z životopisného stanoviska germanisty s dřívějším působištěm v Německu (Bonn a Kostnice) a nyní na Karlově univerzitě diskuze o literární vědě a teorii, jež se v germanistice vedly od osmdesátých let. Hlavním tématem jsou směnné procesy mezi různými kulturami (teorie). Na závěr zkoumá důvody, proč k některým nabízejícím se přenosům teorie naopak nedošlo.