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Bemerkungen zur keltischen Kunst und zu mediterranen Importen in Frühlatènezeit in Böhmen

Jan Bouzek, Monika Pecinovská, Jaroslav Řídký, Pavel Sankot

Abstract

The paper presents new ideas on interpretation of the Early La Tène art and new studies of Mediterraneanimports in central Europe (pottery, bronze vessels and glass) taking into account the context of their creationbut also of their deposition (with the probable significance of ‘objects of memory’). Not all the pieces musthave been trade goods brought through the Salt route; some may be results of individual events (transactiongifts, dowry in diplomatic marriages, heritage – keimelia). The examples of the Mediterranean technique,crafts and science were more important than the imported objects themselves. The latter are clear proofsof contacts while the imitations and reflexions of Mediterranean models show that these models or ideaswere more or less known also in the more distant regions.

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Bemerkungen zur keltischen Kunst und zu mediterranen Importen in Frühlatènezeit in Böhmen Jan Bouzek– Monika Pecinovská– Jaroslav Řídký– Pavel Sankot ABSTRACT The paper presents new ideas on interpretation of the Early La Tène art and new studies of Mediterranean imports in central Europe (pottery, bronze vessels and glass) taking into account the context of their creation but also of their deposition (with the probable significance of ‘objects of memory’). Not all the pieces must have been trade goods brought through the Salt route; some may be results of individual events (transaction gifts, dowry in diplomatic marriages, heritage– keimelia). The examples of the Mediterranean technique, crafts and science were more important than the imported objects themselves. The latter are clear proofs of contacts while the imitations and reflexions of Mediterranean models show that these models or ideas were more or less known also in the more distant regions. KEYWORDS Greek pottery; Etruscan and Italic bronze vessels; Bohemia; Early La Tène art. EINLEITUNG ZUM THEMA UND ALLGEMEINE BETRACHTUNGEN KELTISCHE KUNST ALS AUSDRUCK EINER RELIGIÖS ‑PHILOSOPHISCHEN BEWEGUNG (?) In der Kunstgeschichte des Mittelalters und der Neuzeit kann man die Entstehungen neuer Kunststile u.a. als Ausdrücke einer erneuten geistigen Bewegung erklären und verstehen. So begleitete die irische Mission die keltische vorromanische Kunsttradition, die Benediktiner und Cluny standen hinter der romanischen Kunst, Chartres hinter dem gotischen Stil der Île- -de -France, Reformation und Humanismus fanden Ausdruck in der Renaissance, Barock und Stil Jesuit waren von der Kontrareformation inspiriert. Im Altertum haben auch verschiedene Völker gewisse stilistische Eigenheiten getragen, z.B. die Urnenfelderkulturen. In der Mitte des 5. Jh. v. Chr. erreichte griechische „Aufklärung“ den Gipfel des frühklassischen „Realismus“ von Phidias; Anaxagoras interpretierte die Planeten und Sterne als Meteoritenähnliche physische Körper. Die damalige keltische Interpretation der Welt war den Pythagoreern verwandt in der Reinkarnationslehre, Geometrie und Sternenkunde. Den ähnlich denkenden nordthrakischen Zalmoxis hielt Herodotus für Sklaven des Pythagoras (Her. IV, 93–96). Zwei Anekdoten über die keltische Denkweise sind erhalten. Eine betrifft das Gespräch zwischen Alexander und den Kelten an der Donau in 335 v. Chr., wo sie behaupteten, dass sie nur dies fürchten, dass der Himmel auf ihre Köpfe fallen könnte (Strabo VII, 3.8). Die zweite gibt eine Variante der keltischen Geschichte von Delphi: der Fall des Felsens hat die Kelten doch nicht gehindert von dem Eindringen in das Heiligtum. Brennos hat in Delphi Goldschätze erwartet, aber sah stattdessen Gestalten aus Stein und Holz, und hat lange gelacht. Wenn gefragt warum, hat Brennos geantwortet, dass er lachen musste bei dem Anschauen der Götterstatuen, aus Stein und Holz, denn die Götter zwar verschiedene Erscheinungsformen auf sich nehmen können, nie aber dazu gezwungen sein können in einer physischen Form zu bleiben (Diodor Bibl. hist. XXI, 9). STUDIA HERCYNIA XXI/1, 45–75 46 STUDIA HERCYNIA XXI/1 FESTE STABILE GEOMETRISCHE ORDNUNG DER FRÜHEN EISENZEIT WIRD VON DYNA‑ MISCHER LATÈNEZEITLICHER KUNSTSPRACHE ERSETZT Die geometrische Kunstsprache der Hallstattzeit war fixiert, das Abgebildete stabil, dem Phantasiebild der beweglichen Dramatik fern.1 Wogegen die neue „Kunstbewegung“ der Frühlatènezeit neue Symbole der Kunstsprache aus der „orientalisierenden“ Phase im Süden zwar übernommen hatte, die sie jedoch nie als voll realistisches Vorbild nachahmen wollte.2 Eine voll realistische Darstellung hat die keltische Kunst abgelehnt, und die Vorbilder in Einzelelemente zerlegt. Sie hat den menschlichen Kopf mit den aus der zerlegten Palmette gewonnenen zwei Mistelblätter verbunden, einer Pflanze, die im Winter blüht, und ihre Wurzeln die Erde nicht berühren. Mistel war Symbol des ständigen Werdens über den Tod hinaus, Reinkarnation; dieser Glaube diente zur Tapferkeit im Kriegsfeld. Aber die Palmette wurde auch zum Symbol des Baumes des Lebens, ev. auch des Baumes der Weisheit. Die Raubtiere und Mischwesen der Griechen und ihrer Nachbarn hat man schon für die fantastischen Drachen auf den Schnabelkannen als Inspiration verwendet, sie erweckten Angstzustände, Furcht ebenso auf Maskenfibeln und Gürtelhaken. Die Atmosphäre der wilden Bewegung, dramatischen Torsion, hat viel Raum gegeben der Phantasie der Künstler, und die Meister der Maskenfibeln und verwandten Kunstwerke haben sie reichlich benützt. Die etruskischen Schnabelkannen hat man in die expressiven manieristischen Flacons verwandelt. Die Möglichkeit von doppelten oder vielfachen Deutungen des Verschlossenen und erst mit Anstrengen Verstandenes waren wohl mit der Art des Übens in der Druidenlehre verbunden; die Welt war für die Kelten nicht fixiert, aber in der ständigen Verwandlung, als das Werdende von Heidegger, verstanden. PARALLELEN UND UNTERSCHIEDE: GRIECHISCHE UND KELTISCHE KUNST Die Kelten wussten etwas über die mediterrane Welt schon im 7. Jh., wohl über die Phönizier im Westen und durch die Etrusker, von der Situlenkunst vermittelt; im 6. Jh. mehr davon und im 5. Jh. übernahmen sie und entwickelten schon die speziellen Kenntnisse des Bauwesens, Technologie der Metalle, Keramik (Drehscheibe usw.), Schmucks (Gold, Juweliers mit Granulation), Textils. Damit gaben ihnen Impulse für ihre damalige Religionsreform mit erneuter Symbolik wahrscheinlich die Pythagoreer Großgriechenlands. Die keltischen Techniken des Goldschmucks waren in der Zeit der Prinzessin von Vix schon mit den Etruskern und Griechen fast in allen Feldern vergleichbar, aber ihre Lehre bedürfte eigener Kunstsprache, eigenständiger Entwicklung. Die Entwicklung des keltischen Schmucks folgte mit verwandten Stilstufen diejenige der griechischen und frührömischen Vorbilder von den frühund reifklassischen Stufe des 5. und 4. Jh. zum Barock und Rokoko-Phasen des 3.–2. Jh., ab 150 v. Chr. mit der Vereinfachung der Form in der griechisch -römischen Übergangsphase: Der frühe Stil des 5. Jh. ist repräsentiert von schmalen Kannen, Maskenfibeln und Gürtelhaken (z.B. Kruta 2015, 61, 69, 72 unten), der nächste von Italien beeinflusste Stil (Kruta 2015, 92–95, 97, 99–101) reflektiert die reifklassische Juweliere des 4. Jh. in Griechenland, im 3. Jh. die Barock -Phase (Kruta 2015, 114–116, 120–123), mit Rokoko etwa 200–150 v.Chr. (Kruta 2015, 124–125, 129, 138–139; Megaw– Megaw 1 Dies gilt weniger für den Osten, wo die Dramatik des Tierstils schon die kimmerische Kunst enthält. 2 Vgl. Kruta 2015; seine Chronologie der keltischen Kunst wird hier für Vergleiche mit der Entwicklung der griechischen benützt. 47JAN BOUZEK– MONIKA PECINOVSKÁ– JAROSLAV ŘÍDKÝ– PAVEL SANKOT 1989, Abb. 228–231), während der Spätstil der Oppida -Zeit (Kruta 2015, 160–171; Megaw– Megaw 1989, Abb. 246–262, 313–316) ist schon mit der frührömischen Vereinfachung der Form verwandt; ferner auch der insulare Schmuck nahm Impulse von der Spätantike; immer aber in einer Auswahl. Was die keltische Kunst nicht möchte, hat sie abgelehnt, wie in der jüdischen Kunst des mitteleuropäischen Mittelalters oder in der Ottoman Facies der europäischen Architekturstile des späten 19. und frühen 20. Jh. in Istanbul (vgl. z.B. Bammer 2004). NEUES ZUR ATTISCHEN KERAMIK IM FUNDKONTEXT UND ZU DEN ANFÄNGEN DES FRÜHLATÈNESTILS IN BÖHMEN Seit den früheren Beiträgen über die Funde der griechischen Keramik und ihren Nachahmungen in Böhmen (Bouzek 2010a; Trefný 2011; vgl. auch Bouzek– Dufková 2015) hat sich das Material wieder vermehrt, und neue Kenntnisse erworben sind vom Kontext der Funde auch in den Nachbarländern (Bonomi– Guggisbergetal. eds. 2015). Dies hat ermöglicht die Kontexte zu beleuchten. Es zeigt sich, daß die attischen Fragmente sind z.T, viel später deponiert wurden.3 Wohl haben sie als „Objekte der Erinnerung“ (Nora 1984–1991; Bouzek 2014) eine Rolle gespielt, zusammen mit Erzählung einer damit verbundenen Geschichte, in welcher der Fest mit trinken aus attischer Schale erwähnt wurde. Im 5. Jh. übernahmen die Kelten viele Anregungen vom Süd und Südosten; im 4. Jh. haben sie sich mit feinem Tafelgeschirr schon meist selbst bedient. DIE ATTISCHE KERAMIK Die Funde der attischen Keramik in Böhmen sind immer noch selten, meist stellen sie in Fundkomplexen weniger als ein Promille dar. Die folgende Liste stellt die bis jetzt bekannten in Böhmen gefundenen attische Scherben vor in Folge ihrer Entdeckung (bzw. Identifizierung). Die detaillierten Berichte zu den Kontexten der attischen Keramik von Dobrovíz und Tuchoměřice wurden von M. Pecinovská und J. Řídký, bzw. von P.Sankot vorbereitet. 1. Kadaň ‑Jezerka. GrabungV. Kruta, Archäologisches Institut, Most, 1968–1970. Kleines Fragment einer niedrigen Schale mit abgesetztem Rand und Palmette aus dem Umkreis des Haimon -Malers (nicht Cup -Skyphos), um 480/470 v. Chr. (Abb. 1:1 und Pl. 1/1:1–2; Bouzek– Koutecký 1975; Shefton 2000, 35; Trefný 2011, 275, Abb. 2:1. Für die Form vgl. Bloesch 1940, 144–145, Taf. 32– kleine Schalen C; Beazley 1956, 629–653; Sparkes– Talcott 1970, 276, no. 578, fig. 6, ca. 480 v. Chr.). Die Grabung von V. Kruta ist noch nicht publiziert, doch die wichtigsten Funde mit Grundriss von der Hütte 40/69, wo die Scherben gefunden wurden, schon abgebildet wurden. Die lokale Keramik ist für den Übergang Ha D3 / LT Acharakteristisch. Die Hütte mit der Schwarzfigurigen Scherbe war nicht besser ausgestattet als die anderen Häuser der Siedlung, aber die dort gefundene Lanzenspitze mag anzudeuten, dass der Hausinhaber zur Kriegerklasse angehörte. 3 In Droužkovice und Tuchoměřice handelt es um kleine Fragmente die auf grosser Fläche zerstreut waren; in Pitkovice um einem wohl zum Tragen durchgeborten Anhänger; die meisten Scherben weisen Spuren der langen Nützung auf. 48 STUDIA HERCYNIA XXI/1 Abb. 1: Profile der Fragmente aus: Kadaň (1) und Dobrovíz (2). 2. Droužkovice. Grabung Z. Smrž, Archäologisches Institut, Most, 1982–1986. Schwarzgefirniste Ware (oder vielleicht nur schwarzegefirnister Fragment eines Rotfigurigen Gefäßes?). Zwei Schalen: 1. glatt im Profil (Bloesch Typ B, Sparkes– Talcott plain rim); 2. vom Castulo Typ mit dickerem Rand, und Henkelbecher, sog. Pheidias -Kännchen (Abb. 2A; Für Nr.1 vgl. Sparkes– Talcott 1970, 268, stemless cups with plain rim Nr. 474–476, Abb. 5; Bloesch 1940, 59–61, Taf. 16, Typ B; Nr. 2 wie Sparkes– Talcott 1970, 268, 471, fig. 5, with thickened rim, 470–450 BC, Shefton 1996; Bloesch 1940, 134–136, Taf. 32:4a, c); Ein Henkelbecher (Nr. 3) wohl auch vom sog. Pheidiastyp (Abb. 2A; Sparkes– Talcott 1970, 250, no. 201–202; 2. Viertel bis Mitte 5. Jh. Ein Exemplar dieses Typs in Olympia trägt eingeritzte Inschrift „Feidiou eimi“). Aus dem schmalen Vorhof des quadratischen Gehöfts (Abb. 3), wovon u. a. die Hundestatuette mit Widerkopf im Maul kommt, die wohl ursprünglich als Randdekor einer keltischen Schnabelkanne diente. Schale Nr. 1 kam von einer Hütte in diesem Bereich, Nr. 2–3 aus dem Graben daneben, man kann sie am wahrscheinlichsten etwa ins 2. Viertel 5. Jh. datieren (Bouzek– Smrž 1994; Smrž 1996; Trefný 2011, 276, Abb. 4:1–3). Am Ort war Schießplatz auf Asphalttauben, die attischen Scherben sind aus dem Asphalt auspräpariert. Auch die lokale „Braubacher“ Keramik4 liest sich von attischen Schalen inspirieren (Abb. 2B). 4 Braubacher keramik nach Dehn (1951) meint zuerst Schalen mit Sternbild LT B, später frühlatènezeitliche Keramik mit oder ohne Stempeln (Meduna 1980, 87–88; Chytráček 2007, 485). Mit dieser Modifikation wird die Bezeichnung auch von uns angewendet. 49JAN BOUZEK– MONIKA PECINOVSKÁ– JAROSLAV ŘÍDKÝ– PAVEL SANKOT Abb. 2: Droužkovice. A– attische Vasen; B– Braubacher Schalen, von attischen inspiriert (nach Bou‑ zek– Smrž 1994). 50 STUDIA HERCYNIA XXI/1 Abb. 3: Droužkovice, Plan des Gehöfts (nach Smrž 1996). 3. Prag ‑Ruzyně, Jiviny. GrabungM. Friedrichová und J. Kovařík, Stadtmuseum Prag, 1982. Niedrige Schale mit Standring. Versuch der Rekonstruktion des TondosM. Dufková und M. Trefný (Abb. 4; Trefný 2008; 2011, 274–275, Abb. 3) zeigt stehende Frau mit Alabastron und sitzende Figur, wohl auch weiblich. Von einem der spätarchaischen Manieristen (Beazley 1963: Early Classical), etwa 70er Jahre des 5. Jh. Das datierbare Fragment mit Auge ist aber nur in der Zeichnung erhalten (Lutovský– Smejteketal. 2007, 26–28). Aus einer Hütte (Abb. 12:1), Kontext, soweit bekannt, Übergang Ha D3 / LT A. 51JAN BOUZEK– MONIKA PECINOVSKÁ– JAROSLAV ŘÍDKÝ– PAVEL SANKOT Abb. 4: Prag– Ruzyně, Jiviny, attische niedrige Schale. RekonstruktionM. Dufková und M. Trefný (Trefný 2011). 52 STUDIA HERCYNIA XXI/1 4. Prag ‑Pitkovice. GrabungM. Polišenský, Institut für Archäologische Pflege für Mittel‑ böhmen, 2006. Zwei Fragmente von niedriger Schale, von Außenrand von Tondo und vom Fußring. Im Tondo und an der Außenseite Füße von Figuren, ein Fragment mit Loch (Polišenský– Trefný 2008, 477–491; Trefný 2011, 276, Abb. 4:4–7); etwa 480–460 v. Chr. Von einem der spätarchaischen Manieristen (Beazley Early Classical). Die Öffnung in einer der Scherben diente eher zum Aufhängen als zur Reparatur. Die Reste eines Mittellatènezeitlichen Gehöfts sind klar belegt. Westlich davon auch ein früherer frühlatènezeitlicher Gehöft, die Scherben wurden aber außerhalb der durch Graben begrenzten Fläche gefunden. Das auf derselben Fundstelle gefundene Fragment von Transportamphora aus rosigem Ton ist typisch ägäisch (Pl. 1/2:1); nach Tonanalyse kommt sie aus Mende (Trefný– Polišenský 2014). 5. Tuchoměřice. Grabung P.Sankot und A. Veselá, Museum Roztoky uPrahy, 1998. (J.B., P.S.) Zwei Scherben stellen Fragmente von zwei Schalen dar, einer kleineren und einer größeren, ohne erhaltene Verzierung, nicht feiner datierbar, aber am wahrscheinlichsten wegen der Qualität vom Firnis 5. Jh. (1. aus dem Befund 98/1998; Tüte Nr. 469; Abb. 5:2, Pl. 1/1:5; 2. aus dem Abb. 5: Tuchoměřice, aus Grabung P.Sankot und M. Veselá, Profile. 1–2. attische Schalen; 3. Hen‑ kelfragment; 4. Bodenfragment; 5. Rekonstruktion des Bodens der Schale Nr. 1 zeigt, dass sie auf hohem Fuss stand. 53JAN BOUZEK– MONIKA PECINOVSKÁ– JAROSLAV ŘÍDKÝ– PAVEL SANKOT Befund 7/1998; Tüte Nr. 1120; Abb. 5:1, Pl. 1/1:3). Bei der größeren Vase ging es wohl um Fussschale (stemmed cup– vgl. Abb. 5:5), und bei der kleineren letztlich auch (Sankot 2002b, 93; 2006, 152, fig. 3g–h; Trefný 2011, 277 Abb. 4:8–9). Die Scherbe 822/2000 aus der Tüte Nr. 1401 entstammt einem Bandhenkel einer der Phidias -Kanne aus Droužkovice ähnlichen Kanne (Abb. 5:3; Pl. 1/1:4). Die flache Scherbe in zwei zusammengeklebten Fragmenten 797/2000 aus der Tüte Nr. 650 (Abb. 5:4; 1/1:6), beide wieder aus dem Befund 7/1998, entstammen wohl einer norditalischen (die Gruppen von Spina und vom Po Ebene kommen in Frage) oder lokalen dickwandigen Schale, an die „Braubacher“ Form erinnernd. Die Zusammensetzung der Servicegarnitur: zwei Schalen und eine kleine Kanne entspricht derjenigen in Droužkovice. Kontexte von allen Scherben waren wohl sekundär. In der Fundstelle wurden 183 Grabund Siedlungsobjekte von verschiedenen Perioden der Urgeschichte untersucht. Der SchwerAbb. 6: 1. Tuchoměřice auf Karte Böhmens, Unterlage Arch. Institut Prag; 2. Vorgeschichtliche Objekte auf der Fläche der Grabung von P.Sankot und A. Veselá im J. 1998; 3. Objekte 7/1998 und 98/1998. 1 3 2 60 STUDIA HERCYNIA XXI/1 wohl Produkte der sekundären Zentren, die aber von den Phöniziern inspiriert wurden, und nach den Analysen oft aus dem aus der Levante importierten Rohglass. Die Menge der Glasperlen, die auch neulich in Slowenien ausgegraben sind, zeigt uns noch mehr als früher die Bedeutung dieser adriatisch -italischen Gegend für die weitere Verbreitung der hallstattund frühlatènezeitlichen Glasperlen nach Mitteleuropa.11 IMPORTE, NACHAHMUNGEN UND LOKALE ERZEUGNISSE NACHAHMUNGEN DER ATTISCHEN SCHALEN UND DIE ANFÄNGE DER LATÈNEKUNST Bemalte Keramik von Plzeň ‑Roudná und Chržín Plzeň -Roudná, Haus 520/78 (Abb. 12:2). In diesem Kontext sind mehrere interessante keramische Fragmente erhalten, u.a. Keramik mit Rotbemalung. Haus 520/78 zeigt, gegenüber den anderen, bedeutendere Merkmale und eine große Anzahl von Trinkschalen deutet an Organisation der Trinkfeste hier (Bašta– Baštová– Bouzek 1989; Trefný 2011). Chržín ist von M. Chytráček (2007, 484, 494 Abb. 17; Chytráček 2008) genügend ausführlich besprochen worden. Abb. 12: Pläne der Hütten von Prag– Ruzyně, Jiviny (1) und Plzeň– Roudná (2) (nach M. Fridricho‑ vá und D. Baštová). 11 Zusammenfassend Venclová ed. 2013, 146; meist Venclová 1990, 75–85, Typen 505–511, 546–548, 707–709 etc.; Bouzek 2007, 269–275, und Bouzek 2010b. Für neue Glasfunde in Slowenien vgl. z.B. Bakarić– Križ– Šoufek 2006. 61JAN BOUZEK– MONIKA PECINOVSKÁ– JAROSLAV ŘÍDKÝ– PAVEL SANKOT Die Schale mit Tondo und Palmetten aus Plzeň Roudná (Pl. 1/2:2) ist in Ton und Herstellungstechnik von derselben Gattung wie die feinen dünnwandigen Schalen von Braubacher Form der lokalen Ware ohne Fuß (Abb. 13–14; Pl. 1/2:4; vgl. auch Trefnýetal. 2011, 156), doch in einem Fall mit niedrigem Fußring versehen und manchmal ev. mit kleinem Omphalos (Abb. 13:10 und 14:5), eng verwandt; dies gilt sowohl für Ton in dem Innern der Scherbe als auch für die Bearbeitung der Oberfläche und dünne Engobe. Die zweite Scherbe mit Rotbemalung in zwei senkrechten Streifen (Abb. 14:1, Pl. 1/2:3, Palmetteblätter?) ist zwar dicker und mit etwas gröberen Partikeln in der Mitte, doch wohl von derselben Töpferwerkstatt wie die meisten feinen Schalen, welche in einigen Fällen Löcher für Reparaturen zeigen (Abb. 13:1, 5), so waren sie vom deren Inhaber ziemlich hochgeschätzt. Die Randformung der Schalen zeigt mehrere Varianten, es finden sich aber auch Exemplare mit Randformung, die den Kuppen der attischen rotfigurigen und schwarzgefirnissten Kyliken von Typen Bloesch B und C ähnlich stehen. Dies zeigt, dass die Form der attischen spätarchaischen– frühklassischen Schalen (Kylikoi) dem Töpfer oder seiner Schule bekannt war, wie schon anderswo für Heuneburg W. Kimmig gezeigt hat, wenn auch meist nur die Kuppe ohne Fuß als Muster diente. Abb. 14:2 scheint von einer Nachahmung von Schale auf hohem Fuß stammen. Abb.13: Plzeň– Roudná, Haus 520/78. Begleitkeramik Brau‑ bacher Art. 62 STUDIA HERCYNIA XXI/1 Abb.14: Plzeň– Roudná, Haus 520/78. Keramik, Nr. 1 mit Teil von Pal‑ mette (?) (nach Bouzek– Bašta– Baštová 1989). Die Nachahmung der griechischen Schale aus Pilsen -Roudná steht heute nicht mehr vereinzelt da. Die Parallele aus Chržín– auch sie aus der Braubacher Tradition– hat die Provenienz dieser Gattung in Böhmen bestätigt (Trefnýetal. 2011), und dies ist dadurch auch für andere sonderbare Funde aus Roudná, Droužkovice, usw. eher möglich. Dagegen andere bemalte Scherben erinnern an die Keramik aus der Gegend von Salzburg (Chytráček 2007, 484, mit der Liste; für Parallelen in SW Deutschland vgl. bes. Stöllner 2002, 230, Abb. 104), andere an Italien (Trefný 2014). Wie es V. und M. R. Megaw vor kurzem bemerkt haben, die Gegend von Böhmen, mit Nachahmungen von griechischen Trinkgefäßen, dürfte auch inspirierend für die Lyra/Motive der frühlatène zeitlichen Kunst sein (Megaw– Megaw 2006; 2007). RITZ‑ UND STEMPELVERZIERTE KERAMIK AUS DOBROVÍZ– EINE FALLSTUDIE (M.P.) In der gesamten Keramiksammlung von Dobrovíz (vgl. oben Nr. 6) konnten um 250 Fragmente solcherart verzierter Keramik gefunden werden. Von insgesamt 38 Objekten, überwiegend Grubenhäusern, stammen mindestens 75 Gefäße. Interessanterweise waren Fragmente von einem Gefäß in mehreren Fällen auf die Verfüllung von bis zu drei Objekten verteilt. Manche Objekte waren voneinander bis zu 70 m entfernt. Stempelverzierung kam überwiegend auf feinerem „Tafelgeschirr“ zur Anwendung, in einigen Fällen auf nachweislich scheibengedrehten Stücken, die nicht in der örtlichen Hallstatttradition stehen. In einzelnen Fällen wurden jedoch mit derselben Technik auch gröbere dickwandige Gefäße hergestellt. Das Verzierungsspektrum stempelverzierter Keramik von Dobrovíz umfasst auch komplizierte Kompositionen von Ornamenten auf der Außenwie Innenseite. Traditionell am häufigsten sind geometrische Bogenmotive, ergänzt um einfache kreisoder S -förmige Stem - pel. Die Stempelverzierung war in einigen Fällen durch Ritzverzierung („von Hand“ oder mit Zirkel), oder durch eingeglätteten Streifen ergänzt (Abb. 15:9). Neben präzise ausgearbeiteten Kompositionen erscheint auch flüchtig durchgeführte Verzierung (Abb. 15:3). 63JAN BOUZEK– MONIKA PECINOVSKÁ– JAROSLAV ŘÍDKÝ– PAVEL SANKOT Abb. 15: Dobrovíz. Auswahl von stempelverzierter Keramik. 1– Obj. 135; 2– Obj. 343; 3– Obj. 141; 4 und 6– Obj. 124; 5– Obj. 90; 7– obj. 606; 8– Obj. 992; 9– Obj. 92; 10– Obj. 1688; 11– Obj. 89; 12– Obj. 850 (ZeichnungM. Pecinovská). 64 STUDIA HERCYNIA XXI/1 Abb. 16: Dobrovíz. Auswahl von Keramik mit vegetabilischer Verzierung: 1– Obj. 135; 2, 4– Obj. 89; 3, 5, 6– Obj. 1688 (ZeichnungM. Pecinovská). Schwappachs (1973) Gliederung der Verzierungstendenzen in der frühen Latènezeit auf einen westlichen vegetabilischen und einen östlichen geometrischen Stil kann im Lichte neuerer Funde nicht mehr unkritisch hingenommen werden (z.B. Megaw– Megaw 2006). Pflanzliche Motive, vor allem auf Metallgegenständen im westlichen Frühen Stil, erscheinen nämlich auch im östlichen La -Tène -Kreis, und zwar auch auf Keramik. In Böhmen und Mähren (z.B. Schwappach 1973; Linksfeiler 1978; Goláňová 2007) ist dieser Verzierungstyp auf der Keramik jedoch nicht üblich. In Dobrovíz wurden mindestens acht derart verzierter Gefäße gefunden. Obwohl es sich hauptsächlich um kleinere Fragmente handelt, es ist klar, dass vegetabilische Verzierung hier sowohl in „reiner“ Ausführung, als auch in der Kombination mit traditionell geometrischen Formen erscheint. Interessant ist in dieser Hinsicht vor allem ein Bodenfragment, auf dem neben liegenden „S“ in der Auffassung des vegetabilischen Stils, als auch im Rahmen des frühen östlichen La -Tène -Stils „klassische“ Verzierung aus Doppelbögen mit S -förmigen Stempeln auftritt (Abb. 16:5). Zum „S“-Motiv in Verbindung mit verdoppeltem Triquetra auf dem Boden einer Schale (Abb. 16:6) liegen direkte Analogien auf dem bekannten Bronzesieb von Hoppstädten vor (Schwappach 1973, Abb. 32:4). Die Verzierung eines weiteren Bodenfragments (Abb. 16:4) ähnelt der Dekoration auf dem Bronzeschwert von Bavilliers (Schwappach 1973, Abb. 29:1; 39:4). Bereits im älteren von E. Linksfeiler (1978, 91) definierten Horizont der Stempelkeramik in Böhmen erscheinen vegetabilische Elemente. In Dobrovíz handelt es sich um Kleeblätter oder Lotosblüten (Abb. 15:7) und in der Folge auch um pyramidenförmig angeordnete einfache Stempel (Abb. 15:2), die eine örtliche Variante der häufig in Kampanien und Griechenland verwendeten Palmettenstempel darstellen könnten (Dehn 1951, 88). Der jüngere Horizont der 65JAN BOUZEK– MONIKA PECINOVSKÁ– JAROSLAV ŘÍDKÝ– PAVEL SANKOT Stempelkeramik bildet dann einen Schritt zu komplizierteren Kompositionen (Linksfeiler 1978, 91), trotzdem spiegelt das angeführte Schema eher eine Entwicklungstendenz wider, als dass es eine verlässliche Datierungsgrundlage darstellte. In den Verfüllungen der Objekte von Dobrovíz trifft ältere Hallstatt -Tradition mit einfacheren Kompositionen aus Stempelverzierung auf Gefäße mit relativ komplizierter Verzierung aus vegetabilischen Motiven. Es wurden hier auch einige flächenhaft gestempelte Gefäße gefunden, sog. Juxtapositionen (Abb. 15:12), zu denen Analogien in der norditalienischen Golasecca -Kultur gesucht werden (Kruta 1983, 207). In einem Fall fand sich auch ein Stempel (Abb. 15:10), der den Motiven von den Pintaderen der Vekerzug -Kultur nahesteht (Schwellnus 2010, Abb. 25:3, 8). FORMALE NACHAHMUNGEN MEDITERRANER GEFÄSSFORMEN Dobrovíz (vgl. oben Nr. 6). Keramik der Siedlung meistens Ha D2–3 / LT A, vereinzelt aber noch LT B. Aus dem Objekt 144 (wohl in sekundären Deponierung) sind besonders zwei Scherben damit interessant, dass sie wahrscheinliche Nachahmungen griechischer Vorbilder des 4. Jh. vorstellen. Daumenstütze– Henkelfragment eines Skyphos/Kantharos (Abb. 17:1 und Pl. 1/3:2; Trefný 2011, Abb. 6 Nr. 9). Visuell klare lokale Nachahmung, wegen der kleinen Dimension war die Tonanalyse nicht möglich; Typ attisch, aber auch in Italien nicht unbekannt wenn auch selten (Sparkes– Talcott 1970, 286, fig. 7:702–704: um Mitte bis 2. Hälfte 4. Jh; Morel 1981, Nr. 2678). Abb. 17: Dobrovíz, Fragmente lo‑ kaler Keramik mit mediterranen Vorbildern (nach Trefný 2011). Lokale Nachahmung eines Fischtellers, schwarz (Abb. 17:3 und Pl. 1/3:3). Vorbild auch 4. Jh., sowohl attisch, als auch in Italien populäre Form. Omphalos in der Mitte diente als Behälter der Sauce (Sparkes– Talcott 1970, 211, fig. 10:1071–1072: ca. 375–350 v. Chr., aber auch später; auch in Italien übliche Form). Auch die Form der Kuppe der Schale Abb. 17:4 war wohl vom niedrigen Skyphos (cup skyphos) inspiriert, freilich ohne Henkel (Pl. 1/4:5 und 6). Ähnliches gilt für Motive der Ritzverzierung auf der Innenseite von Schalen und Platten Abb. 15–16; die inspirierenden Vorbilder lieferten die attischen und italiotischen Vasen des 4. Jh. v. Chr (vgl. auch Pl. 1/4:1–4, 6). Diese Bekanntschaft mit den griechischen Vorbildern in Mitteleuropa ist überraschend, sie lässt sich aber mit der Lage im Schwarzmeerbereich und Spanien -Südfrankreich vergleichen. 66 STUDIA HERCYNIA XXI/1 Italien hat sich im 4. Jh. selbst durch eigene Werkstätten versorgt (Morel 1981; vgl. auch Fless 2002) und nur sehr selten attische Keramik importiert. Závist. Fragment einer stark abgeriebener Schale mit (ursprünglich zwei?) horizontalen Henkeln (nur einer ist erhalten), von oppidaler Pforte A(wo alle andere Funde ausschließlich der oppidalen Zeit gehören). Innen und Oberfläche grau, Spuren von pechartigem Überzug. Nach P.Drda wohl lokale Nachahmung, vielleicht Knidischer Ware (Bouzek 2011b; P.Drda auch mündliche Mitteilung), aber die Form im jetzigen Zustand dürfte auch die niedrigen Kylikes imitieren, und als Objekt der Erinnerung in die Schlüsselstelle der Befestigung kommen (Abb. 18). Tuněchody, Ostböhmen. In einer lokalen Scherbe hat man ein Fragment einer tönernen Schnabelkanne erkannt (Trefnýetal. 2012). Abb. 18: Závist, stark korrodierte Nachahmung griechischer Schale im oppidalen Kontext (nach Drda– Rybová 1997). Fazit: Die Nachahmungen der attischen Fußschalen aus Roudná und Chržín sind eng verwandt den lokalen „Braubacher“ Tassen und wurden im Lande erzeugt, wie auch andere Versuche dieser Art, jedoch andere aus Italien importierte Gattungen, sind auch repräsentiert. Die Töpfer von Dobrovíz kannten griechische Originale des 4. Jh. und waren von diesen inspiriert. Das Dekor dürfte auch zu den Vorbildern der keltischen Lyra–Motive gehören (Megaw– Megaw 2007). Für ihre Funktion als „Gegenstände der Erinnerung“ gibt es keine sicheren Belege. Die mit komplizierten Motiven gestempelte Keramik wie von Libkovice (Waldhauser 2001, 303–304 mit Abb.) und Dobrovíz, kam wohl nach Böhmen aus Italien, und die mit einfacheren gestempelten Motiven und mit Zirkel gravierten Motiven nahm aus Norditalien Inspiration (Abb. 15–16). Die rotbemalten Nachahmungen waren mehr vornehm als die einfacheren „Braubacher“ Schalen. Man hatte sie zwar weniger hoch als die attischen Vorbilder, aber doch auch geschätzt. DIE BEDEUTUNG DER ZIRKELFUNDES AUS TUCHOMĚŘICE (P.S.) Der Objekt 64/1998 aus Tuchoměřice (vgl. oben Nr. 5) ist eben falls für unsere Überlegungen von höchster Bedeutung (Abb. 6:2; Sankot 2007). In diesem Grubenhaus mit Hinweisen auf Feinschmiedetätigkeit wurde im Kontext der Stufe LT Aauch ein eiserner Zirkel gefunden, das zu Umsetzung der mathematischen Zahlenangaben benützt wird (Abb. 19; Sankot 2006, 152, obr.3f, 4d; Sankot 2007, 154–156, Abb. 7). Zusammen mit der Möglichkeit der detaillierten Messung von Parametern genau kalkulierter Verzierung, wie wir sie z.B. vom bronzenem Phalerenkomplex aus Nevězice, Bz. Písek kennen, hängt dieses Werkzeug mit den Kenntnis- 67JAN BOUZEK– MONIKA PECINOVSKÁ– JAROSLAV ŘÍDKÝ– PAVEL SANKOT sen mathematischer Gesetzmäßigkeiten zusammen, als auch mit konkreten Beispielen der Multiplikation und Dividieren, die nach M. Bacoult aJ.-L. Flouest (2003) mit den Kenntnissen der euklidischen Mathematik und der pythagoreischen Lehre zusammenhängen (Sankot 2002a, 156, 159; Sankot 2003, 131–132, fig. 2; Sankot 2007, 155–156). Abb. 19: Tuchoměřice. Eiserner Zirkel (nach San‑ kot 2007). Das zahlreiche Fundstoff der Siedlung in Tuchoměřice, der aus der heimischen keramischen Produktion mit der sog. stempelverzierten Keramik, der keramischen Nutzund Funktionsformen, von Keramikimporten aus dem österreichischen Nachbargebiet, aber auch spurweise vertretene originale importierte griechische Keramik, Funden von bronzenen und eisernen Schmuckstücken und Werkzeugen, mediterranen Muscheln und auch nordeuropäischen Bernstein zusammengesetzt ist, deutet den Produktionscharakter der örtlichen Besiedlung im frühlatènezeitlichen Horizont an und gleichzeitig seine Rolle im interregionalem Handel und die Kommunikation zwischen Südund Nordeuropa (Sankot 2007, 152). Im Hinblick auf Anwesenheit der Bruchstücke originaler griechischer Keramik wie im Siedlungsobjekt 7/1998 der Stufe LT Ain Tuchoměřice mit buntester Fundskala, so im Objekt 98/1998 mit einer Reihe fremder Handelsartikeln (siehe oben), zeigt es sich als sehr wahrscheinlich die Verbreitung dieser mathematischer Kenntnisse mit dem Handel zwischen dem europäischem Süden und dem europäischen Norden, und zur Schaffung der technischen Bedingungen die mit ihnen 68 STUDIA HERCYNIA XXI/1 verbunden wurden, zum relativ schnell entstehendem latènezeitlichen Stil (Sankot 2007, 156; Sankot 2014, 320) zu verbinden. Dabei bildet aber die Benützung der neuen Geräte vom Typ Zirkeln in der kunsthandwerklichen Produktion nur ein Element aus einer ganzen Serie von Innovationen, welche das mitteleuropäische Milieu aus dem mediterranen Gebiet bei der Bildung der neuen Zivilisation der jüngeren Eisenzeit ob schon in der Sphäre weiterer Produktionsgegenstände (erster Sensen zur Heuernte: Sankot– Vojtěchovská 2001, 319, 321, fig. 18.7:12–13; Břicháček– Beranová 1993; der ältesten eisernen Pflugscharen: Břicháček– Beranová 1993, 256–258; lokale Formen sog. Mühlen griechischen Typs: Fröhlich– Waldhauser 1989, 30–33), der Maßeinheiten (Gewichte von der Siedlung in Hoštice, Bz. Praha -Východ, die die griechischen Gewichte nachahmen: Motyková 1977, 45–46, pl. I), oder im Bereich der Steinarchitektur, die auf der Akropolis von Závist untersucht wurden (Drda– Rybová 2008), oder durch Inspiration bei der Herstellung von Erzeugnissen aus Keramik, Metall oder Knochen (Sankot 2014, 318–322). SCHLUSSFOLGERUNGEN FRÜHLATÈNEKUNST: SEINE OSTGRENZE UND LOKALEN SPEZIFIKA Die Neufunde aus Böhmen scheinen zu beweisen, dass die Südimporte in Böhmen nicht nur einem breiteren Kreis der damaligen Gesellschaft zukamen, aber auch dass Böhmen in dieser Zeit wesentlicher zu den Anfängen des neuen Latène -Stils beigetragen hat als früher gedacht. Die chronologischen Unterschiede zwischen der Entstehungszeit des neuen Stils in SW Deutschland, der Champagne und Böhmen scheinen jetzt unwesentlich zu sein. Böhmen und Niederösterreich stellen auch nicht mehr die Ostgrenze der Frühlatènekunst dar. Zu Bedenken sind auch die Neufunde aus der SW Slowakei, die nochmals unterstreichen, dass diese Gegend auch an den Anfängen der frühlatènezeitlichen Kunst teilgenommen hat. Der Erwähnung verdienen besonders die Funde aus dem Burgwall von Horné Orešany– Slepý vrch (Čambal 2005; Bazovský 2006; Pieta 2007). Dieses Zentrum von welchem sowohl Lesefunde als auch von echten Grabungen stammenden Gegenstände kommen, hat gezeigt, dass die früher für vereinzelte Zufallsfunde der frühen Latènekunst aus dieser Gegend gehaltene Stücke (Maskenfibeln von Slovenské Pravno, Platte von Stupava: Zachar 1987, Abb. 13–16 bzw. 11) einen Werkstattkreis repräsentieren, der sich mit den mehr im Westen liegenden Gebieten messen kann; dadurch ist die Bedeutung des Ostens für die Entstehung der Latènekunst, die schon Jacobsthal erkannte (1944, 156), wieder direkter ins Blickfeld geraten; der Skepsis von V. Megaw entstand so, dass er den Witaszkowo/Vettersfelde Fisch direkt mit der Latènekunst vergleichen wollte, was freilich nicht geht (Megaw 2005, vgl. dagegen Bouzek 2002b). Vielleicht lässt sich die Existenz des neuen Zentrums im Osten mit einer frühen Expedition der Kelten nach den Osten verbinden, wie es z.B., die Geschichte von Onomaris schildert (Bouzek 2012); auf jeden Fall gehörte aber das neue Zentrum am südlichen Ende von kleinen Karpaten in den Bereich derjenigen Kreise, die den frühen Latènestil kannten und mitentwickelten. Auch die Imitation des Henkels der Schnabelkanne aus der Südwestslowakei (Bučany?) im Balneologischen Museum von Piešťany soll erwähnt werden (Kolník 1982; Bouzek 2012). Seitdem eine Parallele aus der Heuneburg bekannt ist (von Hase 2000), ist es noch wahrscheinlicher, dass es sich um keltisches Original handelt, nicht um moderne Kopie. Das neue Zentrum in Horné Orešany hat die Eingliederung der Südwestslowakei in die Zone der frühlatènezetlichen Kunst bestätigt. Es soll auch an die Werkstatt -Provenienz der in der 69JAN BOUZEK– MONIKA PECINOVSKÁ– JAROSLAV ŘÍDKÝ– PAVEL SANKOT Slowakei und Ungarn gefundenen etwas späteren Bronzegefäße hingewiesen werden;12 die besten Parallelen finden sie auch an der adriatischen Küste Italiens, wie dies u.a. die Arbeiten von Claude Rolley gezeigt haben (bes. Rolley 1991). An der Randzone konnten verschiedene abenteuerliche Handelsleute verschiedene Wege finden und verwenden, die Sache der Peripherie können wir uns kaum so vorstellen, dass alle Wege in dieser Gegend nach einem Muster fixiert waren (vgl. auch Braccesi 2003; Bouzek 1997, 232–240; Beitinger– Pinsker eds. 2002). Doch den möglichen Weg aus dem Westen darf man auch nicht vergessen. Marienburg bei Würzburg lieferte eine Anzahl griechischer Keramik (Luxusgeschirr 1995, 52–56; Böhr 2000; Hansen– Böhr 2011) wie auch weiter westlich Ipf bei Bobingen, und wenigstens Imitationen der Schnabelkannen sind auch aus dem oberfränkischen Gebiet bekannt (Ehrenburg bei Schlafhausen: Luxusgeschirr 1995, 102, Nr. 4.34). Es ist jedoch auffallend, wie viel vom ganzen Importkorpus in die erste Hälfte des 5. Jh. gehört, mit dem Gipfel um 470/460 v. Chr. Viele kleine Scherben der griechischen Keramik dürfte man früher übersehen haben; auch V. Sakař hat mir von einiger Zeit eine weitere griechische Scherbe gezeigt aus Mittelböhmen, die leider heute nicht mehr auffindbar ist. Die neue Publikation von der frühen Zitadelle von Závist hat gezeigt, wie weit die Beziehungen dieses Zentrums reichten, auch wenn nur wenig erhalten blieb (Drda– Rybová 2008, 86, Abb. 99. Es gibt jedoch keine attische Keramik auf der Akropolis von Závist). Sicher können wir noch Neufunde erwarten, die den jetzigen Kenntnisstand verbessern können, doch das ältere Bild hat sich durch die Neufunde schon jetzt in vieler Hinsicht verwandelt. FAZIT Aus Griechenland kam nach Böhmen über Nordostitalien Keramik, aus Etrurien und Italien Bronzegefäße. Importe der feinen Keramik und der Bronzegefäße (Abb. 10) hatten gewisse Attraktivität bei den Trinkfesten der Gefolgschaft, ihre Rolle in der damaligen Gesellschaft war aber gering: „Objekte der Erinnerung“ gaben zwar Ruhm und soziale Vorteile im Rang, doch die Übernahme der Methoden der Eisenhüttenwesens und -bearbeitung, des Goldschmieds und anderes Handwerks waren viel wichtiger (Baitinger– Pinsker eds. 2002; Venclováetal. 2013). Schon in der Frühlatènezeit haben die mitteleuropäischen Kelten vieles vom mediterranen know -how gelernt und in der Praxis erfolgreich verwendet. Sie haben die zu realistischen Vorbilder der damaligen griechischen Kunst abgelehnt, aber das Dekorative, Ornamentale, die Kenntnisse von Geometrie, von diesen selbst hoch entwickelt. Die Entwicklung der keltischen Kunst ging parallel mit der griechischen Schmuck, jedoch ohne die realistischen Darstellungen der lebendigen Wesen. DANKSAGUNG Wir bedanken uns bei Kollegen J. Bašta, D. Baštová, M. Chytráček, Z. Smrž, T. Polišenský und M. Trefný, welche eine gründliche Autopsie der relevanten Stücke ermöglichten und zusätzlich noch bei FrauL. Ondráčková aus Museum Chomutov, welche die seit langer Zeit für verlorene gehaltene Scherbe aus Kadaň -Jezerka wiederentdeckt hatte und das neue Farbfoto zur Ver12 Pieta 1982, 16–19; Rolley 1991, 204–205 und 190–195. Vgl. auch Szabó 1988 für vergleichbare Funde aus Westungarn. Die Oinochoen von Abrahám und Szombathely dürften ins 2. Viertel des 5. Jh. datiert werden, die Oinochoe aus Súlovo wohl um 500 v. Chr., das Podinapter aus Nováky datiert wohl aus spätem 6. Jh. Vgl. für ausführlichere Diskussion Bouzek 2002b.