Anglizismen und synonyme Wortneubildungen im modernen Deutsch: sinnvolle Ergänzung oder Ersatz?
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Anglizismen und synonyme Wortneubildungen im modernen Deutsch: sinnvolle Ergänzung oder Ersatz?1 Olga Nikitina (Tula) ABSTRACT Dieser Beitrag ist den Wechselbeziehungen zwischen Anglizismen und neugebildeten Wörtern im modernen Deutsch gewidmet. Deutsche Wortneubildungen zu Anglizismen entstehen entweder spontan oder als Ergebnis der bewussten Wortbildung im Rahmen der sprachpflegerischen Aktivitäten. Dabei werden spontane Wortneubildungen meist durch eine vollständige oder teilweise Glied-für-Glied-Übersetzung der morphologischen Struktur der Anglizismen gebildet und spiegeln daher das semantische Verhältnis zwischen den Bestandteilen der englischen Komposita wieder. Künstlich geschaffene Ersatzwörter gehen dagegen von der Semantik des entsprechenden Anglizismus aus und unterscheiden sich daher meist in ihrem Benennungsmotiv von den korrespondierenden Lehnwörtern. Im Rahmen der Analyse von strukturellen und semantischen Besonderheiten von Anglizismen und neugebildeten Komposita werden einige Faktoren erläutert, die darüber entscheiden, was sich im Sprachgebrauch durchsetzt. Ausgehend von diesen Überlegungen wird auf die Zweckmäßigkeit der sprachpflegerischen Maßnahmen und der bewussten Wortbildung eingegangen. SCHLÜSSELWÖRTER Anglizismus, Lehnübersetzung, Wortbildung, Ersatzwort ABSTRACT The article investigates the interrelations within the language system between anglicisms and newly formed native German words. New words emerge in German either spontaneously or under the supervision of philological associations. When created spontaneously new words are in most cases translation loans and retain the inner form and semantic connection between the components similar to that of a borrowed angliсism. Artificially created German neologisms, on the contrary, lose their semantic connection with the borrowing. Structural and semantic analysis of anglicisms and German neologisms enables to discover possible causes of giving preference to anglicisms in one cases and replacing them with German neologisms in others. The article debates the issues of language maintenance and conscious word creation. KEYWORDS Anglicism, translation loan, word creation, substitute word 1 Dieser Beitrag ist unter Förderung des Bildungsministeriums der Russischen Föderation im Rahmen des Sonderforschungsbereichs „Sprachpersönlichkeit in Kulturtexten“, Projekt Nr. 1706 entstanden. OPEN ACCESS
OLGA NIKITINA 117 1. EINLEITUNG Eines der markantesten Merkmale des deutschen Wortschatzwandels der letzten Jahrzehnte ist die unaufhörliche Flut von lexikalischen Entlehnungen aus dem Englischen. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig und in verschiedenen wissenschaftlichen Abhandlungen intensiv diskutiert worden (s. z. B. Busse, 1999; Carstensen, 1984; Eisenberg, 2004; Fink, 2001; Glück, 2004; Koll-Stobbe, 2009; Spitzmüller, 2005, Stark, 2001). Verantwortlich ist in erster Linie die stetig fortschreitende Globalisierung, d. h. die zunehmende internationale Verflechtung und Interdependenz von Staaten und Nationen im politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bereich. Eng damit verbunden ist auch die führende Rolle der englischsprachigen USA in der Weltpolitik und der Weltwirtschaft sowie in der Wissenschaft und Unterhaltungsindustrie. Als weitere Ursachen sind das Vorherrschen des Englischen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, die Verbreitung von Computertechnologien und die damit einhergehende Beschleunigung der Informationsverbreitung; auch immer bessere Englischkenntnisse die deutschen Muttersprachler sowie die mehr oder weniger zurückhaltende Position der deutschen Sprachpolitik sind hier zu nennen. Parallel zu der zahlenmäßigen Zunahme und Verbreitung der englischen Entlehnungen im Deutschen in den letzten Jahrzehnten erhöhte sich die sprachliche Sensibilität und das Interesse der philologisch interessierten Öffentlichkeit an der Anglizismenproblematik (ausführlicher dazu s. Spitzmüller, 2005, 108ff.). Angesichts dieser Umstände steht vor deutschen sowie auch vor ausländischen Germanisten und Deutschlehrern, die sich beim DaF-Unterricht immer öfter mit Wörtern und Wendungen englischer Herkunft konfrontiert sehen, die wichtige Forschungsaufgabe, den gegenwärtigen Zustand des Deutschen, das durch den engen Kontakt mit dem Englischen bedingt ist, zu analysieren. Betrachtet man umfangreiche lexikalische Entlehnungen als symptomatisches Merkmal von wesentlichen Veränderungen im Wortschatz der aufnehmenden Sprache, so sollte man wohl über kurz oder lang eine natürliche „Schutzreaktion“ der Sprache bzw. der Sprachträger erwarten, die auf die Wiederherstellung eines Gleichgewichts zwischen den fremdund eigensprachlichen Wörtern und Wortstämmen abzielt. Probleme der Wechselbeziehungen zwischen Lehnwörtern und Stammwörtern im Deutschen gehören zu den aktuellen Aspekten der heutigen Wortschatzforschung. Die Beeinflussung des lexikalisch-semantischen Systems der aufnehmenden Sprache durch Lehnwörter ist kein einseitiger Prozess. In der deutschen Sprache lässt sich vor allem in den letzten Jahrzehnten eine Tendenz zum parallelen Aufkommen von neu entlehnten, ihrer Wortbildungsstruktur nach meist zusammengesetzten Anglizismen und neugebildeten deutschen Wörtern, auch meist Komposita, beobachten.2 Über kurz oder lang funktionieren sie als semantisch gleichwertige Wortschatzeinheiten, z. B. Audiobook — Hörbuch, Factoryoutlet — Fabrikgeschäft, Homeoffice — Heimbüro, Post-it — Haftnotizzettel, Prepaidcard — Prepaidkarte (hier bleibt ein Bestandteil englisch), Guthabenkarte u. a. m. Einschlägige Untersuchungen geben genügend Ma2 Das Material stammt aus dem Online-Neologismenwörterbuch, das am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim erarbeitet wird: www.owid.de/wb/neo/start.html
118 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2015 terialbefunde, die die Annahme stützen, dass eine zahlenmäßig bedeutende Synonymie vom Typ Lehnwort — Stammwort die Eigenart des gegenwärtigen Deutsch ausmacht. Dabei können neue Eindeutschungen, die zu den Lehnwörtern in Konkurrenz treten, entweder spontan entstehen oder durch eine gezielte wortschöpferische Tätigkeit von Philologen und sprachinteressierten Laien geschaffen werden. Besonders aktiv sind heutzutage in Deutschland solche sprachpflegerischen Gesellschaften wie der 1997 gegründete „Verein Deutsche Sprache“3 mit dem Projekt „Anglizismenindex“ und die 2001 gegründete „Stiftung Deutsche Sprache“4 mit dem Projekt „Aktion Lebendiges Deutsch“. Bemerkenswert ist dabei, dass diejenigen Wortneubildungen, die auf „natürlichem“ Wege entstehen und durch innere Kommunikationsbedürfnisse bedingt sind, sich von den künstlich gebildeten Ersatzwörtern sowohl in ihrer Struktur, d. h. im Bestand der lexikalischen Stämme, als auch im Benennungsmotiv, d. h. in der inneren Form, unterscheiden, vgl. z. B. Lehnwort Anchorman — spontane (Teil-) Lehnübersetzungen Anchormann, Ankermann — Ersatzwörter5 Hauptnachrichtensprecher, Schlüsselfigur; Lehnwort Couchpotato — spontane (Teil-)Lehnübersetzungen Couchkartoffel, Sofakartoffel — Ersatzwörter Fernsehhocker, Stubenhocker; Lehnwort Flagshipstore — spontane Lehnübersetzungen Flaggschiffgeschäft, Flaggschiffladen — Ersatzwort Vorzeigeladen. Diese Beispiele zeigen, dass spontane Wortneubildungen meist durch eine vollständige oder teilweise Glied-für-Glied-Übersetzung der morphologischen Struktur der Anglizismen entstehen. Sie wiederholen die innere Form, das semantische Verhältnis zwischen den Bestandteilen der englischen Komposita. Künstlich geschaffene Ersatzwörter gehen dagegen von der Semantik des entsprechenden Anglizismus aus und unterscheiden sich daher meist in ihrem Benennungsmotiv von den korrespondierenden Lehnwörtern. Ausgehend von diesen Überlegungen wird in diesem Beitrag auf zwei Aspekte der Wechselbeziehungen von Lehnwörtern und Stammwörtern eingegangen: Von strukturell-semantischen Charakteristika ausgehend werden zunächst kognitive und kommunikative Vorteile diskutiert, die Lehnübersetzungen gegenüber Lehnwörtern und künstlich gebildeten Ersatzwörtern haben. Des Weiteren werden einige Faktoren erläutert, die die Durchsetzung von Anglizismen bzw. den mit ihnen korrespondierenden Ersatzwörtern maßgeblich beeinflussen. Dabei stützen wir uns auf das Wortschatzmaterial des am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim erarbeiteten ersten größeren Neologismenwörterbuches für das Deutsche (Herberg, Kinne, Steffens, 2004; Steffens, al-Wadi, 2013). Zu Vergleichszwecken werden lexikalische Einheiten herangezogen, die als Ersatzwörter zu Lehnwörtern im Projekt „Aktion Lebendiges Deutsch“ (ALD) der Stiftung Deutsche Sprache und im „Anglizismen-Index“ (AI), einem Projekt des Vereins Deutsche Sprache verzeichnet sind. Primärquellen für Sprachbefunde und Belege sind elektronisch gespeicherte Textkorpora (DeReKo), vorrangig Textkorpora im „Archiv der geschriebenen Sprache“. Auf Korpusdaten wurde zuletzt im Mai 2014 zugegriffen. 3 www.vds-ev.de/ 4 www.stiftung-deutsche-sprache.de/ 5 Hier und weiterhin sind die Beispiele für Ersatzwörter den Materialien des „Anglizismenindex“ bzw. der „Aktion Lebendiges Deutsch“ entnommen.
OLGA NIKITINA 119 2. STRUKTURELL-SEMANTISCHE BESONDERHEITEN VON ANGLIZISMEN UND DEN JEWEILIGEN LEHNÜBERSETZUNGEN UND ERSATZWÖRTERN In semantischer Hinsicht zeichnen sich die hier zu betrachtenden Anglizismen oft durch eine Idiomatizität aus, die von der metaphorischen Umdeutung einer der Komponenten herrührt (vgl. z. B. Anchorman, Couchpotato, Flagshipstore). Diese metaphorische Umdeutung wird dann in spontanen Wortneubildungen mittels des deutschen lexikalischen Materials nachgeahmt (vgl. z. B. Ankermann, Couchkartoffel, Flagschiffgeschäft). Bei der Lehnübersetzung orientieren sich deutsche Sprachbenutzer, wie die Beispiele zeigen, meist an der inneren Form und der Art der semantischen Umdeutung des Lehnwortes. Der intensive Sprachkontakt führt also immer öfter dazu, dass sich die Benennungsmotive im Deutschen an denen des Englischen orientieren. Auf solche Weise entstehen Synonyme vom Typ Lehnwort — (Teil-)Lehnübersetzung, die in ihrer inneren Form völlig übereinstimmen. Anders gesagt verweist die neugebildete (Teil-)Lehnübersetzung direkt auf das Lehnwort (vgl. auch Mousepad — Mauspad, Mausmatte, Shapewear — Formwäsche, Touchscreen — Touchbildschirm, Berührungsbildschirm, Tastbildschirm usw.). In struktureller Hinsicht sind entlehnte Wörter des Öfteren Komposita. Bekanntlich zeichnen sich Englisch und Deutsch als verwandte Sprachen durch eine hohe Produktivität der Komposition aus, so dass die Wortbildungsstruktur der Lehnwörter mehr oder weniger problemlos durch deutsche Stämme nachgebildet werden kann. Die zwischensprachliche Konvergenz der Wortbildungstypen macht eine Lehnübersetzung strukturell leicht modellierbar und nachvollziehbar. Dagegen wird bei der bewussten Schaffung von Ersatzwörtern großer Wert auf strukturelle und semantische Unabhängigkeit von den entsprechenden Lehnwörtern gelegt (vgl. z. B. Anchorman — Hauptnachrichtensprecher, Schlüsselfigur; Couchpotato — Fernsehhocker, Stubenhocker; Flagshipstore — Vorzeigeladen). Dabei spielen pragmatische und sprachpolitisch-ideologische Einstellungen der Sprachpfleger eine große Rolle. Vom pragmatischen Standpunkt aus wird befürchtet, dass englische Lehnwörter für deutsche Sprachträger, die das Englische nicht oder nur wenig beherrschen, unverständlich seien, was unter Umständen zu ihrer kommunikativen Ausgrenzung führen könnte. Auch für diejenigen, die mit der englischen Lexik und Wortbildungsstrategien nur in beschränktem Maße vertraut sind, erscheinen Anglizismen meist als unmotivierte lexikalische Einheiten, so dass die Semantik des neuen Wortes gar nicht oder nur ungefähr (u. U. auch falsch) erschlossen werden kann. Dem sollte durch eine gezielte Bildung von deutschen Ersatzwörtern entgegengewirkt werden, deren Gesamtbedeutung aus den Bedeutungen der Bestandteile zu erschließen wäre (vgl. Pogarell, 1998, 41f.). Vom politisch-ideologischen Standpunkt aus treten andere Argumente in den Vordergrund. Die „Anglisierung“ des Deutschen wird als Gefahr für seine Selbständigkeit und Eigenart empfunden. Deshalb sollte man, nach Meinung der Befürworter einer aktiven Sprachpflege, den lawinenartig ins Deutsche einziehenden englischen Lehnwörtern gezielt entgegenwirken, indem man deutschen Muttersprachlern bereits existierende semantisch gleichwertige Stammwörter vor Augen führt und sie (die Muttersprachler) auf diese Weise zur Sprachreflexion und zum erhöhten Sprachbewusstsein anregt, oder indem man neue Eindeutschungen bildet. Auch eine Lehn-
120 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2015 übersetzung wird von modernen Puristen als ein potentiell gefährliches Verfahren betrachtet, denn in diesem Fall würden neugebildete Wörter dieselben Benennungsmotive wie englische Prototype zeigen und so unerwünschte angloamerikanische Denkmuster ins Deutsche eindringen lassen (vgl. Panzer, 2000, 1126). Pogarell (1998, 67–68) schreibt z. B. Folgendes: „Wichtig ist bei solchen Zusammensetzungen (Ersatzwörtern — O.N.), dass von einer wörtlichen Übersetzung abgesehen wird. […] Man muss oft einfach nur nachfragen, welcher Gegenstand, Vorgang oder Sachverhalt mit dem englischen Ausdruck gemeint ist, um zu einer schnellen Zusammensetzung zu kommen“. In dieser und ähnlichen Aussagen offenbart sich eine heutzutage in bestimmten sprachreinigungsbewegten Kreisen bisweilen ins Extreme gehende Meinung über die Ächtung bzw. Entbehrlichkeit der Wörter mit einem fremdsprachigen „Migrationshintergrund“. Man muss diesen Aussagen jedoch kritisch mit dem Gedanken begegnen, dass in erster Linie nicht die Herkunft, sondern das sprachstilistische und sprachsoziologische Hier und Jetzt der Lehnwörter ihren Stellenwert im Wortbestand der Sprache ausmacht, vgl. dazu die heute noch gültigen Ausführungen von Peter von Polenz (um 1975): „Die Beziehungen der Wörter zu ihrem pragmatischen und sozialen Kontext sind der entscheidende Gesichtspunkt, unter dem die Rolle der Lehnwörter in der Sprache und im Sprachgebrauch betrachtet werden muss und unter dem auch heute noch — jenseits puristischer Sprachideologie — eine ‚Fremdwortkritik‘ möglich und notwendig ist. Es kommt sehr darauf an, ob Fachwörter und gelehrte Wörter in einem Kontext verwendet werden, der ihre Bedeutung auf den sprachüblichen Sinn hin bestimmt, und ob sie gegenüber Gesprächspartnern oder einem Publikum verwendet werden, die aufgrund ihrer sprachsoziologischen Voraussetzungen diese Bedeutungsbestimmung nachvollziehen können. Wo das nicht der Fall ist, wo mit undefinierten Wörtern aus gruppengebundenen Wortschatzbereichen eitler, leichtsinniger oder böswilliger Mißbrauch getrieben wird, wo sich ein Sprecher solcher Wörter nur bedient, um Anderen mit Wortklängen zu imponieren, sie zu täuschen oder zu verführen, da haben Sprachkritik und Spracherziehung ihre wichtige Aufgabe.“ Allerdings haben Lehnübersetzungen bestimmte kommunikative und kognitive Vorteile, besonders in der zwischensprachlichen Kommunikation. So lässt sich z. B. problemlos eine formelle und inhaltliche Identität zwischen dem englischen Prototyp und seiner nachgebildeten deutschen Entsprechung herstellen. Die Lehnübersetzung trägt somit zur Erhöhung der lexikalischen Konvergenz in den kontaktierenden Sprachen bei und dient als eine Art Kompromiss zwischen dem muttersprachlichen „Chauvinismus“ einerseits und der überflüssigen Verfremdung andererseits. Die Akzeptanz der fremdkulturellen Weltansichtsmuster bedeutet keinesfalls eine intellektuelle „Kolonisierung“ der aufnehmenden Sprachgemeinschaft, sondern trägt eher zur Bereicherung ihrer kognitiven Sphäre bei. 3. INNOVATIONSMOTIVE UND -VERFAHREN IN EINER SPRACHKONTAKTSITUATION Die sich abzeichnende Tendenz zum parallelen Aufkommen von Anglizismen und deutschen Wortneubildungen wäre nun nicht als Folge der zielgerichteten sprach-
OLGA NIKITINA 121 pflegerischen Einwirkung von modernen Puristen auf die deutsche Sprache zu betrachten, sondern als unbeabsichtigte Folge kommunikativer Handlungen mehrerer Sprachträger, denn „Sprachwandel ist nichts, was die Sprecher bewusst und absichtsvoll betreiben“ (Keller, Kirschbaum, 2003, 6). Aus bestimmten Erwägungen, die sich vor allem aus der kommunikativen Funktion der Sprache ergeben, können Sprachbenutzer an einer vollständigen oder auch nur teilweisen Substitution des schon vorhandenen Lehnwortes durch muttersprachliche lexikalische Stämme interessiert sein. Warum wird von den Sprachträgern in bestimmten Fällen eine Wortentlehnung und in anderen Fällen eine (Teil-)Lehnübersetzung oder gar eine vom fremdsprachigen Prototyp unabhängige Wortneubildung bevorzugt? Gewöhnlich werden Entlehnungsgründe auf das Vorhandensein von Lücken in den Ausdrucksmitteln der aufnehmenden Sprache zurückgeführt. Diese Lücken entstehen bzw. werden deutlich, wenn in einer fremden Sprachgemeinschaft ein neuer Inhalt vorliegt und importiert werden soll, für den es in der aufnehmenden Sprachgemeinschaft keine usuelle Bezeichnung gibt. Um eine solche Lücke zu schließen bzw. sie gar nicht entstehen zu lassen, wird der fremdkulturelle Inhalt samt seiner Bezeichnung übernommen. Lehnwörter, die auf solche Weise in die Sprache kommen, werden als „notwendige“ Entlehnungen betrachtet, weil ihre Aufnahme — im Unterschied zu den „Luxusentlehnungen“ (Zindler, 1959) — kommunikativ relevant erscheint: Das neue Lehnwort ist ja Träger des neuen Inhalts. Dadurch entsteht der fragwürdige Eindruck vom zwingenden Automatismus: Bei der Übernahme eines fremdkulturellen Inhalts bleibt den Sprachbenutzern keine andere Wahl übrig, als nur zugleich beides — Inhalt und Bezeichnung — zu entlehnen. Lehnwörter wären so eine logische Folge der zwischenkulturellen Kontakte. Jedoch lässt die aktuelle Entwicklung der deutschen und anderer europäischen Sprachen (vgl. Jansen, 2005, 266ff.) an der Unvermeidlichkeit der Sachund Wortentlehnung zweifeln: Auch wenn die Lehnübersetzung aus formellen oder semantischen Gründen unmöglich ist, bleibt der aufnehmenden Sprachgemeinschaft immer noch die Möglichkeit einer unabhängigen Wortneubildung. Die Frage danach, warum in einigen Fällen ein Fremdwort entlehnt wird und in anderen Fällen Lehnübersetzungen oder unabhängige Wortkreationen vorgezogen werden, muss wohl unter Berücksichtigung der Motive des Wortschatzwandels beantwortet werden. Nach Blank (2001, 96f.) gibt es allgemeine Motive, die auf eine effiziente Kommunikation unter möglichst geringem sprachlichem und kognitivem Aufwand abzielen, spezifische Motive, die eine konkrete Innovation bedingen, und rezeptive Motive der Sprachträger, die diese Neuerung annehmen (vgl. Fritz, 1998, 867). Die allgemeine Motivation rührt aus der unmittelbaren Funktion der Sprache als Instrument zum Informationsaustausch über die Lebenswelt. Die spezifische Motivation liegt dann vor, wenn in einer konkreten Kommunikationssituation ein Bedürfnis nach einer neuen Benennung entsteht. Um dieses Bedürfnis zu befriedigen, greift der Sprecher zu einer spontanen Innovation, wofür ihm im Falle einer Sprachkontaktsituation folgende Mittel zur Verfügung stehen: ein Code-Switching, eine (Teil-)Lehnübersetzung oder eine unabhängige Wortneubildung. Die Sprecherwahl zugunsten des einen oder anderen Verfahrens ist durch allgemeine Prinzipien der menschlichen Kognition bedingt, vor allem durch das Prinzip der kognitiven Ökonomie (vgl. Bründl, 2001, 56), aber auch durch individuelle und zufällige Faktoren
122 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2015 der jeweiligen Kommunikationssituation, z. B. durch aktuelle Assoziationen, vorhergehende kommunikative Erfahrungen, Spezifika der Kommunikationspartner usw. Wird die lexikalische Innovation nicht nur vom einzelnen Sprachträger, sondern auch von der Mehrheit der Sprachbenutzer als adäquat empfunden, so geht das neue Wort in den allgemeinen Gebrauch ein und festigt sich im Wortschatz der jeweiligen Sprache. Die Motivation der Sprachbenutzer, die aus einer Vielfalt von spontanen lexikalischen Innovationen nur diejenigen herausfiltern, die ihren kommunikativen Bedürfnissen am besten gerecht werden, bestimmt im Endeffekt das Ergebnis der Lexikalisierung. So kommt zum individuellen und zufälligen Charakter einer lexikalischen Neuerung der kollektive, interindividuelle Aspekt hinzu (vgl. Fritz, 1998, 869). Eine konkrete Entwicklung des Wortbestandes ist letztendlich das Resultat der Interaktion von allen drei Motivationstypen, die die Lexikalisierung steuern. Wohl lassen sich Sprachbenutzer bei der Bildung von sprachkontaktinduzierten Innovationen in erster Linie von dem Prinzip der kognitiven Ökonomie leiten, so dass das eine Innovationsverfahren kognitiv besonders ökonomisch und kommunikativ effizient erscheint, das andere dagegen kognitiv aufwendig und kommunikativ nachteilig. Bei der kommunikativen Notwendigkeit, einen neuen bzw. neu eingeführten Inhalt zu benennen, kann es für den Sprachbenutzer in der Sprachkontaktsituation naheliegender sein, kurzfristig auf die Seite des kontaktierenden Sprachsystems hinüberzutreten und die Bezeichnung, die ihm in der Fremdsprache bereits bekannt und in seinem Bewusstsein mit einem entsprechenden Inhalt gekoppelt ist, in seinen Redefluss zu integrieren, d. h. ein Code-Switching zu betreiben. Die Lehnübersetzung verlangt bereits einen höheren kognitiven Aufwand, denn der Sprachbenutzer muss einen Zusammenhang zwischen den bedeutungstragenden Einheiten der kontaktierenden Sprachen herstellen. Jedoch ist dieses Innovationsverfahren immer noch kognitiv ökonomisch, denn der Sprachträger orientiert sich an den schon vorhandenen Benennungsmustern und stellt äquivalente Benennungsrelationen her. Kognitiv am aufwendigsten ist die unabhängige Wortschöpfung, wenn der Sprachträger den in seiner Muttersprache noch nicht benannten Inhalt selbständig versprachlicht, ohne dem in der fremden Sprache schon gebahnten Weg zu folgen. Von dem Prinzip der kognitiven Ökonomie aus gesehen wäre die Übernahme eines Fremdwortes für die Benennung eines neuen Inhalts folglich wahrscheinlicher als eine Lehnübersetzung, und die Lehnübersetzung ihrerseits wahrscheinlicher als eine unabhängige Wortneubildung. Diese Hierarchie darf jedoch nicht absolut verstanden werden und wird in der realen Kommunikation entsprechend den individuellen Besonderheiten der Kommunikationsteilnehmer oder der kommunikativen Situation modifiziert (man denke hier etwa an den Grad der Fremdsprachenbeherrschung, an die wortschöpferischen Fähigkeiten der jeweiligen Sprachträger etc.). Oft spielen semantische und strukturelle Eigenschaften des fremdsprachigen Prototyps eine Rolle. Handelt es sich z. B. um eine lexikalische Einheit, für die in der aufnehmenden Sprache keine offensichtlichen Äquivalentrelationen vorliegen bzw. die nach einem seltenen Wortbildungsmuster gebildet wurde, so wird die Suche nach einer passenden Wiedergabeoption kognitiv zusätzlich erschwert. In diesem Fall kann die Bildung eines vom fremdsprachigen Prototyp unabhängigen Wortes eine durchaus ökonomische Lösung sein. Und umgekehrt, je offensichtlicher Äquivalent-
OLGA NIKITINA 123 beziehungen sind, desto leichter ist es, zu einer Lehnübersetzung als Innovationsverfahren zu greifen. Das gilt in erster Linie für zwischensprachliche Paronyme, für die manchmal keine strikte Grenze zwischen dem phonetisch assimilierten Lehnwort und einer Lehnübersetzung zu ziehen ist (z. B. Personal Trainer und Personaltrainer6). Eine lexikalische Innovation, die in einer Sprachkontaktsituation aufkommt, hat für ihre Etablierung in der Sprachgemeinschaft einen weiten Weg von einer individuellen (okkasionellen) Neuerung bis zum lexikalisierten Bestandteil des Wortschatzes zurückzulegen. Die Bereitschaft der Sprachträger, eine Innovation aufzugreifen und weiter zu verwenden, wird jedoch nicht so sehr durch den kognitiven Aufwand, sondern durch kommunikative Faktoren gesteuert. Im Zuge der Lexikalisierung breiten sich einige lexikalische Innovationen relativ schnell in der Sprachgemeinschaft aus, andere dagegen, die aus kommunikativer Sicht weniger griffig erscheinen, können sich nicht durchsetzen. Die Lexikalisierung gleicht also einem Selektionsprozess, in dem lexikalische Neuerungen ihre Funktionsfähigkeit in der Kommunikation zu beweisen haben. Innovationen, die kommunikativ effizient sind, gehen in das Sprachsystem ein. Da nach dem Prinzip der kognitiven Ökonomie mehr neue Lehnwörter als Lehnübersetzungen und unabhängige Wortneubildungen in der Sprache zu erwarten sind, ist ihre Wahrscheinlichkeit, in das Sprachsystem integriert zu werden, grundsätzlich höher, als bei den anderen sprachkontaktinduzierten Innovationstypen. Dadurch erklärt sich unter anderem das zahlenmäßige Vorherrschen der Lehnwörter vor den Lehnübersetzungen. Jedoch zeigt die Analyse des Sprachmaterials, dass mit der Zeit auch zu den bereits etablierten Anglizismen neuere (Teil-)Lehnübersetzungen hinzutreten. Wohl haben die mit dem deutschen lexikalischen Material nachgebildeten Lehnübersetzungen einige kommunikative Vorteile, die bessere Ausgangspositionen der Lehnwörter ausgleichen (vgl. Jansen, 2005, 275). Im Unterschied zu einem Lehnwort, mit dem in die Sprache ein fremder Zeichenkörper eingeht, werden bei einer Glied-für-Glied-Übersetzung die Bezeichnungspotenzen von schon vorhandenen sprachlichen Zeichen erweitert. Dem liegt zugrunde, dass Lehnübersetzungen von Anfang an durch vielfältige lexikalische Beziehungen in entsprechende Wortbildungsnester, thematische und synonymische Reihen, Assoziationsketten u. Ä. eingebunden sind. Diese Einbindung in das lexikalisch-semantische System der Muttersprache, d. h. die Motiviertheit einer Lehnübersetzung als eines deutschstämmigen Wortbildungsproduktes im Vergleich zu dem unmotivierten Lehnwort, macht geraden den entscheidenden Vorteil aus, der eine schnellere und leichtere Festigung der Lehnübersetzungen in der Sprache bedingt. Motivierte deutsche Wortneubildungen 6 In der Onlineversion des deutschen Neologismenwörterbuches ist in der Rubrik „Sprachreflexives“ Folgendes zu lesen: „Während sich die Getrenntschreibung Personal Trainer — verstanden als Lehnwort aus dem Englischen — in den IDS-Textkorpora generell auf Fitnesstrainer bezieht, ist die Zusammenschreibung Personaltrainer — verstanden als im Deutschen gebildete Zusammensetzung — in den Korpora meist in der Bedeutung ‘jemand, der eine Belegschaft schult’ belegt. Es gibt nur wenige Belege, in denen die Zusammenschreibung Personaltrainer die Bedeutung ‘Fitnesstrainer’ hat“ (http://www.owid.de/ artikel/308814/Fitnesstrainer?module=neo).
124 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2015 haben mnemotechnische und kognitive „Pluspunkte“ gegenüber den unmotivierten Anglizismen. Das Ergebnis der Lexikalisierung in einer Sprachkontaktsituation hängt also vom Zusammenspiel zweier Motivationstypen ab: Von der Motivation der Sprachbenutzer bei der Wahl bestimmter Innovationsverfahren aufgrund des Prinzips der kognitiven Ökonomie und von der Motivation zur Aufnahme bzw. Verdrängung von Innovationen aufgrund der Prinzips der kommunikativen Effi zienz. Auch wenn im heutigen Deutsch Lehnwörter aus dem Englischen gegenüber Lehnübersetzungen dominieren, kann sich eine nachträgliche Lehnübersetzung neben dem Lehnwort im Sprachgebrauch etablieren (z. B. Bezahlfernsehen neben Pay-TV, s. Abb. 1) bzw. das entsprechende Lehnwort zurückdrängen (z. B. Hörbuch und Audiobook, s. Abb. 2), wie das die korpusbasiert erstellten Grafi ken veranschaulichen. Abb. 1. Zeitliche Verteilung der Korpusbelege von Pay-TV und Bezahlfernsehen Abb. 2. Zeitliche Verteilung der Korpusbelege von Audiobook und Hörbuch 4. NACHBILDUNG DER FREMDSPRACHLICHEN METAPHORIK MITHILFE DES DEUTSCHEN LEXIKALISCHEN MATERIALS Da sich Lehnübersetzungen, wie oben ausgeführt, vor allem durch ihre Motiviertheit für die Sprachträger unterscheiden, so liegt wohl hier die Ursache ihrer Präferenz in der Sprachgemeinschaft gegenüber den Lehnwörtern. Es fällt auch auf, dass viele Lehnwörter ihrer Wortbildungsstruktur nach Komposita mit metaphorischer Umdeutung sind. Als Bildquellen dienen meist Gegenstände und Erscheinungen der alltäglichen Erfahrungswelt. Eine (Teil-)Lehnübersetzung bietet sich für deutsche Mutt ersprach-
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