scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Konferenzbericht

Kačmárová, Pavla

Abstract

108

Full text

Konferenzbericht Social Policy in Occupied Europe, 1939–1945 Prag, 14. — 16. Mai 2015 Das Masaryk-Institut und das Archiv der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik haben in Zusammenarbeit mit der Jan-Amos-Comenius-Universität vom 14.–16. Mai 2015 eine internationale Konferenz zum Thema der Sozialpolitik in den okkupierten Ländern Europas, 1939–1945 [Social Policy in Occupied Europe, 1939–1945] organisiert, die unter der Schirmherrschaft der Ministerin für Arbeit und Soziales Michaela Marksová und unter der Teilnahme einer Reihe tschechischer und ausländischer Forscher stattfand. Unter anderem folgten auch Elizabeth Harvey (University of Nottingham), Sandrine Kott (Université de Genève), Kiran Klaus Patel (Maastricht University), Rüdiger Hachtmann (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) und Jaroslav Kučera (FSV UK, Prag) der Einladung. Die Konferenz wurde von Roger Griffin (Oxford Brookes University) mit der Vorlesung „The Racial Socialism of the Third Reich. Did the Europäische Neuordnung have a Genuine Communitarian Dimension?“ eröffnet, die das rassenmäßige und soziale Wesen des Nationalsozialismus thematisierte. Griffin schloss seine einleitende Vorlesung mit der Feststellung, er halte den Nationalsozialismus für eine Form des politischen Modernismus, und es sei sein Ziel, eine alternative „Modernität“ zu schaffen. Diese Modernität sollte auf der Eugenik, der Technokratie und der mythischen Vergangenheit Deutschlands aufbauen. Damit deutete er die Richtung der weitere Beiträge an, die innerhalb von zwei Tagen Themen zum Arbeitsmarkt, zur Sozialversicherung, der Rassenund Nationalitätendimension der Sozialpolitik, der Fürsorge für die Armen und die Wohnungspolitik während der Okkupation im Zweiten Weltkrieg diskutierten. In den folgenden zwei Konferenztagen wurde das Thema Sozialpolitik in verschiedenen Sektionen konkretisiert und auf ausgewählte Regionen Europas während des Zweiten Weltkriegs eingeengt. Die Beiträge konzentrierten sich vor allem auf das Protektorat Böhmen und Mähren und Deutschland, thematisierten aber auch Griechenland, Italien, Frankreich, Polen und andere Gebiete. Die einleitende Podiumsveranstaltung orientierte sich auf die Problematik der Beschäftigung und der Zwangsarbeit sowie den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, deren Folge fast eine Verdopplung des Preises der Arbeit im Protektorat Böhmen und Mähren war. Am Ende dieser Sektion wurde auch ein kurzer Diskurs zur Problematik des Arbeitsrechts in diesem Zeitraum vorgestellt. Lech Koscielak (APS Warschau) und Henry Marx (HU Berlin) befassten sich mit dem Arbeitsmarkt und seiner Entwicklung unter Berücksichtigung der steigenden Ansprüche der Kriegsindustrie. Jaromír Tauchen (MU Brno) konzentrierte sich in seinem Beitrag auf das Arbeitsrecht im Protektorat Böhmen und Mähren aus der Sicht seiner neuen Auffassung und der Palette der Akteure, die in die Steuerung des Arbeitsmarkts eingriffen. In einer weiteren Sektion waren das zentrale Thema die Sozialversicherung und die Familienpolitik. Die Vorträge von Alexander Klimo (HU Berlin) und Jan Kotůlek OPEN ACCESS OPEN ACCESS Pavla KaČMárOvá 109 (VŠB-TU Ostrava) betrafen die Rentenpolitik. Während sich der erste Redner auf die Tätigkeit des Reichsarbeitsministeriums im Zusammenhang mit der Ausdehnung des Gebiets des Deutschen Reiches auf Böhmen und Mähren orientierte, widmete sich der zweite dem Pensionsinstitut in Prag, seinen Hauptvertretern in den Jahren 1938–1945 und dem Anstieg der administrativen Belastung unter deutscher Kontrolle. Domenica La Banca (SSML Maddaloni) sprach wiederum über die Sozialpolitik für Mütter und Kinder während des Zweiten Weltkriegs in Italien. Für das Krieg führende Italien war gerade dieser Teil der Sozialpolitik einer der Hauptthemen der faschistischen Propaganda, um die sich die staatliche Organisation OMNI kümmerte (Opera nazionale per la protezione della maternità e dell‘infanzia, ONMI). Die anschließende Podiumsveranstaltung setzte sich im Kontext der Rassenund Nationalitätenpolitik aus der Sicht der institutionellen Strukturen und der Machtpraxis fort. Michal Šimůnek (ÚSD AV Prag) befasste sich mit der „Gruppe Gesundheitswesen“ beim Amt des Reichsprotektors und verfolgte die Verflechtung der Gesundheitsverwaltung und der Rassenpolitik im Protektorat Böhmen und Mähren. Geografisch entfernte sich in seinem Beitrag von Böhmen und Mähren Stefan Hördler (KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora), der sich der Sozialfürsorge der Waffen-SS für Freiwillige der SS aus den Reihen ethnisch Deutscher auf den Territorien Kroatiens, Rumäniens, der Slowakei und Ungarns widmete. Der zweite Konferenztag endete mit einer Podiumsdiskussion, an der Sandrine Kott (Genf), Kiran Klaus Patel (Maastricht / London) und Jakub Rákosník (UJAK / FFUK Prag) teilnahmen und in die mit ihren Beobachtungen auch weitere Beteiligte aus dem Auditorium effektiv eingriffen (insb. Jaroslav Kučera). Die Diskutierenden befassten sich mit drei Fragen, die aus der Sicht des Themas der Konferenz fundamental erschienen. Erstens wurde das Konzept der sozialen Sicherheit [social security] erörtert, inwieweit man dies in dem zu untersuchenden Zeitraum als gemeinsamen Nenner von Faschismus, Sozialismus und Liberalismus ansehen kann. Zweitens wurde die Frage des Gedankentransfers in dieser Sache reflektiert, d. h. inwieweit in den einzelnen Ländern ohne Rücksicht auf das politische System die Ideen des komplexen sozialen Schutzes der Bevölkerung auf autochthonen Konzeptionen basierten oder ob es sich mehr um einen Transfer aus dem Ausland handelte. Die letzte Frage befasste sich mit dem Thema der Kontinuität bzw. der Diskontinuität der Sozialpolitik während der Okkupation und des späteren sog. europäischen Sozialmodells, wie es sich nach dem Ende des Krieges herausbildete. Der letzte Konferenztag umfasste zwei Themenkreise, und zwar die Sozialfürsorge und die Wohnungspolitik. Wenngleich die NS-Propaganda versuchte, die Vorteile des totalitären Staates und des Wachstums des Wohlstands für seine Bürger hervorzuheben, tauchten schon an der Wende der Jahre 1941/1942 Beweise au, die das Gegenteil zu beweisen schienen. Ein solcher war zum Beispiel die Hungersnot in Griechenland, die Athen im Winter 1942 ergriff und einen starken Widerstand gegen die Okkupanten hervorrief. Darüber und noch mehr erfuhren die Zuhörer von Dimitris Michalopoulos (Athen). Daniel Hadwiger (Universität Tübingen) konzentrierte sich auf die Errichtung und Tätigkeit der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt in Frankreich und die Praxis der Sozialfürsorge im Zusammenhang mit der Germanisierung des Elsass. Svitoslav Stetskovych (Universität Hamburg) sah von der offiziel- 110 WISOHIM/ESHP 22 OPEN ACCESS len sozialen und gesundheitlichen Fürsorge zugunsten der Gemeinschaft ab, der sich die meisten Konferenzteilnehmer widmeten, und berichtete über die jüdische soziale Selbsthilfe in Galizien in den Jahren 1941–1943. In der abschließenden Sektion widmete man sich der Theorie und Praxis des Wohnungsbaus. Miloš Hořejš (NTM Prag) und Richard Němec (Universität Bern) präsentierten das Thema des NS-Urbanismus und soziales Siedlungsbaues und seiner architektonischen Produktion im Bereich der Sudeten, des Protektorats, der Slowakei, des Warthegaus und des Generalgouvernements unter Berücksichtigung der Tätigkeit der Reichsbehörden und des Funktionierens der Kommunalpolitik. Die gesamte Konferenz wurde von einer Präsentation Martin Jemelkas (Technische Universität Ostrava) abgeschlossen, der am Beispiel der Eisenwerke Vítkovice die Wohnungsfrage im Raum des Bergbaureviers Ostrava mit seinen deutlichen sozialen, demographischen und kulturellen Besonderheiten erläuterte, die man versuchte, mit der Errichtung von Arbeitskolonien zu lösen. Am Schluss der Konferenz waren sich alle Redner darin einig, dass das Thema der Sozialpolitik des nationalsozialistischen Deutschlands in nicht geringem Maße ein noch wenig erforschtes Thema von historischer Bedeutung darstellt. Sehr hilfreich in dieser Sache scheint eine Metapher von Zygmunt Baumann über Deutschland in den Jahren 1933–1945 als „Gardening State“ zu sein, der experimentell neue Herangehensweisen in sozialen Fragen mit Hilfe des sozialen Engineering schuf und versuchte anzuwenden. Diese Grundsätze führte Deutschland dann gewaltsam auch in den okkupierten Staaten Europas ein, um mit Terror den Mythos eines wiedergeborenen Volkes reiner Rasse zu schaffen. Pavla Kačmárová