Vortage passieren lassen: Skizzen zu Transfers zwischen Ort und Zeitbezug in Uwe Johnsons Jahrestagen in Hinsicht auf Prag Nils Plath — Universität Erfurt Nicht ein Versprechen auf einen wie immer ausschnittartigen Überblick über maßgebliche Theorieimporte in einen hiesigen und wo auch immer dortigen Kontext oder feinsinnig analysierte Wortund Begriffsgeschichten, die ihre Anschlüsse in den uns einen Kontext gebenden Theorieansätzen besitzen, kann das Folgende sich, vielleicht, als eine Perspektive verstehen lassen, um dem taking place der Transfers die Dimension der Zeit mit bedenken zu geben. Dabei sich assoziativ und spekulativ von Zitat zu Zitat zu bewegen, darf an dieser Stelle einmal angebracht erscheinen. Denn was anderes als das Zitieren in seinen nach vorne und nach hinten unabschließbaren Verweisen wäre als die idealtypische Bewegung — um nicht zu sagen: Verfahrensweise — einer übertragenden Lektüre zu erkennen, um die es in diesem Kontext gehen will? — 19. August, 1968 Montag Die Nummer 40385 der New York Times. Nachrichten aus Bogotá, Jerusalem, dem Irak, Cairo, La Paz, Peking, Biafra, London. Wer wird da zweifeln an einer Vollständigkeit. Gestern morgen wurde ein Personenzug der Vorortbahn von Long Island beschossen; ein junger Mann tot, ein anderer verwundet. Die Pravda hat durchblicken lassen, was sie als Wahrheit gültig wünscht in Moskau: wenn Arbeiter in Prag die sowjetischen Truppen um ein Verweilen im Land ersucht haben, sind sie einem ‚moralischen Terror‘ ausgesetzt. An jeder Ecke in Prag stehen Volksredner, sammeln sich Aufmärsche; alles subversive Aktivitäten antisozialistischer Kräfte. Damit das klar, ist, ja? (Johnson 1988, S. 1867). So lauten die Worte am Anfang des zweitletzten, eines elfeinhalb Druckseiten langen Eintrags in Uwe Johnsons in vier Teilen entstandenen, 1983 abgeschlossenen Roman Jahrestage. Dieser 19. August ist der letzte Tag, der am Ort des Romangesehens lokalisiert ist, in New York City. Der Roman umspannt eine äußere Zeitspanne von 365 Tagen: beginnt mit dem 21. August 1967 und endet am 20. August 1968, „last and final“ lautet die Hinzufügung zu diesem letzten Datum. Dazwischen steht ein Zeitgeschichtsroman, organisiert von dem, was an den allen Transfers am schwierigsten zu begreifen erscheint: Datierungen. In diesem zeitletzten Eintrag nun findet man: OPEN ACCESS
172 SLOVO A SMYSL 24 summiert ein Geschehen, das auf den 1875 voranstehenden Seiten Platz gefunden hat. Zeit ist vergangen, sagen die rückblickenden Einträge unter diesem Datum vor dem Kontinentwechsel der zwei weiblichen Romanhauptpersonen am nächsten Tag, die als Mutter und Tochter zum Ende mit einer Figur aus der Vätergenerationen das Schlussbild des Romans bilden werden, von dem sein Autor sagte, seine Leser sollten so langsam lesen wie er ihn geschrieben habe. Aufgezählt werden Nachrichten der Zeitgeschichte und Alltagsepisoden, die über den Zeitraum der 365 Tage umspannenden erzählten Zeit hinausgehen, zurück bis zur Ankunft von Gesine Cresspahl und ihrer Tochter Marie in den Vereinigten Staaten sieben Jahre zuvor, 1961, das auch das Jahr eines Mauerbaus war. Es ist die Vorbereitung auf einen Abschied, auf eine Abreise, die dieser Eintrag nochmals Revue passieren lässt: auf einen geplanten Umzug nach Prag, deren Vorgeschichte zuvor im Buch Zwischenraum eingenommen hatte inmitten eines mehrschichtigen Zeitportraits, zu welchen Gegenwartserzählungen aus den zwölf Monaten von 1967 bis 1968, Nachrichten aus der New York Times als Medium zur Erschaffung unserer Realität der Massenmedien (nach Niklas Luhmann) und Nacherzählungen aus der Zeit vorheriger Generationen montiert werden, von Mutter an Tochter weitergegebene Erinnerungen an eine Zeit der Väterbeziehungsweise Großvätergeneration im nationalsozialistischen Deutschland und dem sowjetisch besetzen Osten Deutschlands, der mit der Zeit zur Deutschen Demokratischen Republik werden wird. Es sind die unterschiedlichen Perspektiven auf das, was mit Uwe Johnson Geschichte zu nennen ist (vgl. Johnson 1980), zu der ein emphatisches Verhältnis im Laufe der geschilderten Newyorker Zeiten (the New York Times) aufgebaut wird, adressiert als jene Wahrheit (prawda), von der Brecht in seiner Maßnahme das Leninsche Diktum als mit vielfacher Konsequenz zu bedenkende Diktum ausgibt, wozu Johnsons Roman mit seinen vielfachen Paratexten Material en masse liefert: „die Wahrheit ist immer konkret“. „Wir werden warten bis zuletzt; auf die Ansage in den Lautsprechern, die und zurückruft nach New York. Bis sie sagen werden, dies sie der letzte, der endgültige Aufruf zum Betreten der Flugmaschine. Passagerene bedes begive sig til udgang. Please proceed to the gate now. Begeben Sie sich zum Ausgang“. So endet der Eintrag an diesem Vortag, der der Tag vor einem Ereignis sein wird, über das die Zeitungen am übernächsten Tag berichten werden und dessen Ausgang da noch offen ist: ein Geschehnis, das sich in den Zeitungsmeldungen abzeichnet, ohne voraussehbar zu sein, und sich mit Prag und der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 verbindet, für die Erzählinstanz noch unbekannt, für den Autor zufällig eines, das auf das Datum seiner tatsächlichen Rückkehr von New York nach Berlin-West fiel. Angesprochene Rahmungen und Kontextualisierungen — man mag sie kulturhistorische Zusammenhänge nennen — sind, wo sie zum adressierten Entscheidenden von Transfer-Geschichten gemacht werden, als Teil von Epochenschreibungen zu erkennen. Dabei kann, und das wäre ein Möglichkeit, über die erkennende Attestierung von Selbstreferentialitäten in Texten hinaus zu gelangen, eine Perspektive auf das Politische beim Re-Konstruieren eingenommen werden, das eigentlich retroaktiv erzeugt, was es als beispielweise als Epochen begreifen lassen will, indem es Grenzen setzt. Wo jede Betrachtung von Transfers gewohnheitsgemäß auch nach den produk-
NILS PLATH 173 tiven Missverständnissen fragt, nach den ästhetischen Echos oder dem epistemologischen Widerhall von hier nach dort, ergibt es sich wie von selbst, und dies scheint durchaus erwähnenswert, dass von Kontinuitäten und Diskontinuitäten gesprochen wird. Überschaut man Transfer-Geschichtsschreibungen, auch wo sie über traditionelle Einflussforschung hinausgelangen, so scheint aller angemerkter Zäsuren oder benannten Brüche zum Trotz das wiedergegebene Narrativ wiederholt gern einem ordnungsstiftenden Progressionsdenken zu entsprechen. Die Geschichten der Transfers sind und bleiben dadurch oft lineare — wenngleich nicht immer teleologische — Kontaktepisoden. So lassen sich dann fragend immer neue Epochenzäsuren setzen, Zeiträume der Transfers zu Wahrnehmungsblöcken machen: „Mit welchen Zielen wird die andere Kultur in den eigenen eingesetzt?“, lautet wiederholt die unter den Vorzeichen eines cultural turn so oder ähnlich formulierte Leitfrage — und man erkennt in dem, was auf sie als Antworten folgt, in darin traditionellen Darstellungsweisen durchweg von herkömmlich dichotonomischen Fremdund Eigenwahrnehmungen bestimmte Sichtweisen vermittelt. Einen kleinen Vorbehalt dagegen zu formulieren, der gar nicht mehr als auf die angenommenen Voraussetzungen solcher Transfers hinweisen will, kann nicht zuerst thematisch gedacht werden, sondern hat vielmehr auf eines den Blick zu richten: die Tatsache, dass die Sprache die Unterschiede macht. Es formuliert sich dieser Einspruch aus einer Ansicht heraus, dass es das Konkrete der Sprache und die konkreten Sprechweisen sind, in und an denen sich ganz unterschiedlich die Selbstvergewisserungen und Verunsicherungen, die Infragestellungen und Selbstbehauptungen von Standpunkten wiederholt und wieder anders zeigen und beobachten lassen. Sie zeugt für und erzeugt in ihrem Gebrauch eines: die Zeit. Was für die Transfer-Betrachtungen zuallererst selbst gelten muss, natürlich in einem Beobachtungsschritt zweiter Ordnung. Sprache macht Position: So ist es bei diesem Dichter der beiden Deutschland genannten Autor, der bereits in seinem Debüt Mutmassungen über Jakob von 1959 eine Figur hatte auftreten lassen, die als Anglist am Philologischen Institut Leipzig die Fremdsprache als dort gelehrtes und untersuchtes Medium der Differenzerfahrung von Raum und Zeit wie der in ihrem Gebrauch manifest werdenden Machtverfügungen den verschiedenen anderen Sprechweisen im Land kommentierend gegenüberstellt. Und der in seinem Romanhauptwerk in der Hauptfigur Gesine Cresspahl jemanden entwirft, die in Westdeutschland übersetzen lernte, nachdem sie aus der DDR dorthin gekommen war, für sie eine Zwischenstation auf dem Weg nach New York: — Was kann man arbeiten mit abgeschlossenem Studium der Anglistik? — Lehrer. — Das Verlangen nach einem solchen Beruf war mir ausgetrieben auf der sozialistischen Oberschule von Gneez. […] Überhaupt wollte ich bloß die Sprache. […] — Mir genügte eine Dolmetscherschule, und stehe sie am linken Ufer des Rheins in einem Talgraben, da sieht es bei eben aus wie Flandern nach der Schlacht. Wo die Geschicklichkeiten von Hitlers Chefdolmetscher dir geläufig sein mußten wie die Sprüche Salomos. […] — Simultan dolmetschen. — Das ist ein Klacks, das mach ich dir im Halbschlaf. Nein, das Konsekutive ist die Kunst, die Hohe Schule des Dolmetschen à la Konferenz; wenn du eine dreiviertel
174 SLOVO A SMYSL 24 Stunde lang einen Vortrag so übersetzen und sprechen kannst, als hättest du selber ihn entworfen (Johnson 1988, S. 1859). Auf dieser Weise sprechen Mutter und Tochter in einem wenige Tage vor dem 20. August datierten Eintrag der Jahrestage Differenzen an, die eine bestimmte Sprachverwendung erzeugen und als geschichtlich bewirken. Nicht nur hier umkreist das Gespräch wie anderswo das von Sprechweisen und Schreibarten der Tagespresse bestimmende Zeitwahrnehmen im Sprachgebrauch: Ordnungssysteme und die ökonomischen Verhältnisse, die in der Sprache ihre Abbildung finden und sie mitbestimmen. Die Kontinuitäten (Dolmetscherschule mit Nazipersonal), die Faktoren bei der Zukunftswahl (Schulerlebnisse im realexistierenden Sozialismus), die Ungleichzeitigkeit, die Formen von Stellvertretung in übertragener Rede. Jahrestage ist zudem wie oft kommentiert ein Roman, der nicht nur im hochsprachlichen Deutsch in idiosynkratischer Verwendung geschrieben wurde. Teilweise ausgiebige Passagen sind auch auf Englisch und im mecklenburgischen Plattdeutsch zu lesen, und neben anderen Sprachen kommt gerade dem Tschechischen darin eine prominente Rolle zu, als der Sprache, die sich die Hauptperson von Berufswegen anzueignen beginnt.1 Denn als Bankangestellte soll Gesine Cresspahl in führender Position Geschäfte in Prag anbahnen. Zum Ende des Romans, in Dänemark, ist dieser Ausgang noch offen. So ist das Romanwerk Ausstellung eines konstellativen Erzählmodells — das sich auf Walter Benjamins Erzähleraufsatz ebenso beruft wie auf Hebels Kalendergeschichten, sich der Konkurrenz um Aufmerksamkeit mit andere Medien der Mitteilung von Realität sehr bewusst — wie der angewandten Ausstellung von Sprechweisen, die Räume der Artikulation von Zeitumständen im Wandel entstehen lassen. Ein Roman, in dem jeder dieser sprachlichen Einsprengsel zum Übersetzen auffordert, und die Hegemonie der Rede in einer einzigen Sprache unstabil wie die Versicherung von Zeugenschaft aus einer einzigen Perspektive unwirklich erscheinen lässt. Lesbar ist eine Aufforderung zur Versetzung in eine Übersetzungssituation, die die verschiedenen Erzählebenen das Personal im Roman wie dessen Leser inszenieren. Dies fordert zur mehrfach reaktualisierenden Gegenlese auf, um sich über das Einlassen auf die Zeiträume und Lokalisierungen der eigenen Erfahrung des Sprachgebrauchs einen Begriff vom Übersetzen — eine gewagte Übersetzung von transfer oder translatio — zu geben, die nur als unmögliche Erfahrung beschreibbare wäre: Denn als letztlich nicht kontrollierbare Bewegung ist das Übersetzen — der zitierende Einschub sei an dieser Stelle gewagt — „nicht der Transport von einem existenten Ort zu einem anderen, von einem Ort, an dem das Original tatsächlich auffindbar wäre, hin 1 Der Bedeutung des Prager Frühlings und der Utopie Prag in Johnsons Jahrestagen ist Sabine Fischer in einer ausführlichen Lektüre der Einarbeitung des am 27. Juni 1968 erschienenen Manifest Zweitausend Worte des Schriftstellers Ludvík Vaculík in den Roman nachgegangen (vgl. Johnson 1988, S. 1437–1446). Sie liest die Verwendung des Dokuments, das durch die Perzeption im Roman durch die Figur Gesine Cresspahl einen „fiktionalen Status“ erhalte, als Unterstützung der „Authentizität des Erzählten“: „Dieses Substrat objektiver Realität verschmilzt durch Gesines Beurteilung also mit der fiktionalen Wirklichkeit“ (Fischer 1993, S. 54).
NILS PLATH 175 zu einem anderen, an dem sich schließlich die Übersetzung plaziert fände, nicht die störungsfreie Übertragung von einem in seiner Abwesenheit noch bezeichenbaren dort zu einem als gegenwärtig präsent behaupteten hier. Der Ort der Übertragung ist stets ein Effekt der Übertragung selbst, also ein Transformationseffekt. Es ist ein Ort, der nicht unmittelbar bezogen werden kann, da sich zu ihm als in einem transitorischen Zwischenraum in Bezug gesetzt werden kann. Wenn sich so sagen läßt, das Übersetzen setzt Subjekt und Objekt damit in gleicher Weise einer Ortlosigkeit aus, dann hilft es zu verstehen, das entsprechend auch das Verstehen ‚niemals eine Relation zwischen zwei vorgegebenen, unverrückbaren statischen Entitäten [ist], die von dieser Relation unberührt blieben. Vielmehr ist es diejenige Relation, in der sich ihre Relata allererst konstituieren — in der der Leser zum Leser dieses Satzes der Satz zum Satz dieses Lesers wird — und also ein Vorgang der wechselseitigen Affektion und Alteration‘“ (Plath 2003, S. 92). „Was ist geblieben? Geblieben ist die Sprache“, antwortete Hannah Arendt in ihrem berühmt gewordenen Fernsehinterview Günther Gaus auf die Frage, was nach dem vollzogenen Kontinentwechsel und der Erfahrung des erzwungenen Exils vom „Europa der Vorhitlerzeit“ bleibe. „Ich habe immer bewußt abgelehnt, die Muttersprache zu verlieren. Ich habe immer eine gewisse Distanz behalten sowohl zum Französischen, das ich damals sehr gut sprach, als auch zum Englischen, das ich ja heute schreibe. […] Ich schreibe in Englisch, aber ich habe die Distanz nie verloren. Es ist ein ungeheurer Unterschied zwischen Muttersprache und einer anderen Sprache“ (Arendt 2005, S. 60). Mit ihren der Antwort auf die Frage nachfolgenden Worten markierte sie eine entscheidende doppelte Differenzerfahrung. Uwe Johnsons Gesprächspartnerin während seiner mit der erzählten Zeitspanne des Romans genau zusammenfallenden Zeit in New York, die unter einem Alias-Namen im Roman selbst zur Figur werden würde, benennt eine Form kritisch produktiver Sprachkritik, die sich in ihrem Fall (und Johnson inszeniert sich ihn für sich) der entscheidenden Selbstreflexion durch einen transatlantischen Perspektivwechsel verdankt. In ihrer 1969 auf Englisch erschienenen Studie On Violence spricht Hannah Arendt — und so sei eine der zentralen Überlegung angesprochen, die den operationalen Gebrauch des Begriffs Transfer betrifft, der vielfach zu voraussetzungslos bestimmt Verwendung findet — von einem „logischen Fehler in diesen hypothetischen Konstruktionen möglicher zukünftiger Ereignisse“: „Was zuerst — je nach dem intellektuellen Niveau mit oder ohne Berücksichtigung der implizit gegebenen Alternativen — als Hypothesen erscheint, wird sehr schnell, oft nach wenigen Abschnitten, zur ‚Tatsachen‘, einem Datum [meine Hervorhebung, N. P.], das dann einer ganz Serie ähnlicher Data gebiert, deren hypothetischer Charakter vergessen ist — und damit der rein spekulative Charakter des ganzen Unternehmens“ (Arendt 1970, S. 11). Ereignisse, schreibt sie wenig später weiter in deutscher Übersetzung von 1970, „sind dadurch gekennzeichnet, dass sie automatische Prozesse oder zur Gewohnheit gewordene Verfahrensweisen unterbrechen; nur eine Welt, in der sich nicht ereignet, entspräche der Grundprämisse der Futurologen. Zukunftsprognosen projizieren gegenwärtige Prozesse und Verfahrensweisen; sie sagen voraus, was aller Wahrscheinlichkeit nach eintreten wird, wenn Menschen nicht handelnd eingreifen und wenn nichts Unerwartetes geschieht. Jede Handlung und jeder Zwischen-
176 SLOVO A SMYSL 24 fall zerstört mit einem Schlag alle Voraussetzungen, in deren Rahmen die Prognose erfolgt und ihre Indizien zusammenstellt“ (ibid, S. 11f.). Was Arendt hier als eine über die Zäsur von 1989 hinaus wirksamen Einspruch gegen das einfache Begreifen von Zeitverläufen und als Apologie des Ereignisses schreibt, wie man es zur gleichen Zeit mit Blick auf die Mai-Ereignisse in Paris von Maurice Blanchot formuliert bekam, wiederaufgegriffen von Derrida in seinem Marx Gespenster als Aufforderung zum fortgesetzten Nachlesen angesichts einer Absage an teleologische Bestimmungen einerseits (wie sie das Marxschen Geschichtsdenken zum Recht verhelfen will) und im scharfer Absage der Rede vom Ende der Geschichte (Fukuyamas) andererseits, kann auch gewendet einen Anspruch an die zukunftsprojizierenden Rekonstruktionen von nie ganz gewesenen Transfers formulieren. Das kann sich sagen lassen, wer bei der Rekonstruktion von Transfers an Epochengeschichten mitschreibt, und Arendts Worte auf jene latent vorhandenen prognostischen Aussagen beziehen, die zumindest implizit in allen transferring readings wirken: „Solche unerwarteten, unvorausgesehenen und unvorhersagbaren Zwischenfälle als bloße Zufälle oder die ‚letzten Zuckungen der Vergangenheit‘ abzutun, bzw. sie in Engels’ ‚Rumpelkammer‘ oder in Trotzkis berühmten ‚Abfalleimer der Geschichte‘ unterzubringen, ist der älteste Trick der zu Propheten gewordenen Historiker; zweifellos helfen solche Kunststücke dabei, in sich widerspruchslose Theorien aufzustellen, doch um dem Preis, sie weiter und weiter von der Wirklichkeit zu entfernen. Als Projektionen tatsächlich beobachtbarer gegenwärtiger Prozesse haben sie immer eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich: gefährlich werden sie erst, wenn sie als in sich schlüssige Theorien auftreten, mit deren Hilfe man angeblich wissen kann, was wirklich war, ist und sein wird“ (ibid, S. 12). Johnsons Zeitroman Jahrestage, der als Teil eines Erinnerungsdiskurses längst nicht ausgelesen ist, in Anlage und Ausführung sowie dessen Kommentierungen eine Zeitund Medienreflexion nicht einfach enthält, sondern aktualisierbar zu machen erlaubt, nimmt — das wäre die hier skizzierte These — ein von Arendt seinerzeit in On Violence wie in ihrer Studie Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I ausgearbeitetes und gegen selbstverständliche oder vereinfachte Vorstellungen von Progression und Fortschritt gerichtetes Angebot zum zeithistorischen Denken auf. Im Roman finden sich Arendts Überlegungen (und nicht ohne Widerspruch, zu dem Johnson als Erzähler der Chronik und dem Almanach verpflichtet, Anlass hat) in die Erzählanlage des Romans umgearbeitet wider. In Johnsons Roman kann damit eine erzählerische Selbstbehauptung gegenüber der Darstellbarkeit von fiktionalen Geschichtsverläufen und eine Absage an Fortschrittsideologien gesehen werden, gegen die Arendt sich in On Violence analysierend wendet, wenn sie schreibt, es sei verständlich, dass der Fortschrittgedanke sich habe durchsetzen können: „Nicht nur kann diese letztlich unbewiesene und unbeweisbare Hypothese die Vergangenheit auslegen, ohne das Zeitkontinuum aufzubrechen, sie liefert vor allem auch dem Handeln einen Zukunftsentwurf an dem es sich orientieren kann“ (ibid, S. 31). Und, zweitens: „Der Fortschrittsgedanke beantwortet die höchst unbequeme Frage, die sich jeder neuen Generation stellt: Und was machen wir nun?“ (ibid., S. 32). Mit einer dieserart informierten konstellativen Art der Sprechweisen, jenen Sprachwechseln, in denen sich die Zeitgeschichte in ihrer Wirkung zeigt, reagiert Johnsons stilisierten Erzählduktus auf Zeitgeschichtsreflexionen, die bei Arendt bis
NILS PLATH 177 Ungarn 1965 und die Studentenrevolte im Mai 1968 reichen und Prag hingegen unerwähnt lassen, wie er in einem klassisch gewordenen Medium, dem Roman, aus der Gegenwart heraus eben deren Nacherzählbarkeit für eine Zukunft in Zweifel zieht und eben davon zu erzählen zur gewaltigen Aufgabe macht. Dabei wird die Frage nach der eigenen Position im Heute des Schreibens und der Lektüren — der Erzählinstanzen innerhalb des Romans, des Autors wie der Leser zu verschiedenen Zeiten — zum Gegenstand anders konstellativer topographischen Schilderungen. Prag, als Stadt ein Ort mit einer Geschichte aus datierbaren Ereignissen,2 fungiert synechdochisch als ein erklärtes Ziel, im Kontrast zu einem gegenwärtigen (New York) und den vielen in der erzählten Geschichte, ist kein idealisierter Ort, sondern einer, der ein Noch-Nicht in der Gegenwartserzählung der Hauptperson einträgt. Die Stadt Prag ist, als ein Ort, an dem die Personen nicht anwesend werden, eben für sie in einer Alltagsgegenwart ein jener Ort, der uns denkt, wie es Derrida im Rückverweis auf Paul Valérys Paris in Generationen einer Stadt, seinem in Prag gehaltenen Vortrag zur Bedeutung der Polis und Unabschließbarkeit eines Gemeinschaftsbaus nach einer epochalen Grenzöffnung formulierte (Derrida 1992a). Als ein Ort, der uns als seine Bewohner und auch Besucher — Derrida in Das andere Kap (1991) — in einem Heute aus anderen Zeiten mit einem Anspruch auf ein Morgen beherrscht, und dessen Herrschaftsgesten und Kräfte erst im Erkennen von dessen Wirkung adressiert werden können. Prag ist als Stadt verschiedener Zeiten und verschiedener Sprachen das Datum, mit dem Uwe Johnsons vierteiliger Roman nicht endet, sondern der von diesem im vierten Buch noch uneingetretenen Ereignis, für das er namentlich steht, her konzipiert und lesbar wird. Die Stadt steht auch vorab ein für das nunmehr verlassene New York als dem zeitgeschichteten Ort, an dem (in Korrespondenz mit Arendt) ein Transfer stattgefunden hat, der über die Reflexionen von zeitaktuellen Ereignissen ein Erzählmodell informierte, dass in zehn JahrenSchreiben dann seine Materialisierung erfuhr. Aus den Jahrestagen jene theoretischen Überlegungen zur Zeit als einen Import von Arendts Überlegungen zur Zeit, Revolution und Fortschritt, das heißt zur Geschichte von Gegenwarten, herauslesen zu können, der sich eines Transfers an der ganz speziellen Konstellation an einem bestimmten Ort verdankt — Johnson nennt das Nachbarschaft — (und dass dem so ist, muss an dieser Stelle eine Behauptung bleiben), scheint eine etwas zu beruhigende Vorstellung zu durchkreuzen: dass sich Antworten finden, auf die offene Frage, wo sich Transfers eigentlich ereignen. 2 Nach Lesart von D.G. Bond wird Prag zu einem für das politische Erzählprinzip der Jahrestage entscheidenden Ort: „Prague is the one place in 1968 where Gesine’s past crystallizes in an attempt to create a new future: it was the scene of Nazi occupation and of Stalinist socialism, both of which have determined the conditions of her childhood. Now the Prague reforms represent an attempt to learn from history just as Gesine’s personal interest in them stems from her wish to overcome her own past. The core to the politics of Jahrestage lies, I believe, in these two examples of addressing the past“ (Bond 1993, S. 76).
178 SLOVO A SMYSL 24 LITERATURE Bond, D. G.: German History and German Identity: Uwe Johnsonʼs Jahrestage. Amsterdam/Atlanta: Rodopi 1993. Arendt, Hannah: Fernsehgespräch mit Günter Gaus (1964). In dieselbe: Ich will verstehen. Selbstauskünfte zu Leben und Werk. Pieper, München 2005, S. 46–72. Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, übers. Gisela Uellenberg. Pieper, München 1970. Derrida, Jacques: Generationen einer Stadt. Erinnerung, Prophetie, Verantwortlichkeiten. Liminarien, übers. Andreas Knop. Lettre International, 1992a, Nr. 18, S. 54–57. Derrida, Jacques: Das andere Kap. In derselbe: Das andere Kap. Die vertagte Demokratie. Zwei Essays zu Europa, übers. Alexander Gracía Düttmann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992b, S. 9–80. Fischer, Sabine: Der Prager Frühling als „Entwurf“: Politische Diskurse in Uwe Johnsons „Jahrestagen“. In: Internationales Uwe-Johnson-Forum. Beiträge zum Werkverständnis und Materialien zur Rezeptionsgeschichte, Bd. 3, 1993. Peter Lang, Frankfurt am Main, S. 53–104. Johnson, Uwe: Begleitumstände. Frankfurter Vorlesungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980. Johnson, Uwe: Jahrestage, Band 1–4 [1970–1983]. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988. Plath, Nils: Sich (kurz) versetzen lassen. In: Olaf Nicolai (Hg.): Rewind Forward. Hatje Cantz, Ostfildern 2003, S. 91–95. RESUMÉ / RÉSUMÉ Míjející dopoledne: črty k přechodům mezi lokalitou a časovou vázaností v Jahrestage Uweho Johnsona — s ohledem na Prahu Článek probírá vybrané pasáže z hlavního díla Uweho Johnsona Jahrestage, v němž významnou roli hrají události „pražského jara“ v roce 1968, a zamýšlí se nad možností chápat historická vyprávění a kritiku jazyka společně (v překladu sui generis) jako kritický vztah k takzvané současnosti a k realitě minulosti. Článek ukazuje, jak jsou způsoby vyprávění, jichž Johnson využívá, ovlivněny pojetím nepředvídatelné budoucnosti a události u H. Arendtové. Klíčové téma pražské přednášky Jacquesa Derridy — jak město determinuje „naše“ vnímání a sebevědomí a jak lze při psaní uchopit a „časovat“ lokalitu — tu je využito k získání přístupu k některým opomíjeným aspektům Johnsonova díla. Johnsonů román a komentáře k němu podávají vnitřně rozmanitou reflexi o čase, skutečnosti a médiích, reflexi, která osvědčí svou současnou platnost, pokud ji vnímáme jako exemplární, hlasem literatury přednesené zpochybnění funkčního přístupu k dějinám a vyprávění o nich. Letting Preceding Days Pass: Sketches on the Transfers between Locality and Time-Anchoring in Uwe Johnson’s Anniversaries — with Regard to Prague The paper concentrates on selected passages from Uwe Johnsonʼs opus magnum, Jahrestage (Anniversaries), in which the Prague Spring and the events of 1968 play a key role, and develops some ideas on how narrations of history and critique of language can jointly (as a translation of sorts) be understood as a critical approach to what is taken to be the present and the reality of the past. It is argued that Hannah Arendtʼs notion of the unpredictability of the future and of the event variously influenced the modalities of narration as employed by Johnson. The central issue of Jacques Derridaʼs Prague lecture on how a city determines ‘our’ modes of (self-)preception and how a location can be grasped and ‘dated’ in writing is put to use in order to develop a singular perspective on some neglected aspects in Johnsonʼs work. Johnson’s novel and its commentaries
NILS PLATH 179 form a diverse reflection on time, reality, and the media which can affirm its contemporaneity when understood as exemplary in contesting, by the voice of literature, the functionalization of history and its narrative. KLÍČOVÁ SLOVA / KEYWORDS Uwe Johnson; Hannah Arendt, Walter Benjamin; Jacques Derrida; pražské jaro; jazyk; diference; narativ; efekty reality; dějepis; mateřský jazyk; pozice; konstelace; masová média; historický román / Uwe Johnson; Hannah Arendt, Walter Benjamin; Jacques Derrida; the Prague Spring; language; difference; narrative; reality effects; history writings; mother tongue; location; constellation; mass media; historic novel Nils Plath | Universität Erfurt
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