Zum Geleit – Übertragungscharakter (překladovost)
Abstract
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Full text
Zum Geleit: Übertragungscharakter (překladovost) Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet ‚Übersetzung‘ die „Übertragung der Bedeutung eines fixierten Textes in einer Ausgangssprache in eine Zielsprache“. 1 Alle modernen Übersetzungstheorien gehen, mehr oder weniger weit, über dieses Begriffsverständnis hinaus. Sie thematisieren auf unterschiedliche Art und Weise auch das, was die Eigenart der Übersetzung, ihre Differenz gegenüber dem Original, ausmacht. Während sich aber Translatologen letztendlich aus verständlichen Gründen an dem Verstehen beim Übersetzungsprozess orientieren, konzentrieren sich Kultur‑ wissenschaftler seit mehreren Jahrzehnten auf das produktive Nichtverstehen, also darauf, was in der Übersetzung über die bloße Kommunikation hinausgeht und als ihre kulturbildende Funktion bezeichnet werden kann. Vladimír Macura (1945–1999) gilt als einer der Vorläufer dieser kulturwissenschaftlichen Ansätze, die später von Bachmann ‑Medick als „translational turn“ benannt wurden (Bachmann ‑Medick 2007: 239–284). Vladimír Macura hat in seinem Konzept des „Übertragungscharakters“ der Kultur schon in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts die kulturbildende Funktion der Über‑ setzung hervorgehoben.2 Er wurde dabei nicht so sehr von den theoretischen Fragen geleitet als von dem spezifischen literaturhistorischen Objekt seines Interesses, der tschechischen Kultur der Vormärzzeit, die durch einen ausgeprägten Bilingualismus des Bildungsbürgertums geprägt war. Nach Vladimír Macura beruhte der Erfolg der tschechischen kulturellen Emanzipation auf zwei scheinbar konträr ausgerichteten Prinzipien: Zum einen auf der Negation der deutschsprachigen Kultur und zum anderen auf dem Axiom der kreativen Übertragung und Auseinandersetzung mit fremdsprachigen kulturellen Artefakten, die oft im deutschen Gewand daherkamen. Mit dem Begriff Übertragungscharakter bezeichnete Macura also ein „deutliches Paradoxon“ der tschechischen Literatur der Vormärzzeit: Der Emanzipationsprozeß der tschechischen Kultur von der deutschen Kultur hat zwei Grundformen. Zwar formiert sich die tschechische Kultur vor allem selbst‑ ständig im Schaffen solcher Kulturprojekte, die die deutsche Kultur nicht kennt. Gleichzeitig aber emanzipiert sie sich von der deutschen Kultur, indem sie sich Äußerungen der deutschen Kultur tschechisierend aneignet, um so die Selbst‑ ständigkeit und eine ihr entspringende Unabhängigkeit zu demonstrieren. Beide Verfahren verbindet nicht nur die gleiche Motivation, sondern letztlich auch der Umstand, daß beide das Paradoxon „abhängige Unabhängigkeit“ oder „unabhängige Abhängigkeit“ aufweisen. (Macura 1977: 71) 1 Siehe die Definition im Online ‑Lexicon Wikipedia, die wohl am besten das allgemeine Verständnis der Übersetzung repräsentiert. URL: <https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cbersetzung_(Linguistik)> [30.06.2020] 2 Zu Macuras Biographie und Bibliographie siehe František Knopps (2000) Macurova Bibliografie; auch on‑ line abrufbar: URL: <http://ucl.cas.cz/edicee/prirucky/bibliograficke/133‑frantisek ‑knopp ‑bibliografie‑ ‑dila ‑vladimira ‑macury> [17.08.2020]. Eine Auswahl von Macuras Arbeiten ist 2010 auf Englisch erschienen (Macura 2010).
8BRÜCKEN 28/1 Die tschechische Kultur sei nach Macura „keinesfalls anders und unabhängig auf‑ gebaut, sondern eigentlich spiegelverkehrt zur deutschen Kultur.“ (Macura 1977: 71) Solch ein negierendes Verfahren in der tschechischen Kultur ging Hand in Hand mit der gegensätzlichen Strategie, die Erscheinungen, denen in der tschechischen Kultur ein hoher Prestigewert zukam oder „die als notwendige Garantie der Vollwertigkeit von Kultur erschienen“ (Macura 1977: 71), der entstehenden tschechischen Kultur durch Übersetzung einzugliedern. Die Eingliederung bedeutete dann nicht nur eine sprachliche Tschechisierung, sondern auch „sämtliche Verfahren eines kulturellen Über ‑Setzens“ (Macura 1977: 74). Macura betrachtete die Negation und Analogie‑ bildung als eine spezifische Leistung des Übersetzens und zeigte ihre Spuren in den tschechischen Übersetzungen deutscher Texte dieser Zeit auf, wo üblicherweise ganze Passagen gestrichen oder neue Kommentare hinzugefügt wurden. In der Gesellschaft, in der die Übersetzung der „hohen Literatur“ für die gebildeten Stände aufgrund des Bilingualismus keine einfache vermittelnde Funktion hatte, da die deutschsprachigen Texte allgemein verständlich waren, wurden gerade diese Transformationen des Textes zum produktiven Aspekt der Übersetzung. Macuras Begriff překladovost, in unserem und im weitesten Sinne als Übertra‑ gungscharakter übersetzt,3 ist ein mehrdeutiger. Darunter werden alle Arten der schöpferischen Nutzung von Originaltexten durch den Übersetzer zusammengefasst, die es diesem ermöglichen, auf Grundlage des Originalwerks überhaupt eigene Ge‑ danken zu äußern oder andere zu verdrängen. Der aktive und facettenreiche Umgang mit den Originaltexten– das Inkorporieren, Umschreiben, Ergänzen, Verschieben, Kommentieren oder aber Auslassen– trägt ganz wesentlich dazu bei, in einem bereits gegebenen Diskurs neue kulturelle Prämissen zu gestalten. Damit rückt er in die Nähe von anderen Methoden, die die Hybridität und transkulturelle Verschiebungen zu untersuchen bemüht sind. Solche Transformationen der Texte lassen sich nicht auf das herkömmliche ‚lost and found in translation‘, auf die linguistische Intransparenz unterschiedlicher Sprachwelten beschränken, da im Prozess des Übersetzens Texte, Konzepte und Ideen als Bestandteile kulturell bedingter kommunikativer Akte begriffen werden. Es geht schließlich in dem Begriff um keine Text ‑Text ‑Beziehung, sondern um die Trans‑ formation der Kontexte, aus denen und in die übersetzt wird. Macuras Auffassung der nationalen Wiedergeburt als eines „Traumes“, der zuerst keine reale Grundlage in der Gesellschaft hatte, hebt die performative Funktion der Übersetzung hervor. Diese performative Auffassung der Übersetzung nimmt so einigermaßen die unlängst von Andreas Langenohl formulierte These vorweg, nach der die Übersetzung als „Er‑ zeugung der Kontexte“ (Langenohl 2014: 23) begriffen wird. Auch Macuras Ansatz zur Funktion der Übersetzung lässt sich als „Anschließung und Aufschließung von Kontexten“ verstehen, die „stets anhand konkreter Texte, Sprechakte und Adressie‑ rungen stattfindet“ (Langenohl 2014: 24). 3 Die Übersetzung von Macuras Begriff ist eine Frage für sich. Ilse Seehase hat sich bei der Übersetzung von „překladovost“ für den Begriff „Übersetzungscharakter“ entschieden (Macura 1977). Daneben bieten sich noch andere Begriffe an, wie „Übertragungscharakter“ oder der heutzutage in den Kul‑ turwissenschaften gängige Ausdruck „Übersetztheit“, wobei keiner dieser Ausdrücke sich– wie auch immer– mit dem tschechischen Begriff „překladovost“ vollkommen deckt.
9MIREK NĚMEC, VÁCLAV SMYČKA Eine solche Auffassung der nationalen Emanzipation erschüttert sehr gründlich den traditionellen Blick auf die Nationalkultur, da gerade das, was in der Kultur als das eindeutig Eigene markiert wurde, nun als Spiegelbild des Fremden erscheint und umgekehrt das, was hier als das Fremde betrachtet wurde, eigentlich als Spiegelbild des Eigenen (zumindest des eigenen Interesses) entpuppt wird. Die Ambivalenz der Grenze wird dadurch zum Grundphänomen der zu emanzipierenden Kultur. Eine solche Kultur besteht praktisch nur aus der Grenze, da alle ihre Zeichensysteme in einem Verhältnis zur fremden Kultur stehen. In diesem Sinne ist eine solche Auf‑ fassung höchst postkolonial. Einiges lässt sich jedoch auch an dem Konzept der Übertragungsprozesse, wie sie Macura auffasst, gerade aus der Perspektive der heutigen Kulturwissenschaft und der postkolonialen Studien noch präzisieren und vertiefen. Es ist vor allem die allzu homogene Auffassung der Kulturen, die Einseitigkeit von Macuras Modell, das nur die tschechische Perspektive und den tschechischen Übertragungscharakter in Betracht nimmt, und schließlich die Vernachlässigung der Wechselbeziehungen zwischen den „übertragenen“ Kulturen. Eine solche Vertiefung und Präzisierung des Ansatzes von Macura ist sicher wünschenswert. Diesem Desiderat widmet sich dieses Heft 1/2021. Herausgeber des Themenschwerpunkts Mirek Němec, Václav Smyčka LITERATUR Bachmann ‑Medick, Doris (2007): Cultural turns: Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. Knopp, František (2000): Macurova bibliografie. Ústav pro českou literaturu AV ČR. Langenohl, Andreas (2014): Verknüpfung, Kontextkonfiguration, Aspiration. Skizze einer Kultur‑ theorie des Übersetzens.– In: Zeitschrift für interkulturelle Germanistik 5/2, 17–27. Macura, Vladimír (1977): Die Beziehung zur deutschen Kultur als kulturbildender Faktor auf dem Höhepunkt der tschechischen nationalen Wiedergeburt.– In: Ilse Seehase (Hg.), Beiträge zur Literatur der tschechischen und slowakischen Wiedergeburt. Leipzig: Karl Marx Universität, 70–80. Macura, Vladimír (2010): The Mystifications of aNation: „The Potato Bug” and Other Essays on Czech Culture. Madison: University of Wisconsin Press.