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The Prague Circle. Franz Kafka, Egon Erwin Kisch, Max Brod, Franz Werfel and Paul Kornfeld and their Legacies. Washington, London: Academica Press

Höhne, Steffen

Abstract

142

Full text

142 BRÜCKEN 30/2 Stephen James SHEARIER: The Prague Circle. Franz Kafka, Egon Erwin Kisch, Max Brod, Franz Werfel and Paul Kornfeld and their Legacies. Washington, London: Academica Press, 2022. 216 Seiten. Steffen Höhne– Hochschule für Musik Weimar/Friedrich -Schiller Universität Jena Die Studie zum Prager Kreis, angeblich die erste umfassende Betrachtung in englischer Sprache, so die Ankündigung des Verfassers (S. 30), befasst sich mit der Rezeptionsgeschichte ausgewählter Autoren dieser Gruppe in den deutschwie englischsprachigen Ländern. Unter Rückgriff auf die Rezeptionsästhetik, von der aber außer einer älteren Studie von Hans Robert Jauss und einer von Roman Ingarden keine weiteren Texte herangezogen werden, soll dennoch eine Geschichte der Rezeption dieses Prager Kreises vorgelegt werden. Hierzu unternimmt der Verfasser in der Einleitung den Versuch eines allgemeinen Abrisses der Prager deutschen Literatur, um dann in einzelnen Kapiteln in einer nicht weiter begründeten Auswahl als Repräsentanten des Prager Kreises Franz Ka"a, Egon Erwin Kisch, Max Brod, Franz Werfel und Paul Kornfeld in den Blick zu nehmen. Neben einem längst nicht mehr den wissenscha#lichen Standards entsprechenden Abriss zur Geschichte der Böhmischen Länder werden– dies wird gleich deutlich– finden immer wieder essentialistische Kategorien Verwendung bzw. werden Kategorien und Konzepte der Moderne retrospektiv auf das Mi%elalter oder die frühe Neuzeit übertragen. Als ein Beispiel mag die Rede von 1618 und Bílá hora als einer Auseinandersetzung zwischen den protestantischen Tschechen gegen die katholischen Deutschen zum Beginn des 30jährigen Krieges dienen (S. 7), der Stände -Konflikt des 17. Jahrhunderts wird also in einer populären wie simplifizierenden Weise dargestellt, die einer wissenscha#lichen Abhandlung in keiner Weise entspricht. Nehmen wir noch ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: 1968 waren, auch wenn manche NVA -Offiziere und SED -Funktionäre sich sicher bereitwillig beteiligt hä%en, eben doch keine deutschen Soldaten in Prag einmarschiert (S. 52). Ferner findet man gängige, von der Forschung längst widerlegte Stereotype wie dem von Eisners dreifachem Ghe%o, in dem sich die jüdischen Autoren in Prag befunden haben sollen. Ergänzt um Gemeinplätze wie Rilkes Stadt der Feindscha#en oder Meyrinks Stadt der Verbrecherintelligenz (S. 23) werden diese literarischen Topoi zu Mustern moderner Entfremdung gemacht. Die bereits von Kurt Krolop in den 1960ern (!) detailliert herausgearbeitete Binnendifferenzierung der Literatur in Prag wird schlichtweg nicht zur Kenntnis genommen, so wie der größte Teil der neueren bohemistischen wie germanistischen Forschung, von der geschichtswissenscha#lichen ganz zu schweigen, dem Verfasser offenbar nicht bekannt ist. Dabei hä%e schon ein Blick in das Handbuch der deutschen Literatur aus Prag und den Böhmischen Ländern (2017) helfen können, die gravierendsten Lücken zu schließen, von der inzwischen vorliegenden, wichtigen Literatur zum Knotenpunkt Prag ganz zu schweigen. Die von Max Brod stammende Zuordnung eines engeren Prager Kreises wird einem Eugen Winterbergh zugeschrieben (S. 25), die längst relativierte, von Klaus Wagenbach 143REZENSIONEN stammende 'ese einer Affinität Ka"as zu anarchistischen Kreisen in Prag wird wie so manches andere ungeprü# übernommen (S. 38), die Rezeption Ka"as in Prag auf einen extrem komplexitätsreduktiven Nenner gebracht: „Apersona non grata during the communist regime, Ka"a is now celebrated in dramatic adaptations throughout his native city.“ (S. 26) Allright! Entsprechend erhält man im Kapitel zu Ka"a entgegen der Ankündigung alles andere als eine Rezeptionsgeschichte, bei deren Darstellung schon das Binder’sche Ka!a - Handbuch (1979) allemal weiter war. Nicht einmal die beiden zum 'ema Rezeption hilfreichen Bände Franz Ka!a. Kritik und Rezeption zu seine Lebzeiten 1912–1924 (1979) und Franz Ka!a. Kritik und Rezeption 1922–1938 (1983) finden Berücksichtigung. Sta%dessen erhält man eine wenig brauchbare, zum Teil willkürliche Aneinanderreihung von Einzelaussagen aus der Forschung zu Ka"a, ohne eine Entwicklungslinie im Rezeptionsprozess mit den jeweiligen wissenscha#spolitischen Konjunkturen zu erhalten. Auch hier zeigt sich das Defizit, die einschlägige Forschung nicht zur Kenntnis zu nehmen, was sich auch in der stark vereinfachenden Darstellung zur Ka"a -Konferenz in Liblice 1963 zeigt, bei deren Betrachtung neuere Studien ebenfalls ausgeblendet bleiben. Man erhält entgegen dem formulierten Fazit also keinen Abriss der Ka"a -Rezeption, wohl allerdings eine auf subjektiven Präferenzen beruhende Lektüre -Empfehlung. Und diese lautet so: Reading Ka"a is like Talmud exegesis. Each interpretation reveals aprofound silence beneath, yet opens up an infinity of new interpretations beyond. One must grapple with Ka"a directly and alone. 'is is the reason psychoanalysts were so unavailing and critics on the Le# so frustrated. It is the reason Ka"a remains forever relevant, despite the vicissitudes of academia and ever -changing valorization of art. 'is is Ka"a’sgenius. (S. 59) Dieser Duktus ist auch auf für anderen Kapitel charakteristisch, bei denen man wie in dem zu Max Brod eher einen bloß deskriptiven Abriss erhält, wobei der rezipierte Forschungsstand nicht über die Studien von Bernd Wessling aus dem Jahr 1968 und von Margarita Pazi aus dem Jahr 1987 hinausgeht, also auf dem Stand der archivalischen Möglichkeiten des Kalten Krieges verbleibt. Und das ist nun doch etwas sehr wenig. Normalerweise sollte der Preis einer zu rezensierenden Arbeit keine Rolle spielen. In diesem Fall allerdings, wo ein höchst dür#iges Bändchen mit etwas weniger als 200 Seiten Text vorgelegt wird und der Verlag meint, einen Preis von 139,95 $ (bzw. im deutschen Buchhandel 185,60 €, bei Ebay sogar 203,08 € [<www.ebay.de/ itm/115862693752>, 01.10.2023]) aufrufen zu müssen, sei mit dieser Regel gebrochen, da hier möglicherweise ein neues Geschä#smodell umgesetzt wird, dem es wenier um wissenscha#lichen Fortschri% als vielmehr um die Ausbeutung der ohnehin nicht üppigen Bibliotheksetats geht. 144 BRÜCKEN 30/2 Attila BOMBITZ/Christoph LEITGEB/Lukas Marcel VOSICKY (Hgg.): Frachtbriefe. Zur Rezeption österreichischer Gegenwartsliteratur in Mitteleuropa. Wien: New academic press, 2022. 407 Seiten. Stephan -Immanuel Teichgräber– Dokumentationsstelle für ostund mitteleuropäische Literatur Wien Die Herausgeber haben ihrem Band mit einem gewissen Understatement den Titel Frachtbriefe gegeben, dabei haben wir es hier mit einem sorgfältigen und sehr vielfältigen Überblick über die Rezeption der österreichischen Gegenwartsliteratur zu tun, wobei ein gewisses Schwergewicht auf die ungarische Rezeption gelegt wird, was aber gar nicht so erstaunlich ist, ist doch die Aufarbeitung der mi%eleuropäischen Literaturen, um mit Moritz Csáky zu sprechen, ein Anliegen vor allem der ungarischen Literaturwissenscha#. Es soll noch einmal betont werden, dass ein solcher Sammelband für die österreichische Literaturwissenscha# sehr wertvoll ist und dass ein solcher schon lange zu erwarten war. Der erste Beitrag ist von dem wichtigen Übersetzer österreichischer Literatur und zugleich Literaturkritiker Miklós Györrfy, der darauf hinweist, dass antifaschistische Autoren wie Franz Werfel, Stefan Zweig und Joseph Roth zwischen 1948 und 1957 nicht erschienen. Hier zeigt sich, wie unerwartet die Zensur in Ungarn funktionierte. Das zeigt sich auch in den weiteren Artikeln, dass die Rezeption in den realsozialistischen Ländern der Ideologie eigentlich nicht entspricht, was sich auch in der Rezeption der jüdischen Literatur in Ungarn zeigt. Ähnlich erging es Arthur Schnitzler, der zwischen 1901 und 1944 einer der am häufigsten Schri#steller ins Ungarische war, nach 1945 jedoch verschwunden war. (S. 25) In der Vermi%lung der österreichischen Literatur sind Zeitschri#en, die auf Weltliteratur ausgerichtet waren, besonders wichtig, in Ungarn war es die Zeitschri# Nagyvilág, auf die entsprechenden Zeitschri#en in den anderen Ländern werden wir noch zu sprechen kommen. In der genannten ungarischen Zeitschri# erschien zuerst Handkes Die Angst des Tormannes beim Elfmeter im Jahre 1970. Dies ist insofern hervorzuheben, da in den fünfziger und sechziger Jahren kein einziges Werk eines österreichischen Gegenwartsautors auf Ungarisch erschien. (S. 28) Eigenartig war, dass der Europaverlag, der 1958 begann zeitgenössische Weltliteratur herauszugeben, erst 1972 Elias Cane%is Die Stimmen von Marrakesch in einer Übersetzung veröffentlichte. Wie bei Broch wurden bei Cane%i die wichtigeren Frühwerke vorerst umgangen. Mit der Publikation von Frost 1974 von 'omas Bernhard begann dann die Rezeption der österreichischen Literatur. Bis dahin überwogen nach Györrfy die Übersetzungen „westdeutscher antifaschistischer Autoren wie Böll, Siegfried Lenz, Wolfgang Koeppen“ bei den Verlagen Európa und Magvető. Der Mann ohne Eigenscha"en wurde 1977 von Dezső Tandori ins Ungarische übersetzt, beinahe zeitgleich mit der tschechischen Übersetzung von Anna Siebenscheinová 1980, also eine Rezeption mit ungefähr fünfzig Jahren Verspätung. Die letzten Tage der Menschheit, die im selben Jahr von Tandori übersetzt und veröffentlicht wurden, waren auf Tschechisch schon 1933 erschienen. Besonders interessant ist die Rezeption von Peter Handke, auf die nicht nur Györrfy, sondern auch Edit Kovács, A%ila Bombitz und Edit Király eingehen. Handke wurde 145REZENSIONEN von den sechziger Jahren bis in die achtziger Jahre intensiv und zeitnah rezipiert, während es nach 1990 ganz still um ihn wurde. Hier zeigt sich, wie stark die politische Haltung eines Autors seine Rezeption verhindern kann, dabei ist es interessant, dass sich alle ungarischen Verlage dieser Ablehnung anschlossen. A%ila Bombitz versucht in seinem Beitrag eine Ehrenre%ung Peter Handkes und dass sich zumindest die ungarische Germanistik bis heute für das Werk Handkes einsetzt (S. 182f.). Aber auch Barbara Frischmuth wurde seit 1990 nicht mehr übersetzt und Peter Rosei schon seit 1985. Bernhard ging es dagegen wesentlich besser, worauf der Beitrag von Ádám Szinger speziell eingeht, wobei Györrfy hervorhebt, dass die ungarische Literatur - kritik Ende der siebziger Jahre Bernhards Werk als pessimistisch und formalistisch bezeichnete. Erst Ende der achtziger Jahre war ein Verlag bereit, Übersetzungen von Bernhard herauszugeben. Wichtig ist in dem Beitrag von Miklós Györrfy, dass er die wichtigen Übersetzer Dezső Tandori und István Eörsi hervorhebt, die in den neunziger Jahren im österreichischen Literaturleben eine wichtige Rolle gespielt haben. Trotzdem haben in den achtziger Jahren Schri#steller wie Esterházy, Kertész oder Krasnohorkai 'omas Bernhard rezipiert, indem sie ihn im Original gelesen haben. Nach 1989– die Autoren verwenden die ideologisch belastete Bezeichnung „Wende“– beginnt erst richtig die Übersetzung von Bernhard in Ungarn, was auch zur Folge hat, dass „einige Übersetzungen auffallend schwach“ waren (S. 32). Die Übersetzung von Elfriede Jelinek setzt sehr spät ein, erst 1997 wird die Klavierspielerin übersetzt, wobei dies eine Parallele in der tschechischen Literatur findet, wo das erste 'eaterstück Jelineks 1994 auf Tschechisch erschien und die Liebhaberinnen als erster Roman 1999. Aber auch später wurde Jelinek in Ungarn, abgesehen vom 'eaterstück Rechnitz und dem Nobelpreis, kaum wahrgenommen. Einer großen Popularität erfreut sich Daniel Kehlmann, dessen Übersetzungen bei Magvető, dem wichtigsten ungarischen Verlag erscheint, der sich bezeichnenderweise sonst kaum für österreichische Literatur interessiert. Robert Schneiders Schlafes Bruder erschien in einer zweifelha#en Übersetzung in den neunziger Jahren und wurde dann nicht weiter übersetzt, ebenso wurde von Peter Henisch in dieser Zeit ein Buch übersetzt, ohne dass weitere Übersetzungen folgten. Die Übersetzung von Wolf Haas beschränkt sich auf die Brenner -Krimis und auf Arno Geiger, der zweimal übersetzt wurde, wobei sich insgesamt bei den einzelnen Verlagen eine gewisse Strategie zeigt. Eine wichtige Rolle für die Übersetzung österreichischer Literatur hat auch der Verlag Kalligram in Bratislava gespielt, wobei er inzwischen seinen Standort in der Slowakei aufgegeben und sich nach Budapest zurückgezogen hat. Damit ging auch die Literaturzeitschri# Kalligram verloren, die an der Vermi%lung österreichischer Literatur maßgeblich beteiligt war. Inzwischen werden auch Einwanderer ins Ungarische übersetzt wie Doron Rabinovici, Vladimir Vertlib und Julya Rabinovich. Györrfy zählt allerdings viele Autoren auf, die bisher nicht übersetzt wurden, wobei sich ein gewisser Trend zeigt, dass deutschsprachige Literatur in den letzten Jahren kaum übersetzt wird und Österreich diesem ebenfalls unterliegt. Würde die österreichische Literatur in einer anderen Sprache geschrieben, z. B. Italienisch oder Englisch, dann wäre die Situation wahrscheinlich ganz anders. Die beiden Beiträge zur Rezeption der österreichischen Literatur von Jaroslaw Lopuschanskyj und Tymofij Havryliv sind auch deswegen interessant, weil die Autoren aus Galizien stammen und damit traditionell einen starken Österreichbezug haben. Lopuschanskyj nennt die österreichischen Autoren der Gegenwart, die am 146 BRÜCKEN 30/2 häufigsten ins Ukrainische übersetzt wurden: Elfriede Jelinek, Peter Handke, Daniel Kehlmann, Martin Pollack, Karl -Markus Gauß, Christoph Ransmayr, Josef Winkler, Barbara Frischmuth, Susanne Scholl, Christine Nöstlinger (S. 43). Aber es wurden auch einige Kinderund Jugendbuchautoren wie Georg Bydlinski, 'omas Brezina, Wolf Harranth, Lene Mayer -Skumanz u. a. übersetzt. Neben den Veröffentlichungen in Buchform spielen Anthologien eine Rolle, so eine von Wolfgang Müller -Funk herausgegebene, die 13 Autoren vorstellt, die „zum klar definierten Kanon der modernen österreichischen Literatur gehören“ (S. 51). Einen weiteren Aspekt der Rezeption bildet die literaturwissenscha#liche Untersuchung der gegenwärtigen österreichischen Literatur. So hat Dmytro Zatons’kyj als erster die Eigenständigkeit der österreichischen Literatur betont, so gehört seine Monographie über Franz Ka"a und sein Buch Österreichische Literatur im 20. Jahrhundert zu den Klassikern der ukrainischen Literaturwissenscha#. Lopuschanskyj geht auf die zwei Studien Tymofij Havrylivs ein, wobei eine auf Deutsch und die andere auf Ukrainisch verfasst ist, die sich mit der Identitätsproblematik der österreichischen Literatur beschä#igt. Einen wichtigen Beitrag zur Rezeption der österreichischen Literatur bilden die Sammelbände Havrylivs, in denen sich der Verfasser das Ziel setzt, über den Kreis der ukrainischen Literaturwissenscha#ler ein breiteres Publikum anzusprechen, um dieses für österreichische Literatur zu interessieren. Ivan Zymomrja hat mit seinen Monographien über die österreichische Literatur des 20. Jahrhunderts Standardwerke der ukrainischen Germanistik für die Moderneforschung vorgelegt (S. 58). Lopuschanskyj zeigt, auf wie vielen Ebenen die Rezeption der österreichischen Literatur in der Ukraine vor sich geht. So weist er auf Symposien hin, die der österreichischen Literatur gewidmet waren. Die Akademie der Wissenscha#en der Ukraine und die Österreichische Gesellscha# für Literatur nehmen bei der Organisation dieser wissenscha#lichen Tagungen eine wichtige Rolle ein, wobei letztere überhaupt über die Österreich -Bibliotheken bei der Vermi%lung der österreichischen Gegenwartsliteratur in Mi%eleuropa eine wichtige Rolle spielt. Hinzu kommen die jährlichen Buchmessen in Kyïv und L’viv, das Internationale Literaturfestival in Odessa und die Österreich -Tage in Drohobyč hinzu. Es sind aber noch weitere österreichische Institutionen bei der Vermi%lung österreichischer Literatur zu nennen, so das Österreichische Kulturforum in Kyïv, der OeAD und Kulturkontakt, der aber in letzter Zeit eine andere Ausrichtung besitzt. Lopuschanskij weist auch auf die Leerstellen in der Vermi%lung hin, sodass eine Reihe von Autoren bis heute nicht übersetzt sind, dabei seien nur Michael Köhlmeier, Gerhard Roth und Hans Eichhorn unter vielen anderen genannt. Einen sehr interessanten Zugang wählt Olha Hronskaya bei der Darstellung der Rezeption österreichischer Literatur in Belarus. Sie stützt sich auf die Polyphonie von Michail Bachtin, welche von der Autorin als „Konzept des Dialogismus“ bezeichnet wird, um mit diesem die Abgeschlossenheit der einzelnen Kulturen zu überwinden. Bachtins Ansatz wird inzwischen in verschiedenen Wissenscha#en angewandt, so auch in der Pädagogik und den Cultural studies, sodass die Überlegungen Hronskayas eine Weiterentwicklung des Modells von Bachtin darstellt. Die Unterschiede zwischen der österreichischen und der belorussischen Kultur und Literatur scheinen auf den ersten Blick viel größer zu sein als die Gemeinsamkeiten, jedoch sind beide Länder durch Multikulturalismus und Polyethnizität geprägt. Auch in der Haltung zum Zweiten Weltkrieg sieht die Autorin eine Gemeinsamkeit, die Österreicher gäben sich selbst 147REZENSIONEN die Schuld, Opfer des nationalsozialistischen Deutschlands geworden zu sein, die Belorussen li%en unter einem Opfersyndrom (S. 62). Außerdem entspräche die ewige Suche der Belorussen der österreichischen ‚Heimatlosigkeit‘, die der erwähnte Dmytro Zatonskij dem sowjetischen Leser enthüllte. Der Vergleich der österreichischen und belorussischen Dramatik in der Dissertation von Tatiana Barychevskaya ru# besonderes Interesse hervor. Die Autorin konzentriert sich in ihrer Darstellung der Präsenz der österreichischen Literatur auf Zeitschri#en und das Internet, weil es nur wenige Übersetzungen ins Belorussische in Buchform gibt. So ist die Übersetzung von Kehlmanns Tyll 1920 beinahe eine Ausnahme, wobei Hronskaya auf die ambivalente Stellung Kehlmanns eingeht, dass er sowohl der deutschen als auch der österreichischen Literatur angehört. Die wichtigsten Zeitschri#en für die Rezeption sind ARCHE pačatak, Dzejasloў und das Online -Magazin PrajdziSvet. Eine Sonderausgabe der ersten Zeitschri# brachte 2011 die belorussische Sicht auf Österreich nicht nur in Bezug auf die Literatur, sondern auch auf andere Bereiche. Durch die Zeitschri#en wurde den belorussischen Lesern erst bewusst, dass viele bekannte deutschsprachige Autoren eigentlich Österreicher sind. Die Sonderausgabe präsentiert eine Anti -Heimatliteratur und zeigt Österreich als ein Land der Verwüstung, des Schweigens, der Einsamkeit und Sinnlosigkeit. Ein zweites Sonderhe# versucht Österreich nicht zu verstehen, sondern nur nüchtern die literarischen Tendenzen darzustellen. Das Heimatbild sei eines der zentralen 'emen der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts gewesen, doch darauf setzte eine Gegenbewegung ein, die durch die Entfremdung der Bevölkerung von ihrem eigenen Land motiviert war und nun ein Land mit „verwüsteter Bevölkerung“ zeigte (S. 68). Die zentralen Anliegen der österreichischen Literatur seien die eigene Identität, das Bild vom Mu%erland und die Beziehung zur Sprache und das Sprachexperiment. Sowohl in der österreichischen als auch in der belorussischen Literatur fänden wir die Suche nach sich selbst und nach dem Bild der Heimat, was eng miteinander verknüp# sei und zu einer „Verbalisierung des Nationalen“ führe. Die Haltung der Schri#steller zu ihrer Heimat wird von dem freiwilligen Beitri% Österreichs zu Nazideutschland, dem Nachkriegsschweigen und der Selbsterklärung Österreichs als erstes Opfer des Faschismus geprägt und bekommt einen ambivalenten Charakter. Die Frage, ob Österreich eine Nation sei, aber keine Heimat, stellt sich der belorussischen Leserin nun auch für ihr eigenes Land. Die beiden zentralen Gestalten, die diese Anti -Heimat -Literatur vertreten, sind 'omas Bernhard und Elfriede Jelinek. Die Ausro%ung der belorussischen Intelligenz in der ersten Häl#e des 20. Jahrhunderts, denken wir nur an Janka Kupala, aber auch die Ereignisse 2020–2021 führten dazu, dass in der belorussischen Literatur das Heimatland ganz anders konnotiert ist. Es dient als Stütze und Fundament, um die eigene nationale Identität zu bewahren und es wird sozusagen sakralisiert, sodass die Konzentration auf die eigene Person als Abwehrkomplex gegen die Zerstörung der eigenen Identität wirkt (S. 70). Der Roman Auslöschung von 'omas Bernhard sei dagegen eine endlose Zerstörung. Das Anliegen der Texte von Elfriede Jelinek läge jedoch darin, sich von der Heimat und damit von der Sprache zu befreien, was darauf zurückzuführen sei, dass die deutsche Sprache durch den Nationalsozialismus diskreditiert wurde. Viele österreichische Schri#steller würden versuchen, die deutsche Sprache zu verlassen, darauf seien die Sprachexperimente zurückzuführen, und eine neue Sprache zu erfinden. Das ganze Sprachexperiment sei nichts weiter als ein Protest gegen das Kulturklima in Öster- 148 BRÜCKEN 30/2 reich. Jelinek zeichne sich durch eine „surreale Schichtung der Bilder“ aus, wobei der Leser mit den gleichen „Bedeutungsrhizomen“ rechnen muss, wenn er die versteckten Anspielungen ihrer Texte entschlüsseln will, deren verwirrendes Sprachspiel hil#, die deutsche Sprache von faschistischen und modernen Missbräuchen zu befreien. Hronskaya stellt eine Parallele zu Bernhard her, wenn Jelinek das Schweigen durch einen Schrei oder eine Explosion überwinden will, denn dies erinnert an Bernhards bekannte Aussage: „Jeder Satz eine Weltrevolution.“ Dabei bezieht sich die Autorin ausdrücklich auf die russische Literaturwissenscha#lerinL. Sokolova. Jelinek war es zu verdanken, dass die Toten zu sprechen begannen. Die Autorin schlägt den Bogen zu Ludwig Wi%genstein, der vom Apophatischen, dem Unsagbaren schrieb und so das Schweigen der Nachkriegszeit vorwegnahm. Dabei werden zwei unterschiedliche Zugänge zu Wi%gensteins Werk bei Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker und anderen avantgardistischen Schri#stellern deutlich. Bachmann und Celan seien auf der Suche nach der Sprache der Liebe, um aus dem Gefängnis der deutschen Sprache auszubrechen. Auch Ernst Jandl zerstöre die alte Sprache, um eine neue Sprache zu erfinden, die eine Verwandlung des Landes zur Folge haben würde. Jandls Auseinandersetzung mit der nationalen Identität kulminiere in der ungelösten Frage des Übergangs vom Austrofaschismus zum Nationalsozialismus in Österreich. In der Nachfolge Jandls steht Ferdinand Schmatz’ Essay, eine neue freie Sprache und ein neues freies Denken zu finden (S. 74). Um jetzt zur Rezeption der belorussischen Literatur zurückzukehren, so gibt es in der belorussischen zwei Zugänge zur Suche nach einer neuen Sprache. Einerseits gibt es die Zerstörung des Sprachmaterials, andererseits tri% eine metaphysische philosophische Poesie auf, zu der die Dichter Baradulin und Ales Razanau gehören. Für die Belorussen macht die Suche nach der eigenen Identität, die Suche nach der Heimat und die Suche nach einer neuen Sprache die österreichische Literatur so wichtig. Um zu MichailM. Bachtin zurückzukehren, besteht das Ziel des Dialogs darin, dass sich die belorussische Literatur durch die österreichische selbst besser versteht. Auf die Rezeption der österreichischen Gegenwartsliteratur in Bulgarien geht Maja Razbojnikova -Frateva ein, wobei sie zuerst die Rilke -Rezeption behandelt, denn die Duineser Elegien wurden seit 2014 dreimal übersetzt. Eine Voraussetzung der Rezeption sei, dass sie auf die Anbindung an einen Bildungskanon verzichtet, dabei sei hervorgehoben, dass die österreichische Schule ausdrücklich auf einen Literaturkanon verzichtet. Die österreichische Literatur würde durch in Inkorporierung in die bulgarische Literatur etwas mehr zur Weltliteratur (S. 78). So sind Bernhard und Handke erfolgreich in der bulgarischen Literatur angekommen. Razbojnikova -Frateva weist auch auf die Bedeutung der Literaturund 'eaterkritik bei der Rezeption der Übersetzungen hin. Hervorzuheben ist, dass ihr Beitrag sich mit den neuesten Übersetzungen der österreichischen Literatur beschä#igt, die zwischen 2011 und 2021 erschienen sind. Die Zahl der übersetzten Werke der österreichischen Literatur ist geringer als die der deutschen und sogar der Schweizer Literatur (wobei nur die deutschsprachigen berücksichtigt werden). Interessant, dass auch in Bulgarien die übersetzte Kinderund Jugendliteratur stark vertreten ist, dagegen wird die Lyrik kaum übersetzt. Hilfreich ist, dass die Literaturzeitschri#en genannt werden, da die bulgarischen On -line -Zeitschri#en wie Kultura und Literaturen vestnik eine hohe Qualität haben. Neben den übersetzten Autoren gibt es auch solche, die zwar im lite- 149REZENSIONEN rarischen Diskurs in Bulgarien bekannt sind, aber noch auf ihre Übersetzung warten. Die Autorin meint, dass die Auswahl der Übersetzungen von der Beschlagenheit, den Kenntnissen und dem Geschmack der Übersetzerin oder des Übersetzers abhängt, die dann im Zusammenspiel mit der Ausrichtung des Verlages zur Publikation führt. Ebenso hat der Au#ri% auf der Buchmesse in Sofia einen positiven Effekt, wie es sich bei Marlene Streeruwitz und Robert Menasse gezeigt hat. Doch gibt es im Internet, da die Verlage von einer Finanzierung von außen abhängig sind, Geisterübersetzungen. Interessanterweise gehört Robert Seethaler durch zahlreiche Übersetzungen zu den bekanntesten und beliebtesten österreichischen Autoren in Bulgarien. Eine wesentliche Rolle für die Verbreitung spielen die sozialen Medien und Blogs der Leser. Aber auch Daniel Kehlmann ist durch das Fernsehen, Literaturzeitschri#en, das Internet und Übersetzungen in Buchform fest in der bulgarischen Literaturlandscha# verwurzelt. Wichtig ist eine Literatursendung von Radio Plovdiv zur Verbreitung der österreichischen Literatur. Die akademische Rezeption erfolgt dagegen in deutscher Sprache, wobei Gespräche österreichischer Autoren mit bulgarischen Studierenden von großer Bedeutung sind. Am Ende werden Autoren genannt, die bisher nicht übersetzt wurden und über die auch noch nicht gesprochen wird, wobei wieder Michael Köhlmeier und Peter Henisch dabei sind. Tymofiy Havryliv widmet sich in seinem Beitrag dem österreichischen Drama, wobei die ukrainische Rezeption österreichischer Literatur nach dem Ersten Weltkrieg einsetzt, da zu Anfang der Sowjetunion die ukrainische Literatur und Kultur einen starken Aufschwung nahm, der dann durch den Holodomor und die stalinistische Repression abgebrochen wurde. Havryliv teilt die Rezeption in drei Perioden, wobei die dri%e mit der Perestrojka einsetzt. Unter Rezeption versteht der Autor eine „breite Pale%e“, auf der der Übersetzung eine „Schlüsselrolle zukommt.“ Durch das Übersetzen, hebt Havryliv hervor, finde eine erste Interpretation sta%, es ist also nicht nur eine „Transplantation von Form und Sprache“, sondern es tri% noch ein weiterer Aspekt hinzu. Die Aufarbeitung der Fremdliteratur in einem Zieldiskurs bleibt den Literaturwissenscha#lern vorbehalten, die über die entsprechenden Sprachkenntnisse verfügen, das betrifft nicht nur Deutsch, sondern auch Französisch, Englisch oder Chinesisch. Dies wäre auch eine Anregung für weitere Frachtbriefe aus der frankophonen Welt, der angelsächsischen und der chinesischen. Havryliv geht, bevor er die Rezeption der zweiten Häl#e des 20. Jahrhunderts in den Blick nimmt, noch einen Schri% zurück. Die Übersetzer zuvor übersetzten auch aus anderen Sprachen, so aus dem Französischen, dabei hebt er den Schri#steller Valerjan Pidmohylnyj hervor, der den französischen Stadtroman durch seine Übersetzungen in die ukrainische Literatur einführte. Diese Universalität, aus mehreren Sprachen zu übersetzen, ging im Stalinismus verloren. Der erwähnte Übersetzer und Schri#steller endete im Gulag und seine Werke wurden erst 1991 wieder verlegt. Die Rezeption der österreichischen Literatur in der ersten Häl#e des 20. Jahrhunderts muss also in einem größeren europäischen Kontext gesehen werden. Beim Übersetzen wurde Lyrik und Prosa bei weitem dem Drama vorgezogen (S. 95). Seit 2005 werden wiederum weit mehr Gedichte übersetzt als Prosawerke. Ein wichtiger Dramenübersetzer ist Borys Hrynčenko, dessen Übertragungen Schnitzlers eher ein Nebenprodukt seiner auf die Weimarer Klassik konzentrierten Tätigkeit sei. Von 1907 bis 1920 war Schnitzler in der Ukraine äußerst beliebt und durch seine Stücke entstand eine neue 150 BRÜCKEN 30/2 Generation von 'eaterautoren. Hundert Jahre später werden die in der Zwischenzeit verbotenen und vergessenen Übersetzungen wiederaufgeführt und es entsteht ein Dialog zwischen zwei Kulturepochen. In der ersten Epoche, vor und während des Ersten Weltkrieges wurden die deutschsprachigen Texte sofort ins Deutsche übersetzt, während später die Verzögerungen der Rezeption immer länger werden. Bei Marija Hrinčenko bleibt etwas unklar, aus welchen Sprachen sie übersetzt, wenn sie hauptsächlich aus dem Englischen und dem Russischen übersetzt hat und als Autoren Ibsen, Sudermann und Maeterlinck genannt werden. Für Peter Altenberg gab es in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein verstärktes Interesse, jedoch der Lieblingsautor der ukrainischen Übersetzung war Hugo von Hofmannsthal. Interessanterweise gab es zu dieser Zeit eine ukrainische expressionistische Prosa. Während in der Prosa der französische Roman das Vorbild war, waren es in der Dramatik das deutschsprachige und das skandinavische Drama. Bei der Rezeption der österreichischen Literatur der ersten Häl#e des 20. Jahrhunderts in der Ukraine kann man das tragische Schicksal der Übersetzer nicht übersehen, die zu einem großen Teil Opfer des stalinistischen Terrors wurden. Es gäbe noch eine Reihe interessanter Beiträge zu besprechen, besonders der über Esterházys Donaubuch von Edit Király, doch möchte ich die Rezension nicht überfrachten. Es ist insgesamt ein sehr interessanter und informativer Band geworden. Ein Index der Namen würde das Arbeiten mit dem Band wesentlich erleichtern, weil man so schneller sehen könnte, welche Schri#stellerin und welcher Schri#steller übersetzt oder nicht übersetzt ist und zum anderen könnte man schneller die Übersetzer finden und den einzelnen Werken zuordnen. Sabine Voda ESCHGFÄLLER/Milan HORŇÁČEK (Hgg.): LoandoII. Beiträge Olmützer Doktoranden zur deutschböhmischen und deutschmährischen Literatur. Olomouc: Palacký -Universität, 2022. 252 Seiten. Steffen Höhne– Hochschule für Musik Weimar/Friedrich -Schiller Universität Jena Dass die Olmützer Germanistik höchst aktiv ist bei der literaturwissenscha#lichen Rekonstruktion der mährischen (und auch böhmischen) Literaturregion konnte bisher durch eine Vielzahl an Publikationen eindrucksvoll unter Beweis gestellt werden, von denen hier nur der Sonderband des Jahrbuches brücken N.F. 18/1–2 (2010) genannt sei, der einen umfassenden Überblick der Forschungen zur deutschmährischen Literatur versammelt und der maßgeblich aus Arbeiten des Olmützer Instituts bestri%en wird. Hieran kann der jüngst erschienene Band Loando II anknüpfen, der Arbeiten Olmützer Doktoranden zur deutschen Literatur aus den Böhmischen Ländern versammelt. Der kryptische Titel, wie die Herausgeber im Vorwort vermerken, geht auf den deutsch- 157REZENSIONEN haben viele innovative schöpferische Verfahren entwickelt, auf die zeitgenössische Autoren zurückgreifen, wenn sie den jungen Leser des 21. Jahrhunderts ansprechen wollen. Wie Literaturwissenscha#ler nachgewiesen haben, haben Heinrich Hoffmann und Wilhelm Busch mit ihren Werken Der Struwwelpeter oder Lustige Geschichten und drollige Bilder und Max und Moritz, aus denen „klassische Vorbilder werden sollten, die Erwartungen von älteren Lesern prägten und spätere Autoren zur Nachahmung anregten“ (S. 91), einen wesentlichen Beitrag zur Entstehung der Kinderund Jugendliteratur geleistet und die Tradition von neuen Ga%ungen begründet, zu denen die literarische Karikatur und ein Wortund Bildnarrativ zählen, aus dem sich die heutige Ga%ung Comics entwickeln sollte. Die Autorin weist darauf hin, dass „es im Werk von Busch (und auch von Hoffmann) Elemente gibt, die aus ihm einen der Vorgänger derjenigen Dichter des 20. Jahrhunderts machen, die vor allem den Intellekt und nicht so sehr die Emotion ansprechen wollen und die mit dem Nonsens arbeiten. Bei diesen Elementen handelt es sich um Satire, ironischen Blick auf die Welt und Spiel mit dem Klang des Wortes, das von seiner Bedeutung losgelöst wird. Dieses Spiel macht sich vor allem bei der Arbeit mit Interjektionen bemerkbar.“ (S. 105) Zugleich fügt Broukalová jedoch hinzu, dass „der Wortklang im Unterschied zu Morgenstern für die Struktur des Gedichts nicht ausschlaggebend ist.“ (S. 105) Darüber hinaus werden in dem Beitrag auch weitere Merkmale der beiden Werke analysiert, die am Anfang einer Tradition stehen, die bis zu der zeitgenössischen kinderund Jugendlyrik führt. Neben der Analyse ist auch die Einführung von Textbeispielen verdienstvoll, die dem Leser diese im 19. Jahrhundert zukun#strächtigen und bis heute nachwirkenden Werke nahebringen können. Als eine komplementäre Ergänzung zu dem Beitrag von Jindra Broukalová, die sich mit der klassischen Kinderund Jugendliteratur beschä#igt, kann man den Beitrag Poezie tady žije! Významní autoři západofríské poezie vnizozemské provincii Frísko [Hier ist die Lyrik quicklebendig! Bedeutende Autoren von westfriesischer lyrik in der niederländischen Provinz Friesland] von Eva Brázdová Toufarová verstehen, die dem Leser einen Einblick in die in westfriesischer Sprache geschriebene Kinderlyrik vermi%elt, die selbst in der niederländischen Provinz Friesland als eine bedrohte Sprache angesehen wird. Die Autorin zeichnet die Entwicklung dieser Kinderlyrik nach und konzentriert sich auf die Analyse des Schaffens zweier Dichterinnen Diet Huber (1924–2008) und Tinu Mulder (1921–2010), die sich durch die Nonsens -Poesie inspirieren ließen. Mit ihren in der Öffentlichkeit sehr beliebten Versen, die sich durch Witz und Leichtigkeit auszeichnen zaubern sie absurde Situationen, deren Protagonisten Tiere oder Sachen (zum Beispiel eine Gurke) sein können. In dem Beitrag Interpretace veršovaného příběhu pro děti asdětmi [Interpretation einer Versgeschichte für Kinder und mit Kindern] denkt Hana Matulová darüber nach, wie man dem Kind das Lesen ‚schmackha#‘ machen und seine Lesekompetenzen entwickeln kann. Zu schätzen ist die vom Standpunkt der Didaktik her durchgeführte Analyse von Inhalt und sprachlicher Gestaltung der multimedial au5ereiteten Versgeschichte Ó, ó, ó vajíčko [Oh, oh, oh, ein Ei] (2019) von Ester Stará und Milan Starý, deren Ausgangspunkte durch eine von Hana Matulová im Jahre 2020 realisierte empirische Untersuchung überprü# wurden, die mit der Methode des gezielten Fragestellens durchgeführt wurde, wobei die Rezipienten Kinder im Vorschulalter und Erstklässler waren. 158 BRÜCKEN 30/2 Jindřich Bernt analysiert im Beitrag Od Erbena kŽáčkovi. Pohled na poezii včítankách 4. a5. tříd [Von Erben bis zu Žáček. Eine Untersuchung der in den Lesebüchern für die 4. und 5. Klasse vorhandenen Lyrik] acht von verschiedenen Verlagen herausgegebene Lesebücher, die vom tschechischen Schulministeriums genehmigt wurden. Eine Stärke dieser Untersuchung, deren Ergebnisse übersichtlich geordnet in tabellarischer und grafischer Form vorliegen, stellt die Anwendung der statistischen Methode an den Forschungsgegenstand dar. Das Fazit von Bernts Untersuchung zeigt, dass die Lyrik in den meisten Lesebüchern quantitativ ziemlich gut und mit angesehenen Autoren vertreten ist. Allerdings geht es meistens um bewährte klassische Autoren. Die Lesebücher würden eine Innovation von Inhalt und Form verdienen, fügt er hinzu. Als Inspiration für eine neue Autorenauswahl könnte gerade die hier besprochene Monografie liefern.