Vom Hirschberger Stadtimage zum Erinnerungsort der nordböhmischen Deutschen
Abstract
92
Full text
Vom Hirschberger Stadtimage zum Erinnerungsort der nordböhmischen Deutschen Martin Klement1— Renata Mauserová2 ABSTRACT At the end of the 19th century Hirschberg (now Doksy), asmall town in the north of Bohemia, started to benefit from the increasing tourism. To attract more tourists many institutions, organisations and individuals in and outside of Hirschberg constructed an idealistic image of the town defining it as aspa in the centre of abeautiful countryside. In this paper we focus on how the new image of Hirschberg was formed, what it was like and how it differed from the reality. We also try to analyse the influence of this image on the memory of the Germans who had to leave Czechoslovakia after the Second World War. In their commemorative literature many parts of the erstwhile advertising material often reappear. Published in this new context they seem to have created from Hirschberg and its surroundings alocal memory space that symbolizes the beauty and harmony of the lost home land. KEYWORDS Image Politics; Memory Space; Commemoration; Tourism; Germans; Spa; Hirschberg; Doksy; Großteich; Máchovo jezero; Hirschberger Land; Máchův kraj Im Mittelpunkt des vorliegenden Beitrages3 steht die nordböhmische Stadt Doksy (Hirschberg) mit der anliegenden Wasserfläche Máchovo jezero (Mácha-See) und der Umgebung, die heute unter der Bezeichnung Máchův kraj (Mácha-Land) allgemein bekannt ist. Zur Erholung suchten die Sommerurlauber diesen Ort bereits vor mehr als hundert Jahren auf. Da er aber früher zum sogenannten „Sudetenland“ gehörte, geriet er vor 1945 in den Sog des nationalen Konfliktes zwischen Deutschen und Tschechen. Von beiden Nationen schon damals anders interpretiert, erinnert man sich bis heute unterschiedlich an ihn. Bei unseren früheren Auseinandersetzungen mit der Geschichte der Stadt Doksy sind uns Ähnlichkeiten aufgefallen zwischen 1 Martin Klement, Department of Humanities, Institute of Technology and Business in České Budějovice, Okružní 517/10, 370 01 České Budějovice, Czech Republic, [email protected] 2 Renata Mauserová, Culture of Doksy, Valdštejnská 251, 47201 Doksy, Czech Republic, [email protected] 3 Für die sprachlichen Korrekturen bedanken wir uns herzlich bei Sonja Nadolny, Markéta Monserud und Nils Monserud.
MARTIN KLEMENT— RENATA MAUSEROVá 93 dem medialen Stadtimage, das in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts produziert wurde, und dem Stadtbild, das die zwangsausgesiedelten Deutschen mit Aufsätzen, Fotografien und Zeichnungen in ihrem kollektiven Gedächtnis konstruierten und das bei ihnen die Funktion eines Erinnerungsortes hatte. Gab es tatsächlich Zusammenhänge zwischen dem Hirschberger Image und dem Erinnerungsort der nordböhmischen Deutschen? Um auf diese Frage eine befriedigende Antwort zu geben, befassen wir uns im Abschnitt „Semantische Überlegungen“ zuerst mit der Problematik der deutsch-tschechischen Ortsnamen sowie mit der Tauglichkeit des Begriffes „Erinnerungsort“ für Doksy/Hirschberg und dessen Umgebung. Im folgenden Teil, der mit dem Titel „Hirschberger Stadtimage“ überschrieben wird, konzentrieren wir uns auf die Periode von den 1880er Jahren bis zum Jahre 1945 und arbeiten heraus, mit welchen Mitteln die periphere Stadt ihr Image als „Metropole des nordböhmischen Touristenlebens“4 generierte, wie dieses Image aussah und inwieweit es von der Stadtrealität abwich. Mit den verschiedentlich artikulierten Erinnerungen der aus Nordböhmen stammenden Deutschen beschäftigen wir uns im abschließenden Teil „Das Stadtimage als Grundlage des Erinnerungsortes“. Anhand zahlreicher Beispiele versuchen wir dabei den Einfluss des einstigen medialen Stadtimages auf das kollektive Gedächtnisbild festzustellen. Bei der Bearbeitung des Themas haben wir uns zum einen auf die umfangreiche Literatur gestützt, die sich den Erinnerungsorten widmet, zum anderen haben wir spezielle Quellen herangezogen. Allen voran standen uns im Kreisarchiv in Česká Lípa die Chroniken der Stadt Doksy und die Korrespondenz des dortigen Stadtamtes zur Verfügung. Folglich haben wir uns des gedruckten, bis jetzt weniger beachteten „Propaganda“-Materials bedient, das sich aus Zeitungsannoncen, Prospekten, Reiseführern und Ansichtskarten zusammensetzt. Viele von diesen Unterlagen sind ebenfalls im Archiv in Česká Lípa untergebracht, andere befinden sich im Privatbesitz von Renata Mauserová. Zu Hilfe haben wir schließlich die Erinnerungsliteratur jener Deutschen genommen, die in Nordböhmen geboren wurden und nach dem Zweiten Weltkrieg dieses Gebiet verlassen mussten. Mit Blick auf die Fragestellung waren für uns in erster Linie Biographien, Erinnerungssammelbände und Periodika von besonderer Relevanz. Mit unserer Analyse beabsichtigen wir zum einen die regionale Historiographie um neue Erkenntnisse zu bereichern, zum anderen setzen wir uns als Ziel, der aktuellen internationalen Fremdenverkehrsforschung neue Anregungen zu geben. Es sollte deutlich werden, dass es neben den großen Städten auch zahlreiche kleinere mitteleuropäische Gemeinden gab, die sich an der Wende des 19.und 20.Jahrhunderts mit der aufsteigenden Zahl der Urlauber neu profilierten und dazu alle möglichen, damals denkbaren Werbestrategien einsetzten. Die Gedanken über die Entstehung des Stadtimages und über dessen Auswirkung auf das Gedächtnis können wiederum für diejenigen inspirierend sein, die über Regionen, Medien oder Erinnerungsorte forschen. 4 BILDDIENST DER BADEVERWALTUNG (Hrsg.), Die Nordböhmischen Binnenseebäder Hirschberg-Thammühl, Hirschberg 1931.
94 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 2/2018 SEMANTISCHE ÜBERLEGUNGEN In dem analysierten Material kommen häufig Ortsnamen und Ortsbezeichnungen vor, die Ausdruck einer konkreten Perspektive sind. Viele Schwierigkeiten ergeben sich vor allem dann, wenn solche Begriffe in eine historiographische, in deutscher Sprache geschriebene Analyse einzubeziehen sind. Soll in diesem Fall zum Beispiel die untersuchte Stadt als „Doksy“ oder „Hirschberg“ genannt werden? Ist der geeignete Name für die Wasserfläche „Großteich“ oder „Máchovo jezero“? Und wird der Charakter des Ortes am besten mit dem Terminus Kurort, Badeort, Sommerfrische oder Rekreationszentrum erfasst? Das Konzept der Erinnerungsorte macht alles noch ein Stück komplizierter, denn kollektives Gedächtnis und Sprache können voneinander nicht getrennt werden. Bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Erinnerungen kann ein beliebiger Wechsel der Ortsnamen und Ortsbezeichnungen deshalb zu Bedeutungsverschiebungen führen. Um dies zu verhindern, muss zuallererst geklärt werden, unter welchen Umständen die Benennungen der Orte entstanden, was sie bedeuten und in welchen Kontexten sie am besten verwendet werden können. Als in der zweiten Hälfte des 13.Jahrhunderts die nordböhmischen Städte gegründet wurden, waren ihre Lokatoren überwiegend Deutsche, doch sprachen die Einwohner auch häufig tschechisch. Viele Lokalitäten in diesem Gebiet hatten deswegen von Anfang an zwei Namen, wie etwa „Hirschberg“— „Doksy“. Die Benennung „Hirschberg“, die schriftlich bereits 1293 belegt ist,5 geht wahrscheinlich auf die hügelund wildreiche Umgebung zurück. In einer Urkunde aus dem 15.Jahrhundert erscheint dann auch der Name Dokzy,6 der später in verschiedenen Varianten wie Dogzi, Dokzi, Doxy oder Doksi auftaucht. Einer Vermutung nach hat der ungewöhnliche Name seinen Ursprung im keltischen Wort „dox“ (finster).7 Mit ihm kann das überschwemmte Moorgebiet bezeichnet worden sein, an dem die Stadtgründung erfolgte.8 Seit 1918 ist ausschließlich die Variante „Doksy“ zugelassen, gleichzeitig hatte die im deutschen Grenzgebiet liegende Stadt bis 1945 noch einen anderen offiziellen Namen, und zwar „Hirschberg“, beziehungsweise „Hirschberg-Thammühl“. Zu der Stadt gehörte nämlich auch die Ortschaft „Thammühl“ oder „Staré Splavy“, die sich auf dem Nordufer der Wasserfläche befindet und die sich zu der Zeit ebenfalls als Strandbad einen Namen machte. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges heißen die Orte offiziell nur noch „Doksy“ und „Staré Splavy“, in der Sprache der zwangsausgesiedelten Deutschen finden freilich nach wie vor die alten deutschen Ortsnamen ihre Verwendung. Ist die zweisprachige Benennung der Stadt durch die mittelalterlichen Bevölkerungszustände bedingt, hat das Paar „Großteich“— „Máchovo jezero“ schon eindeutig einen nationalistischen Hintergrund. Vom Kaiser Karl IV. im Jahre 1366 gegründet 5 J.EMLER (Hrsg.), Regesta diplomatica nec non epistolaria Bohemiae et Moraviae. Pars II., Annorum 1253–1310, Pragae 1882, S.701. 6 M.VOJTÍŠKOVÁ— B.VOJTÍŠEK, Dokský listinář, Ústí nad Labem 1969, S.9. 7 E.SOBÍŠEK, Dokzy, Doksy, Doksí, in: Bezděz 3, 1932, S.85–89. 8 A.PROFOUS— J.SVOBODA— J.ŠMILAUER, Místní jména vČechách. Jejich vznik, původní význam azměny. Dotisk 1.dílu A–H, Praha 1954, S.416–418.
MARTIN KLEMENT— RENATA MAUSEROVá 95 und vorzugsweise für die wirtschaftliche Nutzung bestimmt,9 wurde für die Wasserfläche ein schlichter Namen „Großteich“ gewählt. Dieser bürgerte sich ein und in allen deutschsprachigen städtischen Quellen war zuerst vom „Großteich“ die Rede. Unter der tschechischen Bevölkerung wurde der „Großteich“ in übersetzter Form als „Velký rybník“ genannt. Nachdem die Stadt zunehmend als Urlaubsort bekannt geworden war, bekam der Teich sukzessive die werbewirksamere Bezeichnung „Hirschberger See“. Davon wiederum leitete die Stadt inkorrekt den Namen „Hirschberg am See“ ab, um sich von dem polnischen Hirschberg, dem heutigen Jelenia Góra, zu unterscheiden. Das Jahr 1931 änderte die bisherigen Sprachgewohnheiten. Von dem tschechischen Lehrer Bohumil Kinský wurde der Reiseführer „Doksy, Bezděz aMáchovo jezero sokolím“ herausgegeben, in dem die Wasserfläche unter dem Namen „Máchovo jezero“ vorkommt.10 Nicht nur ehrte die neue Bezeichnung den bedeutendsten tschechischen romantischen Dichter Karel Hynek Mácha, sondern sie erinnerte zugleich an den See, der in Máchas Hauptwerk „Máj“ eine zentrale Rolle spielt und dessen Vorbild gerade der „Großteich“ war. Nach 1945 waren die Namen „Großteich“ und „Hirschberger See“ im sprachlichen Gebrauch der zwangsausgesiedelten Deutschen weiter geläufig. In der neu errichteten Tschechoslowakischen Republik verhalfen jedoch die zahlreichen kulturellen Veranstaltungen11 ebenso wie die neuen Reiseführer12 den identitätsstiftenden Namen „Máchovo jezero“ derartig zu verfestigen, dass die Wasserfläche heute nicht anders genannt wird, obwohl es zu einer offiziellen Umbenennung nie kam. Auch in der populären mundartlichen Benennung des Teiches als „Mácháč“ ist der Name des Dichters immerhin beinhaltet. Die Entwicklung der Begriffe, die den Ort umschrieben, ist nicht minder kompliziert. Am Ende des 19.Jahrhunderts erkannte das überwiegend agrarorientierte „Hirschberg“ ziemlich schnell, was für Potenzial im Fremdenverkehr verborgen war. Darum wurde schon 1906 das Stadtbadgebäude eröffnet13 und in der Tschechoslowakischen Republik vermarktete sich die Stadt als „Binnenseebad“14 „Strandbad“15 oder „lázně“ (Kurort), auch wenn ihr der Status eines Kurortes nicht zuerkannt wurde.16 9 B.KRABICE ZWEITMILE, Kronika pražského kostela. Kniha čtvrtá, in: M.BLÁHOVÁ (Hrsg.), Kroniky doby Karla IV., Praha 1978, S.212–247, hier S.238. 10 B.KINSKÝ, Doksy, Bezděz aMáchovo jezero sokolím, Česká Lípa 1931; B.KINSKÝ, Dubské Švýcarsko. Okolí Dubé, Doks, Máchova jezera, Bezděze, Mšena, Kokořína, Liběchova, Štětí, Úštěku aČeské Lípy, Semily 1936. 11 I.Máchův Máj. Doksy uMáchova jezera. 18.–25.V. 1946, [Doksy 1946]. 12 Beispielsweise B.KINSKÝ, Máchovo jezero— naše moře. Turistický průvodce Doksy— Staré Splavy— Bezděz— Máchovo jezero sokolím, Doksy 1947. 13 Státní okresní archiv (nachfolgend nur SOkA) Česká Lípa, Fond Městský úřad Doksy, Karton 129, Inventarnummer 603, Brief der Bezirkshauptmannschaft in Dauba an das Bürgermeisteramt in Hirschberg vom 24.7.1906; Bericht über die Badeanstalt in Hirschberg, gesendet am 21.8.1922 vom Bürgermeister an die Bezirksverwaltung in Dauba. 14 J.QUAIßER, Die Binnsenseebäder Hirschberg-Thammühl und Umgebung, Böhmisch Leipa 1928. 15 BADEVERWALTUNG HIRSCHBERG ČSR (Hrsg.), Nordböhmische Strandbäder Hirschberg-Thammühl am See ČSR, Hirschberg [nach 1931]. 16 Drahota, kterou knám zavlékají říšsko-němečtí hosté, in: Národní politika (odpolední vydání) (29. Juli 1927), S.3.
96 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 2/2018 Erst im Jahre 1940 wurde „Hirschberg“ nach den reichsdeutschen Richtlinien in die Kategorie der deutschen Luftkurorte aufgenommen.17 Darüber hinaus wurde der Ort sowohl mit Riviera verglichen,18 als auch mit dem vornehmen italienischen Terminus „Lido“ bezeichnet.19 Noch in einem Reiseführer aus dem Jahre 1947 verband Bohumil Kinský mit „Doksy“ Begriffe wie „české Lido na Máchově jezeře“ (böhmisches Lido am Mácha-See), „severočeská Riviéra“ (nordböhmische Riviera), „vzdušné lázně“ (Luftkurort) und „jezerní lázně“ (Seebad),20 trotzdem scheinen alle solchen Bezeichnungen nur aus einer gewissen Trägheit verwendet worden zu sein. Sie erzeugten nun allzu starke Assoziationen auf die Vorkriegsverhältnisse, wo in „Doksy“— so ein in der Schulchronik eingeklebter Zeitungsartikel— jene weilten, die auf Kosten der Arbeitenden reich wurden.21 Die Stadtchronik informiert weiter von der Absicht der Stadtgemeinde, bei der Organisierung des Fremdenverkehrs den neuen sozial-politischen Verhältnissen Rechnung zu tragen. „Der freie Fremdenverkehr“ sollte daher nach „Doksy“ kanalisiert werden, während die Rekreationsgewerkschaftsbewegung beauftragt war, die Erholung der Arbeitermassen in „Staré Splavy“ zu regeln.22 Parallel mit der Überlagerung der Wörter „Seebad“, „Kurund Badeort“, „Lido“, „Riviera“ oder „lázně“ durch den Begriff „rekreační středisko“ (Rekreationszentrum) verschwanden auch die alten Bezeichnungen der Region, vor allem der Begriff „Hirschberger Land“, der in den früheren deutschen Fremdenverkehrsschriften üblich war.23 Nach dem Vorbild der Wasserfläche sollte jetzt das ganze Gebiet den Dichter Karel Hynek Mácha verewigen. Dazu gab unter anderem auch František Patočkas Reiseführer mit dem Titel „Máchův kraj“ einen entscheidenden Anstoß.24 Als „Máchův kraj“ gilt heutzutage jener Landstrich, der zwischen den Burgen „Bezděz“ („Bösig“), „Starý Bernštejn“ („Altperstein“), „Houska“ („Hauska“) und „Ralsko“ („Rollberg“) liegt und „Doksy“ mit dem „Máchovo jezero“ im Mittepunkt hat. Allerdings veränderte sich nach 1989 wieder der Charakter des Ortes. Statt als Zentrum der sozialistischen Arbeiterrekreation präsentiert sich „Doksy“ mit „Staré Splavy“, beziehungsweise die 17 Luftkurorte alphabetisch geordnet, in: REICHSFREMDENVERKEHRSVERBAND (Hrsg.), Reichshandbuch der deutschen Fremdenverkehrsorte. Wegweiser durch Deutschland für Kur, Reise und Erholung. Band 1 der 11.Ausgabe, Berlin 1940, S.115. 18 SOkA Česká Lípa, Fond Obecná aměšťanská škola (česká) Doksy, Karton 1, Inventarnummer 1, Kronika české školy Doksy 1919–1938 (1949), S.250; B.KINSKÝ, Českolipsko. Lázně— Letoviska— Turistika. Severočeská Riviera, Česká Lípa 1933. 19 Böhmens Lido. Die nordböhmischen Binnenseebäder Hirschberg-Thammühl ČSR, Hirschberg [nach 1930]. 20 B.KINSKÝ, Máchovo jezero— naše moře. Turistický průvodce Doksy— Staré Splavy— Bezděz— Máchovo jezero sokolím, Doksy 1947, S.8. 21 SOkA Česká Lípa, Fond Obecná aměšťanská škola (česká) Doksy, Karton 1, Inventarnummer 1, Kronika české školy Doksy 1919–1938 (1949), S.543: Zdařilé zahájení letní rekreace ROH. 22 SOkA Česká Lípa, Fond Kronika Doksy 1945–1975, S.455. 23 F.HANTSCHEL, Das Hirschberger und Daubaer Land, Böhmisch Leipa [nach 1929]. 24 F. PATOČKA, Máchův kraj (Dubské skály). Oblastní turistický průvodce, Praha 1956; F.PATOČKA Máchův kraj, Praha 1961.
MARTIN KLEMENT— RENATA MAUSEROVá 97 ganze Region „Máchův kraj“ als ein moderner, pulsierender Sommerurlaubsort für sportlich aktive Familien. Die Sprache erweist sich als Schlüssel zur Wahrnehmung der Stadt und ihrer Umgebung, ja sie ist entscheidend für die Erinnerungen an den Ort. Doch die nordböhmische Stadt mit mannigfaltigen Naturschönheiten in der unmittelbaren Nähe scheint nicht nur ein Ort zu sein, an den sich die Sommergäste gerne erinnerten und immer noch erinnern. Als eine Denkkonstruktion hat sie auch Züge eines wahren Erinnerungsortes. Die Übertragung dieses wissenschaftlichen Terminus auf „Hirschberg“/„Doksy“, „Großteich“/„Máchovo jezero“, „Hirschberger Land“/„Máchův kraj“ ist aber nicht ganz einfach. In der letzten Zeit entstanden nämlich Sammelbände über die Erinnerungsorte der einzelnen europäischen Nationen,25 es wird ferner über europäische,26 transnationale27 und binationale, beziehungsweise getrennte Erinnerungsorte gesprochen; im Jahre 2010 ist das Buch über die Erinnerungsorte des Christentums herausgegeben worden,28 etwas früher kamen die Erinnerungsorte aus Berlin29 und sogar die Erinnerungsorte des Berliner Bezirks Dahlem auf den Markt.30 Die Verwendung des Begriffes in neuen Zusammenhängen erweitert zwar das ursprüngliche Konzept des französischen Historikers Pierre Nora, sie verflacht es aber auch, sodass Erinnerungsorte häufig nur als Gemeinplätze des Geschichtsbewusstseins verstanden sind, „von denen jeder schon mal was gehört hat und die er mit einem diffusen Bild verbindet“.31 Sollte der Erinnerungsort als analytische Kategorie eine sinnvolle Anwendung finden, muss er vorher genau definiert werden. In unseren Überlegungen gehen wir von Pierre Noras Thesen aus, die ein anderer französischer Geschichtsforscher, Etienne Francois, verdichtet so formulierte: Ein Erinnerungsort sei „ein materieller, wie auch immaterieller, langlebiger, Generationen überdauernder Kristallisationspunkt kollektiver Erinnerung und Identität, der durch einen Überschuss an symbolischer und emotionaler Dimension gekennzeichnet, in gesellschaftliche, kulturelle und politische Üblichkeiten eingebunden ist und sich in dem Maße verändert, in dem sich die Weise seiner Wahrnehmung, Aneignung, Anwendung und Übertragung ändert“.32 Unseren Erachtens trifft diese Definition sehr gut auf „Hirschberg“/„Doksy“, den „Großteich“/„Máchovo jezero“ sowie das „Hirschberger Land“/„Máchův kraj“ zu. Alle drei Elemente bilden 25 Beispielsweise M.ISNENGHI (Hrsg.), ILuoghi della memoria, Roma 1996–1997. 26 P.DEN BOER— H.DUCHHARDT— G.KREIS et al. (Hrsg.), Europäische Erinnerungsorte, Bd. 1–3, München 2012. 27 B.HENNINGSEN— H.KLIEMANN-GEISINGER— S.TROEBST (Hrsg.), Transnationale Erinnerungsorte: Nordund südeuropäische Perspektiven, Berlin 2009. 28 CH. MARKSCHIES— H.WOLF (Hrsg.), Erinnerungsorte des Christentums, München 2010. 29 H.CASPAR, Einnerungsorte in Berlin. Führer zu Schauplätzen deutscher Geschichte, Petersberg 2008. 30 J.HOFFMANN— A.MEGEL— R.PARZER et al. (Hrsg.), Dahlemer Erinnerungsorte, Berlin 2007. 31 CH. MARKSCHIES— H.WOLF, „Tut dies zu meinem Gedächtnis“. Das Christentum als Erinnerungsreligion, in: CH. MARKSCHIES— H.WOLF (Hrsg.), Erinnerungsorte des Christentums, München 2010, S.10–27, hier S.13. 32 E.FRANCOIS, Pierre Nora und die „Lieux de mémoire“, in: P.NORA (Hrsg.), Erinnerungsorte Frankreichs, München 2005, S.7–14, hier S.9.
98 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 2/2018 im kollektiven Gedächtnis beider Nationen eine unzertrennliche Einheit, die starke Gefühle hervorruft und mit außerordentlicher Symbolträchtigkeit beladen ist. Da sie aber für die Deutschen eine andere identitätsstiftende Funktion ausübt als für die Tschechen, kann mit Recht von einem getrennten, also binationalen Erinnerungsort gesprochen werden. Es scheint uns, dass der deutsche „Kurund Badeort Hirschberg“ mit dem „Großteich“ und dem „Hirschberger Land“ in den Erinnerungen der nordböhmischen Deutschen für die landschaftliche Schönheit und kleinstädtische Idylle der engeren, nach 1945 verlorenen Heimat steht. Bei den Tschechen kristallisieren sich im Zusammenhang mit „Doksy“, dem „See“ „Máchovo jezero“ und der Region „Máchův kraj“ andere kollektive Erinnerungen heraus: Die Stadt mit der umliegenden Natur verstehen viele, auch wenn sicherlich nicht alle, als Symbol der typisch tschechischen, zutiefst romantischen „Máj“-Landschaft. Während der tschechische Erinnerungsort— so unsere Vermutung— die Identität mancher Tschechen aus unterschiedlichen Teilen der Republik prägen kann, vermag der deutsche Erinnerungsort im Gegenteil nur jene Deutsche anzusprechen, die in „Hirschberg“und dessen Umgebung wohnten und sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Heimat suchen mussten. So erweckt der Erinnerungsort den Eindruck, als hätte er neben seinem getrennten Charakter auch eine unterschiedliche Wirkungskraft— eine nationale und eine regionale.33 Gewiss trug die deutsche-tschechische Spannung dazu bei, dass sich beide Erinnerungsorte als strenge Gegenpole gegenüberstehen. Ein aussagekräftiges Beispiel dafür, wie unversöhnlich different die Stadt und Landschaft bereits in den 1930er Jahren, der Keimzeit beider Erinnerungsorte, wahrgenommen wurden, ist das Schicksal der Mácha-Statue. Sie wurde 1936, hundert Jahre nach Máchas Ableben, von der tschechischen Bevölkerung am Ufer des „Großteiches“, beziehungsweise des „Sees“ „Máchovo jezero“ enthüllt. Als ein symbolisches Bollwerk gegen das Deutschtum sollte sie den angeblichen tschechischen, romantischen Charakter der Umgebung bekräftigen. Zwei Jahre danach, als „Hirschberg“ schon zum Deutschen Reich gehörte, wurde die Statue von der deutschen Bevölkerung ins Wasser gestürzt— in eine Landschaft, die „an stillen Stellen und in stillen Stunden wie ein altdeutscher Choral“34 töne, passte das Denkmal eines tschechischen Dichters definitiv nicht. Doch gelang es, die Statue zu retten. Sie wurde knapp hinter die neu gezogene deutsche-tschechische Staatsgrenze transportiert und auf dem tschechischen Boden mit großer Feier erneut enthüllt, um zu demonstrieren, dass das Land doch tschechisch und mit dem Geiste Karel Hynek Máchas durchdrungen ist.35 Infolge der nationalen Auseinandersetzungen, von denen die Entstehung des deutschen und des tschechischen Erinnerungsortes begleitet wurde, sind die kol33 Zu den regionalen Erinnerungsorten siehe: M.ŘEZNÍK, Regionalität— Erinnerung— Identität. Überlegungen zur Einleitung, in: M.ŘEZNÍK— K.ROSENBAUM— J.STÜBNER (Hrsg.), Regionale Erinnerungsorte. Böhmische Länder und Mitteldeutschland im europäischen Kontext, Leipzig— Berlin 2013, S.11–27. 34 G.LERCH, Deutsche Kurorte und Sommerfrischen in Nordböhmen, Böhmisch Leipa 1931, S.4. 35 OSVĚTOVÁ KOMISE VDOKSECH (Hrsg.), České veřejnosti, ctitelům K.H.Máchy, Doksy 1936; Archiv von Renata Mauserová: O.LAUERMAN, Komentář kfilmovému záznamu bělských slavností včervnu 1939.
MARTIN KLEMENT— RENATA MAUSEROVá 99 lektiven Erinnerungen mit den jeweiligen Sprachen auf Engste verbunden. Für die Deutschen ist ihr Erinnerungsort von den Begriffen „Hirschberg“, „Hirschberg-Thammühl“, „Hirschberg am See“, „Großteich“, „Hirschberger See“, „Kurund Badeort“ und „Hirschberger Land“ nicht zu trennen, während der tschechische Erinnerungsort nur dann Sinn macht, wenn er mit den entsprechenden Bezeichnungen „Doksy“, „Máchovo jezero“ und „Máchův kraj“ gedacht wird. Für einen zwangsausgesiedelten Deutschen ist deshalb „Máchovo jezero“ ein genauso unverständlicher und befremdender Name wie für einen Tschechen der Ausdruck „Binnenseebad Hirschberg am See“. Da wir uns in unserem Beitrag auf den deutschen Erinnerungsort konzentrieren, halten wir es für unumgänglich, uns hauptsächlich der deutschen Ortsnamen zu bedienen. HIRSCHBERGER STADTIMAGE Für die planmäßige Formierung des Stadtimages tauchen in den analysierten Quellen Begriffe wie „Reklame“, „Werbung“ oder sogar „Propaganda“ auf. Als wissenschaftliche Sprachinstrumente taugen sie wenig. „Werbung“, beziehungsweise ihr heute weniger verwendetes Äquivalent „Reklame“, wird zur Zeit in den Kommunikationswissenschaften als eine produktoder dienstleistungsbezogene, bezahlte, ausschließlich absatzorientierte und in ihrer Wirkung kurzfristig angelegte Kommunikationsform charakterisiert.36 „Propaganda“ erweckt wiederum äußerst negative Konnotationen und erst seit Kurzem werden Versuche unternommen, diesen Terminus neu zu definieren, damit er in der Forschung als wertneutrales Wort wieder zu Nutze kommen kann.37 Anstelle von „Reklame“, „Werbung“ und „Propaganda“ etablieren sich neulich in den Kommunikationswissenschaften die Begriffe „Öffentlichkeitsarbeit“ und „Public Relations“ als Kommunikationsformen, die durch langfristige Verbreitung von interessengebundenen Informationen Verständnis, Vertrauen und Sympathie bei der relevanten Teilöffentlichkeit aufzubauen versuchen.38 Unter den Kommunikationswissenschaftlern ist die Meinung verbreitet, dass neben Firmen und Unternehmen auch Städte eine nach außen und eine nach innen gerichtete Öffentlichkeitsarbeit 36 R.FRÖHLICH, Die Problematik der PR-Definition(en), in: G.BENTELE— R.FRÖHLICH— P.SZYSZKA (Hrsg.), Handbuch der Public Relations. Wissenschaftliche Grundlagen und berufliches Handeln, Wiesbaden 2008, S.95–109, hier S.101–105; M.LANGE, Zwischen Demokratie und Diktatur. Unternehmerische Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland 1929–1936, Frankfurt am Main et al. 2010, S.4. 37 B.SÖSEMANN (Hrsg.), Propaganda. Medien und Öffentlichkeit in der NS-Diktatur. Eine Dokumentation und Edition von Gesetzen, Führerbefehlen und sonstigen Anordnungen sowie propagandistischen Bildund Textüberlieferungen im kommunikationshistorischen Kontext und in der Wahrnehmung des Publikums, Stuttgart 2011, S.28–44. 38 R.FRÖHLICH, Die Problematik der PR-Definition(en), in: G.BENTELE— R.FRÖHLICH— P.SZYSZKA (Hrsg.), Handbuch der Public Relations Wissenschaftliche Grundlagen und berufliches Handeln, Wiesbaden 2008, S.95–109, hier S.101–105; M.LANGE, Zwischen Demokratie und Diktatur. Unternehmerische Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland 1929–1936, Frankfurt am Main 2010, S.2.
100 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 2/2018 betreiben. Der erstere Typ der Öffentlichkeitsarbeit zeichne sich dabei durch die Imagepflege aus.39 Das gestaltete Stadtimage, so andere Ansichten, muss allerdings nicht nur Ergebnis der Öffentlichkeitsarbeit sein. In vielen Städten wird heute das repräsentative Bild im Rahmen des „Stadtmarketings“ generiert. Dieses Konzept setzte sich in den 1980er Jahren im Zuge des technologischen, sozialen und demographischen Wandels durch40 und versucht, den jeweiligen Ort für alle, das heißt für Touristen und Investoren wie auch für Einheimische, attraktiver zu machen. Dazu nutzt das „Stadtmarketing“ komplexere Strategien als nur die Instrumente der früheren „Werbung“, „Reklame“, „Propaganda“ oder der heutigen Öffentlichkeitsarbeit. Auch Innenstadtentwicklung und Wirtschaftsförderung ist ihm für die Imagebildung einer Stadt wichtig.41 Einige Historiker sind überzeugt, dass das „Stadtmarketing“ in der Tat eine viel längere Vorgeschichte hat.42 Manche sprechen sich aber gegen die Anwendung dieses Begriffes auf die Entwicklung der Städte vor 1980 aus, weil das „Stadtmarketing“ in ihrer Perspektive zu eng mit den Phänomenen des ausgehenden 20.Jahrhunderts in Verbindung steht. Als der Historiker Torben Giese in seiner 2010 veröffentlichten Dissertation die allmähliche Vermarktung von Frankfurt am Main, Wiesbaden und Offenbach untersuchte, prägte er lieber den Begriff der „modernen städtischen Imagepolitik“. Am Ende des 19.Jahrhundert, so Giese, wurde das Image der Stadt immer mehr zum Faktor der städtischen Politik; die Imagebildung wurde systematisiert und professionalisiert. Mit der Imagepolitik verfolgten die Städte das Ziel, ihr Image bewusst und zielgerichtet, mit Medien oder durch die Stadtgestaltung zu beeinflussen oder zu verändern. Ein „Stadtmarketing“ war es nach Giese allerdings noch nicht, weil es sich um kein ganzheitliches, auf die Bedürfnisse des modernen Marktes orientiertes Marketingkonzept handelte.43 Ein sehr ähnlicher Prozess wie im Frankfurt am Main, Wiesbaden und Offenbach fand auch in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts in Hirschberg statt. Im Folgenden soll deswegen auf die teils historisch bedingten, teils bedeutungsmäßig nicht ganz zutreffenden Begriffe wie „Werbung“, „Reklame“, „Propaganda“, „Public Relations“, Öffentlichkeitsarbeit“ und „Stadtmarketing“ verzichten werden. Sinnvoller erscheint für die Zwecke dieser Studie der Terminus „Imagepolitik“. Bei unserer Untersuchung haben wir jedoch nicht vor, alle von Giese ausdifferenzierten Formen der Imagepolitik gleichermaßen zu berücksichtigen. Im Hinblick auf die Fragestel39 T.LIEBERT, Berufsfeld Kommunen/kommunale PR, in: G.BENTELE— R.FRÖHLICH— P.SZYSZKA (Hrsg.), Handbuch der Public Relations. Wissenschaftliche Grundlagen und berufliches Handeln, Wiesbaden 2008, S.482–492, hier S.488–489. 40 B.GRABOW— B.HOLLBACH-GRÖMIG— F.BIRK, Stadtmarketing— Aktuelle Entwicklungen im Überblick, in: B.GRABOW— B.HOLLBACH-GRÖMIG— F.BIRK (Hrsg.), Stadtmarketing— Status quo und Perspektiven, Berlin 2006, S.19–34, hier S.19–21. 41 B.GRABOW— B.HOLLBACH-GRÖMIG, Ziele, Aktivitäten und Erfolgsfaktoren von Stadtmarketing, in: B.GRABOW— B.HOLLBACH-GRÖMIG— F.BIRK (Hrsg.), Stadtmarketing— Status quo und Perspektiven, Berlin 2006, S.35–60. 42 T.BISKUP— M.SCHALENBERG (Hrsg.), Selling Berlin. Imagebildung und Stadtmarketing von der preußischen Residenz bis zur Bundeshauptstadt, Stuttgart 2008. 43 T.GIESE, Moderne städtische Imagepolitik in Frankfurt am Main, Wiesbaden und Offenbach, Frankfurt am Main 2010, S.13–18, 58–59.
MARTIN KLEMENT— RENATA MAUSEROVá 107 Monarchie und der Zwischenkriegszeit stammende Bilder zur Schau gebracht. Zu sehen ist auf ihnen der Großteich mit Möwen, Kanufahrern und Segelbooten80 oder die immer noch als „Sommerfrische Hirschberg“ betitelte Stadt.81 Ähnlich wie die „Heimatnachrichten“ sollte 1964 auch die Jubiläumsschrift „700 Jahre Hirschberg am See. Ein Heimatbuch“ die Gruppenidentität der zwangsausgesiedelten Hirschberger verstärken und den Lesern selektierte, entsprechend ausgelegte Informationen über die Stadt vermitteln. Pater Angelus Waldstein, der Nachkomme des ehemaligen Hirschberger Adelsgeschlechtes, stellte das Werk aus Beiträgen seiner Landsleute und aus alten Fotografien von Karl Streer zusammen. Gerade dem Fotografen und Verleger Streer zollten nach 1945 die ehemaligen tschechoslowakischen Deutschen große Anerkennung dafür, dass er „Zeit seines Lebens unsere sudetendeutsche Heimat in ihrer eigenartigen Vielfalt und unvergänglichen Schönheit im Lichtbild festgehalten und damit weiten Kreisen der Volksgruppe wie des gesamten deutschen Volkes erst nahegebracht hat“.82 Als erstes großes Bild wird in dem Buch prominent eine Landschaftsaufnahme mit denselben Naturmotiven abgedruckt, die in den früheren Imageprodukten das Herzstück der meisten Abbildungen waren: Hinter den aus einem Sandsteinfelsen krumm gewachsenen Kiefern erstreckt sich die imposante, ruhige Fläche des Großteichs, die auf dem gegenüberliegenden Ufer von einem schwarzen Waldstreifen gesäumt ist und in der sich die Silhouette der Burg Bösig widerspiegelt.83 Erst danach folgen die Fotografien des Waldsteinschen Schlosses, der Kirche und des Markplatzes. Das Buch, von Angelus Waldsteins auch „Schatztruhe der Erinnerungen“84 genannt, schließt mit einer Fotografie der Burgruine Bösig. Wie sehr sich die Schrift bei der Konstruktion des Erinnerungsbildes an das frühere Stadtimage anlehnte, verdeutlicht neben den Abbildungen gleich der erste Beitrag, dessen Titel „Die Perle NordHirschberger Landes, Böhmisch Leipa 1922, S.30–32; Volkskundliches über Hirschberg, in: Heimatnachrichten 15/23, 1971, 11, S.229–230; vgl. F.GÜNTHER, Hirschberg, die Perle Nordböhmens. Ein Führer durch Hirschberg am See und seine Umgebung, Böhmisch Leipa [nach 1929], S.30–33; G.JAPP, Die Pflanzenwelt des Hirschberger Großteiches, in: Heimatnachrichten 16/24, 1972, 5 und 6, S.106–107 und 126; vgl. G.JAPP, Die Pflanzenwelt des Hirschberger Großteiches, in: BADEVERWALTUNG HIRSCHBERG-THAMMÜHL (Hrsg.), Hirschberg und sein Teichgebiet, Haida [nach 1936], S.15–18. 80 Beispielsweise Zur 700-Jahrfeier von Hirschberg vom 1.bis 3.Mai 1964 in Waldkreiburg, in: Heimatnachrichten 8/16, 1964, 4, [S. 361]; E.LISCHKA, 5-Tage-Fahrt mit dem Pkw in unsere nordböhmische Heimat, in: Heimatnachrichten 32, 1982, 2, S.17–20, hier S.19–20 (hierzu vgl. BADEVERWALTUNG HIRSCHBERG-THAMMÜHL (Hrsg.), Hirschberg und sein Teichgebiet, Haida [nach 1936], S.39). 81 Beispielsweise Hirschberg, in: Heimatnachrichten 8/16, 1964, 12, S.580; Hirschberg vor dem 1.Weltkrieg, in: Heimatnachrichten 14/22, 1970, 7, [S. 157]. 82 Zwei verdienstvolle Männer unseres Heimatnachrichtengebietes, in: Heimatnachrichten 10/18, 1966, 10, S.231. 83 A.WALDSTEIN (Hrsg.), 700 Jahre Hirschberg am See 1264–1964. Ein Heimatbuch, München 1963, Bild zwischen den Seiten 16 und 17. 84 A.WALDSTEIN (Hrsg.), 700 Jahre Hirschberg am See 1264–1964. Ein Heimatbuch, München 1963, S.55.
108 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 2/2018 böhmens“ eine Anspielung an den Reiseführer von Fritz Günther aus den 1930er Jahren ist.85 Konzeptionell nahe liegt dem Heimatbuch von Angelus Waldstein der Erinnerungsreiseführer „Heimat— Daubaer Bergland gestern und heute“ von Klaus Streer, Erwin Porsch und Emil Prinke. Auch in diesem Buch, das unter dem Motto „Erinnerung wachhalten— Neugierde wecken!“86 den „Heimatfreunden“ mehr Informationen zu den nordböhmischen Naturschönheiten geben will, wurden unterschiedliche Beiträge zusammengeführt. Viele von ihnen, wie Klaus Streer im Vorwort zugibt, stammen aus dem Verlag seines Vaters Karl Streer. Unter den Auszügen aus den alten Schriften befinden sich ebenfalls Texte von Josef Quaißer, der zwischen den Weltkriegen als Hirschberger Lehrer, Stadtchronist, Heimatforscher, Bürgermeister und Vorsitzender der Badeverwaltung einen erheblichen Einfluss auf die Bildung des Stadtimages hatte.87 Die Publikation ist außerdem durch zahlreiche Federstrichzeichnungen von Erwin Porsch geschmückt. Eine Illustration wurde direkt neben der von Quaißer erzählten Sage vom Mäuseschloss abgebildet und zeigt die Mäuseinsel, die auch in den Produkten der früheren medialen Imagepolitik häufig vorkam.88 Höchstwahrscheinlich zeichnete hier Prinke eine Fotografie von Karl Streer nach. Ein ganz anderes Genre wird durch den Roman „Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit“ vertreten. Sein Verfasser, der in Dauba (Dubá) nahe Hirschberg geborene Emil Karl Stöhr, erzählt die Geschichte aus derselben Perspektive, die auch für die „Heimatnachrichten“ oder die Bücher von Waldstein, Streer, Porsch und Prinke typisch war. Das sicherte dem Buch, das 2016 bereits zum dritten Mal aufgelegt wurde, eine begeisterte Aufnahme im Kreise der deutschsprachigen Landsleute aus Nordböhmen.89 Obwohl alle „Personen und Handlungen dieses Buches“90 frei erfunden sein sollen, ist es leicht zu erkennen, dass sich hinter dem erfundenen Stadtnamen „Eichberg“ das heutige Dubá versteckt und dass der Autor seine eigenen Erlebnisse und Erinnerungen in die Person des kleinen Karl Häusler legte. An mehreren Stellen des Romans kommt Stöhr auf Hirschberg, den Großteich und die Natur des Hirschberger Landes zu sprechen. Schon im Gedicht „An Eichbargschen Barglande underwags“, das bei einer Schulfeier in „Eichberg“ vorgetragen wird, werden beinahe alle konstanten Punkte des Hirschberger Stadtimages knapp zusammengefasst, wie die breite Uferpromenade am See, der überfüllte Strand mit dem weißen Sand, die Mäuseinsel inmitten des Sees, das Motorboot und die Burg Bösig: 85 A.WALDSTEIN (Hrsg.), 700 Jahre Hirschberg am See 1264–1964. Ein Heimatbuch, München 1963, S.6–7. 86 K.STREER— E.PORSCH— E.PRINKE (Hrsg.), Heimat— Daubaer Bergland gestern und heute, Regensburg 1997, S.8. 87 MATTAUCH, Josef Quaiser aus Hirschberg am See ein Siebziger, in: Heimatnachrichten 3/11, 1959, 11, S.168–169. 88 K.STREER— E.PORSCH— E.PRINKE (Hrsg.), Heimat— Daubaer Bergland gestern und heute, Regensburg 1997, S.79. 89 A.WALDSTEIN, Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit von Emil Karl Stöhr, in: Heimatnachrichten 54, 2004, 5, S.13. 90 E.K.STÖHR, Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit, Frankfurt am Main 2004, [S. 4].
MARTIN KLEMENT— RENATA MAUSEROVá 109 „(…) Giehste dann entlang an Uferstrande, siehste su mejches hibsche Madl liegn an Sande. Eimitten an See’e liegt dos Mejseschlooß. Und ne Fahrt mit’n Dampfa macht’n Riesenspooß. Hoste vu Hirschbrich dann genung gesahn, giehste zur Burgruine Besich dann. (…).“91 Ein nahezu identisches Bild wiederholt sich in dem Kapitel, das vom Ausflug dreier Mitschüler mit dem Lehrer Wenzel Förster auf die Burg Bösig erzählt. Dem Lehrer sind Worte in den Mund gelegt, die intensiv an den Stil der früheren Reiseführer und Prospekte erinnern lassen: „Die dicke schwarze Rauchvolke, die über den Hirschberger See zieht, wird nicht von einem Vulkan ausgestoßen, sondern von einem Dampfschiff, das an der Mäuseinsel vorbeifährt. Überall um uns herum seht ihr Nadelund Buchenwälder mit eingestreuten Birken und Eichen.“92 Am Ende des Buches bringt Stöhr den Leser noch einmal nach Hirschberg. Dort findet nämlich der abrupte Abschied von der Heimat statt: „In Hirschberg angekommen, führte der Weg trotz brütender Sonnenhitze nicht an den Badestrand des Hirschberger Sees, sondern zum trostlos menschenleeren Bahnhof. Statt am Seeufer im sandsteingelben Sand zu liegen, standen die aus Eichenberg Vertriebenen auf dem Schotterbahnsteig Gleis 3.“93 In diesem Auszug rundet noch ein anderes, in dem Stadtimage übliches Element die stereotype Darstellung von Hirschberg ab, und zwar das sonnige Wetter. Auch ein derartig dramatisches Ereignis wie die gewaltsame Aussiedlung verhindert nicht, dass man sich an die Stadt positiv erinnert. Stöhr ist hier kein Einzelfall. Die Erinnerungsliteratur der zwangsausgesiedelten Deutschen kennt kein hässliches Hirschberg. Alte Texte und Abbildungen, die einst mit dem fixen Motivkanon ein idealisiertes Image der Stadt und deren Umgebung herauszubilden halfen, wurden nun— ob bewusst oder unbewusst— recycelt und gestalteten das genauso verschönerte Erinnerungsbild mit. Aus ihm wurden alle negativen Erscheinungen wie Lärm, Unordnung, „Gästeschlepper“, kaputte Motorboote, hohe Preise oder verregnete Saisons völlig ausgeklammert. Dementsprechend verwandelten sich Hirschberg, der Großteich und das Hirschberger Land im kollektiven Gedächtnis der nordböhmischen Deutschen in einen ständig sonnigen, sorglosen Kurund Badeort, der zum Erinnerungsort wurde— zum Symbol für die Schönheit der Heimatslandschaft und für die dortige Lebensfreude. 91 E.K.STÖHR, Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit, Frankfurt am Main 2004, S.43. Das Gedicht ist auch im späteren Roman von Stöhr zu finden: E.K.STÖHR, Schicksal eines Kindes im Krieg, Schongau 2014, S.15–16. 92 E.K.STÖHR, Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit, Frankfurt am Main 2004, S.121. 93 E.K.STÖHR, Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit, Frankfurt am Main 2004, S.416. Diese Passage wird paraphrasiert auch im späteren Roman von Stöhr: E.K.STÖHR, Schicksal eines Kindes im Krieg, Schongau 2014, S.207.
110 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 2/2018 Als es einigen ehemaligen Hirschbergern gelang, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder nach Doksy zu kommen, erstatteten sie in den „Heimatnachrichten“ oft einen Bericht über ihre Reise. Vielen Beiträgen liegt der Vergleich zugrunde, inwieweit die jetzige Stadt mit jener vor 1945 übereinstimmt. Nicht selten äußerten die Berichterstatter ihre tiefe Enttäuschung. Die Stadt von heute konnten sie kaum wieder erkennen; es war nicht das Hirschberg, das für sie eine Symbolfunktion hatte. Ein Reisender beklagte im Jahre 1968, dass es „überall an Putz und Farbe“ fehle. Das Kasino schien ihm „von außen wie eine alte Scheune“ und das „hypermoderne neue Kino“,94 bezeichnenderweise nach Karel Hynek Máchas Werk „Máj“ benannt, passe seiner Meinung nach überhaupt nicht in die Seestraße. Das Kino fiel rund 14 Jahre später auch einem anderen Reisenden auf, der sich offensichtlich am Mácha-See, dem tschechischen Erholungszentrum, bewusst wurde, wie fremd die Realität auf ihn wirkt: „Vor 40 Jahren hatte ich unser liebes ,Sommerfrischler-Städtchen´ und unseren wunderbaren ,Großteich´ das letzte Mal gesehen. Die Wehmut war größer als die Wiedersehensfreunde“.95 Diese resignierte Feststellung und die abschließenden Freude, wieder zurück in Deutschland sein zu können, teilte der Verfasser mit dem Reisenden aus dem Jahre 1968, der bei der Betrachtung der Stadt und der Wasserfläche ebenfalls keine heimatlichen Gefühle mehr spüren konnte, sodass er gern wieder fortgefahren sei.96 Mit Sicherheit flüchteten dann beide hinter die Mauer ihres Gedächtnisses, das— von dem Erinnerungsdiskurs der Zwangsausgesiedelten beeinflusst— sie mit dem „richtigen“ Bild der Heimat tröstete. ZUSAMMENFASSUNG Hirschberg/Doksy bildet zusammen mit dem anliegenden Großteich/Máchovo jezero und dem Hirschberger Land/Máchův kraj eine symbolträchtige Stätte. Als Erinnerungsort ist sie binational (deutsch und tschechisch) sowie national und regional (sie ist für die tschechische Nation und für die Deutschen aus Nordböhmen von Bedeutung). Für die zwangsausgesiedelten Deutschen symbolisiert der pittoreske, mit Gewalt geraubte Kurund Badeort die Schönheit der engeren Heimat, in der zufrieden gelebt wurde. Den Tschechen ist dagegen Doksy mit dem Gebiet um die Stadt herum die zentrale Landschaft der tschechischen Romantik. Beide Erinnerungsorte sind aber nur mit den richtigen Sprachvarianten der deutsch-tschechischen Ortsnamen denkbar. Lange Zeit deutete nichts darauf hin, dass die Stadt, der Teich und die waldigen Hügel ein Erinnerungsort werden sollten. Am Ende des 19.Jahrhunderts war Hirschberg noch kaum bekannt. Aus dem steigenden Fremdenverkehr und aus dem Boom der Kurorte wusste es aber geschickt zu profitieren. Für Hirschberg hieß es nun, sich 94 N.N., Heimatbesuch in Hirschberg am See, in: Heimatnachrichten 12/20, 1968, 11, S.251–252, hier S.251. 95 E.LISCHKA, 5-Tage-Fahrt mit dem Pkw in unsere nordböhmische Heimat, in: Heimatnachrichten 32, 1982, 2, S.17–20, hier S.20. 96 N.N., Heimatbesuch in Hirschberg am See, in: Heimatnachrichten 12/20, 1968, 11, S.251–252, hier S.251.
MARTIN KLEMENT— RENATA MAUSEROVá 111 auch als eine Sommerfrische und als ein Kurort zu vermarkten. Zu diesem Zwecke bemühte sich die Stadt um ein adäquates Image. Zahlreiche Institutionen, Organisationen und Einzelpersonen waren in und außerhalb der Stadt an der medialen Imagebildung beteiligt. In hohen Auflagen produzierten sie Zeitungsinserate, Reiseführer, Prospekte sowie Ansichtskarten, sogar die Erstellung spezieller Aufkleber wurde in Erwägung gezogen. Das zusammengestellte Stadtimage erwies sich als sehr homogen und bestand aus stereotypen Motiven der Natur, des Strandlebens und der Stadt. Zahlreiche kleinstädtische Probleme und Makel der „Großteichwirtschaft“ wurden in ihm systematisch verschwiegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses Image in der neu errichteten Tschechoslowakischen Republik verdrängt, es lebte aber im Gedächtnis der zwangsausgesiedelten Deutschen fort. Die Bilder und Texte aus dem gedruckten Werbematerial der Stadt wurden nämlich in den Erinnerungsschriften wiederverwendet und die Perspektive der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg weitergeführt. Die Stadt mit seiner Landschaft entwickelte sich durch die diskursive Praxis und unter der Anwendung der Motive des früheren Stadtimages in einen Kristallisationspunkt kollektiver Erinnerung im Sinne Pierre Noras. Das Fallbeispiel Hirschberg beweist eine enorme Wirksamkeit der städtischen Imagepolitik. Sie beeinflusst intensiv nicht nur die Rezeption der Stadt seitens der Besucher, sondern auch die Identität der Stadtbewohner, ihre persönlichen Erinnerungen und nicht zuletzt das kollektive Gedächtnis.