Das dunkle Kochbuch einer Heldin. Janas Mutterfiguren in Adresát Milena Jesenská und Hrdinství je povinné Matteo colombi Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) Leipzig
[email protected] RÉSUMÉ The article deals with two prominent representations of the mother in Jana Krejcarová’s written production: first Milena Jesenská’s portrait in Jana’s biography of her mother, Adresát Milena Jesenská [Addressee Milena Jesenská] (1969)— and secondly the character of Petr’s mother in the short novel Hrdinství je povinné [Heroism is compulsory] (1964), afictional story with an apparent autobiographic background. The study shows that both representations are based on the child’s ambivalent attitude toward its mother: the analysis works on the hypothesis that the topic of social engagement is in both texts at the very core of this ambivalence. Public commitment is both for Jana as abiographer and for her fictional character Petr areason for admiring the mother on the one hand and agreat emotional and ethic challenge on the other hand— for the child is jealous of the mother’s social engagement and considers it as the very force not only keeping her away from him but also causing, eventually, her death. Moreover, the child feels split, becoming an adult, between the perspective to be as socially engaged, or even heroic, as the mother— and the refusal of abehaviour that seems to give priority to the social rather than to private sphere. Indeed, this ambivalence in the child-mother-relationship brands adepiction of the mother which is as subtly nuanced as emotionally and ethically demanding. SCHLÜSSELWÖRTER / KEYWORDS Jana Krejcarová(-Černá); Milena Jesenská; soziales Engagement; Mutter-Tochter Beziehung; Literaturforschung als Lebenswissen / Jana Krejcarová(-Černá); Milena Jesenská; social engagement, daughter-mother-relationship, literary research as Lebenswissen. WAS BEDEUTET FÜR SIE, DIE TOCHTER VON MILENA ZU SEIN? „Was bedeutet für Sie, die Tochter von Milena zu sein?“— „Na, das ist wirklich nicht einfach zu antworten. Auf eine Seite ist es so, dass ich viele Sachen nicht machen kann, weil ich Tochter von Milena bin. Ich muss immer denken, dass ich— meiner Ansicht nach— eine fabelhafte Mutter hatte und ich muss mich auch gut benehmen. Auf andere Seite ist es aber sehr schwer, weil ich […] bin auch Schriftstellerin […], ich habe auch geschrieben, und ich musste immer meine eigenen Sachen anonym im […] Verlag bringen, weil ich immer Angst hatte, dass ich nicht als ich, sondern als Tochter von Milena […]“— „beurteilt?“— „Ja, ja“. […] „Ja, ich wollte immerhin OPEN ACCESS
MAttEO cOLOMBI 39 nicht allein sein, und das ist nicht einfach, wenn man Tochter von Milena Jesenská ist, nicht?“ […]. Ich habe diese Worte aus dem Milena-Jesenská-Dokumentationsfilm Milena. Mehr als Kafkas Freundin (1980) entnommen, in dem die Regisseurin Margit Saad-Ponnelle ein Gespräch mit Jana Krejcarová führt.1 Saad-Ponnelle zeigt hier Jana, wie sie in dem Keramikatelier sitzt, das sie ab den 1970er Jahren mit ihrem Mann Daniel Ladman betreibt, und über ihre Mutter erzählt. Es handelt sich dabei um die einzige mir bekannte Videoaufnahme von Jana— und es geht noch dazu um eine der beeindruckendsten Entdeckungen, die ich im Rahmen meiner Untersuchungen für die Tagung „Honza Krejcarová und der tschechische Underground. (Re-)Konstruktion eines Mythos“ (Wien 2016) gemacht habe. Jana braucht hier nur wenige Worte, um der Regisseurin zu erklären, dass sie eine schwierige Beziehung zu ihrer Mutter (und zur Erinnerung an sie) hat. Ich möchte mich in diesem Aufsatz dem Hintergrund dieser wenigen Worte widmen und Janas Auseinandersetzung mit der Figur von Milena unter die Lupe nehmen; das heißt, ich möchte die Probleme einer Tochter fokussieren, die sehr früh zum Waisenkind einer berühmten Mutter geworden ist, welche zu ihren Lebzeiten genauso wie nach ihrem Tod als außerordentlich und polarisierend wahrgenommen wurde— und zwar bis zu dem Punkt, dass sie in der kommunistischen Tschechoslowakei doch als persona non grata galt. Meine Frage ist dabei, inwiefern und warum Milena für Jana eine persona grata sein konnte, denn sie beschreibt ihre Mutter zwar als positives Vorbild („fabelhaft“, „ich muss mich gut benehmen“), aber sie weist auch darauf hin, dass Milena für sie eine Art schweres Erbe bedeutet hat bzw. eine Ursache von Einsamkeit („allein sein“) gewesen ist. Ich werde Janas Verhältnis zu Milena in zwei Schritten analysieren: Der erste Teil der Untersuchung geht von einer kurzen, ironischen und zugleich etwas irritierenden Äußerung aus, die Jana über ein wenig bekanntes Werk von Milena, Mileniny recepty [Milenas Rezepte] (1925) macht— und die in Janas Biographie der Mutter Adresát Milena Jesenská [Adressat Milena Jesenská] (1969) zu lesen ist. Diese Äußerung wird in meiner Studie zum Anlass, um die ambivalente Haltung zu besprechen, die Jana ihrer Mutter gegenüber aufweist. Es wird hierbei die Arbeitshypothese aufgestellt, dass der Kern dieser Ambivalenz mit Janas Verhältnis zu Milenas gesellschaftlichem Engagement verbunden ist— einem Charakterzug, den Jana an ihrer Mutter bewundert, obwohl sie sich dadurch stark verunsichert fühlt, weil sie eben diese Eigenschaft dafür verantwortlich macht, dass die Mutter in Janas Kindheit teilweise abwesend war und allzu früh gestorben ist.2 Der zweite Teil der Untersuchung nimmt 1 Eine Kopie des Films befindet sich im Archiv der Akademie der Künste in Berlin. Ich habe Janas Worte in der Form wiedergegeben, wie sie diese auf Deutsch ausspricht. Zum Film siehe Militzová 2015, S.128–129. 2 Ich konzentriere mich in dieser Untersuchung ausschließlich auf das Mutter-Tochter-Verhältnis von Milena und Jana und kann auf einen zweiten wichtigen „Knoten“, der Janas Ambivalenz zu der Mutter charakterisiert, leider nicht eingehen: Die Frage nach dem Vergleich zwischen Jana und Milena als Mutter— einem Vergleich, in dem Jana nicht nur positive, sondern auch schmerzhafte Ähnlichkeiten und Unterschiede zu ihrer Mutter gesehen haben dürfte. OPEN ACCESS
40 SLOVO A SMYSL 28 zwei Texte unter die Lupe, in denen sich Jana mit dem Thema der Mutter auseinandersetzt: zum Einen die Biographie Adresát Milena Jesenská und zum Anderen den kurzen Roman Hrdinství je povinné [Heldentum ist Pflicht] (1964), in dem die fiktive Geschichte einer Familie erzählt wird, die Ähnlichkeiten mit Janas eigener Familie hat. Ziel der Analyse ist es hierbei, Textmaterial vorzustellen, das den Zusammenhang zwischen Janas ambivalenter Beziehung zu ihrer Mutter und Milenas eigenem Verhältnis zur Gesellschaft angeht. TEMNÁ KUCHAŘKA. JANA, MILENA UND DIE ÖFFENTLICHKEIT Myslím, že mohu říci, že Milena uměla psát. Auměla ještě celou řadu dalších věcí. Ale pokud se pamatuji— apamatuji se opravdu velmi dobře —, nikdy jsem ji neviděla vařit, aby přitom nedošlo ke kalamitě. Buď se spálila, protože vytahovala ztrouby pekáč holou rukou […] nebo se něco ztratilo, rozsypalo, rozbilo, nebo alespoň založilo tak, že se absolutně nedal rozdělaný oběd dovařit. […] Budiž mi tedy prominuto, že kniha Mileniných receptů je pro mne trochu temnou anejasnou věcí […] [Ich darf wohl sagen, daß Milena schreiben konnte. Und sie konnte noch vieles andere. Aber soweit ich mich erinnere— und ich erinnere mich wirklich sehr gut –, habe ich sie niemals kochen sehen, ohne daß dabei ein Malheur passierte. Entweder sie verbrannte sich die Finger, weil sie die Pfanne ohne Topflappen aus der Röhre zog, oder etwas wurde verschüttet, etwas ging entzwei, etwas fehlte— das Essen war nie vollkommen… Man möge mir verzeihen, wenn deshalb ein Buch mit Milenas Rezepten für mich etwas Dunkles und Unklares ist …] (Černá 1991, S.65 [dieselbe 1985, S.82]).3 Diese Textstelle ist in erster Linie eine lustige Anekdote. Die Bezeichnung von Milenas Kochbuch als „temná anejasná věc [eine dunkle und unklare Sache]“ ist ironisch und passt gut zum stark pointierenden Stil, in dem Jana die Biographie ihrer Mutter verfasst hat.4 Man kann sich jedoch fragen, ob Milenas temná kuchařka [dunkles Kochbuch] hier nicht nur als ironische Pointe zu verstehen ist, sondern auch als Anspielung auf einen Komplex von Fragen, die sich Jana in Bezug auf ihre Mutter stellt. Denn Jana sagt nicht nur, dass Milenas Kochbuch für sie „nejasná věc“ ist. Sie sagt auch, dass diese Sache „temná“ ist. Die italienische Übersetzung, die nicht auf dem tschechischen Originaltext, sondern auf der deutschen Fassung basiert, ist nicht zufällig über den Ausdruck „etwas Dunkles und Unklares“ gestolpert - und sie hat die Wortwahl ein wenig normalisiert, indem sie diese als „enigma“ [Rätsel] übersetzt hat (Černá 1986, S. 73). Diese Übertragung ist insofern leicht nachzuvollziehen, als jedes Rätsel als dunkel wahrgenommen wird, weil es etwas Unklares darstellt. Das Adjektiv 3 Janas Werke sind in der Bibliographie zu diesem Aufsatz unter dem Namen zu finden, mit dem sie sie unterschrieben bzw. publiziert hat (d. h. meistens unter Černá). 4 Man ist versucht zu sagen, dass Janas Schreibstil hier demjenigen erinnert, in dem ihre Mutter ihre Artikel schrieb. Siehe zur stilistischen Ähnlichkeit zwischen Jana und Milena den Aufsatz von Anna Militz in dieser Ausgabe von Slovo asmysl (Militz berücksichtigt allerdings eine andere Phase aus Janas schriftstellerischen Tätigkeit, und zwar die allerersten Artikel, die sie 1946–1947 veröffentlichte). OPEN ACCESS
MAttEO cOLOMBI 41 „temný“ hat jedoch auf Tschechisch eine ziemlich starke Konnotation, denn „temný“ deutet in der schriftlichen Sprache oft auf Dinge hin, die nicht nur unverständlich sind, sondern auch negativ und bedrohlich (siehe Havránek 2011, Lexem-Bedeutung 4 und besonders 7). Es geht also darum zu verstehen, welche diffizilen Fragen Jana mit etwas so Harmlosem wie Milenas Kochbuch verbindet— und die Antwort auf diese Frage, mit der hier argumentativ experimentiert werden soll, ist, dass Jana hinter den scheinbar anspruchslosen Rezepten eine für sie (und ihre Mutter) herausfordernde Angelegenheit durchscheinen sieht, und zwar Milenas komplexes Verhältnis zur Gesellschaft. Denn Milenas Suche nach einem Kontakt zu der breiten Öffentlichkeit scheint eine Konstante ihrer sozialen und kulturellen Tätigkeit als emanzipierte Frau und Kulturvermittlerin der Zwischenkriegszeit zu sein, deren journalistisches Werk von der avantgardistischen über die kommunistische bis zur antikommunistischen und antifaschistischen Schaffensphase stets auf sozialem Engagement beruht. Jana bewundert Milenas Haltung, aber sie gerät dadurch in fünferlei Schwierigkeiten in Bezug auf die Mutter, die sie durch das Bild der temná kuchařka implizit andeutet: 1) Jana scheint der Meinung zu sein, dass sich Milena von ihrer Gesellschafts-Suche manchmal so weit treiben lässt, dass sie gesellschafts-süchtig wird. Sie bemerkt deswegen, dass es nicht nachvollziehbar ist, wenn ihre Mutter, die nicht kochen kann, dennoch ein Kochbuch herausgibt. Jana mag dabei zwar denken, dass Milena das Buch wohl auch mit dem Wunsch veröffentlicht hat, sich bei dem Frauenpublikum erst beliebt zu machen, um mit ihm dann andere Themen zu besprechen, die ihr wirklich am Herzen liegen. Milenas Tochter scheint jedoch ein Problem damit zu haben, wenn das Bedürfnis ihrer Mutter nach Leserinnen so weit geht, dass sich diese zu Dingen zwingt, die überhaupt nicht ihr Eigenes sind, wie beispielweise das Kochen und die Rezepte. 2) Jana ist sich allerdings möglicherweise auch dessen bewusst, dass es sehr schwierig festzustellen ist, was an einer Person das wirklich Eigene sein soll— möge diese Person ihr auch so sehr vertraut sein, wie ihre Mutter es war. Sie will deshalb vielleicht nicht ganz ausschließen, dass Milena ihr Kochbuch nicht nur deswegen geschrieben hat, weil sie sich beim Frauenpublikum beliebt machen wollte, sondern auch weil sie doch ebenfalls vorhatte, durch diese Arbeit eine bessere Köchin zu werden (eventuell aus dem Wunsch heraus, eine Frau zu sein, die nicht nur emanzipiert ist, sondern auch in den Tätigkeiten geschickt ist, die in der Gesellschaft als konventionell weiblich betrachtet werden). 3) Das Kochbuch Mileniny recepty erscheint zwar noch vor Janas Geburt, wird für sie aber womöglich zu einem Symbol dessen, dass sich ihre Mutter immer wieder bereit zeigte, mehr Zeit für die Gesellschaft zu finden als für die eigene Tochter. Jana denkt scheinbar, dass Milena als Mutter grundsätzlich aufmerksam war, aber sie fühlt auch, dass Milenas Aufmerksamkeit durch viele Projekte eingeschränkt war, weil die Journalistin ihre Mutterrolle in Konkurrenz mit ihrer Gesellschafts-Suche (bzw. -Sucht) sah. Jana findet es offenbar schwer zu akzeptieren, dass ihre Mutter von ihrem Kind erwartete, dass es Milenas Arbeitsethos und soziale Leidenschaft versteht, als ob es selbst eine Erwachsene wäre— und das sogar in dem Fall, dass Milenas Projekte wenig mit ihren realen Interessen und Kompetenzen zu tun hatten. 4) Mileniny recepty ist zwar ein harmloses Kochbuch, aber es dürfte Jana daran erinnern, dass Milenas soziales Engagement ihre Mutter zu Taten geführt hat, die OPEN ACCESS
42 SLOVO A SMYSL 28 keineswegs harmlos waren und sich nicht so einfach als Publikumssüchtigkeit abtun lassen. Milenas Einsatzbereitschaft für die tschechische Gesellschaft ist nämlich der (oder zumindest ein) Grund, weshalb sie als antifaschistische Journalistin gegen die nationalsozialistische Besatzung der Tschechoslowakei schrieb und handelte, bis sie verhaftet und ins KZ Ravensbrück deportiert wurde, wo sie starb. Milenas Schicksal scheint Jana so hart gewesen zu sein, dass es bei ihr ambivalente Gedanken in Bezug auf den Sinn vom gesellschaftlichen Engagement auszulösen vermag— denn Jana respektiert den Einsatz ihrer Mutter, aber sie kann nicht umhin zu bedauern, dass dieses Engagement sie zum Waisenkind gemacht hat. 5) Jana fühlt sich vermutlich durch Milenas soziales Engagement unter Druck gesetzt. Die stalinistische Tschechoslowakei, in der sie als junge Frau gelebt hat, ist nämlich auch ein totalitäres Regime gewesen wie das nationalsozialistische Protektorat Böhmen und Mähren— und man hätte auch hier die Möglichkeit gehabt, das System aktiv zu bekämpfen. Milena hätte das vielleicht gemacht. Jana hat das nicht getan, aber sie könnte gezweifelt haben, ob sie es nicht doch hätte tun sollen— und ob sie sich der Mutter überhaupt gewachsen fühlt.5 Die Vielschichtigkeit der Gedanken und Gefühle, die Jana mit dem Thema von Milena und der Gesellschaft verbinden könnte, sorgt dafür, dass man in Schwierigkeiten gerät, wenn es darum geht zu verstehen, warum Jana Mileniny recepty als „temná anejasná věc“ bezeichnet. Man kann— wie in der deutschen Übertragung— davon ausgehen, dass Jana das Kochbuch eher negativ betrachtet, und das Adjektiv „temný“ aus diesem Grund als „dunkel“ übersetzen. Man kann aber auch die Meinung vertreten, dass Jana Milenas Motivation, das Kochbuch zu schreiben, vor allem als unerklärlich betrachtet— und infolgedessen vom „Rätsel“ sprechen, wie die italienische Übersetzung es tut. Man kann aber auch zwischen beiden Positionen vermitteln und denken, dass Jana Mileniny recepty gleichzeitig als dunkel und rätselhaft empfindet, weil sie sich (bewusst oder unbewusst) in zweierlei Hinsicht unsicher fühlt: einerseits bezüglich der Motivation der Mutter, ein Kochbuch zu publizieren, andererseits bezüglich ihrer eigenen Irritation über diese Entscheidung. Die Tatsache, dass der Ausdruck „temná anejasná věc“ auch ironisch wirkt, soll dabei nicht überraschen, denn Ironie ist eine Denkund Stilfigur, auf die Jana in ihren Texten (in Adresát Milena Jesenská wie in einigen Erzählungen und Briefen) häufig rekurriert. Jana kann offensichtlich über die Vorstellung von Milena als Köchin durchaus lachen, zumal sie eine gewisse Komik in der Tatsache verspüren dürfte, dass ihr Verhältnis zur Mutter so verwickelt ist, dass sie auch eine Rezeptsammlung in ein interpretatorisches Problem zu verwandeln vermag.6 5 Janas gegenkulturelles Handeln als Mitglied des tschechischen Protoundergrounds um 1950 stellt eine Form von Widerstand gegen das System dar, der jedoch nicht direkt— oder nur bedingt— sozial engagiert ist (siehe Kliems 2015, S.39–55 zu den Unterschieden zwischen (Proto-)Underground und Dissidenz und Zand 1998, S.129–132 zu der intimistischen Position Janas innerhalb des literarischen Protoundergrounds sowie die Beiträge von Natascha Drubek und Josef Vojvodík in dieser Ausgabe von Slovo asmysl). 6 Ich kann hier leider aus Platzgründen auf die für mich sehr anregende mise en scène von Janas Ironie— und vom Verhältnis zwischen Jana und Milena überhaupt— im Theaterstück Mileniny recepty (Regie Kamila Polívková, 2013) nicht eingehen. OPEN ACCESS
MAttEO cOLOMBI 43 NEVYLÉČITELNÉ, CHOLERICKÉ, NESTÁLÉ UND STATEČNÉ. JANA UND IHRE MUTTERFIGUREN Die Arbeitshypothese, nach der Milenas Verhältnis zur Gesellschaft eine zentrale Stellung in Janas Auseinandersetzung mit der Figur der Mutter einnimmt, scheint durch Janas Texte Adresát Milena Jesenská und Hrdinství je povinné bestätigt zu werden. Man findet in Janas Milena-Biographie sowohl Verweise auf ihre Bewunderung für Milenas soziales Engagement als auch Hinweise darauf, dass dieses Engagement eine schwierige Seite hat, die nicht nur ihre Tochter zu spüren bekommt. Es ist dabei interessant, dass Jana Milenas Gesellschafts-Suche nicht nur als eine Haltung betrachtet, die moralischen Überzeugungen entstammt. Die Tochter beobachtet die Mutter vielmehr aus einer vitalistischen Perspektive, nach der Milenas sozialer Einsatz eine direkte Äußerung ihrer Lebenslust und Lebensenergie ist. Byly věci, které nikdy nemohla pochopit anikdy nedokázala vysvětlit ani sobě. Když jsme na ně narazili, mluvila onich snehlučným, palčivým hněvem, nikdy ne srezignovaným pokrčením ramen apřesvědčením, že to už tak na světě chodí anedá se proti tomu nic dělat. Byla nevyléčitelná ve svém optimistickém přesvědčení, že svět je možné uspořádat tak, aby byl skutečně anaprosto pro všechny lidi vpořádku. Alespoň tedy vněm byla nevyléčitelná. Později, vRawensbrücku [sic], to už asi bylo jiné […] [Es gab Dinge, die sie niemals begreifen und nicht einmal sich selber erklären konnte. Wenn wir auf so etwas stießen, sprach sie darüber mit leisem heftigem Zorn, niemals mit einem resignierten Schulterzucken, und sie meinte nie, so gehe es nun einmal auf der Welt zu und man könne nichts dagegen machen. Ihre optimistische Überzeugung, man könne die Welt so einrichten, daß sie wirklich für alle Menschen in Ordnung sei, war ungebrochen. Später, in Ravensbrück, war es wohl anders …] (Černá 1991, S.93 [dieselbe 1985, S.120–121]). Es ist aus diesem Zitat jedoch nicht nur Bewunderung, sondern auch ein gewisser Schmerz zu entnehmen, weil dem „nevyléčitelný optimismus [unheilbarer Optimismus]“ von Milena durch die Tatsache widersprochen wird, dass ihr Leben in einem KZ enden musste— und dass die noch pubertierende Jana ihre Mutter deswegen verloren hat. Andere Stellen aus der Biographie machen außerdem klar, dass sich Jana als Kind vom gesellschaftlichen Engagement ihrer Mutter überfordert fühlt— etwa wenn diese der Tochter über ihre Teilnahme am illegalen Widerstand gegen die Nationalsozialisten berichtet. […] se mnou mluvila Milena ještě otevřeněji adůvěrněji než předtím— jenomže jedenáct let je tak zatraceně málo! Mohla jsem ji poslouchat, ale víc už jsem nemohla nic. Apřebrat si to, co říká, jsem mohla taky až mnohem později. Atak jsem se jenom pokoušela ji vždycky nějak zbavit smutku, ale většinou se mi to nepodařilo […] [… redete Milena mit mir noch offener und vertrauter als vorher— doch was versteht schon ein Kind von elf Jahren! Ich konnte sie anhören, mehr konnte ich nicht. Völlig begreifen, was sie sagte, vermochte ich viel später. Also versuchte ich nur, sie irgendwie aufzuheitern, was mir meist nicht gelang …] (Černá 1991, S.107 [dieselbe 1985, S.137]). OPEN ACCESS
44 SLOVO A SMYSL 28 Die Vorbehalte, die Jana gegenüber ihrer Mutter hegt, werden noch deutlicher, wenn sie über deren Gemütsschwankungen redet. Sie unterstreicht dabei, dass der „nehlučný, palčivý hněv [leiser, heftiger Zorn]“, der das Pendant zu Milenas Lebensoptimismus bildet, dazu führt, dass das Leben mit Milena unter Umständen sehr schwierig werden kann. Jana äußert sich diesbezüglich bereits im Prolog ihrer Biographie: Milena byla cholerik. […] Dokázala až bezhlavě mnoho obětovat pro něco, pro co zahořela. Ale asi nedokázala nikdy zachovat jasnou aklidnou hlavu, když milovaná věc nebo milovaný člověk zklamali […] [Milena war eine Cholerikerin … Sie war sogar imstande, kopflos vieles für eine Sache zu opfern, für die sie entflammt war. Aber sie hat wohl nie vermocht, einen klaren und ruhigen Kopf zu bewahren, wenn die geliebte Sache oder der geliebte Mensch sie enttäuschten …] (Černá 1991, S.11 [dieselbe 1985, S.10–11]). Milena ist schließlich— Janas Meinung nach— nicht beständig in ihrer Hingabe für andere Menschen. Milena kann nämlich relativ schnell aufhören, sich um jemanden zu kümmern, wenn sich der Gegenstand ihrer Begeisterung ändert. Die Stelle von Adresát Milena Jesenská, an der diese Betrachtung am klarsten angestellt wird, ist wahrscheinlich diejenige, an der die Biographie schildert, wie Milena ihre Liebesbeziehung zu Franz Xaver Schaffgotsch entwickelt und wie sie ihr dann ein Ende setzt. Schaffgotsch war ein Adliger, den Milena in Wien kennengelernt hatte und der sie interessierte, weil er ein überzeugter Kommunist war. Er zog nach Prag, um mit Milena zusammen zu bleiben— und entwickelte dabei großes Interesse für die avantgardistische Künstlergruppe Devětsil, mit der Milena zusammenarbeitete und deren Mitglieder, genauso wie er, linksorientiert waren. Ein Problem war, dass Schaffgotsch kaum Tschechisch sprach und deshalb Zeit brauchte, um sich in Prag einzufinden. Milena war aber allzu ungeduldig, um darauf zu warten, dass Schaffgotsch es lernte, sich in Prag zu orientieren— und sie verließ ihn für einen tschechischen Avantgardisten aus der Devětsil-Gruppe (und Janas zukünftigen Vater), den Architekten Jaromír Krejcar, der besser zu ihren aktuellen Bedürfnissen passte. […] od té doby, kdy jsou její vzpomínky spojeny sDevětsilem, jsou také spojeny sJaromírem Krejcarem. Hrabě Schaffgotsch se znich vytratil jako dým amám dojem, že se podobně vytratil izMilenina života. Možná, že ho prostě jednoho dne někde zapomněla […] [… denn wenn sie sich an den „Devětsil“ erinnerte, dachte sie an Jaromír Krejcar. Graf Schaffgotsch verflüchtigte sich in ihren Erinnerungen wie Rauch, und ich habe den Eindruck, daß er ähnlich auch aus Milenas Leben verschwand. Vielleicht vergaß sie ihn einfach eines Tages irgendwo …] (Černá 1991, S.63 [dieselbe 1985, S.80]). Jana behauptet an keiner expliziten Stelle ihrer Milena-Biographie, dass die nestálá [unbeständige] Aufmerksamkeit, die Milena in Bezug auf Menschen und Gegenstände aufwies, auch die Konsequenz hatte, dass die Mutter ihre Tochter manchmal vernachlässigen konnte, wenn sie von etwas oder jemandem anderen angeregt wurde. Es scheint dennoch kein Zufall zu sein, dass Janas Sohn und Milenas Enkel OPEN ACCESS
MAttEO cOLOMBI 45 Jan Černý in seinem Nachwort zur deutschen Ausgabe von Adresát Milena Jesenská folgendes anmerkt: Die Rolle einer fürsorgenden Mutter hielt sie allerdings nicht lange durch. Als ideenreiche Journalistin wandte sie sich bald wieder ihrer Arbeit zu und überließ die Erziehung des Kindes weitgehend einem Kindermädchen […] (Černá 1985, S.172). Es ist nichtsdestotrotz— komplementär zu Černýs Zeugnis— wichtig festzuhalten, dass Jana in ihrer Biographie ziemlich zurückhaltend ist, wenn es darum geht, der Mutter Vorwürfe zu machen (in Bezug auf ihr Benehmen sowohl der Tochter als auch anderen Menschen gegenüber). Jana deutet zwar Kritikpunkte an, wie es aus den zitierten Stellen ersichtlich ist, aber auf eine sehr vorsichtige Art und Weise. Ihre Zurückhaltung kann dabei viele Gründe haben, die vom Respekt für die Mutter bis zur Absicht, Milena durch ihre Biographie zu ehren, reichen können— zumal die Biographie in der Stimmung des Prager Frühlings konzipiert wurde, als es für kurze Zeit möglich schien, Figuren wie Milena zu rehabilitieren, die dem Sozialismus im Grunde nicht abgeneigt waren, obwohl sie dessen historische Entwicklung kritisiert hatten.7 Es ist auf jeden Fall interessant, dass Jana die Erinnerung an ihre Mutter auch in der literarischen Fiktion ihres kurzen Romans Hrdinství je povinné verarbeitet hat. Dieser Roman ist zwar nicht ausschließlich autobiographisch, aber er enthält de facto autobiographische Elemente— und die Tatsache, dass man hier von fiktionaler Verarbeitung reden kann, heißt erst einmal nur so viel, dass Jana in diesem Roman eine erfundene Geschichte erzählt, die sich mit Fragen auseinandersetzt, die parallel dazu auch ihr autobiographisches Verhältnis zu ihrer Mutter konditionieren, so wie dieses Verhältnis in Adresát Milena Jesenská dargestellt wird. Die thematische Überschneidung erweist sich dabei als offensichtlich, wenn man die Handlung von Hrdinství je povinné zusammenfasst.8 Janas Roman berichtet über den 19jährigen Petr, der seine Geschichte in der ersten Person erzählt. Diese Geschichte spielt sich um das Jahr 1950 teilweise in Prag und teilweise auf einem Eisenbahnbau ab, an dem Petr im Rahmen einer stavba mládeže [Jugendbaubrigade] teilnimmt, und worüber er eine Reportage schreibt. Sein Text hierzu gerät ziemlich kritisch, denn Petr ist auf dem Bau mit negativen Situationen konfrontiert, über die er aufrichtig berichtet: Er stellt die allzu starken Hierarchien dar, welche die Arbeit auf dem Bau regulieren, und er beschreibt darüber hinaus sinnlose Arbeitstätigkeiten, den Mangel an Privatsphäre, die Unmöglichkeit frei zu sprechen und den damit verbundenen Zwang, den Kommunismus um jeden Preis zu 7 Siehe dazu Janas Vorwort zur Biographie (Černá 1995, S.7–11) und Militz 2015, S.119–121. 8 Hrdinství je povinné ist nicht der einzige fiktionale Text von Jana, in dem Mutterfiguren auftreten, die Berührungspunkte zu Janas eigenem Leben haben. Andere Beispiele sind einige Erzählungen aus der Sammlung Nebyly to moje děti [Es waren nicht meine Kinder] (1966). Hrdinství je povinné ist hier ausgewählt worden, weil dieses Buch das Thema des gesellschaftlichen Engagements besonders stark macht. Siehe zur Positionierung und Rezeption dieses Textes im Rahmen von Janas Gesamtwerk den Aufsatz von Gertraude Zand in dieser Ausgabe von Slovo asmysl. OPEN ACCESS
46 SLOVO A SMYSL 28 zelebrieren. Die Erzählung alterniert Abschnitte, in denen Petr über den Bau berichtet, mit Abschnitten, in denen er zu Hause ist und sich mit seiner Familie unterhält— die aus seinem Vater, einem Architekten, und dessen Schwester, Tante Julia, besteht. Petrs Mutter ist im Zweiten Weltkrieg in einem KZ in Norddeutschland ums Leben gekommen, weil sie— anders als Vater und Sohn— 1939 nicht nach England geflüchtet, sondern in Prag geblieben, verhaftet und deportiert worden ist. Der Grund der Verhaftung wird im Roman nicht genau erwähnt, es ist aber aus vielen Hinweisen zu verstehen, dass die Mutter sich im antifaschistischen Kampf engagiert hat. Petr macht in seiner Erzählung klar, dass seine Teilnahme an der Jugendbaubrigade sowie die Reportage, die er darüber schreibt, mit seiner familiären Situation eng verbunden sind. Petr versucht dabei, seinen innerlichen Konflikt zu lösen, in dem er Vaterund Mutterfigur rational und emotional einander gegenüberstellt. Es geht darum, dass er seiner Mutter vorwirft, ihn als Kind verlassen zu haben, als sie entschieden hat, nicht nach England mit auszuwandern. Petr ist dennoch der Figur der Mutter sehr verbunden, weil er glaubt, dass sie etwas durchaus Gerechtes und Mutiges getan hat, als sie entschieden hat, in Prag zu bleiben anstatt zu flüchten. Petr fasst seine Situation wie folgt zusammen: Musím si jí vážit, musím se jí obdivovat, nemá-li moje pře oni, vedená sotcem, ztratit smysl, ale musím také vědět pravdu— ato je cennější. Pravdu ošesti letech, která jsem strávil vcizím městě, kde jsem musel být přesto, že jsem tam být nechtěl, kam mě odvezli proti mé vůli, bez maminky, sotcem, který je moudrý, který je chytrý akterý není statečný […] [Ich muss sie schätzen, ich muss sie bewundern, damit der Kampf um sie, den ich mit meinem Vater führe, seinen Sinn nicht verliert. Aber ich muss auch die Wahrheit wissen— und das hat viel mehr Wert. Die Wahrheit über sechs Jahre, die ich in einer fremden Stadt verbracht habe, in der ich sein musste, obwohl ich dort nicht sein wollte, und in die man mich gegen meinen Willen gebracht hat— ohne Mama, mit dem Vater, der weise ist, der klug ist und der nicht standhaft ist …] (Černá 1964, S.22).9 Statečnost [Standhaftigkeit] wird zu einer zentralen Eigenschaft in Hrdinství je povinné, weil es der erste Charakterzug ist, den sowohl Petr als auch sein Vater mit der Mutter verbinden. Das Problem ist dabei, dass der Vater Standhaftigkeit an sich nicht mag, denn er ist der Meinung, dass Menschen, die sich wie die Mutter für etwas aufopfern, insofern immer auch egoistisch handeln, als sie irgendein großes Ideal wichtiger finden als das Wohlbefinden ihrer Lieben. Petr ist durch die Meinung seines Vaters beunruhigt, weil er diese Meinung nur allzu gut versteht: Er leidet nämlich auch darunter, dass die Mutter ihre Standhaftigkeit wichtiger fand als ihre Familie. Er nimmt dennoch letzten Endes Partei für die Mutter, als er eine klare Bezeichnung für die Haltung seines Vaters findet: „Protikladem statečnosti je nelidskost [Das Gegenteil von Standhaftigkeit ist Unmenschlichkeit]“ (Černá 1964, S.31). Es geht dabei um ein hartes Urteil, das den Vater schwer trifft, das dieser aber mit einem gewissen Trotz und Stolz hinnimmt: 9 Alle Übersetzungen aus diesem Roman stammen von mir. OPEN ACCESS