scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Hauptströmungen der Entwicklung im Reiseverkehrsmanagement im Sudetenland

Štemberk, Jan

Abstract

70

Full text

Hauptströmungen der Entwicklung imReiseverkehrsmanagement im Sudetenland Jan Štemberk KEY WORDS: Tourism History — Sudetenland — Tourism Management — Nazi Germany. Der Fremdenverkehr gehört zu den wichtigsten Bereichen des Dienstleistungsgewerbes. Seine Ursprünge im mitteleuropäischen Raum reichen in die erste Hälfte des 19.Jahrhunderts zurück, obwohl seine Geschichte natürlich noch älter ist.1 Die Entwicklung des Fremdenverkehrs, besonders in den Grenzgebieten der böhmischen Länder, wurde von den Wissenschaftlern bisher eher übergangen.2 Die Bedeutung des Fremdenverkehrs umfasst mehrere Ebenen. Aus der Sicht einer von Touristen besuchten Region ist der wirtschaftliche Profit zu erwähnen, welcher ökonomische Unterentwicklung ausgleichen und eventuell auch verwerten kann, und im Zusammenhang damit die Bewahrung von Natur, Erfrischungsund Heilquellen sowie von Volkstraditionen. Deren Anziehungskraft an sich ist unzureichend, und im Konkurrenzkampf um den Touristen ist es vonnöten, sich zu präsentieren, Reklame zu machen, nützliche Informationen anzubieten und Touristenströme zu organisieren und geschickt zu steuern. Zugleich darf man nicht vergessen, den Touristen ihren Aufenthalt nicht nur durch Pflege von Stadtbild und Sehenswürdigkeiten angenehm zu machen, sondern auch für gute Zugänglichkeit und Übersichtlichkeit der Städte und Sehenswürdigkeiten und nicht zuletzt auch für ein interessantes Programm zu sorgen. Ziel des vorliegenden Beitrags ist es nicht, die Entwicklung des Fremdenverkehrs im Sudetenland in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts nachzuvollziehen, sondern Änderungen seiner Organisationsstruktur und Steuerung nachzuverfolgen, bzw. die Bemühungen um die Erleichterung seiner Entwicklung und die Etablierung einer institutionellen Förderung. Ein weiterer Zweck ist auch die Untersuchung des Desti1 Zum Fremdenverkehr und seiner Entwicklung vgl. z. B.Hasso Spode, Wie die Deutschen „Reiseweltmeister“ wurden. Eine Einführung in die Tourismusgeschichte, Erfurt 2003; Rüdiger Hachtmann, Tourismus-Geschichte, Göttingen 2007. 2 Jan Štemberk, Fenomén cestovního ruchu. Možnosti alimity cestovního ruchu vmeziválečném Československu, Praha–Pelhřimov 2009; Pavel Mücke, Šťastnou cestu…?! Proměny politik cestování acestovního ruchu vČeskoslovensku za časů studené války (1945–1989), Pelhřimov 2017; Ivan Jakubec— Jan Štemberk, Cestovní ruch pod dohledem třetí říše, Praha 2018. OPEN ACCESS Jan ŠtEMbErk 71 nationsmanagements sowie eine Bewertung der Einführung der Reichsorganisation im Sudetenland, d. h. einem im Herbst 1938 dem Deutschen Reich angeschlossenen Gebiet. Das Sudetenland war wegen seiner Verbindung mit den böhmischen Ländern besonders, orientierte sich aber auf (reichs-)deutsche Touristen. Der Problematik des Fremdenverkehrs und seiner Organisation im Sudetenland wurde in der jüngeren deutschen und tschechischen Historiographie kaum Aufmerksamkeit gewidmet. Zur Verfügung stehen hingegen zahlreiche Studien, die sich auf konkrete Orte und ihr Destinationsmanagement konzentrieren. Der vorliegende Beitrag basiert auf der Erforschung von Quellen in böhmischen, mährischen, deutschen und österreichischen Archiven und wird durch zeitgenössische Zeitschriftenliteratur ergänzt. In den böhmischen Ländern begannen die institutionalisierte Pflege der Fremdenverkehrsentwicklung und die Aktivitäten zu seiner Organisierung in den 1880er Jahren, und abgesehen von Details verlief sie analog der Entwicklung in ganz Zisleithanien.3 Von großer Bedeutung sind aus regionaler Sicht die Tourismusund Verschönerungsvereinigungen, deren Ursprung vom Ende der 1860er Jahre datiert. Ihre Tätigkeit war mehr oder weniger regional und bezog sich oft auf eine konkrete Gemeinde bzw. ihre Umgebung. Zum Verdienst dieser Vereinigungen gehört der Bau von Aussichtstürmen, Alleen, Ufern mit Sitzbänken und nicht zuletzt auch die Markierung und Beschilderung der Wege zu den Sehenswürdigkeiten.4 Die Anfänge der institutionalisierten Unterstützung gehen auf das Jahr 1886 zurück, als der „Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs“ seine Tätigkeit aufnahm. Die Genehmigung der Statthalterei wurde am 6.Juli 1886 erteilt, und die erste Vollversammlung fand neun Tage später statt. Der erste Vorsitzende war der Prager Kaufmann Eduard Hrubý. Nach zwanzigjähriger Tätigkeit (am 2.September 1906) änderte der Verband seinen Namen in „Landesverband zur Hebung des Fremdenverkehrs im Königreich Böhmen“ (kurz auch Böhmischer Fremdenverkehrsverband genannt) und erweiterte zugleich seinen Wirkungskreis. Der Verband entstand zwar als eine utraquistische (deutsch-tschechische) Organisation, aber das tschechische Element gewann Schritt für Schritt die Oberhand. In der deutschen Presse erschienen deswegen scharfe Polemiken und Agitation gegen den Verband. Die Verbandsführung bemühte sich zwar um Kooperation mit den Prager Deutschen, stieß aber auf deren Desinteresse. Im Falle einer umfangreicheren Förderung drohte eine negative Reaktion seitens der tschechischen Repräsentanten. Die deutschen Vertreter stimmten einem erweiterten Zuständigkeitsbereich des Verbands nicht zu, obwohl in Prager deutschen Kreisen die Idee kursierte, einen eigenen Fremdenverkehrsverband zu gründen. Dieser Gedanke wurde jedoch nie realisiert.5 3 Alois Brusatti, 100 Jahre österreichischer Fremdenverkehr: histor. Entwicklung 1884–1984, Wien 1984. 4 Martin Pelc, Umění putovat. Dějiny německých turistických spolků včeských zemích, Brno 2009. 5 Der Ehrenvorsitzende des Verbandes war Franz von Thun und von Hohenstein. Archiv der Hauptstadt Prag (im Weiteren AHMP), Bestand Svaz pro povznesení návštěvy ČSR, Inv. Nr.5, Protokoly ze schůzí 1912, Protokol oschůzi 9.9.1912; Zpráva ovalné hromadě Českého zemského Svazu ku povznesení návštěvy cizinců vkrálovství Českém, Časopis turistů Jg. 28, 1916, Příloha S.3. OPEN ACCESS 72 WISOHIM/ESHP 30 Das zu Beginn des 20.Jahrhunderts touristisch am besten entwickelte Gebiet in Böhmen war zweifellos das westböhmische Bäderdreieck. Der Unwille der deutschen Vertreter, einen auf ganz Böhmen erweiterten Zuständigkeitsbereich des Prager Fremdenverkehrsverbands zu unterstützen, entsprang dem Gedanken, einen eigenen deutschen Verband zu gründen, welcher die Besucherzahl in den deutschen Gebieten in Böhmen, v. A. in den westböhmischen Badeorten steigern sollte. 1905 wurde der Deutsche Landesverband für Fremdenverkehr in Böhmen mit Sitz in Karlsbad (Karlovy Vary) gegründet. Zum Vorsitzenden wurde der Reichstagsabgeordnete und Handelsdirektor der deutschen Ausstellung in Reichenberg (Liberec) 1906, Erhard Arnold, gewählt. Weitere Vertreter waren bedeutende Persönlichkeiten wie der letzte deutsche Bürgermeister von Budweis (České Budějovice), Josef Taschek.6 Der Verband besaß ein eigenes Reisebüro und Pressebüros in den bedeutendsten Badeorten wie Karlsbad, Marienbad (Mariánské Lázně) und Teplitz-Schönau (Teplice-Šanov). Im Jahre 1910 wurden Verhandlungen zwischen dem Prager und dem Karlsbader Fremdenverkehrsverband über eine enge Kooperation aufgenommen. Sie stießen aber immer wieder auf die von den deutsch-tschechischen Auseinandersetzungen hervorgerufene Passivität des Landtags.7 Der Deutsche Landesverband konzentrierte sich bei seiner Tätigkeit hauptsächlich auf die Bewerbung der westböhmischen Bäder, welche seine Arbeit auch unterstützten. Dies war auch ein Grund dafür, dass sich der Verband erlauben konnte, ein Informationsbüro in Deutschland (z. B. in Breslau) zu unterhalten. Analog bemühte sich der Deutsche Landesverband für Fremdenverkehr in Mähren und Schlesien um die Entwicklung des Fremdenverkehrs in den von den Deutschen besiedelten Gebieten Mährens und Schlesiens. Dieser Verband wurde im Oktober 1905 in Wien auf Initiative des Niederösterreichischen Landesfremdenverkehrsbands gegründet. Das Hauptziel lag in der Bewerbung des Altvatergebirges (Jeseníky) mit dem Altvater-Gipfel (Praděd) und des südmährischen Thaya-Gebiets (Podyjí). Neben der Reklame widmete sich der Verband der Verbesserung der Verkehrssituation und Erreichbarkeit dieser touristisch attraktiven Orte und einer Evidenz des Angebots an Ferienhäusern. Vor dem Ersten Weltkrieg war der Mittelschullehrer und Abgeordnete des Reichsrats und des Mährischen Landtags, Rudolf Sommer, Vorsitzender des Verbands.8 Die tschechische Antwort darauf bestand in der Gründung eines Landesverbands zur Hebung des Fremdenverkehrs in der Markgrafschaft Mähren und dem Herzogtum Schlesien (später als „Böhmischer Landesverband für Hebung des Fremdenverkehrs in Mähren und Schlesien“ bezeichnet) in Brünn im Jahre 1909. Der Verband wirkte als „Vereinigung der Gemeinden, Institute und anderer Körperschaften, sowie von Einzelpersonen im gemeinsamen Bestreben, um durch die Konzentration 6 Mitteilungen des Landes Verbandes für Fremden-Verkehr in Deutschböhmen 1, 1906 Nr.1, S.1. 7 AHMP, Bestand Svaz pro povznesení návštěvy ČSR, Inv. Nr.5, Protokoly ze schůzí 1912, Zápis oVI. valné hromadě Českého Zemského svazu ku povznesení návštěvy cizinců vkrálovství Českém 12.5.1912. 8 Jahresbericht des Deutschen Landesverbandes für Fremdenverkehr in Mähren und Schlesien, Wien 1910, S.3, 48. OPEN ACCESS Jan ŠtEMbErk 73 ihrer Tätigkeiten im Verband den Fremdenverkehr in der Markgrafschaft Mähren und dem Herzogtum Schlesien zu unterstützen“.9 Das erwünschte Ziel wollte der Verband durch die Herausgabe von Werbematerialien sowie die Förderung und Unterstützung von im Fremdenverkehr tätigen Betrieben erreichen. Zur Unterstützung präsentierte man auch die mährischen Sitten und Bräuche, organisierte völkerkundliche Feiertage, Kochund Reiseführerkurse, Konferenzen zum Tourismus, Meinungsumfragen zum Stand des Fremdenverkehrs und gab natürlich auch fremdsprachliche Reisehandbücher heraus.10 Auch nach der Entstehung der Tschechoslowakei ging die Tätigkeit beider Fremdenverkehrsverbände weiter. Beiden wurde volle Autonomie bei der Verwirklichung ihrer Ziele zugesichert, was auch mit dem wirtschaftlichen Interesse des neuen Staats korrespondierte, d. h. der Gewinnung ausländischer Touristen. Das Prager Ministerium für Industrie, Handel und Gewerbe, in dessen Kompetenz der Fremdenverkehr in der Zwischenkriegszeit fiel, widmete sich primär anderen Problemen, und der Fremdenverkehr spielte eher eine untergeordnete Rolle. Dies hatte die weitere ungestörte Tätigkeit der bisherigen Fremdenverkehrsverbände zur Folge. Stärker betroffen war der Deutsche Landesverband für Fremdenverkehr in Mähren und Schlesien. Nach der Entstehung der Tschechoslowakei wurde die Tätigkeit derjenigen Verbände verboten, deren Sitz außerhalb des Gebietes des neuen Staats lag. Aus diesem Grund war es erforderlich, den Sitz aus Wien in die Tschechoslowakei zu verlegen, und als geeigneter Ort wurde Jeseník (damals Freiwaldau) ausgewählt. Es lässt sich darauf hinweisen, dass Verhandlungen über die Notwendigkeit, den Sitz gerade ins interessierende Gebiet zu verlegen, bereits vor dem Ersten Weltkrieg stattfanden. Nachdem man zunächst Brünn in Betracht gezogen hatte, entschied man sich nach 1918 zugunsten Freiwaldau. Es ist zu betonen, dass beide deutschen Fremdenverkehrsverbände sich zur Tätigkeit im Bereich des Fremdenverkehrs in neuem tschechoslowakischen Staat zusammenschlossen und an der Gründung des Zentrums der Landesfremdenverkehrsverbände (seit 1929 Tschechoslowakisches Zentrum für Fremdenverkehr) beteiligt waren, welches die im Bereich Fremdenverkehr tätigen Verbände aus dem ganzen Staat vereinte.11 Es handelte sich um eine Analogie zum Bund des österreichischen Landesverbands für Fremdenverkehr, welcher seit Oktober 1913 die zisleithanischen Fremdenverkehrsverbände vereinigte und eng mit dem Ministerium für öffentliche Arbeiten kooperierte.12 In der Zwischenkriegszeit und besonders zu Beginn der 1930er Jahre stand im Zusammenhang mit dem Versuch, die Folgen der Wirtschaftskrise zu überwinden, die Entwicklung des Fremdenverkehrs im Zentrum des Interesses. Auf der regiona9 Stanovy, Svaz. Věstník Zemského svazu pro povznesení návštěvy cizinců na Moravě ave Slezsku Jg 1, 1911, Nr.1, S.15. 10 Moravský zemský archiv, Bestand Zemský úřad Brno, k. 2117, Stanovy cizineckého svazu, Brno 1917. 11 Ausführlicher zur Tätigkeit der Fremdenverkehrsverbände: Jan Štemberk, Fenomén cestovního ruchu, S.27 ff. 12 Fremdenverkehrs-Nachrichten des Landes Verbandes für Fremden-Verkehr in Deutschböhmen 8, 1913, Nr.8, S.4. OPEN ACCESS 74 WISOHIM/ESHP 30 len Ebene entstanden also neben den Touristenund Verschönerungsvereinen auch Fremdenverkehrsvereine (z. B.Reichenberg, Böhmisch Leipa, Trautenau), die oft mit Unterstützung der dortigen Selbstverwaltung touristische Destinationen aufbauen und führen sollten. Der Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich im Herbst 1938 beeinflusste auch die Organisation des Fremdenverkehrs in hohem Maße. Das bisherige Modell einer Autonomie der Verbände wurde wie in Österreich aufgehoben und durch eine vom Staat gesteuerte Zwangsorganisation ersetzt, so wie es im Reich der Fall war. Auf Erlass des Reichskommissars für die sudetendeutschen Gebiete (Konrad Henlein) vom 31.Oktober 1938 wurde formell über die Abschaffung der bisherigen Fremdenvereine und, analog zu Österreich, über die beschleunigte Einrichtung eines Landesfremdenverkehrsverbands entschieden, gemäß der im Reich gültigen Regelung.13 Das Vermögen der abgeschafften Fremdenverkehrsverbände sollte auf den Landesfremdenverkehrsverband14 übertragen werden. Es zeigt sich, dass sowohl die bisherigen Fremdenverkehrsverbände (Karlsbad und Freiwaldau) als auch die lokalen Fremdenvereine ihre Tätigkeit nicht sofort beendeten und weiterfunktionierten. Als Beweis dafür kann z. B. eine Nachricht des Freiwaldauer Fremdenverkehrsverbands von 1938 dienen,15 dass er mit der Lieferung von Prospekten über im Sudetenland gelegene Orte ins Reich angefangen habe. Die Organisationsstruktur der Fremdenverkehrspflege umfasste im Dritten Reich mehrere Ebenen. Die Konzeption der Fremdenverkehrsentwicklung wurde mittels eines Gesetzes vom 23.Juni 1933 (RGBl. I, 1933, S.393) dem neu eingerichteten Reichsausschuss für Fremdenverkehr als Hauptorganisation im Bereich des Fremdenverkehrs übertragen. Der Vorsitzende des Ausschusses war der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda. Diese Konzeption repräsentierte eindeutig die Aufgabe, die dem Fremdenverkehr im deutschen nationalsozialistischen Staat aufgetragen war. Die wirtschaftliche Rolle rückte in den Hintergrund, während die politische (bzw. propagandistische) im Vordergrund stand. Mitglieder des Ausschusses waren Vertreter anderer Ministerien, die am Fremdenverkehr Interesse hatten, weiterhin Vertreter einzelner reichsdeutscher Länder, ein Vertreter des Reichssportkommissars, ein Vertreter der Bäder-, Beherbergungs-, Gaststätten-, und Verkehrsbetriebe sowie Verbände der Selbstverwaltungen, die für den Reiseverkehr von Bedeutung waren. Die zweite Ebene war die wirtschaftliche. Im Rahmen des „organischen“ Wirtschaftaufbaus seit 1934 gehörte der Fremdenverkehr zur Reichsgruppe Handel.16 13 Státní okresní archiv (im Weiteren SOkA) Trutnov, Bestand Archiv města Vrchlabí, K. 189, Inv. Nr.1874, Schreiben vom 29.11.1938. 14 SOkA Bruntál, Bestand Landrát Krnov, Faszikel 828, Inv. Nr.343, Sg. Kult-311/1, Erlass, 31.10.1938. 15 SOkA Znojmo, Bestand Archiv města Znojmo, spisovna 1918–1938, K. 12, Bericht vom 5.12.1938. 16 Bundesarchiv Berlin (im Weiteren BArch), Bestand Reichswirtschaftsministerium (im Weiteren RWM) R 3101/9291, Bd. 2, Zeitschrift Das Bad, 1938, Jg. 33, Nr.10. OPEN ACCESS Jan ŠtEMbErk 75 Konkrete Aufgaben und Bedürfnisse des Fremdenverkehrs wurden erst nach der Errichtung der autonomen Reichsgruppe Fremdenverkehr laut Anordnung vom 4.April 1939 betont.17 An der Spitze der Reichsgruppe stand der Staatssekretär des Ministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Hermann Esser.18 Die Reichsgruppe Fremdenverkehr bildeten die Wirtschaftsgruppe Gaststätten und Beherbergungsgewerbe mit der Fachgruppe Badebetriebe.19 Über eine eventuelle Eingliederung weiterer Betriebe (Reisebüros, öffentlichenGaragen) wurde nicht entschieden. Aufgabe der Reichsgruppe war die wirtschaftliche Steuerung des Fremdenverkehrs im Einklang mit dem Interesse der reichsdeutschen Wirtschaft. Eine Diskussion über die Eingliederung der Reisebüros fand auf der achten Tagung des Reichsausschusses für Fremdenverkehr im Mai 1939 im Karlsbader Hotel Pupp statt. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass das Interesse der Reisebüros mehr beim Verkehr liegt, als im Beherbergungsund Gaststättenbereich. Zugleich wurde aber erwähnt, dass die Reisebüros künftig eine autonome Wirtschaftsgruppe bilden könnten.20 Die dritte Ebene wurde durch den Reichsfremdenverkehrsverband, eine öffentlich-rechtliche Körperschaft des Reiches repräsentiert.21 Das Gesetz über den Reichsfremdenverkehrsverband vom 26.März 1936 (RGBl. I, 1936, S.271) stellte diesen Verband endgültig unter Aufsicht der außerordentlich eingerichteten Abteilung des Fremdenverkehrs des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda. Als Vorsitzender wurde erneut H.Esser zum Sekretär dieses Reichsministeriums gewählt. Der sich auf den heimischen Fremdenverkehr konzentrierende Reichsfremdenverkehrsverband vereinte 1938 insgesamt 24 Landesfremdenverkehrsverbände, welche von den Reichsgauen der Nationalpartei (NSDAP) organisiert wurden. Die Landesfremdenverkehrsverbände vereinigten Fremdenverkehrsgemeinden und andere am Fremdenverkehr teilnehmende Körperschaften und Personen.22 Bis 1942 stieg die Zahl der Landesfremdenverkehrsverbände auf 33, die der sog. Fremdenverkehrsgemeinden auf ca. 8000, was ungefähr ein Zehntel aller Städte und Dörfer im Reich ausmachte.23 Zum Bestandteil des Reichfremdenverkehrsverbands wurde auch die Reichsbahnzentrale für den Deutschen Reiseverkehr, deren Hauptziel in der 17 Fünfte Verordnung zur Durchführung des organischen Aufbaues der deutschen Wirtschaft vom 4.4.1939 (RGBl. 1939, I, s.734) nach dem Gesetz vom 27.2.1934, RGBl. I., 1934, s.185; Sládek, B., Organisace cizineckého alázeňského ruchu vŘíši, Národní politika, 1939, Nr.155, 2.6.1939, S.8. 18 Zu H.Esser vgl.: Görlich, Ch., NSDAP-Mitglied Nr.2. Hermann Esser und der Fremdenverkehr im Nationalsozialismus, Norderstedt 2015. 19 BArch, f. RWM R 3101/9288 Bd. 1, Nr. III W.O. 28557/39. 20 Bayerisches Hauptstaatsarchiv München (im Weiteren BayHStA), Bestand Ministerium für Handel, Industrie und Gewerbe (im Weiteren MHIG), Sg. 9210, Protokoll der 8.Sitzung des Reichsausschusses für Fremdenverkehr, 11.5.1939 in Karlsbad. 21 Jaroslav Kose, Hospodářský význam cestovního ruchu, Sbírka přednášek České národohospodářské společnosti, Jg. 40–41, Nr.9, Praha 1940, S.4. 22 Paul Frei, Der Fremdenverkehr zwischen Deutschland und der Schweiz und seine Finanzierung unter der Devisenbewirtschaftung, München 1938, S.16. 23 E.Graf, Stellung und Standort des deutschen Fremdenverkehrs, Hosť aturista Jg. 3, 1942, Nr.1, S.2. OPEN ACCESS 76 WISOHIM/ESHP 30 Reklame besonders im Ausland lag. Sie wurde auch dem Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda unterstellt.24 Die Tätigkeit der erwähnten Organisationen war also in der Person Hermann Essers verkörpert. Die Personalunion verhinderte gewissermaßen eine gegenseitige Rivalität, die sich aus unzureichend definierten Kompetenzen ergeben konnte. Die Reichsgesetze über den Fremdenverkehr traten in den österreichischen Ländern mit der Anordnung vom 15.Juni 1938 (RGBl. I, S.630) in Kraft. In Österreich rechnete man mit der Einrichtung von sechs neuen Landesfremdenverkehrsverbänden25 (zuerst wurde mit sieben Verbänden gerechnet, aber es kam zur Vereinigung von Tirol und Vorarlberg), deren Zuständigkeitsbereich den Gauen der NSDAP entsprechen sollte. Die Verbände sollten der Organisation des Fremdenverkehrs in Reichsdeutschland folgen. Ein Zwischenglied einzurichten, das eine Eigenständigkeit der österreichischen Länder repräsentiert hätte, stand in Widerspruch zu den Vorstellungen Adolf Hitlers.26 Auf einer Tagung des Reichsausschusses für Fremdenverkehr am 3.Oktober 1938 kam es zu einer kurzen Abstimmung, dass Vorschriften über die Organisation des Fremdenverkehrs unverzüglich auch im sudetendeutschen Gebiet eingeführt werden müssten.27 Mit Anordnung vom 17.Dezember 1939 (RGBl. I, S.1824) traten die Reichsgesetze über Organisation des Fremdenverkehrs im Gebiet der sog. Sudeten in Kraft. Ein Interesse an der schnellen Bildung einer Organisationsstruktur für den Fremdenverkehr hatte auch Konrad Henlein, der die Gründung des Landesfremdenverkehrsverbands Sudetenland noch vor dem offiziellen Inkrafttreten der Reichsvorschriften im Sudetenland initiierte. Er bemühte sich darum, die berühmten westböhmischen Bäder zur Besserung der wirtschaftlichen Lage im Gau zu nutzen und legte wirtschaftlich auf den Fremdenverkehr großen Wert.28 Negativ bewertete man den Rückgang der Besucherzahlen aus dem böhmischen Binnenland. Die bisherigen Fremdenverkehrsverbände konnten in Landesausschüsse umwandelt werden. Der Landesfremdenverkehrsverband Sudetenland nahm seine Tätigkeit am 28.November 1938 noch vor der offiziellen konstituierenden Versammlung auf, die erst am 17.Januar 1939 in Reichenberg stattfand. An der Vollversammlung nahm auch H.Esser teil, zum Vorsitzenden wurde Anton Kreissel29 bestimmt. Der Landesfrem24 Franz Berktold-Fackler— Hans Krumbholz, Reisen in Deutschland: Eine kleine Tourismusgeschichte, München— Wien 1997, S.73. 25 Die Landesfremdenverkehrsverbände wurden in Österreich wie folgt organisiert: Wien, Niederdonau, Oberdonau und Salzburg, Kärten, Steiermark, Tirol und Vorarlberg. 26 Österreichisches Staatsarchiv, Bestand Archiv der Republik 04, K. 162, Faszikel 2430/5, Organisation des Fremdenverkehrs in Österreich. 27 BayHStA, f. MHIG, sg. 9210, Niederschrift über die 6.Sitzung des Reichsausschusses für Fremdenverkehr, 3.10.1938 in Graz. 28 Volker Zimmermann, Sudetští Němci vnacistickém státě. Politika análada obyvatelstva vříšské župě Sudety (1938–1945), Praha 2001, S.168. 29 SOkA Cheb, Bestand Landrát Aš, K. 562, Inv. Nr.1080, Sg. 705-00, Der Aufbau des Fremdenverkehrswesens im Sudetengau. OPEN ACCESS Jan ŠtEMbErk 77 denverkehrsverband Sudetenland kommunizierte mittels Rundschreiben, die über Neuheiten und Aufgaben berichteten, mit seinen Mitgliedern. Die Verwaltungsgliederung des sudetendeutschen Gebiets (vgl. das Gesetz über die Gliederung der sudetendeutschen Gebiete, RGBl. I, 1939, S.745) hatte natürlich Einfluss auf die Organisation des Fremdenverkehrs. Der Zuständigkeitsbereich des Landesfremdenverkehrsverbands beschränkte sich also nur auf den Reichsgau Sudetenland, die restlichen sudetendeutschen Gebiete wurden den Landesfremdenverkehrsverbänden angeschlossen, je nach ihrer Zugehörigkeit zu den bisherigen Gauen der NSDAP. Städte im Sudetenland, die bestimmte Voraussetzungen erfüllten, wurden zu sog. Fremdenverkehrsgemeinden. Als objektives Kriterium wurde die Anzahl der Übernachtungen von Ausländern (Nicht-Residenten) betrachtet, wobei diese Anzahl ein Viertel der Bewohnerzahl (Residenten) übersteigen musste. Weiterhin gab es Orte mit „erheblichem Ausflugverkehr“. Es lassen sich auch negative Stellungnahmen von Gemeinden finden, die trotz Erfüllung der Bedingungen aus unterschiedlichsten Gründen nicht als Fremdenverkehrsgemeinde registriert werden wollten. Wurde aber das Hauptkriterium erfüllt, konnten sich die Gemeinden der Registrierung nicht entziehen.30 Der Landesfremdenverkehrsverband Sudetenland konzentrierte sich unmittelbar nach seiner Gründung auf die Bewerbung des Sudetengaus hauptsächlich im Altreich. Den Inhalt der Broschüren, Plakate und Prospekte bildeten vor allem die westböhmischen Badeorte, das Riesengebirge, aber auch Städte in den Bergen wie das Tetschener Land und Adersbach (Děčínsko, Adršpach). Der Verband bereitete ein Bilderalbum von Großformatfotos unter dem Titel „Sudetenland“31 zur Veröffentlichung vor und baute systematisch ein Fotoarchiv von Gaustädten und touristisch attraktiven Orten auf. Im Zentrum stand also die Werbung. Der Verband gab eine Reihe von Broschüren32 heraus, realisierte eine Serie von Farbdias mit Attraktionen, verzichtete nicht einmal auf Propagandafilme,33 und zu seinem regulären Informationsmedium wurde die Zeitschrift „Sudetenland“. Nach eigener Auffassung war der Landesfremdenverkehrsverband Sudetenland bei seiner Tätigkeit erfolgreich und gelang es ihm, die Anzahl von Touristen aus Reichsdeutschland und dem ehemaligen Österreich zu steigern. Gerade in Wien errichtete der Verband ein Zentrum für die Bewerbung der westböhmischen Badestädte.34 30 Oberösterreichisches Landesarchiv Linz (im Weiteren OÖLA), Bestand Bezirkshauptmannschaft Steyr-Land (im Weiteren BH Steyr-Land), K. 402, Sg. 4/4-41, Runderlass vom 22.7.1941. 31 Státní oblastní archiv vLitoměřicích (im Folgenden nur SOA Litoměřice), Bestand Zemský svaz pro cizinecký ruch Sudety, k. 16. 32 Erzgebirge und Egertal; Zwischen Iser und Elbe; Egerland und Böhmerwald; Radwandern im schönen Sudetenland; Angelsport im Sudetenland; Mit Rucksack und frohen Laune im Sudetenland. 33 Wintersport im Sudetenland; Kreuz und quer durch das Riesengebirge; Blüte, Sonne, Wein— das sudetendeutsche Elbetal. 34 SOkA Litoměřice, Bestand Landrát Litoměřice, Geschäftsbericht des Landesfremdenverkehrsverbandes Sudetenland für die Zeit von 1.4.1940 bis 31.3.1943. OPEN ACCESS 78 WISOHIM/ESHP 30 Weil man nach Loyalität der Reichsjournalisten und tieferer Einsicht in die Reichspresse strebte, wurde kurz nach dem Anschluss der neuen Gebiete ans Reich eine Kennenlernreise für reichsdeutsche Redakteure veranstaltet. Vom 8.bis 13.Dezember 1938 besuchten sie Erzgebirge, Riesengebirge, Isergebirge, Jeschken, Kaiserwald und Böhmerwald.35 Als Mittel der Propaganda diente 1940 bis 1942 die bereits erwähnte Illustrierte „Sudetenland“. In jeder Nummer gab es im Rahmen der Sektion „Landesfremdenverkehrsverband Sudetenland“ zumindest einen dem Fremdenverkehr gewidmeten Artikel. Man propagierte Winterwanderungen in den Bergen, die westböhmischen Badeorte als „ein[en] grosse[n] Erholungsraum des Reiches“, aber auch andere Badeorte des Reiches (Bilin Bílina, Teplitz-Schönau, Bad Liebwerda Lázně Libverda, Johannisbad Jánské Lázně, Bad Karlsbrunn Karlova Studánka, Niedere Lindewiese Lázně Lipová usw.), das Elbeland (Polabí), die schlesischen Ferienorte und Städte (Freiwaldau, Troppau Opava), darüber hinaus Wagstadt (Bílovec), Kunwald (Kunvald), das Reichenberger Land (Liberecko) und das Egerland (Chebsko).36 Eine weitere Aktivität des Verbands war die Informationsarbeit unter den „sudetenländischen“ Gastwirten und Hoteliers. Verglichen mit dem Altreich zeigte sich bei den sudetenländischen Gastwirten eine gewisse Rückständigkeit sowohl bei der Ausstattung der Gaststätten als auch beim Umgang mit den Gästen. Diese Informationstätigkeit basierte auf einem Motto, das H.Esser und selbst Konrad Henlein prägten: „Geistlichkeit auf allen Wegen“. Das Motto diente einerseits auch als Titel einer Informationsbroschüre, die vom Fremdenverkehrsverband für Gastwirte herausgegeben wurde, andererseits fand es noch Verwendung als Grundformel bei der Organisation von Kursen zum richtigen Umgang mit Gästen.37 Mitglieder des Landesfremdenverkehrsverbands waren nicht nur Fremdenverkehrsgemeinden, die der Zwangsmitgliedschaft unterlagen, sondern auch Freiwillige, die sich zur Zahlung der Mitgliedsbeiträge verpflichteten. Zur freiwilligen (unterstützenden) Mitgliedschaft wurden Regierungsbezirke sowie Landund Stadtkreise aufgefordert. Ein Vorteil der Mitgliedschaft sollte in der Möglichkeit bestehen, an Sitzungen und Besprechungen und damit an der Organisation des Fremdenverkehrs in den jeweiligen Bezirken partizipieren zu können. Der jährliche Beitrag dieser Körperschaften schwankte zwischen 200 und 500 RM.38 Eine Übersicht über die Mitgliederbasis des Landesfremdenverkehrsverbands Sudetenland in den Jahren 1939–1943 zeigt die folgende Tabelle. Ersichtlich ist eine schnelle Zunahme zwischen 1939 und 1940, welche zum großen Teil durch das sukzessive Inkrafttreten der Reichsvorschriften in Fremdenverkehrs35 BayHStA, f. MHIG 9278, Notizen über die von der Reichsbahnzentrale für den deutschen Reiseverkehr und dem Reichsfremdenverkehrsverband in der Zeit vom 8.bis 13.12.1938 veranstaltete Reiseschriftleiterfahrt durch das Sudetenland und den Böhmerwald. 36 Historisches Archiv zum Tourismus, Sammlung Tschechoslowakei. 37 SOkA Trutnov, Bestand Archiv města Vrchlabí, K. 189, Inv. Nr.1874, Rundschreiben vom 25.3.1939. 38 SOkA Bruntál, Bestand Landrát Krnov, Faszikel 828, Inv. Nr.343, Sg. Kult-311/1, Förderndermitgliedschaft beim Landesfremdenverkehrsverband Sudetenland, 8.3.1939. OPEN ACCESS Jan ŠtEMbErk 85 und der Ostmark (ehemaliges Österreich). Südböhmen und Südmähren, die nicht an das Sudetenland angegliedert waren, wurden im Hinblick auf den Fremdenverkehr an die bisherigen Fremdenverkehrsverbände in Bayern und der Ostmark angeschlossen, in denen sie gegenüber den bedeutenderen Ferienorten in den Alpen nur von zweitrangiger Bedeutung waren. Die Einführung der Reichsorganisation des Fremdenverkehrs schuf das bisherige Modell, das auf der Initiative der regionalen Interessenten am Fremdenverkehr basiert hatte, ab, und das Destinationsmanagement wurde zentral im Rahmen der staatlichen Fremdenverkehrspolitik gesteuert. OPEN ACCESS