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Übergang des Brauereiwesens

Viktořík, Michael

Abstract

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Full text

Übergang des Brauereiwesens Radoslav Daněk: Ostravské pivovarnictví v éře kapitalismu. Přeměna tradiční řemeslné malovýroby v moderní průmyslovou velkovýrobu (1830–1948). [Die bierbrauerei in Ostrava in der Ära des kapitalismus. Der Wandel der traditionellen handwerklichen Einzelproduktion zur modernen industriellen Großproduktion (1830–1948). Ostrava 2014, 239 S. Radoslav Daněk konstatiert gleich am Beginn seiner Monographie, dass man Bier mit etwas Übertreibung als eines der archetypalen Attribute und einen untrennbaren Bestandteil der stereotypen Bilder des tschechischen Volkes bezeichnen könne. Von den Tschechen spricht man als von einem „Biervolk“, und die Tschechische Republik wird oft als „Biergroßmacht“ bezeichnet. Dieses Bild wird im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit deutlich auch von den Medien gestärkt, die regelmäßig darüber informieren, dass die Tschechen im Weltmaßstab Rang eins bezüglich des Konsums des schäumenden Gebräus innehaben (derzeit 144 Liter Bier pro Person und Jahr— Anm. d. Autors). Daněk bemerkt kritisch, viele Äußerungen in Verbindung mit dem tschechischen Bier und der Bierbrauerei seien unnötig pathetisch und irreführend. Andererseits betont er berechtigterweise die jahrhundertealte Tradition dieses Zweigs der Lebensmittelindustrie und seine Bedeutung nicht nur für das wirtschaftliche Leben der böhmischen Länder, sondern auch für die kulturell-soziale Entwicklung des tschechischen Volkes. Radoslav Daněk verweist in seiner gelungenen Einleitung darauf, wie man mit dem Phänomen des Biers und der tschechischen Bierbrauerei arbeiten kann, aus welchen Blickwinkeln man es betrachten kann und in welchen Kontexten es wahrgenommen werden muss. Auch wenn Daněk anführt, dass er sich den Brauereien und der Bierbrauerei vor allem aus der Sicht der Wirtschaftsgeschichte widmet, besteht in vielen Kapiteln seiner gut lesbaren Publikation ein klarer Übergriff in den kulturell-sozialen Bereich. Die Interpretation ist somit plastisch und vielschichtig und ermöglicht es dem Leser, viele in der Literatur bisher vernachlässigte Zusammenhänge aufzudecken. Als außerordentlich gelungen und für weitere Forscher sehr nützlich betrachte ich das Kapitel zur Historiographie und zu den Quellen. Radoslav Daněk hat die bisherige wissenschaftliche Arbeit (die allgemeine und die regionale) zum Brauereiwesen rekapituliert, wobei er auch die wichtigsten ausländischen Titel nicht unberücksichtigt ließ. Die historiographische Übersicht ist jedoch nicht nur eine einfache Aufstellung, sondern auch eine Analyse der bisherigen Produktion. Für einen potenziellen Forscher ist dann die Passage zur Quellenbasis außerordentlich wichtig, in der der Autor sein langjähriges Interesse an der entsprechenden Problematik und die Erfahrung eines Facharchivars verwertete. Die vorgestellte übersichtliche Typologie und die Charakteristik der wichtigsten Quellen können so in Zukunft als Leitfaden für die Bearbeitung eines ähnlichen Themas an einer anderen Stelle des böhmischmährischen Raumes dienen. Das Hauptziel der Monographie von Daněk bestand darin, dem Übergang des Brauereiwesens von der spätfeudalen Wirtschaft zur kapitalistischen Wirtschaft, OPEN ACCESS 96 WISOHIM/ESHP 21 OPEN ACCESS der Industrialisierung der Bierbrauerei und dessen anschließender Eingliederung in kapitalistische Produktionsund Handelsbeziehungen Aufmerksamkeit zu schenken. Der Autor analysierte die internen Prinzipien des Funktionierens der Bierbrauerei, er betrachtete diese im Kontext der allgemeinen und politischen Entwicklung und wendete sie anschließend auf einen konkreten Bereich bzw. auf konkrete untersuchte Unternehmen an. Zu seinem Labor wurden vor allem drei Schlüsselbrauereien des Industriegebietes Ostrava, deren interne Entwicklung er im Rahmen der drei wichtigsten– zeitlich logisch definierten–Kapitel seines Buches nachverfolgte. Dank der gut gewählten Konzeption der Arbeit (Verknüpfung einer allgemeinen Auslegung mit konkreten Beispielen) auf einem hohen heuristischen Niveau erzielte der Autor, dass seine Publikation einer breiten Lesergemeinde bestimmt ist und dass sie auch von Interessenten, die die Spezifika Ostravas nicht kennen, geschätzt wird. Daněks Arbeit übersteigt eindeutig den Rahmen einer regionalen Studie. Das erste umfangreiche Kapitel wird von den Jahren 1830 (Beginn der industriellen Revolution im Gebiet Ostrava) und 1869, in dem die Propination aufgehoben wird, eingerahmt. Dem Zeitraum vor 1830 widmet sich der Autor nur kurz (die Publikation enthält jedoch trotzdem eine Übersicht über die wichtigsten Meilensteine in der Entwicklung der Bierbrauerei auch in älterer Zeit) und verweist eventuelle Interessenten im Anmerkungsapparat auf eine ganze Reihe tschechischer und ausländischer Publikationen, die sich mit der älteren Zeit befassen. Dieses Kapitel ist vor allem deshalb interessant, weil es die Entwicklung der Bierbrauerei in Ostrava im Kontext der dynamischen Entwicklung des gesamten hiesigen Industriegebietes betrachtet. Der große Anstieg der Bevölkerung, der mit dieser Expansion untrennbar verbunden war, rief dann eine Nachfrage nach größeren Produktionsmengen Bier hervor. Die neuen Verhältnisse hatten einen deutlichen Einfluss auf das Funktionieren der lokalen Brauereien und riefen bei ihnen eine ganze Reihe von Veränderungen hervor, die Daněk in breiteren Zusammenhängen klärt. Ein weiteres wichtiges Kapitel der Monographie ist dann im Zeitraum 1869 bis 1918 verortet. Radoslav Daněk befasst sich darin vor allem mit dem Prozess der Industrialisierung der Bierindustrie und dem Prozess der Konzentration von Produktion und Kapital. Er verfolgt, in welcher Weise der erste internationale Kriegskonflikt und die Entstehung der ersten Tschechoslowakischen Republik in das Funktionieren der Brauereien in Ostrava eingriffen, es beschäftigt sich mit der Modernisierung des Technikparks der untersuchten Brauereien(d. h. der bürgerlichen Brauerei/Strassmann-Brauerei; der Tschechischen Aktien-Brauerei und der Brauerei in Radvanice), den immer stärker werdenden Konkurrenzkämpfen zwischen den Brauereien, der Geschäftsstrategie der Brauereien, der Umstrukturierung der untersuchten Unternehmen(d. h. den veränderten Eigentumsbeziehungen), den Ständeorganisationen und widmet sich nicht zuletzt auch der Frage der Beschäftigten. Das dritte Kapitel ist dann in die Zeit 1918 bis 1948 hineingesetzt und behandelt vor allem die „goldenen Zeiten“ der Bierbrauerei in der Zeit der ersten Republik, die Auswirkungen der allgemeinen Wirtschaftskrise auf die vermögensrechtliche Entwicklung und die Produktion in den Brauereien von Ostrava und nicht zuletzt das Funktionieren dieser Unternehmen in der Zeit der totalitären Systeme. Das Kapitel OPEN ACCESS MICHaEl vIktOŘÍk 97 wird von einer Abhandlung zum Verstaatlichungsprozess in der zweiten Hälfte der 40-er Jahre des 20. Jahrhunderts abgeschlossen. Wenngleich sich der Autor das Ziel seiner Arbeit klar abgesteckt und den Leser mit den Problemkreisen vertraut gemacht hat, für die in der Publikation kein Platz ist (am Schluss führt er an, dass der Bierverbrauch und die Bierkultur im Allgemeinen würden unberücksichtigt bleiben), bin ich der Ansicht, dass im Rahmen der Darlegung in allen drei tragenden Kapiteln der Monographie dem Sortiment der einzelnen Brauereien, der modernen Reflexion dieser Produktion, aber auch Werbung und PR, der die Brauereien zweifelsohne nicht geringe Aufmerksamkeit schenken mussten, größerer Raum hätte eingeräumt werden können. Dieser geringe Mangel wird in der ansonsten ausgezeichnet aufbereiteten Monographie zumindest teilweise von geeignetem Bildmaterial und Anlagen statistischen Charakters kompensiert. Michael Viktořík