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„Im Schatten gigantischer Bedrohungen“. Geschichte und Geographie, Kultur und Kulinarisches in Kasimir Edschmids Europa‑Texten vor und nach dem Zweiten Weltkrieg

Walcher, Bernhard

Abstract

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„Im Schatten gigantischer Bedrohungen“. Geschichte und Geographie, Kultur und Kulinarisches in Kasimir Edschmids Europa ‑Texten vor und nach dem Zweiten Weltkrieg Bernhard Walcher– Ruprecht ‑Karls ‑Universität Heidelberg ABSTRACT „Im Schatten gigantischer Bedrohungen“. History and Geography, Culture and Culinary in Kasimir Edschmid’sEssays on Europe before and after the Second World War This article focuses primarily on two essayistic ‑ideological texts by Kasimir Edschmid: Die Schicksalslinie Europas (1926) and Europa durch die Jahrhunderte (1957). On the one hand, Edschmid’spositions in the discourse on Europe before and after the Second World War are examined, as well as the historical images and interpretations of history underlying the texts. On the other hand, specific textual and writing strategies play an important role in understanding the publications, which will be analysed and interpreted in each case in the– aesthetic and idea ‑historical– epochal context. The understanding of nationalism (and Eurocentrism) in Edschmid, whose books were largely banned after the National Socialists came to power, will also be examined in more detail. KEYWORDS Kasimir Edschmid; Essays on Europe; interwar period; post ‑war literature EINLEITUNG Anders als zahlreichen seiner expressionistisch dichtenden Zeitgenossen, die den ersten Weltkrieg nicht überlebt haben, war Kasimir Edschmid ein recht langes Leben beschieden (1890–1966). Im Zusammenhang mit Überlegungen zu konservativem Gedankengut in der Literatur scheinen Edschmids Name und Werk nur bedingt zu passen. Tatsächlich lässt sich anhand seines nachexpressionistischen, nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Werkes etwas zeigen, das die Forschung oftmals im Zusammenhang mit der differenzierenden Problematisierung der Literatur in der Zeit während der NS ‑Herrschaft, aber auch schon für die Zeit der Weimarer Repu‑ blik festgestellt hat: Bestimmte, heute als nationalsozialistisch, völkisch oder auch national ‑konservativ identifizierbare Diskurse und Positionen etwa um ‚Rassenfragen‘ oder Überlegungen zur Stellung und Bedeutung einzelner Nationen und Kulturen in Europa wurden und werden vielfach etwas verkürzend vom Kenntnisstand des weiteren Verlaufs im Dritten Reich her gesehen und gedeutet. Wenn auch Edschmid 120 BRÜCKEN 29/1 diesem Kontext nur bedingt zuzuordnen ist, so ist er doch ein gutes Beispiel für diese Problematik.1 Tatsächlich erscheinen parallel zu Edschmids Texten, von denen im Folgenden nur einige charakteristische vorgestellt werden sollen, weltanschaulich ‑expositorische Schriften etwa von Paul Schultze ‑Naumburg, Robert Böttcher, Alfred Rosenberg oder Kurt Karl Eberlein, die in ähnlicher Weise argumentieren und auch von der thematischen Ausrichtung her zumindest eine diskursive Nähe zu Edschmids Texten aufweisen.2 Kasimir Edschmid hieß eigentlich Eduard Hermann Wilhelm Schmid und stammte aus einer Darmstädter Lehrerfamilie. Er fehlt bis heute in keiner Überblicksdar‑ stellung zum literarischen Expressionismus. Seine Novellenbände Das rasende Leben (1916), Timur (1916) und Die Fürstin (1918) gelten als Musterbeispiele für das Erzählen im Expressionismus und die Auseinandersetzung mit der Epoche sowie ihren gene‑ rationsspezifischen Themen. Trotz dieses Befundes kann man allerdings kaum von einer ausgeprägten Edschmid ‑Forschung sprechen. Das gilt noch mehr für Edschmids nachexpressionistisches Werk, das dominiert ist von Reisebüchern, kulturhistorio‑ graphischen Darstellungen und historischen Romanen. Seine auf zahlreichen Reisen vor allem der 1920er Jahre nach Frankreich, Italien und Griechenland, nach Afrika und Lateinamerika gewonnenen und durch die Lek‑ türe wissenschaftlicher und expositorischer Texte erweiterten Eindrücke und Posi‑ tionen hat der „reisende Schriftsteller“ (Kurt Schleucher) Edschmid nach dem Ersten Weltkrieg in Texten wie Afrika nackt und angezogen (1929), Das große Reisebuch (1927), Zauber und Größe des Mittelmeers (1932) sowie nach dem Zweiten Weltkrieg in Stürme und Stille am Mittelmeer (1959), Bunte Erde. Gewesenes und Gewandeltes (1948) verarbeitet, wobei manche der späteren Veröffentlichungen oft auf ältere Textbausteine zurück‑ greifen und diese– teilweise in veränderter Textgestalt– in neue Zusammenstellun‑ gen integrieren (Sabaté Planes 2017: 84ff.). Darauf wird noch im Zusammenhang mit Edschmids Text Die Schicksalslinie Europas (1926) zurückzukommen sein. In den genannten– um sie zunächst ganz neutral von ihrem Entstehungszusam‑ menhang her anzusprechen– Reise ‑Werken lassen sich sowohl Spuren von zeitge‑ nössischen Nationalitäts‑ und ‚Rasse‘‑Fragen, Perspektiven der Fremd‑ und Eigen‑ wahrnehmung als auch die Rezeption ganz unterschiedlicher Europa ‑Vorstellungen nachweisen, die bislang in der Forschung keine Beachtung gefunden haben. Kons‑ titutiv für Edschmids Äußerungen und Überlegungen– ein Konzept will ich das (zunächst) nicht nennen– zu Europa sind zwei Beobachtungen: Erstens: Seine Europa ‑Vorstellungen, oder mit Florian Greiner gesprochen „Konstruktionen des Europäischen“, erfolgen oftmals– und auch das hat Florian Greiner als common sense der neueren Europaforschung herausgestellt– über „diskursive Manifestationen des 1 Ich beziehe mich hier auf Klaus Vondung und Joachim Schoeps, die bereits auf die Problematik des Begriffs „nationalsozialistische Literatur“ aufgrund der Unschärfe schon der nationalsozialistischen Bewegung selbst bzw. auf die „Uneinheitlichkeit“ der NS ‑Literatur hingewiesen haben. Schoeps betont auch, dass die Nazis keine ‚normative‘ Ästhetik entwickelt hätten und die historische Forschung sich daher an Schlagworten wie Blut, Volk, Rasse, Heroismus, Kampf, Gefolgschaft und Mythos orientieren müsse sowie an geförderten Themen und Motiven wie Kampf, Gefolgschaft, Opfer und Führer, hierzu Schoeps (2000: 25–42 u. 52f.); Vondung (1976). 2 Beispielhaft seien hier genannt: Schultze ‑Naumburg (1928 u. 1934), Rosenberg (1930), Böttcher (1933) und Eberlein (1934). 121BERNHARD WALCHER Anderen, des Fremden beziehungsweise des Nicht ‑Europäischen“ (Greiner 2012: 143). Die Ziele seiner Reisen in den 1920er Jahren vor allem im Süden und Osten Europas belegen schon, was sich in den hier zu untersuchenden Texten manifestiert, näm‑ lich, dass Edschmid das historische und gegenwärtige, das geistig ‑kulturelle und politisch ‑territoriale Europa vor allem von der Peripherie, also von den Rändern und– natürlich variablen– Grenzen europäischer Kulturregionen her in den Blick nimmt (Bösch 2012: 8). Zweitens sind seine Europa ‑Betrachtungen einerseits ideengeschichtlich durch eine auffällig synthesehafte Rezeption verschiedener Europa ‑Konzepte und Na‑ tionalitätsdiskurse geprägt und andererseits textstrategisch durch ein Changieren zwischen Berichten, Erzählen und essayistischer Darlegung gekennzeichnet– und in fast allen Fällen in ihrer Entstehungsgeschichte von tatsächlichen Reisen geprägt oder zumindest inspiriert. Meine Überlegungen lenken den Blick vor allem auf zwei essayistisch ‑kulturhistoriographische Texte von Kasimir Edschmid, anhand derer sich einerseits Fragen nach einem etwaigen Wandel seines Geschichtsbildes, seines Europa‑ und Deutschlandbildes vor und nach dem Zweiten Weltkrieg kritisch the‑ matisieren lassen. Andererseits spielen Geschichtsbilder und Geschichtsdeutungen, ‚Rasse‘‑ und Nationalitätsvorstellungen für Edschmids Überlegungen zu Europa und Deutsch‑ land in den beiden Texten, nämlich in Die Schicksalslinie Europas (1926) und Europa durch die Jahrhunderte (1957), eine ebenso bedeutsame Rolle wie eben spezifische Text‑ und Schreibstrategien. Beides sollte für die literatur‑ und kulturwissenschaftliche Analyse zusammen betrachtet werden. Schon vorab kann konstatiert werden, dass sich die beiden Texte von ihrer sehr stark den Schreibkonzepten der Reiseliteratur verpflichteten Faktur her mit der schon genannten Mischung aus historischer Dar‑ stellung, geographischem Unterricht und erzählter Kulturgeschichte doch erheb‑ lich von thematisch ähnlich ausgerichteten Publikationen im literarischen Feld der weltanschaulich ‑expositorischen Essayistik zur selben Zeit unterscheiden, insofern ihnen appellative Strukturen eigentlich fehlen. Edschmids Europa‑ und Nationalitäts‑ Vorstellungen weisen zwar ein hohes Maß auch an „Pseudoempirizität“ (Thomé 2002: 353) und auch Ordnungsvorstellungen auf, haben aber keinen systematischen Anspruch und formulieren auch keine Handlungsanweisungen, sondern Edschmid verwertet, aktualisiert und synthetisiert Konzepte und Ideen von zeitgenössischen ‚Rassefragen‘, Deutschlandbildern und Europa ‑Konzepten.3 Er betreibt Geschichts‑ unterricht, aber er liefert kein Geschichtsmodell europäischer Identitäten, sondern er historisiert diese und macht sie für seine grundlegende Diagnose eines– das wird jeweils noch genau zu untersuchen und zu zeigen sein– bedrohten Europa fruchtbar. Dieses Denkmodell eines bedrohten Europa bildet die Klammer nicht nur zwischen den beiden genannten Texten Edschmids (1926 und 1957), sondern seine Argumen‑ tationsweise lässt sich damit auch korrelieren und rückbinden an Europa ‑Konzepte, die durch verschiedene Deutungen einer solchen Bedrohungslage ganz unterschied‑ liche Zukunftsperspektiven für Europa formuliert haben. So hat etwa schon Walther Rathenau noch vor dem Ende des Ersten Weltkriegs im Mitteleuropa ‑Konzept mit 3 Zur ersten Orientierung über das Verhältnis von Literatur und Europa ‑Ideen sei zunächst auf folgende Arbeiten verwiesen: Conze (2005), Lützeler (2009) und Kraume (2010). 122 BRÜCKEN 29/1 einem gestärktem Deutschland ein europäisches Bollwerk gegen die Weltmächte USA und Russland gesehen (Elvert 2003: 121 u. 1999), Heinrich Mann und Richard Coudenhove ‑Kalergi– um nur die prominentesten Stimmen zu nennen– sprachen sich nach dem Ersten Weltkrieg für ein politisch, wirtschaftlich und kulturell geein‑ tes Europa aus als Gegengewicht zu den USA und Asien insgesamt gesehen (Kaelble 2001: 31–33; Schiller 2012: 288–290). Auch die neuere historische (Europa‑)Forschung betont, dass der Aufstieg der USA spätestens mit und nach dem Ersten Weltkrieg eine europäische „Bedrohungsidentität“ (Greiner 2012: 144) zur Folge hatte, was gleichsam auch in einer verstärkten Selbstreflexion der eigenen nationalen und europäischen Identität(en) zum Ausdruck kommt und sich in der kaum zu überschauenden Flut an Europa ‑Texten gerade in den 1920er Jahren zeigt. An solchen Diskussionen und Diskursen beteiligten sich– wie Edschmid auch– Autoren ganz unterschiedlicher ideologischer Ausrichtung. Nach einem ersten, einführenden und knappen Überblick zu Edschmids politi‑ schen Positionen zur Weimarer Republik und zu Europa soll in einem zweiten Teil des Beitrags die problematische Verortung Edschmids aufgegriffen und anhand seines 1926 zum ersten Mal erschienenen Textes Die Schicksalslinie Europas dessen Publikati‑ ons‑ und Textstrategie untersucht werden. Schließlich soll in einem knapp gehaltenen dritten Teil und auch nur ausblickshaft anhand von Edschmids 1957 erschienener Abhandlung Europa durch die Jahrhunderte gezeigt werden, wie er im Grunde seine Europa ‑Vorstellungen nach dem Zweiten Weltkrieg fortschreibt und einzelne Begriffe und Überlegungen nur leicht den neuen politischen Rahmenbedingungen anpasst, grundsätzlich aber ein ähnliches Bedrohungsszenario von Europa konzipiert wie dreißig Jahre zuvor. 1. KASIMIR EDSCHMID– EXPRESSIONISTISCHER REVOLUTIONÄR UND/ODER REAKTIONÄRER REISENDER? Entsprechend der schon geäußerten Problematik, dass Edschmid sich nicht grund‑ sätzlich durch ein völkisches oder gar nationalsozialistisches Denken auszeichnet, könnte man zunächst fragen: Greift Edschmid auf eher national ‑konservatives oder liberal ‑demokratisches Europa ‑Gedankengut zurück, wenn er über Rasse ‑Fragen, die Stellung Deutschlands in Europa oder die Kulturgeschichte europäischer Staaten re‑ flektiert. Diese Frage rührt an ein grundsätzliches, im Zusammenhang mit Edschmids Werkbiographie immer wieder angesprochenes Wertungs‑ und Einordnungsproblem seiner Positionen, das zum guten Teil historisch bedingt ist (Cepl 2005: 1–15; Schlösser 2007: 7–20). Im November 1918 unterzeichnet Edschmid ein Programm vom Rat geistiger Arbei‑ ter, in dem eine antimilitarisierte Republik und eine Vergesellschaftung von Grund und Boden gefordert wurde. In der Wahrnehmung zahlreicher Zeitgenossen galt Edschmid damit in den 1920er Jahren als Linker und sozialistischer Republikaner, was nicht zuletzt auch seine Bewertung in Führungskreisen der Nationalsozialisten prägte. Von ihnen, namentlich vom Kulturminister der Nazis Bernhard Rust, wurde Edschmid zum ersten Mal am 14. Mai 1933 auf eine sogenannte schwarze Liste zwar nicht verbotener, aber dennoch als bedenklich erachteter Bücher gesetzt und 1934 123BERNHARD WALCHER wurde sein Gesamtwerk von der bayerischen Polizei in und für Bayern gänzlich ver‑ boten (Schlösser 2006: 211–243).4 Zudem sah sich Edschmid immer wieder Angriffen hochrangiger Literaturwissenschaftlicher und ‑kritiker ausgesetzt, wie etwa denen von Hellmuth Langenbucher, die sein Werk als „Mogelpackungen“ falschen Natio‑ nalstolzes verunglimpften. Auch wenn zwischen 1941 und 1946 keine selbständige Buchpublikation von Edschmid erschienen ist, bedeutet dies nicht, dass er– wie leider fälschlicherweise behauptet wird und oft zu lesen ist– ein generelles Schreibverbot hatte (Schlösser 2006: 273). Gerade aber seine von den Nationalsozialisten infrage gestellte Affinität zum Deutschen und Nationalen sowie seine Ausführungen zu Rassenfragen und seine Gobineau ‑Rezeption, wie sie prominent in Die Schicksalslinie Europas zur Sprache kommen, haben Edschmid in Kreisen der Linken, Liberalen und Republikaner wiede‑ rum zum Inbegriff eines Parteigängers der antiliberalen, konservativen Restauration und chauvinistischen Rassenideologie gemacht. Dabei zeigt ein Blick in Edschmids Textproduktion der frühen 1920er Jahre, dass solche Lagerzuweisungen alles anderes als sinnvoll sind. Schon sein dezidiert politisch ‑appellativer Text Aufruf an die revolutionäre franzö‑ sische geistige Jugend vom Juli 1919 zieht eine Parallele zwischen nationaler Identität und Geschichte und einer übernationalen Europa ‑Perspektive der Zukunft, in deren Mittelpunkt– wie der Titel schon andeutet– die deutsch ‑französische Aussöhnung steht, die in der Folgezeit auch zahlreiche andere Europa ‑Konzepte, Verbände und Vereine prägte. Erschienen ist der Text im ersten Heft der spätexpressionistischen Zeitschrift Tribunal. Hessische Radikale Blätter und Edschmid eröffnet ihn mit einem eindring‑ lichen Appell: Geehrte Herren, meine Kameraden! Die Grenzen fallen, es ist Zeit, sich zu ver‑ einigen. Es gibt gegen Haß nur einen Kampf, er ist uns gemeinsam. Es gibt nur eine Gesinnung: gerecht zu sein. Es gibt nur eine Taktik: unsere Absicht deutlich zu machen. Wir senden Ihnen den Gruß, wir wissen, er wird nicht ohne Echo sein. In dem Sumpf der Haßwürfe offizieller Institute, Zeitungen, Persönlichkeiten wird unsere Stimme, neben der einiger Pazifisten und Sozialisten, die einzige sein, die, sich vereinigend, hinüber und herüber Kameradschaft und Willen bezeigen wird, uns, die Welt, die Menschen weiterzubringen. […] Zögert nicht. Fangen wir an. Keine Weltgeschichte hat, wo alles bei den Menschen versagte, nötiger gehabt, daß die Gutwollenden, die mit den Herzen, deren Kammern von Europa gefüllt sind, sich zu den Karees der wahren Schlachten des Geistes, den Fahnen der treff‑ lichen Absicht, zur Marseillaise der inneren Freiheit und der schönen Ideen der Menschheit bekennen. Keine Minute darf vergehen, keine Zeile darf geschrieben, kein Satz fürder gesagt werden, in dem nicht die geistigen Führer der Nationen sagen, daß sie Liebe wollen, nicht Haß, Aufbau, nicht Gekämpf. Ausgleich, nicht Revanche. Nur so kommt das Zentrum der Wirkung zu Stande, nur so erhält Europa wahrhaft ein großes immer heftiger schlagendes Herz. (Edschmid 1970, 162f.) 4 Aufschlussreich ist auch das Vorwort bzw. die Stellenkommentare zum Briefwechsel Edschmid/Grimm (2013: 93–108). 124 BRÜCKEN 29/1 Die anaphorischen Parallelismen, die Kürze und daher Einprägsamkeit der syn‑ taktischen Gestaltung unterstreichen die Botschaft und den appellativen Charakter des Textes. Beides– die Botschaft zur Vereinigung und letztlich das Denkmuster einer europäischen Zukunft mit den europäischen Kernländern/Nationen, Deutschland und Frankreich– ist in Edschmids späteren Texten aus der Zeit der Weimarer Republik und nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr in gleichem Maße zu finden. Edschmids immer wieder zitierte Absage und Distanzierung vom Expressionismus und seine Diagnose von einem– in erster Linie literarästhetischen Epochenwandel– aus der Essay ‑Sammlung Die doppelköpfige Nymphe (1920), dass jetzt nach der revolutionär‑ expressionistischen Phase die Zeit der „stillen Arbeit“ gekommen sei, trifft mithin auch auf die Textstrategien seiner Werke mit Europa ‑Bezug zu, wenn man jene vor und nach 1920 vergleicht (Edschmid/Grimm 2013: 92). In expositorischen und weltanschaulichen Texten aus der Zeit der Weimarer Republik geht es meist um kulturelle Konzepte europäischer Identität, die je nach Position des Autors Mitteleuropa, Zentraleuropa, Paneuropa oder Abendland heißen können. Paul Michael Lützeler hat in diesem Zusammenhang den Europa ‑Diskurs als „Netzwerk von Erzählungen“ bezeichnet, das sich dynamisch aus den drei Elementen „Erinnerung, Vision und Utopie“ (Lützeler 2009: 273) zusammensetzt. Von einem re‑ gelrechten „Experimentierfeld für europäische Ordnungsentwürfe“ in der Weimarer Zeit spricht Florian Greiner in einer Studie von 2020 (Greiner 2020: 102). Tatsächlich kann man von einer Omnipräsenz von Europa ‑Debatten und ‑Begriffen nach dem Ersten Weltkrieg sprechen, die bisweilen auch satirisch hinterfragt wurde. In dem von Carl Einstein und Paul Westheim publizierten Europa Almanach 1925 [für Malerei, Literatur, Musik, Architektur, Plastik, Bühne, Film, Mode. Außerdem nicht un‑ wichtige Nebenbemerkungen] nimmt Hermann Kasack in seinem mit Jahrmarkt Europa überschriebenen Vorwort in zeit‑ und ideologiekritischer Absicht die Phrasenhaftig‑ keit, Realitätsferne und Beliebigkeit des Europa ‑Begriffes seiner Gegenwart aufs Korn (Schiller 2012: 296f.): Man sieht sich die Augen aus dem Kopf: Europa ist eingeschrumpft. Tableau! Die Längen‑ und Breitengrade scheinen dieselben zu sein, aber wo sie in den Null‑ punkt münden: Da liegt jetzt Europa. Auf unserem Kontinent sind die Fliegen geistig geworden und die Mücken politisch. ‚Vereinigte Staaten von Europa‘ ihr Denk ‑Sport. Die Krebse gedeihen. Amerika steht konkurrenzlos da. Was ist mit Europa da!? Humanitäres/Aktiv‑ und Pazifistisches/Kongresse und Händeschüt‑ teln/Ethisch ‑Freiheitliches/Mutterschutz hin und Bodenreform her/Klassenkampf und Menschenrecht/Liga links und Liga rechts–: Was nützen uns die schönen Ideale, wenn andere drauf spazieren gehen. Denn Europa: ein Fetzen Lächerlichkeit/sein europäischer Mensch eine Katheder ‑Proklamation. Protest über Protest! Kein Aus‑ druck, kein Sinn für Gemeinsamkeit, es sei denn: Ausrottung durch Stupidität à la Spengler. […] Da: Schauplatz Europa wird ein Jahrmarkt […] Panoptikum Europa! Mit steifen Figuren, Museums ‑Gehirnen […]. (Kasack 1925: 5f.) 125BERNHARD WALCHER Bereits zwei Jahre vor Kasacks Diagnose einer inflationären und damit beliebig gewordenen Europa ‑Debatte kommt Kasimir Edschmid zu einem ähnlichen Befund. Sein Text Deutsches Mosaik, der im Juli und August 1922– also nach der Ermordung Walther Rathenaus– entstanden ist, wurde von Edschmid in seine Textsammlung Das Bücher ‑Dekameron. Eine Zehn ‑Nächte ‑Tour durch die europäische Gesellschaft und Literatur aufgenommen und präsentiert einen namenlos bleibenden Erzähler, der sich in regelmäßig über den Text verstreuten Anreden an einen– nicht antworten‑ den– „Mijnheer“ wendet. Edschmids Deutsches Mosaik bedient sich wie die beiden anderen genannten Texte (Die Schicksalslinie Europas und Europa durch die Jahrhunderte) sowohl bei erzähleri‑ schen Textverfahren und Formen des Reiseberichts als auch der Weltanschauungs‑ literatur. Die vom Erzähler bzw. Berichterstatter vorgebrachten politischen Diagnosen und Positionen in diesem fiktionalen Text erinnern bisweilen an Edschmids Aufruf an die revolutionäre französische geistige Jugend von 1919. Auch hier lesen wir einerseits ein republikanisches Bekenntnis eines Demokratie‑ befürworters, wenn es heißt „die Elite des deutschen Volkes und seine Gesellschaft grollt unversöhnlich, ja vernichtend der Republik“ (Edschmid 1922: 11). Andererseits wird auch deutlich, dass der Erzähler durchaus eine Position nationaler Selbstbehaup‑ tung einnimmt, wenn es um die Rolle und Funktion Deutschlands für Europa geht: „Auf Zukünftiges die Antwort kann nur Deutschland geben. In diesem Augenblick, wo es sich anschickt, in die Arena der Entscheidungen Europas zu treten, nimmt es uns alle mit in seine Fahrt.“ (Edschmid 1922: 30) Trotz dieser– es wären noch weitere Stellen zu zitieren– performativen Beteiligung am Europa ‑Diskurs spart der Erzähler aber auch nicht– wie schon bei Kasack gesehen– an kritischen Tönen gegenüber den Europa ‑Begriffen: „Europa ist heute ein großer Faschingsball mit schönen Debardeurs und anderen maskierten Gestalten und dem fallen die Triumphe zu, der die kühnsten Griffe und die besten Lenden aufweist.“ (Edschmid 1922: 18) Die von Kasack und auch bei Edschmid monierte große Anzahl von Selbstent‑ würfen und Fragen der eigenen europäischen– aber auch nationalen, in diesem Falle: deutschen– Identität hat ganz konkret mit einer gesteigerten Mobilität und (Massen‑) Tourismusbewegungen in den 1920er Jahren zu tun, auf die schon Peter Brenner in seinem grundlegenden Bericht zur Reiseliteratur hingewiesen hat, was letztlich auch zu einer gesteigerten Eigenwahrnehmung und ‑deutung durch vermehrte Kenntnisse des Anderen und Fremden führte. (Brenner 1990: 588–600; Greiner 2011: 143f.). Es scheint in diesem Sinne kein Zufall zu sein, dass Kasimir Edschmid nicht nur seine Reisetexte, sondern auch jene, die sich von ihren Titeln her der Weltanschau‑ ungsliteratur zuzuordnen scheinen und sich mit Europa ‑Fragen befassen, gattungs‑ typologischen Mustern unterwirft, die eben hauptsächlich mit der Reiseliteratur in Verbindung gebracht werden Diese könnte man zusammenfassen als eine Mischung von reportagehaften Ele‑ menten, politischen, sozialen, geographischen und ethnologischen Informationen, die immer wieder auch im Gestus einer fiktionalen Erzählung präsentiert werden. 126 BRÜCKEN 29/1 2. MEHR REZEPT ALS KONZEPT: KULTURELL ‑KULINARISCHE GESCHICHTSERZÄHLUNG IN DIE SCHICKSALSLINIE EUROPAS (1926) Die (wenige) Forschung zu Edschmid hat immer wieder versucht, ihn ideologisch und weltanschaulich einzuordnen und auch zu etikettieren. Dorlos Sabaté Planes attestiert in ihrem Beitrag von 2017 Edschmids Reisebüchern, eine „Nähe zur Pro‑ paganda“ (Sabaté Planes 2017: 82), was zum Zwecke einer „Hebung des deutschen Nationalbewusstseins auf sozialdarwinistische und rassistische Diskursmuster“ rekurriere oder vermutet (Sabaté Planes 2017: 95), dass „hinter dem vermeintlichen Kosmopolitismus der Reisenarrative Pinners und Edschmids […] sich eine Propaganda für rassistische und sozialdarwinistische Konzepte der Zwischenkriegszeit“ (Sabaté Planes 2017: 95) verberge. Auch Esther Marie Cepl kommt in ihrer (mäßigen) Dissertationsschrift von 2005 zu dem Ergebnis, dass Edschmids Prosatexte dominiert seien von eurozentristischen und nationalistischen Diskursen (Cepl 2005: 220–224). Dagegen hebt Gertrude Cepl‑ Kaufmann 1997 eher relativierend hervor, dass Edschmid als einer der wenigen Ex‑ pressionisten 1914 nicht von einer überschäumenden Kriegsbegeisterung ergriffen worden sei und aus seinen Afrika ‑Büchern zwar die Überlegenheit der deutschen Seele spreche, diese aber „weniger vom Chauvnismus als von einer sehr spezifischen Heimatfixiertheit geleitet“ (Cepl ‑Kaufmann 1997: 115) sei. Letztlich und als Vorbefund kann man mit Sicherheit mit Kurt Schlösser sagen, dass sich kein „widerspruchsfreies Weltbild“ (Schlösser 2007: 124) bei Edschmid erschließen lässt oder man könnte zur Einordnung von Edschmids kulturgeschichtlichen Betrachtungen und seiner Stellung zur Nation und zu Rassefragen samt seinem darauf gründenden europäischen Denken einen Vorschlag übernehmen, den Paul Michael Lützeler schon einmal auf Heinrich Manns Europavorstellungen angewandt und bei ihm von einem europäischen Natio‑ nalismus gesprochen hat (Lützeler 1985). Nach den von Hartmut Kaelble aufgestellten Kategorien europäischen Selbstver‑ ständnisses ist Edschmids Europa ‑Bild jenem eines „bedrohten Europa“ (Kaelble 2001: 31) zuzuordnen. 5 Edschmids Die Schicksalslinie Europas spielt in seiner Überschrift einerseits mit der übertragenen Bedeutung von Schicksalslinie, nach der den Leser ein historischer Leitfaden von Diagnosen, weltanschaulichen Positionen und Handlungs‑ anweisungen im Stile der zeitgenössischen Europa ‑Essayistik erwartet. Andererseits wird der Begriff der Schicksalslinie auch ganz wörtlich genommen und umgesetzt im Text, insofern Edschmid tatsächlich eine geo‑ und kulturtopographische Linie zieht, die er in Arles eröffnet und dann im Erzählvorgang auch durch Richtungs‑ und Orts‑ angaben einer Linie entlang bis ins im Osten gelegene Triest navigiert. Der Text wird von einem Szenario eröffnet (Edschmid 1926: 210), das eine Be‑ drohungslage suggeriert, nämlich eines nach innen gesicherten, von außen aber bedrohten Europa: 5 Einen guten forschungsgeschichtlichen Querschnitt zur Frage ‚Was ist Europa‘ bieten die Arbeiten von Bösch (2012; Europa als Konstrukt mit variablen Zuschreibungen), Greiner (2020; deutungsoffen) und Buchstab (2009). 127BERNHARD WALCHER Der Süden des Kontinents war immer der Spielball der nordischen Völker und zugleich Wellenbrecher für Asien und die afrikanischen Eroberer. Die gesamte Riviera vom Golf von Lion bis nach Viareggio ist so ein Mischland der Rassen ge‑ worden. (Edschmid 1926: 210) Weder führt Edschmid zunächst aus, was genau die Bedrohung ausmacht, noch werden konkrete historische Daten oder Ereignisse zur Einordnung dieser Diagnose genannt.6 Deutlich wird allerdings, dass, mit Frank Bösch gesprochen, den hier evo‑ zierten und konstatierten „Bedrohungsängsten“ ein europäisches, später rassisch/ rassistisch gefasstes europäisches Überlegenheitsgefühl gegenüber der schwarzen afrikanischen Rasse korrespondiert, was als Dichotomie ‑Modell grundlegend für den Aufbau des Textes angesehen werden kann. Was die hier suggerierten historischen Grundlagen des „Mischlandes“ anbelangt, hebt Edschmid die Bedeutung der Stadt Arles hervor, das seinerzeit einer der großen Häfen war, aber jetzt wie Brügge und Ravenna ver‑ sandet und tief im Lande liegt, war eine der Hauptstädte der Welt. Barbarossa hat sich hier zum König einer Landschaft krönen lassen, welche das Reich des Südens darstellte, das sich mehr als Spanien gegen Afrika wehrte. Die Lawinen der ger‑ manischen Rassen verebbten bei Marseille, das eine Stunde von Arles liegt und in dem Konkurrenzkampf der Häfen die Siegerin geblieben ist. (Edschmid 1926: 210) Nimmt man das eine genannte historische Ereignis, die Krönung Friedrich Barbaros‑ sas zum König von Burgund im Jahre 1178 ernst, was durchaus Edschmids Nähe zum Abendlandgedanken christlicher Prägung dokumentiert, so bleibt die jenem Ereignis an die Seite gestellte afrikanische Bedrohung gewissermaßen ein blinder Fleck in der Ereignisgeschichte (Fried 1983).7 Denn die Historie weiß nichts von einer afrikanischen Bedrohung dieser Region zur angegebenen Zeit. Bekannt ist allerdings die sogenannte Schlacht von Tours im Jahre 732, als die schon auf der iberischen Halbinsel angelangten Araber– nicht Afri‑ kaner– nach Westen vordringen wollten, aber erfolgreich von den Franken unter Karl Martell zurückgedrängt wurden. Edschmids Umgang mit historischen Ereignissen und Abläufen liegt also offenbar ein diffuses, zumindest eklektisches Geschichtsbild zugrunde, das sich den Anschein der Objektivität gibt, letztlich aber– das wäre ein der Textstrategie geschuldetes Element– zwei weit auseinanderliegende Ereignisse im Erzählakt zusammenfügt und damit Geschichte auch im Zeitraffer erzählt– und nicht darstellt. Stefan Hermes hat bereits in einer Studie von 2014 zu Edschmids 1929 erschiene‑ nem Reisebuch Afrika, nackt und angezogen festgestellt, dass der bei Edschmid zuweilen „anklingende aufklärerische Anspruch durch die Narration eher konterkariert als 6 Nach Bösch (2012) changiere die Selbstwahrnehmung Europas gegenüber dem Anderen zwischen Überlegenheitsgefühl und Bedrohungsängsten, Überlegenheit gegenüber der schwarzen Rasse und Afrika, die gleichsam die Bedrohung ausmache. 7 Zum Abendland ‑Gedanken in den Europa ‑Diskursen des 20. Jahrhunderts bieten einen guten Überblick und Einblick die grundlegenden Arbeiten von Pöpping (2002), Hürten (1985), Dingel (2010), Greiner (2020), sowie Conze (2005). 134 BRÜCKEN 29/1 Dingel, Irene (2010): Der Abendlandgedanke im konfessionellen Spannungsfeld. Katholische und evangelische Verlautbarungen (um 1950/60).– In: Dingel, Irene/Schnettger, Matthias (Hgg.), Auf dem Weg nach Europa. Deutungen, Visionen, Wirklichkeiten (=Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Beiheft 82). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 215–236. Elvert, Jürgen (2003): „Irrweg Mitteleuropa“. Deutsche Konzepte zur Neugestaltung Europas aus der Zwischenkriegszeit.– In: Durchhardt, Heinz/Morawiec, Malgorzata (Hgg.), Vision Europa. Deutsche und polnische Föderationspläne des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (=Veröffentlichun‑ gen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, 60). Mainz: Zabern, 117–137. Elvert, Jürgen (1999): Mitteleuropa! 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