scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Knotenpunkte im Netz. Zur digitalen Edition der ‚persönlichen Schriften‘ aus dem Max‑Brod‑Nachlass

Stašková, Alice,Dirmhirn, Clemens

Abstract

143

Full text

Knotenpunkte im Netz. Zur digitalen Edition der ‚persönlichen Schriften‘ aus dem Max ‑Brod ‑Nachlass. Clemens Dirmhirn und Alice Stašková– Friedrich ‑Schiller ‑Universität Jena 1. EINLEITUNG Derzeit wird an der Friedrich ‑Schiller ‑Universität Jena gemeinsam mit der National Library of Israel (NLI), dem Deutschen Literaturarchiv Marbach (DLA) sowie der Hoch‑ schule für Musik Franz Liszt Weimar und der Kafka ‑Forschungsstelle Wuppertal das Projekt einer digitalen Edition der ‚persönlichen Schriften‘ Max Brods vorbereitet. Diese Edition soll der Forschungsgemeinde ebenso wie einer interessierten Öffentlichkeit im EdView -Portal1 des DLA frei zugänglich gemacht werden. Die Veröffentlichung in diesem Portal für digitale Editionen setzt die konsequente Verwendung eines spezifischen XML/TEI -Schemas2 für die Textauszeichnung voraus. Unter der Maßgabe dieser standardisierten Form der Erschließung ist es möglich, verschiedene einander komplementierende Textsorten, die sich der Kategorie ‚persönliche Schriften‘ zuordnen lassen– etwa Briefe, Notizen, Tagebücher–, gleichzeitig zu durchsuchen und zwar nicht nur innerhalb einer Edition, sondern editionsübergreifend. Zudem sind künftig unterschiedliche Visualisierungen der erfassten Daten in diesem Portal verfügbar. Neben der Ausgabe von Netzwerk -Graphen ist eine Karten -Ansicht sowie die Anzeige von Statistiken implementiert. Damit stellt Ed -View künftig ein mächtiges Recherche -Tool zur qualitativen und quantitativen Erschließung historischer Netzwerke dar. Wenn nun, wie im Rahmen der in diesem Themenheft dokumentierten Konferenz „Die Moderne(n) der Region. Zum Verhältnis von Zentrum und Peripherie am Beispiel der Böhmischen Länder“, nach kulturellen Akteurinnen und Akteuren in und um Prag im Zeitraum 1890 bis 1930 gefragt wird, um zu untersuchen, inwieweit das Gegensatzpaar Zentrum– Peripherie bedeutsam für deren Selbstverortungen ist bzw. bleibt, so kann die Forschung auf diesem Feld entscheidend von dem hier vorgestellten Projekt und einem damit in Aussicht stehenden verbesserten Verständnis relevanter Netzwerke profitieren. Entsprechend sollen nachfolgend die Potentiale nicht nur des Brod -Projekts im Speziellen, sondern auch jene des gesamten Portals für die Rekonstruktion solcher Netzwerke und das Auffinden verwertbarer Textstellen ausgelotet werden. Dabei wird zunächst die Relevanz des bislang nur in wenigen Auszügen publizierten Brod1 URL: <https://edview.dla -marbach.de/> [01.03.2022]. 2 TEI ist ein auf XML basierendes Dokumentenformat zur Textcodierung. Es hat sich in der Geisteswissenschaft und insbesondere in der digitalen Editionsphilologie als Standard etabliert. Entwickelt wurde diese systemunabhängige Textauszeichnungssprache vom Konsortium der Text Encoding Initiative (TEI). Für das Ed -View -Portal wurde das sogenannte Ed -View -TEI -Schema entwickelt, das den jeweils aktuellen Richtlinien der TEI folgt. 144 BRÜCKEN 29/2 Nachlasses für das grob umrissene Forschungsgebiet herausgestellt. Es folgt eine Skizze des Editionsvorhabens, wobei der Fokus darauf liegt, wie Informationen zu jenen Netzwerken, die sich aus Max Brods Nachlass rekonstruieren lassen, bestmöglich erfasst, aufbereitet und für Recherchen langfristig zugänglich gemacht werden können. Schließlich werden exemplarisch Möglichkeiten aufgezeigt, die das Portal als Ganzes künftig bei der Auseinandersetzung mit den aufgeworfenen Forschungsfragen bieten kann. 2. RELEVANZ DES BROD ‑NACHLASSES Max Brod, 1884 in Prag geboren und 1968 in Tel Aviv gestorben, hat das, was man heute mit ‚Moderne‘ assoziiert, in entscheidender Weise mitgeprägt. Seine Rolle als Nachlassverwalter für Franz Kafka, dessen Manuskripte er unter abenteuerlichen Bedingungen am Vorabend der Besetzung Prags durch die Nationalsozialisten retten konnte, ist hinlänglich bekannt. Allerdings betätigte sich Brod bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs selbst höchst erfolgreich als Schriftsteller, Publizist, Komponist sowie als Vermittler zwischen jüdischen und nicht -jüdischen, deutschsprachigen und tschechischsprachigen Akteurinnen und Akteuren im kulturellen Feld. Die Bedeutung seiner öffentlichkeitswirksamen Tätigkeit als Essayist, Übersetzer, Literaturund Musikkritiker, Journalist und Feuilletonist in zahlreichen deutschsprachigen Periodika wurde aufgrund der langen Unverfügbarkeit seines Nachlasses nur unzureichend wahrgenommen und muss in den übergreifenden Zusammenhängen erst offengelegt und philologisch wie konzeptuell erfasst werden. Bibliografisch wurden seine veröffentlichten Texte weitgehend aufgearbeitet (Barth 1969 und Kayser/Gronemeyer 1972, für den Zeitraum bis 1939 vor allem Vassogne 2009). Eine zwölfbändige Werkausgabe von 2013–2016, herausgegeben von HansGerd Koch und Hans -Dieter Zimmermann im Göttinger Wallstein Verlag, macht das literarische Werk Brods verfügbar. Eine erste quantitative Erhebung zu den journalistischen Texten Brods ergab für das Prager Tagblatt (1924–1939) eine Anzahl von 1872 Artikeln, für das Prager Abendblatt (1921–1923) 355 Artikel, für die Selbstwehr (1916–1938) 118 Artikel, für die Gegenwart (1905–1911) 67 Artikel, für Die Aktion (1908–1917) 48 Texte, für die Schaubühne (1907–1920) 36 Artikel, für die Neue Rundschau (1908–1932) 24 Artikel (Höhne 2014: 94). Bereits diese Auflistung dokumentiert eindrücklich die Präsenz Brods im öffentlichen Diskurs der Vorkriegszeit. Auf beispiellose Weise war er in literarische, künstlerische, intellektuelle und politische Kontexte eingebunden, die nicht nur Prag und die Böhmischen Länder betreffen, sondern bereits in der Zeit vor seiner Emigration nach Palästina Netzwerke umfassen, die sich über ganz Mitteleuropa und weit darüber hinaus ausdehnen. Brods Kontakte, von denen nicht zuletzt unzählige Erwähnungen in den Tagebüchern sowie seine umfassende Korrespondenz zeugen, erstrecken sich von Gruppierungen wie der Concordia (z.B. Hugo Salus), Jung -Prag (z.B. Gustav Meyrink, Paul Leppin, Richard Dehmel) und dem ‚Prager Kreis‘ (u.a. Oskar Baum, Franz Kafka, Felix Weltsch, Johannes Urzidil, Auguste Hauschner) über Autoren des Expressionismus (etwa Franz Pfemfert, Franz Werfel) und der Wiener Moderne (bspw. Hugo von Hofmannsthal, Robert Musil, Stefan Zweig) bis hin zu Literaten der Weimarer Republik (Thomas Mann, Alfred Kerr u.a.). Kontakte bestanden ferner durch Brods Tätigkeit als Nach- 145ALICE STAŠKOVÁ UND CLEMENS DIRMHIRN lassverwalter der Werke Kafkas mit Robert Klopstock, Dora Diamant, Milena Jesenská, Willy Haas, Emil Utitz, der Familie Kafka, Hans Joachim Schoeps, u.a. Tagebucheinträge erfassen zudem den Austausch im Rahmen von Brods journalistischer Tätigkeit (z.B. für das Prager Tagblatt, das Prager Abendblatt, die Selbstwehr) sowie mit Verlagen wie Kurt Wolff, Paul Zsolnay oder Schocken. Hinzu kommen tschechische Autoren und Künstler (u.a. Alois Jirásek, Leoš Janáček, Josef Suk) und Intellektuelle im Umfeld zionistischer Debatten (etwa Martin Buber, Hugo Bergmann, Felix Weltsch, Siegmund Kaznelson). Mit der wachsenden Bedrohung durch das Dritte Reich und der gemeinsamen Erfahrung des Exils stand Brod mit zahlreichen weiteren Intellektuellen in teils regem Austausch, so mit René Schickele, Ernst Bloch, Alfred Döblin, Ludwig Hardt, Johannes R. Becher, Elias Canetti, Lion Feuchtwanger, Friedrich Torberg, Klaus Mann, Theodor Lessing, Camill Hoffmann, Ludwig Winder, Paul Wiegler, František Langer, Arnold Zweig u.v.a. Auch nach dem Krieg setzten sich seine intensiven Bemühungen um internationale Vernetzung fort. Brod fungierte in Israel verstärkt als Kulturbotschafter und Nachlassverwalter der Prager deutschen Kultur und Literatur und blieb mit zahlreichen weiteren Autorinnen und Autoren sowie Intellektuellen verbunden, z.B. mit Albert Einstein, Max Frisch, Theodor Heuss, Alma Mahler -Werfel, Ludwig Marcuse oder Alfred Weber. Aktiv in vielfältige Vermittlungsprozesse zwischen den Kulturen involviert, partizipierte Brod an wichtigen zeitgenössischen intellektuellen Debatten, in deren Fokus insbesondere kulturkritische Fragen standen, die bei ihm häufig eine kulturzionistische Wendung erfuhren und auf eine Erneuerung des Judentums zielten (Brod/Weltsch 2017, Brod 1918, 1921). Mit frühen literarischen Erfolgen wie Schloß Nornepygge, philosophischen Monografien wie Heidentum– Christentum– Judentum, aber auch mit Aufsätzen in Zeitschriften wie Selbstwehr, Der Jude oder Die Aktion prägte er Diskurse etwa um Kultur, Kulturpolitik, Gemeinschaft und Judentum und somit einen wesentlichen Resonanzraum der ‚modernen‘ Literatur entscheidend mit (Dirmhirn 2023, Kap. 1.3 u. 2). Da Brods Nachlass bisher nur in kleinen Auszügen einer breiteren Forschungsgemeinde zugänglich war, bleiben wichtige unveröffentlichte Quellen unerforscht, die für kulturpoetische Fragestellungen sowie für kulturhistorische, kulturpolitische und diskurshistorische Rekonstruktionen von zentraler Bedeutung sind, und zwar weit über den engeren Fokus auf das eigene Schaffen von Brod hinaus. Zu diesen Quellen gehört neben seinen Tagebüchern insbesondere seine umfassende Korrespondenz. Aufschluss über die Gründe für den lange Zeit eingeschränkten Zugang zum Nachlass gibt dessen verwickelte Überlieferungsgeschichte. Testamentarisch hat Brod seine frühere Sekretärin und Lebensgefährtin Ilse Ester Hoffe als Alleinerbin eingesetzt und den Wunsch geäußert, sie möge seinen literarischen Nachlass einem öffentlichen Archiv übergeben. Da die Dokumente bis zu ihrem Ableben im Jahr 2007 in ihrem Besitz geblieben waren und ihr Testament ihre Töchter Eva Hoffe und Ruth Wiesler begünstigte, focht die Israelische Nationalbibliothek (NLI) dieses Testament an. 2016 verfügte das oberste Gericht in Israel, dass der Nachlass einer neu zu gründenden von der NLI verwalteten Brod -Stiftung gehöre. Nach diesen rechtlichen Auseinandersetzungen (Balint 2019, Gelber 2019) befindet sich der Nachlass aus Max Brods ‚Privatarchiv‘ nun tatsächlich in der Israelischen Nationalbibliothek, bei der auch die Rechteverwaltung liegt. Das Material ist nahezu vollkommen unpubliziert und zur Publikation freigegeben. 146 BRÜCKEN 29/2 Der aufgrund seines Umfangs und seiner Qualität herausragende Nachlass umfasst: • Die Tagebücher Max Brods aus den Jahren 1909 bis 1968. • Die Korrespondenz aus den Jahren von ca. 1909 bis 1968. • Gedruckte und ungedruckte Manuskripte von Max Brod aus den Jahren seines Studiums in Prag bis zu seinem Tod 1968 (ca. vier lfd. Regalmeter im Archiv). Dabei handelt es sich um unterschiedliche Textsorten: Romane, Dramen, Gedichte, philosophische Abhandlungen, Noten, Essays. • Weitere Manuskripte, u.a. von Franz Kafka, Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande (insg. drei Fassungen), ein Skizzenbuch mit Zeichnungen Kafkas und verschiedene weitere Manuskripte. • Das Typoskript eines Schauspiels von seinem in der Schoah ermordeten Bruder Otto Brod. • Hinzu kommen umfangreiche Foto -Materialien sowie weitere Dokumente aus Brods Privatarchiv (u.a. Sonderdrucke, Notizen, Exzerpte, Vorarbeiten zu eigenen Texten, Zeitungsausschnitte, Kopien, Audioaufnahmen von Vorträgen Brods aus den 1950er und 1960er Jahren). Für die Rekonstruktion der Netzwerke Brods nimmt unter diesen Nachlassteilen zunächst die Korrespondenz einen herausgehobenen Stellenwert ein. Bereits auf Basis entsprechender Metadaten, die Informationen darüber bereithalten, wer wann und wo mit wem kommuniziert hat, lassen sich ausgedehnte Korrespondenz -Netzwerke nachzeichnen.3 Neben der Textsorte Brief ist hier auch jene der Notiz zu berücksichtigen, da die Übergänge zwischen beiden fließend sein können, wie Hildenbrandt/Kamzelak (2019: 124) auf der Basis umfangreicher Dokumentenanalysen feststellen. Deutlich aufwändiger ist dagegen die inhaltliche Erschließung von Nachlassdokumenten. Dabei kann die Auszeichnung erwähnter oder anderweitig im Dokument vergegenwärtigter Personen, Werke, Periodika, Orte, Veranstaltungen, Körperschaften etc. ebenfalls der Rekonstruktion von Netzwerken dienen, wobei sie als Basis einer qualitativen Auswertung ein deutlich hochauflösenderes Bild solcher Netzwerke zu liefern vermag. Neben den Briefen und Notizen ist hier vornehmlich von den Tagebüchern ein ergiebiger Ertrag zu erwarten. Sieht man von den überlieferten Fotografien sowie den von Brod gesammelten Zeitungsausschnitten ab, deren Auswertung ebenfalls zur Rekonstruktion derjenigen Netzwerke beitragen kann, die Brod aufbaute bzw. in die er eingebunden war, so ist insgesamt betrachtet überwiegend jener Teil des Nachlasses von zentralem Interesse, den man mit Hildenbrandt/Kamzelak als dessen ‚persönliche Schriften‘ bezeichnen könnte. Gemeint ist damit zunächst „die Summe aller Überlieferungen, die persönlich […], also nicht eigentlich für eine breitere Öffentlichkeit gedacht“ sind. Dabei meint 3 Die Rekonstruktion und Erforschung solcher Korrespondenz -Netzwerke erfährt in letzter Zeit eine merkliche Konjunktur. Siehe etwa die Beiträge von Dauser, Lachenicht, Klosterberg, Rubin -Detlev, Stuber, Bamberg, Hoock -Demarle, Müller, Bunzel, Jansen und Welskopp im 2020 erschienenen 2. Band des Handbuch Brief. Dies dürfte nicht zuletzt mit der Etablierung des TEI -Elements ‚CorrespDesc‘ als Standard bei der Textcodierung von Briefen zusammenhängen, die neue technische Möglichkeiten eröffnet hat. 147ALICE STAŠKOVÁ UND CLEMENS DIRMHIRN ‚persönlich‘ nicht ‚autobiografisch‘, also „‚eine Person betreffend‘, sondern ‚einer Person zuzuschreiben‘, ‚im Gebrauch einer Person‘“ (Hildenbrandt/Kamzelak 2019: 116). Das Adjektiv zielt also auf die Autorschaft als wesentlichen Bestandteil der Definition von persönlichen Schriften ab, wobei es im Falle der Korrespondenz sinnvoll erscheint, auch die An -Briefe zu berücksichtigen. Eine erste Bestandsaufnahme zu Brods Tagebüchern und Briefen wurde bereits realisiert und ergab für die Tagebücher einen Umfang von insgesamt ca. 1.365 Seiten sowie etwa 260 Einlagen. Mit Blick auf den hier relevanten Untersuchungszeitraum 1890–1930 setzt die Überlieferung in den Jahren 1913–1924 aus, da Max Brods Bruder Otto die entsprechenden bei der Flucht aus Prag zurückgelassenen Tagebücher aus Angst vor den Nationalsozialisten vernichtet hatte. Dies geht aus einem nachträglichen Vermerk Max Brods aus dem Jahr 1943 hervor, den er auf jenen Tagebuchexzerpten festhält, die er im Zuge der Vorbereitungen seiner Kafka -Biografie aus Kafkas und seinen eigenen Tagebuchaufzeichnungen angefertigt hatte. Immerhin können eben diese Exzerpte die überlieferten Tagebücher partiell komplementieren und die klaffende Lücke so wenigstens bruchstückhaft füllen. Die Briefe sind teilweise im Besitz von Privatpersonen und weltweit auf zahlreiche Archive und andere Einrichtungen verteilt. Allein im Brod -Nachlass der NLI befinden sich über 800 Akten. Das vom Bundesamt für Auswärtige Angelegenheiten geförderte Projekt „Nachlass Max Brod– Korrespondenz“ unter der Leitung von Prof.Dr.Steffen Höhne erfasste bislang die Metadaten von ca. 5500 Briefen, Postkarten und Telegrammen, die in etwa 50 verschiedenen Institutionen aufbewahrt werden. Nicht berücksichtigt ist hierbei der umfangreiche Briefwechsel mit Franz Kafka, der bereits im Zuge der Kritischen Kafka Ausgabe (KKA) ediert wurde und wird.4 Das Prinzip der Vernetzung, das Brods wirksame Tätigkeit als Kultur– und Positionenvermittler fundiert, kann im Digitalen am adäquatesten abgebildet werden. Im folgenden Abschnitt soll dargelegt werden, wie diese digitale Edition anzulegen und technisch umzusetzen ist, um diesem Prinzip gerecht zu werden. 3. EDITIONSVORHABEN Das langfristige Ziel des hier vorgestellten Projekts ist es, sämtliche ‚persönliche Schriften‘ Max Brods, versehen mit notwendigen Kommentaren, der Öffentlichkeit sowie der Forschungsgemeinde dauerhaft in angemessener digitaler Form erstmalig weltweit frei zugänglich zu machen und dabei die Forschung auf mehreren Gebieten zu befördern. Hierfür ist die Einbindung Brods in einen breiten Kommunikationszusammenhang zu berücksichtigen und das hohe Maß an ‚Interkonnektivität‘ (Bunzel 2014) nachvollziehbar zu machen, indem die Edition potenziell anschlussfähig für andere Editionen zeitgenössischer Autorinnen und Autoren bleibt und somit editionsübergreifende Fragestellungen und Recherchen ermöglicht werden. Die literaturwissenschaftliche Forschung ist bereits seit längerem kaum ausschließlich auf die Werke einzelner Autoren ausgerichtet, sondern nimmt breitere 4 Bislang sind vier Bände erschienen, die die Briefe bis 1920 abdecken. Der letzte Band Briefe 1921–1924 erscheint voraussichtlich 2024 als Schlussstein der KKA zum 100-jährigen Todestag Kafkas. 148 BRÜCKEN 29/2 Diskurszusammenhänge in den Blick. Vor diesem Hintergrund ist man in der Editionsphilologie darum bemüht, Editionen bestmöglich miteinander zu verknüpfen. Im Zuge des Medienwandels hat sich das Spektrum an Möglichkeiten entscheidend erweitert. Besonders mit Blick auf digitale Briefeditionen zeichnet sich in den letzten Jahren die Tendenz ab, die früher vorherrschende Autorzentriertheit zugunsten der Darstellung von Korrespondenznetzen bzw. –netzwerken5, die vornehmlich durch digitale Editionsplattformen ermöglicht werden, aufzugeben bzw. abzuschwächen.6 Einen wichtigen Schritt markiert diesbezüglich die Etablierung des Elements ‚CorrespDesc‘ zur spezifischen Erfassung der Metadaten von Briefen als Standard innerhalb des TEI -Schemas, wodurch etwa mit CorrespSearch ein Instrument zum Durchsuchen editionsübergreifender Briefbestände entwickelt werden konnte (URL: <https://correspsearch.net> [20.4.2022]; Stadler 2014, Zihlmann -Märki 2020, Hildenbrandt/Kamzelak 2019). Das am DLA -Marbach erarbeitete EdView -TEI -Schema zur Textcodierung erweitert erstmals diese Möglichkeiten auf weitere Materialgruppen, wie Tagebucheinträge oder auch Notizen, die sich unter dem umbrella term ‚Persönliche Schriften‘ zusammenfassen lassen. Wie bereits erwähnt, sind die Übergänge zwischen den Dokumententypen Brief und Notiz häufig fließend und auch Tagebücher und Notizbücher lassen sich nur graduell voneinander unterscheiden. Hinsichtlich ihrer Funktionen bzw. ihres Gebrauchs gibt es sowohl Überschneidungen als auch Komplementaritäten (Hildenbrandt/Kamzelak 2019: 121). Für die Textauszeichnung ist diese Einsicht entscheidend: Die Zuschreibung spezifischer Dokumententypen, die im Rahmen der Metadatenkodierung mittels TEI -Schema notwendigerweise erfolgt, um bestimmte Materialgruppen auch editionsübergreifend miteinander vergleichbar und gemeinsam durchsuchbar zu machen, erscheint vor diesem Hintergrund bis zu einem gewissen Grad kontingent und schließt einander ergänzende Dokumente mitunter gegeneinander ab. Mit Blick auf den Brod -Nachlass lässt sich diese Problematik am Beispiel jener Exzerpte verdeutlichen, die Max Brod für die Niederschrift seiner Kafka -Biografie aus seinen und Kafkas Tagebüchern anfertigte und die als Quelle so bedeutend sind, weil sie die unvollständig überlieferten Tagebücher ergänzen. Nun lassen sich diese Exzerpte nicht eindeutig der Textsorte ‚Tagebuch‘ zuordnen und würden im TEI -Schema entsprechend nicht als solche erfasst werden. Damit aber wäre nicht mehr die Möglichkeit gegeben, sie zusammen mit den erhaltenen Tagebüchern zu durchsuchen, denn die Beschreibungskategorien des Dokumententyps ‚Tagebuch‘ sind nicht notwendigerweise auf jene des Typs ‚Exzerpt‘ bzw. ‚Notiz‘ abbildbar. Entsprechend würde der entscheidend komplementäre Charakter der Tagebuch -Auszüge verfehlt. Um Problemen dieser Art zu begegnen, schlagen Hildenbrandt/Kamzelak (2019) ‚Persönliche Schriften‘ als Überbegriff vor. Der Begriff ist enger als ‚NachlassMaterialien‘, kann aber in weitere Dokumententypen wie Tagebücher, Briefe und 5 Zur Unterscheidung von Briefnetz und –netzwerk siehe Bunzel (2014: 240f.). 6 Siehe dazu Nutt -Kofoth (2016: 584) und Nutt -Kofoth (2020: 88). Für ein konkretes Beispiel sei verwiesen auf das Projekt „Vernetzte Korrespondenzen | Exilnetz 33. Erforschung und Visualisierung sozialer, räumlicher, zeitlicher und thematischer Netze in Briefkorpora“, URL: http://exilnetz33.de [20.4.2022]. Siehe auch folgende Vorstellung des Projekts: Hildenbrandt/Kamzelak (2014). Ein weiteres Beispiel stellt Bunzel (2013) vor. 149ALICE STAŠKOVÁ UND CLEMENS DIRMHIRN Notizen bzw. Notizbücher zerfallen. Entscheidend dabei ist, dass die Beschreibungskategorien all dieser zu den ‚Persönlichen Schriften‘ gehörigen Dokumententypen in wesentlichen Punkten miteinander kompatibel, d.h. aufeinander abbildbar bleiben. Eben dies leistet das Ed -View -TEI -Schema, in dem diese Überlegungen zu ‚Persönlichen Schriften‘ berücksichtigt sind, sodass es dem angesprochenen, komplexen generischen Status der Tagebücher, der Notizen und der Korrespondenz von Max Brod gerecht wird. Somit kann auf ein Auszeichnungsschema zurückgegriffen werden, das die gemeinsame Durchsuchbarkeit komplementärer Quellen sicherstellt, die unterschiedlichen Textsorten oder auch portalweit unterschiedlichen Editionen zuzuordnen sind. Für die digitale Veröffentlichung des vorgestellten Projekts bietet sich das EdView Portal in mehrfacher Hinsicht an: Allem voran erlaubt die digitale Edition in EdView durch die konsequente Verwendung von Standards wie der TEI, der Verwendung von Normdaten wie der Gemeinsamen Normdatei (GND) und von Geodaten, das Prinzip der Vernetzung, das Max Brods Tätigkeiten als Kultur– und Positionenvermittler bestimmt, bestmöglich abzubilden. Damit aktualisiert sie dieses Prinzip und macht es für Zwecke der Erforschung von diskurshistorischen und kulturpoetischen Konstellationen, exil– und verflechtungsgeschichtlichen Fragestellungen fruchtbar. Dies wird bereits durch die Zusammenhänge der Editionen in EdView ermöglicht und in erweitertem Maße durch die Verfügbarkeit aller Texte und Metadaten als XML - Download gewährleistet. Überdies erlaubt das auf der Plattform verwendete EdView -TEI -Schema mit der generischen Heterogenität der Brod’schen Tagebücher adäquat umzugehen. Die zwischen 1913 und 1924 klaffende Lücke in der Überlieferung, die, wie erwähnt, durch Brods Bruder im Zusammenhang mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht entstanden war, lässt sich so wenigstens auszugsweise durch die Berücksichtigung der Tagebuch -Exzerpte überbrücken. Nicht zuletzt wird damit dem 1959 festgehaltenen Wunsch Brods entsprochen, die Exzerpte mögen herausgegeben werden, da sie ergänzende Informationen zu seiner Kafka -Biografie enthalten. Eine weltweite freie Verfügbarkeit der publizierten Daten sowohl für eine interessierte Öffentlichkeit als auch für einschlägige Forschungsgemeinschaften wird durch eine Veröffentlichung auf dem Portal ermöglicht. Die Langzeitarchivierung, Langzeitverfügbarkeit und Zitierbarkeit ist über die Infrastruktur des DLA sicher - gestellt. Von den laufenden Weiterentwicklungen der Plattform– insbesondere im Bereich der Datenvisualisierung– wird das Projekt auch noch nach Abschluss der Editionsarbeit profitieren. Konkret ist im Rahmen des Editionsprojekts die buchstaben– und zeichengetreue Transkription, Textauszeichnung nach EdView -Schema (XML/TEI) sowie Kommentierung sämtlicher ‚persönlicher Schriften‘ Max Brods im Rahmen einer wissenschaftlichen digitalen Faksimile -Edition geplant. Da die Tagebücher und Tagebuchexzerpte, die Notizen sowie die Korrespondenz nur in wenigen Ausnahmefällen zum litera - rischen Reflexionsmedium werden und vornehmlich als Quelle für diskurshistorische Rekonstruktionen von Interesse sind, werden keine Überarbeitungsspuren im Einzelnen notiert. Dennoch sollen die Tagebücher nicht auf bloße „Gebrauchsformen, also Informationsträger“ reduziert, sondern auch als „Ausdrucksformen, d.h. eigen - tümliche Gestaltungsmedien interpersonalen und personalen Lebens“ (Hurlebusch 1995: 26) gewürdigt werden. Wiedergegeben werden soll daher immer auch das Faksimile, 150 BRÜCKEN 29/2 das die Materialität und Medialität dokumentiert und visualisiert sowie der innerhalb der ersten Niederschrift als „endgültig“ anzusehende Text. Auf eine diplomatische Umschrift im Sinne einer genauen urkundlichen Wiedergabe der Handschrift, bei der der handschriftliche Befund auch zeilen–, seiten– und positionsgetreu reproduziert wird, kann angesichts einer lückenlosen Faksimilierung verzichtet werden. Das erläuternde Register übernimmt den Hauptteil der Kommentierung. Sind inhaltliche Erläuterungen für das unmittelbare Leseverständnis unerlässlich, so werden Stellenkommentare eingefügt. Das Register dient in erster Linie der Auffindbarkeit erwähnter Personen, Werke, literarischer Figuren, Orte, Körperschaften und Periodika. Im XML -File werden Lücken und Auslassungen unabhängig von ihrer tatsächlichen Größe standardisiert dargestellt. Unklare Textstellen werden als solche ausgewiesen. In der Ansicht ‚Paratexte‘ werden neben einem Vorwort und Auskünften zu den Richtlinien der Edition auch Objektbeschreibungen der Textträger abrufbar sein. Überdies werden Informationen zur aufbewahrenden Institution, zur rechtlichen Situation sowie zur Überlieferungsgeschichte bereitgestellt. 4. POTENTIALE UND PERSPEKTIVEN DES PORTALS Im Rahmen der in diesem Heft dokumentierten Konferenz wurden Fragen nach den Selbstverortungen und Selbstbehauptungen zwischen Zentrum und Peripherie insbesondere kultureller Akteure und Akteurinnen sogenannter Klein– und Mittelzentren in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien aufgeworfen. Dabei wurden die Kategorien Zentrum und Peripherie in ihrer Diskursiviertheit fokussiert und herausgestellt. 7 Das damit eröffnete Forschungsfeld kann von den Möglichkeiten, die das EdView-Portal bietet bzw. in Aussicht stellt, auf zwei Ebenen profitieren. Auf der Ebene der Rekonstruktion historischer Diskurse erleichtert es das Auffinden relevanter Textstellen, indem Dokumente editorisch aufbereitet und inhaltlich erschlossen präsentiert werden. Zudem stehen mächtige Recherchewerkzeuge bereit. So wurde erhebliche Entwicklungsarbeit für eine adäquate Präsentation und Zugänglichkeit der zu veröffentlichenden Daten aufgewendet. Die nach Datentyp differenzierten Ansichten (XML, Faksimile, Editionstext, Kommentar, Metadaten, Paratext) lassen sich ebenso individuell anordnen, ein– und ausblenden wie die Suchoberfläche mit ihren integrierten editionsübergreifenden Recherche– und Navigationswerkzeugen. Hervorzuheben sind hier die Metadaten– und Volltextsuche, die Timeline mit intuitiv zu bedienender Filterfunktion sowie die ein– und ausklappbaren Facetten. Letztere fungieren sowohl als Filter als auch als Register für Personen, Orte, Körperschaften, Werke, Periodika und Metadaten. Die extrahierten Daten, die im edierten Text selbst bei Bedarf farblich hervorgehoben werden können, sind somit übersichtlich vorstrukturiert und in ihrer Gesamtheit aufgelistet. Bei der Recherche bieten sie angesichts einer mitunter überfordernden Fülle an Material erste Anhaltspunkte, da schnell deutlich wird, welcher Art die Daten sind, nach denen gesucht werden kann. 7 Auf die Unentscheidbarkeit der Frage, ob der Dichotomie Zentrum– Peripherie Bedeutung innerhalb bestimmter Diskurse „als Kategorie der internen Organisation der beobachteten Phänomene“ zukommt „oder als herangetragene Kategorie der externen Analyse“ haben bereits Hárs u.a. (2006:2) hingewiesen. 151ALICE STAŠKOVÁ UND CLEMENS DIRMHIRN Gegenüber herkömmlichen Buchpublikationen bieten digitale Editionsportale generell den Vorteil, verschiedene Ordnungsoptionen gleichzeitig anbieten zu können (Nutt -Kofoth 2016: 577f.). Mit Blick auf die Korrespondenz 8 könnten künftig etwa Briefe des Autors sowohl in chronologischer Reihenfolge als auch gemeinsam mit den An -Briefen in Form von Dialogstrukturen präsentiert werden. Hinsichtlich der Textsorte Tagebuch ließe sich sowohl eine text– als auch eine materialorientierte Darstellungsweise implementieren, indem Möglichkeiten geschaffen werden, sich wahlweise in chronologischer Ordnung einzelne Tagebucheinträge oder aber eine Einheit, die vom Textträger vorgegeben ist– etwa die Seite eines Tagebuchs –, anzeigen zu lassen.9 Damit wäre die von Rüdiger Nutt -Kofoth formulierte Forderung, Briefeditionen hätten sowohl den Text– als auch den Dokumentcharakter zu berücksichtigen (Nutt -Kofoth 2016: 580), auch für die Tagebuchedition erfüllt. In jedem Falle können portalweit und editionsübergreifend all jene Textstellen herausgefiltert werden, die von relevanten Akteuren im fraglichen Zeitraum verfasst wurden bzw. in denen relevante Akteure bzw. Orte erwähnt werden. Diese lassen sich in weiterer Folge dahingehend untersuchen, ob die Kategorien ‚Zentrum‘ und ‚Peripherie‘ in ihnen eine Rolle spielen, sei es auf explizite Weise oder auch implizit, indem etwa politische, ökonomische, soziale oder kulturelle Marginalisierungen verhandelt werden. Auf der Ebene der Analyse vermag das Portal dazu beizutragen, die heuristischen Kategorien Zentrum – Peripherie als nicht-essenzialistische zu behaupten. 10 Die Plattform bietet künftig vielmehr Möglichkeiten der Visualisierung und Erforschung von sozialen, räumlichen, zeitlichen und thematischen Netzen bzw. Netzwerken, denen per se kein Zentrum eignet (Horn/Gisi 2009: 16; Thacker 2009: 34). Allerdings lassen sich mit unterschiedlichen Begründungen unterschiedliche Knoten eines Netzes als Zentrum setzen, wodurch sich in Abhängigkeit von diesem gesetzten Zentrum aufgrund loser Enden je andere Peripherien ergeben (Werber 2010: 6). Damit wird augenfällig, dass die Zuschreibung von Zentrum und Peripherie stets an konkrete Perspektiven gebunden ist. Ein rekonstruiertes Netzwerk erlaubt dabei diese Perspektive immer wieder zu wechseln, stets andere Knoten zu zentrieren und so jeweils andere Allianzen und Oppositionen sichtbar zu machen. Zwar sind visuelle Darstellungen von Korrespondenznetzwerken– etwa als geografische Kartenansicht, als egozentrierte Netzwerkgraphen oder in Form von Graphen, die Briefe und Themen als Knoten kombinieren– derzeit auf dem Portal noch nicht verfügbar, doch wurden entsprechende Vorarbeiten bereits geleistet (Hildenbrandt/ Kamzelak 2014, Hildenbrandt u. a. 2015). Allerdings muss man sich in diesem Zusammenhang bewusst sein, dass jene Netze, die anhand der im Portal verfügbaren Nachlassmaterialien rekonstruierbar werden, 8 Zum Nutzen digitaler Briefeditionen siehe auch Strobel (2014: 151–155). 9 Erstere Option wurde etwa für die auf dem EdView -Portal bereits publizierten Tagebücher Harry Graf Kesslers gewählt. Für einen stärker auf das Material fokussierten Zugang wurde im Falle der Notizbücher Fontanes entschieden. Siehe https://fontane -nb.dariah.eu/index.html [20.4.2022]. 10 Hárs u. a. gehen davon aus, dass die Frage, ob der Dichotomie Zentrum – Peripherie Bedeutung innerhalb bestimmter Diskurse „als Kategorie der internen Organisation der beobachteten Phänomene“ zukomme „oder als herangetragene Kategorie der externen Analyse“ nicht entscheidbar sei (Hárs u. a. 2006: 2).