Die nachklassische Phase der Aunjetitzer Kultur in Brandýs nad Labem. Ein Beitrag zur Siedlungskeramik der Aunjetitzer Kultur in Böhmen
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STUDIA HERCYNIA XXIII/2, 73–96 Die nachklassische Phase der Aunjetitzer Kultur in Brandýs nad Labem. Ein Beitrag zur Siedlungskeramik der Aunjetitzer Kultur in Böhmen Michaela Langová ABSTRACT An Early ‑Bronze ‑Age settlement with an enclosure was unearthed in Brandýs nad Labem in 2007–2016. The settlement pits and the ditch yielded one of the richest collections of Early Bronze Age pottery in the whole of Bohemia. Since the previous knowledge about Early Bronze Age settlements is very poor, the site of Brandýs nad Labem offers agood opportunity to introduce the typology of settlement pottery and to sketch the possi‑ bilities of chronology and their relation to the burials. On the basis of the poor evidence for the classic phase of the Únětice culture and numerous analogies in the Věteřov culture, is it possible to date the ceramic ensemble to the post ‑classic phase of the Únětice culture, which in some cases contradicts the radiocarbon dates. KEYWORDS Early Bronze Age; Únětice culture; Bohemia; settlement enclosure; pottery typology; chronology. EINFÜHRUNG Schon im Jahre 1952 beklagte I. Pleinerová die unzureichende Erforschung der Aunjetitzer Sied‑ lungen in Böhmen (Hnízdová 1952; veröffentlicht in Hnízdová 1953 und Pleinerová 1959, 97). Über 50 Jahre später beschreibt P.Čech (2008, 65) die Lage treffend wie folgt: „In der böhmischen frühbronzezeitlichen Forschung ist die Publikationslücke der Siedlungsfunde so offensichtlich, dass die Frühbronzezeit ganz aus dem Befund verschwunden zu sein scheint.“ Als Ausnahme erachtet er die Funde von Prag ‑Čakovice (Kovářík 1983) und Hrdlovka (Beneš 1999). Seitdem sind zwar einige Teilberichte erschienen, diese befassen sich jedoch immer nur mit einigen we‑ nigen Siedlungsobjekten, wie z.B. aus Kutná Hora ‑Denemark (Zápotocký– Zápotocká 2008, 296–300), Mokrovousy (Horník– Novák 2013) oder Staré Jesenčany (Burgert– Kašpárek– Novák 2010), eine Gesamtbetrachtung der Problematik in breiteren Zusammenhängen ist immer noch ausständig. Das Aunjetitzer Siedlungsmaterial war auch Gegenstand mehrerer Abschlussarbeiten, wie z.B. zu Vliněves (Langová 2009), Brandýs nad Labem (Langová 2012; Danielisováetal. 2013; Langová– Danielisová 2013; 2015) oder Mikulovice (Svobodová‑ ‑Koldrová 2012; Málek 2013; Volfová 2015). Bei Vliněves und Brandýs nad Labem wurden bisher nur Objekte mit menschlichen Skelettresten bearbeitet und bei Mikulovice konzentriert sich jede der Studentenarbeiten immer nur an eine konkrete Grabungsfläche (z.B. eine Parzelle für ein Familienhaus). Keine von den Publikationen bietet also eine allgemeine Sichtweise der Siedlungsproblematik der Aunjetitzer Kultur und ihres keramischen Inhalts. Die Chronologie der Aunjetitzer Kultur in Böhmen ist zumeist auf den Befunden von Gräber‑ feldern (vor allem jenem in Polepy) gegründet (Moucha 1954; 1963; Bartelheim 1998). Es sind Zweifel geäußert worden, ob die Grabkeramik mit der Keramik von den zeitgleichen Siedlungen vergleichbar ist (z.B. Pleinerová 1959; Koschik 1975, 65; Zápotocký 1982, 389; Krumland 1998,
74 STUDIA HERCYNIA XXIII/2 95–96, 129; Beneš 1999, 51). J. Beneš (1999, 51) stellt in Frage, ob es beim heutigen Forschungszu‑ stand der Aunjetitzer Siedlungen möglich ist, eine genauere relative Chronologie auszuarbeiten, und ob unverzierte Keramik überhaupt dazu beitragen kann (ähnlich Zápotocký 1982, 389). BRANDÝS NAD LABEM -VRÁBÍ Die Fundstelle befindet sich in der Elbe ‑Ebene, ca. 12 km nordöstlich von Prag, in Brandýs nad Labem, Stadtteil Vrábí, in der Flur „UVodojemu“, auf einer unauffälligen Erhebung an der Terrasse eines kleinen Baches, 10–15 m über der Wasseroberfläche, in etwa zwei Kilome‑ ter Entfernung vom heutigen Verlauf der Elbe (Abb. 1). Zweifellos handelt es sich um eine strategische Lage in der Landschaft, die– genauso wie z. B. der vergleichbare Fundort Vráble in der Slowakei (z.B. Bátora– Tóth– Rassmann 2015)– auf eine überregionale Bedeutung des Fundortes schließen lässt. Zwischen 2007 und 2016 wurden an dieser Stelle in fünf Etappen Wohnhäuser und die dazugehörige Verkehrsinfrastruktur errichtet (Abb. 2A; Danielisová 2011; 2013; Pecinovská 2010; Čuláková 2015; Kapustka 2016; Malyková 2017). Erfasst wurden u. a. auch zahlreiche Objekte aus der Frühbronzezeit. Zu den ältesten frühbronzezeitlichen Komponenten gehört ein Gräberfeld der frühen Aunjetitzer Kultur (Langová 2012), das jedoch nicht zum Thema des vorliegenden Beitrags gehört. Der Beitrag widmet sich vor allem den Siedlungsobjekten und einem Graben, der 2007 und 2008 ausgegraben wurde (Abb. 2B). Es handelt sich um einen Sohlgraben mit 7,6 m maximaler Breite und einer Tiefe1 von höchstens 1,9 m (Langová 2012, 65). Insgesamt wurden 18 Schnitte angelegt, die als selbstständige Objekte betrachtet werden (07/107I; 07/107II; 07/406V; 07/406Z; 07/571; 07/620I; 07/620II; 07/620III; 07/776I; 07/776II; 08/66/2, 4, 6, 8, 10, 12, 14, 16)2 und 6 150 Keramikfragmente lieferten (insgesamt über 120 kg; Langová 2012, 84; Langová 2019, 92). Abb. 1: Brandýs nad Labem ‑Vrábí „UVodojemu“. Lage der Fundstelle. 1 Von dem Niveau der Abtragung gemessen. 2 Die Keramik in den Abb. 3–10 ist immer mit dieser Schnittnummer versehen.
75MICHAELA LANGOVÁ Abb. 2: Gesamtplan der Fundstelle. A– die einzelnen Saisons der Grabung; B– die frühbronzezeitli‑ chen Befunde (nach Danielisová 2011; 2013; Čuláková 2015, Pecinovská 2010). Insgesamt erbrachte die Grabung fast 17 000 Stück Siedlungskeramik (über 329 kg), die mit jener aus dem Graben identisch war. Es handelt sich damit um eine der größten Sammlun‑ gen der Aunjetitzer Keramik aus Böhmen und bietet einen guten Überblick über Aunjetitzer Siedlungskeramik. Da das Material aus einer Rettungsgrabung stammt, stehen nur selten komplett erhaltene Gefäße, bzw. geschlossene Fundkomplexe, zur Verfügung (eine Ausnahme davon bildet z. B. das Objekt 07/798). Die meisten Gefäßformen konnten allenfalls zeichne‑ risch rekonstruiert werden, womit das ursprüngliche Aussehen nicht vollständig bekannt ist, unklar bleibt vor allem, ob Henkel, Ösen oder verschiedenen Knubben vorhanden waren.3 Da es sich um keine geschlossenen Fundkomplexe handelt, sind die Möglichkeiten einer chronologischen Auswertung stark limitiert. Die Ausfüllung aller freigelegten Objekte (den Graben ausgenommen) hat typischen Siedlungscharakter; die Keramikfunde sind also Ab‑ fall, der teils absichtlich in den Gruben deponiert wurde, teils unabsichtlich als Residuum in die Gruben gelangte. Die Aussagekraft der Keramik als Fundkomplex ist also sehr gering. In diesem Zusammenhang darf die Tatsache nicht übersehen werden, dass die Mehrheit der Siedlungsbefunde nur spärliche Keramikfunde aufwies und nur relativ wenige Befunde ha‑ 3 Der vermutete Umriss der nicht erhaltenen Henkel ist strichliert dargestellt. Falls die Anwesenheit eines Henkels nicht erwiesen ist, sondern nur anhand von Analogien zu erwarten ist, ist er mit Fragezeichen bezeichnet.
76 STUDIA HERCYNIA XXIII/2 ben zahlreichere Fundkomplexe erbracht. Deshalb werden hier nur vollständige oder nahezu vollständige Gefäßformen präsentiert (für eine komplexe Auswertung der Keramikfunde s. Langová 2019). KERAMIK Das Hauptaugenmerk gilt der bisher wenig beachteten Siedlungskeramik, ihrer Typologie, Variabilität und den Unterschieden zur Grabkeramik. Die Unterteilung erfolgt deshalb nach Keramiktypen und nicht nach Fundkomplexen. Die Abbildungen (Abb. 3–10) zeigen vollstän‑ dig erhaltene und zeichnerisch rekonstruierte Gefäße oder ihre Torsi. Die ursprünglichen Befundbezeichnungen sind im Text belassen, um die Befundzusammenhänge teilweise rekon‑ struieren zu können.4 Das kann besonders der Bestimmung der Fragmente aus dem Graben und aus den Befunden mit mehreren Gefäßen dienlich sein. Zur besseren Orientierung sind den Bildern noch einfache, fett gedruckte Nummern beigefügt.5 TASSEN Im Siedlungsmaterial von Brandýs nad Labem wurden mehrere Fragmente typischer Aunjetit‑ zer Tassen erfasst (Abb. 3: 1A–1C). Während es sich auf den zeitgleichen Gräberfeldern um eine häufige Gefäßform handelt, wurden hier insgesamt nur Reste von sieben Stück identifiziert (sechs davon s. Abb. 3: 1A). Ziemlich überraschend ist, dass die Mehrheit (08/22/1, 07/798/8, 14/534/1 und 10/200/1; Abb. 3: 1–3, 6) viel größer ist, als auf den Gräberfeldern. Eine Aunjetitzer Tasse der „üblichen“ Größe fand sich auf unserem Fundort lediglich zweimal (08/100/4 und 07/560/1; Abb. 3: 4–5). Bei allen Exemplaren handelt es sich um klassische Tassen mit sehr tief angelegtem Umbruch. Bei allen fehlt der Boden, es lässt sich also nicht beurteilen, ob sie einen ausgegliederten Unterteil hatten oder ob es sich um Tassen des Typs Hradec 6 (Moucha 1963, 21) handelt. Auf jeden Fall stellt M. Bartelheim (1998, 100) beide Typen zu seiner dritten Stufe, also in die jüngere Aunjetitzer Kultur, bei V. Moucha (1963, 13, 18) entspricht es seiner klassischen und nachklassischen Phase. In Brandýs nad Labem stammt ein einziger Scherben von einer Tasse mit hohem Hals, ausladendem Rand und niedrigem gewölbten Bauch (Abb. 3: 1B). Zwischen Bauch und Hals befindet sich eine Absatzleiste, Spuren von einem Henkel liegen keine vor. Eine ähnliche Tasse von Prag ‑Miškovice reiht M. Ernée (2015, 86–87, Abb. 45c) in die klassische Phase,7 vergleich‑ bare Stücke aus Mähren stellt D. Rožnovský (2015, 54, Abb. 3) in seinen Übergangshorizont zwischen Aunjetitzer und Věteřov ‑Kultur. Fragmente einfach profilierter Gefäße mit Öse (Abb. 3: 1C), die typologisch und größen‑ mäßig typischen věteřovzeitlichen Tassen entsprechen, zeigen randständige (10/357/72 und 07/107D/2; Abb. 3: 8–9), unterrandständig (08/66/2; Abb. 3: 11) sowie oberrandständige Ösen (16/592/4; Abb. 3: 10). Nirgends ist der Boden erhalten, womit die genaue Form unbestimmt bleibt. Fassförmige Tassen, vor allem die sich zum Boden hin leicht verjüngenden Varianten, 4 Bezeichnungen wie „07/798/4“ geben das Jahr der Grabung, die Befundnummer und die Nummer des Scherbens im jeweiligen Befund an, d. h. die Scherben/Gefäßen bezeichnet z. B. als „07/798/4“ und „07/798/5“ stammen aus dem gleichen Befund. 5 Auf diese Nummer wird im Text verwiesen. 6 M. Bartelheim (1998, 15) bezeichnet Tassen ohne Unterteil als Typ „A1.1“. 7 Von diesem Grab liegen zwei kalibrierte 14C ‑Daten vor: 2120–1880 BC und 2280–2030 BC (95%; Ernée 2015, 270, Taf. 46).
77MICHAELA LANGOVÁ sind für die Věteřov ‑Kultur typisch und auch auf den spätaunjetitzer und frühhügelgräber‑ zeitlichen Fundstellen üblich (Tihelka 1960, 32, 34). Die Öse ist meistens unterrandständig, manchmal nicht weit unter dem Rand (Tihelka 1960, 32). Die Auswertung neuer Funde hat gezeigt, dass auch randständige Varianten existierten (Rožnovský 2015, 56). Abb. 3: Die Tassen, Schalen und Siebe. 1A– die klassischen Aunjetitzer Tassen; 1B– Die Tasse mit niedrigem ausgewölbtem Körper; 1C – die Věteřov Tassen; 2A– einfache Schalen; 2B– die in dem oberen Teil leicht ausgewölbten Schalen; 2C– die leicht ausgewölbten Schalen mit fein gerau‑ tem Körper; 3A ‑ die Siebe (Zeichnung und FotoM. Langová).
78 STUDIA HERCYNIA XXIII/2 SCHALEN Im fragmentarischen Zustand haben einfache, nicht profilierte tiefe Schalen mit den Věteřov‑ ‑Tassen viel gemein (Abb. 3: 2A). Sie sind jedoch größer (14/573/1, 07/690/1;8 Abb. 3: 13–14) oder mehr ausladend (16/596/5; Abb. 3:12). Während die Oberfläche bei 14/573/1 und 16/596/5 (Abb. 3: 12–13) stark geglättet ist, gibt es bei 07/690/1 (Abb. 3: 14) nur einen polierten Strei‑ fen unter dem Rand und der Rest war leicht geraut. Schale 16/596/5 (Abb. 3: 12) hatte einen ähnlich geglätteten Streifen an der Innenseite. Höhere einfache Schalen kommen durchlau‑ fend während der ganzen frühen Bronzezeit vor und können nicht genauer datiert werden (Moucha 1963, 12; Bartelheim 1998, 99). Polieren ist aber typisch für die nachklassische Phase der Aunjetitzer Kultur. Eine Kombination von poliertem Streifen und gerautem Bauch an den einfachen Schalen kommt auch in der mährischen Věteřov ‑Kultur vor (Ondráček– Stuchlíková 1988, 13). Es wurden auch Fragmente einfacher breiter, oben leicht gewölbter Schalen gefunden (Abb. 3: 2B). Schale 10/257/2 (Abb. 3: 16) zeigt eine geglättete Oberfläche und eine (erhaltene) schwalbenschwanzförmige Griffknubbe. Schale 16/596/3 (Abb. 3: 15) war geglättet und hatte entlang des Randes einen stark polierten Streifen (ähnlich wie bei Schale 07/690/1), im Rahmen dieser Streifen befindet sich eine zweimal durchbohrte horizontale Öse. Eine ähnliche Schale mit poliertem Streifen, jedoch mit gewöhnlicher vertikaler Öse wurde in Věteřov gefunden (Hnízdová 1954, Abb. 3: 8), ein weiteres Fragment liegt von der böhmischen Siedlung in Vysoča ‑ ny (Čech 2008, Abb. 9: 7) und von Kutná Hora ‑Denemark vor (Zápotocký– Zápotocká 2008, Abb. 150: 6). Während die schwalbenschwanzförmige Griffknubbe ein typisches Aunjetitzer Element ist, stellt die gebohrte horizontale Öse im böhmischen Milieu der Aunjetitzer Kultur etwas ganz Ungewöhnliches dar. Dafür findet sich diese Öse ziemlich oft auf den Schalen der böhmischen Glockenbecherkultur (Turek 2008, 161, Abb. 56), einmal auch auf einer profi‑ lierten Schüssel9 aus Gemeinlebarn, die der Böheimkirchner Gruppe des Komplexes Věteřov‑ ‑Maďarovce ‑Böheimkirchen zugeschrieben wird (Neugebauer 1994, 91, Abb. 11: 12). Eine in Brandýs nad Labem einmalig auftretende Gefäßform ist die unprofilierte halb‑ kugelige Schale mit mehrfacher Knubbe (Abb. 3: 2C). Die Knubbe liegt auf der Wandung im polierten Streifen, der sich rund um den Hals zieht; das Unterteil ist leicht geraut. Eine ähnli‑ che Schale führt I. Pleinerová (1959, 101, Abb. 12: 6) aus Ďáblice an, die jedoch zwei horizontale Ösen zeigt, was bei dieser Gefäßform sonst auch vorkommen kann (Pleinerová 1959, 101). SIEBE Obwohl Siebfragmente relativ häufig waren, konnten nur zwei Siebe (Abb. 3: 3A) vollständig rekonstruiert werden (07/107D/8 und 07/107B/5; Abb. 3: 18–19). In beiden Fällen handelt es sich um eine einfache Schale mit durchlochtem Boden. Komplizierter war Sieb 07/406Z/2 (Abb. 3:20), dessen Wände ausgewölbt und durchlocht waren, im Boden gab es aber nur ein größeres Loch. Schon K. Tihelka (1960, 58) hat die Bindung der durchlochten Teile an bestimmte Ge‑ fäßformen beobachtet, er hat auch an den sehr fragmentarischen Zustand aller Siebfragmente hingewiesen. Beide Voraussetzungen haben sich im Befund in Brandýs nad Labem bestätigt. 8 Die Schale stammt aus einem Hügelgrab, das über einer nachträglich hergerichteten Siedlungsgrube aufgeschüttet war. Von diesem Befund stammen 5 Radiokarbonaten, die nach der Kalibration und gegenseitigen Modellierung auf das Intervall 2132–1926 BC (95,4%) bzw. 2036–1944 BC (93,7%) hindeuten (Langová 2019, 200; ähnlich Danielisováetal. 2013, 77). 9 Die Schüssel ist sehr ähnlich wie 08/42/2 aus Brandýs nad Labem (Abb. 4: 15).
79MICHAELA LANGOVÁ Einen Sonderfall bildet Gefäß 16/675/1 (Abb. 3: 21), das nur ein größeres Loch im Boden hat (von der Art und Größe ähnlich wie Sieb 07/406Z/2), es wurde aber erst sekundär durch‑ bohrt. Die gleiche Bodenbearbeitung ist aus Neukirchen (LdKr. Mecklenburgische Seenplatte; Szczesiak 2013, Abb. 8) und Mikulovice (Ernéeetal. 2020, Taf. 113: 11) bekannt, bis jetzt ist sie noch nicht zufriedenstellen erklärt. SCHÜSSELN Profilierte Schüsseln (Abb. 4: 4A–E) waren in Brandýs nad Labem sehr häufig. Alle Typen zeigen plastische Elemente, wie z.B. horizontale und vertikale Henkel oder verschiedene Knubben. Eine von den Gräberfeldern nicht bekannte Form sind große tiefe Schüsseln (Abb. 4: 4A), deren Oberfläche auf gleiche Weise wie bei den Speichergefäßen bearbeitet war, und zwar mit polierten Streifen um den ganzen Halsumfang herum und gerautem Körper. Diese Oberflächenbearbeitung erscheint nur bei den größten Schüsseln, während die kleineren immer nur geglättet oder poliert sind. Abb. 4: Die Schüsseln. 4A– Die großen tiefen Schüsseln mit poliertem Hals und gerauter Körper; 4B – die tiefen Schüsseln mit polierter Oberfläche; 4C– die polierten Schüsseln mit konisch sich verengendem Körper; 4D– fragmentarisch erhaltene Schüsseln; 4E– die weit geöffneten niedri‑ gen Schüsseln (Zeichnung und FotoM. Langová).
80 STUDIA HERCYNIA XXIII/2 Ein weiterer Typ der tiefen Schüsseln sind jene mit ausladendem Rand und leicht nach außen gewölbtem Körper (Abb. 4: 4B). Auf dem Hals ‑Bauch ‑Umbruch finden sich Knubben und eventuell eine Öse. Dieser Typ steht Zichs als „Burker Topf“ bezeichnetem Typ „3C1“ sehr nahe (Zich 1996, 83–85) und kommt in Böhmen nur ganz selten vor, häufiger in Sachsen und Schlesien (z.B. Burk bei Bautzen: Grünberg 1940; Billig 1958, 7–16, Abb. 2: 1, 4, 7; Spehr 1967, 65, Abb. 5: 3). Ähnlich verhält es sich mit den sog. „Burker Töpfen“ Typ „3C2“ (Zich 1996). Diese Schüsseln haben einen ausladenden Rand und konisch sich verjüngenden Bauch (Abb. 4: 4C). Die größten Konzentrationen wurden laut B. Zich (1996, 83) in der Ober‑ und Unterlausitz, Sachsen und Schlesien gefunden. Beide Gefäßtypen entfallen vor allem auf seine vierte Phase (Zich 1996, 84, 293), d. h. die klassische Phase der Aunjetitzer Kultur. Was aber in die klassische Phase nicht so gut passt, ist die Oberfläche dieser Gefäße– bei allen war sie stark poliert, was– soweit aus den Veröffentlichungen ersichtlich– im Kontrast zu den Analogien steht. Die Frage ist, ob das Unterschiede in der Chronologie, Keramikherstellung oder zwischen der Siedlungs‑ und Grabkeramik widerspiegelt. Die anderen tieferen Schüsseln sind hier zu Gruppe „4D“ zusammengefasst (Abb. 4: 4D), da sie nur fragmentarisch erhalten sind und eine nähere Trennung nicht zuverlässig wäre, wodurch ganze Gefäßformen nicht rekonstruierbar sind. Die Schüsseln 14/549/1 und 07/452/1 (Abb. 4: 11–12) weisen beide einen horizontalen Henkel auf und waren auch von der Form her sehr ähnlich. Die Schüssel 10/308/4 (Abb. 4: 13) zeigt ein etwas rundlicheres Profil als die vorher Genannten. Analogien sind sowohl in der Proto ‑Aunjetitzer Kultur (z.B. Mikulov; Ondráček 1967, 403–404, Abb. 14: 8) als auch in der späten Aunjetitzer Kultur (Karsdorf,10 Sachsen ‑Anhalt; Behnke 2013, 154, Taf. 4: 8) zu finden. Schüssel 07/609/1 (Abb. 4: 14) hat ei‑ nen rundlicheren Bauch und im Gegensatz zu den vorher genannten ist der Hals vom Bauch durch eine Absatzleiste getrennt. Eine ähnliche Form wurde auf dem Gräberfeld in Mikulovice gefunden (Grab 43: Ernéeetal. 2020, Taf. 87). Recht große Unterschiede zu den vorher genannten zeigen die weit geöffneten niedrigen Schüsseln (Abb. 4: 4E). Ihr Rand ist niedrig und vom Körper meistens deutlich abgesetzt. Vom Rand zieht sich ein Henkel bis zum Bauch ‑Hals ‑Umbruch. B. Zich (1996) bezeichnet diese Schüsseln als Typ „4K1“ und nennt sie „die Tomice Variante“ (Zich 1996, 99), die er in seine fünfte Phase stellt (Zich 1996, 282). Diese Gefäßform konzentriert sich nach ihm auf Schlesien (Zich 1996, 99). VORRATSGEFÄSSE Am häufigsten erscheinen im Siedlungsmaterial aus Brandýs nad Labem Scherben von Vor‑ ratsgefäßen verschiedener Größen und Formen (Abb. 5: 5A–5B; 6: 6A–6C). Alle haben einen mehr oder weniger ausladenden Rand und eiförmigen Körper. Der Bauch ‑Hals ‑Umbruch wird sehr oft durch plastische Knubben betont, in einigen Fällen sogar mit einer Absatzleiste (z. B. 07/688/1; Abb. 6: 5) oder plastischen Leisten (07/107D/1, 07/798/1 und 07/798/9; Abb. 5: 7, 6: 1, 4). Die Vorratsgefäße unterscheiden sich vor allem in ihrer Größe und Oberflächenbe‑ arbeitung. Ein spezifischer Typ sind Miniaturformen (Abb. 5), deren Mündung meistens nicht breiter als 20 cm ist, während bei den anderen 30 cm11 überschritten werden (Abb. 6). 10 Das Material aus der Siedlungsgrube von Karsdorf ist von der Věteřov ‑Kultur beeinflusst (Behnke 2013, 159). 11 Einen solchen Durchmesser habe ich bei den Funden aus Brandýs nad Labem beobachtet und er wird noch durch weitere Messungen bestätigt werden müssen.
81MICHAELA LANGOVÁ Abb. 5: Die Miniaturvorratsgefäße. 5A– mit poliertem Rand; 5B– mit gerauter ganzer Oberfläche (Zeichnung und FotoM. Langová). Miniaturvorratsgefäße hatten meistens einen glatten (stark geglätteten oder polierten) Hals und gerauten Bauch (Abb. 5: 5A), vollständig geraute Außenoberflächen sind in der Minderheit (Abb. 5: 5B). Die Rauung war meistens recht fein, sodass Fingerabdrücke nicht mehr sichtbar (z.B. 07/406V/8; Abb. 5: 6) oder nur sehr schlecht sichtbar (08/51/1; Abb. 5: 2) sind. Die einzige Ausnahme bildet Gefäß 07/609/2 (Abb. 5: 8), bei dem die Fingerrauung deutlich erkennbar ist. Bei den größeren Vorratsgefäßen ist die Oberflächenbearbeitung ähnlich, sehr häufig kommt die Variante mit poliertem Hals vor (Abb. 6: 6A), mit dem Unterschied, dass es in diesem Fall auf fast allen Gefäße merkbare Fingerrauung gibt, die auf die ganze Außenober‑ fläche ausgeweitet sein kann (Abb. 6: 6B). Nur bei einigen Vorratsgefäßen war die Rauung ganz fein, ohne merkbare Fingerspuren (Abb. 6: 6C). KRÜGE Die Grenze zwischen der Bezeichnung „Tasse“ und „Krug“ (Abb. 7: 7A) ist sehr dünn. Auf dieses terminologische Problem ist bereits mehrfach hingewiesen worden (z.B. Ondráček– Stuchlíková 1988, 14 oder Rožnovský 2015, 57). Der Unterschied besteht eigentlich nur im Höhe ‑Breite ‑Verhältnis. Bei Tassen soll die Breite größer als die Höhe sein (Sklenář 1998, 23) und umgekehrt bei Krügen (Sklenář 1998, 21).
88 STUDIA HERCYNIA XXIII/2 Abb. 10: Die fragmentierte Keramik. 11A– Scherben mit der Ritzverzierung; 11B– Verdickte Rände; 11C– Tonrädchen; 11D– plastische Füßchen; 11E– plastische vertikale Knubben (Zeichnung und FotoM. Langová). Dreiecksverzierung trat bei drei kleinen Fragmenten auf. Beim Scherben 07/83/2 (Abb. 10: 10) handelt es sich um ein mit Punkten gefülltes Dreieck, das mit einer einfachen Ritzlinie umrahmt war. Bei 10/307/2 (Abb. 10: 11) könnte der Rahmen des Dreiecks aus einer doppelten Ritzlinie bestehen. Auf dem Scherben 10/307/3 (Abb. 10: 12) erscheint eine Kombination aus vier horizontalen Linien und einem aufgehängten Dreieck aus mindestens zwei Ritzlinien und einer Einstichlinie. Die horizontalen Ritzlinien befinden sich direkt unter der Absatzleiste auf der Hals ‑Schulter ‑Grenze. Nach J. Krumland (1998, 97) erscheinen geritzte punktgefüllte Dreiecke ab Stufe A2. Eine weitere Variante zeigt mehrfache Ritzlinien, die ab Stufe A2/B in der ganzen restlichen Bronzezeit vorausgesetzt werden (Krumland 1998, 105, Abb. 12A). Für die Aunjetitzer Funde aus Mähren führt K. Tihelka (1953, Abb. 29–31) ein breites Spektrum an bekannten Ritz‑ und Einstichverzierungen an. Das häufige Auftreten von Dreiecken im frühbronzezeitlichen Siedlungsmaterial bestätigen z. B. auch die Keramikfunde aus Sengofen (Ldkr. Regensburg), wo sie sogar auf mehreren Gefäßen dokumentiert und in die Stufe A2/B1 datiert wurden (Koschik 1975, 58). Die gepunkteten Dreiecke waren mit weißlichem Material
89MICHAELA LANGOVÁ inkrustiert (Koschik 1975, 47, Abb. 8). Dreiecksverzierung kommt auch in der Böheimkirch‑ ener Gruppe vor (Neugebauer 1979, Abb. 2D). Ritzverzierung wurde auch flächenhaft angebracht. So ist der ganze Bauch von Gefäß 16/596+597/3 (Abb. 8: 9) dicht mit vertikalen Ritzlinien bedeckt. Gleich war es höchstwahr‑ scheinlich auch bei den Scherben 10/357/3 und 10/336/3 (Abb. 10: 14–15). Analogien in der Věteřov ‑Kultur liegen für den Streifen vertikaler Einstichlinien mit weißer Inkrustation vor (Abb. 10: 13). VERDICKTE RÄNDER Unter den Keramikfunden befanden sich vier „verdickte Ränder“ (Abb. 10: 11B), der Rand von 16/675/2 war zudem noch verziert (Abb. 10: 29). Eine entsprechende Verdickung beschreibt K. Tihelka (1960, 50) als übliche Věteřov ‑zeitliche Randform bei Schüsseln. Zu den Formen der Böheimkirchener Gruppe hat sich J. W. Neugebauer (1979, 36) geäußert: „besonders charakteristisch ist die Schale oder Schüssel mit waagerecht abgestrichen und teilweise nach innen verdicktem und scharf gekanntem Rand, der auch verziert sein kann (etwa mit punktgefüllten Dreiecken)“. Eine solche Randverdickung erscheint auch bei den Schüsseln der Glockenbecherkultur (z.B. Zápotocký 1960, Abb. 8). STANDFÜSSE Füße sind nicht nur bei der kleinen Schale 07/798/4 (s. oben; Abb. 9: 8) dokumentiert, sondern noch in drei anderen Fällen (Abb. 10: 11D). Einmal handelte sich um ein kurzes und ziemlich breites walzerförmiges Füßchen (10/336/1; Abb. 10: 23), einmal war es etwas dünner und länger (07/304/4; Abb. 10: 24). Einmalig ist ein Standring (07/107D/7; Abb. 10: 22), der auch sonst nicht oft vorkommt. Walzenförmige Füße und ein Standring sind auch von der Siedlung in Neukirchen (LdKr. Mecklenburgische Seenplatte) bekannt, wo sie genauso selten waren (Szczesiak 2013, 132, Abb. 13). PLASTISCHE KNUBBEN Sehr häufig zeigen die Gefäße plastische Knubben. Sie finden sich auf fast allen Vorratsge‑ fäßen, und üblich sind sie vor allem auch auf Schüsseln und Töpfen. Wegen des fragmenta‑ rischen Erhaltungszustands der Gefäße ist die ursprüngliche Menge der Knubben meistens nicht zu bestimmen. Sie befinden sich immer auf dem Hals ‑Schulter ‑Umbruch, manchmal auch zusammen mit einer Absatz‑ oder plastischen Leiste. Die Knubben treten oft auch ver‑ doppelt (z.B. 07/406V/12; Abb. 4: 8) oder sogar vielfach nebeneinander auf, sodass sie fast eine kurze Leiste bilden (z.B. 07/319/1; Abb. 3: 17). Ein Sonderfall der Knubben sind kurze, vertikale plastische Rippen, die sich von der Absatzleiste ziehen (Abb. 10: 11E). Diese Rippen gelten als typisches Element der Věteřov ‑Kultur (Tihelka 1960, 56) und in Böhmen sind sie von solchen Fundstellen bekannt, die als Věteřov ‑zeitlich bezeichnet werden, wie z.B. eine Tasse mit walzenförmigem Fuß aus Slaný ‑Slánská hora, zu der eine sehr nahe Analogie direkt aus Věteřov vorliegt (Hnízdová 1954, 104, Abb. 9: 7). TONSCHEIBEN Ein üblicher Siedlungsfund sind aus Tonscherben geschliffene Scheiben (Abb. 10: 11C). Das Spektrum reicht von nur grob ausgebrochenen bis zu feingeschliffenen Stücken. Als Grund‑
90 STUDIA HERCYNIA XXIII/2 material dienten Scherben verschiedener Gefäßtypen, entscheidend war die Größe des Ge‑ fäßes, denn die Scheibe sollte von zwei Seiten möglichst flach sein. Es gibt sowohl Scheiben mit polierter Oberfläche, wie z. B. 07/603/2 und 10/254/2 (Abb. 10: 16, 18), als auch mit grober Oberfläche (10/323/3; Abb. 10: 20), die für Vorratsgefäße typisch ist. Manchmal kann die Scheibe durchbohrt sein (z. B. 10/318/1 und 08/42/1; Abb. 10: 17, 19). Eine Ausnahme bilden ganz ähnliche Scheiben, die nicht aus Scherben gefertigt waren, sondern von vornherein als Scheiben aus Ton modelliert waren (08/100/5; Abb. 10: 21). TONMASSE UND OBERFLÄCHENBEARBEITUNG Fast alle Keramikgefäße zeigen eine identische Produktionsweise. Als „Grundtonmasse“ wur ‑ de üblicherweise gröberes Material benutzt und reichlich mit grobkörnigem Sand gemagert. Erst bei der Oberflächenbearbeitung wurde sowohl auf der Außen‑ als auch Innenseite eine ganz feine „Oberflächenschicht“ aufgetragen. Um einen raueren Effekt zu erzielen (z. B. bei den Vorratsgefäßen), konnte auch gröberes Material benutz werden. Die Oberflächenschicht hat manchmal sogar einen anderen Farbton als der Kern (Pl. 4/1: A). Vor allem die feinen Oberflächenschichten sind sensibel für Abnutzungserscheinungen, sodass bei einigen die ursprüngliche Art der Oberflächenbearbeitung nicht mehr sichtbar sein muss, da die ganze Schicht schon abgetragen wurde (Pl. 4/1: A, B). Es ist manchmal schwer Kontext Befundnummer Labornummer Material BP ± BC cal (95,4 %) Altaunjetitzer Gräberfeld 07/76 MAMS‑30777 Menschenknoche 3738 23 2206–2038 07/63 MAMS‑30775 Menschenknoche 3677 21 2137–1980 07/63 MAMS‑30776 Menschenknoche 3661 24 2135–1955 07/65 CRL‑19320 Tierknoche 3709 24 2196–2030 07/551 CRL‑19319 Tierknoche 3750 24 2277–2042 Hügelgrab 07/690 MAMS‑30779 Menschenknoche 3649 24 2132–1944 07/690 Poz‑47314 Makroresten 3640 35 2135–1912 07/690 MAMS‑30778 Menschenknoche 3615 26 2035–1896 07/690 CRL‑11_260 Menschenknoche 3716 83 2432–1891 07/690 CRL‑11_194 Menschenknoche 3540 112 2201–1614 Graben 07/107 Poz‑47312 Makroresten 3710 35 2204–1981 07/406 KIA35074 Menschenknoche 3590 35 2110–1783 07/406 Poz‑47313 Makroresten 3565 30 2021–1777 Siedlungsbestattung 07/798 MAMS‑30780 Menschenknoche 3505 25 1897–1749 Hirschskelett 10/277_303 CRL‑15578A Tierknoche 3446 37 1881–1665 Taf. 1: Radiokarbondaten von der Fundstelle Brandýs nad Labem ‑Vrábí „UVodojemu“; Daten über‑ nommen von Danielisováetal. 2013, 77; Kyselý– Pecinovská 2018, 158; Langová 2019, Taf. 11; Kyselýetal. 2020, tab.5.
91MICHAELA LANGOVÁ zu beurteilen, ob die Oberfläche ursprünglich geglättet oder poliert war. Die gut erhaltenen Oberflächen zeigen einen nahezu metallischen Glanz (Pl. 4/1: C) und sogar Spuren vom Polieren (Pl. 4/1: D). Das steht im Gegensatz zu den Gewohnheiten in der älteren Phase der Aunjetitzer Kultur (wie z. B. die Gefäße von dem frühen Aunjetitzer Gräberfeld in Brandýs nad Labem, das aber mit der Siedlung nicht zeitgleich war; Langová 2012), wo das Gefäß nur aus einer Tonart hergestellt wurde, die jedoch viel feiner flotiert war und nahezu keine Magerung enthielt. ABSOLUTE DATIERUNG Zu den frühbronzezeitlichen Befunden in Brandýs nad Labem ‑Vrábí liegen derzeit insgesamt 15 Radiokarbondaten vor (Taf. 1). Fünf haben die Einordnung des Gräberfelds in die ältere Phase der Aunjetitzer Kultur bestätigt und fünf datieren das Hügelgrab (Befund 07/690) etwa an die Jahrtausendwende (Langová 2019, 198–200). Vom Graben wurden drei Radio‑ karbondaten gewonnen: zweimal aus verbranntem Weizen (Triticum dicoccon) und einmal von einem menschlichen Schädel. Das Intervall nach der Kalibrierung ist 1980–1880 BC (89%; Danielisováetal. 2013, 76). Radiokarbondaten stammen noch von zwei Siedlungsbefunden– Befund 07/798 und 10/277_303. AUSWERTUNG DER KERAMIK An dieser Stelle ist noch einmal zu betonen, dass die Keramikfunde zumeist recht fragmenta‑ risch erhalten sind, was eine zweifelsfreie typologische Bewertung beeinflusst, da unverzierte Keramik chronologisch weniger sensibel ist. Die Tatsache, dass bei den Siedlungsbefunden zumeist keine geschlossenen Fundzusammenhänge zur Verfügung stehen, kompliziert die Situation, genauso wie die potentiell länger verwendeten Gefäßtypen. Keramik, die eindeutig nur mit der klassischen Phase in Verbindung zu bringen ist, kommt sehr selten vor, wie z. B. eine tiefe Schüssel (Abb. 4: 4B) oder eine Tasse (Abb. 3: 1B). Diese Gefäße stammen jedoch aus demselben Zusammenhang, wie jüngere datierbare Keramik. Im Befund waren auch solche Typen vertreten, die sowohl in der klassischen als auch nachklassischen Phase vorkommen, wie z.B. die hier sehr spärlich vorkommenden Aunjetitzer Tassen (Abb. 3: 1A). Vertreten waren lediglich Tassen mit sehr tiefliegendem Umbruch, Stücke mit höherliegendem Um‑ bruch fehlen zur Gänze. Dafür erscheinen hier Elemente, die für die Věteřov ‑Kultur typisch sein. Zu mehreren Keramikformen können sogar Analogien in der Keramik der beginnenden Hügelgräberkultur in Westböhmen angeführt werden (Langová 2019, 136–137). Die Keramik aus dem Graben, von dem Hügelgrab (Befund 07/690) und von einer Be‑ stattung innerhalb der Siedlung (Befund 07/798) ordnete noch V. Moucha (gest. 2014) seiner nachklassischen Phase der Aunjetitzer Kultur zu und sprach sich er für eine Gleichzeitigkeit aller drei Befunde aus. 18 Zur nachklassischen Phase schrieb er: „Chronologisch müssen wir sie in jenen Horizont einreihen, als sich in Böhmen Einflüsse aus der mährischen Region stark geltend machten, in dem zu dieser Zeit der Věteřov ‑Typus verbreitet war“ (Moucha 1963, 18). Zur nachklassischen Phase reihte er z.B. die Siedlung in Hlízov, wo außer der klassischen Tasse auch die typischen Formen der Věteřov ‑Keramik vorkamen (Moucha 1963, 18–20, Abb. 18 Hiermit möchte ich ihm noch einmal für seine Analyse der Keramikfunde herzlich danken, die er mir 2012 mündlich mitteilte.
92 STUDIA HERCYNIA XXIII/2 6) und dessen keramischer Befund jenem von Brandýs nad Labem ähnelt. Die nachklassi‑ sche Phase der Aunjetitzer Kultur wird in Böhmen neuerdings ungefähr in das Zeitintervall 1850–1675 BC (Ernée 2015, 296), bzw. 1800–1650 BC (Ernéeetal. 2020, Abb. 336) gesetzt, was jedoch mit den absoluten Daten aus dem Graben und dem Hügelgrab in Brandýs nad Labem nicht übereinstimmt. Zu dieser Zeitspanne passen also nur die Radiokarbondaten aus den Siedlungsbefunden 07/798 und 10/277_303. Natürlich stellt sich hier die Frage nach möglichen regionalen Unterschieden in der Kera‑ mikproduktion sowie nach den Unterschieden zwischen der Siedlungs‑ und Grabkeramik. Wenn wir die Siedlungskeramik von Brandýs nad Labem mit der Keramik von den bekannten Gräberfeldern vergleichen, sind die Unterschiede in der Gefäßauswahl offensichtlich, was bereits I. Pleinerová (1959; Pleinerová 1960, 522–524; Pleinerová 1967, 17–18) feststellte– al‑ lerdings wurde ihre Beobachtung in der späteren Literatur nicht gebührend reflektiert. Auf den Gräberfeldern waren bestimmte Gefäßtypen besonders beliebt, wie die Tassen, Krüge, Schüsseln, Miniaturgefäße und ab und zu Amphoren zeigen (ähnlich auch Pleinerová 1959, 97). Die auf den Gräberfeldern sehr beliebten kugelförmigen und doppelkonischen Gefäße fehlen auf den Siedlungen völlig (Pleinerová 1959, 101), was auch die Keramik von Brandýs nad Labem bestätigt. Und umgekehrt gibt es auf den Siedlungen solche Gefäßformen, die auf den Gräberfeldern überhaupt nicht auftreten, wie z. B. Vorratsgefäße, große Schüsseln mit gerautem Körper oder Siebe. Was auf den böhmischen Gräberfeldern in der jüngeren Aun‑ jetitzer Kultur (Br A2) nicht vorkommt, ist verzierte Keramik, die aber von den Siedlungen sehr wohl bekannt ist (s. oben; Abb. 10: 11A). Häufigster Gefäßtypen in Brandýs nad Labem waren Vorratsgefäßen aller Größen, vor allem mit gerauter Oberfläche und poliertem Rand (was natürlich auch mit der Gefäßgröße zusammenhängt), gefolgt von profilierten Schüsseln, Amphoren und Töpfen. Eine ähnliche Verteilung der Gefäßtypen wurde auch auf anderen Siedlungen in Böhmen beobachtet (Plei‑ nerová 1959, 98; Kovářík 1983, 165). Merkwürdig ist die Größe einiger Typen, die von den Grä‑ berfeldern überhaupt nicht bekannt sind, wie z.B. bei den Aunjetitzer Tassen (Abb. 3: 1–3, 4; Langová 2019, Abb. 17–18). Auf die verschiedene Gefäßgröße auf den Gräberfeldern und Siedlungen wies bereits I. Pleinerová (1959, 97) hin. SCHLUSSFOLGERUNGEN In Brandýs nad Labem wurde im Rahmen Böhmens eine der umfangreichsten Sammlungen von Aunjetitzer Siedlungskeramik entdeckt, die unsere Kenntnisse der materiellen Kultur frühbronzezeitlicher Siedlungen wesentlich erweitert. Trotz ihrer großen Menge (fast 330 kg) und der ausgedehnten Fläche der Siedlung lieferten manche Befunde nur deutlich fragmen‑ tiertes und oft dürftiges Material. Die Keramik ist typologisch mehr oder weniger einheitlich, und auf Grund der heutigen Erkenntnisse war keine innere chronologisch ‑typologische Entwicklung erkennbar. Die Keramik gehört in die jüngere Phase der Aunjetitzer Kultur (Br A2) 19 und darf in die 3. Stufe von M. Bartelheim (1998) und I. Pleinerová (1967) gesetzt werden. In der Chronologie von V. Moucha (1963) entspricht die Keramik seiner nachklassischen Pha‑ 19 Zur chronologischen Einordnung der Fundstelle könnte auch die Existenz des Grabens beitragen, da zu seiner Form und Lage in der Landschaft Parallelen in den befestigten Siedlungen in Mähren (zuletzt Kovárník 2015) und der Slowakei (z.B. Bátora– Tóth– Rassmann 2015; Bátora– Tóth– Bača 2015) vorliegen.
93MICHAELA LANGOVÁ se. Für die Dauer der Siedlung bis in den jüngsten Abschnitt der Frühbronzezeit (Br A2/B1) könnten einige Keramikfunde mit Analogien in den Anfängen der Hügelgräberkultur zeugen. Eine der interessantesten Fragen, die die Auswertung der Keramik gebracht hat, ist der Kontrast zwischen der absoluten und relativen Datierung bei einigen Befunden. Die Keramik aus dem Graben und dem Hügelgrab gehört typologisch in die nachklassische Phase nach V. Moucha (1963), die absoluten Daten stellen diese Zusammenhänge allerdings an den Anfang des jüngeren Abschnitts der Aunjetitzer Kultur, also etwa um 2000 v. Chr. (Hügelgrab) und in das 20. oder an den Anfang des 19. vorchristlichen Jahrhunderts (Graben). Bei der Suche nach möglichen Erklärungen erscheint als wichtiger Aspekt, dass die klassische Phase von V. Moucha (1963) auf den Befunden von Gräberfeldern gegründet ist, während für die nach‑ klassische Phase zumeistens Siedlungsmaterial vorliegt. Im Zusammenhang mit den oben an‑ gedeuteten Unterschieden zwischen der Siedlungs‑ und Grabkeramik der Aunjetitzer Kultur in Böhmen, erscheint diese Möglichkeit als annehmbare Erklärung für die oben beschriebenen Unstimmigkeiten zwischen absoluter und relativer Chronologie. Diese Hypothese muss aber in Zukunft noch durch die Befunde von anderen Siedlungen überprüft werden, vor allem mit Rücksicht auf die absoluten Daten. BIBLIOGRAPHIE Bartelheim, M. 1998: Studien zur böhmischen Aunjetitzer Kultur– Chronologische und chorologische Untersuch‑ ungen. Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 46. Bonn. Bátora, J.– Tóth, P.eds. 2015: Keď bronz vystriedal meď. Zborník príspevkov zXXIII. Medzinárodného sympózia „Staršia doba bronzová vČechách, na Morave ana Slovensku“. Levice 8.–11. októbra 2013. Ni‑ tra– Bratislava. Bátora, J.– Tóth, P.– Bača, M. 2015: Výskumy opevnených sídlisk zo staršej doby bronzovej vo východnej časti Podunajskej nížiny [The research of the fortified settlements from the Early Bronze Age in the eastern part of the Danubian lowlands]. In: Bátora– Tóth (eds.) 2015, 139–155. Bátora, J.– Tóth, P.– Rassmann, K. 2015: Centrálne sídlisko zo staršej doby bronzovej vo Vrábloch [The central settlement from the Early Bronze Age in Vráble]. In: Bátora– Tóth (eds.) 2015, 123–138. Behnke, H. J. 2013: Eine Siedlungsgrube der ausklingenden Aunjetitzer Kultur aus Karsdorf, Burgendland‑ kreis. In: J. Kneisel– H.J. Behnke– F. Schopper (eds.): Frühbronzezeit– Mittelbronzezeit. Neue Erkenntnisse zur Besiedlung zwischen Elbe und Warthe und angrenzenden Regionen (2000–1400 v. Chr.). Symposium vom 24.–25. September 2011 in Welzow/Brandenburg. Bonn, 149–186. Beneš, J. 1999: Starobronzové pohřebiště sobjekty zvláštního charakteru zHrdlovky, severozápadní Čechy [Die altbronzezeitliche Grabstätte mit Objekten besonderen Charakters aus Hrdlovka, NW ‑Böhmen]. In: P.Čech (ed.): Archeologické výzkumy vseverozápadních Čechách vletech 1993–1997. Most, 45–75. Billig, G. 1958: Die Aunjetitzer Kultur in Sachsen. Katalog. Dresden. Burgert, P.– Kašpárek, F.– Novák, M. 2010: Sídliště únětické kultury zkatastru Starých Jesenčan [Settle‑ ment of Únětice culture in Staré Jesenčany (district Pardubice)]. Východočeský sborník historický 17, 3–19. Čech, P.2008: Sídliště pozdní fáze únětické kultury ve Vysočanech, okr. Chomutov (Sídelní areál doby bron‑ zové aanalýza keramiky). In: E. Černá– J. Kuljavceva Hlavová (eds.): Sborník kživotnímu jubileu Zdeňka Smrže. Archeologické výzkumy vseverozápadních Čechách vletech 2003–2007. Most, 65–87. Čuláková, K. 2015: Záchranný archeologický výzkum polykulturní lokality vBrandýse nad Labem „UVodojemu“– sezóna 2014. Zprávy ČAS Supp. 97, 6. Danielisová, A. 2011: Brandýs nad Labem ‑Vrábí. Archeologický Ústav AVČR Praha, Fundbericht Nr. TX‑2011‑ 2934. Praha.
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224 STUDIA HERCYNIA XXIII/2 Pl. 5/1: Spišský Štvrtok. Selection of metal artefacts.