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Erinnerungsort Ortsname

Harnisch, Rüdiger

Abstract

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Full text

Erinnerungsort Ortsname Rüdiger Harnisch1 ABSTRACT Place Names as Sites of Commemoration The subjects of this paper are place names as immaterial sites of commemoration. In alinguistic perspective, the paper analyses how exonyms and endonyms are semantically up-loaded respectively re-loaded in use. Proceeding on the assumption that proper names have no “meaning” in the traditional sense, it is argued that, beyond their denotative semantics (pure reference to the place), they may be enriched with connotative semantics (encyclopedic knowledge, first; ideological belief, second) and with illocutional semantics (what is intended, or not, by using them). Historically burdened place-names turn out to be extremely susceptible to semantic re-motivation and pragmatic re-contextualization. KEYWORDS Place names as sites of commemoration; semantics and pragmatics of exonym and endonym use; re-motivation and re-contextualization of historically stigmatized proprial vocabulary 1. EXONYME UND ENDONYME ALS ERINNERUNGSORTE Im Paradigma der Geschichtspolitik stellen geographische Orte in ihrer physischen Existenz einen wichtigen materiellen Typus von Erinnerungsorten dar. Freilich sind sie das nur, indem immaterielles historisches Wissen mit ihnen assoziiert ist. Dagegen sind die sprachlichen Benennungen von Orten, also Ortsnamen, schon ihrer Natur nach immaterielle Erinnerungsorte. Doch auch sprachliche Zeichen werden nur dann zu Erinnerungsorten, wenn sie mit außersprachlichem Wissen aus der Geschichte aufgeladen sind oder vom Produzenten bzw. Rezipienten damit aufgeladen werden.2 Z.B. kann die Verwendung von fremden oder eigenen Ortsnamenvarianten 1 Rüdiger Harnisch, Chair of German Linguistics, Faculty of Arts and Humanities, University of Passau, Innstraße 25, 94032 Passau, Germany, [email protected] 2 Solche pragma-semantischen Verstärkungen gehören als historische „Re-Kontextualisierungen“ zu dem im Passauer DFG-Projekt Typologie und Theorie der Remotivierung (TheoRem) erforschten Typus der „gebrauchsgebundenen Reanalyseprozesse“ (vgl. R.HARNISCH, Zu einer Typologie sprachlicher Verstärkungsprozesse, in: R.HARNISCH (Hrsg.), RüDIGER HARNISCH 117 (von Exonymen und Endonymen wie etwa Eger vs. Cheb) durch bestimmte Sprechergruppen in den Verdacht politischer Instrumentalisierung geraten.3 Um das erinnerungspolitische Potential des unschuldigen bis ostentativen Gebrauchs von Endonymen bzw. Exonymen geht es in diesem Beitrag. Für Endonym und Exonym wird folgende Definition vorgeschlagen:4 Exonym Form eines geographischen Namens, die von der amtlichen Form am Ort abweicht und von Sprechern anderer Sprachräume als dem, in dem der benannte Ort liegt (bei einer mehrsprachigen Situation vor Ort: von Angehörigen der dortigen Minderheit), gebraucht wird. Prozesse sprachlicher Verstärkung— Typen formaler Resegmentierung und semantischer Remotivierung, Berlin / New York 2010, S.3–23, hier S.21). Vorliegender Beitrag ist im Rahmen des genannten Projekts entstanden. Zum Aspekt „geschichtspolitischer Funktionalisierung“ siehe den Untertitel R.HARNISCH, Ortsnamen in Mittelund Osteuropa als Erinnerungsorte— Von unschuldigem Gebrauch zu geschichtspolitischer Funktionalisierung (und zurück?), in: CH. MAUERER (Hrsg.), Mehrsprachigkeit in Mittel-, Ostund Südosteuropa— Gewachsene historische Vielfalt oder belastendes Erbe der Vergangenheit, Regensburg 2017, S.49–62. Zum „‚Gedächtnispotenzial‘ von Sprache“ allgemein und zu historischen „Gebrauchs-Spuren“ sprachlicher Elemente siehe A.LINKE, Kulturelles Gedächtnis— Linguistische Perspektiven auf ein kulturwissenschaftliches Forschungsfeld, in: D.BUSSE— Th. NIER— M.WENGELER (Hrsg.), Brisante Semantik— Neuere Konzepte und Forschungsergebnisse einer kulturwissenschaftlichen Linguistik, Tübingen 2005, S.65–85, hier S.75–76. Zum Aspekt „ideologische[r] Aufladung“ sprachlicher Ausdrücke siehe T.LEUSCHNER, Der deutsche „Drang nach Osten“— Plädoyer für eine linguistisch fundierte historische Stereotypenforschung, in: Muttersprache, Jg. 123, 2013, S.273–289, hier S.285.— Vorliegender Beitrag ist eine überarbeitete Fassung des Vortrags, der im Rahmen des Kolloquiums „Deutsch-tschechische/bayerisch-böhmische Erinnerungsorte“ auf der Grundlage einer „DAAD-Ostpartnerschaft“ zwischen den Universitäten Passau und Prag/Praha am 29.und 30.November 2013 in Passau gehalten wurde. 3 Ähnliches gilt auch für Appellativa. So steht etwa Heimat von seinem Missbrauch im National(sozial)ismus her unter Gebrauchsvorbehalten. Dazu R.HARNISCH, „Heimat ist kein begrenztes Land“— Semiotisches zu Konzept und Konstrukt eines Begriffs, in: J.BLEI— L.BÜLOW— A.HAUSOLD (Hrsg.), Heimat und Identität im Donauraum— Forschungen zur Semiotik und Geschichte, Passau 2013, S.9–22, sowie R.Harnisch, Exonymen-Meidung und ihre Motive— Zur Remotivierung historisch belasteter Gebrauchsumstände in Toponymen, in: N.ELLER— S.HACKL— M.L’UPTÁK (Hrsg.), Namen und ihr Konfliktpotential im europäischen Kontext, Regensburg 2008, S.17–28, hier S.23. 4 Hierzu J.BREU, Mehrsprachigkeit in der Toponymik, in: H.GOEBL et al. (Hrsg.), Kontaktlinguistik— Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung, Bd. 1, Berlin / New York 1996, S.444–450, insbesondere Kap.4 „Die Begriffe Endonym und Exonym“. Vgl. auch S.NYSTRÖM, Endonym and exonym— basically linguistic concepts after all?, in: P.JORDAN— P.WOODMAN (eds.), The Quest for Definitions— Proceedings of the 14th UNGEGN Working Group on Exonyms Meeting, Corfu 2013, Hamburg 2014, pp.33–38. Maßgebliche unterscheidende begriffliche und konzeptionelle Kriterien sind in der folgenden Definition wie in weiteren Gegenüberstellungen in diesem Beitrag typographisch durch kursiven Satz hervorgehoben. 118 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 Endonym Form eines geographischen Namens, die der amtlichen Form am Ort entspricht und von Sprechern des Sprachraums, in dem der benannte Ort liegt (bei einer mehrsprachigen Situation vor Ort: von Angehörigen der dortigen Mehrheit), gebraucht wird. In der Wahl, welche Variante sie verwenden, sind die Sprecher im Prinzip frei. Jemand, der aus einem andern Sprachraum kommt, muss deshalb nicht gezwungenermaßen das (eigene) Exonym verwenden, sondern kann auch das (fremde) Endonym gebrauchen, z.B. die Deutsche, die von der betreffenden Stadt nicht als Eger spricht, sondern als Cheb. Genauso muss jemand, der dem betreffenden Sprachraum angehört, nicht immer nur das (eigene) Endonym verwenden, sondern kann, der Situation geschuldet, natürlich auch das (fremde) Exonym gebrauchen, so die Tschechin, die etwa gegenüber einem deutschen Touristen von ihrer Stadt nicht als Cheb spricht, sondern als Eger. In genau diesen anlassund funktionsbezogenen variablen Namenwahlen können die intentionalen Hintergründe einer erinnerungsfunktionalen Ortsnamenverwendung reflektiert sein. Die angesprochenen Sprachhandlungsoptionen bleiben in den Bemühungen der wissenschaftlichen Geographie um das Problem der Exonymie/Endonymie naturgemäß unterbelichtet.5 Deswegen entsprechen sich geodätische und sprachwissenschaftliche, hier v.a. namenpragmatische, Sichtweisen nicht unbedingt, oft widersprechen sie sich sogar. Schuld daran ist der grundsätzliche Gegensatz, der zwischen der rational-funktionalen Bildung eindeutiger Namen durch die Geodäsie und der Berücksichtigung kulturell beeinflusster Alltagssprachlichkeit durch die soziopragmatisch orientierte Linguistik besteht. 2. ZUR „BEDEUTUNG“ VON EIGENNAMEN Eigennamen werden von den Gattungsnamen (Appellativa) als Nomina propria abgegrenzt, weil sie im Sinne der linguistischen Semantik gerade keine Bedeutung tragen, jedenfalls keine solche, wie sie Appellativen eigen ist. Vielmehr individualisieren und identifizieren Eigennamen nur und referieren rein auf ihren Benennungsgegenstand. Doch haben sie durch diese Funktionen der Individualisierung, der reinen Referenz und der Identifizierung eines Denotats trotzdem so etwas wie eine „identifikatorische Bedeutung“. Dieser denotativen ersten Art der Bedeutung von Eigennamen stellt K.Hilgemann zwei weitere Arten von Bedeutung zur Seite: 5 Das Problem war Gegenstand des 14th UNGEGN Working Group on Exonyms Meeting, Corfu, 23–25 May 2013. Die Tagungsakten tragen den sprechenden Titel The Quest for Definitions (P. JORDAN/P. WOODMAN). UNGEGN ist die Abkürzung für die englische Bezeichnung der Sachverständigengruppe der Vereinten Nationen für geographische Namen. Sie bemüht sich um einen Ausgleich zwischen Toponymen als Symbolen des jeweiligen kulturellen Erbes und Toponymen als eindeutigen geographischen Identifikatoren, fachgemäß natürlich mit Präferenz für die Anforderung der identifikatorischen Funktion von Orts namen. RüDIGER HARNISCH 119 — den konnotativen Aufruf enzyklopädischen Alltagswissens über das Denotat, was er die „sprachgemeinschaftlich-rationale Bedeutung“ von Namen nennt; — die ebenfalls konnotative Anreicherung des Namens mit Meinungen, Ideologien und Stereotypen, die nach ihm die „gruppenbzw. individual-emotionale Bedeutung“ von Namen ausmachen.6 Tabelle 1 fasst die Differenzierung in diese Arten von Eigennamen-Bedeutung zusammen: Art der Bedeutung Wesen der Bedeutungskonstitution identifikatorische Bedeutung denotative Identifizierung, Individualisierung, reine Referenz sprachgemeinschaftlich-rationale Bedeutung konnotativer Aufruf enzyklopädischen Alltagswissens über das Denotat („kalte“ Erinnerung) gruppenbzw. individual-emotionale Bedeutung konnotative Anreicherung mit Meinungen, Ideologien, Stereotypen u.ä. („heiße“ Erinnerung) taB. 1:Arten der Bedeutung von Eigennamen Die Erinnerungspolitik7 kodiert Erinnerungsorte, ob materiell oder immateriell, mehrfach: politisch, kulturell und eben auch sprachlich.8 Bei der sprachlichen Kodierung des Orts ist zusätzlich danach zu unterscheiden, — ob das per Exonym oder Endonym geschieht, — ob die jeweilige Ortsnamenvariante geschichtspolitisch motiviert oder nicht motiviert verwendet (enkodiert) oder verstanden (dekodiert) wird. Die Wahl der Namenvariante kann dabei unterschiedlich funktionalisiert sein: Im Sinne einer als ‘gegensätzlich’ verstandenen „geteilten“ Erinnerung9 kann der immaterielle Erinnerungsort Ortsname geschichtspolitisch „konfliktuell“ funktionalisiert werden, z.B. wenn mit einer bestimmten Namenvariante Revanchismus oder anbiedernde politische Korrektheit ausgedrückt werden soll oder sie als in einem revanchistischen bzw. anbiedernd politisch korrekten Sinne gebraucht verstanden wird. Im Sinne einer als ‘gemeinsam’ verstandenen „geteilten“ Erinnerung kann der imma6 Vgl. K.HILGEMANN, Die Semantik der Eigennamen, Göppingen 1978, S.385. HILGEMANNS rationale Bedeutung entspräche dem Konzept der „kalten Erinnerung“, die emotionale Bedeutung dem der „heißen Erinnerung“ in der Geschichtswissenschaft. Zu diesem Gegensatz siehe Th. WÜNSCH, Erinnerungskultur, in: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg 2013, in: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/54014. html, [cit.2013-03-07]. 7 Im Wesentlichen synonym mit Erinnerungspolitik wird auch der Begriff Geschichtspolitik verwendet. 8 M.WEBER, Erinnerungsort, in: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg 2011, in: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/54106.html, [cit.2012-01-30]. 9 Auch hierzu WEBER, Erinnerungsort. 120 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 terielle Erinnerungsort Ortsname geschichtspolitisch „konsensuell“ funktionalisiert werden, z.B. wenn mit einer bestimmten Namenvariante Versöhnung ausgedrückt werden soll oder sie als in einem versöhnlichen Sinne gebraucht verstanden wird. Am Ortsnamenpaar Eger/Cheb seien diese Mehrfachkodierungen einmal durchexerziert. — Verwendet ein Deutscher das Exonym Eger ohne geschichtspolitische Motive, gebraucht er seine eigensprachliche Form einfach unschuldig. Verwendet er es in geschichtspolitischer Absicht, kann das als Akt revisionistischer Gedenkpolitik interpretiert werden. — Verwendet eine Tschechin das ihr fremde Exonym Eger ohne geschichtspolitische Absicht, tut sie das möglicherweise einfach in Rücksicht auf deutschsprachige Gesprächspartner. Mit gedenkpolitischer Motivation gebraucht sie es vielleicht in einem geschichtlichen Metadiskurs. — Verwendet eine Deutsche das ihr fremde Endonym Cheb, tut sie das, ohne eine geschichtspolitische Absicht damit zu verfolgen, z.B. aus geodätischer Rationalität oder weil sie historisch unkundig ist, das heißt nicht weiß, dass Eger eine deutsche Stadtgründung und über Jahrhunderte deutschsprachig war. — Verwendet ein Tscheche sein eigensprachliches Endonym Cheb, ist das, wenn es geschichtspolitisch unmotiviert geschieht, sein normaler Alltagssprachgebrauch. Die Verwendung dieser Namenvariante kann jedoch auch geschichtspolitisch motiviert und z.B. ostentativ anti-revisionistisch gemeint sein. In Tabelle 2 sind diese Varianten der Ortsnamenverwendung zur Veranschaulichung noch einmal schematisch zusammengefasst dargestellt: mehrfache sprachliche Kodierung des Orts mehrfache pragmatische En-/Dekodierung des Namens Namenvariante Verwender Status der gebrauchten Namenvariante nicht geschichtspolitisch motiviert geschichtspolitisch motiviert Eger Deutsche eigenes Exonym unschuldig gebraucht revisionistisch Tschechen fremdes in Rücksicht auf Deutschsprachige im geschichtlichen Metadiskurs Cheb Deutsche fremdes Endonym historisch unkundig, geodätisch rational anbiedernd politisch korrekt Tschechen eigenes normaler Alltagssprachgebrauch ostentativ antirevisionistisch taB. 2:Mehrfachkodierung eines Erinnerungsorts am Beispiel Cheb/Eger Th. Wünsch spricht in Bezug auf Erinnerungsorte davon, dass diese nicht bloß physisch reale Orte seien, sondern Bedeutungsbündel aus historischen Reminiszenzen, die gedenkpolitisch funktionalisiert werden.10 Dieses Bild gebündelter Bedeutungsbestandteile findet sich unabhängig davon auch in folgendem Zitat: 10 Nach mkl [Journalisten-Sigle], Orte des Erinnerns, in: Campus Passau, Heft 4, 2010, S.16–17, hier S.16. RüDIGER HARNISCH 121 Jedes Exonym/Endonym referiert also nicht allein und nicht nur kontext-unabhängig auf das betreffende Namen-Denotat, sondern besitzt auch ein Bündel konnotativer Seme, die unter anderm, jedoch sehr oft, aus dem historischen Kontext, in dem das Namen-Denotat (der betreffende Ort) steht oder stand, gewonnen werden.11 Das Bedeutungsbündel Ortsname hat also mehrere Stränge, mit denen erinnerungspolitisch geeignete Einzelbedeutungen unterschiedlicher Art übermittelt werden: wie bereits ausgeführt 1. einen denotativen Strang des reinen Verweisens auf einen historischen Ort mit den Zwecken der Referenz, der Individualisierung und Identifizierung, 2. einen ersten konnotativen Strang des semantischen Anreicherns des Denotats mit enzyklopädischem historischem Wissen, 3. einen zweiten konnotativen Strang des semantischen Anreicherns des Konnotats mit ideologisch grundiertem Meinen, meistens in einem Akt der historischen Rekontextualisierung. Hinzu kommen 4. ein illokutionärer Strang zur pragmatisch-zweckgerichteten Nutzung der historisch rekontextualisierten Bedeutung für das politische Wollen sowie 5. ein perlokutionärer Strang der Umsetzung dieses Wollens in eine erinnerungspolitische außersprachliche Handlung. Damit entzieht sich dieser Strang einer rein linguistischen Betrachtung und wird im Folgenden nicht mit weiterbehandelt. Exemplifiziert werden soll die beschriebene Sem-Bündelung im nachfolgenden Kapitel 3 zunächst an dem politisch eher unverdächtigen Warennamen Nivea®12, dann an dem geschichtspolitisch brisanten Ereignisnamen tschech. odsun / dt. Vertreibung13 sowie nochmals am Toponymenpaar Eger/Cheb. 3. FALLSTUDIEN ZU EIGENNAMEN ALS ERINNERUNGSPOLITISCHEN BEDEUTUNGSBÜNDELN Das Beispiel Nivea® steht in dem Kontext, dass in den 1970er und 1980er Jahren prestige-verheißende westdeutsche Produkte ihren Weg auch in die ČSSR fanden. Die Denotation, die auf die ‘Hautcreme dieses Namens’ nur verweist, sie individualisiert 11 R.HARNISCH, Weltwissensbasierte Rekontextualisierung historisch belasteter Ortsnamen, dargestellt am Beispiel der Exonymenfrage im östlichen Mitteleuropa der Nach-Wende-Zeit, in: Z.SZENDI (Hrsg.), Wechselwirkungen— Deutschsprachige Literatur und Kultur im regionalen und internationalen Kontext, Bd. 2, Wien 2012, S.433–439, hier S.437 (Hervorhebung R.H.). 12 Siehe den Beitrag zum Passauer Kolloquium von P.SZOBI (Prag): Mit Nivea in Luft und Sonne— Der Weg westdeutscher Produkte in die ČSSR in den 1970er und 1980er Jahren. 13 Siehe den Beitrag zum Passauer Kolloquium von V.SMYČKA (Prag): Geschichte gefangen im Netz— Odsun/Vertreibung im Hypertext von Wikipedia. 122 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 und identifiziert, und der erste konnotative Strang, der diesen Konsumartikel mit dem enzyklopädischen Wissenselement anreichert, dass es sich hier um ein ‘westliches Produkt’ handelt, wird also mit dem zweiten konnotativen Strang gebündelt, der das Denotat semantisch damit anreichert, dass Nivea®— als westliches Produkt— auch ein ‘westliches Lebensgefühl’ vermittelt. Illokutionär, also von der Handlungsabsicht her, drückt das Verwenden des Produkts dieses Namens die Absicht aus, damit am westlichen Lebensstil teilhaben zu wollen. In Tabelle 3 sollen diese Namenverwendungen und ihre pragmatischen Weiterungen zur Veranschaulichung schematisch dargestellt werden: denotativer Strang (reines) Verweisen auf das Produkt Hautcreme dieses Namens konnotativer Strang 1 semantische Anreicherung mit enzyklopädischem Wissen westliches Produkt konnotativer Strang 2 semantische Anreicherung mit ideologischem Meinen westliches Lebensgefühl durch Verwendung des Produkts illokutionärer Strang pragmatisches politisch-ideologisches Intendieren Teilhabenwollen an diesem westlichen Lebensgefühl taB. 3:Bedeutungsbündel des Warennamens Nivea® Ein zweites Beispiel ist die Erinnerung an odsun und Vertreibung. Dieses historische Ereignis ist wie kaum ein anderes geeignet zu zeigen, wie gegensätzlich ein „geteilter“ Erinnerungsort kodiert sein kann. Allenfalls kann der denotative Strang des mit diesen Begriffen verbundenen Sem-Bündels als „geteilt“ im Sinne von ‘gemeinsam’ angesehen werden, weil mit diesen Begriffen rein auf das historische Ereignis verwiesen wird: eine politische Aktion ethnischer sogenannter „Säuberung“ nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Schon beim ersten konnotativen Strang der semantischen Anreicherung mit enzyklopädischem Wissen kommen aber Deutungsunterschiede ins Spiel: Tschechen werden odsun als Wort für die Herstellung ethnischer Homogenität in einem sich als slawisch verstehenden jungen Nationalstaat betrachten. Es trägt ja auch die politisch weniger brisanten Bedeutungen ‘Abschub’ und ‘Aussiedlung’, nicht jedoch die Bedeutung ‘Vertreibung’, wie sie in dem für den historischen Vorgang gerade nicht verwendeten Wort vyhnání enthalten wäre.14 Vertriebene Deutsche hingegen könnten z.B. mit Vertreibung das Wissens-Element konnotieren, dass der so benannte Vorgang eine Reaktion auf eine vorausgehende Unterdrückungspolitik der Besatzer war. Beim zweiten konnotativen Strang der semantischen Anreicherung mit ideologischem Meinen erhöht sich der Grad der unterschiedlichen Kodierung der Lexeme 14 Zwar referiert odsun als historischer Terminus auch auf das geschichtliche Ereignis der Vertreibung, jedoch nicht, jedenfalls nicht primär, seiner kontextunabhängigen Bedeutung nach. Zum Ereignisund Erinnerungsgeschichtlichen von Vertreibung/odsun selbst siehe M.RÖGER, Ereignisund Erinnerungsgeschichte von „Flucht“ und „Vertreibung“, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Jg. 62, 2014, S.49–64. RüDIGER HARNISCH 123 odsun/Vertreibung als sprachlicher Erinnerungsorte. Hier mögen Tschechen mit den Begriffen einen berechtigten Akt der Revanche in Notwehr assoziieren, Deutsche dagegen ein mit neuem Unrecht vergoltenes altes Unrecht, zu dessen Bezeichnung ihnen odsun ‘Aussiedlung’ als Euphemismus erscheint. Beim illokutionären Strang kommen dann politisch-ideologische Intentionen ins Spiel. Die ostentative Verwendung von odsun möglichst in seiner milderen kontextunabhängigen, nicht auf den polit-terminologischen Bedeutungsbestandteil ‘Vertreibung’ eingeengten Bedeutung geht dann für Tschechen womöglich mit der politischen Absicht einer legitimen Sicherung des territorialen Status Quo und einer dauerhaften Legitimierung der Beneš-Dekrete einher, während vertriebene Deutsche mit der hartnäckigen Verwendung des Worts Vertreibung womöglich eher die Erinnerung an ein erlittenes historisches Unrecht verbinden, das nur durch Distanzierung von den Beneš-Dekreten gemildert werden kann— oder ähnlich. In Tabelle 4 sollen diese Begriffsverwendungen und ihre pragmatischen Weiterungen zur Veranschaulichung wieder schematisch dargestellt werden: denotativer Strang (reines) Verweisen auf das historische Ereignis politische Aktion dieses Namens nach dem Zweiten Weltkrieg konnotativer Strang 1 semantische Anreicherung mit enzyklopädischem Wissen Herstellung ethnischer Homogenität in einem sich als slawisch verstehenden jungen Nationalstaat Reaktion der Tschechen auf eine vorausgehende Unterdrückungspolitik der deutschen Besatzer konnotativer Strang 2 semantische Anreicherung mit ideologischem Meinen berechtigter Revancheakt mit Unrecht vergoltenes Unrecht illokutionärer Strang pragmatisches politisch-ideologisches Intendieren Sicherung des territorialen Status quo, Legitimierung der Beneš-Dekrete Anerkennung historischen Unrechts durch Aufhebung der Beneš-Dekrete taB. 4:Bedeutungsbündel der gegensätzlich kodierten Praxonyme odsun/Vertreibung Auch am Ortsnamenbeispiel Cheb/Eger lässt sich gut zeigen, dass und wie ein „geteilter“ Erinnerungsort gegensätzlich kodiert sein kann. Wie beim Fall des Praxonymenpaars odsun/Vertreibung kann allenfalls der denotative Strang des mit diesen Begriffen verbundenen Sem-Bündels als „geteilt“ im Sinne von ‘gemeinsam’ angesehen werden, wird mit diesen Ortsnamen doch rein auf den Ort referiert, der auf Deutsch Eger heißt und auf Tschechisch Cheb. Doch auch hier kommen schon beim ersten konnotativen Strang der semantischen Anreicherung mit enzyklopädischem Wissen Unterschiede der Enbzw. Dekodierung ins Spiel: Mit dem Namen Eger verbindet sich zumindest für vertriebene Deutsche das Weltwissen darüber, dass es sich um eine mittelalterliche deutsche Stadtgründung handelte und die Stadt vor der Vertreibung der Deutschen aus der Nachkriegs-Tschechoslowakei das kulturelle Zentrum des deutschsprachigen Egerlands darstellte, sie heute aber eine tschechische Stadt ist. Mehr als der geschichtliche Status ist für Tschechen schon aus Gründen alltagspraktischer Relevanz dieser ge- 124 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 genwärtige Status selbstverständlich. Er ist mit dem Namen Cheb verbunden, der für eine Stadt mit bestimmten topographischen, statistischen, sozio-ökonomischen, kulturellen und andern Daten steht, zu denen auch historische gehören, ohne dass diese gleich, immer und unbedingt geschichtspolitisch funktionalisiert werden müssen. Erst beim zweiten konnotativen Strang geht eine solche ideologische Anreicherung vor sich, „etwa in der Weise, dass jemand aus einer Vertriebenenfamilie beim Vernehmen des Namens Eger Gefühle verlorener Heimat entwickelt, ein Tscheche von heute aber, wenn er aus dem Munde eines Deutschen von Eger sprechen hört, dies womöglich für ideologisch gesteuert hält und dem Sprecher ‘revanchistisches Denken’ unterstellt. Umgekehrt kann die Nennung des Namens Cheb aus dem Munde eines Tschechen oder eines um Politische Korrektheit bemühten Deutschen bei einem Sudetendeutschen konnotativ das mit dieser Namensform assoziierte semantische Merkmal der ‘Vertreibungs-Ungerechtigkeit’ und einer historischen Inadäquatheit evozieren.“15 Am illokutionären Strang werden dann mögliche politische Intentionen sichtbar, die denen gleichen, die oben in Bezug auf das Praxonymenpaar Vertreibung/odsun schon beschrieben wurden. In Tabelle 5 sollen die konfligierenden Ortsnamenverwendungen und ihre pragmatischen Weiterungen zur Veranschaulichung wieder schematisch dargestellt werden. Zur verdeutlichenden Exemplifizierung werden darin einem Deutschen, der das Exonym Eger, und einem Tschechen, der das Endonym Cheb verwendet, jeweils bestimmte geschichtspolitische Motive seines Namengebrauchs unterstellt: Stränge Eger Cheb denotativer Strang (reines) Verweisen auf den Ort Stadt dieses Namens (dieser Namen-Varianten) im nordwestlichen Böhmen/Tschechien konnotativer Strang 1 semantische Anreicherung mit enzyklopädischem Wissen Akzent darauf, dass es sich historisch um eine deutsche Stadtgründung handelt, die vor der Vertreibung sozio-kulturelles Zentrum des deutschsprachigen Egerlands war Akzent darauf, dass es sich nach der Vertreibung und bis heute um eine tschechische Stadt mit bestimmten physisch-geographischen und humangeographischen Merkmalen handelt konnotativer Strang 2 semantische Anreicherung mit ideologischem Meinen Nostalgie der alten Heimat (der eigenen, der der Vorfahren) / historisches Unrecht des Verlusts unantastbare neue Heimat für Tschechen / historische Rechtmäßigkeit der Inbesitznahme illokutionärer Strang pragmatisches politisch-ideologisches Intendieren Wachhalten der Erinnerung an die ehemalige deutsche Geschichte der Stadt Vergessen der Geschichte der ehemaligen deutschen Stadt, Verteidigung des Status quo taB. 5:Bedeutungsbündel der gegensätzlich kodierten Toponyme Eger/Cheb 15 R.HARNISCH, Eigennamen als Grund und Mittel von Stigmatisierung und Diskriminierung, in: Der Deutschunterricht, Jg. 63, Heft 6, 2011, S.28–42, hier S.30.