Grammatik und Dynamik — Dynamik in der Grammatik
Abstract
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Full text
Grammatik und Dynamik— Dynamik in der Grammatik Elizabeta Jenko — Michaela Liaunigg ABSTRACT: Grammar and Dynamics— Dynamics in the Grammar. Based on functional grammar theory we apply insights from the field of neurobiology like the following: In second language acquisition for morphologically rich languages grammar is developed on „search paths“ and „ways of thinking“. Practice and application must be given time. As aresult, we replace pre-formed constant patterns by their variations, when it comes to repetitions in teaching situations. We use grammar games as ameans for producing variation. In that way patterns are independently developed, validated and corrected if necessary. KEY WORDS / SCHLÜSSELWÖRTER: constructivism, exercises, grammar teaching, language teaching, neurobiology Grammatikunterricht, Konstruktivismus, Neurobiologie, Sprachdidaktik, Übungen EINLEITUNG Die Fachdidaktik setzt sich mit institutionellem Lehren und Lernen auseinander. Dabei sind, ausgehend von fachwissenschaftlichen Inhalten über methodische Umsetzung bis hin zu gesellschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen diverse theoretische und praktische Faktoren zu berücksichtigen. Aus diesem vielfältigen Spektrum greifen wir folgende Bereiche heraus und versuchen sie sprachdidaktisch zu konkretisieren. Die Tradition der Sprachdidaktik im slawischen Raum1 ist durch starke Regelhaftigkeit geprägt, die sich, dem Morphologiereichtum der slawischen Sprachen entsprechend, in strukturalistischem Zugang manifestiert und suggeriert, die Sprache sei tabellarisch darstellbar und erfassbar. In etablierter Anwendung der Bloom’schen Taxonomie (vgl. Bloom, 1956) der Lernziele erfolgt meist eine zielorientierte Betrachtung des Lehrens und Lernens, in der Wissenszuwachs als linear akkumulierbarer Vorgang verstanden wird. Die Bloom’sche Klassifikation wurde von Anderson und Krathwohl erweitert (Anderson— Krathwohl— Bloom, 2001), wobei im Besonderen die Kategorie Wissen aufgefächert und somit die kognitiven Ziele mit weiteren Dimensionen verknüpft werden. Allerdings ist auch bei dieser Taxonomie der Fokus auf der kognitiven Ebene. Neuere — oder wiederentdeckte — Erkenntnisse der Lehrund Lernforschung führen jedoch konsequenterweise dazu, dass „die Aktivität der Lernenden stärker betont wird und zu einem Paradigmenwechsel“ führt (Baumgartner, 2011, S. 36). 1 Die Darstellung an Beispielen des Russischen und Slowenischen erfolgte aus rein pragmatischen Gründen und hat keinen Einfluss auf den theoretischen Zugang.
ELIZABETA JENKO — MICHAELA LIAUNIGG 79 But the making education aprocess of self-evolution has other advantages than this of keeping our lessons in the right order. In the first place, it guarantees avividness and permanency of impression which the usual methods can never produce. Any piece of knowledge which the pupil has himself acquired— any problem which he has himself solved becomes by virtue of the conquest, much more thoroughly his than it could else be. The preliminary activity of mind which his success implies, the concentration of thought necessary to it, and the excitement consequent on his triumph, conspire to register the facts in his memory in away that no mere information heard from ateacher, or read in aschool-book, can be registered (Spencer, 1896, S. 155). Aufbauend auf gemäßigt konstruktivistischen Prinzipien2 basiert das Schaffen und neue Anlegen von Wissen auf selbständigem Suchen und Fragen, wodurch es nachhaltig verankert werden kann. Es entsteht dabei nicht nur reproduktives, sondern produktives geistiges Eigentum. Neurobiologische und kognitionswissenschaftliche Erkenntnisse rücken dabei die Frage in den Vordergrund, ob anschlussfähiges Vorwissen vorhanden ist, an das das Gehirn anknüpfen und Bedeutung aktivieren kann, denn das Gehirn des Empfängers muss über ein entsprechendes Vorwissen verfügen, um bedeutungstragende Sprachsymbole als solche erkennen zu können. „Bedeutungen können somit gar nicht vom Lehrenden auf den Lernenden übertragen, sondern müssen vom Gehirn des Lernenden konstruiert werden“ (Roth, 2004, S. 497). Diese unbewusst ablaufenden und somit nicht determinierbaren Prozesse erfolgen über das limbische System, welches neue Inhalte mit bisher gemachten Erfahrungen vergleicht, sie bewertet und ins Wissensnetzwerk integriert (vgl. Roth, 2004). Für eine erfolgreiche Lehrund Lernpraxis ist es erforderlich, sowohl die didaktischen als auch die neurobiologischen Prämissen miteinander zu verknüpfen, was in unserem Kontext in folgende Frage mündet: Wie leiten wir die Lernenden zur Auseinandersetzung mit der Fremdsprache an, damit die komplexen Prozesse der Wissenserweiterung aufgefangen und effizient kanalisiert werden und somit das limbische System bestmöglich zum Lernerfolg beitragen kann. Wenn wir Neues wahrnehmen, reagiert das Gehirn auf eine ökonomische Art und Weise. Ein Mensch /…/ nimmt also nie alles wahr, was ihm angeboten wird, sondern nur das, was irgendwie zu seinen Vorstellungen /…/ passt (Hüther, 2010, S. 77). Diese Vorstellungen ergeben sich aus seinen bisher gemachten Erfahrungen. Aus den schon vorhandenen Mustern wird das Ähnliche gesucht, dem Neuen angepasst und als ‚erfolgreich gefunden‘ gespeichert. Der Akzent, mit dem man eine Fremdsprache spricht, ist ein anschauliches Beispiel für einen solchen Prozess. Das Laut2 Eine persönliche Konstruktion von Bedeutungen kann jedoch nur dann gelingen, wenn eine ausreichende Wissensbasis existiert. Dafür werden zur Unterstützung der Konstruktion Elemente der Instruktion in den Unterricht integriert (vgl. Riedl, 2004, S. 79).
80 STUDIE ZAPLIKOVANÉ LINGVISTIKY system der Fremdsprache trifft nicht auf Neuland, in dem es neutral aufgenommen werden könnte, sondern auf ein bereits erworbenes System der Muttersprache. Das neu zu lernende Lautsystem wird ‚durch die Brille‘ der muttersprachlichen Lautbildung wahrgenommen. Auch für unbekannte morphologische Kategorien werden im ersten Schritt anschlussfähige Muster aus dem Fundus der schon gelernten Sprachen gesichtet. Diese Muster ersetzen die neu zu bildenden oft nur unzureichend und nicht mit den nötigen Differenzierungen. Daher ist es auch auf dem Gebiet der Morphologie wichtig, dass ‚Grammatikkenntnisse mit Akzent‘ vermieden werden. Die vorliegende Arbeit richtet ihr Augenmerk auf die formalen Aspekte der Sprache (Grammatik). Die Übungsmuster samt zugrundeliegender Prinzipien sind von der Grammatik über die Lexik für alle Bereiche der Sprache adaptierbar. ERFASSEN VON ANKNÜPFUNGSPUNKTEN Wenn wir für eine Information eine Entsprechung in der Muttersprache oder in einer anderen bereits gelernten Sprache finden, stellen wir die nötige Beziehung her und können so die neuen Inhalte einordnen. Den Nominativ etwa gibt es sowohl im Deutschen als auch in den slawischen Sprachen, wir können ihn also zuund einordnen. Gibt es in der Fremdsprache keine direkte Entsprechung, jedoch eine passende Kategorie, ist der Schritt zur Wissenskonstruktion ein klein wenig größer. Das deutsche Kasussystem kennt vier Fälle, das russische und das slowenische sechs, folglich braucht es eine Kategorieerweiterung, die es erlaubt, die neue Information zu speichern. Einer der bereits vorhandenen Fälle übernimmt die Funktion des unbekannten Kasus. Im Folgenden versuchen wir die Frage zu beantworten, wie man der komplexen Morphologie der slawischen Sprachen in der Praxis begegnen kann, sodass Kommunikation möglich wird, was schnelles Auffinden von situativ benötigtem morphologischem Kommunikationswerkzeug voraussetzt. Wir schlagen Übungsmuster vor, die es erlauben, die Schritte vom Analysieren und Erfassen des sprachlichen Materials zur Synthese und Anwendung in effektiver Weise zu bewältigen. Denn Sprachvermittlung funktioniert umso besser, je näher sie ans Ziel herankommt, d.h. je schneller die gelernten Zeichen zur Kommunikation oder zum Selbstausdruck (vgl.Crystall, 1993, S. 432) umgesetzt werden können. Übungen für den Nominativ Singular scheinen eine fast zu einfache Aufgabenstellung zu sein. Bekanntlich decken sich jedoch das Genus der Substantiva in den Sprachen oft nicht, wobei es Fälle gibt, die besonders fehleranfällig sind, wie zum Beispiel im Russischen sol� („die“ Salz), Sibir� („die“ Sibirien), sud�ja („die“ Richter) für beide Genera, vrač (der Arzt) ebenso für beide Genera. BEISPIEL 1: DER NOMINATIV SINGULAR IM RUSSISCHEN. Mit Hilfe von verschiedenfarbigen Jonglierbällen kann, wie im Folgenden exemplarisch für Gruppenunterricht (hier in Kreisaufstellung) dargestellt, vielfältig und kre-
ELIZABETA JENKO — MICHAELA LIAUNIGG 81 ativ gearbeitet werden. Eine Person erhält einen grünen Ball, der dem Maskulinum zugeordnet ist und einen roten, der das Femininum symbolisiert. Von der Lehrperson werden einzelne Substantive genannt. Wird ein männliches Substantiv als Beispiel genannt, wirft jene Person, die im Besitz der Bälle ist, den grünen Ball jemandem anderen zu, bei einem weiblichen den roten Ball. Bei einem sächlichen Beispiel fliegt kein Ball. Besonders dynamisch wird es bei Berufsbezeichnungen wie professor, vrač, biolog, fizik usw., wenn männliche und weibliche Formen zusammenfallen und daher der grüne und der rote Ball gleichzeitig in Aktion treten müssen. Spezielle Aufmerksamkeit und Wachheit erfordern Beispiele, die grammatikalisch eine weibliche Endung aufweisen, aber dem natürlichen Geschlecht nach männlich sind, wie zum Beispiel der Name Il�ja. Trotz der weiblichen Endung -afliegt der grüne Ball, denn ein dazugehöriges Adjektiv muss eine männliche Endung aufweisen: sportivnyj Il�ja (der sportliche Il�ja). Das Üben der drei Geschlechter über das Heraushören der entsprechenden Endung eignet sich bereits für die ersten Unterrichtsstunden, was besonders für das Russische wichtig ist, da das Schreiben und Lesen der neuen Schrift erst zu lernen ist. ANNÄHERN AN DIE FREMDE MORPHOLOGIE MIT ANKNÜPFUNGSMÖGLICHKEITEN IN DER MUTTERSPRACHE Nur der Einstieg und die ersten Schritte sind in den slawischen Sprachen, wie allgemein üblich, mittels Imitation zu bewältigen. Wortverbindungen wie „Jaz sem Kdo si ti? Moje ime je…“ sind schnell gelernt. Bereits im Anfangsstadium kommt man allerdings ohne Morphologie nicht lange aus. Im Slowenischen sind etwa die drei Geschlechter mit insgesamt vier Grundparadigmen, jeweils sechs Fällen und jeweils drei Zahlen (Singular, Dual und Plural) zu bewältigen. Dazu kommen Adjektive, die wiederum eigene Endungen haben, sowie Possessivpronomen und Demonstrativpronomen, die eine adjektivische Deklination mit diversen Abweichungen aufweisen. Allein bei den Substantiven erhalten wir, wenn wir die Sonderfälle nicht berücksichtigen, 72 Endungen mit vielen Doppelfunktionen, die zu lernen sind und mit denen routiniert umgegangen werden muss. Wir können uns dieser morphologischen Komplexität nähern, indem wir von Beginn an von einem realen Text ausgehen, den die Lernenden selbst analysieren. Diese Herangehensweise kann — gestützt durch entsprechende Aufgabenstellungen seitens der Lehrenden — mit Strategien aus dem Alltag wie Hypothesenbildung und Mustererkennung geführt und unterstützt werden (vgl. z. B. Jenko, 1995). Die Europäische Zentralbank /…/ Evropska centralna banka /…/ ist ein Organ der Europäischen Union. je organ Evropske unije. Ihr Sitz ist im Eurotower Svoj sedež ima vEurostolpnici in Frankfurt am Main. vFrankfurtu na Maini /…/. (http://de.wikipedia.org/wiki/Europäische_Zentralbank) tabelle 1: Einführendes Beispiel.
82 STUDIE ZAPLIKOVANÉ LINGVISTIKY Wie hier am Beispiel des Lokativs kann jede Endung auf diese Weise durch Eigenaktivität anhand von kürzeren und längeren Texten Schritt für Schritt erarbeitet werden. Die neuen Informationen (hier: Endungen) werden in eine leere Tabelle3 eingetragen. 3 Beispiel aus der Unterrichtspraxis. abbildungen 1 und 2: Beispiel aus der Unterrichtspraxis.
ELIZABETA JENKO — MICHAELA LIAUNIGG 83 So wird der „morphologische Fortschritt“ mit Hilfe einer vertrauten Übersichtsform, der Tabelle, dokumentiert. Mit jeder neuen Endung füllen sich die Leerplätze, was für die Lernenden mit einem befriedigenden Erfolgsgefühl verbunden ist. Dabei ist das motorische Element des händischen Eintragens mit individuellen Beispielsätzen in selbst gewählten Farben nicht zu unterschätzen. Das Konsumieren von Grammatiktabellen weicht dem produktiven Tun, das einen wirkungsvollen Beitrag zur Wissenskonstruktion leistet, denn: „Th e great aim of education is not knowledge, but action“ (Spencer, zit. nach Kronin, 2011, S. 32). In diesem Sinne erfolgt eine puzzleartige Aneignung der Morphologie. Dabei achten wir bei den authentischen Textbeispielen auf Repräsentativität und Häufi gkeit der Bausteine. In der Praxis treten verschiedene Wortarten mit ihren diff erenzierten Endungen auf. Da alle diese morphologischen Elemente unterschiedliche Kombinationsmöglichkeiten haben, ist es sinnvoll, Lernende mit verschiedenen Herangehensweisen vertraut zu machen, damit das limbische System ausgiebig aktiviert werden und sich ein breites Netz an Verknüpfungen bilden kann. Zu diesem Zweck bieten wir den Lernenden auch unübliche Darstellungsvarianten an, beispielsweise Deklinationsparadigmen in Kreisform, wie im Folgenden exemplarisch für den Nominativ Singular im Russischen dargestellt. In der Kreisform stehen alle drei Sektoren, die jeweils den einzelnen Genera zugeordnet sind, miteinander in Beziehung. Somit gibt es keine Randglieder, der Blick ruht auf dem Kreis und erfasst alle Endungen gleichzeitig. Der verschieden gestaltete Hintergrund, im Idealfall mit farblicher Zuordnung (Liaunigg— Fischer, 2012, S. 8), unterstützt die visuelle Komponente und erleichtert so das Lernen und Unterscheiden der Fallendungen. In unserer Grafi k steht der gestreift e Sektor für das männliche Geschlecht, der sächlichen Endung ist der neutrale Hintergrund zugeordnet und die weiblichen Endungen sind hier mit Kreuzen markiert. Der innere bzw. der äußerer Kreis geben Auskunft über die Palatalität. abbildung 3: Nominativ Singular als Kreisparadigma.
84 STUDIE ZAPLIKOVANÉ LINGVISTIKY Es ist unerheblich, ob jemand mit der Tabelle als Lernhilfe beginnt oder mit dem Kreis, da etwaige Vorlieben von den individuellen Gewohnheiten und vom Lerntypus abhängen. Es kann also in selbst gewählter Reihenfolge dem analytischen Arbeiten mit der Tabelle das synthetische mit dem Kreis folgen oder umgekehrt. In diesem Sinne bilden Analyse und Synthese komplementäre Zugänge, die ein Festigen der erkannten Gesetzmäßigkeiten ermöglichen und helfen, diese nachhaltig zu verankern. BILDEN VON NEUEN MUSTERN DURCH NEUE KATEGORIEN Ein anschauliches Beispiel für eine zusätzliche Kategorie im Slowenischen ist der Dual. Er stellt eine quantitative Differenzierung dar, die es im Deutschen nicht gibt. Menschen mit slowenischer Muttersprache versuchen dennoch, den Dual auch im Deutschen zu verwenden. Zur Verdeutlichung sei ein vor Jahren in deutscher Sprache gehörter Dialog angeführt. Eine slowenische Muttersprachlerin erzählt: „Wir waren mit Martin essen.“ Eine deutsche Muttersprachlerin fragt nach: „Wer war noch mit?“ Durch das Verb im Dual („sva šla“) ist im Slowenischen die Anzahl der Personen (zwei) eindeutig: „ZMartinom sva šla na kosilo.“ Die Sprecherin und Martin waren essen, also deutsch: „Ich war mit Martin essen.“ Die slowenische Muttersprachlerin findet im Deutschen keine Entsprechung für den Dual, verwendet naturgemäß den Plural („wir waren“ für „sva šla“), bleibt allerdings bei der slowenischen Syntax („zMartinom“ — „mit Martin“). Aus deutschsprachiger Sicht muss also außer Martin und der Sprecherin noch mindestens eine weitere Person dabei gewesen sein („wir— mit Martin“). Obwohl die Verwendung von Dual und Plural kognitiv einfach erfassbar und nachvollziehbar ist, erfordert das Anlegen dieser neuen Kategorie einen komplexen Automatisierungsprozess. Dieser ist noch zeitaufwändiger, wenn Neues nicht durch ein quantitatives, sondern (auch) durch ein qualitatives Kriterium definiert ist, wie etwa bei folgendem Beispiel zum Akkusativ im Russischen. Die scheinbar einfache Frage „Wann?“ impliziert komplexe Analysearbeit. In jenen Fällen, in denen die Ausdehnung der Zeit ohne Präposition ausgedrückt wird („vsju noč�“— „die ganze Nacht“), werden die Muster sozusagen automatisch erfasst, da sie in beiden Sprachen auf dieselbe Art und Weise gebildet werden. Die nachstehende Tabelle zeigt uns, dass im Deutschen Zeitangaben mit Präposition und Dativ im Russischen einerseits der Präpositiv mit Präposition „vètom godu“, andererseits der Akkusativ mit Präposition „vètot moment“ entsprechen. Lernenden stellt sich somit die Frage: Wann folgt auf die Präposition der Akkusativ, wann der Präpositiv? vetot moment Akkusativ Präpositiv v etom godu in diesem Moment Dativ in diesem Jahr tabelle 2: Zeitangaben Russisch— Deutsch.
ELIZABETA JENKO — MICHAELA LIAUNIGG 85 Müssen wir, vom Deutschen ausgehend, die Verwendung des Akkusativs oder Präpositivs auswendig lernen oder gibt es ein Muster, das die Wahl des entsprechenden Falles begründet?4 Die (im Deutschen wenig relevante) Differenzierung zwischen Zeitdauer und Zeitpunkt begründet die Verwendung der zwei verschiedenen Fälle im Russischen, wobei der Akkusativ die Dauer ausdrückt, der Präpositiv den Zeitpunkt. Daher ist es notwendig, ein neues Muster zu bilden, das eine richtige und rasche Entscheidung bei der Wahl des entsprechenden Falles ermöglicht. Diese Differenzierung liegt allen Zeitangaben zugrunde und wird auch für eine weitere Kategorie der slawischen Sprachen, den Aspekt, gebraucht. Auch wenn es aus deutschsprachiger Sicht etwas zu akribisch erscheinen mag, ist das genaue Erfassen oben beschriebener Systematik Grundvoraussetzung für das Sprachverständnis. Die Kategorisierung zwischen Zeitdauer und Zeitpunkt scheint auf den ersten Blick klar zu sein: Einerseits lang, prozesshaft, andererseits punktuell. Dass es sich für Lernende nicht immer eindeutig darstellt, belegt folgendes, der Unterrichtspraxis entnommene Beispiel. Akkusativ Präpositiv in dieser Woche na ètoj nedele einmal in der Woche raz vnedelju tabelle 3: Zeitdauer vs. Zeitpunkt. Im Beispiel mit dem Akkusativ wird die Woche nicht als Zeitpunkt, sondern als Zeitspanne, innerhalb der sich das eine Mal abspielt, interpretiert. Der Fehler, den Ausdruck mit dem Präpositiv zu übersetzen *raz na nedele lässt sich nachvollziehen. Denn analog zum Deutschen, das nur den Dativ gebraucht, wird im Russischen fälschlicherweise auch nur ein Fall, nämlich der Präpositiv verwendet.5 Da es im Deutschen für die Verwendung des Akkusativs im obigen Sinn kein Pendant gibt, muss das Gefühl für die Dauer der Zeit in der Vorstellung besonders sorgfältig verankert werden, um das neue Muster für das Russische richtig bilden zu können. Die nachstehende Graphik (Liaunigg, 2013, S. 164) visualisiert die Bereiche der Zeitdauer im Vergleich zum Zeitpunkt in beiden Sprachen. FESTIGUNG VON MUSTERN Bereits im Anfangsstadium ist eine praxisbezogene Anwendung erforderlich, die zur Automatisierung führt, ohne dabei Abstumpfung zu riskieren. Möglichkeiten, 4 In Lehrbüchern wird diese Frage mit „Merken Sie sich!“ umgangen, vgl. z. B. Egorova (2012, S. 4). 5 Weiterführende Beispiele und linguistische Analysen (kurze/lange Zeiträume, Iteration etc.) würden den Rahmen dieser Arbeit sprengen, die Problematik und die Notwendigkeit einer Neukategorisierung sei deshalb nur angedeutet.
86 STUDIE ZAPLIKOVANÉ LINGVISTIKY bei denen mehrere Lernende miteinander üben, sind für institutionelle Umgebungen und Gegebenheiten in einem Sprachkurs besonders geeignet. Dazu benötigen wir drei bis vier Frageund Antwortkärtchen pro Teilnehmer/in (TN). Die Frageund Antwortkärtchen haben günstigerweise unterschiedliche Farben und sind nummeriert, wobei die zusammenpassenden Kärtchen dieselbe Nummer haben. Die Fragen sind ausformuliert, die Antwortkarten enthalten nur die benötigten lexikalischen Elemente (siehe Beispiel 2). Die Antworten werden von den Lernenden anhand der Angaben auf den Antwortkarten formuliert. Beim Erstellen der Kartenpaare muss darauf geachtet werden, dass Fragen und Antworten eindeutige Zuordnung haben. Je nach Lernniveau können die Antworten lexikalisch mit den Fragen vollkommen übereinstimmen oder aber auch durch Synonyme etc. ausgedrückt werden. Da man nie im Vorhinein weiß, welche/r Teilnehmer/in an der Reihe ist, wird während des gesamten Übungsablaufes die Aufmerksamkeit aller Teilnehmer/innen abverlangt. Übungsablauf: Jede/r Teilnehmer/in erhält einige Frageund Antwortkärtchen, die jeweils unterschiedliche Nummern haben. Ein/e Teilnehmer/in stellt eine Frage und fordert somit die anderen Teilnehmer/innen auf, nach der passenden Antwortkarte zu suchen und die Antwort zu formulieren. Alle hören zu und korrigieren bei Bedarf. Der/die Antwortende ist nun an der Reihe, weiter zu fragen. Hat ein/e Teilnehmer/in keine Frage mehr zur Verfügung, ist der/die nächste Teilnehmer/ in (z. B. zur Linken) an der Reihe. Diese Möglichkeit lässt sich auf jedes beliebige formale (Beispiel 2, Lokativ) oder inhaltliche Thema (In Beispiel 2 werden Ortsangaben, historische oder kulturelle Informationen etc. aus dem Bereich der Zielsprache verwendet: Vesuv/Italija → Tromostovje/Ljubljana) übertragen und stellt ein Übergangsstadium zur Anwendung der Sprache in „ungeschütztem“ Bereich der Praxis dar. abbildung 4: Zeitangaben als Kreisparadigma.