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„Erinnerungsorte“: Ein Konzept mit Abnutzungserscheinungen?

Wünsch, Thomas

Abstract

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„Erinnerungsorte“: Ein Konzept mit Abnutzungserscheinungen? Thomas Wünsch1 ABSTRACT “Places of Remembrance”: AHackneyed Concept? Despite of the fact that studies on the topic of “places of remembrance” reached an inflationary number in the last decades, the article argues for the need of new perspectives in this field. They are identified as bilateral and transnational “places of remembrance”, valid not only for anational community but also for smaller communities on regional and transregional levels. With the definitions of the key concepts “remembrance” and “places”, the article strives to sketch out the theoretical background for studies, dealing with specific problems of German-Czech or Bavarian-Bohemian histories. KEYWORDS Remembrance; places of remembrance; collective identity; transnational history; German-Czech and Bavarian-Bohemian relations Der Publikationsausstoß zum Thema „Erinnerungsorte“, tschechisch „místa paměti“, scheint inflationär. Kaum ein Land,2 eine Epoche3 oder ein größeres kulturelles Phänomen4, zu dem es nicht einen eigenen Band mit „Erinnerungsorten“ gäbe. Das Thema wirkt nach drei Jahrzehnten Forschungsgeschichte bereits stra1 Thomas Wünsch, Chair of Modern and Contemporary History of Eastern Europe and Its Cultures, Faculty of Arts and Humanities, University of Passau, Innstraße 25, 94032 Passau, Germany, [email protected] 2 Als (gelungenes) Beispiel für eine historische Region: M.CZAPLIŃSKI— H.-J. HAHN— T.WEGER (Hrsg.), Schlesische Erinnerungsorte. Gedächtnis und Identität einer mitteleuropäischen Region, Görlitz 2005.— Vorliegender Beitrag ist eine überarbeitete Fassung des Vortrags, der im Rahmen des Kolloquiums „Deutsch-tschechische/bayerisch-böhmische Erinnerungsorte“ auf der Grundlage einer „DAAD-Ostpartnerschaft“ zwischen den Universitäten Passau und Prag/Praha am 29.und 30.November 2013 in Passau gehalten wurde. 3 Zuletzt: E.STEIN-HÖLKESKAMP— K.-J. HÖLKESKAMP (Hrsg.), Erinnerungsorte der Antike. Die römische Welt, München 2006. 4 Vgl. C.MARKSCHIES— H.WOLF (Hrsg.), Erinnerungsorte des Christentums, München 2010. THOMAS WüNSCH 85 paziert, bisweilen wie ein Modebegriff. Die Tatsache, dass für den erinnerungsgeschichtlichen Ansatz immer ein bestimmtes Maß an grundlegender Forschung vorhanden sein muss, hat sogar dazu geführt, die Arbeit zu „Erinnerungsorten“ als Flucht vor der anstrengenden Archivarbeit disqualifizieren zu wollen.5 Was also rechtfertigt weitere Beiträge zu einem Thema, das längst kein Selbstläufer mehr ist und auf natürliche Zustimmung hoffen darf?— Ich meine, vor allem zwei Aspekte: Zum einen ist der konsequent bilaterale Aspekt noch kaum entdeckt worden. Zwar gibt es „deutsch-polnische Erinnerungsorte“, und das auch noch in einem fünfbändigen Unternehmen, doch sind diese „Orte“ als Tandems in einem je eigenen Mikrokosmos spezieller Fragestellung eng aneinander gebunden.6 Transregionale bzw. transnationale Anläufe, wie sie hier in Form von bayerisch-böhmischen bzw. deutsch-tschechischen Erinnerungsorten angelegt sind, besitzen noch den Reiz des Neuen. Die Gegenüberstellung hier funktioniert in Gestalt einer Auswahl von solchen „Orten“ auf beiden Seiten, von denen man mit Fug und Recht annehmen kann, dass sie Wirkungen über die jeweilige Landesgrenze hinaus entfaltet haben. Der Mehrwert stellt sich in Form einer kombinierten regionalen und transregionalen Auswahl von Erinnerungsorten ein. Zum anderen verträgt die Emanzipation von einem Ursprungsgeschehen, wie sie allen erinnerungsgeschichtlichen Ansätzen eigen ist, durchaus noch eine Intensivierung. Zwar hat sich der Modus eingespielt, das Nachleben von historischen Ereignissen, Personen oder Artefakten in den Mittelpunkt zu rücken, nicht die Entstehungsoder Lebenszeit selbst. Aber der Blick auf räumlich, zeitlich und medial übergreifende Wirkungszusammenhänge wird erst dann frei, wenn man sich, wie jüngst in einem Band zu Jan Amos Comenius geschehen7, nicht mehr schwerpunktmäßig mit der „Echtzeit“ befasst, sondern mit den Akteuren und Repräsentationen danach. Die Präsenz in der kollektiven Memoria ernst zu nehmen, heißt auch, die Ursprünge innerhalb von „Erinnerungsorten“ kurz zu halten. Als Gewinn winkt eine heuristische Erweiterung des Ausgangspunktes, die, nota bene, Archivarbeit in vielen Fällen nicht nur nicht behindert, sondern geradezu anregt. Auch zu diesem Aspekt vermag die hier vorgestellte Auswahl an bayerisch-böhmischen resp.deutsch-tschechischen Erinnerungsorten etwas beizutragen. Dabei empfiehlt sich eine Rückvergewisserung darüber, auf welcher theoretischen Basis man sich befindet. Dem dienen die folgenden einleitenden Ausführungen, gegliedert in die beiden Punkte „Erinnerung“ und „Orte“.8 5 So B.MUSIAŁ, Triumf niemieckiej propagandy, in: http://www.wsieci.pl/aktualne-wydanie-sieci.html, 2016, [cit.2016-02-15]. 6 H.H.HAHN— R.TRABA (Hrsg.), Deutsch-Polnische Erinnerungsorte, Bd. 3: Parallelen, Paderborn 2012. 7 L.ŘEZNÍKOVÁ et al., Figurace paměti. J.A.Komenský vkulturách vzpomínání 19.a20.století, Praha 2014. 8 Ausführlicher: T.WÜNSCH, Einleitung, in: J.BAHLCKE— S.ROHDEWALD— T.WÜNSCH (Hrsg.), Religiöse Erinnerungsorte in Ostmitteleuropa. Konstitution und Konkurrenz im nationenund epochenübergreifenden Zugriff, Berlin 2013, S.XV–XXXIII. 86 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 ERINNERUNG Als theoretischer Ausgangspunkt für die bisherigen Forschungen zu „Erinnerungsorten“, „Erinnerungskultur(en)“ oder „Erinnerungsfiguren“ dient die klassische Abhandlung des französischen Soziologen M.Halbwachs: „Les cadres sociaux de la mémoire“, erschienen erstmals im Jahr 1925.9 Dort wird richtungsweisend dargelegt, dass es neben dem je eigenen Gedächtnis des Einzelmenschen auch ein „Gruppengedächtnis“ (mémoire collective) gibt, das sozial und kulturell determiniert ist und eine übergreifende Dauer aufweist. Diese Einsicht ist (bzw. war) insofern revolutionär, als Gruppen schon von den anatomisch-physiologischen Grundkonstanten her eine andere Art von Erinnerung aufweisen müssen als Individuen— und von daher die Übertragbarkeit von Erkenntnissen aus der Individualpsychologie auf gesellschaftliche Phänomene immer (wieder) mit einem Fragezeichen zu versehen ist.10 Ist man also geneigt, auch einer über die Individuen hinausgehenden Einheit die Fähigkeit zur Erinnerung zuschreiben zu wollen, muss man zwangsläufig mit anderen Kategorien der Produktion, Festigung und Strukturierung des Erinnerten arbeiten. Schwer zu bestimmen ist das Spannungsverhältnis zwischen kollektiver Erinnerung und individuellem Gedächtnis: Natürlich ist letzteres (das Individuum) irgendwie das „Rückgrat“11 für ersteres (das Kollektiv), womit Austauschprozesse möglich werden;12 gleichzeitig dürfte aber klar sein, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Unzweifelhaft ist immerhin, dass es kollektiv aufscheinende Erinnerungen gibt, und dass diese Erinnerungen auch konstitutiv sind für das, was mit dem Begriff „Kultur“ einzufangen versucht wird— d.h. dass Interaktionen bestehen zwischen der individuell-psychologischen und der sozial-kulturellen Sphäre. Da die Ausweitung des Gedächtnisbegriffs in den Raum des Sozialen und der Kultur gerade nicht metaphorisch gemeint ist, bleibt die Aporie aus individueller und über-individueller Erinnerung eine Mitgift für alle kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung. Halbwachs selbst lieferte bereits eine Gebrauchsanweisung für den Umgang mit diesem Problem, indem er die Rekonstruktivität des Kollektivgedächtnisses betonte, d.h. Vergangenheit wird nicht „als solche“ bewahrt, sondern nur das, was einer Gesellschaft in einer bestimmten Epoche als bewahrungswürdig erscheint und zugänglich ist. Das kollektive Gedächtnis besteht, wie der Neuzeithistoriker L.Niethammer in seinen Ausführungen zu Halbwachs angemerkt hat, „aus kulturellen Repräsentationen einer Gruppe im Raum“.13 Das freilich trifft mutatis mutandis auf das indi9 M.HALBWACHS, Les cadres sociaux de la mémoire, Paris 1925/1952 (dt. 1966). 10 Zuletzt D.REINHARDT, „Kollektive Erinnerung“ und „kollektives Gedächtnis“? Zur Frage der Übertragbarkeit individualpsychologischer Begriffe auf gesellschaftliche Phänomene, in: C.WISCHERMANN (Hrsg.), Die Legitimität der Erinnerung und die Geschichtswissenschaft, Stuttgart 1996, S.87–100. 11 J.FRIED, Erinnerung im Kreuzverhör. Kollektives Gedächtnis, Albert Speer und die Erkenntnis erinnerter Vergangenheit, in: D.HEIN et al. (Hrsg.), Historie und Leben. Der Historiker als Wissenschaftler und Zeitgenosse. FS Lothar Gall, München 2006, S.327–357, hier 331. 12 P.RICOEUR, Gedächtnis, Geschichte, Vergessen, München 2004, S.203f. 13 L.NIETHAMMER (unter Mitarbeit von A.DOSSMANN), Kollektive Identität. Heimliche Quellen einer unheimlichen Konjunktur, Hamburg 2000, S.347. THOMAS WüNSCH 87 viduelle Gedächtnis ebenfalls zu, wie bereits die (historisch relevanten) Zeugnisse zum „erinnerten Ich“14 in überreichem Maße zeigen. Erst recht gilt das für die näher an Psychologie und Biologie angelagerte kulturwissenschaftlich-interdisziplinäre Forschung: Gedächtnis erscheint hier, ausgehend von dem Biologen H.Maturana, gar nicht als System der Bewahrung, sondern als System der Ermöglichung eines bestimmten Verhaltens. Aufgrund seiner autopoietischen Qualitäten verbindet sich mit Gedächtnis viel eher „Wahrnehmung“, und nicht so sehr „Erinnerung“ im Sinne eines Speichers für die Aufbewahrung von Vergangenem.15 Bindet man diese Ergebnisse zurück an die soziale Ebene, so ist die Analogie unübersehbar: Auch hier, im Kontext von Gesellschaften, ist ein produktives Verfahren erkennbar, kein konservatives. Das führt den Mediensoziologen P.M.Hejl dazu, bei Gesellschaften keinen „Wissensspeicher im Sinne des Speichermodells von Gedächtnis“ erkennen zu wollen.16 Es geht immer um „Definitionsmerkmale einer Gruppe“,17 aber auch um kollektive „Mystifikationen“,18 und die Aufgabe künftiger Forschung könnte sein, diese Setzungen möglichst präzise und im zeitlichen Längsschnitt herauszuarbeiten. In bemerkenswerten Ansätzen haben die Geschichtswissenschaften einen Teil des Theorieangebots eines „Gruppengedächtnisses“ bereits aufgegriffen. Vorbild gebend ist der dreibändige Anlauf von E.François und H.Schulze zu Beginn dieses Jahrtausends geworden, „Deutsche Erinnerungsorte“ zu sammeln.19 Hier wird, in direktem Anschluss an Halbwachs, die Tragweite der Hypothese von „Kollektiverinnerungen“20 ausgelotet. Solche kollektiven Erinnerungen sind nach Meinung der Autoren eng an Gruppenbildungen bzw. bestimmte soziale Milieus geknüpft; je nach deren spezifischer Gestalt würden sich dann auch Besonderheiten in den Formen und Objekten der Erinnerung zeigen. Hinzufügen sollte man gleich an dieser Stelle, dass zur Konstante der „Erinnerung“ auch das Komplementär des Vergessens gehört, d.h.: Relevant sind nicht nur Tatsache und Umfang von Erinnerung, sondern auch mögliche Lücken, abgerissene Erinnerungsstränge, bis hin zu (scheinbar) völligem Vergessen bzw. dessen Überwindung durch eine „Neubelebung“. Der Frühneuzeit-Historiker P.Burke hat den Vorschlag gemacht, von „Erinnerungsgemeinschaften“ zu sprechen,21 was den Vorzug besitzt, damit dieser zentralen Kategorie (bzw. Funktion) 14 K.V.GREYERZ et al. (Hrsg.), Von der dargestellten Person zum erinnerten Ich. Europäische Selbstzeugnisse als historische Quellen (1500–1850), Köln 2001. 15 S.J.SCHMIDT, Gedächtnisforschungen: Positionen, Probleme, Perspektiven, in: S.J.SCHMIDT (Hrsg.), Gedächtnis. Probleme und Perspektiven der interdisziplinären Gedächtnisforschung, Frankfurt/M. 1991, S.9–55, hier 24. 16 P.M.HEJL, Wie Gesellschaften Erfahrungen machen oder: Was Gesellschaftstheorie zum Verständnis des Gedächtnisproblems beitragen kann, in: SCHMIDT (Hrsg.), Gedächtnis, S.293–336, hier 324. 17 NIETHAMMER, Kollektive Identität, S.360. 18 Vgl. V.MACURA, The Mystifications of aNation: “The Potato Bug” and Other Essays on Czech Culture, London 2010. 19 E.FRANÇOIS— H.SCHULZE (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, 3 Bde., München 2001 (2007). 20 FRANÇOIS— SCHULZE (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte 1, S.13. 21 P.BURKE, Geschichte als soziales Gedächtnis, in: A.ASSMANN— D.HARTH (Hrsg.), Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung, Frankfurt/M. 1991, S.289–304, hier 298f. 88 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 des Gedächtnisses— dem Vergessen— Rechnung tragen zu können.22 Denn insofern innergesellschaftlichen Trägergruppen von Erinnerung am Werk sind, ist auch der Weg hin zur „sozialen Amnesie“ nicht weit, wie Burke gezeigt hat. Ist man sich über diese Punkte einig, empfiehlt sich eine zwar nur partielle, aber doch deutliche Distanzierung von P.Nora als dem geistigen Ahnherrn des Konzepts der „Erinnerungsorte“ (Lieux de mémoire). Grundannahme Noras ist, dass die „lieux“ der Erinnerung nichts anderes sind als die Überreste der „milieux“ der Erinnerung.23 Dahinter steht die Hypothese, dass es eine gestaffelte Rezeption von Geschehenem gebe: zu Beginn eine spontane Bindung mit persönlicher Anteilnahme (= mémoire), und dann erst die Form der bewussten Rekonstruktion (= histoire), die auf Dauer das Verhältnis zum Geschehenen bestimme.24 Nora bewertet die mémoire deutlich positiver als die histoire— wobei deutlich wird, dass er kein Interesse an „Geschichte als Wissenschaft“ hat, und dass seine Theoriebildung in weitem Umfang von ideologischen Vorannahmen geprägt ist. Es gibt für ihn ein „echtes, unberührtes Gedächtnis“ und dann, als Kontrast, die „Geschichte“, also das, was „unsere Gesellschaften […] aus der Vergangenheit gemacht haben“.25 Geschichte und Gedächtnis sind auseinander getreten, und vom Gedächtnis, das zur Geschichte herabgesunken ist, bleibt „bloß Spur und Auswahl“.26 Abgesehen davon, dass Nora hier Schlüsselbegriffe aus der Psychoanalyse verwendet, die gerade nicht auf den von Halbwachs und später Burke und J.Assmann27 betonten sozialen Rahmen im Erinnerungsgeschehen Bezug nehmen, liegt Noras Konzeption ein hohes Maß an fundamentaler Modernisierungsund Zivilisationskritik zugrunde. Moderne Gesellschaften (wie Frankreich) kontrastiert er mit (nicht näher erläuterten) primitiven und archaischen Gesellschaften; und während diese noch das Gedächtnis als Geheimnis bewahrten, hätten jene das Vergangene entzaubert und entsakralisiert. Es klingt wie eine (kollektive) Vertreibung aus einem kognitiven Paradies: „Hausten wir noch in unserem Gedächtnis, brauchten wir ihm keine Orte zu widmen“.28 Die „Orte“ (lieux) sind also für Nora gewissermaßen nur noch die Nachlaßverwalter der „Milieus“, sie sind Defizitresultate und Kompensationswerk. Als solches bezeichnen sie eine Schwundstufe und markieren insgesamt die Mediatisierung des Vergangenen und die immer weitergehende Distanzierung davon. Man kann diese axiomatischen Annahmen unschwer korrigieren. So ist beispielsweise bei vielen Heiligenkulten seit dem Mittelalter festzustellen, dass es dort nie die Phase eines „unberührten Gedächtnisses“ gab; was wir statt dessen vor uns haben, ist eine Gestaltung von Anfang an, die alle Bereiche der historischen Persönlichkeit 22 Als Beispiel aus einer polnischen Region vgl. K.WONIAK, Verdrängen und Wiederentdecken. Die Erinnerungskulturen in den westund nordpolnischen Kleinstädten Labes und Flatow seit 1945. Eine vergleichende Studie, Marburg 2016. 23 P.NORA, Les lieux de mémoire, 7 Bde., Paris 1984–92, hier Bd. 1, S.XVII. 24 NORA, Lieux 1, S.XVIIIf. 25 P.NORA, Zwischen Geschichte und Gedächtnis, Berlin 1990, S.12. 26 NORA, Lieux 1, S.XVIII: „trace et tri“. 27 J.ASSMANN, Die Katastrophe des Vergessens. Das Deuteronomium als Paradigma kultureller Mnemotechnik, in: ASSMANN— HARTH (Hrsg.), Mnemosyne, S.337–355. 28 NORA, Zwischen Geschichte und Gedächtnis, S.12. THOMAS WüNSCH 89 erfasst und dafür sorgt, dass das Nachleben zum konstitutiven Bestandteil der „Biographie“ wurde. Gerade solche Heilige, die eine deutliche Asymmetrie von spärlicher biographischer Überlieferung und hypertrophem Nachleben aufweisen, sind dafür beispielhaft; Kyrill und Method wären Paradefälle auch für den bayerisch-böhmischen Raum.29 Dasselbe gilt für historische Ereignisse, die— wie die Hussitenkriege im bayerisch-böhmischen Grenzland30— einen schmalen historisch nachprüfbaren Ereignisanteil besitzen, in ihrer Wirkung jedoch Jahrhunderte überdauert haben und in allen möglichen Medien präsent sind. Sofern man nicht, wie Nora, einem historischen Essentialismus anhängt, muss man die Entfernung vom Ursprungsereignis nicht bedauern. Man kann den Befund, dass Personen erst post mortem, Geschehnisse post factum greifbar werden und ihre Bedeutung somit als Resultat retrograd vermittelt wurde, auch ins Positive wenden: indem man den Blick auf die Karriere jenseits der historischen Echtzeit lenkt und das Profil dieser Personen und Geschehnisse als Spiegel der gesellschaftlichen Verfasstheit in bestimmten Räumen zu bestimmten Zeiten sieht. An diesem Punkt kommt— wenigstens für die historischen Wissenschaften— die Unterscheidung von „Geschichte“ und „Gedächtnis“ ins Spiel. François und Schulze plädieren letztlich für eine klare Trennung. Sie räumen zwar ein, dass beide Weisen des „Festhaltens“ von Vergangenem „keine Opposition“ bildeten, sehen aber dann doch sehr dezidiert „zwei […] Zugänge zum Vergangenen“— in dem Sinne, dass „Geschichte als Wissenschaft“ eine „Sache der Experten“ sei, und „Gedächtnis dagegen“ den „existentiellen Bedürfnissen von Gemeinschaften“ diene.31 Entgegenzuhalten ist dem, dass gerade „Geschichte als Wissenschaft“ in vielfältiger Art und Weise für den Aufbau eben jenes Gedächtnisses verantwortlich ist, das kollektiv besteht und gepflegt wird; in unserem Raum ist die Debatte um die sog. Beneš-Dekrete32 ein gutes Beispiel dafür. Natürlich hat Geschichtswissenschaft eine eigene Systematik und ist mit dem Objektivitätsgebot und den allbekannten heuristischen und hermeneutischen Operationen ein eigener Bereich, dem herkömmlichen Erinnern vielfach überlegen. Aber wahr ist auch, dass (Geschichts-)Wissenschaft über den Prozess der Forschung und Aufklärung daran beteiligt ist, dass zu Erinnerndes im „Gedächtnis“ bleibt, dass es eine bestimmte Form erhält, und dass es auf bestimmte Weise abrufbar und instrumentalisierbar wird. Dies alles wird nie nur auf den Einzelmenschen beschränkt, sondern über den medialen bzw. Publikationsaspekt immer auf eine wie auch immer geartete „Öffentlichkeit“ gerichtet und in ihr agierend. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass „Sinnstiftung“ in gesellschaftlichem Ausmaß sich in diesen Bahnen bewegt. „Gedächtnis“ arbeitet nicht ohne Stützen, und die werden in großer Zahl gerade von den „Experten“, sprich: den Wissenschaftlern, geliefert. Die Untersuchungen von Hypertexten, wie sie etwa in „Wikipedia“ vorliegen33, untermauern 29 Übergreifend vgl. M.P.BEHAM— S.ROHDEWALD, Kyrill und Method, in: BAHLCKE – ROHDEWALD— WÜNSCH (Hrsg.), Religiöse Erinnerungsorte in Ostmitteleuropa, S.473–493. 30 M.KRAUSOVÁ, Husitské války vhistorickém povědomí obyvatel česko-bavorského pohraničí, Domažlice 2000. 31 FRANÇOIS— SCHULZE (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte 1, S.14. 32 Vgl. N.PERZI, Die Beneš-Dekrete. Eine europäische Tragödie, St.Pölten 2003. 33 Vgl. M.MINKE, Wikipedia als Wissensquelle. Die Online-Enzyklopädie als Basis einer Lernumgebung, Hamburg 2013. 90 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 das— genauso wie die Untersuchungen zu Einrichtung, Ausstattung und diskursiver Relevanz von Instituten des „nationalen Gedenkens“.34 Dabei sind Abstufungen und Varianten erkennbar. Das „Revisions-Syndrom“ etwa, dem Burke beispielhaft im absolutistischen Frankreich und im sowjetischen Russland nachgegangen ist35, und das im deutsch-tschechischen Kontext beispielsweise bei „München 1938“36 zu beobachten ist, gehört dazu und bildet eine Variante am äußeren Rand eines Spektrums der Intentionalität. Aber auch die Verwandlung komplexer Symbolik mit historischem Inhalt in nationale Stereotypen setzt, wie der tschechische Neuzeithistoriker M.Hroch bemerkt hat, einen aktiven Vorgang voraus.37 Denn dabei muss wenigstens ein Grundwissen von Nationalgeschichte vorhanden und verfügbar sein. Es gibt eine Reihe von Beispielen dafür; besonders anfällig erscheinen mehrpolige Erinnerungsorte, im deutsch-tschechischen Bereich etwa die Rezeption von Schlachten wie derjenigen am Weißen Berg 162038 oder von Königgrätz 1866.39 Zu beobachten ist in jedem der Fälle die Re-Implementierung eines— inzwischen mythisch überhöhten— historischen Substrats aus dem politischen Geschehen der Vergangenheit in die jeweilige Gegenwart. Besser lässt sich kaum demonstrieren, dass Vergangenheit erst aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt werden muss, um als solche— in bestimmter Weise— wahrgenommen zu werden. Mein Plädoyer ist, dass es nicht zu viel Erinnerungsforschung gibt, sondern zu wenig, weil auch der Dauerauftrag der Aufklärung (mittels Wissenschaft) nicht zu Ende ist. Er bezieht sich auf das Tun der anderen (Politiker, Journalisten etc.), aber auch auf das eigene Tun (des Historikers). ORTE Nützlicher als eine Diskussion darüber, ob man von Erinnerungsoder Gedächtnisorten, Erinnerungsfiguren, Erinnerungsräumen o.ä. sprechen soll, ist ein inhaltlicher Bestimmungsversuch. Was auch immer es sein soll— Figuren, Orte oder Räume: Sie wären zu definieren „nicht dank ihrer materiellen Gegenständlichkeit, sondern wegen ihrer symbolischen Funktion“.40 Erinnerungsorte sind demnach zu verstehen als „langlebige, Generationen überdauernde Kristallisationspunkte“, die auch einem historischen Wandel unterliegen. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Verknüpfung der physisch-materiellen Dimension des „Ortes“ mit der symbolischen Dimension des Erin34 U.a. zum tschechischen Institut vgl. C.Lau, Erinnerungsverwaltung, Vergangenheitspolitik und Erinnerungskultur nach 1989. Institute für nationales Gedenken im östlichen Europa im Vergleich, Göttingen 2017. 35 BURKE, Geschichte, S.300. 36 Vgl. V.SMETANA, In the Shadow of Munich. British Policy towards Czechoslovakia from the Endorsement to the Renunciation of the Munich Agreement (1938–1942), Prague 2008. 37 M.HROCH, Das Europa der Nationen, Göttingen 2005, S.208. 38 Vgl. F.KAVKA, Bílá hora ačeské dějiny, Praha 1962. 39 Vgl. H.RUMPLER, Eine Chance für Mitteleuropa. Bürgerliche Emanzipation und Staatsverfall in der Habsburgermonarchie, Wien 1997, bes. S.373ff. 40 FRANÇOIS— SCHULZE (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte 1, S.18. THOMAS WüNSCH 91 nerns.41 Beides soll nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern im diachronen Zugriff auf seine Funktionalität hin untersucht werden. Dabei ergeben sich mehrere Kategorien: materiell, geistig, imaginär, öffentlich, privat usw. Da sie alle Realität entweder spiegeln oder generieren, hat es keinen Sinn, etwa die gegenständlichen Kategorien in einem abgrenzenden Sinn als „real“ zu bezeichnen; gerade die vorrangig imaginierten Erinnerungsorte können häufig genauso viel Realität vorweisen, zumal wenn wir uns— wie im Fall der Werbung, aber auch des (Geschichts-)Unterrichts— mit Projektionen befassen. Allen Figuren oder Orten gemeinsam ist, dass sie die spezifische Qualität der jeweils damit verknüpften Erinnerung zum Ausdruck bringen; man könnte auch sagen, die betreffenden Orte sind Zeichen der „emotionalen Intelligenz“ der Erinnerung als einem sozialen Phänomen und gewissermaßen dessen subjektivster Ausdruck. Phänomenologisch ist die Konsequenz, dass diese „Orte“ ein weites Spektrum abdecken. Für den deutsch-tschechischen bzw. bayerisch-böhmischen Raum wären zahlreiche Kategorien abzustecken, von denen einige bereits eine wissenschaftliche Behandlung erfahren haben:42 naturgegebene Orte, wie der Böhmerwald oder einzelne Berge;43 Kommunikationsscharniere, wie der bairische Basisdialekt im Böhmerwald;44 bedeutende Wirtschaftsverbindungen, wie der Goldene Steig45; aber auch kleinere religiöse Stätten der Erinnerung, wie Grabmäler und Marterl46. Gerade benachbarte Untersuchungsräume, wie Bayern/Deutschland und Böhmen/Tschechien sie bilden, zeigen, dass es sinnvoll ist, ganze Regionen als Erinnerungsorte— im Sinne von Assmann: „Mnemotope“47— aufzufassen. Die bayerisch-böhmische Grenze als Grenzland könnte eine solche Region bilden; ihre mediale (fotografische48) Präsenz umgreift dabei nicht nur einen sichtbaren aktuellen, sondern auch einen (inzwischen) unsichtbaren historischen Teil. Entscheidend ist bei alledem, dass der bereits genannte „Überschuss an symbolischer Bedeutung“ zum leitenden Kriterium der Auswahl wird. Mit Hilfe der „Überschuss-Theorie“ kann man die Flut potentieller „Erinnerungsorte“ eindämmen und eine begründbare Auswahl vornehmen. Es geht also, und das bildet das große irritierende Moment im Darstellungsprozess, primär nicht um den historischen Kern der 41 G.HAUSMANN, Mütterchen Wolga. Ein Fluß als Erinnerungsort vom 16.bis ins frühe 20.Jahrhundert, Frankfurt/M. 2009, S.15. 42 Übergreifend vgl. R.LUFT— L.EIBER (Hrsg.), Bayern und Böhmen. Kontakt, Konflikt, Kultur, München 2007. 43 Vgl. E.MAUR, Pamět hor. Šumava, Říp, Blaník, Hostýn, Radhošť, Praha 2006. 44 Vgl. N.ELLER, Syntax des bairischen Basisdialekts im Böhmerwald, Regensburg 2006. 45 Vgl. F.KUBŮ— P.ZAVŘEL, Der Goldene Steig. Historische und archäologische Erforschung eines bedeutenden mittelalterlichen Handelsweges, 4 Bde., Passau 2001–13. 46 Vgl. Z.PROCHÁZKA— J.OULÍK, Die historischen Grabmäler der Tachauer Region, Domažlice 1995 und Zapomenuté dědictví— Vergessenes Erbe. Oprava drobných kamenných památek na Šumavě— Renovierung der kleinen Steindenkmäler im Böhmerwald, Vimperk— Winterberg 2004. 47 J.ASSMANN, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992, S.59. 48 Vgl. F.FELLNER (Hrsg.), Das fotografische Gedächtnis— Fotografická paměť. Mühlviertel und Böhmerwald— Mühlviertel & Šumava, Freistadt 2007. 92 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 Erinnerung (auch wenn er freigelegt werden muss), sondern vielmehr um dessen „Nachleben“, über die Ursprungszeit hinaus. Dieser Kern oder Kristallisationspunkt ist nur die „narrative Abbreviatur“, wie J.Rüsen es ausgedrückt hat.49 Aufzuzeigen ist dann aber die „Karriere“ eines Ortes als Erinnerungsort, die von einem lange zurückliegenden Ereignis ausgehen kann und doch erst in der Zusammenschau mit den zwischenzeitlichen und gegenwärtigen Repräsentationen ihre kollektive Relevanz offenbart. Und nur dort, wo dieses Nachleben, diese „Karriere“ einen vorgegebenen engen Radius an Wirksamkeit überschreitet, empfiehlt sich die Aufnahme des „Ortes“ in den Kanon der Erinnerungsorte. Der „Überschuss an symbolischer Bedeutung“ wird so auch zu einer heuristischen Herausforderung. Für den hier interessierenden Raum eines deutsch-tschechischen Zusammenlebens spielt der Faktor intensiver Kontakte seit dem frühen Mittelalter eine wesentliche Rolle. Eine Folge daraus sind multiple „Erinnerungsorte“, mit denen solche Orte bezeichnet sind, die mehrere und nicht selten konkurrierende (d.h. um gesellschaftliche Anerkennung wetteifernde) Erinnerungen auf sich ziehen. Tritt man aus den üblichen Pfaden der politisch dominierten Kontaktund Konfliktgeschichte heraus, dann eröffnen sich, etwa mit Hilfe des methodischen Instrumentariums einer „Histoire croisée“50 oder einer „transnationalen Gesellschaftsgeschichte“51, zahlreiche neue kulturgeschichtlich relevante Fragestellungen. Probleme von Identität, Regionalität, Assimilation und gesellschaftlicher Integration können mit Aussicht auf neue Ergebnisse angegangen werden. Schließlich stehen „Erinnerungsorte“ nicht isoliert und für sich, sondern bilden immer auch Teile in umgreifend verstandenen Erinnerungskulturen; die Metamorphosen erinnerungsgeschichtlicher Fixpunkte sind Spiegel gesamtgesellschaftlicher Wandlungen. Die Nebeneinanderund Gegenüberstellung von Beispielen aus dem deutschen und dem tschechischen Kontext soll den Blick dafür schärfen. Das Konzept der Erinnerungsorte, so wäre die Titelfrage zu beantworten, weist zwar Gebrauchsspuren auf; abgenutzt ist es aber keineswegs. Fruchtbare Anwendungsfelder gibt es noch genug, wie die folgenden Fallstudien zeigen mögen. 49 J.RÜSEN, Was ist Geschichtsbewußtsein? Theoretische Überlegungen und heuristische Hinweise in: J.RÜSEN, Historische Orientierung. Über die Arbeit des Geschichtsbewußtseins, sich in der Zeit zurechtzufinden, Köln 1994, S.3–24, hier 11. 50 M.WERNER— B.ZIMMERMANN, Vergleich, Transfer, Verflechtung. Der Ansatz der histoire croisée und die Herausforderungen des Transnationalen, in: Geschichte und Gesellschaft 29, 2002, S.607–636. 51 J.OSTERHAMMEL, Transnationale Gesellschaftsgeschichte: Erweiterung oder Alternative?, in: Geschichte und Gesellschaft 27, 2001, S.464–479.