Die Übersetzerin Grete Reiner
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Die Übersetzerin Grete Reiner Hans Dieter Zimmermann– Technische Universität Berlin Über Grete Reiner wissen wir wenig. Die sicherste Nachricht über ihr Leben ist die über ihren Tod. Das Jüdische Museum Prag teilte LudvikM. Gregor, der 1967 eine Arbeit über die Übersetzerin des Schwejk schrieb, Folgendes mit: Wir informieren Sie, dass nach unserem Wissen die Schwejk‑Übersetzerin Grete Reiner (Greta Reinerova), geboren am 20.11.1889, am 22.12.1942 aus Prag nach Theresienstadt deportiert wurde und von dort am 6.09.1943 weiter nach Auschwitz. Alle Häftlinge aus diesem Transport, untergebracht in dem sog. Tschechischen Familienlager in Auschwitz‑Birkenau, beendeten ihr Leben– falls sie nicht schon vorher gestorben sind– in der Nacht vom 8. auf den 9. März 1944 in den Gaskam‑ mern von Auschwitz. Es ist also anzunehmen, dass dies auch das Todesdatum der Schwejk‑Übersetzerin ist. (Makarska 2016: 223f.) Unsicher wie ihr Todesdatum ist auch ihr Geburtsdatum. Gibt hier das Jüdische Mu‑ seum den 20. November 1889 an, so finden sich noch folgende Daten: 22. September 1892 in der Bibliographia Judaica, 20. November 1892 in der Biographia Juadaica Bohemiae und der 20. Oktober 1891 im Lexikon sudetendeutscher Schriftsteller. Das Wenige, das wir wissen: Grete Reiner wurde als Grete Stein in Prag geboren, sie wuchs offensicht‑ lich zweisprachig auf wie viele Prager. Sie heiratete einen Dr.Karl Reiner, über den wir nichts weiter wissen, in zweiter Ehe wohl einen Herrn Straschnow, denn sie soll einen Sohn Kurt Straschnow gehabt haben. In ihren letzten Lebensjahren soll sie im Verlag Orbis gearbeitet haben. Pavel Petr, der 1960 eine Dissertation über Schwejk in Deutschland in Leipzig schrieb, publiziert 1963 in Berlin, teilte mit, dass Schwejk nicht ihre erste Übersetzungsarbeit war. Sie hatte 1922 Das barocke Prag übersetzt, 1923 Die tschechische Literatur aus der Vogelperspektive von Arne Novak und ebenfalls 1923 Im dunkelsten Kerker von Ivan Olbracht (Makarska 2016: 224). In einem Artikel in der Zeitung Rude pravo vom 8.05.1927 äußerte sich Grete Reiner zu ihrer Übersetzung, ein seltenes und kostbares Dokument, das in die Zeit des Erscheinens von Schwejk zurückführt: Der Verleger Synek wandte sich der Reihe nach an alle bekannten Übersetzer aus dem Tschechischen. Alle haben abgesagt, keiner wollte es machen… Es ist natür‑ lich, dass sich der Verleger erst am Ende an eine Frau wandte. Wer Schwejk kennt, weiß, warum. Ich bin darauf eingegangen. Und das trotz der Tatsache, dass mir die enormen Schwierigkeiten bewusst waren. (zit. n. Makarska 2016: 225; Ich bin dieser Arbeit in allen Punkten verpflichtet.) Schwejk war bei den deutschsprachigen und den tschechischen Literaten Prags derma‑ ßen schlecht angesehen als das vulgäre Werk eines Trinkers, dass sich kein Übersetzer
134 BRÜCKEN 28/1 traute, es ins Deutsche zu bringen. Nur Grete Reiner. Hier ist ihr Mut zu bewundern, zumal sie als Frau besondere Häme zu erwarten hatte. Grete Reiner fährt in dem ge‑ nannten Artikel fort: Es herrschte ein allgemeines Misstrauen gegen den ‚Schwejk‘, den man für wert‑ los und unverdaulich hielt. Die Übersetzer verlangten radikale Streichungen, sie wollten die vier Bände Haseks so verkürzen, dass nur ein Band übrig blieb. Weil sie nicht erkannten, dass gerade eine gewisse Weitschweifigkeit zu den wesentlichsten Faktoren der komischen Wirkung „Schwejks“ gehört. Andere wiederum unternah‑ men Versuche, die von Haseks Erben als unzulänglich abgelehnt werden mussten… Kaum erfuhr man, dass ich den ‚Schwejk‘ übersetzen wolle, begann man von allen Seiten mit Protesten und Warnungen auf mich einzustürmen. Ein hervorragender tschechischer Kritiker, ein Bekannter von mir, den ich um eine kurze Einleitung gebeten hatte, teilte mir mit, dass er alles für mich tue, aber sich zu so etwas nicht hergeben könne. Er beschwor mich als guter Freund, die tschechische Nation nicht durch Übersetzung eines solchen Buches zu prostituieren. (Makarska 2016: 225) Hašek schrieb ein Umgangstschechisch, eine einfache, mit vulgären Ausdrücken be‑ reicherte Sprache, die als untauglich für die Literatur angesehen wurde, die schließ‑ lich etwas Höheres war. Franz Carl Weiskopf: Literaturkritiker regten sich auf, ernste Professoren verdammten den braven Soldaten als eine wertlose Schweinerei, die uns vor dem Ausland Schande machen würde, Übersetzer lehnten es ab, das Buch zu übertragen. (Makarska 2016: 225.) Es war Max Brod, der wohl als erster die Größe Hašeks erkannte: „Die Leistung Hašeks ist– mag er auch vielleicht selbst nicht darum wissen– höchsten Ranges.“ Auch linke Literaten lobten das Werk, so etwa Ivan Olbracht. Die Übersetzerin Grete Reiner war mit einer doppelten Schwierigkeit konfrontiert: einmal der Frage, ob man das Werk überhaupt übersetzen sollte, die sie entschieden mit Ja beantwortete, zum andern mit der Frage, wie man es ins Deutsche bringen sollte, auch hier fand sie eine Antwort, freilich eine, die nicht unumstritten war, schon zu ihrer Zeit. Wie dieses schlichte Tschechisch ins Deutsche bringen? Ins Hochdeutsche es zu setzen, wäre unpassend, das würde dem Original nicht gerecht. Es würde das Werk auf eine höhere Ebene heben, auf der es nicht seinen Platz hat. Einen deutschen Dialekt zu nehmen, wäre peinlich, denn es ist ja nicht in einem Dialekt geschrieben. Ein Schwejk, der schwäbisch spricht, wäre doch ein Unding, genauso wie einer, der berlinert. Die eigenartige Prager Färbung muss im Deutschen erhalten bleiben. Das gelang ihr durch das sog. Kleinseitner Deutsch, das Deutsch der Prager Kleinseite. Sie schreibt dazu: Ich habe mich bemüht, die volkstümliche Derbheit Schwejks und seiner Gefährten in dem sog. Prager Deutsch wiederzugeben, das, durch eine gewisse Tschechisie‑ rung verschiedener deutscher Worte und Wendungen entstanden, die Volkssprache in diesem Fall ersetzen musste. (Makarska 2016: 227)
135HANS DIETER ZIMMERMANN Es ist ihr also voll bewusst, was sie macht. Sie schafft– ein kreativer Prozess– aus dem Kleinseitner Deutsch eine Sprache, die der Sprache Hašeks als Äquivalent dienen kann: Das Deutsch ihrer Übersetzung hat Reinerova nicht von dem musterhaften Prager Deutsch (mit einigen Bohemismen und Austriazismen), der Sprache der deutschen Oberschicht also, abgeleitet, sondern von dem sog. Kleinseitner Deutsch, von Pavel Trost als ‚volkstümliches Deutsch der Tschechen, Utraquisten und Deutschen‘ be‑ zeichnet, von anderen als ‚Sprache der tschechischen Handwerker oder Dienstboten, z.B. in Wien‘. (Makarska 2016: 227) Es war gerade dieses Kleinseitner Deutsch, das den Erfolg ihrer Übersetzung in Deutschland und Österreich hervorrief, denn es gab den Lesern den Eindruck, in die Prager Atmosphäre einzutauchen, und zwar in die der Habsburger Monarchie. Hašeks Schwejk spielt doch 1914 bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs. So ist Grete Reiners Übersetzung eine zeitgenössische Übersetzung, die nicht nur auf ihre Weise das Lokalkolorit mitbringt, sondern auch das Zeitkolorit. Insofern kann sie nicht ver‑ alten, wie auch Schwejk nicht veraltet. Und sie kann durch keine neue Übersetzung eingeholt werden, denn dieser fehlt sowohl das Lokalkolorit als auch das Zeitkolorit. Man muss auch auf die österreichische Literatur sehen, in der Grete Reiner– sie war bis 1918 Österreicherin– wohl zu Hause war und in die auch ihre Übersetzung führt. Da ist die große Wiener Volkskomödie eines Ferdinand Raimund und eines Johann Nestroy im Wiener Dialekt. Da sind die Figuren in Hugo von Hofmannsthals Stücken, die ein gepflegtes Wienerisch sprechen, das uns heute fremd ist, uns aber hundert Jahre zurückführt in eine andere Geschichtsepoche. Im Übrigen wären auch einmal ihre Übersetzungen zu prüfen, die im Urschwejk vorliegen, vor allem Kommandant der Stadt Bugulma, nach dem tschechischen Philosophen Karel Kosík ein Text, ohne den der Schwejk nicht zu verstehen ist. Ihre gesamte Leistung als Übersetzerin sollte einmal gewürdigt werden. Ein Vorwurf bleibt am Schluss: sie hat Spitzen entschärft, auch solche gegen die Österreicher; das mag der leichteren Rezeption in diesem Land geopfert worden sein. Pavel Petr schreibt in seiner Arbeit, in der er sorgfältig die Übersetzung am Original überprüfte: Abschließend ist zu sagen, dass die aufgezählten Unterschiede zwar gelegentlich eine Modifizierung zwischen dem Original und der bisher einzigen deutschen Übersetzung, jedoch keine grundlegende Veränderung der Aussage mit sich bringen. (zit. n. Makarska 2016: 228) Es war die Übersetzung der Grete Reiner, die in einer Zeit, als Schwejk in Prag noch umstritten war, diesem großen Werk den Weg in die Weltliteratur ebnete, denn die deutsche Übersetzung war wiederum Vorlage für andere Übersetzungen und Vorlage für die Dramatisierung von Max Brod, die Erwin Piscator in Berlin aufführte, ein gro‑ ßer Erfolg, der für Schwejk den Durchbruch brachte: Ein kleiner Mann mit schlichtem
136 BRÜCKEN 28/1 Tschechisch, der klüger ist als die hohen Herren Offiziere der kaiserlichen Armee, ein Exempel auch für andere Zeiten.1 Makarska, Renata (2016): Translationsbiographische Forschung. Am Beispiel von Siegfried Lipi‑ ner und Grete Reiner.– In: Neue Beiträge zur Literatur‑ und Kulturgeschichte des Übersetzens. Berlin: Frank und Timme, 215–232. 1 Der Urschwejk, frühe Texte Hašeks mit der Figur Schwejks und ohne diese, übersetzt von Grete Reiner, sind im Band Urschwejk gesammelt, der in der Tschechischen Bibliothek erschien und im Wieser ‑Verlag Klagenfurt 2021 wieder vorgelegt wird.