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Editorial

Beuckers, Klaus Gereon

Abstract

Die Christiana Albertina wurde 1966 als Kieler Universitätszeitschrift gegründet und ist seither wichtiges Instrument zur Verbreitung und Dokumentation…

Full text

7 Editorial »Universität im Umbruch« – so titelten Anfang der 2000er Jahre zahlreiche Beiträge, die sich mit der aktuellen Situation der Hochschulen in Deutschland beschäftigten: Ob der AStA der FU Berlin dies in Bezug auf den globalen Bildungsmarkt 2005 zum Titel eines kleinen Sammelbandes machte und damit in ein Kerbe schlug, die Konrad Schily, der Präsident der Universität Witten/Herdecke, 1997 im Spectrum der Wissenschaften formuliert hatte, ob der damalige niedersächsische Staatssekretär Josef Lange programmatisch vor dem Hintergrund der kommenden Exzellenzinitiative des Bundes 2005 auf einem Festakt der Universität Bayreuth diesen Umbruch durchdeklinierte oder Eckhard Wagner dies schon 2001 zu einem Hauptkapitel seines Buches Universitäten im Wettbewerb machte. Dabei dürfte es eines der Leitmotive von Universitätsgeschichte sein, dass sich Hochschulen immer wieder neuformieren, den Zeitentwicklungen anpassen und dabei auch Umbrüche vollziehen müssen. 2010 unterstellte sich deshalb auch ein Sammelband der Universität Jena dieser Überschrift und meinte dabei »Universität und Wissenschaft im Spannungsfeld der Gesellschaft um 1800«. Heute, Mitte der 2020er Jahre, gerät das Gefühl eines Wendepunktes der Universitäten erneut wieder verstärkt in das Bewusstsein, nachdem der Gaza-Konflikt zu einer seit langem nicht mehr wahrgenommenen streitenden Politisierung an etlichen Hochschulen geführt hat, die Freiheit des Denkens und Artikulierens unterschiedlicher politischer und gesellschaftlicher Standpunkte an den Universitäten angesichts einer Dogmatisierung von Fragen rund um geschlechtliche Identität oder kolonialistische Denkmuster sowie Sprachvorgaben gefühlt einen Tiefpunkt erreicht haben, während das sinkende schulische Bildungsniveau die Fortsetzung einer intellektuellen Debatte an den Universitäten zunehmend sowohl inhaltlich wie auch in der Form gefährden. Gleichzeitig befeuern Exzellenz-Initiativen die Forschungselite und entkoppeln Teile der Universität immer mehr vom Lehrbetrieb, in dem sich aufgrund der schulischen Vorbildung und der Leistungsbereitschaft das Niveau stetig weiter auf die Vermittlung bestenfalls grundlegender Voraussetzungen wissenschaftlicher Auseinandersetzung zurücknehmen muss. Die Universitäten verändern sich derzeit also rasant und dies gilt kaum weniger auch für die Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Jede Generation hat die Universität ihren Vorstellungen angepasst. Meinte man in den 1960/70er Jahren, mit der Zerschlagung der hierarchischen Strukturen der Ordinarienuniversität eine neue Offenheit zu erzielen, so suchten die 1980/90er Jahre mit Auflösungen der Fachbereiche einer Interdisziplinarität gerecht zu werden. Von beiden Entscheidungen sind → Kiel-up: https://doi.org/10.38072/2942-2337/p17 7 8 85|2024 Christiana Albertina heute ebenso die Nachteile wie ein fehlendes Verantwortungsbewusstsein, unklare Zuständigkeiten einerseits und eine fachliche Orientierungslosigkeit andererseits erkannt, weshalb sich neue Hochschulformen beispielsweise im Dualen Studium oft wieder traditionell organisieren. Die Schließung ›kleiner Fächer‹ um die Jahrtausendwende wird heute als Verarmung der universitären Vielfalt beklagt und führt zu einer Abhängigkeit ganzer Themenfelder von der Anwerbung außerhalb von Deutschland ausgebildeter Fachkräfte. Jede universitäre Reform muss sich heute solcher möglicher Folgen bewusst sein und sehr genau durchdacht, vor allem aber auch breit und offen diskutiert werden. Wenn aktuell führende Firmen die mit der Corona-Pandemie eingeführte Arbeit im ›Homeoffice‹ zurücknehmen, um einen stärkeren Austausch unter den Mitarbeitenden als leistungsförderndes Prinzip wieder zu stärken, dann müssen sich auch die Universitäten fragen, welche Anwesenheitszeiten sie sowohl von ihren Studierenden als auch ihren Lehrenden erwarten und welchen Stellenwert sie einer Residenzpflicht der Lehrenden zuweisen möchten, wie stark sie sich noch als ausbildende Institution verstehen. Die CAU zeigt ihren derzeitigen Umbruch nicht zuletzt in ihrer baulichen Aktivität. War das Verlassen des alten Kollegiengebäudes im Schlossgarten nach dem Zweiten Weltkrieg mehr eine Entscheidung für einen demokratischen Neuanfang als eine Reaktion auf die Teilzerstörung, so war die Anlage in den ehemaligen Fabrikgebäuden der ELAC ein Versuch, die britische Campusidee mit ihrer Geisteshaltung auf Kiel zu übertragen. In den 1950/60er Jahren plante man mit den Solitärbauten an der Olshausenstraße eine Architektur, die den sozialen Austausch unterstützen sollte, bevor die Neueinrichtung der Leibnizstraße in den späten 1960er Jahren auf die stetig gestiegenen Studierendenzahlen mit einer Rasterarchitektur antwortete, die man in Anlehnung an Le Corbusier als Bildungsmaschine charakterisieren kann. Die derzeitigen Neubauten an allen Standorten der CAU sowohl an der Olshausenstraße, der Leibnizstraße und am Klinikum in Düsternbrook als auch dem Technischen Campus auf dem Ostufer bilden die umfassendste Neubautätigkeit der CAU seit den 1970er Jahren. Sie ist ein Thema dieser Ausgabe der Christiana Albertina, wie die Zeitschrift von ihren Anfängen immer wieder Beiträge über das Baugeschehen an der CAU veröffentlicht hat. Oft ging es dabei um Konzepte einer zeitgemäßen Universität und ihre bauliche Konsequenz, wozu derzeit eine Diskussion hierzu innerhalb der CAU kaum Resonanz findet. Die Fokussierung auf energetische und verkehrstechnische Fragen scheint die Bauten selbst zurücktreten zu lassen, jedoch wird die Arbeit in diesen Gebäuden mit ihren Raumzuschnitten und Grundrissen sowie der Aufenthalt zwischen ihnen im Angesicht ihrer Fassaden die nächsten Jahrzehnte prägen. Es ist deshalb zu hoffen, dass an der CAU der Faden einer inhaltlichen Auseinandersetzung über Architektur wiederaufgenommen wird, der bei den Neubauten der 1950er bis 1970er Jahre so markant vorhanden war. Die diesjährige Ausgabe der Christiana Albertina enthält zudem Beiträge zur Universitätsgeschichte von der konzeptionellen Diskussion über die Einrichtung einer Professur im zeithistorischen Umfeld bis zu den Studierendenunruhen der 1968er Jahre. Ein Beitrag über den Botanischen Garten widmet sich einer Institution der CAU und steht stellvertretend für Editorial 9 die Organe unserer Hochschule. Aus den verschiedenen Fakultäten und großen Forschungsprojekten werden Forschungsaktivitäten vorgestellt und Einblick in Teile ihrer Ergebnisse gewährt. So wird das reiche Spektrum an der CAU quer durch die Fachbereiche deutlich. Hier knüpft die Ausgabe an die Tradition der vergangenen Jahrzehnte an und übernimmt von dort auch die einleitende Rubrik Das Kunstwerk, die sich diesmal einer Handschrift in der Universitätsbibliothek widmet, welche sie im 18. Jahrhundert aus dem Nachlass eines Professors erhielt. Das fruchtbare Wirken der Lehrenden jüngerer Zeit spiegeln dann auch die Nachrufe auf Verstorbene, die eine feste eigene Rubrik bilden und eine verneigende Würdigung vor ihren fachlichen und universitären Leistungen sein soll. In der diesjährigen Ausgabe fehlt ein Rezensionsteil, da im vergangenen Jahr leider offenbar kein einziges Buch erschienen ist, das sich mit der CAU oder Teilen von ihr beschäftigt. Dies sei Apell zur Beschäftigung mit der Geschichte, Bedeutung und den Konzepten unserer Universität in Zukunft. Die Christiana Albertina will alle Fakultäten der CAU spiegeln und ist offen für Beiträge. Mit dieser zweiten Ausgabe in neuem Gewand und in digitaler Form, die durch wenige gedruckte Belegexemplare flankiert wird, hat sie nach einigen Jahren der Stagnation ihren eigenen Umbruch vollzogen und ist jetzt wieder etabliert sowie in das Bewusstsein der Angehörigen der CAU zurückgekehrt. Füllen wir sie mit Inhalten! Prof. Dr. Klaus Gereon Beuckers für die Schriftleitung Kontakt E-Mail: christiana.alber[email protected]iel.de Open Access // Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0. 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