scieee Open visual document viewer

Gedankenexperimente

Ohrt, Connor

Abstract

Ein Gedankenexperiment ist eine besondere Form der Argumentation, bei der durch ein kontrafaktisches Szenario eine Situation imaginiert wird,…

Full text

155 h ps://doi.o g/10.38071/2024-00985-2 h ps://c ea i ecommons.o g/licenses/by-sa/4.0 Gedankenexpe imen e Conno Oh Abs ac Ein Gedankenexpe imen is eine besonde e Fo m de A - gumen a ion, bei de du ch ein kon a ak isches Szena io eine Si ua ion imaginie wi d, die zu Klä ung on Be- g i en und ih en Zusammenhängen bei äg . Einlei ung Sei es Geschich en gib , gib es auch Leh en, die wi aus ihnen ziehen können. Fabeln e heben den mo alischen Zei- ge inge , Mä chen s ellen nu allzu häu ig die ge- ode miss- lungene Emanzipa ion des Helden Jugendliche om el e li- chen Haus und die In eg a ion in den K eis de E wachse- nen da (Neumann, 2013, 234 .) und selbs My hen beinhal- en nach Ado no und Ho kheime (2018, 18) me apho isch die Be eiung Einzelne on den Mäch en eine my hischen Wel . Es s ell sich inso e n die F age, inwiewei die Fik ion ü philosophisches Denken on Rele anz sein kann. Auch Gedankenexpe imen e (GE) sind Fik ionen, kon a- ak ische Szena ien: „We in Gedanken expe imen ie , s ell sich e was o , das nich de Fall is “ (Be am, 2012, 15). Das ik i e Elemen de GE s eh jedoch du chaus im Zusammenhang mi den ealen Sach e hal en und P ozes- sen in de Wel , die Philosophie zu analysie en bes eb is . Wo ü abe b auchen wi die Fik ion in de Philosophie, die 156 Conno Oh sich doch ih em Wesen nach mi de Wah - und Weishei und de Re lexion da übe be ass ?1 Fak is , dass GE nich nu in de Philosophie, sonde n selbs in den empi ischen Wissenscha en eine wich ige Rolle spielen (Cohni z, 2006, 12), obwohl sie de Empi ie (also dem Wissen, das sich au E ah ung s ü z ) diame al gegenübe s ehen. Um GE e s ehen und anwenden zu können, muss dahe nich allein geklä we den, wie diese s uk u ie sind, sonde n auch, welche Funk ionen sie in de Philosophie und in den Wissenscha en e üllen können. Hie bei sind, wie zu zeigen sein wi d, e schiedene Funk ionen zu nennen. Zu- e s soll sich jedoch mi den wesen lichen Eigenscha en des GEs be ass we den, in einem zwei en Sch i we den dann die Funk ionen explizie und anhand beispielha e GE e anschaulich . 1. Die wesen lichen Eigenscha en des Gedankenex- pe imen s E neu : GE sind kon a ak ische Szena ien. „Ein Szena io is eine e zähle isch en wickel e Si ua ion. Kon a ak isch is ein Szena io genau dann, wenn e zähle isch eine Si ua- ion en wickel wi d, die ak isch nich bes eh “ (Be am, 2012, 15). Obwohl es sich um eine e zähle isch en wickel e Si ua ion handel , is ein GE jedoch nich mi Film ode Li- e a u gleichzuse zen. Selbs wenn ein Film eine philoso- 1 De g iechische Ausd uck φιλοσοφία (philosophia) bedeu e : „Die Liebe zu Weishei “. Gedankenexpe imen e 157 phische F ages ellung zu beinhal en schein – wie beispiels- weise die Wahl de o en ode blauen Pille im Film Ma ix2 – handel es sich beim Film selbs nich um ein GE. Wäh end bei jenen die Szena ien en al e und ausgeschmück we - den – de den Kugeln ausweichende Keanu Ree es is philo- sophisch unin e essan – sind diese konzise besch ieben und beg enzen die e zähle ischen Mi el au das ü die F a- ges ellung unmi elba No wendige. Dami wi d be ei s ein zwei e wich ige Punk ange- schni en: Die F ages ellung. Philosophische GE, um die es in diesem Au sa z gehen soll, beschä igen sich mi philoso- phischen Gegens andsbe eichen und F ages ellungen wie bspw. F agen danach, was Wissen is und was wi wissen können, was wi klich is , was ein gu es Leben is und was wi un sollen (Be am, 2012, 16). In einem GE we den diese, ande s als in Film ode Li e a u , explizi eingelei e und im Anschluss ausgewe e . Inso e n e gib sich ol- gende S uk u des philosophischen GEs: 1. Einlei ung du ch philosophische F ages ellung 2. Kon a ak isches Szena io 3. Auswe ung des Szena ios in Bezug au die F ages ellung (Be am, 2012, 17). Die einzelnen Elemen e gehen dabei häu ig ineinande übe ; so kann mi de E zählung des Sze- na ios auch de Rahmen on F agen en wickel we den, mi denen jenes e bunden is (Be am, 2012, 17). 2 De P o agonis Neo wi d o die Wahl ges ell , wei e in de bequemen, compu e gene ie en Illusion zu leben, indem e die blaue Pille einnimm , ode abe du ch die Einnahme de o en Pille in eine düs e en, pos apo- kalyp ischen Reali ä zu e wachen. Die o e Pille ep äsen ie mi hin die En scheidung, sich au die Suche nach de Wah hei zu begeben, auch wenn diese schme zha sein kann, wohingegen die blaue Pille die Akzep- anz de o gegebenen, nu scheinba en Reali ä ep äsen ie . 158 Conno Oh Nun is alle dings noch imme nich kla , inwie e n GE als na a i e und ik i e Kons uk e zu Klä ung philosophi- sche F agen bei agen können. An diese F age schließen, neben de naheliegenden F age de konk e en Funk ionali- ä , wei e e sys ema ische Übe legungen an. Weshalb üh man ein Expe imen nu ein Gedanken du ch? Diese F age läss sich ü die Philosophie leich bean wo en: Die Philo- sophie is eine nich empi ische Wissenscha . Sie be ass sich mi den Gegens änden, Zusammenhängen und Sach e - hal en, die empi isch nich e assba sind. Was is das We- sen de Liebe? Ab welchem Punk e s ick sich die Au klä- ung in Wide sp üche? Wie e scheinen uns die Dinge (und nich : Wie sind sie physikalisch bescha en)? Inso e n die Gegens ände de Philosophie sich de Messba kei ode ga de sinnlichen Wah nehmung selbs en ziehen, sind sie nich klassisch expe imen ell e assba . Die kon a ak i- schen Szena ien de GE können in de Philosophie somi die Expe imen e e se zen (Be am, 2012, 19). Man nehme das GE „Ma y“, das de Wide legung des Physikalismus dien . Un e dem Physikalismus kann man e ein ach die These e s ehen, dass sich alles Wissen übe die Wel in de Sp ache de Physik, sp ich du ch physikali- sche Gese ze, e assen läss (Be am, 2012, 170). Diese These, die im Üb igen die Philosophie als solche obsole ma- chen wü de, a au einigen Wide s and. So schein es doch einen Un e schied da zus ellen, wie die Dinge wah nehm- ba sind, und wie sie a sächlich emp unden und wah ge- nommen we den. F ank Jackson möch e mi seinem GE „Ma y“ eben alls zeigen, dass e was de physikalischen Be- sch eibung de Wah nehmungsp ozesse en geh und es also Gedankenexpe imen e 159 e was übe die Wah nehmung zu wissen gib , das nich Ge- gens and de Physik sein kann (Be am, 2012, 170). Ma y sei eine b illan e Neu owissenscha le in, die ge- zwungen is , die Wel aus einem schwa zweißen Raum he - aus mi hil e eines schwa zweißen Moni o s zu e o schen. Es wi d angenommen, dass sie ein olls ändiges Wissen übe die menschliche Fa bwah nehmung e wi b und dies wissenscha lich da s ellen kann. Wenn sie nun jedoch den schwa zweißen Raum e lassen dü e, schein es o en- sich lich, dass sie e was übe das isuelle E leben in de Wel le nen wi d. Dann wa jedoch ih o he iges Wissen au G undlage alle physikalischen In o ma ionen un oll- s ändig und es muss meh zu wissen geben als das physika- lisch Da s ellba e. Somi is de Physikalismus is alsch (Jackson, 2001, 123-138). In e essan is hie bei o allem die Fo m de A gumen- a ion du ch das GE. Dieses dien nämlich nich bloß als An- lass ü bes imm e Aussagen und A gumen e, sonde n is Teil diese selbs (Be am, 2012, 55). Die P ämissen de A - gumen a ion lassen sich nich ohne Bezug au die e zähle i- schen Elemen e o mulie en; inso e n handel es sich unk- ional be ach e a sächlich um ein Expe imen . Das Expe- imen kann hie bei P ämissen de A gumen a ion übe p ü- en ode eine eigene P ämisse da s ellen, indem das Szena- io gleichsam du chgespiel wi d (Be am, 2012, 62). 160 Conno Oh Exku s zum Syllogismus Syllogismen sind logische Schluss o men, bei denen zwei P ämissen zu eine Schluss olge ung (Konklusion) üh en.3 Beispiel A gumen bei „Ma y“ P1: Alle Menschen sind s e blich. P2: Alle G iechen sind Menschen. _________________ K: Alle G iechen sind s e blich. P1: De Physikalismus is dann wah , wenn sich alles Wissen übe die Wel in de Sp ache de Physik da s ellen läss . P2: Das Gedankenexpe imen „Ma y“ zeig , dass es meh zu wis- sen gib , als physikalisch da s ell- ba is . K: De Physikalismus is nich wah . Es konn e es ges ell we den, dass GE besonde e Fo men on A gumen a ionen sind, die de e zähle ischen Elemen e bedü en, um zu unk ionie en. Gleichzei ig jedoch müssen sie ih en e zähle ischen Rahmen übe s eigen, um einen Bei- ag zum ech en Leben leis en zu können. Mi „Ma y“ sollen nich bloß Aussagen übe eingespe e Genies ge o en we den können, sonde n übe die G enzen empi ische Messba kei und die Eigenhei en menschliche Wah neh- mung als solche . Auch das Leibbe inden is nich messba , wäh end die kö pe lichen Maße es du chaus sind (K üge , 1999, 38; Plessne , 1941, 238 .). De na a i e Rahmen de 3 Rein o mal be ach e handel es sich bei „Ma y“ nich um einen Syllo- gismus. Es we den alle dings – und nu dies soll hie da ges ell we den – eben alls um eine Schluss olge ung aus zwei P ämissen, on denen eine du ch das Gedankenexpe imen gegeben is . Gedankenexpe imen e 161 GE is mi hin lediglich ein Mi el, um Beg i e und beg i - liche Zusammenhänge (Im Falle „Ma ys“ die des Wissens, de empi ischen Messba kei und de Wah nehmung) zu exempli izie en. Dami die A gumen a ion unk ionie , is das na a i e Elemen no wendig, es geh jedoch nich um dieses selbs . Die E gebnisse des GEs, d.h. die Schä ung o- de Ände ung de Beg i e und ih e Zusammenhänge, kön- nen dann au ande e Sach e hal e übe agen we den. Be - am (2012, 56 .) sp ich dahe auch on na a i en P o o- ypen, also e zähle ischen, s ell e e enden Beispielen. Die S uk u und Sys ema ik on GEn sind dami hin ei- chend geklä : Bei GEn handel es sich um kon a ak ische Szena ien, die eine philosophische F ages ellung behan- deln, du ch welche jene auch zumeis eingelei e we den und die im Anschluss ausgewe e wi d. Das na a i e Sze- na io is dabei selbs ein no wendige Teil de A gumen a- ion im Sinne eines na a i en P o o yps. Als gedankliche Expe imen e sollen sie die empi ischen Expe imen e de Na u wissenscha en ü den nich empi ischen Disziplinen- Komplex de Philosophie e se zen, indem die Szena ien ge- danklich du chgespiel we den und so zu E gebnissen gelan- gen, die sowohl das Übe p ü en ode Se zen on P ämissen als auch Konsequenzen de A gumen a ion um assen kann. 2. Funk ionen des Gedankenexpe imen s Aus diesen E kenn nissen können konk e e e Funk ionen on GEn abgelei e we den. Das GE „Ma y“ dien beispiels- weise de Ände ung bes imm e Übe zeugungen, in diesem Falle denen des Physikalismus (Cohni z, 2006, 79). Du ch 162 Conno Oh die kon a ak ischen Szena ien können Übe zeugungen bzw. Thesen als alsch da ges ell we den, indem ein Wi- de sinn, eine ande e Möglichkei ode Konsequenz da ge- s ell wi d. So we den in de P ak ischen Philosophie GE mi un e e wende , um o geschlagene No men zu k i i- sie en (Cohni z, 2006, 146). Dies könn e dann in e wa ol- gende maßen ablau en: Anhand welche No m kann ich mo alisch ich ig en scheiden? Nehmen wi an, dass die o geschlagene No m, man solle imme nach dem g öß - möglichen Glück ü die meis en Menschen en scheiden4, gil (Einlei ung du ch philosophische F ages ellung). S el- len wi uns nun Fall X o (kon a ak isches Szena io). Is es auch in diesem Fall möglich, anhand de o geschlagenen No m ich ig zu en scheiden (Du chspielen des Szena ios und Auswe ung)? In dem be ühm gewo denen T olley-Di- lemma on Philippa Foo (2002) wi d mi den P oblemen mo alische No men e schiedene A gumen a ionslinien (U ili a ismus, Deon ologie, Tugende hik e c.) gespiel . Man sei in e schiedenen Szena ien o die Wahl ges ell , die Weichen eines Zuges umzus ellen, dami e übe einen ande en Gleis äh , ode nich s zu un e nehmen (Foo , 2002). Au den beiden Gleisen können dann z.B. ein al e und ein junge Mensch es gebunden sein, ün Ve b eche und eine unschuldige Pe son o.ä.: 4 Dies is de Ke ngedanke des U ili a ismus. Gedankenexpe imen e 163 Abb.1: Sc eensho s T olley Dilemma, h ps://neal. un/ab- su d- olley-p oblems/ (abge u en am 10.02.2024).5 5 Au diese Sei e we den e liche Szena ien da ges ell , bei denen man en scheiden soll, ob man den Hebel zieh ode nich . Konsequen anhand eine A gumen a ionslinie zu en scheiden, schein unmöglich. P obie en Sie es aus!