Logiken strukturbildender Prozesse: Automatismen
Abstract
Veröffentlichungen der Universität ohne VL-DOI. Logiken strukturbildender Prozesse: Automatismen. Paderborn : Fink, 2016
Full text
Norbert Otto Eke, Lioba Foit, Timo Kaerlein, Jörn Künsemöller (Hg.) LOGIKEN STRUKTURBILDENDER PROZESSE: AUTOMATISMEN
SCHRIFTENREIHE DES GRADUIERTENKOLLEGS „AUTOMATISMEN“ Herausgegeben von Hannelore Bublitz, Norbert Otto Eke, Reinhard Keil, Christoph Neubert und Hartmut Winkler
Norbert Otto Eke, Lioba Foit, Timo Kaerlein, Jörn Künsemöller (Hg.) LOGIKEN STRUKTURBILDENDER PROZESSE: AUTOMATISMEN Wilhelm Fink
Gedruckt mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft Umschlagabbildung: Jürgen Gebhard (picturepress) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlorfrei gebleichtem und alterungsbeständigem Papier. Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Dies betrifft auch die Vervielfältigung und Übertragung einzelner Textabschnitte, Zeichnungen oder Bilder durch alle Verfahren wie Speicherung und Übertragung auf Papier, Transparente, Filme, Bänder, Platten und andere Medien, soweit es nicht §§ 53 und 54 UrhG ausdrücklich gestatten. © 2014 Wilhelm Fink, Paderborn (Wilhelm Fink GmbH & Co. Verlags-KG, Jühenplatz 1, D-33098 Paderborn) Internet: www.fink.de Lektorat und Satz: Margret Westerwinter, Düsseldorf; www.lektorat-westerwinter.de Einband: Evelyn Ziegler, München Printed in Germany. Herstellung: Ferdinand Schöningh GmbH & Co. KG, Paderborn ISBN 978-3-7705-5730-1 Online-Ausgabe: 2016
INHALT NORBERT OTTO EKE, LIOBA FOIT, TIMO KAERLEIN, JÖRN KÜNSEMÖLLER Logiken strukturbildender Prozesse. Automatismen ............................................................................................ 9 AUTOMATISMEN DER HERAUSBILDUNG VON NORMEN, HIERARCHIEN UND HEGEMONIEN HANNELORE BUBLITZ AUTOMATismen ...................................................................................... 19 RALF ADELMANN Listen und Ranken. Zur medialen Strukturierung des Internets ................................................ 41 MARION NÄSER-LATHER Una decisione con divisa da tutte? Soziale und diskursive Dynamiken am Beispiel der italienischen Frauenbewegung „Se non ora quando“ ................................ 59 ROMAN MAREK Automatismen der Begriffsgeschichte. Der „Klon“ und seine Metamorphosen ...................................................... 81 THESEN I JÖRN KÜNSEMÖLLER These 1: Automatismen sind Modelle mehrdimensionaler Statistik .......... 109
INHALT TIMO KAERLEIN These 2: Eine gegebene Struktur wird unter Umständen vorschnell auf das Wirken von Automatismen zurückgeführt. Dadurch entstehen blinde Flecken bei der Suche nach erklärenden Variablen und die Forschung droht selbst zum Automatismus zu werden. ................................................................... 116 AUTOMATISMEN ALS GESTALTUNGSELEMENT IN DIGITALEN SYSTEMEN MARCO PLATZNER, CHRISTIAN PLESSL Verschiebungen an der Grenze zwischen Hardware und Software ........... 123 TORBEN WEIS, CHRISTOPHER BOELMANN Automatismen zur Strukturbildung und Selbst-Organisation in verteilten Systemen ............................................... 145 DOMINIK LEIBENGER, CHRISTOPH SORGE Automatismen in einem verteilten System: Das Beispiel Bitcoin .................................................................................. 161 THESEN II CHRISTIAN KÖHLER These 3: Auch eine kritische Automatismen-Forschung kann eigene Automatismen nicht vermeiden, da sie unvermeidliche Bedingung von Erkenntnisproduktion sind. ............................................... 175 MARTIN MÜLLER These 4: Schattenkonten. Ordnungspraktiken des Trennens und der Reduzierung von Komplexität können zu unerwarteten Automatismen der Herausbildung heterogener Strukturen und zu Komplexitätssteigerungen führen. .................................................. 179
INHALT HARTMUT WINKLER These 5: „Maschinenförmiges Verhalten“ ist für menschliche Kulturen „das wesentliche Element des Überlebens“ (Leroi-Gourhan). ....................................................................................... 184 WIEDERHOLUNG, UNTERBRECHUNG, ENTAUTOMATISIERUNG FRIEDRICH BALKE „Weltgeschichtliche Totenbeschwörung“. Der Akt der Wiederholung und die Macht des Anachronismus in Geschichte und Literatur .............................................. 191 NORBERT OTTO EKE „Ihr drängt euch zu“. Inszenierungen mnemonischer Automatismen und epiphanischen Erscheinens ................................................................. 209 WERNER WOLF Wiederholung bzw. Ähnlichkeit in der (Sprach-)Kunst als sinnstiftende formale Selbstreferenz .................................................... 227 INGA LEMKE Der Künstler als „Apparat“ und „Maschine“ – Das Beispiel Paul Cézanne ........................................................................ 253 THESEN III DOREEN HARTMANN, MONIQUE MIGGELBRINK These 6: Es gibt Kulturtechniken, die eine Nähe zum Unbewussten aufweisen. So ist beispielsweise das Kochen eingebunden in weitreichende Prozesse und Strukturen, die sich als Automatismen beschreiben lassen. ............................................................ 273
INHALT MATTHIAS KOCH These 7: Die epistemologische Problematik (einer Historisierung) von Automatismen steht im Horizont eines modernen Geschichtsverständnisses . ........................................................ 279 ABBILDUNGSNACHWEISE ........................................................................... 285 ÜBER DIE AUTORINNEN UND AUTOREN ..................................................... 287
LOGIKEN STRUKTURBILDENDER PROZESSE. AUTOMATISMEN 15 gent und flüchtig gewordener Wahrnehmungen“14 resultieren, die die Welt nicht mehr automatisch in Entitäten begreife (und damit entautomatisiere). Zugleich werde jedoch klar, dass diese Subjektivität immer – automatisch – auch neue Zusammenhänge präge, die sich unweigerlich und ebenso automatisch im Kunstwerk niederschlagen. 14 Ebd., S. 268.
AUTOMATISMEN DER HERAUSBILDUNG VON NORMEN, HIERARCHIEN UND HEGEMONIEN
HANNELORE BUBLITZ AUTOMATISMEN Einleitung Es besteht eine produktive Spannung zwischen dem Modell des Automaten als selbsttätiger Maschine und dem Automatismus als einer besonderen Form der Selbsttätigkeit, die die Dynamik komplexer Prozesse und Handlungsvollzüge durch den Einsatz – wiedererkennbarer – Muster steuert. Erscheint der Automat als bloße Wiederholungsmaschine, die technisch Programmiertes für eine gewisse Zeit selbsttätig ausführt, so bildet beim Automatismus eine implizite Struktur den ,Motor‘ der situativen Aktualisierung von Schemata. Aber als technisch-apparativer ‚Spiegel‘ ist der Automat mehr als das, nämlich eine ‚Maschine des Selbst-Bezugs‘. ‚Reflexionsinstrument‘ des Subjekts im doppelten Sinne (der Spiegelung und der Selbst-Reflexion) wie auch Metapher unbewussten Geschehens, rückt er als Medium, das Selbstverhältnisse des Subjekts materiell erst ermöglicht, in den Blick. Doch der medial vermittelte Bezug auf ein Selbst ist nicht ungebrochen: Das Subjekt bildet sich selbst zwar durch die materiellen Bedingungen, die es mit-formen, aber es bildet diese nicht gleichsam als Struktur bloß in sich ab. ,Reflexive‘ Praktiken, die auf der Grenzfläche weitgehend unbewusster Prozesse angesiedelt sind, bringen die Subjekte sowohl als Objekte als auch als Akteure ins Spiel. Dabei sind intransparente Vorgänge wirksam, die sich dem bewussten Zugriff des Subjekts entziehen. Und auch das Innere des Subjekts koppelt sich an opake Techniken; es funktioniert, wie Freud annimmt, selbst gleichsam automatisch und weitgehend unbewusst. Als Folie somatischer Praktiken und überwiegend unbewusst gesteuerter Dispositionen bildet der Automat das Modell eingespielter und antizipierter Abläufe, die die Komplexität der sozialen Praxis ebenso wie die psychischer Prozesse reduzieren. So zeigt sich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen selbsttätigen Maschinen und Kulturtechniken. Mein Beitrag spannt den Bogen zwischen dem technischen Automaten als Metapher für selbst bewegtes Funktionieren, ja, für die Funktionsweise des lebendigen Organismus und Automatismen als selbstgesteuerten Kulturtechniken und -praktiken. Der Beitrag will zeigen, dass und wie Automatismen auf vielschichtige Weise mit Techniken des Selbst und der Sozialität verschränkt sind. Ich gehe davon aus, dass sowohl der Automat als Modell einer Maschine, die vorprogrammierten Abläufen folgt, als auch Automatismen, die als eingespielte, verfestigte Abläufe, verdichtete Muster und schnell abrufbare Techniken funktionieren, auf vielschichtige Weise miteinander sowie mit spezifischen Formen der Sozialität
HANNELORE BUBLITZ 20 und Selbsttechnologien verschränkt sind. Automatismen rücken als weitgehend unbewusste Formen der Selbsttätigkeit in die Nähe der Funktionsweise technischer Objekte; als Gegenstück zur bewussten Reflexion (intentional handelnder Subjekte) bewegen sich Automatismen aber auch in unmittelbarer Nähe zum Instinktiven und Reflexhaften sowie zum bloß reflexartig Antrainierten. Es zeigt sich, dass Automatismen zwar einerseits dem Automaten, Maschinenhaft-Technischen, aber auch der tierischen Natur, nah sind, aber zugleich auf bloße Reflexe oder eingeübte Abläufe nicht zurückgeführt werden können, sondern darüber hinausgehen. Und es ist dieses ‚Mehr‘, das sie zu Struktur bildenden Vorgängen macht. Vor Reflexion gewissermaßen geschützte Automatismen, bilden, so die These meiner Ausführungen, ein wesentliches Element kultureller Praktiken, die komplexe Handlungsvollzüge auf habitualisierte (Verhaltens-)Schemata und Muster reduzieren. Automatismen erscheinen am Gegenpol planvollen Handelns, das sich mit Willen und Bewusstsein Bahn bricht. Gemeint sind hier unvorhergesehene und unvorhersehbare Abläufe, die quasi wie eine in Gang gesetzte Maschinerie funktionieren, darüber hinaus aber emergente Prozesse und Strukturen hervorbringen. Wo sich Muster herausbilden, die sich der bewussten Kontrolle planvollen Handelns entziehen oder die Schwelle subjektiven Bewusstseins unterschreiten, können komplexe Situationen gewissermaßen ökonomisch und d. h. in diesem Fall ‚gedankenlos‘ – und, wie Gehlen sagt, ‚zuverlässig‘ – gehandhabt werden1. Das gilt erst recht für soziale Automatismen, schematisch eingeschliffene Verhaltensabläufe eines „im Schnittpunkt verschiedener sozialer Koordinaten ‚funktionierenden‘ Menschen“2, dessen habitualisierte Schemata wie eine Maschine überall und scheinbar wie ‚von selbst ablaufen‘ und insofern optimal angepasst sind an verschiedene Situationen und Umgebungen.3 Ich will im Folgenden einige der Diskurs- und Schnittstellen markieren, an denen Automatismen lokalisiert werden können. Dabei zeichnet sich ab, dass Automatismen einerseits, bezogen auf das einzelne, als souverän konturierte Subjekt, als Zeichen des Kontrollverlusts erscheinen, andererseits in Bezug auf kollektiv koordinierte Selbstführung geradezu als Zeichen eines Kontrollzuwachses lesbar sind. Kontrolle verändert hier seine Qualität. Sie wird durch an kollektive Dynamiken der Koordination gekoppelte Formen der Selbstkontrolle und Selbstführung beschleunigt, gesteigert. 1 Vgl. Arnold Gehlen, Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme der industriellen Gesellschaft, Hamburg, 1957, S. 105. 2 Ebd., S. 106. 3 Gehlen weist darauf hin, dass der so Handelnde damit austauschbar ist; vgl. ebd., S. 104.
AUTOMATISMEN 21 Das Andere der Vernunft In der – abendländischen – Geschichte dort angesiedelt, wo die Vernunft außer Kraft gesetzt ist und sich die Erscheinungen der Einbildungskraft, der Gefühle wie auch des Traums nicht hat aneignen können, treten, so zeigt Goya auf seinem berühmten Bild Der Schlaf/Der Traum der Vernunft Trugbilder, wenn nicht gar monströse ‚Ungeheuer‘ an die Stelle des Bewusstseins und des Wissbaren. Die Inschrift auf dem Tisch legt nahe, dass die Vernunft gekoppelt ist an Wachzustände und Arbeit(sdisziplin): „Der Schlaf der Vernunft produziert Ungeheuer“. 1 – Der Traum der Vernunft Nach Freud sollte man wissen, daß vernünftig sein ein Projekt der Disziplin darstellt. Vernunft ermöglicht nicht nur Beherrschung und Kontrolle, sondern ist selbst schon Beherrschung und Kontrolle: eine ständige Zensur muß dafür sor-
HANNELORE BUBLITZ 22 gen, daß das Andere die schöne Ordnung der Realität, des Diskurses, der Rationalität nicht durcheinanderbringt4. Vernunft ist ohne ihr Anderes nicht denkbar; aber eine disziplinarisch wirkende Vernunft, die ihr Anderes als irrational, ja irreal diskreditiert, bleibt sich im Unklaren darüber, was gewissermaßen im Rücken der Vernunft entsteht und wie es wirkt. Die Disqualifizierung der Einbildungskraft und der Fantasie als bloß irrationale Kräfte, die, mit der Vernunft nicht konform, Gefahr im Verzug anzeigen, es sei denn, sie werden dem Verstand unterstellt, verweist auf den umfassenden Anspruch, aber auch auf die Täuschung der Vernunft über sich selbst. Sie wirkt sich vor allem dort aus, wo sie alles zu umschließen gedenkt, was sich ihr und ihrem Diskursprinzip zu entziehen droht – und an Grenzen stößt. Und da wird sie zum Mythos, der auf Abwehr, Zensur, Repression, Grenzziehungen und Ausgrenzungen gegründet ist. Hier erscheint sie selbst als das, was das Projekt der modernen Vernunft gerade ausschließen wollte, eine größtenteils unkontrolliert wirkende Maschinerie, die sich ‚hinter dem Rücken‘ derer vollzieht, die bewusst auf Abstand gehen – zum ‚Unzivilisierten‘ und ‚Unkultivierten‘. Vernunft ist ein Züchtungsprodukt […], aber der Selbst-Zucht, der Disziplin. Was das im Inneren hieß, welche Dunkelheiten da geschaffen wurden, welche Irrationalität im Rücken der Vernunft entstand, wurde vielen erst deutlich, als Disziplin nicht mehr Leistung des Einzelnen war, sondern von außen abverlangt, institutionell erzwungen wurde.5 Goyas Gemälde „Der Schlaf der Vernunft“ gibt Anlass zu folgenden Fragen: Sind die im Hintergrund des über seinem Zeichentisch zusammengesunkenen Künstlers aufsteigenden Gebilde – alles ‚Nachtschwärmer‘ – Produkte der Vernunft und ihres universellen, ihres Vollkommenheitsanspruchs selbst, ja, ist die kontrollierende Vernunft hier selbst am Werk oder entstehen sie, wenn die Vernunft nicht ,wacht‘, sondern schläft und daher unkontrollierten Prozessen Raum gibt? Anders gefragt: Wird das ‚Irrationale‘ von einer umfassenden Vernunft, die alles in sich aufnehmen und regeln zu können beansprucht, (mit-)produziert? Ist also die Vernunft selbst eine unkontrolliert wirkende, selbstgesteuerte Maschine? Oder sind es die vom Verstand unkontrollierten Vorgänge des Triebgeschehens, die Schemata der Fantasie, Gebilde der Träume und Traumata selbst, die hier im Rücken des schlafenden – und möglicherweise erschöpften – Subjekts wirken? Und eine weitere Möglichkeit: Ist das, was sich da Ausdruck verschafft das letztlich womöglich Unkontrollierbare, das sich der Berechnung, Quantifizierung und Vermessung ebenso wie dem Logischen zu entziehen scheint, weniger das ‚Andere‘, die unliebsame Kehrseite der Vernunft, deren Außerkraftsetzung (im Schlaf) Ungeheuer produ- 4 Hartmut Böhme/Gernot Böhme, Das Andere der Vernunft. Zur Entwicklung von Rationalitätsstrukturen am Beispiel Kants, Frankfurt/M., 1985, S. 12 f. 5 Ebd., S. 10.
AUTOMATISMEN 23 ziert, als vielmehr Ausdruck einer Eigendynamik, mit der komplexe, vieldeutige Prozesse auf handhabbare reduziert werden, die unabdingbar sind für funktionierende technische und soziale Abläufe? Exkurs An dem folgenden Beispiel, das der Literatur entnommen ist, werden die Monstrositäten und ‚Ungeheuer‘ deutlich, die eine gleichsam ‚ökonomische‘, repressive Vernunft, offenbar ungeplant und unvorhergesehen, aufgrund der ihr eigenen, ihr selbst unbewussten Dynamik hervorbringt; an ihm werden die zivilisatorischen Kosten der Genesis einer Vernunft sichtbar, die sich der Handlungslogik einer Ökonomie – der Ausbeutung und Unterdrückung – verschreibt und diesen für einen bestimmten Zivilisationstyp nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt verallgemeinert und verbindlich gemacht hat. So schildert der peruanische Schriftsteller Marios Vargas Llosa in seinem Roman Der Traum des Kelten den – monströsen – Traum der Vernunft, den Albtraum, der von der handelnden Vernunft (man könnte nachträglich auch sagen: der handelskapitalistischen oder mit Horkheimer/Adorno, der ‚instrumentellen Vernunft‘, der Schwester der aufklärerischen Vernunft) selbst produziert wird. Der Protagonist des Romans, Roger Casement, der im Auftrag der britischen Regierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Bericht über die kolonialen Grausamkeiten im belgischen Kongo und im peruanischen Amazonasgebiet verfasst, fragt sich, wie man „die künftige Kolonisierung legitimieren“ könne, „wenn man es mit Menschen zu tun hatte, die kein Wort von diesen ‚Abkommen‘ verstanden, in denen ihre Zukunft und die ihrer Nachkommen festgelegt wurde?“ Er fragt den dafür Verantwortlichen: „Verursacht Ihnen das, was wir hier tun, nicht manchmal Gewissensbisse?“ Der antwortet, dass die ‚Unzivilisierten‘, am Leitfaden vernünftigen Wissens – als Maß aller Dinge – geführt, eines Tages die (Vor-)Herrschaft der – ihre Bedürfnisse und kolonialisierenden – Vernunft ‚anbeten‘ und ihr ewig dankbar sein werden: „Sie wissen nicht, was sie tun, aber wir wissen, dass es zu ihrem Wohl ist“.6 Und er ist sich sicher: Natürlich ist das alles zu ihrem Wohl [...] Es werden Missionare kommen, die Christen aus ihnen machen und ihnen beibringen werden, dass man seinen Nächsten nicht auffressen darf. Ärzte, die sie gegen Epidemien impfen und sich besser um sie kümmern werden als ihre Wunderheiler. Unternehmen werden ihnen Arbeit geben. In den Schulen werden sie lernen, sich zu kleiden, zum wahren Gott zu beten und sich in einer christlichen, zivilisierten Sprache auszudrücken statt in diesen Affendialekten. Nach und nach werden sie die barbarischen Bräuche aufgeben und zu modernen Menschen werden. Sie würden uns die Füße küssen, wenn sie wüssten, was wir alles für sie tun. Aber ihr geistiger Entwick- 6 Mario Vargas Llosa, Der Traum des Kelten, Frankfurt/M., 2011, S. 36.
HANNELORE BUBLITZ 24 lungsstand ist eher vergleichbar mit dem eines Krokodils oder Nilpferds als mit Ihrem oder meinem. Deshalb müssen wir für sie entscheiden, ob es für sie von Vorteil ist, diese Verträge zu unterschreiben. Ihre Kinder und Enkelkinder werden es uns danken. Und es wäre nicht verwunderlich, wenn sie Leopold II. irgendwann so anbeten wie jetzt ihre Fetische und Vogelscheuchen.7 Der Beitrag europäischer Länder (Firmen) zur Zivilisation erweist sich, neu ist das nicht, als unglaublicher Raubzug und als Ausbeutung menschlicher und irdischer Ressourcen, ja, mehr noch, als menschenverachtende Zerstörung von Arbeitskraft, der sich tausendfach wiederholt – und der einen Teil der Welt als ‚Handelsniederlassung‘ eines anderen Teils installiert; Elfenbein und Kautschuk werden unter monströsen, ungeheuerlichen Bedingungen abtransportiert, ganze Dörfer werden verwüstet, „ihre Oberhäupter geköpft und deren Frauen und Kinder erschossen, wenn sie sich weigerten, das Expeditionskorps mit Nahrung zu versorgen oder Träger, Führer und Männer mit Macheten zur Verfügung zu stellen“.8 Die Frage ist hier: Setzt sich instrumentelle Vernunft hinter dem Rücken der Subjekte, ohne dass sie es wissen, gegen Aufklärung und Humanität durch? Ist sie der – technisch-ökonomische – Automatismus, der Aufklärung und Kultur ungeplant durchkreuzt? Oder geht hier der Plan einer Vernunft auf, die alles unterwirft, was sich ihr entgegenstellt und entzieht? Der Protagonist des Romans fragt sich, wie er es hätte merken können, was da vor sich ging, wo er doch nur „ein winziges Rädchen in einer gigantischen Maschinerie [war], die langsam Gestalt angenommen hatte, ohne dass irgendjemand […] ahnte, worin sie bestehen würde“.9 Da ist sie wieder, die in Gang gesetzte Maschinerie, die etwas hervorbringt, was so keiner – oder doch (?) – gewollt hat. Während es dahingestellt sein mag, ob zutrifft, was der Protagonist des Romans hinter der in Gang gesetzten Maschinerie der „hochheilige(n) Dreifaltigkeit der drei ‚C‘ – Christianity, Civilisation, Commerce“ vermutet, die „die Region dem Handel erschließen, die Sklaverei abschaffen und den Heiden Zivilisation und Christentum bringen möge“10, nämlich einen ausgeheckten Plan, den nur wenige kennen, kann man sich dessen sicher sein, dass er sich gewissermaßen ‚hinter dem Rücken der Subjekte‘ vollzieht und wie eine Maschinerie wie von selbst abläuft. Hier handelt es sich allerdings um die Verselbstständigung einer Absicht, eines planvollen Handelns, das Prozesse und Wirkungen freisetzt, die so möglicherweise ungeplant waren. Es geht im Folgenden darum, der Wirkungsweise von Automatismen auf die Spur zu kommen, die nicht aus einer Absicht oder einem Plan folgen; sie sollen aus dem jeweils vorgestellten Material rekonstruiert werden. 7 Ebd., S. 39. 8 Ebd., S. 41. 9 Ebd., S. 46. 10 Ebd., S. 41. Festgelegt auf der Kongo-Konferenz von 1885 in Berlin, „an der nicht ein einziger Kongolese teilnahm“, stattdessen aber vierzehn Großmächte „unter der Ägide von Großbritannien, den Vereinigten Staaten, Frankreich und Deutschland „den zweieinhalb Millionen großen Kongo und seine zwanzig Millionen Einwohner“ Leopold II (von Belgien) überließen.
AUTOMATISMEN 31 auch machen würde. Dafür stehen die Pinguine zu eng aufeinander. Durch die Kettenreaktion jedoch kann sich die Kolonie als Ganzes bewegen.26 Das Beispiel zeigt: Abgedrängt zu werden, wäre tödlich für den Einzelnen, Bewegungskoordination gewährleistet das Überleben aller. Die einzelne Bewegung erscheint als Element eines Automatismus mit spezifischen Übertragungsqualitäten. Man könnte diese Körpertechniken auch als spezifische Kulturtechniken bezeichnen27, die etwas hervorbringen, was so keiner geplant hat – und was sich erst einer wissenschaftlich gelenkten Beobachterperspektive erschließt.28 Dies gilt auch für das folgende Beispiel, das aus der sozialen Physik und Massenpsychologie kommt. Der Einzelne als Automat – Kontrollzuwachs durch Automatismen Die Koordination von Bewegungen gibt es auch in der Masse; ja, mehr noch, hier werden nicht nur physische Bewegungen, sondern auch Bewegungen und Regungen des ‚psychischen Apparats‘ koordiniert, wie Canetti und Le Bon deutlich machen, allerdings von den genannten Autoren nicht als Kulturtechnik, sondern als kulturfeindliche Kraft, Ausdruck der „niedrigen Instinkte“ deklariert und in eine Reihe mit „Mordtaten, Brandstiftungen und Verbrechen aller Art“29 gestellt: Der einzelne ist nicht mehr er selbst, er ist ein Automat geworden, dessen Betrieb sein Wille nicht mehr in der Gewalt hat. Allein durch die Tatsache, Glied einer Masse zu sein, steigt der Mensch [...] mehrere Stufen von der Leiter der Kultur hinab. Als einzelner war er vielleicht ein gebildetes Individuum, in der Masse ist er ein Triebwesen, also ein Barbar30, so Le Bon. 26 Ebd. 27 Vgl. Marcel Mauss, Soziologie und Anthropologie, Bd. 2, Frankfurt/M., 1975, S. 201 ff.; vgl. dazu auch Hannelore Bublitz, „Täuschend Natürlich. Zur Dynamik gesellschaftlicher Automatismen, ihrer Ereignishaftigkeit und strukturbildenden Kraft“, in: dies./Roman Marek/ Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 153- 171: 157 f. 28 Aktuelles Beispiel: Als Gegenwehr gegen sozialen Ausschluss wird temporärer Zusammenschluss technisch und technologisch organisiert: Hier geht es nicht um Konsum, sondern um Demonstration von Ausschluss, fehlender Zukunftsperspektive etc. Straßenschlachten, medial repräsentiert als „Anarchie“ wie überhaupt Demonstrationen politischer Opposition, orchestrieren sich aktuell über Twitter oder Facebook, alternativ über einen Blackberry-Messenger-Service (BBM, SMS-Dienst zum Verschicken von verschlüsselten Nachrichten); vgl. dazu den Beitrag von Johansson zu Dynamiken von Massenpaniken. Johansson (2010), Selbstorganisation und (Un-)Koordination in Menschenmengen. Die Dynamiken von Massenpaniken, S. 61 ff. 29 Gustave Le Bon, Psychologie der Massen, Stuttgart, 1975 [1885], S. 36 f. 30 Ebd., S. 17 [Herv. H. B.].
HANNELORE BUBLITZ 32 Auch Canetti versäumt es nicht, den regressiven Charakter der Massen hervorzuheben. Wo sich im Tierreich, etwa bei den Kaiserpinguinen, kollektive Bewegung als Überlebensgarant aller einstellt, führt die ‚Wärme der Mitte‘ hier, so scheint es, folgt man kulturkonservativen oder sollte man sagen -pessi- mistischen Analysen, zum Untergang des Individuums – und mit ihm der gesamten Kultur; der Kultur – oder sollte man eher sagen, den männlichen Kulturträgern bürgerlicher Provenienz – wird angesichts der ‚Menschenschwärze‘ der Masse gewissermaßen ‚schwarz vor Augen‘: „Wo alles schwarz von Menschen ist, dort enthüllt sich das Wesen der Masse als purer Sog. Die Bahn des Sogs führt nach unten und zur Mitte“31, kolportiert Sloterdijk Canettis Angst vor den Massen, die sich, so Sloterdijk, aus dessen bürgerlicher Sozialisation und dem „unerbittlichen System der Ich-Abstände“ speist, das „die Einzelnen voneinander isoliert und jeden für sich in die einsame Anspannung des Selbst- Sein-Müssens einweist“.32 Ohne Kontrolle und Abstand (Anstand?) sieht es düster aus, „Automatismen scheinen“, so auch Hartmut Winkler in seiner These zu „Eigenschaften, Funktionsweisen und Funktionen von Automatismen“ „tiefschwarz gefärbt“.33 Masse bildet hier den Inbegriff des willenlos ferngesteuerten und vorprogrammierten Automaten, der sich wie ein physikalischer Apparat auf- und entlädt, die Gegenposition des aufgeklärten, gebildeten Individuums und willentlich handelnden, reflektierten Subjekts; Gleichheit – einer „Kollektivseele“ (bei Le Bon) und eines Kollektivkörpers (bei Canetti) – erscheint hier nicht als Gleichberechtigung aller, sondern als „gleichzeitiges Sichgehenlassen“34, die Redewendung „plötzlich ist alles schwarz von Menschen“ verweist, wie Sloterdijk meint, weniger auf die „vernunftromantische Vision vom demokratischen Subjekt, das wissen könnte, was es will; der Traum vom selbsttransparenten Kollektiv ist“, so Sloterdijk, verflogen, „das sozialphilosophische Phantasma von einer Umarmung zwischen Weltgeist und Kollektiv zerschellt an einem Block aus unauflöslicher Dunkelheit: Menschenschwärze“.35 Da ist er wieder, der ‚Traum der Vernunft‘, der ins Schwarze trifft und historisch so kläglich gescheitert ist. In der Konstitution des Massensubjekts überwiegen, so Sloterdijk im Anschluss an Canetti, die opaken, undurchsichtigen Motive. Wie eine ‚Ansteckung‘ (Epidemie) überträgt sich die Bewegung vom einen zum andern, ohne dass der Einzelne verantwortlich wäre. Diese Berührungen schlagen um in etwas Neuartiges, die Grenzen des Einzelnen und die Abstände zwischen 31 Peter Sloterdijk, Die Verachtung der Massen. Versuch über Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft, Frankfurt/M., 2000, S. 12 ff. 32 Ebd., S. 14. 33 Hartmut Winkler, „These I: Automatismen stehen in Spannung zum freien Willen, zu Kontrolle und Selbstkontrolle und zum Bewusstsein“, in: Hannelore Bublitz/Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 17-22: 22. 34 Sloterdijk (2000), Die Verachtung der Massen, S. 15. 35 Ebd., S. 13.
AUTOMATISMEN 33 ihnen Überschreitendes. So konstatiert Urs Stäheli, dass es hier um emergente Formen des Austauschs und der Zirkulation geht, die die Übertragungsgeschwindigkeit nach Art von Stromkreisläufen erhöhen und temporäre Formen der Sozialität konstituieren.36 Auch Stäheli nimmt, wie massenpsychologische Befunde und kulturkonservative Diskurse, an: [D]ie Massen sind unberechenbar und nicht vorhersagbar. Die Genese der Masse entzieht sich der Beobachtung: Wo zuvor noch vereinzelte Passanten unterwegs waren, treffen wir plötzlich auf eine neugierige, aufgewühlte, vielleicht sogar zerstörerische Masse37. Aber anders als die Massenpsychologie sieht er in der Masse ein emergentes Phänomen, das keineswegs, wie es die Massenpsychologie glauben machen will, durch bloßen Kontrollverlust zu charakterisieren ist, „sondern im Gegenteil durch Kontrollzuwachs, allerdings in veränderter Form mit veränderten Übertragungsqualitäten“38. Masse erscheint also selbst als Struktur bildender Automatismus, dessen Bestandteile sich unvorhersehbar und immer wieder neu und anders verbinden und sich gegenüber den einzelnen Elementen verselbstständigen.39 Das soziale Band entsteht hier demnach durch eine „Logik der Ansteckung“, „Elektrisierung“ und „Magnetisierung“.40 Die Metapher des Automaten ist folgenreich; ihre Bedeutung liegt nicht nur in der Analogisierung von Mensch und Automat, sondern es zeigt sich, dass automatisierte Abläufe, kollektive Bewegungen in der Masse, je nach Diskursposition, als besonders geschickte (Überlebens-)Strategie, die zudem Verteilungsgerechtigkeit garantiert (da ist sie wieder, die ‚unsichtbare Hand‘ des Adam Smith!), als Zeichen des Verfalls oder aber als sozialkonstitutives Phänomen mit eigenständiger Qualität erscheinen. Ich komme zu meinem letzten Beispiel; hier geht es um Automatismen im Zusammenschluss von Körper und Medium: Soziale Automatismen – Boxen und Fußball als Modelle des Sozialen Sollte man einen großen Geist und einen Box-Landesmeister psychotechnisch analysieren, so würden in der Tat ihre Schlauheit, ihr Mut, ihre Genauigkeit und Kombinatorik sowie die Geschwindigkeit der Reaktionen auf dem Gebiet, das ihnen 36 Vgl. Urs Stäheli, „Emergenz und Kontrolle in der Massenpsychologie“, in: Eva Horn/Lucas Marco Gisi (Hg.), Schwärme. Kollektive ohne Zentrum. Eine Wissensgeschichte zwischen Leben und Information, Bielefeld, S. 85-100. 37 Ebd., S. 88. 38 Ebd. 39 Vgl. dazu auch Hannelore Bublitz, „These 4: Automatismen formieren Subjekte“, in: dies./ Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 32-35: 32. 40 Christian Borch/Urs Stäheli, „Einleitung – Tardes Soziologie der Nachahmung und des Begehrens“, in: dies. (Hg.), Soziologie der Nachahmung und des Begehrens. Materialien zu Gabriel Tarde, Frankfurt/M., 2009, S. 7-36: 13.
HANNELORE BUBLITZ 34 wichtig ist, wahrscheinlich die gleichen sein, ja, sie würden sich in den Tugenden und Fähigkeiten, die ihren besonderen Erfolg ausmachen, voraussichtlich auch von einem berühmten Hürdenpferd nicht unterscheiden, denn man darf nicht unterschätzen, wie viele bedeutende Eigenschaften ins Spiel gesetzt werden, wenn man über eine Hecke springt. Nun haben aber noch dazu ein Pferd und ein Boxmeister vor einem großen Geist voraus, dass sich ihre Leistung und Bedeutung einwandfrei messen lässt und der Beste unter ihnen auch wirklich als der Beste anerkannt wird, und auf diese Weise sind der Sport und die Sachlichkeit verdientermaßen an die Reihe gekommen, die veralteten Begriffe von Genie und menschlicher Größe zu verdrängen.41 Eingespielte und antizipierte Abläufe haben mit dem unbewussten Zusammenspiel von Körper und Medium zu tun. Klaus Theweleit veranschaulicht dies in seinem Buch Das Tor zur Welt (2004). Er bezieht sich auf Zinedine Zidane und dessen „fantomatisches Spiel“, das, folgt man Theweleit, darauf zu beruhen scheint, dass er immer da auftaucht, wo ihn keiner erwartet und er sich in seinen Bewegungen mit dem Medium, also dem Fußball, mental so zusammenschließt, dass er vorwegnimmt, wo der Ball sich in einigen Sekunden bewegen wird. Das hat auch mit der Raumwahrnehmung zu tun. „Sein Abspiel [...] erfolgt ohne Sichtkontakt. D. h. Zidane hat im Moment der Ballannahme die Position all seiner Mitspieler gespeichert“.42 Dabei funktioniert der Körper als Gedächtnisspeicher, der ohne Überlegung Automatismen freisetzt. Das heißt: Im Körper sitzt gewissermaßen der Motor, der Automat(ismus), der kein Schema für einzelne Bewegungsabläufe bietet, sondern der Antrieb für Selbsttätigkeit ist. Voraussetzung für die Antizipation von (Bewegungs-) Abläufen ist also der Leib als Gedächtnisstütze.43 Der Satz ‚die Automatismen haben versagt‘ verweist also darauf, dass das Gedächtnis und das bedeutet in diesem Fall paradoxerweise, dass der Leib/Körper den Kopf im Stich gelassen hat und dass andererseits bewusste, vom Kopf gesteuerte Handlungen nicht greifen. Was in diesem Fall nicht funktioniert, ist, wie Loïc Wacquant (2003) es im Anschluss an Bourdieu am Beispiel des Boxens – und der Sportsoziologe Thomas Alkemeyer am Beispiel von Bildungspraktiken – beschreibt, der – unbewusste – Zusammenschluss körperlicher und mentaler Vorgänge.44 Der 41 Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Bd. 1, 14. Aufl., Reinbek bei Hamburg, 2009, S. 45. 42 Klaus Theweleit, Das Tor zur Welt, Köln, 2004, S. 153. 43 Vgl. Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der praktischen Urteilskraft, Frankfurt/ M., 1984, S. 734; vgl. dazu Bublitz (2010), Täuschend natürlich, S. 158 44 „Als ehemaliger Schüler Bourdieus hat sich Wacquant Ende der 1980er Jahre einem Boxklub im schwarzen Ghetto von South Side Chicago angeschlossen, um im Zusammenhang einer ethnographischen Studie einen Zugang zur Alltagswirklichkeit dieses Ghettos zu bekommen. Waquant nimmt regelmäßig am Boxtraining teil und wird davon derart in Bann gezogen, dass seine ‚entscheiden teilnehmende Forschung‘ (Schmidt 2005) in eine immerhin vierjährige Karriere als Amateurboxer übergeht [...] in plastischen ethnographischen Beschreibungen rekonstruiert er“, wie sich „in Serien von Übungen und Sparringskämpfen allmählich ein boxerischer Habitus formt“. Thomas Alkemeyer, „Lernen und seine Körper. Habitusformungen und -umformungen in Bildungspraktiken“, in: Barbara Friebertshäuser/Markus Rieger-La-
AUTOMATISMEN 35 Körper erscheint, wie zu Beginn dieses Abschnitts zitiert, als intelligent Handelnder oder, vielleicht besser, als ‚intelligente Maschine‘. In der Vorwegnahme der Absichten des Gegners, ablesbar am Blick, an den Gesten und der Körperhaltung, den Bewegungen des Körpers und seiner Verlagerung, aber auch in der mentalen Antizipation räumlicher Verteilungsmuster rekurrieren, artikulieren sich Automatismen, die eine komplexe Situation strategisch auf schematische Abläufe reduzieren. Die Frage ist am Ende: Was ist daran ‚vorprogrammiert‘, lediglich eingeübt, erlernt, also ‚gedankenlose‘ Anwendung erlernter Bewegungsmuster ohne Überlegung, und was ist emergenter Ausdruck der Situation, des Automatismus, der eine völlig neue Struktur erschafft? Die Beispiele zeigen, dass Automatismen zwar durch Einübung standardisierter Abläufe entstehen können, aber darüber hinaus gehen; und es ist dieses Mehr, dass sie einer bewussten Kontrolle entzieht und sie erst zu strukturbildenden Vorgängen macht. Wenn Bourdieu mit Rekurs auf Leibniz davon ausgeht, dass „wir Menschen [...] in Dreiviertel unserer Handlungen Automaten sind“45, dann rücken Automatismen als selbstgesteuerte Praktiken in die Nähe technischer Abläufe, aber sie bewirken Formen des Selbst-Bezugs und sind als solche konstitutives Element von Subjektivierung und sozialem Austausch: als automatisierte, überwiegend unbewusst gesteuerte, ‚in Fleisch und Blut‘ übergegangene Disposition und somatischer Ablauf bilden unkontrollierte, unbewusste Muster Kulturtechniken. Sie ermöglichen und begrenzen: Sie ermöglichen die – reibungslose – Bewältigung komplexer Situationen und sie begrenzen Handlungsmöglichkeiten und reduzieren damit Komplexität. Sie bilden eine Bedingung des Menschen als soziales Subjekt, das ihn – gegen Unvorhergesehenes, gegen komplexe Anforderungen und situative Überforderungen – schützt, ihn umgekehrt oder gerade in der Abwehr des Komplexen sozial handlungsfähig macht, zum Erfolg führt, ihn machtvoll agieren lässt, perfektioniert. Schluss Was ich zeigen wollte war: Es gibt gesellschaftlich generierte Formen der ‚Einkapselung‘, die mit dem Automat den quasi-technischen Ablauf und die Wiederholung, mit dem Automatismus die ‚automatenhafte‘ Steuerung komplexer Situationen und selbst- und feedbackgesteuerte Abläufe, der Verfestigung und der Reduktion von Komplexität durch quasi schematische Abstraktionen teilen. Ohne diese Automatismen können komplexe und wechselnde Situationen nicht bewältigt werden; es handelt sich um Automatismen, die – in der performativen und differenzierenden Wiederholung und in der Verkettung dich/Lothar Wigger (Hg.), Reflexive Erziehungswissenschaft. Forschungsperspektiven im Anschluss an Pierre Bourdieu, 2. Aufl., Wiesbaden, 2009, S. 119-142. 45 Bourdieu (1984), Die feinen Unterschiede, S. 740.
HANNELORE BUBLITZ 36 von Ereignissen – gewissermaßen „schlafwandlerisch“46 und auf eine quasi technische Weise soziale Austauschbeziehungen installieren und verfestigen. Der einzelne Akt, die einzelne Bewegung ist Teil einer Dynamik, die – in der Wiederholung und hinter dem Rücken der Subjekte – strukturierende Effekte hat. Dabei gewährleisten weitgehend unbewusste Automatismen die optimale, (weil) selbstgesteuerte Einpassung des einzelnen Selbst ins (jeweils flexibeldynamische) Soziale.47 Ob dies in der Regel nicht bewusst oder manchmal doch bewusst vonstattengeht, lässt sich nicht entscheiden, ist aber im Grunde auch bedeutungslos. Es lässt sich in Gänze in jedem Fall nicht auf die Intentionen einzelner (Subjekte) zurückführen und durch sie erklären. Der Effekt besteht nicht zuletzt in der Produktion einer sozialen Normalisierungsmatrix und der Konfiguration sogenannter Normalsubjekte. Dabei wird jedes Subjekt in einer sozialen Matrix und in einer „Zelle“ platziert.48 Das so konfigurierte Subjekt tritt – nur – mit solchen Individuen in Austausch, die ebenfalls flexibel normal(isiert) sind und in ihrer Subjektivierung mit Normalverteilungen verkoppelt sind. Differenzen und feldspezifische Individualisierungen sind in Normalisierungsfelder eingeschlossen; diese konfigurieren sich, indem die exzentrischen ‚Abweichungen‘ herausgefiltert oder abgedrängt, aber gebraucht werden, um zu wissen, was normal(isierbar), also anschlussfähig ist und was nicht. In welcher Gesellschaft leben wir also? In einer Gesellschaft, in der die Angst davor, abgedrängt zu werden und sozial zu erfrieren, jeden dazu bewegt, sich zu bewegen, sobald jeder andere sich bewegt? Die Angst, aus der Zone der Normalität, dem Innenbereich der Gaußschen Glocke, der Normalverteilung, herauszufallen und an die Ränder gedrängt zu werden, ist groß, die Mitte ist die unkomplizierte Gewähr für soziale Zugehörigkeit. Und zugleich ist Profilierung gefragt, die Aufmerksamkeit bindet, ein ex-zentrisches, aber anschlussfähiges Profil, und die Abgrenzung von der Mitte, vom Durchschnitt sind gefordert.49 Mit der panoptischen Struktur der Disziplin(argesellschaft) ist sicher eine Komponente der Gegenwartsgesellschaft angemessen beschrieben, sie wird durch die technischen Möglichkeiten der Observation und Datenspei- 46 Vgl. Borch/Stäheli (2009), Einleitung, S. 10. 47 Dabei werden medial vermittelte Spiegelbilder, die übereinander projiziert und zu einem Durchschnittsbild synthetisiert werden, zur Applikationsfolie für das einzelne Individuum, seine Profilierung und Passung in sozial anschlussfähige Muster. 48 Vgl. Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt/M., 1976; Jürgen Link, „Koreferat zu Hannelore Bublitz. ‚Im Beichtstuhl der Medien‘“, in: KultuRRevolution 60, 1 (2011), S. 80-84; das in einer Normalisierungsmatrix situierte Subjekt wird in eine Matrix situiert, im Gegensatz zur Singularität der Subjekte, die rhizomatisch schwärmend angelegt sind, wie dies bei Hardt/Negri der Fall ist; vgl. dazu auch Michael Hardt/Antonio Negri, Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt/M., 2002; dies., Multitude. Krieg und Demokratie im Empire, Frankfurt/M., 2004. 49 Vgl. Hannelore Bublitz, In der Zerstreuung organisiert, Bielefeld, 2005; dies., Im Beichtstuhl der Medien, Bielefeld, 2010; vgl. dazu auch Andreas Reckwitz, Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne, Weilerswist, 2006.
AUTOMATISMEN 37 cherung radikalisiert. „Jeder in seiner ‚Zelle‘ – heute in seinem ‚cell phone‘“50 verweist auf Aspekte der Disziplinargesellschaft, in der jeder, in eine Hierarchie eingeordnet (gerankt), positioniert und dadurch vergleichbar gemacht wird. Aber diese Disziplinarkomponente innerhalb der ‚Kontrollgesellschaft‘ reicht nicht aus zur Beschreibung der Gegenwart. „Die von den Individuen selbst zu produzierende ‚autonome‘ Subjektivität, die sich selbst ‚freiwillig kontrolliert‘ […] muss hinzukommen“.51 Es geht um Kopplungen zwischen mehreren je irreduktiblen Komponenten. […] Die hier gewählte Perspektive auf den Typ der Subjektivierung führt über […] Determinationen [und „‚monokausal‘ verstandene Begriffe wie Industrialismus, Kapitalismus, Techno-Szientismus, bei denen jeweils eine Komponente (Ökonomie, Technik, Wissen) alle anderen determiniert. Begriffe wie ‚Mediengesellschaft‘ gehören zu solchen Ismen“] hinaus und legt Kopplungs-Modelle nahe, also interdiskursive und interpraktische Modelle. ‚Kontrolle‘ ist ein solches Modell[.] […] Das flexible-normalistische Modell koppelt eine individuell-differen- te und dadurch ‚autonome‘ Position in psychologischen und sexuellen Normalfeldern mit Selbst-Management [...] und ‚Bildung‘ (individuelle Wissens-Akku- mulation). [...] Wesentlich dabei bleibt zu betonen, dass die Kopplungen zum einen je irreduktible (nicht aus einer Basis-Komponente ‚ableitbare‘) Komponenten umfassen. Wenn man eine ‚durchschlagende‘ Determination ‚in letzter Instanz‘ aber ausschließt und von einem Kopplungsmodell ausgeht, kann es keine das Wesen bezeichnende ‚X-Gesellschaft‘ geben, sondern nur eine Addition von Partialdeterminanten einerseits [...] plus Kopplungs-Interdiskurse und Kopplungs-Dispositive andererseits.52 Damit ist dann aber auch die Frage nach den Automatismen als dem ‚Anderen der Vernunft‘ und deren Außerkraftsetzung verschoben zur Eigendynamik individueller und kollektiver, technischer und sozialer Prozesse selbst, die sich dem umfassenden Anspruch einer komprehensiven Vernunft entwinden – und sich auf diese auch nicht zurückführen lassen, weder in ihrer totalisierenden noch in ihrer instrumentell-ökonomischen Variante. Literatur Alkemeyer, Thomas, „Lernen und seine Körper. Habitusformungen und -umformun- gen in Bildungspraktiken“, in: Barbara Friebertshäuser/Markus Rieger-Ladich/Lothar Wigger (Hg.), Reflexive Erziehungswissenschaft. Forschungsperspektiven im Anschluss an Pierre Bourdieu, 2. Aufl., Wiesbaden, 2009, S. 119-142. 50 Link (2011), Koreferat, S. 80-84: 81. 51 Ebd., S. 81. 52 Ebd.
HANNELORE BUBLITZ 38 Balsamo, Anne, Technologies of the Gendered Body. Reading Cyborg Women, Durham, NY, 1995. Böhme, Hartmut/Böhme, Gernot, Das Andere der Vernunft. Zur Entwicklung von Rationalitätsstrukturen am Beispiel Kants, Frankfurt/M., 1985. Borch, Christian/Stäheli, Urs „Einleitung – Tardes Soziologie der Nachahmung und des Begehrens“, in: dies. (Hg.), Soziologie der Nachahmung und des Begehrens. Materialien zu Gabriel Tarde, Frankfurt/M., 2009, S. 7-36. Bourdieu, Pierre, Die feinen Unterschiede. Kritik der praktischen Urteilskraft, Frankfurt/M., 1984. Bublitz, Hannelore, In der Zerstreuung organisiert, Bielefeld, 2005. Dies., Im Beichtstuhl der Medien, Bielefeld, 2010. Dies., „These 4: Automatismen formieren Subjekte“, in: dies./Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 32-35. Dies., „Täuschend natürlich. Zur Dynamik gesellschaftlicher Automatismen, ihrer Ereignishaftigkeit und strukturbildenden Kraft“, in: dies./Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 153-171. Descartes, René, Traité de l’homme, 1632. Ders., Über den Menschen, Heidelberg, 1969. Ders., Von der Methode des richtigen Vernunftgebrauchs, Hamburg, 1960. Foucault, Michel, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt/ M., 1976. Fox-Keller, Evelyn, Das Leben neu denken, München, 1998. Freud, Sigmund, „Die Traumdeutung“, in: ders., Studienausgabe, hg. v. Alexander Mitscherlich, Bd. 2, Frankfurt/M., 1972. Gehlen, Arnold, Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme der industriellen Gesellschaft, Hamburg, 1957. Ders., Anthropologische Forschung. Zur Selbstbegegnung und Selbstentdeckung des Menschen, Hamburg, 1984. Hardt, Michael/Negri, Antonio, Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt/M., 2002. Dies., Multitude. Krieg und Demokratie im Empire, Frankfurt/M., 2004. Johansson, Anders, „Selbstorganisation und (Un-)Koordination in Menschenmengen. Die Dynamiken von Massenpaniken“, in: Hannelore Bublitz/Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 71-78. Kay, Lily E., Who Wrote the Book of Life? A History of the Genetic Code, Stanford, CA, 2000. Kutschmann, Werner, Der Naturwissenschaftler und sein Körper, Frankfurt/M., 1986. Lacan, Jacques, „Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion“, in: ders., Schriften, hg. v. Norbert Haas, Bd. 1, 4. durchgesehene Auflage, Berlin, 1996, S. 61-70. Le Bon, Gustave, Psychologie der Massen, Stuttgart, 1975 [1885]. Link, Jürgen, „Koreferat zu Hannelore Bublitz. ‚Im Beichtstuhl der Medien‘“, in: KultuRRevolution 60, 1 (2011), S. 80-84. Mauss, Marcel, Soziologie und Anthropologie, Bd. 2, Frankfurt/M., 1975. Müller-Tamm, Pia/Sykora, Katharina, Puppen Körper Automaten. Phantasmen der Moderne, Düsseldorf, 1999. Musil, Robert, Der Mann ohne Eigenschaften, Bd. 1, 14. Aufl., Reinbek bei Hamburg, 2009. Reckwitz, Andreas, Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne, Weilerswist, 2006.
AUTOMATISMEN 39 Rheinberger, Hans-Jörg, „Von der Zelle zum Gen. Repräsentationen der Molekularbiologie“, in: ders./Michael Hagner/Bettina Wahrig-Schmidt (Hg.), Räume des Wissens, Berlin, 1997, S. 265-279. Ruf, Simon, „Über-Menschen. Elemente einer Genealogie des Cyborgs“, in: Annette Keck/Nicolas Pethes (Hg.), Mediale Anatomien. Menschenbilder als Medienprojektionen, Bielefeld, 2001, S. 267-286. Schlich, Thomas, „Vom Golem zum Roboter – Der Traum vom künstlichen Menschen“, in: Richard van Dülmen (Hg.), Erfindung des Menschen. Schöpfungsträume und Körperbilder 1500-2000, Wien, 1998, S. 543-557. Sloterdijk, Peter, Die Verachtung der Massen. Versuch über Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft, Frankfurt/M., 2000. Stäheli, Urs, „Emergenz und Kontrolle in der Massenpsychologie“, in: Eva Horn/Lucas Marco Gisi (Hg.), Schwärme. Kollektive ohne Zentrum. Eine Wissensgeschichte zwischen Leben und Information, Bielefeld, S. 85-100. Theweleit, Klaus, Das Tor zur Welt, Köln, 2004. Vargas Llosa, Mario, Der Traum des Kelten, Frankfurt/M., 2011. Venus, Jochen, „Vitale Maschinen und programmierte Androiden. Zum Automatendiskurs des 18. Jahrhunderts“, in: Annette Keck/Nicolas Pethes (Hg.), Mediale Anatomien. Menschenbilder als Medienprojektionen, Bielefeld, 2001, S. 253-266. Winkler, Hartmut, „Thesenbaukasten zu Eigenschaften, Funktionsweisen und Funktionen von Automatismen. Teil I“, in: Hannelore Bublitz/Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 17-36.
LISTEN UND RANKEN 47 drei Elemente an die drei Grundhypothesen des Automatismen-Projekts: Emergenz, verteilter Charakter und die Frage nach dem Selbst. Ranke 2: Wissen als Quantifizierung und Relation Eine uneindeutige, weil relationale Kategorie ist die des Wissens. Fragen wie „Was ist wissenschaftliches Wissen?“ oder: „Was ist populäres Wissen?“ haben keine allgemein gültigen Antworten. Werden aber beide Wissensformen zueinander in Beziehung gesetzt, kommt man dennoch zu bestimmten Aussagen: Während zum Beispiel die Wissenschaft ihre Wissensproduktion in theoretischen und methodischen Überlegungen explizit thematisiert, entwickelt die Populärkultur darüber nur implizite Reflexionen. An einigen Punkten lässt sich am Beispiel von Rankings und Listen im Internet zeigen, dass diese populären Wissenskulturen in Relation zueinander beschreibbar, erfassbar, aber sicher nicht definierbar sind. Einen zentralen Punkt bei der Wissensproduktion in Listen und Rankings stellt die Quantifizierung dar. In der Bestimmung dessen, was quantifiziert, was gezählt wird, liegt eine Möglichkeit der Steuerung und der Taktik der Wissensproduktion. Ebenso steuern viele Zugriffe, viele Nutzer, viele Anfragen, viele Einkäufe das, was quantifiziert in Erscheinung tritt. Beim Blick auf die Ergebnisse von Suchmaschinen, wenn der Suchbegriff „Automatismen“ eingegeben wird, fällt auf, dass die Webseite des (gleichnamigen) Graduiertenkollegs auf den ersten Plätzen des Rankings der gezeigten Ergebnisse ist. Doch was bedeutet dies, in Relation zur Häufigkeit des Begriffes, in Relation zu den umgebenden Ergebnissen der Suchmaschinen aus den Wissensfeldern der Psychologie oder der Verhaltensbiologie, in Relation zu den automatisierten Filtereinstellungen der Suchmaschinen (z. B. Suche beschränkt auf Deutschland), in Relation zum Suchstandort und zu weiteren Personalisierungen? Welches Wissen wird dabei über Automatismen oder über das Graduiertenkolleg generiert? Ein hohes Bing- oder Google-Ranking wird sicher nicht beim nächsten Forschungsantrag eingereicht werden. Dagegen könnte oder müsste ein citation index, in dem die eigenen Aufsätze hoch gerankt werden, Erwähnung im Antrag finden. Wie unterscheiden sich diese Rankings, wenn ihre mediale Form gleich bleibt? Liegt es an einem anderen Konzept, einer anderen Relevanz des Wissens? Bei amazon.de ist der erste Sammelband des Graduiertenkollegs auf einem Verkaufsrang weit jenseits von einer Million. Sind diese Einordnungen im Leistungsvergleich des Buchmarktes für die wissenschaftliche Reputation irrelevant? Welches sind die Bezugsrahmen? In welche Traditionslinien von Wissenssystemen lassen sich Listen und Rankings einordnen? Wie können diese Widersprüche theoretisch eingefangen werden? Mit Bettina Heintz lässt sich – von ihr systemtheoretisch formuliert – von Quantifizierung als einem symbolisch generalisierten Kommunikationsmedi-
RALF ADELMANN 48 um sprechen, das mit den Objektivitätsvorstellungen in der Wissenschaft seit dem 19. Jahrhundert verknüpft ist.13 Quantifizierung ist demnach ein Verfahren, dem wissenschaftliche Überzeugungskraft zugerechnet wird und das darüber hinaus generelle gesellschaftliche Akzeptanz für Folgehandlungen mobilisieren kann. Quantifizierende Verfahren stellen asymmetrische Argumentationsverhältnisse her, in dem sie mit schon erhobenen Daten argumentieren. Eine spontane Widerlegung eines Rankings oder einer zahlenbasierten Liste ist in der Regel nicht möglich. Diese historische Linie der Verdatung als Machttechnologie verfolgt auch Johannes Angermüller.14 Statistiken bilden zentrale Elemente des numerokratischen Macht-Wissen-Komplexes seit dem 18. Jahrhundert. In der historischen Abfolge numerokratischer Regime spielen Rankings zunächst keine große Rolle. Rankings werden Angermüller zufolge erst seit den 1960er Jahren Bestandteil neonumerokratischer Praxen, die intensiver auf Selbstführung und Selbstüberwachung abzielen. Dazu stellen Rankings die mediale Form für Leistungsvergleiche bereit, die als Basis einer sich stetig selbst überprüfenden Gesellschaft mit sich selbst optimierenden Subjekten dient. In diesem historischen Zusammenhang kommt es zeitgleich zu einem Aufschwung und einer Ausdifferenzierung popkultureller Praxen. Thomas Hecken lässt beispielsweise die Geschichte des Pops 1955 beginnen.15 In der Populärkultur ist der Umgang mit Rankings völlig vertraut. Rankings stellen als Verkaufslisten – wie z. B. Nutzerrankings, Music Charts, Blockbuster- und Bestsellerlisten – ein für den individuellen Charakter des Konsums in der Unterhaltungsindustrie grobes Raster zur Verfügung. Aus den Differenzen des eigenen Mediengebrauchs zu publizierten, subjektiven und empirischen Rankings ergeben sich immer eine Lücke und ein Interpretationsspielraum für den Einzelnen. Dieser Spielraum ist ein konstitutives Element der medialen Form von Rankings. Rankings schaffen eine für die Populärkultur konstitutive Öffentlichkeit. Am Beispiel der auf empirischen Daten beruhenden Rankings wie Musik Charts, Blockbuster- und Bestsellerlisten wird dies greifbar; sie sind durch ihre Reduktion von Komplexität und ihre mediale Form als Liste tendenziell affirmativ. Durch Erhebung von Zuschauerquoten beim Fernsehen lässt sich eindeutig bestimmen, welche Fernsehsendung des vorherigen Tages die meisten Zuschauer hatte. Dadurch erreicht diese Sendung öffentliches Interesse und kann für Anschlusskommunikationen genutzt werden. 13 Bettina Heintz , „Zahlen, Wissen, Objektivität: Wissenschaftssoziologische Perspektiven“, in: Andrea Mennicken/Hendrick Vollmer (Hg.), Zahlenwerk. Kalkulation, Organisation und Gesellschaft, Wiesbaden, 2007, S. 65-85. 14 Johannes Angermüller, „Wissenschaft zählen. Regieren im digitalen Panopticon“, in: Leviathan. Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Sonderheft 25 (2010), S. 174-190. Der Begriff der Numerokratie bezieht sich bei Angermüller auf das Regieren mit Statistiken, Durchschnitten und Wahrscheinlichkeiten und damit auf zahlenförmiger Macht beruhende Regime. 15 Thomas Hecken, Pop: Geschichte eines Konzepts 1955-2009, Bielefeld, 2009.
LISTEN UND RANKEN 49 5 – Bewertung für den Film Gravity auf rottentomatoes.com16 Diese Automatismen im Gefolge von Quantifizierung und Hierarchisierung sind schwer angreifbar oder widerlegbar. Rankings, die aus Verkäufen, aus Besucherzahlen, aus Downloads generiert werden, stellen vermeintlich ‚objektive‘ Ebenen des Vergleichs her. In der Populärkultur finden – neben diesen Quantifizierungen und ihren Ordnungen – subjektive und qualitative Rankings, wie beispielsweise die besten Fernsehserien oder die einflussreichsten Punkmusiker, immer in der Mehrzahl und in einem kontrovers diskutierenden Umfeld statt. Rankings werden diskutiert und sind auch hier Ausgangsorte von Anschlusskommunikationen. Selbst die Rankings, die auf statistischen Erhebungen basieren, können auf dieser Ebene verstärkt, angezweifelt und semantisiert werden. Eine Reihe von sozialen Netzwerken diskutieren Rankings oder versuchen aus vielen Rankings ein vermeintlich genaueres Gesamtbild zu erstellen. Auch auf dieser Metaebene herrscht die Vorstellung über einen Zusammenhang von Quantitäten und Qualitäten. Viele Meinungen und viele Zahlen ergeben bessere Bewertungen und bessere Zahlen. Beispiele sind die Internetplattformen listal.com, metacritic.com oder rottentomatos.com. Je nach Ausrichtung der Plattform werden Filter eingesetzt, die nur bestimmte Informationen für eine Liste oder ein Ranking bewerten. Mögliche mediale Strategien sind dabei Top-Ten-Listen oder die Quantifizierung von Meinungsäußerungen wie dies beispielsweise auf dem Filmbewertungsportal rottentomatoes.com stattfindet (Abb. 5): „The Average Rating is an average of the individual critic scores, based on a 1-10 scale. Each critic’s original rating scale (star, letter grade, numeric) is converted to a number between 1 and 10, and then the numbers are averaged.“17 16 Zuletzt aufgerufen am 01.10.2013. 17 Online unter: http://flixster.desk.com/customer/portal/articles/62680-what-is-the-average-rating- how-is-it-calculated, zuletzt aufgerufen am 01.10.2013.
RALF ADELMANN 50 Statistiken und aus ihnen generierte Aufzählungen und Rankings sind demnach ein konstitutives Element der Populärkultur. Manchmal entscheiden Zahlen darüber, ob etwas oder jemand zur Populärkultur gehört oder nicht. In Überspitzung einer etwas ‚bösartigen‘ Idee von Walter Grasskamp ist die Aufgabe des Pops, den Spaß zu organisieren und zu verwalten.18 Kein anderes Medium bietet für diese Verwaltung und Organisation der Populärkultur bessere Möglichkeiten als das Internet, in dem massenhafte und zahlenmäßige Repräsentationen der Popkultur auf individuelle Äußerungen des Populären treffen. Beide Elemente und die Auseinandersetzung mit ihnen sind Bausteine der Popkultur. Verkaufszahlen treffen auf individuelle Meinungsbildungen. Die Aufmerksamkeitswellen in sozialen Netzwerken treffen auf professionalisierte Kritik popkultureller Produkte. Zu diesen jeweiligen Nachbarschaften kann sich der Rezipient verhalten oder auch nicht. Es gibt die Möglichkeit, subjektive Wertungen in Listen umzusetzen – auf Basis von Geschmack, Meinung oder Kritik. In der medialen Form der Liste oder des Rankings steht dann empirisches Wissen und subjektives Wissen nebeneinander, wird vergleichbar oder sogar kombinierbar. Die Argumente bei Walter Grasskamp zur Konformität und Banalität des Pops zielen außerdem auf die Automatismen des Populären, die ins Unbewusste, in die Strukturen abgleiten. Diese Automatismen verkomplizieren mitunter eine Theoretisierung des Pops. Dies führt – nach Grasskamp – dazu, dass wir die Strukturentstehung und die Strukturen des Pops wissenschaftlich nur schwer erfassen können. So gesehen wirken die Automatismen der Populärkultur als Entautomatisierung von Wissenschaft. An dieser Stelle besteht eine epistemische Überschneidung mit den generellen Problemen der Erfassung der Entstehung von Automatismen, die schon in den einleitenden Überlegungen erwähnt werden. Die enge Verknüpfung von neonumerokratischen Regimen und Populärkultur bleibt an dieser Stelle noch eine Hypothese und müsste weiter untersucht werden: Meines Erachtens setzt Angermüller den Beginn der Rankingkultur in den 1960er Jahren etwas zu spät an. Zum Beispiel gibt es im Sport schon im 19. Jahrhundert den Leistungsvergleich auf Basis von Tabellen und Ranglisten. Rankingverfahren sind in ökonomischen Zusammenhängen zur gleichen Zeit im Gebrauch. In den Zeitungen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts finden sich Bestsellerlisten von Büchern und Schallplatten. 18 Walter Grasskamp, „Pop ist eklig“, in: ders./Michaela Krützen/Stephan Schmitt (Hg.), Was ist Pop? Zehn Versuche, Frankfurt/M., 2004, S. 9-19.
LISTEN UND RANKEN 51 Ranke 3: Imaginierte Öffentlichkeiten Mit den Worten von Sabine Maasen und Peter Weingart wirken Rankings als „eine Form imaginierter Öffentlichkeit“.19 Die Wirkmächtigkeit von Rankings lässt sich über diese Idee einer „imaginierten Öffentlichkeit“ erklären. Rankings schaffen eine scheinbar ‚neutrale‘ Ebene der Vergleichbarkeit, die durchaus losgelöst sein kann von anderen Wertungszusammenhängen. Zusätzlich ermöglicht diese vermeintliche ‚Neutralität‘ eine Öffnung zu anderen Wissensformen, die auf Geschmack, auf gemeinschaftlicher Vereinbarung oder Ähnlichem beruhen. Die auf Quantifizierung aufbauenden Rankings oder Listen haben immer den demokratischen Anspruch der Abbildung von Bewertungsprozessen gesellschaftlicher Realitäten. Dadurch erlangen sie den Status einer „imaginierten Öffentlichkeit“. Diese „Öffentlichkeit“ stellt jeweils spezifisches Wissen zur Verfügung. Daraus erklärt sich die unterschiedliche Produktivität oder Bewertung von Rankings in den jeweiligen gesellschaftlichen Teilbereichen wie Wissenschaft und Populärkultur. Im Feld der Politik dienen Rankings dazu, Aktivitäten einzufordern. Rankings der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, des Bildungsstandards usw. dienen als „Öffentlichkeit“, die politisch gestaltet werden muss. Rankings führen direkt zu Handlungsanweisungen. Bei Tag Clouds, wie denen in flickr, geht es weniger um Handlungsanweisungen bzw. -legitimierungen. Die Tag Cloud dient der Herstellung einer „imaginierten Öffentlichkeit“ aller Nutzerinnen und Nutzer der Plattform. Mit Rankings wird ein externes und in weiten Teilen intransparentes Kriterium der Beurteilung geschaffen, das durch Komplexitätsreduktion produktiv wird. Rankings erzeugen gleichzeitig transparente und vergleichbare Größen, die eine Auseinandersetzung mit der Komplexität von Phänomenen ermöglichen. Rankings können dann als „imaginierte Öffentlichkeiten“ mit jeweils differenzierten Wissenskonzepten und -funktionen verstanden werden. Ranke 4: Wuchernde Datenbanken Eine parallel verlaufende historische Linie der Listen und Rankings steht in Verbindung mit der Datenbankentwicklung, die eine eigene Geschichte der Quantifizierungsutopien hervorgebracht hat. Schon frühe Datenbankutopien entwickeln Vorstellungen für eine Indizierung und Hierarchisierung von Wissensbeständen. Die Arbeiten von Cornelia Vismann und Markus Krajewski, in denen die Tabelle als Medium der Informations- und Wissensproduktion und als Vorläufer der Datenbank seit dem 17. und 18. Jahrhundert thematisiert 19 Sabine Maasen/Peter Weingart, „Unternehmerische Universität und neue Wissenschaftskultur“, in: Hildegard Matthies/Dagmar Simon (Hg.), Wissenschaft unter Beobachtung: Effekte und Defekte von Evaluationen, Wiesbaden, 2008, S. 141-160: 152.
RALF ADELMANN 52 wird, bilden erste Vorgeschichten zur Indizierung und Hierarchisierung von Wissen.20 Während Tabellen für statische Aufschreibesysteme stehen, zieht mit der Datenbankentwicklung ab Mitte der 20. Jahrhunderts die Utopie einfacher und dynamischer Ausgabeoptionen ein, in denen sogenanntes Orientierungswissen sichtbar gemacht wird. Relationale Datenbankmodelle und automatische Indizierung ermöglichen multiple Abfragen, die den Nutzern an der Oberfläche allein die Ergebnislisten präsentieren. Durch die Datenbanklogiken des Internets sind in den letzten Jahren Rezeptionsstrukturen der Populärkultur ‚sichtbar‘ geworden, die beispielsweise vielfältige Nischenkulturen zutage treten ließen. Populärkultur wird dadurch auf andere Weise ‚sichtbar‘ als vor dem Internet. Bedingung ihrer ‚Neu-Entde- ckung‘ ist ihre statistische Wahrnehmbarkeit und ihre Thematisierung als Normalfall des Medienkonsums. Hieran lassen sich die vorherigen Überlegungen zu den „imaginierten Öffentlichkeiten“ andocken. Auf gamezone.de beispielsweise tauschen sich Computerspieler über ihre Bewertungen und Erfahrungen aus. Die Plattform regelt dabei die Sichtbarkeit der User in den Ranglisten der Community (Abb. 6). Es existiert ein Nebeneinander von Bewertungskriterien, Listen und Meinungen. 6 – http://www.gamezone.de/Community/21 Um diese ‚Sichtbarkeiten‘ weitergehend mit dem Wissensbegriff zusammenzuführen, sind einige Thesen von John Fiske zu den Eigenschaften populären Wissens hilfreich. Fiske spricht dabei von einer „kulturellen Ökonomie“ – einer Sphäre des populären Wissens, dessen Tauschware unter anderem Be- 20 Cornelia Vismann, Akten. Medientechnik und Recht, Frankfurt/M., 2000; Markus Krajewski, „In Formation. Aufstieg und Fall der Tabelle als Paradigma der Datenverarbeitung“, in: David Gugerli/Michael Hagner/Michael Hampe/Barbara Orland/Philipp Sarasin/Jakob Tanner (Hg.), Daten. Nach Feierabend: Züricher Jahrbuch für Wissensgeschichte, Bd. 3, Zürich, Berlin, 2007, S. 37-55. 21 Zuletzt aufgerufen am 01.10.2013.
LISTEN UND RANKEN 53 deutungen sind.22 Diese Tauschsysteme arbeiten bei Fiske auf der Mikroebene von individualisierten Mediennutzungen, sozialen Beziehungen und Bedeutungsgemeinschaften, die im Gegensatz oder abseits zur hegemonialen Bedeutungsproduktion stehen. Offensichtlich lassen sich hier strukturelle Parallelen zwischen der zentralen Rolle von Reputationsökonomien wie denen des Internets und der kulturellen Ökonomie bei Fiske herstellen. Das populäre Wissen in Fiskes Konzept entwickelt keinen ontologischen Wahrheitsanspruch. Populäres Wissen entsteht taktisch an den Schwachstellen des hegemonialen Wissens. Dabei ist es größtenteils auf die medialen Ressourcen hegemonialer Strukturen angewiesen. Diese Ressourcenabhängigkeit stellt sich im Internet nicht anders dar: Die technische Infrastruktur wird von Staaten und multinationalen Konzernen bereitgestellt. Das populäre Wissen rankt sich um schon bestehende Medialitäten und Strukturen. Aufgrund dieser Abhängigkeiten verändert sich nach Fiske das populäre Wissen ständig und hat keine stabile mediale Basis: Er umschreibt es als „knowledge on the run“23. Die Eigenschaften des populären Wissens sind: Es erhebt keinen ontologischen Wahrheitsanspruch. Populäres Wissen ist ein Produkt der Mikroebene – von sozialen Formationen, die nur temporär und instabil sind. Dadurch ist es immer flexibel und aktuell. Datenbanklogiken und daraus resultierende Listen und Rankings verfestigen dieses populäre Wissen, machen es ‚sichtbar‘ als Teil einer Selbststrukturierung über temporäre, soziale Formationen wie Fans, Rezipienten oder Nutzer eines Medienangebots. Das Wissen über den Konsumenten deckt sich nicht mit dem populärkulturellen Wissen, das aus vielen einzelnen Entscheidungen, widersprüchlichen Entwicklungen und medialen Strukturierungen besteht. Was eine Kultplatte, eine gehypte Fernsehserie, ein angesagtes Computerspiel ist, wird heute im Internet durch Abgleich vieler Meinungen und ihrer teilweisen Quantifizierung entschieden und nicht nur durch den direkten Austausch in sozialen Formationen wie dies noch von Fiske für die gemeinsame Bedeutungsproduktion eines Fernseherlebnisses gedacht war. Die Mikroebene erreicht dadurch in der Datenbanklogik des Internets eine gewisse ‚Sichtbarkeit‘ auf der Makroebene. Mit dem Internet sowie seiner Mobilisierung werden Elemente des populären Wissens von der Mikroauf die Makroebene gehoben und dadurch auch als Automatismen beobachtbar. Auf den Social-Web- Plattformen werden die Geschmäcker, die Vorlieben, die Freundschaftsnetzwerke oder die aktuellen Lieblingssongs zumindest zeitweilig manifest. Bei Fiske entstehen diese Kulturen und ihr populäres Wissen als emergente und instabile Phänomene, die nur eine geringe Halbwertszeit besitzen. Mit der 22 John Fiske, „Die populäre Ökonomie“, in: Rainer Winter/Lothar Mikos (Hg.), Die Fabrikation des Populären: der John Fiske-Reader, Bielefeld, 2001, S. 111-137. 23 John Fiske, „Popularity and the Politics of Information“, in: Peter Dahlgren/Colin Sparks (Hg.), Journalism and Popular Culture, London (u. a.), 1992, S. 45-63: 52.
RALF ADELMANN 54 Datenbankstruktur und ihren Aufzählungen werden diese Phänomene manifester, dauerhaft speicher- sowie veränderbar und somit ‚sichtbarer‘. Datenbanken ermöglichen die partielle Umwandlung temporärer sozialer Formationen in stabilere mediale Formationen, wie sie zum Beispiel die sozialen Netzwerkplattformen zur Verfügung stellen, in dem die Strukturen des populären Wissens durch mediale Formatierung eine größere Stabilität und damit einhergehend eine vielfältigere Geschichte bekommen. Wir sind ständig aufgefordert, unsere Erfahrungen zu bewerten und uns zu unseren populären Praxen zu verhalten. Diese vielfältigen Praxen sinken als Automatismen unterhalb unsere Wahrnehmungsschwelle und werden in die Nutzung des Internets eingeschrieben. Die Datenbank als kulturelle Form verdichtet das „knowledge on the run“ auf vielfältige Weise. Wie viele Sternchen bekommt ein bestimmtes Musikstück, was sind meine Lieblingsfilme und wie viele Tomaten bekommen sie von der Filmkritik, wer ist meine Freundin oder mein Freund? Erlaube ich Unbekannten, die meinen, einen ähnlichen Musikgeschmack zu haben, mich auf ihre Freundschaftsliste zu nehmen? Gehe ich den Kaufempfehlungen auf Basis meiner Einkäufe der letzten Monate nach? Teile ich mit, wie es mir jetzt und hier geht? Bin ich erreichbar, und wenn ja in welcher Form? Wie werden durch das Internet vorhandene Datenerhebungen mit subjektiven Erfahrungen gekoppelt? Wie werden die qualitativen Kategorien des Kults oder des Geschmacks zu quantitativen statistischen Größen? Die medialen Strukturierungen populären Wissens im Internet sind prinzipiell unvollkommen. Es bleiben viele Reste, die nicht verwertbar sind und im ‚Unsichtbaren‘, jenseits der Datenbanklogiken verharren, so z. B. somatische und emotionale Anteile der popkulturellen Praxen. Gleichsam entstehen Versuche, die Flüchtigkeit – und damit die Widerständigkeit –populären Wissens auf Internetplattformen wie zum Beispiel 4chan.org zu implementieren, indem Aufmerksamkeitsfenster in der Nutzung begrenzt werden.24 In diesem Sinne demonstrieren die Interfaces von Datenbanken nicht nur eine andere ‚Sichtbarkeit‘ von Medienpublika, sondern bezeugen ebenso den Wandel der diskursiven Entstehungsbedingungen dieser Publika vom Rundfunk zur Datenbank im Internet. Die prinzipielle Adresse von Medienangeboten ist nicht mehr nur die Masse oder Mehrheit, sondern die Vielheit und Unterschiedlichkeit kommen stärker hinzu, die sich über verteilte Subjekte konstituieren. 24 Sobald in 4chan auf einen Post keine Antworten kommen, wird er nach unten durchgereicht und verschwindet: „Threads expire and are pruned by 4chan’s software at a relatively high rate“, online unter: http://www.4chan.org/faq, zuletzt aufgerufen am 01.10.2013.
LISTEN UND RANKEN 55 Ranke 5: Subjektlogiken Welche Subjektpositionen werden durch die mediale Strukturierung des Internets ermöglicht? Aufbauend auf der Zentralität der Datenbank für diese Strukturierung fragt Mark Poster schon 1995 in seinem Buch The Second Media Age nach alternativen Formen der Subjektkonstitution.25 Die Datenbank ist für Poster ein neuer Diskurs und eine neue Praxis, die im sozialen Feld operiert und die Konstitution des Subjektes re-konfiguriert. Durch Datenbanken verschwindet nach Poster das traditionelle Konstrukt der Trennung zwischen Öffentlichem und Privatem, und damit endet das Konzept der bürgerlichen Privatsphäre; die Subjekte nehmen größtenteils unbewusst und mit geringem technischen Aufwand an ihrer Überwachung lustvoll teil. Die Datenbank wird bei Poster, im Anschluss an Foucault, als diskursive Formation beschrieben, die ein wichtiges Element der Normalisierungsstrategien im modernen Staat ist. In diesen diskursiven Formationen wird das Subjekt vervielfacht und dezentriert – in den verschiedenen Datenbanken und ihren möglichen Relationierungen wird das Subjekt objektiviert, höchstens als verstreutes aufgerufen und in seiner Abwesenheit angerufen. Im (unbewussten) Schreiben der Datenbankeinträge wird das Subjekt bei Poster außerhalb der Sichtbarkeit und damit außerhalb der Reichweite von liberalen oder marxistischen Subjektansätzen verortet. Die Automatismen der Subjektzerstreuung verschwinden in den Datenbankstrukturen, deren Oberflächen wiederum ein kohärentes Subjekt erscheinen lassen können. Posters Ansatz lässt sich für die Subjektpositionierung in Rankings und Listen produktiv machen, indem die Seite des bürgerlichen Subjekts als ‚imaginärer‘ Bestandteil des Diskurses der Datenbank nicht völlig aufgelöst wird. Das bürgerliche Subjekt bleibt neben dem verteilten, in den Datenstrukturen verschwindenden Subjekt bestehen.26 Sie schließen sich nicht aus, sondern bedingen sich gegenseitig in den Subjektivierungsstrategien des Internets. Rankings und Listen als ‚imaginierte‘ Öffentlichkeiten produzieren dabei den ‚imaginären‘ Anteil der Subjekte mit. Die Quantifizierung in den neonumerokratischen Regimen zersplittert das Subjekt in mannigfaltige Kategorisierungen und Klassifizierungen, um gleichzeitig die Imagination und das Phantasma einer starken Subjektposition und eines kohärenten Subjekts aufrechterhalten zu können. Der ‚imaginäre‘ Anteil ist die Vorstellung, dass die „taste performances“27, die Aktivitäten der Nutzer, ihren Geschmack, ihre Meinung, ihre Wertung in Listen und Rankings zu präsentieren, die Identität und Kohärenz des Subjekts 25 Mark Poster, „Database as Discourse, or Electronic Interpellations“, in: ders. (Hg.), The Second Media Age, Cambridge, 1995, S. 78-94. 26 Vgl. Ralf Adelmann/Hartmut Winkler, „Kurze Ketten. Handeln und Subjektkonstitution in Computerspielen”, in: Ästhetik & Kommunikation 148 (2010), S. 99-107. 27 Liu Hugo, „Social Network Profiles as Taste Performances“, in: Journal of Computer-Media- ted Communication 13, 1 (2007), S. 252-275.
RALF ADELMANN 56 herstellen. Damit verbunden ist ein Versprechen von Empowerment und Souveränität des Konsumenten. Bestärkt wird dieses Versprechen durch die Stabilisierung und Sichtbarmachung popkultureller Praxen auf den Internetplattformen. Diese Subjektpositionierung spielt in der Debatte um Serendipität, den Glücksfund, im Internet eine Rolle. Mit Serendipität werden in diesem Zusammenhang zufällige Entdeckungen beim Suchen oder beim Surfen im Netz bezeichnet, die trotz ihrer Zufälligkeit ‚unerwartete Relevanz‘ für das Nutzersubjekt entwickeln.28 Die geäußerten Befürchtungen gehen in die Richtung, dass durch die bewussten und unbewussten, die sozialen und algorithmischen Filter sowie die damit stattfindenden Personalisierungen der Glücksfund – unerwartet auf etwas subjektiv Relevantes im Netz zu stoßen – immer weiter verunmöglicht wird.29 Der Glücksfund wird damit indirekt zum Opfer verteilter und quantifizierbarer Subjektivität, indem die Automatismen der Subjektbestimmung im Internet eine (unerwartete) Nachbarschaft der Dinge zu verhindern drohen. Der Nutzer in der kohärenten Subjektposition als Entdecker und Eroberer wird durch die vorgeschalteten Filter abgelöst. Deren Unvollkommenheit führt gleichzeitig zu einer abgeschwächten Form des Glücksfundes in Form unerwarteter personalisierter Ergebnisse der Vorschlagsysteme. Ebenso entstehen Internetplattformen wie stumbleupon.com, die dieses kohärente Subjekt gerade durch Filter- und Personalisierungsalgorithmen wiederherstellen möchten. In stumbleupon können die Nutzer Webseiten bewerten, ihre Internetaktivitäten werden ausgewertet und sie können ein soziales Interessennetzwerk bilden. Alle Informationen führen zu Vorschlägen, die laut Eigenwerbung von stumbleupon nur durch die Hilfe der Plattform zu erhalten sind: „We help you easily discover new and interesting stuff on the Web.“30 Das paradoxe Projekt von stumbleupon – durch eine Mischung aus persönlicher Meinung und Präferenzen Glücksfunde wiederherzustellen – steht beispielhaft für die Versuche, das Spielerische und die Produktion von Ordnungen als automatisierte Praxen zur Verfügung zu stellen. Das verteilte Subjekt soll durch dieselben Prozesse wieder als ein handlungsmächtiger Abenteurer eingesetzt werden: „Every Stumble is an adventure, and something amazing is always just a click away.“31 In der Nachbarschaft der Dinge wartet nur einen Klick weiter etwas Erstaunliches für jeden. Ob mit stumbleupon und ähnlichen Webseiten das Unerwartete erreicht wird und Relevanz erhält, erscheint für die zugrunde liegenden Praxen und Prozesse kaum von Bedeutung. Am Ende bietet die Sicht auf die mediale Strukturierung des Internets mit Listen und Ranken eine Perspektive auf die Automatismen-Forschung an. 28 Jeff Jarvis, „Serendipity is Unexpected Relevance“, 30.03.2010, online unter: http://buzzmachine. com/2010/03/30/serendipity-is-unexpected-relevance, zuletzt aufgerufen am 01.10.2013. 29 Siehe dazu z. B. Damon Darlin, „Serendipity, Lost in the Digital Deluge“, in: The New York Times vom 02.08.2009, S. BU3. 30 Online unter www.stumbleupon.com/about, zuletzt aufgerufen am 01.10.2013. 31 Ebd.
UNA DECISIONE CON DIVISA DA TUTTE? 63 zugt, in denen Gruppenentscheidungen von allen getragen werden und sich im Diskussionsprozess herausbilden sollten.13 Auch die meisten der von mir interviewten Frauengruppen von SNOQ lehnen Abstimmungen und Mehrheitsentscheidungen als Kennzeichen männlicher politischer Praxis ab und favorisieren stattdessen eine einstimmige Entscheidung. Insbesondere anhand von Interviews und teilnehmenden Beobachtungen in Florenz und Reggio di Calabria konnte ich feststellen, dass damit das geschilderte, aus der Bewegung der femministe storiche bekannte und als Ideal betrachtete Verfahren gemeint ist, bei dem der entsprechende Gesprächsgegenstand wiederholt besprochen wird und sich aus der Diskussion schlussendlich eine Entscheidung herausbildet, die idealiter und in der Darstellung der Beteiligten der Überzeugung aller entspricht. Am Schluss der Diskussion seien sich die Frauen immer alle einig.14 Der Hintergrund für das Anstreben dieses Vorgehens sei, wie mir ein Mitglied von SNOQ Siena in einem informellen Gespräch erklärte, dass man miteinander diskutieren und nicht „Politik machen“ wolle. Letzteres wurde von meiner Gesprächspartnerin als männlich konnotiertes Handeln dargestellt, das von partikulären Machtinteressen motiviert sei und nicht das Gemeinwohl und die Bedürfnisse der Menschen berücksichtige. Stattdessen gehe man vom materiellen Leben der Frauen aus, jede von sich, mit dem Willen, das gemeinsame Ziel zu erreichen und der Sache zu dienen. Wenn jede Frau von sich ausgehe (partire da sé), komme man in der Gruppe, so meine Gesprächspartnerin, fast automatisch zu einem Konsens und könne in der Folge ganz andere Ressourcen für das beschlossene Projekt mobilisieren, als wenn man nicht mit ganzem Herzen dabei sei, wie dies der Fall sei, wenn das Mehrheitsprinzip zur Anwendung gekommen wäre und es sich daher um eine Entscheidung gehandelt hätte, die eben nicht jedes Gruppenmitglied vollständig mitgetragen hätte.15 Die Praxis des partire da sé ist eine auf die politische Philosophie Hannah Ahrendts rekurrierende, aus der italienischen feministischen philosophia della differenza16 hergeleitete Vorgehensweise der Frauenbewegung der 1960/70er Jahre, eine Technik der Selbsterfahrung, die unter anderem zu einem Bewusstsein für gesellschaftspolitische Problemstellungen und zu entsprechender 13 Informelles Gespräch mit einem SNOQ-Mitglied aus Siena, 06.04.2013. 14 Gruppeninterview mit fünf Mitgliedern von SNOQ Reggio di Calabria, 19.09.2012; Interview mit einem Mitglied von SNOQ Firenze, 13.09.2013. 15 Informelles Gespräch mit einem SNOQ-Mitglied aus Siena, 06.04.2013. 16 Die philosophia della differenza geht davon aus, dass jede Frau sich in ihrer Differenz – das heißt in ihrer spezifischen Existenz, ihren individuellen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Wünschen (und nicht in als dichotom gedachten Unterschieden zu Männern) – zur Welt (zu der auch die Männer gehören) positionieren muss. Sie basiert auf marxistischen sowie psychoanalytischen Theorien, etwa denen von Lacan und Irigaray. Die bekanntesten Vertreterinnen sind Luisa Muraro und Adriana Cavarero. Zum italienischen Differenzfeminismus siehe Graziella Parati/Rebecca J. West, „Introduction“, in: dies. (Hg.), Italian Feminist Theory and Practice: Equality and Sexual Difference, Cranbury, 2002, S. 13-30.
MARION NÄSER-LATHER 64 Handlungsfähigkeit führen soll. Dass SNOQ von den Traditionen der femministe storiche beeinflusst wird, kam in vielen Interviews zu Sprache.17 Partire da sé heißt also zum einen, von sich selbst als Frau auszugehen (essere donna), zum anderen die Befreiung von der ordine simbolico maschile (der männlichen symbolischen Ordnung), die das Weibliche nur als das Andere konstruiert: Das partire da sé „entspringt dem konkreten Bedürfnis eines weiblichen Wissens […] eine effiziente Semantik zu finden“18, wie es die Philosophin Elisabetta Zamarchi formuliert. Partire da sé bedeutet nach Luisa Muraro, einer der Gründerinnen der Diotima-Gruppe – einer Vereinigung feministischer Philosophinnen der Universität Verona – auch, sich selbst als fluides Subjekt wahrzunehmen und sich auf eine Wanderschaft der (Selbst-)Erkenntnis zu begeben: Das partire da sé vermittelt ein Dasein und einen Standpunkt, ohne von irgendeiner Seite aus etwas festzulegen. Es ist wie das Reisen, das […] Dich [die Dinge] auch sehen lässt, wie sie niemand Dich hätte sehen lassen können ohne diese Entörtlichung [spostamento] […]. Es ist ein Denken, dass nicht auf die Logik der Identität festgelegt ist und fähig, in der Kontingenz einherzuwandern, zwischen dem Sein, welches jenes ist, das ist, und dem Sein, das niemals genau das ist, was es ist.19 Partire da sé impliziert, so Elisabetta Zamarchi, „die Wertschätzung des konkreten Erlebten, der Partikularität der eigenen Erfahrung in der Begegnung mit der Welt“, es ist „ein Sich-Öffnen gegenüber der Welt und eine Reflexion über diese, ausgehend von der persönlichen Erfahrung und von der Realität des Seienden selbst, die den primären Horizont der menschlichen Erfahrung darstellt.“20 Auf diese Weise kann auch eine Verbindung zu anderen Frauen hergestellt werden, wie es die häufiger durch die Mitglieder von SNOQ zitierte Redewendung „partire da sé per arrivare alle altre“ – „von sich selbst ausgehen, um bei den anderen anzukommen“ – andeutet.21 Dabei unterscheidet 17 Z. B. Interview mit einem Mitglied von SNOQ Firenze, 13.09.2013; Gruppeninterview mit fünf Mitgliedern von SNOQ Reggio di Calabria, 19.09.2012; Interviews mit Mitgliedern von SNOQ Venezia, 19.02.2013; teilnehmende Beobachtung beim nationalen Treffen der Comitati in Ancona, 06. und 07.04.2013. Einer der grundlegenden Unterschiede zwischen SNOQ und den femministe storiche, insbesondere den Frauen der Libreria delle Donne in Mailand, ist jedoch, dass diese jegliche Zusammenarbeit mit den als männlich dominiert begriffenen Institutionen ablehnen und die Auffassung vertreten, erst müsse die symbolische Ordnung geändert werden (zur Libreria delle Donne di Milano – einem der ab 1975 in verschiedenen italienischen Städten entstandenen Frauenbuchläden mit reger feministischer Publikationstätigkeit – siehe den Sammelband: Libreria delle Donne di Milano (Hg.), Wie weibliche Freiheit entsteht. Eine neue politische Praxis, übers. v. Traudel Sattler, Berlin, 1991). 18 Elisabetta Zamarchi, „Partire da sé“, in: la rivista online di filosofia applicata ai mondi di lavoro 4 (2004), online unter: http://www.fabbricafilosofica.it/MA/04/01.html, zuletzt aufgerufen am 03.10.2013. 19 Luisa Muraro, „Partire da sé e non farsi trovare“, in: Diotima (Hg.), La sapienza di partire da sé, Napoli, 1996, S. 5-22: 8 f. und 15. 20 Zamarchi (2004), Partire da sé. 21 So zum Beispiel bei einer Versammlung von SNOQ Firenze, 11.02.2013.
UNA DECISIONE CON DIVISA DA TUTTE? 65 sich das partire da sé nach Chiara Zamboni – ebenfalls Gründungsmitglied von Diotima – vom Subjektivismus: „Man geht aus […] von den Gefühlen und den Widersprüchen, die am eigenen Leib erlebt worden sind. […] [D]as ist ein Weg, die Wahrheit der Welt an die eigene Welt zurückzubinden.“22 Die Anwendung dieser Praxis in der Entscheidungsfindung erinnert an das Ideal der Demokratie, wie sie durch Jean-Jacques Rousseau in seinem Contrat Social beschrieben wird: Die heilige, unfehlbare volonté générale, der „allgemeine Wille“ basiert ebenso auf einem bestimmten angenommenen gemeinsamen psychischen Zustand der Entscheidungsträger. Die volonté générale bildet das Allgemeinwohl des Volkes ab, das sich unterscheidet von der volonté de tous, dem „Willen aller“, der nur auf das Privatinteresse abzielt und die Summe der Einzelinteressen darstellt. Im Falle der volonté générale verallgemeinert das „allgemeine Interesse, [das die Stimmen] vereinigt“ den Willen.23 Das allgemeine Interesse, die volonté générale, wird nun ermittelt, indem jeder Bürger dabei an das „dem Staate vorteilhaft[e]“ denkt,24 das heißt, indem er sich in dieser Situation in einen besonderen Zustand versetzt. Dabei unterscheidet Rousseau zwischen dem Menschen als Privatmann und als Bürger: „In der Tat kann jeder einzelne als Mensch einen besonderen Willen haben, der dem allgemeinen Willen, den er als Staatsbürger hat, zuwiderläuft oder mit dem er doch nicht überall in Einklang steht.“25 Bei der Bestimmung der volonté générale wird zugrunde gelegt, dass die Bürger jeder für sich, also ohne die Bildung von Parteiungen, Interessensvertretungen oder Lobbys, entscheiden: „Hätten bei der Beschlussfassung eines hinlänglich unterrichteten Volkes die Staatsbürger keine feste Verbindung untereinander, so würde aus der großen Anzahl kleiner Differenzen stets der allgemeine Wille hervorgehen“26, so Rousseau. Die von Rousseau vorgestellte kognitive Ausgangslage der Bürger im Prozess der Herausbildung der volonté générale kann als Parallele zum Ideal des partire da sé gesehen werden: Auch bei dieser Praxis findet keine Parteienbildung statt, sondern über die Entscheidung wird in der Versammlung der Gruppe ausgehend von der persönlichen Erfahrung reflektiert. Am stärksten zeigt sich die Ähnlichkeit der zugrunde gelegten Einstellungen im folgenden Rousseau-Zitat: „Weshalb ist der allgemeine Wille immer richtig, […] weil es niemand gibt, der nicht das Wort ‚jeder‘ sich aneignet und nicht an sich selber denkt, so oft er für alle stimmt?“27 Das heißt, ähnlich wie bei der Verfahrensweise des partire da sé nimmt Rousseau an, dass die Bürger von sich selbst ausgehen, um beim Allgemeinwohl anzu- 22 Chiara Zamboni, „Il materialismo dell’anima“, in: Diotima (Hg.), La sapienza di partire da sé, Napoli, 1996, S. 155-170: 156. 23 Jean-Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag oder die Grundsätze des Staatsrechtes, übers. v. Hermann Denhardt, Leipzig, 1880 [1758], 2. Buch, 4. Kapitel. 24 Ebd., 4. Buch, 1. Kapitel. 25 Ebd., 1. Buch, 7. Kapitel. 26 Ebd., 2. Buch, 3. Kapitel. 27 Ebd., 2. Buch, 4. Kapitel.
MARION NÄSER-LATHER 66 kommen – daraus resultieren auch die minimalen Differenzen in der Wahrnehmung des Allgemeinwohls, die sich im individuellen Erfahrungshorizont des partire da sé wiederspiegeln: Ähnlich wie in der idealen Gesellschaft Rousseaus, in der „jeder einzelne, obgleich er sich mit allen vereint, gleichwohl nur sich selbst gehorcht“28 und „nur für seine eigene Überzeugung eintreten“29 soll, impliziert das partire da sé per arrivare alle altre eine fluiden Positionierung, in der das Denken des Gemeinwohls in diesem Fall auf die Gruppe bezogen einer Gleichzeitigkeit von erfahrungsbezogenem und leibgebundenem Beisich-Sein und einer Distanzierung vom eigenen Standpunkt entspringt. Das Ergebnis wird bei Rousseau ähnlich wie bei SNOQ als Optimum imaginiert. „Der allgemeine Wille [ist] beständig der richtige […] und [zielt] immer auf das allgemeine Beste“.30 Eine grundlegende Differenz zwischen der volonté générale und dem Entscheidungsfindungsverfahren bei SNOQ besteht darin, dass bei SNOQ die Entscheidung quasi aus der Gruppendiskussion heraus emergiert, während die volonté générale durch eine Abstimmung während der Volksversammlung ermittelt wird: „Jeder spricht durch seine Stimmabgabe […] und aus der Berechnung der Stimmen geht die Darlegung des allgemeinen Willens hervor.“31 Bei SNOQ hingegen wird die Willensentscheidung zum einen nicht durch das als männliche politische Praxis verpönte Abstimmungsverfahren gefällt, zum anderen soll sie immer einstimmig sein. Im Unterschied dazu muss die volonté générale mit Ausnahme des Gesellschaftsvertrages, der anfänglichen staatsbürgerlichen Vereinigung, nicht einstimmig sein.32 Allerdings ist die volonté générale umso eher wirklich vorhanden, je einstimmiger die Entscheidung ausfällt: „Je größere Übereinstimmung in den Versammlungen herrscht, das heißt, je mehr sich die gefassten Beschlüsse der Einstimmigkeit nähern, desto größere Herrschaft gewinnt auch der allgemeine Wille, während langdauernde Wortgefechte, Uneinigkeiten und Lärmen das Wachsen der Privatinteressen und das Sinken des Staates anzeigen.“33 Auch hinsichtlich der Natur des psychischen Zustands während der Entscheidung und seines Zustandekommens unterscheiden sich die Rousseauische Konzeption und die feministische Philosophie. Während das partire da sé emotional und leiblich fundiert ist und getragen vom Willen, „der Sache zu dienen“, also altruistisch-idealistisch motiviert, bedarf es zur Erkenntnis der volonté générale und damit des Gemeinwohls, „nur gesunder Vernunft“.34 Die volonté générale entspricht nach Rousseau den Entscheidungen der Gemeinschaft der Bürger bei vollständiger Informiertheit und uneingeschränkter Ur- 28 Ebd., 1, Buch, 6. Kapitel. 29 Ebd., 2. Buch, 3. Kapitel. 30 Ebd., 2. Buch, 3.Kapitel. 31 Ebd., 4. Buch, 2. Kapitel. 32 Ebd., 2. Buch, 2. Kapitel; 4. Buch, 2. Kapitel. 33 Ebd., 4. Buch, 2. Kapitel. 34 Ebd., 4. Buch, 1. Kapitel.
UNA DECISIONE CON DIVISA DA TUTTE? 67 teilskraft, die von Rousseau utopisch anmutend als frei von Ideologien oder Emotionen gedacht wird. Zudem komme die Geisteshaltung, die zur Erkenntnis der volonté générale befähigt, dem Bürger mit dem Übergang vom Naturzustand in den bürgerlichen Zustand gewissermaßen von selbst zu: Dann „[tritt] in seinem Verhalten die Gerechtigkeit an die Stelle des Instinktes“, Pflicht verdrängt physischen Antrieb und Recht Begierde, er „[befragt] die Vernunft, bevor er auf seine Neigungen hört“.35 Die italienischen Feministinnen hingegen gelangen zum partire da sé über einen Prozess der Selbsterfahrung, der sich gerade im Austausch mit anderen Frauen im Rahmen entsprechender Diskussionsgruppen über einen längeren Zeitraum vollzogen hat, nie abgeschlossen ist und in der Entscheidungssituation wieder aufgerufen wird. Der Idealvorstellung der decisione con divisa da tutte entspricht in der Selbstwahrnehmung der Interviewpartnerinnen der SNOQ-Gruppen von Reggio di Calabria und Florenz eine erfolgreiche Praxis: Entscheidungen werden laut Auskunft der Mitglieder seit Bestehen dieser Gruppen (Februar 2011) auf diese Art und Weise gefällt, wie beispielsweise ein Mitglied aus Florenz berichtet: „Bis jetzt mussten wir noch nie wählen. Wir haben immer eine […] Quadratur des Kreises gefunden, wir haben es immer geschafft, eine Position zu finden, die von allen geteilt wird [la posizione con divisa da tutte].“36 Dass diese idealisierte Darstellung nicht immer zutrifft, werde ich noch zeigen. Wie läuft ein solcher Entscheidungsprozess nun genau ab? Wie ich bei den nationalen Treffen in Ancona und Rom und den Versammlungen der SNOQ- Gruppe in Florenz beobachten konnte, führt der intensive diskursive Austausch der Frauen untereinander, der sich über Stunden erstrecken kann, in Form einer Wiederholung von Aspekten, Standpunkten und Argumenten und einer Reflexion über diese dazu, dass sich sukzessive ein Meinungsbild konkretisiert, das zu einer konkreten Entscheidung kondensiert. Eine diffuse Wolke unterschiedlicher Perspektiven, Interessen, Motive und Vorstellungen verdichtet sich im Diskussionsprozess und nimmt im Sinne von Bahnung, gegenseitiger Verstärkung und Verfestigung unter dem Einfluss der in der Einleitung beschriebenen gruppenpsychologischen Dynamiken Gestalt an: Der Diskurs stellt das her, worüber er spricht (konkrete Beispiele für diesen Vorgang werde ich im Abschnitt über automatistische Prozesse auf der Makroebene aufführen). Da bei den Akteurinnen eine punktuelle Bewusstheit über die Mechanismen der beschriebenen Emergenz von Entscheidungen besteht und es sich um ein zielgerichtetes Vorgehen handelt – der Vorgang wird willentlich initialisiert, ähnlich wie die von Bublitz beschriebenen Automatismen des Trainings (etwa das virtuose Klavierspiel37) – kann die Emergenz von Entscheidungen aus dem 35 Ebd., 1. Buch, 8. Kapitel. 36 Interview mit einem Mitglied von SNOQ Firenze, 13.09.2013. 37 Hannelore Bublitz hat auf Automatismen aufmerksam gemacht, bei denen aus bewusstem Übungshandeln unbewusste Routine und schließlich ein qualitativ neues, meisterhaftes Beherrschen der jeweiligen Fähigkeit wird, das durch Verdichtung der Handlungsschritte in
MARION NÄSER-LATHER 68 partire da sé den von Mirna Zeman angeführten „kontrollierbaren und zielabhängigen Automatismen“ zugeordnet werden. Zeman bezieht sich dabei auf Bernd Schaals (1997) Untersuchung zu Stereotypenaktivierung als jeweils teilweise kontrollierbarem, bewusstem und intentionalem Automatismus und auf das Modell der zielabhängigen Automatismen von Bargh (1989), das Automatismen beschreibt, die im Zuge der Formulierung und Verfolgung von Zielen entstehen. Diesem Modell folgend, könnte der emergente Entscheidungsprozess der Subkategorie der „automatische[n] Prozesse, die mit der Zielformulierung in Einklang stehen“ zugeordnet werden im Gegensatz zu Automatismen, die „Nebeneffekte“ von der Zielerreichung dienenden Handlungen darstellen.38 Der Vorgang der einstimmigen Entscheidungsfindung wird unterstützt durch eine spezifische, wiederum auf Traditionen der femministe storiche zurückgehende Strukturierung des Netzwerks der Beziehungen zwischen den Akteurinnen: Ein Gründungsmitglied der Bewegung spricht bei einem nationalen Treffen in Rom vom „affidamento insieme per avere più forza“, vom gegenseitigen Vertrauen, das der Bewegung zu mehr Stärke verhilft.39 Im Kontext der nationalen Ebene markierte diese Aussage eher ein Desiderat, das aber in den von mir untersuchten lokalen Gruppen durchaus gelebt wird. Das affidamento, das in der italienischen Frauenbewegung der 60er/70er Jahre die in der Anerkennung der größeren Erfahrung und Autorität einer älteren Frau begründeten engen Vertrauens- und Mentorinnenbeziehungen zwischen älteren und jüngeren Frauen bezeichnete,40 wird in den SNOQ-Gruppen allgemeiner als Vertrauen zwischen Frauen gelebt. Das so begriffene affidamento ist eine der erleichternden Bedingungen für den beschriebenen Prozess. Daneben berichtet ein Mitglied aus Florenz von Dynamiken, welche in ihrer Gruppe die einstimmige Entscheidungsfindung begünstigen: „Im Moment haben wir das Glück, unter uns drei Therapeutinnen zu haben, [dazu] eine Feministin [der Schemata und Optimierung gekennzeichnet ist. Hannelore Bublitz, „These 2: Automatismen beinhalten einen qualitativen Sprung: Aus der wiederholten Einschleifung durch Übung entsteht – paradoxerweise – gerade das Neue: spielerisch-mühelose Perfektion, in: dies./Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 23- 26. 38 Mirna Zeman, „Volkscharaktere und Nationalitätenschemata“, in: Tobias Conradi/Gisela Ecker/Norbert Otto Eke/Florian Muhle (Hg.), Schemata und Praktiken, München, 2012, S. 97- 116: 101; John A. Bargh, „The Four Horsemen of Automaticity: Awareness, Intention, Efficiency, and Control in Social Cognition“, in: Robert S. Wyer Jr./Thomas K. Srull (Hg.), Handbook of Social Cognition, Bd. 1, 2, 2. Aufl., Hillsdale, NJ, 1994, S. 1-41; Bernd Schaal, Willentliche Kontrolle stereotypen Denkens: Intentionseffekte auf die Aktivierung von Stereotypen, Konstanz, 1997, S. 67 f., online unter: http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=956885004&d ok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=956885004.pdfhttp://deposit.ddb.de/cgibin/dokserv?idn=9 56885004&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=956885004.pdf, zuletzt aufgerufen am 28.03.2011; beides zit. n. Zeman (2012), Volkscharaktere und Nationalitätenschemata, S. 100. 39 Treffen der Comitati und des CP, Rom, 15.12.2012 (Beobachtung durch Livestream). 40 Zum affidamento siehe z. B. Adriana Cavarero/Franco Restaino, Le filosofie femministe, Milano, 2002, S. 72 f.
UNA DECISIONE CON DIVISA DA TUTTE? 69 femministe storiche], eine sehr junge Frau [...] – die Dynamik der Gruppe hilft viel. Es hilft viel, weil es uns, wie wir sagen, immer Ruhe zum Diskutieren gibt“.41 Dass die geschilderte Zusammensetzung der Gruppe zur Harmonisierung beiträgt, konnte ich bei Versammlungen der Gruppe feststellen: die Expertise der Psychologinnen, die gerade stattfindende emotionale Dynamiken zu erklären vermochten; die Erfahrung einer Frau, die die Selbsterfahrungsgruppen der 1960/70er Jahre miterlebt hat; schließlich die Anwesenheit der jungen Studentin, vor der vielleicht ein Streit nicht eskalieren sollte, da die anderen Frauen sich in einer Vorbildfunktion sahen.42 Im Rekurs auf Traditionen und Praxen der femministe storiche findet also eine Habitualisierung statt, die die Emergenz von Entscheidungen als automatistischem Prozess erleichtert. In sozialpsychologischen Theorien zu Gruppendynamiken, die beispielsweise Gruppenklimata und Gruppennormen als im Gruppengeschehen auftretende und sich verfestigende Phänomene fassen, die vom einzelnen Individuum nicht kontrollierbar sind, wurden entsprechende Charakteristika von Gruppen bereits beschrieben. So meinten etwa Le Bon (1896) und McDougall (1920), eine Gruppe besitze ein jeweils spezifisches „group mind“, und Mead (1934), Sherif (1936), Asch (1952) und Lewin (1952) vertraten die Theorie, Gruppen wiesen einzigartige Eigenschaften auf, die aus dem Netzwerk der Beziehungen der Gruppenmitglieder heraus emergierten.43 Bei den Mitgliedern von SNOQ werden die Beziehungen und Interaktionen durch die von vielen Frauen geteilten und jüngeren Mitgliedern tradierten Erfahrungen44 der Frauenbewegung der 1960/70er Jahre beeinflusst, die bestimmte sozial erwünschte Interaktionsformen sowie Tabus wie die Aversion gegen Mehrheitsentscheidungen bereits vorgeben. Gruppenmitglieder zeigen nach sozialpsychologischen Untersuchungen zudem sehr häufig Uniformität in Bezug auf ihre Einstellungen und ihr Verhal- 41 Interview mit einem Mitglied von SNOQ Firenze, 13.09.2013. 42 Effekte meiner eigenen Anwesenheit dürften hier minimal sein, zum einen, da die Beziehung zwischen mir und der Gruppe in Florenz zu diesem Zeitpunkt bereits etabliert war, zum anderen, weil sich die Mitglieder der Bewegung bei anderen Gelegenheiten nicht scheuten, vor mir auf sehr leidenschaftliche Art und Weise miteinander zu streiten. 43 Vgl. Gustave Le Bon, The Crowd: A Study of the Popular Mind, Auckland, 1896; William McDougall, The Group Mind: a Sketch of the Principles of Collective Psychology, with Some Attempt to Apply Them to the Interpretation of National Life and Character, 2. überarb. Aufl., New York, NY, London, 1920; George Herbert Mead, On Social Psychology, Chicago, IL, 1934; Muzafer Sherif, The Psychology of Social Norms, New York, NY, 1936; Solomon Elliott Asch, Social Psychology, New York, NY, 1952; zit. n. Rupert Brown, Group Processes, Oxford, New York, NY, 1988, 3 f.; Kurt Lewin, Field Theory in Social Science, New York, NY, 1952. 44 Die von mir durchgeführten Interviews ergaben, dass viele meiner Gesprächspartnerinnen selbst in der Frauenbewegung der 60er/70er Jahre aktiv waren. Während meiner teilnehmenden Beobachtungen konnte ich zudem feststellen, dass auf die dargestellten Kernpunkte der philosophia della differenza und die genannten Praxen der femministe storiche häufig als selbstverständliche Voraussetzungen gemeinsamen Handelns rekurriert wurde.
MARION NÄSER-LATHER 70 ten. Durch die Gruppenzugehörigkeit kommt es zu einer Redefinition von Selbstbild und Verhalten, das heißt hier findet, um mit Jürgen Link zu sprechen, eine Selbstadjustierung des Individuums an die Normalität der Gruppe statt.45 Die in der Gruppe vorherrschenden Gebräuche und Traditionen üben einen großen Einfluss auf die Verhaltensregulation aus, es entwickeln sich Gruppennormen – auch dies zum Teil ungeplant und hinter dem Rücken der Akteure. Im vorliegenden Falle sind dies unter anderem die Traditionen des italienischen Differenzfeminismus, die Normen des intragruppenpolitischen Handelns erzeugen – die Praxis des partire da sé per arrivare alle altre, um zu einer Entscheidung zu gelangen, die von allen geteilt wird. Der automatistische Prozess der decisione con divisa da tutte stellt gewissermaßen eine handlungsleitende diskursive Norm und gleichzeitig ein Ideal dar, wie die positivierende Darstellung des Emergenzcharakters der resultierenden Entscheidungsergebnisse durch die Mitglieder von SNOQ zeigt. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass diese Art der partizipativen Entscheidungsfindung SNOQ als politischer Bewegung mit basisdemokratischen Idealen entspricht, wie es auch ein Mitglied formuliert: Ein Movimento sei eine spontane Sache, es gäbe keinen Führer46, jede mache das, was ihren Fähigkeiten und Interessen entspräche, d. h. nicht bei jeder Initiative engagiere sich jede gleichermaßen, je nach dem Thema der Initiative übernähme die eine oder die andere eine herausgehobene Rolle.47 Dieses Ideal wird jedoch durch gruppendynamische Prozesse der Entstehung von Machtstrukturen moderiert. Dies ist der nächste soziale Automatismus, auf den ich eingehen möchte. c) Gruppendynamiken der Erzeugung von Autorität In Gruppen kommt es häufig zu einer Rollendifferenzierung,48 indem die Wiederholung von Praxen sowie Interaktionen der Gruppenmitglieder bestimmte Rollenerwartungen und gleichzeitig entsprechende Habitus produziert und dadurch soziale Differenzierungen hervorbringt. Anhand der SNOQ-Gruppe in Florenz möchte ich im Folgenden die gruppendynamischen Prozesse aufzeigen, die in Form von Wiederholung und Bahnung von Verhalten zur Herausbildung von Rollen und Hierarchien hinter dem Rücken der Beteiligten führen. Noch im September 2012 berichtete mir die zukünftige Organisatorin der Gruppe, dass die Gruppenmitglieder versuchten, sich bei der Organisation im Turnus abzuwechseln. Sie kümmere sich ein paar Monate um die Koordinie- 45 Vgl. Jürgen Link, Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird, 2. erw. Aufl., Opladen, 1997; Brown (1988), Group Processes, S. 14. 46 Hier wurde im Italienischen von der Sprecherin bewusst „il capo“, das heißt „der Chef“ gesagt, um dadurch darauf anzuspielen, dass Hierarchien und Führerschaft „männliche“ Organisationsformen sind. 47 Gruppeninterview mit fünf Mitgliedern von SNOQ Reggio di Calabria, 19.09.2012. 48 Brown (1988), Group Processes, S. 19, S. 45 und S. 55.
UNA DECISIONE CON DIVISA DA TUTTE? 71 rung, also etwa um das Versenden von Mails für die Ankündigung der Treffen, dann übergäbe sie die Organisation an ein anderes Mitglied der Gruppe. Auch vor ihr habe eine andere Frau diese Rolle innegehabt.49 Mittlerweile scheint es sich jedoch eingespielt zu haben, dass sie für diese Aufgaben zuständig ist. Aber nicht nur das: In einem Interview äußerte ein Mitglied der Gruppe, dass sich SNOQ Firenze so entwickelt hätte, dass sich einige starke Persönlichkeiten, besonders zwei Frauen, als Führerinnen – im Sinne von hohem Engagement und Organisationszuständigkeit, nicht im Sinne von Entscheidungsbefugnis – herausgebildet hätten.50 Neben der „Organisatorin“ spielt noch eine andere Frau eine herausgehobene Rolle. Dies wird unter anderem auch daran deutlich, dass mich mehrere Mitglieder von SNOQ Firenze, als ich sie um ein persönliches Interview zum Thema ihrer persönlichen Entwicklung zum Feminismus und ihrer Arbeit für die Gruppe bat, zunächst an diese beiden Frauen als diejenigen verwiesen, die zu SNOQ am meisten und kompetentesten Auskunft geben könnten – das heißt ihnen wurde in besonderem Maße Kompetenz und Deutungsmacht zugeschrieben. Die herausgehobene Stellung besonders einer Frau konnte ich bei teilnehmenden Beobachtungen von Gruppentreffen am 11. Oktober 2012 und am 7. März 2013 feststellen: Bei den Versammlungen gab es zwar weder räumlich noch offiziell eine Distinktion zwischen „Leiterin“ und „einfachen Diskussionsteilnehmerinnen“ – alle Frauen saßen um einen großen Tisch herum. Etwa ein Drittel beteiligte sich aktiver an der Diskussion. Es war jedoch die bereits erwähne Frau, die die anderen unter anderem zur Ordnung rief, wenn es zu viele Nebengespräche gab oder alle durcheinanderredeten, und sie notierte auch die Ergebnisse. Sie verwies bei Redebeiträgen zu Themen, die nicht vordringlich waren, auf das nächste Treffen und strukturierte immer wieder die Diskussion. Sie stieß Themenbereiche an und machte auf die Notwendigkeit von Entscheidungen aufmerksam, beispielsweise auf diejenige darüber, welche Aktionen SNOQ Firenze beim internationalen Tag der Frauen am 8. März durchführen sollten, und nannte unterschiedliche Alternativen. In ihrer Interaktion mit den anderen Gruppenmitgliedern treten Persönlichkeitseigenschaften zutage, die in sozialpsychologischen Untersuchungen häufig als für ein(e) FührerIn relevant aufgeführt werden: Intelligenz, Extraversion, Dominanz und Sensibilität gegenüber anderen.51 Zudem besitzt sie ein besonders ausgeprägtes Organisationstalent, eine weitere Eigenschaft, die erfolgreiche FührerInnen kennzeichnet.52 Der Sozialpsychologe Rupert Brown beschreibt, wie sich Führung herausbilden kann: Die zukünftigen FührerInnen folgen erst den bestehenden Traditionen der Gruppe und schlagen nur kleinere Veränderungen vor. Erst nach einer Anfangsphase des angepassten Verhaltens 49 Interview mit einem Mitglied von SNOQ Firenze, 13.09.2013. 50 Interview mit einem Mitglied von SNOQ Firenze, 23.07.2013. 51 Vgl. Pennington (2002), The Social Psychology of Behaviour in Small Groups, S. 133. 52 Vgl. Brown (1988), Group Processes, S. 72.
MARION NÄSER-LATHER 72 beginnen sie, neue Aktivitäten und radikalere Abweichungen von der Routine vorzuschlagen. Dieser Prozess des Erlangens von Einfluss wurde von Merei (1949) als von emergenter Natur beschrieben.53 Unterschiedliche Rollen und informeller Einfluss innerhalb einer Gruppe stellen nun, wie ich anhand der teilnehmenden Beobachtungen feststellen konnte, keinen Widerspruch zum Prozess gemeinschaftlicher, Einigkeit intendierender Entscheidungsfindung dar. Die Praxis der aus dem Diskussionsprozess emergierenden Entscheidung wird jedoch nicht immer als praktikabel empfunden. Daher muss für das mögliche Fehlschlagen dieses Verfahrens eine alternative Vorgehensweise etabliert werden, so die „Organisatorin“ von SNOQ Firenze: „Für dieses Jahr müssen wir dahin kommen, dass wir uns Regeln geben […] für den Fall, dass wir keine Übereinstimmung erreichen – was man in diesem Fall macht. Und ich glaube, dass in Bezug auf die Fehler des Feminismus eben der es war, komplett Mechanismen, Organisieren, Organisationen und Abstimmungen abzulehnen, der im Wesentlichen Immobilität oder Spaltungen hervorgerufen hat.“54 Sie spricht also vor dem Hintergrund der Erfahrung des Scheiterns der italienischen Frauenbewegung, aus deren Tradition kleiner Selbsterfahrungs- Gesprächsgruppen die Praxis des partire da sé und der decisione con divisa da tutte hervorging.55 Unter anderen aus dem Bewusstsein der Schwierigkeiten, dieses in Mikrozusammenhängen bewährte Verfahren auf der Makroebene der Bewegung zu praktizieren, und andererseits dem Willen, möglichst horizontale Entscheidungsmodalitäten anzuwenden, resultiert auch die Debatte um Regeln und Organisationsformen auf nationaler Ebene, deren ebenfalls mit diskursiven und sozialen Automatismen verflochtene Argumentationsstränge ich im Folgenden nachvollziehen möchte. d) Zwischen Skylla und Charybdis – konfligierende Entwicklungstendenzen von SNOQ nazionale Horizontale Strukturen sind, wie bereits angesprochen, ein Ideal von SNOQ: Ein Mitglied aus Reggio di Calabria führt aus: „Unsere Bewegung ist eine horizontale Bewegung. In dem Sinne, dass wir alle zusammen die Modalitäten entscheiden, wir diskutieren miteinander und wir agieren alle zusammen. Es kommt kein Chef und sagt: ‚Morgen machen wir das und das.‘ Absolut nicht.“56 Institutionalisierung, oder systemtheoretisch allgemeiner gesprochen, Systembildung, ist jedoch ein Vorgang, der automatistische Züge aufweist: Bei 53 Vgl. ebd., 81. 54 Interview mit einem Mitglied von SNOQ Firenze, 13.09.2013. 55 Interview mit einem Mitglied von SNOQ Firenze, 21.02.2013. 56 Gruppeninterview mit fünf Mitgliedern von SNOQ Reggio di Calabria, 19.09.2012.
UNA DECISIONE CON DIVISA DA TUTTE? 79 Irving, Janis, Victims of Groupthink: A Psychological Study of Foreign-Policy Decisions and Fiascoes, Boston, MA, 1972. Johansson, Anders, „Selbstorganisation und (Un-)Koordination in Menschenmengen. Die Dynamiken von Massenpaniken“, in: Hannelore Bublitz/Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 61-70. König, Oliver/Schattenhofer, Karl, Einführung in die Gruppendynamik, Heidelberg, 2006. Libreria delle Donne di Milano (Hg.), Wie weibliche Freiheit entsteht. Eine neue politische Praxis, übers. v. Traudel Sattler, Berlin, 1991. Link, Jürgen, Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird, 2. erw. Aufl., Opladen, 1997. Lewin, Kurt, Field Theory in Social Science, New York, NY, 1952. Mead, George Herbert, On Social Psychology, Chicago, IL, 1934. Muraro, Luisa, „Partire da sé e non farsi trovare“, in: Diotima (Hg.), La sapienza di partire da sé, Napoli, 1996, S. 5-22. Myers, David G., Psychologie, 2. erw. u. aktualisierte Aufl., Berlin, 2008. Odorisio, Maria Linda/Turi, Monica/Scaraffia, Lucetta, Donna o cosa? Cronistoria dei movimenti femminili in Italia dal Risorgimento ad oggi, Turin, 1986. Rammstedt, Otthein, Soziale Bewegung, Frankfurt/M., 1978. Parati, Graziella/West, Rebecca J., „Introduction“, in: dies. (Hg.), Italian Feminist Theory and Practice: Equality and Sexual Difference, Cranbury, 2002, S. 13-30. Pennington, Donald C., The Social Psychology of Behaviour in Small Groups, New York, NY, 2002. Pieroni Bortolotti, Franka/Buttafuoco, Annarita, Sulmovimento politico delle donne, Rom, 1987. Ribero, Aida, Una questione di libertà. Il feminismo degli anni settanta, Turin, 1999. Rousseau, Jean-Jacques, Der Gesellschaftsvertrag oder die Grundsätze des Staatsrechtes, übers. v. Hermann Denhardt, Leipzig, 1880. Sutter, Tillmann, „Emergenz sozialer Systeme und die Frage des Neuen“, in: Hannelore Bublitz/Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 79-98. Winkler, Hartmut, „Spuren, Bahnen … drei heterogene Modelle im Hintergrund der Frage nach den Automatismen“, in: Hannelore Bublitz/Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 39-60. Witzel, Andreas, „Das problemzentrierte Interview“, in: Forum Qualitative Sozialforschung 1, 1 (2000), online unter: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1- 00/1-00witzel-d.htm, zuletzt aufgerufen am 06.02.2011. Zamarchi, Elisabetta, „Partire da sé“, in: la rivista online di filosofia aplicata ai mondi di lavoro 4 (2004), online unter: http://www.fabbricafilosofica.it/MA/04/01.html, zuletzt aufgerufen am 03.10.2013. Zamboni, Chiara, „Il materialismo dell’anima“, in: Diotima (Hg.), La sapienza di partire da sé, Napoli, 1996, S. 155-170. Zeman, Mirna, „Volkscharaktere und Nationalitätenschemata“, in: Tobias Conradi/Gisela Ecker/Norbert Otto Eke/Florian Muhle (Hg.), Schemata und Praktiken, München, 2012, S. 97-116. Zwick, Michael, Neue soziale Bewegungen als politische Subkultur, Frankfurt/M., New York, NY, 1990.
ROMAN MAREK AUTOMATISMEN DER BEGRIFFSGESCHICHTE. DER „KLON“ UND SEINE METAMORPHOSEN Der vorliegende Artikel unternimmt den Versuch, den Prozess der Begriffsbildung als „Automatismus“ zu verstehen, um eine neue Perspektive auf die begriffsgeschichtliche Entwicklung zu eröffnen. Im begriffsgeschichtlichen Verständnis ist dabei ein „Begriff“ vom „Wort“ deutlich zu unterscheiden. So ist zwar jeder Begriff an ein Wort (bzw. einen Ausdruck) gebunden, aber nicht hinter jedem Wort verbirgt sich auch ein Begriff. Vielmehr stehen Begriffe in einem geschichtlichen Zusammenhang, sie haben eine Vergangenheit und verweisen unter Umständen auf die Zukunft, und sie fassen weit mehr Vorstellungen, d. h. sie faszinieren weit mehr, als es ‚gewöhnliche‘ Wörter vermögen: „Ein Begriff bündelt die Vielfalt geschichtlicher Erfahrung und eine Summe von theoretischen und praktischen Sachbezügen in einem Zusammenhang, der als solcher nur durch den Begriff gegeben ist und wirklich erfahrbar wird.“1 Wie aber wird aus einem „Wort“ ein „Begriff“? Und weshalb z. B. gehen einige (vermeintlich eher trockene) wissenschaftliche Fachbegriffe in den allgemeinsprachlichen Gebrauch ein, andere hingegen nicht? Wieso entfernen sich einige der in die Allgemeinsprache eingegangenen Begriffe immer weiter von ihrer ursprünglichen wissenschaftlichen Definition? Ist die Faszination eines Begriffs der Motor dieser Prozesse, die hier als „Automatismen“ gefasst werden sollen? Und falls ja: Was löst die Faszination eines Begriffs aus? Um den Automatismus jedoch genau verorten zu können, ist es zunächst notwendig, den Prozess der Begriffsbildung genauer zu untersuchen. Der Begriff „Klon“ eignet sich besonders gut dazu, diese Prozesse sichtbar zu machen, da er als klar definierter Fachbegriff eingeführt wurde, es gibt also einen fassbaren Anfang. Ein unzureichender Wortschatz kann im Alltag häufig durch Zeichensprache, Mimik, Gestik u. Ä. kompensiert werden, bei der Darstellung komplexerer Sachverhalte hingegen wirken diese Methoden kaum. Man stelle sich z. B. einen klar umrissenen biologischen Sachverhalt vor, für den es noch keinen sprachlichen Ausdruck gibt. Genau dieses Dilemma plagte Anfang des 20. Jahrhunderts den Pflanzenphysiologen Herbert J. Webber vom U. S. Department of Agriculture. Webber suchte mehrere Jahre lang nach einem neuen Fachwort für Pflanzen, die durch ungeschlechtliche, d. h. vegetative 1 Reinhart Koselleck, „Einleitung“, in: Otto Bunner/Werner Conze/Reinhart Koselleck (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 1, Stuttgart, 1972, S. XIII–XXVIII: XXII f.
ROMAN MAREK 82 Vermehrung (durch Zwiebel, Knolle, Steckling, Sprössling etc.) entstehen. Im Jahre 1903 schließlich konnte er in der Fachzeitschrift Science das Ergebnis seiner Überlegungen veröffentlichen: „Recently Mr. O. F. Cook, of the Department of Agriculture, has called the writer’s attention to the Greek word clon (κλών) meaning a twig, spray, or slip, such as is broken off for propagation which could be used in the connection desired.“2 Durchaus mit gewissem Stolz beschrieb Webber die Vorzüge ‚seines‘ neuen Wortes: „Clon, plural clons (pronounced with long o), is a short word, easily pronounced, spelled phonetically and with a derivation which at least suggests its meaning. The writer would urge it as a suitable term to adopt into general use.“3 1905 wurde der Fachterminus von der Association of Agricultural Colleges and Experiment Stations offiziell angenommen.4 Als Lehnwort ist „Klon“ heute in fast alle Sprachen eingegangen: clone, clon, clón, clona, kloon, klonu, klónn, kloo- ni, klón, клон, цлоне, κλώνος, クローン (kuro-n), 克隆 (kèlóng). Dass sich „Klon“ nicht nur als Fachausdruck etabliert hat, sondern auch Eingang in die Alltagssprache gefunden hat, kann sicherlich auch auf seine Kürze und einfache Aussprache zurückgeführt werden. Der Wunsch nach allgemeiner Verwendung („general use“) erfüllte sich jedoch ganz anders als es Webber wohl vorschwebte. Man könnte sagen: Der „Klon“ ist seit 1903 einfach nicht zur Ruhe gekommen. Im April 2013 gelangte mit dem Film Oblivion5 ein Science-Fiction-Abenteuer in die Kinos, das mit einem Budget von ca. 120 Mio. US-Dollar6 die Selbstfindung eines Klons inszeniert. Im Laufe eines „Kampf[s] um Wiedergutmachung und Einsicht“7 stellt sich heraus, dass der Hauptprotagonist (Tom Cruise) nur ein Klon des ursprünglichen Jack Harpers ist, gezüchtet von einer feindlichen außerirdischen Macht in einem in der Erdumlaufbahn befindlichen Raumschiff. Um die auf der verwüsteten Erde verbliebenen Menschen – darunter die aus einem 60-jäh- rigen Kälteschlaf zurückgekehrte, taufrische Ehefrau Jack Harpers (Olga Kurylenko) – zu retten, opfert sich der Klon, um das außerirdische Raumschiff in einer Kamikaze-Mission zu zerstören (wobei in einer Art orbitalen Abortion auch noch die Schar der sich dort im Züchtungsprozess befindlichen, ungebo- 2 Herbert J. Webber, „New Horticultural and Agricultural Terms“, in: Science 18, 459 (1903), S. 501-503: 502 f. [Herv. i. O.]. 3 Ebd. [Herv.i. O.]. 4 Charles Louis Pollard, „On the Spelling of ‚Clon‘“, in: Science 12, 551 (1905), S. 87-88. Nur ein stummes e wurde noch zur eindeutigen Aussprache im Englischen angefügt. 5 Oblivion, USA 2013, 125 Minuten, Regie: Joseph Kosinski, Buch: Joseph Kosinski/Karl Gajdusek/Michael Arndt, Darsteller: Tom Cruise (Jack Harper), Morgan Freeman (Malcolm Beech), Olga Kurylenko (Julia), Andrea Riseborough (Victoria „Vika“ Olsen), Nikolaj Coster-Waldau (Sykes), Melissa Leo (Sally), Zoë Bell (Kara). 6 „Box Office/Business for Oblivion“, in: IMDB, online unter: http://www.imdb.com/title/tt148 3013/business?ref_=tt_dt_bus, zuletzt aufgerufen am 23.04.2014. 7 „Offizielle Webseite Oblivion“, in: Universal Pictures International Studios, online unter: http://movies.universal-pictures-international-germany.de/oblivion/, zuletzt aufgerufen am 23.04.2014.
DER „KLON“ UND SEINE METAMORPHOSEN 83 renen Klone den Tod erleidet). Doch obwohl der Hauptprotagonist in einer Atomexplosion verdampft, gibt es ein Happy End, denn ein anderer Klon Jack Harpers kehrt zu Harpers Ehefrau zurück, geleitet von Ahnungen und Erinnerungen. Glücklich schließt diese den Klon Nr. 2 in die Arme und informiert die mit Klon Nr.1 gezeugte Tochter darüber, dass ihr Vater zurückgekehrt sei. Aus dieser kurzen Zusammenfassung könnte der Eindruck entstehen, das „Kinoereignis“8 wolle vor allem zeigen, dass ein Klon ebenso gut ist wie der andere. Tatsächlich aber geht es wohl darum, dass die Erinnerung an eine geliebte Person so stark ist, dass sie noch nicht einmal durch einen außerirdischen Klonprozess gelöscht werden kann. Oblivion nährt somit eine Vorstellung des Klonens, die nicht nur identische, als Erwachsene geborene Klone umfasst, sondern auch das Kopieren von Erinnerungen und Gefühlen. Nur einen Monat später ging die nächste Klon-Nachricht um die Welt – diesmal aus dem Bereich der Wissenschaft. In der Fachzeitschrift Cell verkündete ein Artikel das erfolgreiche Klonen menschlicher Zellen.9 Unter dem Titel „Geht nicht gibt’s nicht mehr“ kommentierte die FAZ: „Es war der Traum durchgeknallter Biotechniker: Geklonte Menschen. Jetzt wurde in Amerika zumindest das Forschungsklonen realisiert. Der Trick: Kaffee in der Petrischale.“10 Der Artikel bedient im weiteren Verlauf fast sämtliche Assoziationen zum Klon11: von Aldous Huxleys Brave New World über „Dolly, das Klonschaf“ bis zum koreanischen Klon-Forscher Hwang Woo-suk, der im Jahr 2005 der Fälschung überführt wurde. Die Süddeutsche Zeitung beobachtet, dass Nachrichten aus dem Bereich Klonen sofort reflexhafte Debatten provozieren: „Kaum dringen Neuigkeiten aus den Laboren der Stammzellforscher, warnen Kritiker schon vor einem neuen Frankenstein.“12 Anschließend kontrastiert der mit „Die Laborgötter“ betitelte Kommentar Versatzstücke des christlichen Schöpfungsmythos mit der neuesten Variante des Forschungsklonens: Nicht aus einer Rippe, wie sie Gott gemäß der Schöpfungsgeschichte verwendet haben soll, sondern aus einem Stück Haut haben amerikanische Wissenschaftler 8 Ebd. 9 Masahito Tachibana/Paula Amato/Michelle Sparman et al., „Human Embryonic Stem Cells Derived by Somatic Cell Nuclear Transfer“, in: Cell 153, 6 (2013), S. 1228-1238, online unter: http://www.cell.com/abstract/S0092-8674%2813%2900571-0?switch=standard#, zuletzt aufgerufen am 23.04.2014. 10 Joachim Müller-Jung, „Klonen. Geht nicht gibt’s nicht mehr“, in: FAZ vom 15.05.2013, online unter: http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin/klonen-geht-nicht-gibt-s-nicht-mehr-12 183323.html, zuletzt aufgerufen am 23.04.2014. 11 Vgl. Roman Marek, „Der ,Klon‘ und seine Bilder. Über Faszination und Ästhetik in der Begriffsgeschichte“, in: Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte, E-Journal 1, 2 (2012), S. 15- 44, online unter: http://www.zfl-berlin.org/forum-begriffsgeschiche-detail/items/forum-interdiszi plinaere-begriffsgeschichte.238.html, zuletzt aufgerufen am 23.04.2014. 12 Patrick Illinger, „Die Laborgötter“, in: Süddeutsche Zeitung 18.05.2013, online unter: http:// www.sueddeutsche.de/wissen/debatte-um-klonen-die-laborgoetter-1.1675907, zuletzt aufgerufen am 23.04.2014.
ROMAN MAREK 84 eine menschliche Urzelle, einen Embryo, hergestellt. Und es war nicht das Paradies, in dem der Eingriff geschah, sondern die Petrischale eines Labors in Oregon. Mit dieser Tat haben sich die amerikanischen Zellbiologen nach Ansicht vieler Kritiker ähnlich versündigt wie einst Eva, als sie nach dem verbotenen Apfel griff. Wenn sich Forscher vermeintlich an der Schöpfung vergreifen, ist die Empörung da: Wie weit darf die Wissenschaft gehen?13 Fraglos umweht die Petrischale eines Labors in Oregon nicht in gleicher Weise das Flair eines mythischen Sehnsuchtsortes, immerhin aber kommen bei dieser modernen Variante der Schöpfungsgeschichte die Frauen etwas besser weg – mussten diese sich doch jahrhundertelang vorwerfen lassen, die Männer hätten erst eine ihrer Rippen für sie hergegeben, nur um dann ihretwegen aus dem Paradies vertrieben zu werden. Dank neuester Klontechnik wird die Frau noch nicht einmal mehr als Eizellenspenderin gebraucht, nun kann sich der Mann gewissermaßen ‚sich selbst aus der Rippe schneiden‘. Doch das Thema „Klonen“ bleibt brisant. Nur ein paar Tage später geriet der Artikel in Cell unter Manipulationsverdacht – wegen vermeintlich kopierter (geklonter?) Bilder. Spiegel Online meldet: „Insgesamt drei Abbildungen seien verdoppelt und mehrfach verwendet worden […].“14 Nun solle geklärt werden, ob es sich bei diesen Mängeln um vorsätzliche Täuschung handelt, und weshalb die doppelten Bilder keinem der Gutachter aufgefallen waren.15 Nur eine Woche später ist zu lesen, dass die Entdeckung eines außergewöhnlich gut erhaltenen Mammuts Anlass zur Hoffnung gibt, die ausgestorbene Gattung könne mittels Klonens wieder zum Leben erweckt werden: Es ist nicht die erste Ankündigung, ein Mammut klonen zu wollen. Doch was russische Forscher nun auf einer arktischen Insel entdeckt haben, beeindruckt sie zu Recht – ein erstaunlich gut konservierter Mammutkadaver, der noch deutliche Spuren ehemaligen Lebens zeigt.16 Bei all diesen Beispielen gilt es zu bedenken, dass der ursprünglich im Jahr 1903 geprägte Fachterminus „Klon“ sich auf Zwiebeln, Knollen, Stecklinge etc. bezog. Heutzutage scheinen den Konnotationen hingegen kaum noch Grenzen gesetzt zu sein. Menschen und Mammuts, Adam und Eva, Fälschung und Forschung, dies alles und noch viel mehr wird mit dem Begriff „Klon“ assoziiert. Die Wissenschaftshistorikerin Christina Brandt versteht den Begriff „Klon“ daher als „hybride Konstellation“17 historisch unterschiedlich gelager- 13 Ebd. 14 Che, „Manipulationsvorwurf: Klonstudie enthält kopierte Bilder“, in: Spiegel Online vom 23.05.2013, online unter: http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/kopierte-bilder-faelsch ungsvorwurf-gegen-klonstudie-a-901471.html, zuletzt aufgerufen am 23.04.2014. 15 Ebd. 16 Christina Elmer, „Klonen: Mammut-Fund fasziniert russische Forscher“, in: Spiegel Online vom 30.05.2013, online unter: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klonen-mammut- fund-fasziniert-russische-forscher-a-902766.html, zuletzt aufgerufen am 23.04.2014. 17 Vgl. Christina Brandt, „Codes & Clones: Begriffs-Konjunkturen in den Biowissenschaften, 1950-1980“, in: Zeitgeschichte 6, 35 (2008), S. 354-371. Vgl. außerdem: dies., „Zeitschichten
DER „KLON“ UND SEINE METAMORPHOSEN 85 ter Bedeutungsebenen, in der die biowissenschaftliche Definition und wesentlich ältere religiöse, naturphilosophische Denkfiguren und kulturhistorische Narrative zueinander in Spannung geraten sind. Damit ist „Klon“ ein Begriff, der in verschiedenen Diskursen und Disziplinen verortet ist und auf der Grundlage kulturhistorisch wesentlich älterer Narrative und Denkfiguren neue Bedeutungen generiert. Wie aber lässt sich ein derartiges, nicht enden wollendes Hin und Her um Auslegung und Verwendung eines Begriffs theoretisch fassen, wie könnten die äußerst komplexen inneren Mechanismen der Begriffsbildung modelliert werden? Das Verhältnis von Wort und Begriff Wie der Sprach- und Literaturwissenschaftler Heinz Vater feststellt, besteht hinsichtlich der Verwendung von „Wort“ und „Begriff“ im Deutschen ein „terminologischer Wirrwarr“, denn fälschlicherweise werden beide häufig als Synonyme verwendet.18 Grundsätzlich muss jedoch zwischen dem „Wort“ als Spracheinheit und dem „Begriff“ als Denkeinheit (d. h. mehrere Vorstellungen) unterschieden werden: „Ein Wort (oder ein sprachlicher Ausdruck aus mehreren Wörtern) gibt einen Begriff wieder, ist aber kein Begriff.“19 Wort- und Begriffsbildung sind dabei unabhängig voneinander: „Oft steht für einen Begriff kein sprachlicher Ausdruck zur Verfügung. Beim Kind geht Begriffsbildung der Wortbildung voraus. Tiere sind zur Begriffsbildung (zum mindesten i. S. v. Aggregation) fähig.“20 Am „Klon“ lässt sich sehr schön illustrieren, dass Wort und Begriff unabhängig voneinander existieren können. So verortet z. B. die Literaturwissenschaftlerin Maria Aline Seabra Ferreira das erste Auftreten des Begriffs „Klon“ in der Science-Fiction auf das Jahr 1915: „The word first appears in science fiction in 1915, in a collection of short stories, Master Tales of Mystery by the World’s Most Famous Authors of Today, edited by Francis Joseph Reynolds.“21 Ferreira, deren Fachgebiet englische Literatur ist, macht keine weitere Angaben zu ihrer Quelle. Vermutlich bezieht sie sich auf S. R. des Klons. Anmerkungen zu einer Begriffsgeschichte“, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 33, 2 (2010), S. 123-146. 18 Heinz Vater, „Begriff statt Wort – Ein terminologischer Wirrwarr“, in: Sprachreport 4 (2000), S. 10-13. Bei dem Artikel handelt es sich um eine überarbeitete Fassung von: Heinz Vater, „Begriff statt Wort – eine terminologische Klärung“, in: Andrzej Kątny/Christoph Schatte (Hg.), Das Deutsche von innen und außen. Ulrich Engel zum 70. Geburtstag, Poznań, 1999, S. 147-153. Vgl. hierzu auch Dietrich Busse, Historische Semantik. Analyse eines Programms, hg. v. Reinhart Koselleck und Karlheinz Stierle, Stuttgart, 1987, S. 77 f. 19 Vater (2000), Begriff statt Wort, S. 12. 20 Ebd. 21 Maria Aline Seabra Ferreira, I Am The Other. Literary Negotiations Of Human Cloning, Westport, CT, 2005, S. 4 f.
ROMAN MAREK 86 Crocketts Kurzgeschichte „The Smugglers of the Clone“22. Einerseits aber ist fraglich, ob es sich bei dieser Schmugglergeschichte tatsächlich um „science fiction“ handelt23, andererseits wird „Clone“ in dieser Geschichte als bloßer Eigenname für einen Ort verwendet. Zudem erschien der mehrfach aufgelegte Sammelband erstmals schon 1889 – damit ist ausgeschlossen, dass sich „Clone“ hier auf den erst 1903 geprägten biologischen Fachbegriff bezieht. Umgekehrt wird im Zusammenhang mit Klonen immer wieder – so auch in dem zuvor bereits angesprochenen Artikel der FAZ24 – auf Aldous Huxleys Brave New World (1932) verwiesen. Dieser Roman gilt als „the first sciencefiction classic which furnishes explicit images of cloning and, as such, it has had considerable popular resonance ever since its initial publication.“25 In der ‚schönen neuen Welt‘ ist natürliche Fortpflanzung verpönt, und gleich im ersten Kapitel werden die neuen Produktionsmethoden für Menschen erläutert. Im Fall der niederen Kasten (Gammas, Deltas und Epsilons) handelt es sich um Klone, denn die Embryonen werden geteilt, um möglichst große Mengen eineiiger Zwillinge zu erzeugen. Ein Buchcover von Brave New World aus dem Jahr 1965 (Abb. 1) ist beispielhaft für eine ikonische Semantik, die das Motiv dieser seriellen bzw. industriellen Reproduktion von Menschen visuell umsetzt. In einer Art ‚Copy- Paste-Technik‘ werden abstrahierte (und damit bereits entindividualisierte) menschliche Figuren vervielfacht und leicht versetzt nebeneinandergestellt. Dieses Motiv ist beliebig steigerbar und findet sein Extrem in den vor allem aus Science-Fiction-Filmen bekannten Sequenzen, die zeigen, wie scheinbar unendliche Massen uniformer Klonkrieger im Gleichschritt in den Kampf ziehen. Tatsächlich aber kommt in Huxleys Roman das Wort „Klon“ nicht vor, der Prozess heißt im Buch „Bokanowsky-Verfahren“ (benannt nach einem fiktiven Wissenschaftler). Dem Medizinhistoriker Peter N. Poon zufolge erfand Huxley das Kunstwort, gerade weil sich „Klonen“ explizit auf das Gebiet der Botanik beschränkte.26 Als Quelle dieses biologischen Fachwissens kann vermutlich Aldous Huxleys älterer Bruder Julian gelten: 22 Samuel Rutherford Crockett, „The Smugglers of the Clone“, in: Francis Joseph Reynolds (Hg.), Master Tales of Mystery by the World’s Most Famous Authors of Today, New York, NY, 1915 [1889], S. 205-217. 23 In seiner Einleitung sieht der Herausgeber die Beiträge des Bandes ausdrücklich in der Tradition der „Problem or Mystery Tales“ von Edgar Allan Poe. Interessanterweise betont er gleichzeitig aber ebenso die Bezüge dieses Genres zur Wissenschaft („astronomy, chemistry, physics, biology, medicine, geology, electricity“). 24 Vgl. Müller-Jung (2013), Klonen. Geht nicht gibt’s nicht mehr. 25 Joan Haran/Jenny Kitzinger/Maureen McNeil/Kate O‘Riordan, Human Cloning in the Media. From Science Fiction to Science Practice, New York, NY, 2008, S. 23. 26 Peter N. Poon, „Evolution of the Clonal Man: Inventing Science Unfiction“, in: Journal of Medical Humanities 21, 3 (2000), S. 159-173: 162.
DER „KLON“ UND SEINE METAMORPHOSEN 87 However, one year before Aldous Huxley’s book was published, his older brother Julian Huxley, an evolutionary biologist, had published What Dare I Think?27 (1931) in which many of the radical concepts dramatized in Brave New World were already mooted, such as genetic manipulation and improvement of the human species, a goal that is considered eminently desirable.28 1 – Buchcover von Aldous Huxleys Brave New World [1932], Penguin Edition aus dem Jahr 1965, Coverillustration: Denis Piper Zudem ist bekannt, dass der Evolutionsbiologie John Burdon Sanderson Haldane (ein Jugendfreund, den die Huxley-Brüder seit ihrer gemeinsamen Zeit in 27 Julian Huxley, What Dare I Think? The Challenge of Modern Science to Human Action and Belief, London, 1932, S. 2-3 [engl. OA New York, 1931]. 28 Ferreira (2005), I Am the Other, S. 5.
ROMAN MAREK 88 Oxford kannten) eine weitere Querverbindung zur Biologie darstellt.29 Auf einer durchaus fundierten biologischen Grundlage trug Brave New World so maßgeblich zur Verbreitung und Popularisierung des Begriffs „Klon“ bei – ohne das Wort „Klon“ explizit zu verwenden.30 Auch im anfangs kurz vorgestellten Film Oblivion fällt zu keinem Zeitpunkt das Wort „Klon“, jedoch wird dem Zuschauer im Verlauf der Handlung klar, dass es sich bei den Hauptprotagonisten um Klone handelt – bzw. um das, was heute in der Alltagssprache als „Klon“ bezeichnet wird. Vom Begriff und seinen Begriffsinhalten In Anlehnung an die antike Ideenlehre lässt sich „Begriff“ definieren als eine Art Sammelbecken gemeinsamer (und dadurch verbindender), abstrahierter, charakteristischer Eigenschaften einer Gruppe von Einzelphänomenen.31 So definiert Platon Begriffe – laut Rudolf Haller – als „[e]igentlich seiende Formen, Urbilder, die unabhängig von Einzeldingen unveränderlich existieren, und das Wesen des Einzeldings, das in diesem erscheint.“32 Damit wird einerseits die synthetisierende Leistung menschlichen Geistes in den Mittelpunkt gerückt, während andererseits von einem ‚unveränderlich existierenden Wesen‘ der Dinge ausgegangen wird, das es nur zu erkennen gilt. Ein Abweichen von diesem Konzept scheint gefährlich zu sein. So warnte der Mathematiker und Philosoph Gottlob Frege bereits im Jahr 1884 vor den Folgen einer begriffsgeschichtlichen Methodik: Die geschichtliche Betrachtungsweise, die das Werden der Dinge zu belauschen und aus dem Werden ihr Wesen zu erkennen sucht, hat gewiss eine große Berechtigung; aber sie hat auch ihre Grenzen. Wenn in dem beständigen Flusse aller Dinge nichts Festes, Ewiges beharrte, würde die Erkennbarkeit der Welt aufhören und Alles in Verwirrung stürzen. Man denkt sich, wie es scheint, dass die Begriffe in der einzelnen Seele so entstehen, wie die Blätter an den Bäumen und meint ihr Wesen dadurch erkennen zu können, dass man ihrer Entstehung nachforscht und sie aus der Natur der menschlichen Seele psychologisch zu erklären sucht. Aber diese Auffassung zieht Alles ins Subjective und hebt […] die Wahrheit auf. Durch große geistige Arbeit, die Jahrhunderte hindurch andauern kann, 29 Christina Brandt, „Die zwei (und mehr) Kulturen des ‚Klons‘. Utopie und Fiktion im biowissenschaftlichen Diskurs der Nachkriegszeit“, in: NTM. Zeitschrift für die Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin 17 (2009), S. 243-275: 254. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang John Burdon Sanderson Haldanes bekannte Programmschrift Daedalus, or Science and the Future, London, 1924. 30 In der Tat schreibt Huxley in einer späteren Publikation der Literatur eine Vermittler- und Übersetzerrolle zu. Literatur soll, so Huxley, die abstrakten naturwissenschaftlichen Befunde und Begriffe auf die alltägliche Lebenswelt übertragen und so verständlich machen. Vgl. Aldous Huxley, Literature and Science, London, 1963. 31 Für einen historischen Überblick vgl. Rudolf Haller, „Begriff“, in: Joachim Ritter (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 1, Basel, 1971, S. 780-785. 32 Ebd., S. 781.
DER „KLON“ UND SEINE METAMORPHOSEN 95 Schließlich haben Biologen den Begriff „Klon“ auch auf die ungeschlechtliche Vermehrung von Menschen erweitert, obwohl dies damals noch utopisch war. Damit wurde im biologischen Diskurs aus dem Koselleck’schen Erfahrungsregistraturbegriff „Klon“ der Erfahrungsstiftungsbegriff „Klon“, ein Begriff, der nicht mehr nur auf Erfahrungen beruht, sondern der sich eine neue Zukunft erschließen soll.58 Entscheidend für die Öffnung des Begriffs war ebenso, dass nun weitere Interessengruppen den „Klon“ für sich entdeckten. Plötzlich gab es nicht nur ein Fachpublikum, auch die Literatur und die Allgemeinheit beteiligten sich ungefragt an der Begriffsbildung. Aus diesem Grund sind die entsprechenden Gruppen in der schematischen Darstellung (Abb. 3, links oben) nicht klar getrennt. Literarische wie populärwissenschaftliche Schriften haben maßgeblich zur Verbreitung des – in seiner Kürze und Einfachheit recht eingängigen – Wortes „Klon“ beigetragen. Ausschlaggebend für die große Aufmerksamkeit und Faszination war jedoch die Kopplung an wesentlich ältere religiöse oder naturphilosophische Denkfiguren und kulturhistorische Narrative. Beispielhaft seien hier zwei für den Begriff „Klon“ entscheidende Narrative genannt, die in künstlerischer Form äußerst facettenreich bearbeitet wurden: Erstens das Motiv der Vervielfältigung, und zweitens das Motiv der Schaffung künstlicher Menschen. Bei letzterem lassen sich drei Traditionslinien unterscheiden: 1. eine magisch-mythische (Golems, Homunculi, belebte Statuen etc.), 2. eine mechanisch-elektrische (die Automatenwesen des späten 18. Jahrhunderts, etwa die Olimpia-Puppe, sowie chirurgisch zusammengeflickte Kunstmenschen des späten 19. Jahrhunderts á la Frankenstein59) und 3. eine eher moderne, biochemisch determinierte Traditionslinie (Cyborgs, Klone etc.).60 Auch das Motiv der Vervielfältigung besitzt eine lange Tradition und ist in seiner Faszinationskraft ungebrochen.61 In der potenziell unendlichen Multiplikation des Klons findet das Motiv zwar sein Extrem, die große Nähe zu Verdopplung, Double62 und Zwillingskult63, sowie zum weit verbreiteten literarischen Motiv des Doppelgängers (mit den verwandten Motiven des Schattens, des Spiegelbilds, des Porträts, der Maske) ist jedoch kaum von der Hand zu weisen. So definiert der Literaturwissenschaftler Gerald Bär den Klon zusammen mit Vampiren, Automaten, Robotern und Golems als Untergruppe des 58 Koselleck (2006), Die Geschichte der Begriffe und Begriffe der Geschichte, S. 68. 59 Vgl. Hans J. Wulff, „Klone im Kinofilm. Geschichten und Motive der Menschenverdoppelung“, in: Medien praktisch 3 (2001), S. 47-52: 47; Rolf Aurich/Wolfgang Jacobsen/Gabriele Jatho, Künstliche Menschen. Manische Maschinen. Kontrollierte Körper, Berlin, 2000, S. 204; Rudolf Drux, Der Frankenstein-Komplex. Kulturgeschichtliche Aspekte des Traums vom künstlichen Menschen, Frankfurt/M., 1999. 60 Georg Ruppelt, „,Keiner, den ein Weib geboren‘: Von schönen neuen Menschen und Klonen in der Literatur“, in: Lesesaal 1 (2002), S. 4-23: 4 f. 61 Zur Faszination von Zwillingen, Duplikaten etc. vgl. Hillel Schwartz, The Culture of the Copy. Striking Likenesses, Unreasonable Facsimiles, New York, NY, 1996. 62 Joan Peternel, „The Double“, in: Jane Garry/Hasan M. El-Shamy, Archetypes and Motifs in Folklore and Literature. A Handbook, New York, NY, 2005, S. 453-458: 453. 63 Ebd.
ROMAN MAREK 96 Doppelgängermotivs.64 Damit lässt sich vieles, was laut Bär an Doppelgängern thematisiert wird, auch auf den Klon übertragen: Fragen zur eigenen Identität (Identitätsverluste, Spaltungsfantasien, Selbsterkenntnis, Selbstkritik), narzisstische Selbsterhaltungsstrategien (Unsterblichkeitsfantasien, Perpetuierung des eigenen Ichs, Abwehr der Bedrohung durch den Tod), die Wiederkehr des ewig Gleichen, Verwechslungsproblematiken (Substitution oder Usurpation der eigenen durch fremde Personen), Identifikation eines Sündenbocks (durch Projektion eigener verdrängter Ich-Anteile auf andere).65 Die Kombination des Motivs der Vervielfältigung mit dem Motiv der Schaffung künstlicher Menschen ist ebenfalls kein modernes Phänomen. Im kollektiven Gedächtnis festgesetzt hat sich in diesem Zusammenhang eine Figur, die mit Walt Disneys Zeichentrickfilm Fantasia (1940) populär wurde. Das „mit Abstand bekannteste Segment des Films und ein wahrhaft ikonischer Auftritt“66 ist der Abschnitt, in dem sich Micky Maus zu den Klängen von Paul Dukas’ „poème symphonique“ L’Apprenti Sorcier (1897) als Zauberlehrling versucht. Micky erweckt in dieser Szene aus Faulheit einen Besen zum Leben. Dieser dient ihm anschließend als Arbeitssklave, lässt sich aber nicht mehr stoppen und schleppt unermüdlich Wasser herbei. In seiner Verzweiflung probiert Micky schließlich, den Besen in Stücke zu hauen, doch dabei entstehen aus jedem Span nur weitere Besen-Klone, die ihrerseits unaufhaltsam Wasser herbeitragen. Hier scheinen die verzauberten Besen die unheimliche Seite des „Klons“ zu verkörpern: die Gefahr des Kontrollverlusts, drohende Verselbstständigung und blinder Gehorsam. Sowohl Dukas (1897) als auch Disney (1940) ließen sich von Goethes Ballade Der Zauberlehrling (1797) inspirieren. Anders als der Zeichentrickfilm treibt Goethes Ballade das Motiv der Vervielfältigung nicht auf die Spitze, denn dort wird der Besen nur in zwei Teile gespalten.67 Zudem betont Goethe den Aspekt der Vermenschlichung nicht in dem Maße, wie es der Zeichentrickfilm mit seinen visuellen Mitteln vermag. Tatsächlich aber liegt Disneys Konzeption hier näher an dem Text, der auch Goethe zu seiner Ballade anregte68, nämlich eine Anekdote des antiken Satirikers Lukian von Samosata, der von 120 bis 180 n. Chr. lebte.69 Luki- 64 Gerald Bär, Das Motiv des Doppelgängers als Spaltungsphantasie in der Literatur und im deutschen Stummfilm, Amsterdam, 2005, S. 446. 65 Vgl. ebd., S. 449 f. 66 Ananke Ro, „Der Zauberlehrling“, in: Sir Donnerbolds Bagatellen, online unter: http://sir donnerboldsbagatellen.blogspot.de/2011/10/der-zauberlehrling.html, zuletzt aufgerufen am 23.04.2014. 67 Johann Wolfgang von Goethe, „Der Zauberlehrling“, in: Der Musenalmanach für das Jahr 1798, hg. v. Friedrich Schiller, Tübingen, 1797, S. 32-37: 35 f. 68 Hermann Wiegmann, Abendländische Literaturgeschichte. Die Literatur in Westeuropa von der griechischen und römischen Dichtung der Antike bis zur modernen englischen, französischen, spanischen, italienischen und deutschen Literatur, Würzburg, 2003, S. 66. 69 Einige Quelle datieren sein Sterbejahr auch auf 200 n. Chr. In diesem Zusammenhang ist noch interessant, dass Lukian auch Vorläufer des Science-Fiction-Romans (Ἰκαρομένιππος /Die Luftreise; ἈληθεῖςἹστορίαι/Wahre Geschichten) und eine gesellschaftskritische Abhandlung über die dem „Klon“ verwandte Figur des „Parasiten“ verfasste (Περὶτοῦ παρασίτου/Der Parasit).
DER „KLON“ UND SEINE METAMORPHOSEN 97 ans Der Lügenfreund oder Der Ungläubige70 erschien 1788 erstmals in deutscher Übersetzung von Christoph Martin Wieland (1733–1813).71 Wie die Literaturwissenschaftlerin Lilo Brügger zeigt, handelt es sich allerdings bereits bei Lukians „Münchhausiade“72 um eine „zweite, zivilisierte Form der Erzählung“73, denn schon dieser wird „eine gläubige Volkserzählung aus dem alten magischen Motivkreis […] vorgelegen haben, und für die einzelnen Elemente der Erzählung: das Ruf-, Dienst-, Vergessens-, Plage- und Vervielfältigungsmotiv, kann jeweils [...] viel Verwandtes aufgefunden werden.“74 Demnach lässt sich auch das Vervielfältigungsmotiv auf weitaus ältere Erzählungen zurückführen. In Bezug auf die (reversible) Menschwerdung des Besens heißt es in der Übersetzung Wielands (1788): Sobald wir in ein Wirthshaus kamen, nahm er einen hölzernen Thürriegel, oder einen Besen, oder den Stößel aus einem hölzernen Mörser, legte ihm Kleider an und sprach ein paar magische Worte dazu. Sogleich wurde der Besen, oder was es sonst war, von allen Leuten für einen Menschen wie sie selbst gehalten; er gieng hinaus, schöpfte Wasser, besorgte unsere Mahlzeit, und wartete uns in allen Stücken so gut auf als der beste Bediente. Sobald wir seiner Dienste nicht mehr nöthig hatten, sprach mein Mann ein paar andere Worte, und der Besen wurde wieder Besen, der Stößel wieder Stößel, wie zuvor.75 August Friedrich von Pauly wird in seiner späteren Übersetzung aus dem Jahr 1830 an der entsprechenden Stelle sogar noch deutlicher: „und sogleich war vor Aller Augen ein leibhaftiger Mensch daraus“76. Im weiteren Verlauf der Geschichte wird der vermenschlichte Gegenstand durch einen Schlag verdoppelt: das Vervielfältigungsmotiv. Die Menschwerdung des Besens ist – zusammengenommen mit dem allerdings erst in Fantasia aufs Extrem gebrachte Vervielfältigungsmotiv – ein Beleg dafür, dass das Klon-Motiv bereits in der Antike vorhanden war und im historischen Verlauf durch Goethe und besonders Disneys Zeichentrickfilm popularisiert wurde. So zeigt sich am Beispiel des „Klons“, dass Begriffe als historisch verwurzelte „Konzentrate vieler Bedeutungsinhalte“77 zu verstehen sind. Die schematische Darstellung der Begriffsentwicklung des „Klons“ ab 1903 (Abb. 3) visualisiert daher, wie der Begriff „Klon“ sich mit neuen Begriffsinhalten füllt. Die Pfeile deuten an, dass neue Begriffsinhalte – symbolisiert durch runde 70 Altgr.: Φιλοψευδὴς ἢ Ἀπιστῶν, lat.: Philopseudes sive Incredulus. 71 Lukian von Samosata, „Der Lügenfreund oder der Ungläubige“, in: ders., Sämtliche Werke, aus dem Griechischen übersetzt und mit Anmerkungen und Erläuterungen versehen von Christoph Martin Wieland, Erster Teil, Leipzig, 1788, S. 149-198. 72 Lilo Brügger, „Der Zauberlehrling und seine griechische Quelle. Eine vergleichende Interpretation“, in: Goethe. Viermonatsschrift der Goethe-Gesellschaft 13 (1951), S. 243-259: 245. 73 Ebd., S. 248. 74 Ebd. 75 Lukian (1788), Der Lügenfreund oder der Ungläubige, S. 191 f. 76 Lukian von Samosata, „Lügengeschichten und Dialoge“, in: ders., Lucian’s [sic!] Werke, übersetzt von August Pauly, Bd. 11, Stuttgart, 1830, S. 1355-1388: 1384 f. 77 Koselleck (1972), Einleitung, S. XXII.
ROMAN MAREK 98 Bildausschnitte – gewissermaßen in den Begriff ‚einwandern‘. Dabei sind die neuen Bildausschnitte teilweise größer als die alten. Dies soll andeuten, dass die Begriffsinhalte, die sie symbolisieren sollen, einerseits weitaus tiefere Wurzeln haben, und andererseits von mehr Menschen mit dem Begriff assoziiert werden. Schließlich ist die Gruppe der Pflanzenphysiologen weitaus kleiner als die der Allgemeinheit; schon durch die zahlenmäßige Übermacht werden die vorangegangenen Begriffsinhalte an den Rand gedrängt. 4 – Schematische Darstellung des Begriffs „Klon“ heute Das (vorläufige) Ergebnis dieser Entwicklung ist in der schematischen Darstellung des heutigen Standes des Begriffs „Klon“ visualisiert (Abb. 4). Was als erstes auffällt, ist, dass die zuvor bereits perforierte Begriffskontur (Abb. 3) nun vollständig weggefallen ist: Der Klon wurde zu einem offenen Begriff, der sich immer mehr von der Erfahrung der Wirklichkeit abgelöst hat und mit Begriffsinhalten, die z. B. Mythen oder der Science-Fiction entstammen, angereichert wird. Damit ist er, so könnte man mit Koselleck sagen, zum utopisch angereicherten Erwartungsbegriff78 geworden. Dies bedeutet aber auch, dass die Begriffsentwicklung keineswegs ihren Endpunkt erreicht hat; die schematische Darstellung zum heutigen Status quo (Abb. 4) erhebt keinerlei An- 78 Vgl. Koselleck (2006), Geschichte der Begriffe und Begriffe der Geschichte, S. 68.
DER „KLON“ UND SEINE METAMORPHOSEN 99 spruch auf Vollständigkeit. Vielmehr soll deutlich werden, dass im Vergleich zum symmetrischen, ausgewogenen und kontrollierten Erfahrungsregistraturbegriff (Abb. 2) die Situation unübersichtlich geworden ist. Der Begriff „Klon“ lässt sich nun nur noch als eine polyzentrische, volatile Agglomeration von Begriffsinhalten darstellen. Dabei sind einige der ursprünglichen und ehemals definitorischen Begriffsinhalte komplett weggefallen, andere haben an Bedeutung verloren, wieder andere wurden durch modernere Vorstellungen ersetzt. Begriffsbildung als Automatismus Die bisherige Entwicklung des Begriffs „Klon“ fügt sich geradezu mustergültig ein in die „Historie einer belebten, animierten, dynamischen Begriffswelt“79. Am „Klon“ ließ sich zeigen, dass Begriffsbildung als ein sich verselbstständigender Prozess begriffen werden kann, über den selbst die ursprünglich definitionsstiftende Instanz die Kontrolle verloren hat. Konfrontiert mit den zahlreichen neuen und schillernden Begriffsinhalten des „Klons“ stellt der Molekularbiologe Lee M. Silver im Jahr 2001 in der Fachzeitschrift Nature etwas ernüchtert, wenn nicht sogar resigniert, fest: The scientific community has lost control over Webber’s pleasant-sounding little word. Cloning has a popular connotation that is impossible to dislodge. We must accept that democratic debate on cloning is bereft of any meaning. Science and scientists would be better served by choosing other words to explain advances in developmental biotechnology to the public.80 Die Biologie verlor demnach die Definitionshoheit über den von ihr selbst ins Leben gerufenen Begriff; ein deutliches Anzeichen dafür, dass die Begriffsbildung nun in einem verteilten System stattfindet, in dem niemand mehr entscheidend Einfluss nehmen kann. Die gesamte Konstellation aus beteiligten Instanzen (Abb. 5, oben), Bildern und Mythen etc. lässt sich als wirkmächtiges Arrangement verstehen, das unvorhergesehene und ungeplante Strukturen hervorbringt. Auch Automatismen „verdanken sich nicht dem Willen eines planvoll handelnden Subjekts […], sondern sind Bestandteil eines wirkmächtigen Arrangements von Dingen, Zeichen und Subjekten.“81 Aus dieser Parallele heraus lässt sich der Prozess der Begriffsbildung als Automatismus modellieren, repräsentiert dieser doch ein Entwicklungsmodell, das sich einer bewussten Kontrolle weitgehend entzieht und – quasi im Rücken der beteiligten In- 79 Dietrich Busse, „Rezension zu Reinhart Koselleck. 2006. Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache“, in: ZRS 2, 1 (2010), S. 79- 85: 80. 80 Lee Silver, „What are Clones?“, in: Nature 412 (2001), S. 21. 81 Hannelore Bublitz/Roman Marek/Christina L.Steinmann/Hartmut Winkler, „Einleitung“, in: dies. (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 9-16: 10.
ROMAN MAREK 100 stanzen – neue Strukturen hervorbringt.82 Wie auch die Begriffsbildung stehen Automatismen in Spannung zu einer bewussten Gestaltung und geplanten Prozessen, und sie scheinen besonders in verteilten Systemen wirksam zu sein.83 Im Fall des „Klons“ existierte der Begriff über einen längeren Zeitraum innerhalb eines kontrollierten Systems, dem der Biologie. Doch sobald weitere Instanzen – die Literatur oder gar die Allgemeinheit – begannen, sich des Begriffs zu bedienen und in einer Art Bottom-up-Prozess („democratic debate“) an seiner Bedeutung zu arbeiten, entglitt der Wissenschaft die Kontrolle, der Entwicklungsprozess geriet in seiner unkalkulierbaren Logik zum Automatismus (Abb. 5). Einfg. Abb. 5: 5 – Begriffsbildung als Automatismus Wie die Darstellung der verschiedenen Entwicklungsstufen des Begriffs „Klon“ (Abb. 5, unten) zeigt, erhöhte sich im zeitlichen Verlauf die Komplexität der Begriffsinhalte. Damit ist ein weiteres Kriterium der Automatismen erfüllt, denn diese können Komplexität produzieren.84 Doch Automatismen können ebenso gut in die andere Richtung funktionieren und Komplexität reduzieren – entsprechend modelliert das Graduiertenkolleg Automatismen der Universität Paderborn diese auch als „Kulturtechniken zur Reduzierung von 82 Ebd., S. 9. 83 Ebd. 84 Vgl. hierzu das Forschungsprogramm des Graduiertenkollegs Automatismen, Unterpunkt „Komplexität“, online unter: http://www.uni-paderborn.de/institute-einrichtungen/gk-automa tismen/forschungsprogramm/, zuletzt aufgerufen am 23.04.2014.
DER „KLON“ UND SEINE METAMORPHOSEN 101 Komplexität“.85 Beim alltäglichen Gebrauch des „Klons“ wird sicherlich nur in den wenigsten Fällen die gesamte Komplexität biologischer Zusammenhänge mitreflektiert. So wird deutlich, dass begriffsbildende Prozesse in ihrer Entwicklungsrichtung grundsätzlich offen sind. In diesem Zusammenhang stellt sich dann jedoch die Frage, was denn dann das ‚Etwas‘ ist, das den Begriff überhaupt zusammenhält. Denn die Vorstellung eines ‚Begriffskerns‘ – bestehend aus charakteristischen Merkmalen, die für alle Begriffsinhalte gelten sollen – hat sich als Wunschdenken erwiesen. Es blieb nur noch die aus wissenschaftlicher Sicht nicht zufriedenstellende Formulierung, dass die Begriffsinhalte irgendwie irgendwas miteinander zu tun haben müssen. Bedeutet dies nun, um es mit Frege zu sagen, dass „die Erkennbarkeit der Welt“ aufhört, so dass alles „in Verwirrung“ stürzen muss? Dietrich Busse liefert zwei Hinweise darauf, wie die inneren Mechanismen der Begriffsbildung modelliert werden könnten: Was als ‚Begrifflichkeit‘ bezeichnet wird, scheint vielmehr ein Konglomerat von Merkmalszuschreibungen, Abstraktionen, Quer- und Situationsbezügen zu sein, welche Resultat der Kenntnis einer Vielzahl kommunikativer Akte ist, in denen einzelne Sprachzeichen als Auslöser bzw. Bezugspunkt Kristallisationen von (durch Verwendungskontexte konstituierten) Bedeutungsaspekten sein können, nie aber den ‚Gegenstand‘ als Einheit in seiner Gesamtheit repräsentieren können.86 Die „Vielzahl kommunikativer Akte“ ist ein starker Hinweis auf die Wiederholung und Wiederholbarkeit (Iteration) von Begriffen, denn: ‚etwas‘ muss gleich bleiben, sonst geht der kommunikative Akt ins Unverständnis über. Dennoch fehlt ein Zentrum, ein dauerhafter Begriffskern, der die Wiederholbarkeit garantieren würde. Hier scheint es, als könne der Begriff nur durch permanente Wiederholung existieren, er muss im sprachlichen Umlauf bleiben und ständig erneuert werden, sonst gehen die Begriffsinhalte Stück für Stück verloren. Entweder muss ein Begriff demnach äußerst nützlich sein, oder es muss von ihm eine ungeheure Faszination ausgehen – sonst wird er nicht mehr benutzt. Gleiches gilt für den Automatismus: Auch dieser existiert nur in den unzähligen, sich wiederholenden Praxen einzelner Beteiligter, in dieser Prozesshaftigkeit ist er jedoch niemals vollständig fassbar. Zum besseren Verständnis dieser Vorstellung einer sich ständig erneuernden und doch verbindenden Repetition bietet sich Derridas Konzept der Iterabilität an, das ebenfalls durch ein Mit- und Gegeneinander von Andersheit und Wiederholung geprägt ist: Die Iterabilität setzt eine minimale restance voraus (wie auch eine minimale, wenngleich begrenzte Idealisierung), damit die Selbst-Identität in, quer durch und selbst hinsichtlich der Veränderung [altération] wiederholbar und identifi- 85 Vgl. die Präsenz des Graduiertenkollegs Automatismen im Internet: http://www.uni-pader born.de/institute-einrichtungen/gk-automatismen/, zuletzt aufgerufen am 23.04.2014. 86 Busse (1987), Historische Semantik, S. 89.
ROMAN MAREK 102 zierbar ist. Denn die Struktur der Iteration, ein weiterer entscheidender Zug, impliziert gleichzeitig Identität und Differenz.87 Das bedeutet zwangsläufig, dass der Prozess der Begriffsbildung niemals vollendet oder stabil sein kann, denn in den einzelnen kommunikativen Akten konstituiert sich die Bedeutung von Mal zu Mal neu. Die Begriffsinhalte entwickeln sich auf diese Weise immer weiter, vielleicht immer weiter weg von einem etwaigen Ursprung – der im Fall des „Klons“ ein eindeutig definierter Fachbegriff war. Bei Derridas restance handelt es sich damit eben nicht um ein bleibendes Merkmal, das im Sinne einer gewissen Permanenz übereinstimmend in Bezugnahme auf eine ursprüngliche Bedeutung wiederholt wird, das von einer Begriffsgeneration in die nächste hinüber gerettet wird. In einem Interview korrigiert Derrida diese Vorstellung und stellt heraus, dass reste in seiner Verwendung dem deutschen Wort „Rest“ näher ist als dem französischen Verb „rester“ für „bleiben“. Reste wäre folglich mehr im Sinne von Überbleibsel, Abfall oder Spur zu verstehen.88 Jede Wiederholung, jeder kommunikative Akt, jede neue Begriffsgeneration beinhaltet einen Rest der vorherigen Begriffsinhalte (möglicherweise mit Bestandteilen des ursprünglichen Begriffs) plus einen gewissen Anteil an Neuheit, und in diesem Teil steckt ihr kreatives, schöpferisches Potenzial, der Motor des Prozesses. Dieses kreative Potenzial gibt es übrigens auch beim Automatismus, denn ein Automatismus braucht Raum und Entscheidungsfreiheit. Wenn der einzige Weg vorgegeben ist, wenn es keine Wahlmöglichkeit mehr gibt, dann bedeutet dies, eine Instanz hat die Kontrolle übernommen, und der Automatismus ist kein Automatismus mehr.89 Der zweite interessante Punkt wird in Busses Formulierung vom „Bezugspunkt“ und den zugehörigen „Kristallisationen“ deutlich. Wie sich gezeigt hat, sind die einzelnen Begriffsinhalte eines Begriffes nicht gleichwertig. Einige sind dominanter, präsenter, andere peripherer und abwegiger. Doch diese Charakterisierungen betreffen eher quantitative Aspekte. Vielleicht unterscheiden sich Begriffsinhalte auch auf der qualitativen Ebene, nämlich in dem Sinn, dass einige besonders gut dazu geeignet sind, weitere Begriffsinhalte an sie zu binden um so Konglomerate zu bilden. Scheinbar besitzen bestimmte Begriffsinhalte eine besonders ‚klebrige‘ Seite, die es ermöglicht, zahlreiche ‚fremde‘ Begriffsinhalte an sie zu binden. Wenn dies passiert, dann kommt noch ein ganzer Schweif anderer Begriffsinhalte in den Begriff hinein. Dann wäre es gleichsam, als hätte die Begriffshülle eine offene Flanke, ein Einfallstor für ursprünglich fremde Begriffsinhalte. Wieder andere Begriffsinhalte fungieren vielleicht als eine Art ‚Joker‘: Sie sind vielseitig einsetzbar, passen 87 Jacques Derrida, „Limited a b c …“, in: ders., Limited Inc., hg. v. Peter Engelmann, Wien, 2001 [frz. OA 1977], S. 53-168: 89 [Herv. i. O.]. 88 Jacques Derrida, Auslassungspunkte. Gespräche, Wien, 1998, S. 325. 89 Roman Marek, „These 6: Von Automatismen kann man nur dann sprechen, wenn keine äußeren Zwänge vorliegen, Automatismen brauchen Alternativen“, in: Hannelore Bublitz/Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 102-107.
DER „KLON“ UND SEINE METAMORPHOSEN 103 irgendwie überall ein bisschen hin, erregen Aufmerksamkeit und besitzen gleichzeitig eine hohe Anziehungskraft auf die Allgemeinheit. Wurden sie im allgemeinsprachlichen Gebrauch erst einmal mit einem Begriff verbunden, dann bilden sie dank ihrer Vielseitigkeit eine ideale Andockmöglichkeit für weitere ‚fremde‘ Begriffsinhalte. Diese besonders potenten Begriffsvorstellungen funktionieren gleichsam als Katalysator begriffsbildender Prozesse: Sie binden Vorstellungen an sich, öffnen geschlossene Begriffe, verknüpfen, was vorher nicht zusammengehörte. Die bisherigen Betrachtungen des „Klons“ lieferten deutliche Hinweise darauf, dass es diese besondere Klasse von Vorstellungen und Assoziationen tatsächlich zu geben scheint. Ideale Kandidaten scheinen hier Begriffsvorstellungen zu sein, die mit grundsätzlichen kulturhistorischen, religiösen oder naturphilosophischen Denkfiguren und Narrativen zusammenhängen. Man könnte auch sagen: Es handelt sich um Ideen und Vorstellungen, die jeder irgendwie kennt und die im kollektiven Gedächtnis vorhanden sind, da sie die menschliche Vorstellungswelt schon seit längerer Zeit beschäftigen. Ausschlaggebend ist somit die Faszination, die ein Begriffsinhalt ausübt. Im Fall des „Klons“ wäre ein Beispiel die Assoziation mit eineiigen Zwillingen. Diese sind ein natürliches Phänomen, das jeder kennt und das seit jeher hohe Aufmerksamkeit genießt. Auch wenn sich der Begriff „Klon“ ursprünglich nur auf Pflanzen bezog, so ist der Schritt von ‚gleichen‘ Pflanzen zu gleich aussehenden Menschen nicht abwegig. Und wenn man Pflanzen durch Klonen vermehren kann, warum dann nicht auch Menschen? Diese Frage schien für die Allgemeinheit längst schon geklärt zu sein, lange bevor die Wissenschaft das Klonen von Menschen dann tatsächlich als grundsätzlich realisierbar erklärte. Die Vorstellung eineiiger Zwillinge verbindet sich zudem sehr leicht mit allem, was irgendwie mit Verdopplung und einem identischen Äußeren zu tun hat. So kam es, dass zusammen mit den eineiigen Zwillingen noch andere Begriffsinhalte in den Begriff „Klon“ kamen, etwa die unheimlichen Vorstellungen von Doppelgängern, mythische Konnotationen zum Zwillingskult oder Fragen zu Identitätsverlust und Unsterblichkeit. Damit aber faszinieren Automatismen90 und die Prozesse der Begriffsbildung nicht nur, sie leben auch von der Faszination. Der grundlegende Aspekt von Automatismen ist Offenheit, und zwar in zweierlei Hinsicht. Einerseits muss die Richtung, das Ergebnis vom Grundsatz her offen sein, denn sonst wäre der Prozess nicht ungeplant. Andererseits aber müssen sich möglichst viele Menschen und Instanzen beteiligen können, denn sonst kommt es zu keiner Bottom-up-Bewegung. Das aber, was die meisten Menschen dazu animiert, sich zu beteiligen, ist nichts anderes als Faszination. Dieser Gedanke hat letzten Endes etwas Tröstliches, denn man kann vielleicht die Aufmerk- 90 Christina L. Steinmann, „These 11: Automatismen wirken bedrohlich – und faszinierend“, in: Hannelore Bublitz/Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 120-125.
ROMAN MAREK 104 samkeit lenken91, aber niemand kann dazu gezwungen werden, etwas faszinierend zu finden. Vielleicht ist dies die Quelle des Zaubers, der Automatismen zu umwehen scheint. Literatur „Box Office/Business for Oblivion“, in: IMDB, online unter: http://www.imdb.com/ title/tt1483013/business?ref_=tt_dt_bus , zuletzt aufgerufen am 23.04.2014. „Offizielle Webseite Oblivion“, in: Universal Pictures International Studios, online unter: http://movies.universal-pictures-international-germany.de/oblivion/, zuletzt aufgerufen am 23.04.2014. Aurich, Rolf/Jacobsen,Wolfgang/Jatho, Gabriele, Künstliche Menschen. Manische Maschinen. Kontrollierte Körper, Berlin, 2000. Bär, Gerald, Das Motiv des Doppelgängers als Spaltungsphantasie in der Literatur und im deutschen Stummfilm, Amsterdam, 2005. Brandt, Christina, „Codes & Clones: Begriffs-Konjunkturen in den Biowissenschaften, 1950-1980“, in: Zeitgeschichte 6, 35 (2008), S. 354-371. Dies., „Die zwei (und mehr) Kulturen des ‚Klons‘. Utopie und Fiktion im biowissenschaftlichen Diskurs der Nachkriegszeit“, in: NTM. Zeitschrift für die Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin 17 (2009), S. 243-275. Dies., „The Metaphor of ‚Nuclear Reprogramming‘: 1970’s Cloning Research and Beyond“, in: Ana Barahona/Edna Suarez-Díaz/Hans-Jörg Rheinberger (Hg.), The Hereditary Hourglass. Genetics and Epigenetics. 1868-2000, Berlin, 2010, S. 85-95. Dies., „Zeitschichten des Klons. Anmerkungen zu einer Begriffsgeschichte“, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 33, 2 (2010), S. 123-146. Briggs, Robert/King, Thomas J., „Serial Transplantation of Embryonic Nuclei“, in: Cold Spring Harbor Symposia on Quantitative Biology 21 (1956), S. 271-290. Brügger, Lilo, „Der Zauberlehrling und seine griechische Quelle. Eine vergleichende Interpretation“, in: Goethe. Viermonatsschrift der Goethe-Gesellschaft 13 (1951), S. 243-259. Bublitz, Hannelore/Marek, Roman/Steinmann, Christina L./Winkler, Hartmut, „Einleitung“, in: dies. (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 9-16. Busse, Dietrich, Historische Semantik. Analyse eines Programms, hg. v. Reinhart Koselleck und Karlheinz Stierle, Stuttgart, 1987. Ders., „Rezension zu Reinhart Koselleck. 2006. Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache“, in: ZRS 2, 1 (2010), S. 79-85. Che, „Manipulationsvorwurf: Klonstudie enthält kopierte Bilder“, in: Spiegel Online vom 23.05.2013, online unter: http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/kopiertebilder-faelschungsvorwurf-gegen-klonstudie-a-901471.html, zuletzt aufgerufen am 23.04.2014. 91 Jonathan Crary, Suspensions of Perception. Attention, Spectacle, and Modern Culture, Cambridge, MA, 2001.
THESEN I 111 Konstruktion wie die Abstraktion Schaf oder Schafherde, lediglich die gewählte Perspektive verschafft ihr eine bildliche Entsprechung. Das Einnehmen einer bestimmten Perspektive ermöglicht eine Verknüpfung vorhandener Wissenskonstruktionen (Objekte und Struktur) und erzeugt dadurch neues Wissen um eben diesen Zusammenhang. Was Leistert zu Struktur und Draufsicht schreibt, gilt allgemein für jede Form von Wissen: Es bleibt immer auf die Ebene (Perspektive) seiner Erhebung beschränkt. Das Wissen um eine Messgröße ist nur mit auf dieselbe Weise erhobenen Daten vergleichbar. Genauso erschöpft sich mittels statistischer Methoden erhobenes Wissen über einen signifikanten Unterschied zweier Stichproben in der rein statistischen Aussage, dass eine Wiederholung der Probe mit einer gewissen Sicherheit dieselbe Differenz produziert. Diese kann immer nur aus derselben Perspektive wahrgenommen werden, alles weitere (wie der Rückschluss auf das Individuum oder andere Populationen) ist Spekulation. Am Mikro-Makro-Problem in der Soziologie möchte ich verdeutlichen, wozu es führen kann, wenn die genannte Beschränkung des gewählten Blickwinkels nicht beachtet wird. Bettina Heintz unterscheidet die verschiedenen Sichtweisen bezüglich des Mikro-Makro-Problems in drei Kategorien.6 Sehr verkürzt: Eliminative Theorien seien der Auffassung, dass es eine Makroebene „streng genommen gar nicht gibt und alle relevante Forschung folglich ausschließlich auf der Mikroebene stattzufinden habe.“7 Reduktionistische und emergenztheoretische Theorien dagegen erkennen eine gesellschaftliche Ebene mit auf Individualebene nicht gegebenen Eigenschaften. Dabei sei die reduktionistische Auffassung, dass diese Eigenschaften „aus dem individuellen Handeln ableitbar sind“8 und die emergenztheoretische Sicht die, dass etwas unvorhersehbar Neues entsteht. Hier möchte ich zunächst die eliminativen Theorien unbedingt in ihrer Aussage unterstützen, dass es die Makroebene eigentlich nicht gibt. Sie ist eine Konstruktion. Genau so, wie übrigens auch die Idee davon, dass auf einer Mikroebene gleichartige Individuen handeln. Wenn man die Konstruktion einer Makroebene deswegen aber als unzulässig erklärt, müsste man konsequent sein und den Geist jedes Individuums auch als Zusammenspiel synaptischer Aktivität betrachten. Und diese auf atomarer Ebene als Ablauf physikalischer Prozesse und so weiter. Eine Ebene, die tatsächlich existiert, wird nicht zu finden sein. Objekte wie Individuen oder Institutionen zu definieren und diese dadurch zu Elementen der Beobachtung zu machen, ermöglicht eine solche Beobachtung überhaupt erst. Insofern erscheinen mir die Sichtweisen gar nicht so unvereinbar: Unter Umständen ist es einfach praktikabel, eine Makroperspektive einzunehmen, weil die Individualprozesse gerade gar nicht inter- 6 Bettina Heintz, „Emergenz und Reduktion. Neue Perspektiven auf das Mikro-Makro-Pro- blem“, in: KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 56, 1 (2004), S. 1- 31. 7 Ebd., S. 15. 8 Ebd., S. 18.
JÖRN KÜNSEMÖLLER, TIMO KAERLEIN 112 essieren, „aus einer Seinsfrage [wird] eine methodologische [ge]macht“9. Zum Problem wird das erst, wenn Makrophänomene mit Prozessen der Mikroebene erklärt werden sollen. Wird eine statistische Stichprobe wiederholt, ist die Verteilung der Einzelwerte auf die Individuen jedes Mal unterschiedlich. Trotzdem erhalten wir wahrscheinlich dieselben Signifikanzen, weil das Konzept der Signifikanz von individuellen Werten abstrahiert. Vielleicht kann beschrieben werden, was die Differenz reproduzierbar erzeugt. Die konkrete Verteilung wird nicht reproduziert und wodurch sie entsteht, bleibt ungeklärt. Vermutlich ist also der vermeintliche Widerspruch zwischen emergenztheoretischer und reduktionistischer Sicht gar keiner, sondern begründet sich darin, dass die konkrete Konstitution einer Gesellschaftsstruktur (analog zu Verteilung) etwas anderes ist als das Konzept dieser Struktur (analog zu Differenz): Das Auftreten der Struktur selbst mit ihren konzeptualisierten Eigenschaften geht eventuell mit einigen wenigen Rahmenbedingungen einher und ist im Sinne reduktionistischer Theorien aus der Individualebene ableitbar. Die konkrete Ausprägung der Struktur hingegen hängt von so vielen Faktoren ab, dass sie in dieser Form nicht absehbar ist. Das emergenztheoretische mehr sind dann die über das Konzept der Struktur hinausgehenden, aber tatsächlich auch noch vorhandenen individuellen Eigenschaften. Es handelt sich also um eine Folge der methodischen Abstraktion und damit um ein rein praktisches Problem. Modelle Die Naturwissenschaften dagegen beschreiben mit ihren Modellen Gesetzmäßigkeiten, die sich aus einer definierten Perspektive und unter definierten Rahmenbedingungen beobachten lassen. Im Experiment wird durch gezielte Variation einzelner Parameter bei gleichzeitiger Beobachtung auftretender Veränderungen auf anderer Ebene ein kausaler Zusammenhang zwischen beiden Perspektiven hergestellt. Die daraus abgeleiteten Modelle sind Abbildungen des Beobachteten, deren Kriterium es ist, sich auf Ebene der Anschauung mit dem Beobachteten zu decken. Zweck dieser Modelle ist nicht zu erklären, sondern auf gleichartige Situationen übertragbar zu sein. Es gilt, (Vor-)Aussagen zu treffen, was beobachtbar wäre oder sein wird. Experimente liefern die Erfahrung darüber, in welchen Grenzen diese Übertragung noch vertretbare Abweichungen produziert und ein Modell anwendbar ist. Weicht ein Modell vom Experiment ab, muss es modifiziert oder ein neues Modell erdacht werden, um auch diese Beobachtung regelhaft beschreiben zu können. Seit der Entdeckung des photoelektrischen Effekts beispielsweise spricht man vom Welle-Teilchen-Dualismus. Licht weist demnach Eigenschaften auf, die sich zum Teil mit denen von Teilchen, zum Teil mit denen von Wellen decken. Der Verweis auf die bekannten Konzepte macht es an- 9 Ebd., S. 27.
THESEN I 113 schaulicher, aber eigentlich spricht man von einem ganz neuen Objekt der Anschauung namens Photon, das mit definierten Eigenschaften seinen Platz im Modell hat. Dabei geht es nicht um Erkenntnis im Sinne eines Erkennens der Dinge an sich10, sondern allein um ein Erkennen und Beschreiben von Regelmäßigkeit in dem, was beobachtbar ist. Im Theoriegebäude wiederum können spannende Zusammenhänge (wie etwa Materialien mit praktischen Eigenschaften) postuliert werden, die erst durch die zielgerichtete experimentelle Prüfung gegebenenfalls auch tatsächlich beobachtet und letztendlich auch nutzbar werden. Modell und Beobachtung befruchten sich gegenseitig und einzig darin liegt der Sinn der Übung namens Wissenschaft. Jede Verbindung zweier Beobachtungen jenseits der reinen Feststellung einer Differenz ist modellhaftes Denken. Leistert spricht vom „Automatismus des Verbindens“11. Jeder Versuch eine Beobachtung zu erklären, jede Feststellung bzw. Festlegung von Kausalität, ist eine solche Verbindung. Sie existiert nur im Modell. So wie Objektwissen auf beobachtbarer Differenz beruht und auf die Perspektive seiner Beobachtung beschränkt ist, bleibt Modellwissen auf die Perspektive der experimentellen bzw. empirischen Überprüfung des damit beschriebenen Zusammenhangs beschränkt: Beides sind perspektivisch geprägte Konstruktionen. Ich schließe mich Leisterts Forderung an, dieses Wechselspiel von subjektiver Perspektive und objektivem Befund stärker zu reflektieren. Nicht weil damit „der Automatismus des Verbindens [...] unterbrochen“12 wäre, sondern weil sich Wissenschaft des spekulativen Charakters ihres so geschaffenen Wissens bewusst wäre. Wir sehen nur, was wir sehen wollen. Es geht mir also nicht um eine neue Form kritischerer wissenschaftlicher Methoden, sondern um veränderte Ansprüche und Zielsetzungen von Wissenschaft im Sinne postmoderner Strömungen. Vor dem Hintergrund ihrer Beschränktheit sollte mit Wissenschaft pragmatisch umgegangen werden. Modelle sind nicht wahr, aber gegebenenfalls anwendbar. In der Anwendbarkeit liegt der tatsächliche Maßstab von Wissenschaft (und zwar jeder Form von Wissenschaft): Sie ist ein Werkzeug, denn mehr kann sie schlicht nicht leisten. Das muss sie aber auch nicht. Dimensionen der Differenz Die einfachste denkbare Differenz ist die zweier diskreter Zustände, wie sie Boole’scher Algebra und formaler Logik zugrunde liegt. Ein Dimensionssprung zur Skala schafft neue Möglichkeiten, um Differenz zu definieren und systematisch zu erkennen. Die Statistik kennt hierfür Konzepte von Differen- 10 Dass das Photon tatsächlich existiert. 11 Leistert (2010), These 5: Automatismen werfen das Problem der Beobachterin auf, S. 100 [Herv. i. O.]. 12 Ebd., S. 102.
JÖRN KÜNSEMÖLLER, TIMO KAERLEIN 114 zen höherer Ordnung: Die Beobachtung von unterschiedlichen Häufungen lässt auch unscharf getrennt wirkende Gruppen voneinander abgrenzen. Daraus ergibt sich eine gewisse Toleranz gegenüber einer solchen Unschärfe: Statistische Differenz ist weniger absolut und damit empirisch anwendbar. Da die statistische Perspektive Unschärfe filtert, ist per Statistik erzeugtes Wissen automatisch unscharf. Worin genau die Störung besteht, also ob weitere für die Differenz wichtige Faktoren unberücksichtigt sind oder ob von „falschen“ Objektgrenzen ausgegangen wird, kann im Einzelfall nicht gesagt werden. Die Auslegung (Erklärung) des Befunds ist, wie gesagt, ein Modell und weitere Befunde können (und müssen) es stützen oder angreifen. Meine These ist, dass sich Kategorien einer Differenz von noch höherer Dimension als der Skala als Struktur begreifen und etwa als Muster oder Netzstruktur voneinander abgrenzen lassen. Das Wissen um Struktur ist offenbar im Wahrnehmungsapparat eingeschrieben. Wir können zum Beispiel über Visualisierungen absichtlich eine Perspektive einnehmen, aus der wir gegebenenfalls intuitiv eine Struktur erkennen. Dabei kann es nicht um das Erkennen von Wahrheit gehen, sondern um die Nutzung eines Wahrnehmungsapparats, der Konzepte für Regelhaftigkeit besitzt. Sinn oder Unsinn der Methode ergibt sich einzig aus der Anwendbarkeit dieses Wissens. Die biologische Einschreibung deutet darauf hin, dass es (jedenfalls im weitesten Sinne) nützlich ist. Sie ist ein Indiz dafür, dass sich die systematische Anwendung dieses Wissens lohnen könnte. Ob sie das im Einzelfall wirklich tut, muss sich zeigen; die Arbeitshypothese steckt in den gewählten Perspektiven.13 In der Frage nach den Prozessen, die zur Entstehung von Strukturen beitragen, steckt die Frage nach Modellen davon, welche Kriterien die Struktur reproduzieren und welche dafür unerheblich sind. Sie sind – wie alle Modelle – nicht absolut: Modell und Beobachtung können auf anderer Ebene (z. B. aus einer zeitlichen Perspektive) unter Umständen völlig auseinanderlaufen. Auch ist gut möglich, dass nicht alle einfließenden Parameter berücksichtigt sind. Wahrscheinlich ist auch, dass auf einer Ebene Objektgrenzen gezogen werden, die anders gezogen besser passen würden.14 Abstrakter gesagt sind Automatismen das Bindeglied zweier gewählter Perspektiven, ein Modell etwa folgender Art, wobei M für eine Struktur steht: „Immer wenn auf der Mikroebene P1 ODER P2 ODER P3 ... ODER Pn, tritt auf der Makroebene M auf“15. 13 Vgl. Heintz (2004), Emergenz und Reduktion, S. 27: „Es ist [...] der Untersuchungsgegenstand, der darüber entscheidet, ob eine mikro- oder makrosoziologische Perspektive angemessener ist [...]“. 14 Vielleicht wird die Struktur ja nicht generell von Schafen, sondern nur von Tieren eines bestimmten Alters erzeugt. Oder von solchen, die ein bestimmtes Gen tragen. Oder wir haben noch gar kein Konzept von dem, was beeinflusst, ob und wie ein Schaf an der Struktur mitwirkt. 15 Ebd., S. 9.
THESEN I 115 Darin verbirgt sich die Notwendigkeit von klaren Definitionen verschiedener Strukturen und deren Eigenschaften. Es reicht nicht aus zu sagen: „Ich erkenne da irgendwie Struktur“. Damit das Konzept der Automatismen anwendbar wird, muss Wissenschaft objektivieren und Verfahren einer mehrdimensionalen Statistik entwickeln. In der multivariaten Datenanalyse und der Mustererkennung sind hier bereits einige Schritte getan. Mit solchen Methoden stehen für Automatismen auch störungsbehaftete Beschreibungen des Zusammenspiels ausgewählter Faktoren offen: auf empirischer Basis, jenseits rein sinnlicher Erfahrung oder eines Wahrheitsanspruchs. Jörn Künsemöller
JÖRN KÜNSEMÖLLER, TIMO KAERLEIN 116 These 2: Eine gegebene Struktur wird unter Umständen vorschnell auf das Wirken von Automatismen zurückgeführt. Dadurch entstehen blinde Flecken bei der Suche nach erklärenden Variablen und die Forschung droht selbst zum Automatismus zu werden. Die Forschungsperspektive bei der Beschreibung von Automatismen ist häufig eine retrospektive. Von einem beobachtbaren Muster ausgehend (Spuren von Schafen im Schnee), wird nach dessen Genese gefragt, indem mögliche Brückengesetze zwischen einer Mikroebene sich akkumulierender Einzelprozesse und einer Makroebene gefestigter Strukturen formuliert werden. Hierbei kommt eine Trampelpfad-Logik zum Einsatz: Eine gegebene Struktur (z. B. eine Verkehrs-Infrastruktur) wird aus Bottom-up-Vorgängen hergeleitet. Wege entstehen dort, wo Menschen und Waren sich regelmäßig von A nach B bewegen. Die Makrostruktur formt sich aus Praktiken heraus und wirkt gleichermaßen ermöglichend wie restriktiv auf diese Praktiken zurück. Ist ein Trampelpfad erst einmal in der Welt, beeinflusst er unzweifelhaft das Bewegungsverhalten der Akteure. Es erfordert eine bewusste Entscheidung (und meistens einen triftigen Grund), sich diametral zum vorhandenen Wegenetz zu bewegen, eine vorgängige Struktur also willentlich zu ignorieren. Diese zunächst einleuchtende und Erkenntnisgewinn versprechende Perspektive stößt dort an ihre Grenzen, wo Strukturen hinsichtlich ihrer Genese opak bleiben. So behauptet der philosophische Funktionalismus (und auch die Forschungen zur Künstlichen Intelligenz), dass entgegen einem anthropozentrischen Verständnis Bewusstsein auf verschiedene Weise realisiert sein kann. Das Argument der multiplen Realisierung lässt sich verallgemeinern und führt zu Aussagen der Form: „Immer wenn auf der Mikroebene P1 ODER P2 … ODER Pn, tritt auf der Makroebene M auf“16. Die Postulierung von verallgemeinerbaren Brückengesetzen scheint dann ausgeschlossen, auf der Theorieebene bleibt nur die Zuflucht zu Emergenzkonzepten. Weil die Gründe für die Entstehung einer Struktur von Fall zu Fall verschieden sein können, führt jede einseitige Priorisierung von Bottom-up oder Top-down-Ansätzen zu blinden Flecken der Beobachtung und Beschreibung. Ich möchte das Problem an einem Beispiel veranschaulichen. In verlässlicher Regelmäßigkeit werden landwirtschaftliche Nutzflächen über Nacht zum Ort verborgener Prozesse, deren Resultate am folgenden Tag für Aufsehen sorgen. Großflächig niedergedrückte Halme ergeben aus der Vogelperspektive betrachtet unterschiedlich komplexe Muster, die von einer interessierten ,Forscher‘gemeinde als Kornkreise oder „Kornfeldfiguren“17 bezeichnet werden. 16 Heintz (2004), Emergenz und Reduktion, S. 9. 17 Wolfgang Schindler, „Eine Bibliothek voller Fakten“, in: Zeitschrift für Anomalistik 4 (2004), S. 131-134: 131. Darunter wird verstanden: „[E]in komplexeres Gebilde, welches aus mehr besteht als nur aus Kreisen, nämlich aus Ringen, Sektoren, Pfaden und anderen geometrischen Grundfiguren“ (ebd.). An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass die Beobachtbar-
THESEN I 117 Die Spekulationsmaschine über die Ursachen des Phänomens läuft spätestens seit den 1970er Jahren auf Hochtouren, während das Auftauchen neuer Kornkreise beizeiten ein inniges Verhältnis mit der medialen Berichterstattung aufweist. Dabei kommt den Kornkreisen selbstverständlich ein entscheidender Vorteil gegenüber anderen mystischen bzw. grenzwissenschaftlichen Phänomenen zugute: Sie sind real erfahrbar und somit auch untersuchbar. Im Unterschied dazu bleiben beispielsweise UFOs oder Geistphänomene meist etwas Abstraktes.18 Diese Eigenschaft der Kornkreise erlaubt ihre objektive Beschreibung und Klassifizierung. Konkurrierende Auffassungen treten auf, sobald es an die Erklärung der im Dunkel der Nacht liegenden Gründe für das Phänomen geht, die sich der Anschauung und dem empirischen Zugriff entziehen. Am augenfälligsten und vehementesten vertreten sind hier Top-down-Erklärungsansätze in naiven (Aliens) und skeptischen (Menschenwerk) Varianten. Solche Ansätze schreiben die beobachtbare Struktur menschlichen oder nicht-menschlichen Akteuren zu, von denen sie intentional erzeugt worden sei. Gemeinsam ist Erklärungen dieser Art, dass die Kornkreise in aller Regel als Zeichen gelesen werden, also als symbolische Manifestation einer Kommunikationsabsicht. Dieser Umstand ist für sich bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass historischen Kontingenzen unterliegt, welche Medien überhaupt den Status von Sprache haben. Den Flugbahnen wilder Vögel, die die antiken Auguren entzifferten, den okkulten Eigenschaften der Geschöpfe, die das Wissen der Renaissance hortete, hat unsere Kultur den Status von Sprache abgesprochen, nicht ohne in einer Gegenbewegung seit Marx, Nietzsche und Freud die ‚Hieroglyphen‘ des Kapitals, die ‚Semiotik‘ der Affekte und die ‚Symptome‘ der Neurose zu Zeichen lesbarer Sprachen zu ernennen.19 Nun also auch Kornkreise, wenn man den Deutungsversuchen der Cereologen (Selbstbezeichnung der Kornkreisforscher) Gewicht beimisst. Für die Frage der Automatismen relevanter scheint allerdings eine andere Lesart: Zu verschiedenen historischen Zeitpunkten brachten sich Stimmen in den Diskurs ein, die auf die Möglichkeit eines natürlichen Entstehens von Kornkreisen hinwiesen. Häufig kamen diese Wortmeldungen aus den Reihen der etablierten Naturwissenschaften, so beispielsweise von dem britischen Chemieprofessor Robert Plot, der bereits 1686 die These aufstellte, Blitze hätten mit der Entstehung von Kornkreisen zu tun.20 Der Spektroskopie-Experte John Rand Capron keit von Kornkreisen wie auch von Automatismen sich selbst einem gleichermaßen medientechnischen wie epistemologischen Apriori verdankt, das häufig ausgeblendet wird. Vgl. dazu Leistert (2010), These 5: Automatismen werfen das Problem der Beobachterin auf. 18 Harald Hoos, „Zu den Hintergründen des Kornkreisphänomens und der Kornkreisforschung“, in: Zeitschrift für Anomalistik 4 (2004), S. 102-121: 119. 19 Horst Turk/Friedrich A. Kittler, „Einleitung“, in: dies. (Hg.), Urszenen. Literaturwissenschaft als Diskursanalyse und Diskurskritik, Frankfurt/M., 1977, S. 9-43: 27. 20 Vgl. Robert Plot, The Natural History of Stafford-Shire, Oxford, 1686, S. 9-19.
JÖRN KÜNSEMÖLLER, TIMO KAERLEIN 118 mutmaßte 1880 in einem Brief an die Zeitschrift Nature über „some cyclonic wind action“21 als Ursache des Phänomens. Noch 1991 erweiterte der Meteorologe Terence Meaden die Wirbelsturm-Hypothese um den elektromagnetischen Aspekt einer „Selbstelektrifizierung“ und kam nach elfjähriger Forschungsarbeit zu dem Schluss, „daß die Kreisformationen auf das Herabsinken eines energetischen Wirbels aus der Atmosphäre zurückzuführen sind, eines Wirbels, der so stark ionisiert ist, daß man ihn besser als eine Art kühles Plasma bezeichnet.“22 Das jüngste Deutungsangebot, das eine nicht-intentionale Produktion der Kornkreise unterstellt, lieferte der Deutsche Jagdschutzverband in einer Pressemeldung vom 19. Juni 2010. Unter der Überschrift „Manche mögen’s heiß! Für das Rehwild beginnt jetzt die Paarungszeit“ findet sich folgende Passage: Haben Bock und Ricke in freier Natur besonders viel Platz für ihr Treiben, sorgen sie auch für ein besonderes Phänomen: die Entstehung von Kornkreisen. Bei ihrem Dauermarsch durch die Natur laufen die Tiere auch immer wieder in Felder hinein und dort im Kreis. Nicht Außerirdische sind also für die zehn bis dreißig Meter umfassenden Zirkel verantwortlich, sondern die paarungswilligen Rehe.23 Diese gleichermaßen bottom up argumentierenden Interpretationen – die insofern automatismenaffin sind, als sie eine Strukturentstehung außerhalb geplanter Prozesse behaupten – verlieren mit zunehmender Komplexität der beobachtbaren Muster an Glaubwürdigkeit und Attraktivität. Bemerkenswert ist die spezifische Blindheit der konkurrierenden Erklärungsversuche: Wer einmal eine Top-down-Perspektive eingenommen hat, ist in der Regel nicht bereit, alternative Lösungen des Problems in Betracht zu ziehen. Das gleiche gilt aber auch umgekehrt: Setzt man die Automatismen- Brille auf, um die Genese einer gegebenen Struktur zu erklären, blendet man unter Umständen aus, dass sie sehr wohl auch ursächlich auf intentionales und zielorientiertes Handeln zurückzuführen sein könnte. Eine solche Perspektive wird beispielsweise dann problematisch, wenn verteilte Systeme automatisch verteilte Verantwortung implizieren. Die allgegenwärtige Finanzkrise ist sicher eine systemische, doch auch hier gibt es zentrale Entscheider und Weichensteller, die von bestimmten Entwicklungen profitieren. Diese werden entlastet, wenn man davon ausgeht, dass komplexe Systemdynamiken zur Krise 21 John Rand Capron, „Storm Effects“, in: Nature 22, 561 (1880), S. 290-291: 291. 22 George Terence Meaden, „Die Kreise im Korn und der Plasmawirbel“, in: Ralph Noyes (Hg.), Die Kreise im Korn. Mysteriöse Bodenmuster in Getreidefeldern – Erklärungsversuche zwischen Naturwissenschaft, Kulturgeschichte und Esoterik, 2. Aufl., München, 1991 [engl. OA 1990], S. 100-123: 101. 23 Anonymus, „Manche mögen’s heiß! Für das Rehwild beginnt jetzt die Paarungszeit“, 19.07.2010, online unter: http://djv.newsroom.de/news/?meta_id=2171, zuletzt aufgerufen am 10.06.2014. Ähnlich lautende Meldungen gab der Verband auch schon in früheren Jahren heraus (zuerst im Jahr 2000). Besonders originell ist die Hypothese nicht. Schon Robert Plot äußerte eine Vermutung in dieser Richtung. Vgl. Plot (1686), The Natural History of Stafford-Shire, S. 14.
THESEN I 119 führen und nicht das bewusste Handeln (und spektakuläre Versagen) einzelner Akteure. Kurz: Automatismen sind kein Passepartout. Abschließend soll ein weiterer kritischer Punkt zur Sprache kommen, der das Selbstverständnis der Automatismen-Forschung berührt. Ich bleibe bei dem von mir eingeführten Beispiel: Ein wunder Punkt der Kornkreisforschung ist die weitverbreitete personelle Verquickung von Kornkreisforschern und Kornkreismachern. „Der Kornkreismacher, den du bei Nacht in flagranti erwischt hast, ist bei Tageslicht betrachtet oft der eigene Kornkreisforscherkollege.“24 Strukturverursacher und -beobachter fallen also zusammen, sei es bewusst (ein „Gesellschaftsspiel auf höchstem Niveau“25) oder unbewusst (die nachts im Feld hinterlassenen Spuren der eigenen Forschertätigkeit geben am nächsten Morgen Rätsel auf). Das sich stellende Problem lässt sich theoretisch als Kybernetik zweiter Ordnung beschreiben.26 Es ist von der Erkenntnis geprägt, dass beobachtendes und beobachtetes System in einem geschlossenen Regelkreis miteinander interagieren. Der Akt der Beobachtung greift unweigerlich in die zu beschreibenden Abläufe des beobachteten Systems ein. Von verschiedenen prominenten Vertretern der Szene wird selbstkritisch eingestanden, dass das Kornkreisforschen „zu einer Art Selbstzweck geworden“ zu sein scheint, „Anlass dafür, um Geräte zu bauen, durch Deutschland zu reisen, nach England zu fahren und sich mit Gleichgesinnten zu treffen.“27 Mehr noch: „Kornkreismacher, -forscher und -gläubige, Landwirte und die Medien bilden einen sich selbst reproduzierenden sozialen Zusammenhang, der das angebliche Rätsel um die Kornkreise am Leben erhält.“28 Wenn man versuchsweise im vorangehenden Zitat die Kornkreise durch Automatismen ersetzt (und die Landwirte einmal außen vor lässt), zeichnet sich das Bild einer gefährlichen Dynamik ab. Will die Automatismen-For- schung vermeiden, selbst zum Automatismus zu werden, muss sie sich ständig aktiv darum bemühen, ihren Beobachterstandort und dessen unhintergehbare Wechselwirkungen mit dem Forschungsgegenstand zu reflektieren. Timo Kaerlein 24 Schindler (2004), Eine Bibliothek voller Fakten, S. 133. 25 Hoos (2004), Zu den Hintergründen des Kornkreisphänomens und der Kornkreisforschung, S. 118. 26 Vgl. Heinz von Foerster, „Cybernetics of Cybernetics (Physiology of Revolution)“, in: ders., Cybernetics of Cybernetics. The Control of Control and the Communication of Communication, 2. Aufl., Minneapolis, MN, 1995 [1974], S. 128-129. 27 Hoos (2004), Zu den Hintergründen des Kornkreisphänomens und der Kornkreisforschung, S. 119. 28 Ebd., S. 102.
JÖRN KÜNSEMÖLLER, TIMO KAERLEIN 120 Literatur Anonymus, „Manche mögen’s heiß! Für das Rehwild beginnt jetzt die Paarungszeit“, 19.07.2010, online unter: http://djv.newsroom.de/news/?meta_id=2171, zuletzt aufgerufen am 10.06.2014. Capron, John Rand, „Storm Effects“, in: Nature 22, 561 (1880), S. 290-291. Foerster, Heinz von, „Cybernetics of Cybernetics (Physiology of Revolution)“, in: ders., Cybernetics of Cybernetics. The Control of Control and the Communication of Communication, 2. Aufl., Minneapolis, MN, 1995 [1974], S. 128-129. Harald Hoos, „Zu den Hintergründen des Kornkreisphänomens und der Kornkreisforschung“, in: Zeitschrift für Anomalistik 4 (2004), S. 102-121. Heintz, Bettina, „Emergenz und Reduktion. Neue Perspektiven auf das Mikro-Makro- Problem“, in: KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 56, 1 (2004), S. 1-31. Leistert, Oliver, „These 5: Automatismen werfen das Problem der Beobachterin auf. Hiermit sind weitreichende epistemologische Fragen verbunden“, in: Hannelore Bublitz/Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 99-102. Meaden, George Terence, „Die Kreise im Korn und der Plasmawirbel“, in: Ralph Noyes (Hg.), Die Kreise im Korn. Mysteriöse Bodenmuster in Getreidefeldern – Erklärungsversuche zwischen Naturwissenschaft, Kulturgeschichte und Esoterik, 2. Aufl., München, 1991 [engl. OA 1990], S. 100-123. Plot, Robert, The Natural History of Stafford-Shire, Oxford, 1686, S. 9-19. Schindler, Wolfgang, „Eine Bibliothek voller Fakten“, in: Zeitschrift für Anomalistik 4 (2004), S. 131-134. Turk, Horst/Kittler, Friedrich A., „Einleitung“, in: dies. (Hg.), Urszenen. Literaturwissenschaft als Diskursanalyse und Diskurskritik, Frankfurt/M., 1977, S. 9-43.
VERSCHIEBUNGEN AN DER GRENZE ZWISCHEN HARDWARE UND SOFTWARE 127 moditization von Rechenleistung und Datenhaltung zu schaffen. Das heißt, die Entscheidung, welche Software wann auf welcher konkreten Hardware ausgeführt wird, ist für den Benutzer nicht nachvollziehbar, was durch eine Abstraktion von Software in sogenannte Dienste erreicht wird. Nicht zuletzt durch den großen Kapitalbedarf für den Aufbau und den Betrieb von Cloud-Systemen ist der Großteil der Kapazität gegenwärtiger Cloud-Systeme heute allerdings in den Händen weniger Anbieter konzentriert (z. B. Google, Amazon, Microsoft, Salesforce). Diese Unternehmen bieten neben der reinen Bereitstellung der Hardware- und Betriebssystem-Infrastruktur zunehmend auch komplexere Plattformen (z. B. Google AppEngine, Amazon Elastic Beanstalk) und auch Anwendungen an (GoogleDocs, Microsoft Office 365), was langfristig auch auf ein integriertes Modell hinauslaufen könnte. Wie sich die Märkte für Hardware und Software für Computersysteme, getrieben durch technologische Innovationen und neue Anwendungen, weiterentwickeln und ob sich auf diesen Märkten langfristig integrierte oder modulare Geschäftsmodelle durchsetzen werden, ist noch offen. Eine mögliche Zukunft solcher Märkte und der dazugehörigen technischen Umgebungen wird an der Universität Paderborn im Sonderforschungsbereich 901, On-The-Fly Computing3, von einem Forscherteam aus Informatikern und Wirtschaftswissenschaftlern untersucht. 3. Hardware/Software-Co-Design In diesem Abschnitt besprechen wir, wie sich Computersysteme durch ein Schichtenmodell von aufeinander aufbauenden Hard- und Softwareschichten beschreiben lassen. Diese Betrachtung führt uns zum Konzept der Instruktionssatzarchitektur, welche als Schnittstelle zwischen Hardware und Software dient. Schließlich stellen wir das Forschungsgebiet des Hardware/Software- Codesigns vor, das sich mit der systematischen Optimierung der Grenze zwischen Hard- und Software zum Entwurfszeitpunkt beschäftigt. 3.1 Schichtenmodell für Computersysteme Der Aufbau von Computersystemen und deren Strukturierung in Hard- und Software wird üblicherweise durch ein Schichtenmodell beschrieben. Jede Schicht stellt dabei eine Abstraktionsebene dar, welche es den höher liegenden Schichten erlaubt, die Funktionen der darunter liegenden Schichten über eine definierte Schnittstelle zu nutzen, ohne deren detaillierte Eigenschaften zu kennen. Abbildung 2 zeigt eine in der Lehre üblicherweise verwendete Darstellungsform dieses Schichtenmodells. 3 On-The-Fly Computing, online unter: http://sfb901.uni-paderborn.de, zuletzt aufgerufen am 24.04.2014.
MARCO PLATZNER, CHRISTIAN PLESSL 128 2 – Klassisches Schichtenmodell von Computersystemen mit verschiedenen Abstraktionsebenen der Hardware (grau) und Software (weiß) Die unterste Hardwareebene ist die der Halbleiterstruktur, welche die geometrischen Abmessungen und die Halbleitermaterialien beschreibt, die einen Prozessor als integrierte Schaltung (Chip) umsetzen. Auf der nächsthöheren Stufe werden diese Strukturen als Transistoren abstrahiert, welche die Grundelemente elektronischer Schaltungen bilden. Da Prozessoren digitale Schaltungen sind, wird die Hardware weiter abstrahiert und durch Logikelemente dargestellt, welche die Funktionen von Transistor-Baugruppen durch mathematische Grundoperationen in binärer Logik abbilden. Diese Grundoperationen werden in der sogenannten Mikroarchitektur zu komplexeren Einheiten zusammengefasst, welche die Rechen- und Kontrolleinheiten des Prozessors sowie die vorhandenen Register und Speicher zum Halten von Daten beschreibt. Obwohl diese Schaltungsstruktur die Grundlage für die konkrete Ausführung eines Programms durch den Prozessor darstellt, wird sie gegenüber dem Programmierer völlig verborgen. Stattdessen wird als Schnittstelle zwischen der Hard- und Software die sogenannte Instruktionssatzarchitektur als zusätzliche Abstraktion eingeführt. Die Instruktionssatzarchitektur beschreibt die Grundoperationen des Prozessors aus Sicht des Programmierers, ohne eine spezifische Hardwareumsetzung vorwegzunehmen. So definiert die Instruktionssatzarchitektur zum Beispiel die Namen und Funktionen von arithmetischen Operationen sowie die Namen der internen Register zum Zwischenspeichern von Daten. Eigenschaften einer konkreten Implementierung, z. B. wie schnell Instruktionen ausgeführt werden, ob die Ausführung parallel oder sequenziell erfolgt oder ob zur
VERSCHIEBUNGEN AN DER GRENZE ZWISCHEN HARDWARE UND SOFTWARE 129 Optimierung der Datenhaltung neben den Registern zusätzliche interne Speicher verwendet werden, bleiben bewusst offen. Als unterste Softwareebene ist die Assemblersprache eng mit der Instruktionssatzarchitektur verwandt. Bei der Assemblersprache handelt es sich um eine textuelle Repräsentation des Instruktionssatzes ohne weitergehende Abstraktionen. Das Programmieren auf dieser Ebene ist heutzutage lediglich noch für sehr wenige, hardwarenahe Aufgaben gebräuchlich, zum Beispiel für Kernfunktionen des Betriebssystems oder zur Optimierung der Rechenleistung für numerische Berechnungen. In den allermeisten Fällen wird Assemblersprache jedoch nicht direkt vom Programmierer erstellt, sondern aus einem in einer Hochsprache geschriebenen Programm erzeugt. Hochsprachen unterscheiden sich von Assemblersprache dadurch, dass sie abstraktere Programmierkonzepte und eine textuelle Notation anbieten, welche auf eine spezielle Klasse von Anwendungen zugeschnitten sind. So bietet die Programmiersprache Fortran zum Beispiel die Möglichkeit, numerische Berechnungen mit Matrizen, Vektoren und komplexen Zahlen bequem auszudrücken. Ein Hochsprachenprogramm lässt sich dann durch ein Softwareübersetzungswerkzeug (Compiler) automatisch und effizient in Assemblersprache transformieren. Als oberste Softwareschicht kann man die Anwendung betrachten. 3.2 Die Instruktionssatzarchitektur als Grenze zwischen Hardware und Software Aus der Perspektive der Verschiebung der Grenze zwischen Hardware und Software ist die Instruktionssatzarchitektur von zentraler Bedeutung. Diese Grenze wurde in Industrie und Wissenschaft sehr ausführlich untersucht. Das liegt unter anderem auch daran, dass die Instruktionssatzschicht nicht nur die Grenze zwischen Hard- und Software, sondern auch zwischen wissenschaftlichen Disziplinen markiert. Die Umsetzung eines Instruktionssatzes in Hardware, d. h. der Entwurf einer Mikroarchitektur und deren Implementierung, liegt im Bereich der Elektrotechnik, während die Fragestellungen oberhalb der Instruktionssatzebene Kerngebiete der Informatik sind. Unterschiedliche Implementierungen desselben Instruktionssatzes sind durchaus üblich. In der Tat ist genau diese Trennung zwischen Hard- und Software dafür verantwortlich, dass Computersysteme durch Einsatz von neuen Prozessoren mit verbesserter Mikroarchitektur oder aktuellerer mikroelektronischer Technologie enorme Geschwindigkeitszuwächse erzielen können, ohne dass eine Anpassung der Anwendungssoftware notwendig ist. Eine Grundfrage bei der Definition eines Instruktionssatzes ist die Festlegung der Grenze zwischen Hard- und Software, d. h. welche Funktionen als Prozessorinstruktionen angeboten werden sollen und welche Funktionen besser als Sequenz von solchen Instruktionen (Programm) umgesetzt werden. Bietet der Instruktionssatz nur einfache Instruktionen, welche wenig Arbeit er-
MARCO PLATZNER, CHRISTIAN PLESSL 130 ledigen (z. B. zwei Zahlen addieren), benötigt man viele Instruktionen, um ein Programm auszuführen. Dadurch wird die Ausführungszeit verlängert, die Hardwarekomplexität des Prozessors bleibt hingegen niedrig. Bietet der Instruktionssatz mächtige Instruktionen, welche viel Arbeit erledigen, wird das Programm kürzer. Die Hardwarekomplexität des Prozessors steigt hingegen, was zu höheren Kosten und niedrigerer Geschwindigkeit führt. Ein klassisches Beispiel für eine komplexe Instruktion ist die Multiplikation. In den frühen Jahren der Computertechnik (1950 bis 1970) konnten Prozessoren aufgrund der hohen Schaltungskomplexität keine Hardwaremultiplizierer integrieren. Stattdessen wurden Multiplikationen, wie bei der schriftlichen Multiplikation, durch Addieren und Schieben in Software ausgeführt. Diese Methode war aber sehr langsam, und mit steigenden technologischen Möglichkeiten wurden ab Mitte der 70er Jahre Multiplizierer in Hardware gebaut. Der Hardwareaufwand dieser frühen Multiplizierer war mit etwa 10.000 Chips exorbitant. Aber durch rasante Fortschritte in der Halbleitertechnologie und -fertigung konnte die Komplexität von Schaltungen, die auf einem Chip realisiert werden können, massiv gesteigert werden. Somit konnte ein Multiplizierer bereits Ende der 70er Jahre auf einem einzigen Chip gefertigt werden und heute multiplizieren nahezu alle Prozessoren in Hardware. Im Laufe der Zeit hat es immer wieder Experimente mit Instruktionssätzen gegeben, die sehr nahe an oder gar identisch mit Hochsprachen waren. So wurden in den 70er und 80er Jahren spezielle LISP-Processing-Machines entwickelt (z. B. die Texas Instruments Explorer), deren Prozessoren direkt LISP- Code ausführen konnten. LISP ist eine funktionale Programmiersprache, die in den 70er Jahren sehr populär für Problemstellungen aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz war. Man hoffte mit solchen Hochsprachen-Prozesso- ren die sogenannte Semantische Lücke zwischen Programmiersprache und Instruktionssatz zu schließen, und damit auch die Aufgabe der Compiler zu reduzieren oder sie im Extremfall ganz überflüssig zu machen. Diese Ansätze waren allerdings allesamt nicht erfolgreich, da die technische Entwicklung von General-Purpose-Prozessoren zu rasch voranschritt und es aufgrund der beschränkten Größe des LISP-Marktes nicht rentabel war, diese speziellen Prozessoren alle 1,5 bis 2 Jahre in der neuesten Technologie zu realisieren. Die Frage, ob Prozessoren komplexe (Complex Instruction Set Computing, CISC) oder einfache (Reduced Instruction Set Computing, RISC) Instruktionen nutzen sollen und ob ein Konzept dem anderen grundsätzlich überlegen ist, wird seit Jahrzehnten intensiv debattiert. Eine Übersicht über die wesentlichen Unterschiede von CISC- und RISC-Prozessorarchitekturen ist in Tabelle 1 dargestellt.
VERSCHIEBUNGEN AN DER GRENZE ZWISCHEN HARDWARE UND SOFTWARE 131 Tabelle 1: Vergleich von CISC- und RISC-Prozessoren CISC (Complex Instruction Set Computing) RISC (Reduced Instruction Set Computing) Viele Instruktionen Wenige Instruktionen Variable Instruktionslänge Fixe Instruktionslänge Viele, komplexe Adressierungsarten Wenige, einfache Adressierungsarten Beispiele: Intel IA-32, VAX, IBM/360, Intel 8051 Beispiele: PowerPC, SPARC, MIPS, Alpha, Itanium, AVR Historisch hatten die meisten Computer komplexe Instruktionen, da frühe Computer primär in Assemblersprache programmiert wurden und durch komplexe Instruktionen kurze und aussagekräftige Assemblerprogramme ermöglicht werden. Die mit komplexen Instruktionen verbundenen Nachteile der hohen Hardwarekomplexität und die damit einhergehende Einschränkung der Ausführungsgeschwindigkeit wurde als weniger gravierend eingeschätzt. Mitte der 80er Jahre wurde diese Frage in zwei Projekten an den amerikanischen Universitäten Stanford4 und Berkeley5 systematisch untersucht. Dabei wurde empirisch ermittelt, welche Instruktionen von realen Programmen tatsächlich genutzt werden und welche Speicherzugriffs- und Programmablaufmuster sie dabei verwenden. Das Resultat dieser Untersuchungen war, dass die meisten komplexen Instruktionen kaum benutzt werden und dass man durch eine radikale Vereinfachung des Instruktionssatzes, der Zufügung von schnellem lokalem Zwischenspeicher (Cache) und durch Fließbandverarbeitung von Instruktionen (Pipelining) wesentlich einfachere und leistungsfähigere Prozessoren entwerfen kann. Die aus diesen beiden Forschungsprojekten resultierenden und kommerzialisierten Prozessorarchitekturen SPARC und MIPS läuteten das Zeitalter der RISC-Prozessoren ein und seit den 90er Jahren folgen nahezu alle neu entwickelten Prozessorarchitekturen dem RISC-Konzept. Die große Ausnahme von dieser Regel ist Intels IA-32-Prozessorarchitektur, welche vor der RISC-Revolution entwickelt wurde. Diese Architektur hat aus Kompatibi- 4 Vgl. John Hennessy/Norman Jouppi/Steven Przybylski et al., „MIPS: A Microprocessor Architecture“, in: Proceedings of the 15th Workshop on Microprogramming (MICRO), Piscataway, NJ, 1982, S. 17-22. 5 Vgl. David A. Patterson, „Reduced Instruction Set Computers“, in: Communications of the ACM 28, 1 (1985), S. 8-21.
MARCO PLATZNER, CHRISTIAN PLESSL 132 litätsgründen bis heute einen CISC-Instruktionssatz, ist intern allerdings ebenfalls als RISC-Architektur organisiert. 3.3 Optimierung der Hardware/Software-Grenze Die Suche nach der optimalen Grenze zwischen Hard- und Software ist nach wie vor eine relevante Entscheidung beim Entwurf von Computersystemen, welche – getrieben durch neue Anforderungen und Anwendungen – jeweils neu getroffen werden muss. Zum Verständnis der Entwicklung ist es notwendig, zwei grundsätzliche Klassen von Computersystemen zu unterscheiden. Die Klasse der General-Purpose-Computing-Systeme ist nicht auf eine spezielle Anwendung oder Domäne zugeschnitten, sondern versucht für ein sehr breites Spektrum von Anwendungen eine hohe Rechenleistung bei akzeptablem Energieverbrauch abzudecken. Das Anwendungsspektrum reicht hierbei von klassischen Büroanwendungen wie Textverarbeitung, Tabellenkalkulation oder Bildbearbeitung bis zu Serveranwendungen in Rechenzentren, welche Dienste wie Datenbanken, Buchhaltung oder E-Mail anbieten. Computersysteme für diesen Markt sind hochgradig modularisiert und standardisiert, d. h. sie werden durch die Integration austauschbarer Hardwarekomponenten (Prozessoren, Mainboards, Speicherbausteine, Festplatten, Gehäuse, Stromversorgung) aufgebaut und durch ein ebenfalls standardisiertes Betriebssystem verwaltet. Die Software für diese Systeme ist auch modular und wird von einer großen Anzahl von Firmen angeboten. Aufgrund der für die Standardisierung notwendigen Abstimmung von Hardware, Software und Betriebssystemen ist die Innovation an der Hardware/Software-Schnittstelle im General-Purpose- Bereich eher langsam, findet aber dennoch kontinuierlich statt. Zum Beispiel wurde der Intel IA-32-Instruktionssatz in den letzten Jahren mit Befehlen zur Beschleunigung der rechenaufwendigen AES-Verschlüsselungsmethode erweitert, um dem zunehmenden Einsatz dieses Verfahrens Rechnung zu tragen. Demgegenüber steht die Klasse der Embedded-Computing-Systeme, welche Computer beschreibt, die in technische Systeme integriert sind. Beispiele für solche Systeme sind Autos, Satelliten, Hörgeräte, industrielle Steuerungen, Drucker, Fax, Fernseher etc. Im Gegensatz zu General-Purpose-Systemen üben eingebettete Systeme eine sehr spezifische Funktion aus und sind daher nicht als typische Computersysteme zu erkennen. Sie unterliegen durch die Interaktion mit der physikalischen Welt (z. B. Sensoren, elektro-mechanische Komponenten, Benutzer) auch anderen Entwurfszielen, wie zum Beispiel geringen Kosten, niedrigem Energieverbrauch, hoher Zuverlässigkeit, Sicherheit oder einer ausreichenden Performance für eine klar definierte Aufgabe. Viele dieser Ziele stehen grundsätzlich miteinander in Konflikt und können nicht gleichzeitig maximiert, sondern nur gegeneinander abgewogen werden. Zum Beispiel steht eine hohe Rechenleistung im Konflikt mit geringen Kosten, da zur Erzielung hoher Rechenleistung zusätzliche, spezialisierte Hardwarekomponenten benötigt werden. Folglich müssen Hard- und Software im Bereich
VERSCHIEBUNGEN AN DER GRENZE ZWISCHEN HARDWARE UND SOFTWARE 133 des Embedded Computing sehr genau aufeinander abgestimmt werden, um für das resultierende Gesamtsystem ein optimales Ergebnis zu erzielen. Anbieter in diesem Bereich verfolgen daher statt einem modularen meist ein integriertes Geschäftsmodell, bei dem ein System mit für die Anwendung maßgeschneiderten Hardwarekomponenten und genau darauf abgestimmter Software angeboten wird. In den 90er Jahren wurde der systematische Entwurf von Computersystemen und deren Optimierung als eigenes, methodisch orientiertes Forschungsgebiet mit dem Namen Hardware/Software-Codesign etabliert.6 Die Grundidee des Hardware/Software-Codesigns ist dabei eine ganzheitliche Betrachtung des Entwurfsprozesses ausgehend von einer Beschreibung des gewünschten Systemverhaltens. Diese Beschreibung ist unabhängig davon, welche Funktionen letztlich in Software – das heißt als Programm auf einem Prozessor – ausgeführt werden und welche aus Gründen der Performance oder der Energieeffizienz in maßgeschneiderter Hardware umgesetzt werden. Zur systematischen Optimierung werden die Funktionen des Systems modelliert, sowie die gewünschten nichtfunktionalen Eigenschaften und Rahmenbedingungen (z. B. die benötigte Performance, akzeptabler Energieverbrauch, Reaktionszeiten zur Verarbeitung von Sensor und Benutzereingaben) formal erfasst. Dann werden die betrachteten Komponenten (verschiedene Arten von Prozessoren, Hardwarebeschleuniger, Speicher, Kommunikationsnetzwerke) und deren Eigenschaften ebenfalls auf einer abstrakten Ebene modelliert. Durch computergestützte Methoden kann nun eine Auswahl an Ressourcen getroffen und eine optimale Zuordnung von Anwendungsfunktionen zu Soft- und Hardwareressourcen bestimmt werden. Dieser Prozess wird als Hardware/Software-Parti- tionierung bezeichnet. Im Allgemeinen resultiert dieser Prozess nicht in einer einzigen, optimalen Lösung, sondern in einer Vielzahl von Implementierungsvarianten. Abbildung 3 illustriert die Ursache eines derartigen Konflikts. Bei der Abbildung von Funktionen auf Rechenressourcen existieren verschiedene Varianten. Eine Variante ist es, die Funktion in Software auf einem programmierbaren General-Purpose-Prozessor auszuführen. Diese Lösung ist sehr flexibel, da grundsätzlich jede Funktion ausgeführt und auch leicht geändert werden kann. Der Allzweckcharakter des Prozessors bedingt allerdings auch Ineffizienzen, welche sich in suboptimaler Performance niederschlagen. Durch die Verwendung eines Prozessors, der für eine spezifische Klasse von Funktionen oder gar für die Anwendung selbst optimiert ist, lässt sich eine bessere Performance erzielen. Diese Lösungen sind allerdings weniger flexibel, da die Umsetzung auf die spezialisierten Rechenressourcen komplizierter ist und sich die Spezialisierung für andere Funktionen negativ auswirken kann. Die optimale Lösung in Bezug auf die Performance ist eine Ausführung in fester, komplett anwen- 6 Vgl. Jürgen Teich/Christian Haubelt, Digitale Hardware/Software-Systeme. Synthese und Optimierung, 2. Aufl., Berlin, Heidelberg, New York, NY, 2007.
MARCO PLATZNER, CHRISTIAN PLESSL 134 dungsspezifischer Hardware. Durch diese Verschiebung von Software zu Hardware entfallen zwar alle Ineffizienzen der Programmierbarkeit, allerdings lässt sich die Funktion im Nachhinein auch nicht mehr anpassen. 3 – Im Hardware/Software-Codesign stehen die verschiedenen Entwurfsziele üblicherweise miteinander in Konflikt. Die Abbildung illustriert einen Trade-Off zwischen den Zielen Flexibilität und Performance. Durch zunehmende Spezialisierung der Rechenressourcen lässt sich eine höhere Performance erzielen, allerdings bewirkt die Spezialisierung eine geringere Flexibilität. Diese Art der Verschiebung von Funktionen an der Hardware/Software-Gren- ze ist im Entwurf heutiger Computersysteme, insbesondere für Embedded Systems, essenziell. Dies trifft besonders auf Systeme zu, welche Daten mit sehr hoher Rate verarbeiten müssen oder batteriebetriebene Geräte, welche mit einem sehr knappen Energiebudget haushalten müssen. Im Laufe der Zeit wurden Komponenten, die sich in vielen Systemen als anwendungsspezifische Beschleuniger-Hardware bewährt haben, in Prozessoren integriert, um das Beste aus beiden Welten zu vereinen. So besitzen heute alle domänen-spezifischen Prozessoren für Mobiltelefone spezielle Hardwarebeschleuniger-Einheiten zum Dekomprimieren von Videodaten, ohne die in einem batteriebetriebenen Gerät ein stundenlanges kontinuierliches Abspielen von Videos undenkbar wäre. Alle in diesem Abschnitt betrachteten Ansätze verschieben Funktionen an der Grenze zwischen Hardware und Software zur Entwurfszeit. Im nächsten Abschnitt betrachten wir neuartige Systeme, welche diese Grenze während der Laufzeit des Computersystems verschieben, um dynamisch auf veränderte Anforderungen zu reagieren.
VERSCHIEBUNGEN AN DER GRENZE ZWISCHEN HARDWARE UND SOFTWARE 135 4. Hardware/Software-Migration In diesem Abschnitt beschreiben wir, wie rekonfigurierbare Hardwaretechnologie verwendet werden kann, um Funktionen während des Betriebs eines Computersystems über die Hardware/Software-Grenze hinweg zu verschieben. Diese Hardware/Software-Migration ermöglicht den Aufbau selbst-adap- tiver Systeme. Wir umreißen zuerst die Entwicklung der zugrundeliegenden Hardwaretechnologie, beschreiben dann deren Einsatz anhand eines Anwendungsbeispiels auf einem hybriden Multicore-System und verweisen abschließend auf ein aktuelles Forschungsprojekt in dem Gebiet. 4.1 Rekonfigurierbare Hardware Die Idee, Hardware flexibel zu halten, geht auf G. Estrin zurück, der 1960 an der UCLA den Vorschlag machte, Computersysteme mit festen und variablen Anteilen zu gestalten.7 Der variable Anteil kann der jeweiligen Anwendung angepasst werden. Bei Estrin waren die variablen Anteile Module für arithmetische Operationen, das Anpassen erfolgte manuell durch Einstecken und Entfernen von Modulen in ein sogenanntes Motherboard. 4 – Aufbau eines Field-Programmable Gate Array (FPGA) Eine Hardwaretechnologie, die Estrins Ansatz automatisierbar machte, wurde erst Mitte der 80er Jahre von der Firma Xilinx mit dem Field Programmable Gate Array (FPGA) eingeführt. Ein FPGA ist ein Hardwarebaustein, der, wie in Abbildung 4 skizziert wird, aus drei Teilen besteht: aus einer Menge von 7 Vgl. Gerald Estrin, „Reconfigurable Computer Origins: The UCLA Fixed-Plus-Variable (F+V) Structure Computer“, in: IEEE Annals of the History of Computing 24, 4 (2002), S. 3-9.
MARCO PLATZNER, CHRISTIAN PLESSL 136 Logikelementen in einer matrixförmigen Anordnung, einem Verbindungsnetzwerk, in das die Logikelemente eingebettet sind, und externen Anschlüssen. Bei einem FPGA sind die Funktionen der Logikelemente und die konkreten Verbindungen zwischen den Logikelementen konfigurierbar. Die Funktion eines Logikelementes kann zum Beispiel eine Addition oder eine logische Verknüpfung der Eingänge sein. Die Konfiguration eines FPGA wird in SRAM-Speicherzellen abgelegt. Durch Schreiben dieser Speicherzellen, was je nach Größe des FPGAs von einigen Millisekunden bis zu wenigen hundert Millisekunden dauern kann, wird dem FPGA erst eine bestimmte Funktion eingeprägt. FPGAs ermöglichen es, die Hardwarefunktion durch Schreiben von Speicherzellen zu verändern. Dies eröffnet die Möglichkeit, durch einen Softwareprozess die Logikebene zu verändern. Im Schichtenmodell eines Computersystems (siehe Abbildung 2) entspricht das einer Verschiebung der Grenze zwischen Hardware und Software von der Ebene des Instruktionssatzes nach unten in die Logikebene. Die tieferen Ebenen bleiben aber unangetastet. Das bedeutet insbesondere, dass auch bei FPGAs die mikroelektronische Schaltung mit ihren Transistoren bei der Fertigung endgültig festgelegt wird. Zu Beginn der 90er Jahre wurde eine Reihe von Forschungsprojekten gestartet, um das Potenzial von FPGAs für den Aufbau von Computersystemen zu untersuchen. Ein prominentes Beispiel ist das DECPerLe-1 System8, das am DEC Paris Research Lab entwickelt wurde. DECPerLe-1 konnte ausgewählte Anwendungen aus der Kryptografie rund drei Größenordnungen mal schneller ausführen als der schnellste Supercomputer zu der Zeit – und das bei einem Bruchteil der Kosten. Allerdings war die Programmierung der DECPerLe-1 sehr hardwarenahe und man benötigte dafür elektrotechnische Fachkenntnisse von Hardwareingenieuren. Ab circa Mitte der 90er Jahre wurde die dynamische Rekonfiguration von FPGAs zum Forschungsthema. Bei der dynamischen Rekonfiguration wird ein FPGA zur Laufzeit neu rekonfiguriert, entweder der komplette Baustein oder auch nur ein Teil davon. Dynamische Rekonfiguration erlaubt es, die Hardwarefunktionen sehr rasch, d. h. im Bereich von Millisekunden, an neue Erfordernisse anzupassen. Ein 1997 im Scientific American erschienener Artikel stellte FPGAs und dynamische Rekonfiguration einer breiteren Leserschaft vor und präsentierte die Erkennung von Objekten in Bildern als Anwendungsbeispiel.9 Durch Anpassung bzw. Spezialisierung der Hardwarefunktionen an die einzelnen zu suchenden Objekte konnte das System seine Verarbeitungsgeschwindigkeit deutlich steigern. Die spezialisierten Hardwarefunktionen 8 Vgl. Patrice Bertin/Didier Roncin/Jean Vuillemin, „Programmable Active Memories: A Performance Assessment“, in: Proceedings of the Conference on Field-Programmable Gate Arrays, ACM, 1992. 9 Vgl. John Villasenor/William H. Mangione-Smith, „Configurable Computing“, in: Scientific American (Juni 1997), S. 66-71.
VERSCHIEBUNGEN AN DER GRENZE ZWISCHEN HARDWARE UND SOFTWARE 143 5. Conclusion Die Grenze zwischen Hardware und Software ist durch neue Hardwaretechnologien im Laufe der Zeit durchlässig geworden. Rekonfigurierbare Hardware erlaubt heute die Konstruktion von selbst-adaptiven Systemen, die sich laufend veränderten Anforderungen anpassen können. Besonders bei komplexen Systemen, die in vielfältiger Weise mit anderen Computersystemen und Benutzern interagieren, lassen sich viele Entscheidungen nicht mehr zur Entwurfszeit vorwegnehmen und damit fest in das System programmieren. Hier ist die Selbst-Adaption ein vielversprechender Ansatz. Die Auflösung von starren Grenzen zwischen Hardware und Software wirft aber auch eine Reihe von neuen Fragestellungen auf. Aus technischer Sicht sind das neben der Programmierbarkeit solcher Systeme vor allem die Modellierung und die Validierung. Bei der Modellierung geht es um die klare konzeptionelle Beschreibung der Komponenten von selbst-adaptiven Systemen und deren Funktionalität. Heute entstammen die meisten Beispiele selbst-adaptiver Hardware/Software- Systeme einem Ad-hoc-Entwurf. Erst eine umfassende, aber nachvollziehbare Modellierung von Selbst-Adaption ermöglicht einen systematischen Entwurfsprozess und den Vergleich mit klassischen Systemen. Ein Teil der Modellierung ist auch die Bereitstellung von geeigneten algorithmischen Methoden für die Entscheidungsfindung und das Lernen. Bei der Validierung von Hardware oder Software möchte man bestimmte Systemeigenschaften zur Entwurfszeit nachweisen. Wie kann man aber zum Beispiel die Sicherheit eines Systems nachweisen, das sich selbständig verändern kann? Neben dem technisch-wis- senschaftlichen Bereich hat die sich auflösende Grenze zwischen Hardware und Software auch Auswirkungen auf die Ausbildung. Die Beschäftigung mit selbst-adaptiven Computersystemen wird vermehrt Experten des Computer- Engineering erfordern, die in Informatik und Elektrotechnik gleichermaßen geschult sind. Literatur Becker, Tobias/Agne, Andreas/Lewis, Peter R. et al., „Engineering Proprioception in Computing Systems“, in: Proceedings of the Conference on Embedded and Ubiquitous Computing (EUC), IEEE, 2012. Bertin, Patrice/Roncin, Didier/Vuillemin, Jean, „Programmable Active memories: A Performance Assessment“, in: Proceedings of the Conference on Field-programmable Gate Arrays, ACM, 1992. Ceruzzi, Paul E., A History of Modern Computing, Cambridge, MA, 2003. Christensen, Clayton M., The Innovator’s Dilemma, Boston, MA, 1997.
MARCO PLATZNER, CHRISTIAN PLESSL 144 EPiCS: ENGINEERING PROPRIOCEPTION IN COMPUTING SYSTEMS, online unter: http://www.epics-project.eu, zuletzt aufgerufen am 24.04.2014. Estrin, Gerald, „Reconfigurable Computer Origins: The UCLA Fixed-Plus-Variable (F+V) Structure Computer“, in: IEEE Annals of the History of Computing 24, 4 (2002), S. 3-9. Happe, Markus/Lübbers, Enno/Platzner, Marco, „A Self-Adaptive Heterogeneous Multi- Core Architecture for Embedded Real-Time Video Object Tracking“, in: International Journal of Real-Time Image Processing. Special Issue, Berlin, Heidelberg, 2011, S. 1- 16. Hennessy, John/Jouppi, Norman/Przybylski, Steven et al. „MIPS: A Microprocessor Architecture“, in: Proceedings of the 15th Workshop on Microprogramming (MICRO), Piscataway, NJ, 1982, S. 17-22. Lübbers, Enno/Platzner, Marco, „ReconOS: Multithreaded Programming for Reconfigurable Computers“, in: ACM Transactions on Embedded Computing Systems 9, 1 (2009), S. 1-33. Neisser, Ulric, „The Roots of Self-Knowledge: Perceiving Self, It, and Thou“, in: Annals of the New York Academy of Sciences 818 (1997), S. 19-33. On-The-Fly Computing, online unter: http://sfb901.uni-paderborn.de, zuletzt aufgerufen am 24.04.2014. Patterson, David A., „Reduced Instruction Set Computers“, in: Communications of the ACM 28, 1 (1985), S. 8-21. Platzner, Marco/Teich, Jürgen/When, Norbert (Hg.), Dynamically Reconfigurable Systems: Architectures, Design Methods and Applications, Berlin, Heidelberg, 2010. Teich, Jürgen/Haubelt, Christian, Digitale Hardware/Software-Systeme. Synthese und Optimierung, 2. Aufl., Berlin, Heidelberg, New York, NY, 2007. Villasenor, John/Mangione-Smith, William H., „Configurable Computing“, in: Scientific American (Juni 1997), S. 66-71.
TORBEN WEIS, CHRISTOPHER BOELMANN AUTOMATISMEN ZUR STRUKTURBILDUNG UND SELBST-ORGANISATION IN VERTEILTEN SYSTEMEN Erhaltung der Konsistenz in einer verteilten virtuellen Welt In der Informatik gibt es gegenwärtig zwei fundamental unterschiedliche Ansätze, um große verteilte Systeme, die aus vielen einzelnen miteinander vernetzten Computern bestehen, zu betreiben: Client-Server-Systeme und Peer- to-Peer-Systeme. Bei Client-Server-Systemen stehen alle Server unter der Kontrolle einer Instanz (etwa einer Firma wie Google, Amazon oder Apple, oder einer staatlichen Instanz). Im Gegensatz zur zentralisierten Verwaltung von Client-Server-Systemen organisieren sich Peer-to-Peer-Systeme (kurz: P2P) selbstständig. Alle Rechner (meist PCs), welche die P2P-Software ausführen, schließen sich zu einem P2P-Netz zusammen. In diesem Netz gibt es allerdings keine zentrale Administration, die den einzelnen Rechnern ihre Aufgaben zuschreibt und deren Funktion überwacht. Vielmehr müssen die Rechner sich automatisch organisieren und die anfallenden Aufgaben untereinander aufteilen. In kleinen Netzen ist dies relativ einfach, da alle Rechner sich miteinander ins Benehmen setzen können. In großen Systemen mit mehreren tausend PCs ist es aber sinnlos zu versuchen, den Überblick über das gesamte Netz zu erlangen. Dies würde Minuten dauern und in dieser Zeit haben schon wieder Rechner das Netz verlassen und andere sind beigetreten. Der Algorithmus, der das Netz organisiert, kann also nicht von globalem Wissen ausgehen. Jeder Rechner verfügt demnach nur über lokales Wissen, aufgrund dessen er seine Entscheidungen treffen muss. Die Summe aller lokalen Entscheidungen soll aber dazu führen, dass das gesamte P2P-Netz global betrachtet die erwartete Struktur bildet. Die Algorithmen, die ein verteiltes System zusammenhalten, machen Annahmen über die Kausalität von Ereignissen und die Konsistenz der Realität, die sich oft nicht mit der alltäglichen Erfahrung der Menschen decken. Das kann zu einem unerwarteten Verhalten aus der Sicht des Nutzers führen. Um dies zu illustrieren, verwenden wir als Anwendungsbeispiel eine virtuelle Welt, wie sie auch Basis der meisten Computerspiele ist. Der Nutzer erwartet beim ersten Betreten der Spielwelt, dass diese virtuelle Welt sich analog zur realen verhält. Wir werden zeigen, dass virtuelle Welten oft anders ticken und dies auch für den Nutzer wahrnehmbar ist. Ein weiteres Problem bei der automatischen Organisation von PCs in einem P2P-Netz ist die Unzuverlässigkeit der einzelnen PCs (Peers). Ein PC kann
TORBEN WEIS, CHRISTOPHER BOELMANN 146 jederzeit ausgeschaltet werden, abstürzen oder vom Netz getrennt werden. Daher ist es zwingend notwendig, dass ein P2P-Netz selbststabilisierend ist. Ein P2P-Netz muss sich nicht nur selbstorganisieren, um eine Struktur auszubilden. Es muss auch jederzeit verkraften können, dass Rechner ausfallen und damit die Struktur beschädigt wird. Daher besprechen wir in diesem Artikel sowohl die Selbststabilisierung und darauf aufbauend die Selbstorganisation. Mit Algorithmen zur Selbstorganisation und Selbststabilisierung können Peers automatisch eine stabile globale Struktur erzeugen, auf deren Basis man dann eine virtuelle Welt betreiben kann. Neben den schon erwähnten Besonderheiten bezüglich Kausalität und Konsistenz (die den verwendeten Algorithmen geschuldet sind), kann es aber auch zu absichtlichen Regelverletzungen kommen, wenn sich betrügerische Spieler hiervon einen Vorteil erhoffen. Daher werden wir im abschließenden Teil unseres Beitrags darauf eingehen, wie sich ein selbstorganisierendes System gegen Betrüger schützen kann und wir werden die Grenzen dieses Schutzes aufzeigen. Selbststabilisierung Beim Programmstart befindet sich ein Programm in einem validen (d. h. korrekten) Zustand. Das bedeutet, dass die aktuell gespeicherten Werte und die erhaltenen Eingaben die für die Ausführung erwarteten Werte haben, und dass das Programm korrekt ausgeführt wird. Durch auftretende Fehler während der Laufzeit (z. B. eine Unterbrechung der Netzwerkverbindung) können bei der Programmausführung allerdings Fehler auftreten, durch die eine korrekte Ausführung nicht immer gewährleistet ist. Der klassische Ansatz für den Umgang mit Fehlern, die zur Programmlaufzeit auftreten, ist, die Fehler abzufangen und im Programmcode explizit eine Fehlerbehandlung festzulegen. Diese Herangehensweise hat den Vorteil, dass das Verhalten des Programms zur Laufzeit zu jedem Zeitpunkt, auch im Fehlerfall, vorhersehbar ist. Allerdings versagt das Konzept der klassischen Fehlerbehandlung im Falle von Fehlerzuständen, die bei der Entwicklung nicht in Betracht gezogen wurden. Hierbei kann zwischen zwei Fehlerzuständen unterschieden werden, die sich aus einem unerwarteten Fehler ergeben können: Zum einen kann beispielsweise eine fehlerhafte Berechnung zu einem fatalen Fehler (z. B. einer Division durch Null) und somit zu einem Programmabbruch führen (siehe Abbildung 1a). Zum anderen kann das System aber auch durch einen Fehler (z. B. fehlerhaft übertragene Werte) in einen Zustand gelangen, in dem das Programm zwar fehlerhafte Werte enthält, aber dennoch weiter ausgeführt wird. In diesem Falle werden die Fehler nicht entdeckt und es wird von einer korrekten Programmausführung ausgegangen, obwohl das Programm durch die fehlerhaften gespeicherten Werte dauerhaft falsche Ausgaben liefert.
AUTOMATISMEN ZUR STRUKTURBILDUNG UND SELBST-ORGANISATION 147 Einen Gegensatz zu fehlertoleranten Systemen stellen selbststabilisierende Systeme dar, deren Konzept auf die Veröffentlichung „Self-Stabilizing Systems in Spite of Distributed Control“1 des niederländischen Informatikers Edsger W. Dijkstra im Jahre 1974 zurückgeht. Ein selbststabilisierendes System konvergiert aus jedem möglichen Zustand in konstanter Zeit k automatisch wieder zu einem validen Zustand (d. h. es stabilisiert sich), solange es sich bei dem Fehler um einen temporären Fehler handelt (z. B. hitzebedingte Fehlberechnungen oder Netzwerkfehler). Sollte es sich nicht um einen temporären Fehler handeln, würde der Zustand des Systems unabhängig von den Selbststabilisierungs-Maßnahmen immer wieder in einen Fehlerzustand übergehen, ohne dass sich das Programm stabilisieren könnte, da die Fehlerquelle bestehen bleibt. Der Vorteil der Selbststabilisierung nach konstanter Zeit wird allerdings auf Kosten der Vorhersehbarkeit des Programmablaufs erkauft. Da auftretende Fehler nicht verhindert (d. h. nicht abgefangen) werden, kann während der Stabilisierungszeit keine Aussage über die Korrektheit der aktuellen Berechnungen und somit auch nicht über die Korrektheit des Programmverhaltens gemacht werden. Die Selbststabilisierungs-Eigenschaft garantiert nur, dass sich das Programm nach konstanter Zeit wieder korrekt verhalten wird, und dass die Einflüsse durch den Fehler wieder behoben werden (d. h., dass wieder ein valider Zustand erreicht wurde; siehe Abbildung 1b). Die Entscheidung, ob ein System selbststabilisierend oder fehlertolerant realisiert werden soll, ist dementsprechend eine Abwägung von Ausfallsicherheit gegen die gesicherte Korrektheit des Programmablaufs zu jedem Zeitpunkt. 1 – Programmzustands-Übergänge im Fehlerfall Selbstorganisation Automatismen zur Selbstorganisation setzen Mechaniken zur Selbststabilisierung ein und sorgen dafür, dass ein System eine Struktur annimmt, die den ge- 1 Edsger W. Dijkstra, „Self-Stabilizing Systems in Spite of Distributed Control“, in: Communications of the ACM 17, 11 (1974), S. 643-644.
TORBEN WEIS, CHRISTOPHER BOELMANN 148 gebenen Regeln entspricht und ohne Einflussnahme von außen eine solche Struktur aufrechterhält. Im Kontext von verteilten Systemen in der Informatik kann solch eine Struktur beispielsweise einen Zusammenschluss von Computern zu einer Ringstruktur bedeuten. Im Falle einer Ringstruktur müsste sich jeder Computer einen Vorgänger und einen Nachfolger aussuchen. Dabei trifft jeder Computer die Entscheidung für einen Vorgänger und einen Nachfolger basierend auf seinem lokalen Wissen. Die Entscheidungen werden periodisch wiederholt, damit die Systemstruktur immer wieder an die aktuellen Gegebenheiten und das aktualisierte lokale Wissen angepasst wird. Auf globaler Ebene konvergiert das System durch die lokalen Entscheidungen zu einem System mit der vorher festgelegten Struktur und durch die periodische Wiederholung werden auch Veränderungen wie hinzukommende und ausfallende Computer in die Struktur einbezogen. Ein Beispiel für die Umsetzung selbstorganisierender Systeme sind strukturierte P2P-Systeme wie z. B. Chord2. In strukturierten P2P-Systemen ist es wichtig, dass eine eindeutige Struktur erreicht wird, um ein effizientes Auffinden von Daten innerhalb des Systems zu ermöglichen. Da allerdings kein einzelner Peer (ein Computer innerhalb des P2P-Systems) globales Wissen besitzt, werden Automatismen zur Selbstorganisation eingesetzt, die dafür sorgen, dass nach einer gewissen Zeit das P2P-System eine gewisse Struktur annimmt. Das Forschungsprojekt Peers@Play3 (P@P) beschäftigt sich mit der Erforschung und Umsetzung eines Massively Multiplayer Online Games (MMOG) ohne zentralen Server. Ein MMOG ist ein Spiel, in dem sehr viele Spieler gemeinsam in einer virtuellen Welt mit den Spielinhalten interagieren können. Das wohl bekannteste Beispiel ist das MMORPG (Massively Multiplayer Online Role-Playing Game) World of Warcraft4, das 2004 vom Spieleentwickler Blizzard Entertainment veröffentlicht wurde und das zeitweise (Oktober 2010) von bis zu 12 Millionen Spielern weltweit gespielt wurde.5 In einem serverbasierten MMOG gibt es eine Menge von Spieleservern, die vom Entwickler betrieben und gewartet werden. Diese Server kennen und verwalten die komplette virtuelle Welt, den Zustand der Objekte innerhalb der Spielwelt und die Spieler-Benutzerkonten. Zum Zustand der Spielwelt gehören u. a. Informationen über die Spieler und Non-Player Characters (NPCs), die sich in der Welt befinden, die Reihenfolge der Aktionen/Ereignisse, die in der Spielwelt stattgefunden haben und die aktuellen Positionen von Objekten. Jeder 2 Ion Stoica/Robert Morris/David Liben-Nowell/David R. Karger/M. Frans Kaashoek/Frank Dabek/Hari Balakrishnan, „Chord: a Acalable Peer-to-Peer Lookup Protocol for Internet Applications“, in: IEEE/ACM Transactions on Networking 11, 1 (2003), S. 17-32. 3 Forschungsprojekt Peers@Play, online unter: http://www.peers-at-play.org/, zuletzt aufgerufen am 29.09.2013. 4 World of Warcraft, online unter: http://eu.battle.net/wow/, zuletzt aufgerufen am 29.09.2013. 5 „World of Warcraft Subscriber Base Reaches 12 Million Worldwide“, in: Blizzard Entertainment, online unter: http://us.blizzard.com/en-us/company/press/pressreleases.html?id=2847881, zuletzt aufgerufen am 29.09.2013.
AUTOMATISMEN ZUR STRUKTURBILDUNG UND SELBST-ORGANISATION 149 Spieler hat eine Verbindung zum Server, die während des Spielens nicht unterbrochen werden darf und tauscht mit dem Server Informationen aus (siehe Abbildung 2a). Über diese bestehende Verbindung sendet jeder Spieler seine Aktionen (z. B. seine Bewegungen, Angriffe oder Interaktionen) an den Server. Der Server wertet die empfangenen Aktionen aus und überprüft, ob die Aktionen den Regeln entsprechen, wie sich die Position des Spielers durch seine Bewegung verändert hat und ob die Angriffe oder Interaktionen andere Spieler beeinflussen. Solch eine Beeinflussung könnte beispielsweise sein, dass ein Spieler einem anderen Spieler Schaden zufügt oder dass ein Spieler versucht mit einem anderen Spieler zu handeln. Bei gleichzeitigen Aktionen hat der Server des Weiteren die Möglichkeit, die Aktionen in eine feste Reihenfolge zu bringen. Nach der Verarbeitung der Aktionen durch den Server sendet dieser die Ereignisse zurück an alle Spieler, die von den Aktionen betroffen sind. Bei den Spielern wird anschließend die Anzeige der Spielwelt anhand der empfangenen Ereignisse aktualisiert. Diese Ereignisse können u. a. Veränderungen im Zustand der Spielwelt sein oder aber auch die veränderten Positionen der eigenen Spielfigur und anderer Charaktere in der Spielwelt. Dadurch, dass der Server globales Wissen hat und den gesamten Zustand der Spielwelt und der Spieler kennt, kann gewährleistet werden, dass es immer eine eindeutige Reihenfolge für alle Ereignisse in der Spielwelt gibt. Somit wird sichergestellt, dass alle Spieler die gleiche konsistente Welt sehen und dass sich alle Spieler an die Regeln der Spielwelt halten. Peers@Play Im Rahmen des Peers@Play-Projektes wird untersucht, wie ein MMOG ohne einen zentralen Server funktionieren kann. Die Motivation des Projektes sind u. a. die hohen Kosten für die Serverbetreiber, die es nicht ermöglichen, auch kleinere innovative MMOGs rentabel zu betreiben. Um auf einen zentralen Server verzichten zu können, nutzt der Peers@Play-Prototyp ein P2P-System zum Austausch von Nachrichten zwischen den einzelnen Spielern und zur Speicherung des Zustands der Spielwelt. Dadurch trägt jeder Spieler automatisch dazu bei, die Infrastruktur des Spiels (die bisher von den Servern geleistet wurde) zu verstärken, indem er die Ressourcen seines Computers (unter anderem CPU-Rechenzeit und Speicherplatz) mit in das Netzwerk einbringt. Je mehr Spieler spielen, desto leistungsstärker wird die P2P-Infrastruktur, d. h. das System skaliert automatisch mit der Anzahl der Spieler. In einem P2P- System sind alle Teilnehmer (Peers) gleichberechtigt und bauen untereinander Verbindungen auf. Abbildung 2b stellt zur Veranschaulichung ein vollvermaschtes P2P-System dar. In der Realität baut jeder einzelne Peer allerdings nur Verbindungen zu wenigen anderen Peers auf. Die Kommunikation mit den restlichen Peers des P2P-Netzes wird dabei über die verbundenen Peers weitergeleitet. Da es keinen zentralen Server gibt, der globales Wissen hat, müs-
TORBEN WEIS, CHRISTOPHER BOELMANN 150 sen die Aufgaben des MMOG-Spiele-Servers von den einzelnen Peers im Netzwerk übernommen werden. 2 – Netzwerk-Topologien Vergleich Wie bereits beschrieben, nutzen P2P-Systeme Automatismen, um die Struktur des Netzwerkes ohne Eingriffe von außen zu erhalten. Der Verzicht auf einen zentralen Server bringt verschiedene Probleme für das MMOG mit sich, auf die im Folgenden weiter eingegangen wird: 1. Es gibt ohne einen Server keinen zentralen Punkt im System, an dem der Zustand der Spielwelt sowie der in der Spielwelt befindlichen Objekte gespeichert werden kann. 2. Es fehlt eine zentrale Instanz, die über die Reihenfolge von Ereignissen in der Spielwelt entscheidet. 3. Ohne einen zentralen Punkt, an dem alle Ereignisse der Spielwelt und Interaktionen der Spieler verarbeitet und auf die Spielwelt angewendet werden, kann es passieren, dass sich die lokalen Zustände der Spielwelt bei den Spielern voneinander unterscheiden. 4. Ohne eine zentrale Instanz, die die Korrektheit und Regelkonformität von Spielerinteraktionen überprüft, ist eine Durchsetzung von Regeln nicht leicht zu realisieren. Innerhalb eines P2P-Systems ist jeder Peer für einen Teil der gespeicherten Daten zuständig. Die Zuständigkeiten für die einzelnen Teile der Spielwelt müssen so unter den vorhandenen Spielern aufgeteilt werden, dass zum einen die Last der Spielberechnungen fair auf die Spieler verteilt wird und dass die im P2P-System gespeicherten Informationen anschließend auch von anderen Spielern aufgefunden werden können. Das bedeutet auf der einen Seite, dass die Orte, an denen Daten zu finden sind, durch ein festes Schema errechenbar sein müssen. Auf der anderen Seite muss verhindert werden, dass ein böser Spieler, also ein Spieler, der beabsichtigt gegen die Regeln zu verstoßen oder das Spiel negativ zu beeinflussen, sich frei auswählen kann, für welche Daten er zuständig ist. Ansonsten hätte er beispielsweise die Möglichkeit, sich so
AUTOMATISMEN ZUR STRUKTURBILDUNG UND SELBST-ORGANISATION 151 innerhalb des P2P-Systems zu positionieren, dass er verantwortlich für den Zustand seines eigenen Inventars ist. In diesem Falle könnte er die Daten, die sein Inventar beschreiben, verändern und z. B. neue Gegenstände hinzufügen. In P@P werden die Daten der Spielwelt auf einen zweidimensionalen Zustandsraum abgebildet. Haben Daten Ortsbezug, so ergibt sich ihre Position im Zustandsraum trivial. Die Position von ortsunabhängigen Daten lässt sich dadurch ermitteln, dass man den Namen des gesuchten Datums in eine Einwegfunktion (eine Hash-Funktion) gibt, die als Ausgabe einen Zahlenwert hat, der als Position im Zustandsraum interpretiert wird. Auch die einzelnen Peers werden auf eine Position im Zustandsraum abgebildet. Jeder Peer ist im Zustandsraum verantwortlich für die Daten, die ihm gemäß einer euklidischen Distanz am nächsten liegen. Durch diese Annahme und die zufällige Verteilung der Peers im Zustandsraum ergibt sich eine Voronoi-Zerlegung des Zustandsraumes in unterschiedlich große Zellen6, die in Abbildung 3a beispielhaft dargestellt ist. 3 – Zerlegung des Zustandsraums in Voronoi-Zellen Algorithmen zur Selbstorganisation sorgen dafür, dass die Struktur des Systems (d. h. die korrekte Zerlegung des Zustandsraumes in Voronoi-Zellen und die gerechte Verteilung der Zuständigkeiten für Teile der Spielwelt auf die einzelnen Spieler) auch in Anbetracht von neu hinzukommenden und von ausfallenden Peers erhalten bleibt. Dazu tauschen die Peers mit ihren direkten Zellennachbarn Statusinformationen aus. Anhand dieser Informationen treffen die Peers lokale Entscheidungen darüber, für welche Positionen sie selbst zuständig sind und für welche Positionen ihre direkten Nachbarn zuständig sind. Sobald ein neuer Peer A in das System eintritt, bestimmt er seine Position und sucht den Peer B, der für diese Position zuständig ist. Peer B benachrichtigt seine Nachbarn über die Position des neuen Peers A und alle betroffenen Peers berechnen ihre Zuständigkeitsbereiche neu. Falls ein Peer ausfällt, wird dies von seinen Nachbarn bemerkt, die periodisch versuchen Informationen auszutauschen. Wird ein Ausfall entdeckt, werden die Nachbarn des ausgefallenen Peers über den Ausfall informiert und alle betroffenen Peers errechnen ihre 6 Vgl. Franz Aurenhammer, „Diagrams – a Survey of a Fundamental Geometric Data Structure“, in: ACM Computing Surveys 23, 3 (1991), S. 345-405.
TORBEN WEIS, CHRISTOPHER BOELMANN 152 Zuständigkeit neu. So wird erreicht, dass sich das System automatisch und ohne explizite Einwirkung von außen an Veränderungen anpasst, d. h. die Struktur wahrt und repariert. Wenn jedes im Zustandsraum gespeicherte Datum nur von genau einem Peer verwaltet würde, gingen die gespeicherten Informationen bei einem Ausfall des Peers verloren. Für die Persistenz der Spielwelt hätte das fatale Folgen. Aus diesem Grund wird dafür gesorgt, dass Daten repliziert und von unterschiedlichen Peers verwaltet werden. Eine Möglichkeit zur Umsetzung der Replikation ist es, den Zustandsraum aufzuteilen und jedem Datum statt einer einzelnen Position mehrere Positionen zuzuweisen. Abbildung 3b zeigt die Aufteilung des Zustandsraumes in vier Teile. Dies bedeutet, dass ein Datum, das nur zu einer Position in der virtuellen Welt gehört, an mehreren (hier: vier) Positionen innerhalb des Zustandsraumes gespeichert wird und dort von anderen Peers abrufbar ist. Wenn ein Peer ausfällt, kann sich der Peer, der die Zuständigkeiten übernimmt, die Replikate der verlorenen Daten zusammensuchen. Damit Peers die Daten, die innerhalb des Peer-to-Peer-Systems gespeichert wurden, schnell auffinden können, werden Wegfindungs-Algorithmen (Routing Algorithms) genutzt. Um eine Zielposition im Zustandsraum zu erreichen, kann eine Nachricht (z. B. eine Anfrage für bestimmte Informationen) immer zu einem direkten Nachbarn weitergeleitet werden, der näher an der Zielposition ist. Sollte der entsprechende Nachbar nicht selbst für die Position verantwortlich sein, so wiederholt er die Weiterleitung der Nachricht. Im beschriebenen Zustandsraum mit einer Voronoi-Zerlegung würde man allerdings im Durchschnitt 0(√n) Schritte benötigen, um eine Position zu erreichen (wobei n die Anzahl der Peers im System ist). Dies würde für 40.000 Peers, die sich im Spiel befinden, bereits eine durchschnittliche Strecke von 100 Schritten bedeuten. Um die Anzahl benötigter Schritte zu reduzieren, nutzen Routingalgorithmen Abkürzungen. Jeder Peer führt eine Sprungtabelle mit bekannten Peers an bestimmten Punkten im System. Diese Punkte sind so verteilt, dass mit jedem Routingschritt der Abstand zum Ziel mindestens halbiert werden kann. Somit ergibt sich eine Routingkomplexität von durchschnittlich 0(log(n)) Schritten zum Ziel.7 Für 40.000 Peers ergibt sich somit beispielsweise eine erwartete Anzahl von 15 Schritten. 7 Vgl. Sebastian Holzapfel/Sebastian Schuster/TorbenWeis, „VoroStore – a Secure and Reliable Data Storage for Peer-to-Peer-Based MMVEs“, in: International Conference on Computer and Information Technology, 2011, S. 35-40.
DER KÜNSTLER ALS ‚APPARAT’ UND ‚MASCHINE‘ 255 Ein scharfer Sinn für Nuancen arbeitet in mir. Ich fühle mich farbig von all diesen Abtönungen des Unendlichen. In diesem Augenblick bin ich vollkommen eins mit meinem Bilde. Wir sind ein schillerndes Chaos. Ich komme vor mein Motiv und verliere mich darin. Ich denke nach, ich schweife umher. Die Sonne durchdringt mich dumpf, wie ein entfernter Freund, der meine Faulheit wärmt und wieder fruchtbar macht. Wir keimen. [S. 13] Ich beginne mich von der Landschaft zu trennen, sie zu sehen. Ich löse mich von ihr durch diese Skizze, diese geologischen Linien. Die Geometrie, das Maß der Erde. Eine zärtliche Erregung ergreift mich. Aus der Wurzel der Erregung steigt der Saft der Farbe. Eine Art Befreiung. Das Ausstrahlen der Seele, der Blick, das nach außen gekehrte Geheimnis, die Wechselwirkung zwischen Erde und Sonne, das Ideal und die Wirklichkeit der Farben. Eine luftige farbige Logik tritt plötzlich an die Stelle der düsteren, hartnäckigen Geometrie. Alles ordnet sich, die Bäume, die Felder, die Häuser. Ich sehe. In Flecken. [S. 13]3 Diese Zitate machen bereits deutlich, dass mit dem Gebrauch der Metaphern der ‚lichtempfindlichen Platte‘ und des ‚Registrierapparats‘ keine vordergründige Analogie des Auges des Künstlers mit der Fotokamera gemeint sein kann. Die Metapher, die auf die Möglichkeit einer automatischen Operationsweise schließen lässt, scheint sich zwar auf das menschliche Auge als das privilegierte, aber nicht einzige Organ menschlicher Wahrnehmung zu beziehen; sie meint aber auch und insbesondere den Geist, der unmittelbar mit diesem verbunden ist, in einer Einheit, die Cézanne auch als das ‚Sein‘ des Künstlers bezeichnet hat.4 Das Schweigen und die Stille, das Verstummen des subjektiven Ausdrucks, des Wollens und Wissens des Künstlers, ist die Voraussetzung für eine gesteigerte Responsivität, ‚ein vollkommenes Echo zu sein‘, damit eine unbewusste Übertragung, eine ‚Realisierung‘ sich ereignet. Eine gesteigerte Wahrnehmung und Sensibilität, die gleichermaßen auf die ‚gesehene Natur‘ und die ‚empfundene Natur‘, das Leben der sichtbaren Natur und der Dinge und die Natur des wahrnehmenden Subjekts gerichtet ist. Das empfindende Subjekt, das ‚Sein‘ des Künstlers, sein mit dem Geist vermittelter Blick und sein tempérament, ist die Matrix, der Filter, durch den Natur und Kunst vermittelt sind. Das tempérament ist dabei als die Summe des menschlichen Empfindungsvermögens und der Erfahrung zu sehen, die der Künstler im Laufe seines Lebens durch ‚Arbeit, Meditation, Studium, Leiden und Freuden‘ erworben hat. Die Natur schreibt sich also nicht unmittelbar auf der ‚lichtempfindlichen Platte‘ des Künstlers und in seinem Werk ein. Dies gilt, um die oben benannte Analogie wieder aufzugreifen, hingegen insbesondere für die Daguerreotypie und auch für die Fotografie als mechanisch-chemisch (re-)produzierendes Medium, als ein Bild zwischen Naturprodukt und Artefakt, das ohne Referenz auf die Natur nicht entstehen kann. Daguerre hat die Daguerreotypie als eine 3 Alle Zitate entnommen aus ebd. [Herv. I. L.]. 4 Vgl. Jonathan Crary, Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und moderne Kultur, Frankfurt/M., 2002, S. 270.
INGA LEMKE 256 „Lichtzeichnung“ bezeichnet, die „die Natur und der Gegenstand selbst“ sei, „soweit es im Bilde möglich ist“.5 Und im gleichen Jahr, 1839, in dem auch Henri Fox Talbot Pencil of Nature6 als wissenschaftliche Begründung einer ‚neuen Kunst‘ veröffentlichte, ging Jules Janin sogar so weit, das Licht, ja, „die Sonne selbst, als allmächtiges Werkzeug einer neuen Kunst“7 zu bezeichnen. In der Theorie der Fotografie des 19. Jahrhunderts gibt es auch zahlreiche Ansätze, die, wie Wolfgang Kemp in seiner Erörterung der historischen Texte herausgestellt hat, „das Medium in einem Blick als Sprache der Natur und Dienst an der Natur“ verstehen.8 So habe Henry David Thoreau (1841) die Daguerreotypie als „Wiederholung der Natur, nicht im Sinne eines bloßen Spiegelbildes, sondern wie eine organische Fortpflanzung, wie ein Ebenbild des Urbildes“ gesehen, die ebenso „Tiefe und Vielfalt“ habe, „wie das Original“9. Die Entdeckung der „Unerschöpflichkeit der Detailaufzeichnung“ durch den fotografischen Apparat, die Faszination der neuen Seherfahrung und die durch den Detailreichtum angeregte Vorstellungskraft, wie sie beispielsweise Oliver Wendel Holmes (1859) angesichts seiner stereoskopischen Betrachtung von Fotografien beschrieb, war Grundlage für das ‚Indizienparadigma‘ des 19. Jahrhunderts, aber auch für dessen spezifische Wendung im amerikanischen Transzendentalismus, der, so Kemp, die „Kommunikation mit der Natur durch die Maschine Fotokamera gewährleistet“ sah.10 Sie war zugleich Ausgangspunkt für zwei grundlegend verschiedene „Modi der Apperzeption, die dem Denken des 19. Jahrhunderts in hohem Maße entsprochen haben“: für die „Lektüre von Spuren“, die einem Empirismus der Indizien entsprach, und für die „Erfahrung der Komplexität und Unendlichkeit der Natur durch den stillgelegten, detailreichen Ausschnitt“ des fotografischen Bildes, welche im amerikanischen Transzendentalismus ins Transitorische gewendet wurde.11 Paul Cézannes Verwendung der Metaphern der ‚lichtempfindlichen Platte‘ und eines ‚Registrierapparats‘ weist an einigen Stellen eine erstaunliche Nähe zu diesen fotografietheoretischen Positionen auf. Bezüge lassen sich beispielsweise in der Beschreibung der Schärfung seines Sinns für Nuancen feststellen, in der Betonung der wirkenden Kräfte der Sonne und des Lichts und den zahlreichen Anspielungen auf den Pater Omnipotentes. Dabei bleibt offen, ob er im Sinne eines „poetisch-pantheistischen Naturbegriffs“12 eine Transzendie- 5 Bernd Stiegler, Theoriegeschichte der Photographie, München, 2006, S. 36. 6 William Henry Fox Talbot, The Pencil of Nature, München, 2011 [Reprint der Originalausgabe, London, 1844]. 7 Jules Janin, „Der Daguerrotyp (1839)“, in: Wolfgang Kemp (Hg.), Theorie der Fotografie, Bd. I, 1839-1912, München, 1999, S. 46-51: 47. 8 Wolfgang Kemp, „Theorie der Fotografie 1839-1912“, in: ders. (Hg.), Theorie der Fotografie, Bd. I, 1839-1912, München, 1999, S.13-35: 32. 9 Ebd., Kemp bezieht sich auf die Tagebuchaufzeichnungen Thoreaus in Henry D. Thoreau, Writings. Journal, hg. v. Bradford Torrey, Boston, MA, 1906. 10 Ebd., S. 32 f. 11 Ebd., S. 33 f.; vgl. den Text von Janin (1999), Der Daguerrotyp (1839). 12 Hajo Düchting, Paul Cézanne. Bilder eines Berges, München, 1990.
DER KÜNSTLER ALS ‚APPARAT’ UND ‚MASCHINE‘ 257 rung seines Werkes ins Absolute erreichen wollte, oder nicht vielmehr seine Ehrfurcht vor dem Werk der Schöpfung der Natur zum Ausdruck brachte, deren ‚Sprache‘ er im Sinne eines ‚Dienstes an der Natur‘ auf seine Leinwand bannen wollte. Die Unmittelbarkeit der Fotografie bleibt dem wahrnehmenden und empfindenden künstlerischen Subjekt verwehrt. Dennoch will Cézanne „Einfachheit. Das Unmittelbare“13 erreichen. „Das Unmittelbare ist – wie Hegel sagt – ein ‚Köhlerglaube‘, ein Glaube, der“, wie bereits Conrad Fiedler bemerkte und Günter Wohlfart in seinen Überlegungen zum Beitrag einer philosophischen Ästhetik zur aktuelleren Neubestimmung des Bildes aufgreift, „freilich auch unter Künstlern und Kunstfreunden so weit verbreitet ist, daß man in Abwandlung von Hegels Wort sagen möchte: Das Unmittelbare ist ein Künstlerglaube.“14 Einfachheit, Unmittelbarkeit erreichen zu wollen ist bei Cézanne mit der einfach anmutenden Bestrebung verbunden, zu malen, was man sieht.15 In einem Brief an Paul Bernard schreibt Cézanne noch im Oktober 1905 von der Hartnäckigkeit, mit der er „die Realisierung jenes Teils der Natur“ verfolge, „der vor unseren Augen liegend das Bild ergibt“ und von der „zu lösende[n] Aufgabe – welches auch immer unser Temperament oder unsere Kraft angesichts der Natur sei – das Abbild dessen zu geben, was wir sehen, und dabei alles zu vergessen, was vor uns dagewesen ist.“16 „Niemand sieht unmittelbar“, so könnte man mit Wohlfart einwenden, „denn nicht das Auge sieht, sondern wir sehen. Sehen ist nicht etwas Rezeptives, sondern zugleich etwas Spontanes.“17 Das Sehen ist ein aktiver Vorgang. Und das Unmittelbare der Anschauung ist im Prozess der Rezeption von Sinnesdaten bereits Konzeption und darüber, zumindest im Ansatz, mit dem Begriff vermittelt.18 Cézanne war sich dieser Tatsache offenbar sehr wohl bewusst, stellte er doch immer wieder das témperament des Künstlers, das Gottfried Boehm als den „Inbegriff[] emotionaler, imaginativer und kognitiver Fähigkeiten“19 bezeichnet und den durch den Geist vermittelten Blick als wesentliche Faktoren künstlerischen Handelns heraus. Dieses Bewusstsein des ‚Seins‘ der wahrnehmenden Subjektivität des Künstlers war – verbunden mit der selbst auferlegten Sachlichkeit und Beschränkung – wesentliche Voraussetzung für seinen Versuch, sich selbst zu einem „reaktiv-produktiven Organ neuer Art“20 zu machen, 13 Paul Cézanne/Joachim Gasquet, „CÉZANNES GESPRÄCHE MIT GASQUET“, in: PAUL CÉZANNE. Über die Kunst. Gespräche mit Gasquet. Briefe, hg. v. Walter Hess, Hamburg, 1957, S. 7-70: 17. 14 Günter Wohlfart, „Das Schweigen des Bildes“, in: Gottfried Boehm (Hg.), Was ist ein Bild?, München, 1994, S. 163-183: 166. 15 Vgl. Gottfried Boehm, Montagne Sainte-Victoire, Frankfurt/M., 1988, S. 24 ff. 16 Paul Cézanne, „Brief an Emile Bernard, 23.10.1905“, in: ders., Briefe, hg. v. John Rewald, Zürich, 1979, S. 295-296: 295. 17 Wohlfart (1994), Das Schweigen des Bildes, S. 166 f. 18 Vgl. ebd. 19 Boehm (1988), Montagne Sainte-Victoire, S. 117. 20 Crary (2002), Aufmerksamkeit, S. 280.
INGA LEMKE 258 wofür die Metaphern des Künstlers als ‚lichtempfindliche Platte‘ und ‚Registrierapparat‘ stehen. Wäre Hegels Beschreibung der „sinnlichen Gewißheit“, die sich allein auf die Erfahrung des Da-Seins der Dinge bezieht, ein möglicher Ansatzpunkt, Cézannes Bestreben nach Einfachheit und Unmittelbarkeit zu verstehen? Die „sinnliche Gewißheit“ bei Hegel ist auf das „Auffassen“ – jenseits des Begreifens – bezogen und somit als ein „unmittelbares Wissen“, ein „Wissen des Unmittelbaren oder Seienden“ zu verstehen.21 Dieses Wissen des „reine[n] Sein[s]“ eines Objekts oder Gegenstandes und des „reine[n] Ich[s]“, des reinen Seins des Subjekts ist jedoch, in dem Moment, in dem der Gegenstand von dem Bewusstsein eines Ichs, einem Subjekt der Wahrnehmung, ergriffen wird, bereits vermittelt und somit nur vermittelt kommunizierbar.22 Das Ich kann an dem „reinen Anschauen“ und somit „an einer unmittelbaren Beziehung“ festhalten, jedoch „die Wahrheit dieser unmittelbaren Beziehung ist die Wahrheit dieses Ich, der sich auf ein Jetzt und Hier einschränkt.“23 Eine solche, durch die Wahrnehmung des Subjekts vermittelte Wahrheit des Gegenstandes im Hier und Jetzt insistierend zu erfahren, ja diese im Sinne einer Reflexion dieser unmittelbaren Beziehung zu begreifen und malerisch umzusetzen (malerisch zu sehen und zu denken) wäre kein einfacher Vorgang, sondern ein Vorgang höchster Abstraktion. Maurice Merleau-Ponty hat darauf hingewiesen, dass Cézanne sich geläufigen Antinomien „des sehenden und des denkenden Malers“ entzog. Er sprach von seiner Kunst als einer „persönlichen Wahrnehmung“, deren Gestaltung mit dem Verstand vermittelt sei und von der Notwendigkeit „eine Optik [zu] schaffen“, die sich im Sinne eines „logische[n] Sehen[s]“ versteht.24 Es ist nicht der empirische Blick der Wissenschaften und auch nicht der apparative Blick der Kamera, mit dem Cézanne auf die Natur blickt, sondern eine zutiefst menschliche Optik, die Cézanne mit der Metapher des Künstlers als ‚Apparat‘ entwirft: „Auf sich selbst zurück geworfen, konnte er die Natur so betrachten, wie es nur einem Menschen möglich ist.“25 Cézanne wandte sich gegen die geistlose, empirische Natur des naturwissenschaftlichen Positivismus und die von ihm geprägte Zivilisation, die die Wirklichkeit zum ‚bloßen Rohstoff‘ und zur ‚Funktion des Wissens und der wissenschaftlichen Beherrschung‘ reduziert26, aber auch gegen den reinen Geist einer idealistischen Ästhetik, deren Kritik an der ecole des faits des Rea- 21 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, „Phänomenologie des Geistes“, in: ders., Werke, Bd. 3, Frankfurt/M., 1970, 16. bis 19. Tausend: 1974, S. 82; Hegel bezieht sich in seinem Text auf ein männliches Subjekt, heute müsste die Formulierung selbstverständlich neutraler „[…] dieses Ich, das sich […]“ lauten. 22 Ebd., S. 83. 23 Ebd., S. 88 f. 24 Maurice Merleau-Ponty, „Der Zweifel Cézannes“, in: Gottfried Boehm (Hg.), Was ist ein Bild?, München, 1994, S. 39-59: 44. 25 Ebd., S. 41. 26 Boehm (1988), Montagne Sainte-Victoire, S. 56.
DER KÜNSTLER ALS ‚APPARAT’ UND ‚MASCHINE‘ 259 lismus und der Fotografie sich in den kunsttheoretischen Debatten in der Mitte des 19. Jahrhunderts niederschlug. Reine Empirie und Idealismus waren ihm keine Alternative in einer Zeit, in der die Wahrnehmung der Natur und der Dinge dem Subjekt der Moderne zunehmend entfremdet, verstellt erschien, und deren Einheit nicht mehr selbstverständlich gegeben war. Die Wirklichkeit war für ihn „nicht kopierbar“; da es „kein bildhaftes Double für sie gab, musste sie aus den Möglichkeiten der Malerei neu erzeugt werden.“27 Wesentliches Ziel der Kunst Cézannes war es, die Natur zu ‚realisieren‘, eine Natur, „die sich nicht von selbst zeigt und die erst die Kunst sichtbar macht.“28 Die Realisierung der Natur wäre in diesem Sinne die in der gemalten Natur Gestalt gewinnende „Offenbarung eines Verborgenen.“29 In dem vorangestellten Zitatauszug aus den Gesprächen Cézannes mit Gasquet finden wir die Metapher von dem ‚zu entziffernden Text‘, die an die Tradition vom ‚Buche der Natur‘ erinnert oder an eine phänomenologisch fundierte Auffassung von der „Lesbarkeit der Welt“30, wie sie bei Hans Blumenberg entworfen wird. „Die Natur lesen können“, so Gottfried Boehm, „ist Absicht des Realisierens.“31 Dieses Realisieren ist als ein den Vorgängen in der Natur analoger Prozess des Werdens zu verstehen, in dem Wahrnehmung und Bildgestaltung miteinander verwoben sind. Max Raphael hat bereits Ende der 1940er Jahre in seinem (im amerikanischen Exil nach dem Besuch der Elkins Collection in Philadelphia und der Cézanne-Retrospektive in New York verfassten) Text zum Mont Sainte-Victoire auf die bildschöpfende Funktion des Sehens in Cézannes künstlerischem Verfahren hingewiesen. Einem Verfahren, in dem „Sehen, Konzipieren, und Komponieren keine zeitliche Folge bilden, sondern sich in wechselseitiger Abhängigkeit voneinander vollziehen.“32 Realisierung bedeutet nicht nur, das Motiv als Idee am Motiv oder den Begriff des Sujets am Sujet zu studieren, das Ideal der Farbe an der Wirklichkeit der Farbe, sondern Gestalt und Konzeption von Bild und Natur in einem produktiv-rezeptiv verschränkten, prozessualen Vorgang allererst hervorzubringen.33 Max Raphael hat Cézannes künstlerisches Verfahren als eine Methode bezeichnet, die eine „empirisch-experimentelle“ und eine „theoretisch-ideelle Komponente“ ent- 27 Ebd., S. 118. 28 Ebd., S. 9 und S. 11. 29 Max Raphael, „Kunstwerk und Naturvorlage. Cézanne: Mont Sainte-Victoire“, in: ders., Wie will ein Kunstwerk gesehen werden? The Demands of Art, hg. v. Klaus Binder, Frankfurt/M., 1989, S. 11-73: 47. 30 Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt/M., 1981. 31 Boehm (1988), Montagne Sainte-Victoire, S. 60. 32 Raphael (1989), Kunstwerk und Naturvorlage, S. 45. 33 Vgl. Bernd Growe, „Anschauung und Schaffensprozess. Kunstgeschichtliche Bemerkungen zu Max Raphaels Bildstudien“, in: Max Raphael, Wie will ein Kunstwerk gesehen werden? The Demands of Art, hg. v. Klaus Binder, Frankfurt/M., 1989, S. 369-395: 374.
INGA LEMKE 260 hält und somit weder als reine Induktion noch als reine Deduktion zu beschreiben ist.34 Der Künstler schaue, in sich selbst und in der Natur ungesagte Dinge, welche außerhalb der Grenzen geltender Kulturkonvention liegen […] dorthin wo diese im Werden und Entwickeln begriffen sind […]. Im Gefühl des Künstlers lebt das Ganze des Menschen und der Welt umfassender, und es tritt so in den konkreten Einzelfall ein, daß dieser zum Gefäß oder zum Symbol für die subjektive und objektive Totalität wird. […] Der Künstler vermag dieses neue und zur Totalität strebende Gefühl festzuhalten, ohne es gerinnen oder einfrieren zu lassen, bis es eine zugleich innere und äußere Gestalt gefunden hat.35 Nur in der Natur und in den von ihr ausgelösten Gefühlen und Situationen kann der Künstler seine Methode entdecken und entfalten.36 Mit der Realisierung das Wesen der Natur in seiner Malerei selbst zur Sprache zu bringen war das erklärte Ziel Cézannes, das er, vielleicht etwas missverständlich, als ‚Seelengeschichte‘, als ‚Psychologie der Erde‘ bezeichnet hat. Um sein Ziel der Realisierung der Natur zu erreichen, muss der Künstler sich von allen Konventionen und Klischees der Wahrnehmung und vom Literarischen, Allegorischen und Symbolischen in der Kunst befreien. Dieser bewusste „Akt des Vergessens“37, wie es Gottfried Boehm genannt hat, erfordert die Entwicklung einer neuen, eigenen Methode, die Suche nach einer adäquaten Wahrnehmung, künstlerischen Sprache und Bildkonzeption, die Cézanne bis zu seinem Lebensende verfolgte. Dabei löste er sich sukzessive vom Stil, von den Gesetzen der wissenschaftlichen Perspektive, von Abbildrealismus und Illusion wie von dem klassischen Camera-Obscura-Modell des Sehens und unterwarf die Gestaltungsregeln der Farbe, der Zeichnung, der plastischen Gestaltung, der Kontur, des Hell-Dunkels usw. einer kritischen Revision. Cézanne bezeichnete die Kunst als eine ‚Harmonie parallel zur Natur‘.38 Das Kunstwerk tritt damit als Organismus eigenen Rechts neben das Werk der Natur, auf welches es zugleich, auch mit zunehmendem Autonomwerden der 34 Raphael (1989), Kunstwerk und Naturvorlage, S. 68. Die Erfahrung der Natur ist bei Raphael immer an spezifisch menschliche Weisen der Weltwahrnehmung gebunden, die in der künstlerischen Darstellung zugleich eine Überschreitung erfährt. Gottfried Boehm hat anknüpfend an Raphael und Imdahl auf die „prozeßhafte Existenz“ und das „Schauspiel der werdenden Natur“ in Cézannes Bildwerken hingewiesen. Damit verbunden ist ein Naturbegriff, der die Natur als „Schöpfung“ im Sinne einer „gewordenen Natur (natura naturata)“ und einer „werdenden Natur (natura naturans)“ begreift, deren Synthese Cézanne in seinen Bildwerken anstrebt. Vgl. Boehm (1988), Montagne Sainte-Victoire, S. 102 ff. 35 Ebd., S. 46. 36 „Alles ist, besonders in der Kunst, im Kontakt mit der Natur angewandte und entwickelte Theorie.“ Paul Cézanne, „Brief an Charles Camoin, 22. Februar 1903“, in: Paul Cézanne, Briefe, hg. v. John Rewald, Zürich, 1979, S. 274-275: 275. 37 Boehm (1988), Montagne Sainte-Victoire, S. 55. 38 Vgl. Paul Cézanne, „Brief an Joachim Gasquet, 26. September 1897“, in: Paul Cézanne, Briefe, hg. v. John Rewald, Zürich, 1979, S. 243.
DER KÜNSTLER ALS ‚APPARAT’ UND ‚MASCHINE‘ 261 Bildkonstruktion, immer bezogen bleibt.39 Der künstlerische Prozess ist in diesem Sinne zu verstehen als ein Akt der Übersetzung, des Findens einer angemessenen Formulierung, eines gestalterischen Äquivalents im Medium der Malerei, in der Materie der Farbe. Erst hier greifen die künstlerische Erfahrung und das Handwerk mit ein. Konkret bezieht sich die Suche nach farbigen und plastischen Äquivalenten auf das Verhältnis der Dinge zum Umraum, auf die materielle und körperliche Konstituierung der Einzelform, auf die Beziehung von Materie und Form, von Form und Raum, Licht und Schatten und dergleichen. Cézanne realisiert die Materialität der Dinge in der Materialität der Farbe. Dabei ergibt sich eine merkwürdige Paradoxie, eine Steigerung der dinghaften Präsenz mit zunehmender Abstraktion. „Bei Cézanne hört die Essbarkeit [der Früchte, I. L.] überhaupt auf, so sehr dinghaft wirklich werden sie, so einfach unvertilgbar in ihrer eigensinnigen Vorhandenheit“ schrieb Rainer Maria Rilke in einem seiner Briefe über Cézanne40 angesichts eines Stilllebens mit Äpfeln in der großen Pariser Retrospektive 1907. 1 – Paul Cézanne malend auf dem Hügel von Les Lauves, 1906 39 Vgl. Max Imdahl, „Cèzanne – Braque – Picasso. Zum Verhältnis von Bildautonomie und Gegenstandssehen“, in: Ulrich Weisner (Hg.), Zeichnungen und Kollagen des Kubismus: Picasso, Braque, Gris, Kunsthalle Bielefeld, 11. März – 29. April 1979, Bielefeld, 1979, S. 279-314: 279. 40 Rainer Maria Rilke, Briefe über Cézanne, hg. v. Clara Rilke, Frankfurt/M., 1983 [1953], S. 29.
INGA LEMKE 262 Paul Cézanne ist seiner elementaren Forderung zu malen, „was man sieht, nicht […] was man denkt oder imaginiert“41, mit einer unermüdlichen Disziplin nachgegangen. Angeregt durch seinen Lehrer Camille Pissarro und beeinflusst durch die Impressionisten, mit denen er 1872 bis 1877 in einem engen Austausch stand, praktizierte er das Studium der Natur in seinen Portraits, in seinen Stillleben und insbesondere vor dem Motiv in der Landschaft, en plein air, immer wieder und in immer neuen Variationen. Hier, vor dem Motiv, entdeckte er die Natur und die Malerei neu, die Synästhesie der Pflanzen, der Steine und der Farben, das Werden und Vergehen zwischen Erde und Sonne, die Nuancen, Töne, den Detailreichtum der sichtbaren Natur. Innerhalb einer an sich beschränkten Farbigkeit hat Cézanne in seinen späten Landschaftsbildern einen Reichtum der Farbwirkungen und Differenzierungen von Formbezügen entwickelt, die mit einem in den Richtungen variierenden, sich an manchen Stellen verdichtenden, überlagernden, an manchen Stellen zum Weiß der Leinwand hin öffnenden Farbauftrag einhergehen und partiell zur Abstraktion, zur Eigenwertigkeit der Farb- und Formwerte führen. 2 – Paul Cézanne: Flußlandschaft, 1904-1905 41 Boehm (1988), Montagne Sainte-Victoire, S. 26.
DER KÜNSTLER ALS ‚APPARAT’ UND ‚MASCHINE‘ 263 Am 8. September 1906, nur wenige Wochen vor seinem Tod, schrieb Cézanne an seinen Sohn Paul: Ich kann nicht jene Intensität erreichen, die sich vor meinen Sinnen entwickelt, ich besitze nicht den wundervollen Farbenreichtum, der die Natur belebt. Hier, am Ufer des Flusses, vervielfachen sich die Motive; dasselbe Sujet, unter einem anderen Blickwinkel gesehen, bietet ein Studienobjekt von äußerstem Interesse und von solcher Mannigfaltigkeit, daß ich glaube, ich könnte mich während einiger Monate beschäftigen, ohne den Platz zu wechseln, indem ich mich bald mehr nach rechts, bald mehr nach links wende.42 Cézanne begann vor dem Motiv die Zeitlichkeit und die räumliche Begrenztheit des festgestellten Blicks zu reflektieren, der in seiner atemporalen Gegenwart und relativen Fixierung des Körpers äußerste Intensität erlaubt. Der mobile Blick ermöglicht nicht nur zahlreiche Variationen desselben Motivs, die Eigenwahrnehmung der Bewegtheit verbunden mit der Öffnung der Zeiterfahrung des Körpers auf eine den Augenblick überschreitende Gegenwart öffnet die Wahrnehmung auch für die Bewegung, die Belebung, das Fließen, das im Motiv des Flusses bereits angelegt scheint.43 Man kann hier einen Bezug herstellen zur Optik der Fotokamera, deren stillgestellter Blick, deren räumliche und zeitliche Begrenzung durch den Ausschnitt und den Augenblick nur eine begrenzte Mobilität im Rahmen eines Positionswechsels, einer wiederholten und variierenden Aufnahme desselben Motivs erlaubt. Erst der Film ermöglicht es, durch die ihm eigene Bewegung und Zeitlichkeit, die Lebendigkeit, die Bewegtheit der Dinge und der phänomenalen Erscheinungen einzufangen. 3 – John Rewald: Blick auf die Montagne Sainte-Victoire 42 Paul Cézanne, „Brief an Paul Cézanne jr., 8. September 1906“, in: Paul Cézanne, Briefe, hg. v. John Rewald, Zürich, 1979, S. 304-305: 304 f. 43 Vgl. Crary (2002), Aufmerksamkeit, S. 278 f.
INGA LEMKE 264 John Rewald hat sich in den 1930er Jahren die Mühe gemacht, die zahlreichen Motive und deren Variationen in Cézannes provenzalischer Heimat durch fotografische Dokumente zu rekonstruieren.44 Die Montagne Sainte-Victoire, hier gesehen von Les Lauves, war Cézannes bevorzugtes Motiv, insbesondere auch seines Spätwerks. Insgesamt sind es ca. 60 Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle, die seit den 1880er Jahren bis in die Zeit nach 1900 (genauer, bis zu seinem Tod 1906) entstanden. Das fotografische Dokument ermöglicht eine vergleichende Betrachtung der fotografischen und malerischen Erfassung des Motivs, die sich jedoch vorrangig auf die Feststellung wiedererkennbarer Bilddaten und der detaillierten Erfassung des Motivs beschränkt. Zudem wird sichtbar, dass es sich beim fotografischen Abbild mit seiner auf den Augenblick und den Ausschnitt begrenzten zentralperspektivischen Optik (und insbesondere bei der Schwarz-Weiß-Fotografie) um eine von der Wirklichkeit abstrahierende Bildform handelt. Die Kamera fängt zwar die direkten Einwirkungen des Lichts auf die Gegenstände ein, auf der zweidimensionalen Oberfläche des fotografischen Bildes werden diese jedoch in eine sich zum Teil in Unbestimmtheit auflösende Skala von Grauwerten reduziert. Diese als realistische Abbildung der Realität zu lesen, ist eine uns selbstverständlich gewordene Kulturleistung eigener Art. Die filmische, farbige Fotografie der Motive Cézannes in dem Film von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet45, in dem u. a. auch die einleitend angeführten Passagen aus Gasquets Gesprächen mit Cézanne zitiert werden, lässt, wenn auch nur für Momente, die lebendige Gegenwärtigkeit des Naturmotivs spüren. Insbesondere in jener Passage, in der die Cézanne rezitierende Stimme Danièle Huillets innehält und wir nur noch den vor Ort aufgezeichneten Geräuschen der Natur lauschen und dem starr auf das Motiv gerichteten Kamerablick folgen, der sich dann, einen kurzen Moment lang, über den in der Totale sichtbaren Horizont des Bergrückens bewegt. „Eine Weltminute zieht vorüber. Sie in Wirklichkeit malen! Und alles darüber vergessen. Mit ihr eins werden. Und die lichtempfindliche Platte sein.“46 Die „Sensation“ eines Übergangsmoments festzuhalten – das versuchte Cézanne vor seinem Motiv. Auch die Impressionisten haben die Gegenstände der Erfahrung als optisches Phänomen begriffen, als ‚Impression‘ von Licht und Farben, als momentanen Eindruck einer flüchtigen, visuellen Erfahrung, und haben diese in eine vibrierende Oberfläche farbiger Textur von hellen Farbwerten transformiert. Cézannes ‚Sensation‘ hingegen, die sich für den Maler in einer Fülle von farbigen Sehdaten (sensations colorantes) erschließt, bezieht sich auf „zwei gegensätzliche Bewegungen – die der Erde und die des Lichts“; nicht die Fixierung des Moments, sondern das „Dasein […] in einer 44 John Rewald, The Paintings of Paul Cézanne: a Catalogue Raisonné, New York, NY, 1996. 45 Paul Cézanne im Gespräch mit Joachim Gasquet, F/D 1989, 63 min., Regie und Buch: Danièle Huillet und Jean-Marie Straub, nach den Kapiteln 1 „Le Motif“ und 3 „L’Atelier“ des Buchs Cézanne – Ce qu’il m’a dit von Joachim Gasquet. 46 Hess (1957), CÉZANNES GESPRÄCHE MIT GASQUET. Vorbemerkung, S. 14.
DER KÜNSTLER ALS ‚APPARAT’ UND ‚MASCHINE‘ 271 Hier, in der Einsamkeit der Landschaft seiner provenzalischen Heimat, in seiner selbst gewählten, zurückgezogenen Existenz jenseits der Zentren großstädtischen Lebens und der industriellen Produktion, arbeitete Cézanne an einem höchst modernen Projekt, das Bezüge zu jenem kontroversen ‚Problemkomplex‘ aufweist, der sich am Ende des 19. Jahrhunderts aus der wissenschaftlichen Erforschung und der apparativen Transformation der Aufmerksamkeit und der Wahrnehmung ergab77 und um 1900 in einer Krise der Wahrnehmung und einer Krise der Sprache kulminierte. Jenen „eingreifendsten Veränderungen in der antiken Industrie des Schönen“ durch die „Einwirkungen der modernen Wissenschaften und der modernen Praxis“, durch die „weder die Materie, noch der Raum, noch die Zeit sind […] was sie seit jeher gewesen sind“ und die „die gesamte Technik der Künste verändern“, wie es in dem berühmten Valéry-Zitat am Anfang von Walter Benjamins Kunstwerk- Aufsatz heißt.78 Literatur Bäumer, Rolf, „Fragmentarische Wirklichkeitserfahrung, ‚ästhetische Kultur‘ und das aufgeschobene Ende der Versöhnung um 1900“, in: Arlette Camion/Wolfgang Drost/Géraldi Leroy/Volker Roloff (Hg.), Über das Fragment. Du fragment, Heidelberg, 1990, S. 56-71. Blumenberg, Hans, Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt/M., 1981. Boehm, Gottfried, Montagne Sainte-Victoire, Frankfurt/M., 1988. Cezanne, Paul, „Brief an Joachim Gasquet, 26. September 1897“, in: Paul Cézanne, Briefe, hg. v. John Rewald, Zürich, 1979, S. 243. Ders., „Brief an Charles Camoin, 22. Februar 1903“, in: Paul Cézanne, Briefe, hg. v. John Rewald, Zürich, 1979, S. 274-275. Ders., „Brief an Emile Bernard, 23. Oktober 1905“, in: Paul Cézanne, Briefe, hg. v. John Rewald, Zürich, 1979, S. 295-296. Ders., „Brief an Paul Cézanne jun., 8. September 1906“, in: Paul Cézanne, Briefe, hg. v. John Rewald, Zürich, 1979, S. 304-305. Ders./Gasquet, Joachim, „CÉZANNES GESPRÄCHE MIT GASQUET“, in: PAUL CÉZANNE. Über die Kunst. Gespräche mit Gasquet. Briefe, hg. v. Walter Hess, Hamburg, 1957, S. 7-70. Crary, Jonathan, Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und moderne Kultur, Frankfurt/M., 2002. Düchting, Hajo, Paul Cézanne. Bilder eines Berges, München, 1990. 77 Vgl. ebd., S. 225. 78 Paul Valéry, Pièces sur l’art, Paris, o. J., zit. in: Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, hg., kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Burkhardt Lindner, Stuttgart, 2011, S. 7.
INGA LEMKE 272 Growe, Bernd, „Anschauung und Schaffensprozess. Kunstgeschichtliche Bemerkungen zu Max Raphaels Bildstudien“, in: Max Raphael, Wie will ein Kunstwerk gesehen werden? The Demands of Art, hg. v. Klaus Binder, Frankfurt/M., 1989, S. 369- 395. Hegel, Georg Wilhelm Friedrich, „Phänomenologie des Geistes“, in: ders., Werke, Bd. 3, Frankfurt/M., 1970, 16. bis 19. Tausend, 1974. Hess, Walter, „CÉZANNES GESPRÄCHE MIT GASQUET. Vorbemerkung“, in: Paul Cézanne/Joachim Gasquet, PAUL CÉZANNE. Über die Kunst. Gespräche mit Gasquet. Briefe, hg. v. Walter Hess, Hamburg, 1957, S. 7. Imdahl, Max, „Cèzanne – Braque – Picasso. Zum Verhältnis von Bildautonomie und Gegenstandssehen“, in: Ulrich Weisner (Hg.), Zeichnungen und Kollagen des Kubismus: Picasso, Braque, Gris, Kunsthalle Bielefeld, 11. März – 29. April 1979, Bielefeld, 1979, S. 279-314. Janin, Jules, „Der Daguerrotyp (1839)“, in: Wolfgang Kemp (Hg.), Theorie der Fotografie, Bd. I, 1839-1912, München, 1999, S. 46-51. Kemp, Wolfgang, „Theorie der Fotografie 1839-1912“, in: ders. (Hg.), Theorie der Fotografie, Bd. I, 1839-1912, München, 1999, S.13-35. Merleau-Ponty, Maurice, „Der Zweifel Cézannes“, in: Gottfried Boehm (Hg.), Was ist ein Bild?, München, 1994, S. 39-59. Paul Cézanne im Gespräch mit Joachim Gasquet, F/D 1989, 63 min., Regie und Buch: Danièle Huillet und Jean-Marie Straub, nach den Kapiteln 1 „Le Motif“ und 3 „L’Atelier“ des Buchs Cézanne – Ce qu’il m’a dit von Joachim Gasquet. Raphael, Max, „Kunstwerk und Naturvorlage. Cézanne: Mont Sainte-Victoire“, in: ders., Wie will ein Kunstwerk gesehen werden? The Demands of Art, hg. v. Klaus Binder, Frankfurt/M., 1989, S. 11-73. Rewald, John, The Paintings of Paul Cézanne: a Catalogue Raisonné, New York, NY, 1996. Rilke, Rainer Maria, Briefe über Cézanne, hg. v. Clara Rilke, Frankfurt/M., 1983 [1953]. Stiegler, Bernd, Theoriegeschichte der Photographie, München, 2006. Talbot, William Henry Fox, The Pencil of Nature, München, 2011 [Reprint der Originalausgabe London 1844]. Thoreau, Henry D., Writings. Journal, hg. v. Bradford Torrey, Boston, MA, 1906. Wohlfart, Günter, „Das Schweigen des Bildes“, in: Gottfried Boehm (Hg.), Was ist ein Bild?, München, 1994, S. 163-183.
THESEN III These 6: Es gibt Kulturtechniken, die eine Nähe zum Unbewussten aufweisen. So ist beispielsweise das Kochen eingebunden in weitreichende Prozesse und Strukturen, die sich als Automatismen beschreiben lassen. Der Begriff der Kulturtechniken ist in aktuellen kulturwissenschaftlichen Diskursen sehr prominent. Besonders in der medienwissenschaftlichen Forschung spielt das Konzept eine wichtige Rolle. Das Graduiertenkolleg Automatismen trägt den Begriff im Untertitel: Automatismen werden als „Kulturtechniken zur Reduzierung von Komplexität“ verstanden. Eine Annahme des Kollegs ist es, „dass zumindest bestimmte Kulturtechniken in ihrer Funktionsweise auf das Halbdunkel einer reduzierten Bewusstheit angewiesen sind“.1 Zwar gibt es keine verbindliche Programmatik der Kulturtechnikforschung2, doch wird diese begriffliche Weite gleichzeitig als eine ihrer Stärken dargestellt. Harun Maye schreibt: „Das Konzept ist nicht auf die sogenannten elementaren Kulturtechniken (Lesen, Schreiben, Rechnen) beschränkt, sondern beinhaltet auch Techniken des Körpers, Repräsentationsverfahren und andere Techniken der Hervorbringung.“3 Dies erweitert die Perspektive vom Zeichengebrauch4 hin zu Traditionen, Ritualen, Habitualisierungen, Training oder Disziplinierung als den elementarsten Praktiken, mit denen sich die Kulturtechnikforschung, wie lange vor ihr bereits die Ethnologie, beschäftigt.5 Erhard Schüttpelz spricht sich für eine „praxeologische Wende“6 aus, um den Praxisaspekt in der Beschreibung von Medien als Kulturtechniken zu betonen. Diese Sichtweise scheint besonders produktiv für die Automatismen- Forschung zu sein. Medien werden in diesem Sinne über die Formen ihres 1 Hannelore Bublitz/Hartmut Winkler, Automatismen – Kulturtechniken zur Reduzierung von Komplexität, Fortsetzungsantrag, Paderborn, 2011, S. 8-26: 16. 2 Vgl. Harun Maye, „Was ist eine Kulturtechnik?“, in: Bernhard Siegert/Lorenz Engell (Hg.), Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung 1 (2010), S. 121-135: 126-127. 3 Harun Maye, „Kulturtechnik“, in: Christina Bartz/Ludwig Jäger/Marcus Krause/Erika Linz (Hg.), Handbuch der Mediologie. Signaturen des Medialen, München, 2012, S. 142-148: 142. 4 Vgl. hierzu vor allem Sybille Krämer/Horst Bredekamp (Hg.), Bild, Schrift, Zahl, München, 2003. Außerdem: Tobias Nanz/Bernhard Siegert (Hg.), Ex Machina. Beiträge zur Geschichte der Kulturtechniken, Weimar, 2006; Christian Kassung/Thomas Macho (Hg.), Kulturtechniken der Synchronisation, München, 2013. 5 Siehe etwa Erhard Schüttpelz, „Körpertechniken“, in: Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung 1 (2010), S. 101-120; Marcel Mauss, „Die Techniken des Körpers“, in: ders., Soziologie und Anthropologie, Bd. 2, München, 1975, S. 197-220 [zuerst erschienen in: Journal de Psychologie Normale et Pathologique 32, 3-4 (1935), S. 271-293]. 6 Vgl. Erhard Schüttpelz, „Die medienanthropologische Kehre der Kulturtechniken“, in: Lorenz Engell/Bernhard Siegert/Joseph Vogl (Hg.), Kulturgeschichte als Mediengeschichte (oder vice versa?), Weimar, 2006, S. 87-110.
DOREEN HARTMANN/MONIQUE MIGGELBRINK, MATTHIAS KOCH 274 Gebrauchs bestimmt. Die Fokussierung auf die alltäglichen, sozialen (und ökonomischen) Praktiken, in die sie eingebunden sind, die sie (mit-)gestalten oder die sie konstituieren, ermöglicht es, Medientechniken/-technologien als offene (nicht-determinierte) Systeme zu verstehen. Diese zentralen Aspekte der Kulturtechnikforschung zeigen zugleich die Grenzen und Anknüpfungspunkte für die Automatismen-Forschung. Welches Verhältnis besteht zwischen Automatismen und Kulturtechniken? Und vor allem: Was kann die Automatismen-Perspektive zur Kulturtechnikforschung beitragen? Während Kulturtechniken bislang vorwiegend als bewusste Lösung für komplexe gesellschaftliche Probleme begriffen wurden, regt die Automatismen-Forschung dazu an, einen Blick auf solche Kulturtechniken zu werfen, die sich weitestgehend blind vollziehen.7 Automatismen setzen dort ein, wo das Bewusstsein ausgeschaltet wird; in das wiederholte Ausführen von Tätigkeiten, in Routinen und Gewohnheiten schleift sich eine ungeplante Struktur ein. Ein Beitrag des Automatismen-Konzepts für die Kulturtechnikforschung ist demnach, dass solche unbewussten Prozesse als Kulturtechniken stark gemacht werden – bottom up funktionierende Kulturpraktiken also, die sich „ohne das Bewusstsein der Beteiligten“ vollziehen. Dem Vorschlag des Kollegs nach gibt es also eine Beziehung zwischen Automatismen und Kulturtechniken. Am Beispiel der Esskultur soll dieser Spur nun im Folgenden nachgegangen werden. In der Kulturtechnikforschung wird das Kochen als Kulturtechnik verhandelt.8 Bernhard Siegert legt unter Bezugnahme auf Claude Lévi-Strauss dar, dass das Kochen – als eine der elementarsten Kulturtechniken – auf Werkzeuge angewiesen ist. Ein Kochtopf stelle eben keine McLuhan’sche Erweiterung des menschlichen Körpers dar, schließlich lassen sich in einer hohlen Hand keine Speisen erhitzen.9 Hierzu schreibt Maye: „Löffel, Töpfe, Krüge und Schalen sind Werke der Techné, nicht der Mimesis.“10 Kochen als Kulturtechnik ist folglich weder auf den menschlichen Körper beschränkt noch daraus ableitbar. Soll nun das Verhältnis von Kulturtechniken und Automatismen anhand einer weiter gefassten Esskultur in den Blick genommen werden, scheint die Kulturtechnikforschung Schüttpelz’scher Prägung besonders geeignet, da sie 7 Vgl. Bublitz/Winkler (2010), Automatismen – Kulturtechniken zur Reduzierung von Komplexität, S. 10. 8 Allerdings besteht in diesem Punkt, wie in vielen weiteren Aspekten innerhalb der Kulturtechnikforschung, keine Einigkeit. So zweifelt etwas Thomas Macho den Status des Kochens als Kulturtechnik an. Vgl. Thomas Macho, „Tiere zweiter Ordnung. Kulturtechniken der Identität und Identifikation“, in: Dirk Baecker/Matthias Kettner/Dirk Rustemeyer (Hg.), Über Kultur: Theorie und Praxis der Kulturreflexion, Bielefeld, 2008, S. 99-117: 100. 9 Vgl. Bernhard Siegert, „Kulturtechniken“, in: Harun Maye/Leander Scholz (Hg.), Einführung in die Kulturwissenschaft, Paderborn, 2010, S. 95-118: 99-100 sowie Maye (2010), Was ist eine Kulturtechnik?, S. 131 und S. 135. 10 Maye (2010), Was ist eine Kulturtechnik?, S. 124.
THESEN III 275 eine „Priorität der Operationsketten“11 einfordert, welche auf der Handlungsmacht aller beteiligten (nicht-)menschlichen Akteure beruht.12 Aus dieser Perspektive lassen sich sowohl materielle Artefakte als auch kulturelle Praktiken aufschlüsseln, die solche Handlungsketten ausmachen. Durch wiederholtes, mühevolles Üben13 mit dem Kochbuch schleifen sich Abläufe ein, die die Komplexität des Kochvorgangs reduzieren.14 Diese Routine schafft nicht nur Raum für das gleichzeitige Ausführen weiterer Aufgaben, sondern ermöglicht auch den spielerischen Umgang mit Zutaten und Rezepten. Zudem bedarf die Nahrungszubereitung seit jeher der Werkzeuge und weiterer Techniken, ohne die beispielsweise die Jagd oder das Feuermachen nicht denkbar sind. Aus spezifisch moderner Perspektive ist die Küche mitsamt ihren Gerätschaften die räumlich-materielle Basis für die Techniken des Kochens im Alltag bis hin zur Virtuosität der Haute Cuisine. Der Kühlschrank wird so beispielsweise zum Akteur in der heimischen Küche, der eine für das Kochen relevante Lebensmittelverwahrung im Alltag erst erlaubt. Die Domestizierung15 des Kühlschranks ist in bereits vorhandene kulturelle Praxen und Wertvorstellungen von Verhäuslichung eingebettet, die ihm bottom up vorausgehen. Als Gerätschaft der modernen Küche ist der Kühlschrank nicht ausschließlich Designobjekt, sondern eine Technologie, die auf gesellschaftliche Bedürfnisse reagiert: „Der Kühlschrank war das Zentrum beider Aspekte dieser Ideologie der Häuslichkeit – er wurde zum Schnittpunkt von Essen (Ernährung) und Sauberkeit (Instandhaltung).“16 Wie die Technikhistorikerin Martina Heßler zeigt, wird die Implementierung des Kühlschranks in die häusliche Sphäre zwar begleitet von Versuchen der Steuerung wie etwa 11 Schüttpelz (2010), Die medienanthropologische Kehre der Kulturtechniken, S. 91. 12 Vgl. Maye (2010), Was ist eine Kulturtechnik?, S. 125. 13 Hannelore Bublitz macht dies am Beispiel des Violine- und Klavierspielens deutlich. Vgl. Hannelore Bublitz, „These 2: Automatismen beinhalten einen qualitativen Sprung: Aus der wiederholten Einschleifung durch Übung entsteht – paradoxerweise – gerade das Neue: spielerisch-mühelose Perfektion“, in: dies./Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 23-26. 14 In Anlehnung an Leroi-Gourhans Überlegungen zum Operationsgedächtnis in Hand und Wort (1964) stellt Hartmut Winker anhand erlernter Praktiken (häufig wiederholte Routinen, Abfolgen stereotypisierter Gesten) und Operationen (im kollektiven Gedächtnis verankerte Handlungsfolgen) dieses ökonomische Prinzip von Automatismen vor. Vgl. Hartmut Winklers These im vorliegenden Band: „These 5: ,Maschinenförmiges Verhalten‘ ist für menschliche Kulturen ,das wesentliche Element des Überlebens‘ (Leroi-Gourhan).‘ 15 Im Domestizierungsansatz medien- und sozialwissenschaftlicher Prägung wird der Begriff der Domestizierung, der im eigentlichen Sinne eine Zähmung wilder Tiere meint, übertragen auf die Verhäuslichung und Aneignung von Technik. Vgl. Jutta Röser, „Der Domestizierungsansatz und seine Potenziale zur Analyse alltäglichen Medienhandelns“, in: dies. (Hg.), MedienAlltag. Domestizierungsprozesse alter und neuer Medien, Wiesbaden, 2007, S. 15-30: 20. 16 John Hartley, „Die Behausung des Fernsehens. Ein Film, ein Kühlschrank und Sozialdemokratie“, in: Ralf Adelmann/Jan O. Hesse/Judith Keilbach/Markus Stauff/Matthias Thiele (Hg.), Grundlagentexte zur Fernsehwissenschaft. Theorie – Geschichte – Analyse, Konstanz, 2002, S. 253-280: 266.
DOREEN HARTMANN/MONIQUE MIGGELBRINK, MATTHIAS KOCH 276 wirkmächtigen Diskursen der Haushaltsmodernisierung seitens der Industrie.17 Jedoch seien die Hausarbeit und die Technisierung des Alltags durch Nichtplanbarkeit gekennzeichnet und nur begrenzt rationalisierbar.18 Auch wenn die Industrie gezielt in die Konsumkultur rund um Lebensmittel und Ernährung investiert, zeichnet sich Esskultur gerade dadurch aus, dass sie eben nicht top down planbar ist. Die Automatismen-Forschung fragt nach solchen Prozessen der Strukturentstehung. Nahrungsaufnahme als ein natürlicher Zwang ließe sich nur schwer als Automatismus fassen.19 Jedoch ist Essen als kulturelle Praxis in weitreichende Traditionen und Rituale eingebunden, und zwar mitsamt seiner möglichen Entritualisierung.20 Die anthropologische Bedeutung von Lebensmitteln, ihrer Zubereitung sowie der Nahrungsaufnahme wurde verschiedentlich künstlerisch reflektiert21 sowie kulturhistorisch und philosophisch aufgearbeitet.22 Essen ist Teil der kulturellen Identität und erweist sich, wie Harald Lemke bemerkt, als etwas, „worin allgemeinste Welt- und Selbstbezüge der Politik, der Natur, der Gesellschaft, der Kultur, der Geschlechterverhältnisse und der Alltagspraxis […] zusammenkommen“.23 Essen ist außerdem Mittel der individuellen Identitätsstiftung, insofern es die eigene Körperwahrnehmung adressiert; damit sind die sinnlichen Freuden des Genusses ebenso angesprochen wie die Last des Essens, wenn es in unmittelbaren Konnex zu Körpergewicht, Gesundheitsproblemen oder Sport gestellt wird.24 Doch nicht nur die Praxis der Nahrungszubereitung sowie der Verzehr von Essen als kulturell geprägter Akt sind an Automatismen gebunden. Auch die 17 Vgl. Martina Heßler, Mrs. Modern Woman. Zur Sozial- und Kulturgeschichte der Haushaltstechnisierung, Frankfurt/M., New York, NY, 2001, S. 187-189. 18 Vgl. ebd., S. 392-393. 19 Vgl. Roman Marek, „These 6: Von Automatismen kann man nur dann sprechen, wenn keine äußeren Zwänge vorliegen. Automatismen brauchen mögliche Alternativen“, in: Hannelore Bublitz/Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 102-107. 20 Vgl. Hartmut Winkler, „These 13: Automatismen haben einen engen Bezug zur Wiederholung, zur Gewohnheit und zur Schemabildung“, in: Hannelore Bublitz/Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 234-236. 21 Essen als Motiv in der Kunst findet sich bereits in Leonardo da Vincis „Abendmahl“ oder in der niederländischen Stilllebenmalerei des 16. und 17. Jahrhunderts. Die Verbindung von Essen, Kochen, Kunst und Alltag wird um 1930 von den italienischen Futuristen um Marinetti zentral verhandelt, bevor sie mit Daniel Spoerri in den 1970er Jahren die Bezeichnung „Eat Art“ erhält. 22 Siehe etwa Eugene Newton Anderson, Everyone Eats: Understanding Food and Culture, New York, NY, 2005; Massimo Montanari, Food is Culture. Arts and Traditions of the Table: Perspectives on Culinary History, New York, NY, 2006; Gunther Hirschfelder, Europäische Esskultur. Geschichte der Ernährung von der Steinzeit bis heute, Frankfurt/M., New York, NY, 2001; Claudia Schirrmeister, Bratwurst oder Lachsmousse? Die Symbolik des Essens – Betrachtungen zur Esskultur, Bielefeld, 2010. 23 Harald Lemke, Die Kunst des Essens. Eine Ästhetik des kulinarischen Geschmacks, Bielefeld, 2007, S. 15. 24 Vgl. etwa Daniele Dell’Agli, „Essen als ob nicht – ein Syndrom à la carte“, in: ders. (Hg.), Essen als ob nicht: Gastrosophische Modelle, Frankfurt/M., 2009, S. 7-16.
THESEN III 277 Semantiken des Essens selbst sind eingebunden in weitreichende kulturelle Prozesse der Stereotypisierung und Schemabildung, die weitestgehend unbewusst mitlaufen.25 So sprechen etwa Gisela Engel und Susanne Scholz von einer „Produktion von nationalen oder regionalen Stereotypisierungen via Essen und Trinken“.26 In seiner berühmten Analyse einer Werbeanzeige des Pasta- Herstellers Panzani entschlüsselt Roland Barthes die Botschaften, welche an das abgebildete Essen gekoppelt sind. Die Lebensmittel – allesamt Zutaten für eine typisch italienische Pasta – sind mit Vorstellungen von Italianität konnotiert.27 Barthes legt damit in seiner Zeichenanalyse soziokulturelles Wissen über touristische Stereotype von einer italienischen Lebensweise offen. Ein ähnliches Spiel mit den Zeichen ist es auch, das der Popularisierung des Toast Hawaii in den bundesdeutschen Haushalten zugrunde liegt. Clemens Wilmenrod, seines Zeichens erster deutscher Fernsehkoch, verknüpft ein herkömmliches Toast, eine Scheibe Schinken, Käse und Dosenananas sowie eine obligatorische Cocktailkirsche mit den Sehnsüchten an eine exotische Ess- und Lebenskultur.28 Am Beispiel der Esskultur deutet sich an, wie die Perspektive der Automatismen die Kulturtechnikforschung bereichern kann. Gleichsam zeigt das Beispiel auf, dass das Verhältnis von Kulturtechniken und Automatismen von vielfältigen und wechselseitigen Bezugnahmen gekennzeichnet ist. Zum einen (1) lassen sich Automatismen als Element bzw. Bestandteil von bekannten Kulturtechniken denken. Wie das Beispiel gezeigt hat, ist die Kulturtechnik Kochen eingebunden in weitreichende Automatismen einer Esskultur. Zum anderen (2) sind Automatismen ein spezifischer Typ von Kulturtechniken. Automatismen- und Kulturtechnik-Forschung stehen also in einem gegenseitigen Bedingungsgefüge: Automatismen sind eingebunden in Kulturtechniken, ebenso wie sie diese selbst wiederum einbinden. Um diese Annahmen zu verifizieren und das Verhältnis noch weiter zu differenzieren, müssten weitere Fallstudien durchgeführt werden; die vorliegende These macht hierfür einen ersten Aufschlag. Es liegt die Annahme nahe, dass nicht nur in einer solch elementaren Kulturtechnik wie dem Kochen und der gesamten Esskultur Automatismen wirksam sind. Als ein Schlüssel für die Annäherung zwischen Kulturtechniken und Automatismen könnte sich, wie der Durchgang durch das Beispiel Esskultur gezeigt hat, die Logik der Operationsketten erweisen. Die Übersetzungsleistungen der Operationsketten sind nicht nur in der Kulturtechnikforschung ein 25 Mit solchen Stereotypisierungen ist ein Kernthema der Automatismen-Forschung angesprochen. 26 Gisela Engel/Susanne Scholz, „Einleitung“, in: dies. (Hg.), Essenskulturen, Berlin, 2008, S. 7- 10: 7. 27 Vgl. Roland Barthes, „Rhetorik des Bildes“, in: ders., Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. Kritische Essays III, Frankfurt/M., 1990 [frz. OA 1964; „Rhétorique de l’image“, in: L’obvie et l’obtus. Essais critiques III, S. 24-42, 1982], S. 28-46: 43. 28 Gerd Hallenberger, „Clemens Wilmenrod. Zeichen von Esskultur“, in: montage/av 10, 2 (2001), S. 123-129: 127.
DOREEN HARTMANN/MONIQUE MIGGELBRINK, MATTHIAS KOCH 278 wirkmächtiges Arrangement. Auch in der Erforschung der Automatismen ist verteilte Handlungsmacht ein bedeutender heuristischer Faktor. Gleichsam stellt das „Denken in Operationsketten“ – zumindest laut Schüttpelz – die größte Herausforderung nicht nur für die Akteur-Netzwerk-Theorie selbst, sondern eben auch für die Forschung zu Kulturtechniken dar.29 Hieraus ergeben sich einige Fragen zum Verhältnis von Automatismen und Operationsketten. In der Akteur-Netzwerk-Theorie werden Operationsketten und Netzwerk gleichgesetzt. Wie verhalten sich nun Automatismen zu Operationsketten? Sind Automatismen als Teil der Operationsketten zu verstehen oder stellen sie eventuell sogar selbst die Kette dar? Doreen Hartmann und Monique Miggelbrink 29 Vgl. Erhard Schüttpelz, „Der Punkt des Archimedes. Eine Schwierigkeit des Denkens in Operationsketten“, in: Georg Kneer/Markus Schroer/Erhard Schüttpelz (Hg.), Bruno Latours Kollektive. Kontroversen zur Entgrenzung des Sozialen, Frankfurt/M., 2008, S. 234-258.
THESEN III 279 These 7: Die epistemologische Problematik (einer Historisierung) von Automatismen steht im Horizont eines modernen Geschichtsverständnisses. Der Begriff Automatismus ist erstens ein Reflexionsbegriff und dient der begrifflichen Vergegenständlichung eines unverfügbaren Prozesses. Darin ist er dem Reflexionsbegriff Geschichte ähnlich. Zweitens handelt es sich, ebenfalls analog zu Geschichte, um einen Bewegungsbegriff, der die Dynamik spezifischer historischer Prozesse betrifft. Automatismus ist drittens ein heuristischer Begriff, weil er nicht nur einen Gegenstand, sondern auch das Konzept der Beschreibung dieses Gegenstands darstellt. Die These ist, dass sich die Methodologie der Automatismen-Forschung im Horizont des neuzeitlichen Geschichts- und Kontingenzbewusstseins verorten lässt. Dem Historiker Reinhart Koselleck zufolge gehen am Ende des 18. Jahrhunderts einschneidende politische, ökonomische und soziale Ereignisse mit einer kollektiven Wahrnehmung steigender Komplexität und Beschleunigung bzw. einer veränderten Zeiterfahrung einher, die sich im Quellenbestand der Jahre zwischen 1780 und 1800 (einem Teil der sogenannten „Sattelzeit“30 zwischen 1750 und 1850) als abstrakter „Kollektivsingular“31 Geschichte ausdrückt. Er ist Indiz für die kollektive Wahrnehmung, dass das Zusammenspiel von Bedingungen in historischen Zusammenhängen zunehmend komplex und unverfügbar ist: So steht er für eine „Erfahrungsweise struktureller Vorgegebenheiten [...], die zwar in die jeweils momentanen Ereignisse eingehen, die aber diesen Ereignissen in anderer Weise vorausliegen als in einem chronologischen Sinne des Zuvor“32, da beide „im Erfahrungsraum geschichtlicher Bewegung verschiedene zeitliche Erstreckungen“33 haben. Im Sinne eines globalen Prozesses, einer temporalisierten Geschichte an und für sich umgreift dieser abstrakte Reflexions- und Bewegungsbegriff fortan sowohl die vielen einzelnen Geschichten (historia rerum gestarum) als auch das historische Geschehen (res gestae).34 Damit entsteht ein ambivalenter Geschichtsbegriff: „Objektbezogen wird Geschichte zu einer historischen Kategorie, ohne Gegenstand bleibt sie eine metahistorische Größe.“35 Metahistorisch ist der Kollektivsingular angelegt, da er eine abstrakte, nicht empirisch erfahrbare Historizität repräsentiert. Selbst ungegenständlich, rahmt diese Historizität die zeit- 30 Reinhart Koselleck, „Über die Theoriebedürftigkeit der Geschichtswissenschaft“, in: ders., Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt/M., 2003 [OA 1972], S. 298-317: 303. 31 Reinhart Koselleck, „Geschichte, Geschichten und formale Zeitstrukturen“, in: ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/M., 1979 [OA 1973], S. 130- 144: 130. 32 Reinhart Koselleck, „Darstellung, Ereignis und Struktur“, in: ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/M., 1979 [OA 1973], S. 144-158: 147. 33 Ebd., S. 148. 34 Vgl. Koselleck (2003), Über die Theoriebedürftigkeit der Geschichtswissenschaft, S. 301. 35 Ebd., S. 301 f.
DOREEN HARTMANN/MONIQUE MIGGELBRINK, MATTHIAS KOCH 280 liche Eigengesetzlichkeit der vielen und heterogenen kulturellen Prozesse36, d. h. die Pluralität historischer Zeiten und „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“37. Das im Kollektivsingular ausgedrückte Geschichtsverständnis ist über die Zeit auf unterschiedlichste Weise thematisiert worden und hat dadurch Veränderung erfahren. Koselleck zufolge ist diese abstrakte Geschichte als „transzendentale Kategorie [jedoch nach wie vor] Bedingung unserer neuzeitlichen Erfahrung.“38 Das in der Automatismen-Forschung diskutierte Beobachterproblem39 steht vor dem Hintergrund der durch das neuzeitliche Geschichts- und Kontingenzbewusstsein aufgeworfenen epistemologischen Fragen, vor allem jener nach Bedingungsverhältnissen in historischen Prozessen. Sie sieht sich mit einem Forschungsobjekt konfrontiert, das – gleich Geschichte – unverfügbar ist und anhand eines Reflexions- und Bewegungsbegriffs in provisorisch-pragmati- scher Absicht auf den Begriff gebracht werden soll: „Was ist der Motor, oder was die Motoren, die hinter den beobachtbaren Veränderungen in Wirkung sind?“40 Automatismen selbst sind insofern keine metahistorischen Größen, sondern sollen in je spezifischer Weise identifizierbar sein. Es ist jedoch gerade ihre Latenz bzw. das für sie charakteristische Verhältnis von Unverfügbarkeit/Phänomenalität, das eine Problematik aufwirft, die mit der durch den neuzeitlichen Geschichtsbegriff thematisierten verwandt ist. Anhand einiger Diskussionspunkte zur Historizität von Automatismen und zum Verhältnis von Struktur/Ereignis soll das hier kurz ersichtlich werden. Wer Automatismen beobachtet, sieht sich zurückverwiesen auf deren Entstehungsprozess, Automatismen haben immer Geschichte. Gleichzeitig haben Automatismen prozesshaften Charakter, also eine zeitliche Dimension. [...] Die zweite wichtige Bestimmung scheint diesem Prozesscharakter fast entgegengesetzt; als Automatismus nämlich wird man nur ansprechen können, was sich im Vorgang der Wiederholung verfestigt.41 Automatismen sind demnach einerseits strukturelle, verfestigte Resultate von Prozessen, etwa langen Reihen von Wiederholungen, die plötzlich in einen Automatismus umgeschlagen sind.42 Andererseits sind sie dynamisch. Sie existieren nämlich nicht jenseits jener halbbewussten Abläufe und Handlun- 36 Als frühes Beispiel lässt sich anführen: Johann Gottfried Herder, Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit, Stuttgart, 1990 [OA 1774]. 37 Reinhart Koselleck, „Wozu noch Historie?“, in: Historische Zeitschrift 212 (1970), S. 1-18: 17. 38 Ebd., S. 16. 39 Vgl. Oliver Leistert, „These 5: Automatismen werfen das Problem der Beobachterin auf. Hiermit sind weitreichende epistemologische Fragen verbunden“, in: Hannelore Bublitz/Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 99-102. 40 Hartmut Winkler, „Spuren, Bahnen ... Drei heterogene Modelle im Hintergrund der Frage nach den Automatismen“, in: Hannelore Bublitz/Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 39-61: 39. 41 Winkler (2010), These 13: Automatismen haben einen engen Bezug zur Wiederholung, S. 235. 42 Vgl. Bublitz (2010), These 2: Automatismen beinhalten einen qualitativen Sprung, S. 23-26.
ÜBER DIE AUTORINNEN UND AUTOREN DR. RALF ADELMANN ist Akademischer Rat am Institut für Medienwissenschaften der Universität Paderborn. Forschungsschwerpunkte: Wissens- und Ordnungsstrukturen digitaler Medien, Medienökonomien der Populärkultur, mobile Medien, dokumentarische Bildformen, visuelle Kulturen. Neuere Publikation u. a.: Das Medium meiner Träume. Hartmut Winkler zum 60. Geburtstag (Hg. mit Ulrike Bergermann) (2013). PROF. DR. FRIEDRICH BALKE ist Professor für Medienwissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der Theorie, Geschichte und Ästhetik bilddokumentarischer Formen an der Ruhr-Universität Bochum. Von 2008 bis 2012 Sprecher des Graduiertenkollegs Mediale Historiographien; seit 2013 Stellvertretender Sprecher der DFG-Forschergruppe Medien und Mimesis. Forschungsschwerpunkte: Grenzgebiete zwischen politischer Theorie, Literatur und Medien, Kultur- und Mediengeschichte von Dingen und Artefakten, Medien und Mimesis, Theorie und Geschichte des Dokumentarischen. Neuere Veröffentlichungen u. a.: Der Staat nach seinem Ende. Die Versuchung Carl Schmitts (1996); Gilles Deleuze (1998); Figuren der Souveränität (2009); Die Wiederkehr der Dinge (mit Maria Muhle und Antonia von Schöning) (2011); Reisen mit Kafka. Paris, Weimar (mit Rembert Hüser) (2014). Mitherausgeber des „Archivs für Mediengeschichte“. CHRISTOPHER BOELMANN ist seit 2011 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Verteilte Systeme der Universität Duisburg-Essen. Forschungsschwerpunkte: Selbst-Stabilisierung in verteilten Systemen, neuartige Programmiermodelle für parallele Anwendungen und Privatsphäre in Online Social Networks. PROF. DR. HANNELORE BUBLITZ ist Seniorprofessorin für Soziologie an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Paderborn. Von 2009 bis 2013 stellvertretende Sprecherin des DFG-Graduiertenkollegs Automatismen an der Universität Paderborn. Forschungsschwerpunkte: Poststrukturalistische (Diskurs-)Theorie und Gesellschaftsanalyse, Praktiken der Subjektivierung und Selbsttechnologien sowie Steuerungs- und Normalisierungsdynamiken in modernen Gesellschaften, Analysen von Körper-, Selbst- und Geschlechtertechnologien. Neuere Veröffentlichungen u. a.: Diskurs (2003); In der Zerstreuung organisiert. Paradoxien und Phantasmen der Massenkultur (2005); Im Beichtstuhl der Medien. Produktion des Selbst im öffentlichen Bekenntnis (2010); Unsichtbare Hände (Hg. mit Irina Kaldrack, Theo Röhle und Hartmut Winkler) (2011); Automatismen – Selbst-Technologien (Hg. mit Irina Kal-
ÜBER DIE AUTORINNEN UND AUTOREN 288 drack, Theo Röhle und Mirna Zemann) (2012); Judith Butler zur Einführung, 4. ergänzte Aufl. (2013). PROF. DR. NORBERT OTTO EKE ist Professor für Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie an der Universität Paderborn. Forschungsschwerpunkte: Erinnerungskulturen und ästhetische Formungen mit Schwerpunkten in den Bereichen Dramen- und Theatergeschichte, deutsch-jüdische Literatur (Literatur und Shoah), Vormärzliteratur und Gegenwartsliteratur. Neuere Veröffentlichungen u. a.: Wort/Spiele. Drama – Film – Literatur (2007); New Readings – Neulektüren (Hg. mit Gerhard P. Knapp) (2009); „Sprache, die so tröstlich zu mir kam“. Thomas Valentin in Briefen von und an Hermann Hesse (mit Dagmar Olasz-Eke) (2011); Deutschsprachige Literatur(en) seit 1989 (Hg. mit Stefan Elit) (2012); Poetologisch-poetische Interventionen: Gegenwartsliteratur schreiben (Hg. mit Alo Allkemper und Hartmut Steinecke) (2012); Schemata und Praktiken (Hg. mit Tobias Conradi, Gisela Ecker und Florian Muhle) (2012); „Nach der Mauer der Abgrund“? (Wieder-)Annäherungen an die DDR-Literatur (Hg.) (2013); Bühne: Raumbildende Prozesse im Theater (Hg. mit Ulrike Haß und Irina Kaldrack) (2014); Entautomatisierung (Hg. mit Annette Brauerhoch, Renate Wiesner und Anke Zechner) (2014). Norbert Otto Eke ist derzeit Sprecher des Graduiertenkollegs Automatismen und Herausgeber der Zeitschrift für deutsche Philologie sowie der Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik. LIOBA FOIT war von Mai 2011 bis Mai 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin am DFG-Graduiertenkolleg Automatismen an der Universität Paderborn. Promotionsprojekt zur „Logik von Hipness: Mythen, Figuren, Ökonomien und Politiken“. Studium in Bonn, Siena und Swansea; MA in the Diversity of Contemporary Writing (Politik, Kultur, Ästhetik). 2012 Visiting Researcher am McGill Institute for the Study of Canada in Montréal. Vorträge, Veröffentlichungen, Konferenzorganisation und Lehre zur Entstehung des Populären zwischen Emergenz und Strategie, zu Ironie, kollektiver Identität und Diversity, Komplexität, Kanada, rhizomatischer Strukturentstehung und zur Figur des Hipsters. DOREEN HARTMANN studierte Allgemeine Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft und Informatik an der Universität Paderborn. Von 2006 bis 2013 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Medienästhetik, Institut für Medienwissenschaften, an der Universität Paderborn. Seit 2012 ist sie assoziiertes Mitglied des DFG-Graduiertenkollegs Automatismen in Paderborn. Sie arbeitet an ihrer Dissertation zu „Praktiken, Artefakten und Strukturen der Demoszene“. Seit 2014 ist sie Kuratorin am Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn. Lehr- und Forschungsschwerpunkte: Digitale Kulturen, Kunst und neue/digitale Medien, Echtzeit-Computeranimation, Visuelle Musik, Hackerkultur.
LOGIKEN STRUKTURBILDENDER PROZESSE. AUTOMATISMEN 289 TIMO KAERLEIN ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medienwissenschaften an der Universität Paderborn und assoziiertes Mitglied am DFG- Graduiertenkolleg Automatismen. Von Mai 2011 bis Mai 2014 war er Kollegiat dieses Kollegs. Promotionsprojekt zu Automatismen bei der Entwicklung und Aneignung von personal media. Forschungsschwerpunkte: Digitale Kultur, Mobile Medien, kulturanthropologische Technik- und Medientheorie. Neuere Veröffentlichungen: „Playing with Personal Media. On an Epistemology of Ignorance“, in: Culture Unbound 5, (2013), S. 651-670; „Aporien des Touchscreens. Faszination und Diskrepanzen eines allgegenwärtigen Interfaces“, in: MEDIENwissenschaft Rezensionen – Reviews, 1, (2013), S. 7-25. MATTHIAS KOCH ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am DFG-Graduiertenkol- leg Automatismen an der Universität Paderborn; Dissertationsprojekt: „Historiografische Verfahren in Archäologien der Medien“ (Arbeitstitel). Forschungsschwerpunkte: Theorie und Geschichte der Medienhistoriografie (Medienhistorik), Geschichtstheorie, Geschichtsphilosophie, Diskursanalyse, Theorien der Untoten. Neuere Veröffentlichungen: „Valéry, Blumenberg und die Phänomenologie der Geschichte“, in: Reinhard Babel et al. (Hg.), Alles Mögliche: Sprechen, Denken und Schreiben des (Un)Möglichen (2014), S. 35-50; „Das kulturtechnische Apriori Friedrich Kittlers“ (mit Christian Köhler), in: Friedrich Balke/Bernhard Siegert/Joseph Vogl (Hg.), Mediengeschichte nach Friedrich Kittler (2013), S. 157-167. CHRISTIAN KÖHLER ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am DFG-Graduierten- kolleg Automatismen an der Universität Paderborn. Er forscht zur Theorie und Geschichte medialer Historiografien sowie zu Theorien der Untoten. Neuere Veröffentlichungen: „Aufschreibesysteme bestimmen unsere Lage: Kittlers verteiltes Subjekt der Geschichte“ (mit Matthias Koch), in: Nebulosa. Figuren des Sozialen (2014), S. 75-88; „Das kulturtechnische Apriori Friedrich Kittlers“ (mit Matthias Koch), in: Friedrich Balke/Bernhard Siegert/Joseph Vogl (Hg.), Mediengeschichte nach Friedrich Kittler (2013), S. 157-167. JÖRN KÜNSEMÖLLER ist seit Februar 2014 Softwareentwickler in der Radioastronomie der Universität Bielefeld. Zuvor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am DFG-Graduiertenkolleg Automatismen und wissenschaftliche Hilfskraft im Sonderforschungsbereich On-the-fly Computing an der Universität Paderborn. Promotionsprojekt zur Marktentwicklung des Cloud Computing. Er studierte Naturwissenschaftliche Informatik in Bielefeld. Forschungsschwerpunkte: Cloud-Infrastruktur, Spieltheorie und Mensch-Maschine-Interaktion. Neuere Publikation: „Provider Competition in Infrastructure-as-a-Service“, in: Proceedings of the 11th IEEE International Conference on Services Computing (SCC), IEEE Computer Society (2014).
ÜBER DIE AUTORINNEN UND AUTOREN 290 DOMINIK LEIBENGER ist Doktorand am DFG-Graduiertenkolleg Automatismen, davor Studium der Informatik an der Universität Paderborn. Forschungsinteressen: Angewandte Kryptographie, Netzsicherheit. PROF. DR. INGA LEMKE ist Professorin für Medienästhetik mit dem Schwerpunkt Visuelle und Neue Medien an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Paderborn. Forschungsschwerpunkte: Medium Ausstellung; mediale Aspekte der Repräsentation von Kunst, Theater, Literatur in Film und Fernsehen; Intermedialität und Theatralität, Mediale Transformation des Performativen; Ästhetik der visuellen Medien (Fotografie, Film, Video) und Medienkunst; Kunst und Visuelle Kultur; Ästhetik und Politik; neuere Forschung zum Dokument sowie zu Bildkritik, Bildgedächtnis und -diskurs. Neuere Veröffentlichungen u. a.: „‚Verschwinden des Körpers‘ – ‚Wiederkehr des Körpers‘. Theatralisierung und Anthropologisierung in den audiovisuellen Medien“, in: Ernest W. B. Hess-Lüttich (Hg.), Autoren, Automaten, Audiovisionen. Neue Ansätze der Medienästhetik und Tele-Semiotik (2001), S. 151-168; „Strategien des Situativen. Anti-Ästhetik und Re-Ästhetisierung“, in: Zwischen-Bilanz. Eine Festschrift zum 60. Geburtstag von Joachim Paech, [email protected]; „Fernsehtheater-Videoperformance. Samuel Beckett und die Videokunst“, in: Peter Seibert/Simone Malaguti (Hg.), Beckett und die Medien (2008), S. 157-187; „Theater/Film – der Konflikt Artaud/Dulac als Paradigma“, in: Michael Lommel/Isabel Maurer Queipo/Nanette Rissler-Pipka/Volker Roloff (Hg.), Französische Theaterfilme – zwischen Surrealismus und Existenzialismus (2004), S. 109-131; „Fish Story. Bildkritik, Intermedialität und Diskurs – Allan Sekulas kritischer Dokumentarismus“, in: Andreas Kirchner/Astrid Pohl/Peter Riedel (Hg.), Kritik des Ästhetischen – Ästhetik der Kritik (2010), S. 190-197; Interventionen. Grenzüberschreitungen in Ästhetik, Politik und Ökonomie (Hg. mit Doreen Hartmann und Jessica Nitsche) (2012). DR. ROMAN MAREK promovierte 2012 in Medienwissenschaften am DFG- Graduiertenkolleg Automatismen der Universität Paderborn. Davor Studium von International Business & Management Studies in Amsterdam und Dortmund (2003), anschließend Osteuropastudien (Kultur & Politik) an der FU Berlin mit einer Abschlussarbeit (2007) über die BRD und DDR Modefotografie. Neuere Veröffentlichungen u. a.: „Weltraumhunde im Kalten Krieg: Laika als Versuchstier, Propagandawaffe und Heldin“, in: Rainer Pöppinghege (Hg.), Tiere im Krieg. Von der Antike bis zur Gegenwart (2009); Automatismen (Hg. mit Hannelore Bublitz, Christina Louise Steinmann und Hartmut Winkler) (2010); „Creativity Meets Circulation: Internet Videos, Amateurs and the Process of Evolution“, in: Gerhard Fischer/Florian Vassen (Hg.), Collective Creativity. Collaborative Work in the Sciences, Literature and the Arts (2011); „Der ,Klon‘ und seine Bilder. Über Faszination und Ästhetik in der Begriffsgeschichte“, in: E-Journal Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte,
LOGIKEN STRUKTURBILDENDER PROZESSE. AUTOMATISMEN 291 2. Jg (2012); Understanding YouTube. Über die Faszination eines Mediums (2013). MONIQUE MIGGELBRINK ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaften der Universität Paderborn. Forschungsschwerpunkte: Fernseh- und Designgeschichte, Fernsehmöbel, Populäre Serialität und Trends bei Fernsehformaten. Neuere Publikation: Zeitschrift für Medienwissenschaft 9, 2 (2013), Themenschwerpunkt „Werbung“ (Gastherausgeberschaft zusammen mit Christina Bartz). MARTIN MÜLLER studierte Kultur-, Religions- und Erziehungswissenschaft sowie Soziologie und Psychologie in Berlin, Paderborn und Stellenbosch, Südafrika. Er ist derzeit Promotionsstipendiat der Universität Paderborn und Mitglied des Forschungskolloquiums von Wolfgang Schäffner am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2011 bis 2014 war er zuerst Stipendiat und anschließend wissenschaftlicher Mitarbeiter des DFG-Graduiertenkollegs Automatismen an der Universität Paderborn. 2013 war er Doctoral Visiting Fellow an der Université Paris-1 Panthéon-Sorbonne am Centre d’Etudes des Techniques, des Connaissances et des Pratiques. 2012 war er Visiting Scholar an der Columbia University in New York. In seinem Promotionsprojekt arbeitet er an kultur- und medienwissenschaftlichen Fragestellungen zur Verschränkung von zeitgenössischen Lebenswissenschaften, Biopolitiken und Technosciences mit speziellem Interesse für die Diskurse der Synthetischen Biologie. DR. MARION NÄSER-LATHER forscht derzeit zur italienischen Frauenbewegung „Se Non Ora Quando“ (Habilitationsprojekt). Von 2012 bis 2014 war sie Postdoc am DFG-Graduiertenkolleg Automatismen der Universität Paderborn. Nach einem Studium der Europäischen Ethnologie, Philosophie, Soziologie, Völkerkunde, Neueren Deutschen Literatur und Alten Geschichte promovierte sie 2010 am Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft der Universität Marburg zum Thema „Bundeswehrfamilien“. Forschungsschwerpunkte: Genderforschung, Neue Medien, Religiositätsforschung und die Kulturgeschichte der Antike. PROF. DR. MARCO PLATZNER ist Professor für Technische Informatik an der Universität Paderborn. Forschungsgebiete: Reconfigurable Computing, Hardware/Software Codesign und parallele Rechnerarchitekturen. Mitarbeit in Verbundforschungsprojekten: EU Projekt EPiCS (Engineering Proprioception in Computing Systems), SFB 901 (On-The-Fly Computing), SPP 1500 (Verlässliche Eingebettete Systeme), SPP 1148 (Rekonfigurierbare Rechenarchitekturen) und SPP 1183 (Organic Computing).
ÜBER DIE AUTORINNEN UND AUTOREN 292 PROF. DR. CHRISTIAN PLESSL ist Juniorprofessor für Custom Computing an der Universität Paderborn. Seine aktuellen Forschungsinteressen liegen in den Gebieten Parallele und Rekonfigurierbare Rechnerarchitekturen, Hardware/ Software Codesign und Adaptive Computersysteme. PROF. DR. CHRISTOPH SORGE ist Inhaber der Juris-Stiftungsprofessur für Rechtsinformatik an der Universität des Saarlandes. Forschungsschwerpunkte: Netzsicherheit und Datenschutz; interdisziplinäre Arbeiten an der Schnittstelle zwischen Informatik und Recht. Neuere Veröffentlichungen: Sicherheit in Kommunikationsnetzen (mit Nils Gruschnka und Luigi Lo Iacono) (2013). PROF. DR.-ING. TORBEN WEIS ist Professor an der Universität Duisburg-Essen und leitet dort die Gruppe für Verteilte Systeme. Seine Forschungsschwerpunkte sind Architekturen und Protokolle für Verteile Systeme, Peer-to-Peer Systeme und selbst-organisierende vernetzte Systeme. PROF. DR. HARTMUT WINKLER ist Professor für Medienwissenschaft, Medientheorie und Medienkultur an der Universität Paderborn. Forschungsgebiete: Medien, Kulturtheorie, Techniktheorie, Alltagskultur, Semiotik. Neue Veröffentlichungen u. a.: Docuverse − Zur Medientheorie der Computer (1997); Diskursökonomie −Versuch über die innere Ökonomie der Medien (2004); Basiswissen Medien (2008). Prozessieren – Die dritte und vernachlässigte Medienfunktion (erscheint 2015). PROF. DR. WERNER WOLF ist Professor für Englische und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Karl-Franzens-Universität Graz/Österreich. Forschungsschwerpunkte: Literaturtheorie (ästhetische Illusion, Narratologie, Metareferenz), Intermedialität, Funktionsgeschichte der Literatur, englischer Roman des 18. bis 21. Jhs., Drama des 18. bis 20. Jhs. Veröffentlichungen u. a.: Ästhetische Illusion und Illusionsdurchbrechung in der Erzählkunst (1993); The Musicalization of Fiction: A Study in the Theory and History of Intermediality (1999); Framing Borders in Literature and Other Media (2006); Description in Literature and Other Media (2007); Metareference across Media: Theory and Case Studies (2009); The Metareferential Turn in Contemporary Arts and Media: Forms, Functions, Attempts at Explanation (2011); Immersion and Distance: Aesthetic Illusion in Literature and Other Media (2013). (Mit-)Herausgeber der Bde. 1, 3, 5 und 11 der Serie „Word and Music Studies“ (1999-2010) sowie mehrerer Bde. der Serie „Studies in Intermediality“ (Rodopi).
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