Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands: Zeitschrift für vergleichende und preußische Landesgeschichte / im Auftr. der Historischen Kommission zu Berlin
Abstract
UB Digital. Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands : Zeitschrift für vergleichende und preußische Landesgeschichte / im Auftr. der Historischen Kommission zu Berlin. Berlin ; Boston : de Gruyter, 2.1953 - 44.1996; 45.1999(2000) - ; Tübingen : Niemeyer, 1953 - 1961 ; Berlin : de Gruyter, 1962 - 1971 ; Berlin : Colloquium-Verl., 1972 - 1991 ; München ; New Providence ; London ; Paris : Saur, 2008
Full text
Universitätsbibliothek Paderborn Jahrbuch für die Geschichte Mittelund Ostdeutschlands Friedrich-Meinecke-Institut Berlin ; Boston, 2.1953 - 44.1996; 45.1999(2000) - urn:nbn:de:hbz:466:1-37791
J.A.Schmoll gen .Eisenwerth Rezension :Adolf Friedrich Lorenz,Doberan .Ein Denkmal nordischer Backsteinkunst .Berlin 1958 . In: Jahrbuch für die Geschichte Mittel-und Ostdeutschlands .Publikationsorgan der Historischen Kommission zu Berlin,Bd.11 (1962),S.462-465.
SONDERDRUCK AUS JAHRBUCH FÜR DIE GESCHICHTE MITTEL - UND OSTDEUTSCHLANDS PUBLIKATIONSORGAN DER HISTORISCHEN KOMMISSION ZU BERLIN HERAUSGEGEBEN VON WILHELM BERGES UND HANS HERZFELD IM AUFTRAGE DES FRIEDRICH -MEINECKE -INSTITUTS DER FREIEN UNIVERSITÄT BERLIN BAND 11 WALTER DE GRUYTER & CO. • BERLIN 19 6 2 vormals G. J. Göschen 'sche Verlagshandlung • J. Guttentag , Verlagsbuchhandlung Georg Reimer • Karl J. Trübner • Veit & Comp.
Lorenz ,Adolf Friedrich :Doberan .Ein Denkmal norddt .Backsteinbaukunst .—Bln.: Henschelverl .1958.103 S.mit Abb .,mehr .Pläne ,10 Bl.Abb .=Studien zur Architek¬ tur -und Kunstwissenschaft ,2.DM 9,—. Die vom Institut für Theorie und Geschichte der Baukunst der Deutschen Bauakademie (Ost -Berlin )hrsg.Schrift von Adolf Friedrich Lorenz über Doberan verdient besondere Beach¬ tung ,weil das Inventarwerk von F.Schlie (Friedrich Schlie,Kunst -und Geschichtsdenkmäler des Großherzogtums Mecklenburg -Schwerin,Bd.III ,Schwerin 1899)als veraltet und in vielen Punkten natürlicherweise auch als unvollständig angesehen werden muß .L.ist seit gut 5Jahr¬ zehnten mit der Baugeschichte des Klosters Doberan vertraut ,und schon der von ihm verfaßte kleine amtliche Führer (A.F.Lorenz ,Zisterzienser -Kloster Doberan =Das christliche Denk¬ mal,H.12 [Ost -]Berlin 1955)wies den Autor als Kenner der Doberaner Bauten aus.Erstaun¬ lich ist,daß es erst jetzt zu der vorliegenden Publikation kam ,zumal L.bereits 1926 den bis dahin übersehenen Grabungsplan von 1830,auf dem sich wichtige Eintragungen zur Gesamtan¬ lage des Klosters befinden ,im Landeshauptarchiv Schwerin —unter den Akten von Rostock — entdeckt hatte (der Plan befindet sich heute im Archivlager Göttingen ).Dieser Plan wird in der vorliegenden Schrift —soweit wir wissen —erstmals in wichtigsten Partien reproduziert (Bild 17,p.73)und bildet die Grundlage für zahlreiche Teilrekonstruktionen und Rekonstruk¬ tionsvorschläge für die Abteibebauung im Mittelalter ,die der Autor vorträgt und zeichnerisch darstellt .Hierin liegt ein Hauptwert der Veröffentlichung .Über das alte Inventarwerk hinaus -
MECKLENBURG 463 gehend , kann L. einen Gesamtplan der Klosteranlage entwerfen , die weiträumig und teilweise opulent ausgebaut worden ist — der Bedeutung dieses reichen und führenden Zisterzienser¬ klosters an der südlichen Ostseeküste entsprechend . Besonders interessant ist der Komplex von Bauten , der südöstlich der engeren Klausurgebäudegruppe — ungefähr in gleicher Ausdehnung wie diese — bestand und mit ihm durch massive Gänge verbunden war . Wie bei einigen erhal¬ tenen englischen Zisterzienserabteien darf hier die Anlage eines Spitals , vielleicht auch die der besonderen Wohn - und Küchenräume des Abtes vermutet werden . Mit gleicher Sorgfalt widmet sich der Verf . auch Nebenbauten wie dem schönen, mit großen Blenden geschmückten Kornhaus und dem mächtigen Wirtschafts - und Mühlenbau , beide aus dem späten 13. Jh ., dem Haupttor im Westen (mit Rekonstruktionsversuch einer ersten Anlage ) und dem berühmten Karner , dem auch Totenleuchte genannten frühgotischen Beinhaus , einem Juwel der Backsteinbaukunst des mittleren 13. Jh .s (Oktogon mit Laternenaufsatz , reich gegliedert und mit verschiedenfarbigen Glasurziegeln geschmückt). Ein 2. wertvoller Beitrag der Schrift besteht in der erstmals voll¬ ständig versuchten Rekonstruktion der ersten Backsteinkirche der Zisterzienserabtei Doberan . Danach handelte es sich bei dem um 1190—1230 (Schlußweihe 1232) errichteten Bau um eine nachgedeckte Pfeilerbasilika mit Querschiff , die sich L. nach dem Vorbilde der Kirche von Sorö/ Schweden vorstellt . Leider bleibt , solange Grabungen nicht Aufschluß geben können , die Chor¬ lösung dieser alten Abteikirche unbekannt . L. schlägt einen platten Chorschluß mit flankieren¬ den, ebenfalls gerade schließenden Kapellenpaaren im Schema Fontenay vor (nach Esser : plan bernardiri ), für den es allerdings keine Anhaltspunkte gibt (andersartige und besonders auch apsidiale Chorlösungen begegnen ja gerade bei den Zisterziensern des Backstein - und Feldstein¬ gebietes in der 1. Hälfte des 13. Jh .s durchaus noch : vgl . Lehnin , Dobrilugk , Zinna , wohl ur¬ sprünglich auch Dargun . Dieser noch romanisch zu nennende Kirchenbau erhielt nach L. um 1250 einen neuen Chor . Auch hierfür fehlen zwar alle Belege, aber die Vermutung findet in den Spolien eine vage Stütze , die 1894 aus der Südquerschiffwand zum Vorschein kamen , in die sie um 1300 beim Neubau der Kirche eingefügt worden sein müssen (Kapitelle und Formsteine , die sonst an den Bauten des Klosters nicht begegnen ). Allerdings nimmt L. diese Spolien , zusammen mit den herrlichen frühgotischen Kapitell -Basen des Grabmal -Oktogons im Chorumgang , an anderer Stelle seiner Darlegung auch für die ehemalige Fenstergliederung des Kapitelsaals in An¬ spruch. (?) Einen relativ engeren Raum nimmt gegenüber der Behandlung der übrigen Bauten und der Verteidigung seines speziellen mittelalterlichen Fuß -Maß -Systems die Beschreibung und Deu¬ tung des großen Kirchenbaus ein, der nach dem Brande von 1291 (etwa gegen 1294) in Angriff genommen wurde . Die Einordnung dieser äußerst wichtigen Backsteinbasilika in die Gruppe der großen Ostseekirchen des 13. und 14. Jh .s, die dem französischen Kathedraltypus in seiner niederländischen Variante (Tournay , Utrecht ) folgen , wird — etwa in dem Sinne, wie dies schon Dehio skizzierte — unter besonderer Beobachtung der Pfeilerformen vorgenommen . Die Stel¬ lung zwischen Schwerin (Dom ) und Rostock (Marien ), was inneres System und Chorumgang mit Kapellenkranz betreffen , einerseits und den späteren Bauten , auch in Skandinavien , an¬ dererseits ist deutlich herausgearbeitet . Für den Bautypus wichtig sind die Tatsachen , daß auf das französische Triforium verzichtet wird , daß aber schon im Mittelalter die leere Fläche zwi¬ schen den Arkaden und der Fensterzone mit einem „Scheintriforium " ornamentaler Gliederung bemalt wurde ! Ferner , daß man glaubte , Strebebögen nötig zu haben , die man aber (wie zuvor in Chorin ) in den Seitenschiffdächern verbarg . Sie wirkten sich später statisch ungünstig aus und wurden aus Sicherheitsgründen 1885 abgebrochen ! ■— Rätselhaft bleibt die Herkunft der Doberaner Querhauslösung . Sie bildet ein weiteres bemerkenswert originelles Glied in der Bau¬ schöpfung der Abteikirche : Das Querschiff erreicht in einer zweischiffigen Halle die Höhe des Mittelschiffs , wird aber gegen das Mittelschiff durch „Scheinarkaden " verschleiert . Diese sind
464 BESPRECHUNGSTEIL EINZELNE GEBIETE in der Flucht der übrigen Mittelschiffarkaden gleichsam eingehenkte halbhohe Scheidewände mit Arkadenausschnitt ,eine Art Verstrebung der Zwischenpfeiler ,die die mächtige Öffnung der Vierungsbögen zu den Querarmen hin unterteilen .Zweifellos sprach hier ein rein konstruk¬ tiver Gedanke mit ,um die gewagte Spannweite der Vierung abzustützen (man denkt an die riesige Innenverstrebung in Wells !).Man darf auch an Straßburg erinnern ,wo grundsätzlich Ähnliches bereits im viel älteren Ostteil des Münsters durchgeführt wurde :die Zweischiffigkeit der Querhaushalle .Ihr entspricht in Doberan ja auch die Gliederung der Kreuzarmräume mit je einem schlanken Mittelpfeiler (in Straßburg ist der südliche der berühmte „Engelspfeiler "). Noch sehr viel später ,im frühen 16.Jh .,gibt es eine Art Nachfolge für diese Straßburger Querschiffteilung durch hohe „Hallenpfeiler "in der mächtigen spätgotischen Wallfahrtskirche St.-Nicolas -de-Port bei Nancy .Gegenüber St.-Nicolas -de-Port und dem älteren Straßburger Münster ist in Doberan das Besondere die schon erwähnte Scheinarkade aus halbhohen Zwi¬ schenbögen.Sie mag als Verstrebung der Vierung dienen ,ist aber auch optisch wirksam ,um die Flucht des Mittelschiffs ungehemmt durch den Querraum der Kreuzarme zum Chor laufen zu lassen.L.macht in diesem Zusammenhang auch auf das Chorgestühl aufmerksam ,das bei den Zisterziensern in besonderer Länge aus dem Mittelschiff über den Vierungsraum hinweg zum Chore laufend aufgestellt war .Die Doberaner Lösung gäbe also in gewisser Weise eine Monu - mentalisierung dieser Anordnung des Mobiliars .Wir fassen hier aber vielleicht auch ein —un¬ bewußtes —Zurückgreifen auf älteste Zisterzienser -Bautendenzen .Gerade die frühen Kirchen des Ordens vom Typ Fontenay ,Bonmont und Hauterive negieren die Vierung und unter¬ drücken die Querhausarme für die Raumwirkung ,indem sie das Mittelschiff mit seiner Spitz¬ tonne zum Chor durchlaufen lassen. Ob Pelplin ,wie L.meint ,in der Nachfolge von Doberan eine ähnliche Querhausteilung durch „Hallenpfeiler "(freilich ohne Scheinarkaden )erhielt ,oder ob Pelplin sogar mit Gedanken des „Straßburger Querhauses "seinem Mutterkloster Doberan voranging (wenn man der durch Clasen u.a.vertretenen relativen Frühdatierung Pelplins folgen will),wird in der knappen baugeschichtlichen Darstellung nicht erwähnt ,die auch leider zu sehr auf der älteren Literatur zur Zisterzienserbaukunst fußt .Gesichert ist nur die Nachfolge von Dargun (bei Güstrow ), auch eine Tochter Doberans ,das mit seinem Neubau der Ostteile zwischen 1464—79 sich an Doberan anlehnt .Interessant ,daß auch St.Petri auf Malmö und wahrscheinlich die Lieb¬ frauenkirche zu Kopenhagen schon im frühen 14.Jh .zur Nachfolge dieses Typus Doberan - Pelplin zählen . L.bezeichnet den Kirchenbau von Doberan als den Höhepunkt in der Entwicklung des Kathedraltypus im Ostsee -Backsteingebiet .Darüber läßt sich wahrscheinlich streiten .Aber : gewiß ist Doberans hoher Rang und seine noch immer nicht ganz ausgeschöpfte Bedeutung für die Baukunst im Wendischen Quartier der Hanse ,im norddeutschen Backsteinbau der Hoch¬ gotik und speziell im Zisterzienserbauschaffen .Wie Chorin unter den besonderen Bedingungen der askanisch-brandenburgischen Baisteinarchitektur sein spezifisch „Zisterziensisches "formte , so Doberan unter den Voraussetzungen der Hansebaukunst .Die kunstlandschaftliche Sonde¬ rung spricht bei diesen Spitzenleistungen norddeutscher Ordensarchitektur doch wieder ihr gewichtiges Wort mit —wie auch in anderen Gegenden Europas .Es gibt das Zisterziensische als Gesinnung ,aber nicht als verbindliches Baugesetz .Die seltsame Synthese von Backstein¬ kathedrale hansischer Prägung und zisterziensischem Abteikirchengeist in hochgotischer Zeit , die in Doberan erreicht wurde ,macht dieses Baudenkmal so faszinierend .Die kleine Schrift hilft ,als willkommene Neubearbeitung der Baugeschichte des Inventarwerks von 1899 vor allem mit seinen Rekonstruktionen der Vorgängerkirche und der Gesamtanlage des Klosters eine Lücke zu füllen und darf daher lebhaft begrüßt werden . Wer sich über Doberan ,über die Kirche und über die in ihr noch immer reich erhaltenen Kunstwerke ,Grabdenkmäler und Ausstattungsstücke eine lebendige Anschauung verschaffen
POMMERN 465 will,der möge in Ergänzung zur Arbeit von L.nach dem fast gleichzeitig erschienenen Bändchen von Günter Gloede ,Das Doberaner Münster ,Evangelische Verlagsanstalt ,Berlin 1960,greifen , •das mit seiner reichen Bebilderung ein farbiges Mosaik dieser bedeutenden Kunststätte gibt . Saarbrücken J.A.Schmoll gen.Eisenwerth